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Revista de Navidad 2017

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LA VENTANA EN NOCHEBUENA ■ DAS FENSTER AN HEILIGABEND ■ THE CHRISTMAS EVE WINDOW draußen. Es war dasselbe Bild. Ich wartete auf den Mann mit dem Mantel. Und fast immer kam er, so als wäre er derselbe. Aber dann änderte sich alles sehr! Ich heiratete und zog in eine andere Stadt. Ich bekam zwei Töchter. Meine Tante starb und kurz danach kam auch mein Onkel nicht mehr zum Heiligabend. Meine Eltern waren inzwischen recht alt. Meine Geschwister und Vettern zerstreuten sich und gingen am Heiligabend zu anderen Weihnachtsessen. Und auch ich kam eine Zeit lang nicht mehr. Bis dann mein Vater starb. Das war ein Wendepunkt mit einer gewissen Neugruppierung der Familie. Immer noch die Anrichte und der Tisch, aber jetzt noch stiller. Wir alle wussten, dass es nicht mehr dasselbe war. Es gab keine Weihnachtslieder mehr und auch keine Glaskugeln. Das Haus war keine sichere Zuflucht mehr. Das Leben war mit seinen Problemen hier eingedrungen. Ich blickte wieder zum Fenster hinaus und verstand den Mann mit dem Mantel ein bisschen besser. Vielleicht hatte auch er einmal Weihnachten gefeiert. Bevor er sich in ein Gespenst in der städtischen Einsamkeit verwandelte. Mein Leben wurde immer komplizierter. Ich wurde geschieden, verlor meine Arbeit. Meine Töchter zogen fort. Ich blieb alleine. Ich hatte mich an den stillen Gang, die Zimmer ohne Menschen, diese unendlichen Nächte gewöhnt und verstand meine Mutter so gut wie nie zuvor. Ich ging an Heiligabend wieder zu ihr. Das war noch viel trauriger. Da saßen wir, sie und ich, in dem halbdunklen Haus. Mit den Möbeln aus anderen Zeiten, mit den Erinnerungen. Wir stießen mit einem Schlückchen Sekt miteinander an, jeder verloren in seinen Gedanken. Meiner Mutter fiel es schwer, sich zu bewegen, der Morgenrock streifte über den Boden, sie gähnte und ihr war kalt. Wir sahen noch eine Weile fern, bis ihr die Augen zufielen.„Also, Schätzchen, ich glaube, ich gehe ins Bett“, meinte sie. Und ich zog meinen Mantel an und ging ohne Eile zurück zu meiner Wohnung, wo nie-

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mand auf mich wartete. Die Nacht war unangenehm, windig und eisig. Als ich hinausging, erinnerte ich mich plötzlich an den Mann im Mantel. Ich blickte nach oben zu den Fenstern in den Gebäuden, die alle erleuchtet waren. Und dann verstand ich es: Jetzt war ich der Mann im Mantel! Meine Mutter starb kurz nach einem Heiligabend, und ihre Wohnung war nicht mehr länger die Wohnung meiner Kindheit. Jetzt bin ich es, der nachts herumläuft und nach oben sieht. Hinauf zu dem Fenster, aus dem ich nie wieder hinaussehen kann. Aber ich habe den Sinn dieses Fests verstanden. Es ist das Mittel, zurückzukehren. Ein Bild zurückzuerlangen, das in der Vergangenheit hängt. Sich an den Tisch inmitten all der Lichter zu setzen. Zu einem Heiligabend in der Kindheit zurückzukehren. Dieser Abend wird immer da sein, er erwartet dich im Gedächtnis. So als wäre die Zeit nie vergangenen. Um einen Augenblick lang zu vergessen, was hinter diesem Fenster ist.

The Christmas eve window

e have never been a big family. When I was a boy, it was just my parents and my aunt and uncle that would gather at the dinner table on Christmas Eve. Just us. All sitting round the dining room table. My father in his smoking jacket and patent leather slippers, and my mother, always a picture of elegance. My aunt and uncle would wear their ‘going out’clothes. Glasses of champagne, a selection of cold meats with a spun egg yolk garnish. The tree in the background, the turrón nougats and a few presents. And the window flung wide open, looking out onto a city shrouded in darkness. Christmas Eve was never the major celebration it tends to be in very large families for whom it is the perfect opportunity to meet up for a fun-filled gathering of noisy revelry. Ours were quieter, more homely affairs, even tinged with a melancholy air. Throughout my childhood I would eagerly await the end of the dinner. That was when a few token presents were handed out and we would wearily sing a few carols. Before everybody

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„Dagegen zeigte der Schatten dieses Unbekannten die Vorahnung von Unsicherheit, zur Gefahr, zur Trübsinnigkeit auf. Es war ein Teil des Lebens, den ich nicht kannte, der mir Angst machte.”

went their separate ways, I would go up to the dining room window and press my face right up against the glass until it steamed up. The city would always look practically deserted, split into two sharply contrasting images. Above, lights blazed from buildings and windows. There was a dinner going on in each flat, with shadows moving around, coloured fairy lights and lots of hustle and bustle, whilst in the street below, darkness and silence reigned. Only the odd taxi or car drove past on this very special night of the year. But wait! Suddenly, a man huddled in his overcoat turned the corner. He made his way slowly along the deserted street, like a castaway, lost at sea under the twinkling lights of a fleet of transatlantic liners. His pace was slow and he hung his head as he ambled along. Once past the traffic lights, he disappeared from view. To my childish mind, it was a real mystery. Who was he? Why wasn’t he having dinner with his family like everyone else? What was he doing out in the freezing cold in the middle of the city on Christmas Eve?

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