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Programmheft »Der Wildschütz«

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der wildschütz DER WILDSCHÜTZ

ODER DIE STIMME DER NATUR

ALBERT LORTZING

KOMISCHE OPER IN DREI AKTEN

TEXT VON ALBERT LORTZING

NACH DEM LUSTSPIEL »DER REHBOCK ODER DIE SCHULDLOSEN SCHULD BEWUSSTEN«

der wildschütz

Gräfin von Eb E rbach › carolin masur d E r wildschütz  | albert lortzing
b aculus › milko milev | Gr E tch E n › nora lentner d E r wildschütz  | albert lortzing
Graf von Eb E rbach › kostadin arguirov | b aronin f r E imann › eva bernard d E r wildschütz  | albert lortzing

DAS INFAMSTE, VERWERFLICHSTE UND ELENDSTE DER WOLLUSTSPIELE.

FELIX MENDELSSOHN BARTHOLDY ÜBER DEN »REHBOCK« VON AUGUST VON KOTZEBUE 1 DER WILDSCHÜTZ  | albert lortzing

1. AKT

Ganz Eberbach gratuliert dem Schulmeister Baculus zu seiner Verlobung mit Gretchen, seiner Ziehtochter. Doch in der ausgelassenen Stimmung ereilt den Schulmeister ein Brief des Grafen. Er ahnt Schreckliches. Um seine Hochzeit mit einem Festtagsbraten zu krönen, schoss Baculus des Nachts in den Gefilden des Grafen nach einem Rehbock. Auf frischer Tat ertappt, soll er seines Amtes enthoben werden. Durch die schönen Augen eines jungen Mädchens könnte der Graf vielleicht noch einmal umgestimmt werden.

Gretchen wäre für die Rettungsaktion sofort zu haben, doch der eifersüchtige Baculus fürchtet um die Unschuld seiner jungen Braut. Ein Student mit seinem Stubenburschen stört den Streit der Verliebten. Er schlägt vor, dem Grafen einen Streich zu spielen. Er selbst wird sich in Frauenkleidern beim Grafen als Gretchen ausgeben und für Baculus um Gnade bitten. In Wirklichkeit verbirgt sich hinter dem Studenten die verwitwete Schwester des Grafen Eberbach, die mit Baron Kronthal verheiratet werden soll und sich diesen erst einmal unerkannt unter die Lupe nehmen will. Kaum ist sie umgezogen, macht der Graf mit seiner Jagdgesellschaft im Dorf Station. Er ist in Begleitung seines verwitweten Schwagers, des Barons Kronthal, der sich hinter dem Inkognito eines Stallmeisters am Hofe des Grafen aufhält. Die beiden haben sofort ein Auge auf das falsche Gretchen geworfen. Kurzerhand lädt der Graf die gesamte Gesellschaft zu seinem morgigen Geburtstagsfest auf das Schloss ein.

2. AKT

Auf dem Schloss veranstaltet die Gräfin eine Lesung eines griechischen Dramas. Als Publikum muss die versammelte Dienerschaft antreten. Haushofmeister Pankratius weist Baculus in den Griechenwahn der Gräfin ein. Diese versucht währenddessen den Stallmeister alias Baron Kronthal für die Welt der Griechen zu begeistern.

HANDLUNG DER KOMISCHEN OPER 2
| albert lortzing
DER WILDSCHÜTZ

Nichtsahnend, dass es sich bei Baron Kronthal um ihren Bruder handelt, entbrennt sie in Leidenschaft zu diesem wahrhaft tragischen Helden. Auch der Schulmeister beeindruckt die Gräfin mit seinem »Wissen« über die alten Griechen. Sie werden vom Grafen überrascht, der in dem Schulmeister den Wilddieb entdeckt. Im letzten Moment erscheint das falsche Gretchen und rettet den vermeintlichen Bräutigam aus den Fängen der Hofgesellschaft. Allein zurückgelassen macht Baron Kronthal dem als Gretchen verkleideten Studenten einen Heiratsantrag.

Ein Unwetter zwingt Baculus und seine falsche Braut, auf dem Schloss zu bleiben. Baron und Graf spielen eine Partie Billard. Es geht um das falsche Gretchen. Jeder hofft darauf, den anderen in die Flucht zu schlagen und mit Gretchen allein zu sein. Durch das Chaos wird die Gräfin geweckt, die mit dem falschen Gretchen den vermeintlichen Studenten in ihre Obhut nimmt. Der Baron bietet Baculus 5000 Taler für den Fall, dass er ihm seine Braut abtritt. Solchen Argumenten kann der arme Dorfschulmeister nicht widerstehen.

3. AKT

Am nächsten Morgen gesteht der Baron dem Grafen, die Braut des Schulmeisters zur Frau nehmen zu wollen. Der Graf warnt ihn vor der unstandesgemäßen Heirat, wollte er doch den Baron mit seiner Schwester verheiraten. Doch selbst die Mädchen aus dem Dorfe, die zu den Feierlichkeiten kommen, können den Baron nicht auf andere Gedanken bringen. Mittlerweile ist auch das echte Gretchen am Hof eingetroffen. Baculus klärt sie über seinen Handel mit dem Stallmeister auf. Doch kurz darauf folgt das böse Erwachen. Dieses Gretchen ist nicht das Gretchen, in das sich der Stallmeister verliebt hatte, aber der Stallmeister ist ja auch kein echter Stallmeister und der Rehbock, der erfreut sich blendender Gesundheit.

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DER WILDSCHÜTZ

SCHULDLOS SIND

WIR ALLE …

EIN »WOLLUST-SPIEL«

ÜBER »DIE STIMME DER NATUR«

CHRISTIAN GELTINGER

Die Schere zwischen vermeintlich hehrer Kunst und scheinbar allzu seichter Unterhaltung beginnt sich im 19. Jahrhundert immer stärker zu öffnen. Das gilt für die Literatur nicht weniger als für die Musik. Als ein »Wollust­Spiel« verurteilte der Komponist und Gewandhauskapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy August von Kotzebues Lustspiel »Der Rehbock«, das Albert Lortzing als Vorlage für seine Spieloper »Der Wildschütz« diente. Kotzebues Rührstücke und Lustspiele waren gewissermaßen die Daily Soaps des 19. Jahrhunderts. Das dramatische Schaffen des Vaters der Trivialdramatik umfasst ganze 44 Bände. Seine Stücke übertrafen die Zuschauerquote der deutschen Klassiker um ein Vielfaches. Während Bildungsbürger pikiert die Nase rümpften, waren sich Theaterimpresarios der Publikumswirksamkeit dieser literarischen Meterware durchaus bewusst. Theaterdirektor

Goethe inszenierte selbst 87 der insgesamt 220 Stücke von Kotzebue: »Der ›Rehbock‹ gefällt Goethe sehr, er hält ihn für eines Deiner besten Lustspiele. Bei den Proben ist er immer gegenwärtig gewesen und hat sich halb todt gelacht«, so Goethes Mutter in einem Brief an den Autor des »Rehbocks«. Mit Stücken wie »Der hyperboräische Esel oder die heutige Bildung« oder »Der Educationsrath« zog Kotzebue gegen den Bildungsdünkel eines selbst erklärten Geistesadels ins Feld, der im Unterhaltungstheater den Niedergang bürgerlicher Kultur und den Verfall der guten Sitten anprangerte. Damit sprach er dem Theatermann Albert Lortzing aus der Seele. Lortzing kam vom Volks­

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theater. Seine Eltern gehörten einer der letzten Wandertruppen an. Er selbst war im ganzen deutschsprachigen Raum unterwegs, bevor er als Kapellmeister nach Leipzig kam. Der Komponist, der zugleich sein eigener Librettist war, sah sich eher als Theatermacher, der den Leuten aufs Maul schaute, denn als ernsthafter Tondichter. Die Anspielung auf Mendelssohns antikisierendes Melodram »Antigone«, das im Jahre 1842 in Leipzig zur Aufführung kam, spricht für sich. Es muss eine arge Demütigung für Lortzing gewesen sein, für die feierliche Aufführung der »Antigone« vom Komponisten persönlich ins Gewandhaus zitiert worden zu sein, um dort im Chor mitzuwirken. Mit der Figur der exzentrischen Gräfin von Eberbach entlarvt er im »Wildschütz« die Griechenbegeisterung als hybriden Kulturelitarismus und setzt ihr die »Stimme der Natur«, die Stimme des einfachen Mannes in der Figur des sächselnden Haushofmeisters Pankratius entgegen. Was ist Bildung – hohles Phrasendreschen oder praktische Lebenserfahrung? Was ist Kultur – andächtige Heiligenverehrung musealer Kulturgüter oder lebendige Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt, mit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts, mit längst überkommenen Privilegien, mit Bildungsdünkel und Philistertum, mit der Doppelmoral einer Gesellschaft, die die bestehende Ordnung nicht in Frage stellt und sich stattdessen ins private Glück zurückzieht? Diese Fragen scheinen zwischen den Zeilen der leicht daherkommenden Spieloper durch. Auf humoristische Art und Weise zeigt Lortzing, wie sich hinter der Maske von »Heiterkeit und Fröhlichkeit« als gesellschaftskonstituierender Glücksformel ein System von überkommenen Privilegien, hohlen Prinzipien, Amtsmissbrauch und Obrigkeitshörigkeit verbirgt, das innerhalb kürzester Zeit in sich zusammenfallen kann.

Ein Rehbock ist das Corpus delicti, das die kleine Welt der Grafschaft Eberbach für einen Moment ins Wanken bringt. Ein Dorfschulmeister hat wider seinen »Grundsätzen« in den Gefilden seines Herrn gewildert. Die »Stimme der Natur«, um genauer zu sein die Stimme einer Frau, hat ihn dazu verleitet. Um die Hochzeit mit seiner jungen Braut mit einem Festtagsbraten zu krönen, hatte der arme Dorfschulmeister – Lehrer standen noch im 19. Jahrhundert in der sozialen Ordnung relativ weit unten – sich zum Eindringen in den gräflichen Machtbe­

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reich hinreißen lassen. Ironie des Schicksals, dass es sich bei dem Rehbock in Wirklichkeit um seinen eigenen Esel – sein »zweites Ich«, wie er selbst sagt – gehandelt hat und zu guter Letzt die ganze Aufregung umsonst gewesen ist. Doch bis die Wahrheit ans Tageslicht kommt, stören für eine Nacht wilde Auswüchse im beschaulichen Dörfchen Eberbach die gute Ordnung. Der Graf, das wissen alle, ist kein Kostverächter, der die Liebe zu seinen Untergebenen, vor allem zu den weiblichen, sehr ernst nimmt. Er repräsentiert den Niedergang einer postfeudalistischen Adelsschicht, die ihre eigene Daseinsberechtigung durch den Erhalt ererbter Privilegien behauptet und sich ansonsten dem gepflegten Müßiggang widmet oder in der Jagd (wonach auch immer) einen abwechslungsreichen Zeitvertreib findet. Er, der auf den sprechenden Namen Eber­bach hört, lässt dabei die »Stimme der Natur« besonders stark zu Wort kommen. Der Schürzenjäger ist ein Draufgänger von animalischer Rohheit. Das hoheitliche Privileg des »Ius primae noctis / Das Recht der ersten Nacht«, das noch in Mozarts »Figaro« zum Stein des Anstoßes wird, wird ihm zum Gewohnheitsrecht. Er nutzt seine Position schamlos aus und macht vor keinem Weiberrock halt. Mit einer äußerst pikanten Intrige will die Baronin ihren Bruder der Weibstollheit überführen. Nach Einbruch der Dunkelheit beginnt ein frivoles Versteckspiel der Identitäten und Geschlechterrollen, das für eine Nacht das wahre Ich der Protagonisten ans Tageslicht bringt. Träumen einfache Leute wie Gretchen von einem glamourösen Leben auf dem Schloss, benutzen die Aristokraten ihre Rollen als Student, Stallmeister oder große Tragödin, um aus der Langeweile ihres Alltags auszubrechen. Allen voran die Baronin, die eigentliche Spielführerin in Lortzings Spieloper. Im Gegensatz zu Gretchen, die um ihrer eigenen finanziellen Absicherung willen die Heirat mit einem deutlich älteren Mann und eine Zukunft als treusorgende Hausfrau in Kauf nimmt, entdeckt diese als frisch gebackene Witwe die Freuden des Singledaseins und genießt ihre neue Freiheit. Während ihr potentieller Bräutigam, der Witwer Baron Kronthal, seine Rolle als Stallmeister nutzt, um der Welt zu entfliehen und seinem Weltschmerz nachzuhängen, nimmt sie ihr Leben in die Hand und zieht, nicht von ungefähr als Mann verkleidet, durch die Landen. Die Verkleidung der

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als Student getarnten Baronin zum Gretchen ist eine potenzierte Travestie: Eine Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt. Sie führt die überlieferten Rollenbilder komplett ad absurdum und sorgt damit für jede Menge schlüpfriger Komik. Bis zuletzt bleibt Baculus in dem Glauben, die beiden Aristokraten stiegen dem als Gretchen verkleideten Studenten hinterher, bis dieser schließlich im Schlafzimmer der Gräfin landet und dort die Nacht verbringt. Will da wirklich keiner etwas gemerkt haben? Zum offenen Tabubruch schließlich führt die doppelte Verkleidung der Baronin, wenn sie der Graf – ihr eigener Bruder – nichtsahnend bedrängt. Umgekehrt sieht die Gräfin in ihrem eigenen Bruder in Gestalt des Stallmeisters alias Baron Kronthal einen wiedererstandenen Oedipus. Die sich als harmlos entpuppende waidmännische Grenzüberschreitung des Schulmeisters löst damit ein Chaos aus, das nicht nur die Zwielichtigkeit der oberen Zehntausend entlarvt, sondern alle moralischen Prinzipien bis hin zum Inzest in Frage stellt.

»Die schuldlosen Schuldbewussten« nennt August von Kotzebue sein »Wollust­Spiel« im Untertitel. Wer nun ist denn hier schuldig und vor allen Dingen weswegen? Ist es überhaupt möglich, sich grundlos schuldig zu fühlen? Welche Instanz urteilt über Schuld und Unschuld, wenn die Obrigkeit selbst ihre Stellung als moralische Instanz eingebüßt hat? Baculus’ Wilderei hat sich als Bockschuss der besonderen Art erwiesen. Die Welt der Adeligen dagegen ist gehörig ins Wanken geraten. Im Moment, in dem alle Masken fallen, fallen alle wieder in ihre alte Rolle zurück. »Schuldlos sind wir alle«, das attestieren sich

Graf und Gräfin sowie Baron und Baronin zum einträchtigen Happy End und kehren die kleinen Irritationen ganz schnell unter den Teppich. Die heile Welt scheint wiederhergestellt, wenn auch mit einem leichten Kratzer, aber die »Stimme der Natur« verstummt.

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DIE BESTE KOMISCHE FIGUR der

deutschen Opernbühne …

HANS PFITZNER ÜBER DIE FIGUR DES BACULUS 8 DER WILDSCHÜTZ  | albert lortzing

— THEATER-ZETTEL der Erstaufführung von Lortzings Oper »Der Wildschütz« am 31. Dezember 1842 in Leipzig

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FÜR DIE GAGE

AUCH NOCH  KOMÖDIE SPIELEN

Was meine Person anbelangt, so habe ich alle Ursache zufrieden zu sein, ich lebe in angenehmen Familien­Verhältnissen, sowie in angenehmen Verhältnissen überhaupt und darf, da das Glück in Bezug auf die Verbreitung meiner Opern mich vor vielen Andern begünstigt hat – wohl mit meinem Lose zufrieden sein; nur bei Einem fühle ich mich unbehaglich; beim Komödiespielen, und ich ergriffe gerne eine Gelegenheit, um von der Bühne zu treten und, den Taktstock in der Hand, mich vor dieselbe zu stellen – wenn sich eine annehmbare böte. Aber solche sind selten, und ich werde wohl noch ein Weilchen, vielleicht Zeit meines Lebens Rollen hineinfressen müssen: das Rollen­Spielen ließe ich mir allenfalls noch gefallen, aber das Lernen, o lieber Freund, es ist schauderhaft, wenn man nun so gern des Morgens seiner Lieblingsbeschäftigung huldigen möchte und sich selbst bei den Haaren zum Memorieren zwingen muss! aber das ist nun einmal nicht anders, denn die Direktoren sind so unbillig zu verlangen, dass man für die Gage auch noch Komödie spielen soll.

ALBERT LORTZING AN SEINEN FREUND FRIEDRICH KRUG
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DER WILDSCHÜTZ

J. B. BASEDOW

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JOHANN BERNHARD BASEDOW (1724 – 1790) war ein deutscher Theologe, Pädagoge und Schriftsteller und das Vorbild für die Figur des Baculus.

PFLICHT UND  KLUGHEIT  IN ANSEHUNG  DER EHE

Eine unglückliche Ehe ist eines der größten Trübsale und dauert die Lebenszeit. Wenn es wahrscheinlich ist, dass wir nach einigen Zeiten eine glücklichere Ehe werden schließen können, als wozu wir jetzt Gelegenheit haben, so müssen wir des Vergnügens einer früheren Ehe nach den Regeln der Weisheit billig entbehren.

Heirate nicht wider den Willen derer, von deren Wohlwollen ein solcher Teil deiner Wohlfahrt abhängt, welches du ohne Kummer nicht auf immer wirst entbehren können. Verbinde dich gleichfalls mit keiner Person, die an ihrer Seite dieses wagen will.

Die Schönheit ist sehr vergänglich, noch veränderlicher ist das Urteil über dieselbe und das vergnügende Wohlgefallen, welches dadurch erregt wird. Es ist unmöglich, um der bloßen Schönheit willen eine durch Laster missfällige Ehegesellschaft oder die Armut oder die Verachtung derer, an deren Beifall uns am meisten gelegen ist, in der Länge der Zeit, ohne quälende Reue zu ertragen.

Es ist dir nicht möglich, in deiner Ehe glücklich zu sein, wenn es deinen Ehegenossen gereuen wird, dich gewählt zu haben.

Wenn eine Ehe beide Personen in gute Umstände setzt und keine herrschenden Laster ihre Glückseligkeit stören, wenn beide vor der Ehe

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keinen solchen Widerwillen gegeneinander haben, dass sie lieber unverheiratet bleiben wollten, wenn sie sich nicht der guten Umstände halber zusammengesellten: alsdann wächst die Liebe mit den Jahren in der und die Personen verlieren mit der Zeit den Wunsch, welcher auf eine andere Ehegesellschaft abzielte, die ihnen der Umstände wegen unmöglich oder nicht ratsam war. Wenn sich Personen aus zu ungleichen Ständen und Altern verbinden, so bleiben die Ehen selten glücklich.

Die haushälterische Arbeitsamkeit und Klugheit beider Eheleute ist eine notwendige Eigenschaft zur glücklichen Heirat, besonders wenn der Reichtum fehlt. In diesem Falle macht sogar die Weichlichkeit und Kränklichkeit die Ehe oftmals unratsam.

Der Vertrag zur Ehe ist viel zu wichtig, als dass ein vernünftiger Mensch ihn eingehen darf, ohne sich nach der möglichen Wahl vieler erkundigt zu haben, ohne die Eigenschaften und Umstände der abgezielten Person genau zu kennen und ohne vorher den Rat seiner Freunde (anfangs unentschlossen) angehört zu haben.

Der Mann muss den Rat der Ehefreundin anhören und prüfen, alsdann seiner eigenen Einsicht folgen, aber dennoch alle freundschaftlichen Mittel anwenden, die Genossin seines Schicksals damit zufrieden zu machen.

In wichtigen Geschäften der Familie darf die Frau nicht herrschen, sondern muss gehorchen, weil der Mann ordentlicherweise die äußerlichen Umstände besser kennt und einen größeren Teil der Last des ganzen Hauses trägt.

Die Frau ist zwar verbunden, bei dem Eigensinne und den Fehlern ihres Mannes, sanftmütig und geduldig zu sein, aber weit besser ist es, wenn der Mann sich so verhält, dass die Frau dieser schweren Sanftmut und Geduld nicht bedarf.

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ETWAS FRIVOL

ALBERT LORTZING IM GESPRÄCH MIT JOHANN CHRISTIAN LOBE

Sie führen mir »Figaros Hochzeit« an. Ich halte das Buch, wenn auch für etwas frivol – aber doch für gut. Die Musik, darüber sind wir wohl beide einverstanden, ist – nicht übel! – Auf wie wenig Repertoiren hält sich die Oper – kann sie sich halten? – weil die Darsteller fehlen. Wo finden Sie jetzt einen Grafen, einen Figaro, eine Susanne, die den Anforderungen an Spiel und Gesang genügen? Mit meinem »Zaren« –halten Sie mich nicht für einen arroganten Kerl, weil ich von Mozarts göttlichem »Figaro« auf mich komme – mit meinem »Zaren« sage ich, war es ein eigen Ding. Mag sein, dass das Sujet etwas Pikantes hat, mag sein, dass mir die Musik nicht missglückt ist – die Oper ist auch zu leicht darzustellen, und die letztere Eigenschaft hat nicht wenig dazu beigetragen, sie durch die Welt zu bringen. Nehmen Sie jede Rolle, und Sie werden mir recht geben. Der Bürgermeister ist nicht umzubringen, wie man zu sagen pflegt, Buffos mit und ohne Spiel haben sich daran versucht und alle Glück gemacht. Ganz anders verhält es sich mit meinem letzten Kindlein »Wildschütz«, das Buch erachte ich für vortrefflich. Ich würde das Wort nicht gebrauchen, wenn es von mir wäre; ich habe es allerdings opernmäßig bearbeitet, aber das gute Gerippe war doch vorhanden. Die Musik ist am Ende nicht von der Art, dass sie den Text geradezu umbrächte, und dennoch war der Erfolg der Oper an einigen Bühnen zweifelhaft. Warum? – Ich muss wiederholt das alte Lied singen –unsern deutschen Sängern mangelt durchschnittlich die Leichtigkeit des Spiels, des Vortrags, mit einem Worte die zu dieser Operngattung erforderliche Salongewandtheit.

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ALBERT LORTZING

ALBERT LORTZING nach einer Zeichnung von Prinzhofer

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NATUR AUF DER  OPERNBÜHNE

Nichts, kein Jota ist natürlich, weder in der Dialog­ noch in der Rezitativoper noch sonst an irgendeinem Kunstwerk. Ist denn ein Gemälde natürlich in jenem Sinn? Ist das ein natürlicher Mensch, der aus einer flachen Leinwand uns anschaut?

Zum Geier, dass die Natürlichkeit in der Kunst eine andere ist, als die in der Wirklichkeit, dass wenn die Kunst uns überhaupt etwas sein soll, wir ihr von Haus aus eine Menge Unnatürlichkeiten zugestehen müssen, und eben darin mit der Reiz der Kunst liegt, dass sie mit ganz heterogenen Mitteln eine Täuschung hervorbringt, die uns wie Natur erscheint.

Die Kunst ist doch nur da, um in ein Verhältnis mit dem Menschen zu treten. Wir haben eine Anzahl Eigenschaften, auf welche die Kunst so berechnet sein muss, dass sie uns die ganze Zeit über, wo wir ihr nahe gerückt sind, angenehm erregt. Kommen in der Oper Momente vor, die uns gleichgültig lassen, oder gar Missstimmung, Langeweile, Überdruss bringen, so sind das die wahren unnatürlichen Momente, und solche verursacht am öftersten und ich behaupte bei der durchcomponirten Oper unausbleiblich das viele Recitativ. Was hilft es, dass der Kopf es natürlicher nennt, wenn das Herz dabei gähnt?

DIE STIMME DER
ALBERT LORTZING IM GESPRÄCH MIT JOHANN CHRISTIAN LOBE
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UNSER DIREKTOR,

der zwar … von Anbeginn seines hiesigen Unternehmens klagte –hat sich ein schönes Gut in Schönfeld erübrigt und

IST OEKONOM MIT LEIB UND SEELE.

Zu Ostern 1844 ist sein Kontrakt zu Ende und es ist zweifelhaft, ob er – bei den ihm jetzt ge stellten Bedingungen – das Theater wieder übernimmt.

ALBERT LORTZING ÜBER FRIEDRICH RINGELHARDT, DEN DIREKTOR DES LEIPZIGER STADTTHEATERS 17 DER WILDSCHÜTZ  | albert lortzing

ANTIGONE  IN BERLIN

ADOLF BRENNGLAS

Im Auditorium

PHILOLOGE BOS. (wonnig den Kopf schüttelnd) Herrlich! Herrlich!

FUNKE (neben ihm) Aber wie dürfen Sie schon jetzt entzückt sein; die Komödie hat ja noch gar nicht begonnen?

PHILOLOGE BOS. (blickt ihn verächtlich an und zuckt die Achseln) Weiß ich! (selbstgefällig) Daß man die Tragödie gibt, darüber bin ich entzückt. Wie wird uns die Lächerlichkeit, die Erbärmlichkeit alles modernen Plunders klar werden, wenn dies große Schicksal, diese geisthohen, geistplastischen Gestalten der Antike vor uns treten! Erhabener unsterblicher Sophokles, Deine weltbesiegende, auf uns herniederschauende Psyche sei um Verzeihung gebeten, daß wir Deine unantastbare Schöpfung über dieselben Bretter gehen lassen, auf denen die Hundsföttereien neuerer Jahrhunderte umherludern und ihren Schmutz abschütteln!

FUNKE Ich stimme Ihnen bei: nach diesem Alterthum, dessen Geist wir leider nicht ganz erfassen können, haben die jämmerlichen späteren Jahrhunderte eigentlich gar kein Recht zu existiren. Es ist nicht nur eine Schmach, daß wir so sind, wie wir sind, es ist eine Schmach, daß wir überhaupt sind.

PHILOLOGE BOS. (drückt ihm stumm und dankbar die Hand)

FUNKE Und wer war es denn, der die poetischen Menschengötter aus dem schönen sinnlichen Himmel Griechenlands verjagte?

Wer zerschlug Cytherens Tempel? Wer löste den heiligen Gürtel des sinnlichen Reizes?

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DER WILDSCHÜTZ

»Einen zu bereichern unter Allen mußte diese Götterwelt vergehn«

und sie erbleichte in dem Strahlenglanze des Lichts, das am Jordan

aufging: Millionen sanken nieder in stiller Anbetung und sein Ohr vernahm Eure Weisheit, aus der entgötterten Natur geschöpft. O Welt was bist du geworden!! –

PHILOLOGE BOS. (seufzt und nickt beifällig mit dem Kopfe)

FUNKE Zwar: Wenn wir an Shakespeare, Schiller, Goethe, Lessing, Calderon, Molière denken, und …

PHILOLOGE BOS. Pfui! (er dreht sich um)

REZENSENT UNGETHÜM (zum Schauspieler Carlos) Sind Sie auch Antigonist?

SCHAUSPIELER CARLOS Nein: Antagonist!

RENTIER BUSSEN (zu seinem Nachbar) Entschuldigen Sie, mein Herr … um Entschuldigung, mit wem hab’ ich die Ehre?

BUCHBRUDER FEIST Mein Name ist Feist; als Person bin ich Buchbruder, mein Charakter ist Mensch.

RENTIER BUSSEN Schön! Sie können mir vielleicht dienen, wie des Trauerspiel ausjesprochen wird. Ich habe mir nämlich nie mit Jriechsch beschäftigt, weil ich früher immer was Nützliches vorhatte, un in meine alten Dage, wo ich mir zur Ruh setzte, von meine Intressen lebte, nennt man Des, nich daran dachte, daß es von mir als Deutschen Bürjer verlangt wird, daß ich Jriesch kennen soll, was en Paar Dausend Jahre todt ist. Heißt es Antijohne …

BUCHBRUDER FEIST So nich! Antigone.

RENTIER BUSSEN Antiejone, ich danke Ihnen jehorsamst, wenn ich Ihnen mal wieder dienen kann, mit Verjnügen. Nu wird’ ich mir schon zurecht finden. (zu seinem zwölfjährigen Sohne Wilhelm) Wilhelm, Antiejone heeßt es! Wie heißt es?

WILHELM Antiejona

RENTIER BUSSEN (heftig) Ne!

WILHELM Ne!

RENTIER BUSSEN So is es recht. Nu paß’ uf, wenn der Vorhang in de Höhe jeht, daß Du Dir des Alterthum vertraut machst, damit Du mal en nützlicher Mensch wirst, dummer Junge! Denn jetzt muß der Mensch des Allens wissen, sonst kommt er nich mehr fort.

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NACHWEISE

Die Fotos der Klavierhauptprobe sind von Andreas Birkigt. | Der Artikel von Christian Geltinger ist ein Originalbeitrag für dieses Heft. Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion. | adolf brennglas: Antigone in Berlin. Frei nach Sophokles. Leipzig 1843. | J. B. Basedows

Elementarwerk mit den Kupfertafeln Chodowieckis u. a. Kritische Bearbeitung in drei Bänden. Erster Band, Leipzig 1909. | heinz schirmag, albert

lortzing: Glanz und Elend eines Künstlerlebens. Berlin 1995. | jürgen

lodemann: Lortzing. Gaukler und Musiker. Göttingen 2000.

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b aron Kronthal › radoslaw rydlewski | damenchor d E r wildschütz  | albert lortzing
b aculus › milko milev | Graf von Eb E rbach › kostadin arguirov | Pan K ratius › folker herterich d E r wildschütz  | albert lortzing
Gräfin Eb E rbach › carolin masur | b aronin f r E imann › eva bernard | b aron Kronthal › radoslaw rydlewski
Graf von Eb E rbach › kostadin arguirov | b aron Kronthal › radoslaw rydlewski d E r wildschütz  | albert lortzing

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IMPRESSUM

OPER LEIPZIG

INTENDANT UND GENERALMUSIKDIREKTOR Prof. Ulf Schirmer

GESCHÄFTSFÜHRENDE DIREKTION Heike Brönnimann und Dittmar Demel

HERAUSGEBER Dramaturgie

REDAKTION Christian Geltinger

SPIELZEIT 2011 / 12 Heft 16

PREMIERE 12. Mai 2012

GESTALTUNG formdusche, Berlin

DRUCK Werbe- und Sofortdruck GmbH, Leipzig

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