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Der Narr: 0 Astrologische Korrespondenz: Uranus Kabbalistischer Buchstabe: a Aleph Pfad auf dem Lebensbaum: von Kether (Krone) nach Chokmah (Weisheit)

Der Narr Visconti-Sforza Tarot Tarot de Marseille Rider- / Waite-Tarot Shining Tribe Tarot

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Der Narr Was sehen wir, wenn wir den Narren anschauen? Welche Gedanken und Emotionen kommen uns in den Sinn, wenn er in einer Auslage auftaucht? Ist der Narr der weise Unschuldige, der seinen Weg durch die Welt macht? Ist er der Held all jener Märchen, in denen der törichte jüngere Bruder da Erfolg hat, wo die klugen älteren Brüder versagt haben? Ist er das Symbol des Instinkts, die Fähigkeit, völlig spontan das Richtige zu tun, das von Angst und sozialer Konditionierung unbelastete, freie Kind? Ist er die Seele, die sich bereit macht, einen Körper zu wählen, um die lange und schwierige Reise des Lebens zu beginnen? Ist er ein Symbol mystischer Perfektion? Oder ist er einfach ein Narr, eine verrückte Person, die durch die Welt stolpert? Wenn wir heutige Tarot-Deuter nach dem Narren fragen, werden die meisten von seiner Spontaneität und Freiheit, seiner Unschuld und Freude sprechen. Sie werden sagen, dass er Chancen wahrnimmt und scheinbar unmögliche Dinge tut, weil er wie die Märchenfigur aus dem Instinkt heraus handelt, ohne das Analysieren und Zweifeln, das uns so oft lähmt, wenn wir etwas Wichtiges tun müssen. Sie gehen vielleicht sogar weiter und ernennen den Narren zum Helden aller Großen Arkana, zu der Gestalt, die durch sämtliche andere Karten reist. Viele Menschen beschreiben das Tarot an sich als »Die Reise des Narren«: Ein Titel, den ich schon für Bücher, Tanzrezitationen, Ausstellungen und Workshops gesehen habe (unabhängig voneinander, jeder Veranstalter war von allein darauf gekommen). Diese Idee vom Reisenden scheint ganz einfach die natürliche Reaktion auf das Bild zu sein – jedenfalls bei modernen Tarot-Decks, auf denen wir tatsächlich einen fröhlichen, freien Geist sehen.«

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Der Narr als freier Geist ist nicht nur eine bloße Theorie. Wenn wir uns mit dem Narren identifizieren und es den Karten erlauben, ein wenig von seiner Spontaneität in uns zu entfachen, können auch wir tun, was gerade notwendig ist. Das Tarot ist beileibe nicht nur eine intellektuelle oder spirituelle Doktrin. Da es aus Bildern und Symbolen besteht, kann es auf machtvolle Weise wirken, die die normalen Kanäle unseres Denkens und Verhaltens umgeht. Ich möchte erzählen, wie ich selbst einmal für einen Moment zum Narren wurde. Mein erstes Tarot-Seminar behandelte den Narren; damit begannen meine monatlichen Kompaktkurse, die ich in Folge über fünfzehn Jahre in New York City abhielt. Den ganzen Abend lang redeten wir über den Narren, tauschten unsere Erfahrungen über seine Bedeutung in Legungen und im Alltag aus. Wir betrachteten Beispiele aus verschiedenen Tarotdecks, experimentierten mit Auslagen, die vom Narren inspiriert waren – am Ende dieses Kapitels findet sich eine davon – und gruben etwas von seiner Geschichte aus. Als der Kurs etwas später als geplant beendet war, raffte ich meine Sachen zusammen und preschte nach unten. Mir blieb nur wenig Zeit, zum Bahnhof zu kommen und meinen Zug nach Hause zu erwischen. Ich lebte etwas außerhalb der Stadt. Natürlich war ich spät dran, unter Einfluss des Narrens ist es schwer, die Uhr im Auge zu behalten. Bahnhöfe sind jedoch nicht närrisch, sondern eher Vorposten des Herrschers. Und hätte ich den Zug verpasst, wäre es eine sehr lange Nacht geworden. Damals fand der Kurs in einer Wohnung an der Kreuzung 2. Avenue / 34. Straße, zwei der belebtesten Straßen New Yorks, statt. Als ich nach unten kam, sah ich ein Taxi an der Ampel auf der anderen Straßenseite halten. In New York haben alle Taxis Medaillons – wie magisch das klingt – mit ihrer Nummer auf dem Dach. Dieses Taxi hatte die Nummer 722. Nun ist die Sieben die Zahl der Karte Der Wagen, und ein schneller Wagen war genau das, was ich jetzt brauchte. Gleichzeitig ist 22 nicht nur die Gesamtzahl der Großen Arkana, es ist auch die Zahl des Narren. Eindeutig war dies Taxi für mich bestimmt. Das Problem war nur: Wenn ich wartete bis die Ampel umschaltete, würde es in die falsche Richtung losfahren und ich würde es verpassen. Und es war kein anderes Taxi in Sicht. Also rannte ich auf die Straße. Die 34. Straße (3 + 4 = 7 – die Nummer des Taxis) hat fünf Spuren, alle voller schnell fahrenden Autos und Lastwagen. Ich war schon auf halber Strecke, als ich hörte, wie Menschen vom Bürgersteig hinter mir herschrien. Ohne nachzudenken war ich einfach in den Verkehr gerannt. Die Leute schrien nicht vor Wut, sondern vor Angst und Überraschung. Ich rannte weiter, duckte mich zwischen den

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beschleunigenden Autos durch, bis ich die andere Seite und mein Wagen-Narren-Taxi erreicht hatte, das mich zum Zug brachte. Sicherlich hätte ich das niemals getan, hätte ich nicht den ganzen Abend unter dem Einfluss des Narren gestanden. Das heutige Standardbild des Narren als fröhlicher Unschuldiger, der sich auf eine Reise begibt, stammt ursprünglich von Arthur Edward Waite und Pamela Colman Smith. Die Arme ausgestreckt, glücklich und sorglos, scheint der Narr im Waite-Tarot kurz davor, von einer Klippe zu fallen. Er hat keine Angst, einfach weil er niemals gelernt hat, Angst zu haben. Im Shining Tribe Tarot habe ich das buchstäblich auf die Spitze getrieben. Statt eines Jünglings am Rande einer Klippe sehen wir ein kleines Kind durch die Luft fliegen. Es wollte gar nicht fliegen, sondern nur einem Vogel folgen. Nicht nur der Instinkt treibt den Narren, denn der dient nur zur Befriedigung unserer Grundbedürfnisse, wie Hunger und Sicherheit. Nein, der Narr folgt ganz selbstverständlich einem Pfad des Entzückens und der Faszination. Nachdem ich das Bild gemalt hatte, traf ich eine Frau, die mir von der Lehre eines indianischen Stammes erzählte. Danach tragen wir alle ein spirituelles Kind in uns, das uns zum Fliegen bringt, wenn wir es nur kennenlernen und akzeptieren. Etwas später erinnerte ich mich an etwas, woran ich viele Jahre lang nicht gedacht hatte. Als ich acht oder neun Jahre alt war, beschloss ich, fliegen zu können, wenn ich nur wirklich daran glaubte, ohne Zweifel oder Angst oder Sorge. Und es war sehr klar, warum ich diesen Glauben nicht aufbringen konnte: Die Erwachsenen hatten mir gesagt, es sei unmöglich zu fliegen. So verstand ich in meiner kindlichen Art die gegebenen Einschränkungen. Denn Fliegen war lediglich ein Symbol für all die Dinge, von denen meine Eltern und meine Kultur mir sagten, sie seien unmöglich. Ich bin bis heute noch nicht (ohne Hilfsmittel) geflogen, aber ich habe einige Dinge getan, die manche Menschen für unmöglich halten würden. Dazu gehörte auch, über fünf Spuren durch den Verkehr Manhattans zu rennen. Um das Bild des Narren ranken sich tiefe und vielschichtige Gedanken, die wir gleich untersuchen werden. Erst einmal sollten wir jedoch etwas betrachten, das als solches genauso befremdlich ist wie ein fliegendes Kind. Nämlich die Frage, wie es überhaupt dazu kam, dass der Narr Reinheit und Unschuld symbolisiert. Werfen wir einen Blick auf zwei sehr frühe Darstellungen, das Visconti-Sforza Tarot und das klassische Tarot de Marseille, das lange als Standard der TarotSymbolik galt.

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› Visconti-

Sforza Tarot & Tarot de Marseille Der Narr

Beide wirken nicht glücklich, fröhlich oder abenteuerlustig, sondern eher verwahrlost und betäubt. Im Tarot de Marseille sehen wir anstelle eines verspielten Hündchens eine Katze, die den Narren beißt. So jemand existiert in unserer Welt, aber nicht als freier Unschuldiger. Stattdessen begegnet uns diese Version des Narren als obdachloser Verrückter, der von der Gesellschaft und den eigenen Wahnvorstellungen von Ort zu Ort getrieben wird. Schauen wir uns nun die ersten dem Narren zugeordneten Bedeutungen an. Wir beginnen im Jahr 1750 und wandern bis hin zu Arthur Edward Waite, der erst unter dem Pseudonym »Grand Orient« schrieb und später unter seinem eigenen Namen das Begleitbuch zu jenem Tarot veröffentlichte, das uns eben jenes neue Leitbild des heiteren Narren mit seinem süßen Hündchen schenkte.

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Einige Bedeutungen des Narren Auszüge aus Paul Huson Mystical Origins of the Tarot Pratesis Kartenleger (1750): Wahnsinn. De Mellet (1781): Wahnsinn. Lévi (1855): Das empfindsame Prinzip, das Fleisch, ewiges Leben. Christian (1870): Arkanum 0. Sühne. Die Strafe, die jedem Fehler folgt... Schicksal und die unvermeidbare Sühne. Mathers (1888): Der närrische Mensch. Narrheit, Sühne, Wankelmut. Umgekehrt: Zögern, Instabilität, daraus resultierender Ärger. Golden Dawn (1888–96): Der Geist des Äthers. Närrischer Mensch. Gedanke, Spiritualität. Das, was danach trachtet, sich über das Materielle zu erheben. Aber wenn die Divination das gewöhnliche Leben betrifft, ist die Karte nicht gut und zeigt Narrheit, Dummheit, Exzentrizität und sogar Wahnsinn, es sei denn in seiner Umgebung liegen sehr gute Karten. Grand Orient (Waite 1889, 1909): Der Narr symbolisiert die Vollendung all dessen, was existiert, wenn das, was seine Initiation bei Null auslöste, das Ende aller Nummerierung und Existenz erreicht. Diese Karte läuft durch alle Zahlen-Karten und wird in jeder gewandelt, so wie der ursprüngliche Mensch, der die Welten der unbedeutenden Erfahrungen und die Welten höherer Errungenschaften durchquert. Waite (1910): Der Narr. Torheit, Wahnsinn, Übertreibung, Vergiftung, Delirium, Tobsucht, Verrat. Umgekehrt: Nachlässigkeit, Abwesenheit, Auflösung, Unvorsichtigkeit, Erschöpfung, Unwirksamkeit, Eitelkeit. Es gibt Hinweise auf unseren wunderbaren Unschuldigen, aber für die meisten der historischen Deutungen spricht das Bild von Narrheit und sogar Wahnsinn. Wie kam es zu diesem Wandel? Zum Teil liegt die Antwort im Namen der Karte. Das französische le Fou und das italienische il Matto bedeuten tatsächlich »der Wahnsinnige«. Für einige ältere Kommentare steht er unter dem Einfluss des Mondes, was soviel wie »irre« und »mondsüchtig« heißt. Wandeln wir jedoch Fou in Fool (Narr / Tor) um, nähern wir uns zwei machtvollen Traditionen: dem heiligen Toren und dem Hofnarren.

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Der heiligen Tor bezeichnet einen von Gott berührten Einfaltspinsel, jemanden, der tiefgründige Dinge sagen oder tun kann, weil er nicht wie wir anderen ist, nicht »normal«. Der Hofnarr ist keine heilige Gestalt, aber auch er kann Dinge sagen und tun, die andere Personen der Gesellschaft sich nicht leisten können, wie zum Beispiel den König zu provozieren. Genau wie der Narr im Tarot hatte der Hofnarr keinen festen Platz in der Hierarchie. Er war geringer als der Adel und hatte dennoch eine gewisse Freiheit, denn versteckt hinter seinen Scherzen konnte er Dinge sagen, die sich weder Ritter noch Dame getraut hätten. In Shakespeares großem Meisterwerk King Lear wagt nur der Narr die Wahrheit zu sagen. Gleichzeitig verkörpert auch Lear in seiner Seelennot über den Umsturz all dessen, an das er glaubte, jenen anderen Narren oder Fou: einen obdachlosen Verrückten, der seinen Schmerz in den Sturm schreit. Tarot-Forscher glaubten früher, der Joker im normalen Kartenspiel sei ein Überbleibsel des Narren und somit der Beweis, dass gewöhnliche Karten eine gekürzte Version des Tarot seien. Der Joker erscheint normalerweise als Hofnarr, und wenn wir den klassischen le Fou im Tarot de Marseille betrachten, sehen wir, dass auch er trotz seines zerlumpten Zustands die Schecken und Schellen eines Hofnarren trägt. Trotzdem deutet die Forschung eher darauf hin, dass der Joker eine eigenständige Schöpfung ist, die aus einem »Gentlemen’s Club« in New York im 19. Jahrhundert stammt. Zugleich gibt es aber genügend Übereinstimmungen, um zu sagen, dass der Narr wie auch der Joker von demselben Archetyp abstammen: eine Figur, der es gewisse Macht verleiht, dass sie keinen festen Platz in der regulären Struktur der Gesellschaft hat. Im Mittelalter, einer Zeit starrer sozialer Klassen, erlaubte es der Karneval, Masken und Kostüme anzulegen und wenigstens ein paar Regeln zu brechen. Oftmals krönte das Stadtvolk einen Bettler oder jemand Verrückten zum König der Narren. Im heutigen Kartenspiel l Tarocchi ist der Narr, le Fou, nicht wirklich Teil der Großen Arkana. Er steht allein, unfähig, eine andere Karte zu erhaschen. Doch kann er selbst auch nicht gefangen genommen werden. Wenn man den »Stich« nicht gewinnen kann und keine wertvolle Karte opfern möchte, spielt man den Narren aus. Während der Gewinner des Stichs dann die Karten abräumt, kehrt le Fou zum Spieler zurück, als ob er dem Netz davon getanzt wäre, das die anderen Karten eingefangen hat. Der Joker hat keine eigene Identität. Stattdessen wird er zu allem, was neben ihm liegt. Lege ihn neben ein Ass und du hast zwei Asse. Lege ihn neben zwei Siebenen und du hast drei Siebenen. Es gibt Menschen, die die Identität derer übernehmen, mit denen sie zusammen sind,

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und wir tendieren dazu, sie für verrückt, fou zu halten. Vielleicht sind sie das. Frei von einer unveränderlichen Identität zu sein, von der Illusion, dass unsere soziale Persona oder Rolle die Wahrheit dessen ist, was wir sind, bedeutet die Erlangung spiritueller Freiheit – das Ziel vieler Meditationen, frommer Gebete und anderer Praktiken. Der Trick dabei ist, frei zu bleiben. Der Gesunde glaubt an seine Ego-Identität. Der Verrückte ist vielleicht ohne Identität, aber nimmt dafür die Qualitäten all derer an, mit denen er zusammen ist. Der wahre Narr bleibt frei von all solch einschränkenden Glaubenssätzen. Diese wahre Freiheit zu erlangen, ist das Ziel der gesamten Großen Arkana: enge Glaubenssätze bezüglich einer eingeschränkten »Realität« abzuwerfen und einen Sinn für die Freiheit, ein freies Tanzen in dieser unserer Welt des ständig fließenden und sich wandelnden Lebens zu erhalten. Deshalb nennen wir die letzte Karte die Welt. Gleich zu Beginn schenkt uns der Narr die Vision solch einer Freiheit, oder besser: vor dem Beginn, denn der Narr geht als Null allen anderen Zahlen voran. In der Schule lernen wir oft eine interessante mathematische Spielerei: Nehmen wir eine völlig beliebige Zahl und dividieren sie durch Null. Das Resultat ist immer dasselbe – Unendlichkeit. Das ist so, weil in jedes Etwas eine unendliche Menge von Nichts passt. Dass die moderne Version des Magier ein Unendlichkeitszeichen, also eine seitwärts gelegte Acht, über seinem Kopf zeigt, liegt unter anderem daran, dass dies erste Etwas, das Große Arkanum I, die Erinnerung an das herrliche Nichts in sich trägt. Ein Elektron wurde einmal als »rotierendes Nichts« bezeichnet. Wir können uns also ein Elektron – oder andere »elementare« Partikel – zwar als Objekt vorstellen, doch in Wirklichkeit ist es eher ein Seinszustand. Dieser Zustand trägt eine rotierende Eigenschaft in sich. Wir können daher unser modernes Konzept des Narren sehr gut als »tanzendes Nichts« beschreiben. Die folgende Übung kann helfen, diesen schwer fassbaren Zustand ein wenig zu begreifen: Begebe dich an einen ruhigen Ort, an dem du dich ungestört entspannen kannst. Lege den Narren aus deinem Lieblings-Tarot vor dich hin. Eine kurze Meditation soll helfen, dich zu erden und vom alltäglichen Geschnatter zu lösen, das unseren Geist andauernd füllt. Bist du nicht gewöhnt zu meditieren, reicht es auch, still dazusitzen und tief und ohne Kraftaufwand zu atmen. Vergegenwärtige dir die verschiedenen Rollen, die du im Leben spielst – dein Job, deine Verantwortung als Vater, Mutter, Kind oder Partner. Sage dir bei jeder Rolle – oder besser, erinnere dich, denn du weißt das schon – »Das bin ich nicht. Ich bin frei. Ich bin nichts.« Denke an all die Dinge, die man über dich glaubt. An die Dinge, die dein Mann oder deine Frau so selbstsicher

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behaupten. An die Äußerungen, die deine Kinder machen, an die Meinungen deines Bosses oder deines Nachbarn. Sage dir immer wieder: »Das bin ich nicht. Ich bin frei. Ich bin nichts.« Denke darüber nach, wie du dich dir selbst gegenüber beschreibst: liebenswürdig, egoistisch, fett, gewitzt, dumm, sexy, nicht sexy, liebevoll, grausam, ein Erfolgsmensch, ein Versager, ein Heuchler – all die Begriffe, mit denen wir uns messen und selbst beurteilen. Sage dir bei jedem: »Das bin ich nicht. Ich bin frei. Ich bin nichts.« Selbst die grundlegendsten Dimensionen: eine Frau, ein Mann, ein Körper, eine Seele, ein Kind des Universums – lass sie auf die gleiche Weise los. Mache das eine Zeit lang, und du kannst an einen Punkt gelangen, der dir alles Mögliche offenbart – von »Ich bin Gott!« über »Ich bin unendlicher Glanz!« bis »Ich bin richtig blöd!«. Wenn du es lange genug machst, wirst du möglicherweise weinen oder den Kosmos umarmen wollen. Lass all diese Momente auf die gleiche einfache Weise los: »Das bin ich nicht. Ich bin frei. Ich bin nichts.« Der Narr hält sich weder für unschuldig noch frei. Er ist nur. In der weiter oben aufgeführten Liste divinatorischer Bedeutungen fällt Waite beim Narren auf die alten Ideen von Narrheit und Wahnsinn zurück. Durch seine ausführlicheren Beschreibungen war er hingegen einer der ersten, der uns ein Gefühl für die moderne Sichtweise vermittelte. »Er ist ein Prinz der Anderswelt auf seiner Reise durch diese Welt – inmitten morgendlicher Pracht, an der frischen Luft... Er ist der Geist auf der Suche nach Erfahrungen.« Und weiter: »Grand Orient macht eine sonderbare Anspielung über die mögliche mystische Funktion des Narren, die er als Teil eines Prozesses der höheren Divination sieht.« Grand Orient ist natürlich Waite selbst. Es lohnt sich, von ihm noch einmal Folgendes zu zitieren: »Der Narr symbolisiert die Vollendung all dessen, was existiert, wenn das, was seine Initiation bei Null begann, das Ende aller Nummerierung und Existenz erreicht. Diese Karte läuft durch alle Zahlen-Karten und wird in jeder gewandelt, wie der ursprüngliche Mensch, der die Welten der unbedeutenden Erfahrungen und die Welten höherer Errungenschaften durchquert.« Es ist sehr gut möglich, dass dies der Ursprung der Idee der »Reise des Narren« ist. Es gibt mindestens zwei Möglichkeiten, den Narren als Reisenden zu sehen. Eine ist, dass er – wie wir alle – sein Leben in Unwissenheit über seine wahre Natur beginnt. Manche beschreiben ihn als inkarnierte Seele. In diesem Zusammenhang sollten wir beachten, dass er weder gedrückt noch gezogen oder gezwungen wird, dieser »Prinz der anderen Welt«. Er ist einfach »auf der Suche nach Erfahrungen«.

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Aus heutiger Sicht wählt die Seele einfach einen Körper aus, um in der materiellen Welt den Herausforderungen des Lebens zu begegnen. Das ist die einzige Möglichkeit des Wachstums. Der Narr beginnt daher bei 0 ohne Wissen und Erfahrung. Er entwickelt sich dann Schritt für Schritt, bis er seine volle Leistungskraft innerhalb dieses Lebens im Großen Arkanum XXI, der Welt, erreicht. Wir müssen uns freilich nicht für die Vorstellung begeistern, dass eine Seele einen Körper annimmt. Wollen wir den Narren als jemandem sehen, der durch die Erfahrungen und Herausforderungen der anderen Karten reist, können Karten wie die Liebenden oder der Eremit oder der Teufel eben als das betrachtet werden, was uns allen auf unserer Reise durchs Leben begegnet. Die Sichtweise, dass wir selbst der Narr sind und all die verschiedenen Etappen durchlaufen, kann natürlich ebenfalls als »Die Reise des Narren« verstanden werden. Eine etwas andere Sicht beschreibt den Narren als das in uns, das immer weitergeht und nicht bei irgendeiner Karte stehen bleibt. Das führt zurück zur Vorstellung, frei und nichts zu sein. Sonst begehen wir schnell den Fehler, zu glauben, dies oder jenes zu sein. Bin ich kreativ, so bin ich der Magier. Bin ich der Boss, dann bin ich der Herrscher. Fühle ich mich in einer zwanghaften oder gewalttätigen Beziehung gefangen, kontrolliert mich der Teufel. Der Narr ist die entscheidende und notwendige Antwort auf all diese Identifikationen: Das bist du nicht, du bist frei. Der Narr erinnert uns daran, weiterzugehen. Wenn wir die vom Wagen symbolisierte Form des Erfolgs und der Kontrolle erreicht haben, hilft uns der Narr, die innere Kraft – die Karte, die dem Wagen folgt – zu finden, um nach innen zu blicken und zu entdecken, wer wir wirklich sind. Wenn wir das getan und unser »engelhaftes« Selbst in der Mäßigkeit entdeckt haben, befreit uns der Narr, damit wir hinabsteigen und dem Teufel begegnen. Der alte chinesische Text Tao Te King scheint oft mit der Stimme des Narren zu uns zu sprechen. Laotse oder Laozi, der legendäre Autor des Werks, sagt über die menschliche Einstellung zum Tao, dem Großen Weg, in etwa: Der weise Mensch hört vom Tao und praktiziert es jeden Tag. Der Durchschnittsmensch hört vom Tao und denkt ab und zu daran. Der Narr hört vom Tao und lacht. Ohne Lachen wäre das Tao nicht, was es ist.

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Laozi sagt weiter: »Tue nichts und alles wird getan werden.« Und, wohl am bekanntesten: »Die, die wissen, sprechen nicht. Die, die sprechen, wissen nicht.« Hierbei sind keine Geheimnisse gemeint, sondern es geht um ein Bewusstsein, das nicht in Formeln und Erklärungen heruntergebrochen werden kann. Im Einklang mit dem Tao zu sein heißt, ein Narr zu sein. Das Tao ist mehr als nur eine Lebenseinstellung, es ist die eigentliche Quelle des Lebens, das perfekte Nichts, das jedem Etwas vorausgeht. In einem Abschnitt, der die ersten Großen Arkana bemerkenswert zusammenfasst, sagt Laozi: »Aus dem Tao kommt die Eins. Aus der Eins kommt die Zwei. Aus der Zwei kommt die Drei. Aus der Drei kommen die 10 000 Dinge.« In Tarot-Begriffen: Aus der 0, der Leere des Narren, kommt das Große Arkanum I, der Magier – ein Bild der Energie, die ins Dasein fließt. Diese Aktivität ruft ihren Gegenpol, die Ruhe, hervor. Somit entspringt das Große Arkanum II, die Hohepriesterin, dem Magier. Addieren wir Eins und Zwei, erhalten wir Drei. Verbinden wir also die dualen Prinzipien des Magiers und der Hohepriesterin – hell und dunkel, Bewegung und Ruhe, Bewusstsein und Mysterium – erhalten wir die Natur, die Realität. Das ist das Große Arkanum III, die Herrscherin. Der Natur entspringt das restliche Dasein: Das, was Laozi als die 10 000 Dinge bezeichnet. Warum sind wir nicht so perfekt wir der Narr? Warum bewegen wir uns nicht ohne Ballast oder Pläne durchs Leben, im Einklang mit der Natur und all dessen, was um uns herum geschieht? Warum ist es so schwer, einem Pfad des Entzückens zu folgen? Manche werden antworten, dass das Leben nun einmal schwer ist und wir ohne Arbeit nichts zu essen hätten; dass sich unsere Kinder wehtun würden, wenn wir unsere Spontaneität nicht ihren Bedürfnissen opferten. Das alles ist richtig. Der Narr repräsentiert keine praktische Herangehensweise an die Probleme des Lebens. Es sei denn, wir sind so im Einklang mit dem Lebensfluss, dass wir ohne groß darüber nachzugrübeln, das erledigen, was getan werden muss – samt aller Arbeit und Kinderbetreuung. So wird dann alles durch »nichts tun« getan. Mir ist das zuweilen gelungen und ich finde es erstaunlich, was dann alles möglich ist. Das Problem damit, wirklich so wie der Narr zu leben, reicht tiefer als die Notwendigkeit, unangenehme Dinge zu tun. Letztlich geht es beim Narren nicht darum, sich frei zu nehmen und zum Strand zu gehen. Wir können nicht wirklich der Narr sein, und wir wollen nicht der Narr sein, weil der Narr keine Persönlichkeit hat, kein Selbst. Er hat kein Gefühl des »Ich« oder, was das betrifft, des »Du« oder »Wir«. Er ist nur in Bewegung, und wer von uns könnte so leben? Wir

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können den Narren nicht einmal »erleuchtet« nennen oder frei vom Ego, weil der Narr nie ein Ego gekannt hat, von dem er sich befreien muss. Er weiß nicht mal, dass er ein Narr ist. Stellen wir uns ein neugeborenes Baby vor. Auch der Golden Dawn visualisierte den Narren übrigens als Kind. Es kommt aus dem Körper seiner Mutter aufmerksam und bewusst. Es ist fähig, mit ihr in Augenkontakt zu treten und sich mit ihr zu verbinden. Nach ein paar Stunden verlieren seine Augen jedoch den Fokus, die Aufmerksamkeit verschwindet. Eine Zeit lang scheint es nur durch materielle Bedürfnisse zu funktionieren, bis Faszination und Neugier es wieder in die äußere Welt verwickeln. Die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern ermöglichen es dieser Neugier hoffentlich, ein Bewusstsein zu entwickeln, ein Selbst. Was passiert an diesem ersten Tag? Wohin geht diese ursprüngliche Wachheit? Wenn ein Baby geboren wird, betritt es ein neues Universum. Gefühle, Erfahrungen, Informationen überfluten es, bis es nach einer kurzen Weile einfach abschaltet. So ähnlich würde es uns ergehen, wenn wir plötzlich zum Narr werden würden. Denn wir würden die Welt in ihrer Totalität erfahren, ohne die Filter der Logik, des »gesunden Menschenverstandes« und kultureller Beschreibungen der Realität. Aber warum wird uns der Narr überhaupt gezeigt, wenn er so etwas Unerreichbares und Unpraktisches repräsentiert? Teilweise, weil er es uns ermöglicht, etwas wiederzuerkennen – uns wieder dessen bewusst zu werden, was wir schon wissen: dass all unsere »Etwas« in Wahrheit »Nichts« sind, dass kein Etikett oder Maß jemals unsere wahre Essenz beschreiben kann. Das ist sehr wichtig, aber die meisten von uns vergessen es ständig. Der Narr erinnert uns daran. Fast alle Kulturen haben eine Geschichte vom verlorenen Paradies in ferner Vergangenheit. Der Narr deutet an, wie es sein könnte, in solch einem Zustand zu leben. Tatsächlich beschreiben einige Kommentare den Narren als Adam und Eva vor dem »Fall«. Wir reden nicht von Sünde und Ungehorsam hier – das gehört ins Reich des Hierophanten, sondern von der Seele in ihrer reinsten Form. Der Narr existiert nicht allein. Die Großen Arkana folgen ihm. Wir können sie als einen schrittweisen Prozess beschreiben, der dazu dient, die Perfektion des Narren zurückzugewinnen. Bis wir uns schließlich vom eingeschränkten Bewusstsein erheben und graziös in der Welt tanzen. Um eine Karte wirklich zu verstehen, müssen wir sie in Legungen sehen. Wenn wir durch das Deck gehen, denken wir vielleicht: »Ich kann den Herrscher nicht besonders leiden, aber der

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› Rider- /

Waite-Tarot Der Herrscher & Der Turm

Narr sieht Klasse aus. Ich werde wie der Narr sein.« Wie wir gesehen haben, ist es niemandem möglich, das vollständig zu tun, und sicher auch nicht ständig. Aber in uns allen kann der Narr aufblitzen, und in Legungen werden uns Augenblicke und Situationen gezeigt, wenn eine Narren-Reaktion genau richtig ist. Zu anderen Zeiten kann die Legung uns auffordern, etwas ganz anderes zu tun. Hier ein weiteres Beispiel zum Thema aus meiner eigenen Erfahrung. 1990 kaufte ich ein Haus im Hudson Valley und zog aus Europa fort, wo ich 19 Jahre lang gelebt hatte. Ich kaufte das Haus unter einem sehr starken Einfluss des Narren. Ich folgte dem Impuls, in einer mir eigentlich unbekannten Stadt zu leben und mir ein Haus zu kaufen, in das ich mich verliebt hatte. Mein Terminplan verlangte von mir, gleich nachdem ich das Haus übernommen hatte, zwei größere Workshops hintereinander abzuhalten und dann sofort nach Europa zurückzukehren, um meinen Besitz zu verschiffen.

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Während der beiden Workshops fiel der Herrscher in jeder Legung, die ich für mich machte. Es geschah immer wieder, so dass meine Schüler darüber witzelten. Ich versuchte, es zu entschlüsseln – ohne Erfolg. Fast so häufig wie der Herrscher erschien der Turm. Diese Karte kann extreme Situationen bezeichnen, symbolisiert von einem Turm, dessen Dach vom Blitz getroffen wird. Nach dem zweiten Workshop kam ich nun am Tag vor meiner Abreise nach Europa nach Hause. Als ich mich dem Haus näherte, wirkte etwas falsch, und als ich noch näher kam, registrierte mein Verstand, was es war: Ein Baum war aufs Dach gefallen. Das war der »vom Blitz getroffene Turm« wie er buchstäblicher nicht sein konnte. Und nun wurde die Notwendigkeit des Herrschers klar, denn da mein Narren-Selbst sich nun ein Haus gekauft hatte, musste ich zum Herrscher werden: ein verantwortungsvoller Erwachsener im Vergleich zum ewig närrischen Kind. Wie bereits erwähnt ist der Narr sowohl 0 als auch 22! 22 ist 2 + 2, was 4 ergibt: die Zahl des Herrschers. Vielleicht hatte ich Narren-Glück, denn der Schaden war nur oberflächlich und meine Versicherung meinte, sie würde die Schadensmeldung in meiner Abwesenheit bearbeiten können. Wenn ich zurückkäme, könnten dann die Reparaturen durchführt werden. Ich hatte verstanden, dass es eine Zeit für den Narren und eine für den Herrscher gibt. Tarot hilft uns, diese Dinge zu erkennen. Bisher haben wir den Narren als erste Karte betrachtet. Die Tarot-Tradition hat ihn nicht immer dort platziert. In Levis kabbalistischem System, das auch heute noch von vielen befolgt wird, kommt der Narr als vorletzte Karte, zwischen Gericht und der Welt. Wir werden diesen Gedanken noch näher betrachten. Hier sei gesagt: So, wie der Narr in einen Körper springt – oder anders ausgedrückt, ins gewöhnliche Bewusstsein –, so müssen wir am Ende der schrittweisen Reise durch die Großen Arkana einen weiteren Sprung machen – diesmal in das totale Bewusstsein der Welt. Die Position des Narren wird sehr wichtig, wenn wir mit den Karten kabbalistisch arbeiten, das heißt sie als Pfade auf dem Lebensbaum betrachten. Machen wir den Narren zur letzten Karte, zur vorletzten wie es Éliphas Lévi getan hat, oder zur allerersten, wie es der Golden Dawn machte? Die erste Karte entspricht dem ersten hebräischen Buchstaben Aleph. Für mich hat der Narr als Aleph immer viel Sinn gemacht. Betrachten wir seine Form:

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Der Lehrer und Autor Avigayil Landsman bemerkt, dass Aleph den Flügeln einer Windmühle ähnelt und an eine Art von Strudel erinnert – wie das Elektron: rotierendes Nichts. Stellen wir uns vor, wie sich die Windmühle dreht und dreht, so schnell, dass die Arme wie die Blätter eines elektrischen Ventilators verschwinden und sich ein Kreis formt. Ein Kreis ist eine Variante der Null, deren Ei-Form wirkt, als ob alle Erfahrung aus ihr geboren wird. In Bezug auf den Narren ist es am wichtigsten, dass Aleph ein stummer Buchstabe ist. Er hat tatsächlich keinen eigenen Klang und dient nur als Träger von Vokalen. Im Hebräischen sind nur die Konsonanten Buchstaben. Würden wir deutsch in gleicher Weise schreiben, würde das Wort »Narr« als »Nrr« buchstabiert werden, mit einer Vokalmarkierung, um anzumerken, dass es »Narr« und nicht »Nurr« oder »Nerr« heißt. Aleph gleicht dem Einatmen bevor wir sprechen: Der geöffnete Mund, der ein Wort vorbereitet. Die Stille des Aleph passt zum Nichts des Narren. Wir haben gesehen, dass die waagerechte Acht über dem Magier Unendlichkeit symbolisiert. Mathematiker verwenden ein anderes Symbol, um Unendlichkeit zu bezeichnen – das Aleph. Aleph ist der erste Buchstabe in einem wichtigen kabbalistischen Ausdruck: Ain Sof – ohne Grenzen. Er repräsentiert die göttliche Wahrheit, die jenseits allen Wissens ist, selbst jenseits des Lebensbaums. Werfen wir einen kurzen Blick auf einige der Symbole, die in verschiedenen Versionen des Narren auftauchen. In vielen trägt er einen Stock mit einem Beutel über der Schulter. Als heimatloser Wanderer durch das Leben, ohne festen Platz in der Welt, trägt er seine Habseligkeiten mit sich. Manche Tarot-Kundige meinen, der Beutel beinhalte seine früheren Leben oder das »Selbst«, das der Rest von uns sonst wie die eigene Haut trägt. Im Waite-Tarot zeigt der Beutel einen Adler, Symbol des sich aufschwingenden Geistes. Die rote Feder des Narren deutet an, dass sein wahres Heim der Himmel ist. Der Narr des Visconti-Sforza Tarot hat zahlreiche Federn im Haar, als ob dieser »Irre« halb im Königreich der Vögel lebt. Der Narr im Shining Tribe Tarot fliegt buchstäblich einem Vogel hinterher. In der Landschaft unter ihm schlängeln sich Energielinien durch die Erde und konzentrische Kreise markieren Orte heiliger Öffnungen in andere Welten. Bei Waite trägt der Narr eine Rose, Symbol der Leidenschaft. Er trägt sie leicht und frei, dieser »Prinz der anderen Welt«.

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Was bedeutet es eingedenk all dessen, wenn der Narr in einer Legung auftaucht? Seine primären Bedeutungen sind Spontaneität, Freiheit, die Fähigkeit aus dem Instinkt heraus zu handeln, anstatt nach sorgfältiger Planung. Wenn der Narr erscheint, ruft er uns vielleicht auf, etwas zu wagen. Wenn es in der Auslage um Liebe geht, würde er dazu auffordern, ein Risiko einzugehen und dem Herzen zu folgen. Bei der Arbeit kann er bedeuten, einen ungeliebten Job zu kündigen oder ein neues Projekt zu starten. Es gibt jedoch einen Haken. Der Narr drängt uns tatsächlich dazu, planlos zu handeln und etwas zu riskieren. Heißt das, dass wir es tun sollten? Dafür müssen wir den Platz der Karte in der Legung sowie die anderen Karten beurteilen. Wenn einige andere Karten zur Vorsicht gemahnen, ist es nicht unbedingt an der Zeit, närrisch zu sein. Und wenn der Narr als Antwort auf »Was wäre jetzt eine schlechte Herangehensweise?« erscheint, zeigt er uns, was wir vermeiden müssen, nicht was wir tun sollten. Scheint der Narr nichts Spezifisches zu betreffen, zeigt er uns vielleicht einfach eine einzunehmende Haltung. Der Narr ist neugierig, freudig, eifrig, ungehemmt. Er kann auch kindlich und unreif sein. Die Karte kann in einer Legung als die Beschreibung einer anderen Person auftauchen. Wenn wir nach einer neuen Beziehung fragen und der Narr taucht für die andere Person auf, beschreibt er einen Menschen, der entzückend, freigeistig, oft sehr liebevoll, aber nicht immer verlässlich ist. Der Narr hat nichts Bösartiges an sich. Er macht bloß nicht gerne Pläne. Wenn du Verbindlichkeit in einer Beziehung suchst, ist der Narr wahrscheinlich eine schlechte Wahl. Wenn wir den Narren umdrehen, lautet die erste Bedeutung »Vorsicht«. Jetzt ist nicht die Zeit, von der Klippe zu springen. Diese Bedeutung wird verstärkt, wenn andere Karten der Vorsicht oder Reife, wie die Mäßigkeit oder der Herrscher, aufrecht auftauchen. Manchmal kann der umgekehrte Narr darauf hinweisen, dass wir den Kontakt zu unseren Instinkten verloren haben. Wir hinterfragen uns vielleicht zu viel und vermeiden, etwas zu riskieren. Wie entscheiden wir, welche Interpretation am besten auf die Situation passt? Zum Teil betrachten wir die anderen Karten und sehen, wo der umgekehrte Narr in einer Legung auftaucht. Solch eine Analyse ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit. Wir müssen auch unserer Intuition erlauben, uns zu den sinnvollsten Bedeutungen zu führen. So gesehen beinhaltet jede Legung den Narren, ob er nun tatsächlich auftaucht oder nicht. Denn was könnte närrischer sein als ein Kartendeck zu mischen und Fragen über das Leben zu stellen?

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Eine Legung zum Narren Möchtest du mehr über deine eigene Erfahrung von Narr–heit wissen? Hier ist eine auf dem Narren basierende Legung. Wie immer mischen wir das ganze Deck und schauen, welche Karten auftauchen. Die Fragen drehen sich jedoch um das Prinzip des Narren.

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1. In welcher Weise bin ich in meinem Leben ein Narr gewesen? 2. Wie hat mir das geholfen? 3. Wie hat es mich verletzt? 4. Wo muss ich in meinem Leben närrischer sein? 5. Wo wird mir der Narr nicht dienen? 6. Wo finde ich den Narren auĂ&#x;erhalb von mir? 7. Welche Geschenke bringt er mir?

Der Narr

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Der Magier: 1 Astrologische Korrespondenz: Merkur Kabbalistischer Buchstabe: b Beth Pfad auf dem Lebensbaum: von Kether (Krone) nach Binah (Verst채ndnis)

Der Magier Visconti-Sforza Tarot Tarot de Marseille Rider- / Waite-Tarot Shining Tribe Tarot


Der Magier Genau wie der Narr hat der Magier im Laufe der Jahrhunderte eine Transformation durchmacht. Die heute gängigsten Motive dieser Karte zeigen ihn als heiter und kraftvoll. Er trägt ein Unendlichkeitszeichen über seinem Kopf und sein Zauberstab ist hoch zum Himmel gerichtet, bereit, göttliche Energie hinabzuziehen. Auf seinem Tisch liegen die Embleme der Kleinen Arkana, als sei er der Herr der materiellen Welt. Er ist in der Tat ein »Magus«: So nennt ihn Éliphas Lévi, und Aleister Crowley hat die Karte so bezeichnet. Betrachten wir zuerst die ältere Version des Tarot de Marseille. Wir sehen jemanden, der ähnlich wie ein Hofnarr gekleidet ist. Er hat kein magisches Unendlichkeitszeichen über seinem Kopf, doch die gebogene, breite Hutkrempe spielt darauf an. Anstatt der Symbole der vier Elemente befindet sich ein seltsames Sammelsurium von Objekten auf dem Tisch: ein Messer, ein paar einfache Becher oder Behälter und einige Bälle oder Kugeln sowie ein Säckchen, das an den Beutel erinnert, der von der modernen Version des Narren geschultert wird. Wofür stehen sie? Der französische Name Bateleur (auf italienisch Bagatto), oft als »Gaukler« übersetzt, gibt uns die Antwort. Denn das Wort bezieht sich auf einen heute noch üblichen Taschenspieler-Trick, der auf der Straße gespielt wird und unauffällige Markierungen verwendet. Der »Gaukler« legt einen kleinen Ball unter einen von zwei oder drei Bechern, schiebt sie herum, zeigt dann, wo der Ball ist. Dann lädt er jemanden dazu ein, herauszufinden, wo der Ball ist; der »Kunde« macht das ein paar Mal richtig, aber wenn wirkliches Geld auf dem Tisch liegt, bewegen sich die Hände des Gauklers sehr viel schneller – manchmal werfen sie dabei den Ball in den Beutel –, und der Mitspieler verliert die Wette. Menschen, die dieses »Spiel« auf den

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Tarot-Weisheit - Rachel Pollack