Theaterturm auf dem Julier, Bivio Auf dem Julierpass hat das Kulturfestival Origen einen leuchtendroten Theaterturm temporĂ€r in die karge Berglandschaft gesetzt. Er versteht sich als Synthese des griechischen Landschaftstheaters mit dem römischen Amphitheater, dem âčGlobe Theatreâș der Shake spearezeit und dem barocken Logentheater. Das Juliertheater auf 2284 m ĂŒ. M. soll die historische und kulturelle Bedeutung des Passes neu in Szene setzen. Der Ăbergang zwischen Oberhalbstein und Engadin ist ein Ort, an dem sich Geschichte verdichtet. Die Römer haben ein Passheiligtum errichtet. SĂ€ulenstĂŒmpfe belegen eine KultstĂ€tte, einen kleinen Tempel mit Kultfigur. Im Mittelalter stand eine Sebastianskapelle auf der Passhöhe. Tempel, Kapelle, spĂ€ter das Hospiz und Festungsbauten haben die Passhöhe markiert und mit Bedeutung aufgeladen. Hinter der Idee des Theaterturms steht Origen, eine Kulturinstitution, die ihren Sitz im Bauerndorf Riom hat. âčOrigenâș ist rĂ€toromanisch und bedeutet âčUrsprungâș. Origen arbeitet mit archaischen Theaterformen und interpretiert sie neu, abseits der gĂ€ngigen Formen stĂ€dtischen Kulturlebens. GrĂŒnder von Origen ist der Theologe und Theatermann Giovanni Netzer. Netzer wollte auf dem historischen Pass einen âčbabylonischen Theaterturmâș erstellen. Babylon war, so erklĂ€rt er, eine Wiege der Zivilisation. Lange bevor die Griechen und Römer die Alte Welt prĂ€gten, entstand in Mesopotamien eine Hochkultur, die uns mit dem Mythos um den gescheiterten Turmbau zu Babel bis heute prĂ€gt. Der Turm soll im Anklang daran ein Haus fĂŒr neues Welttheater sein, in dem Kultur und umgebende Natur zu einem einzigen Schauspiel verschmelzen. Die festlich-sakrale Aura des hohen Bauwerks soll auf die UrsprĂŒnge des Theaters im kultischen Spiel aufmerksam machen. AuffĂŒhrungen sollen sommers wie winters möglich sein und jeweils den Charakter der Jahreszeit aufnehmen. Zehn fĂŒnfeckige TĂŒrme aus 120âmm starkem Brettsperrholz und einer KantenlĂ€nge von 2,5âm bilden den sternförmigen Grundriss aus. Ăber die FensterbrĂŒstungen, ebenfalls in Brettsperrholz ausgefĂŒhrt, sind die einzelnen TĂŒrme miteinander gekoppelt, was zu einem globalen
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Tragverhalten und somit geringeren VerankerungskrĂ€ften fĂŒhrt. An den Verbindungsstellen sind alle Holzplatten miteinander gleichmĂ€ssig ĂŒber die LĂ€nge verteilt kreuzweise verschraubt. Die TĂŒrme wurden in ihrem Querschnitt vollstĂ€ndig und in ihrer LĂ€nge vierteilig vorgefertigt. Nach dem Transport per Lastwagen auf die wenige Kilometer entfernte Baustelle konnte das erste Turmelement auf dem Fundament verankert werden. Das zweite Turmelement wurde als Bolzenverbindung mit Bauschrauben darauf angeschlossen. Auf Höhe Erdgeschoss beherbergt ein Turm die Heiztechnik. In drei weiteren TĂŒrmen sollen in einem nĂ€chsten Bauabschnitt SanitĂ€rrĂ€ume eingebaut werden. Die weiteren TĂŒrme dienen primĂ€r der Erschliessung: Zwei TreppenlĂ€ufe fĂŒhren vom Erdgeschoss bis zum zweiten Obergeschoss. Zwei TreppenlĂ€ufe sowie ein Lift, der in einer spĂ€teren Ausbauetappe ergĂ€nzt wird, fĂŒhren ĂŒber die gesamte Höhe. Die beiden TreppenlĂ€ufe ĂŒber die Gesamt höhe dienen zudem als Fluchtweg und sind entsprechend nichtbrennbar bekleidet. Die WĂ€rme- und Stromerzeugung erfolgten ausserhalb des Turmes in einem Technikcontainer. Am Raumfachwerk in Brettschichtholz auf Höhe des Daches ist die BĂŒhne ĂŒber KettenzĂŒge aufgehĂ€ngt. Sie wurde mit Fachwerk trĂ€gern aus Aluminium und einem Belag aus Dreischichtplatten konstruiert. Ăber den Hubmechanismus lĂ€sst sich die BĂŒhne auf der gesamten Höhe des Turmes bespielen. Entsprechend der Bespielbarkeit sind die Geschosse fĂŒr die Besucheraufnahme ausgelegt. Das Erdgeschoss lĂ€sst sich um die BĂŒhne herum bestuhlen. Das erste Obergeschoss verfĂŒgt ĂŒber ZuschauerplĂ€tze in Logen, welche zwischen den TĂŒrmen angeordnet sind. Auch im zweiten Obergeschoss können die Zuschauer das Geschehen von Logen zwischen den TĂŒrmen aus betrachten. Geplant ist hier zudem der Einbau einer vom Shakespearschen âčGlobe Theatreâș inspirierten ZuschauertribĂŒne mit etwa 200 SitzplĂ€tzen. Jeweils in den Logen ist eines der vierzig Fenster angeordnet. So blickt man von den ZuschauerrĂ€ngen auf die zentrale SpielflĂ€che, aber gleichzeitig auch immer hinaus in die grandiose Berglandschaft, die den Turm umgibt.