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N U M M E R   2 1 ,   F R Ü H L I N G   2 0 1 2 ,   5   E U R O


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Neustart Wahnsinn ist dieses Weiß beruhigend. Man kann es stundenlang betrachten, es gibt nichts, was einen stören oder ablenken würde. Man kann es drehen und wenden wie man will, man kann es auf den Kopf stellen und sich mit dazu, weiß wird immer weiß bleiben, so sauber, so natürlich, Weiß, was für eine schöne Farbe. Und dann kann man beginnen, das Weiß allmählich anzufüllen. Man kann Bilder entstehen lassen und Texte, das Weiß einer Geschichte weichen lassen, erst im Kopf natürlich, und dann, wenn man einen Kuli zur Hand hat oder einen Computer, allmählich auch auf dem Papier. Ist das nicht genial? Einfach mal alles weglöschen, alles auf Null stellen, alles, was vorher war, beiseite räumen, hinter sich lassen, verdrängen, verstecken, verarbeiten oder auch nicht, und dann: Einfach nochmals von vorne anfangen. Wir finden, dass es gerade jetzt hoch an der Zeit ist. Also los jetzt. Lasst uns neu starten. Mit einem neuen Fleisch. 5 FLEISCH


Eine Marke der Daimler AG

Athlet, Ästhet. Der neue SL. Jetzt bei Ihrem Mercedes-Benz Partner. Kraftstoffverbrauch (NEFZ) 6,8–9,2 l/100 km, CO2-Emission 159–214 g/km. www.mercedes-benz.at/sl


Demner, Merlicek & Bergma

Was man in der Schule lernt: Die Riesenpferdeköpfe, die auf Österreichs Feldern nicken, sind Pumpenböcke von OMV Bohrungen. Was doppelt bemerkenswert ist: 19 % des österreichischen Erdgasbedarfs stammen aus heimischen Lagerstätten. Einmal ausgefördert, benutzt die OMV sie als natürliche Speicher, um Erdgas für den Spitzenbedarf zu sichern: rund 2,4 Milliarden m3 Energiereserven —— ca. 25 % unseres jährlichen Bedarfs. Wenn am Sonntag alle zugleich frühstücken, muss die OMV diese Reserven anzapfen. Keine Sorge, damit könnte man 71 Milliarden Eier weich kochen.

Doppelentdecken Sie die Welt der OMV auch auf www.omv.at

Mehr bewegen. Mehr Zukunft.


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D E R  

R E D A K T I O N

Einfach  mal  reden. Sollen   wir   mal?   Wollten   wir   eigentlich  nie.  Frage/Antwort   hatten  wir  nicht  auf  dem  TaEJQFC\WÄ›GNWPUPKEJVUGKP #PFGTG(QTOGPYCTGPWPUNKGDGT ,GV\V KUV GU UQ YGKV (NGKUEJ FTWEMV GKP )GURT‹EJ 'NKUCDGVJ 5EJCTCPI URTKEJV OKV %JTKUVKCP 4CKPGT 'KP\KIGU6JGOC5GZ ƒDGT5GZYKTFUGJTYGPKIIGURTQEJGP UCIV 5EJCTCPI &C OWUU OCP GTUV GKPGP /QOGPV NCPI PCEJFGPMGP GJG OCP PKEMV ƒDGTTCUEJGPF PKEJV! 9KT JCDGP FCU )GH JN YKT J‹VVGPQJPGJKPUEJQPCNNGPCEMKI IGUGJGP WPF DGSWCVUEJV \WNGV\V /QTTKUUG[ OKV GKPGT5KPINGXQTFGO/T5OKVJ CDGT YCU VCWUEJGP YKT VCVU‹EJNKEJ IGURT‹EJUYGKUG  DGT 5GZCWU! +TTG CWEJ YKG RNCUVKUEJ LGOCPF YKTF YGPP GTUKG  DGT 5GZTGFGV5QNGTPVOCPUKEJ MGPPGP 7PF FCU 7PINCWDNKEJUVG &KG 5GZ5GKVGP UKPF PKEJV OCN URGMWNCVKX IGYQTFGP *‹VVGP YKT PKEJV H T O›INKEJ IGJCNVGP &GT 6QP FKG (QVQU FKG 'TPUVJCHVKIMGKV ÂŹ CNNGU YGKV FKGUUGKVUFGT5EJCOITGP\G 'JTNKEJIGUCIVJCDGPYKTCWEJ GKPGP UQHV URQV H T /QTTKUUG[U +PPGP5NGGXG(QVQ WPF CWEJH T/&0#U$GO JWPIGPWO (TKUEJJCNVGRCEMW PIUGTQVKM &KG OCEJGP FCU H T WPU &KG

RTQDKGTGP XQT CNNGT 9GNV FCU CWUYQTCWUYKTFCPP5EJN UUG \KGJGP M›PPGP 9CU IGJV WPF YCUPKEJV Sie   meinen,   Sie   wollten   noch   nie  mit  einer  7-inch  vor  dem   -NGKPVGKN FCUVGJGP! &GT GKPG QFGT CPFGTG XQP WPU UEJQP Vielleicht.  Jetzt  nicht  mehr. 9KTYGTFGP›HVGTFCT DGTTGden. /CTMWU *WDGT W P F 4QDGTV Treichler

I M P R E S S U M ď?Ľď?Šď?§ď?Ľď?Žď?´ď&#x;źď?­ď?Ľď?˛ Fleisch Ltd. ZN Wien — ď?¨ď?Ľď?˛ď?Ąď?ľď?łď?§ď?Ľď?˘ď?Ľď?˛ Markus Huber — ď?Łď?¨ď?Ľď?Śď?˛ď?Ľď?¤ď?Ąď?Ťď?´ď?Šď?Żď?Ž Markus Huber, Robert Treichler — ď?łď?´ď?Ľď?Źď?Źď?śď?Ľď?˛ď?´ď?˛ď?Ľď?´ď?Ľď?Žď?¤ď?Ľ ď?Łď?¨ď?Ľď?Śď?˛ď?Ľď?¤ď?Ąď?Ťď?´ď?Ľď?ľď?˛ď?Šď?Ž Martina Bachler — ď?Ťď?˛ď?Ľď?Ąď?´ď?Šď?ś ď?¤ď?Šď?˛ď?Ľď?Ťď?´ď?Żď?˛ Martin Weiss — ď?Ąď?˛ď?´-ď?¤ď?Šď?˛ď?Ľď?Ťď?´ď?Żď?˛ď?Šď?Ž — Kathi ReidelshĂśfer — ď?§ď?˛ď?Ąď?Śď?Šď?Ť Birgit Mayer — ď?Źď?Ľď?Šď?´ď?Ľď?Žď?¤ď?Ľď?˛ ď?˛ď?Ľď?¤ď?Ąď?Ťď?´ď?Ľď?ľď?˛ — Benjamin Koffu — ď?°ď?˛ď?Żď?¤ď?ľď?Ťď?´ď?Šď?Żď?Žď?łď?Ąď?łď?łď?Šď?łď?´ď?Ľď?Žď?ş Rosa Schaberl — ď?˛ď?Ľď?¤ď?Ąď?Ťď?´ď?Šď?Żď?Ž

Nora Dejaco, Mark Glassner (Art, Foto), Sophie Huber, Gunther Mßller, Stefan Olåh (Foto), Elisabeth Schmidbauer — �������� Renate Messenbäck — ����������� Sara Geisler, Franziska Gerstenberg, Philipp Grausam, Philipp Hanich, Alexander Kuznetsov, Jens Mßhling, Elisabeth Scharang — ������������������� ��� V���������� Hollandstr. 14/17b, 1020 Wien — ����������� Siegfried Fßreder — ��������� Hans Jentzsch — �������� www.fleischmagazin.at und www.facebook.com/pages/ fleisch — ���������� abo@fleischmagazin.at — ������� redaktion@fleischmagazin.at — ������� +43 (1) 236 05 44 Erhältlich bei Morawa, im gut sortierten Zeitschriftenhandel und jetzt auch im Abo unter abo@fleischmagazin.at

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Aufta kt

A U S  


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In h alt

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36 48 S. 17 In Arbeit Das Wesen der Piratenpartei, die Sache mit der Anfütterung, der Ökonom Tomáš Sedlácek fährt Zug und vier Songs zum Sparen. S. 36 Tatort ORF Eine neue Folge des Tatorts entsteht und Politiker aller Parteien haben etwas daran auszusetzen. Ein knallharter Politthriller. S. 48 Interview Man sollte viel mehr über Sex sprechen, gerade heraus und ernsthaft. Elisabeth Scharang und profil-Herausgeber Christian Rainer haben das getan. S. 58 Schnelles Geld Spekulanten machen Eindruck auf uns. Dabei mögen wir sie eigentlich nicht besonders. S. 68 Liquid Ecstasy In jedem durchschnittlich ausgestatteten Baumarkt gibt es alles, um K.o.-Tropfen herzustellen. S. 78 Sibirisch erleuchtet In den Wäldern Sibiriens lebt Wissarion Christus. Der neue Messias hat Antworten auf die großen Fragen des Lebens. S. 90 Literatur Franziska Gerstenberg erzählt die Geschichte von Marta, einem Welpen und dem Erwachsenwerden. S. 106 Schlauer werden mit Fleisch Diesmal: Mathematik. Lösen Sie vier Textaufgaben. Mit Gewinnspiel. 13 FLEISCH


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Wer  ist   dieses   Mal   da bei? Foto:  Pa mela  Russm ann

haben Jochen Prüllers Interesse geweckt. Er hat nachgeforscht, welche Arten von K.o.-Tropfen in einsame Gläser geträufelt werden, wie sie wirken und wo sie zu bekommen sind. Sein Fazit: Der schönste Platz ist immer an der Theke. Craig Dillon hat die tollen Fotos geschossen. Im tiefsten Sibirien ist es auch ganz schön. Jens Mühling war dort, um für sein gerade erschienenes Buch niemand Geringeren als den Messias zu besuchen. Die deutsche Schriftstellerin Franziska Gerstenberg hat eine Kurzgeschichte für die Literaturstrecke beigesteuert – unter besonderer Berücksichtigung des Kurzhaardackels. Philipp Hanich hat die Sophie   Huber Geschichte illustriert. Birgit Mayer und Kathi Reidelshöfer waren für die Layouts verantwortlich. Sophie Huber und Elisabeth Schmidbauer haben als erste Praktikumserfahrung hier miterlebt, wie es während der Schlussproduktion für ein neues Heft zugeht. Nora Dejaco hatte die Fotoredaktion über, während Rosa Schaberl ganz generell die Übersicht bewahrte. Unsere Lektorin

Bei einem Neuanfang sollte man sich zuallererst mal einige grundsätzliche Fragen stellen. Woher, wohin und so. Danach kann es langsam konkreter werden. Was E li s a b eth   Sc h a r a n g zum Beispiel passiert, wenn ein neuer Österreich-Tatort gedreht werden soll und das Drehbuch vorab in den Parteizentralen landet. Dann wird interveniert, dachte sich Benjamin Koffu und hat überlegt, was welche Partei besonders stören würde. Birgit Mayer hat die Einf lussnahmen an die Wand gepinnt und fotografiert. Die Filmemacherin und Journalistin Elisabeth Scharang hatte andere Fragen. Um Antworten darauf zu finden, traf sie sich mit profil-Herausgeber Christian Rainer , entzog ihm das DuJ e n s   M ü hlin g Wort und führte mit ihm ein Expertengespräch zum Thema Sex. Pamela Russmann war mit ihrer Kamera dabei. In der Zwischenzeit hat Martina Bachler andere Experten befragt und herausgefunden, warum Börsenspekulation und alles, was so damit verbunden wird, beinahe mythenhaft aufgeladen ist. Drinks, die unbeaufsichtigt auf Theken herumstehen, während ihre Besitzer tanzen oder sonst was machen,

Renate Messenbäck

las das neue Fleisch als Erste. Martin Weiss und Markus Huber waren schwer mit dem Relaunch beschäftigt.

Robert

Treichler

und Gunther Müller dachten mit. Franziska   Gerstenberg 15

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Endorphin-Meeting. Parcs Club Chair by

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www.bene.com


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In  Arbeit

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Seiten  18  –  32

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01  —  

Anfßttern  verboten!

Mit  ihrer  am  2.  März  eingebrachten   Novelle  zum  Korruptionsstrafrecht  will   Justizministerin  Beatrix  Karl  laut  eigenen   Angaben  vor  allem  eines  erreichen:  Das   sogenannte  „AnfĂźttern“  des  Parlaments  soll   wieder  verboten  werden.  Seit  wir  dieses   Foto  von  Michael  Goldgruber  gesehen  haben,   Ĺ…OEFOXJS,BSMT/PWFMMFLPNNULFJOF Zwischenmahlzeit  zu  frĂźh.   -  --------------------  -----  ---------  ----   ------  ----------  ----  ------  ---------  -----    

02  —  

Das  Buch  zur  Stunde

Ei n   w u n d e r b a r e r   Te x t   z u   Ăź b e r a u s   g Ăź n s ti g e n   Mi e t b e d i n g u n g e n   b e i   F r e u nd e n,   e i n   B u c h   z u   Ja g d e i n   l a d u n g e n   u n d   g e m e i n s a m e n   Ya c h t   u rl a u b e n:   In  „Die  Gabe“  arbeitet  sich  der   franzĂśsische  Soziologe  und  Ethnologe   Marcel  Mauss  am  sozialen  Phänomen  des   TZTUFNBUJTDIFO4DIFOLFOTBC8JFTJDI BLUVFMM[FJHU FJO[FJUMPTFT5IFNB „Welches  ist  der  Grundsatz  des  Rechts  und   Interesses,  der  bewirkt,  daĂ&#x;  in  den    rĂźck   ständigen  oder  archaischen  Gesellschaften   FCUGORHCPIGPG)GUEJGPM\YCPIUN‹WÄ›I erwidert  wird?  Was  liegt  in  der  gegebenen   Sache  fĂźr  eine  Kraft,  die  bewirkt,  daĂ&#x;  der   Empfänger  sie  erwidert?“  S.  18 „Das  materielle  und  moralische  Leben   so   wie  der  Austausch  funktionieren  hier   in  einer  uneigennĂźtzigen  und  zugleich   obligatorischen  Form.  Zudem  kommt  dieser   Zwang  auf  mythische,  imaginäre  und,  wenn   man  will,  symbolische  und  kollektive  Weise   zum  Ausdruck;  er  nimmt  die  Form  des  den   Tauschobjekten  geschenkten  Interesses   an:  diese  sind  von  den  Tauschenden  nie   vollständig  losgelĂśst  und  die  Gemeinschaft   und  Verbindung,  die  sie  herstellen,  fast   unzerstĂśrbar.  In  Wirklichkeit  bringt  dieses   Symbol  des  sozialen  Lebens  –  der  permanente   'KPÄœW†FGTCWUIGVCWUEJVGP&KPIGÂŹPKEJVU anderes  zum  Ausdruck  als  die  Art  und  Weise,   wie  die  Untergruppen  dieser  segmentierten   Gesellschaften  archaischen  Typs  ständig   ineinandergreifen  und  fĂźhlen,  daĂ&#x;  sie   einander  alles  schulden.“  S.  77 „Die  Gabe  –  Form  und  Funktion  des  Austauschs  in   archaischen  Gesellschaften“,  Marcel  Mauss,  franz.   Originalausgabe  „Essai  sur  le  don“,  1950

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03  —  

Auf  Internet-Mission

D a s s   d i e   E u r o p ä e r   e i n   g r o ß e s   Mi s s i o n s b e d ü r f n i s   h a b e n,   i s t   j a   h i s t o r i s c h   b el e g t.   D a r a n   h a t   s i c h   a u c h   n i c h t s   g e ä n d e r t,   s e it   d a s   In t e r n e t   d a s   W elt w i s s e n   d e m o k r a t i s i e r e n   s oll.   Z u m i n d e s t,   w e n n   m a n   d e n   A n t e il   d e r   W elt b e v ö l k e r u n g   u n d   d e n   A n t e il   a n   Wi k i p e d i a -A r t i k el n   v e r gl e i c h t.

(Q u ell e:   „ G e o g r a p h i e s   o f   t h e   W o rl d‘s   K n o w l e d g e “,   C o n v o c o -Fo u n d a t i o n   a n d   O x fo r d   In t e r n e t   In s t i t u t e)

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My  Name  is  my  Castle

O k a y,   e s   g i b t   M e n s c h e n,   d i e   s i c h   ü b e r   d i e   Vo r r a t s d a t e n s p e i c h e r u n g   e m p ö r e n   (u n d   k e i n e   S o r g e,   w i r   g e h ö r e n   a u c h   d a z u,   A n m.).   D a b e i   v e r r a t e n   w i r   d e r   Öffe n tli c h k e it   s el b s t   o h n e   Vo r r a t s d a t e n s p e i c h e r u n g   s c h o n   s e h r   v i el   ü b e r   u n s.   Mit   d e n   N a m e n   u n s e r e r   W L A N-N e t z w e r k e.   Wi r   h a b e n   u n s   i n   Wi e n   u m g e s e h e n .

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IC H   B I N   S Ü S S   smiley             snoopy     Sweetheart   5JOLFSCFMM     hase    

#VSHHBTTF&DLF  Schottenfeldgasse,  1070 #VSHHBTTF&DLF  Schottenfeldgasse,  1070 Schwedenplatz,  1010 Obere  Donaustraße,  1020 #VSHHBTTF&DLF  Bandgasse,  1070  

IC H   B I N   S E X Y x   peepshow   TVQFSUBBML   privatehouse   )&/(45;     4"/5"$-"64   wlanboy  

Obere  Donaustraße,  1020 Obere  Donaustraße,  1020 Obere  Donaustraße,  1020 Obere  Donaustraße,  1020 .¡S[TUSBœF&DLF   Beingasse,  1150 Neumayrgasse,  1015 5BOEFMNBSLUHBTTF 

IC H   B I N   S M A R T   nichtfuerdich   Absuriditaet2   LBOOEBTTFJO     &3-,“/*(   Internet   no   0815gmbh   high-end-wg   ich  

5BOEFMNBSLUHBTTF  5BOEFMNBSLUHBTTF  8FTUCBIOTUSBœF&DLF Zieglergasse,  1070   Strozzigasse,  1080 Hollandstraße,  1020 5BOEFMNBSLUHBTTF  -PRVBJQMBU[  Zieglergasse,  1070 Zieglergasse,  1070  

IC H   B I N   H A U P T S Ä C H L IC H   E I N   G E E K 6HHB#VHHB   Schottenfeldgasse,  1070 matrix   #VSHHBTTF&DLF   Schottenfeldgasse,  1070   pervisioni   Zieglergasse,  1070 Falco12   5BCPSTUSBœF  mordor   Hollandstraße,  1020 arsenal   Obere  Donaustraße,  1020   pissingyellow   Neubaugasse,  1070 Meidlinger  Deppennetz   3BUTDILZHBTTF  'VDLZPVJUTNBHJD   8FTUCBIOTUSBœF&DLF   Kaiserstraße,  1070 ------  ----  ------  --  ---------  ----  ------   --  -----  ------  --  ----  -----  ---------  ----   ------  --  -----  ------  --  ----  --  ---------    

05  —  

Gute  Freunde

Vielleicht  sollte  ich  mir  neue  Freunde   [VMFHFO XFJM JDILBOOFTKBTFMCTULBVN glauben,  aber  meine  Freunde,  die  hören   einfach  nicht  zu.  Also,  die  lesen  einfach   OJDIUSJDIUJH NFJOFJDI6OEFTG¡MMUJIOFO überhaupt  nicht  auf,  ehrlich  nicht.  Nehmen   XJSEFO"%FSFS[¡IMUFUXBT BVG5XJUUFS VOE'BDFCPPL TPLVS[VOELOBQQVOEOFUU 

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wie  er  das  immer  tut,  und  wie  immer  so,   EBTTFTBVDIXJSLMJDIKFEFSNJUCFLPNNU 0EFS[VNJOEFTUNJUCFLPNNFOTPMMUF XFOOFT hier  mit  rechten  Dingen  zugehen  wĂźrde.  Aber   das  tut  es  einfach  nicht  mehr,  die  guten   Zeiten  mit  meinen  Freunden,  die  sind  vorbei.   Gut,  manchmal  ist  es  auch  der  H.,  der  mit   dem  Erzählen  beginnt,  und  manchmal  weiĂ&#x;   ich  es  irgendwann  gar  nicht  mehr  genau,   XFSXJSLMJDIEBNJUBOHFGBOHFOIBU&TJTU XJFWFSIFYU EJF4BDIFNJUNFJOFO'BDFCPPL 'SFVOEFO EJFBVDINFJOF5XJUUFS'SFVOEF TJOE VOEVNHFLFISU BCFSEBTJTUKBLMBS Denn,  nehmen  wir  den  A.,  der  etwas  erzählt,   VOELFJOFESFJ.JOVUFOTQÂĄUFS EFOLFJDI NJS.PNFOUʼn8BTEFS5EBHFSBEFTDISFJCU  EBTIBUEPDIFSTUEFS"FS[ÂĄIMUʼn6OEEBOO fängt  auch  noch  der  H.  damit  an,  wieder  das   Gleiche,  wieder  von  vorne!  Auch  noch  die  C.!   6OEEJF*ʼn6OEEFS)Vʼn%FS$Iʼn%JF4ʼn&T ist  wie  beim  Kanonsingen  im  Kirchenchor,   VOEFTIÂłSUEFOHBO[FO5BHOJDIUBVG/FJO  irgendwas  stimmt  da  einfach  nicht,  mit   meinen  Freunden  –  oder  mit  mir? --  --  ---  --  ----  ------  --  ---------  ----   ----  ------  --  -----------  ----  ------  --  ---

Piraten,  Parteien,   ßberall!

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W of Ăź r   s i e   s t e h t,   w e i Ă&#x;   d i e   Si n gl e Is s u e -Pa r t e i   s el b s t   n o c h   n i c h t   s o   g e n a u.   Hi e r   e r k l ä r t   e i n e r,   d e r   s i c h   d a m it   w i r k li c h   a u s k e n n t,   d a s   W e s e n   d e r   Pi r a t e r i e: „Da  du  grade  sowieso  nur  rumhängst,  hĂśr   HVU[V%JFFJO[JHF3FHFM EJFXJSLMJDI FJOF3PMMFTQJFMU JTUGPMHFOEF8BTFJO .BOOLBOOVOEXBTFJO.BOOOJDIULBOO;VN #FJTQJFM%VLBOOTUEJDIEBNJUBCĹ…OEFO  dass  dein  Vater  ein  Pirat  und  ein  guter   .BOOXBS PEFSEVLBOOTUFTOJDIU%FS1JSBU TUFDLUJOEFJOFN#MVU +VOHF EBTXJSTUEV XPIMFJOFT5BHFTFJOTFIONšTTFO*DI[VN #FJTQJFMLBOOEJDIBCTBVGFOMBTTFO BCFS EBT4DIJGGBMMFJOOBDI5PSUVHBCSJOHFO EBT LBOOJDIOJDIU,MBSTPXFJU "MTP,BOOTU du  unter  dem  Kommando  eines  Piraten  segeln,   PEFSLBOOTUEVqTOJDIU Ă– Captain  Jack  Sparrow   zu  Will  Turner  in  „Fluch  der  Karibik  I“)

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07  —  

5PNÂžĂƒ4FEMžDFL

D e r   t s c h e c h i s c h e   Ă– k o n o m   u n d   W i r t s c h af t s b e r a t e r   i s t   s o   e t w a s   w i e   e i n   St a r   u n t e r   d e n   Ă– k o n o m e n.   S e i n   „ D i e   Ă– k o n o m i e   v o n   G u t   u n d   B Ăś s e“   i s t   a u c h   f Ăź r   N i c h t h o b b y v ol k s w i r t e   e i n   e m pfe hl e n s w e r t e s   B u c h.   Wo  sind  Sie  gerade? In  einem  Zug.  Einem  langsamen  Zug.  Auf   EFN8FHOBDI1SBHGšSFJOF%FCBUUFNJU Studenten.    Haben  Sie  heute  gefrĂźhstĂźckt? /JDIUXJSLMJDI"CFSWFSHBOHFOF8PDIF IBUUFJDIFJO'SšITUšDLʼn)FVUFOVS5FF VOE IFJÂœF4DIPLPMBEF XÂĄISFOEEFS#BIOGBISU   Wie  viel  Zeit  hatten  Sie  heute  schon,  um   sich  auf  eine  Sache  zu  konzentrieren,  ohne   unterbrochen  zu  werden? *DILPO[FOUSJFSFNJDITUÂĄOEJHVOEXFSEF TUÂĄOEJHVOUFSCSPDIFO8BTXBSOPDINBMEJF Frage?   Worauf  haben  Sie  sich  konzentriert? "VGEFO7FSTVDI NJDI[VLPO[FOUSJFSFO Nein,  wahrscheinlich  hab  ich  mich  am   NFJTUFOEBSBVGLPO[FOUSJFSU EFO;VH[V erreichen.   Was  hat  Sie  heute  schon  zum  Lachen   gebracht? "MTJDI[VTQÂĄUCFNFSLUF EBTTNJSEBT Klopapier  ausgegangen  ist.  Passiert  auch  in   den  besten  Kreisen,  mĂźssen  Sie  wissen.   Gab  es  einen  Moment,  in  dem  Sie  sich   lieber  auf  die  Zunge  gebissen  haben,  statt   Ihre  Gedanken  laut  auszusprechen? Ja,  aber  eigentlich  mache  ich  das  nicht.   Meine  Zunge  wĂźrde  zu  oft  zu  sehr  schmerzen.   Haben  Sie  etwas  gesehen,  gelesen  oder   gehĂśrt,  von  dem  Sie  dann  dachten:  „Ja,  das   ist  richtig  so“? Ja,  zum  Beispiel  ist  ein  Verschluss  fĂźr   ,FUDIVQ'MBTDIFO EJFNBOESšDLFOLBOO  WPMMLPNNFOSJDIUJH6OEJDIIBCFEBTCFJN -FTFOWPO%BWJE(SBFCFST#VDIĂ˜%FCUĂ‘B history“  gedacht  und  bei  „Die  empathische   ;JWJMJTBUJPOĂ–WPO+FSFNZ3JGLJO   Und  ist  Ihnen  auch  das  Gegenteil   passiert? Dass  ich  BlĂśdsinn  gelesen  habe?  Das   LPNNUWJFMÂłGUFSWPS*DIMJFCFFT  ;FJUVOHTBSUJLFM[VQTZDIPBOBMZTJFSFO

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Wie  viel  Geld  haben  Sie  heute  schon   ausgegeben?  War  irgendetwas  dabei,  das  Sie   bereuen? *DIIBCFFJO1FQTJ FJOF1BDLVOH;JHBSFUUFO VOEEJFIFJÂœF4DIPLPMBEFHFLBVGU6OE ein  Feuerzeug.  Immer  vergesse  ich  auf  das   Feuerzeug.  Ich  bereue  es,  ständig  mein   Feuerzeug  zu  vergessen.   Wissen  Sie  die  aktuellen  Verkaufszahlen   Ihres  Buches? Ja,  vor  einer  Minute  habe  ich  die   7FSLBVGT[BIMFOEFSFSTUFO[XFJ8PDIFOJO EFOEFVUTDITQSBDIJHFO-ÂĄOEFSOWPONFJOFN 7FSMBH)BOTFSCFLPNNFOĂ‘TJFIBCFOCJTIFS 4UšDLWFSLBVGU   Schreiben  Sie  an  einem  zweiten  Buch?   +B EFS5JUFMXJSEĂ˜4FDPOE%FSJWBUJPO PG%FTJSFĂ– Ă˜%JF[XFJUF"CMFJUVOHEFT 7FSMBOHFOTĂ– MBVUFO&TTBZT[VSBLUVFMMFO wirtschaftlichen  Situation  und  ihrer   Philosophie.   Machen  Sie  Eselsohren,  wenn  Sie  lesen?   Oder  lesen  Sie  am  iPad?  Am  eReader? Ich  schreibe  StichwĂśrter  entlang  der   Seiten,  ich  streiche  Sätze  und  ganze  Absätze   an,  fĂźge  Post-its  ein  und  mache  Eselsohren,   wenn  Stellen  besonders  erinnernswert  sind.   Auf  meinem  Motorola  Droid  nutze  ich  seit   Neuestem  auch  den  eReader.   Haben  Sie  jemals  ßber  einen  „guten   Banker“  gelesen? /FJO%BTJTUFJOHVUFS1VOLU  eigentlich.  Aber  ich  habe  schon  ßber  gute   reiche  Menschen  gelesen.   Was  machen  Sie  nach  diesem  Interview? *DIIBCFFJO.FFUJOHJOFJOFN5IFBUFS  EFOOXJSIBCFOBVTEFN#VDIBVDIFJO5IF B UFS TUšDLHFNBDIU%BOOGPMHUFJOF7PS  MFTVOH  dann  eine  Debatte  in  einem  tschechischen   8JSUTDIBGUTĂ˜(MFF$MVCĂ–%BOOHJCU’s  AbendFTTFONJUNFJOFN%BSMJOH%BOOLPNNUOPDI FJO'JMNVOEEBOOLPNNFOEJF5SÂĄVNF   --  --  ---------  ----  ------  --  -----  --  ----   ---  --  ---------  ----  ------  --  -----  --  ---

)FSS(¥DIUFSTDIFOLU uns  einen  Reim

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i m   fa s c h i n g   f l o g   d i e   d r o h n e g e s c h m i n k t   a l s   a l   c a p o n e g a n z   a n d e r s   e r n s tl   s t r a s s e r d e r   g i n g   a l s   k a rl- h e i n z   g r a s s e r

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ADVERTORIAL

Von der Schulbank ins Labor 1.500 Praktika für den Sommer Über 4.000 Praktikantinnen und Praktikanten haben bereits teilgenommen, und immer mehr Unternehmen, Institutionen und SchülerInnen machen mit! BMVIT-Praktika für den Forschungsnachwuchs Die Praktikumsoffensive des BMVIT startete im Sommer 2008 mit dem Ziel, Jugendliche – vor allem auch Mädchen – für Technik und Naturwissenschaften zu interessieren und für eine Ausbildung in diese Richtung zu motivieren. Die BMVIT-Praktikumsplätze ermöglichen einen einmonatigen Ausflug in die Welt der Innovation und Technologie. „Ich bin stolz darauf, dass im letzten Jahr schon mehr als 30 Prozent Mädchen in den Nachwuchsforscherteams waren“, so Innovationsministerin Doris Bures. Denn im Unternehmenssektor liegt die Frauenquote in der Forschung bei nur 15 Prozent. Das BMVIT will mehr Frauen in der Forschung, und deshalb gilt für Großbetriebe bei der Praktikabörse eine Art Mädchenquote. „Damit garantieren wir, dass zumindest ein Drittel der Praktikumsplätze an Mädchen vergeben werden muss“, so die Ministerin. Qualität zählt. Nur Unternehmen und Institutionen mit qualifizierter Forschung und Betreuung kommen in das Programm. Ein Praktikumsplatz wird mit 1.000 Euro gefördert. Mindestens 700 Euro davon verdienen die PraktikantInnen. Im Vorjahr haben sich fast 400 Unternehmen und Institutionen daran beteiligt. Die Vorteile für die jungen NachwuchsforscherInnen liegen auf der Hand: „Die jungen Leute lernen den Forschungsbetrieb hautnah kennen und knüpfen Kontakte zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die Unternehmen und Institutionen wiederum können kreative Köpfe früh an sich binden“, erklärt Innovationsministerin Bures. „Und Österreich profitiert von engagierten und interessierten ForscherInnen und EntwicklerInnen, die unser Land vorwärtsbringen.“

Innovationsministerin Bures will mehr Mädchen für die Forschung begeistern.

1.500 Forschungspraktika für Schülerinnen und Schüler ab 15 Jahren. Es ist so weit: Die Tür zu den Forschungspraktika 2012 ist ab sofort geöffnet. Alle Infos rund um die Forschungspraktika gibt es auf der Homepage der FFG unter www.ffg.at/praktika. Anmeldung zu den Forschungspraktika unter: www.praktikaboerse.com

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Innovationsministerin Doris Bures FLEISCH

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Römer  waren  hier  

B e r e it s   i n   d e r   A n t i k e   v e r e w i g t e n   s i c h   M ä n n e r   a uf   To il e t t e n .   D i e   s c h ö n s t e n   K l o s p r ü c h e   a u s   Po m p e j.   F ü h l e n   Si e   s i c h   f r e i,   n o c h   f r e i e r   z u   ü b e r s e t z e n .     "."5&465"1&47*5" . .&--*5" . &9*(6/5 Ein  anderer:  7&--&ʼn -JFCFOEFG¹ISFOXJF#JFOFOFJOIPOJHT¹œFT -FCFOEin  anderer:%FOLTUFʼn .&44*$64)*$/*)*-'656*5 Messius  hat  hier  nichts  gevögelt.   )*$&(0/6 /$' 656&'"3.04"'03 3 ." 16&--" . -"6%"5" . ".6-5*4 4&5-6564 */564&&3"5 )JFSIBCFJDIKFU[UHFSBEFFJO.¡EDIFO von  schöner  Figur  gevögelt,  die  von  vielen   gerühmt  wurde.  Aber  drinnen  war  nur   Schlamm. %*0/:46*426")03"70-5 - *$&5$)"-"3& %JPOZTVJTEBSGKFEFS[FJUCVNTFO   '-030/*64#*/&5"4 .*-&4-&( *0/*4 7** )*$ '6*5/&26&.6-*&3&44$*&36/5 /*4*1"6$"&&4 4&4&36/5 'MPSPOJVT (FGSFJUFS 4PMEBUEFS-FHJPO  war  hier,  und  nur  wenige  Mädchen  haben   davon  erfahren.  Sechs  werden’s  aber  sein.   .&53&/"$6-*#0/*" Matrena,  mit  gutem  Hintern. .*9*.64*/-&$50 '"5&03 1&$$"7*.64  )041&44*%*$&426"3& /6&--"."5&--" '6*5 8JSIBCFOJOT#FUUHFQJOLFMU*DIHFCÔT[V  8JSU EBIBCFOXJSXBTGBMTDIHFNBDIU8FOO EVGSBHTU8BSVN Ñ&TXBSLFJO/BDIUUPQGEB (Q u ell e:   „ D e c i u s   w a r   h i e r...“   v o n   K a rlW il h el m   W e e b e r)

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Geweih,  Platzhirsch,   Frischling

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C h r i s t i a n   K o n r a d   n i m m t   A b s c h i e d.   E n d e   J u n i   g e h t   d e r   R a iffe i s e n     c h ef   i n   Pe n s i o n,   s e i n   A m t   a l s   n i e d e r Ăś s t e r r e i c h i s c h e r   L a n d e sj ä g e r m e i s t e r   h a t   e r   b e r e it s   z u r Ăź c k g el e g t.   Jo s ef   P r Ăś ll   Ăź b e r n i m m t   e s. Komm,  Kind,  mit  mir  zu  wohnen *NGSFJFO8BMESFWJFSʼn Von  immergrĂźnen  Zweigen Bau  ich  ein  HĂźttchen  dir. Dann  steig  ich  nimmer  wieder Ins  graue  Dorf  hinab, *N8BMEFXJMMJDIMFCFO *N8BMEHSBCUNJSFJO(SBCʼn DaĂ&#x;  nicht  des  Pfarrers  KĂźhe %BSBVG[VS8FJEFHFIO %BT8JMETPMMESšCFSTQSJOHFO ,FJO,SFV[JN8FHFTUFIO Aus  „Jägers  Lust“   von  Wilhelm  MĂźller,  1794-1827)  

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Verboten  Fernsehen

S h a m el e s s,   S h o w t i m e     'SBOL(BMMBHIFS 8JMMJBN).BDZ USJOLU und  spielt,  er  lĂźgt  und  betrĂźgt,  er  be   nutzt   andere  zu  seinem  Vorteil.  Er  nimmt  den  Mund   OJDIUOVSNJU4DIOBQT[VWPMMVOEESšDLU TJDIWPSKFHMJDIFS'PSNWPO7FSBOUXPSUVOH  vor  allem,  wenn  es  um  seine  sechs  Kinder   HFIU "OHFGšISUWPOEFSÂĄMUFTUFO5PDIUFS 'JPOB  &NJMZ1PTTVN  TDIMBHFOEJFTFTJDI EVSDI4DIVMFVOE-FCFO BSCFJUFOWPOEFS 4USPN SFDIOVOH[VN'SšITUšDLTFJOLBVG[VN OÂĄDITUFO4DIVMBVTņVH TDIMBGFONJUEFNWFS hei   ra   teten  Boss,  der  besten  Freundin  oder   dem  Autodieb,  der  nie  an  sein  Handy  geht.   Zwischen  angewandter  Bauernschläue  und   totaler Â Ăœberforderung  gibt  es  viel  Familie,   WJFM'SFVOETDIBGU WJFM-JFCFVOETFISWJFM 4FYJOEFSLMFJOFO/BDICBSTDIBGUJN4šEFO Chicagos,  wo  die  Serie  angesiedelt  ist.   #FJEFO(BMMBHIFSTLPNNUFTBVGKFEFOBO  EBNJUFTFHBMJTU XFOO'SBOLXJFEFSFJONBM von  der  Polizei  nach  Hause  gebracht  wird   VOETFJOFO3BVTDIBVGEFN8PIO[JNNFSCPEFO BVTTDIMÂĄGU%FS6OUFSTDIJDIUFO3FBMJTNVTWPO 4IBNFMFTTĂ‘FJO3FNBLFEFTHMFJDIOBNJHFO britischen  Vorläufers  –  tut  an  mancher   4UFMMFXFI&SFS[FVHUBCFSLFJO'SFNE TDIÂĄ

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NFO  TPOEFSO&NQBUIJF0LBZ GšS'SBOLOJDIU JNNFS(FSBEFHJOHJOEFO64"EJF[XFJUF Staffel  zu  Ende.  --  -----  ----  ------  --  -----  ---------  --------  ---------  ---------  -----  ---------  

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W a s   e r z ä h lt   u n s   d a s   d e u t s c h s p r a c h i g e   Fe u ill e t o n,   w e n n   e i n e   n e u e   P l a t t e   h e r a u s k o m m t?   Ei n e   K r it i k   i n   Ei n z elt e il e n,   a m   B e i s p i el   M a d o n n a:

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POP   VAMPIR

   

FitnessGBOBUJLFSJO

POP      DIVA

Dance girlie

(Q u ell e n:   S p i e g el,   St e r n ,   W elt,   D i e   Z e i t,   S a l z b u r g e r   N a c h r i c h t e n ,   O Ö   N a c h r i c h t e n ,   B e rli n e r   Z e i t u n g,   K u r i e r,   M u s i k e x p r e s s,   R olli n g   St o n e,   G a l a ,   P r e s s e,   St a n d a r d,   K r o n e,   Ta g e s s p i e g el,   FA Z,   K l e i n e   Z e i t u n g,   W i e n e r   Z e i t u n g,   N ZZ,   Ö s t e r r e i c h)  

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Vier  Songs

Vi e r   S o n g s   z u m   T h e m a   d e s   Ja h r e s:   Sp a re n. 1.  7,3  Milliarden  Euro  sollen  Einschnitte   im  Pensionsbereich  bringen:  Fßr   Frßhpensionisten  wird  es  hÜhere  Abschläge   geben.  Zudem  mßssen  kßnftig  40  statt  37,5   Beitragsjahre  erreicht  werden. B E A T L E S:   W H E N   I   A M   6 4 8IFO*HFUPMEFSMPTJOHNZIBJS Many  years  from  now, 8JMMZPVTUJMMCFTFOEJOHNFBWBMFOUJOF Birthday  greetings  bottle  of  wine? *G*ÔECFFOPVUUJMMRVBSUFSUPUISFF 8PVMEZPVMPDLUIFEPPS 8JMMZPVTUJMMOFFENF  will  you  still  feed  me, 8IFO*ÔNTJYUZGPVS

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Ulli, 38 Produzent

Susanne, 47 Shiatsu-Praktikerin

Tobias, 13 Schüler

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Indicate  precisely   what  you  mean  to  say Yours  sincerely  wasting  away (JWFNFBOBOTXFS ŅMMJOBGPSN Mine  for  evermore 8JMMZPVTUJMMOFFENF 8JMMZPVTUJMMGFFENF 8IFO*ÔNTJYUZGPVS

2.  Der  Nationalrat  wird  auf  165  Sitze,  der   Bundesrat  wird  um  ein  Drittel  verkleinert.   H E L G E   S C H N E I D E R:     DI E   H E R R N   P O L I T I K E R (BMMJBFTUEJWJTBJOQBSUFTUSFT BMFBKBDUB sunt.   6OEEJF)FSSFO1PMJUJLFS  die  sind  die  sind  die  sind  die  sind  alle   doof!   6OEEJF)FSSFO1PMJUJLFS  die  solln  doch  die  solln  doch   die  solln  doch  solln  doch   nach  Hause  gehen,   KBEJFTPMMOOBDI)BVTFHFIFO Die  sind  alle  doof!   Die  wolln  nur  unser  Geld.   Alle,  alle,  wie  se  da  sitzen.   6OEEJF)FSSFO1PMJUJLFS  die  solln  doch,   die  solln  doch,   die  solln  doch,   erstma  erstma   erstma  erstma  einen  durchziehen.  

3.  Die  groĂ&#x;en  Bauprojekte  Koralm-  sowie   Semmeringtunnel  werden  nur  „in  abgespeckter   Form“  realisiert  bzw.  später  als  geplant   fertiggestellt  werden. E I N S T Ăœ R Z E N D E   N E U B A U T E N:   D E N   S C H A C H T   V O N   B A B E L ;VIPDIXBSCJTKFU[UVOTFS"VTTJDIUTQVOLU Mit  HĂślzern,  sehr  edel,   verschalen  wir  ihn 8JSTDIBDIUFOEFO5VOOFMWPO#BCFM 4FMCTU4USPNGšSEBT-JDIU den  verlegen  wir  drin 8JSTDIBDIUFOEFO5VOOFMWPO#BCFM %SBVTTFOEBT'FTUFSSFJDIUEFO)ÂłIFQVOLU 8JSHSBCFOEFO4DIBDIUWPO#BCFM

4.  Vorerst  wird  es  weiterhin  keine   Erbschafts-  und  Schenkungssteuer  geben. T O C O T R O N IC:   D A S   G E S C H E N K Man  gab  mir  soeben

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Seiten  36  –  106

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SATIRE  —  BENJA MIN  KOFFU

Doch, es gibt ihn. Den idealen ORF-Tatort. Diesen einen einzigen Fall, der ebenso spannend wie aktuell ist. Der auf das Hier und Jetzt eingeht und doch zeitlos ist, so zeitlos, dass er in der Tatort-Verwertungskette auf heavy rotation gespielt werden kann. Dieser ultimative Fernsehkrimi führt die Kommissare Eisner und Fellner an Tatorte, die noch nie zuvor ein ORF-Ermittler erkundet hat und an denen es dennoch nur so vor ORFKommissaren strotzt. Wir bringen erste Zwischenergebnisse der Ermittlungen.

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Tatort – „Die Farben der Einmischung“ Herbst 2012 David Schalko (angefragt) Benjamin Koffu – 89 min. n.n. Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser, Erwin Pröll, Stefan Petzner, Pius Strobl, Josef Ostermayer, Alexander Wrabetz, Maria Vassilakou, Klaus Werner-Lobo, Richard Grasl, Harald Vilimsky, Armin Wolf u.a. Eine Produktion der SuperFleisch™ Film- und Fernsehspaß GmbH

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atorf INHALT: Eine neue Folge der Krimireihe Tatort soll gedreht werden. Das Drehbuch ist fertig, die Besetzung steht längst fest. Und eigentlich ist schon alles bereit für den Drehstart. Szenen in der Wiener Innenstadt soll es geben. Zwischen den Ministerien sollen die TV-Kommissare pendeln, mal bei einem Nobelmöbelhandel, dann in der Zentrale einer Bank ermitteln. Nur, der Fall, den die Kommissare laut Drehbuch lösen sollen, ist inhaltlich heikel: Im Stadtpark wird die übel zugerichtete Leiche eines Man-

nes gefunden. Der Tote, ein Beamter aus dem Finanzministerium, sammelte Daten von Steuersündern aus der besseren Wiener Gesellschaft und rekonstruierte deren Geschäfte miteinander. Ein undurchsichtiges Netz aus Korruption, Freunderlwirtschaft und Intrigen tut sich auf. Zum Dreh kommt es allerdings nicht. Als Kopien eines Manuskripts zur neuen Folge in den Parteizentralen landen, beginnt ein Making-of vor dem eigentlichen Making-of. Interventionen, Dro-

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hungen und unmoralische Angebote erreichen den ORF. Alle Parteien scheinen dort ihre Ansprechpartner und konkrete Vorstellungen von Änderungen am Skript zu haben. Die Ermittler stehen vor einem nicht gerade leichten Fall. Wer ist hier Opfer und wer Täter? In diesem ganz besonderen Tatort verschwimmen Grenzen, tauchen vielschichtige Motive auf. Um irgendwie auf einen Nenner zu kommen, beginnen Eisner und Fellner, die unterschiedlichen Ermittlungskreise zu entwirren – auf ihren Pinnwänden.


Pinnwand  1

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WER VÖSLAUER TRINKT, RECYCELT AUCH. Wir sagen immer und immer wieder: D A NK E.

Mithelfen und Flaschen in die gelbe Tonne werfen. Aus jeder gesammelten Flasche wird wieder PET-Recyclat gewonnen. www.voeslauer.com/nachhaltigkeit Vöslauer ist assoziierter Partner des klima:aktiv pakt2020 des Lebensministeriums und verpflichtet, detaillierte Klimaschutzziele und -maßnahmen zu erarbeiten und bis 2020 umzusetzen. www.klimaaktiv.at

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I N T E R V I E W

Sex, ja Sex. Die Filmemacherin und Journalistin Elisabeth Scharang und der profil-Herausgeber Christian Rainer im Gespr채ch 체ber wirklich alles.


DAS  WIRD  MIR  JETZT   FAST  ZU  … TEXT  —  ELISABETH  SCHAR ANG     FOTOS  —  PA MELA  RUSSMANN MITARBEIT:  MARIA  MOTTER

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Elisabeth  Scharang:  

Ich  würde  dir  für   dieses  Interview   gerne  das  „Sie“   anbieten. Christian  Rainer  (lacht):  

Ausgerechnet  bei   dem  Thema?! Elisabeth  Scharang: Das „Sie“

schützt die Privatsphäre besser und ich kann mit meinen Fragen persönlicher werden als mit dem „Du“. Christian  Rainer: Verstehe. Man kann sich viel mehr öffnen, weil man nicht das Gefühl hat, sich zu öffnen – interessante These. Ich könnte also mit meiner Therapeutin nicht so locker kommunizieren, wenn wir per „Du“ wären. Scharang: Meine zweite These ist, dass sehr wenig über Sex gesprochen wird. Rainer: Ja. Richtig. Scharang: Ja. Es wird über Rand- und Spezialgebiete geredet, aber selten über das, was uns betrifft. Rainer: Es ist übrigens auch ein Mythos, dass Männer miteinander ständig über Sex sprechen oder gar gierig saftelnd schweinigeln. Ich glaube auch, dass in Beziehungen nicht sehr viel über Sex gesprochen wird. Weil die Causa so heikel ist: Redet man positiv darüber, könnte es schnell peinlicher werden als der Sex selber, und würde kritisch darüber gesprochen, zerstörte man in wenigen Sekunden nachhaltig viel. Scharang:  Darf man beim Sex nicht kritisieren? Rainer: Nicht innerhalb einer Beziehung. Das Schlimmste, was mir meine Ex-Freundinnen, zu denen ich zweifellos nicht immer einfühlsam war, hätten antun können, wäre gewesen, sich kritisch gegenüber meiner Performance im Bett zu äußern. Das pickt. Das geht nicht mehr weg. Man fühlt sich stigmatisiert. Und ich weiß, dass es bei Frauen ähnlich ist.

Scharang: Aber man muss den anderen ja nicht demontieren! Rainer: Nein, aber auch nur der Hauch von Kritik käme so rüber. Scharang: Andererseits ist das genau der Punkt: Wenn man nicht darüber redet ... Rainer: ... wird es nicht besser. Scharang: Und dann heißt es: Nach drei Jahren Beziehung ist die Luft draußen. Rainer: Es trägt zumindest dazu bei, dass aus den drei Jahren kaum zehn werden können. Scharang: Mein Freund hat mir ganz am Anfang unserer Beziehung, im ersten Jahr, gesagt: Du berührst mich nicht. Rainer: Das ist keine Kritik. Scharang: Also mich hat das getroffen. Sex, der einen nicht berührt, was ist das? Sport? Rainer: Ja, muss nichts Schlechtes sein. Das ist halt Sex. Sex muss nicht berühren, in dem Sinne, wie Sie es gerade meinen. Scharang: Ich glaube, jeder von uns beiden sollte mal seinen Begriff von Sex definieren. Rainer: Wir sind ja mittendrin! Aber ich möchte noch einmal zurück: Ich habe den Eindruck, dass Frauen untereinander mehr und offener über den Sexakt als solchen sprechen. Scharang: Nein. Rainer: Ich höre oft, dass Frauen sich darüber austauschen, wie ihre Männer im Bett sind. Scharang: Spricht hier Neugierde oder Sorge aus Ihnen? Rainer: Ist es nicht so, dass Frauen untereinander darüber reden, wie oft sie gekommen sind, und dass er´s unter Anführungszeichen „ihr wirklich gut besorgt“? Das mag eine selektive Wahrnehmung sein, aber ich habe den Eindruck, dass Frauen wesentlich konkreter über Sex sprechen. Scharang: Man könnte auch sagen: Männer schützen das Intimleben und ihre Partnerinnen in der Öffentlichkeit. Während Frauen da manchmal recht gnadenlos sein können. Rainer: Hmm. Ich weiß nicht. Ich glaube, das hängt – womit kann das zusammenhängen? (überlegt)

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Scharang: Auf jeden Fall reden Frauen

mehr über ihre Befindlichkeit.

Rainer: Weil Frauen meistens so et-

was wie eine beste Freundin haben. Bei Männern kenne ich diese Form von Freundschaften eigentlich nicht. Scharang: Wirklich? Rainer: Nein. Scharang: Aber vielleicht haben Sie eine beste Freundin? Rainer: Eine beste Freundin? Erstens nein, und zweitens hätte ich auch da Vorbehalte, über Details meines Sexlebens zu sprechen. Scharang: Haben Sie schon einmal den Satz benutzt: „Die Sexualität einer Frau bleibt für mich ein Geheimnis.“ Rainer: Nein. Scharang: Viele Männer haben von dem Körper, der Physiognomie einer Frau keine Ahnung. Rainer: In diesem Zusammenhang höre ich von Frauen oft: Aber es gibt Ausnahmen. Und das ist dann als Kompliment an mich gemeint. Scharang: Wie sind Sie Experte auf dem Gebiet des weiblichen Körpers geworden? Christian Rainer seufzt. Rainer: Ich gehe schon einen Schritt weiter: Warum interessiere ich mich so für die weibliche Sexualität? Hat das etwas mit Empathie im positiven oder im eitlen Sinne zu tun? Interessiert es mich, weil ich ein guter Liebhaber sein will, um meinen Narzissmus zu nähren? Oder will ich, dass es der Frau gut geht? Scharang: Ich glaube, der Frau ist es am Schluss wurscht, warum es ihr guttut. Rainer: Stimmt. – (überlegt) Ein guter Bekannter, ein berühmter ehemaliger Sportler, hat den Ruf, ein wirklich einfühlsamer Liebhaber zu sein, was alle überrascht, die es nicht selbst erlebt haben. Und da frage ich mich durchaus, warum performt der Egomane gut? Was hat er für ein Geheimnis? Scharang: Was ist eigentlich ein guter Liebhaber? Rainer: Sehr simpel gesagt: Einer, der nicht nur an sich selbst denkt, sondern der auch mal schaut, dass die Frau genießt und wenn möglich zum Orgasmus kommt. Das gilt übrigens auch für


…INTIM

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einen One-Night-Stand. Wenn daraus eine Beziehung wird, kommt Intimität dazu, die es beim One-Night-Stand wahrscheinlich nicht gibt und auch gar nicht geben soll. – Also im Prinzip geht es darum, dass die Funktionalitäten auf beiden Seiten positiv ausgenützt werden. Scharang  (lacht): Ho, was für ein Satz! „Die Funktionalitäten auf beiden Elisabeth  Scharang:   Seiten ausgenützt“, was heißt das?! Rainer: Dass beide zum Orgasmus kommen, zum Beispiel. Scharang: Warum stellen Sie den Orgasmus so in den Mittelpunkt? Rainer: Weil mir Frauen in ausreichender Zahl gesagt haben, dass sie nicht sehr glücklich sind, wenn sie nicht regelmäßig kommen. Scharang: Der Orgasmus: ein großes Thema bei Frauen? Rainer: Ja. Ich projiziere mit einigen Abstrichen den Orgasmus des Mannes, den ich nun doch ganz gut kenne, auf Frauen. Erstens: Das Glücksgefühl während eines Orgasmus, aber auch die Befriedigung, die man nachher empfindet, wird wohl in einer ähnlichen Form auch bei Frauen vorhanden sein. Auch wenn das Ende bei Frauen nicht so abrupt ist, die Sache offensichtlich länger dauert und Frauen viel schneller wieder Lust haben. Aber im Prinzip: Die Ekstase und das Gefühl danach dürften schon Problem bei euch, Mädels? Ähnlichkeiten haben. Wobei (zögert), Rainer: Enttäuschend. Wir haben glücklich ist der Mann nachher ja nicht uns mit Aufklärungsarbeit im profil in unbedingt. Scharang: Ich glaube, diese Orgasunzähligen Titelgeschichten viel Mühe musgeschichte ist deshalb so ein Thema, gegeben. Scharang: Das ist wie mit Diäten. Alle weil wir im Fernsehen und in Filmen sewissen, diese ständigen Diäten machen hen, wie es zu funktionieren hat. Damit überhaupt keinen Sinn und trotzdem ist wachsen wir auf. Und dann funktioniert die Hälfte der Menschen auf Diät. Aber es nicht so. Das ist unendlich frustriereden wir doch über die Orgasmusrend, weil man lange glaubt, es liegt an fähigkeit der Männer. Ich glaube, die einem selber. Dieses „Ich-habe-keinenBandbreite männlicher Sexualität wird Vaginalorgasmus-warum?“-Thema ist unterschätzt. nicht totzukriegen. Rainer: Das ist tatsächlich noch Rainer: Das wird mir jetzt fast zu inThema? tim. Sei´s drum: Ich möchte dieser TheScharang: Ja. se aus persönlicher Erfahrung widerRainer: Das überrascht mich. Ich sprechen. Ich finde, dass die Bandbreite dachte, darüber seien wir seit zehn Jahschmal bleibt. Es ist intensiver oder weren hinweg. Weil 99 von 100 Frauen saniger intensiv, etwas schärfer oder wenigen: Bei mir gibt´s das auch nicht. ger scharf, aber es ist immer die gleiche Scharang:  Ja. Aber die eine von 100 Geschichte. Während ich den Eindruck sagt: Bei mir funktioniert´s. Was ist das habe, dass diese Bandbreite bei Frauen

Dieses   „Ich-habekeinenVaginalorgasmuswarum?“Thema  ist   nicht  totzukriegen.

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weit und groß ist. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist die Funktion des Orgasmus beim Mann relativ klar erklärt. Und auch, warum es schnell vorbei sein sollte: nämlich, um rasch wieder bei Sinnen zu sein. Während der Sinn des Orgasmus bei Frauen nicht so wirklich eindeutig ist. Das würde dafür sprechen, dass der männliche Orgasmus stets nach dem gleichen Schema funktioniert. Scharang: Ein Fließen oder ein Schießen – das ist die Frage. Rainer  (lacht): Richtig! Scharang: Und das macht wohl den Unterschied im Gefühl aus, oder? Rainer: Mhm. (nicht überzeugt) Scharang: Sex. Wie grenzen wir das jetzt ein? Rainer: Für uns beide? Weil Sie eine Frau sind und ich ein Mann? Scharang: Nein. Aus dem Gespräch heraus habe ich das Gefühl, wir leben in


Christian  Rainer:

Ich hatte mit sechzehn offenbar den Eindruck, dass Selbstbefriedigung Betrug an einer Freundin wäre, mit der ich – bis auf Küssen – niemals körperlichen Kontakt hatte. Scharang: Liebe braucht nicht immer einen Gegenpart. Rainer: Nein, natürlich nicht. Scharang: Von wem haben Sie denn sexuell gelernt? Wer oder was hat Sie geprägt? Rainer: Ich war Autodidakt. Scharang: Ich war eine der Generationen „Bravo“. Rainer: Ja, natürlich gab es da den Doktor Sommer; natürlich gab es den Schlüsselloch-Report, die Praline und Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen man allenfalls Busen sah. Aber das war keine Aufklärung, das waren unebene Projektionsflächen. Scharang: Bei mir waren es Filmbilder, darunter viel romantischer Schmus, die sich eingeprägt haben. Was nicht immer hilfreich war. Rainer: Für mich waren „Krieg und Frieden“ und „Doktor Schiwago“ unglaublich geile Filme, obwohl es dort keine Sexszenen gibt. Scharang  (lacht): Wirklich? Rainer: Ja! Die unschuldig weiße Haut der Geraldine Chaplin, die wildere Julie Christie! Ich habe, wenn ich jetzt darüber spreche oder wenn ich die Filmmusik höre, erotische Gefühle, die nicht sexuell im Sinne von – das ist wirklich viel zu intim für einen profil-Herausgeber! Also: Doktor Schiwago: sehr stark. Oder der weithin unbekannte Film „Fanny“ mit Horst Buchholz. Oder das Lied „Je t´aime“, da wird es schon pornografischer. Scharang: Finden Sie die Sorge darüber, dass Jugendliche heutzutage so einen direkten Zugang zu Pornografie haben, übertrieben? Rainer: Ich finde es absolut übertrieben. Angesichts vieler Gefahren, die in der Welt lauern, halte ich diese für die letzte, die ich genauer analysiere. Ich glaube nicht, dass Pornografie zu einer Gefühllosigkeit der nächsten Generationen führen wird, was Liebesfähigkeit betrifft, oder auch, was Sexfähigkeit betrifft. Ich glaube auch nicht, dass der direkte Zugang dazu führt, dass Sex

Für  mich   waren   „Krieg  und   Frieden“   oder   „Doktor   Schiwago“   unglaublich  geile   Filme.  

dieser Frage in unterschiedlichen Stockwerken. Also, was gehört für Sie zu Sex? Rainer: Wenn ich die Mariahilfer Straße hinunterlaufe, eine Frau blickt mich an und ich schaue zurück, dann ist das auch schon intensiver Sex – wenn ich das als solches definieren möchte. Scharang: Wenn man nach Hause kommt und sagt, was hast du auf der Mariahilfer Straße so gemacht? Ist die Antwort: Ach, ich hatte Sex. Rainer: Richtig, ja. (Lacht) Stellt sich die Frage, ist das dann schon Untreue? Die Antwort: Das ist fließend. So wie stets beim Flirten. Es käme mir komisch vor, wenn meine Freundin nicht flirtete oder nicht angeflirtet würde. Und man wird nur angeflirtet, wenn man ein bisschen zurückgibt, eine gewisse Offenheit zeigt. Also ich finde das ok; ich fühle mich nicht verraten, werde nicht eifersüchtig, sondern eher stolz, wenn

ich sehe, dass meine Freundin heftig angebraten wird. Ich empfinde dabei keine Verlustängste. Sobald Verlustängste entstehen oder aber das Ganze durch öffentliche Wahrnehmung beleidigend wird, dann wird es schwierig. Aber ja: Ich definiere gerne auch Flirten als Sex. Können wir machen. Scharang:  Betreiben Sie eigentlich Sex als eine Art Hygiene? Psychisch wie körperlich? Rainer: Nein. Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Als ich mit sechzehn schwer verliebt für ein Jahr nach Amerika fuhr, habe ich monatelang nicht Hand an mich gelegt. Da lag die Hygiene im Mönchischen. Was eine absurde Idee war, mich nur noch viel unglücklicher gemacht hat und das Heimweh und die Liebe noch anwachsen ließ. Das war traumatisierend, meine Analytikerin büßt heftig für dieses eine Jahr. 53 FLEISCH


gewalttätiger würde. Letztlich ist der sogenannte Hardcore-Porno an der Realität von Sex wesentlich näher dran als Doktor Schiwago. Scharang: Aua! Wo bleibt Ihr Sinn für Romantik?! Rainer: Ist nicht sehr stark ausgeprägt. Aber für die engere Definition von Sex ist ein Porno vermutlich lebensbestimmender als das, was bei Doktor Schiwago passiert. Scharang: Lebensbestimmender? Sie haben vorhin davon geredet, dass Ihnen wichtig ist, was Frauen fühlen. Und: Die Pornoindustrie hält unbeirrt an dem Vaginalorgasmus-Mythos fest. Rainer: Ein Porno entspricht doch dem, was ohnehin jeder zu Hause als Sex hat oder haben sollte, und er widerspricht nicht der Möglichkeit, sich dabei auch sehr romantisch zu lieben. Da sehe ich null Widerspruch. Scharang: Wir sprachen auch davon, dass es schon ganz schön ist, wenn Frauen beim Sex gefühlsmäßig auch zum Zug kommen. Rainer: Richtig, ja. Da schadet es nicht, wenn man als Mann ein paar Pornos gesehen hat. Ich glaube, dass man da durchaus einiges lernen kann. Scharang: Dass Pornografie eine Vorbildfunktion haben könnte oder eine Lehrfunktion, das finde ich absurd. Rainer: Warum? Wir gingen ja von der Frage aus: Schadet das der Jugend? Ich wage die These: Es ist doch ganz gut, wenn man relativ früh Dinge sieht, die man sonst mühsam oder auch nie erlernen wird. Scharang: Was haben Sie von Pornos gelernt? Rainer: Ich umschreibe es ein wenig: Früher hat man mühsam versucht, aus dem Kamasutra ein bisschen etwas zu lernen; wie es funktioniert und was es für Positionen gibt. Aber man lernt da in Wahrheit nix. Man lernt da eher Yoga, und das ist angeblich gefährlich, wie wir seit kurzem wissen. So! Ich behaupte, dass ich in einem Porno viel schneller und viel lebensnaher lerne, was ich sonst möglicherweise mit viel Glück und durch viel Experimentieren erst mit vierzig gelernt hätte. Scharang: Macht es nicht Sinn, dass man seine Erfahrungen nach und nach

macht?

Rainer: Überhaupt nicht. Da haben

Sie offenbar mehr Glück in Ihrem Leben gehabt als ich. Es war furchtbar. Danke, ich verzichte auf viele dieser Erfahrungen. Das brauche ich nicht. Ich wäre gerne mit zwanzig an dem Punkt gewesen, an dem ich jetzt mit fünfzig bin. Scharang: Schlechte Erfahrungen zu machen ist sinnlos? Rainer: Ja, völlig sinnlos! Völlig verschenkt! Wenn man in der Geschichte zurückschaut: Die Römer hatten in Kreisen, die es sich leisten konnten, bei uns wären das die Bobo-Kreise, guten Sex. Scharang: Sie meinen also: Sexuell gesehen sind wir rückschrittlich. Rainer: Ja! Von der These sind wir ja in gewisser Weise ausgegangen – Elisabeth  Scharang:  

Kennen  Sie  Ihren   Körper  gut?  Ist   das  ein  nahes   Verhältnis? Christian  Rainer  (lacht):  

Ein  sehr  nahes   Verhältnis.  Bisweilen  ein   Arbeitsverhältnis.   Scharang: Die These war: Es wird zu

wenig über Sex geredet und es gibt keine Weiterbildung. Rainer: Auf der anderen Seite verschwinden verkrustete Moralvorstellungen. Es ist nicht mehr stigmatisierend, wechselnde Sexualpartner zu haben. Meine Mutter, die jetzt neunzig ist, hatte nur einen: meinen Vater. Mein Vater hatte wahrscheinlich mehr Frauen als meine Mutter, aber bestimmt auch nicht sehr viele. Scharang: Aber wechselnde Partner oder sogenannte Lebensabschnittspartnerschaften sind für mich kein Zeichen von sexueller Aufgeklärtheit. Rainer: Oh doch! Die Möglichkeit, im Laufe eines Lebens verschiedene Part54 FLEISCH

nerinnen zu haben, ist ein Zeichen von Toleranz und Aufklärung. Scharang: Heißt das, es wird mehr Sex gemacht? Rainer: Nein, es gibt mehr Sex mit verschiedenen Partnern. Ich bin jetzt fünfzig, und ich weiß, wie es vor dreißig Jahren lief. Ich wuchs darüber hinaus auf dem Land in einem Dorf auf. Auch dort kann man sich mittlerweile scheiden lassen. Das hätte ein echtes Stigma erzeugt, als ich zwanzig war. Kleine Einschränkung: profil brachte im Dezember eine hochinteressante Titelgeschichte von Angelika Hager. Sie hat die Frage gestellt: Ist man glücklicher, wenn man mehr Freiheit in der Beziehung hat? Die Antwort war: nicht unbedingt glücklicher, weil die Erwartungshaltungen und die Möglichkeiten gewachsen sind. Unterm Strich bleibt, dass das Glück auf Kosten der Auswahl und Möglichkeiten etwas auf der Strecke bleibt. Aber wohl nicht so gnadenlos wie unter den gegebenfalls traumatisierenden Verhältnissen meiner Kindheit. Scharang: Apropos Partnerwechsel: Worin verlieben Sie sich eigentlich? In eine Stimme, in ein Gesicht? Rainer: In Intelligenz und damit verbunden auch in Witz. Das war sicher auch einer der ersten Anknüpfungspunkte bei meiner Freundin Franziska. Dummheit ist jedenfalls ein Ausschließungsgrund. Da werde ich nervös. Vielleicht ging früher ein One-Night-Stand, aber viel mehr nicht. Oder ein TwoNight-Stand. Und: Ja, natürlich verliebe ich mich auch in Schönheit. Schöne Hände sind für mich wahnsinnig wichtig. Und ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, gepaart mit einem gesunden Maß an Eitelkeit. Diese Eitelkeit führt wiederum dazu, dass sich Menschen schön bewegen. – Wann kommt endlich die Frage nach der Jugend? Wie das ist, eine wesentlich jüngere Freundin zu haben?! Sorry, dass ich jetzt die Frage stelle, aber – Scharang: – Jugend? Eigentlich interessiert mich mehr Ihr Verhältnis zu Ihrem eigenen Körper. Rainer: Das verändert sich. Scharang: Kennen Sie Ihren Körper gut? Ist das ein nahes Verhältnis? Rainer: Ein sehr nahes Verhältnis.


Bisweilen ein Arbeitsverhältnis. Ich mache viel Sport. Ich habe das Glück, nicht zuzunehmen, ich kann fressen, was ich will, und nehme nicht zu, Fett ist also nicht der Grund, warum ich gerne ins Fitnessstudio gehe. Ich spüre mich gerne von oben bis unten. Und – Narzissmus! – das hängt gar nicht unbedingt damit zusammen, dass ich vor Frauen, vor meiner Freundin gut aussehen will. Wäre ich auf einer einsamen Insel, würde ich noch immer versuchen, vor mir selber brauchbar auszusehen und nicht vor der nächsten Palme. Scharang: Ist der Gedanke an Sex im Alter für Sie mit Angst oder mit Spaß verbunden? Rainer: Hm. Gute Frage. (überlegt) Gäbe es kein Viagra, dann wäre es vielleicht mit Angst oder mit dem Wort „schade eigentlich“ verbunden. Diese Bedrohung hat für alle Männer ihre Unausweichlichkeit verloren. Ich wäre traurig, wenn Sex aus meinem Leben verschwinden müsste, weil ich zum – (zögert) Akt nicht mehr fähig wäre. Welches Wort soll ich verwenden? Scharang: Bumsen. Sie könnten auch „Liebe machen“ sagen. Rainer: Dann krieg ich eine Watschn. Ich habe diese Woche das Wort „verarschen“ in einem Leitartikel verwendet. Dazu kamen drei Leserbriefe. Bei „Liebe machen“ kämen wahrscheinlich zehn. Also: Es wäre sehr schade, wenn man mit siebzig oder achtzig als Mann nicht mehr ffffff… könnte. Scharang: Als Frau genauso im Übrigen. Rainer: Aber bei Frauen geht die Fähigkeit, Sex oder einen Orgasmus zu haben, nicht verloren. Scharang: Aber die Lust vielleicht. Rainer: Ich höre von Frauen, die – warum auch immer – lange keinen Sex hatten, dass sie irgendwie darauf vergessen. Dass das Bedürfnis verschwindet; viel mehr, als das bei Männern der Fall ist. Scharang: Es gibt ja auch viele Männer, die lange keinen Sex hatten. Wie ist das da? Rainer: Die befriedigen sich regelmäßiger selbst, haben also Sex, wenn auch allein. Die Frauen tun auch das nicht mehr, höre ich. Aber wie sind wir da jetzt darauf gekommen? Ach ja, man 55 FLEISCH


entwöhnt sich im Alter. Und ich wollte eigentlich sagen, dass Lust verlieren damit zu tun hat, dass man keinen Sex praktiziert. Scharang: So, wie wenn man wenig isst, der Körper vergisst, dass man Hunger hat? Rainer: Ich glaube schon, ja. Scharang: Denken Sie, dass es ganz gut wäre, einen pragmatischen Zugang zu Sex zu entwickeln? Rainer: Was heißt „pragmatisch“? Scharang: Dass die Erwartungen nicht so groß sind. Dass man sagt: Jetzt stinken beide zwar ein bissl und es war ein langer Tag, aber na und? Lass uns einfach Sex haben! Rainer: Ich glaube, beim Stinken wird es schwierig. Man sagt selbst den besten Freunden nicht, dass sie Mundgeruch haben. Scharang: Fehler. Rainer: Man sollte ihnen anonym schreiben, damit sie es wissen. Scharang: In einer Beziehung muss man das sagen. Man muss! Sonst kann der andere nichts ändern, sich nicht entwickeln, fällt dumm ins Grab. Rainer: Ja, stimmt, man muss. Aber man muss es sehr vorsichtig angehen. Ein falsches Wort und aus der Ecke kommt man selber oder der andere schwer heraus. Aber was war Ihre Frage? Ach ja: Pragmatischer Sex. Scharang: Sex im Alltag. Rainer: Natürlich kann man schnell auch mal im Kino. Scharang: Es muss ja nicht immer schnell sein. Rainer: Oh ja, im Kino ist schnell schon besser, sonst fällt es noch mehr auf! Scharang: Das muss ein Scheißfilm gewesen sein! Rainer: Stimmt. Das ist beim Fernsehen manchmal schwierig! Man will schließlich wissen, wie der Film ausgeht! (lacht) Scharang: Hatten Sie schon einmal Sex mit einer Frau, die viel älter war als Sie? Rainer: Ja. Klar. Wo ist die Altersgrenze? Als ich zweiundzwanzig war, hatte ich ein Verhältnis mit einer Frau, die doppelt so alt war wie ich. Ich würde sagen, das ist aus der damaligen Sicht

sehr alt. In meiner jetzigen natürlich nicht. Wie alt sind Sie? Scharang: 42. Rainer: Eben. Sie war auch 42 oder 43. Scharang: Ab 40 wird es für Frauen sexmäßig immer interessanter, aber die Männer ziehen da nicht mit. Wie ist das in Ihrem Umfeld? Rainer: Gegenfrage: Warum ist es für Frauen ab 40 besser? Scharang: Ich denke, es hat unter anderem damit zu tun, dass sie es für sich selber machen. Dass sie sich nicht mehr so sehr auf den Mann konzentrieren. Und dass sie gelernt haben, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und zu formulieren. Rainer: Sehen Sie, und da helfen Pornos. Wie würde eine Frau draufkommen, dass man, wenn man schon Liebe macht, sich selbst dabei auch berühren darf? Scharang: Das wusste ich schon mit elf, ohne einen Porno gesehen zu haben. Rainer: Dann sind Sie ein Naturtalent. Elisabeth  Scharang:  

Können  Sie  beim   Sex  den  Kopf  ganz   abschalten?  Und   wenn  ja,  wie  machen  Sie  das? Christian  Rainer:  

Am  besten  Champagner  trinken,  auf   keinen  Fall  Bier.   Cuba  Libre  ist   auch  gut. Scharang: Nein. Man hat Hände,

einen Körper. Der Rest ergibt sich von selber. Rainer: Und das darf man machen, während man Sex hat? Das wissen neunzig Prozent der Frauen unter vierzig nicht. Scharang: In dieser Frage können wir jetzt leider keine groß angelegte Umfrage zurate ziehen. 56 FLEISCH

Rainer: Ich glaube, viele Frauen berühren sich aus Schüchternheit nicht selbst – und aus dem Missverständnis, dass sich ein Mann dann für unvollständig hält in dem, was er tut. Mit vierzig wird das wohl leichter, weil man sich nicht mehr so einen Stress macht. Man genießt es mehr. Aber die Frage war umgekehrt: Ob Männer mit vierzig nicht mehr mitziehen? Wenn ich mir den Hormonspiegel von Männern anschaue, muss der Druck des Fünfzehnjährigen irgendwann einmal nachlassen. Ich fürchte, dass der Hormonhaushalt des Mannes als solches ein Hund ist. Scharang: Haben Sie das mit vierzig gespürt? Rainer  (spielt): Neeein, bei mir hat sich selbstverständlich überhaupt nichts geändert! Auch mit fünfzig nicht! (lacht) Also: Zwischen 15 und 30 hat sich einiges geändert. Das Leben hat sich vom Überdruck in normalere Bahnen bewegt Scharang: – Was übrigens für beide Teile sehr angenehm ist. Rainer: In jeder Hinsicht. Wenn ich meine Freundin frage: Willst du nicht einen Jüngeren? Sagt sie: Was mache ich mit einem Jüngeren? Die 20-Jährigen können eh nur rammeln. Ich weiß nicht, ob das so ist. Aber es scheint ein perfektes Alter für Männer zu geben, das irgendwo zwischen vierzig und fünfzig liegt. Scharang: Sie müssen es jetzt ausdehnen: auf vierzig bis sechzig. Rainer: Bis 51. Scharang: Was mich noch interessiert: Können Sie beim Sex den Kopf ganz abschalten? Und wenn ja, wie machen Sie das? Rainer: Mit Alkohol?! Scharang: Man kann sich ja nicht immer vorher ansaufen. Rainer: Ich glaube, statistisch gesehen finden in Österreich fünfzig Prozent der Geschlechtsakte unter dem Einfluss von Alkohol statt. Und das ist niedrig gegriffen. Scharang: Und das hilft? Rainer: Am besten Champagner trinken, auf keinen Fall Bier. Cuba Libre ist auch gut. Scharang: Für mich ist das keine Option. Ich werde von Alkohol nur müde.


Rainer: Das ist schlecht. – Ich habe

nur in Phasen Probleme, meinen Kopf im Bett auszuschalten, in denen ich besser ohnehin keinen Sex hätte, zum Beispiel wenn mich gerade ein berufliches Problem ärgert, also wenn ich gestresst bin. Scharang: Werden Sie gerne erobert? Rainer: Ich denke, dass ich lieber erobert habe; früher, als ich noch nicht fix liiert war. Aber es passiert ja umgekehrt auch sehr selten, dass man als Mann erobert wird. Scharang: Es gibt Männer, die wollen nicht erobert werden. Die verunsichert das. Rainer: Ach so. Das Problem hatte ich überhaupt nicht. Ich kenne übrigens viele Frauen, die mit vierzig, fünfundvierzig anfangen, Männer aufzureißen, meistens geht es da aber um jüngere Liebhaber. Ich glaube, da spielt dann die Frage, ob er gut trainiert ist, eine größere Rolle als die Intelligenz. Hier kommt nicht selten der Yogalehrer ins Spiel. Scharang: Ah! Jetzt habe ich die Gefahr verstanden, die von Yoga ausgeht! Rainer: Tja, man wird als Objekt abgelöst, von Yoga vernichtet. Scharang: Möchten Sie noch einmal

zwanzig sein?

Rainer: Ich möchte noch einmal vier-

zig sein. Zwischen vierzig und fünfzig ist man erfahren genug, aber noch nicht alt. Mit der Weisheit des hohen Alters, also mit fünfzig, macht es vielleicht sogar Sinn, sich noch einmal zu vermehren. Scharang: Überlegen Sie sich das bitte gut! Es gibt eh schon so viele Menschen auf dieser Welt! Rainer: Ja, in der Verantwortung für die Menschheit ist das ein Quatsch. Und mit meinen zwei Kindern liege ich ohnehin über dem österreichischen Durchschnitt. – Aber wenn man eine dreißigjährige Freundin hat, denkt man sich: Sie hat schließlich auch ein Recht auf Kinder. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

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E S S A Y

TEXT  —  MARTINA  BACHLER

  , E I S   N E B A H   S A W   T H C I N   R I W DAS   ? N E B HA Sie wetten auf den Untergang Griechenlands und den Aufstieg von Uranminen. Sie verdienen an normalen Tagen mehr als wir in einem ganzen Leben, sie protzen, sind richtig unsympathisch, und Begriffe wie Moral und Ethik kennen sie nur vom Weghören. Spekulanten sind das Übelste, was unsere Welt derzeit zu bieten hat. Und dennoch: Wenn wir ganz tief in uns hineinhören, stellen wir fest, dass sie uns faszinieren. Warum?

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K E N N E T H   C .  G R I F F I N Gründer  und  CEO  von   Citadel  LLC Geschätztes  Vermögen:   3  Milliarden  Dollar

D A V I D   E I N H O R N Gründer  und  Präsident  von   Greenlight  Capital Geschätztes  Vermögen:   1,1  Milliarden  Dollar

P A U L   T U D O R   J O N E S Gründer  von   Tudor  Investment  Corporation Geschätztes  Vermögen:   3,4  Milliarden  Dollar

I

rgendetwas ist mit ihnen, irgendetwas muss mit ihnen sein, und nein, ihr Image ist es nicht: Als Bernie Madoff zum Beispiel vor zwei Jahren in New York zu 150 Jahren Haft verurteilt wurde, ging ein Jubel um die Welt, der nicht viel größer sein hätte können, hätte man plötzlich ein Mittel gegen Krebs gefunden. Ist es ihr Ruf? Nein, der auch nicht: Als John Paulson in nur einem Jahr 3,7 Milliarden Dollar verdiente, weil er darauf gewettet hatte, dass die US-Häuslbauer ihre Kredite nicht bezahlen können, und in weiterer Folge die ganze Finanzblase platzte, schuf er sich nicht nur Freunde. Und als George Soros 1992 das britische Pfund zu Fall brachte und 1 Milliarde Dollar einstreifte, hat ihn das auch nicht unbedingt sympathisch gemacht. Dann ist es vielleicht ihr Auftreten? Nein, das wirkt immer eine Spur zu großkotzig, zu glatt. Ihre Statussymbole? Die sind peinlich. Es ist weder ihr Selbstbewusstsein noch ihre Intelligenz, die wir ihnen gerne absprechen, weil wirklich intelligente Menschen ja eher nach der Ursache von Krebs forschen. Und es ist nicht ihre Macht, denn die lehnen wir, weil keineswegs demokratisch legitimiert, aufs Allerschärfste ab. Und ganz sicher ist es nicht ihr Geld, weil, was ist schon Geld? Was ist es also? Was haben sie? Und vor allem: Darf man das überhaupt sagen? Darf man sagen, dass es irgendetwas gibt, das uns an Spekulanten fasziniert? An diesen bösen Typen, die mit Geld nur so um sich werfen, Wetten gegen Staaten abschließen und damit das Schicksal von Millionen Menschen beeinflussen, die vom Ausgang dieser Wetten rein gar nichts haben? Denn eigentlich sind wir ja gegen sie. Gegen sie und ihre ganze Welt und ihr ganzes Geld, von dem wir eigentlich wissen, dass es unseres ist oder zumindest nicht wirklich das ihre, also 61 FLEISCH

nichts, das sie wirklich verdient haben. Und dennoch faszinieren sie uns. Und nicht nur ein kleines bisschen. Bloß: Warum? Erste Vermutung: Weil sie etwas dürfen, das sonst keiner darf – jung und schnell unheimlich viel Geld verdienen, ohne groß darüber nachzudenken, ob das gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht oder sonst irgendetwas ist. Wobei wir auch da ein bisschen ausholen müssen. Denn natürlich haben wir so etwas wie Arbeitsethos. Wir haben gelernt, dass wir uns hocharbeiten müssen. Dass wir mit Ergebnissen überzeugen, mit Weitsicht begeistern müssen, vor lauter Bodenständigkeit nie abheben dürfen – und irgendwann etwas schaffen sollten, das bleibt. Und wahren Erfolg, da sind wir uns relativ einig, muss man sich erst verdienen. Aber dann kommen Spekulanten, gewinnen mit einer Wette eine Milliarde Dollar, nur nur nur für sich. Natürlich empört uns das, natürlich schimpfen wir über die immer noch exorbitanten Boni von Hedge- und Investmentfonds-Managern, Brokern, Tradern und Investmentbankern. Über dieses unermesslich viele und unfassbar schnell verdiente Geld, das für uns gar nicht erst infrage kommt, weil wir es ablehnen. Aber manchmal sind wir einfach nur müde. Machmal, wenn wir zum Beispiel die Chefs unserer eigenen kleinen Klitsche sind, müssen wir unsere Mitarbeiter auf den 1. vertrösten, den 1. im übernächsten Monat. Und wir wissen dann, dass den Mitarbeitern die große Weltverbesserung, an der sie arbeiten, bis dahin relativ egal sein wird. Manchmal lachen wir dann doch über die Witze des Typen, den wir schon im Studium nicht ausstehen konnten, der jetzt aber ein paar Aufträge zu verteilen hat. Und zugegeben, manchmal denken wir dann doch an die rauchenden Schlote in China, Indien und Brasilien und pfeifen auf


D I E   K U N S T   I The  Physical  Impossibility       of  Death  in  the  Mind  of     Someone  Living  (1991) Damien  Hirst Gekauft  von  Steven  A.  Cohen,   SAC  Capital  Partners, um  8  Millionen  Dollar

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die Nachhaltigkeit, die sich bestimmt irgendwann auszahlen wird, aber nicht jetzt. Und nicht für uns. Spekulanten, so ahnen wir aufgrund der wenigen Eckpunkte, die wir über sie wissen, brauchen sich mit vielen dieser Fragen nicht abzugeben. Fragen nach Werten sind ihnen relativ fremd, was aber nicht bedeutet, dass ihnen Gesetze egal sind. Die meisten von ihnen bewegen sich im legalen Raum, wenn sie auf den Untergang Griechenlands oder den Aufstieg einer spanischen Nickelmine wetten. Ob ein Wert steigt oder fällt, muss ihnen sogar egal sein, wichtig ist nur, die Richtung richtig vorherzusagen und damit Geld zu verdienen. Intelligenter zu sein als der Markt, oder zumindest schneller. Manchmal, wenn wir ganz besonders müde sind, dann würden wir vielleicht auch gerne keine bleibenden Werte schaffen, sondern schnelle Renditen, so wie Spekulanten das tun. Geld nehmen, wetten, egal, auf was, im besten Fall noch viel mehr Geld daraus machen, und zwar schnell. Vielleicht schon bei der nächsten Gelegenheit. Und nach dem atavistischen Prinzip „We eat what we kill“ stünde uns dann ein guter Teil des Gewinns zu, egal, ob wir 25 oder 50 Jahre alt sind, und egal, ob wir das fair finden oder nicht – denn so sind nun einmal die Regeln und die Regeln sind prinzipiell für alle gleich. Und im schlimmsten Fall? Ist ebenso schnell wieder Geld verloren, Geld von Investoren, die selbst schuld sind, weil sie wissen, welches Risiko sie hier eingehen – aber kein Lebenstraum geht dann den Bach runter, keine weltverändernde Idee wird verhindert. In manchen Momenten, wenn wir wirklich müde sind, dann ist es vielleicht das, was uns an den Spekulanten reizt: einfach drauflos und analysieren und wetten und gewinnen oder verlieren. Denn es ist nicht die viele Arbeit, die uns so müde macht, es ist auch der Druck, etwas Eigenes zu schaffen, oder einfach nur die Feststellung, dass es erst der 15. ist und das Geld wieder nicht reichen wird, um ein bisschen für die Zukunft auf die Seite zu legen. Geld, um das es eigentlich nicht gehen darf, weil man das

Nachdenken über Geld ablehnt, weil man das bei den Großeltern so unangenehm fand, dass es immer auch irgendwie ums Geld ging, bei jedem Einkauf, bei jedem Ausflug. Dann reizt es manchmal, das Bild des Spekulanten, dem es rein seines Berufs wegen nur ums Geld gehen darf und um den richtigen Moment, in dem moralische Fragen einfach nicht vorgesehen sind. Manchmal reizt der Sprint und nervt der Marathon. Und, das schicken wir jetzt lieber schnell hinterher, all das schnelle Geld könnte man ja investieren, spenden, in etwas Sinnvolles stecken, so wie George Soros es mit seiner Osteuropa-Stiftung tut. Vielleicht ist das ohnehin der bessere Weg? Vielleicht sogar der ehrlichere? Zuerst einmal richtig viel Geld verdienen und dann erst das System umbauen?

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D I E   K U N S T   I I Woman  III  (1959) Willem  de  Kooning Gekauft  von  Steven  A.  Cohen um  138  Millionen  Dollar


D A S   A N W E S E N Guccione  Mansion Das  Townhouse  des  PenthouseGründers  soll  das  größte   Privathaus  Manhattans  sein. Gekauft  von  Philip  Falcone,   Harbinger  Capital Preis:  49  Millionen  Dollar

Das dafür aber dann ganz sicher richtig, im wirklich großen Stil? Und vielleicht ist es auch das, was uns an Spekulanten so fasziniert – die zweite Vermutung: Sie dürfen das, was sonst nur Rockstars dürfen – alles groß denken, immer aus dem Vollen leben. Denn so sehr wir uns daran gewöhnt haben, dass 40 das neue 20 ist und auch Menschen mit Kindern noch stolz ihren Partykalender der Facebook-Öffentlichkeit zeigen – der totale Exzess schreckt viele von uns dann doch eher ab. Insgeheim finden wir den vernünftigen Weg der Mitte mit einer gewissen Selbstbeschränkung dann doch besser. Es sind nicht nur Yoga-Lehrer, die auf Balance drängen, es sind nicht nur die Gewerkschaften, die vor zu viel Arbeit warnen, die Psychologen, die Burnouts aufgrund von Stress ebenso diagnostizieren wie wegen Fadesse. Kinder, die 64 FLEISCH

täglich fünf Stunden Klavier üben, werden ebenso belächelt wie Skispringer, die erst nach Karriereende den Alkohol für sich entdecken. Und über Menschen, die ihr Leben irgendeinem Gott oder der Landesverteidigung widmen, schütteln wir aufgrund der Bereitschaft zur totalen Selbstaufgabe sowieso nur den Kopf. Als vernünftig gilt, was in Maßen genossen und geleistet wird. Klar schlagen wir manchmal über die Stränge, aber nur dann, wenn wir es uns auch wirklich verdient haben, und klar arbeiten wir manchmal wie verrückt auf eine Deadline hin, aber es ist uns nicht ganz geheuer, wenn wir bemerken, dass wir uns dabei plötzlich gut finden, denn – das haben wir irgendwie schon vor der Finanzkrise verstanden – Gier und Ehrgeiz, das ist nicht gut, zumindest nicht ausschließlich gut, weil dabei immer etwas anderes auf der Strecke bleibt. Und wollten wir – immer vorausgesetzt, wir haben hier überhaupt eine Wahl – nicht einen anderen Weg finden? Einen, der nicht so stresst, einen, bei dem sich Familie, Beruf, Gleichberechtigung, Selbstverwirklichung und Weltverbesserung unter einen Hut bringen lassen? In manchen Momenten aber, wenn wir wieder nach einem Tag wie jedem anderen zum Feierabendbier beim Stammwirt gehen, der gar nichts mehr fragt, sondern einfach nur bringt, ist uns das vielleicht peinlich. Und manchmal, wenn wir das nächste kleine Projekt abgeschlossen haben, das uns in unsere Nische einbetoniert, aber die Ratenzahlung aufs Auto sichert, dann reicht uns das vielleicht nicht mehr. Dann wird uns die Stadt zu klein, dann wollen wir vielleicht einmal wissen, was passiert, wenn man nicht gleich nach Hause geht, wenn man den Überziehungsrahmen wirklich sprengt und aus Jux und Tollerei eine Kaugummifabrik aufsperrt. Manchmal, da will man auch einmal unvernünftig sein oder zumindest sorglos – und wir vermuten, dass Spekulanten das können. Weil sie das Geld dazu haben, klar. Sowohl beruflich als auch privat sind die Summen, die Spekulanten bewegen können, unfassbar, einfach nicht vergleichbar mit der beschämenden Münzensuche, durch die wir jedes Mal durch müssen, bevor die Praktikantin zur Post


D A S   A U T O Ferrari  Silver  F430 Gekauft  von  Paolo  Pellegrini,   Stratege  bei  John  Paulson Basispreis:  168.000  Dollar

gehen kann. Spekulanten, so stellen wir uns das zumindest vor, bestellen Wodka aus Prinzip in Flaschen, kaufen keine Wohnungen, sondern Mansions, und sammeln die wirklich schönen Dinge aus keinem anderen Grund als jenem, dass sie es sich leisten können. Einfach nur so. Ja, klar lehnen wir das alles ab. Aber dann, wenn uns wieder eine Infografik zum Sparpaket mit vielen wegfallenden Kästchen als scheinbar einzige Vorstellung der Welt von morgen verkauft wird, dann haben wir vielleicht für einen kurzen Moment lang doch die Sehnsucht nach so etwas wie einem großen Wurf, nach einem Rausch. Nach absoluter, selbstvergessener Intensität ohne Balanceakt, ohne 5.000 weiterer Dinge, an die wir auch noch denken müssten, nach einer Intensität, wie wir sie bei Rockstars und Spitzensportlern vermuten – und eben auch bei Spekulanten.

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Wir wissen, dass es dabei nicht nur um extreme Arbeitszeiten geht, um Druck, und Konkurrenz. Wir wissen, dass die Erregungskurven von Spekulanten während ihrer Wetten jener beim Geschlechtsverkehr ähneln, dass der Lustgewinn dabei aus dem Risiko kommt, dass Einsatz und Risiko also immer weiter erhöht werden müssen, um die Lust immer mehr zu steigern. Eine Lust, die wir eigentlich belächeln. Und wir wissen, dass in dieser Spekulanten-Welt, die zu über 90 Prozent aus Männern besteht, Gruppendynamiken greifen, die wir verabscheuen, die den unvernünftigen Rausch aber noch verstärken. Eine Gruppe von Menschen, die von Berufs wegen Egoisten sind, wird zusammengeschweißt, weil sie von sich behauptet, an der Spitze der Gesellschaft zu stehen, und die genau dafür von einem großen Teil der Gesellschaft angefeindet wird.


D I E   G A R D E R O B E

Krawatte  von  Hermés Preis:  ab  213  Euro

Schuhe  von  Ferragamo Preis:  531  Dollar

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Und wir mögen all das – die unfassbaren Geldsummen, die unnachvollziehbare Macht, den Größenwahn, die Lust am Spiel, die Männlichkeitsrituale und Statussymbole, den unhinterfragten Arbeitseinsatz bis zur Selbstaufgabe und die Genugtuung, die Bösen zu sein – belächeln. Aber wollen wir nicht insgeheim auch gerne einmal von einem Fieber angesteckt werden, mit derselben Intensität an den guten Dingen arbeiten? An jenen Projekten, die wir irgendwo im Hinterkopf haben, für die uns aber das Geld oder auch die Ausdauer fehlt? Wünschen wir uns nicht insgeheim manchmal den Mut und die Nerven, alles auf eine einzige wirklich gute Idee zu setzen, die die Menschen natürlich weiter voranbringt, als Credit Default Swaps es tun? Würden wir nicht lieber zumindest mit etwas grandios scheitern, als es nie versucht zu haben? Und ist es vielleicht auch das, was uns so an den Spekulanten fasziniert, dass das immer Geschichten von Gewinnern und Verlierern sind? Die dritte Vermutung also – Geschichten über Spekulanten sind spannender als Geschichten über die soziale Marktwirtschaft. Denn auch wenn wir uns noch so vornehmen, in brand eins über die guten Unternehmer zu lesen, klicken wir im Online-Standard zuerst die Meldung über die nächste Verhaftung Charlie Sheens an. Und wenn das Hauptabendprogramm wie damals nur zwei Programme zur Auswahl hätte, würden wir uns die Dokumentation über die Umstellung von normalem auf Bio-Ackerbau wahrscheinlich eher nicht ansehen, wenn auf dem anderen Kanal ein Bruce-Willis-Kracher läuft, obwohl wir den schon fast mitsprechen können. Denn ohne die Gründe dafür analysieren zu wollen, scheinen wir Geschichten lieber zu mögen, die von Gut und Böse erzählen, von Aufstiegen und Abstiegen, von Grenzüberschreitungen und Ambivalenzen. Geschichten, die nicht linear verlaufen, sondern in denen sowohl das

gute als auch das schlechte Ende möglich ist. Und all diese Elemente finden in Geschichten über Spekulanten Platz. Da kann man Gordon Gekko aus dem Film „Wall Street“ heranziehen oder Sherman McCoy aus Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“, an Don DeLillos Eric Packer in „Cosmopolis“ zeigt sich das ebenso wie am Baron Frédéric de Nucingen in Balzacs „Die Menschliche Komödie“ oder an Aristide Saccard in Zolas „Das Geld“ – der Spekulant gibt eine gute Figur ab. Wir wollen das zwar nicht, und wir sind uns darin so sicher, dass wir den ganzen ökonomischen Firlefanz rundherum gar nicht erst verstehen wollen, aber gänzlich entziehen können wir uns den Spekulanten nicht. Sie lassen uns nicht kalt. Nicht in ihrer Dreistigkeit, nicht in ihrer Abgehobenheit, ihrer Verschrobenheit, nicht mit ihrem Nimbus als böse Helden, die aber vielleicht doch noch zum Guten finden. Nehmen wir den englischen Hedgefonds-Manager Hugh Henry, der auf die Frage, ob irgendein Investment für ihn aus ethischen Gründen nicht infrage komme, mit einem schlichten „No“ antwortet. Oder nehmen wir John Paulson, der nach gewaltigen Verlusten 2011 beste Bekanntschaft mit dem Wort Schadenfreude schloss, während ihn die gesamte Branche 2007 darum beneidet hatte, die Wette auf das Platzen der SubprimeKrise durchgezogen zu haben – weil er damit mehr verdiente, als hätte er öffentlich einen Warnschuss abgefeuert. Oder nehmen wir Michael Burry, dem der amerikanische Journalist Michael Lewis in „The Big Short“, seinem Bericht über die Finanzkrise von 2007, ein Denkmal gesetzt hat. Burry, Jahrgang 1971, arbeitete als Neurologe am Stanford Hospital, bis er aus Erschöpfung während einer Operation zusammenbrach, den Hedgefonds Scion Investments gründete, als einer der wenigen auf den Crash von 2008 spekulierte, ausstieg und jetzt in Mandelplantagen investiert. Und sieht 67 FLEISCH

man wie Lewis ein bisschen genauer hin, ist an Burry nichts Glattes zu finden. Sondern man findet jemanden, der über Jahre ein Underdog, aber schwer davon überzeugt ist, intelligenter als der Markt zu sein; jemanden, der Menschen nicht mag, der mit seinen Investoren am liebsten über Briefe kommuniziert, in denen er die restliche Finanzindustrie als ahnungslos beschimpft. Jemanden, dessen Misanthropie und letztlich auch das diagnostizierte Asperg-Syndrom ihn zu Sätzen wie diesen hinreißen: „I’m happy in my own head.“ Einen Durchgeknallten, der nicht so sehr von der Gier nach Geld getrieben ist als davon, besser zu sein als alle anderen. Und vielleicht reizen uns gerade dann, wenn wir alle sehr damit beschäftigt sind, uns ständig mit weniger großen Träumen begnügen zu müssen, Geschichten über Menschen, denen das deutlich zuwider ist – auch wenn ihre Träume so ungefähr das Gegenteil von unseren Träumen sind. Vor allem, wenn es in ihren Geschichten immer um die alten Dichotomien geht, um Freundschaft und Feindschaft, Glück und Unglück, Aufstieg und Fall, Bewunderung und Hohn, Rausch und Kater, Macht und Abhängigkeit. Vielleicht reizt an den Geschichten über Spekulanten aber gerade jetzt auch die Tatsache, dass sie sich verändern. Vielleicht schwingt da sogar schon so etwas wie ein kleines bisschen Wehmut mit, die immer mitschwingt, wenn das eigentlich Böse ein bisschen von seiner Bösartigkeit einbüßt, wenn dem Lustvollen die Lust ausgeht. Denn die Finanzwelt verliert unzweifelhaft an Glanz. Die Regulierungen beginnen langsam zu greifen, die Boni fallen um ein paar Nullen kleiner aus. Und darum wollen die schlauesten Absolventen der amerikanischen Eliteunis derzeit nicht mehr an die Wall Street, sondern nach Silicon Valley. Das finden wir aber auch ziemlich faszinierend.


R E P O R T A G E

Die  Tropfen  aus   dem  Baumarkt

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TEXT  —  JOCHEN  PRÜLLER FOTOS  —  CR AIG  DILLON

Als „Liquid Ecstasy“ ist Gamma-HydroxyButtersäure eine Partydroge. Unter der Bezeichnung „K.o.-Tropfen“ wird dieselbe Substanz als Vergewaltigungswerkzeug verwendet. Und schließlich dient die bloße Behauptung, den Stoff verabreicht bekommen zu haben, als kriminelle Ausrede. Ein Report über eine farblose Flüssigkeit.

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A

ls Lisa aufwacht, fühlt sich ihr Kopf an wie Beton. Die Morgensonne tut in den Augen weh. Es ist fünf Uhr früh, ein Julitag. Sie schaut sich um. Sie ist nicht zu Hause. Sie erschrickt. Ihre Jeans und ihr Slip sind neben ihr verstreut, unter dem T-Shirt fehlt der BH. Die 17-Jährige liegt halbnackt im Gras, irgendwo in den Weinbergen. Sie hat keine Ahnung, wie sie hierhergekommen ist. Lisa weint. Eine Stunde später erreicht sie ihre Wohnung. Sie duscht. Einmal, zweimal. Immer wieder. Alle zwei Stunden. Sie fühlt sich schmutzig. Sie kann nicht schlafen. Angst, Hass, Selbstmitleid, Panik, Scham lassen ihr keine Ruhe mehr. Lisa behält zunächst alles für sich. Auch ihrer besten Freundin erzählt sie nichts. Doch die Einsamkeit angesichts der dunklen Gedanken plagt sie und so wählt sie schließlich die Nummer des Mädchen-Netzwerks „Mona-Net“. Jutta Zagler, eine Sozialpädagogin, die für „Mona-Net“ arbeitet, hört ihr zu. „Sie erzählte mir von ihrem Waschzwang, doch ich ahnte, dass da mehr dahintersteckt“, erinnert sich die Expertin. Das erste Gespräch zwischen den beiden dauert nur ein paar Minuten. Lisa

legt plötzlich den Hörer auf, auch einer Fremden kann sie ihre Geschichte zu diesem Zeitpunkt noch nicht anvertrauen. Aber eine Woche später meldet sie sich wieder. Zuerst erzählt Lisa Belangloses, Kleinigkeiten aus der Schule, Erlebnisse mit ihren Freunden. Nach und nach aber findet sie Vertrauen zu dieser fremden Stimme und geht tiefer in ihre Erinnerung. Zwischen den beiden Frauen entsteht ein regelmäßiger Kontakt. Lisa artikuliert zwar nur lose Gedankenfetzen, doch diese ergeben ein immer eindeutigeres Bild. Langsam tritt zutage, was in jener Julinacht mit Lisa passiert sein muss, ehe sie zwischen den Weinreben zu Bewusstsein kam. Der ominöse Abend davor: das „Kirschen-Fest“ im Burgenland. Ein Zeltfest mit Tradition, das die örtliche Jugend dazu nützt, kurz vor Schulschluss richtig abzufeiern. Alkohol ohne Ende, kein Gedanke an ein Morgen, Flirts und vielleicht auch ein bisschen mehr. „Lisa war mit einer Gruppe von Freunden dort“, erinnert sich Zagler. Sie sei gut drauf gewesen und habe mehrere Gläser ihres Lieblingsgetränks konsumiert: Cola-Rot. Der Tisch, den ihre Freundesgruppe reserviert hatte, war voll mit Gläsern. Und es war wohl schwer auszumachen, welches das eigene Glas war. 70 FLEISCH


„Ganz  dunkel     erinnere  ich  mich   an  einen  Fremden,   er  wollte  mir     helfen.“

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    Lisa wagte sich auf die Tanzfläche und war dort wie ausgewechselt: Voll Euphorie powerte sie sich aus, sang mit, spürte eine ungekannte Energie. Plötzlich, ohne Vorwarnung, ein Schwächeanfall. Das Mädchen wackelte zurück zum Tisch, setzte sich. „Sie erzählte mir, ihr sei von einer Sekunde auf die andere übel geworden, sie glaubte, dass irgendetwas mit ihrem Kreislauf nicht stimmte“, erzählt Zagler. In dem Moment der Schwäche nimmt sie gern Hilfe an. Das Letzte an diesem Abend, woran sie sich heute erinnern kann, ist ein fremder Mann. Der stützt sie am Arm und begleitet sie nach draußen an die frische Luft. „Der Ablauf der Nacht und ihre Gedächtnislücken legen den Verdacht nahe, dass Lisa mit Hilfe von K.o.Tropfen gefügig gemacht und vergewaltigt wurde“, sagt Zagler. Lisa heißt in Wahrheit nicht Lisa, ihre Identität soll hier geschützt werden, das hat ihr die Sozialpädagogin versprochen. Bei der örtlichen Polizeidienststelle liegt bis heute keine Anzeige vor, das hier Berichtete beruht auf vertraulichen Informationen von „Mona-Net“. Lisas beklemmende Geschichte ist nur eine von vielen. K.o.-Tropfen sind in den vergangenen Jahren zu einem all-


„Die  Wirkung  setzt   nach  25  Minuten  ein   und  hält  je  nach   Dosis  ein  bis  vier   Stunden  an.“ T S, G   U W

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seits bekannten Verbrecherwerkzeug geworden. Wegen ihrer chemischen Zusammensetzung auch Gamma-Hydroxy-Buttersäure (kurz: GHB) oder Liquid Ecstasy genannt, gehört der Stoff zu einer besonders heimtückischen Substanz.    um eine farb- und geruchlose Flüssigkeit mit leicht salzigem bis seifigem Geschmack, der durch Alkohol sehr leicht übertüncht wird. Zudem verstärkt Alkohol die Wirkung um einiges. GHB ist relativ einfach und billig zu bekommen und im Blut schwer nachweisbar. Menschen, die zu viel GHB einnehmen, sind stundenlang willenlos, ihr Bewusstsein ist eingetrübt und sie können sich meist an wenig bis gar nichts aus dieser Zeit erinnern. Kriminelle nützen die Wirkung von GHB vor allem bei Vergewaltigungen und beim Raub. Mangels Anzeigen taucht diese Form von Kriminalität in den Statistiken meist gar nicht auf. „Offiziell gibt es keine Zahlen, aber die Dunkelziffer ist in Österreich sehr hoch“, bestätigt Helmut Greiner vom Bundeskriminalamt in Wien. Warum GHB so gefährlich ist und Fälle wie jener von Lisa keine Einzelfälle sind, zeigt ein Blick auf die chemische Wirkung der Droge. Entscheidend ist die Dosierung: In der Medizin wird GHB intravenös verabreicht und als Narkosemittel eingesetzt. In flüssiger Form wirkt Liquid Ecstasy in ganz geringen Mengen euphorisierend, aphrodisierend und entspannend. Konsumenten berichten von einem Rauschzustand, ähnlich einem Alkoholrausch. So avancierten die Tropfen in den frühen 80er Jahren schnell zur neuen Partydroge der Szene. Doch die Nebeneffekte, vor allem starker Redeschwall, gesteigertes sexuelles Verlangen und ein Absenken der Hemmschwelle, machten GHB zu dem, als das es heute weltweit bekannt ist: Als Sex- und Vergewaltigungsdroge der Gegenwart, die in hoher Dosis die Opfer physisch und psychisch gleichsam niederschlägt. „Bei der missbräuchlichen Verwendung ist die Einzeldosis oft sehr hoch, weil sie in Wahrheit nicht kontrolliert wird“, sagt Thomas Stimpfl, Gerichts73 FLEISCH

mediziner an der Universität Wien und Mitautor der wissenschaftlichen Arbeit „Liquid Ecstasy – ein relevantes Drogenproblem“. Er hat die verschiedenen Wirkungen untersucht. „Schon 2,5 Gramm oder 5 Milliliter sorgen für Übelkeit, Erbrechen und Amnesie. Eine Dosis von drei Gramm kann zur Bewusstlosigkeit führen, vier Gramm GHB können Atemstillstand oder Koma auslösen. Die Wirkung setzt nach 25 Minuten ein und hält je nach Dosis ein bis vier Stunden an“, sagt der Mediziner. Die Folge: Filmriss. „Die Opfer nehmen das Erlebte zwar wahr, können es sich aber nicht merken“, sagt Stimpfl. Im äußersten Fall kommt es zum Tod – eine Statistik über GHB als Todesursache gibt es aber nicht. In seinem Artikel beschreibt der Experte das Verhalten von Opfern so: „Typisch für eine GHB-Einnahme sind Patienten, die mit schwerer Bewusstseinseintrübung in die Klinik eingeliefert werden und meist nach kurzer Zeit wieder erwachen. GHB führt in der Regel nicht zu länger andauernden Nachwirkungen. Die Patienten fühlen sich fit, wollen das Krankenhaus verlassen und zurück zur Party gehen. In der Medizin wird dieses Phänomen als ‚fast-in, fast-out’-Effekt beschrieben.“ In der Praxis kämpfen Mediziner und Kriminalisten damit, dass die Droge im Körper nur sehr kurz nachweisbar ist. Stimpfl: „Die Halbwertszeit von GHB im Körper ist sehr kurz. Mittels toxikologischem Gutachten kann GHB im Blut nur fünf bis acht Stunden und im Urin etwa zwölf Stunden nachgewiesen werden.“ Es fehle vor allem an einem immunologischen Schnelltest für GHB, die schnelle Diagnose sei weder in der Klinik noch in Laboratorien möglich. Lisa hätte also am besten sofort in ein Krankenhaus gehen und sich dort auf GHB durchchecken lassen müssen – bereits am zweiten Tag hätte man die Einnahme der Substanz nicht mehr nachweisen können. Es ist genau dieses extrem kleine Zeitfenster, das die Behörden im Kampf gegen den illegalen Gebrauch meist den Kürzeren ziehen lässt. Zwar unterliegt Liquid Ecstasy seit 2002 dem Suchtmit-


telgesetz und Besitz, Handel sowie Einund Ausfuhr sind straf bar. Aber: Die illegale Droge ist sehr leicht zu bekommen und Dealer nützen Gesetzeslücken aus. Kriminelle bieten GHB im Internet an, auf entsprechenden Webseiten können 10 Milliliter GHB um 75 Euro per Versandhandel bestellt werden. Um das Gesetz jedoch zu umschiffen, weichen die Vertreiber auf die chemische Substanz GBL (Gamma-Butyro-1,4-Lacton) aus. GBL ist legal und eine chemische Vorstufe von GHB. Nach der Aufnahme wird GBL im Körper automatisch in GHB umgewandelt – mit derselben brutalen Wirkung. GBL kann jeder im Drogerie- oder Baumarkt problemlos kaufen. Die Substanz ist in Industrief lüssigkeiten wie Felgenreinigern, acetonfreien Nagellackentfernern oder Putzmitteln enthalten und kann mittels Destillation von anderen Stoffen getrennt werden. Wegen der schwierigen Nachweisbarkeit im Körper arbeiten Ermittler im Kampf gegen Liquid Ecstasy in einem Graubereich. Sie müssen abwägen, ob sie den Schilderungen der Opfer trotz fehlender Gutachten Glauben schenken. „Die Beschreibung des Erlebten legt oft den Verdacht nahe, dass ein 74 FLEISCH


„Manchmal  wird  der   unfreiwillige  Konsum  von  K.o.-Tropfen   auch  als  Ausrede   verwendet.“

Missbrauch von GHB vorliegt. Gibt es aber keinen toxikologischen Nachweis, hat es die Polizei schwer“, sagt der Wiener Kriminalist Greiner. Es ist eine Gratwanderung. Regelmäßig kritisieren Opferschutz-Vereine die Voreingenommenheit der Sicherheitsbehörden bei der Aufklärung von Sexualdelikten im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen. Doch das Fehlen von Beweisen kann auch ganz andere Gründe haben. K.o.Tropfen werden zuweilen auch als Ausrede benutzt. Der Vorarlberger Reinhard Haller lernte in seiner langjährigen Tätigkeit als Gerichtsgutachter und Psychiater auch diese Facette von K.o.-Tropfen kennen. „Die Aussage, man sei durch K.o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt worden, kann auch eine Schutzbehauptung sein und als Vorwand oder Ausrede dienen“, sagt Haller. So würden Leute die Verantwortung für Handlungen, für die sie sich schämen, von sich schieben. Mädchen oder Burschen, die nach einer langen Partynacht im falschen Bett aufgewacht sind; Erwachsene, die Suchtmittel nehmen und das verbergen wollen; Menschen in Beziehungen nach einem Seitensprung; Kleptomanen nach einem Diebstahl. 75 FLEISCH

Im Jahr 2010 sorgte in Innsbruck eine 16-Jährige für großes Aufsehen, als sie bei der Polizei angab, mittels K.o.-Tropfen betäubt worden zu sein, und Anzeige erstattete. Nachforschungen ergaben, dass das Mädchen freiwillig mit einem Burschen in dessen Wohnung mitgegangen war und nur aus Angst vor ihren Eltern die Geschichte mit den Tropfen erfunden hatte – prompt wurde sie von der Staatsanwaltschaft angezeigt. Hinter vorgehaltener Hand bestätigt die Polizei diesen Verdacht: „Selbstverständlich wird der unfreiwillige Konsum von K.o.-Tropfen sehr oft als Ausrede verwendet.“    auch Straftäter, ihre Handlungen im Nachhinein mit Hilfe von Erinnerungslücken zu relativieren, und bringen Liquid Ecstasy ins Spiel. Haller schätzt, dass 70 Prozent der nicht geständigen Straftäter Erinnerungslücken und Amnesie, wie sie von GHB ausgelöst werden, erfinden. „Je schwerer die Straftat ist, desto öfter führt der Beschuldigte K.oTropfen und dadurch hervorgerufene Erinnerungslücken als Ausrede an.“ Aus psychologischer Sicht seien das in 90 Prozent der Fälle reine Schutzbehaup-


tungen, rund zehn Prozent versuchten, ihre Taten mit diesen Aussagen zu verdrängen. Nur bei einem winzig kleinen Prozentsatz liege eine echte Amnesie vor – und eine solche könnten Experten mit den richtigen Fragen identifizieren. „Die echte Amnesie ist sehr gut von der falschen zu unterscheiden, weil echte Erinnerungslücken einen für Therapeuten ersichtlichen typischen Ablauf vorweisen.“ Der mögliche Täter im Fall Lisa wird wohl nie gefunden werden. Das Mädchen ist für Jahre traumatisiert. Ein halbes Jahr später kämpft sie noch gegen Erinnerungsfetzen aus jener Julinacht, die sie immer wieder aus dem Schlaf reißen. „Das Erinnerungsvermögen hellt sich nur langsam bis gar nicht auf. Das Nichtwissen ängstigt die Opfer. Es dauert lange, bis sie solche Erfahrungen bewältigen“, sagt Psychiater Haller. Lisa hat sehr mit sich selbst zu kämpfen, ihre Beziehung ist zerbrochen. Sie ist vom Land in die Stadt gezogen, wo alles anonymer ist. Wenn sie abends ausgeht, hält sie ihr Glas fest in der Hand.

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R E L I G I O N TEXT  —  JENS  MÜHLING FOTOS  —  ALEXANDER  KUZNETSOV  /  AGENCY.PHOTOGR APHER.RU  /  AGENTUR  FOCUS

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In Zeiten der Krise soll es ja Menschen geben, die einen neuen Sinn für ihr Leben suchen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem neuen Glauben? Oder einem neuen Messias? We n n j a , dann hätten wir einen gefunden. Er predigt tägl i c h . We n n auch ein bisschen abgeschieden.

Ein  Jünger  mit   einem  Bildnis  des   ehemaligen  Verkehrspolizisten  Sergej   Torop,  der  sich   heute  „Wissarion   Christus“  nennt.


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Wissarion-Jünger   betreten  die  Kirche   im  sibirischen  Dorf   Petropawlowka.

Es steht geschrieben im Letzten Testament, Buch 4, Kapitel 41, Vers 26: D a s   V o r b e s t i m m t e   v o l l z i e h t   s i c h .   U n d   a u f   d e m   B e r g   Z i o n   s a m m e l n   s i c h   d i e   w ü r d i g e n   K i n d e r   G o t t e s!

Der Berg tauchte unerwartet auf. Hinter einer Wegbiegung riss er sich ruckartig das Kleid der Kiefern vom Leib und entblößte seine Gipfel, effektvoll wie eine routinierte Stripperin. Einen ganzen Tag lang war ich durch die sibirische Leere südlich von Krasnojarsk gefahren. Als ich den Berg erreichte, vermauerte dichte Taiga den Blick in 82 FLEISCH

alle vier Himmelsrichtungen. Ich kannte zu diesem Zeitpunkt nicht viele sibirische Dörfer, aber dass Petropawlowka aus dem Rahmen fiel, war nicht zu übersehen. Die Straßen waren zu sauber, die Gemüsegärten zu gepflegt, die Holzhäuser zu neu. Am irritierendsten aber war die gute Laune der Dorfbewohner. Sie strahlten. Sie sangen. Sie grüßten. Petropawlowka gehört zum Reich Gottes. Etwa 4000 Jünger leben am Fuß des Bergs. Gott selbst lebt auf dem Gipfel. Gemeinsam mit ein paar Gotteskindern wartete ich an der Bushaltestelle, denn es steht geschrieben im Fahrplan, dass der Gipfel zweimal pro Woche angesteuert wird, dienstags und samstags, Mitfahrwillige bitte rechtzeitig in die ausliegenden Listen eintragen.


tiklehrerin in der Sowjetunion und die größte Atheistin aller Zeiten, und eines Tages gab man ihr ein Buch, und in dem Buch war ein Foto, und Elvira sah den Mann auf dem Foto und dachte, du liebe Güte, das ist ja der Herrgott, und sie ging auf den Berg.

Der Bus war ein alter Kleinlaster. Es gab ein wenig Streit, als wir auf die offene Ladefläche kletterten, weil Sascha sich wieder nicht in die Liste eingetragen hatte und trotzdem mitwollte. Er setzte sich neben mich, ein Hüne mit Kindergesicht. Als der Laster losfuhr, begann er zu reden: Es war immer das Gleiche mit ihm, er hatte sich nicht im Griff, immer handelte er, bevor er dachte, und weil er sich ändern wollte, war er hier, und deshalb hatte er die Frau und das Kind daheim in Tscheljabinsk sitzen lassen, weil die nicht mitwollten auf den Berg. Und als Sascha geendet hatte, begann Elvira zu reden, die in einem Zugabteil geboren worden war in Deutschland im Krieg, und dann wurde sie Mathema-

Und als Elvira geendet hatte, begann Janis zu reden, der Lette, der eine Import-Export-Firma in Hamburg gehabt hatte, und eines Tages hatte einer seiner Fahrer einen Unfall, und im Krankenhaus hielt man ihn drei Wochen am Leben, und als er starb, hatte die Firma eine halbe Million Euro Schulden für Medikamente, und Janis verkaufte die Firma und zahlte die Schulden, es war Schicksal, und er ging auf den Berg. Und zu reden begann Sergej, der einst Oberst gewesen war bei den sowjetischen Raketentruppen, und seine Tage waren gefüllt mit dem Werk der Vernichtung, und in den Nächten suchte er Frieden, und er las die Schriftsteller und die Philosophen, die Mystiker und die Materialisten, die Gurus und die Ufologen, das Alte Testament und das Neue, und ganz zum Schluss las Sergej das Letzte Testament, und da erst verstand er, und er ging auf den Berg. Und Iwan aus Weißrussland begann zu reden und Grigor aus Bulgarien und Hermann aus Bayern und Wladimir aus Kasachstan, denn es steht geschrieben im Letzten Testament, Buch 3, Kapitel 10, Vers 6: U n d   z u m   L e h r e r   k a m e n   v i e l e ,   d i e   i n   d i e s e m   L a n d   l e b t e n ,   u n d   n e u   Z u g e z o g e n e.

Die Biografie des Mannes, der die Biografien meiner Mitreisenden derart umgekrempelt hatte, ist bestens dokumentiert. Zum Zeitpunkt meiner Reise, im Jahr 50 der Ära der Morgendämmerung, füllte sie 19 Bände, ein weiterer kam jedes Jahr hinzu. In Petropawlowka hatte man mir den ersten Band in die Hand gedrückt, und als meine Mitreisenden ihre Erleuchtungsgeschichten ausgeschöpft hatten, schlug ich das Letzte Testament auf und begann zu lesen. 83 FLEISCH

E i n s t ,   a m   1 4 .   J a n u a r t a g   1 9 6 1,   g i n g   d i e   v o r   b e s t i m m t e   G e b u r t   v o n s t a t t e n .   N a c h   d e m   W i l l e n   d e s   G r o ß e n   S c h ö p f e r s   w u s s t e n   d i e   E l t e r n   n i c h t s   v o n   d e m   W e s e n   d e s   i h n e n     e r s c h i e n e n e n   K i n d e s   u n d     g a b e n   d e m   K l e i n e n   d e n   N a m e n   S e r g e j.   ( l t   1, 1, 1 - 2 )

Sergej Torop war das einzige Kind eines sibirischen Bauarbeiters. Das Letzte Testament beschreibt den Vater als rechtschaffenen, wenn auch gottlosen Mann, der seinen Sohn früh in die Obhut der Großmutter gab. Bei ihr wuchs Sergej auf, fern der Heimat, am Schwarzen Meer. Der südliche Sternenhimmel verband sich in seiner Erinnerung mit der Stimme der Großmutter, die manchmal flüsternd den Schöpfer des Firmaments pries. Sergej wurde ein sanftes, träumerisches Kind. Er malte. Ein frühes Porträt der Großmutter beim Kartoffelschälen fand weithin Lob. Als Sergej sieben Jahre alt war, ging die Ehe der Eltern in die Brüche, seine Mutter holte ihn heim nach Sibirien. Unklar ist, ob es die Trennung von der Großmutter war oder ein genereller Hang zur Melancholie, der Sergejs Schulzeit überschattete. Er litt. Seine Klassenkameraden waren ihm fremd. Er wurde zum Einzelgänger. In seinem Kinderzimmer schuf er sich seine eigene Welt. Nach der zehnten Klasse verließ er die Schule. Statt Arbeit zu suchen, malte er. Die Muttver verlor zunehmend die Geduld mit ihm. Als Sergej mit Mitte 20 immer noch bei ihr lebte, stellte sie ihm ein Ultimatum: Jobsuche oder Rausschmiss. Sergej wurde Verkehrspolizist, aber nur, weil ihm die Arbeitszeiten gefielen: Spätpatrouille, Träumen unterm Sternenhimmel. I m   S o m m e r   1 9 8 9   a b e r   g i n g   j e d e   B e r ü h r u n g   m i t   d e n   s c h m u t z i g e n   W e g e n   d e r   m e n s c h l i c h e n   G e s e l l s c h a f t  


i h r e m   E n d e   e n t g e g e n .   D e n n   e t w a s   G e h e i m n i s v o l l e s   u n d   M ä c h t i g e s   n ä h e r t e   s i c h   d e n   T ü r e n   v o n   S e r g e j s   H a u s ,   u n d   S e i n   H e r z   f ü h l t e   d i e s .   ( l t   1, 6 , 1 - 2 )

Es war die Zeit der Perestroika. Veränderung lag in der Luft, etwas ging zu Ende, etwas Neues war im Kommen, aber was genau das war, wusste niemand. In den Zeitungen standen plötzlich Dinge, die da vorher nicht gestanden hatten, in den Gesprächen der Menschen mischte sich Hoffnung mit apokalyptischen Ängsten, man diskutierte über nukleare Vernichtung, über Umweltzerstörung und Überbevölkerung, pandemische Seuchen, planetare Katastrophen. Sergej, der seit langem ahnte, dass mit der Welt außerhalb seines Zimmers etwas nicht stimmte, las eines Tages eine Zeitungsnotiz, in der von übersinnlich begabten Medien die Rede war und von dunklen Prophezeiungen aus einer Welt jenseits der unseren. Nach den Worten dieser Welt habe der Mensch die Möglichkeit zur Rettung bereits verloren, denn er habe in sich eine schadenbringende Kraft entwickelt. Ein leidbringendes Sakrament erwarte das Menschengeschlecht in den nächsten Jahren. Der Menschensohn ließ diese Notiz nicht unbeachtet. Er versank in tiefes Nachdenken ... Und aus seiner vom flammenden Feuer brennenden Brust drang ein Schrei in die Weiten des Alls: „ N e i n !   E s   m u s s   e i n e n   A u s w e g   g e b e n   f ü r   d i e   M e n s c h h e i t ! “   ( l t   1, 6 , 8 - 1 3 )

Etwas regte sich in Sergej, er wusste nicht, was es war. Er spürte die Katastrophe, die sich anbahnte, er wusste, dass jemand sie verhindern musste. Aber war dieser Jemand, konnte es sein, war es denn möglich, dass ... er selbst? U n d   w ä h r e n d   E r   i n     t i e f e m   N a c h d e n k e n   u n d   K u m m e r   v e r b l i e b ,     s p ü r t e   E r,   w i e   s i c h    

e t w a s   G r o ß a r t i g e s   i n   I h m   e n t w i c k e l t e ,     e r w a c h t e   u n d   e r h o b   ...   T r ä n e n   n e t z t e n   d a s   A n t l i t z   d e s   M e n s c h e n s o h n e s .   D i e     v o r h e r b e s t i m m t e     E r l e u c h t u n g   h a t t e   s i c h   e r f ü l l t !   ( l t   1, 6 , 6 6 - 6 9 )

Der 18. August 1991 sollte ein denkwürdiger Tag werden, für das Land, für die Welt, für das Universum. In Moskau stieg Boris Jelzin auf einen Panzer und rief zum Widerstand gegen den Putsch der Kommunisten auf. In Sibirien trat am gleichen Tag Sergej Torop vor eine Menschenmenge und gab sich als Sohn Gottes zu erkennen. Im Nachhinein ist schwer zu sagen, welches das größere Ereignis war: In Moskau wurde gegen die Perestroika geputscht, in Sibirien gegen die Apokalypse. Sergej Torop nannte sich fortan Wissarion Christus. In seiner Heimatstadt begann er, Jünger um sich zu sammeln. Bald strömten verlorene Schafe aus allen Teilen des krisengeschüttelten Landes nach Sibirien, und als die Stadt zu eng wurde für die junge Gemeinde, führte Wissarion seine Jünger hinaus in die Wildnis, hinein in die Taiga – hinauf auf den Berg. E s   b e g a n n e n   d i e   s c h w e r e n ,   a n s t r e n g e n d e n   T a g e   d e s   B a u s   d e r   Z u k u n f t   i m   s i b i r i s c h e n   L a n d .   ( l t   3 , 1 0, 4 )

Auf halber Höhe des Berghangs verstummte der Motor, und der Wagen entlud seine Pilgerlast. Die schlammige Straße endete, weiter ging es nur zu Fuß. Zwei Stunden lang stiegen wir zwischen dicht gedrängten Zirbelkiefern bergauf. Eine Weile lief ich neben einem Veteranen her, der in den 90er Jahren den Exodus der Gemeinde miterlebt hatte. Stepan war keine 50, aber die Härten der Taiga hatten ihn vorzeitig altern lassen, sein Körper war ausgemergelt wie der eines Greises. Er erzählte mir, wie die Jünger in den An84 FLEISCH

fangsjahren bei 40 Grad Frost in Zelten geschlafen hatten, wie sie den Berggipfel mit Äxten rodeten, weil Wissarion sie lehrte, dass Motorsägen das Gleichgewicht der Natur stören. Während Stepan redete, versuchte ich verzweifelt, mir die Mücken vom Leib zu halten, die über uns herfielen wie eine biblische Plage. Stepan schien sie kaum zu bemerken. Aber das täuschte. „Man gewöhnt sich nie an sie“, sagte er lächelnd. „Man gewöhnt sich nur daran, dass man sich nicht an sie gewöhnt.“ Am späten Nachmittag erreichten wir die Heimstatt der Morgendämmerung. „Die was?“ „Heimstatt der Morgendämmerung“, wiederholte Stepan. „Das Herz der Gemeinde.“ Wir standen am Rand einer Lichtung knapp unterhalb des Berggipfels. Etwa 80 Holzhäuser verteilten sich über das Gelände, verziert mit fantastischen Dachkonstruktionen. Hinter den Kuppeln und Spitzen und Türmen reichten unberührte Kiefernwälder bis an den Horizont. Greifvögel kreisten schwerelos über den Hängen, ein Stück unterhalb der Lichtung leuchtete das Blau eines Bergsees. Für einen kurzen Moment vergaß ich die Mücken. Wessen Sohn auch immer hier lebte, der himmlische Vater meinte es gut mit ihm. Die Nacht verbrachte ich im Holzhaus eines jungen Paars. Bei einem wissarionitischen Abendmahl – kein Fleisch, keine Milchprodukte, kein Alkohol, kein Tabak – erzählten mir Lisa und Ruslan von ihrem Leben in der Taiga. Ihre Augen glänzten. „Morgen wirst du verstehen“, sagten sie. „Du wirst den Lehrer sehen, du wirst seine Antworten hören.“ Es wurde Abend, und es wurde Morgen. U n d   a u s   i h r e n   M ü n d e r n   e r g o s s e n   s i c h   v i e l e   F r a g e n .   U n d   d i e   W a h r h e i t   f l o s s   z u r   A n t w o r t .   ( l t   3 , 1 0, 6 )

Kurz nach Sonnenaufgang versammelten wir uns am Rand der Lichtung. Stille kehrte ein. Bewegungslos verharrten die Jünger, manche kniend, andere sitzend.


Außenansicht  der   Kirche  von  Petropawlowka. Gemeindebrett  mit   Ankündigungen  zum   Dorfgeschehen. Anhänger  von   Wissarion  Christus   bei  einer  Andacht.

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Bild  rechts:  Wissarion   (links)  und  sein  Evangelist  Wadim  Redkin,   der  ehemalige  Sänger  der  PerestroikaRockband  „Integral“   (rechts).

Ihr plötzliches Schweigen ließ das Vogelgezwitscher schrill klingen. Einige Minuten lang lag die Lichtung da wie erstarrt. Dann trat von links eine weiß gekleidete Gestalt aus dem Vorhang der Zirbelkiefern. Schritt für Schritt wurde Gottes Sohn sichtbarer, erkennbarer: der schlanke Körper, das wehende Mädchenhaar, der dunkle Vollbart, das Mona-Lisa-Lächeln. Unter einem purpurfarbenen Sonnenschirm nahm Wissarion Platz. Mit einer Handgeste eröffnete er die Audienz. Ein junger Mann trat an das Mikrofon in der Mitte der Lichtung. „Lehrer, ich möchte dich etwas fragen. Meine Frau und ich, wir ... bei uns sind 86 FLEISCH

Intimitäten selten geworden. Immer ist sie müde, oder sie befürchtet, schwanger zu werden ...“ „Was ist deine Frage?“, unterbrach Wissarion. Seine Stimme war ein säuselnder Singsang. Der Mann räusperte sich. „Die Frage ist ... ich sehe sie immer weniger als Frau ... mehr wie eine Schwester ... es ist ...“ Wissarion unterbrach ihn erneut. „Die Liebe kann viele Formen annehmen, und eine davon ist die Liebe zwischen Bruder und Schwester.“ Der Mann setzte wieder an, er rang um Worte. „Es ist aber ... wenn ich will und sie nicht, das löst so eine ... körperliche Frustration aus, und ich weiß nicht


... mit welchen Mitteln ... wie soll man bloß ...“ „Nicht fluchen“, sagte Wissarion lächelnd. Leises Lachen ging durch die Reihen seiner Zuhörer. „Fordert nichts voneinander. Strebt nicht nach etwas, das aus der Ferne gut aussieht, aber nicht zu erlangen ist. Ein langer Weg liegt vor euch. Geht ihn mit Geduld.“ Der Mann nickte, dankte, verließ das Mikrofon. Unwillkürlich fragte ich mich, ob seine Frau im Publikum saß. Aber nachdem ich den Fragen und Antworten eine Weile zugehört hatte, begriff ich, dass niemand hier sich scheute, öffentlich über Intimitäten zu sprechen. Jede zweite Frage betraf ehe-

liche Angelegenheiten: Wie geht man mit kränkenden Bemerkungen um, wie mit unterschiedlichen Essgewohnheiten, unerwünschten Nachstellungen, unerfüllten Kinderwünschen? Fast alle anderen Fragen drehten sich um die Haushaltsführung: Widerspricht es den Gesetzen der Natur, ein Pferd zu kastrieren? Ist Waschmittel spirituell unbedenklich? Wenn sich die Ziege meines Nachbarn in meinem Garten erleichtert, gehört der Kot dann dem Nachbarn, oder darf ich mein Feld damit düngen? Nach ein paar Fragen bemerkte ich einen hageren, langhaarigen Mann, der wenige Schritte entfernt von Wissarion 87 FLEISCH

vor einem Aufnahmegerät saß. Ich hatte ihn auf Fotos gesehen – es war Wadim Redkin, einst Sänger der PerestroikaRockband „Integral“, heute Wissarions Evangelist. Er war es, der jeden Satz des Lehrers ins stetig wachsende Letzte Testament übertrug. Im Lauf des vergangenen Tages hatte ich immer wieder fasziniert in dieser Heiligen Schrift geblättert, der kaum ein menschliches Thema fremd ist. Meine Lieblingsfrage war die mit den Mücken: Es gibt, hatte ein Mann gefragt, Menschen, die ständig von Mücken gestochen werden, und andere, die fast nie gestochen werden – warum? Stechen Mücken lieber Heilige oder Sünder?


V e r s e t z t   e u c h   a n   d i e   S t e l l e   d e r   M ü c k e .   W ü r d e   s i e   s i c h   a u f   e t w a s   s t ü r z e n ,   d e s s e n   V e r z e h r   s i e   e k e l t ?   ( l t   6 , 2 8 , 2 3 )

Gestern hatte ich noch über diese Worte gelacht, heute spürte ich ihren Trost – ich versetzte mich an die Stelle der Mücke und nahm ihre Stiche leichter hin. Wissarions Wahrheiten mochten simpel sein, aber ich begriff langsam das dankbare Lächeln auf den Gesichtern seiner Jünger. Der Ton wechselte erst bei einer der letzten Fragestellerinnen. Sie musste um die 40 sein, eine schlanke, hübsche Frau in einem kurzen Sommerkleid. Ihre Stimme war ein flehendes Flüstern, und ich reimte mir zusammen, was mir Mitglieder der Gemeinde später bestätigten: Wissarion gab dieser Jüngerin nicht die Art von Liebe, nach der sie sich sehnte. „Lehrer“, hauchte sie. „Was geschieht mit uns? Ich entdecke überall beunruhigende Zeichen. Früher wurden nur Menschen in die Gemeinde aufgenommen, die bereit waren, große Entbehrungen auf sich zu nehmen. Heute reicht es schon, wenn jemand nicht raucht und nicht trinkt. Die Anforderungen sinken. Ich sorge mich ...“ Ich wurde hellhörig. Sprach hier nur eine zurückgewiesene Liebende, oder war die Stagnation, die sie beklagte, das absehbare Welken aller Utopien? Wissarions Antwort war lang. „Es ist nicht deine Aufgabe, dir Sorgen zu machen“, begann er. „Was du da tust, ist gefährlich.“ Das unverändert milde Säuseln seiner Stimme betonte jetzt nur die Schärfe seiner Vorwürfe. Hatte er denn nicht oft genug betont, dass sein Programm auf Generationen, auf Jahrhunderte, auf die Ewigkeit ausgerichtet war? Sah sie denn nicht selbst, wie kleinmütig es war, die Ewigkeit an einem Moment zu messen? Vertraute sie ihm so wenig? Die Frau machte schüchterne Versuche, sich zu verteidigen, aber Wissarion ließ sie nicht mehr zu Wort kommen. Als er geendet hatte, wurde es still. Niemand trat ans Mikrofon. Wissarion wartete ein paar Sekunden, dann beendete er die Audienz. „Gebt acht auf die Son-

ne“, sagte er zum Schluss. „Sie scheint grell um diese Jahreszeit, sie hat eine starke Wirkung auf den Menschen. Seid vorsichtig mit ihr.“ Er stand auf und ging langsam den Weg zurück, den er gekommen war. Stumm winkten die Jünger, bis ihr Gott zwischen den Kiefern verschwunden war. Als ich zusammen mit ein paar Gemeindemitgliedern die Lichtung verließ, tippte mir jemand auf die Schulter. Es war Wadim, der Evangelist. „Der Lehrer“, sagte er, „ist bereit, deine Fragen zu beantworten.“ Gottes Sohn empfing mich im Arbeitszimmer seines Hauses. Sein Händedruck war von duldender Sanftheit. Wir setzten uns. In schweigender Erwartung erwiderte Wissarion meinen Blick. „Vielleicht möchten Sie zuerst etwas über mich erfahren?“, fragte ich. Lächelnd schüttelte er den Kopf. „Das ist nicht nötig.“ Milde Nachsicht klang aus seinen Worten. Ich konnte ihm nichts erzählen, was er nicht längst wusste. Auch meine Fragen beantwortete er, als habe er sie vorausgeahnt, als habe er sie mir selbst in den Mund gelegt, um mir Antworten geben zu können, die seit langem auf mich warteten. Nein, natürlich war es kein Zufall, dass sich Jesu Wiederkehr in Russland ereignet hatte, und ja, natürlich hatte es in Sibirien geschehen müssen, an einem Ort, der noch weitgehend unberührt war vom selbstzerstörerischen Wirken der Menschheit. Er sprach langsam, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, auf den Lippen ein nie versiegendes Lächeln. Er sah in meine Richtung, aber ich bot seinem Blick keinen Halt, seine halb geschlossenen Augen flirteten mit der Unendlichkeit hinter meinem Rücken. Ich ertappte mich dabei, wie ich in seinen Worten und Gesten nach irgendeiner Spur des Mannes suchte, der er einmal gewesen war, nach dem Auftragsmaler und Verkehrspolizisten Sergej Torop. Ich wartete auf die Selbstentlarvung eines Hochstaplers. Vergeblich. Nichts sprach dafür, dass dieser Mann nicht an sich selbst glaubte. Inzwischen waren wir tief in die Verästelungen der wissarionitischen Lehre eingedrungen. Sie schien mit einem alten Dilemma zu ringen: Wenn Gott all88 FLEISCH

mächtig ist und gut, warum verhindert er dann das Böse nicht? Wissarion löste den Widerspruch durch Aufgabenteilung: Es gab zwei Götter, einen alten und einen neuen. Der Gott des Alten Testaments hatte die Welt erschaffen, aber seine Schöpfung war ihm gleichgültig, das Schicksal der Menschen berührte ihn nicht. Er hatte der Welt nur den Glauben geben können, Hoffnung und Liebe waren ihm fremd. Erst ein anderer, jüngerer Gott, der Gott des Neuen Testaments, hatte der Menschheit als Hoffnungsschimmer seinen Sohn gesandt, den er nun mit der Liebesbotschaft des Letzten Testaments zurückkehren ließ. Als dritte Gottheit thronte Mutter Erde im wissarionitischen Pantheon:


Schuhe  müssen   während  des  Gottesdienstes  in   Wissarions  Kirche   draußen  bleiben.

suchte seinen Blick, wissendes Lächeln querte den Raum. Sie waren ein eingeschworenes Team, sie hatten sich abgesichert gegen die Fehler ihrer Vorgänger. Ihr Plan war wasserdicht, ihr Testament das letzte. Ein knappes Jahr später, lange nach meiner Rückkehr aus Russland, erschien Band 20 des Letzten Testaments. Ich entdeckte den Text auf der Internetseite der Gemeinde. Kapitel 17 beginnt mit folgendem Vers: A m   3 0 .   M a i   n a c h   d e m   s o n n t ä g l i c h e n   S a k r a m e n t   d e r   V e r e i n i g u n g   b e a n t w o r t e t e   d e r   L e h r e r   i m   A r b e i t s z i m m e r   s e i n e s   H a u s e s   d i e   F r a g e n   e i n e s   S c h r i f t s t e l l e r s   a u s   D e u t s c h l a n d   n a m e n s   J e n s .   J e n s   b e h e r r s c h t e   d i e   r u s s i s c h e   S p r a c h e   g u t ,   e r   s c h r i e b   e i n   B u c h   ü b e r   R u s s l a n d   ...

die Natur, die personifizierte Schöpfung. Zwischen ihr und den Menschen herrschte Zwietracht, geschürt von außerirdischen Mächten, die die Welt in die Vernichtung treiben wollten. Neben den bösen Außerirdischen gab es auch noch gute Außerirdische, aber ungefähr an dieser Stelle verlor ich den Faden. Wissarion sprach weiter, von Seelenwanderung, von Energiewellen, seine Stimme war sanft und eindringlich, sie flutete den Raum. Ich fühlte mich von Antworten umspült, aber als ich später meine Notizen durchlas, konnte ich mir kaum mehr zusammenreimen, worüber wir eine ganze Stunde geredet hatten. Meine Fragen kamen mir noch sinnloser vor als seine Antworten.

Erst ganz am Ende des Gesprächs fiel ein Satz, der mich weckte. Wenn eines Tages, sagte Wissarion, das Letzte Testament abgeschlossen sei, dann werde auch seine eigene Anwesenheit nicht mehr nötig sein. Etwas zu hastig platzte ich mit der Frage heraus, die man einem Gott nur ungern stellt: „Und dann? Was geschieht, wenn Sie einmal nicht mehr da sind?“ Er lachte, amüsiert, nicht defensiv. „Es werden Schüler bleiben“, sagte er. „Und es wird eine Schrift bleiben, die keine Fragen offen lässt. Es wird nicht nötig sein, Kommentare zu schreiben, die meine Worte verfälschen, wie es in der Vergangenheit so oft geschehen ist.“ Wadim, der Evangelist, nickte heftig. Wissarion 89 FLEISCH

Ungläubig las ich die Wiedergabe unseres schlingernden Gesprächs, 75 Bibelverse lang. Es klang nicht viel verständlicher als damals in der Taiga, aber plötzlich bekam es einen Sinn, der jenseits der Worte lag. Ich war zu Wissarion gereist, um ihn zu einer Figur in einem Buch zu machen. Erst jetzt begriff ich, dass er das Gleiche mit mir getan hatte. Der sibirische Messias ist eine von vielen skurrilen Gestalten, die Jens Mühling auf seiner einjährigen Reise durch Russland begegneten. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Kapitels aus seinem Buch „Mein russisches Abenteuer“, das gerade bei Dumont erschienen ist.


Henning  hatte  

Einen Kurzhaardackel, er hieß Schmitti. Als Henning wegging, blieb der Hund dort.

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L I T E R A T U R TEXT  —  FR ANZISK A  GERSTENBERG  /  ILLUSTR ATION  —  PHILIPP  HANICH

  einen,  als  er  so  alt   Während des Studiums hätte sich Henning nicht ausreichend kümmern können, es war später schwierig

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wie  Marta  war.

genug, immer jemanden zu finden, der auf Marta aufpasste. Schmitti ist gestorben, ohne wieder bei Henning

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W E L P E N Mit vierzehn trägt sie ausschließlich Schwarz und Rot, sie ist lebendig, denkt: Ich bin ja kein Kind mehr. Sie kommt von der Schule nach Hause und wirft die Tasche in ihr Zimmer, dann geht sie ins Bad, sortiert die Wäsche, Schwarzes zu Schwarzem, Rotes zu Rotem, sie muss plötzlich an den Großvater denken, den Vater ihrer Mutter, der jetzt schon seit vier Jahren tot ist. Beim Großvater hing auf der Toilette, an der Wand neben dem Spiegel, eine alte, gerahmte Werbung für Toilettenpapier: Zartes braucht Zartes. Der Rücken einer Frau, im Spitzenunterhemd, der Po ist nackt. Über der weißen Spitze, lockig, blond, ein Zopf. Der Zopf hat Marta als Kind immer an die Haare ihrer Mutter erinnert. Sie hat in ihrem Leben den Großvater öfter gesehen als die Mutter selbst. Sie kann sich

gelebt zu haben, Henning hat sich das nie verziehen.

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besser an die Haare der Frau auf dem Werbeplakat erinnern als an die Mutter. Schwarzes zu Schwarzem, Rotes zu Rotem, Zartes zu Zartem, die zarten Dinge ins Wäschenetz: das dünne Lieblings-T-Shirt des Vaters, Martas BügelBHs. Sie weiß schon lange, wie man die Waschmaschine anstellt, hat ihr eigenes System entwickelt, die Wäsche auf dem Wäscheständer zu verteilen, der eigentlich zu klein ist. Und sie weiß, wie die Wäsche am besten trocknet: Bevor Marta ins Bett geht, dreht sie all die Pullover, Hosen, Unterhosen auf dem Wäscheständer einmal herum. Dann bekommt auch die noch nasse Seite Luft – und am Morgen kann Marta die Wäsche zusammenlegen und in den Schrank räumen, nur Jeans muss sie manchmal noch eine Stunde über die Heizung hängen.


Sie hat bereits gekocht, als Henning von der Arbeit kommt. Es ist ihr lieber so. Sie hört, wie er die Tür aufschließt, aufstößt, mit viel Schwung, die Tür schlägt gegen den Schuhschrank. „Boah, war das ein anstrengender Tag“, ruft Henning im Flur, „boah, habe ich mir jetzt meinen Feierabend verdient!“ Sie hört, wie er im großen Zimmer eine Runde im Kreis läuft, um sich zu beruhigen, um etwas, ein winziges bisschen von seiner überschüssigen Energie loszuwerden. Dann kommt er zu Marta in die Küche, die vom Wohnzimmer abgeht. „Hallo Papa“, sagt sie. Sie schält gerade eine Apfelsine. Er legt ihr von hinten die Hand auf die Schulter und drückt einen Kuss auf ihre linke Wange. Er öffnet die Tür des Backofens, wedelt mit der Hand, verbrennt sich einen Finger am Metall, schnuppert. Dabei hätte er, denkt Marta, einfach das Licht im Ofen anmachen können, dann sieht man den Kartoffelauf lauf durch die Glasscheibe. Sie kippt das Fenster, damit die Dampfschwaden abziehen. „Warum hast du denn“, fragt Henning, „schon gekocht? Ich wäre doch dran gewesen, es sollte Fisch geben.“ „Ich war früher zu Hause“, sagt Marta, „und ich will noch zur Mathe-AG, mit Kerstin.“ Sie lehnt sich mit dem Rücken gegen die Anrichte und sieht zu, wie Henning ein Bier aus dem Kühlschrank nimmt. Der Kronkorken rollt unter den Tisch, wo er liegen bleibt. Marta betrachtet ihren Vater, er ist nur einen halben Kopf größer als sie – wenn sie noch wächst, kann sie bald auf ihn hinunterschauen. Henning, kompakt, stämmig; es steckt eine Menge Kraft in ihm. Er trainiert die Fußballmannschaft ihrer Schule. Marta betrachtet den roten Kopf ihres Vaters, den Schweiß auf der Stirn, der hohen Stirn; an den Seiten und am Hinterkopf sind die Haare dick und widerstandsfähig, aber die Strähnen in der Kopfmitte wirken immer fusseliger. Sie betrachtet Hennings Wangen und denkt nicht zum ersten Mal, dass sie an die eines Hundes erinnern. Ihre Freundinnen beneiden sie um diesen Vater, der noch so jung ist, erst Mitte dreißig, der beliebt ist. Als er sie mal mit Bier erwischt hat, hat er beide Augen zugedrückt. Wenn Marta und ihre

Freundinnen zusammen mit Martas Vater eine DVD anschauen, liegen an seinem Platz hinterher die meisten Chipskrümel.   , erzählt er von seinem Tag. Er ahmt dabei die Kollegen nach, Mike, den englischen Übersetzer mit den spinnenbeinartigen Fingern, Rosie-Anne, die in der Firma die Organisation macht und die Aufträge verteilt. Rosie-Anne hat mit Henning gewettet, ob es dieses Jahr Weihnachtsgeld gibt. Wenn es welches gibt, lädt Rosie-Anne Henning in sein Lieblingsrestaurant ein. Wenn es kein Weihnachtsgeld gibt, darf Henning natürlich nicht noch zusätzlich bestraft werden: Er muss Rosie-Anne nur eine Bockwurst am Kiosk ausgeben. „Diese Rosie-Anne ist ja blöd“, sagt Marta, „die weiß nicht, wie man wettet!“ Henning lacht mit vollem Mund. „Wenn du Weihnachtsgeld bekommst und im nächsten Jahr die Gehaltserhöhung“, fragt Marta, „ziehen wir dann endlich um? Ich will ein größeres Zimmer!“ Henning schiebt sich das letzte Kartoffelstückchen in den Mund und kaut. Er legt das Besteck auf den Teller, auf dem gehackte Zwiebeln, Soße, Reste vom geschmolzenen Käse kleben. „Wenn ich die Gehaltserhöhung bekomme“, flüstert er und schließt dramatisch die Augen, „kaufe ich mir einen Hund.“ Marta steht auf. Das Thema ist so alt … Wenn sie noch einmal, noch ein einziges Mal darüber reden muss, wachsen ihr Pickel auf der Zunge.   , als er so alt wie Marta war. Einen Kurzhaardackel, er hieß Schmitti. Als Henning von zu Hause wegging, blieb der Hund dort. Während des Studiums hätte sich Henning nicht ausreichend kümmern können, es war später schwierig genug, immer jemanden zu finden, der auf Marta aufpasste. Schmitti ist gestorben, ohne wieder bei Henning gelebt zu haben, Henning hat sich das nie verziehen. „Du hast auch jetzt keine Zeit“, sagt Marta, sobald ihm einfällt, dass er unbedingt wieder einen Hund haben muss. „Du kannst ihn nicht mit in die Firma nehmen. Er ist den ganzen Tag allein zu Hause, es bleibt alles an mir hängen.“ 94

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„Nein“, sagt Henning dann, mit einem, denkt Marta, ganz bestimmten Ton in der Stimme: als wäre Henning selbst ein Hund, als hätte ihm Marta gerade das Futter unter der Nase weggezogen. „Nein, natürlich gehe ich mit ihm spazieren!“ Er weiß genau, was für einen Hund er haben will, keinen Kurzhaardackel diesmal, den hatte er sich ja auch nicht selbst ausgesucht, nein, einen Beagle. Henning weiß alles über Beagles. „Jagdhunde“, sagt er, „lauffreudig und robust, die sind ein bisschen wie ich.“ Er hält Marta Vorträge über die richtige Widerristhöhe – 33 bis 40 Zentimeter beim ausgewachsenen Hund – und darüber, wieso ein Weibchen besser zu ihm passt. Er zählt die Farbvarianten auf, tan and white, red and white, lemon and white, tricoloured. „Beagles“, sagt Henning, „landen oft in Versuchslaboren, sie sind verfressen, man muss ihnen nur ein Stück Wurst geben, sie gehen mit jedem mit …“ „Damit kriegst du mich nicht!“ Sanfte traurige Tieraugen sind Marta egal. Es ist nicht so, dass sie Hunde nicht ausstehen könnte oder ängstlich wäre, sie will nur keinen haben. Sie hat ja schon ihren Vater. Bei dem Gedanken muss sie kichern. Ihr stärkstes Argument ist die Allergie: Als sie zehn war, merkte sie, dass sie krank wurde, sobald sie ihren Großvater besuchte. Marta hat das Plakat auf dem Klo angestarrt, Zartes braucht Zartes, und sich an den Taschentüchern die Nase wundgeputzt. Sie bekam schlecht Luft, der Hals kratzte und tief in den Ohren fühlte es sich an, als wüchse Marta innerlich ein Fell. Mit zwölf schaltete sie ihren Verstand ein. Wann traten die Symptome denn noch auf? Bei welcher Freundin zu Hause? Gab es eine Verbindung? Mit dreizehn ließ Marta sich testen und hat seitdem das Ergebnis schwarz auf weiß: Sie ist allergisch gegen Katzen. „Gegen Katzen“, sagt Henning, „nicht gegen Hunde.“ „Es ist eine Tierhaarallergie. Ich kann bei allen Tieren mit Fell Probleme bekommen.“ „Du kannst, du musst nicht.“

nicht vorwärts mit der Matheaufgabe, die sie zu lösen versucht. Das y-Achsensymmetrische Schaubild einer ganzrationalen Funktion f kommt von oben, hat im Ursprung eine zweifache Nullstelle und bei x=4 eine dreifache Nullstelle … Später geht sie zusammen mit Kerstin durch die dunklen Straßen, jede Woche nach der Mathe-AG suchen sie die Gleichung, mit der der Heimweg perfekt aufgeht, das System. Sie biegen rechts um die Ecke, links um die Ecke, rechtsrum, linksrum, immer abwechselnd. Wenn sie nur endlich herausfinden würden, wo sie einen Hauseingang oder eine Toreinfahrt mit ins System einbeziehen müssen, wann es nötig ist, über eine Mauer zu klettern, durch eine Hecke zu kriechen, Marta hat immer eine Taschenlampe dabei … Irgendwann wird es gelingen: Dann wird das Rechts-Links sie direkt vor Martas Haustür führen. Marta und ihr Vater wohnen im Erdgeschoss, das Wohnzimmer ist hell erleuchtet. Sie bleiben unter dem Fenster stehen. Kerstin hat den ganzen Weg über Jungs gesprochen, aber sie sagt nicht Jungs, sie sagt Männer, selbst wenn sie Jungs meint. Manchmal meint sie tatsächlich Männer. „Fürs erste Mal“, sagt Kerstin, „wünsche ich mir jemanden mit Erfahrung. Für ihn ist es etwas Besonderes, weil ich unschuldig und illegal und zart bin, aber für mich wird es auch etwas Besonderes sein. Was ist denn mit deinem Vater, ich bin so verliebt in deinen Vater, in seine Ohren, findest du nicht, dass er superschöne Ohren hat?“ „Hm“, sagt Marta. Sie sucht in ihrer Tasche nach dem Schlüssel und dreht sich zur Tür um, ihr ist kalt. „Kann ich“, fragt Kerstin, „noch mit reinkommen?“ Die Sehnsucht nach Martas Vater lässt sie flehend mit den Augenlidern klappern. Marta schüttelt den Kopf: „Heute nicht.“ Und dann, als sie die Wohnung betritt und noch nicht gerufen hat, dass sie zu Hause ist, steht ihr plötzlich der Lösungsweg für die Matheaufgabe vor Augen. Marta seufzt erleichtert auf. Henning sitzt am Computer, während sowohl der Fernseher läuft als auch Musik. Marta schaltet als Erstes das Deckenlicht aus, so dass nur noch die Lampe am Sofa und Hennings Schreib-

 ,  , es muss nicht. Sie hat sich festgefressen, kommt 95

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tischleuchte brennen. Dann stellt sie den Fernseher auf stumm, dreht an der Anlage die Lautstärke der Vivaldi-Oper herunter. Henning drückt seine Zigarette in einem Joghurtbecher aus und stößt sich mit den Füßen ab, er rollt mit dem Schreibtischstuhl bis dahin, wo Marta steht, sie schafft es nicht, schnell genug auszuweichen. „Au“, sagt sie, reibt sich das Knie, sieht sich unwillkürlich die Ohren ihres Vaters an, sie versteht nicht, was Kerstin meint, sieht einfach nur Ohren. Und sie kann jetzt schlecht das Deckenlicht wieder anschalten, um mehr zu erkennen. Henning greift nach ihren Händen. „Es gibt“, sagt er, „ganz in der Nähe eine Züchterin. Höchstens eine halbe Stunde mit dem Auto. Wir könnten am Wochenende vorbeifahren und uns die Hunde anschauen.“ Marta schaut sich diese roten Ohren an.

Filet auseinander. „Riech doch mal“, bittet Henning Marta, „findest du nicht, dass der Fisch seltsam riecht? Ich glaube, mit dem stimmt was nicht … Kann tiefgekühlter Fisch überhaupt verderben?“ Marta schlägt vor, dass sie kosten. Hastig nimmt Henning eine Gabel aus der Schublade. Aber dann stößt er mit der Hüfte gegen den Herd, die Pfanne mit dem Fisch gerät ins Kippen, er will sie auffangen, verliert das Gleichgewicht, trifft mit dem Ellenbogen den Griff, und der Fisch, der – vielleicht – verdorben ist, wird gegen die Wand geschleudert. Die Filets landen um den überquellenden Mülleimer herum auf dem Boden, ein Stück Haut bleibt an der Tapete kleben, links und rechts davon läuft heißes Fett herunter. Die Pfanne scheppert, als sie in einer Küchenecke aufschlägt. Henning schreit.         , die sie sich bestellt haben, auf den Tellern liegen. „Wir hätten“, Marta wendet den Blick nicht vom Fernseher, „auch einfach den Reis essen können, mit Ketchup.“ „Meine Tochter“, sagt Henning, „bekommt nicht nur Reis mit Ketchup zum Abendbrot!“ Er dreht sein Glas hin und her, kein Schaum mehr auf dem Bier, nicht einmal eingetrocknete Spuren an der Innenseite des Glases, Marta findet, dass Bier dann wie Apfelsaft aussieht. Henning, der ausgelassen sein kann wie ein junger Hund, der manchmal eine halbe Stunde lang das Fernsehprogramm kommentiert, bei peinlichen Talentshows die Regieanweisungen mitspricht – die Kandidatin stolpert über ihr eigenes Unvermögen und schlägt lang hin –, Henning kann den Fisch nicht vergessen. Sie haben die Küche schon grob gesäubert, aber er fängt immer wieder davon an. „Ich denke, dein Unterbewusstsein war schuld.“ Marta gähnt. „Du hattest Angst, uns mit dem Fisch zu vergiften … du wolltest ihn doch gar nicht mehr essen.“ Leise sagt Henning: „Es geht nicht nur um den Fisch, es ist viel mehr. Wenn nicht bald etwas Drastisches passiert …“ Marta lacht und steht auf. Bevor sie in ihr Zimmer geht, stellt sie sich hinter Henning, legt vorsichtig die Arme um

    . Der Fisch ist tiefgefroren, Henning legt die Filets in eine Schüssel und gießt heißes Wasser darüber, damit sie schneller auftauen. Marta nimmt sich noch etwas zu trinken, dann verschwindet sie in ihrem Zimmer. Zweimal klopft er und kommt herein. Er fragt, ob sie etwa keine Peperoni mehr haben – ratlos zuckt sie mit den Achseln. Warum hätte sie Peperoni einkaufen sollen, sie kochen sonst nie mit Peperoni, kann er nicht Cayennepfeffer nehmen? Der ist ebenfalls scharf und rot. Beim zweiten Mal findet Henning den Reis nicht. Als es zu lange dauert, sie wirklich Hunger bekommt, klappt sie ihr Buch zu, geht hinüber. In der Küche ist es warm. Es sieht hier aus, als müsste Henning nicht nur Marta, sondern auch noch Martas Freundin Kerstin und wer weiß wen satt machen, vielleicht Martas Mutter, die nicht hier wohnt und nie mit ihnen isst, zu keiner Zeit mit ihnen gegessen hat. „Papa …“, sagt Marta. Er dreht sich zu ihr um. Auf seiner Stirn stehen Schweißtropfen und er ist den Tränen nahe. „Also ich weiß nicht“, sagt er, „der Reis ist ein bisschen angebrannt, aber das schadet ja nicht, das gibt Geschmack – Sorgen mache ich mir um den Fisch …“ Er schiebt den Pfannenwender unter eines der Stücke, dabei bricht das 96

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seine Schultern, hält die Nase über die kahle Stelle an seinem Wirbel, die noch klein ist, aber größer werden wird. Der vertraute Geruch ihres Vaters: hier leicht säuerlich, wie der eines Babys. Marta lässt den Kopf sinken und riecht auch an Hennings Ohr, sie atmet tief ein, richtet sich wieder auf. „Gute Nacht, Papa.“

von seinem spontanen Auf bruch zur Züchterin, nachdem sie ihm am Telefon mitgeteilt hat, dass von ihrem letzten Wurf noch ein Welpe übrig ist. Er hat der Züchterin auch gleich einen Korb, einen Napf, die Leine, etwas Spielzeug und einen großen Beutel Trockenfutter abgekauft. Marta will wissen, was er für den Hund bezahlt hat. Henning gibt vor, sich auf den Verkehr konzentrieren zu müssen. „Wie viel?“, fragt Marta. „Sei nicht so vorlaut. Sie hat mich nicht betrogen; du weißt, was reinrassige Hunde kosten.“ „Ja, bei dem Namen, da zahlst du ja allein für die einzelnen Buchstaben – stimmt’s, Branimir von und zu Irgendwas?“ Der Hund dreht tatsächlich den Kopf, sieht sie an.

        S . Als sie aus dem Gebäude tritt, sieht sie ihn auf dem Vorplatz stehen, im Nieselregen, er hat die Jacke fest um sich gezogen und fröstelt trotzdem, tritt von einem Bein aufs andere. Schnell geht sie zu ihm. „Was ist passiert? Wieso bist du nicht in der Firma?“ „Ich habe mir einen halben Tag freigenommen.“ Er lächelt. Marta denkt, dass in diesem Lächeln Unsicherheit steckt. Warum? „Komm mit zum Auto“, bittet Henning. Sie spürt, wie angespannt sie ist, als sie neben ihm hergeht. Henning öffnet die Beifahrertür einen Spalt, greift nach etwas, und dann zieht er daran und Marta erkennt, dass es eine Hundeleine ist, und am Ende der Hundeleine hängt auch das, was meistens am Ende einer Hundeleine hängt. „Nein“, sagt Marta. Der kleine Beagle will nicht aus dem Auto springen, Henning muss ihn herausheben. Dann steht der Hund vor Marta auf dem Gehweg, auf zitternden und, wie sie denkt, viel zu weit gespreizten Beinen. „Nein“, sagt Marta. Henning strahlt. „Keine Angst, morgen habe ich mir auch freigenommen.“ Stolz drückt er ihr die Leine in die Hand: „Willst du sie mal halten?“ Willst du sie mal füttern, denkt Marta, willst du mit ihr spazieren gehen, dringend zum Tierarzt, willst du? Sie weicht zurück. Aber als sie Hennings Gesicht sieht, wird ihr klar, dass sie etwas sagen muss, etwas fragen, was kann sie fragen? „Wie heißt sie denn?“ Henning schüttelt den Kopf: „Nein, mit sie meinte ich die Leine. Der Hund ist ein Rüde. Er heißt Branimir. Und noch irgendwie weiter, aber das war nur der Name der Züchterin.“ „Wolltest du nicht ein Weibchen?“

         ��� und fiept, er scheint Angst zu haben. Henning schiebt das Körbchen an eine passende Stelle, schüttet etwas Trockenfutter in den Napf und feuchtet es an. Er muss es dem Hund unter die Nase halten, um ihn aufmerksam zu machen. Marta schmiert sich selbst ein Schmelzkäsebrot und sieht zu, wie der Welpe das Futter in der Küche verteilt; erst scheint es nicht weniger zu werden, aber dann verschwindet doch Stück für Stück, der Hund fährt mit der Schnauze über den Boden, Sabber und matschige Bröckchen bleiben zurück. Marta mag, wie er dabei mit dem Schwanz wedelt. Nachdem er gefressen hat, wirkt er genauso verloren wie zuvor. Er legt sich kurz hin, steht aber bald wieder auf. Etwas später beschließt Henning, mit ihm zu spielen; er wirft einen kleinen Ball, lässt ihn über den Teppich im Wohnzimmer rollen, ohne dass der Welpe reagiert. „Branimir“, lockt Henning. Marta sieht, dass dem Hund noch immer die Beine zittern. Sie isst ihr Brot. Endlich wagt sich der Welpe ein paar tapsige Schritte auf den Teppich, beschnuppert den Ball. Dabei wirkt er nach wie vor nicht glücklich, nur Henning ist glücklich. Interessanter als den Ball findet Branimir eine von Martas Zeitschriften. Als er sie entdeckt hat, schleudert er sie her-

Sie fahren nach Hause. Marta setzt sich auf den Rücksitz, der Hund liegt im vorderen Fußraum. Henning erzählt 98

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um wie eine Beute, Marta denkt: wie eine Wachtel, obwohl sie nicht einmal sagen könnte, wie diese Vögel aussehen. Er ist ein Jagdhund, denkt Marta. Dann lässt der Hund von der Zeitschrift ab und stakst wieder in die Küche, leckt die letzten Bröckchen vom Boden auf. Plötzlich steht er, wenn möglich, noch breitbeiniger da als sonst schon – und zwischen seinen Beinen beginnt Urin auf die Fliesen zu laufen. Marta schreit auf. Henning ist gleich da und hebt den Hund hoch, der Urin läuft weiter, Henning will den Hund nach draußen tragen, aber Marta schreit: „Nein, besser hier als auf dem Teppich!“ Sie schluckt den Brotbissen hinunter, den sie noch im Mund hatte. Da ist es auch schon vorbei. Henning setzt den Hund wieder ab, und der läuft durch die Pfütze und verteilt den Urin in alle Ecken. Man kann die nassen Pfotenabdrücke genau erkennen. Aber dann bleibt der Hund stehen und fiept auf eine so herzzerreißende Art, dass Marta lachen muss. „Ich mache das schon“, sagt sie entschieden zu Henning, „und du trägst ihn ins Bad und wäschst ihm die Pfoten.“ Sie schiebt ihren Vater aus der Küche.      ,   . Sie sind mit dem Hund spazieren gegangen, wenn man das so nennen kann, der Hund hat irritiert auf die Leine gestarrt und sich, sobald Henning an ihr zog, keinen Zentimeter mehr bewegt. Einmal hat Henning so sehr gezogen, dass der Hund beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Danach hat er sich hingesetzt, aber Henning hat es nicht gleich gemerkt und ihn ein Stückchen über den Boden gezerrt. Marta hat Henning die Leine aus der Hand genommen, sie ist in die Hocke gegangen und hat Branimir zum ersten Mal kurz angefasst und beruhigend auf ihn eingeredet. Er hat mit dem Kopf geruckt, als würde er zu ihren Worten nicken. Endlich haben sie beschlossen, ihn zu tragen: immer von einer Straßenecke zur nächsten, und dort haben sie es erneut mit dem Laufen probiert. Manchmal hat es funktioniert, aber der Hund ist hierhin und dorthin gerannt und

jedenfalls nie in die Richtung, in die sie wollten. Ein Häufchen hat er auch nicht gemacht, das landete später auf dem Wohnzimmerteppich. Doch da hat Marta schon stärker als alles andere beschäftigt, warum der Hund offenbar Angst vor ihnen hatte. War das denn normal? Gegen elf kippte Hennings Stimmung. Marta zog die Vorhänge vor der Dunkelheit zu. Das große Glück war außer Sicht. „Ich weiß nicht“, sagte Henning, „eigentlich wollte ich ja lieber ein Weibchen. Schau mal, wie groß der schon ist, auf jeden Fall wird er größer, als er dürfte, dann kann er doch nicht reinrassig sein, was hat die mir da verkauft? Der verhält sich auch ganz komisch, wahrscheinlich war er deshalb noch nicht vermittelt, irgendwas stimmt nicht …“ „Papa!“, sagte Marta. Dann sagte sie: „Du bist einfach müde. Der Hund ist vollkommen in Ordnung, er hat nur Angst. Willst du schon mal ins Bett gehen?“ Aber Henning ist stehen geblieben und hat ihr zugesehen, wie sie sich neben Branimir auf den Teppich legte. Sie hat die Hand ausgestreckt und den Hund gestreichelt, sich an ihn gedrückt, sie hat den Kopf gesenkt und ihre Wange an die Hundeschnauze gehalten – und man hat gehört, wie der Hund ausatmete, aufatmete, er knickte in den Beinen ein, zitterte nicht mehr. Marta hat den Arm um ihn geschlungen, und fast sofort sind dem Welpen die Augen zugefallen. Branimirs Fell hat sich wärmer angefühlt als erwartet, die kurzen starken Haare, glatt, wie gewachst. Als Marta an diesem Abend einschläft, liegt sie noch auf dem Wohnzimmerteppich. Nach einer Weile wacht sie wieder auf und geht schnell in ihr Bett.       . Es ist ja auch selten, dass Ende November die Sonne scheint, der Busfahrer lächelt, nicht nur im Unterricht sind heute alle Gleichungen aufgegangen. Erst als sie ausgestiegen ist, zum Haus geht, im Treppenhaus die wenigen Stufen hinaufläuft, erst als sie den Schlüssel nimmt und die Tür aufschließt, gesteht sie sich ein, worauf sie sich freut. Sie haben einen Hund, seit gestern. Wie wird

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Branimir sie begrüßen? Sie freut sich darauf, dass er auf sie zustürmt, bellt, mit dem Schwanz wedelt und an ihr hochspringt. Sie lächelt und freut sich sehr. Nur dass nichts dergleichen passiert. In der Wohnung ist es finster. Marta betritt das Wohnzimmer und schaltet das Licht an. Sie sieht Henning am Fenster stehen, mit dem Rücken zu ihr. Er dreht sich nicht um. Marta geht in die Küche. Branimirs Körbchen ist verschwunden, auch das Spielzeug kann sie nirgendwo entdecken, und selbst das Trockenfutter ist fort, genauso wie der Hund. Als sie zurück ins Wohnzimmer gehen will, stößt sie mit dem Fuß gegen den Hundenapf aus Edelstahl. Den Napf hat Henning wohl vergessen.

Sie möchte etwas tun. Sie wird sonst verrückt, sie denkt an Hennings Worte: Wenn nicht bald etwas Drastisches passiert … Sie stellt sich vor, wie sie die Adresse der Züchterin herausfindet. Sie könnte hinfahren, Branimir den Napf bringen. Sie könnte sich wieder zu ihm auf den Boden legen, diesmal in seinem Zwinger, oder ihn befreien, mit ihm zusammen Wege suchen, links herum, rechts herum. Aber was sie dann tatsächlich tut, entspricht ihr viel mehr. Es dauert nur Minuten, bis sie die Bank an der Hauptstraße erreicht. Dort erklärt sie der Frau am Schalter, dass sie ein Sparbuch eröffnen möchte, um jeden Monat eine feste Summe einzuzahlen. Was gibt es da für Möglichkeiten? Die Frau lächelt sie an. „Wie alt sind Sie denn“, fragt sie, „oder kann ich noch du sagen? Und worauf soll gespart werden?“ Marta starrt auf die glatte, leicht gemusterte Oberfläche der Theke. Darauf, dass sie mit achtzehn ausziehen kann? „Ich weiß es nicht“, sagt sie endlich. „Vielleicht will ich irgendwann eine Reise machen, ganz weit weg …“ Das professionelle Lächeln der Frau verschwindet, sie schaut fragend. Marta legt die Hände flach auf die Theke und schluckt. Noch einmal muss sie schlucken. Nicht weinen. Schon gar nicht hier. Man weint nicht, wenn es um die Zukunft geht.

   . Die Züchterin stand am Zaun und ließ sich den Hund hinüberreichen. Sie hat Henning nur die Hälfte des Kaufpreises erstattet, und für das Körbchen und das Spielzeug keinen Cent, weil sie benutzt waren.    , bis er zu Ende geredet hat, bevor sie in ihr Zimmer geht. Minuten später verlässt sie fast lautlos die Wohnung.

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FLEISCH -

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Okay, auf Facebook fragen wir euch das bei jeder Ausgabe. Aber jetzt, wo doch das Heft so neu ist („Neustart“, ihr erinnert euch?), fragen wir auch im Heft. Also: Schon mal über ein Abo nachgedacht? Es kostet nicht die Welt (25 Euro für sechs Ausgaben, für Studenten 20, Anm.), bringt euch einen in Geld nicht aufwiegbaren Vorteil (ihr verpasst garantiert keine Ausgabe), und, okay, es macht auch uns das Leben angenehmer. Weil wir durch Abonnenten in unserem Fleisch-Turm mitbekommen, dass es Menschen gibt, die genau die gleichen Dinge toll finden wie wir. Und das finden wir ziemlich sexy. Gerade jetzt, so mitten in der Neustartphase.

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KR SE? WELCHE KR SE?

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Vielleicht klingt das jetzt kompliziert, höchstwahrscheinlich ziemlich gierig und auf alle Fälle uncharmant. Wir sagen es trotzdem: Wir hätten gerne 25 Euro pro Jahr mehr von euch. Um diese 25 Euro, umgerechnet sechs Bier in einer besseren Kneipe, sechs Schachteln Zigaretten in jeder Trafik oder ein Hardcover-Buch, das nicht von der Resterampe kommt, seid ihr dann Mitglied in unserem neuen Fleisch-Club. Und das kann dann doch ziemlich charmant werden. Denn was ist der Fleisch-Club? Wir werden in diesem Jahr vier bis fünf zusätzliche Produkte entwickeln. Das können Bücher sein wie das gerade erschienene „Kr_se? Welche Kr_se?“ oder neue Magazine, DVDs, CDs, Poster und vieles mehr. Die Idee dahinter ist, dass es viele Geschichten gibt, die uns interessieren, die sich aber gar nicht in ein Magazin drucken lassen. Wir wollen sie dennoch erzählen, weil wir sie spannend finden. Diese Produkte gibt es exklusiv für die Mitglieder des Fleisch-Clubs. Die daher vier- bis fünfmal im Jahr von uns Post erhalten werden. Zusätzlich zu den Heften. So gesehen ist es vielleicht doch nicht kompliziert und 25 Euro sind dann nicht zu gierig. Und allein die Dinge, die wir für dieses Jahr geplant haben, sind sehr charmant. Alle weiteren Infos gibt es unter www. f leischmagazin.at . Oder unter

club@fleischmagazin.at

DIE KRISEN DES CHARLIE SHEEN

1965

1978

* in New York City

1990 1990

1992

1995 1996

1998

2006

2009

2011

Charlie Sheen ist dabei, als sein Vater Martin Sheen für »Apocalypse Now« vor der Kamera steht. Der notorisch zugedröhnte Dennis Hopper dürfte einen bleibenden Eindruck auf den damals Dreizehnjährigen gemacht haben.

Charlie Sheen wird häuslich und heiratet das Model Donna Peele. Fünf Monate später lassen sich die beiden scheiden. Sheen war während der kurzen Ehe ein guter Kunde eines Escort services.

Charlie Sheens Ehe mit der Schauspielerin Denise Richards wird geschieden. Drogenexzesse und Gewaltandrohungen gegen seine Frau haben den Ausschlag gegeben.

Charlie Sheen lebt mit der vormaligen Pornodarstellerin Ginger Lynn zusammen. Auch nach dieser Beziehung trifft Sheen mit Vorliebe ExKolleginnen seiner Ex-Freundin.

Charlie Sheen hat wieder eine Freundin, die Pornodarstellerin Brittany Ashland. Nachdem er sie krankenhausreif prügelt, verlässt Ashland Sheen.

Charlie Sheens damalige Verlobte Kelly Preston (heute Ehefrau von John Travolta) wird im gemeinsamen Apartment durch einen Schuss aus Sheens Pistole getroffen. Was genau passiert war, kann keiner der beiden so genau sagen.

Charlie Sheens Kokainkonsum hat gefährliche Ausmaße angenommen. Nachdem er zu experimentieren beginnt und sich das Koks spritzt, landet er im Krankenhaus. Sheen, der zu diesem Zeitpunkt bereits wegen Drogenbesitzes auf Bewährung ist, checkt in einer Entzugsklinik ein.

Charlie Sheen ist mit seiner neuen Ehefrau, der Immobilienmaklerin Brooke Mueller, auf Skiurlaub in Aspen. Es schneit kräftig in der Herberge des Liebespaares, bevor es zum Streit kommt. Charlie Sheen wird verhaftet – er soll Mueller mit einem Messer bedroht haben.

CBS feuert Charlie. Er hatte sich unter anderem wiederholt beleidigend über Chuck Lorre, den Produzenten von »Two and a Half Men«, geäußert. Sheen nimmt es mit großer Gelassenheit: »’  ’ C S ’    «

Charlie Sheen ist wieder liiert. Er lebt mit einer Pornodarstellerin und einem Model zusammen. Nach einer TV-Homestory verliert Sheen das Sorgerecht für seine gemeinsamen Söhne mit Brooke Mueller.

eine Idee von

0|28 DER FLEISCHKR ISENALMANACH

Charlie Sheen randaliert betrunken und auf Kokain im New Yorker Plaza Hotel und attackiert ein Callgirl. Ein paar Wochen darauf reicht Sheen die Scheidung von Brooke Mueller ein.

0|29 DER FLEISCHKR ISENALMANACH

DAS SAGT UNSER GRIECHE I »Dieses Taxi ist 750.000 Kilometer ohne Probleme gefahren. Warum sollte es jetzt kaputtgehen?«

EIN HOCH AUF DIE ARBEIT Im Mittelteil ihrer Rede vor dem 26. ordentlichen ÖAAB-Bundestag wurde Johanna Mikl-Leitner dann schon etwas zorniger.

Abb. 1: Der Bart

»Wir alle wissen, dass Arbeit und Leistung das Leben erfüllt. Dass Arbeit Sinn stiftet. Dass Arbeit Teil einer positiven Lebensgestaltung sein kann – und sein muss. Und ich sag euch: Wer ernsthaft daran zweifelt, soll einfach hinausgehen und soll jemanden fragen, der auf Arbeitssuche ist. Der kann euch genau erklären, wie es ist, Arbeit zu suchen. Und wie sehr sich die Menschen sehnen nach Arbeit, nach einem sinnerfüllten und vor allem einem selbstbestimmten Leben. Abb. 3: Die Uniform Abb. 2: Der Hut

Abb. 4: Der Armschmuck

Ja, wer arbeitet, wer etwas leistet, der kann und soll sich auch etwas leisten, und der soll sich vor allem auch im Leben etwas aufbauen. Denn nur so, liebe Freunde, kann unsere Gesellschaft letztendlich funktionieren. Wir wissen aber auch, dass nicht jede und jeder arbeiten kann. Wir wissen auch, dass nicht jede und jeder etwas leisten kann. Und dafür gibt es im Leben sicherlich die unterschiedlichsten Gründe. Und hier gilt es für uns alle natürlich, die Menschen zu unterstützen, ihnen Hilfe zu geben, ihnen unter die Arme zu greifen. Und gerade hier sind wir gerne das soziale Gewissen in diesem Land. Und ihr alle wisst: In den allermeisten Fällen geht es hier um Hilfe auf Zeit. Die Hilfe soll den Menschen einfach neue Chancen und neue Perspektiven eröffnen, Hilfe zur Selbsthilfe sein, aber nicht Hilfe zur Selbstaufgabe bzw. Hilfe auf ewig.«

Abb. 5: Die Franzmann-Mütze

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DER FLEISCHKR ISENALMANACH

DER FLEISCHKR ISENALMANACH

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Platz Hirsch Abonnements 2012/2013 Jetzt erhältlich Burgtheater ² Abonnement-Abteilung Dr. Karl Lueger-Ring 2 ² 1010 Wien ² Tel. +43(0) 1 51444-4178 ² Mail: abonnement@burgtheater.at www.burgtheater.at


Das   a ktuelle WALD

J E T Z T   I M   H A N D E L

...pssssssssssst WA L D E X K LU S I V !

CH! KNUTS

30 – 38 WALD EXKLUSIV!

WA S S I E I M M E R S C H O N Ü B E R D A S N AT Ü R L I C H S T E D E R W E LT W I S S E N W O L LT E N . TEXT: ROSA SCHABERL

der

Sie will es wieder wissen!

SEX

Die Wildsau hatte in den vergangenen Wochen gut zu tun, wie unser Paparazzi festgestellt hat. Offenbar hat sie, wie immer um diese Jahreszeit, als Anführerin ihrer Rotte die Paarungszeit eingeläutet. Ganz schön verrückt, diese Wildschweine, bei denen Chefin und Entourage die Keiler gleichzeitig empfangen. Wobei, nein, so kommen die Frischlinge immerhin gleichzeitig zur Welt. Geteiltes Aufzuchtleid ist halbes Leid!

„The winner takes it all“

derTiere

In der Pose-‐Position!

Die Birkhähne hingegen haben es jetzt erst vor sich. Wie immer werden sich alle Männchen einfinden und im Wald-Stadion mit ihren Schaukämpfen beginnen. Über mangelnden weiblichen Zuspruch können sie sich nicht beklagen. In der Regel sind die Besuchertribünen bis auf den letzten Platz gefüllt. Real gefightet wird übrigens nicht: Der stärkste Birkhahn (siehe Archivaufnahme) hatte unter den Chicks den First Pick.

MR. UNIVERSE

Im Frühling geht es bei den Tieren ums Überleben. Oder besser: Um die Nachkommenschaft. Wir haben uns umgesehen, was dann so passiert. Top-exklusiv: Der große Wald & Wiesen-Report.

Wald im Frühling 2012

80 – 89 NATUR & KUNSTGESCHICHTE PFLANZEN UND IHRE DOPPELGÄNGER

Der kleine Unterschied Gerade im Frühling sind Pflanzen schön wie Bilder. Wie bei Bildern in der Kunst fällt es manchmal schwer, die Pflanzen auseinanderzuhalten. Aber anders als in der Kunst ist eine Verwechslung nicht nur imagemäßig peinlich, sondern schlägt richtig auf den Magen. Wenn man statt Bärlauch ein Maiglöckchen in den Salat gibt zum Beispiel.

U . A .  M I T   D I E S E N   GESCHICHTEN

TEXT: NORA DEJACO ILLUSTRATION: PHILIPP HANICH

Ab nun rentiert sich Wald-Besitz. Wie blaue Felder. Zusätzlich: Industrie, Energie und Infrastruktur müssen Anfangsinvestition wiederholen. Technologie zahlt 250,-, Entertainment geht an Bank, Medien wird versteigert, Finanz verliert 40 % des gesamten Vermögens. ZIEL

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S C H L A U E R   W E R D E N   M I T   F L E I S C H

1.)  Im  Jahr  vor  seiner  Hochzeit  am  22.10.2005  traf  sich  Karl-Heinz  Grasser  3x  die  Woche  mit  seiner   Freundin  Fiona  im  Haus  ihrer  Mutter.  Bei  jedem  Besuch  gab  ihm  Fiona  1.000  Euro,  um  fßr  die  Kinder   Eis  zu  kaufen.  Retourgeld  verlangte  sie  nie.  KHG  revanchierte  sich  mit  einem  Sofa,  das  er  Fiona  beim   vierten  Besuch  schenkte.  Darauf  lßmmelt  Fionas  Mutter  nun  jeden  Abend.  Und  jeden  Abend  fällt  ihr   beim  Lßmmeln  ein  wenig  Kleingeld  aus  der  Tasche.  Damit  die  Schwiegermutter  in  spe  trotzdem  bequem   liegen  konnte,  sammelte  KHG  das  Geld  bei  jedem  Besuch  vom  Sofa  ein.

Wie  viel  Geld  verliert  Fionas  Mutter  durchschnittlich  jedes  Mal  beim  Rumknotzen  auf  dem   Sofa,  wenn  Karl-Heinz  jeweils  10  Euro  fßrs  Eis  ausgegeben  und  zwei  Wochen  vor  der  Hochzeit  500.000  Euro  fßr  sein  Konto  bei  der  Meinl-Bank  gesammelt  hat?

2.)  Das  Geld  transferierte  Grasser  persĂśnlich  vom  Wohnsitz  seiner  Schwiegermutter  in  Oberägeri   (Schweiz)  zur  Meinl-Bank  nach  Wien.  Grasser  fuhr  die  Strecke,  insgesamt  knapp  800  Kilometer,  davon   die  ersten  250     Kilometer  auf  BundesstraĂ&#x;en,  mit  seinem  Porsche  Cayenne,  der  elf  Liter  Super  auf  100   Kilometer  verbraucht.  Weiters  wissen  wir,  dass  KHG  jede  Stunde  fĂźnf  Minuten  Pinkelpause  einlegte   und  dabei  15  Euro  fĂźr  Red  Bull,  Wurstsemmeln  und  Zigaretten  ausgab.  Tanken  muss  er  alle  500  Kilometer,  was  bei  einem  Spritpreis  von  1,30  Euro  und  einem  TankvermĂśgen  von  85  Litern  ganz  schĂśn  ins   (FMEHFIU#FJEFS"CGBISUJO8JFOIBUUFFSWPMMHFUBOLU6OEEBOOXJTTFOXJS EBTT'JPOB1BDJĹ…DP Grasser  immer  dann,  wenn  Grasser  in  Oberägeri  mit  einer  Durchschnittsgeschwindigkeit  von  150  km/h   auf  der     Autobahn  und  120  km/h  auf  der  BundesstraĂ&#x;e  losbrauste,  in  Wien  ebenfalls  ins  Auto  stieg  und   ihrem  Mann  entgegenfuhr.  Weil  sie  dafĂźr  den  Familien-Jaguar-Kombi  benĂźtzte,  war  sie  um  ein  Drittel   langsamer  als  KHG.

a)  Nach  wie  vielen  Stunden  trafen  sich  die  beiden?   b)  Wie  viel  Geld  hatte  Grasser  da  noch  fßr  ein  Mittag   essen    in  der  Tasche,  wenn  ihm  vor   der  Abfahrt  die  Schwiegermutter  2.000  Euro  fßr  Sprit  und  Jause  zugesteckt  hatte?

3.)  Wenn  man  den  Wiener  Stadtplan  als  Grundlage  fĂźr  ein  Koordinatensystem  nimmt,  dann  liegt  Walter  Meischbergers  DĂśblinger  Villa  am  Punkt  A  (5/7),  KHGs  Penthouse  noch  in  der  BabenbergerstraĂ&#x;e  am  Punkt  B  (2/3)  und  Peter  Hocheggers  BĂźro  am   Stadtpark  auf  Punkt  C  (6/2).  

Auf  welchem  Punkt  mĂźssen  sich  die  Ermittler  der  Sonderkommission  Buwog  mit  ihren  Richtmikrofonen  postieren,   damit  sie  alle  drei  Domizile  gleich  gut  abhĂśren  kĂśnnen   (heiĂ&#x;t:  damit  sie  gleich  weit  entfernt  sind)?

4.)  KHGs  Anwalt  Manfred  Ainedter  verrechnet  seinem  Klienten  pro  Stunde  350  Euro,  Schriftsätze  an   das  Gericht  werden  mit  pauschal  1.000  Euro  abgegolten,  Telefonate  mit  dem  Klienten  schlagen  sich  mit   160  Euro  pro  Anruf  zu  Buche.  Dazu  wird  KHG  ein  Stammkundenrabatt  gewährt,  heiĂ&#x;t:  Jeder  10.  Schriftsatz   und  jedes  15.  Telefonat  ist  gratis.  Ainedter  verteidigt  Grasser  bereits  seit  drei  Jahren.  Dabei  sind   pro  Woche  durchschnittlich  fĂźnf  Telefonate,  vier  BĂźrostunden  und  ein  Gerichtsschriftsatz  angefallen.

Wie  lange  kann  KHG  sich  Manfred  Ainedter  noch  leisten,  bis  die  500.000  Euro  von  der   Schwiegermutter  verbraucht  sind,  die  ßbrigens  seit  der  Einlage  2005  mit  fßnf  Prozent   verzinst  sind?

Zusatzaufgabe:  Bei  welchem  Aufdeckungsjournalisten  kÜnnen  die  Ermittler  ihre  AbhÜr   protokolle  am  schnellsten  deponieren,  wenn  die  Redaktionen  wie  folgt  in  der  Stadt  verteilt   UKPF(NQTKCP-NGPM(CNVGT  /KEJCGN0KMDCMJUJRTQěND\Y#UJYKGP5CPMJQNMCT(QTOCV (8/2),  Rainer  Fleckl,  Kurier  (0/4)

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