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EDITORIAL

Die neue Ausgabe des Hochschulmagazin Spektrum ist dem Schlagzeugunterricht an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart gewidmet. Dieses Thema liegt auf der Hand: Einerseits hat unsere Schlagzeugabteilung, die sowohl im regionalen Musikleben stark verankert ist als auch in der internationalen Schlagzeugwelt einen hervorragenden Ruf genießt, in den letzten Jahren einen deutlichen Generationenwechsel vollzogen. Andererseits hat das Schlagzeug im Musikleben und damit auch in der Arbeit einer Musikhochschule einen zentralen Stellenwert gewonnen. Kaum eine Instrumentengruppe hat sich in den letzten Jahrzehnten ähnlich kreativ und vielfältig entwickelt: Waren die Instrumente des Schlagzeugs im Orchester lange Zeit durchaus überschaubar, so hat gerade die Neue Musik die Möglichkeiten des Schlagzeugs auf eine Weise erweitert, wie dies noch vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten worden wäre. Hinzu kommt, dass sich das Schlagzeug zunehmend als Soloinstrument entwickelt, das - in den verschiedensten Besetzungen - ganze Konzertabende allein zu bestreiten weiß, wie zum Auftakt des Wintersemesters in unserer Konzertreihe im Turm wieder einmal zu erleben ist. Viele gute Gründe also, um sich einmal intensiver dieser vielseitigen Instrumentengruppe zu widmen. Darüber hinaus findet wieder jede Leserin und jeder Leser seine Interessensnische, erhält neueste Informationen zur bevorzugten Musik und kann sich auch dort Anregungen holen, wo Neues auf ihn und sie wartet. Kurzum, eine ganze Fundgrube von Ideen, Hinweisen und Anregungen breitet sich auch in diesem Spektrum aus, was das Lesen und Schauen hoffentlich wieder zu einem Vergnügen macht.

Prof. Dr. Werner Heinrichs, Rektor

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INHALT

FOKUS: SCHLAGZEUG 1

Die Hochschule muss Experimentierfeld bleiben! Thomas Wörle – ein Porträt von Christoph Beck

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Die große Unbekannte „Gefühl“ Mozart: „La finta giardiniera“ von Sandra Leupold

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Salut auf das Schlagzeugteam von Prof. Angelika Luz und Christof M Löser

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Glück der Unwissenden Das Figurentheaterfestival von Franziska Pietsch

Schlagzeugstudium – eine abwechslungsreiche Ausbildung von Prof. Markus Leoson

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Editorial

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Schlagzeug – Ein Instrument? von Prof. Klaus Dreher

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Das Schlagzeugstudium in Stuttgart von Jörg Fabig

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Ein unschlagbares Team Die Schlagzeuglehrer im Überblick

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Sonnenaufgang über Düne 69 Porträt über Marta Klimasara von Prof. Hans-Peter Stenzl

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Immer unterwegs zum Unbekannten Das Flügelschlag-Quartett von Annette Eckerle Standards beherrschen, Freiheiten nutzen Manfred Kniel, Michael Kiedaisch und Eckhard Stromer im Gespräch mit Prof. Klaus Dreher Immer auf der Suche Porträt des Schlagzeugstudenten Raphael Sbrzesny von Rebbecca Zirngibl

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Leidenschaft als Antrieb Porträt der Schlagzeugstudentin Zhe Lin von Elisabeth Deffaa

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horads – der junge Sender von Regina Spindler

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Kulturnetztag – Rückblick von Dr. Petra Schneidewind

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Vom Einzelkämpfer zum Netzwerker Jens Knigge im Gespräch mit Prof. Dr. Sointu Scharenberg

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Neues von der RSO-Orchesterakademie von Prof. Christian Sikorski

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Kultur-Gäste in Stuttgart von Prof. Dr. Werner Heinrichs

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Der Vorhang hebt sich... von Dr. Erich Weinreuter

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Kanzler Albrecht Lang einstimmig wiedergewählt

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Brass-Akademie beim Oberstdorfer Musiksommer von Rosalinde H. Brandner-Buck

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Ein Leben für die Big Band Zum Tode von Erwin Lehn von Prof. Bernd Konrad

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Schumann: Das Spätwerk für Streicher – Symposium Rückblick von Eva-Magdalena Dietrich

Bundesverdienstkreuz für Prof. Dunja Vejzovic NEWS

Symbiose in der Aufbruchszeit des Schlagzeugs Jasmin Kolberg im Gespräch mit Prof. Klaus Treßelt & Bernhard Kolberg

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Die Hochschule kennen lernen – Studientag von Dr. Cordula Pätzold

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Schiller-Gedächtnis-Preis an Tankred Dorst von Christoph Heinkele

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Auszeichnungen 2010

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Komponistenbiographien Symposium von Prof. Dr. Hendrikje Mautner

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Die unlogische Logik. Der Pianist Kirill Gerstein von Jürgen Hartmann

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Liszts 200. Geburtstag von Prof. Dr. Joachim Kremer

Künstlerische Befruchtung Frederik Zeugke im Gespräch mit Prof. Franziska Kötz

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Bachwoche 2011 von Holger Schneider

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Veranstaltungsübersicht

Kassandras Schatten von Prof. Angelika Luz

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Was ist enharmonische Musik? von Prof. C. J.Walter

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Impressum

DARSTELLENDE KUNST 14

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Das Traumstück über die Träume Shakespeare: „Ein Sommernachtstraum“ von Gerd Heinz Der Beflügelte. Für Michael Huthmann von Peter von Becker VorOrt – Musiktheater in verborgenen Räumen von Bernd Schmitt

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Schlagzeug – Ein Instrument? D a s Fa c h u n d s e i n e Fa c e t t e n

Exzellent: Der Konzertsaal der Hochschule mit Kolberg Percussion-Ausstattung.

von Prof. Klaus Dreher Das Triangel, das Lied des großen Georg Kreisler vom ewig pausenzählenden Triangelspieler, enthält in seiner Pointe eine Wahrheit, die den Verhältnissen des heutigen Musikbetriebs Tribut zollen muss: Die besungene „klassische“ Beschäftigungsarmut des Schlagzeugers ist endgültig überholt. Mit der zunehmenden Vermischung von Genres und Gattungen, dem Siegeszug des Repertoires der klassischen Moderne von Strawinsky bis Stockhausen und der globalen Verfügbarkeit von Instrumenten aus aller Herren Länder hat Schlagzeug heute auch in der Welt der Ernsten Musik einen geradezu dominanten Stellenwert erreicht.

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Das Drumset, als Schlagzeug der U-Musik Herzstück jeder Band, ist aus Jazz, Rock und Pop und dem gesamten Spektrum populärer Musik trotz aller Rationalisierungstendenzen der Musikindustrie nicht wegzudenken. Dazu tritt in Zeiten eines immer weiter steigenden Bildungsbewusstseins die immense Nachfrage nach Schlagzeug in Schulklassen-, Gruppenund Einzelunterricht auf allen Ebenen der Musikpädagogik.

hin zu Vogelpfeife, Windmaschine, Xylophon und Zimbel alles derselben Rubrik zugeordnet werden soll, fällt eine Einteilung schwer. Überblickt man aber die Vielfalt an Einzelinstrumenten und beschreibt größere Gruppen, so lassen sich vier Bereiche erkennen, die sich trotz aller Gemeinsamkeiten, Berührungspunkte und Ausnahmen als charakteristische Disziplinen unserer heutigen Schlagzeugpraxis in Ausbildung und Berufswelt wesentlich unterscheiden:

Welche Konsequenzen hat das für das Schlagzeugstudium? Die Antwort erfordert zunächst eine Begriffsklärung. Schlagzeug ist eigentlich gar kein Instrument, es ist noch nicht einmal eine einheitliche Instrumentenfamilie. Schlagzeug ist ein Instrumentarium aus unterschiedlichsten Klangerzeugern, die außer der Abgrenzung gegenüber Streich-, Blas-, Tasten-, Zupf- und Elektronischen Instrumenten nur eines gemeinsam haben: Sie werden alle vom Schlagzeuger bedient. Technische Souveränität und musikalisches Ausdrucksvermögen werden von ihm auf unterschiedlichsten Instrumenten verlangt – nicht nur Chance und Herausforderung, sondern auch Hypothek. Man stelle sich z.B. vor, von Cellisten werde tagtäglich zusätzliches Spiel auf Gambe und Kontrabass erwartet, auf Instrumenten also, die bei allen Unterschieden immerhin auf verwandte Art bedient werden... Wenn von Ambos und Bongos über Pauke und Trommel bis

- Die Melodieinstrumente mit chromatisch angeordneten Holz- oder Metallstäben (daher der Sammelbegriff Stabspiele) wie Xylophon, Marimba und Vibraphon

- Die Instrumente, die die abendländische Musiktradition repräsentieren, also Pauken und Orchesterschlagzeug

- Das Inventar der Modernen Musik, in immer neuen Aufbauten als sogenanntes Set-up aus verschiedensten Einzelinstrumenten kombiniert - Das Drumset, wie es als Standardkombination aus Trommeln und Becken in allen Sparten der Unterhaltungsmusik von einem einzelnen Spieler bedient wird. An unserer Hochschule sind diese Bereiche in den beiden getrennt organisierten, aber eng kooperierenden Schlagzeugabteilungen der Institute Jazz/Pop und Bläser/Schlagzeug (klassisch) auf mehrere Studiengänge verteilt und durch verschiedene Lehrer abgedeckt. Die eigentliche klassische

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Tradition an den Musikhochschulen ist die Ausbildung zum Orchestermusiker, d.h. zum Pauker und/oder (Orchester)Schlagzeuger. Die Vorbereitung der Berufspraxis und vor allem des Bewerbungsverfahrens, dem Probespiel, dominiert das Studium. Gearbeitet werden also seit jeher auf und neben den technischen Grundlagen Auszüge aus der sinfonischen und der Opernliteratur für Pauken sowie für Kleine Trommel, Xylophon, Glockenspiel, Tamburin etc. Seit Schlagzeug in den Partituren des 20. Jahrhunderts zunehmend kammermusikalisch und solistisch verwendet wurde, sind die Anforderungen der Orchesterstimmen nicht nur teils bis ins Virtuose gestiegen, sondern auch um ganz andere Spieltechniken neuer Instrumente wie Vibraphon und Marimba gewachsen. Der jüngere Zweig der klassischen Schlagzeugausbildung an Musikhochschulen ist das Instrumentallehrerstudium. Der umfangreiche Ausbau der Musikschulen in den 70erund 80er-Jahren schuf zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten als Schlagzeuglehrer auf allen Gebieten und eröffnete mit der Ausstattung von Schlagzeugräumen und durch eine rasch anwachsende Spiel- und Studienliteratur für Set-up, Stabspiele und Ensemble Perspektiven, selbst den Hobbyspielernachwuchs an die technischen, musikalischen und gedanklichen Ansprüche des Repertoires bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen heranzuführen. Das führte an den Hochschulen zu Einrichtung und Ausbau der künstlerisch-pädagogischen Studiengänge, in denen unter Auslassung der Probespielvorbereitung größeres Gewicht auf andere Bereiche, etwa Neue Musik, sowie Pädagogik und Methodik gelegt wird. Durch die Einführung von Bachelor und Master wurde im

heutigen Institut Jazz und Pop, einer der ältesten Popularmusikabteilungen Deutschlands, eine weitere Ausdifferenzierung des Studienangebots möglich, die dem steigenden Bedarf an speziell qualifizierten Jazz- und Popmusikern, d.h. hier: an Drummern, Rechnung trägt. Da für deren künstlerische Ziele feste Anstellungen als Orchestermusiker kaum vorhanden sind, teilen sie mit einigen klassischen Absolventen das potentielle Berufsbild des Freelancers und (Teilzeit-)Schlagzeuglehrers im Privat- oder Musikschulunterricht. Diesen Konflikt zweier scheinbar konkurrierender Ausbildungsgänge unter einem Dach kann der Berufsalltag ein gutes Stück weit schlichten. Neben der aktuell ohnehin großen Nachfrage haben Schüler und Eltern, aber vor allem Musikvereine und Musikschulen durchaus konkrete Vorstellungen, ob der angebotene Unterricht von einem Klassiker oder einem Jazzer erteilt werden soll. Außerdem schlie-

ßen sich die Stile natürlich keineswegs gegenseitig aus und so sind hier wie so oft echte Allrounder im Vorteil. In Stuttgart können im Bachelorstudium die Fachrichtungen Orchester- und Instrumentalpädagogik kombiniert werden; dieses Kombi-Profil wird sehr gut angenommen. Das Schulmusikstudium kann sowohl mit klassischem Schlagzeug als auch mit Drumset belegt werden; einige Studierende absolvieren z.Z. ein echtes Doppelstudium Schulmusik plus Bachelor Schlagzeug mit instrumentalpädagogischem Profil. Im Master Schlagzeug klassisch kann man außerdem zwischen den Varianten Orchester, Mallets und Allrounder wählen. Das Schlagzeug besitzt auf der Basis der genannten Disziplinen eine einzigartige stilistische Vielfalt in der Musik aller Zeiten und Völker, analog dazu auch eine entsprechende Fülle an persönlichen Profilen. Damit in der Berufswelt seinen Platz zu finden, im Orchestertutti wie im Percussionensemble, als Spezialist oder Allrounder, Schulmusiker oder Hochschullehrer, Ensembleleiter oder Banddrummer, Solopauker oder Marimbasolist, bleibt in letzter Instanz dem einzelnen Schlagzeuger selbst überlassen. Um aber den Studenten diesen Kosmos in seiner fachlichen Breite zu erhalten und in seiner musikalischen Tiefe zu erschließen, braucht unser Fach Arbeitsbedingungen und Ausbildungsstrukturen, die diese Flexibilität erlauben und gleichzeitig im Zuge einer Spezialisierung das Niveau der Einzeldisziplinen vorantreiben. Die Ausstattung an Instrumenten ist also exis-

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klangvielfalt hoch drei

tenzielle Grundlage; unsere Unterrichtszimmer, Übezellen und Instrumentenlager sind Lebensräume im wörtlichen Sinn und unsere besondere Situation, die unserem Umfeld manchmal viel Geduld und Verständnis abverlangt, ist nicht eine privilegierte, sondern eine unabänderliche. So ist Schlagzeug mehr als bloß ein Instrument. Und entsprechend wird diese Ausbildung angereichert, nein, sie besteht bis in den Kern aus der Summe an reichhaltigen, vielfältigen Erfahrungen und individuellen Begegnungen, die der einfache Hochschulalltag mit sich bringt: Zehn Nationen und ein bemerkenswert hoher Frauenanteil, aufwendige Logistik für Tutoren und Lehrer mit Ausleihe und Reparatur, Schulmusiker-Gruppenunterricht und begeisterte Methodikschüler, Komponistenwerkstatt und Hochschulorchester, Bandprojekte, Ensemblereisen, Putzdienste und Instrumententransporte mit Mann und Maus vom Hausmeister bis zum Erstsemester. In diesem Sinne begreifen und erleben wir unsere Schlagzeugabteilung als Familienbetrieb oder auch als vitalen Organismus im Hochschulkörper, dessen Eigenleben die gemeinsame musikalische Arbeit trägt und in dem Grundlagen, Spitzenkompetenz und Sekundärtugenden für den Musikerberuf gleichermaßen erworben werden. Mit der bleibenden Unterstützung durch Kollegen und Hochschulleitung werden beide Abteilungen auch künftig in der Lage sein, Traditionen zu bewahren, auf die Veränderungen des Musikbetriebs zu reagieren und den künstlerischen und gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden.

mehr als bloß ein instrument

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Ursachen hierfür sind die Änderungen in den Schulstrukturen, im pädagogischen Bereich wie auch die Veränderungen im Konzertleben:Während Events und Einzelproduktionen (z. B. von Musicals oder Shows wie Stomp, Blue Man Group etc.) starken Publikumszuspruch haben, gehen die Abonnentenzahlen klassischer Konzertreihen und im Musiktheaterbetrieb zurück. Die zunehmende Begeisterung des Publikums für stark vom Rhythmus geprägte Produktionen ist signifikant und wird in Zukunft weiter attraktive Arbeitsbedingungen für Schlagzeuger und Perkussionisten bieten, allerdings ohne langfristige Verträge mit Tarifbindung.An der Musikhochschule Stuttgart besteht die Möglichkeit, bereits im Studium die Grundlagen für diese Vielzahl an späteren Tätigkeiten zu legen.Aber nicht nur die Struktur ist notwendig und wichtig, letztlich sind natürlich vor allem die Lehrer für die Studierenden entscheidend. Auch hier hat man in Stuttgart ein breites Portfolio von gestandenen Kompetenzen aus allen relevanten Arbeitsbereichen.

Das Schlagzeugstudium in Stuttgart Umfassend und wegweisend im 21. Jahrhundert. Eine Bewertung aus der Sic ht eines Hoc hsc hullehrers, Instr umentalpädagogen, Musikers, Autors & Verbandsvertreters von J örg Fabig Für mich als Vizepräsident von Percussion Creativ, dem größten europäischen Verband von Schlagzeugern und Percussionisten aller Genres und aller Professionen, stellt sich hinsichtlich der Ausbildung des Schlagzeugernachwuchses an den deutschen Hochschulen vor allem die Frage, ob die im Studium vermittelten Inhalte die berufliche Praxis in einem verantwortungsvollem Maß abbilden und die Studierenden zeitgemäß auf das vorbereiten, was sie in der Arbeitswelt erwartet. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ging an der Musikhochschule Stuttgart eine Ära zu Ende. Für Prof. Klaus Treßelt musste eine Nachfolge gefunden werden. Es war der Wunsch der Hochschulleitung, die Qualität und grundsätzliche Ausrichtung der international renommierten Abteilung fortzusetzen und dennoch Lösungen zu finden, die den veränderten Anforderungen an die Absolventen von Musikhochschulen im 21. Jahrhundert Rechnung tragen. Diese Umstrukturierungen musste darüber hinaus in den Bologna-Prozess eingebettet werden. Es wurden einige unkonventionelle Entscheidungen getroffen: Anstatt eine einzige Professur für alle Teildisziplinen auszuschreiben, wurden zwei sich ergänzende Stellenprofile entwickelt, mit denen der solistische Bereich sowie die pädagogische Ausrichtung fest ans Haus gebunden wurden. Die Orchesterausbildung dagegen sollte per Lehrauftrag von aktiven Orchestermusikern abgedeckt werden, die nicht zugunsten einer Hochschultätigkeit aus

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dem Orchesterdienst ausscheiden. Die Musikhochschule Stuttgart hat mit dieser Umstrukturierung und ihren ProfilAngeboten im Bachelor eine Lösung gefunden, die ich für sehr praxisgerecht halte. Für alle Studiengänge sind neben Hauptfachunterricht, Orchester bzw. Ensemblearbeit (im Jazz/Rock/Pop-Bereich analog Big Band und Combo) und Musiktheorie auch Grundlagen der Instrumentalpädagogik und Methodik verbindlich. Eine richtige Entscheidung, denn fast jeder Schlagzeuger steht neben der künstlerischen Praxis auch als Lehrer im Berufsleben. Dies bekommen wir in unserem Verband immer wieder als Rückmeldung, sei es bei unseren Fortbildungsangeboten, Mitgliederversammlungen, im persönlichen Gespräch oder über die im letzten Jahr durchgeführte Mitgliederbefragung. Das Studium in Stuttgart bietet aber auch von Anfang an die Möglichkeit, im Wahlbereich Module zu belegen und Schwerpunkte zu setzen. Ab dem 3. Studienjahr besteht ein sehr ausdifferenziertes und in hohem Maße praxisorientiertes Angebot an Profilierungsmodellen von Blasorchesterleitung über Elementare Musikpädagogik bis Musiktheorie/Hörerziehung oder von Neue Musik bis Musikmanagement. Auch hier arbeitet Stuttgart beispielhaft: Die meisten Schlagzeuger in Deutschland sind sowohl von ihrer künstlerischen wie von ihrer beruflichen Seite breit aufgestellt, kaum jemand steht ausschließlich auf einer Lohnliste.

schlagzeugabteilung mit hervorragendem internationalen ruf

Mit Prof. Marta Klimasara steht eine international renommierte Solistin für Exzellenz in den Bereichen Marimba und Solo-Literatur. Der Solopauker des Staatsorchesters Stuttgart, Prof. Harald Löhle, und Jürgen Spitschka (Schlagzeuger im gleichen Orchester) betreuen im Hauptfachunterricht, im Paukenseminar und im Probespieltraining den Orchesterbereich und sorgen hier seit einigen Jahren für Erfolgsergebnisse. Auch die Drumset-Ausbildung ist hervorragend besetzt; in Eckhard Stromer mit einem hochprofessionellen und vielseitigen Pop/Rock-Drummer, in Manfred Kniel mit einem erstklassigen Experten im traditionellen und vor allem auch experimentellen Jazz. Improvisationskonzepte für Mallets sind bei Michael Kiedaisch in erstklassigen Händen. Mit Prof. Klaus Dreher, der aus der pädagogischen Praxis kommt und bis heute als Musikschullehrer und Juror im Nachwuchsbereich arbeitet, ist der Methodik-Bereich bestens besetzt. Darüber hinaus ist er in den Feldern Neue Musik und in der Betreuung der Ensemblearbeit eine hervorragende Wahl.

Jörg Fabig ist Vizepräsident des größten europäischen Verbandes von Schlagzeugern und Percussionisten aller Genres: Percussion Creativ. Er studierte nach dem Abitur zunächst Mathematik und Physik in Frankfurt, bevor er sein Diplom als Musiklehrer 1999 am Fachbereich Musik der Johannes-GutenbergUniversität Mainz ablegte. Er spielte bereits während seines Studiums mehrere große deutsche MusicalProduktionen, arbeitete als Orchester- und Kammermusiker und an verschiedenen Opern- und Schauspielhäusern und ist als Autor erfolgreich.Seit April 2000 unterrichtet er als festangestellter Schlagzeuglehrer an der Städt. Musikschule Aschaffenburg. Seit April 2008 unterrichtet er als Lehrbeauftragter an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf.

Für die Studierenden der Bachelor-Studiengänge besteht bei einer solchen Vielzahl an kompetenten Lehrerkräften die Möglichkeit, sich semesterweise zuordnen zu lassen und so die in den Seminaren und Modulen gesetzten Schwerpunkte auch im künstlerischen Hauptfachunterricht konsequent weiterzuverfolgen. Fortsetzen lässt sich dieser Prozess im künstlerischen Masterstudiengang, der nach Bestehen einer eigenen Aufnahmeprüfung vor einer internen Kommission aufgenommen werden kann. Neben dem Allrounder kann sich ein Mallet-Spezialist herausbilden oder ein Studierender Pauke und Orchesterinstrumente ganz oben auf die persönliche Prioritätenliste setzen. Das halte ich für ein großes Plus und eine riesige Chance für die Studierenden. Abschließend lässt sich sagen, dass die Musikhochschule Stuttgart in der Struktur und in der personellen Umsetzung für die Schlagzeug-Ausbildung hervorragend aufgestellt ist. Junge Menschen, die den Wunsch verspüren, ihre große Leidenschaft Musik zum Beruf zu machen, werden hier nicht zu früh gezwungen, Entscheidungen über ihre spätere Berufswahl zu fällen, sondern in ihrer künstlerischen und persönlichen Entwicklung aufmerksam begleitet und durch vielfältige Angebote ermutigt, die eigenen Stärken zu entdecken, zu entwickeln und zu vertiefen und sich so für den spannenden Beruf des Schlagzeugers oder der Schlagzeugerin in allen Arbeitsbereichen optimal auszubilden.

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Ein unschlagbares Team D i e S c h l ag ze u g l e h re r i m Ü b e r bl i c k

Marta Klimasara, Studium in Kattowitz bei Krzysztof Jaguszewski, dann ab 1994 in Stuttgart bei Klaus Treßelt. 2001 gewinnt sie den Münchner ARDWettbewerb und den Publikumspreis; zuvor war sie bereits Preisträgerin beim 2. World Marimba Competition in Japan (1. Preis) sowie beim 3. Krzysztof Penderecki International Competition of Contemporary Music in Krakau (2. Preis). Sie war Stipendiatin der Yamaha Music Foundation of Europe, der Europäischen Kulturstiftung sowie der Kunststiftung BW. Marta Klimasara konzertiert mit Orchestern wie der Nationalphilharmonie Warschau, dem National Polish Radio Symphony Orchestra, den Radiosinfonieorchestern Stuttgart und Saarbrücken, dem Münchener und dem Stuttgarter Kammerorchester und ist Gast bei internationalen Festivals. 2004 wurde sie als eine der jüngsten Professorinnen Deutschlands an die Musikhochschule Stuttgart berufen.

Klaus Sebastian Dreher, geboren 1967 in Stuttgart, studierte in der Schlagzeugklasse von Klaus Treßelt sowie Schulmusik und Germanistik in Stuttgart, außerdem Schlagzeug und Komposition in Düsseldorf. Als Schlagzeuger solistischer Schwerpunkt im interdisziplinären und improvisatorischen Bereich. Regelmäßige Zusammenarbeit mit Schauspielern, Tänzern und Bildenden Künstlern, als Solist und Ensemblemusiker tätig im weiten Gebiet der zeitgenössischen Musik; zahlreiche Uraufführungen, z.T. eigens für ihn komponierter Werke. In der Schlagzeug- und Konzertpädagogik tätig als Autor, Juror, Moderator und Lehrer. Seit 1999 Schlagzeuglehrer an der Musikschule Ostfildern, seit 2000 Hochschullehrer, seit 2005 Professor für Schlagzeug, Methodik und Percussionensemble an der Musikhochschule Stuttgart.

Harald Löhle, geboren 1967 in Markdorf am Bodensee, studierte Schlagzeug an der Musikhochschule Trossingen. Zunächst war er als Pauker und Schlagzeuger am Staatstheater Braunschweig tätig, bevor er als 1. Solopauker zum Philharmonischen Staatsorchester Bremen wechselte. Seit 1996 ist Harald Löhle 1. Solopauker des Staatsorchesters Stuttgart. Von 2002 bis 2004 war er Dozent an der Musikhochschule Trossingen und ist seit dem Sommersemester 2006 Lehrbeauftragter für Pauke an der Musikhochschule Stuttgart. Seit dem Wintersemester 2007 ist er Honorarprofessor an der Musikhochschule Stuttgart.

Jürgen Spitschka fand den Weg zur Klassik über die Moderne: Nach seiner musikalischen Ausbildung im Jazz und der Popularmusik galt sein Interesse erst mit 14 Jahren dem klassischen Schlagwerk. Nach einer Ausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, die er mit Auszeichnung absolvierte, wechselte er in die dortige Solistenklasse. Der Perkussionist ist aufgrund seiner musikalischen und stilistischen Vielseitigkeit auf internationalen Bühnen als Solist und Kammermusikpartner verschiedenster Besetzungen ebenso gefragt wie auch als Schlagzeuger in renommierten deutschen Orchestern. Er ist Schlagzeuger am Staatsorchester Stuttgart und hat seit Oktober 2002 einen Lehrauftrag für klassische Perkussion an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

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Manfred Kniel, geboren 1951, studierte Schlagzeug in Stuttgart. Er ist seit 1976 als Schlagzeuger, Komponist und Improvisationskünstler tätig. Von 1973 bis 1984 war er Schlagzeuger der Frederic Rabold Crew, im Jazz Inspiration Orchestra und im Lauren Newton Quartet. Von 1984 bis 1996 spielte er in seinen eigenen Formationen Human Music Quintet und Sweet Emma. Es entstanden Rundfunk- und Fernsehproduktionen, Festivalteilnahmen, u.a. beim Deutschen Jazzfestival Frankfurt, Balver Höhle, New Jazz Festival Hamburg, Stuttgarter Jazztage, Jazzfestival Middelheim/Belgien, Hannover Jazztage, Jazz in the Garden Berlin. Zwischen 1984 und 1997 Mitwirkung bei ca. 30 Musicalproduktionen unter der Leitung des Dirigenten Nicola Kemmer. Seit 1984 ist Manfred Kniel Lehrbeauftragter an der Musikhochschule Stuttgart im Bereich Schlagzeug und Jazzrhythmik.

Michael Kiedaisch, Musiker und Komponist im Spannungsfeld zwischen Neuer Musik, improvisierter Musik und Jazz. Insbesondere die Zusammenarbeit mit komponierenden Improvisatoren, improvisierenden Komponisten (Mike Svoboda, Stefano Scodanibbio, Michael Riessler, Scott Roller etc.) spiegelt dies wider. Als Komponist und/oder als Interpret beteiligt an zahlreichen Bühnen- und Hörspielproduktionen, z.B. mit dem Ballett Nürnberg (Percussiv, Hamlet ruft), am Forum Theater Stuttgart (Traumlied, Die Glut), bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall (Don Carlos). Einige eigene Projekte (Trieau, Schubertiade), diverse Projekte mit Mike Svoboda, die Arbeit mit verschiedenen Ensembles (gelberklang), Studioarbeit, Workshops und Lehrtätigkeiten an der Musikhochschule Stuttgart und der Uni Witten/Herdecke ergänzen sein Arbeitsfeld.

Eckhard Stromer studierte in Würzburg klassisches Schlagzeug (Bernd Kremling) und Jazz-Drums (Bill Elgart) und setzte seine Studien bei Klaus Treßelt und Manfred Kniel in Stuttgart fort. Er arbeitete bisher u.a. mit Peter Herbolzheimer, Bobby Shew, Cornell Dupree, Roger Chapman, Geoff Whitehorn, Nils Gessinger, Ack van Rooyen, Ian Anderson, Paul Carrack, PUR, Rainer Tempel, Jon Lord, Cécile Verny, Randy Brecker, Bobby Kimball, Terell Stafford, Heinz Rudolf Kunze, Martin Schrack, Jimi Jamison, Scorpions, Paquito d’Rivera, German Pops Orchestra, diversen Musicals in Stuttgart und Berlin und mit verschiedenen renommierten Sinfonieorchestern. Mehr als 30 CD-Einspielungen dokumentieren sein künstlerisches Schaffen im Jazz, Pop und Klassikbereich. Seit 2000 unterrichtet er als Dozent für Jazz- und Pop Drums an der Musikhochschule Stuttgart.

Udo Will studierte Schlagzeug und Komposition in Stuttgart und erweiterte seine Ausbildung durch ein Studium in afrobrasilianischer Percussion bei Dudu Tucci. Er ist Schlagzeuglehrer an der Musikschule Ostfildern und leitet eine Sambaschule. Daneben ist er freiberuflich als Workshopleiter, Musiker, Komponist und Salsa-Tanzlehrer tätig. Seit dem Wintersemester 2010/11 ist er Lehrbeauftragter für Gruppenunterricht Schlagzeug an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

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Sonnenaufgang über Düne 69 E i n p e r s ö n l i c h e s Po r t r ä t d e r K ü n s t l e r i n u n d P ro fe s s o r i n M a r t a K l i m a s a ra vo n P ro f. H a n s - Pe t e r S t e n z l Als ich nach meinem Sommerurlaub die Anfrage vom Redaktionsteam des Hochschulmagazins vorfand, ob ich für das Spektrum ein Interview mit Prof. Marta Klimasara führen wollte, war dies für mich keine Frage. Ich habe Marta als fulminante Studentin kennengelernt, deren viele Preise und Auszeichnungen 2001 mit dem 1. ARD-Preis gekrönt wurden, habe mich sehr gefreut, als sie – zusammen mit Prof. Klaus Dreher – 2004 die Nachfolge ihres Lehrers Prof. Klaus Treßelt antrat, wir standen unter dem Motto ARD-Preisträger musizieren zusammen auf der Bühne (u.a. 2002 mit Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug bei den Meisterpianisten im Stuttgarter Beethovensaal) und haben gemeinsame Ensembles ‚großgezogen‘, zuletzt das erfolgreiche Flügelschlag-Quartett. Und ein kleines Wunder haben wir auch noch vollbracht: wir haben einen freien Tag für unser Interview gefunden! Wenn Marta Klimasara von feinsten Veränderungen – etwa in der Kunst, in der Natur oder in einer menschlichen Beziehung – spricht, von der Wichtigkeit der Diskussionen darüber und der Reaktionen darauf, so versteht man schnell, woher die hohe Sensibilität dieser fabelhaften Musikerin kommt und wie sie täglich aufs Neue genährt wird. Gepaart mit einnehmender Warmherzigkeit und einem nimmersatten Interesse am Mitmenschen, wirkt sie als ebenso engagierte und erfolgreiche Professorin in den Kellerräumen unserer Hochschule. Die Schlagzeugklasse war noch nie so international wie in diesem Semester, schwärmt sie. Zehn Nationen sind vertreten, jeder bringt Eigenheiten seiner Kultur ein. Wir sind eine große Arbeits- und Lebensgemeinschaft im ständigen Austausch! Allein die Frage, wer wann an welchem Instrument üben darf, macht genaue Absprachen nötig. Die Vielfältigkeit unseres Instrumentariums bedingt übrigens auch, dass jeder Student bei mindestens zwei der vier Schlagzeug-Dozenten Unterricht hat. Das ist anders als bei euch Pianisten! (Darf ich diese Bemerkung als Appell an die musikalische Kommunikationsfreudigkeit unserer Klavierstudenten weitergeben!?) So jung sie ist: ein gut Teil ihres künstlerischen und pädagogischen Erfolges gründet gewiss auf einer erfahrenen Virtuosität im Wechsel von Spannung und Entspannung. Ich kann nur den Kopf schütteln, wenn Studenten kurze Zeit vor einem Wettbewerbsauftritt noch stundenlang üben. Ich habe schon am Vortag fast nichts mehr gespielt, bin allenfalls mental meine Stücke durchgegangen und habe mich ansonsten ausgeruht. So konnte sich meine ganze in allen Nuancen unverbrauchte Ausdruckskraft auf der Bühne entladen! Das gleiche gilt natürlich auch für Konzerte... Und wie entspannt Marta Klimasara überhaupt von ihren vielfältigen musikalischen Aktivitäten? Gerade komme ich von einem wunderbaren Festival in Südafrika zurück, das auf einzigartige Weise Kammermusik- und Orchesteraktivitäten miteinander verbindet.Als ich 2008 zum zweiten Mal dort war, hängte ich ganz privat eine vierzehntägige Safari durch Botsuana und Namibia dran. Der Blick aus dem Autofenster zum endlosen Horizont, die Weite, die Ruhe und ein unvergesslicher Sonnenaufgang morgens um fünf über Düne 69 haben meine Batterien wieder aufgeladen! Da sind sie wieder, die empfindsamen Wahrnehmungen als künstlerisches Grundnahrungsmittel... Es schätze sich glücklich, wer so feine Antennen dafür entwickelt hat wie unsere Schlagzeug-Professorin Marta Klimasara! WWW.MARTAKLIMASARA.COM

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Diesen Solitär schleift Bartók im Sommer 1937 innerhalb weniger Wochen zurecht. Die Idee, den Klavierklang mit den verschiedensten Schlagzeugmixturen zu verbinden, treibt ihn zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre um. Kleinere Versuche sind im ersten Klavierkonzert (1926) und im zweiten (1930-31) zu finden. Die Sonate dann, ein in vieler Hinsicht neues Opus, wird im Januar 1938 zum 10-jährigen Jubiläum der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) Basel uraufgeführt. In einem Brief an Paul Sacher, kurz nach Vollendung der Sonate, schreibt Bartók sachlich kühl wie immer über die kühn gesetzte Neuheit: Der Klavierteil ist keinesfalls schwieriger als die Klavierstimmen meiner Klavier-ViolinSonaten; Paukenstimmen ungefähr wie im vorjährigen Stück, Xylophon aber etwas schwieriger, jedoch auch nicht besonders schwer … Die Klavierspieler müssen freilich gut sein; und der Xylophonspieler muss halt seine Partie schön üben. Was so einfach klingt, ist in Wahrheit eine immense Herausforderung, die Paul Sacher so beschreibt: Von seiner leidenschaftlichen Objektivität war alles durchdrungen. Er selbst war sich über die kleinsten Einzelheiten im Klaren und verlangte von allen eine unendlich nuancierte Genauigkeit. Deshalb legte er bei den Proben eine große Geduld an den Tag und zeigte keinen Überdruss, wenn die Verwirklichung seiner Absichten nicht ohne weiteres gehen wollte.

I m m e r u n t e r we g s z u m U n b e k a n n t e n D a s F l ü ge l s c h l ag - Q u a r t e t t von Annette Eckerle

Mit Béla Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug beginnt die Geschichte des Flügelschlag-Quartetts. Es ist die Geschichte einer unverhofften Begegnung, die man glücklicher, stimmiger nicht planen könnte, eine Geschichte, in der viele Fäden aus sehr verschiedenen Richtungen perfekt zusammen laufen, ohne dass hier ein Stratege am Werk gewesen wäre. 2005 ist an der Musikhochschule Stuttgart eine Professur für Schlagzeug ausgeschrieben. Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug ist Gegenstand der Probelektionen. Barbara Rieder und Sebastian Bartmann, damals im Leben schon ein Paar und seit 2002 als Klavierduo imPuls auch beruflich ver-

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mit der unbändigen lust auf neues

bunden, solistisch beide in der Klasse André B. Marchand und als Duo bei Hans-Peter Stenzl im Studium, werden gefragt, ob sie bereit wären, Bartóks Sonate für den Unterricht der Professorenkandidaten einzustudieren. Die beiden nehmen allen Mut zusammen, getrieben von ihrer unbändigen Lust auf Neues. Sie wissen, dass Béla Bartóks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug Initiale für ein ungewöhnliches Genre ist, in dem sie sich noch nie versucht haben. Sie wissen, die Komposition ist vertrackt schwer. Und sie wissen, dass sie einem Solitär der klassischen Moderne Glanz verleihen müssen, nicht mehr und nicht weniger.

Barbara Rieder und Sebastian Bartmann haben Glück. Die beiden Schlagzeuger, die sie ‚zugeteilt bekommen‘, sind ebenso mutige wie hart arbeitende Musiker: Ákos Nagy und Claudius Heinzelmann. Die Zeit ist knapp. Von dem komplizierten Bartók-Werk studiert das flugs formierte Quartett deshalb nur einen Satz ein. Was vorher niemand ahnen kann - alle vier fangen Feuer. Nach dem Unterrichtsmarathon, aus dem Marta Klimasara als neue Professorin für Schlagzeug hervorgeht, erarbeitet das damals namenlose Quartett die Sonate komplett. Danach aber geht es erst einmal nicht so recht weiter. Das Quartett, so erinnert sich Barbara Rieder, kannte sich mit der Literatur für diese Besetzung schlicht zu wenig aus. Die vier spielen mehr oder minder zum privaten Vergnügen noch ein paar kleinere Stücke wie die PaganiniVariationen von Witold Lutos"awski in der Bearbeitung von Gyula Racz, bei dem Claudius Heinzelmann auch studiert. Von Gyula Racz kommt dann jedoch der alles entscheidende Impuls. Er rät den Musikern, es beim deutschen Musikwettbewerb 2008 als Ensemble in freier Besetzung zu versuchen. Und wieder sitzt den vieren die Zeit im Nacken. Innerhalb einer Woche müssen sie ihr Programm zusammenstellen und einen Namen für das Ensemble finden. In mehreren Nachtschichten, von denen Barbara Rieder bis heute in ebenso amüsiertem wie beseeltem Ton spricht, wird der poetische Name Flügelschlag-Quartett gefunden. Den mögen die Musiker bis heute, weil er die ungewöhnliche Besetzung und das Repertoire so schön wie treffend beschreibt. Die Nachtschichten sollten sich lohnen. Das Flügelschlag-Quartett schafft es in die 53. Bundesauswahl Konzerte Junger Künstler. Das Wettbewerbsprogramm ist Abbild der schwierigen Repertoirelage. Denn nach Bartók haben nur wenige Komponisten für diese Besetzung kompo-

niert. Die Liste der Originalwerke ist übersichtlich, George Crumbs Music for a Summer Evening (Makrokosmos III) oder Luciano Berios Linea (1973) stehen unter anderem in dieser exklusiven Reihe. Doch das Flügelschlag-Quartett macht aus dieser Not eine Tugend. Barbara Rieder, die mit Vorliebe ‚Programme bastelt‘, und die beiden Schlagzeuger, die so gerne und mit Leidenschaft an Klangdetails arbeiten, vertrauen dabei schlicht und einfach auf Sebastian Bartmann. Denn wie Ákos Nagy träumen alle vier davon, dass durch ihre Arbeit diese so seltene wie seltsame Besetzung bekannter, beliebter wird. Kurzum, Sebastian Bartmann greift für das Ensemble selbst zur Feder und trägt damit gleichzeitig einer Leidenschaft Rechnung, die in seinen Kindertagen beginnt. Als siebenjähriger macht Sebastian Bartmann seine ersten Kompositionsversuche. Als fünfzehnjähriger komponiert er seine erste Bühnenmusik für einen Literaturkurs seiner Schule. Später im Kirchenmusikstudium bei Ludger Lohmann wird er sich in der Improvisation versuchen. Was ihn bei all diesen musikalischen Versuchen bewegt? Die Klangfarbe. Sie ist für ihn ein sehr wichtiges Element. Bartmann will mit seinen Kompositionen Geschichten erzählen, will ungewöhnliche Klangkombinationen finden, am liebsten für und mit dem Flügelschlag-Quartett, denn das Klangspektrum des Klaviers sieht Bartmann in der zeitgenössischen Musik erschöpft. Dieser Wille, neue Wege zu finden, zeigt sich unter anderem in dem Stück Schleiertanz, das Bartmann für das Flügelschlag-Quartett komponiert. Die Uraufführung in der Bonner Beethovenhalle im November 2009 kommt blendend beim Publikum an. Überhaupt kann Sebastian Bartmann neben all den Preisen, die er mit seiner Klavierduopartnerin und dem Quartett mittlerweile eingeheimst hat, auch mehrere Kompositionspreise verzeichnen, darunter der Kompositionspreis der Stadt Düsseldorf und den Preis der IBLA-Foundation (Sizilien/New York). Derzeit treibt ihn mal wieder ein musiktheatralisches Projekt um. Am liebsten wäre ihm ein Stoff wie der Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry, eine fassbare Geschichte, die es lohnt, sie musikalisch auszudeuten, mit einer zeitgenössischen Kompositionssprache, mit zeitgenössischen Spieltechniken, eben für eine Besetzung wie die des Flügelschlag-Quartetts, die ohne weiteres experimentelle Klänge zulässt. Ja und spannend soll es sein, vor allem für Kinder, die liegen den vier Musikern besonders am Herzen. Das Fazit nach fünf Jahren Flügelschlag-Quartett formuliert Sebastian Bartmann stellvertretend für seine Kollegen so kurz wie bündig: Dieses Ensemble mit seinem ganz speziellen Repertoire und seinen Möglichkeiten ist eine ganz starke Bereicherung für unseren musikalischen Alltag. Soviel Spekulation sei erlaubt: Béla Bartók, der immer auf der Suche nach dem Unerhörten war, hätte das gefreut. WWW.FLUEGELSCHLAG-QUARTETT.COM

Annette Eckerle,Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Neueren Literaturwissenschaft. Lebt als freie Musikjournalistin in Stuttgart. Außerdem Mitarbeit beim SWR Vokalensemble Stuttgart (Redaktion/Dramaturgie)

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Standards beherrschen, Freiheiten nutzen D i e S c h l ag ze u ga u s b i l d u n g i m I n s t i t u t Ja z z / Po p Manfred Kniel, Mic hael Kiedaisc h und Ec khard Stromer im Gespräch mit Prof. Klaus Dreher

Klaus Dreher: Jazz und Pop sind ein sehr internationaler Kosmos; speziell der Schlagzeugbereich ist geprägt von Einflüssen verschiedenster Kulturen. Ihr drei Schlagzeuglehrer der Jazz/Pop-Abteilung stammt alle aus dem Raum Stuttgart und habt auch hier studiert.Wo liegt euer heutiger künstlerischer Schwerpunkt und wie war euer Weg dahin? Manfred Kniel: Als gelernter Kaufmann, musikalischer Autodidakt und Banddrummer bin ich Ende der 70er Jahre eher zufällig bei Gyula Racz an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg gelandet. Als er dann als Dozent an die Stuttgarter Musikhochschule kam, bin ich mit und habe bei ihm ein klassisches Studium absolviert. Neben den Bandaktivitäten, die sich mehr und mehr weg vom austauschbaren Sideman mit Standardrepertoire zur individuellen Arbeit mit ganz eigenen Konzeptionen verlagerten, habe ich zum Beispiel auch 15 Jahre lang am Heilbronner Theater als fester freier Schlagzeuger v.a. Musicals gespielt. Seit 1984 unterrichte ich an der Hochschule; erst im Bereich Gruppenunterricht, später dann als Nachfolger von Pierre Favre als Drumsetlehrer. Musikalisch stehe ich aber heute ganz woanders: Klangsteinprojekt mit dem Cellisten Fried Dähn und Klaus Fessmann (Steine), Low-Down-Music mit meinem Reduction Quartett (Farrent, trp, Svoboda, trb, Veit Hübner, kb) und Fifty-Fifty-Fragmente mit Ekkehard Rössle (sax)... Michael Kiedaisch: Bernd Konrad war der Leiter der 1981 frisch gegründeten Landesjugendbigband, deren erster Schlagzeuger ich war. Ich kam vom Jazz und wollte zunächst auch nichts anderes. Bernd schickte mich zu Dai Bowen, einem mit allen Wassern gewaschenen Drummer, der aber im Hauptberuf Schlagzeuger am Staatstheater Stuttgart war. Bei ihm habe ich viel gelernt, und er hat mir dann empfohlen, bei Klaus Treßelt ein Klassikstudium zu absolvieren - Gott sei Dank! Der hat mein Interesse abseits des philharmonischen Spektrums immer unterstützt, und dementsprechend gab es dann in meiner Abschlussprüfung neben dem klassisch ausnotierten Repertoire auch zwei Jazzstücke: Im Trio am Drumset und im Duo VibraphonKlavier. So habe ich mich dort weiterentwickelt, in dem Spannungsfeld zwischen Klassik, Neuer Musik und Jazz, wo ich mich bis heute vorwiegend bewege: im Dreieck zwischen zeitgenössischer Avantgarde, frei improvisierter Musik und europäisch geprägtem Jazz, als Schlagzeuger und Komponist, oft und gerne im Austausch mit anderen Kunstformen und Künstlern. In meinen eigenen Projekten spiele ich überwiegend Mallets, also Vibraphon und Marimba. Diese Instrumente für die Drumset-Spieler zu un-

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persönlichkeiten mit feinstem taktgefühl

terrichten ist auch mein Aufgabenbereich in der Jazz/PopAbteilung der Hochschule. Eckhard Stromer: Zu Zeiten meiner Aufnahmeprüfungen Anfang der 90er gab es, anders als bei euch beiden, bereits Jazzstudiengänge an deutschen Hochschulen. Ich konnte also zwischen Klassik oder Jazz wählen - und entschied mich für beides. So hab ich zuerst bei Bernd Kremling (Klassik-Percussion) und Bill Elgart (Jazz-Drums) in Würzburg und dann bei Klaus Treßelt und Manfred Kniel in Stuttgart studiert, immer parallel. Nach dem Studium haben sich daraus drei Stränge ergeben. Ich bin in die Musicalbranche reingerutscht und habe eine feste Stelle im Palladium Theater in Stuttgart angetreten, im Bereich der Klassik spiele ich als Schlagzeugaushilfe in verschiedenen Sinfonieorchestern sowie als Drummer in unterschiedlichen Bands und Crossover-Projekten. Einerseits auf Engagement - oft im traditionelleren Jazzbereich - und dann in eigenen Bandprojekten, die von Lounge/Drum‘n‘Bass - angehauchter Musik bis hin zur Modern Mainstream JazzSchiene reichen. Neben dieser konzertanten Seite unterrichte ich seit einigen Jahren an der Hochschule zusammen mit ‚Manne‘ Kniel die Hauptfächler Drumset. Dreher: Also musikalische Internationalität nicht über ausgedehnte Studienaufenthalte in Lateinamerika oder Schwarzafrika, sondern über die vielfältigen stilistischen und instrumentalen Einflüsse und eine breite Ausbildung auf dem Fundament europäischer Klassik. Wie fließen diese künstlerischen Identitäten in euren Unterricht ein? Kniel: Erst mal über die Erfahrung, dass ein handwerkliches Fundament nötig ist. Das ist heute nicht mehr das klassische Hauptfachstudium, dafür aber die klassischen Jazzstile. Ich arbeite mit jedem Studenten ein selbstverfasstes siebenteiliges Konzept durch, in dem die verschiedenen Feelings des Banddrumming, die Roots des Drumsetspiels, behandelt werden: Mainstream, Shuffle, Brazil, Cuban, Afro A und B und Rock/Pop. Free und Experimentell gibt es dann ohne Konzept zum Abschluss... Stromer: Basisarbeit nach Bedarf des Studenten ist Pflicht. Mehr oder weniger lückenlos arbeiten wir Oldtime-Jazz, Swing, Bebop, Latin, Bigbanddrumming usw. Oft bringen die Studenten dann auch ihre eigenen Beats und Vorschläge ein, welche eine deutliche Prägung durch die heutige Musik und ihre Grooves erfahren und die sich in einem ständigen Prozeß befinden. Dementsprechend breit ist dann dadurch der Materialfundus, den ich verwende: Von Originalaufnah-

men aus New Orleans oder den 30er/40ern über die JoeMorello-Schulen und klassische Stone-Etüden bis hin zu Videos von Jojo Mayer und Antonio Sanchez. Kiedaisch: Ich vermittle den Studenten, deren Hauptfach ja das Drumset ist, Grundlagen im Mallet-Spiel. Neben den geläufigen Spieltechniken gehört dazu auch das Umsetzen des Gelernten aus Jazz-Harmonielehre, Gehörbildung und Arranging auf einem Instrumentarium, welches für mich ein Bindeglied zwischen Drumset und dem Pflichtinstrument Klavier darstellt. Ziel ist, neben dem Spielen auf Vibraphon und Marimba, auch die Fähigkeit zur Improvisation, sowohl tonal gebunden als auch frei, und den praktischen Umgang mit Skalen, Akkordfolgen und Leadsheets zu schulen. Der wichtigste Punkt ist dabei, die eigenständige kreative Anwendung zu fordern und dazu zu ermutigen...

Stromer: ... und im kommerziellen Betrieb - vom Musical über Shows bis zu Pop/Rock Bands - spielen sogar die Drummer jeden Abend annähernd jeden Schlag gleich – das Publikum erwartet ja auch die originalen Grooves! Kniel: Deshalb soll ja auch jeder die Standards drauf haben. Aber auf dieser Basis muss - oder darf - er lernen, das zu spielen, was er sich selbst vorstellt. Als sein eigener Komponist. Damit es lebendig bleibt - oder wird. Aber am Besten ist es eigentlich sowieso, wenn man das, was man gelernt hat, weglässt ....

Dreher: Sind wir hier beim Unterschied zwischen den verschiedenen Rollen der Instrumentalisten in E- und U-Musik?

Stromer: Ein Profi-Drummer muss heute viele verschiedene Sachen abrufen können, von typischen BigbandKicks bis zu Balkan-Nummern und dem sicheren Umgang mit krummen Taktarten. Darauf aufbauend ist es dann die Kunst, die Freiheiten der Musik zu finden und zu nutzen, seine individuelle Ausrichtung zu finden, seinen eigenen Stil zu entwickeln.

Kniel: Auf jeden Fall. Der typische klassische Bläser, Streicher oder Schlagzeuger interpretiert eine Einzelstimme aus dem Werk eines fremden Komponisten, während Jazz- und Popmusiker meistens mehr oder weniger selbst entscheiden, was sie spielen – auf der Basis ihres persönlichen Repertoires.

Kiedaisch: Der aktive, der kreative Umgang mit dem musikalischen Material, mit den grammatischen Regeln zu experimentieren, das ist der künstlerische Ansatz, den ich für wichtig halte. Dazu hilft das Vertrauen auf die eigene Phantasie und Musikalität, sowie eine große Offenheit.

Kiedaisch: Allerdings bewegen sich beide Seiten auch aufeinander zu, z.B. bei Cage und Stockhausen werden vom Spieler Improvisationsfähigkeiten gefordert, das Ausführen von graphischen Partituren verlangt auch von den klassisch geschulten MusikerInnen ein hohes Maß an Eigenkreativität...

Dreher: Das klingt nicht so viel anders als bei den Klassikern. Ist das eure persönliche Blues-Brothers-Dialektik? Kiedaisch: Ja klar. Deshalb machen wir ja auch beides, ... Kniel: Country... Stromer: ... und Western.

michael kiedaisch, bernd konrad, manfred kniel: kreativ, kooperativ, kongenial

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Wichtigste von Raphaels Kunstverständnis noch nicht erfasst hatte:Transformelle Komposition zielt nicht nur auf das musikalische Ergebnis, bereits das graphische und das audiovisuelle Ergebnis – der gesamte Entstehungsprozess – sind Teil des Kunstwerks. Es ist eine Komposition im Wortsinn, eine Zusammenführung verschiedener kunstgenerierender Elemente, die wir sonst nicht gleichzeitig auf der Bühne sehen. Es war der Wunsch und eine Sehnsucht verschiedenste Themen in die Musik und Kunst integrieren zu können. Seitdem ist er auf der Suche nach einer ihm entsprechenden Sprache, nach Möglichkeiten in der Kunst. Und Kompromisse will er dabei nicht eingehen. Ich entdecke ein Tattoo auf Raphaels Oberarm, „Goldmund“: Für ihn waren Kunst und Künstlerschaft wertlos, wenn sie nicht brannten wie Sonne und Gewalt hatten wie Stürme, wenn sie nur Behagen brachten, nur Angenehmes, nur kleines Glück (Hermann Hesse). Raphaels Inspirationsquellen sprudeln überall. Visuelle Reize, biografische Links oder die Auseinandersetzung mit anderen Künstlern und ihren Werken verarbeitet er in seinen Installationen und Kompositionen. Wichtig ist ihm dabei aber immer eine analytische, kognitive Herangehensweise. Seine Werke entspringen nicht einfach intuitiv seinen Emotionen oder unreflektierten Empfindungen, sie entstehen nach ausführlicher Recherche und verfügen über einen intellektuellen Unterbau, der ihnen Tiefe verleiht. Trotzdem sollen die Ar-

Immer auf der Suche Po r t r ä t d e s S c h l ag ze u g s t u d e n t e n R ap h a e l S b r ze s ny

beiten irgendwie ‚sexy‘ sein, erzählt Raphael schmunzelnd und dem Publikum so eine Tür öffnen und weiter Interesse wecken. Für seine Videoarbeit Blechtrommler erhielt er dieses Jahr u.a. den 1. Rotary-Kunst-Preis und einen Preis in den Stuttgarter Klettpassagen. In Anlehnung an den Roman von Günter Grass verwendet er darin die Blechtrommel als Instrument gegen Unrecht und Unmenschlichkeit. Ist seine Kunst politisch? Nein, sagt er, zumindest nicht politisch aktivistisch. Er sieht seine Kunst nicht im luftleeren Raum, insofern ist sie natürlich an der Gesellschaft orientiert und teilweise auch politisch engagiert. Ob er glaubt, einmal von seinen Ideen leben zu können, frage ich ihn abschließend. Er antwortet mit einem bestimmten ‚Klar!‘ Raphael Sbrzesny studiert seit dem Wintersemester 2006 an der Stuttgarter Musikhochschule Schlagzeug bei Prof. Marta Klimasara und Prof. Klaus Dreher. Parallel seit 2008 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Bildhauerei bei den Professoren Werner Pokorny, Rainer Ganahl und Christian Jankowski. Er ist Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise; zuletzt ein Stipendium des Deutschen Musikwettbewerbs sowie Aufnahme in die Bundesauswahl Konzerte Junger Künstler. Ungewöhnliches Trommelsolo auf den Fußsohlen der schwebenden Sopranistin Johanna Zimmer in Aperghis‘ Sept crimes im Foyer der Staatsoper.

Spiel, Satz und Sieg: Eine Herausforderung der besonderen Art. Kagels ‚Match‘ - hier im Schlagabtausch mit Conradin Brotbek.

von Rebbecca Zirngibl Wir treffen uns am frühen Morgen in der Hochschulmensa. Zwischen Konzerten,Videoarbeiten und Studienaufenthalten in Rom und Paris und den Vorbereitungen für die Jahresausstellung an der Akademie der Künste, sitzt Raphael an einem der hinteren Tische. Neben ihm stehen eine große, vielbereiste Tasche und Utensilien für die noch vorzubereitende Ausstellung. Voller Kalender, viel im Kopf – doch Raphael wirkt kein bisschen verschlafen oder gestresst; er nimmt sich Zeit für ausführliche Antworten auf meine Fragen und ich merke, ihm liegt daran, dass man ihn und seine Kunst versteht. Aktuell arbeitet Raphael mit einer Technik, für die er selbst den Begriff transformelle Komposition geprägt hat. Dabei nimmt er sich eine riesiglange Papierbahn, einen mit Mikrophon ausgestatteten Stift, setzt sich Musik auf die Ohren und strichelt, punktet, schraffiert und wellt die Mu-

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verliebt in das gesamtkunstwerk

sik auf das Papier und fertigt so eine graphische Partitur in Echtzeit.Während des ganzen Vorgangs werden er und seine Hand gefilmt. Die Musiker werden in den späteren Proben die so entstandene papierne Partitur und, in Form der Videos, auch eine digitale Partitur zur Verfügung haben. Diese spielen sie dann mit Hilfe einer Legende auf ihren Instrumenten. Wenn dann am Ende das Publikum die Musiker auf der Bühne hört, die durch den Raum gelegte Partitur und das Video sieht, kann es all die einzelnen Transformationsschritte, die während der Komposition stattgefunden haben, auf einen Blick nachvollziehen. Ich frage, was an diesem Verfahren denn die eigentliche Kompositionsleistung sei, schließlich sei die Musik, die entstünde, nur eine Bearbeitung eines bereits vorhandenen Werkes. An seiner Antwort merke ich schnell, dass ich etwas Wesentliches, vielleicht das

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Leidenschaft als Antr ieb Po r t r ä t d e r S c h l ag ze u g s t u d e n t i n Z h e L i n

Möchte Musik nicht nur hörbar machen, sondern auch visuell darstellen.

von Elisabeth Deffaa wie gut es sein kann, dann entwickelt man sich viel zu langsam. Besonders aufschlussreich sei es, andere Zugangsweisen zu Kompositionen zu reflektieren und somit auch die eigenen Konzepte hinterfragen zu müssen, dann würde sich am schnellsten etwas entwickeln – durch Konfrontation mit den Interpretationen anderer. Zhe Lins größter Erfolg war bisher der 2. Preis beim 5th World Marimba Competition in Stuttgart vor zwei Jahren und in diesem Sommer der 1. Preis beim Marimba-Wettbewerb in Peking. Das Wettbewerbs-Programm dafür erarbeitet sie in den Semesterferien. Ihr sei nie langweilig, meint sie. Vielleicht habe sie deshalb keine Freizeit, weil sie immer wisse, was sie machen solle. Wahrscheinlich sei das das Schicksal aller Künstler, weil es immer etwas zu üben gäbe. Für sie ist ihre Diszipliniertheit offensichtlich nicht nur Pflicht, sondern aus Leidenschaft gewachsen. Zhe Lin weiß, was sie will. Das wird schon von der ersten Minute unseres Gesprächs an deutlich. Selbstbewusst tritt sie auf, stets kreativ-individuell modisch gekleidet, diszipliniert. Ein Fotograf sagte mir einmal, sie sei eine der interessantesten Fotomodelle – ihre Energie sei so ergreifend, ihre Mimik und Gestik so ausdrucksstark, dass man sie förmlich auf dem Foto festhalten könne. Dass diese Ausdrucksfähigkeit essentiell ist für die Vermittlung von Musik auf Schlaginstrumenten, ist ihr bewusst: Du zeigst, wie du bist, wenn du Schlagzeug spielst. Und man braucht eine Persönlichkeit, um die Spannung ein ganzes Stück über zu halten. Präsent wie auf der Bühne und mit funkelnden Augen berichtet sie selbst über ihre Leidenschaft, das Schlagzeugspielen, ihren musikalischen Anspruch, ihre Vorbilder und ihre Arbeitsweisen. Mit 6 Jahren begann Zhe Lin mit dem Schlagzeugunterricht, lernte damals allerdings ausschließlich chinesischeTrommeln, bis sie mit zwölf Jahren nach Peking kam, um dort am Peking International Conservatory of Music ihr Musikabitur zu machen. Als sie 2005 in Peking Marta Klimasara zum ersten mal in einem Konzert hörte, war ihr schnell klar, dass sie bei ihr studieren wollte. Die Stuttgarter Hochschule hat ihr mit ihrer hervorragenden Ausstattung imponiert und nun fühlt sie sich nach wie vor in der großen Familie der Schlagzeuger sehr wohl: Sonst wär ich schon wieder weg! sagt sie – und das glaubt man ihr sofort. Wechsel kommen sehr schnell in meinem Leben. Sagt sie und grinst. Besonders viel Wert legt sie darauf, regelmäßig in Konzerte zu gehen und Musik live zu hören. Denn man kann sich Musik vorstellen, mit Emotionen versehen. Aber wenn man nie hört,

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Auch wenn ihr großes Ziel ist, Solistin zu werden, spielt sie gerne und erfolgreich in Ensembles. Es geht ihr dabei wie vielen anderen Musikern, die die Arbeit mit anderen schätzen, weil sie den Horizont erweitert. Ihre eigentliche Mission besteht aber darin, das Schlagzeug berühmt zu machen: Als Pianist ist man ein Künstler, als Schlagzeuger wird man nicht als Künstler gesehen, man bekommt nicht so viel Respekt entgegengebracht, sagt sie und spricht dabei vermutlich vielen Schlagzeugern aus dem Herzen. Wir sind nicht so etabliert in der Künstlerszene, dabei ist Schlagzeug das vielfältigste Fach! Dass diese Vielfältigkeit eine große Herausforderung ist, reizt sie besonders. Jedes Schlaginstrument hat seinen eigenen Charakter, ebenso wie jedes Werk: Neben den klassischen Orchesterschlaginstrumenten und Orchesterstudien gibt es mittlerweile ein breites Repertoire an Solowerken und Arrangements von älteren und alten Kompositionen. Am berühmtesten sind dabei wohl die Bearbeitungen von Bachs Cellosuiten für Marimba. Hier liegt die Herausforderung darin, die Balance zwischen der Authentizität der barocken Suiten und den spielerischen und klanglichen Möglichkeiten des Schlaginstruments zu finden. Nach ihrem Traum frage ich sie. Sie überlegt kurz und sagt dann, reflektiert und ernst wie immer: Der Lang Lang des Schlagzeugs zu sein! Nicht nur für sich selber, sondern für das Instrument: Sie verspürt das Bedürfnis, das Schlagzeug weiterzubringen, die Technik zu perfektionieren. Und ist dabei ständig auf der Suche nach der Antwort zu der für sie immer an vorderster Stelle stehenden Frage: Wie kann ich Musik zeigen? Dafür spielt und lebt sie.

bezwingt neben ihrem spiel durch eine ausdrucksstarke mimik und gestik


Es ist Mittwochabend, 20 Uhr. Ich bin mit Thomas im Cafe Künstlerbund verabredet. Das Wetter könnte besser sein und die Bedienung schneller. Thomas hingegen ist wieder einmal bester Laune, trotz eines langen Unterrichtsnachmittags, den er gerade absolviert hat. Kurzer Smalltalk, man wundert sich über Bodenplatten, die auf dem Schlossplatz verlegt werden, und einen Rad fahrenden Stuttgart 21 Gegner. Danach geht es los. Zuerst das Übliche.Thomas erzählt von seiner Jugend und wie er zur Musik kam. Neunzehnhundertdreiundachtzig in Oberbayern am Starnberger See geboren, erhält der kleine Thomas seinen ersten Schlagzeugunterricht an der städtischen Musikschule Penzberg. Nach Ausflügen in die klassische Musik (Jugend musiziert) und die experimentelle Rockmusik kommt er über ein Schultheaterprojekt und seinen Deutschlehrer zum Jazz. Er spielt auf Sessions, gründet seine erste Jazzband und besucht Konzerte in Münchens großem Jazzclub, der Unterfahrt. Anstatt sich jedoch nach dem Abitur 2002 und Zivildienst gleich vollends dem Jazz zu verschreiben, studiert er noch zwei Semester Ethnomusikologie in Bamberg. Klezmer und japanisches Musiktheater, Neue Musik und viel Philosophie prägt hier den Alltag. Nach zwei Semestern ist damit Schluss.Thomas studiert nun Jazzschlagzeug in Stuttgart. Nun wird die Unterhaltung weniger biographisch.Thomas erzählt noch kurz, dass er in seinem siebten und achten Semester in Oslo bei Thomas Strønen studiert hat und dort erste Berührungen mit freier Improvisation und Elektronik hatte. Richtungsweisende Kompositionsansätze und fast jede Woche ein Workshop mit einem hochschulexternen Dozenten, eine große Inspiration für Thomas. Wir kommen auf die Ausbildungssituation und die Dozenten in Stuttgart zu sprechen. Man merkt gleich, Thomas ist kein

Die Hochschule muss Exper imentierfeld bleiben! T h o m a s W ö r l e – e i n Po r t r ä t von Christoph Beck

Mitschwimmer. Stuttgart müsse seine Stärken ausbauen. Die Offenheit und die Freiheit, die man den Studenten gibt, müsse mehr gefördert werden. Durch Verschulung leide nur die Kreativität. Er wünscht sich mehr Zusammenarbeit zwischen dem Studio Neue Musik und dem Jazzstudiengang sowie mehr Kooperation mit dem Elektronischen Studio. In den letzten Jahren habe sich das Angebot extrem verbreitert und verbessert; durch Ensembles, die weggehen vom reinen Repertoirespiel, durch Ensembles wie die von Patrick Bebelaar, Henrik Mumm und Michael Kiedaisch. Letzter gehört als Dozent der Schlagzeugklasse an und war für Thomas ebenso wie Manfred Kniel und Eckhard Stromer ein hervorragender Lehrer. Ein großes Plus der Schlagzeugabteilung sei, dass die Dozenten so unterschiedlich seien. Man müsse allerdings schon als Student eine Vorstellung haben, in welche Richtung man sich entwickeln will. Thomas selbst will sich nun nach seinem Abschluss mehr dem Komponieren widmen - ungewöhnliche Besetzungen und Spielkonzepte, bei denen man als Musiker geistig wach sein muss. Als Orientierung nennt er hier das Ensemble Naked City des New Yorker Saxophonisten John Zorn, aber auch elektronische Musik hat großen Einfluss auf sein Schaffen. An Projekten mangelt es nicht. So spielt er regelmäßig im Jazzclub Kiste mit Wolfgang Fuhr oder lotet mit dem Abstrakt Orchester des Mannheimer Posaunisten Moritz von Woellwarth die Grenzen zwischen komponierter und freier Musik aus. Auch mit eigenen Projekten, allen voran dem Bläsersextett, welches bei seiner Abschlussprüfung Premiere feierte, will Thomas in Zukunft seine kompositorischen Vorstellungen ausleben. Gegen Ende des Gespräches wird Thomas schon fast dogmatisch: Die Hochschule muss ein Experimentierfeld bleiben! Man wünscht sich mehr solcher Studenten: starke Persönlichkeiten mit klaren Vorstellungen.

Thomas Wörle, 2003-2004 Studium der Ethnomusikologie, klassische Musikwissenschaft und allgemeine Pädagogik an der Otto-FriedrichUniversität Bamberg, seit 2004 Studium Jazz- und Popularmusik mit dem Hauptfach Schlagzeug an der Musikhochschule Stuttgart, 2007-2008 Erasmus-Stipendiat an der Musikhochschule Oslo/Norwegen. Jazz-, Funk- und Experimentalprojekte im Stuttgarter Raum.

ein musiker mit profil

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Sie berühren und erschüttern

Schlagzeugstudium – eine abwechslungsreiche Ausbildung

Sie schieben Tische durch den Raum, sie reiben Gläser, lassen Äste krachen und Kugeln auf Metall kreisen, sie springen Seil – im Konzert. Sie schrauben und schleppen, basteln und bauen, sie transportieren und helfen, sie streichen und sprechen, sie schlagen und schütteln, sie klatschen, sie dämpfen und singen und zählen, sie denken – und sie zaubern! Sie üben, sie sitzen auf dem Sofa (living room music), sie unterrichten, arbeiten, trainieren, sie konzertieren, begleiten, gewinnen (Wettbewerbe), kooperieren, improvisieren, gestalten, erfinden... Sie spielen: miteinander oder allein, Kammer, Ensemble-, Orchester- oder Opernmusik, in der Combo, in der (Big) Band, in der Schule... auf Hunderten (Tausenden) von Instrumenten aus Holz, Fell, Metall und mehr (Glas, Papier, [Kunst-]Stoff)... mit Fingern, Händen, Schlägeln, Besen, Bögen, Füßen, Sägen, (Reibe-)Stöcken, Papier, Handschuhen, Murmeln...: Geräusche und Töne (und alles dazwischen), Akkorde und Rauschen, swing und Wirbel, rimshots und Rhythmus, Signale und Effekte, Strukturen und Explosionen, Altes und Neues, Hiesiges und Exotisches, Motorisches und Gestisches, Virtuoses und Meditatives... Sie berühren (toucher), bewegen (motivieren) und erschüttern: Instrumente und uns, Kopf und Bauch. Sie be-rauschen und faszinieren. Sie treten als Team auf. Erschüttern(d)

von Prof. Markus Leoson

Ein Salut fürs Schlagzeugteam! Christof M Löser

Tja, was täte man ohne die Schlagzeugabteilung? Kaum ein Projekt von ensemble v.act, in dem nicht die Percussion eine wichtige Rolle gespielt hätte. Und immer freut man sich, wenn Schlagzeuger mitwirken. Denn sie sind grundsätzlich gut vorbereitet und engagieren sich umfassend. An Solostücke erinnere ich mich, z.B. Anja Füsti, die dem Sensenmann in Himmel, Hölle,Tod und Teufel ihre Stimme lieh. Natürlich nicht, ohne gleichzeitig virtuos ihr Set-up zu bearbeiten. Oder Lorand Madai, der in der Winterreise nicht nur den Konzertsaal mit Musik von Gerard Pape zum Erzittern brachte, sondern sich auch in einen Darsteller verwandelte. Kammermusik ist der andere große Bereich, in dem die Schlagzeuger all ihre Fähigkeiten einbringen können. Unvergesslich, wie Raphael Sbrzesny in Aperghis‘ Sept crimes auf den Fußsohlen der in der Luft schwebenden Sängerin trommelte (Komponierte Musik - komponierte Szene). Und die Auftritte von fünf Sängerinnen mit Adriana Hölszkys Vampirabile. Die Instrumentenliste umfasst 54 klingende Teile. Alle werden von Sängerinnen betätigt, die gleichzeitig singen, röcheln, sprechen oder fauchen. Warum können die das? Weil SchulmusikerInnen Schlagzeugund Gesangsunterricht haben, im Ensemble arbeiten können, weil sie verantwortungsbewusst sind und – weil sie die rückhaltlose und hoch engagierte Unterstützung durch die Kollegen der Schlagzeugabteilung erhalten. Kooperativer, der Kunst und den Menschen zugewandter kann man nicht sein. Dem Team ein herzliches Dankeschön von Angelika Luz

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Die Vielfalt der Aufgabenstellungen, die auf junge Schlagzeuger während ihrer Ausbildung zukommt, ist so groß und unterschiedlich, dass man hin- und hergerissen ist zwischen Einüben und Anwenden,Technik und Expression, Solospiel und Orchester. In meiner Laufbahn vom Studenten zum Hochschullehrer habe ich das selbst sehr wechselhaft erlebt. Als ich schon während meines Studiums an der Königlichen Hochschule für Musik in Stockholm eine feste Stelle bei der Königlichen Hofkapelle bekam, gab mir das früh Gelegenheit, meine Fähigkeiten als Orchesterschlagzeuger zu entwickeln. Regelmäßig schwere Partien für Tambourin, Triangel, Becken, Kleine Trommel oder Xylophon spielen zu dürfen war eine gute Schule, und verschiedene Instrumente, Schlägel und Techniken in vielen Aufführungen zu wechseln und ausprobieren zu können bedeutete eine phantastische Chance, den Musiker und Musikanten in mir zu wecken. In dieser Zeit lernte ich auch, mich um den Klang meines Instruments richtig zu kümmern. Gab es z.B. nur einen einzigen Beckenschlag zu spielen, so war dieser umso entscheidender und musste mit größtmöglichem musikalischem Verstand und ausgesuchtem Klang gespielt werden. Darauf auch stolz zu sein, egal ob man viel oder sehr wenig zu spielen hatte, war zwar nicht einfach, aber gerade deshalb so wichtig. Einige Jahre später lernte ich, zuerst als Solopauker im Dänischen Rundfunkorchester und danach in derselben Position an der Königlichen Oper in Stockholm, auf noch andere Weise Musik zu machen. Das Paukenspiel fordert ganz oft ein viel umfassenderes Allgemeinwissen über die gespielten Werke: wo und wie man die Initiative ergreifen soll, welche Phrasierung nötig ist, welche musikalische Funktion und inhaltliche Bedeutung das Instrument hat, Intonation, Variation der Klangfarbe usw. All das waren für mich neue Herausforderungen, die meine Musikalität weiter geschult haben und mir das musikalische Handwerkszeug gaben, das ich heute täglich anwende. Während meiner Anstellung als Solopauker begann ich auch andere Seiten stärker zu entwikkeln. Ich hatte immer wieder Kammermusik und auch solistisch gespielt, aber ab dieser Zeit häuften sich die Gelegenheiten und meine Aktivitäten und nach einer Weile nahm ich auch erfolgreich bei verschiedenen Wettbewerben teil. Jetzt durfte ich wirklich ein breites Repertoire spielen und merkte sehr schnell, dass ich meine Erfahrungen als Solist auch als Orchestermusiker umsetzen konnte. Im kammermusikalischen Bereich lernte ich viel über die Klangvorstellungen von Bläsern und Streichern, über die Unterschiede in der Phrasierung auf anderen Instrumenten. Besonders deutlich erlebte ich das in verschiedenen Duoprojekten, deshalb halte ich gemischte Kammermusik für enorm wichtig. Und umgekehrt half mir meine Orchestererfahrung sehr für

das solistische Spiel. Diese ‚Wechselwirtschaft‘ war ein tolles Erlebnis und gab mir neue Ideen, zwischen verschiedenen musikalischen Welten hin und her zu springen, die ja doch nicht so unterschiedlich sind. Diese Erfahrungen fließen alle in meine Unterrichtstätigkeit ein. Als Pädagoge arbeiten zu dürfen ist auch deshalb für den Lehrer selbst lehrreich, weil man die musikalischen Ideen formulieren muss. Die ‚Verbalisierung‘ fordert, dass man seine Pädagogik auch für sich selbst präzise definiert. Der Dialog mit den Studenten ist sehr gewinnbringend, solange man selbst offen bleibt und die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten für alle Problemstellungen sehen kann. Ich empfehle den Studenten übrigens auch, selbst zu komponieren, weil ich erlebt habe, wie hilfreich das für das musikalische Verständnis ist, kompositorische Linien und Strukturen besser verfolgen und verstehen zu können. Für diese Dinge schon im Studium offen zu sein, ist leider auch eine Zeitfrage, vor allem, wenn man so viele verschiedenen Instrumente und Techniken beherrschen soll. Eine sehr persönliche Sache ist, hier die Balance zwischen musikalischer Breite und Tiefe, zwischen Vielfalt und Spezialisierung zu finden. Wichtig sind aber in jedem Fall die verschiedenen Ensemble- und Orchesterprojekte, die man ernsthaft vorbereiten und absolvieren muss, um gute und lehrreiche Erlebnisse daraus zu ziehen. „Muggen“ zu spielen ist auch förderlich. Das kann relativ schnell zu viel werden und dann ist wichtige Übungszeit schon verloren, besonders da die Studienjahre schnell vorbei gehen und es gerade für Schlagzeuger wirklich schwer ist, nach dem Studium gute Übungsmöglichkeiten zu finden. Man kann also das Studium nicht ernst genug nehmen! Als ich vor einigen Semestern von der Stuttgarter Schlagzeugabteilung eingeladen wurde, einen Meisterkurs zu geben, habe ich bestätigt gefunden, dass die Arbeitsbedingungen hier - Abdeckung des Unterrichtsangebots durch spezialisierte Professoren, Ensemble- und Orchesterprogramm und ungewöhnlich viele Instrumente und Räume - sehr gute Voraussetzungen bieten, viele dieser wichtigen musikalischen Erfahrungen bereits im Studium zu machen. Den Studenten und ihren Lehrern wünsche ich, dass diese Gelegenheiten erkannt und bestmöglich genutzt werden - und das ist nicht immer das Einfachste. Markus Leoson, 1970 in Linköping/Schweden geboren, ist einer der renommiertesten skandinavischen Musiker, zählt zu den international bekanntesten Schlagzeugsolisten und erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen (u.a. 2. Preis beim ARD-Wettbewerb). Bereits während seines Studiums bekam er eine Stelle als Schlagzeuger der Königlichen Hofkapelle, danach war er Solopauker beim Dänischen Rundfunk und seit 1993 Solopauker an der Königlichen Oper in Stockholm. 2009 wurde er auf eine Professur an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar berufen.

spagat zwischen den musikalischen welten

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Symbiose in der Aufbruchszeit des Schlagzeugs Jasmin Kolberg im Gespräch mit ihrem Lehrer Prof. Klaus Treßelt, dem langjährigen Leiter der Schlagzeugklasse und Begründer der Stuttgarter Schlagzeugtradition, und ihrem Vater Bernhard Kolberg, Inhaber der Kolberg Percussion GmbH, Maschinenbautechniker und Schlagzeuger. Jasmin Kolberg: In einem Porträt Der Schlagzeuger Klaus Treßelt in der FAZ vom 2.11.1983 heißt es: ... sechs junge Schlagzeugstudenten stehen eingekeilt zwischen Großen und Kleinen Trommeln in einem winzigen Raum... Für mich, die inmitten von Hunderten von Schlaginstrumenten aufgewachsen ist und im Studium enorm von den komfortablen Raumund Übungsmöglichkeiten an der Musikhochschule Stuttgart profitiert hat, klingt das unvorstellbar... Klaus Treßelt: Das waren die Bedingungen, die ich 1981 vorfand und die es schnell zu verändern galt. Bernhard, du warst als Schlagzeug-Student von 1962 bis 1966 ja noch vor mir an der Hochschule.Wie war die Situation damals? Bernhard Kolberg: So wie praktisch an allen Konservatorien und Hochschulen dieser Zeit: Es gab für sechs, sieben Studenten einen kleinen Kellerraum im Gebäude am Urbansplatz, dem heutigen ‚Altbau‘. Wir hatten nur sehr wenige Instrumente, aber der winzige Raum war damit schon überfüllt. Alles war auf Orchesterstudien ausgelegt, und die Satzproben für Carmina Burana waren für uns damals das Ensemblespiel.

J.K.: In den 60er, 70er Jahren veränderten neue Kompositionen die Percussion-Musik revolutionär. Neue Spieltechniken, anspruchsvollere und umfangreichere Stimmen, Kammermusik, Solo- und Ensembleliteratur - und die neuen Aufgabenstellungen im Orchester und an den Hochschulen stellten an euch beide neue Anforderungen.

J.K.: Ein Meilenstein für die Schlagzeugklasse war 1996 der Einzug in die Räume des Neubaus der Musikhochschule Stuttgart, den ich als Studentin miterlebt habe.

K.T.: Die Schlagzeugklasse wuchs auf ca. 15 Studenten, und die hochkomplizierten Auf- und Abbausituationen der neuen Solo- und Ensemblestücke reduzierten die eigentliche Übungszeit auf ein Minimum.

B.K.: Das ist bis heute ein Vorbild für zahlreiche andere Musikinstitute; weltweit hat Stuttgart damit Maßstäbe gesetzt.

B.K.: Diese Fragen haben dich ja schon während deiner Lehrtätigkeit in Darmstadt, Frankfurt und Saarbrücken beschäftigt, und auch später als du im Kolberg Percussion Ensemble gespielt hast. Dadurch bekam ich den Anstoß, das 1964 entwickelte Kombiständersystem kontinuierlich zu erweitern, damit eine große Anzahl von einzelnen Instrumenten flexibel miteinander kombiniert werden konnte.

J.K.: In dieser Zeit fand hier ja auch ein reger Austausch mit großen Komponisten wie z.B. Boulez, Messiaen, Xenakis Penderecki und Henze statt. Was hat das für neue Entwicklungen mit sich gebracht? K.T.: Es ist ja bekannt, dass bis heute für Aufführungen mit zeitgenössischer Musik Spezialinstrumente und Sonderanfertigungen von Orchestern und Musikern aus aller Welt bei Kolberg Percussion bestellt werden. Und ich erinnere mich, wie Karlheinz Stockhausen zu deinem Vater kam. Er wollte

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B.K.: Das ist natürlich ein spektakulärer Sonderfall. Aber es stimmt, dass wir immer wieder Anfragen von Solisten, Komponisten, Ensembles und Orchestern bekommen, die ausgefallene Effektinstrumente oder individuelle Maßanfertigungen benötigen. Diese Sonderwünsche ergänzen unsere weltweit einmalige Produktpalette.

B.K.: Klaus hat ja schon sehr früh erkannt, dass die Beschränkung auf die reine Orchesterausbildung in Zukunft nicht mehr ausreichen würde, um mit der Entwicklung Schritt halten zu können. Er hat sich auch unter diesem Aspekt in den folgenden Jahren unermüdlich und mit aller Energie dafür eingesetzt, die räumlichen und instrumentalen Rahmenbedingungen für die Studenten kontinuierlich zu verbessern. Zum Glück hat die Hochschule diese Bemühungen unterstützt.

K.T.: Angeregt durch diesen freundschaftlich fachlichen Austausch hast du dein System ständig verfeinert. Außerdem konnte man jederzeit einfach bei dir in der Firma vorbeischauen und im engen beruflichen Miteinander vor Ort Instrumente ausprobieren und darüber diskutieren. Bis heute bedeutet die geographische Nähe Stuttgart - Uhingen eine privilegierte Situation für die Schlagzeugabteilung.

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für sein Werk Momente eine Basstrommel mit Glissando-Effekt über zweieinhalb Oktaven. Seine Vorstellungen waren meiner Meinung nach nicht zu realisieren. Bernhard jedoch tüftelte und konnte diese ausgefallene Idee umsetzen.

K.T.: Mit der Eröffnung konnte die Schlagzeugklasse tatsächlich eine den heutigen Anforderungen genügende Ausstattung an Instrumenten und Räumen in Besitz nehmen.

K.T.: Der fachliche Austausch und die freundschaftliche Zusammenarbeit mit dir und deinen Mitarbeitern in all den Jahren bedeuteten natürlich auch eine außerordentliche Hilfe. Gerade unsere Aktivitäten mit dem inzwischen gegründeten Percussion Ensemble Stuttgart, nicht zuletzt auf unseren internationalen Gastspielreisen, wären ohne deine Unterstützung so nicht möglich gewesen.Tatsächlich konnten wir beispielsweise die groß besetzten Ensemblestücke, die z. B. Adriana Hölszky für uns komponierte, nicht alleine bewältigen und haben von der Großzügigkeit mit Instrumentenausleihen und Unterstützung beim Transport durch Kolberg Percussion sehr profitiert. Auch Meisterklassen mit Gordon Stout, Leigh Stevens, Keiko Abe oder David Friedman, waren weitere Projekte, die umfangreich von Bernhard unterstützt wurden. J.K.: Diese Kurse sind ein Beispiel dafür, wie du die Entwicklung der Marimba zum Soloinstrument der Schlagzeugfamilie und die wachsende Bedeutung internationaler Kontakte erkannt und voran getrieben hast, besonders durch die Gründung des WettbewerbsWorld Marimba Competition in enger Zusammenarbeit mit Keiko Abe. Stuttgart hat diesen Wettbewerb im Wechsel mit asiatischen Partnern 1996, 2002 und 2008 ausgerichtet - mit Teilnehmern aus allen Kontinenten. Die Klasse hat davon enorm profitiert, viele ehemalige Stuttgarter Studenten sind heute international bekannte Solisten, Professoren oder profilierte Orchestermusiker. Wie seht ihr die Zukunft im Studienfach Schlagzeug?

B.K.: Die Situation in Stuttgart ist hervorragend, aber andere Ausbildungseinrichtungen haben aufgeholt und die Anforderungen entwickeln sich mit der Musik immer weiter. Deshalb dürfen sich Institutionen oder wir als Instrumentenhersteller nicht auf dem Erreichten und dem Stand von heute ausruhen. K.T.: Die junge Generation steht vor anderen Herausforderungen. Die äußeren Arbeitsbedingungen sind zwar unvergleichlich besser, aber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden natürlich schwieriger. So wird es immer wichtiger, die Unterrichtsstrukturen so zu gestalten, dass angehende Schlagzeuger ohne Illusionen auf den immer härteren Konkurrenzkampf vorbereitet werden. Die Bereitschaft zur kollegialen Zusammenarbeit zwischen den Percussionabteilungen deutscher und auch internationaler Hochschulen hat sich inzwischen erfreulich positiv entwickelt. Die damit verbundenen Möglichkeiten und das überaus große musikalische Spektrum der Percussionmusik weltweit machen mich zuversichtlich, dass junge Schlagzeuger auch zukünftig mit guten Perspektiven ihren Weg gehen werden.

Jasmin Kolberg studierte klassisches Schlagzeug an der Musikhochschule Stuttgart bei Prof. Klaus Treßelt und schloss 2000 mit Auszeichnung ab. Im Anschluss studierte sie Marimba in der Solistenklasse von Prof. Eric Sammut am Conservatoire Supérieur de Paris und bei Leigh Stevens in New York sowie bei Robyn Schulkowsky in Berlin. Sie absolvierte Meisterkurse bei Gordon Stout, Keiko Abe und Michael Burritt. Sie war Preisträgerin von Wettbewerben wie der ‚2nd World Marimba Competition‘ Okaya, Japan, und dem Stipendienwettbewerb der ‚Yamaha Foundation of Europe‘. Sie gibt Meisterkurse an europäischen Musikhochschulen und ist Jurymitglied in internationalen Schlagzeugwettbewerben. Sie ist Dozentin für Marimba an der Royal Scottish Academy of Music Glasgow und an der Musikhochschule Mannheim.

virtuoses trio: jasmin & bernhard kolberg mit klaus treßelt

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D a s Tr a u m s t ü c k ü b e r d i e Tr ä u m e N o t i ze n z u „ E i n S o m m e r n a c h t s t ra u m “ vo n W i l l i a m S h a k e s p e a re von Gerd Heinz

Es gibt berühmte Stücke, berüchtigte Stücke, von allen bewunderte Meisterwerke, und es gibt Kunstwerke, die ins Grundwasser unseres kulturellen Unterbewusstseins gesickert sind. Dazu gehört Shakespeares Sommernachtstraum, genauer A Midsummer Night‘s Dream, ein Stück, von dem die meisten schon gehört haben, auch wenn sie nicht ins Theater gehen, nicht lesen, und zu dem selbst denen noch bildhafte Assoziationen einfallen, deren Götter sonst Penelope Cruz, Michael Jackson oder Lionel Messi heißen. Das hat natürlich zum einen mit dem magisch evokativen Titel zu tun, dessen Hallraum von den Ritualen der Sommersonnenwende bis zu den persönlichen Erinnerungen an eine angenehme Sommernacht reicht, aber auch mit den subkutanen Wirkungen einer Dichtung, die vor vierhundert Jahren in kompakter und komplexer Form den Urgegensatz zwischen Illusion und Realität durchdekliniert, eine Traumfabel über das Unbewusste erfindet, Fantasie und Rationalität spielerisch und komisch durcheinander wirbelt und ganz nebenbei Freuds Traumdeutung und Jungs Individuationslehre vorweg nimmt. Dabei ist die Geschichte dieses Stückes – höchstwahrscheinlich als Auftragswerk für eine Adelshochzeit 1596 entstanden – alles andere als eine durchgehende Erfolgsgeschichte wie Mozarts Don Giovanni zum Beispiel oder Da Vincis Abendmahl. In der elisabethanischen Zeit sehr erfolgreich, verkommt das Werk nach der vierzigjährigen puritanischen Theaternacht zur additiven, barocken Pompballade mit Umzügen und spektakulären Einlagen; gilt als misslungen, weil es dem herrschenden französischen Geschmack mit seinem antikisierenden Diktat der drei Einheiten nicht entspricht, und wird von seiner überladenen Theatralik erst 1843 in der Aufführung (und Übersetzung) von Ludwig Tieck befreit sowie in der Londoner Inszenierung von Charles Kean 1856. In beiden Aufführungen spielt übrigens Mendelssohns Musik eine wichtige Rolle. Aber auch die neuerliche Erfolgstradition ging an wesentlichen Elementen des Meisterwerks leichtfertig vorüber. Und obwohl die komplexe Struktur des Stückes page und stage, Wissenschaft und Bühne, gleichermaßen vielfältigste Interpretationsmöglichkeiten bot, entschied sich die Bühne weitgehend für eine Lesart des romantischen Märchens, meist eines Weihnachtsmärchens. Trotz der frühen kritischen Einwände eines William Hazlitt in England und eines Theodor Fontane in Deutschland dauerte es bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bis William Shakespeares geniale Konstruktion wieder frei gelegt wurde. (Noch in den fünfzehn Versionen Max Reinhardts und auch

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noch in seinem Hollywoodfilm aus dem Jahre 1935 hüpfen Scharen von tüllgewandeten Elflein durch die Szene, wird ein Kindpuck von einem Einhorn besucht und wurde in den Berliner Aufführungen Waldmeisteraroma versprüht...) Dann, 1966 in Salzburg bei Leopold Lindtberg und vor allen Dingen 1969 bei Peter Brook in London, kam die Wende. Beide ließen Oberon und Theseus und Hippolyta und Titania jeweils von einer Person spielen, betonten also das Verdrängungsmoment, aber besonders Brook schaffte etwas Gültiges: die Entrümpelung der Szene, die unpsychologische Spielweise tiefer psychologischer Einsichten. Das ist ja Shakespeares Kern: in seinen großen Stücken entlässt er uns nach erschütternder oder komischer Artistik (oftmals beides dicht neben einander) mit Einsichten in unsere desolate, wunderbare, jämmerlich großartige Natur, die wir nie wieder vergessen. Hier im Sommernachtstraum arbeitet er auf besonders komplexe Weise mit scheinbaren Märchenstrukturen, die in Wirklichkeit Verdrängungs- und Traumstrukturen sind. Auf zwei Bedeutungsebenen:Tag und Nacht, drei Gesellschaftsebenen: Oberschicht, Handwerker und Walddämonen und vier Handlungsebenen: dem Hof, den Liebenden, der Laientruppe und den Geistern erzählt er uns von der Individuation vierer Liebender, die erst durch den Schrecktraum einer Gefühlsverwirrung zu Personen werden; von zwei ungleichen Paaren wie Theseus und Hippolyta oder Oberon und Titania, wo erst die Obsession animalischer Liebe durchlebt und ausgeträumt werden muss, um wieder frei für einander zu sein; er erzählt uns von dem höchst sonderbaren Traum eines schlichten Arbeiters mit Theaterambitionen, den dieser zu einer Oper umbauen lassen will; er erzählt uns von Zwang und Anarchie, von Realität und Illusion, von Ordnung, Fantasie,Traum, Sexus und Liebe. Und er krönt das alles in dem Schauspiel dieser legendären Handwerkertruppe, wo all diese Themen noch einmal auf erschütternd komische Weise wiederholt und den neu vereinten Paaren zur befreienden Reflexion angeboten werden. Die Illusionskraft des Theaters wird beglaubigt durch seine Realitätskraft. Und nach 1970 haben es alle gewusst, so als sei es immer so gewesen: dass Wald bei Shakespeare immer Natur heißt, und Natur nicht Bäume und Tiere sind, sondern das pure Sein als urtümliche Kraft; dass die Waldgeister keine niedlichen Geschöpfe sind, sondern Auslagerungen Freudscher Untiefen oder Jungscher Verwirrungen; dass Goya oder Hieronymus Bosch Shakespeare näher stehen als Watteau oder Schinkel; und dass uns Shakespeares Geister immer über die Schulter gucken, wenn wir das Lächeln einer Sommernacht oder


Es spielen Schauspielstudenten im 2. und 3. Studienjahr an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst: Meda Gheorghiu-Banciu, Jenny Langner, Anna Oussankina, Elena Weiß; Michel Brandt, Lukas Engel, Steffen Happel, Sascha Werginz und Stephanie Biesolt, Shari Crosson, Henrike Hahn, Nora Quest;Yasin El Harrouk, Jonathan Hutter, Benjamin Jansen, Maik Rogge Regie: Gerd Heinz Bühne und Kostüme: Kersten Paulsen Dramaturgie: Franziska Kötz Premiere: Freitag, 8. Oktober 2010 Wilhelma Theater Weitere Vorstellungen am 9., 10., 15., 16., 17., 21., 22., 29., 30., 31. Oktober und am 4., 5., 6., 7. November 2010 Beginn um 20 Uhr, sonntags um 19 Uhr; Vormittagsvorstellungen am 20. und 28. Oktober, Beginn um 11 Uhr

A Midsummer Night‘s Sex Comedy sehen, wenn wir Ingeborg Bachmann lesen oder Picassos Liebende betrachten oder wenn wir Britten, Orff oder Purcell hören; dass große Kunstwerke manchmal lange schlafen (oder träumen?), bis sie geweckt werden, aber immer schon da waren auf dem Grund unserer Seele.Wie Zettels Traum. Die Beschäftigung mit dem Sommernachtstraum ist immer ein Fest. Für alte wie für junge Schauspieler, besonders für ganz junge, wie hier die beiden Klassen, die sich zusammen tun, damit wir das Stück in seinem ganzen Reichtum erarbeiten können. Hier können sie alles zeigen, was sie gelernt haben, und sie können es zeigen in einem Meisterwerk voller unverbrauchter Lebensintensität. Welthaltigkeit nicht als tagespolitische Aktualität, sondern als potenzierte, geformte Wahrheit über uns selbst. Ein Traum, was sonst? SHAKESPEARE: EIN SOMMERNACHTSTRAUM - INHALT

Am Hof von Athen will Herzog Theseus endlich seine Hippolyta heiraten, die aber nicht unbedingt ihn. Auch den Untertanen ergeht es in Liebesdingen nicht viel besser: Helena liebt Demetrius, Demetrius aber liebt Hermia, Hermia liebt Lysander und Lysander wiederum liebt Helena – da hilft nur die Flucht in den Wald, die Liebenden voran, die Eifersüchtigen hinterher. Ein lustvoll liebestoller Sommernachts-Alptraum beginnt, sein Dirigent ist der Waldgeist Puck, Diener des ebenfalls zerstrittenen Königspaares im Feenreich, Oberon und Titania. Mithilfe einer Zauberblume bewirkt Puck, dass sich die Falschen in die Richtigen und die Richtigen in die Falschen verlieben. In diesem Dickicht der Gefühle, dieser Midsummermadness, kann selbst ein Esel zum Liebesgott werden.

Gerd Heinz, geboren 1940 in Aachen. Schon während der Schulzeit am Kaiser-Karls-Gymnasium Gründung einer Theatertruppe (Die Stufe). Nach dem Abitur Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Köln; parallel Ausbildung zum Schauspieler und Regisseur an der Schule des Theaters Der Keller und erste Rollen in Fernsehen und Theater. Dann, ab 1962, in Doppelfunktion als Regisseur und Schauspieler über die Theater Aachen, Kiel, Essen, Schauspielhaus Hamburg, Schauspielhaus Bochum 1970 an das Staatstheater Darmstadt; dort Schauspieldirektor und Stellvertretender Intendant bis 1973.Ab da nur noch gelegentlich als Schauspieler tätig, selten am Theater, vorwiegend im Film und Fernsehen. Ab 1973 Hausregisseur am Thalia Theater Hamburg (Boy Gobert). Gastinszenierungen am Theater Bonn, bei den Hersfelder Festspielen, am Wiener Burgtheater und am Wiener Volkstheater. Gelegentliche Arbeiten am Musiktheater (Krefeld, Hamburg, Zürich). Ab 1978 regelmäßige Arbeiten am Züricher Schauspielhaus, 1980 bis 1982 Hausregisseur, 1982 bis 1989 Intendant dieser Bühne. Ab 1989 Hinwendung zum Musiktheater, Arbeiten in Darmstadt, Düsseldorf, Hannover, Essen, Dresden, Madrid, Bern u.a., aber auch noch regelmäßige Schauspielinszenierungen am Staatstheater Hannover (1990 bis 1993) und am Münchner Residenztheater (1993 bis 2000).Von 1993 bis 1997 Leitender Regisseur des Musiktheaters und Mitglied der Operndirektion an den Städtischen Bühnen Freiburg.Von 1997 bis 2008 Professor an der Hochschule für Musik, Freiburg. Seit 2009 wieder freier Regisseur für Musiktheater und Schauspiel.

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Der Beflügelte Für Michael Huthmann von Peter von Becker

Michael Huthmann gehört im deutschen Theater und seinen mal ferner, mal näher angrenzenden Wissenschaften zu den wahren Geistern. Einer der letzten. Natürlich ist er selber kein Geist, auch wenn das in einer besonders geisterhaften Phase schon mal behauptet wurde. Michael H. ist ein höchst lebendiger und schon darum höchst liebenswerter Mensch. Doch im Geist lebt ja mehr: das Phänomen und das Phänomenale; die Macht der Einbildung, die Phantasiekraft jenseits aller instrumentellen Vernunft; das Geheimnisvolle und Transzendente (der Welt berühmtestes Theaterstück beginnt mit einer Geisteserscheinung); dazu Witz und Aberwitz sowie ein im Nüchternen manchmal kaum ergründlicher, weil aus den Tiefen der Schwermut oder der vollkommenen (paradiesischen) Naivität aufsteigender ansteckender Enthusiasmus. Also die Fähigkeit, andere mit der eigenen Begeisterung für eine Idee, ein Werk oder einen Menschen anzustecken und in einen höheren Zustand der Freude und Erfahrung zu treiben. Michael Huthmann ist so ein Begeisterer. Mich hat er vor gut 30 Jahren auf einer Brücke über der Wupper, wo schon die Geister der Lasker-Schüler spukten und jene der Pina Bausch noch tanzen, mit einer so wundervollen, von der Eloge über die Suada in den Sirenengesang sich emporschwingenden Rede entflammt, dass ich meine gerade aufstrebende Theaterkritikerkarriere dahingab und ihm in seinen Beruf des Dramaturgen gefolgt bin. Es ging damals nach Frankfurt am Main, wo wir zusammen mit den Kollegen Wolfgang Storch und Burkhard Nemitz die Quadriga einer ungemein ambitionierten Schauspieldramaturgie unter den neuen Direktoren Wilfried Minks und Johannes Schaaf formierten. Der schöne Anfang endete freilich bald im Desaster, denn die jahrzehntelangen Freunde Minks und Schaaf verkehrten nach einiger Zeit nur noch per Anwalt miteinander.Worauf ich Michael irgendwann, als er gerade von seiner immer montäglichen großen Kleist-Vorlesung als Professor an der Universität von Heidelberg ins Büro zurückgekehrt war, den Vorschlag machte, die gesamte Dramaturgie des Schauspiel Frankfurts möge aus Protest, Mitverantwortung und Selbstachtung kollektiv zurücktreten. So taten wir es. Was dazu führte, dass es vier Menschen mit ihrer für die größere Öffentlichkeit völlig geisterhaften Berufsbezeichnung „Dramaturg“ ganz oben auf die Titelseite sogar der Rhein-Main-Ausgabe der „Bild“-Zeitung brachten. Obwohl schon einigermaßen mediengewohnt, dachte ich, dass dies im Leben eines Dramaturgen ein ein-

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maliger Höhe- und Tiefpunkt bleiben würde. Später bin ich dann zum Journalismus und zum Schreiben zurückgekehrt, dabei freilich dankbar für die überaus spannenden Erfahrungen im Innersten eines deutschen Schauspielhauses. Unsere damaligen Direktoren nennt Michael bis heute in größter Heiterkeit „Willy und Johnny, die Heiratsschwindler“, das alles hat an unserer Freundschaft mit den beiden Künstlern übrigens nie etwas geändert. Michael Huthmann besitzt zu viel souveräne Ironie (und somit Selbstironie) um je ideologisch eifernd zu werden; zudem verfügt er neben seinem brillanten Wissen über eine zu große Herzensbildung, um unter all den streitbaren, intrigebegabten, mit bisweilen mehr Talent als Charakter (gelegentlich auch: umgekehrt) gesegneten Theaterkünstlern wirkliche Feinde zu haben. Er hat vielmehr schier unendlich viele Freunde, Sympathisanten, stille Bewunderer. Sie haben, das war denn doch ein bemerkenswertes Zeichen von Charakter in diesem windigen wunderbaren Gewerbe, alle zu ihm gehalten, als jene Professur in Heidelberg sich als Phantom seines Geistes entpuppte und er, er allein, es dann doch noch mal auf die Titelseiten sogar der Boulevardpresse schaffte. Dabei ist der „falsche Professor“ H. nicht nur de facto längst ein wahrer Professor, nein, er, der wie kaum ein anderer im Wachrufen von philosophischen und poetischen Gedanken oder eben auch in der erleuchtenden Schilderung des schattenhaft flüchtigen schauspielerischen Gestus die von Walter Benjamin beschworene Kunst der „deskriptiven Analyse“ beherrscht, er scheint zum Lehren, zum Bilden, zum Aus-Bilden von Kriterien angesichts der Kräfte des Imaginativen wirklich geboren zu sein. Der größte Autor, von dem es kein Buch gibt. Michael Huthmann hinterlässt Spuren nur im Gedächtnis derer, die ihn bei der allmählichen Verfertigung des Gedankens bei Lesen und Reden erleben dürfen. Das sollte auch künftig weitergehen. In Hörsälen, auf Probebühnen, wo auch immer: mit fabelhaftem Gewinn. Ein Rhetoriker ohne jenen hohlen Prunk der Rede, den Montesquieu seinen Landsleuten vorwarf. Michael H. ist gebürtiger Hesse, aufgewachsen in Büchners Darmstadt, in seinem erotisch wit-

zigen und zugleich manchmal schwermütigen Wesen ist er ganz auch ein deutscher Romantiker, mit einem Hauch englischem Dandy und gezeichnet von den liebenswerten Abgründen eines Leopardi, der vor fast 200 Jahren in seinem philosophischen „Zibaldone“ schon alles Wesentliche zum Verhältnis der Einbildungskraft, Selbsttäuschung und Vernunftbehauptung bei den „höher gearteten Geistern“ geschrieben hat. Als Lehrer und Dramaturg gleicht Michael Huthmann einem Hermes der Gegenwart. Bote, Mittler, ein Go-between, immer unterwegs zwischen Theater und Leben, Gedanke und Rat, Poesie und Geistesgeschichte. Hermes, der olympische Bote war übrigens auch der Gott der Schauspieler und der Diebe. Statt eines Paars Engelsgefieder hatte er gleich zwei Paar Flügel: an den Fersen. Michael Huthmann gibt sein Fersengeld nicht der Lufthansa, sondern der Bahn.

Er kennt alle Theater- und Universitätsbahnhöfe Mitteleuropas. Seine wohl liebste Bahnstrecke ist allerdings eine kleine, feine ganz in des Engadins Höhen. Nach Sils Maria, in die Geistesluft. Er selber war ja Adorno-Schüler, und zum Besten, was er gelernt und nun selber gelehrt hat, gehört diese Einsicht: dass ästhetische Intelligenz auch einen moralischen Kern hat. Künstlergenies sind zwar im Leben nicht weniger verführbar zu Korruption, Verrat oder auch nur Feigheit wie alle anderen Menschen. Aber es gibt kein gutes nazistisches oder stalinistisches Gedicht, kein Diktatoren verherrlichendes Drama von Rang, keines von Attika bis Nordkorea. Kunst braucht die inneren Widersprüche. Davon erzählt Michael Huthmanns Kunst der Deutung und Darlegung, davon zeugt sein lebendiger Geist.

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VorOrt M u s i k t h e at e r i n ve r b o r ge n e n R ä u m e n o s s i a W i e u n t e r r i c h t e t m a n M u s i k t h e at e r ?

Die schönste Open Air-Bühne Stuttgarts: Die Turmterrasse der Musikhochschule.

von Bernd Schmitt

Oper ist sicher die komplexeste Kunstform, wobei es sich hier nicht um ein Qualitäts- sondern zunächst einmal schlicht und ergreifend um ein Quantitätsmerkmal handelt. Ein Plot, aus dem ein Text wird, zu dem eine Musik geschrieben wird. Der Plot mag zertrümmert werden, der Text schließlich weggelassen, beide bleiben aber virulent. Über diese Dreischichtung macht sich dann ein Inszenierungsteam her, kommentiert mit Handlungen, Vorgängen, Bewegungen, Bühnenbild, Licht und Kostüm die Ausgangssituation. Im schlechtesten Fall versucht der Texter/ Komponist die Inszenierung bereits in seinem Werk festzuschreiben. Nicht weiter ausdeutbare Libretti und ein Wald

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von Regieanweisungen sollen die tatsächliche Gestalt des Werkes in der Zeit möglichst festschreiben. Im besten Fall haben wir eine Trennung von Werk und Inszenierung, die Hoffnung auf einen immer wieder neu zu beleuchtenden, neu zu belebenden Inhalt. Wer aber soll ein solch komplexes Gebilde unterrichten? Ein Dramaturg? Ein Komponist mit Erfahrung? Erfahrung in was? Ein Regisseur? Vermutlich braucht eine solch ausgereifte Kunstform auch eine ausgereifte Autorenpersönlichkeit, die sich während ihrer Reifezeit von verschiedenen Richtungen bestrahlen lassen sollte. Hier tut Zu-

sammenarbeit Not. Der Austausch mit Kollegen anderer Zünfte, mit Schriftstellern, Dramatikern, Komponisten, Regisseuren wird die Möglichkeiten erweitern. Ob es für die Komponisten immer klug ist, den Wagner zu machen oder den Aperghis und sein eigener Librettist und Regisseur sein zu wollen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Doch neben allen Überlegungen und Schreibtischtaten gibt letztlich doch nur die Praxis, sprich: die Aufführung, Auskunft über die Wirksamkeit der angewandten Mittel. Dies war der Ausgangspunkt für VorOrt. Nach der Theorie sofort die Praxis. Doch in welcher Form können sich einige Kompositionsstudenten, die ein Opernseminar besucht haben, ausprobieren?

beschränkten Platzangebotes können wir nur eine kleine Gruppe von Zuschauern zulassen und entschlossen uns, immer zwei der 6 Szenen gleichzeitig zu spielen, so dass zwei Zuschauergruppen an verschiedenen Orten aber simultan die Aufführung sehen konnten. Acht Minuten bleiben dem Publikum zum Ortswechsel, so dass wir mit 6 x 20 Minuten, also in zwei Stunden, 6 verschiedene kleine Opernszenen zeigen können. Die Vielfalt der abgegebenen Partituren lässt auf sehr unterschiedliche Darbietungen hoffen. Sie reichen von eher klassisch vom Dialog-Libretto ausgehenden Werken, über solche mehr installativen Charakters, bis zu nahezu textlosen Szenen oder solchen mit völlig zertrümmerter Erzählstruktur.

Ohne Theater und ohne wirklichen Etat war unsere Idee schließlich Folgende: 6 Kompositionsstudenten suchen sich in der Hochschule („vor Ort“) je einen Raum, für den sie eine 12minütige Musiktheaterszene schreiben. Eine Führung von Herrn Raba durch die Technikebenen im Keller zeigte uns wunderbar auratische Orte, die auf eine Bespielung geradezu zu warten schienen. Aufgrund des

VERANSTALTUNGSHINWEIS

Die Aufführungen finden statt am 15. und 17. Oktober, jeweils um 19 Uhr, am 14. Oktober gibt es, ebenfalls um 19 Uhr, eine öffentliche Generalprobe. Neben einer Führung durch die inneren Räume der Figuren wird es auch eine Führung durch ansonsten zum Teil verborgene Räume des Hochschulgebäudes geben.

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ger im beglückenden Schaffensrausch verknoten, unterstützt der Dramaturg die künstlerische Befruchtung der einmaligen Konstellation mit kritischen Mitteln in homöopathischen Dosen. Hat sich das Berufsbild, bzw. die dramaturgische Praxis deiner Erfahrung nach in den letzten Jahren verändert? Und wenn ja, inwiefern?

Lieber Frederik, die letzten 17 Jahre hast du als Schauspieldramaturg an verschiedenen Theatern u.a. in Berlin und Dresden gearbeitet, zuletzt warst du am Staatstheater Stuttgart engagiert. Als Dramaturg wird man ja immer wieder gefragt, was das denn eigentlich für ein Beruf sei. Wie beantwortest du diese Frage?

Dramatisch. Gelernt hab ich unter Dieter Sturm, was ein Dramaturg sein konnte: Im Alltag wie bei Spielplan- und Stückkonzeptionen ein bildreiches, lebendes Lexikon, spannend wie ein Krimi: unwissenschaftlich leidenschaftlich in der Wissensvermittlung. Den Probenprozess förderte er kontinuierlich durch druckreifes Formulieren sowohl seiner detaillierten Beobachtungen als auch klarer Handlungsanalysen des inszenierten Ablaufs. Sicher: Als Dramaturg war Dieter Sturm schon in seiner Zeit in der Theaterwelt eine kostbare Ausnahme, an der sich aber jeder messen lassen musste. Dieser Maßstab befindet sich seit Jahren buchstäblich im Ruhestand. Nachfolgenden Dramaturgen muss er wie ein Dino-

Künstler ische Befruchtung m i t k r i t i s c h e n M i t t e l n i n h o m ö o p at h i s c h e n D o s e n F r e d e r i k Z e u g k e, a b d e m W i n t e r s e m e s t e r 2 0 1 0 / 1 1 D o ze n t f ü r D ra m a t u r g i e u n d T h e o r i e d e s T h e a t e r s a n d e r S c h a u s p i e l s c h u l e, i m G e s p r ä c h m i t F ra n z i s k a K ö t z Eine Frage, die tatsächlich über die Jahre in verschiedenen Umfragen gestellt wurde – in der Summe der unterschiedlichen Antworten hat das durchaus Unterhaltungswert. Aber das konkrete Arbeitsfeld des Dramaturgen ist auch extrem vielseitig und wechselhaft, es hängt vom jeweiligen Theaterhaus ab, von der personellen Konstellation des festen Leitungsteams sowie den künstlerischen Persönlichkeiten, mit denen man für eine Produktionszeit eng verbunden ist. Und nicht zuletzt natürlich vom eigenen Selbstverständnis. Zurzeit ist mir am nächsten der Vergleich des Dramaturgen mit dem einer Hebamme: Beide werden überwiegend weiblich besetzt, man erinnert sich hier wie dort nur in problematischen Fällen ihrer Existenz und Bedeutung. Auch sind sie die Nächsten am Geschehen, wenn etwas unbeschadet und lebenstüchtig in die Welt gebracht werden soll. Und sie sind nicht selbst die Urheber, sondern unterstützen andere darin. Denn während sich die Erzeu-

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saurier erscheinen, denn sie haben nur in seltenen Fällen die Möglichkeit, ihr Arbeitsfeld nicht zu verlieren an den kaufmännischen Multitasking- und Eventbetrieb, den man inzwischen wie selbstverständlich dem Begriff Dramaturgie zuordnet. Das ist jetzt keine Litanei, denn Das Theater ist ein Unternehmen, das Abendunterhaltung verkauft. (Bertolt Brecht) Der Schwerpunkt hat sich nur weiter verändert... Wozu überhaupt brauchen Schauspielstudierende dramaturgischen Unterricht? 1. Weil er zu einer Entdeckungsreise anregen kann in andere Zeiten, Köpfe, Herzen. Klingt romantisch, ist aber so. 2. Pragmatisch genommen: Weil er Orientierung geben kann. Wenn man tatsächlich Neuland entdecken will, muss man wissen, was das Alte gewesen war und wie es heute ist. 3. Aufklärerisch verstanden: Weil jede Ausbildung aus

Bildung erwächst. Jede Bildung gründet auf Bildern, die man für sich sammeln, abrufen und erschaffen können sollte. Dabei hilft der dramaturgische Unterricht, indem er die Wahrnehmung schult, die Oberflächen, Schichten und Strukturen analysieren lehrt, sowie die Fähigkeit ausbildet, nicht nur nachzuahmen, sondern auch eigene Perspektiven zu entwickeln. Also fundiert eigene Standpunkte einzunehmen, vielleicht sogar, das ist das Seltene: einen eigenen Stil zu finden. Dramaturgie ist ein bisschen wie Tanzunterricht: Die Schritte werden anfangs einzeln bewusst gemacht, analysiert, verschieden kombiniert, ehe all das verinnerlicht und schwerelos getanzt werden kann. Was zeichnet deiner Meinung nach einen guten Lehrer aus? Weniger wichtig ist es, Fragen zu beantworten. Entscheidend ist, die Studenten anzuregen, zu fördern, Fragen selbst zu entdecken, genau zu durchdenken und einfach zu formulieren. – Kurz: Ein gemeinschaftlich geführter Findungsprozess, das zeichnet den ‚guten‘ Lehrer aus. Seit einigen Jahren sieht man auf den Bühnen - man kann sagen: europaweit - immer öfter sogenannte „Spezialisten des Alltags“, also Laien, die sich selbst „darstellen“. Andererseits ist seit neuestem vom Schauspieler als „Autor“ die Rede. Wie sollte eine Schauspielausbildung auf dieses Spannungsfeld von Ansprüchen seitens der Theater reagieren?

Was zeichnet deiner Meinung nach - ganz grundsätzlich - einen gut ausgebildeten Schauspieler aus? Das Bewusstsein, noch nicht ausgebildet zu sein. Am 4. Oktober beginnt dein erster Hochschultag. Was erwartest, erhoffst, befürchtest du? Ich erwarte: den ersten Jahrgang an seinem ersten Tag. Darauf freue ich mich riesig! Ich hoffe: dass er die nächste Woche wiederkommt. Ich befürchte: er tut’s. Frederik Zeugke, 1968 in Elmshorn (Schleswig-Holstein) geboren, Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, 1994 Abschlussarbeit bei Dr. Ulrike Haß und Prof. Henning Rischbieter zur Theorie und Praxis theaterwissenschaftlicher Rezeptionsweisen. Ab 1994 an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin zunächst als Assistent Dieter Sturms, dann als Dramaturg ebendort, in Paris, dem Staatsschauspiel Dresden, Berliner Ensemble und Staatstheater Stuttgart. Künstlerischer Leitung am Schlosstheater Dresden und des Theaters im Depot in Stuttgart. Zusammenarbeit mit Luc Bondy, Andrea Breth, Christian Brey, Edith Clever, DREI, Elmar Goerden, Anja Gronau, Eike Hannemann, Klaus Dieter Kirst, Irmgard Lange, Stefan Nolte,Yoshi Oida, Claus Peymann, René Pollesch, Johanna Schall, Ernst Stötzner, Philip Tiedemann, Hasko Weber, Klaus Weise,Tobias Wellemeyer u.a. Anzeige

Die genannten Beispiele sind ja nur zwei von vielen lebendigen Theaterästhetiken. Die Theater reagieren damit sowohl auf gesellschaftliche Veränderungen als auch auf potentielle neue Zuschauerschichten. Eine Schule wiederum kann unmöglich zum Laientum „ausbilden“, sie ist aber auch kein Kloster, das die reine Lehre jenseits des Alltags unbeirrt weiterbetet. Und ein Schauspieler sollte unbedingt etwas Besonderes zu erzählen haben! Dieses Persönliche, das ja einmal Persönlichkeit ausmachen soll, ist nur selbst zu erfahren und nicht durch andere zu erlernen. Hier rumort der unstillbare Hunger nach ‚Authentizität‘ ganz gewaltig. Natürlich macht das eine starke Anziehungskraft aus, ‚das Echte‘. Das versuchen Schauspieler bereits seit geraumer Zeit zu spielen. Sie sollten das nicht aufgeben, sondern ästhetisch ausbauen. Du hast an den verschiedenen Theatern immer wieder mit Schauspiel-Eleven, mit Berufsanfängern zu tun gehabt. Was scheint dir aus Sicht deiner theaterpraktischen Erfahrung wichtig zu sein, speziell den Absolventen für deren Einstieg in den Beruf mitzugeben? Keine Angst vor Unwissenheit, Erfahrungsarmut und Fragen zu haben. Die besten Schauspieler sind jene, die nicht zu wissen glauben und auf der Suche bleiben. Die Jüngsten haben für diese Haltung nicht immer das richtige Maß, die Älteren nicht mehr immer den Mut.

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Kassandras Schatten Musikalisc h-szenisc he Begegnung mit der bedrohlic hen Unheilskünder in von Prof. Angelika Luz

Dunkel sind sie und ungreifbar. Die Schatten. Schön und bedrohlich zugleich. Kassandra gleich. Ob sie geschrien hat, als Klytämnästra sie erdolchte? Ob sie geschrien hat, als Ajax sie vergewaltigte? Warum hat ihr keiner geglaubt, was sie sah? Wie viele Ohnmächtige sahen schon Katastrophen kommen und konnten nichts dagegen ausrichten. Und heute? Ist nicht die ganze Welt zu einem großen Kassandraruf geworden? Zeit übergreifend wie die mahnende Figur der Kassandra ist auch die Wahl der künstlerischen Mittel, welche in unserem Projekt zum Einsatz kommen. Beim Schein des Feuers wurden schon in alten Zeiten im Spiel der Schatten die Geschichten der Götter erzählt. Schatten ganz anderer Natur entstehen heute. Infrarotkameras sind nicht nur zum Aufspüren von Qualitätsmängeln in Einsatz. Nein. Sie lassen auch die Umrisse menschlicher Körper im Dunkeln sichtbar werden.Wenn dann Körperteile noch mit Sensoren bestückt sind, kann aus körperlicher Bewegung Kunst entstehen. Aber möglicherweise fangen die Schatten auch an zu klingen? Studierende unter der Leitung von Prof. Piet Meyer werden mit Live-Elektronik und Live-Video den Gegenpart zur Schattenspiel-Kunst von Adelheid Kreisz bilden, deren Arbeit übrigens auch immer wieder im Freyer‘schen Freischütz an der Staatsoper Stuttgart zu sehen ist. Was aber wäre Kassandra ohne Stimme? Vielfältig sind die vokalen und sängerischen Ausdrucksmittel, die in Werken von Giancinto Scelsi, Andreas Tsiartas, Dieter Schnebel und anderen zum Klingen kommen. Cassandra‘s Dream Song für Querflöte von Brian Ferneyhough und Pression für V ioloncello von Helmut Lachenmann komplettieren das Programm. Stimme, Darstellung, Schattenspiel, Live-Elektronik und Live-Video werden an diesem Abend die Verzweiflung Kassandras in immer neuen Konstellationen umkreisen und zu fassen suchen. Konzeption & Leitung: Prof. Angelika Luz AUFFÜHRUNGEN

9. Januar, 17 Uhr und am 12. Januar, 19 Uhr, MH Stuttgart 14. Januar, 20 Uhr Stadthalle Korntal

bildimpressionen aus dem ensemble v.act-projekt franz von assisi

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Die g roße Unbekannte „Gefühl“ Mozart: „La finta giardiniera“ - Produktion der Opernschule im Wilhelma Theater von Sandra Leupold Werke nicht erwartete und auch entsprechend selten verzeichnete, bezahlen ließ. Er erledigte seine Aufgabe bravourös, erntete einigen Beifall und wurde bezahlt. Dass er sich aber nicht mehr darauf beschränkt hatte, die Form der vorgegeben Gattung professionell zu erfüllen, sondern selbstbewusst Sinn und Tragfähigkeit der alten Regeln überprüft hatte, um sie dann unbekümmert auszudehnen, bis sie drohten, ihren Sinn einzubüßen, war ein großer Schritt, und er blieb unbemerkt.

Mozart war achtzehn, als er La finta giardiniera schrieb, und was er unter diesem Titel abliefern sollte, war eine Opera buffa, die sich neben Redouten und Banketten in die vielfältigen Karnevalsvergnügungen des Münchner Hofs einzureihen hatte, von denen keine mehr sein wollte als Droge für eine Nacht. Immerhin war Maximilian III. ein ausgewiesener Musikkenner, spielte Gambe und komponierte. So steht zu vermuten, dass Mozart trotz allem auf aufmerksame Ohren und fachkundige Anerkennung hoffte. Für ihn ging es um alles, nämlich darum, ob das legendäre Kind mit seiner phantastischen Begabung, das sein erstes öffentliches Konzert als Fünfjähriger ausgerechnet am Münchner Hof gegeben hatte, inzwischen nur noch ein verblasster Wunderknabe von ehedem war – oder ob es sich jetzt, wo seine Kindheit zu Ende war, als wirklicher Künstler bei denjenigen würde durchsetzen können, die den niedlichen Musiklakaien so gerne wie ein Schoßhündchen in ihren Salons herumgereicht hatten. Trotzdem denke ich, dass der jugendliche Ausnahmekomponist den Auftrag zu seiner immerhin schon sechsten Oper quasi nebenbei erledigt hat. Und sich beim Schreiben eigentlich auf eine Art privater Studienreise begab – die er sich vom damaligen Opernsystem, das geniale

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liebe als experiment

Wie man die statische Darstellung von Affekten in einer Arie in nuancierte, bewegte und tatsächlich durchlebte Verhaltensweisen überführte, wie diese Affekte nicht einfach nur vorzuführen waren, sondern eben deren Entstehen selbst zum dramatischen Prozess werden konnte, und was das alles mit ihm ganz persönlich zu tun haben konnte und musste, damit es wahr war – all das hat er von seiner Entdeckungsreise zu sich selbst mit gebracht, auf der er sich beibrachte, was ihn keiner lehren konnte. Hier hat er getestet, was eine Arie wirklich kann. Wenn einer wie er sie schreibt. Dass ihn ausgerechnet dieses brandneue Libretto zu seiner Expedition inspirierte, war vielleicht kein Zufall, und dass ihn seine private Versuchsreihe an 23 Arien nebenbei auch tatsächlich in den Kern eines Stücks zielen ließ, das an einer Handvoll menschlicher Herzen gerade ebenfalls eine Reihenuntersuchung vornahm, mag ein Schlaglicht auf die Allgegenwärtigkeit der großen Ich-Suche werfen, auf die sich eine angekränkelte Rokoko-Gesellschaft am Vorabend ihres Abgangs machte. Mit den hehren Mitteln der Vernunft wurden massenhaft Herzen und Seelen seziert, die unbekannte Größe namens Gefühl zum allgemeinen Forschungsziel ausgerufen – und in der modernen Komödie das Lieblingslaboratorium für psychologische Versuchsanordnungen eingerichtet. Gegen Ende ihres Wegs in eine immer exzessivere Maskierung und Verkünstelung hatten bis zum Überdruss saturierte und an ihrem Müßiggang erstickende Menschen tatsächlich die Liebe verlernt und konnten sie nur noch

als Experiment auf der Bühne und an sich selbst betreiben. Die erschreckenden Auflösungserscheinungen aus dem großen Vakuum der Orientierungslosigkeit blicken uns heute durch ein Stück wie dieses direkt ins Gesicht. Wo in der Zeit des untergehenden Absolutismus heftig an den Hierarchien des Lebens gerüttelt wurde, wo Konventionen, Standesgrenzen und Geschlechterrollen wild über den Haufen und das Ganze dann grinsend als besonders ätzende Versuchspersonal-Mischung in die Petrischale geworfen wurde, können wir leicht auch uns selbst erkennen. Aller festen Regeln verlustig gegangen? Permanent nur um das eigene Ich und die Befriedigung von dessen Lüsten rotierend? Null Einfühlungsvermögen? Spaßgesellschaften an ihrem Ende ähneln sich. Der Tatsache, dass Mozart sich furchtlos seinem Personal hinterher zu ihnen in die Schale geworfen hat, verdanken wir, dass uns das Ganze interessiert. Interessieren muss. Seine persönliche Anteilnahme an seinen Figuren rettet das Stück vielleicht davor, von uns nur als ein befremdendes Versuchsprotokoll aus einem längst vergessenen Labor abgetan zu werden. Nichts ist sicher. Am allerwenigsten der Mensch.

Sandra Leupold studierte Musikwissenschaft bei Carl Dahlhaus sowie Opernregie bei Peter Konwitschny und Ruth Berghaus. Seitdem hat sie wichtige Erfahrungen als persönliche Mitarbeiterin von Hans Neuenfels, George Tabori und Jürgen Rose gesammelt. Ihre Arbeiten erregten Aufmerksamkeit; mehrere Inszenierungen wurden sogar für Auszeichnungen der ‚Opernwelt‘ nominiert, beispielsweise „Don Giovanni“ am Theater Heidelberg als ‚Produktion des Jahres‘ oder für „Pelléas et Mélisande“ am Staatstheater Mainz als ‚Beste Regisseurin 2007‘. Einen Schwerpunkt in Sandra Leupolds Arbeit bildet die Barockoper. So erarbeitete sie Rameaus „Les Boréades“ bei den Londoner Proms unter der Musikalischen Leitung von Sir Simon Rattle und „Don Quichotte“ für die Oper Leipzig. Ein weiterer Fokus liegt auf Werken der Neuen Musik. Die Künstlerin inszenierte John Cages „Europera 4“ an der Deutschen Oper Berlin und Stockhausens „Indianerlieder“ in der Kleinen Szene der Staatsoper Dresden. Zu ihren jüngsten Arbeiten zählen „Ariane et Barbe-Bleue“ an der Oper Frankfurt, „Das schlaue Füchslein“ am Theater Freiburg, Donizettis „Lucia di Lammermoor“ an der Staatsoper Hamburg und Wagners „Tannhäuser“ am Staatstheater Mainz.

Mit: Christian Wilms, Melanie Schlerf, Stefania Kurtikyan, Kora Pavelic, Mirella Hagen, Patrick Zielke. Musikalische Leitung: Bernhard Epstein Regie: Sandra Leupold Bühne & Kostüme: Annette Wolf Dramaturgie: Miriam Michel

Stuttgarter Kammerorchester & Studierende der Musikhochschule Stuttgart Premiere: Freitag, 11. Februar 2011, Wilhelma Theater Weitere Vorstellungen am 13., 15., 17., 19., 22.2.2011 Beginn um 19 Uhr, sonntags um 18 Uhr

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D i e H o c h s c h u l e ke n n e n l e r n e n

Au s z e i c h nu n g f ü r Ta n k re d D o r s t

Studientag am 17. November 2010, ab 9 Uhr

Der Dramatiker erhält im Konzertsaal der Musikhochschule den Schiller-Gedächtnis-Preis

von Dr. Cordula Pätzold

von Christoph Heinkele Der aus Thüringen stammende und in München lebende Dramatiker, Schriftsteller und Regisseur Tankred Dorst erhält den mit EUR 25.000 dotierten Schiller-Gedäc htnis-Preis des Landes Baden-Württemberg. Der Preis wird am 10. November 2010 in der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart übergeben. Als Mitglied der Jury würdigte Dr. Günter Schnitzler, Professor für Neuere Deutsche Literatur und Musik an der Universität Freiburg, den Preisträger folgendermaßen:

Ein grauer November-Mittwoch. Es ist wieder Buß- und Bettag. Kein Feiertag, aber doch ein besonderer Tag in der Musikhochschule, denn auffallend viele junge Gesichter schauen sich um, blicken abwechselnd auf den Programmflyer in ihrer Hand und die Gemäuer um sich herum. Wohin zuerst? Im Hauptfachunterricht bei Prof. XY hospitieren oder der Ensembleprobe beiwohnen oder ins Analyse-Seminar reinschauen? Am Scheideweg zwischen Schule und Studium gibt es viele offene Fragen. Wie sieht ein Musikstudium aus? Welche Arten von Studium gibt es? Wie vielfältig bereitet das Studium auf den späteren Beruf vor? Welche Berufe gibt es überhaupt? Wie sind die Chancen auf einen Studienplatz? Wie bereite ich mich möglichst effektiv vor? Der Studientag ist die ideale Gelegenheit, den Studienbetrieb unverbindlich kennen zu lernen. Vor allem für Schüler der 12. Klasse, aber auch für alle weiteren Studieninteressierten wurde so die Möglichkeit geschaffen, sich näher über die Studienmöglichkeiten zu orientieren, ohne sich gleich festlegen und gezielt auf eine Bewerbung hinarbeiten zu müssen. Die Informationsveranstaltungen zu den Studiengängen sind daher meist der erste Programmpunkt. Neben Bachelor Musik, Schulmusik und Kirchenmusik stellen sich auch die nichtmusikalischen Bereiche vor: Schauspiel, Sprechkunst und Figurentheater. Außerdem machen die besonderen Studiengänge Elementare Musikpädagogik, Opernschule, Jazz und – neu! – Pop auf sich aufmerksam.

Der Tag wäre allzu enthaltsam, wenn es nur um Fakten ginge. Fast noch wichtiger als diese allgemeinen Informationen zu konsumieren, ist es, die individuellen Gesichter im Hause kennen zu lernen. Gerade im Instrumental- bzw. Gesangsstudium ist der Lehrer prägend für die Entwicklung des Studenten. Und da an einer Musikhochschule viel Einzel- oder Kleingruppenunterricht stattfinden, muss die Chemie zwischen Hauptfachlehrer und Student von Anfang an stimmen. Also: Mäuschen spielen, rein in den Unterricht und für eine halbe Stunde die konzentrierte Arbeitsatmosphäre erleben. Dann in den nächsten Unterricht spicken und vergleichen usw. Sollte die Entscheidung für ein Studium gefallen sein, heißt es Kontakt aufnehmen mit dem Wunschlehrer und einen individuellen Vorspiel- und Beratungstermin vereinbaren. Für den vielfältigen Bereich Schulmusik dürfen Instrumente mitgebracht werden, z.B. für die Jazz-Ensemble oder das StudioOrchester; darüber hinaus gibt es aber auch Chorleitung zum Mitmachen, eine Einführung in die Technik unseres modernen Elektronischen Studios, nähere und v.a. praktische Informationen zur Disziplin „Schulpraktisches Klavierspiel“ und vieles mehr. ZUSATZANGEBOT

Am 20. November 2010 findet ein Aufnahmeprüfungscheck von 9-14 Uhr statt und am 19. Februar 2011 ab 11 Uhr ein Studientag für Interessierte. WWW.MH-STUTTGART.DE/STUDIUM/APC

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„Tankred Dorst wird für sein Lebenswerk geehrt, das in einem Zeitraum von mittlerweile über 50 Jahren entstanden ist, und sich bis in die Gegenwart hinein durch eine bewundernswerte Frische, Gestaltungskraft und Originalität auszeichnet. Von den frühen Versuchen für das Marionettentheater an steht die Bühne im Mittelpunkt seines vielfältigen Schaffens: Mit über 30, oft in Zusammenarbeit mit Ursula Ehler entstandenen Stücken - unter ihnen Toller (1968), Eiszeit (1973), Auf dem Chimborazo (1975/76), Merlin oder Das wüste Land (1981), Parzival (1987/90), Korbes (1988), Karlos (1990), Herr Paul (1994), Große Szene am Fluss (2000), Othoon (2002), Die Wüste (2005) und Künstler (2008) - zählt Dorst zu den am häufigsten gespielten Dramatikern der Gegenwart. Seine einfühlsame Übersetzungen von Werken Diderots, Molières und O’Caseys sowie die Bearbeitungen von Stücken Tiecks und Falladas sind mit aufsehenerregendem Erfolg zur Aufführung gelangt. Dabei haben sich die anerkanntesten Regisseure seiner Werke angenommen - zu ihnen gehörten Peter Zadek, Wilfried Minks, Robert Wilson, Hans Neuenfels, Jerome Savary und Gerd Heinz. Mehrere Drehbücher Dorsts wurden, zuweilen unter eigener Regie wie Eisenhans 1983, erfolgreich verfilmt. Opernlibretti, u.a. vertont von Killmayer und Bialas, gehören ebenso zum Schaffen Tankred Dorsts wie Theaterstücke für Kinder, Hörspiele und Erzählungen - so die 2009 erschienene, ungemein dichte Novelle Glück ist ein vorübergehender Schwächezustand. Für

breite Diskussionen sorgte Dorsts Bayreuther Neuinszenierung von Wagners Ring der Nibelungen (2006), und sein Engagement für die Bonner Biennale und die Neuen Stücke in Wiesbaden zeugt von seinem Verantwortungsbewusstsein für den künstlerischen Nachwuchs. Der Preisträger gestaltet in seinen Schöpfungen Gegenwartsthemen und -motive, nicht selten greift er aber auch auf tradierte Stoffe zurück, die er eigenständig und mit einem unerhörten kulturgeschichtlichen Wissen in die Gegenwart überträgt und ihr anverwandelt. So offenbart sich etwa Merlin als ein großartiger dramatischer Entwurf, der wesentliche Züge der gesamten Kultur- und Menschheitsentwicklung vorstellt. Auf diese Weise werden in einer ungemein reichhaltigen kulturellen Bezüglichkeit visualisierte Konstellationen urphänomenaler Zusammenhänge vergegenwärtigt. So vermittelt Dorst Grundfragen des menschlichen In-der-Welt-Seins mit ihrer kulturhistorischen Prozesshaftigkeit - und das heißt immer auch: mit ihrer Gültigkeit für die Gegenwart. Der Preisträger ist ein Meister der nonverbalen Mitteilung: Er arbeitet souverän mit der Sprache des Sichtbaren, der Farben, des Lichts, der Gebärden und der Mimik. Seine szenischen Konstellationen, die genau kalkulierten Auf- und Abtritte,die vielschichtigen Konfigurationen zeugen für seinen souveränen Umgang mit den theatralen Möglichkeiten. In seiner jüngsten Erzählung Glück ist ein vorübergehender Schwächezustand und in seinen besten Arbeiten gelingt etwas sehr Seltenes, für das man den Autor gar nicht hoch genug loben kann: Schreibend bedenkt Tankred Dorst die schöpferischen Möglichkeiten seines Publikums mit und fordert diese immer wieder auf überraschende Weise heraus.“ Die Übergabe des Preises erfolgt am 10. November, 19.30 Uhr im Rahmen einer Feierstunde durch den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus. Mitwirkende: Wolfgang Bauer, Trompete; Henning Wiegräbe, Posaune; Christian Lampert, Horn; Christine Busch, Violine, Studierende der Instrumentalklassen, der Opernschule und der Schauspielschule Stuttgart.

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Auszeichnungen P re i s e , S t i p e n d i e n & E n gage m e n t s 2 0 1 0 ORGEL & TASTENINSTRUMENTE

Thomas Rapp (Klasse Prof. Essl) ist neuer Bezirkskantor in Geislingen/Steige, er hat an unserer Hochschule das B- Examen abgelegt – Thomas Zala (Klasse Prof. Essl) ist neuer Stiftsorganist im Stift Admont in Österreich; er hat 2009 bei uns sein A- Examen abgelegt - Carolin Danner (Klasse Prof. Stenzl) wurde beim internationalen Musikwettbewerb Un Ricetto in Musica in Candelo/Italien im Fach Klavier mit dem 2. Preis ausgezeichnet – Koji Maruyama (Klasse Prof. Marchand) hat nach erfolgreichen Auftritten als Solistin mit dem Tokyo Symphony Orchestra und dem Osaka Symphony Orchestra einen Ruf als Assistant-Professor (Hauptfach Klavier) am Osaka College of Music erhalten und angenommen – Denis Kozhukhin (Klasse Prof. Gerstein) hat beim Queen Elizabeth International Piano Competition den 1. Preis gewonnen – Sophia Weidemann (Jungstudentin Prof. Wiek) hat mit einem Klaviertrio den 1. Preis beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert gewonnen – Jinhee Im (Klasse Prof. Bloser) hat beim Wettbewerb 20‘ Concorso Internazionale per Giovani Musicisti Citta‘ di Barletta/Italien den 3. Preis gewonnen – Hanna

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Rund 5.000 Zuschauer feierten Choi (Klasse Prof. Riegemeinsam beim Hochschulger) hat beim 17. Concorso Internazionale voSommerfest „Hock am Turm“ cale e strumentale Anedie stilistische Bandbreite und mos in Rom/Italien den die herausragenden Musiker. 3.Preis gewonnen – EuDa capo! nju Song (Solistenklasse Prof. Ratusinski) hat in Maccagno/Italien beim Concorso Internationale di Interpretazione Citta di Maccagno 2010 in der Kategorie Klavier den 1. Preis gewonnen – Olivia Trummer (Klasse Prof. Stenzl) wurde vom Intendanten der Ludwigsburger Schlossfestspiele, Thomas Wördehoff, zu einem zusätzlichen Soloabend 2010 verpflichtet.

STREICHER & SAITENINSTRUMENTE

Das Saphir Quartett mit Axel Haase und Frederike von Gagern (beide Klasse Prof. Dill), Florian Glocker (Klasse Prof. Darzins) sowie Sebastian Braun (Klasse Prof. Brotbek) hat beim 18. Internationalen Kammermusikwettbewerb Josep Mirabent in Barcelona/Spanien nach einstimmiger Entscheidung der Jury den 1. Preis gewonnen – das Trio con Spirito mit Jinhee Joung, Violine, Kwang Jun Jung, Cello und Young Sun Jin, Klavier (Solistenklasse Prof. Wiek) hat beim 25th Charles Hennen International Chambermusic Competition in den Niederlanden den 2. Preis gewonnen (ein 1. Preis wurde nicht vergeben) – Veronika Paleeva (Jungstudentin Klasse Prof. Ingolfsson) hat beim Karl-Adler-Wettbewerb den 1. Preis und die Sonder-

preise für besondere Leistung, Interpretation eines romantischen Werkes sowie Interpretation eines zeitgenössischen Werkes gewonnen – Mao Zhao (Klasse Prof. Ingolfsson) hat beim Int. Kärntner Sparkasse Wörthersee Musikstipendium Wettbewerb den 6. Preis gewonnen; zudem wurde Mao Zhao Mitglied der Jungen Deutschen Philharmonie – Christian Kiss (Klasse Prof. Monno) hatte in dieser Saison ein Engagement als Sologitarrist an der Staatsoper in Stuttgart im Ballett Orlando – Paulina Krauter und Veronika Paleeva (beide Vorklasse Prof. Ingolfsson) haben beim Landeswettbewerb Jugend musiziert Baden-Württemberg 2010 in den Kategorien III bzw. IV den 1. Preis (mit Weiterleitung zum Bundeswettbewerb) gewonnen – Julia Schautz (Klasse Prof. Lessing) hat sich eine feste Stelle in den 1.Violinen der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen erspielt – Brenda Frasier und Magdalena Deigendesch (beide Klasse Prof. Ingolfsson) wurden Mitglieder der Jungen Deutschen Philharmonie – Elene Meipariani (Vorklasse Prof. Busch) hat beim Landeswettbewerb Jugend musiziert einen 1. Preis mit Höchstpunktzahl gewonnen – Veronika Paleeva hat beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert 2010 in der Kategorie Violine IV mit 22 Punkten den 2. Preis gewonnen und Paulina Krauter (beide Jungstudentinnen Klasse Prof. Ingolfsson) hat beim gleichen Wettbewerb in der Kategorie Violine III mit 23 Punkten ebenfalls den 2. Preis gewonnen – Jonas Palm, Ead Rückschloß und Andreas Schmalhofer (Jungstudenten der Klasse Prof. Queyras) haben beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert 2010 jeweils in ihrer Kategorie den 1. Preis gewonnen. Jonas Palm war einer von vier Teilneh-

mern, die die Höchstpunktzahl 25 Punkte erhalten haben; er hat zusätzlich den Hans Sikorski-Gedächtnispreis bekommen für die Interpretation eines Werkes eines lebenden Komponisten (Henri Dutilleux) – Swantje Asche-Tauscher (Klasse Prof. Sikorski) erhielt beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert in Lübeck einen 1. Preis in der Wertung Violine solo – Mona Burger (Klasse Prof. Sikorski) erspielte sich bei der Landessammlung Baden-Württemberg eine Gagliano-Geige – Angelo de Leo (Klasse Prof. Sikorski) bekam von der Stiftung Musikleben Hamburg eine Ventapane-Violine als Leihgabe – Vier Jungstudierende der Kontrabassklasse von Prof. Weber, Nina Valcheva und Song Choi konnten sich in diesem Jahr für den Bundeswettbewerb Jugend musiziert qualifizieren; dabei errangen Ellen Kühling und Benedikt Büscher mit jeweils 23 Punkten einen 2. Preis, Raphaela Roth (21 Punkte) und Verena da Silva (20 Punkte) erspielten sich einen 3. Preis – Charles-Antoine Duflot (Klasse Prof. Queyras) hat in Prag unter 38 Bewerbern den 1. Preis beim Internationalen Beethoven Wettbewerb gewonnen – Veronika Khilchenko (Klasse Prof. Busch) hat das Probespiel für eine Geigenstelle an der Staatsoper Stuttgart gewonnen – Dan Mou (Klasse Prof. Dill) hat sich im weltweit durchgeführten Probespiel eine feste Stelle im China Central National Orchestra im National Centre for Performing Arts Peking erspielt – Julia Bassler (Klasse Prof. Dill) erhielt eine Vertragsverlängerung und spielt ein weiteres Jahr in den 1. Violinen des Gewandhausorchesters Leipzig – Kathrin Brosi (Klasse Prof. Sikorski) erhielt einen Vertrag als 1. Geigerin beim Württembergischen Kammerorchester

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Heilbronn. ARD MUSIKWETTBEWERB – KATEGORIE VIOLONCELLO

Jury und Zuhörer waren sich im Fach Cello einig: So gingen ein 1. Preis sowie der Publikumspreis an Julian Steckel aus Deutschland. Gen Yokosaka aus Japan bekam einen 2., der Franzose Tristan Cornut (beide Klasse Prof. Queyras) einen 3. Preis. Alle drei Musiker spielten, begleitet vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunk unter der Leitung des Dirigenten Christoph Poppen, das Cellokonzert von Dvorák. Cornut wurde außerdem mit dem Sonderpreis für die beste Interpretation der Auftragskomposition Knock, breathe, shine von Esa-Pekka Salonen - ausgezeichnet.

BLÄSER

Dominik Zinstag hat einen Zeitvertrag als Solohornist im Staatsorchester Stuttgart erhalten – Swantje Vesper (Klasse Prof. Lampert) erhielt einen Zeitvertrag als stellv. Solohorn im Orchester der Staatsoper Hannover – Jonathan Müller (Jungstudent Klasse Prof. Bauer) erzielte beim Deutschen Musikwettbewerb 2010 in Berlin ein Stipendium und wurde in die Bundesauswahl Konzerte junger Künstler aufgenommen – Christoph Paus

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(Klasse Prof. Wiegräbe) hat das Probespiel für die Akademistenstelle im Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks gewonnen; Nachrücker wurde Friedrich Mück. Es spielten 32 Kandidaten vor, drei Stuttgarter waren unter den letzten Vier – Johanna Hirschmann (Klasse Prof. Bauer) hat das Probespiel für ein Aushilfsengagement bei der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz gewonnen – Oskar Münchgesang (Klasse Prof. Engelhardt) hat die Stelle als 2. Fagottist am Staatstheater Wiesbaden bekommen – Cezary Rembisz (Klasse Prof. Engelhardt) hat das Probespiel für die Baltische Jugendphilharmonie gewonnen – Min Young Park (Klasse Prof. Chr. Schmitt) hat die Solistenstelle für Oboe in der New Philharmonic Peking erhalten – Jérémy Sassano (Klasse Prof. Chr. Schmitt) wurde für Englisch Horn an die Oper Frankfurt engagiert – Tania Ramos Morado (Klasse Prof. Chr. Schmitt) hat das Probespiel für das Schleswig Holstein Musik Festival Orchester gewonnen – Bin Wu (Klasse Prof. Bauer) hat die Stelle als 1.Trompeter im Shen Zhen Orchestra bekommen – Naama Neumann (Klasse Prof. Formisano) erhielt einen Zeitvertrag in Wuppertal als stellvertr. Soloflöte – Johanna Dömötör (Klasse Prof. Formisano) hat das Probespiel für die Soloflöte im Sinfonieorchester Basel gewonnen – Min Young Lee (Klasse Prof. Chr. Schmitt) hat beim Int. Musikwettbewerbs Audi-Mozart in Rovereto/ Italien den 3. Preis gewonnen – Antoine Cottinet (Klasse Prof. Chr. Schmitt) hat einen Zeitvertrag im Philharmonischen Orchester Regensburg als Solo-Oboist erhalten – Naama Neumann (Klasse Prof. Formisano) erhielt einen Zeitvertrag als Solo-Flötistin der Komischen Oper Berlin – Ivanna Ternay (Klasse Prof. Formisano) erhielt einen Zeitvertrag als Solo-Flötistin im Staatsorchester Innsbruck – Evelyn Pena-Comas (Klasse Prof. Formisano) erhielt einen Zeitvertrag als Solo-Flötistin im Orchester Leipzig.

JUNGE DEUTSCHE PHILHARMONIE

Dorran Alibaud (Violoncello) sowie Luca Bognar und Annette Köhler (beide V ioline).

Theater Baden-Baden Mirjam Sommer, Dolores Winkler Theater Freiburg

DARSTELLENDE KÜNSTE

PERCUSSION

Emilia de Fries und Markus Weickert werden ab der Spielzeit 2010/11 feste Ensemblemitglieder des Theaters Aachen – Amadeus Köhli wird ab März 2010 festes Ensemblemitglied der Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin – Anne Leßmeister wird dort ab der Spielzeit 2010/11 festes Ensemblemitglied sein – Maik Evers, Student des Figurentheaters im 6. Semester, spielt in der derzeitigen Aufführung von Puccinis Oper Turandot an der Stuttgarter Staatsoper die Rolle des ‚Pong‘ als lebensgroße Figur – Diana Haller (Klasse Prof. Vejzovic und Opernschule) hat ein festes Engagement an der Staatsoper Stuttgart bekommen – Mirella Hagen (Klasse Prof. Sonntag) führt Pierrot Lunaire auf mit der Int. Ensemble Modern Akademie in Rüsselsheim sowie im ZKM Karlsruhe – Ines Lex (ehemals Klasse Prof. Sonntag) wechselt vom Tiroler Landestheater an das Opernhaus Halle – Pinelopi Argyropoulou (Solistenklasse Opernstudio; Klasse Prof. Vejzovic) hat ein festes Engagement am Theater Bremerhaven bekommen – Annelie Sophie Müller (Klasse Prof. Vejzovic) erhielt einen Platz im Opernstudio der Komischen Oper Berlin – Ilja Werger (ehemals Klasse Prof. Vejzovic) singt den Solopart in der neuen Ballett-Produktion Orlando der Stuttgarter Oper.

Raphael Sbrzesny (Klasse Prof. Klimasara/Prof. Dreher) erzielte beim Deutschen Musikwettbewerb 2010 in Berlin ein Stipendium und wurde in die Bundesauswahl Konzerte junger Künstler aufgenommen – Akos Nagy hat im Philharmonischen Orchester in Peczs/Ungarn eine Soloschlagzeugerstelle bekommen – Zhe Lin hat den 1. Preis beim Int. Marimbawettbewerb in Peking gewonnen.

DAS OPERNSTUDIO DER STAATSOPER STUTTGART UND DER

Im Auswahlverfahren für die Junge Deutsche Philharmonie hat unsere Hochschule wieder gut abgeschnitten. Nur eine Hochschule konnte mehr Plätze belegen als Stuttgart; an unsere Hochschule wurden immerhin drei Stipendien vergeben: Christine Brand, Posaune (Klasse Prof. Wiegräbe); Karla Beyer, Violine (Klasse Prof. Lessing); Mao Zhao,Violine (Klasse Prof. Ingolfsson)

SCHULMUSIK

Jan Benjamin Homolka (Schulmusik/HF Horn, Klasse Hoefs) wurde neuer Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes – Peter Schleicher (Klasse Prof. Lierhammer/Benedikt Brändle) erhielt beim 10. Bundeswettbewerb Schulpraktisches Klavierspiel Grotrian Steinweg in Weimar einen Sonderpreis für die Improvisation einer barocken Fuge über ein gegebenes Tonmaterial – Gregor Wohak (Klasse Stephan Beck) erzielte beim 10. Bundeswettbewerb Schulpraktisches Klavierspiel Grotrian Steinweg in Weimar einen Sonderpreis für eine originelle BoogieWoogie-Improvisation über ein gegebenes Tonmaterial. DOZENTEN

Mirella Hagen, Sopran Huiling Zhu, Mezzosopran Y. S. Shim,Tenor Kai Preußker, Bariton Szymon Chojnacki, Bass SCHAUSPIELSTUDIO

Folgende Studierende wurden neu in die RSO-Orchesterakademie aufgenommen: Lajos Rezmüves (Trompete), Dominik Zinsstag (Horn), Stefanie Faber (Klarinette),

Ivan Gonzales Escuder (Klasse Prof. Walter) ist einer der Preisträger beim Deutschen Musikwettbewerb 2010 im Fach Komposition.

MUSIKHOCHSCHULE STUTTGART

RSO-ORCHESTERAKADEMIE DER MUSIKHOCHSCHULE STUTTGART

KOMPOSITION

Hanna Franck, Konstantin Marsch Staatsschauspiel Stuttgart Margarita Wiesner, David Liske Landestheater Tübingen Lara Beckmann, Daniel Fischer

Nikola Lutz, klassisches Saxophon, hat beim Internationalen Saxophonwettbewerb in Paris/Ville d‘Avray den 1. Preis sowie den Publikumspreis erhalten – Maria Kiosseva, ehemals Liedklasse Prof. Witthoefft und zurzeit Lehrbeauftragte für Korrepetition, erhielt beim Int. Klavierwettbewerb in Montrond les Bains 2010 (Frankreich) in der höchsten Kategorie Konzert einen 3. Preis – Jörg Halubek, Lehrbeauftragter im Fach Cembalo, wurde auf

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Glück der Unwissenden W i e S t u d i e re n d e d e s F i g u re n t h e at e r s e r n e u t e i n Fe s t i va l a u s d e m B o d e n s t a m p f t e n von Franziska Pietsch

Der Applaus lässt nicht nach. Er gilt an diesem Sonntagabend um 21.50 Uhr den Organisatoren, den Helfern, dem Ablauf, dem guten Miteinander, aber auch den Spielern des letzten Stückes beim Festival die-wo-spielen. Sie haben die Bühne schon verlassen und fragen sich, ob dieser Applaus noch ihnen gebührt, darf man sich als Stellvertreter verbeugen, und wie viel Zuständigkeit darf man zeigen, bevor es anmaßend wirkt? Denn beim Festival im Studiengang Figurentheater waren die Studenten alles gleichzeitig, Multitasker, Künstler, erschöpft und überfordert, aber glücklich. Und erleichtert. Das 4. Festival die-wo-spielen zeigte 17 Stücke und Performances aus Stuttgart, Berlin, Finnland und Litauen, zusätzlich wurden als Zwischenprogramm einige kurze Arbeiten unangekündigt gezeigt.Was am Vortag des Festivals als gewagtes Riesenprojekt bezittert wird, mausert sich in den folgenden Tagen zum Erfolgsmodell. Das Festival wird vom ersten Semester in den Abendstunden nach dem Unterricht geplant, mit viel Mühe und entschiedener Zielsetzung. Es soll nicht nach Stolz riechen, sondern Dankbarkeit ausdrücken, wenn wir nun von den Eindrücken der einzelnen Tage berichten. Mittwoch: Am Tag vor dem Festival wird der Studiengang geputzt, begehbar gemacht, jeder Raum muss für das Festival nutzbar sein, die Spielorte werden abgedunkelt, vereinzelt findet noch Unterricht statt. Abends treffen die ersten Gastspieler ein, angekündigt als Studierende von der Turku Arts Academy Finnland. Die erste sich bemerkbar machende Fehlinformation während des Festivals wird die letzte bleiben: Die Beiden sind aus Litauen angereist, im nicht immer korrekten Englisch der vorausgegangenen Kommunikation wurde der genannte Ort eines Gaststudiums falsch interpretiert. Unser Fehler wird sich in den Fahrtkosten niederschlagen, das Publikum wird ihre Stücke falsch einordnen, aber für die Freundlichkeit macht‘s nix und die Litauer sind in jedem Falle eine Bereicherung für unser kleines internationales Nachwuchsfestival. Donnerstag: Noch vor der eigentlichen Eröffnung spielt eine diesjährige Diplomandin ihre Abschlussarbeit, ein Kinderstück, vor einem vollen Raum mit Erst-und Zweitklässlern aus Untertürkheim. Die Eröffnung um 18 Uhr ist noch wenig besucht, spontan spielt eine Kooperationsarbeit zwischen Komposition und Figurentheater ein 9-minütiges Stück neue Musik. Als um 19 Uhr mit Zwischenhirngebiete der Hauptpunkt des heutigen Tages spielt, ist das Foyer proppenvoll und nur mit viel körperlicher Nähe gelingt es, allen das Zuschauen zu ermöglichen. Die Spieler auf der Bühne tragen Wintermode, das Publikum leidet mit, aber alle sind gebannt vom Exkurs in eine Traumwelt der Seltsamkeiten mit tanzendem Gemüse, absonderlichen Figuren und merkwürdigen

Stimmen. Die Studenten unter der Regie von Frank Soehnle wissen zu begeistern. Freitag: Das Programm ist gut besucht, intern hadert man zwischen Spieler sein, sich vorbereiten, und Organisator sein, Informationen geben, Verfügbarkeit. Beständig im Raum steht der drängende Wille, sich mit den fremden Studenten gut zu verstehen. Mit dem Eintritt ins Studium wurden uns alte Vorurteile vererbt, die wir überdenken wollen, oder nutzen, in Vorteile umwandeln, und uns vernetzen. Aber mit den Stunden kommen Vertrautheit und Routine. Auch heute gibt es keine Besucherschwierigkeiten, und mit jedem weiteren Stück wächst die Lust am sich-gegenseitigetwas-Zeigen: Man überrascht sich gegenseitig. Samstag: Großer Begeisterung erfreut sich um 18 Uhr das Berliner Maskenspiel Ein Märchen in Anlehnung an Schneewittchen, verglichen mit den anderen Programmpunkten eine hauptsächlich schauspielerische Arbeit mit Witz und Tempo. Es folgt ein 20-minütiges Stück aus Stuttgart; wie auch die finnischen und litauischen Arbeiten vor einer intimen Zuschauerzahl vorgetragen und gelobt für Atmosphäre und Spannung. Und auch um 22.30 Uhr finden sich noch genug Zuschauer, um den Raum beim letzten Stück des Abends zu füllen. Die poetisch-melancholische Arbeit Dear John, I don‘t love you anymore erhält zusätzliche Dramatik, als ‚John‘ zu heftig fällt und sich eine tatsächliche Platzwunde zuzieht. Sonntag: Wer wird nach drei Tagen Festival noch Lust haben, sich über Studienalltag auszutauschen? Die Antwort: 30 Studenten und ein Gast. Man kann das entstandene Gespräch durchaus fruchtbar und interessant nennen. Nacheinander werden die einzelnen Profile aus Sicht der Studenten vorgestellt, Fragen beantwortet, neue Erkenntnisse über die Anderen gewonnen - wie lernen sie, wo liegt der Schwerpunkt und aus welcher Perspektive wurden die Festivalstücke erarbeitet. Fazit: Wir zählten 600 Gäste, zur Hälfte von außerhalb. Viele kamen trotz großer Hitze immer wieder, es gab viel Zuspruch, das Interesse war groß, der Zeitplan wurde eingehalten und man war sich allgemein sympathisch - trotz beständiger Hektik. Ein Festival, dem man sein Bemühen ansieht, eben doch nicht professionell ausgerichtet, sondern genau zwischen persönlich ansprechend und Konsumierbarkeit. Ob dieser Erfolg genau so wiederholbar ist, bleibt fraglich. In jedem Fall können wir uns sicher sein, wieder neue Freunde für den Studiengang gefunden zu haben.

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Komponistenbiog raphien Ve r m i t t l u n g s k o n ze p t e i m M u s i k u n t e r r i c h t u n d i n a u s ge w ä h l t e n M e d i e n S y m p o s i u m i m R a h m e n d e s 6 . S t u t t ga r t e r M u s i k fe s t s, 1 2 . - 1 3 . N ove m b e r 2 0 1 0 von Prof. Dr. Hendrikje Mautner

Bereits zum 6. Mal findet in diesem Jahr das Stuttgarter Musikfest für Kinder und Jugendliche statt, gemeinsam veranstaltet von der Stuttgarter Musikschule, den Stuttgarter Philharmonikern und der Musikhochschule. Auf dem Programm stehen zahlreiche Konzertveranstaltungen und Projektpräsentationen. Die Musikhochschule beteiligt sich am Musikfest u.a. mit einem Symposium, das sich am Beispiel von Komponistenbiographien Möglichkeiten der Wissensvermittlung in unterschiedlichen Kontexten widmet. Zur Eröffnung des Symposiums ist Willi Weitzel zu Gast, der von Oktober 2001 bis Ende 2009 als neugieriger Reporter für die SendereiheWilli wills wissen unterwegs war und in diesem Jahr das musikalische Märchen Peter und der Wolf von Sergej Prokofiev auf CD aufgenommen hat. Willi Weitzel wird mit ausgewählten Gesprächspartnern über Komponistenbiographien diskutieren und damit ein anschauliches Beispiel einer Möglichkeit der Vermittlung von Wissen an Kinder und Jugendliche geben. Komponistenbiographien spielen sowohl in Lernkontexten wie beispielsweise dem schulischen Musikunterricht als auch in informellen Lernsituationen in der Freizeit eine Rolle. Unterschiedliche Medien wie Kinder- und Jugend(sach)buch, Hörspiel, Film, Computerspiel oder Internet bieten Inhalte in verständlicher und attraktiver Aufbereitung an und zielen darauf, ein breites Publikum zu erreichen. Durch ihre massenhafte Verbreitung prägen die in den unterschiedlichen Medien vermittelten KomponistenBilder Vorstellungen über Komponisten bzw. über klassische Musik in der Öffentlichkeit. Während in Lernkontexten wie beispielsweise dem schulischen Musikunterricht Aspekte wie der systematische Aufbau von Sachkenntnissen oder die Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten von Bedeutung sind, sind populäre Biographien in der Regel nicht auf langfristiges Lernen hin konzipiert. Sie wollen Kinder und Jugendliche ansprechen, die sich freiwillig und in ihrer Freizeit mit Komponistenporträts beschäftigen.An Stelle von konzentrierter und reflektierender Rezeption stehen

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eher Funktionen wie Unterhaltung, Spannung, spielerisches Lernen oder Spaß im Vordergrund. Komponistenbiographien im schulischen Musikunterricht bilden einen Schwerpunkt des Symposiums. Musikpädagogische Vorträge reflektieren Zugänge zu Komponistenporträts in Zeitschriften, Lehrerhandreichungen und Schulbüchern. Studierende der Schulmusik an der Musikhochschule erproben eigene Unterrichtskonzepte in unterschiedlichen Altersstufen und präsentieren ihre Praxiserfahrungen im Rahmen des Symposiums. Ein weiterer Schwerpunkt befasst sich mit Konzepten von Komponistenbiographien in unterschiedlichen Medien, die in der Freizeit rezipiert werden.Vorträge widmen sich Fragen der Popularisierung von biographischem Wissen in populären Medien und Genres. Zudem stehen drei erfolgreiche Projekte zur Diskussion, die sich in unterschiedlichen Medien und mit unterschiedlichen Konzepten die Vermittlung von Komponistenbiographien zur Aufgabe gemacht haben: die Webseite Hallo Beethoven des Beethoven-Hauses Bonn, die Animations-Serie Little Amadeus und das Hörbuch Arnold Schönberg – Die Prinzessin aus der Reihe Wort&Musik für Jugendliche. Mit: Andrea Amann (Eberhard-Ludwigs-Gymnasium Stuttgart; MH Stuttgart) – Anna Bredenbach (Studentin, MH Stuttgart) – Ulrike Häfner (SWR Fernsehen) – Dr. Carsten Kretschmann (Universität Stuttgart) – Prof. Dr. Hendrikje Mautner – Prof. Dr. Andreas Meyer - Prof. Piet Meyer (alle MH Stuttgart) – Julia Ronge (Beethoven-Haus Bonn) – Dr. Eva Verena Schmid (Helfenstein-Gymnasium, Geislingen; MH Stuttgart) – Prof. Dr. Richard Stang (Hochschule der Medien Stuttgart) – Mirjam Wiesemann (Cybele Records) u.a.

Freitag, 12.11., 14 Uhr, Konzertsaal, EUR 6/3 WER WAR...? WILLI WEITZEL AUF DEN SPUREN VON MOZART & PROKOFIEV

Willi Weitzel befragt den Musikwissenschaftler Prof. Dr. Andreas Meyer und den Komponisten Prof. Piet Meyer rund um das Thema Komponistenbiographien von Mozart bis Prokofiev. Kartenvorverkauf:Tel. 0711-2124621 Gefördert von der

willi weitzel auf den spuren von mozart und prokofiev

platzhalter

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Stuttgart, steht dem Thema Wettbewerbe recht nüchtern gegenüber. Man muss sie eben überleben und darf nicht an ihnen verzweifeln, sagte Gerstein dem Onlinemagazin Dilettante und wies darauf hin, dass es heutzutage allein in Italien dreihundert Musikwettbewerbe gebe – mit einem nicht zuletzt auch finanziellen Aufwand, den man seiner Meinung nach besser in Aufführungen mit förderungswürdigen Jungmusikern investierte: Die Wettbewerbe stimulieren ja nicht unbedingt das Konzertleben, so Gerstein. Insofern ist der junge Stuttgarter Professor, der sich dieses weltweite Konzertleben zügig erschließt und kürzlich beim großen Tanglewood Festival mit dem Boston Symphony Orchestra unter Charles Dutoit debütiert hat, ein idealer Preisträger für die Auszeichnung der Gilmore-Stiftung. Dass die Kandidaten dafür, ohne es zu wissen, im Konzert beobachtet werden, findet Gerstein bemerkenswert: Nur im Konzert sei ein Musiker er selbst und befinde sich in seiner natürlichen Umgebung, sagt der Pianist und stellt fest, dass die bisherigen Gilmore Artists bei allen Unterschieden eines verbinde: breit gestreute Interessen.

D i e u n l og i s c h e L og i k D e r P i a n i s t u n d K l a v i e r p ro fe s s o r K i r i l l G e r s t e i n i s t m i t z we i b e d e u t e n d e n P re i s e n a u s ge ze i c h n e t wo r d e n

Pianist mit Weltformat: Kirill Gerstein fühlt sich auf allen Konzertpodien heimisch als Lehrer ist er in Stuttgart zu Hause.

von Jürgen Hartmann

Als Thomas Mann am Nachmittag des 12. November 1929 per Telegramm die Nachricht erhielt, die Schwedische Akademie habe ihm den Nobelpreis für Literatur zuerkannt, tat er zwar überrascht und sprach von einem dramatischen Lebens-Knalleffekt; in Wirklichkeit hatte er die Auszeichnung schon seit einigen Jahren erwartet und glaubte zu wissen, der jährlich vergebene Preis habe schon mehr als einmal dicht über ihm geschwebt. Die alle vier Jahre erfolgende Verleihung des Gilmore Artist Award hingegen ist für den Preisträger ganz gewiss eine Überraschung. Ohne jeglichen Wettbewerb und ohne dass mögliche Kandidaten auch nur die Andeutung ihrer Preiswürdigkeit erhalten, gleicht die Bekanntgabe des Gilmore Artist einem Paukenschlag. Mehrere Pianisten werden von Mitgliedern eines Komitees bei Konzerten über mehrere Jahre hinweg beobachtet, Aufnahmen werden ausgewertet, und ausdrücklich soll der Preisträger ein Pianist sein, der am Beginn einer großen internationalen Karriere steht und für diese sowohl bereit als auch befähigt ist. Nach

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Leif Ove Andsnes, Piotr Anderszewski und anderen darf sich nun – als sechster Preisträger – Kirill Gerstein mit dem Titel The Gilmore Artist schmücken, der neben einem überwiegend künstlerischen Projekten vorbehaltenen Preisgeld insbesondere in den USA, deren Staatsbürger der gebürtige Russe seit 2003 ist, hohe öffentliche Aufmerksamkeit nach sich zieht. Dass Kirill Gerstein fast gleichzeitig mit dem nicht minder renommierten Avery Fisher Career Grant prämiert wurde, schrumpft, ein wenig ungerecht, beinahe zur Fußnote. Gerstein hatte schon 2002 den anderen Preis der in Kalamazoo, Michigan, ansässigen Gilmore-Stiftung erhalten, den Young Artist Award. Seinerzeit war man beim Artur-Rubinstein-Klavierwettbewerb 2001 auf ihn aufmerksam geworden, und man darf wohl davon ausgehen, dass ihn die GilmoreJuroren seitdem im Auge behalten hatten. Der 1979 geborene Pianist, seit 2007 Professor an der Musikhochschule

Spätestens hier muss man auf die hier und da falsch gewichtete Tatsache kommen, dass Kirill Gerstein sich auch für den Jazz interessiert. Nein, er sei nicht als Jazzpianist ausgebildet worden und habe dann plötzlich zur Klassik gewechselt, hat Gerstein in einem Interview mit dem Chicagoer Klassikprogramm 98.7 WFMT klar gestellt. Vielmehr kam er als Junge mit beiden Musikrichtungen in Kontakt, seine Eltern – Mathematik- und Musiklehrer – hatten eine reichhaltige Sammlung von Jazzplatten, und bei einem klassischen Klavierwettbewerb in Polen wurden 1991 Gesandte des berühmten, auf Jazz spezialisierten Berklee College of Music in Boston auf ihn aufmerksam. Mit 14 war er dort der jüngste Student aller Zeiten, mit 16 entschied er sich aber doch für die klassische Richtung: Man könne nicht beides gleichzeitig mit der gebührenden Intensität machen, begründet Gerstein seinen Entschluss, den er heute, während er sich auf verschiedenen Wegen wieder dem Jazz nähert, als radikale, typisch jugendliche Entscheidung einschätzt. Wenn es darauf ankomme, das Publikum ‚einzufangen‘, seien Jazz und Klassik nämlich gar nicht so unterschiedlich, meint Gerstein, und insbesondere die Kombination von Gershwin und Ravel, die er gerne im Konzert spielt, zeigt dieseVerbindung gleichsam von beiden Seiten: Gershwin als der „klassische Jazzer“, Ravel als der „jazzige Klassiker“ – das sind offene, anregende Programme nach Gersteins Geschmack. Vier bis fünf neue große Werke für das große Podium lernt er in jeder Saison und pflegt ein großes aktives Repertoire von rund fünfzehn Konzerten, hinzu kommen Kammermusik (die reinste Form von musikalischer Aktivität) und Solowerke für Klavierabende. Auch eindrucksvolle Ausflüge zum Lied und Vokalensemble oder zu größer besetzter Kammermusik wie Schönbergs Pierrot lunaire stehen auf Gersteins Kalender, vor allem beim Kammermusikfestival in Jerusalem, wo der Pianist sich „zu Hause fühlt“ und wie jedes Jahr auch im September 2010 mitwirkt – nach Gastspielen bei den Festi-

vals im irischen Cork und im schweizerischen Verbier, mehreren Konzerten mit dem Dirigenten Charles Dutoit in den USA und einer Meisterklasse in Shanghai. Die offiziellen Fotos, die Kirill Gerstein ziemlich ernst darstellen, täuschen ein wenig. Der Pianist ist ein kluger, humorvoller Gesprächspartner und vermag immer aufs Neue zu überraschen, sei es auf seiner Facebook-Seite mit Vorlieben für Sting oder Woody Allen neben Rachmaninow und Puschkin oder durch schlichte und doch wuchtige Sätze, mit denen er sich von Ideologien und vermeintlichen Traditionen abgrenzt: Es kann sehr schockierend sein, wenn man einfach nur dem folgt, was in den Noten steht, sagte Gerstein kürzlich der New York Times. Und er gibt augenzwinkernd zu, dass seine Unterrichtstätigkeit – über die sich angesichts seiner jungen Jahre nicht wenige Menschen wundern – durchaus eigennützig sei. Mit seinen Studenten müsse er viel reden, die Stücke erklären, müsse sich auf die Musik jenseits technischer und instrumentaler Fragen konzentrieren: Da sage ich viel klügere Dinge als die, auf die ich selbst beim Üben komme. Der Komponist György Kurtág, auch ein namhafter Lehrer, habe einmal geäußert, man verstehe ein Stück selbst erst richtig, wenn man es im Unterricht mit einem Studenten durchnehme – so partnerschaftlich und kommunikativ sieht Kirill Gerstein auch seine eigene Lehrtätigkeit und hofft, dass der ‚eigennützige‘ Ansatz sich zum beidseitigen Vorteil ausweitet. Überhaupt sei ja auch eine Konzertdarbietung nichts anderes als das Erklären eines Stückes, ein Akt der Kommunikation – noch so ein Gerstein-Satz, der spontan klingt, über den man aber lange nachdenken kann. Eine unlogische Logik wohne der Musik inne, sagt Kirill Gerstein, der nicht zu jenen Musikern zieht, die sich in ihre Kunst wie in einen Kokon zurückziehen und die Öffentlichkeit als notwendiges Übel hinnehmen. Man müsse heutzutage darüber nachdenken, wie man die klassische Musik in veränderten Lebensverhältnissen relevant erhalte, sagt Gerstein und nennt die Verknüpfung mit anderen Kunstformen wieVideo und Tanz als eine Möglichkeit. Das ihm als Gilmore Artist 2010 zustehende Preisgeld wird der Pianist denn auch vor allem für derartige Projekte verwenden, und ganz bestimmt nicht, wie manch einer vor ihm, für ein neues Klavier – davon besitzt Gerstein schon genug.Aber auch wenn er, auf seinem noch fast originalen Pleyel-Flügel wie weiland Chopin spielend, manchmal der Nostalgie frönt, ist der jüngste Stuttgarter Klavierprofessor doch ganz ein Kind seiner Zeit, mit einem Konzertplan, der jede Fluggesellschaft frohlocken lässt und laut einem der allseits beliebten Fragebögen drei Dingen, ohne die er nicht leben könnte. Zwei davon sind selbstverständlich: Nahrung und Musik. Das dritte ist ein Blackberry. WWW.KIRILLGERSTEIN.COM

Jürgen Hartmann, Studium der Theater- und Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Dramaturgien und Öffentlichkeitsarbeit an den Theatern Greifswald/Vorpommern, Görlitz und Würzburg. Seit 2000 freiberufliche Tätigkeit als Dramaturg, Journalist,Webdesigner und Kulturchronist

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Konzerthighlights

9.12., 19 UHR

10.12., 19 UHR

Cantiamo Ausschnitte aus Donizettis Lucia di Lammmoor

Operngala Das neue Opernstudio stellt sich vor!

Unter der Leitung von Michael Klubertanz präsentieren sich Studierende der Opernschule.

Die musikalische Leitung hat Prof. Bernhard Epstein.

18.12., 19 UHR

Beethoven total Die großen Ensemblewerke Gemeinsam mit Anke Dill, Christian Lampert, Stefan Fehlandt und Ulrich Hermann wird Florian Wiek Beethovens große Ensembles präsentieren.

8.11., 20 UHR

Antrittskonzert Conradin Brotbek, Cello Mit Werken von Schubert und Lachenmann stellt sich Conradin Brotbek der Stuttgarter Öffentlichkeit vor.

6.2.,19UHR

Russische Zaubereien Stuttgarter Bläserakademie Studierende und Professoren spielen Werke von Mussorgski (Bilder einer Ausstellung), Liadov und Dukas.

10.12., 19 UHR

Gregorius von Hartmann von Aue Das Studio für Sprechkunst führt in mittelhochdeutscher und neudeutscher Sprache unter der Regie von Ulrike MaierHillenbrand auf.

20.2., 17 UHR

André B. Marchand spielt J.S. Bach André B. Marchand interpretiert in seinem Abschiedskonzert Bachs „Goldberg-Variationen“

12.12., 17 UHR

Abschied von der Welt Dieter Kurz dirigiert im Abschlusskonzert der Reihe „heimlich - unheimlich“ Schumanns Missa sacra.

12.2., 19 UHR

Minimax, Caruso & Co. Fastnachtskonzert 23.11., 20 UHR

Tabea Zimmermann, Viola & Kirill Gerstein, Klavier Zwei Ausnahmemusiker der jungen Generation interpretieren Werke von Brahms & Clarke. 54

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Gemeinsam mit Kollegen und Studierenden interpretieren Andra Darzins und Jürgen Essl humoristische Werke auf.

30. & 31.10., 20 UHR

HSO-Konzert Neben Schumanns 3. Sinfonie Rheinische wird auch Rachmaninows 1. Klavierkonzert (30.) und Mendelssohns Violinkonzert (31.) aufgeführt. Die Leitung hat die Dirigentin Eun-Sun Kim, die am Teatro Real in Madrid engagiert ist und in Stuttgart ihre Dirigierausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen hat. spektrum

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F r a n z L i s z t s 2 0 0 . G ebu r t s t a g

B a c h wo c h e 2 0 1 1

‚ L i s z t o m a n i e ‘ o d e r n e u e E n t d e c k u n ge n ?

von Holger Schneider BACH JOHANNES-PASSION / 12.-20. MÄRZ 2011

von Prof. Dr. Joachim Kremer

Die Feier des 200. Geburtstages Franz Liszts (1811-1886) muss nicht beworben werden, denn Liszt gehört zweifellos zu den großen Gestalten der europäischen Musikgeschichte. Seine enorme Wirkung hatte schon Heinrich Heine etwas spitz als lisztomanisch bezeichnet, und zahlreiche musikwissenschaftliche Studien unterstreichen die zentrale Bedeutung des Komponisten, Pianisten, Dirigenten und Musikschriftstellers: Geht es beispielsweise um die Sinfonische Dichtung, um Virtuosität, Konzertwesen oder Kirchenmusik, dann kommt man an Liszt nicht vorbei. Mit seinem vielfältigen Wirken war er nicht nur ein Vermittler zwischen den von ihm bereisten Ländern, sondern auch zwischen Literatur und Musik (Sinfonische Dichtungen), geistlicher und konzertanter Musik (z.B. Harmonie poétiques et religieuses), zwischen Rückbezug und

KÜNSTLERISCHE LEITUNG: HELMUTH RILLING

Innovation. Das umfangreiche kompositorische Werk, das über 800 Werke umfasst, ist Ausdruck seiner kreativen Produktivität und Vielgestaltigkeit. Liszt ist also zweifelsohne bekannt. Da aber Bekanntheit nicht unreflektiert als Maßstab für ‚Größe’ und ‚Bedeutung’ taugt, wäre zu fragen, was seinem Ruf zugrunde liegt, ob es wirklich die Kenntnis seiner Musik ist. Wie oft erklingen eigentlich seine insgesamt 15 Sinfonischen Dichtungen und Programmsinfonien in unseren Konzerten? Wann hören wir life seine Klavierkonzerte oder die Graner Messe, unbestritten eine der bedeutenden Messkompositionen des 19. Jahrhunderts. Ein flüchtiger Blick ins Werkverzeichnis (vgl. Liszt, Franz in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Personenteil Bd. 11, Sp. 225-280) lässt ahnen, was überhaupt das kollektive Gedächtnis bestimmt und wie viele Werke oder Werkgruppen es noch (oder wieder) zu entdecken gibt.

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Berührender Klang ist unsere Leidenschaft – Wiener Klangkultur seit 1828

Und über die Entdeckung einzelner Werke hinaus den ‚ganzen’ Liszt in den Blick zu nehmen – vom virtuosen Frühwerk bis zu den tonalen Experimenten in Ossa arida (1879), im 3. Mephisto-Walzer (1883) oder in der Bagatelle sans tonalité (1885)–, ist noch anspruchsvoller und schlägt sogar Bögen zur sogenannten Neuen Musik: Liszt, der Fortschrittliche, ahnte sehr deutlich, dass in der Zukunft Viertel- und Achteltöne das Tonsystem erweitern würden. Seine Modernität und Innovation können also ebenso wie seine Zeitgebundenheit Annäherungen an das reichhaltige Gesamtwerk ermöglichen. Am Ende des Gedenkjahres 2011 wird sich dann zeigen, ob es wieder ein Gedenkjahr von vielen war oder ob es neue Erkenntnisse ermöglicht hat.

VERANSTALTUNGSHINWEIS 27. & 28.1.2011, KAMMERMUSIKSAAL

Hommage à Liszt 2011 Beiträge zum Liszt-Bild des neuen Jahrhunderts 2. Internationale Liszt-Konferenz in Stuttgart

Wilhelm Hölzle · Klavier- und Cembalobaumeister Mahdentalstraße 26 · 71065 Sindelfingen · Tel 0 70 31 / 80 54 69 info@piano-hoelzle.de · www.piano-hoelzle.de

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Eine Veranstaltung des Liszt-Ferenc Archives GöppingenBudapest, des Kulturinstituts der Republik Ungarn Stuttgart und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

Seit Jahrzehnten verbindet die Int. Bachakademie Stuttgart in besonderer Weise das „Nachdenken über Musik“ mit der Praxis. Die Bachwoche ist dafür ein Paradebeispiel in ihrer Kombination von wissenschaftlicher und musikpraktischer Arbeit, von Meisterkursen und Podiumsgesprächen mit Studium Generale, Gottesdiensten, Gesprächskonzerten und Konzerten. Erstmals wird 2011 zur Bachwoche ein internationales Jugendensemble zusammengestellt und der Akademiearbeit und ihrer Ausstrahlung in alle Welt damit ein weiterer wertvoller Aspekt hinzugefügt. Es darf als großer Glücksfall bezeichnet werden, dass seit einigen Jahren mit der Musikhochschule Stuttgart ein Veranstaltungspartner gefunden werden konnte, dessen Profil geradezu ideal mit dem didaktischen Anspruch der Bachwoche harmoniert und dessen Palette an geeigneten Räumlichkeiten den Kanon der unterschiedlichen Veranstaltungen aufs Beste unterstützt. Das Junge Stuttgarter Bach-Ensemble (JSB-Ensemble) wird bei den Gesprächskonzerten und im Abschlusskonzert der Bachwoche 2011 das Ergebnis seiner gemeinsamen Premieren-Arbeit präsentieren. Das Ensemble aus jungen Chorsängerinnen und -sängern, Instrumentalistinnen und Instrumentalisten zwischen 18 und 28 Jahren steht ganz in der Tradition der Förderung musikalischer Ausnahmetalente durch die Bachakademie, die in der Gründung des Festivalensembles Stuttgart 2001 einen wichtigen Markstein erreichte. In der Bachwoche konzentriert sich die Arbeit der jungen Musikerinnen und Musiker nun auf ein Bachsches Hauptwerk, das sie innerhalb einer Arbeitsphase unter Anleitung erfahrener Dozenten vorbereiten und unter der Leitung des Bach-Experten Helmuth Rilling proben und konzertieren können. Die Probespiele und Vorsingen finden in der letzten Novemberwoche 2010 in Deutschland, Skandinavien und Großbritannien statt. Das JSB-Ensemble wird ermöglicht durch die großzügige Förderung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Für die Meisterkurse Gesang konnten Klesie Kelly, Ingeborg Danz, Lothar Odinius und Rudolf Piernay als Dozenten gewonnen werden. Zum Publikumsmagneten entwickelten sich zusehends die Podien am Vormittag im Kammermusiksaal, bei denen das Bachwochen-Thema auf spannende Weise rundherum ‚abgeklopft‘ wird. Neben Helmuth Rilling und dem Theologen Prof. Dr. Martin Petzoldt sorgen in dieser Runde wechselnde Gesprächspartner für spannende Stunden, bei denen wissenschaftliche Aspekte gleichwohl eine wesentliche Rolle spielen. Erstmals 2011 werden diese Seminare gemeinsam mit den Studierenden des Instituts für Musikwissenschaft/Musikpädagogik der Musikhochschule unter der Leitung von Prof. Dr. Joachim Kremer vorbereitet und durchgeführt. WWW.BACHAKADEMIE.DE

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Wa s i s t e n h a r m o n i s c h e M u s i k ? Z u m Wo r k s h o p M i k ro t o n a l i t ä t u m 1 6 0 0 , 2 3 . & 2 4 . O k t o b e r 2 0 1 0 von Prof. Caspar Johannes Walter

Um 1550 formulierte der Komponist und Theoretiker Nicola Vicentino die Grundlagen zu einer Stimmung mit 31 gleichen (sehr kleinen) Tonschritten pro Oktave. Diese Stimmung basiert auf den mitteltönigen Stimmungen jener Zeit, bei denen die Terzen möglichst rein gestimmt waren. Diese Terzen wurden durch die Schichtung gleicher etwas verkleinerter Quinten aufgebaut. Die (große) Terz c – e lehnt sich an die Teiltöne 4 und 5 der Obertonreihe an, wie sie im natürlichen Spektrum jedes klingenden Tones zu hören ist; in der mitteltönigen Praxis ist sie annähernd schwebungsfrei. Diese Terz ist deutlich wahrnehmbar kleiner als die Terz, wie wir sie von unserer heute üblichen gleichschwebenden Temperatur kennen. In der Musik jener Zeit – man denke dabei an die Madrigale von Gesualdo - spielten Terzen eine überragende Rolle; ein gesteigerter Chromatismus drückt sich durch Akkordverbindungen in nahen und entfernten Terzverhältnissen aus (zum Vergleich: in den später folgenden Epochen verwendet die Musik überwiegend Quintverhältnisse zwischen den Akkorden, dadurch ist sie weniger chromatisch aber mehr diatonisch). Eine Schichtung von drei mitteltönigen Terzen ergibt keine Oktave, das his der Folge c – e – gis – his ist viel tiefer als das entsprechende c. Die Komponisten jener Zeit wollten auf die annähernd reinen Terzen nicht verzichten und sie wollten den Terzraum weit spannen; also genügten ihnen

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die 12 Halbtöne der konventionellen Tastatur nicht mehr. Das Resultat waren die erweiterten mitteltönigen Stimmungen mit mehr als 12 Tasten auf der Tastatur.Vicentino nun formuliert den Extremfall dieser Stimmungen. Dadurch, dass er die Oktave in 31 gleiche Teile teilt, findet er eine fast perfekte Annäherung an die mitteltönige Idee, wobei sich Vicentinos Terzenbogen zum Kreis schließt. Interessant ist auch, dass Vicentino nicht nur die 31 Töne verwendet, um lückenlos alle möglichen Dreiklangsakkorde in Terzverbindungen einander folgen zu lassen; er führt darüber hinaus den kleinsten zur Verfügung stehenden Schritt (er ist kleiner als ein Viertelton!) als Intervall in die Musiktheorie ein. Hier bezieht er sich auf die altgriechische Musiktheorie, die drei Genera postuliert: das diatonische, das chromatische und das enharmonische Geschlecht. Während für uns schon der chromatische Genus, wie er z.B. bei Gesualdo oft Verwendung findet, in höchstem Maße reizstark und kühn erscheint, so stößt uns der enharmonische Genus mit seinen Kleinstintervallen (der Halbton wird noch einmal im Verhältnis 2 zu 1 aufgeteilt) durch seine bizarre Fremdheit geradezu vor den Kopf.

Im Zuge der Vorbereitung auf den Kongress Mikrotonalität in Praxis und Ästhetik Alter und Neuer Musik, den unsere Musikhochschule vom 16. bis zum 18. Juni 2011 ausrichten wird, haben wir Kontakte nach Basel geknüpft, weil dort im Umfeld der Schola Cantorum historische Musik unter vielen Aspekten exemplarisch erforscht und aufgeführt wird. Herausstechend war dabei der Kontakt mit dem jungen Cembalisten Johannes Keller, zu dessen Hauptinteressen gerade diese für uns extrem erscheinende Musik gehört. Er hat sich, auf der Basis einer hervorragenden italienischen Cembalokopie, ein Cembalo Universale bauen lassen, ein Instrument in der Nachfolge des 31-tönigen Vicentinoschen Archicembalo. Das Cembalo Universale verfügt über dreifach geteilte schwarze Tasten und über 2 kleine zusätzliche schwarze Tasten, so dass pro Oktave 24 verschiedene Töne verwendet werden können. Unterstützt wird Johannes Keller durch Martin Kirnbauer, Kurator im Musikinstrumentenmuseum Basel, Musikwissenschaftler und Spezialist für enharmonische Tasteninstrumente. Er durchforstet die Bibliotheken, um auf der Basis der Handschriften das harmonische Potential der Musik jener Zeit überhaupt erst ans Licht zu bringen. Das Cembalo Universale kann als typisches mikrotonales Instrument für die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts

angesehen werden und auf ihm ist sogar die Aufführung von Vicentinos enharmonischer Musik möglich.Um einen ersten aber schon intensiven Einblick in das harmonische Laboratorium des 16. und des 17. Jahrhunderts zu bekommen, haben wir Johannes Keller und sein Cembalo für einen zweitägigen Workshop eingeladen:

24. & 25. Oktober ganztägig im Orchesterprobenraum: MIKROTONALITÄT UM 1600

Workshop von und mit Johannes Keller (Cembalo Universale) mit Unterstützung von Caspar Johannes Walter, Johannes Knecht und Jörg Halubek. Zusätzlich zu einem Überblick über die wirklich spektakuläre und weitgehend unbekannte Literatur der enharmonischen Musik ab Vicentino möchte Johannes Keller zusammen mit Studierenden aus dem vokalen und instrumentalen Bereich mit der Erarbeitung dieser Musik beginnen, in Vorbereitung auf die spätere Aufführung innerhalb des Kongessprogrammes im Juni 2011. Sowohl passive als auch aktive Teilnehmer aus allen Bereichen der Musikhochschule sind herzlich eingeladen. Informationen unter: Caspar Johannes Walter - C J W A L T E R @ A R C O R . D E Anzeige

Allerdings liegt das daran, dass die Musikgeschichte inzwischen den anderen Weg hin zum konsistenten 12-tönig temperierten System gegangen ist. Daran haben wir uns vollständig gewöhnt. Dass die Ideen von Vicentino noch Jahrhunderte lang von anderen Komponisten aufgegriffen wurden, ignorieren wir in unserer Rezeption weitgehend, weil uns diese Art Denken schlicht unvorstellbar wurde. Das führte dazu, dass sogar in kritischen Ausgaben (z.B. für die Musik von Frohberger) Doppelkreuze durch einfache Kreuze ersetzt wurden, um die Musik im damalig heutigen Sinn „richtiger“ erscheinen zu lassen. In der jüngsten Zeit allerdings rücken die erweiterten mitteltönigen Stimmungen und auch die „enharmonische“ Musik mehr und mehr in den Blickpunkt von Wissenschaftlern und von Interpreten.

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horads - das Hochschulradio Stuttgar t

Kultur netztag

E i n Po r t r ä t ü b e r d e n j u n ge n „ Z u k u n f t s “ - S e n d e r

E i n R ü c k bl i c k - D e r S p r u n g i n d i e S e l b s t ä n d i g k e i t

von Regina Spindler

von Dr. Petra Schneidewind

Das Hochschulradio Stuttgart (horads) ist das Campusradio der Hochschulregion Stuttgart. Seit Januar 2010 kann man horads in Stuttgart und Umgebung auf der UKW-Frequenz 88,6 empfangen. Unter dem Sendemotto Wir senden Zukunft werden Studierende an den Hörfunk herangeführt und arbeiten als Redakteur, DJ, Reporter oder Moderator im Sendebetrieb. Was 1999 als studentisches Webradio begann und 2004 als horads auf Sendung ging, ist seit diesem Jahr ein anerkanntes Lernradio. Damit verbunden ist ein medienpädagogisches Ausbildungsprogramm, an dem schon 150 Studierende teilgenommen haben. Dabei werden Grundkompetenzen der Hörfunkarbeit praxisnah vermittelt, vom Schneiden einer Umfrage bis hin zur redaktionellen Vorbereitung einer ganzen Sendung. Es geht darum, sich auszuprobieren und sich in Frage zu stellen, beschreibt Tobias Ortmanns, verantwortlich für die Ausbildung und Sendeplanung von horads, den pädagogischen Ansatz des Lernradios. Finanziert wird der werbefreie Sender hauptsächlich vom Trägerverein HochschulRadio Stuttgart (HoRadS e.V.). Mitglieder sind neben der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst sechs weitere Hochschulen aus der Region Stuttgart sowie der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg. Die Redaktionsräume und das Radiostudio von horads befinden sich in der Hochschule der Medien in Stuttgart. Aktuell produzieren mehr als 70 Studierende der verschiedenen Hochschulen gemeinsame Sendungen wie das tägliche Morgenmagazin. Darüber hinaus gibt es eigene Sendeformate der beteiligten Hochschulen. Im Campus-Magazin stellen wir Menschen und Themen rund um die Musikhochschule vor, sagt Anna Greiter,

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Mitglied der Campus-Redaktion an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Neben hochschuleigenen Themen vermittelt horads wissenschaftliche Informationen im gleichen Maße wie Neuigkeiten aus der regionalen Kulturszene oder dem studentischen Leben. Genauso alternativ ist auch die gespielte Musik im Vergleich zu anderen Radiostationen. Wir zeichnen uns am allermeisten dadurch aus, dass wir Musik spielen, die für die Leute neu ist, hebt Manuela Fischer als Leiterin der Musikredaktion hervor. Wir bilden ganz viele verschiedene Musikstile ab. Bei uns kann man Hiphop hören, bei uns kann man elektronische Musik hören, aber auch mal einen Popsong! Vor der Umstrukturierung teilte sich das Stuttgarter Hochschulradio eine Frequenz mit dem lokalen Bürgerfunk und konnte nur vormittags auf der UKW-Frequenz 99,2 empfangen werden. Seit diesem Jahr sendet horads nun ein 24Stunden-Programm, das man auch außerhalb des Sendegebiets über Live-Stream im Internet hören kann. Damit verbunden sind auch Veränderungen im Sendeplan. Wir wollen die Mittagsschiene ausbauen. Es sollen mehr Sendeplätze gefüllt werden mit Live-Sendungen. Dafür werden natürlich immer neue Leute gesucht, sagt Tobias Ortmanns. Wer Interesse hat, als Wort- oder Musikredakteur einzusteigen, zu moderieren oder eigene Musiksendungen zu produzieren, findet weitere Informationen unter: WWW.HORADS.DE

Am 29. April luden das KulturNetz e.V., Ehemaligen-Netzwerk des Instituts für Kulturmanagement an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und die Musikhochschule Stuttgart ein zur Podiumsdiskussion Der Sprung in die Selbständigkeit – Unternehmer und Freelancer im Kulturbereich. Im Podium versammelten sich unter der Moderation von Lerke von Saalfeld sowohl Vertreter aus Wirtschaft (Dieter K. Zimmermann) und Wissenschaft (Prof. Dr. Birgit Mandel) als auch aktive Kulturschaffende, die ein Kulturmanagement-Studium in Ludwigsburg absolvierten (Simone Enge, Sabrina Fütterer, Claudia Fenkart-N‘jie). Sie traten gemeinsam in den Dialog, um den rund 80 Zuhörern einen Einblick in die derzeitige Situation der Kultur- und Kreativwirtschaft zu gewähren. Längst ist man sich einig: die Ära der Festanstellungen und Langzeitverträge im Kulturbereich neigt sich ihrem Ende entgegen. Auf den Staat als sicheren Träger der Kultur ist kein Verlass mehr. Wird Selbständigkeit da nicht zum Fluchtweg aus der drohenden Arbeitslosigkeit? Nein, beweist Prof. Dr. Birgit Mandel, Professorin am Institut für Kulturpolitik an der Hochschule Hildesheim. Die Ergebnisse ihrer Befragungen von Selbständigen aus dem Kulturbereich sprechen eine andere Sprache: Selbständigkeit wird immer häufiger als echte Alternative zur Arbeit im öffentlichen Kulturbetrieb empfunden, die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit ermöglicht. So zeigen auch die erhobenen Zahlen diesen Paradigmenwechsel an: weg von der Vorherrschaft öffentlich-rechtlicher Modelle, hin zur Kreativwirtschaft. Dabei organisieren sich die neuen Kulturunternehmer vor allem in kleinen Unternehmen. Wachstum spiele dabei kaum eine Rolle, so Birgit Mandel. Auch Simone Enge, Leiterin des Career Service der Musikhochschule Stuttgart, bestätigt diesen Trend, denn immer mehr Studierende äußern ihr Interesse, sich als Musiker selbständig zu machen. Jedoch lauere dabei die Gefahr, Deutschlands einzigartige und reichhaltige Kulturlandschaft, die ohne öffentliche Förderung so nicht denkbar wäre, allzu schnell aufzugeben, betont Lerke von Saalfeld. Ein wichtiger Aspekt, findet Birgit Mandel, denn es bestehe eine existenzielle Wechselwirkung zwischen der kulturellen Infrastruktur in Deutschland, die durch öffentliche Mittel erst ermöglicht wird, und der Kulturwirtschaft. So gewinne der selbständige Kulturunternehmer als Mittler zwischen Kultur und Wirtschaft immer mehr an Bedeutung. Aber wie geht man vor, um als Selbständiger im Kulturbereich erfolgreich zu sein? Nicht anders als in anderen Bereichen auch, meint Dieter K. Zimmermann, Berater beim Gründerbüro Stuttgart und Vorstandsmitglied des Expertennetzwerks Senioren helfen Junioren Baden-Württemberg e.V. Ohne ein gutes Business-Konzept und eine zuverlässige Markt- und Konkurrenzanalyse werde jede noch so kreative Idee im Sande verlaufen. Notwendig seien damit jene betriebswirtschaftlichen Grundlagen, die sich Sabrina Fütterer am Institut für Kulturmanagement in Ludwigsburg habe aneignen können. Mittlerweile ist sie Inhaberin von ikum internet kultur marketing, einer Beratungsagentur für Kulturbetriebe. Glücklicherweise steht der potentielle selbständige Kulturunternehmer im Raum Stuttgart nicht völlig alleine vor seinen Aufgaben. Servicestellen wie das Gründerbüro der Stadt Stuttgart oder universitäre Einrichtungen wie der Career Service an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart stehen ihm beratend zur Seite. Claudia Fenkart-N‘jie, Herausgeberin des Kulturkalenders BadenWürttemberg, ist davon überzeugt, dass letztendlich vor allem der feste Glaube an ihre Idee und den Erfolg sie in schweren Zeiten getragen haben.

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Highlights für Kids & Teens

Der Sinn ist los

Von fremden Ländern und Menschen

DONNERSTAG, 7.10.2010, 19 UHR, KAMMERMUSIKSAAL

FREITAG, 3.12.2010, 9.30 & 11 UHR, KONZERTSAAL

Das musikalisch-bewegte Bühnenstück besteht aus acht Szenen und Sinnen wie - Feinsinn,Wahnsinn, Frohsinn, Blödsinn, Tiefsinn, Starrsinn, Leichtsinn und Unsinn. Es soll ein junges Publikum (ab elf Jahren) packen, anregen, motivieren, nachdenklich stimmen, Mut machen, begeistern und beglücken. Ob rhythmisch, melodiös, harmonisch, bewegt, getanzt, gespielt oder theatralisch, regt jede Szene mehrere Wahrnehmungsebenen an. Ein ganz und gar sinnliches Erlebnis voll Sinn und Unsinn. Dann und wann ist es eine verstrickte Angelegenheit. Ein roter Faden begleitet durch das ganze Stück, geht verloren und wird wieder gefunden.Wir wickeln das Publikum ein. Das Ganze verbindet und vernetzt Musik und Bewegung - wie die Rhythmik an sich. Studentinnen des Master of Arts in Music Pedagogy im Studienbereich Rhythmik der Hochschule der Künste Bern HKB.

Ein König will seine traurige Tochter, genannt Liebseelchen, zum Lachen bringen. Eine Kette von märchenhaften Verwicklungen, inklusive einer bösen Hexe, dreier Zaubernüsse, einer falschen Braut und natürlich einem echten Prinzen, den es zu erretten gilt, bilden den literarischen Rahmen (nicht nur für Kinder von 8 bis 12 Jahren) für Robert Schumanns Kinderszenen. Studierende des Studiengangs Klavier und des Studiengangs Sprechkunst der entführen in die spannende Welt der Romantik. Clemens Brentano schrieb dieses Märchen auf der Grundlage des Pentamerone von Giovanni Battista Basile. Das Pentamerone diente als wichtige Quelle für Brentano, Tieck und die Gebrüder Grimm.

Paulas Traumreise - KonzertGeschichten für Kinder

einer gemeinsamen Zielsetzung folgen: anspruchsvolle Konzertprogramme für Kinder (in der Regel von ca. 4-10 Jahren) zu entwickeln, in denen auf hohem Niveau musiziert wird und den Kindern ein ganz besonderes Musikerleben ermöglicht wird. Komponierte und improvisierte Musik wird zum Hörerlebnis, teilweise auch unterstützt oder interpretiert durch Bewegung, Tanz und Spiel - die Musiker werden Teil einer Szene. Manchmal sind die Geschichten schon aufgeschrieben, öfter entstehen sie erst im kreativen Prozess.

DIENSTAG, 22.2.2011, 16 UHR, KAMMERMUSIKSAAL

Wie Geige und Kontrabass Freunde wurden, Mozart. Kinder aufgepasst!, Ein japanisches Märchen, Die geheimnisvolle Truhe - so lauteten einige der bildhaften Überschriften von Konzerten für Kinder, die im Laufe der letzten Jahre von Studierenden des Studienganges Elementare Musikpädagogik (EMP) unter Leitung von Gudrun Bosch veranstaltet wurden. Seit einiger Zeit präsentiert sich diese kleine Konzertreihe nun unter dem Titel KonzertGeschichten und verweist somit auf die Grundidee aller Veranstaltungen, so verschieden konzipiert und gestaltet diese auch waren: Musik als Sprache, die uns etwas erzählt. Musik löst Bilder in uns aus, versetzt uns in Geschichten, spricht uns durch Klänge, Melodien und Rhythmen an und schickt unsere Fantasie auf Reisen. Manchmal ist sie direkt, unverblümt und klar verständlich, dann wieder geheimnisvoll und verschlüsselt. Idee und Konzeption der einzelnen Aufführungen orientieren sich an den jeweils teilnehmenden Studierenden. So entstehen die unterschiedlichsten Projekte, die jedoch alle

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Das nächste Projekt wird in Kooperation mit dem Studio Neue Musik (Christof M Löser) erarbeitet. So ist eine gemeinsame Produktion im Werden, die unter dem Titel Paulas Traumreise einen Schwerpunkt auf Musik von jungen, derzeit an der Musikhochschule Stuttgart studierenden Komponisten legen wird. Im Traum ist ja bekanntlich alles möglich - und so wollen wir alte und neue, gewohnte und ungewohnte, schöne und schaurige Klänge hör- und sichtbar werden lassen. Auf den Inhalt dieser ‚Geschichte‘ sind nicht zuletzt alle Beteiligten selbst gespannt!

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die verschiedenen Akteure (Lehrer, Schüler, Eltern) wird zunehmend erforscht. Der aktuell größte Forschungskontext ist sicherlich die vom BMBF geförderte Evaluation von „Jedem Kind ein Instrument“. Warum ist es für die Lehrer von morgen wichtig, auch eine empirisch orientierte musikpädagogische Ausbildung zu erhalten? Während eine empirisch-methodische Ausbildung in vielen Fachdidaktiken und insbesondere in der Erziehungswissenschaft mittlerweile Standard ist, hinkt die Musikpädagogik hier oftmals noch ein Stück hinterher. Ein Musiklehrer sollte in der Lage sein, wissenschaftliche Erkenntnisse adäquat zu rezipieren. Aber auch für die Planung, Durchführung und insbesondere Auswertung von Unterricht kommt dem Verständnis und der Anwendung empirischer Methoden mittlerweile eine gesteigerte Bedeutung zu. In den kommenden fünf Jahren haben Sie Gelegenheit, der Musikpädagogik in Stuttgart, aber auch von Stuttgart ausgehend neue Impulse zu geben.Was liegt Ihnen dabei besonders am Herzen?

Vom Einzelkämpfer zum Netzwerker Je n s K n i g ge , a b d e m W i n t e r s e m e s t e r 2 0 1 0 / 1 1 Ju n i o r p ro fe s s o r f ü r M u s i k p ä d agog i k , i m G e s p r ä c h m i t P ro f. D r. S o i n t u S c h a re n b e r g Momentan scheint es geradezu einen Empirie-Hype in Deutschland zu geben. Können Sie einmal für den Laien erklären, wodurch die empirische Musikpädagogik gekennzeichnet ist?

thoden) oder mit interpretativen Ansätzen (qualitative Methoden). Ziel empirischer Forschung ist es, durch solch ein systematisches Vorgehen theoretische Annahmen über die (musikunterrichtliche) Welt zu prüfen.

Das Spezifische der empirischen Musikpädagogik ist die methodische Vorgehensweise: ‚empirisch’ kommt aus dem Griechischen und bedeutet ‚auf Erfahrung beruhend’. Es geht bei empirischer Forschung darum, systematisch ‚Erfahrungen’ zu sammeln und auszuwerten, um dadurch zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Die Sammlung (Datenerhebung) solcher ‚Erfahrungen’ wird in der Regel durch Fragebögen, Interviews oder Beobachtungen erhoben. Die Auswertung erfolgt meist mittels statistischerVerfahren (quantitative Me-

Welche Fragestellungen stehen aktuell im Zentrum empirischer Musikpädagogik in Deutschland?

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Die musikpädagogische Forschung ist von einer großen Heterogenität gekennzeichnet. Ein wichtiges Feld ist aktuell z.B. die Messung und Modellierung musikalischer Kompetenzen. Ein weiterer sehr interessanter Bereich ist die Untersuchung des musikalischen Selbstkonzepts von Schülern, auch die Wahrnehmung der Unterrichtswirklichkeit durch

Ich möchte zunächst bereits vorhandene Schwerpunkte weiter ausbauen, dies betrifft vor allem die Modellierung musikspezifischer Kompetenzen sowie empirische Studien zur interkulturellen Musikpädagogik.Wichtig ist mir hierbei die Vernetzung der Forschungsprojekte innerhalb Stuttgarts aber auch bundesweit. Hierdurch können die Fragestellungen viel umfassender und effizienter bearbeitet werden als dies als ‚Einzelkämpfer’ möglich ist. Außerdem liegt mir besonders am Herzen, Forschung und Lehre miteinander zu verknüpfen, bspw. im Rahmen von Seminaren, die immer auch ein kleines empirisches Projekt enthalten sollen, oder auch durch die Vergabe von Haus- und Abschlussarbeiten im Kontext übergreifender Forschungsfragen.

Sie haben in kurzer Zeit sehr viel erreicht - wo sehen Sie sich, sagen wir, in 10 Jahren? In der Vergangenheit hat sich bei mir meist alles mehr oder weniger von selbst ergeben:Von der Kirchenmusik kam ich zur Schulmusik, nach Tätigkeiten als Kantor, Dirigent und Instrumentalpädagoge schlossen sich noch ein Orgelaufbaustudium und ein Auslandsaufenthalt an. Und durch ein paar glückliche Zufälle war ich plötzlich an der Universität Bremen und mittendrin in der Forschung, nun in Stuttgart. Kurzum: Ich habe die letzten 10 Jahre so in keiner Weise vorausgesehen und befürchte (oder hoffe), dass es mit den nächsten genauso sein wird. Wünschen würde ich mir jedoch, dass ich auch noch in 10 Jahren so fasziniert bin von der Erforschung musikpädagogischer Fragestellungen, ich gleichzeitig aber auch wieder etwas mehr Zeit für das eigene Musizieren finden werde als das in der jüngsten Vergangenheit der Fall war. Jens Knigge wurde 1978 in Ellwangen geboren und studierte zunächst Schul- und Kirchenmusik an den Musikhochschulen in Weimar und Stuttgart. Nach dem Ersten Staatsexamen sowie dem Kirchenmusik-Diplom im Jahre 2005 absolvierte er ein künstlerisches Aufbaustudium in der Orgelklasse von Bernhard Haas. Weitere Studienaufenthalte führten ihn 2006 an die Universität Oslo und an die Musikhochschule Stockholm. Im Anschluss daran nahm er eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Musikwissenschaft & Musikpädagogik der Universität Bremen an (DFG-Forschungsprojekt „KoMus“). Darüber hinaus war Jens Knigge von 2008-2009 Koordinator des BMBFForschungsprogramms zu „Jedem Kind ein Instrument“ an der Universität Bielefeld.Von 2006-2010 lag der Aufbau und die Leitung des AMPF-Doktorandennetzwerks in seinen Händen, welches mittlerweile international als größter Zusammenschluss von Nachwuchswissenschaftlern der Musikpädagogik gilt. 2010 wurde Jens Knigge zum Dr. phil. promoviert mit einer empirischmusikpädagogischen Arbeit zur Entwicklung und Analyse von Kompetenztestaufgaben. Anzeige


Zukunft gesicher t N e u e s vo n d e r R S O - O r c h e s t e ra k a d e m i e von Prof. Christian Sikorski

Die Zukunft der Orchesterakademie der Musikhochschule mit dem RadioSinfonieOrchester des SWR Stuttgart ist gesichert. Der Rektor der Musikhochschule, Prof. Dr.Werner Heinrichs hat die Stiftung der Sparda-Bank für eine langfristige Förderung und finanzielle Absicherung gewinnen können. Die Akademie wurde 2008 ins Leben gerufen und erhielt ihre großzügige Anschubfinanzierung von der Leibinger-Stiftung, der Nanz-Stiftung und der LBBW-Stiftung. So konnten in den ersten beiden Jahren zehn Studierende von der Ausbildung in der Akademie profitieren. Vorausgegangen waren jeweils zwei erfolgreich absolvierte Probespiele, eines in der Hochschule, das andere im Funk-Studio des SWR. In der Spielzeit 2010/11 werden wieder sechs Studierende der Fächer Violine (zwei Studierende), Violoncello, Horn, Klarinette und Trompete an vier bis sechs Projekten des Orchesters teilnehmen können - darunter mindestens ein Projekt mit dem ChefDirigenten und ein Projekt mit Neuer Musik.

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Bei den Probespielen im Juni 2010 hatten sich zahlreiche Instrumentalisten für die Akademie beworben - allein im Fach Violine 14 Kandidatinnen und Kandidaten. Als neue Akademisten wurden folgende Studierende ausgewählt: Luca Bognar, 1.Violine (Klasse Prof. Dill), Annette Köhler, 2.Violine (Klasse Prof. Sikorski), Doran Alibaud, Cello (Klasse Prof. Queyras und Prof. Brotbek), Bertrand Catanet, Horn (Klasse Prof. Lampert), Stefanie Faber, Klarinette (Klasse Prof. Kaiser) und Lajos Rezmüres,Trompete (Klasse Prof. Bauer).

VERANSTALTUNGSTIPP

5. 12.2010, 20 UHR, KONZERTSAAL - EINTRITT FREI

Unter der Mitwirkung von Emily Körner, Stimmführerin der 2.Violinen, und des Solobratschers Gunter Teuffel des RadioSinfonieOrchesters Stuttgart spielen AkademieTeilnehmer einen Kammermusikabend im Konzertsaal der Musikhochschule. Auf dem Programm stehen Mozarts Hornquintett Es-Dur KV 407, ein Werk für Horn und Schlagzeug von Stanley Leonhard, die Revue de cuisine von Bohuslav Martinu sowie das Sextett B-Dur op. 18 von Johannes Brahms.

INFORMATIONEN

MEISTERKLASSE FÜR LIED 23. – 27. FEBRUAR 2011 KURT WIDMER

(GESANG)

und MARCELO AMARAL

(KLAVIER)

Karten & Infos für Teilnehmer (0711) 72 23 36 99 · www.ihwa.de

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Ve r l e i h u n g d e s B u n d e s ve r d i e n s t k re u ze s a n P ro f. D u n j a Ve j zov i c MITTWOCH, 20. OKTOBER, 18.30 UHR, KAMMERMUSIKSAAL - EINTRITT FREI

Bundespräsident Christian Wulff hat Frau Prof. Dunja Vejzovic den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Der Bundespräsident ehrt damit die besonderen Verdienste von Prof. Vejzovic als Künstlerin und Pädagogin sowie ihren Einsatz um den Wiederaufbau des Kulturlebens in ihrer Heimat Kroation nach dem Balkankrieg.

Akademie – Konzert

FÜR AUSLÄNDISCHE STUDIERENDE

38. STUTTGARTER

Hingabe für die Bühne

Auslandsaufenthalt während des Studiums (z.B. Erasmus) Alle Studierenden, die mit einem Visum in Deutschland studieren, dürfen sich während des Studiums maximal 6 Monate im Ausland aufhalten. Ist ein studienbedingter Auslandsaufenthalt für mehr als 6 Monate geplant, muss vor der Abreise die Genehmigung der zuständigen Ausländerbehörde eingeholt werden, da sonst der Rückkehranspruch verfällt. Eine Bestätigung der Hochschule ist vorzulegen. Liegt die entsprechende Genehmigung nicht vor, kann es sein, dass eine Wiedereinreise nach Deutschland nicht möglich ist. Berufstätigkeit Innerhalb des Studenten-Visums darf man grundsätzlich nur mit Lohnsteuerkarte beschäftigt sein (der entsprechende Umfang in Form von Tagen ist im Visum vermerkt). Freiberufliche Tätigkeiten sind möglich, zuerst muss aber bei der Ausländerbehörde die Erweiterung des Studenten-Visums beantragt werden. Diese Genehmigungen werden in der Regel bei Vorlage einer entsprechenden Stellungnahme der Hochschule (Prorektor) auch erteilt, wenn es sich um eine freiberufliche Tätigkeit handelt, die in engem Zusammenhang zum Studium steht. Wird man bei einer nicht genehmigten freiberuflichen Tätigkeit erwischt, kann dies unter Umständen zum Abbruch des Studiums führen. Freiberufliche Tätigkeiten sind Jobs auf Honorarbasis, z.B. Leitung eines Kirchenchors, Unterrichtstätigkeit auf Honorarbasis u.a.m.

Dunja Vejzovic wurde in Zagreb, Kroatien, geboren. Nach Studium und Diplom sowohl in Grafik an der Kunstakademie als auch in Gesang an der Musikakademie ihrer Heimatstadt ging sie zu weiteren Studien im ‚deutschen Lied’ für ein Jahr an die Musikhochschule in Stuttgart. Sie nahm ihr erstes Engagement am Nürnberger Opernhaus an, wo sie gleich in großen Partien eingesetzt wurde und mit bekannten Regisseuren wie Hans Neuenfels, Hansgünter Heyme und Werner Düggelin arbeitete. Nach ihrem ersten Auftritt als Kundry im Parsifal und als Brünnhilde in der Walküre bekam sie von Wolfgang Wagner das Angebot, die Kundry in Bayreuth zu singen; sie gestaltete die Rolle während drei Festspielzeiten.

nen bereits selbst auf eine beachtliche Karriere verweisen. Neben ihrer herausragenden künstlerischen Laufbahn und ihrer sehr erfolgreichen pädagogischen Arbeit ist drittens ihr Engagement für das Kulturleben Kroatiens und für die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kroation zu erwähnen. Nach dem Ende des Krieges auf dem Balkan war Dunja Vejzovic eine der ersten Prominenten, die sich für einen kulturellen Aufbau des Landes engagierte. Zusammen mit Freunden gründete sie in Stuttgart die Deutsch-Kroatische Gesellschaft. In Rab in Kroatien leitet sie ein Gesangsfestival, in dessen Rahmen sie Meisterkurse für Studentinnen und Studenten aus Deutschland und Kroatien anbietet. Mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes soll dieses vielfältige künstlerische, pädagogische und kulturpolitische Wirken von Prof. Dunja Vejzovic in angemessener Form gewürdigt werden. Die Übergabe des Ordens erfolgt am 20. Oktober, 18.30 Uhr im Rahmen einer Feierstunde durch Minister Prof. Dr. Peter Frankenberg.

Dann holte Herbert von Karajan Dunja Vejzovic als seine Kundry für die Parsifal-Einspielung und die Aufführungen bei den Salzburger Osterfestspielen. Sie nahm mit Karajan auch die Senta im Fliegenden Holländer und die Ortrud im Lohengrin auf, die sie auch bei den Osterfestspielen verkörperte. Dunja Vejzovic trat an den meisten großen Opernhäusern wie der Mailänder Scala, an der New Yorker Met, der Hamburger und der Wiener Staatsoper in Premieren auf, wo sie Hauptrollen sang. Sie arbeitete mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Lorin Maazel, Claudio Abbado und Christoph Eschenbach zusammen. Besonders fruchtbar war ihre Bühnenarbeit mit dem Regisseur Robert Wilson, bei dem sie neben der Kundry in seiner Parsifal-Deutung in Hamburg und Houston auch in den Hauptrollen in der Gluck’schen Alceste und bei der Uraufführung von Hagoromo beim Maggio Musicale in Florenz auftrat. Parallel zur eigenen Opern- und Konzerttätigkeit widmet sich Dunja Vejzovic seit Jahren intensiv der pädagogischen Arbeit. Nach einer Professur in Graz und Zagreb ist sie seit 1999 Professorin für Gesang an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Dort hat sie mit großem pädagogischen Geschick talentierte jungen Menschen als Sängerinnen und Sänger ausgebildet. Darüber hinaus ist sie auch in internationalen Meisterkursen eine gefragte Pädagogin. Nicht zuletzt wird ihr fachkundiges Urteil in internationalen Wettbewerben als Jurorin gesucht. Mehrere der bei ihr ausgebildeten Studentinnen und Studenten haben inzwischen erfolgreich den Schritt auf die Opernbühne gemacht und kön-

künstlerisches, pädagogisches und kulturpolistisches wirken spektrum

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Bernhard Karlowitz o.T. , Eitempera auf Leinwand 92 x 92 cm, 2008

Kultur-Gäste in Stuttgar t D e r M a l e r B e r n h a r d K a r l ow i t z p o r t r ä t i e r t e Pe t e r vo n B e c k e r & D a n i e l S c h ny d e r von Prof. Dr. Werner Heinrichs

In den vergangenen Jahren hat der Heilbronner Maler Bernhard Karlowitz eine Porträtserie von Gästen in einer Stadt erstellt. Zwei dieser porträtierten Persönlichkeiten waren Gäste der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Am 24. April 2008 porträtierte er den Kulturjournalisten und Theaterwissenschaftler Dr. Peter von Becker, der an unserer Hochschule als Gast eine Vorlesungsreihe über das Theater des 20. Jahrhunderts gehalten hat. Peter von Becker, der in Berlin lebt, stand Bernhard Karlowitz leider immer nur für kurze Zeit zur Verfügung. Folglich ist sein Porträt gekennzeichnet von kräftigen Primärfarben, die nur auf das Notwendigste abgemischt wurden. Was zunächst der zeitlichen Not geschuldet war, erwies sich als eine kluge Entscheidung des Malers, denn das Porträt gibt auf diese Weise von der Kraft und dem Elan Peter von Be-

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ckers weit mehr wieder als es dem Außenstehenden in der ersten Begegnung mit dem Porträtierten erscheinen mag. Am 17. Juni 2008 porträtierte Bernhard Karlowitz den Saxophonisten und Komponisten Daniel Schnyder. Der Maler entschied sich hier für ein Diptychon, das in Abschnitte aufgeteilt ist. Es entstehen so verschiedene Blickfelder, die autonom wirken können, aber doch in ihrem Zusammenspiel die Ganzheitlichkeit des Portraits sichern. Wenn man bedenkt, dass Daniel Schnyder einer der vielseitigsten Komponisten und Musiker unserer Zeit ist, der sowohl in der Klassik als auch im Jazz, in Europa und in den USA, in der pädagogischen Arbeit wie in der künstlerischen Präsentation gleichermaßen auf sehr hohem Niveau zuhause ist, so ist es geradezu zu bewundern, wie glücklich Bernhard Karlowitz durch die Komposition des Bildes diese Vielseitigkeit eingefangen hat.

Bernhard Karlowitz Porträt Daniel Schnyder/Summertime (Rübenfeld und Obstbäume) Diptychon - Eitempera auf Leinwand, 94 x 105 cm, 2008 ZUM PROJEKT

ZUR PERSON

Mit dem Projekt Gäste in Stuttgart entsteht seit Anfang 2008 eine Porträtreihe. Die Gäste werden von Stuttgarter Einrichtungen nominiert. Karlowitz untersucht in diesem Projekt die soziale Funktion des Mediums Porträtmalerei über die Frage nach den Kriterien des Auswahlaktes. Die Porträtmalerei erwählt „Persönlichkeiten von allgemeiner Bedeutung „für das Archiv unseres kulturellen Bewusstseins“ - das seit tausenden von Jahren. Persönlichkeiten, an die unsere Gesellschaft sich erinnern möchte oder soll. Sollten wir überdenken, was das heute bedeuten kann? Eine Person „interessant“ zu finden, muss sich heute nicht mehr auf deren gesellschaftliche Stellung beziehen. Jede Porträtsitzung stellt eine spezifische Herausforderung für den Maler dar. Er arbeitet unter Zeitdruck, an verschiedenen Orten, in ungewohnten Situationen, bei ersten Begegnungen. Bei dieser Porträtreihe arbeitet der Künstler mit renommierten Institutionen der Landeshauptstadt, unter anderem der Staatsgalerie Stuttgart, dem Lindenmuseum, Museum für Volkerkunde und der Musikhochschule Stuttgart, und porträtiert Persönlichkeiten aus aller Welt, darunter die chinesische Musiklegende Xu Jiangde oder den in New York lebenden schweizer Komponisten Daniel Schnyder, der jährlich eine Crossover Akademie an der Musikhochschule Stuttgart leitet und eigens dafür Auftragswerke komponiert.

Bernhard Karlowitz gilt als Künstler mit ungewöhnlichen Herangehensweisen zwischen informeller und figurativer Malerei. 2001 schließt er sein Studium der Freien Bildenden Kunst in der Klasse Neue Malerei bei Prof. Lobeck an der Kunsthochschule Kassel mit Auszeichnung ab. Er entwickelt eine eigenständige, figurative Malerei, in der sich eine bewegte Flächigkeit über subtile Farbvaleurs gestaltet. Seine vielschichtige Farbigkeit ist häufig über Lasuren erreicht und verzichtet nahezu auf graphische oder lineare Elemente, hohe Kontraste oder den Einsatz von Schwarz. Besondere Beachtung wird dem interaktiven Ausstellungsprojekt Malerei in und um von nach mit Heilbronn zuteil. Seither kooperiert Karlowitz mit den bedeutendsten Einrichtungen im Süddeutschen Raum und erhält bundesweit Aufträge. Weitere Projekte sind Verlaufen in Nürnberg, Elegie auf die Langeweile an einem verlorenen Sommertag in Hildesheim, Am Meer in Venetien und Gäste in Stuttgart. 2009 würdigt das Land Baden-Württemberg das künstlerische Schaffen Bernhard Karlowitz‘ mit dem Ankauf eines seiner Schlüsselwerke: It‘s A Quarter To Three. WWW.BERNHARDKARLOWITZ.DE

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D e r Vo r h a n g h e b t s i c h . . . S p e n d e n a u f r u f z u r E r n e u e r u n g d e s B ü h n e n vo r h a n g s i m W i h e l m a T h e at e r von Dr. Erich Weinreuter

bei, mit einem hohen Anteil an Über Jahre hinweg beendete Marcel ReichWIR ... SEHN BETROFFEN DEN VORHANG ZU Handarbeit, entstandene KunstRanicki sein Literarisches Quartett – eine werk, umfasst 175 QuadratmeFernsehshow – mit dem oben angeführten UND ALLE FRAGEN OFFEN. ter. Es steht unter DenkmalZitat. Er benutzt, was häufig geschieht, den schutz, dem die nun anstehende Bühnenvorhang als eine weit über die TheBertolt Brecht Erneuerung verpflichtet ist. aterbühne hinausreichende Metapher und Der gute Mensch von Sezuan unterstreicht damit auch die Bedeutung des Vorhangs für das Theater selbst. Für das Wilhelma Theater Bereits im Jahr 2005 wurde im Rahmen einer Überprüfung beschreibt diese Metapher, zugleich eine sehr reale Situa- festgestellt, dass der Vorhang brüchig geworden ist und an tion. Sieht der um Spenden gebetene Besucher den Vorhang mehreren Stellen durchzureißen droht. Da das Wilhelma nämlich geschlossen, stellen sich ihm durchaus einige Fra- Theater über keinen Bühnenturm verfügt, wird der Vorgen. Warum soll dieser, in samtigem Rot erstrahlende, auf- hang nicht nach oben (deutscher Vorhang), sondern zu den wendig mit goldenen Bordüren, Stickereien, Fransen und Seiten gezogen (griechischer Vorhang). Das führt vor allem Kordeln verzierte Vorhang überhaupt erneuert werden? Er zu einem versteckten Verschleiß in den Falten des Vorhangs. sieht gut aus. Auch fragt sich der Besucher, ob hier nicht die Brüchigkeit und Einrisse an den stark belasteten Zugstellen Hochschule oder letztlich das Land in der Pflicht sind, denn und Aufhängungen kommen hinzu. Auf der Rückseite sind, schließlich geht es um das Lehr- und Lerntheater der Hoch- flächig verteilt, Abreibungen und notdürftige Reparaturen schule und um eine Bildungseinrichtung des Landes. zu erkennen, die im deutlichen Kontrast zum Erscheinungsbild im Zuschauerraum stehen. Letztlich leidet durch die Der heutige Hauptvorhang, so die bühnentechnische Be- aufgeführten Schäden die vorgeschriebene Imprägnierung zeichnung, wurde im Rahmen der Grundrestaurierung des des Vorhangs zur Verminderung der Brandlast im Falle eines Wilhelma Theaters in den Jahren 1985-1987 von der Firma Feuers, was allein schon einen Austausch dringend erforderGerriets in Umkirch nach vorhandenen Originalplänen im lich macht. ursprünglichen pompejianischen Stil rekonstruiert. Das da-

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Eigentlich wünschten sich die Bad Cannstatter Bürger von König Wilhelm I eine Spielbank, passend zum damals aufstrebenden Kurbetrieb. Doch der König entschied sich für ein Hof- und Kurtheater, das er großzügig aus seiner Privatschatulle finanzierte. Am 29. Mai 1840 wurde das Theater feierlich eröffnet, jedoch schon sieben Jahre später wieder geschlossen. Der Betrieb war zu teuer geworden. Doch das Theater des Königs war von Beginn an auch ein Theater der Bürger und des bürgerlichen Engagements, und das ist es auch unter dem Souverän unserer Tage, dem Land, bis heute - schließlich als öffentliches Lehr-und Lerntheater - geblieben. Schon 1899 beginnt die sich mehrfach wiederholende Geschichte dieses bürgerlichen Engagements. Der WilhelmaTheater-Verein holt das Haus aus dem Dornröschenschlaf, in den es 1928 erneut zurückfällt. Emilie Rühle verhindert in einer Bombennacht die völlige Zerstörung, indem sie mutig Brandbomben aus dem Haus trägt. Dennoch wird das Theater zur Ruine, die, wenn auch teilweise provisorisch genutzt, zunehmend zerfällt. Stichworte der öffentlichen Diskussion aus dieser Zeit sind Behelfskino, provisorische Gaststätte, Verkehrshindernis, Schlafplatz für Obdachlose, Schandfleck. 1972 empfiehlt ein Gutachten den endgültigen Abriss. Zehn Jahre später wird ein Wettbewerb zum Umbau in einen Mehrzwecksaal der neuen Wilhelma-Gaststätte ausgeschrieben und 1984 im Staatshaushalt als Sonderprojekt ausgewiesen. Doch bereits 1968 ist eine sehr entgegengesetzte, zunächst unrealistisch erscheinende Idee im Gespräch, die Nutzung des restaurierten Theaters durch die Hochschule. Wieder packen Bürger, diesmal in Gestalt des Fördervereins Alt Stuttgart e.V. (Vorsitzender: Dr. Wetter) zu, um nach langer Odyssee und buchstäblich in letzter Minute dieser Idee zum Durchbruch zu verhelfen. Das Theater wird, mit einigen notwendigen Veränderungen, nach originalen Plänen von

Ludwig von Zanth, seinem ursprünglichen Erbauer, restauriert. Der finanzielle Aufwand liegt bei 20 Millionen DM. Eine halbe Million DM kommt von den Bürgern. Mit der Wiedereröffnung des Theaters und seiner Übergabe an die Studenten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst am 1. Dezember 1987 mündet die wechselhafte und oft unglückliche Geschichte des Hauses in eine sinnvolle, dauerhafte Nutzung. Entstanden ist schließlich ein einmaliges Lerntheater, in dem in Stille studiert und geprobt werden kann, bis sich nach oft wochenlanger Klausur, der Vorhang hebt und die Studierenden in einer Serie von Aufführungen einem kritischen Großstadtpublikum ihr Können präsentieren. Das bringt echte Bühnenerfahrung bereits im Studium, – was in dieser Form keine andere Hochschule bieten kann. Damit sich der Vorhang weiterhin öffnet und so die Erfolgsgeschichte ihre Fortsetzung in unserer Zeit findet, ist nun erneut das bewährte Zusammenspiel von Souverän und Bürgern gefordert. Das Land investiert ca. 1 Million Euro in die Erneuerung der Bühnentechnik. Es käme dem Theater sehr zu Gute, wenn aus diesem Betrag der Bühnenvorhang mit ca. Euro 65.000,- herausgenommen und vom Engagement der Freunde des Theaters getragen werden könnte. Ein Anfang ist bereits gemacht, indem das Barvermögen des inzwischen mit unserer Gesellschaft verschmolzenen Freundeskreises des Wilhelma Theaters diesem Bereich gewidmet bleibt. Schenken Sie dem Wilhelma Theater ein Stück des neuen Vorhangs, finden Sie bei künftigen Theaterbesuchen Ihre ‚Parzelle‘ und erleben Sie weiterhin junge, aufstrebende Talente in Oper und Schauspiel, wenn sich Ihr Vorhang öffnet.

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Kanzler Lang einstimmig wiedergewählt

Ein Bandit setzt auf das Kur iose

H o c h s c h u l rat u n d S e n at b e s t ä t i ge n d i e W i e d e r wa h l vo n A l b re c h t L a n g b i s 2 0 1 7

Die Brass-Akademie sorgt für Stimmung und Schmunzeln zwischen den Skisprungschanzen

von Prof. Dr. Werner Heinrichs

von Rosalinde H. Brandner-Buck

Diplom-Verwaltungswir t (FH) Albrecht Lang, der langjährige Kanzler der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, wurde am 5. Juli 2010 vom Hochschulrat einstimmig für eine weitere Amtszeit wiedergewählt. Am 7. Juli 2010 bestätigte der Senat die Wahl des Hochschulrats mit absoluter Mehrheit. Damit steht Albrecht Lang der Hochschule bis zum Jahr 2017 als Kanzler zur Verfügung. Albrecht Lang wurde an der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung in Stuttgart/Ludwigsburg zum Diplom-Verwaltungswirt ausgebildet und war nach einer vorübergehenden Tätigkeit im kommunalen Bereich viele Jahre im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg tätig.Während dieser Zeit erwarb er im Rahmen einer beruflichen Fortbildung die Qualifikation für den höheren Verwaltungsdienst. Im August 1997 wurde Albrecht Lang als Verwaltungsdirektor an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart versetzt, die ihn zum 1. April 2005 zum Kanzler wählte. bitte trennen

Es ist das besondere Verdienst von Kanzler Lang, dass er die Haushaltsdefizite der 1990er Jahre abbauen konnte und er damit auch eine langfristige Personalplanung durch zügige Stellenbesetzung ermöglichte. Die Musikhochschule Stuttgart gehört heute zu den wenigen Hochschulen, die in der Lage sind, alle freiwerdenden Stellen sofort zu besetzen, weil sie auf sogenannte Schöpfungsmittel aus freien Stellen ganz verzichten kann. Zudem hat Albrecht Lang einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass das Drittmittelaufkommen der Hochschule in den vergangenen Jahren um das 20-fache erhöht werden konnte. Auch die Finanzierung einer inzwischen vorbildlichen Instrumentenausstattung, die Fertigstellung des 2. Bauabschnittes sowie die Sanierung der Technik im Wilhelma Theater gehören zu seinen besonderen Leistungen. Weder die künstlerische Arbeit noch die wissenschaftliche Forschung können allein bestehen; für beides braucht man eine solide finanzielle Basis und eine funktionierende Verwaltung. Das gute Wahlergebnis in beiden Gremien lässt erkennen, dass die Hochschulmitglieder der Überzeugung sind, dass sowohl die Finanzen bei diesem Kanzler in guten Händen sind, als auch die Verwaltung weiterhin ein funktionierender Dienstleister für Forschung und Lehre sein wird.

So titelte die Presse über das Open Air Konzert, das am 10. August 2010 in der Skisprungarena in Oberstdorf erklang, und lobte nicht nur die Imposanten Klänge vor einer imposanten Kulisse, für die der Oberstdorfer Musiksommer berühmt ist, sondern vor allem die stete Präzision des BBQ Blechbläserquintett Stuttgart bei Bachs ‚Fuge in g-Moll‘ und das bei Madrigalen wie modernen Werken stilsicher und ansatzstark intonierende Posaunenensemble. Besonders hervorgehoben wird die Soloeinlage von Christoph Paus, der sich mit Joe Jack Bingle Bandit als musikalisches Schmankerl entpuppt, das seinem Instrument die kuriosesten Töne und den Zuhörern das ein oder andere Schmunzeln entlockt. Und weiter begeistert sich die Rezensentin: ‚Vom Abendrot‘ (Uli Gutscher) im brasilianischen Bossa-Nova-Stil über altbewährte und erfrischend neu interpretierte Beatles-Hits bis hin zur grandiosen Filmmusikerzählung ‚Once upon a time in the West‘ von Ennio Morricone: Henning Wiegräbe hat in seinem Meisterkurs ganze Arbeit geleistet und mit der Brass-Akademie im Oberstdorfer Musiksommer einen weiteren Glanzpunkt gesetzt. Bereits zum 3. Mal konnte das Sommercamp der Stuttgarter Musikhochschule bei den Internationalen Meisterkursen des Oberstdorfer Musiksommers vom 1. bis 12. August durchgeführt werden. Dank der von den Waldburg-Zeil Kliniken wiederum zur Verfügung gestellten Stipendienmittel waren bei der BrassAkademie das BBQ Stuttgart und die Posaunisten Christoph Paus und Tabea Hesselschwerdt vertreten. Darüber hinaus konnten neun weitere Stipendiaten der Waldburg-Zeil Kliniken nach Oberstdorf fahren: Marc Schwämmlein und Sylvia Häntsche zum Meisterkurs für Gesang bei Prof. Renée Morloc; die Klarinettistinnen Lisa Liszta und Stefanie Faber erhielten wichtige Impulse von Prof. Reiner Wehle; Hoang Nguyen und Marie Luise Lind vertieften ihr Können im Meisterkurs für Violoncello bei Prof. Stephan Forck und last but not least nahmen die Pianistinnen Kerstin Mörk, Carolin Danner und Franziska Staubach am Meisterkurs von Prof. Konrad Elser teil. Die ebenfalls großzügige Förderung des Sommercamps durch die Rotary Stiftung Stuttgart ermöglichte drei Ensembles (Lerchenquartett, Erlin Quartett, Eleonia Trio) den Besuch des Meisterkurses für Kammermusik bei Prof. Peter Buck. Das Lerchenquartett nutzte den Kurs, um sich auf

seine Konzerte vorzubereiten und begeisterte mit seinem herzerfrischend virtuosen Musizieren, gemeinsam mit der Flötistin Elisabeth Hartschuh, die Besucher eines geschlossenen Sponsorenkonzertes ebenso wie die des öffentlichen Concert surprise. Für eine besondere Überraschung sorgte das hochbegabte Eleonia Trio – die drei jungen Musikerinnen wurden bei ihren Auftritten am Abend der Begegnung und bei den Schlusskonzerten nicht nur stürmisch bejubelt, sondern auch mit einer eigens ausgelobten Juniorenförderung ausgezeichnet. Den Bräuer Optik Spezialpreis für Kammermusik errang das Saphir Quartett. Mit diesem Förderpreis dokumentierte das Ensemble erneut seine kontinuierliche Entwicklung. Die Teilnahme dieser vier Studierenden der Stuttgarter Musikhochschule wurde durch ein Stipendium des Rotary Clubs Oberstdorf gefördert. Summa summarum beweist das Sommercamp zum 3. Mal, dass Fördern und fordern bei den Internationalen Meisterkursen in Oberstdorf eine erfolgreiche Symbiose eingehen. Da capo in 2011.

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RÜCKBLICK - MUSIKWISS. SYMPOSIUM 2010

Ein Leben für die Big Band Z u m To d e vo n E r w i n L e h n

Rober t Schumann Das Spätwerk für Streicher

von Prof. Bernd Konrad von Eva-Magdalena Dietrich

Erwin Lehn leitete von 1977 bis 1997 die Big Band der Stuttgarter Musikhochschule. Seit den 50er Jahren war Erwin Lehn einer der prominentesten Musiker in Deutschland. Seine musikalische Laufbahn begann er 1945 als Pianist und Arrangeur im Radio Berlin Tanzorchester, das er von 1947 bis 1951 gemeinsam mit Horst Kudritzki leitete. Am 1. April 1951 gründete er in Stuttgart das Südfunk-Tanzorchester des Süddeutschen Rundfunks, das er bis 1992 leitete. Er war Mitbegründer der SDR-Sendung Treffpunkt Jazz, in der er mit seinem Orchester internationale Jazzgrößen wie Miles Davis, Benny Goodman, Stan Getz, Lester Young, Chick Corea und Chet Baker begleitete. Als Klarinettenstudent an der Musikhochschule hatte ich 1974 eine Big Band gegründet, die aus klassischen Musikern der Musikhochschule bestand. Nach einem Konzert in der Villa Berg traf ich Erwin Lehn und fragte ihn, ob er nicht Lust habe, die Big Band an der Musikhochschule weiterzuführen, da ich im folgenden Jahr mein Studium beenden würde. Er sagte zu und begann die Proben ohne Bezahlung! Erst als Rektor Gönnenwein von den ‚konspirativen‘ Proben erfuhr und Lehn einen Lehrauftrag erteilte, war der Weg frei für die erste offizielle Einrichtung eines Jazzorchesters an einer deutschen Musikhochschule. Es gab aber nicht nur Befürworter für das Ansinnen, der ernsten Musik an der Hochschule auch ein wenig Unterhaltung zu gönnen. Der Begriff der ‚Verproletarisierung‘ der Hochschule machte damals die Runde. Big Band und Jazz an einer Musikhochschule, das war zumindest aus der Sicht der damaligen Rektoren im Jahr 1985 ein Genre, das nicht besonders gut in den klassischen Bereich passte (Neue Musikzeitung). Der damalige Rektor Martin Gümbel dachte anders und richtete – trotz Widerstände im eigenen Haus – den Studiengang Jazz und Popularmusik ein.

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Die Big Band der Hochschule feierte ihre Erfolge. Ein namhafter Kritiker schrieb damals, die Musik dieser Band werde ohne Zweifel in die deutsche Geschichte des Swing und Jazz eingehen. Die Big Band spielte in den meisten Städten Baden-Württembergs. Mit viel pädagogischem Geschick, Geduld und Einfühlungsvermögen schuf Lehn ein Orchester, das vom Konstanzer Südkurier folgendermaßen skizziert wurde: „Eine ganze Armada viel versprechender Talente bekam das Konstanzer Publikum zu hören. Was die jungen Musiker solistisch brachten, war schon sehr gut, was sie in punkto Klangkulisse und Präzision leisteten, kann jedem professionellen Orchester Konkurrenz machen“. In den ersten Jahren spielte auch der von mir geleitete Saxophon-Workshop bei den vielen Konzerten der Big Band eine gleichberechtigte Rolle, denn die Saxophonisten waren die einzigen, die bereits ein wenig Jazzerfahrung mitbrachten. Alle anderen kamen ja aus dem Bereich der Klassik und Erwin Lehns Verdienst war, diese Studenten für den Swing und für den Jazz zu begeistern. Hartmut Aust, der Leiter des Studentenbüros an der Musikhochschule – das Mädchen für alles, wenn es um den Jazz an der Hochschule ging - schaffte es, mehr als 100 Konzerte für die Hochschul-Big Band zu organisieren. Das exzellente Team Erwin Lehn/Hartmut Aust feierte Erfolge! Noch bis zum Jahr 1996 – in seinem achtundsiebzigsten Lebensjahr, leitete Erwin Lehn die Hochschul-Big Band. Für seine Verdienste um die Förderung des Jazz-Nachwuchses erhielt er 1983 von Ministerpräsident Lothar Späth das Bundesverdienstkreuz. 1985 wurde er vom baden-württembergischen Minister für Wissenschaft und Kunst, Dr. Engler, mit einer Ehrenprofessur ausgezeichnet. Erwin Lehn verstarb am 20. März dieses Jahres im Alter von 90 Jahren in Stuttgart.

In Verbindung mit der Konzertreihe heimlich – unheimlich: Robert Schumann in seiner Welt und dem Festival der Saiteninstrumente fand das musikwissenschaftliche Symposium Robert Schumann – Das Spätwerk für Streicher statt. In musikalischer Hinsicht sei die Einheit des Spätwerks womöglich eher eine „Einheit der Extreme“, so Andreas Meyer im Hinblick auf die „Spätwerk-Problematik“. Reinhard Kapp sah Schumanns Verständnis der Streichinstrumente als das Ergebnis eines langjährigen Annäherungsprozesses; von der Violinphantasie bis zu den Paganini-Capricen zeige sich eine schrittweise erschlossene „Idee“ des Instruments. Am 3. Klaviertrio g-Moll op. 110 zeigte Thomas Seedorf (Karlsruhe) anhand Wolfgang Rihms Auseinandersetzung mit dem späten Schumann Aspekte des „Andersseins“ auf. Verschiedene Bezüge zu Schumanns Spätwerk in zeitgenössischen Kompositionen beleuchtete Christina Richter-Ibáñez (Stuttgart) am Beispiel von Werken Kurtágs, Holligers und Widmanns. Siegfried Eipper (Stuttgart) untersuchte die Phantasie op. 131 im Hinblick auf ihre formale und inhaltliche Konzeption: „barockisierende Passagen“ identifizierte er als funktionale Abschnitte in der Gesamtstruktur, die unterschiedlichen Rezeptionszeugnisse begründete er in der dem Werk innewohnenden „Ambivalenz“. Die „Unverbundenheit“ von Orchester und Solopart und die scheinbar fehlende Entwicklung im Violinkonzert beschrieb Andreas Meyer als Chancen für die kulturgeschichtliche, biographische und politische Interpretation. Heinz von Loesch (Berlin) verglich die Konzeption der Virtuosität im Violinkonzert Mendelssohns mit derjenigen des Schumannschen Cellokonzertes, in welchem sich zuweilen sogar eine „Umdefinition des Virtuosen“ zeige. Johannes Zimmermann (Stuttgart) erläuterte den Zusammenhang zwischen dem „Denkmalsturz“ Mendelssohns und der Uraufführung von Schumanns Violinkonzert 1937, Bernhard Schwarz (Stuttgart) analysierte die „Ähnlichkeit“ des „Geisterthemas“ der Es-Dur-Variationen mit Parallelstellen in anderen Werken Schumanns. Am Beispiel der Violinsonaten erläuterte Ute Bär (Zwickau) Vorgehensweisen bei der Edition in der Neuen Schumann-Gesamtausgabe; neben der schwierigen Quellenlage diskutierte Michael Struck die Problematik der Reihenfolge von zweitem und drittem Satz in der 3.Violinsonate. Selbige waren auch Gegenstand eines abendlichen „Lecture-Recital“ von Kolja Lessing (Stuttgart), das den Bogen zurück zur musikalischen Praxis spannte. Den „Vormittag für die Märchenerzählungen op. 132“ mit Vorträgen von Hans-Joachim Hinrichsen (Zürich) über die Praxis der Interpretationsanalyse und Tobias Pfleger (Karlsruhe) über wesentliche Aspekte der Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts beschloss ein Roundtable mit den Interpreten Norbert Kaiser (Klarinette), Andra Darzins (Viola) und Hsiao -Yen Chen (Klavier); deren abschließende musikalische Darbietung des Werks bildete den gelungenen Abschluss einer anregenden und diskussionsreichen Tagung.

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Ve r a n s t a l t u n g s ü b e r s i c h t Wintersemester 2010/11

Oktober 10 5.10., 20 UHR, KONZERTSAAL

Pierrot lumière Int. Ensemble Modern Akademie 8. & 9.10., JE 20 UHR, KONZERTSAAL

Große Schlagzeugnacht Antheil, Xenakis, Reich,Antheil, Cage Prof. Marta Klimasara, Prof. Klaus Dreher, Leitung Florian Wiek, Ralph Bergmann, Flügelschlagquartett

4.11., 20 UHR, 17.10., 17 UHR, KONZERTSAAL

25.10., 19 UHR,

ORCHESTERPROBENRAUM

Mit Händen und Füßen Schumanns Werke für Orgel Skizzen für den Pedalflügel op. 58; Kanons op. 56, Fugen über BACH op. 60 Studierende der Orgelklassen 15.30 Uhr: Orgelführung

KAMMERMUSIKSAAL

Zwischen Sommer und Winter Ulrich Süße, Bernd Konrad, Hans-Peter Jahn, Klaus Dreher und Patrick Bebelaar spielen „…Plus One“ u.a.

The Gershwin Songbook Neue Fassungen für Oktett, geschrieben und gespielt von Studierenden der Jazz-Arrangementklasse Prof. Rainer Tempel

20.10., 18.30 UHR, KAMMERMUSIKSAAL

30.10., 20 UHR, KONZERTSAAL

11.10., 20 UHR, KONZERTSAAL

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Dunja Vejzovic im Rahmen einer Feierstunde durch Minister Prof. Dr. Peter Frankenberg.

Solistenklasse Abschlussprüfung Konstantin Volostnov, Orgel

21.10., 20 UHR, KONZERTSAAL

15. / 17.10., 19 UHR, MH STUTTGART

Solistenklasse Abschlussprüfung Winfried Lichtscheidel, Orgel

HSO-Konzert I von Weber: Euryanthe-Ouvertüre Rachmaninow: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 fis-Moll, op. 1 Hanna Choi (Klasse Prof. Rieger) Schumann: Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 Rheinische Eun-Sun Kim, Leitung

22.10., 20 UHR,

31.10., 16 UHR, KAMMERMUSIKSAAL

ORCHESTERPROBENRAUM

Brahms: Die schöne Magelone 15 Romanzen op. 33 nach Gedichten von Ludwig Tieck Daniel Raschinsky, Bariton Alexander Schuster, Rezitation Maria Kiosseva, Klavier

VorOrt - Musiktheaterprojekt Ivan Gonzalez Escuder, Marina Khorkova, Christian Philipp Pfeiffer, Sophie Pope und Andrew Walsh. Sänger und Instrumentalisten; Musikalische Leitung: Johannes Zimmermann (Klasse Prof. Borin), Leitung: Bernd Schmitt 16.10., 20 UHR, KONZERTSAAL

Mein schöner Stern Liederabend zu Gunsten der Carl-Davis-Stiftung Chausson, Duparc, Ravel, Schumann Prof. Ulrike Sonntag, Prof. DunjaVejzovic, Prof. Bernhard Jaeger-Boehm, Prof.Thomas Pfeiffer, Natalie Karl, Elisabeth Föll & Prof. Cornelis Witthoefft, Katharina Eickhoff

N ove m b e r 1 0

Pantheon & Anywhere far Südafrikaprojekt der Musikhochschule und der University of Kwazulu Natal Bebelaar, Süße & Bräuninger Christoph Beck, Matthew Bookert, Sebastian Schuster, Thomas Wörle, Patrick Bebelaar 23.10., 19-24 UHR, KONZERTSAAL

stuttgartnacht 2010 Füenf, Bring Your Sister! Matthias Hofmann & Band Füenf - 19, 21, 22 Uhr BringYour Sister! - 20Uhr Matthias Hofmann & Band - 23 Uhr

31.10., 20 UHR, KONZERTSAAL

HSO-Konzert II von Weber: Euryanthe-Ouvertüre Mendelssohn Bartholdy: Konzert für Violine und Orchester e-Moll, op. 64 Hanah Chung (Klasse Prof. Dill) Schumann: Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 Rheinische Eun-Sun Kim, Leitung

!!!

in der Musikhochschule Stuttgart

Montag bis Samstag 16-19 Uhr (während des Semesters)

Tel. 0711-2124621

!!!

Dirigentenpodium BW & Württ. Kammerorchester Heilbronn Telemann, Copland, Mahler u.a. Leitung: Dirigierstudierende der badenwürttembergischen Musikhochschulen

Dezember 10 1.12., 20 UHR, KONZERTSAAL

Komponistenwerkstatt Studierende der Kompositionsklasse Prof.Walter & Prof. Stroppa

14.11., 19 UHR, KONZERTSAAL

Dunkler Lichtglanz - Liederabend Spanisches Liederspiel op. 74, Spanische Liebeslieder op. 138; Arien und Duette aus Paradies und die Peri, Szenen aus Goethes Faust & Genoveva Studierende der Gesangsklassen Prof. Bernhard Jaeger-Böhm, Leitung

Von fremden Menschen und Ländern Musikminiaturen von Schumann & Texte aus seiner Zeit Prof. Florian Wiek & Prof.Annegret Müller, Prof. Ulrike Maier-Hillenbrand, Leitung

16.11., 19 UHR, KONZERTSAAL

3.12., 20 UHR, KONZERTSAAL

Solistenklasse Abschlussprüfung Alexander Reitenbach, Klavier Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 3 European Festival Orchestra Manuel Dengler, Leitung

Eine Nacht in Barcelona Preisträger des Int. Kammermusikwettbewerbs Josep Mirabent i Magrans Barcelona Madeleine Przybyl, Saphir Quartett

KammerEnsemble Bozza, Strawinsky, Britten,Wagner Solistin: Kora Pavelic, Mezzosopran Benjamin Lack, Leitung

17.11., 9 UHR, MH STUTTGART

5.12., 20 UHR, KONZERTSAAL

Studientag 2010 Blick hinter die Kulissen?

8.11., 20 UHR, KONZERTSAAL

19.11., 19 UHR, KAMMERMUSIKSAAL

Antrittskonzert Conradin Brotbek,Violoncello Schubert, Lachenmann u.a. Mit: Christine Busch, Cornelis Witthoefft, Stirling Ensemble Stuttgart, Christof M Löser u.a.

Hartmann von Aue: Gregorius Szenisch erzählt in mittelhochdeutscher und neuhochdeutscher Sprache. Studio für Sprechkunst Leitung: Prof. U. Maier-Hillenbrand

Akademie-Konzert Kammermusikabend der Orchesterakademie der Musikhochschule mit dem Radio-Sinfonie-Orchester des SWR Mozart, Leonhard, Milhaud, Brahms Akademie-Teilnehmer sowie die Solisten Emily Körner und Gunter Teuffel

5.11., 20 UHR, KONZERTSAAL

Stirling Ensemble Stuttgart Schönberg: Kammersymphonie Nr. 1 Nono: Canciones a Guiomar Prof.Angelika Luz, Sopran Lachenmann: Notturno Prof. Conradin Brotbek,Violoncello Leitung: Christof M Löser 6.11., 20 UHR, KONZERTSAAL

20.11., 19 UHR, KONZERTSAAL 8.11., 20 UHR, ORCHESTERPROBENRAUM

Neue jüdische Musik aus Aschkenaz Jüdische Kulturwochen Kompositionen von Gabriel Iranyi, David Kosviner und Georg Wötzer 10.11., 19.30 UHR, KONZERTSAAL

Kartenvorverkauf

13.11., 20 UHR, KONZERTSAAL

Unerfüllte Sehnsucht - Klavierabend zum 200. Geburtstag von Chopin Studierende der Klavierklassen Karl-Wilhelm Berger, Leitung

3.12., 9.30 & 11 UHR, KONZERTSAAL

9.12., 19 UHR, KONZERTSAAL

Cantiamo Ausschnitte aus Lucia di Lammermoor (Donizetti)& anderen Opern des Belcanto Studierende der Opernschule Studierende der Korrepetitionsklasse Leitung: Michael Klubertanz Szen. Einstudierung: Bernd Schmitt

21.11., 17 UHR, KONZERTSAAL

Orgelkonzert am Sonntag Studierende spielen Orgelmusik 15.30 Uhr: Orgelführung

10.12., 19 UHR, KONZERTSAAL

Tabea Zimmermann,Viola & Kirill Gerstein, Klavier Brahms, Clarke u.a.

Operngala Das neue Opernstudio stellt sich vor! Mirella Hagen, Huiling Zhu,Y. S. Shim, Kai Preußker, Szymon Chojnacki Prof. Bernhard Epstein, Leitung in Zusammenarbeit mit der Staatsoper Stuttgart

24.11., 20 UHR, KONZERTSAAL

11.12., 19 UHR, KONZERTSAAL

Judith Ingolfsson,Violine & Vladimir Stoupel, Klavier Fauré, Schostakowitsch

Trio Witthoefft - Busch - Brotbek Brahms: Klaviertrio Nr. 2 C-Dur op. 87 Rihm: Fremde Szenen III. Schostakowitsch: Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67 Christine Busch,Violine Conradin Brotbek,Violoncello Cornelis Witthoefft, Klavier

Schiller-Gedächtnis-Preis 2010 für Tankred Dorst Die Übergabe des Preises erfolgt im Rahmen einer Feierstunde durch den Ministerpräsidenten Stefan Mappus. Mitwirkende:Wolfgang Bauer,Trompete; Henning Wiegräbe, Posaune; Christian Lampert, Horn; Christine Busch,Violine, Studierende der Instrumentalklassen, der Opernschule und der Schauspielschule Stuttgart. 12.11., 19 UHR, KONZERTSAAL

26.11., 19 UHR, KONZERTSAAL

Eröffnungskonzert 6. Stuttgarter Musikfest für Kinder und Jugendliche

Schumann und Britten Gunter Teuffel,Viola & Cornelis Witthoefft, Klavier

23.11., 20 UHR, KONZERTSAAL

vorverkauf@mh-stuttgart.de spektrum

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12.12., 17 UHR, KONZERTSAAL

21.1., 20 UHR, KONZERTSAAL

10.2., 20 UHR, KONZERTSAAL

Abschied von der Welt Schumann: Klavierquartett op. 47 Schumann: Missa sacra op. 147 Friedemann Rieger, Frank Reinecke, Andra Darzins, Stephan Forck, Tobias Horn, Orgel Württembergischer Kammerchor Dieter Kurz, Leitung

Podium Kammermusik Junge Kammermusikensembles werden durch das Vogler Quartett und Prof. Florian Wiek gecoacht und stellen sich der Öffentlichkeit vor.

Sonatenabend Paul Pesthy,Viola & Cornelis Witthoefft, Klavier Koechlin: Sonate op. 53 Schostakowitsch: Sonate op. 147

22.1., 20 UHR, KONZERTSAAL

12.2., 19 UHR, KONZERTSAAL

Dirigierklasse Prof. Per Borin & Württ. Philharmonie Reutlingen

Fastnachtskonzert Minimax, Caruso & Co. Andra Darzins, Jürgen Essl & Dozenten und Studierende der Musikhochschule

14.12., 20 UHR, KONZERTSAAL

Benefizkonzert Live Music Now Wassenaer,Vivaldi, Scarlatti, Händel u.a. Benjamin Hudson, Violine György Bognar, Violoncello Michael Hofstetter, Leitung

23.1., 17 UHR, KONZERTSAAL

Ein Abend für Bach Studierende der Kammermusikklasse Prof. Florian Wiek, Leitung 28.1., 20 UHR, KONZERTSAAL

13.2., 17 UHR, KONZERTSAAL

Orgelkonzert am Sonntag Studierende der Orgelklassen 15.30 Uhr: Orgelführung

Figaro, Barbier & Carmen Harmoniemusiken für Bläserensembles Dozenten & Studierende der Bläserklassen; Ulrich Hermann, Leitung

PolyEnsembleProjekt 11|01 Musik aus der Kompositionsklasse der Universität Tel Aviv echtzeitEnsemble Leitung: Caterina Centofante, Christof M Löser

Im Banne Bachs Studierende der Violinklasse Prof. Kolja Lessing Prof. Kolja Lessing, Klavier & Moderation

18.12., 19 UHR, KONZERTSAAL

30.1., 19 UHR, KONZERTSAAL

16.2., 20 UHR, KONZERTSAAL

Beethoven total Die großen Ensemblewerke Septett op. 20; Klavierquintett op. 16; Streichquintett op. 29 Anke Dill, Christian Lampert, Florian Wiek, Klavier und Leitung & Studierende der Kammermusikklasse

Stars von morgen 2011 Herausragende Studierende der Gesangs- und Instrumentalklassen stellen sich der Öffentlichkeit vor, begleitet von der Korrepetitionsklasse unter der Leitung von Prof. Bernhard Epstein.

Mozart: Davidde penitente KV 469 u.a. Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim, Hochschulchor & Gesangssolisten, Leitung: Dirigierstudierende der Kirchenmusik A (Examen) Gesamtleitung: Prof. Richard Wien

17.12., 20 UHR, KONZERTSAAL

Pa r t n e r, S p o n s o r e n & F ö r d e r e r

14.2., 19 UHR, KONZERTSAAL

19.2., 20 UHR, KONZERTSAAL

Februar 11

Dirigierklasse Prof. Per Borin & Stuttgarter Philharmoniker

5.2., 20 UHR, ORCHESTERPROBENRAUM

20.2., 17 UHR, KONZERTSAAL

Januar 11

Komponistenwerkstatt Studierende der Kompositionsklasse Prof. Walter & Prof. Stroppa

André B. Marchand, Klavier spielt J. S. Bach „Goldberg-Variationen“

9. 1., 17 UHR & 12.1., 19 UHR,

6.2., 19 UHR, KONZERTSAAL

22.2., 16 UHR, KAMMERMUSIKSAAL

KAMMERMUSIKSAAL

Russische Zaubereien Stuttgarter Bläserakademie Mussorgski: Bilder einer Ausstellung Liadov: Baba Jaga Mussorgski: Nacht auf dem kahlen Berge Dukas: Zauberlehrling Bearbeitungen:Andreas N. Tarkman Professoren & Studierende der Bläserund Schlagzeugklassen

Konzertgeschichten für Kinder Paulas Traumreise Leitung: Gudrun Bosch und Christof M Löser

19.12., 17 UHR, KONZERTSAAL

Orgelkonzert am Sonntag Studierende spielen Orgelmusik

Kassandras Schatten ensemble v.act Szenische Aktion mit Schattenspiel, Live-Elektronik und Live-Video Musik von Ferneyhough, Lachenmann, Müller-Hornbach, Scelsi u.a. Schattenspiel:Adelheid Kreisz Live Elektronik und Live-Video: Prof. Piet Meyer Leitung und Szene: Prof.Angelika Luz 16.1., 17 UHR, KONZERTSAAL

Orgelkonzert am Sonntag Studierende der Orgelklassen 15.30 Uhr: Orgelführung

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Vorschau 25.6., 16-24 UHR

9.2., 20 UHR, KONZERTSAAL

Zwischen Himmel und Hölle Kola Lessing,Violine & Andreas Kersten, Klavier Terzakis (UA), Körber (UA), Ben-Haim, Enescu

Hock am Turm 2011 Das Musikfest für die ganze Familie im Zentrum der Kulturmeile Jazz, Pop, Klassik,Theater & mehr

Nelkenstraße 9 ! 70794 Filderstadt Tel. 0711/99709 145/46 ! Telefax 0711/99709 148 info@dambacher-transporte.de www.dambacher-transporte.de

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VORSCHAU SPEKTRUM 17

25 JAHRE JUBILÄUM STUDIENGANG

JAZZ & POP ERSCHEINT IM APRIL 2011

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Prof. Dr. Werner Heinrichs Prof. Dr. Werner Heinrichs - rektor@mh-stuttgart.de Prof. Dr. Hendrikje Mautner - hendrikje.mautner@mh-stuttgart.de Jörg R. Schmidt - joerg.schmidt@mh-stuttgart.de Prof. Klaus Dreher - ksdreher@gmx.de (Themenschwerpunkt) Jörg R. Schmidt - PR, Marketing & Künstlerisches Betriebsbüro Christoph Beck, Gudrun Bosch, Elisabeth Deffaa, Eva-Magdalena Dietrich, Prof. Klaus Dreher, Prof. Dr.Werner Heinrichs, Prof. Mathias Hermann, Prof. Franziska Kötz, Prof. Bernd Konrad, Prof. Dr. Joachim Kremer, Christof M Löser, Prof. Angelika Luz, Prof. Dr. Hendrikje Mautner, Dr. Cordula Pätzold, Franziska Pietsch, Prof. Dr. Sointu Scharenberg, Jörg R. Schmidt, Bernd Schmitt, Prof. Christian Sikorski, Regina Spindler, Prof. Hans-Peter Stenzl, Prof. Caspar Johannes Walter, Dr. Erich Weinreuter, Rebecca Zirngibl Rosalinde H. Brandner-Buck, Annette Eckerle, Jörg Fabig, Jürgen Hartmann, Christoph Heinkele, Gerd Heinz, Jasmin Kolberg, Markus Leoson, Sandra Leupold, Holger Schneider, Dr. Petra Schneidewind, Peter von Becker Gertrud Mezger - gertrud.mezger@mh-stuttgart.de Jörg R. Schmidt - joerg.schmidt@mh-stuttgart.de Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart Urbanstraße 25 70182 Stuttgart www.mh-stuttgart.de redaktion.spektrum@mh-stuttgart.de

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Titelumschlag edel & friedrich - edel@edelundfriedrich.de Titelfoto Rudi Rach - www.rudi-rach.de Fotos Ramesh Amruth (11), blitzlich fotostudio (50), Marco Borggreve (52, 54, 55), Monika Brückner (54/55), Michaela Hacker (3), Christoph Kalscheuer (16, 17, 38, 39, 54), Bernhard Karlowitz (68, 69), Kolberg Percussion GmbH (4, 27), Claus Langer (1, 3, 11, 19), Literaturarchiv Marbach (43), Arno Pürschel (73), Rudi Rach (1, 2, 3, 5, 6, 7, 8, 15, 18, 19, 21, 54, 55), Johannes Schaugg (10, 32, 54, 70), Wolfgang Silveri (29, 30, 40, 41, 46), Hans-Dieter Teschner (34/35, 42, 44/45) Druck CTP-Team Schwaben - Hubert Esch www.ctp-team-schwaben.de Auflage 3.500 Exemplare Erscheinungsweise Spektrum erscheint halbjährlich Vorschau Anzeigenschluss: 1. Februar 2011, Erscheinung: April 2011 Nutzen Sie auch die Online-Ausgabe des Spektrum. Unter www.mh-stuttgart.de/hochschule/spektrum finden Sie alle Beiträge dieses Heftes. Hochschuleigene Beiträge bei Quellenangabe zum Nachdruck frei! Die Redaktion behält sich vor, eingegangene Texte zu kürzen und redaktionell zu bearbeiten. ISSN 1868-1484 / Stuttgart im September 2010

Spektrum_16_WS_2010_11  

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