8 0 P S YC H O LY T I S C H E T H E R A P I E
Ein Aufstieg mit MDMA TEXT
E
Fr i e d e r i ke M e c ke l F i s c h e r
s ist 9 Uhr, Samstagmorgen. Jeder nimmt auf seinem Sitzkissen Platz. Wir bilden einen Kreis, sammeln uns schweigend. Wir geben uns die Hände. Ich: «Ich verspreche, dass ich Still schweigen bewahre über den Ort, die anwesenden Personen und die Medizin. Ich verspreche, dass ich weder mir noch anderen während oder nach dieser Erfahrung irgendwelchen Schaden zufügen werde. Ich verspreche, dass ich heiler und weiser aus die ser Erfahrung zurückkehre. Ich übernehme selbst die Verantwortung für das, was ich hier tue.» Ich spreche jeden Teilnehmer mit seinem Namen an und frage: «XY, stimmst du dem zu?» Der Angesprochene antwortet laut: «Ich stimme dem zu.» Ich verteile die Becher oder die Kapseln. Wir schließen die Augen und halten die Medizin für einen Augenblick in den Händen. «Ich wünsche uns eine gute Reise.» Wir trinken den Becher alle zur gleichen Zeit aus oder nehmen die Kapsel ein. Danach kann man noch einmal auf die Toilette gehen. Alle liegen mit geschlossenen Augen ruhig auf ihren Plätzen. Ab jetzt gilt es, still zu liegen, sich nach Möglichkeit nicht zu bewegen und nicht zu sprechen. Ich setze mich in meinen Sessel, von dem aus ich den ganzen Raum überblicken kann, und spiele das Anfangslied. Nun schließe ich die Augen und richte meine Aufmerksamkeit nach Innen, um die sich in meinem Körper ausbreitende Wirkung der Substanz zu beobachten. Nach ungefähr zwanzig Minuten bemerke ich die ersten Anzeichen einer Wirkung, ein leichtes Kribbeln. Um diesen Prozess zu unterstützen, spiele ich ein 10 bis 13 Minuten langes rhythmisches Musikstück. Der Rhythmus und die dunkle Tönung führen in den Beckenbereich. Zehn Minuten später: «Vielleicht klopft jetzt das Herz ein wenig schneller. Das geht vorbei.» – «Lass nun ganz bewusst alle Probleme, alle Fragen sowie deine Absicht gehen und erlaube der Sub stanz, sich in dir auszubreiten.» – «Leise und
regelmäßig atmen.» – «Nicht stöhnen. Ganz still werden.» Stille. «Gedanken kommen und gehen wie Wolken am Himmel – schau sie an. Nicht darauf reagieren – alles sein lassen, Ja sagen zu dem, was geschieht.» Es sollte kein rigides Stillhalten herr schen, sondern ein Stillwerden. Stille. Gelegentlich schaue ich auf die mit geschlossenen Augen liegen den Teilnehmer. Ich verfolge, wo ich die Sub stanzwirkung in meinem Körper wahrnehme.
«Was immer kommt – wahrnehmen und gehen lassen.» Das diskrete, oft auch kaum spürbare Krib beln in den Beinen ist vorbei. Es fühlt sich nun an, als würde sanft eine warme Flüssigkeit in mein Becken gegossen, das sich dabei öffnet. Es sind jetzt ungefähr 45–50 Minuten seit der Einnahme vergangen. Ich spiele ein zweites Musikstück. Es gibt jetzt keinen regelmäßigen Beat mehr. Eine Melodie in mittlerer Tonlage und Allegretto-Tempo, mit Disso nanzen und irritierenden Stellen und etwas hellerer Tönung als beim vorigen Stück. Stille. »Immer wieder alles gehen lassen. Nur beob achten. Was immer kommt – wahrnehmen und gehen lassen. Wir werden uns an alles erinnern. An nichts anhaften. Nur beobachten. Absolut keine Reaktion.« Stille. »Ja sagen zu der Substanz. – Ich gebe mich hin. – Danke und Bitte.« Das Becken ist geöff net. Nun will die Substanz den Bereich des Zwerch fells durchdringen, um in den Brustraum einzutre ten. Meist ist im Arbeitsraum in diesen Augenblicken ein leichtes Stöhnen zu hören. Das dazu gehörende Thema heißt Zulassen, Macht abgeben, Seinlassen. Wenn ich dem Geschehen in meinem Körper zustimmen kann, ist diese Stufe der Substanzwir