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In den Untiefen des Gehirns Fragen an den Bewusstseinsforscher Milan Scheidegger I N T E RV I E W
Christoph Benner
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ilan Scheidegger ist ein visionärer und integrativer Denker mit akademischem Hintergrund in Medizin, Neurowissenschaften, Philosophie und Psychiatrie und der Leidenschaft, die Natur der menschlichen Existenz von ihrer molekularen Basis bis hin zur Ebene des Bewusstseins zu verstehen. Durch sein fundiertes Wissen über Biosemiotik, Philosophie des Geistes, Erkenntnistheorie und Phänomenologie des Bewusstseins, Achtsamkeit und Tiefenökologie entwickelte er eine erweiterte Sichtweise auf das Leben. Er hat sich zum Ziel gesetzt, die «Transformative Psychotherapie» zu entwickeln, eine neuartige, richtungsweisende Behandlungsform, die einen Wechsel von der pharmakologischen Substitution hin zur integrativen transformativen Gesundheitsversorgung befürwortet.
MILAN SCHEIDEGGER (*1982) ist Assistenzarzt an der Abteilung für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (Universität Zürich). Nach Abschluss
Ein zentraler Begriff rund um dein Schaffen ist «transformative Psychotherapie». Das liest sich im ersten Moment wie «süßer Honig» oder «runder Ball». Ist nicht jede Psychothe rapie im Erfolgsfall transformativ? Warum diese Akzentuierung? Milan Scheidegger: Es stimmt, generell ist das Ziel jeder psychiatrischen Therapie die Überführung eines maladaptiven in einen adaptiveren Gesundheitszustand. Im Gegensatz zur klassischen substitutionsbasierten Behandlung, bei der man beispielsweise mit Antidepressiva einen Mangel an Serotonin im Gehirn depressiver Patienten auszugleichen versucht, stellt die transformative Psychotherapie eine neue innovative Behandlungsoption dar. Sicher tragen Psychopharmaka bei vielen psychiatrischen Erkrankungen zu einer Linderung
seiner Doktorandenausbildung in funktioneller und molekularer Bildgebung am Institut für Biomedizinische Technik (ETH Zürich) erforscht er weiterhin die Neurobiologie und Pharmakologie veränderter Bewusstseinszustände und deren Potenzial zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens. Daneben erwarb er einen M.A. in Geschichte und Philosophie des Wissens (ETH Zürich). Auf seinen ethnobotanischen Expeditionen nach Mexiko, Kolumbien und Brasilien erforschte er die traditionelle Verwendung von psychoaktiven Pflanzen in indigenen Ritualen. Er ist Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT) und der MIND (European Foundation for Psychedelic Science) sowie ehemaliger Stipendiat der Schweizerischen Studienstiftung. 2013 erhielt er den Young Investigators Award der Schweizerischen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie.