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Work CrimethInc.

Kapitalismus. Wirtschaft. Widerstand Daniel Kulla


Work Kapitalismus. Wirtschaft. Widerstand


Wir könnten jederzeit aufhören unsere Mieten, unsere Hypotheken, unsere Steuern oder die Nebenkosten zu bezahlen. Sie wären machtlos gegen uns, wenn wir das alle gleichzeitig machen würden. Wir könnten jederzeit aufhören zur Arbeit zu gehen, zur Schule – oder hingehen und uns weigern weiter Befehle entgegen zu nehmen; oder uns nicht mehr angepasst verhalten, und stattdessen Soziale Zentren daraus machen. Wir könnten jederzeit unsere Ausweise zerreißen, die Nummernschilder von unseren Autos abschrauben, die Überwachungskameras zerstören, Geld verbrennen, unsere Portemonnaies wegwerfen und kollektive Formen schaffen, um zu produzieren und zu verteilen, was wir brauchen.

Immer wenn meine Arbeitsschicht stinklangweilig ist, ertappe ich mich dabei so etwas zu denken. Bin ich wirklich alleine mit diesen Ideen? Ich kann mir all die üblichen Einwände vorstellen, aber ich möchte wetten, wenn es an irgendeinem Ort in der Welt beginnen würde, alle anderen würden schnell aufspringen. Stellt euch all die unzähligen Wege vor, auf denen wir stattdessen unsere Leben vergeuden. Was wäre nötig, um diese Kettenreaktion loszutreten? Wohin kann ich gehen, um Leute zu finden, die nicht nur ihre Jobs hassen, sondern auch bereit sind, ein für alle Mal die Arbeit sein zu lassen?


WO CrimethInc. Workers' Collective / Salem, USA / 2011 / Ăœbersetzung: BM-crew, 2014 4 : Mechanismen — wie es funktioniert


RK Mechanismen — wie es funktioniert : 5


WORK Kapitalismus. Wirtschaft. Widerstand Erste Auflage, Juni 2014 ISBN 978-3-89771-542-4 息 UNRAST-Verlag und bei den Autor_innen, M端nster Postfach 8020 | 48043 M端nster | Tel. (0251) 66 62 93 info@unrast-verlag.de | www.unrast-verlag.de Mitglied in der assoziation Linker Verlage (aLiVe) Druck: Interpress, Budapest Schrift: RePublic von Stanislav Marso, Suitcase Type Foundry Das Pyramiden Diagramm wurde von Packard Jennings entworfen. Die deutschprachige Variante des Posters kann bei black-mosquito.org bestellt oder runtergeladen werden. Das englischsprachige Original und weitere Texte findet ihr auf crimethinc.com Aus dem Amerikanischen 端bersetzt von der BM-Crew.


»Ist es denkbar, dass es einen ›gerechten Marktpreis‹ geben könnte, oder überhaupt einen Preis, gemessen in Gold, oder Diamanten, oder Bank­noten, oder in Staatsanleihen, für eines Menschen teuersten Besitz – dieses eine Besitzstück, ohne das sein Leben völlig wertlos ist – seine Freiheit?« Mark Twain


F端r sich genommen ist dies ein Buch 端ber Arbeit. Aber es ist mehr als das. 8 : Arbeit


Es liefert ein Schaubild über die verschiedenen Positionen und Dynamiken, die diese auf Lohnarbeit basierende Ökonomie funktionieren lassen. Zusammengenommen bieten das Schaubild und dieses Buch eine Analyse des Kapitalismus: Was er ist, wie er funktioniert, und wie wir ihn vielleicht besiegen können. Buch, Schaubild und Analyse sind Auswüchse von etwas anderem: von einer Bewegung von Menschen, die gewillt sind, gegen den Kapitalismus zu kämpfen. Dieses Buch ist also nicht nur ein Versuch, Realität zu beschreiben, sondern gleichzeitig ein Werkzeug, um sie zu verändern. Wenn einige der Worte und Abbildungen dich ansprechen, lass sie nicht gefangen auf diesen Seiten zurück – schreib sie an Wände, schrei sie in die Wechselsprechanlage deines ehemaligen Arbeitsplatzes, verändere sie wie es dir richtig erscheint und schick sie in die Welt. Dazu findest du Plakatvorlagen mit vielen der Illustrationen auf crimethinc.com/work. (Auf englisch. Deutschsprachige Versionen folgen auf crimethinc.blogsport.de) Dieses Projekt ist die gemeinsame Anstrengung einer Gruppe von Leuten, die bereits viele Jahre ihres Lebens dem Kampf gegen den Kapitalismus gewidmet haben. Was qualifiziert uns das alles zu schreiben? Einige von uns waren mal Studierende, Pizzabotinnen oder Tellerwäscher. Einige sind immer noch Bauarbeiterinnen oder Grafikdesigner oder politisch motivierte Kriminelle. Aber wir alle leben seit unserer Geburt im Kapitalismus – das macht uns zu Expert_innen. Das Gleiche gilt für dich. Kein Mensch braucht einen Abschluss in Betriebs- oder Volkswirtschatslehre, um zu verstehen, was hier vor sich geht. Es reicht aus, einen Lohnscheck oder ein Kündigungsschreiben zu bekommen und aufmerksam hinzusehen. Wir misstrauen den Expert_innen, die ihre Empfehlungsschreiben von weiter oben bekommen, die genug Motivation haben Dinge kleinzureden, die für alle offensichtlich sind. Wie jeder Versuch ein Abbild der Wirklichkeit zu schaffen, muss auch dieser hier unvollständig bleiben, im doppelten Sinne. Um die ganze Komplexität fassen zu können, müsste er so umfassend sein wie die Geschichte selbst. Es gibt auch keine Möglichkeit unparteiisch zu bleiben: unsere Positionen und Werte haben unweigerlich Einfluss darauf, was wir in unser Bild einfließen lassen und was nicht. Was wir dir hier anbieten ist unsere Perspektive von unserer Seite der Barrikaden. Wenn deine eine ähnliche ist, lass uns etwas damit anfangen. Lieber Asche als Staub – Crimethinc. Worker’s Collective

Arbeit : 9


10

I. Besatzung

17

i. Arbeit

39

ii. Wirtschaft

Das Schema

45 47

Unsicheres Terrain Die Metropole

Positionen – wo wir uns befinden

48 51 53 61 69 73 77 81 85 93 99 111 115 119 127 135 143 149 153

10 : Inhaltsverzeichnis

An der Spitze Magnaten Politiker_innen Chefs Superstars Fachleute Mittleres Management Selbstständigkeit Fabriken Lehre Der Dienstleistungssektor Hausarbeit Die Sexindustrie Militär, Polizei und Security-Firmen Migrantische Arbeit Gefängnisse Arbeits- und Obdachlosigkeit Außerhalb des Marktes Tiere, Pflanzen, Mineralien


Mechanismen — wie es funktioniert

155 161 165 173 181 189 195 199 211 212 215 219 223 229 235 239 243 249 257 269 273 275 285 291 295 303 311

309

II. Widerstand

344

Produktion Konsum Medien Körper und Simulacren Finanzwesen Investitionen Schulden Das Bankwesen Steuern Erbschaft Forschung und Entwicklung Medizin Identifikation Identität Vertikale Allianzen, Horizontale Konflikte Religion Justiz Illegaler Kapitalismus Diebstahl Gentrifizierung Grenzen und Reisen Umweltverschmutzung Krise Prekarität und Höhenangst Reformismus Kultur und Subkultur So müssen wir nicht leben.

Bibliographie

Inhaltsverzeichnis : 11


In diesem Moment legt eine Angestellte in einem Lebensmittelladen genmanipulierte Produkte aus, statt ihren eigenen Garten zu pflegen; Ein Tellerwäscher schwitzt über einem dampfenden Waschbecken, während sich in seiner Küche zu Hause die ungewaschenen Teller stapeln; Ein Koch nimmt Aufträge von Fremden an, statt für die Nachbar_innen zu grillen; Ein Werbefachmann entwirft Werbesprüche für ein Waschmittel, anstatt sich Gute-Nacht Geschichten für seine Nichten auszudenken; Eine arme Frau kümmert sich um reiche Kinder in einem Kindergarten, statt Zeit mit ihren eigenen Kindern zu verbringen; Ein Kind wird dort abgeliefert, damit sich Fremde um es kümmern, statt die, die es kennen und lieben; Eine Studentin schreibt eine Studie über etwas, dass sie interessiert, statt genau daran teilzunehmen; Ein Aktivist, der von der Arbeit erschöpft ist, macht einen Hollywood Film zur Unterhaltung an; Ein Mann, der seine Sexualität mit einem_r Partner_in erkunden könnte, holt sich zu Internetpornos einen runter; Ein Demonstrant, der einzigartige Perspektiven und Gründe zu protestieren hat, trägt ein vorgefertigtes Schild mit dem Label einer bürokratischen Organisation


I. Besatzung


Besatzung. Das Wort erinnert an Bilder russischer Panzer, die durch osteuropäische Straßen rollen, oder an Bundeswehrsoldat_innen, die unruhig durch Bürgerkriegsviertel in Afghanistan patrouillieren. Aber nicht jede Besatzung ist so offensichtlich. Einige Besatzungen dauern so lange an, dass die Panzer nicht mehr nötig sind. Sie können zurück in die Stützpunkte gebracht werden, solange sich die Unterworfenen daran erinnern, dass sie jederzeit zurückkommen können – oder solange sie sich so verhalten als wären sie immer noch da, und sich der Gründe für ihr Verhalten nicht mehr bewusst sind. Woran können wir eine Besatzung erkennen? In der Geschichte mussten die Unterworfenen Tribute an die Besatzer zahlen, oder eine andere Art von Leistung erbringen. Ein Tribut ist eine Art Abgabe, die die Besiegten zahlen, nur um auf ihrem eigenen Land leben zu dürfen – und was die Leistung betrifft: nunja, was leistest du? Du weißt schon, was okkupiert deine Zeit? Wahrscheinlich ein Job oder zwei – oder die Vorbereitung auf die Arbeit, oder Erholung davon, oder die Suche nach Arbeit. Du brauchst einen Job, um deine Miete oder einen Kredit zu bezahlen, und um dir andere Dinge leisten zu können – aber wurde das Haus, in dem du lebst, 14 : Besatzung


nicht von Leuten wie dir gebaut? Von Leuten, die auch arbeiten mussten, um ihre Miete zu bezahlen? Dasselbe gilt für all die anderen Dinge, für die du Geld verdienen musst, um sie dir leisten zu können. Andere wie du haben sie hergestellt, aber du musst sie von Unternehmen kaufen, die so sind wie das, bei dem du angestellt bist. Unternehmen, die dir weder so viel Geld zahlen, wie deine Arbeit ihnen einbringt, noch ihre Produkte zu dem Preis verkaufen, den es kostet, sie herzustellen. Sie verarschen dich doppelt: mit dem, was sie dir geben, und mit dem, was sie dir nehmen. Unsere Leben sind besetztes Territorium. Wer kontrolliert die Ressourcen in unserer Gemeinde, unserer Stadt? Wer formt die Landschaft und die Lebensräume um uns herum, wer setzt unseren Zeitplan fest, Tag für Tag, Monat für Monat? Selbst, wenn du »selbstständig« bist, wer entscheidet darüber was du tust, um Geld zu verdienen? Stell dir ein perfektes Leben vor – hat es eine verdächtige Ähnlichkeit mit den Traumwelten, die du in der Werbung siehst? Nicht nur unsere Zeit, auch unsere Ziele, unsere Sexualität, unsere Werte, unsere intimsten Vorstellung davon, was es heißt Mensch zu sein – all das ist kolonisiert, geformt nach den Notwendigkeiten des Marktes. Besatzung : 15


Und wir sind nicht das einzige Gebiet unter feindlicher Kontrolle. Die unsichtbare Besatzung unserer Leben spiegelt die militärische Besetzung am Rand dieser eroberten Landstriche. Dort sind immer noch Panzer und Waffen nötig, um die Eigentumsrechte der skrupellosen Kapitalist_innen und die Handelsfreiheit von Konzernen gegen den Widerstand der feindlich gesinnten Bevölkerung durchzusetzen – von denen einige sich noch daran erinnern, wie das Leben ohne Pacht, ohne Löhne und Bosse war. Du selbst bist vielleicht gar nicht so verschieden von ihnen, außer, dass du in Gefangenschaft aufgewachsen bist. Es war vielleicht im Büro des Chefs, bei der Karriereberatung oder bei Beziehungsstreits, immer wenn versucht wurde deine Aufmerksamkeit zu lenken, und du nicht zur Verfügung standest, wurde dir vorgeworfen mit den Gedanken woanders, beschäftigt zu sein. Dies ist der rebellische Teil von dir, der noch immer voll von Tagträumen und Phantasien ist, die sich hartnäckig haltende Hoffnung, dass dein Leben auf irgendeine Weise mehr sein könnte als eine Kolonie. Es existiert wirklich eine rebellische Armee dort draußen, die den Aufstand zur Abschaffung der Lohnarbeit anzettelt. So sicher, wie es überall Angestellte gibt, die an ihrem Arbeitsplatz einen Kleinkrieg durch Bummelei, Diebstahl und Ungehorsam führen. Und auch du kannst dich anschließen, falls du es nicht schon getan hast. Aber bevor wir Pläne schmieden und unsere Messer wetzen, lass uns etwas genauer betrachten, wogegen wir eigentlich vorgehen.

16 : Besatzung


i. Arbeit

Mechanismen — wie es funktioniert : 17


18 : Mechanismen — wie es funktioniert


Was genau ist Arbeit? Wir könnten sie als eine Tätigkeit definieren, die dem Zweck dient Geld zu verdienen. Aber sind Sklaverei und unbezahlte Praktika nicht auch Arbeit? Wir könnten daher sagen, es ist eine Tätigkeit, die für irgendwen einen Profit anhäuft, ob es nun der arbeitenden Person nutzt oder nicht. Aber bedeutet das, dass eine Tätigkeit sofort zu Arbeit wird, sobald du dadurch an Geld kommst, selbst wenn es vorher nur Spiel und Spaß war? Vielleicht könnten wir Arbeit als eine Betätigung definieren, die uns mehr nimmt als sie uns gibt, oder die uns von Anderen aufgezwungen wird. Oder vielleicht können wir nur verstehen, was Arbeit ist, wenn wir ein paar Schritte zurückgehen und den Kontext betrachten, in dem sie stattfindet. In einer Welt voller Vielfalt verbindet uns alle ein gemeinsamer Faden: Wir sind alle abhängig von der Wirtschaft. Ob Christ oder Muslimin, Kommunist oder Konservative, in Sao Paulo oder St. Pauli, du bist mit Sicherheit einen Großteil deines Lebens damit beschäftigt deine Zeit gegen Geld zu tauschen oder du lässt es andere für dich tun, ansonsten bekommst du die Konsequenzen zu spüren. Was kannst du noch tun? Selbst wenn du es ablehnst zu arbeiten, wird die Ökonomie ohne dich weiterlaufen. Sie braucht dich genauso wenig wie hunderte Millionen bereits arbeitsloser Personen und es wäre sinnlos für Nichts zu hungern. Du kannst einer Kooperative beitreten oder in eine Kommune ziehen, aber du stehst immer noch unter den gleichen Zwängen des Marktes. Du kannst Kampagnen führen und Lobbyarbeit machen und gegen das Los der Ausgebeuteten in den Zulieferfabriken protestieren, aber selbst wenn du Erfolg damit hast Reformen durchzusetzen, werden sie – so wie du – immer noch arbeiten müssen ob in Maquiladoras oder den Büros von NGOs. Du kannst nachts mit einer schwarzen Maske herumlaufen und alle Fensterscheiben der Einkaufspassagen kaputtschlagen, aber am nächsten Tag wirst du irgendwo einkaufen müssen. Arbeit : 19


Du könntest zu einer Million Euro kommen und würdest immer noch schuften müssen, um deine Position gegen alle anderen durchsetzen zu können. Selbst wenn die Arbeiter_innen die Regierung stürzen würden und ein kommunistisches Paradies erschaffen könnten, würden sie am Ende wieder vor der Arbeit stehen – wenn sie Glück haben. All das macht es leicht zu glauben, Arbeit wäre unvermeidlich und dass es keine andere Möglichkeit gäbe, wie unsere Leben aufgebaut sein könnten. Das kommt denen sehr gelegen, die am meisten von dieser Annahme profitieren. Sie müssen gar nicht beweisen, dass es das beste System ist, wenn schon alle glauben, dass es das einzig mögliche ist. Ganz nach dem Motto: Hat das Leben nicht schon immer so funktioniert? Allerdings ist momentan die Zukunft der Wirtschaft, wie wir sie kennen, selbst unsicher geworden.

Vergiss die Wirtschaft – was ist mit Uns? Wenn die Wirtschaft kollabiert, beklagen Politikerinnen und Experten die Folgen für die durchschnittliche, arbeitende Familie. Sie fordern Rettungsmaßnahmen – wie z. B. Milliarden an Steuergeldern an die Banken zu verteilen, welche die Krise verursacht haben, hauptsächlich indem sie eben jene »durchschnittlichen, arbeitenden Familien« mit faulen Krediten über den Tisch gezogen haben. Was passiert hier eigentlich? Uns wird erzählt, unser Leben hinge von der Wirtschaft ab und dass jedes Opfer gerechtfertigt sei sie am Laufen zu halten. Doch für die meisten von uns ist dieses Am-Laufen-Halten immer ein Opfer. Wenn die Wirtschaft zusammenbricht, werden Bergbauunternehmen aufhören Berge in die Luft zu sprengen. Die Bauwirtschaft wird aufhören Wälder abzuholzen um Platz für neue Büros und Wohnanlagen zu schaffen. Fabriken werden aufhören, Schadstoffe in die Flüsse zu leiten. Die Gentrifizierung, die Stadtumstrukturierungen werden abebben und zum Stillstand kommen. Workaholics werden über ihre Prioritäten nachdenken. Gefängnisse werden sich genötigt sehen Häftlinge zu entlassen. Polizeikräfte werden nicht mit neuen Waffen ausgestattet werden können. Regierungen werden es sich nicht mehr leisten können, Massen von Demonstrierenden festzunehmen. Mitunter wird es sogar vorkommen, dass Polizeibeamte sich weigern Familien aus ihren gekündigten Wohnungen zu räumen. Selbstverständlich werden auch Millionen anderer gezwungen ihre Häuser zu verlassen und zu hungern. Aber das Problem ist nicht, dass es nicht genug Wohnraum oder Lebensmittel gibt – es ist nicht die Krise, die all das verursacht, sondern die Tatsache, dass das System noch funktioniert. 20 : Arbeit


Mechanismen — wie es funktioniert : 21


Lange vor dem Crash wurden Menschen aus ihren Häusern vertrieben, während Wohnhäuser leer standen oder sie mussten hungern, während ein Überangebot von Lebensmitteln verrottete. Wenn während einer Wirtschaftskrise mehr Menschen hungern, liegt es nicht daran, dass es irgendeine handfeste Veränderung in den Produktionsmöglichkeiten gegeben hätte. Es ist nur ein weiteres Beispiel dafür wie irrational Ressourcen in unserer Gesellschaft generell verteilt werden. Wenn Arbeiter_innen streiken, werden einige der gleichen Auswirkungen erkennbar, die es auch bei einem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu beobachten gibt. Es kann sein, dass sie hungern werden. Aber sie können auch ein neues Bewusstsein über ihre Macht und Möglichkeiten entwickeln, wenn sie sich erst einmal außerhalb der einzwängenden Rahmen des Alltagstrotts kennenlernen. Der Rest der Gesellschaft nimmt Notiz von ihrer Existenz. Vielleicht entwickeln sie neue gemeinsame Projekte und Wege der Entscheidungsfindung. Mitunter eignen sie sich sogar ihre Arbeitsplätze an und nutzen sie, um Dinge außerhalb der Logik von Profit und Konkurrenz zu erschaffen. Das Gleiche gilt für Besetzungen durch Studierende. Vielleicht ist also der eigentliche Punkt, dass die wirtschaftlichen Zusammenbrüche und die Streiks noch nicht weit genug gehen. Solange die Ökonomie unsere Leben bestimmt, wird jede Unterbrechung, jede Einschränkung auf uns zurückfallen. Aber selbst, wenn nichts schief gehen würde, würde sie uns niemals die Welt bringen, die wir uns wünschen. Ob wir auf eine Veränderung vorbereitet sind oder nicht, es wird nicht immer so weitergehen. Wer kann immer noch behaupten, wir wären auf dem richtigen Weg, jetzt, wo die Umweltverschmutzung ganze Arten zu Tausenden vernichtet und die Polkappen zum Schmelzen bringt? Mit Globaler Erwärmung und Atomkrieg hat der industrielle Kapitalismus schon mindestens zwei Wege gefunden das Leben auf der Erde auszulöschen und unmöglich zu machen. Das klingt für uns nicht gerade nach einem stabilen Zustand. Wenn wir als Spezies noch ein Jahrhundert überleben wollen, müssen wir uns diese Mythologie, welche die Grundlage unserer momentanen Existenz bildet, wieder bewusst machen und sie verstehen.

22 : Arbeit


Die MythologIE der ARBEIT

Was wäre, wenn keine_r arbeiten würde? Sweatshops würden sich leeren und Fließbänder zum Stillstand kommen, zumindest jene, die Sachen produzieren, die keine_r freiwillig machen würde. Telefonwerbung würde aufhören. Jämmerliche Individuen, die sich nur dank Rang und Reichtum gegen andere durchsetzen können, müssten anfangen ihre sozialen Fähigkeiten zu verbessern. Verkehrsstaus würden ebenso ausbleiben wie Ölkatastrophen. Geldscheine und Bewerbungsschreiben würden nur noch als Verwendung finden, während die Leute auf Tauschen und Teilen zurückgreifen. Gras und Blumen würden aus den Fugen der Gehsteige wachsen und damit eventuell Platz für Obsttbäume schaffen. Und wir würden alle verhungern. Aber wir ernähren uns nicht wirklich von Papierkram und Leistungsbewertungen, oder? Die meisten Sachen, die wir für Geld machen, sind für unser Überleben offensichtlich irrelevant – vom Sinn des Lebens ganz abgesehen.

Mechanismen — wie es funktioniert : 23

WORK – CrimethInc. Kapitalismus. Wirtschaft. Widerstand  

Warum müssen wir, trotz all des technischem Fortschritts, mehr arbeiten als je zuvor? Wie kommt es, dass je härter wir arbeiten, wir letzten...

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