Kulturwoche.at No 3

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EDITORIAL Wünsch Dir was lautet www.Kulturwoche.at.

das

In dieser Ausgabe: Motto

der

dritten

E-Zine-Ausgabe

von

Zahlen spielen dabei (wie so oft im Leben) eine wesentliche Rolle. 24, weil Advent, ist verlockend, aber uns interessierte eigentlich viel mehr die Zahl 13, die wird uns immerhin nächstes Jahr beherrschen. Also fragten wir 13 Kreative, was sie sich vom Jahr 2013 erwarten, aber auch, welche Wünsche sie ans Christkind und an die Regierung haben. Da kamen einige erstaunliche und wunderbare Antworten ans Tageslicht, die wir natürlich nicht vorenthalten möchten. Und somit bin ich mit dem Editorial auch schon wieder am Ende angelangt, denn auf den folgenden 46 Seiten gibt es eh noch mehr als genug zu lesen. In diesem Sinne: Eine heimelige Adventzeit und nur das Beste für das nächste Jahr! Manfred Horak

04 Rolling Stones 10 Meena Cryle 12 Gerhard Ruiss 14 Corinne Eckenstein 16 Verena Göltl 18 Gewinnspiel 20 Charles Dickens 22 Anna Maria Krassnigg

Guten Dag. Nein, mein Name ist nicht Oscar K A S T L D E N K E N Bronner. Sie kennen mich sicher nicht und ich kenne Sie vermutlich auch nicht. Das ist, Lesensweise wie ich finde, die beste Voraussetzung für eine Symbiose. Sie lesen, ich schreibe. Also nur, Von und mit Nadia Baha wenn Sie gerade nichts Besseres zu tun haben. Aha, haben Sie schon. Ich verstehe. Nein, das kann ich nachvollziehen. Da lebt und lebt der Mensch und lebt so vor sich hin und kommt daher fast zu nichts anderem mehr. Klar. Kenn ich.

24 Clemens Waldherr 26 Richard Schuberth 29 Harlequin‘s Glance 30 Katrin Navessi 31 Laura Rafetseder 32 Stephan Rabl

Aber falls Sie einmal wirklich nichts Besseres zu tun haben, dann könnten Sie vielleicht einmal kurz ... so im Vorüberlesen ... Ich werde auch aus dem Kästchen plaudern. 34 Karl Ritter Hirn,-zwar und nicht Näh, aber das ist doch sowieso spannender. Ich meine, im Nähkästchen sind eh nur die Faden. Und die sind zwirnsfad. Eben. Also lieber Hirnkäst- 36 Kristine Tornquist chen. Etwas unaufgeräumt, aber dafür geräumig. Fast so geräumig wie dieses Kastl. Das 38 Georg Breinschmid Kastl für‘s Denken. Ich schreib Ihnen jetzt was Persönliches: Ich bin richtig aufgeregt. Aber das können Sie 40 Adventkalender nicht sehen. Aber lesen. Und sich Ihren Teil dazu denken.

42 Sara Lee Guthrie

Ja! Richtig enthusiasmiert bin ich. Denn: Das ist jetzt also die Premiere. Also Klappe. Die erste. Mein Motto ist ja schon seit ich denken kann: Lesen und lesen lassen. Also. 45 Album Artwork Lesen Sie los. Würd mich freuen. Wirklich. // & Cover Design

46 Leserbriefe @ nadia.baha@gmail.com Impressum Seite 3

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50 JAHRE ROCK, BLUES & ENERGIE

THE

ROLLING

STONES

Eine Würdigung mit GRRR! Effekt von Manfred Horak. Im Jahr 1982 gab es eine Radiosendung auf Ö3 namens Musikbox. Das war gewissermaßen die Pflichtsendung für all jene, die großräumig einen Bogen um den Mainstream-Pop (in dieser Zeit waren das u.a. Bands wie ABBA) machten. In diesem Jahr veröffentlichte die ein Jahr zuvor gegründete österreichische Band Blümchen Blau der Herren Josef Fencs, Jakob Mundl, Götz Schrage, Wolfgang La und Ernst Tschuri Hörmann das Album Wie die Tiere. Mit dem alten HansAlbers-Schlager Flieger landeten sie einen Überraschungshit und im Lied Wir bauen ein Haus konnte man den damals hyperaktiven Ludwig Weinberger alias WALULISO (Wasser, Luft, Licht und Sonne) hören. Das Wiener Original dauerdemonstrierte in weißer Toga, einem Stirnkranz aus Olivenzweigen, einem Hirtenstab und einem Apfel für Abrüstung und für Frieden und hielt regelmäßig Ansprachen an die Bevölkerung, bei denen er in eindringlicher Sprechweise Gott und Natur als Eines ansah und sich auf Visionen berief. In einer Sendung in diesem Jahr wurde der Band Blümchen Blau eine große Zukunft vorhergesagt und in einem Atemzug mit The Rolling Stones genannt. Der Moderator der Sendung sah Mick Jagger,

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Keith Richards und Co. so um das Jahr 2000 als eine peinliche Senioren-Partie, die mit Rollstuhl auf die Bühne gekarrt wird, um in Erinnerungen zu schwelgen, während Blümchen Blau zu diesem Zeitpunkt quasi auf dem Zenit sein wird. Wie die Tiere von Blümchen Blau ist auch heute noch ein hörenswertes Album, nur blöderweise blieb es das einzige der Band, denn Blümchen Blau löste sich bereits nach zwei Jahren wieder auf, von wegen Weltkarriere und Zenit und so. Und auch was The Rolling Stones betrifft lag der Moderator völlig daneben. Rollstühle braucht die Band bis heute nicht. Und was die Peinlichkeit betrifft: Die haben sie längst schon überwunden. Über die wenigen peinlichen Alben sieht man heute gelassen hinweg angesichts dessen was sonst so übrig bleibt in ihrem Repertoire. Und die Sache mit dem ZenitDings? Da gibt es vermutlich annähernd so viele Meinungen wie es RollingStones-Fans gibt. Um sich selbst eine Meinung zu bilden sollte man natürlich möglichst viele Alben der englischen Band kennen, und da gibt es doch einige, die sich im Laufe der fünf Jahrzehnte angesammelt haben. LiveAlben und Kompilationen nicht mit eingerechnet veröffentlichten The Rol-

ling Stones 11 Alben in den USA der 1960er Jahre, sechs Alben in den 1970er Jahren, fünf Alben in den 1980er Jahren, zwei Alben in den 1990er Jahren, sowie ein Album seit dem Jahr 2000 [Covers siehe Seite 8; Anm.] – das macht exakt 25 Alben in 50 Jahren, im Schnitt also alle zwei Jahre ein neues Studio-Album – so freundlich können Statistiken sein. Scheißhauskönig Richard IV Mit diesem musikalischen Grundstock ausgestattet kann man sich dann schön weiter hanteln, wenn man denn in die Geschichte der Rolling Stones eintauchen möchte. Da gibt es freilich unglaublich viel, angefangen von den diversen KonzertDoku-Filmen wie Ladies & Gentlemen: The Rolling Stones (1974) und Shine a Light von Martin Scorsese (2008) bis hin zu einer Vielzahl an Büchern. Besonders empfehlenswert ist hierbei die Autobiografie von Keith Richards mit dem programmatischen Titel Life (Heyne; 2010). Es ist ein ziemlicher Wälzer geworden, aber er hat ja auch einiges erlebt, und dass er all das Erlebte überlebte liest sich an manchen Stellen wie ein Wunder. Und so kam es wie es kommen musste: Der New Musical Express stellte eine TopTen-Liste der Rockmusiker

auf, die wahrscheinlich als Nächste sterben würden, und setzte mich auf Platz eins. Ich war - unter anderem - der Prince of Darkness. Es hieß, kein Mensch auf der Welt sei eleganter abgefuckt als ich. Ganze zehn Jahre lang war er auf dieser Liste die Nummer eins, worauf Richards stolz ist. Tatsächlich war ich ein wenig enttäuscht, als ich ein paar Plätze runterrutschte. Schließlich landete ich auf Platz neun. O mein Gott, jetzt ist alles aus. Auf 723 Seiten erzählt Richards also von seiner Überlebenskunst, von den ersten Anfeindungen des Systems den Rolling Stones gegenüber bis hin zum Ritterschlag von Mick Jagger im Jahr 2004, das Richards in seiner unverhohlenen Sprache folgendermaßen kommentiert: Diese sogenannte Ehrung war in Wahrheit eine Erniedrigung. Ehrungen hatten wir schon genug erfahren. Die Öffentlichkeit hat uns geehrt. Du akzeptierst die Ehrung durch ein System, das dich für nichts in den Knast gesteckt hat? [...] Es war nicht die Königin, sondern ihr Thronfolger Prinz Charles, der ihm auf die Schulter klopfte, was meiner Meinung nach nur heißen konnte, dass er jetzt nicht adlig, sondern nur noch popelig ist. [...] Was mich angeht, einen Lord Richards wird es nie geben, höchstens den Scheißhauskönig Richard IV...

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Keith Richards, Charlie Watts, Mick Jagger, Ron Wood

Sie rocken und rollen, als ob es kein Morgen g채be Foto: Mark Seliger, 2012 Seite 5

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Man beachte seinen Schreibstil; purer Rock'n'Roll eines BluesBesessenen mit all der nötigen Kompromisslosigkeit, gewürzt mit wahrhafter Komik, was diesem Stück Anekdoten-Literatur enorm gut tut. Exzesse, Skandale, diverse Bettgeschichten, Unfälle, Liebe, Erziehung: Es wird nichts beschönigt und kein Blatt vor den Mund genommen; man hält die Hand auf und bekommt zwei Hände voll zurück. Und so entpuppt sich Life auch als ein wertvoller Quell an Basisinformationen hinsichtlich Albumaufnahmen und Entstehungsgeschichten diverser Songs. Dort, wo Erinnerungslücken bei Keith Richards überhand nehmen, helfen Freunde und Wegbegleiter weiter, sei es Tom Waits oder Bobby Keys, sei es Sohn Marlon und seine große Liebe Patti Hansen oder eben des Gitarristen Tagebucheintragungen. So erfahren wir, was den Ausschlag gab, dass Keith Richards Musiker wurde, auch wenn es sich zugegeben wenig überraschend liest: Mein wirkliches Schlüsselerlebnis hatte ich, als ich

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eigentlich im Bett liegen und schlafen sollte. Mein kleines Radio war eingeschaltet, ich hörte Radio Luxemburg, und plötzlich lief 'Heartbreak Hotel'. Das war der Hammer, das war der Urknall. Dieser Song war etwas völlig Neues, so etwas hatte ich noch nie gehört. Mein erster Elvis-Song. Man könnte meinen, ich hätte auf diesen Moment gewartet. Am nächsten Morgen war ich ein anderer Mensch. Richards erzählt ebenso ausführlich über seine erste Begegnung mit Mick Jagger, Ian Stewart und Charlie Watts, wie über den Einfluss, den Chuck Berry auf ihn ausübt(e), schreibt, wie er zum ersten Mal mit Drogen in Kontakt kam, und wie die ersten Plattenaufnahmen entstanden. Nicht zu knapp abgehandelt wird auch das immer schwieriger werdende Verhältnis zu Brian Jones bis hin zu dessen Tod, sowie der Horror-Auftritt in Altamont, seine Beziehung zu Mick Jagger - der Stones -Sänger wird dieses Buch vermutlich nur mäßig unterhaltsam finden - und sein völliges Abrutschen in die Drogensucht: Ich hatte immer das Gefühl: Egal, wie high ich bin, ich kriege mei-

nen Scheiß immer noch auf die Reihe. Ich bildete mir ein, ich könnte das Heroin kontrollieren. Ziemlich arrogant. Richards ist kein Philosoph und er versucht erst gar nicht, seine Autobiografie im Stile eines Intellektuellen aufzubereiten, dennoch ist es nicht nur von Humor durchtränkt, sondern auch von weisen Einsichten, halt nur flapsig formuliert. Die Autobiografie endet ca. 2007 und bietet jede Menge erhellende Kapitel. Alleine wenn er seine Gedanken über das Songwriting an sich ausbreitet und wenn er erzählt wie er zu seinem Gitarrenstil fand ist die Lektüre - nicht nur für Fans der Rolling Stones wert. Taugt somit auch als Nachschlagewerk. Sir Zappelphilip Mick I Sir Michael Philip Jagger wiederum mag sich nicht erinnern können wollen und verweigert sich als Autobiograph. Daher veröffentlicht der Journalist Philip Norman rechtzeitig zum 50-Jahr-Jubiläum der Rolling Stones das 720Seiten Konvolut Mick Jagger: Die Biographie (Droemer; 2012). Mick Jagger ist ein Mensch voller Widersprüche, schreibt Norman in der Einleitung, zu außerordentlichen Leistungen fähig, ohne dass ihm diese Leistungen etwas zu bedeuten scheinen, höchst extrovertiert, doch stets auf Diskretion bedacht, ein Egoist wie kein anderer, der nicht gerne über sich selbst spricht. Und Charlie Watts meinte einmal über den Sänger: Mick kümmert es nicht, was gestern war. Ihn interessiert nur das

Morgen. Norman hat zwar viel Platz, um sich über die Person Mick Jagger auszubreiten, schiebt dabei aber das wesentliche beiseite, nämlich die Musik, vielmehr stehen die Bettgeschichten im Zentrum dieser Biographie. Gleichzeitig ist es auch ein FanBuch, denn für Norman ist Mick Jagger der größte Rock‘n‘Roll-Star aller Zeiten, und so liest es sich streckenweise halt doch sehr Regenbogenpressemäßig. Dennoch gibt es darin einige gelungene Passagen über den LeadSänger mit dem unkonventionellen Gesang. Philip Norman über Jagger in den frühen 60ern: Gewöhnlich bemühten sich britische Sänger bei Jazz oder Blues wenn auch vergeblich – um eine rauchige, heisere Stimme im Stil von Louis Armstrong. Mikes Stimme aber war höher und heller und schöpfte aus einem vielschichtigeren Fundus: Sie war gewissermaßen ein Destillat aus jeglichem Südstaatenakzent, den er jemals aufgeschnappt hatte, ob Weiß oder Schwarz, von Mann oder Frau: Scarlett O’Hara mit einem Touch von Mammy aus Vom Winde verweht und Blanche DuBois aus Endstation Sehnsucht ebenso wie Blind Lemon Jefferson und Sonny Boy Williamson. Immer amüsant zu lesen sind auch die Streitereien zwischen Mick Jagger und Keith Richards, wenn z.B. der Buchautor an einer Stelle einen Reporter zitiert, der Keith Richards fragte: Wann werden Sie Ihren Zickenkrieg mit Mick beenden? Antwort: Fragen Sie doch die Zicke. Dieser Art Geschichtchen gibt es www.Kulturwoche.at


zuhauf in dem Buch, genauso wie halt die Sex & Drugs Episoden. Und schließlich erfahren wir in dieser Biographie noch einmal, was Sir Mick beim Filmfestival Cannes zur Premiere des Dokumentarfilms Stones in Exile (2010) vor dem entzückten Publikum sagte: Anfang der Siebziger, sagte er, waren wir junge, gutaussehende, bescheuerte Kerle. Jetzt sind wir nur noch bescheuert. Besonders schade ist der Umstand, dass der Verlag offenbar bei der Übersetzung gespart hat, denn Buddy Guy als einen weißen Bluesharp-Spieler zu beschreiben ist superpeinlich und zeugt vor allem, dass da jemand mit wenig Ahnung von der Materie zu Werke ging. Was übrig bleibt ist ein auffallend Jagger-freundliches Buch, als sei diese Biographie eine Art Abrechnung mit Keith Richards Autobiographie. Charlie is my Darling Die zwei Konzerte am 3. und 4. September 1965 in Dublin (Irland) und Belfast (Nordirland) mit der Urbesetzung der Rolling Stones steht hingegen im Mittelpunkt des zum 50Jahr-Jubiläum erstmals auf DVD veröffentlichten Dokumentarfilms Charlie is my Darling, der im Frühjahr 1966 Kinopremiere feierte - einem Film von Peter Whitehead und produziert von Andrew Loog Oldham, dem Manager von The Rolling Stones zwischen 1963 und 1967. Der Filmtitel geht auf eine Aussage von Fans zurück, die für den Film nach ih-

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ren Stones-Lieblingen befragt wurden bzw. generell ob sie die Rolling Stones gut finden und warum und dergleichen. Aufbereitet ist der Film ähnlich wie Don’t Look Back von D. A. Pennebaker über die Tour von Bob Dylan in England desselben Jahres. Auch in der Stones-Doku sieht man einige wenige Konzertausschnitte, so z.B. die erste gefilmte LivePerformance von (I Can’t Get No) Satisfaction, und auch, wie die Fans die Bühne stürmen, sodass es zum Konzertabbruch kommt. Der Fokus liegt allerdings im Backstagebereich. Man sieht wie Richards Songideen auf der Gitarre sucht und Jagger die dazu passenden Textideen. Wir sehen die Rolling Stones während der Zugfahrt von Dublin nach Belfast und wir hören Statements von Jagger, Jones, Watts und Wyman (nur Richards bleibt stumm). Gesprochen wird dabei über die Zukunft und darüber was sie geworden wären gäbe es The Rolling Stones nicht. Interessante (frühe) Einsichten also, die hier filmisch dokumentiert wurden. Trotz digitaler Frame-by-Frame Nachbearbeitung ist es um die Bildqualität allerdings nicht zum Besten bestellt, darüber muss man halt hinweg sehen. Wenn man dazu bereit ist, steht einem kurzweiligen Filmvergnügen nichts im Wege.

Altamont und das Ende der 1960er Jahre Für all jene, die auf gutes Bildmaterial Wert legen, sollten sich den Bildband Let It Bleed: Die Rolling Stones, Altamont und das Ende der 60er Jahre (Edel Germany; 2010) vom Fotografen Ethan A. Russell zulegen. Abgesehen davon, dass das Album Let It Bleed gemeinsam mit Beggars Banquet das wohl beste RollingStones-Album ist, markiert das Jahr 1969 einen Wendepunkt in der Geschichte der Rock-Musik. Nicht nur aufgrund des Dekadenwechsels, sondern auch aufgrund der tragischen Ereignisse beim StonesKonzert in Altamont. Der mehrfach für den Grammy nominierte Fotograf Ethan A. Russell erweist sich hier zudem als versierter Textautor, der einerseits anhand seiner Tagebucheintragungen die Erinnerungen auffrischte und andererseits in die Tiefe gehende Interviews mit Zeitzeugen aus dem direkten Stones-Umfeld führte. Zitiert werden aber auch die Stones selbst, z.B. Bill Wyman: 69 hörten sie uns zu. Es war das erste Mal, dass uns das Publikum wirklich

zuhörte! 240 Seiten umfasst dieser opulent zu nennende Bildband, dessen Fotos schlichtweg eine Wucht sind und mit den Interviewpassagen und Anekdoten ein immens wichtiges Jahr aus Sicht der Rolling Stones wiedergeben. Ein Jahr, das mit dem Konzert von Altamont eine verheerende Wirkung hatte, in der diese Generation mit all ihrem idealistischen Schwung Schiffbruch erlitt, oder, wie es Stanley Booth, der Autor von The Rolling Stones – Der Tanz mit dem Teufel (Hannibal; 1998) gegenüber Ethan A. Russell formulierte: In jenem Herbst sprach Keith Richards über Festivals und wie toll sie seien, und die Idee, dass wir dem Krieg ein Ende machen könnten, dass immer mehr Menschen so fühlten wie wir, dass wir ungeahnten Einfluss auf die politische Welt hätten, dass es so aussah, als ob wir wirklich etwas verändern könnten. Dann veranstalten wir ein Gratiskonzert, und Kalifornien verwandelt sich in Vietnam. Nicht nur, dass wir nichts verändern können, wir können noch nicht mal eine Scheiß-Gratis-Show machen, ohne dass es ein Desaster wird. —————->>

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GRRR! Zeitsprung. Hüpfen wir in die Gegenwart. Von der ursprünglichen Besetzung der Rolling Stones sind nur noch drei mit dabei, nämlich Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts. Die zwei Mitgründer Brian Jones und Ian Stewart sind tot und Bill Wyman ist Stone sPensionär. Der Nachfolger von Brian Jones, Mick Taylor, stieg 1974 bei den Stones aus, seither greift Ron Wood bei den Stones in die Gitarrensaiten (seit 1993 als vollwertiges Bandmitglied inklusive der entsprechenden Gewinnbeteiligungen am Unternehmen). Anstelle von Bill Wyman bedient Darryl Jones den Bass, allerdings im Angestelltenverhältnis und nicht als vollwertiges Bandmitglied. Beim 50Jahr-Jubiläum stehen insgesamt fünf Konzerte an, und zumindest für die Shows in London gab es ein erneutes Wiederhören mit Mick Taylor und Bill Wyman. Kartenpreise in drei- bis vierstelliger Höhe (möglicherweise eine Langzeitlehre der Scheiß-GratisShow in Altamont) sind allerdings selbst für eine der größten Errungenschaft der Rockmusik einfach nur pervers, da kann man eigentlich nur GRRR! sagen. Apropos: Als Highlight des Stones-Jubiläums auf Konserve gilt klarerweise die (im Vergleich zu den Seite 9

Ticketpreisen) überaus günstige Mehrfach-Box GRRR!, die in fünf verschiedenen Formaten angeboten wird. Die preiswertesten Versionen sind die Doppel-CD mit 40 Tracks und einem 8seitigen Booklet bzw. die 3CD-Box mit 50 Tracks und einem 12-seitigen Booklet. Etwas interessanter ist da schon die Limited 3-CD-Box mit 50 Tracks und einem 36-seitigen Hardcover-Buch plus ein Tour-Poster-Postkarten-Set, das es auch auf Vinyl (5 LPs) gibt. Um knapp 100 Euro erhält man die Greatest Hits Limited Super Deluxe Edition mit 80 Tracks auf 4 CDs, ein TourposterPostkarten-Set, sowie einer Bonus-CD mit bisher unveröffentlichten Studioaufnahmen plus ein 7‖-Vinyl, Poster und ein 96-seitiges Hardback-Buch. Uns liegt die Limited 3-CD-Box vor, die musikalisch einen breiten Bogen von der ersten Single Come On bis hin zu den zwei jüngsten StonesKompositionen Doom and Gloom und One More Shot spannt. Diese zwei neuen Stones-Songs, geschrieben vom langlebigsten Songwriter-Paar

der Rock-Geschichte, sind auch ganz klar der hauptsächliche Kaufreiz. Zwei Songs, die, wie man es von The Rolling Stones gewohnt ist, mit einer unglaublichen Dynamik daher kommen. Ansonsten finden sich jedoch keine Überraschungen in dieser Liedsammlung. GRRR! ist ganz einfach eine Chronologie mit so ziemlich den wichtigsten Liedern der Jubilare. Das Booklet mit einem Vorwort von Jan Wenner (dem Mitgründer des Rolling-StoneMagazins) zeigt Fotografien von Filmrollen, Tagebucheintragungen, Kleidungsstücken, Instrumenten, Verstärker, Flugkoffer und anderen persönlichen Utensilien der Rolling Stones. Die PosterNachdrucke (freilich nicht

in Originalgröße) stammen von Tourneen bzw. Konzerten aus den Jahren 1966, 1973, 1989, 1994/95 und 2005/06. Nette Beigaben also, aber nicht wirklich berauschend. Was dabei zählt ist aber eh nur die Musik und dass gerade hier mit Informationen gespart wurde ist ärgerlich. Weder erfährt man das Entstehungsjahr des jeweiligen Liedes, noch, ob es nur als Single veröffentlicht wurde bzw. auf welchem Album es erstmals zu hören war, geschweige, wer auf dem jeweiligen Song zu hören ist. Ein GRRR! auch dafür. Sehr schön, da sehr eigenwillig, hingegen das Cover: Dem Monkey Business wird hier die obligate StonesZunge gezeigt. // Text: Manfred Horak

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WÜNSCH DIR WAS, TEIL 1

MEENA CRYLE Erwartungen und Hoffnungen, Erinnerungen und Wünsche stehen im Zentrum unseres schmalen FrageKatalogs an insgesamt 13 Künstler, Kulturschaffende & Kreative, die uns aus unterschiedlichen Gründen am Herzen liegen. Bei der Sängerin Meena Cryle war es schneekristallklar, dass sie befragt wird—nicht, weil ihr Ur-Ur-Großonkel ein gewisser Joseph Mohr ist, sondern, weil sie mit Feel Me heuer ein unglaublich vitales, leiwandes Album veröffentlichte. Und neugierig waren wir natürlich auch, ob und wie sie dereinst als Kind vor dem Weihnachtsbaum glänzte...

Sie haben mir immer erzählt, dass am Weihnachtsabend die Tiere im Stall sprechen können, das fand ich besonders aufregend... Seite 10

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Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein?

Interventionen Zeichen setzen Visionen Sind der treibende Motor unseres Lebens

Illusionen Lernen uns zu reflektieren

Mikrofon Ist für mich wie eine Zahnbürste, gehört nur mir, wird nicht geteilt. Was erwartest und erhoffst Du Dir von 2013? Ich nehme grundsätzlich jeden Tag so wie er kommt, ich habe keine Erwartungen an die Zukunft da sie in erster Linie von mir selbst bestimmt wird. Ich habe die Erwartungen an mich nicht still zu stehen, offen und zeitgleich kritisch zu bleiben, meine Talente als Geschenk zu sehen und nicht ständig mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Was waren für Dich die wichtigsten Ereignisse in der Kunst- und Kulturszene von 2012? Pussy Riot, Tran Vu Anh Binh. Welche Erinnerungen wirst Du voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten? Als ich in Omaha vor sechstausend Menschen mein erstes bezahltes Konzert in den USA spielte und glücklich und zufrieden unter Standing Ovation die Bühne verließ. Magst Du Weihnachten bzw. was bedeutet Dir heute noch Weihnachten? Nein, ich hab keinen religiösen Bezug und auch keine Notwendigkeit Weihnachten als Tradition oder Ritual aufrecht zu erhalten. Am liebsten verbring ich diese Zeit Seite 11

an einem Ort an dem es keinen Strom gibt, kein Telefon, kein Computer keine Weihnachtsbeleuchtung, keine elektrischen Kerzen, keine Beschallung mit Weihnachtsliedern. Joseph Mohr, welcher den Text für „Stille Nacht Heilige Nacht“ geschrieben hat war ein UrUr-Großonkel von mir, kein Scherz, er ist in unserem Stammbaum väterlicherseits mit Leuchtstift markiert :-) Am liebsten mochte ich an Heilig Abend wenn mein Vater mit Weihrauch durch das Haus und den angrenzenden Stall ging, soweit ich weiß ist es ein heidnisches Ritual welches die bösen Geister fernhalten soll und Haus und Hof vor Unheil bewahren. Und sie haben mir immer erzählt dass am Weihnachtsabend die Tiere im Stall sprechen können, das fand ich besonders aufregend... Welche Wünsche hast Du an das Christkind/den Weihnachtsmann und welche an die österreichische Regierung bzw. an die Regierungen dieser Welt? Vom Christkind wünsch ich mir eine Weltreise. Von den Regierungen dieser Welt wünsch ich mir Transparenz, den Mut gegen den Strom zu schwimmen, starke Charaktere welche sich weder von Geld und Macht beeinflussen lassen und nachhaltiges Denken. // Fotos: Manfred Horak, Meena Privatarchiv www.Kulturwoche.at


WÜNSCH DIR WAS, TEIL 2

GERHARD RUISS Er ist einer der treibenden Kräfte in Österreich, wenn es darum geht, sich für Kulturschaffende einzusetzen, damit deren Rechte bewahrt bleiben: Gerhard Ruiss, Geschäftsführer von IG Autorinnen Autoren, sowie Autor und Musiker. Zuletzt veröffentlichte der Herr (Ehren)-Professor seine 3-bändigen Nachdichtungen von Oswald von Wolkenstein und voraussichtlich nach der Schneeschmelze wird es einen neuen Gedichtband von ihm geben. Ach, ihr ahnt es schon, auch Gerhard Ruiss war so frei, uns seine Erwartungen und Hoffnungen, Erinnerungen und Wünsche mitzuteilen, und er zeigt uns wie er als Kind in die Welt blickte. Denkst Du heute noch gerne an Weihnachten aus Deiner Kindheit zurück? Weihnachten hat in meinem Leben immer eine besondere Rolle gespielt, es war viele Jahre nicht einmal sicher, ob die ganze Familie zusammensein kann, und war schon von daher immer ein besonderes Ereignis, weil sich das alle gewünscht haben und weil sich alle, so gut es ging, angestrengt haben, Weihnachten zusammen sein zu können. Geschenke waren auf jeden Fall nicht die Hauptsache. Viel wichtiger war die Inszenierung, das Hinfiebern, das Weihnachtsliedersingen, das ganze Drumherum. Wenn mich etwas unglücklich an den Weihnachten meiner Kindheit gemacht hat, dann das, daß ich gerne für meine Geschwister und meine Eltern etwas gehabt hätte und nichts hatte. Magst Du Weihnachten bzw. was bedeutet Dir heute noch Weihnachten? Ja. Meine Geschwister und ich und unsere Familien treffen uns immer noch jedes Jahr bei meiner Mutter vor Weihnachten zum Weihnachtsliedersingen. Jetzt verbringe ich Weihnachten mit meiner Frau und unserer gemeinsamen Tochter bei der Familie meiner Frau in Marling bei Meran. Weihnachten heißt auch, das Jahr abschließen und zwei Wochen nicht in persönlicher Anwesenheit auf Abruf zur Verfügung zu stehen. Welche Wünsche hast Du an das Christkind/den Weihnachtsmann und welche an die österreichische Regierung bzw. an die Regierungen dieser Welt? Mein größter persönlicher Wunsch ist, ich darf und kann so weitermachen mit allen, die mir nahe sind. Mein größter allgemeiner Wunsch ist seit eh und je derselbe: Keine Gewalt. Das kann man sich nur vom Christkind bzw. Weihnachtsmann wünschen, von der Politik muß man es fordern. Meine Wünsche haben sich immer an das Christkind Seite 12

gerichtet, weil der Weihnachtsmann in meiner Sprachumgebung wer war, der Märchen erzählt, also Geschichten, anstatt bei der Wahrheit zu bleiben, es war aber auch ein anderer Ausdruck für Desorientierung. Was erwartest und erhoffst Du Dir von 2013? 2013 finden im Frühjahr in Niederösterreich und Kärnten Landtagswahlen statt, im Herbst folgt die Nationalratswahl. Daraus ergibt sich für mich ganz automatisch, was ich mir wünsche. Ich wünsche mir eine Regierung, die endlich die Politik der letzten Jahre mit den politischen und gesellschaftlichen Folgen der zwei schwarzblauen Regierungen von 2000 bis 2006 hinter sich läßt. Ich wünsche mir ein Wahlergebnis mit keinem Platz für Spekulationen und Spekulanten, sondern für seriöse Politik. Kulturpolitisch wünsche ich mir für 2013: Die Österreichische Nationalbibliothek soll ihren Vertrag mit Google offenlegen. Die Festplattenabgabe soll kommen. Die Selbständigen-Vorsorgeversicherung soll fallen. Das Selbständigen-Krankengeld soll nicht nur zur Augenauswischerei dienen. Der Künstlersozialversicherungsfonds soll sich allen Künstlern und Publizisten öffnen. Die Deutschzentralmaturaplaner sollen aufhören, die Schüler und Literatur zur Konformität „zu erziehen―. Es soll mehr Geld und Aufmerksamkeit für die Gegenwartskunst geben. Für die nächsten Jahre wünsche ich mir: Castingshows sollen keine Teilnehmer und Zuseher mehr finden und keine Gelegenheiten mehr bekommen, Hoffnungen auszubeuten, niemand soll Facebook und anderen sozialen Netzwerken noch brauchbare Daten liefern und die Möglichkeit geben, damit zu handeln, Betroffenheitssendungen und Realitäts-Seifenopern sollen ihre Mitwirkenden und ihr Publikum verlieren und keine Chance mehr haben, Gefühle auszuschlachten. Halb Wunsch, halb Erwartung sind: Eine große Urheberrechtsreform mit einer deutlichen Stärkung der Position der Urheber, vor allem gegenüber Netzunternehmen, ein Qualitätsschub in den Medien und die Rückkehr der Konzentration auf das gedruckte Buch und zu redaktionell intensiv betreuten Zeitungsausgaben und die vermehrte Zuwendung zu jeder qualitätsorientierten www.Kulturwoche.at


und nicht quantitätsorientierten Produktion. Von meinen Erwartungen, was jeweils auch zutreffen könnte, rede ich lieber dann, wenn es soweit ist. Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein?

Interventionen… erübrigen sich vielfach durch Klärungen im Vorfeld, so daß also schon von vornherein „das Richtige― geschieht. Die Gegenmittel heißen Zivilcourage, Selbständigkeit, Souveränität.

Visionen… Visionär geht noch, Vision geht nicht mehr, der Begriff läßt sich aber mühelos durch Utopien ersetzen.

Illusionen… Soll man sich als Künstler nur in Form von Wunschträumen gönnen. Das Popkulturmarketing hat inzwischen jeden Kunstbereich erreicht, man ist ganz schnell oben und bleibt es nicht, und ganz schnell wieder unten und bleibt es.

Eigentum… Eines der abgesichertsten Dinge überhaupt, von der Menschenrechtserklärung bis zur EU-Charta bis zur österreichischen Verfassung, sogar in Form des geistigen Eigentums. Im Fall des geistigen Eigentums muß es nur noch umgesetzt werden. Was waren für Dich die wichtigsten Ereignisse in der Kunst- und Kulturszene von 2012?

Welche Erinnerungen wirst Du voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten? Anfang des Jahres bin ich bei einem Urheberrechtsvortrag im Metalab in Wien in die Mangel genommen worden, weil ich das Recht der Künstler/innen auf die Verfügungsgewalt über ihre Werke vertreten habe, dann haben sich Teile der Filmszene gegen mich und die anderen Künstler/ innen der von uns gemeinsam gegründeten Plattform Kunst hat Recht gestellt und danach haben sich die Auseinandersetzungen fast bis gegen Jahresende mit der IG Kultur fortgesetzt. Ich hätte mir vorher nie gedacht, daß es zu solchen Reibungen in der Kulturszene in einer Kulturfrage kommen könnte, das wird mir auf jeden Fall bleiben, auch wenn es nicht bei diesen Reibungen geblieben ist. 2012 wird mir auch als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem es zu einem nur schwer zu überbrückenden Bruch der SPÖ-Kultursprecherin Ablinger und den Künstlern nach ihrem Positionspapier zur Netzkultur mit zahlreichen Einschränkungsvorschlägen von Künstlerrechten gekommen ist. Auf der anderen Seite wird es das Jahr bleiben, in dem nicht nur der Konflikt zwischen Netzbetreibern und den Urhebern und Rechteinhabern ausgebrochen ist, sondern auch das Jahr, in dem sich die Urheber und Rechteinhaber offensiv für ihre Rechte im Netz einzusetzen begonnen haben. //

Während internationale Filmerfolge in Österreich gern gefeiert werden, wobei im Vergleich zu jedem Schirennläufer, der irgendwo ein Rennen gewinnt, auch lächerlich wenig, bleiben die meisten internationalen Erfolge in der Literatur fast unbemerkt. 2012 hat der Salzburger Jung und Jung Verlag zum zweiten Mal mit einem bei ihm verlegten Buch den Deutschen Buchpreis und der Droschl Verlag den ebenfalls in Deutschland vergebenen Preis der unabhängigen Verlage, des Gegenpreises zum Deutschen Buchpreis, gewonnen. ZuInterview: Manfred Horak dem haben vor allem die jüngeren österreichischen Autoren Fotos: Privat Preise geradezu abgeräumt. Man hat es relativ still registriert. Ein Anfangs sogar eher negativ bemerktes Ereignis war für mich die Zusam- v.l.n.r.: Gustav Ernst (Chor), Gerhard Ruiss (Gesang), BM für menarbeit – mit Ausnahme einer der Unterricht und Kunst Hilde Hawlicek (Chor) singen bei der beiden Filmverwertungsgesellschaften – Eröffnung des Literaturhauses 1990 gemeinsam aller österreichischen Verwertungsgesell"The Great Pretender". schaften und der Künstler sämtlicher Sparten zur Verbesserung der Urheberrechte in der Plattform Kunst hat Recht. Und umgekehrt bemerkenswert war, wie schnell sich die Anti-ACTABewegung wieder zerstreut hat und die Piraten-Parteien zu einer Randerscheinung geworden sind. Sehr schön war auch die Künstlerdemonstration vor der Arbeiterkammer und der Wirtschaftskammer zur Umsetzung der Festplattenabgabe mit integrierter Gegendemonstration.

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WÜNSCH DIR WAS, TEIL 3

CORINNE ECKENSTEIN Wer sich mit den Theaterstücken von der in Wien lebenden Schweizer Regisseurin Corinne Eckenstein befasst, wird reich belohnt. In einer Ästhetik zwischen kühler Distanz und saftiger Begeisterung lässt sie uns teilhaben an existenziellen Verstörungen im Gewand eines Musical-Thrillers, wie z.B. im Stück „Die Wette―― oder sie wandelt kurzerhand die Brunnenpassage am Yppenplatz zum Stationentheater um, wie im Stück „Sag mir, wer ich bin!“ Zuletzt feierte sie mit „Boys don‘t cry“ im Dschungel Wien Premiere und freute sich wie eine Schneekönigin über die Standing Ovations. Nach dem Kinder-Weihnachtsfoto musste sie tief in der alten Fotokiste graben und wurde Dank ihres Indianer-Spürsinns tatsächlich fündig. Für den Fotografen Rainer Berson posierte Eckenstein bereits vor dem Advent weihnachtlich, diesmal ohne Indianerschmuck.

Denkst Du heute noch gerne an Weihnachten aus Deiner Kindheit zurück? Solange ich an das Christkind geglaubt habe, hatte ich jedes Jahr die Hoffnung es noch zu erwischen. Und das Weihnachtsessen bei meiner Großmutter, mit all meinen Cousinen und Cousins, weil wir richtig viel Spaß miteinander hatten, ohne dass unsere Eltern sich um den Wahnsinnslärm, den wir machten, scherten. Magst Du Weihnachten bzw. was bedeutet Dir heute noch Weihnachten? Naja, es ist heute anders. Schon im Oktober geht‘s los und das entzaubert das Ganze. Ich stecke meistens in Proben und bin froh, wenn wir den Flieger zu meiner Familie in die Schweiz nicht verpassen. Dort werden die Kinder mit Geschenken überschüttet, während ich praktisch leer ausgehe. Ich würde sagen, ambivalent. Seite 14

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Welche Wünsche hast Du an das Christkind/den Weih- Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein? nachtsmann und welche an die österreichische Regierung Interventionen… bzw. an die Regierungen dieser Welt? ...ein gewaltiger Flashmob und alle schreien STOP Ich brauche nichts, na gut vielleicht ein gutes Buch oder zwei. und dann Stille. Was soll ich mir schon von Regierungen wünschen? Dass sie auch mal Kinder waren und dass das der Grund sein sollte, Visionen… warum diese Welt es wert ist, weiter zu existieren. Die Hoff- ...das brauche ich, um an das zu glauben, was ich nung stirbt zuletzt. mache.

Illusionen… Was erwartest und erhoffst Du Dir von 2013?

...es schmerzt, wenn man wieder einmal an eine geglaubt hat.

Vielleicht hat die Prophezeiung der Maya in irgendeiner Weise eine Auswirkung auf unser Handeln, Denken und Fühlen. Anpassung… Ich persönlich glaube nicht, dass die Welt untergeht, aber ...eine neue Form der Repression. // dass nur ein Umdenken uns selber retten kann.

Welche Erinnerungen wirst Du voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten?

Viele Hindernisse und Ende gut alles gut. Fotos: Rainer Berson Seite 15

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WÜNSCH DIR WAS, TEIL 4

VERENA GÖLTL Die aus dem Burgenland stammende und in Wien lebende Sängerin und Dialektliedtexterin legte bereits mit der Band Herztöne das Weihnachtsalbum Zimt & Zucker (2011) vor, auf dem sie alte Lieder wie Winter Wonderland und Jingle Bells mit neuen Texturen ausstattete, die halt dann Titel wie Winterweihnachtszeit und Flockn schaun verpasst bekamen. Ein neues Album beschert uns Verena Göltl auch heuer wieder. Verlieren & Finden heißt das gute Stück, das sie gemeinsam mit dem Komponisten und Blasinstrumentalisten Herbert Berger einspielte. Dies sind nicht die einzigen Gründe, aber zumindest zwei, weshalb wir Verena Göltl um ein weihnachtliches Kindheitsfoto baten und nachfragten, wie sie es denn heute so mit der zimtzuckrigen Zeit hält.

Die kleine Vera und der große Bruder vorm Baum

Licht ins Dunkel ORF-Zentrum Eisenstadt

Denkst Du noch gerne an Weihnachten aus Deiner Was bedeutet Dir heute noch Weihnachten? Kindheit zurück? Ich mag die Weihnachtszeit, wo man es sich gemütlich In Erinnerung sind mir die Spaziergänge mit meinem macht, Tee trinkt, sich Geschenke ausdenkt, auf einen Opa kurz vor der Bescherung, wenn man in die erleuchte- Weihnachtsmarkt schlendert, kitschigen Christbaumten Fenster der Nachbarn geguckt hat, ob denn bei denen schmuck gustiert, die angestaubten Weihnachts-CDs aus schon das Christkind war oder ob man vielleicht noch dem Regal holt, Lebkuchenschnitten bäckt…Weihnachten seine Flügelspitzen erspähen kann… Und ich erinnere selber versinkt für mich offen gestanden jedes Jahr mehr mich, dass ich sobald ich des Lesens mächtig war, mir in einer Art gleichgültiger Bedeutungslosigkeit. Fühlt sich immer Bücher zu Weihnachten gewünscht habe. Bin so an als wäre nur mehr eine leere Hülle übrig im Verdann gleich nach der Bescherung ins erste Buch reinge- gleich zu Kindheitstagen. Weihnachten verbringe ich heukippt und war für den Rest der Ferien nicht mehr an- er bei einer Freundin in Deutschland. Sie ist alleinerziesprechbar…. Das habe ich geliebt, dieses Fallenlassen in hende Mutter einer kleinen Tochter. Wir werden es uns gemütlich machen. Neujahr verbringe ich auf der Bühne, Zeit und Raum. mit dem Verena Göltl LUXUSTRIO im PannoniaTower****Hotel Parndorf im Burgenland. Wer also ins neue Jahr swingen möchte, ist herzlich willkommen! Seite 16

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Was erwartest und erhoffst Du Dir von 2013? Ich erwarte mir gar nichts, weil eh immer alles anders kommt. Ich hoffe, dass es mir gelingt, Veränderungen mit offenen Armen anzunehmen und mich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen, ohne mich dabei selbst zu verlieren. Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein? Interventionen: werden oft zu wenige gemacht. Zivilcourage ist Mangelware in unserer Gesellschaft.

Visionen: sind wichtige Wegweiser für die eigene Entwicklung. Illusionen: können ein böses Ende nehmen.

Marmelade: mein eigenes Plattenlabel „lekvár records―. „lekvár― heißt bei uns im

Burgenland die Marmelade; kommt aus dem Ungarischen. Was waren für Dich die wichtigsten Ereignisse in der Kulturszene von 2012 ? Global betrachtet, muss ich da leider passen. Bin so etwas wie eine mediale Insel, also das Gegenteil von einem Szenebeobachter. In meiner eigenen kleinen Welt gibt und gab es sehr viele kleine und große Momente und Begegnungen, wo mich Kunstund Kultur bewegt haben, aber das ist eine persönliche Geschichte… Welche Wünsche hast Du an das Christkind/den Weihnachtsmann und welche an die österreichische Regierung bzw. an die Regierungen dieser Welt? Wünsche an das Christkind habe ich keine. Wünsche an die Welt und Ihre Regierungen hätte ich viele, z.B. Weltfrieden, vernünftige Förderungen für Künstler, das Einsetzen von Kulturbotschaftern an Schulen, die Aufwertung von Kunst in der Gesellschaft, die Förderung der heimischen Musikszene (und damit meine ich nicht die volkstümliche Musik) durch die Medien (Radio, TV, Print) undundund…. Welche Erinnerungen wirst Du voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten? Ich werde mich an 2012 als das Jahr der großen Umbrüche erinnern, beruflich wie privat. Es wird das Jahr bleiben, in dem mein Debütalbum „Verlieren & Finden― erschienen ist. // Seite 17

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HE.AT

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MIT

TÄGLICHEM

GEWINNSPIEL


LEUCHTET! FUNKELT! LEST! Als der bekannte Weihnachtologe Dr. Funkensprüher in den 1970er Jahren seine sternerhellende populärwissenschaftliche Vortragsreihe Gibt es den Weihnachtsmann doppelt? in Girlandensälen und Weihnachtsräumen hielt, sorgsamte er auch dafür, das Kapitel Himmlische Nothilfe von Kurt Tucholsky dem zugetanen Publikum nicht vorzuenthalten, in dem dieser den praktischen Beweis zur vorangestellten Frage lieferte, und zwar aufgrund eines zum richtigen Moment eingeschalteten Sprechmikrofon, das mit einem modernen, Betrieb gesetztem, Aufnahmegerät in Verbindung stand, und so es ermöglicht wurde einen Dialog zwischen einem Oberengel und einem Hilfsengel festzuhalten. Hier zur Erinnerung die wichtigste Passage, leicht gekürzt: Wir sind hier nicht in Berlin, Herr! Wir sind im Himmel. Und eben wegen dieser dargestellten Umstände haben wir jetzt zwei Weihnachtsmänner!

Und ... was machen die?

Weihnachtsmann A erfüllt den Wunsch. Weihnachtsmann B bringt das Gegenteil. Zum Exempel: Weihnachtsmann A bringt dem deutschen Volke den gesunden Menschenverstand – Weihnachtsmann B die Presse. Ein Dichter wünscht sich gute Kritiker, kriegt er. Dafür kauft kein Aas sein Buch mehr. Die deutsche Regierung wünscht Sparmaßnahmen – schicken wir. Der andere Weihnachtsmann bringt dann einen kleinen Panzerkreuzer mit. Auf diese Weise kriegt jeder sein Teil. Seit dieser unwiderleglichen Beweisdarstellung und eindringlichen Vortragsreise von Dr. Funkensprüher hat sich diese charmante Vorstellung von mehreren existierenden Weihnachtsmännern, im wahrsten Sinne, Gott sei Dank, auch in die Kaufhausrealität übertragen lassen, freilich mit all ihren Problemchen und Eifersüchteleien, wie es z.B. der populäre Wiensänger Roland Josef Leopold Neuwirth in einem tragischen Weihnachtsmannlied höchst autobiographisch Seite 20

darstellen konnte. Zitat: A weißer Bart hängt neb’n mir / in ana Lackn voller Bier. Moment, das war das falsche Zitat. Aber jetzt: Kummt mir glatt ins Gehege / a neidiga Kollege / ’s is a Gris um den Job weil si’ jeder drum geilt / und i sitz da am Bankl / wia kumm i zu mein Trankl / wann a And’rer die Zuckerln verteilt [...] I bin da Weihnachtsmann vom Supermarkt am Eck / i mach grad a Pause und mei Arbeitsg’wand is weg… Na, wie auch immer. Durch diesen ungeheuren Popularitätsschub jedenfalls und der Tatsache, dass sich dies auch auf die Vollbeschäftigung auswirkt (wobei ja nicht alle Weihnachtsmänner voll sind, manche sind nur halbvoll), kam es leider auch zu groben Versündigungen, wie uns ein weiterer Spezialist aus dem schönen Freistaat Bayern zu beichten weiß: Gerhard Polt. Es stimmt ja auch, ich mein, ich steh dazu, ich hab über 23 Jahre ohne Gewerbeschein und auch ohne Attest vom Gesundheitsamt am Finanzamt vorbei, also illegal, die Funktion des Nikolaus ausgeübt. Ich habe unter Vorspiegelung falscher Tatsachen einen heiligen Mann gemimt, habe Schwarzarbeit begünstigt, weil ich einen Krampus beschäftigt

habe und habe meine Kinder dazu ermuntert, als Kaspar, Melchior und Balthasar, ohne Genehmigung der katholischen Kirche, Menschen, wildfremde Menschen zu sentimentalisieren und sich Vorteile zu verschaffen. Silent Nights, Holy Books Dieses ungustiöse Beispiel aus jüngster Zeit ist freilich bloß jenes eines Gesellen der Minderheit, einer Randfigur, einer Einzelerscheinung. In Wirklichkeit – und die Wahrheit ist da auch ziemlich dicht dran – ist Weihnachten mit all ihren Weihnachtsmännern natürlich die schönste Zeit des Jahres. Noch schöner wird diese, wenn man sich die Zeit nimmt, zu einem guten Buch (bzw. zu mehreren guten Büchern) zu greifen und zu lesen, lesen, lesen.

Hier nun also drei wertvolle Tipps rund ums literarische Weihnachtsbuch... Christ ist geboren Die Geschichte der Geburt Jesu illustriert in prachtvollen Bilderhandschriften aus dem Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek sollte am Gabentisch liegen, sofern man die Geschichte von Weihnachten aus der kunstgeschichtlichen Entwicklung her kennen möchte. So wird z.B. auch der in Bezug auf Weihnachten wohl bekannteste Volksbrauch – die Symbolik und das Aufstellen des Weihnachtsbaumes – näher erläutert, aber auch prinzipiell die Entwicklung des Weihnachtsfestes seit dem Mittelalter. Wie viel ist davon geblieben, was ist verloren gegangen. Gab es denn in früheren Zeiten auch schon so etwas wie einen kommerwww.Kulturwoche.at


ziellen Gedanken? Der Aufbau des Buches orientiert sich an den Stationen der biblischen Weihnachtsgeschichte, die in Evangelien-, Apokryphen-, und Legendenseiten erzählt wird. Jeder Episode ist ein eigenes Kapitel gewidmet, in dessen Zentrum eine Handschrift steht. Ausgewählte Doppelund Einzelseiten aus den Handschriften werden ebenso abgebildet wie einzelne Miniaturen. Im Buch wird nicht nur die (scheinbare) Idylle der Geburt im Stall nachgegangen, sondern Maria und Josef als Prototyp einer fliehenden Familie dargestellt. Erklärungen zu Bibelzitaten und Wortmeldungen aus diversen Bilderhandschriften geben dabei tiefe Einblicke.

gente wie höchst originelle Handlung. Gott will nach längerer Zeit (immerhin das erste Mal seit 2000 Jahren) wieder mal auf der Erde nachschauen, ob eh alles paletti ist – und wird zunächst mal natürlich ordentlich enttäuscht. Köln samt Weihnachtsmarkt hält nämlich nicht das, was Gott sich erwartet. Zudem schlüpft Gott in den Körper eines Obdachlosen – Erwin – und lernt so manche Unbarmherzigkeiten kennen und dass Hilfsbereitschaft ein einsames Wort ist. Charles Dickens Weihnachtsgeschichte

Eines der berühmtesten Weihnachtsgeschichten und gleichzeitig Plädoyers für Menschlichkeit und Der heilige Erwin Nächstenliebe gelang Eine Weihnachtsgeschichte in 24 Kapiteln lautet der Un- Charles Dickens als er die tertitel von Der heilige Erwin Geschichte von Ebenezer und die Liebe (Ullstein; Scrooge schrieb. Ein Buch, 2012) von Jasna Mittler, das das mittlerweile in unzähliauch als Hörbuch erhältlich gen Ausgaben vorliegt. ist. Hugo Egon Balder liest Riskieren wir daher einen aus dem feinen Buch vor, vergleichenden Blick, ob versteht das trockene ins lachhafte zu bringen, den überall Dickens drin ist wo Humor explizit hervor zu Dickens drauf steht. In der schälen und strapaziert Buchreihe GEOlino Biblioschon auch mal seine thek ist dieser Klassiker, Stimmbänder ins Reich der der erstmals 1843 unter mehrfachen Personalbesetzung. Die Geschichte selbst besticht durch die intelli-

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dem Titel A Christmas Carol. In Prose. Being a Ghost Story of Christmas (Ein Weihnachtslied. In Prosa. Eine weihnachtliche Geistergeschichte) erschien, in der Übersetzung von Sybil Gräfin Schönfeldt erhältlich. Diese Ausgabe fügt sich optisch einer bestimmten Linie unter und bleibt dem Original weitestgehend treu. Logisch ist auch sich für den heute gängigen Titel Eine Weihnachtsgeschichte und nicht für den Titel der ersten deutschen Übersetzung, Der Weihnachtsabend. Eine Geistergeschichte (1844), entschieden zu haben. Hier liest man ein Stück Weltliteratur mit hohem Niveau übersetzt. Beginnt die Erzählung in der Übersetzung von Schönfeldt mit den Worten Marley war tot: Das muss ich vorausschicken. Darüber gab es gar keinen Zweifel., so lauten die ersten Worte in der Ausgabe vom Leipziger Kinderbuchverlag folgendermaßen: Zunächst soll gesagt sein: Marley war tot! Es gab keinen Zweifel. Man sieht schon, die Unterschiede sind minimal, was auch im

Verlauf der Geschichte so bleibt. Hier heißt Dickens Geschichte übrigens Das Weihnachtsgespenst, obwohl es eigentlich deren drei sind. Auch wenn die Aufmachung und Illustrationen anfangs ungewöhnlich wirken gefällt diese Ausgabe letzten Endes doch. Die schönste Aufmachung gelang dem Coppenrath Verlag, das bereits damit beginnt, dass der Einband mit Samt umrandet ist und sich einfach gut angreift. Alternierend zum Samt kann man diese Ausgabe in einer bibliophilen Buchbox mit 24 fadengeheftete Büchlein zum Herausnehmen erwerben. Allerdings handelt es sich hier nur um eine Nacherzählung von Katrin Hoffmann. Die eh schon nicht allzu lange Geschichte von Dickens erfährt hier also eine vehemente Kürzung der Ereignisse, was das Ganze leider nur zum halben Vergnügen macht. Umso ärgerlicher, wenn man glaubt damit eine "klassische" Übersetzung aus dem Original erworben zu haben. // Text: Manfred Horak

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WÜNSCH DIR WAS, TEIL 5

ANNA MARIA KRASSNIGG Die zu Weihnachten geborene Theaterregisseurin und Autorin Anna Maria Krassnigg feierte heuer ihren fünften Geburtstag als künstlerische Leiterin von Salon 5, dieser wunderbaren Begegnungsstätte im Brick-5 in der Fünfhausgasse 5 in 1150 Wien. Der Begriff Salon kommt nicht von ungefähr, da es kein herkömmliches Theaterhaus ist, sondern auf mehreren (nämlich auf 5 definierten; eh klar!) Ebenen wirkt. Logisch daher, dass Anna Maria Krassnigg in Teil 5 unserer Wünsch-Dir-Was-Reihe zum Zug kommt, und weil sie das offenbar ahnte, ließ sie sich folgerichtig von Teresa Zoetl vor der sechsten Zahl der Fibonacci-Folge, dieser Primzahl mit immenser kultureller Bedeutung, fotografieren. Was sich Krassnigg von 2013 erwartet und wie sie Weihnachten verbringt, verriet sie uns freilich ebenfalls. Was erwartest und erhoffst Du Dir von 2013 und generell von der Zukunft? Ich erwarte mir weitere Diffusion und Zerstreuung der Menschen und ihrer Energien, davon profitierend zielgerichtet egomanische Geschäftemacherei einiger Krisengewinnler. Ich wünsche mir Konzentration, Authentizität, Tiefe.

Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein? Interventionen Gut und interessant, wenn sie von Inhalt ausgehend ihre Form finden, langweilig, wenn es umgekehrt ist. Visionen Nichts ist nötiger in unserer verwirrten, verwirrenden Zeit und Welt Illusionen Dingfest machen, enttarnen, heilen und in Visionen überführen (s.o.) Interkreativität Eine künstlerische Notwendigkeit mit großer Tradition gerade in Wien, spätestens seit den Wiener Secessionisten. Zeitgeist Geist, Geistigkeit, findet grundsätzlich in der Zeit statt, sonst ist er haltlos und/oder sentimental. Das Wort Zeitgeist braucht es also nicht, ich kann wenig damit anfangen. Was waren für Dich die wichtigsten Ereignisse in der Kunst - und Kulturszene von 2012? Es gab wunderbare Einladungen an den WFW - und prägend für das Jahr finde ich (obwohl das hierzulande noch gar nicht genügend Bewusstseinsraum bekommen hat, im Ausland aber stark wahrgenommen wird) die Entwicklung der zeitgenössischen Musiktheaterszene. Da beginnt Wien wieder eine Vorreiterrolle zu spielen, die der Stadt generell gut zu Gesicht stehen würde...

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Denkst Du heute noch gerne an Weihnachten aus Deiner Kindheit zurück? Ja. Ich mochte diese Zeit immer sehr. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich zu Weihnachten geboren bin. Magst Du Weihnachten bzw. was bedeutet Dir heute noch Weihnachten? JA, ich mag dieses Fest. Zum einen bin ich ein in gewisser Weise gläubiger Mensch. Ich halte das menschliche und philosophische Programm von Jesus Christus (ich spreche nicht davon wie das institutionell teilweise verdreht wurde und wird!) für eine echte Möglichkeit einer positiven, menschenwürdigen Zukunft - einen der wenigen Wege. Sich den wahnwitzigen, vorweihnachtlichen Konsumtrubel vom Leib zu halten, ist eine Frage intelligenter Entscheidungen, nicht mehr. Wien ist im Schnee (let‗s hope!) für mich am schönsten, als würde diese fahrige Stadt endlich zu Ruhe und Eleganz kommen. Ich verbringe diese Zeit bewusst so ruhig wie mit Familie und zwei Kindern möglich... Welche Wünsche hast Du an das Christkind/den Weihnachtsmann und welche an die österreichische Regierung bzw. an die Regierungen dieser Welt? Den Weihnachtsmann kenne ich nicht. Wenn der kleine Christus zur Erfüllung meiner Wünsche beitragen könnte, würde ich eben jenen nach Konzentration, auf das Wesentliche, auf gelingende Kommunikation, auf Mut zur Offenheit dringlich beim Krippenkind deponieren. Von der Regierung wünsche ich mir, dass sie ihre Arbeit macht. Dass sie agiert, klar kommuniziert, entscheidet anstatt zu lavieren und fragwürdige kleine und große Pakte zu schließen. Ich wünsche mir Kompetenz statt Etikettenschwindel. Welche Erinnerungen wirst Du voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten?

Fotos: Teresa Zoetl

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Die einer allgemeinen, definitiv für die Welt und ihre Bewohner nicht haltbaren Beschleunigung. 2012 hat es da einen neuerlichen Ruck gegeben. Viele Menschen empfinden das. Aber auch die Erinnerung an rückhaltlose die Solidarität wunderbarer Menschen. Mit Hölderlin: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. // www.Kulturwoche.at


WÜNSCH DIR WAS, TEIL 6

CLEMENS WALDHERR Ebenfalls im Burgenland beheimatet ist der Meisterbäcker Clemens Waldherr, dessen vegane und vollwertige Weihnachtsleckereien ein echter Geheimtipp für all jene sind, die den Geschmack von Weihnachten lieben. Seine auch optisch reizvollen Kreationen wie Vollkorn-Dinkellebkuchen, Kletzenbrot nach traditionellen Rezepturen, u.v.m. sind nicht nur himmlische Begleiter durch den Advent, sondern auch geschmackvolle Geschenkideen. Ideal zum Backen mit Kindern bietet Waldherr übrigens auch frischen Bio-Lebkuchenteig nach altem Lebzelter-Rezept aus Vollkorn-Dinkelmehl, Honig, feinsten Gewürzen und natürlich ohne Konservierungsstoffe. Das Vollkorn-Bio-Kletzenbrot aus Vollkorn-Roggensauerteig, mit echten Bio-Birnenkletzen, Zwetschken, -Nüssen, - Äpfeln und -Rosinen ist besonders geschmackvoll und harmoniert mit pikanten Käsesorten genauso wunderbar wie mit Punsch und Glühwein. Diese und noch viel mehr Weihnachtsspezialitäten gibt es in allen Verkaufsstellen der Vollkorn-Bio-Bäckerei Waldherr in Eisenstadt, Graz und Wien sowie im gut sortierten Naturkost-Fachhandel. Wir erhielten bereits vorab die Möglichkeit einige Weihnachtsbäckereien zu verkosten und waren dabei erstaunt und verzückt ob der wunderbaren Gerüche und Geschmacksfacetten. Clemens Waldherr war zudem so freundlich uns einige Einsichten in seine Gedankenwelt zu geben.

Was erwarten und erhoffen Sie sich von 2013 und generell von der Zukunft?

Was waren für Sie die wichtigsten kulinarischen Erkenntnisse von 2012?

... eine Rückbesinnung auf echte Werte und eine Abkehr vom Götzen Konsum.

... unser Quinoabrot, das Vollkorn, Bio und FAIRTRADE vereint.

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Was fällt Ihnen zu den folgenden Stichworten ein? Interventionen Dienen selten dem offiziellen Zweck. Visionen Muss man haben, um über den eigenen Tellerrand blicken zu können. Illusionen Jeder lebt in seiner eigenen Illusion. Backmischungen Nichts für mich. Welche Wünsche haben Sie an das Christkind/den Weihnachtsmann und welche an die österreichische Regierung bzw. an die Regierungen dieser Welt? An das Christkind: Weisheit und Liebe für alle Regierungen der Welt. An die Regierungen, dass sie diese Weisheit und Liebe annehmen. Welche Erinnerungen werden Sie voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten? .. 2012 hat mir beruflich und privat viel Liebe, viel Segen, viel Arbeit, viel Freude gebracht. // Fotos: Stephy Zinz-Ewers

Denken Sie heute noch gerne an Weihnachten aus Ihrer Kindheit zurück? Ja, das Warten aufs Christkind fiel mir als aufgewecktes Kind sehr schwer. Mögen Sie Weihnachten, bzw. was bedeutet Ihnen heute noch Weihnachten? Ja, als gläubiger Christ ist mir Weihnachten sehr wichtig. Weihnachten wird sehr traditionell mit der Familie (fünf kleine Kinder) gefeiert, wobei die Geburt Jesu und nicht die Geschenke im Mittelpunkt stehen.

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WÜNSCH DIR WAS, TEIL 7

RICHARD SCHUBERTH Der in Wien lebende Autor Richard Schuberth veröffentlichte in den letzten zehn Jahren einige höchst unterhaltsame Bücher, so zuletzt die Tragikomödie Wie Branka sich nach oben putzte (Drava Verlag; 2012), das ursprünglich als Theaterstück für großes Vergnügen sorgte und von Kulturwoche.at als ein mächtiges, wahnwitzprächtiges Theaterstück definiert wurde. Große Klasse bewies er auch mit seinen 30 Anstiftungen zum Wiederentdecken von Karl Kraus (2008), und wer auf schräge Cartoons/Collagen steht, dem sei (allerdings nicht nur aus diesem Grunde!) ein Augustin-Abo empfohlen. Dass er mit seinem, irgendwo zwischen Tragik und Skurrilität angesiedelten, Humor auch ordentlich aneckt, dürfte wiederum der breiten Leserschaft von der Tageszeitung Der Standard bekannt sein, für die er immer wieder mal Gastkommentare zu gesellschaftspolitischen Themen abliefert. Woran sich Richard Schuberth an 2012 zurück erinnern wird und warum sich das Christkind endlich ein längeres Kleidchen zulegen soll verrät er uns ebenso, wie er uns auch Fotos für die vergleichende Schuberth-Wissenschaft zur Verfügung stellt.

Denkst Du noch gerne an Weihnachten aus Deiner Was bedeutet Dir heute noch Weihnachten? Kindheit zurück? Natürlich. Dabei werden wie üblich die schönen Erinnerungen behalten und die negativen rausgefiltert. Familienhimmel/Familienhölle. Besonders schöne Tradition: russische Literatur des 19. Jahrhunderts als Weihnachtsgeschenk, nicht abwarten können, sich damit ins Zimmer zurückzuziehen und dann tagelang darin versinken, während draußen die Landschaft im Schnee versinkt. Die lustigsten Weihnachten: als meine älteren Geschwister Weihnachten okkupierten, Hannes Wader singt Arbeiterlieder auflegten, und unser Vater fluchend, unsere Mutter heulend, die Bescherung verließen. Seite 26

Für mich wirklich die besinnlichste Zeit des Jahres, weil mich der ganze Scheiß nichts mehr angeht. Die Zeit um Weihnachten herum, in der ich mich mit Ruhe und stressfrei meiner kreativen Arbeit widmen kann und am Abend eventuell mit jenen Freunden treffe, die auch keinen Weihnachtsstress haben, ja überhaupt auf Stress verzichten, und deshalb ihre besten Seiten entfalten.

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Welche Erinnerungen wirst Du voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten? Dass ich mich 2012 kaum an 2011 zurückerinnern konnte.

Was erwartest und erhoffst Du Dir ger im Andino!). Außerdem Peter Turrinis Ansprache anlässlich der von 2013? Verleihung des Nestroys, aber mehr Von mir selbst erwarte/erhoffe ich: noch Michael Scharangs geniale Repmehr Muße, Zeit für Reflexion, Lektülik auf Nicolas Stemanns Replik auf re, gute Filme, für Natur und WanTurrinis Ansprache. dern, mehr gesellschaftspolitisches Engagement und Aktionismus sowie je zwei Buchpublikationen und eine TheWelche Wünsche hast Du an das aterinszenierung pro Jahr (Material für Christkind/den Weihnachtsmann beides reicht für 5 Jahre). Endlich ein, und welche an die österreichische zwei meiner Filmprojekte verwirkliRegierung bzw. an die Regierungen chen ... Generell wünsche ich mir eine dieser Welt? Radikalisierung des politischen Denkens und Handelns, um dem Neolibe- Dass das Christkind den Weihnachtsralismus in allen Lebensbereichen den mann verführt, und dieser ein paar Garaus zu machen und dieses Mal da- Jahre wegen Pädophilie aus dem Verbei nicht auf Totalitarismus zu setzen. kehr gezogen wird. Die Rentiere lassen wir frei. Das Christkind soll sich endlich ein längeres Kleidchen zuleWas waren für Dich die wichtigsten gen. Es ist schließlich nicht mehr Ereignisse in der Kunst- und Kultur- sieben! szene von 2012? Wunsch an die österreichische RegieAlle künstlerischen Projekte meiner rung und die Regierungen der Welt: Freundin Jelena Popržan – Catch-Pop Sie sollen endlich zugeben, dass sie String-Strong, Sormeh, Duoprojekt mit Marionetten von WirtschaftsinteresBoris Mihajlčić, Sara Ostertags wun- sen sind und eine (miserable) Demoderbares Kindertheaterstück „Das Kind kratieshow abziehen. Das wäre für der Seehundfrau― (an dem Jelena betei- das Wahlvolk der erste Schritt der ligt war), und ihr cooles Quartett Erkenntnis, nicht hin zur gemäßigten Popržan/Jokić/Petrova/Neuner (am 6. Diktatur (F. Baumgartner), sondern zu Dezember im Rahmen des Musikali- echter Demokratie. schen Adventkalenders mit Stefan SterzinSeite 27

Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein? Interventionen Zwei Dinge. Auf individueller Ebene: Wenn bei Positionen und Postenvergabe ein unfähiger gegenüber einem fähigen Menschen bevorzugt wird, weil eine einflussreiche Person für jenen interveniert hat. Auf weltpolitischer Ebene: wenn ein Staat in einem Gegnerstaat aus humanitären Gründen interveniert, weil dieser ein Menschenrechtsverletzer sei und Anarchie und Bürgerkrieg auslöst und auch selbst dort aufs Geratewohl mordet. Visionen Halluzinationen, welche das Feuilleton von Politikern einzufordern nicht müde wird, als wäre deren Politik schon in nüchternem Zustand nicht durchgeknallt genug. Illusionen Unser täglich Fastfood. Weltuntergang Das Ende der Welt, von welchem der große Bluffer Gott so lange schwatzte, bis es die aufgeklärte Menschheit selbst in die Hand nahm. Dass es ihr bis heute noch nicht recht gelingen wollte, scheint den Optimisten Recht zu geben— doch: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. //

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DER STERN Die feinfühlige Kurzgeschichte von Ute Blaich und Julie Litty erschien erstmals vor elf Jahren und liegt heuer rechtzeitig zu den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen endlich wieder als liebevoll gestaltete Geschenkbuchausgabe im Verlag minedition vor. Das Service für Theaterinteressierte mit Die im Jahr 2004 verstorbene Autorin Ute Blaich war beumfassendem Kalendarium von freiem kannt dafür, dass sie gegen schicke Trends, Booms, Klischees, Theater, Tanz und Performance aller gegen Bestsellerspekulation und die Konformität des unverbindSpielarten. lich ,Netten' ihre Geschichten entwickelte, wie es Die Zeit im Nachruf zu formulieren verstand. Blaich übernahm in den Mit individuell anpassbaren Downloadspäten 1970er Jahren die Kinderbuchseite von Die Zeit, Funktionen vom Standardexport bis hin Anfang der 1990er Jahre entwickelte sie bei Rowohlt die zur Einbindung in andere Webangebote rotfuchs-Reihe und führte später beim Aufbau Verlag ein durch automatischen Datenabgleich. bibliophiles Bilderbuchprogramm ein. Gemeinsam mit der französischen Illustratorin Julie Litty veröffentlichte Ute www.theaterspielplan.at Blaich drei Jahre vor ihrem Lebensende die Fabel Der Stern, Die komfortable Informationsdrehscheibe quasi als reizvollen Gegenentwurf zu den üblichen Weihnachtsfür aktuelle Veranstaltungsdaten mann-was-schenktst-du-mir-Geschichten, wie es in einer Rezensiösterreichweit. on von Ulrich Karger zur Erstausgabe hieß. Das Käuzchen erzählt dabei dem Schneehuhn, dem Raben, dem Schaf und der Waldmaus in der Nacht, in der am Himmel und in allen Herzen der Stern von Bethlehem strahlen soll, eine Weihnachtsgeschichte über die Kraft der Liebe und über gute Menschlinge. Die detailreichen Aquarelle von Julie Litty zeigen sehr konkret die Protagonisten der Geschichte in der klirrenden Kälte und bilden mit der Poesie von Ute Blaich eine stimmungsvolle Einheit. // Text: Manfred Horak

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HARLEQUIN´S

GLANCE

Das Gasthaus Wratschko in Wien, wer es kennt, mit seinem heimeligen Licht und dem nicht renovierten Gastraum, bildet die Kulisse für das AlbumCover von "Ashore" (Heurekord/Lindo; 2012). Und so wie im Wratschko Slow Food gekocht wird gibt es bei der Band Harlequin‘s Glance um Gernot Feldner Handmade Music auf hohem Niveau.

Die Dichter schuften in den Mühlen, die Kellnerin in der Spelunke sieht besser aus als die Lage es tut, und irgendwie schreien einen die Neonlichter trotzdem an, dass es am Ende vielleicht sogar okay wird. Die Trinker und die Säulenheiligen, die Taschenspieler und die Halblustigen, jene, die Geschichten von den rauen Gesetzen der hohen See erzählen obwohl sie das Festland keinen Zentimeter verlassen haben: eben der Pantheon, in dem Songs immigrieren, emigrieren, weitergegeben, verändert, sich zu Eigen gemacht werden. Harlequin's Glance sind vielleicht so etwas wie Wiens bestgehütetes Geheimnis, eine Band in die man sich leicht verlieben kann, wenn man sie live sieht, sei es in Gasthäusern oder auf Clubbühnen, mit ihrem verschrobenem, bärtig-huttragendem Humor. Mythen müssen nicht nur gesponnen, sondern vor allem auch ad absurdum geführt werden: das funktioniert nicht nur live ganz fabelhaft, sondern auch auf Platte, auf dem mittlerweile zweiten Bandalbum.

wieso alles, Gantz tobt sich auf allem aus, was Saiten hat und Klemmer haut nicht nur auf Toms, sondern auch auf Plastiksackerln und Waschbrettern. Elf Songs später tanzen sie noch immer im Pantheon. Und auch wenn der Mühlendichter am Ende einsieht, dass das kein Gold, sondern nur Steine waren; die Kellnerin nicht mit einem heimgeht und die Taschenspielertricks nicht heiliger werden mit der Zeit: irgendwie könnte es sich ausgehen, gegen Ende hin. Harlequin's Glance mögen der Soundtrack dazu sein. // Text: Markus Brandstetter @ www.harlequinsglance.com/

An Land "Ashore" heißt die Liedsammlung, an Land. Man hat den rumpelnden Scrapyard-Polka über weite Strecken ein wenig gegen melodiösen Folk-Rock eingetauscht: nicht, dass hier die Rhythmen nicht auch hier und dort anständig vor sich hin und in sich versumpfen - "Ashore" ist dennoch ein wenig geradliniger ausgefallen als der Vorgänger "Turn". Geblieben und verfeinert die Essenz des Quintetts: Songs, die so klingen als wären sie immer hier gewesen, alte Bekannte, melancholisch, stoisch, poetisch und ein wenig versoffen. Gernot Feldner kanalisiert das Sumpfige, Goldsuchende, mit einer eigenwilligen, charakteristischen Stimme - Worte und Silben ziehend, nasal und stur, Martin Mixans Kontrabass untermauert das, gemeinsam mit Zirkusdirektor und Zeremonienmeister Daniel Klemmers Schlagzeug mit einem soliden, poetischen Rhythmusgerüst. Richtungsgebend und atmosphärenweisend hinzu kommen das extrem versatile Gitarrenspiel von Alexander Gantz sowie Stephan 'Stoney' Steiners Geigenspiel. Im Studio kommt da noch das Multiinstrumentalistentum zu Tage, Mixan spielt von Trombone bis Mariachi Trompeten soSeite 29

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WÜNSCH DIR WAS, TEIL 8

KATRIN NAVESSI 17 Shades of Blue heißt das Solo-Debüt-Album von Katrin Navessi, die bereits als Sängerin von Jellybeat in der österreichischen Musikszene für Aufmerksamkeit sorgte. Obwohl sie Weihnachten und die Adventzeit total gerne mag, fand die Singer-Songwriterin leider keine Weihnachtsfotos aus ihrer Kindheit, dafür gibt sie uns aber Einblicke wie das bei ihr damals so war mit Weihnachten. Was erwartest und erhoffst Du Dir von 2013? Global: ein neues Bewusst-sein, persönlich: mehr Zeit für Arbeit an alten und neuen Songs! Was waren für Dich die wichtigsten Ereignisse in der Kunst- und Kulturszene von 2012? Es war schön, zu beobachten, wie sich das Label Lindo Records, auf dem u.a. mein Album 17 Shades Of Blue im Juni 2012 erschienen ist, entfaltet hat. Außerdem eine befreundete Band, Balkan Tango Vibes, die sich im letzten Jahr durch Live-Gigs in die Herzen und Tanzbeine der Wiener gespielt hat und mittlerweile wie der Rattenfänger von Hameln ihr Publikum anzieht. Und zuletzt das Bluebird-Festival; wunderschöne Veranstaltung, kann ich nur jedem empfehlen, der etwas für Indie/Folk übrig hat! Denkst Du noch gerne an Weihnachten aus Deiner Kindheit zurück und was bedeutet Dir heute noch Weihnachten? Ja! Ich mag Weihnachten und die Adventzeit total gern! War immer schon so, hat aber für mich persönlich keine religiöse Bedeutung. Ich finde jeden Anlass schön, seine Lieben zusammen zu trommeln und miteinander Zeit zu verbringen. Das machen wir heuer in unserer Wohnung in Wien mit Kind und Großmutter, und den Generationen dazwischen, mit Baum, traditionellem Fisch mit Kartoffelsalat und vielleicht wird dann noch die Gitarre gezückt. Welche Wünsche hast Du (a) an das Christkind/den Weihnachtsmann und (b) an die österreichische Regierung bzw. an die Regierungen dieser Welt? (a) Darf ich nicht verraten, sonst gehen sie nicht in Erfüllung! Aber (b) an die österr. Regierung und die Regierungen der Welt hab ich den Wunsch, dass die einzelnen Entscheidungsträger es endlich schaffen, ihre eigenen Machtansprüche beiseite zu lassen und ihre Arbeit wirklich in den Dienst ihres Volkes legen.

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Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein?

Interventionen: politische Maßnahmen Visionen: umsetzen, unbedingt! Illusionen: Luftschlösser, können sehr schön sein Blau: 17 Shades of Blue! Welche Erinnerungen wirst Du voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten? Eine Costa Rica-Reise, Album-Release, und ein plötzlicher, persönlicher Kurswechsel, der, obwohl anfangs so irritierend, sich dann als Riesengeschenk entpuppt hat. Fazit: Life is good! //

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WÜNSCH DIR WAS, TEIL 9

LAURA

RAFETSEDER

Die Singer-Songwriterin Laura Rafetseder hat sich bereits mit Laura & the Comrats und dem großartigen Album Creating Memories (Lindo; 2010) einen Namen gemacht. Kürzlich legte sie mit The Minor Key Club endlich ihr zweites Album vor. Auch von Laura liegen leider keine Weihnachtsfotos vor, dafür verrät sie uns, was besser ist als Briefe ans Christkind zu schreiben. Was erwartest Du Dir von 2013? Kann ich ihm Moment wirklich schwer sagen. Ich hab ein paar Gigs in der Pipeline. Aber ich vermute wir werden uns alle ein bissl wärmer anziehen müssen ;) Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein?

Interventionen: Künstlerische? Musikalische? Politische?

Visionen: Hm. Also. Ich hätt gern eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, Arbeitslosigkeit, Frauenunterdrückung, Krieg, Hunger, Krise… Let‘s call it socialism.

Illusionen: Die haben wir alle. Und es ist nicht einfach, sich von ihnen zu verabschieden…

Tonart bzw. Tonalität: Minor Key! Was waren für Dich die wichtigsten Ereignisse in der Kulturszene von 2012? Es gab einige MusikerInnen in meinem Freundeskreis, die Alben veröffentlicht haben: Katrin Navessi mit 17 shades of als Briefe ans Christkind zu schreiblue, Boxer John Immaculate Imperfection, ben, ist es, sich zu organisieren. Die Harlequin‘s Glance Ashore. werden uns freiwillig nix schenken. Magst Du Weihnachten bzw. was bedeu- Der ÖGB muss Widerstand gegen Sparpakete, Personalabbau und Antet Dir heute noch Weihnachten? griffe auf die Kollektivverträge orgaIch hab Weihnachten immer super gefunnisieren und sich am nächsten Euden, weil in meiner Familie alle Weihropaweiten Generalstreik beteiligen. nachten toll gefunden haben, und folgAber auch das fällt nicht vom Himlich nett zu einander waren – wegen dem mel, da muss man ihnen ein bissl vielen Essen und der Geschenke. Heuer Dampf machen. bin ich irgendwie noch gar nicht wirklich in Weihnachtsstimmung, weil der Herbst Welche Erinnerungen wirst Du an das Jahr 2012 behalten? irgendwie super stressig war. Welche Wünsche hast Du an das Christ- Ich hab ein schönes Album gemacht kind und an die hiesige Regierung bzw. und mich verliebt. Abgesehen daan die Regierungen dieser Welt? von war für mich das Jahr 2012 eiIch find, es bringt nicht viel, sich von nes, wo mir ziemlich bewusst geworRegierungen etwas zu wünschen – besser den ist, was es heißt, AlleinerzieheSeite 31

rin zu sein, und dass das mit der doppelten Unterdrückung der Frau wirklich stimmt. Du gehst arbeiten und dann gehst du heim zum Kind und arbeitest weiter. Und wenn du mal einen Abend frei hast, geht das schlechte Gewissen mit, weil du dein Kind immer seltener siehst. Und überhaupt hofft man ständig, dass keine von den Variabeln, die das Leben zusammenhalten (Job, Kindergarten, Babysitter,…) einbricht. Noch ein Grund mehr dafür zu kämpfen, dass der Kapitalismus möglichst bald Vergangenheit ist. //

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WÜNSCH DIR WAS, TEIL 10

STEPHAN RABL Es gibt gewisse Stehsätze, die man immer wieder hört oder liest, z.B.: Herr oder Frau Soundso ist aus der österreichischen Kulturszene nicht wegzudenken. Bei Stephan Rabl trifft das tatsächlich zu. Er beeinflusst nämlich maßgeblich die hiesige Theaterlandschaft und hievte die lange Zeit belächelte und irgendwie als unwichtig abgetane Theaterszene für junge Menschen nachhaltig ins Bewusstsein. Er war Gründer und Geschäftsführer von szene bunte wähne (1991 – 2004) und ist Geschäftsführer von Dschungel Wien (seit 2004), er initiierte den österreichischen Theaterpreis STELLA und ist selbst auch immer wieder mal als Darsteller, Produzent, Regisseur tätig. Mittlerweile erreicht der Dschungel Wien jährlich über 50.000 Besucher, wobei das Zielpublikum klar definiert ist: Junge Menschen von 18 Monaten bis 25 Jahren. Advent und Weihnachten hat im Dschungel Wien natürlich einen besonderen Stellenwert. Heuer stehen wieder die wunderbaren Weihnachtsgeschichten vom Franz nach Christine Nöstlinger (Regie: Sara Ostertag) am Spielplan. Ob Weihnachten aus der Kindheit bei Stephan Rabl starke Erinnerungen auslöst und was ihm heute noch Weihnachten bedeutet, war uns hingegen nicht bekannt, aber jetzt wissen wir es!

Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein?

Interventionen Sind oft notwendig um falsch eingeschlagene Richtungen wieder zu korrigieren. Leider aber auch falsche politische Maßnahmen im Zusammenleben auf dieser Welt.

Visionen Lebensnotwendig, um Mut für neue Wege und Ideen zu haben.

Illusionen Eine Gratwanderung der spielerischen Vision ohne realen Boden.

Regenwald bzw. Dschungel Da kann ich eigentlich nur an den DSCHUNGEL WIEN denken, an meine tägliche Arbeit im Theaterhaus, an KünstlerInnen, Abenteuer und junges Publikum.

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Was erwartest und erhoffst Du Dir von 2013?

ROTER VELTLINER IM STEIN

Ein Mehr an sozialer Einstellung und Solidarität im Zusammenleben auf diesem Planeten. Und eine Abwenden vom Ressourcenkampf, sowie eine Beendigung der Ignoranz der reichen und kapitalistischen Schicht auf der Welt. Was waren für Dich die wichtigsten Ereignisse in der Kunstund Kulturszene von 2012? Da ich zu viel im Dschungel Wien lebe, und den künstlerischen Großstadtdschungel zu wenig besuche, kann ich kein objektives Urteil geben. Und subjektiv würde es zu viele wertvolle andere Ereignisse negieren. Denkst Du gerne an Weihnachten aus Deiner Kindheit zurück? Ja, Weihnachten war eigentlich immer eine wunderschöne Zeit, voll Ruhe, Spaß, Spiel und Gemeinsamkeit in der Großfamilie. Magst Du Weihnachten bzw. was bedeutet Dir heute noch Weihnachten? Diese Erinnerungen und Erlebnisse wirken nach wie vor so stark, dass ich Weihnachten sehr genieße. Weihnachten verbringe ich immer mit den Menschen die mir nahe sind, die mir gut tun und die ich schätze. Dieses Jahr wieder auf dem Bauernhof im Waldviertel. Neujahr hingegen hat nicht so eine spezielle Bedeutung für mich, da es als Theatermensch immer ständig neue Abschnitte gibt, ob es eine neue Saison ist, neue Premieren, Projekte, etc.… Welche Wünsche hast Du an das Christkind/den Weihnachtsmann und welche an die österreichische Regierung bzw. an die Regierungen dieser Welt? ... an das Christkind? :-)) keine! Ich habe viele Wünsche an mich selbst, und hoffe, dass ich sie mir erfüllen werde. An die Regierung: Ach Gott! Ein Mindestmaß an sozialem Gewissen, dass wir in einigen Jahren nicht vor den gleichen Trümmern wie jetzt stehen, sprich Korruption, Neidgesellschaft, Bereicherung, sozialer Kälte, Gewissenlosigkeit und absurdesten Personalentscheidungen stehen. An die der Welt. Ups! Ein Eingeständnis, dass uns die Eigendynamik der ökologischen und ökonomischen Zusammenhänge überrollt haben, wir dessen nicht mehr durchblicken, und daher andere Konsequenzen daraus ziehen. Und vor allem ein Überbrücken zwischen Arm und Reich. Ja, und auch ein klareres Bekenntnis zu freiem Zugang an Bildung, Gesundheitswesen und Kultur. Welche Erinnerungen wirst Du voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten? Sehr private Momente. //

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Bio und Retro sind seit jeher Arbeitsweise und Lebenseinstellung des Wagramer Winzerpaars Daniela Vigne und Toni Söllner. Jetzt haben die beiden einen Roten Veltliner auf den Markt gebracht, den sie nicht nur in alten, irdenen Steinzeugtanks reifen ließen, sondern erstmals auch stilvollendet in Steinzeugflaschen füllten. Steinzeug wird überwiegend aus Ton, Quarz und Feldspat hergestellt. Es ist ähnlich wie Porzellan geschmacks- und geruchsneutral. Darüber hinaus schützt es den Inhalt vor UV-Licht Für den Irden selektionierte das Winzerpaar im Jahr 2011 die schönsten Roter Veltliner Trauben der Riede Berg -Eisenhut. Vor der Reife im Steinzeugtank ließen sie darin bereits die Beeren zwei Monate auf der Maische vergären. So verfügt der Wein neben seinem sortentypischen Aroma nach Rosen und Mandeln auch über feine Cremigkeit sowie bestens integrierte, mineralisch anmutende Säure. Dazu erweist sich die Bodenstruktur der Lage Berg -Eisenhut mit rotem Schotter, Löss und Sand als ideal für Roter Veltliner. Damit ist die Bezeichnung Irden für diesen neuen Wein vom Ursprung bis zur Vinifikation stimmig. // Text: pt/mh Foto: Ingo Derschmidt www.Kulturwoche.at


WÜNSCH DIR WAS, TEIL 11

KARL

RITTER

Am 24.12.1971 bekam Karl Ritter seine erste Gitarre zum Geburtstag. Diesen Anlass feiert der Meistergitarrist aus Stockerau heuer am 23.12. im Porgy & Bess. Es wird ein spannender Abend, mit einem sehr experimentellen 1. Set und einem kraftvollen 2. Set, so Karl Ritter, was sich das Publikum erwarten darf. Ein KarlRitter-Konzert bedeutet zudem auch immer, dass die Lebensanschauung Musik zelebriert wird. Wer das Innerste sucht, ist hier daheim. Für uns ist das Doppel-Ereignis Weihnachten und zugleich Geburtstag von Karl Ritter außerdem ein guter Anlass in Erfahrung zu bringen, wie Klein-Karl dereinst die Welt beäugte und welche Wünsche der Meistergitarrist anno 2012 hat.

Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein?

Illusionen

Interventionen

Mahatma Gandhi sagte: Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.

Müssten viel mehr Menschen betreiben, um in der Politik etwas zu ändern.

Visionen

Gitarre

Hat in unserer Gesellschaft kaum jemand. Weder in der Politik und leider auch nicht in der Kunst.

Die Gitarre ermöglicht mir ein relativ unabhängiges, kreatives und erfülltes Leben.

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Was erwartest und erhoffst Du Dir von 2013 und generell von der Zukunft? Gesundheit, Gesundheit, Gesundheit, und dass meine verschiedenen Projekte den erwarteten Erfolg erzielen. Was waren für Dich die wichtigsten Ereignisse in der Kunst- und Kulturszene von 2012 abseits von Deinem eigenen Schaffen? So wie in den letzten 20 bis 25 Jahren habe ich auch 2012 nichts Wichtiges in der Kunst - und Kulturszene erlebt.

Welche Wünsche hast Du an das Christkind/den Weihnachtsmann und welche an die österreichische Regierung bzw. an die Regierungen dieser Welt? Gesundheit. Keine Wünsche an die österr. Regierung, weil sinnlos. Grundsätzlich wünsche ich mir Politiker mit Haltung, und dass sie wieder ihren eigentlichen Job nachkommen, nämlich arbeiten für die Menschen. Welche Erinnerungen wirst Du voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten? Aufgehört mit dem Rauchen. //

Denkst Du noch gerne an Weihnachten aus Deiner Kindheit zurück? An manche. Magst Du Weihnachten bzw. was bedeutet Dir heute noch Weihnachten? Ich mag Weihnachten nur, weil es mein Geburtstag ist. Seit meine Kinder erwachsen geworden sind, ist mir Weihnachten an und für sich ziemlich egal. Ich verbringe Weihnachten mit meiner Familie zu Hause und den 31.12. mit meiner Frau auf den Bahamas.

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WÜNSCH DIR WAS, TEIL 12

KRISTINE TORNQUIST Das neue Musiktheater von sirene Operntheater hat am 31. Dezember 2012 im Palais Kabelwerk Premiere und handelt von den siamesischen Zwillingen MarieLuise, die sich zwei Beine und zweieinhalb Arme teilen, aber sonst jede von ihnen eine eigenständige Persönlichkeit haben. Als Spezialistinnen für das Gemeinsame beginnen sie, sich politisch zu engagieren. Doch in der Politik finden sie statt Kooperation vor allem Konkurrenz und werden mit den Mechanismen der Macht konfrontiert - von der Kampfabstimmung bis zur Intrige. Der Komponist, Dirigent und Instrumentalist Gernot Schedlberger zeichnet für die Musik verantwortlich. Das Stück stammt von Kristine Tornquist, die auch Regie führt. Die Antworten auf unseren Wünsch-Dir-Was-Fragekatalog haben wir recht rasch erhalten, das mit den Fotos hat aber irgendwie nicht so richtig geklappt, daher gibt es an dieser Stelle zwar ausführliche Weihnachtserinnerungen von Kristine Tornquist, Fotos jedoch nur von MarieLuise. Was erwarten und erhoffen Sie sich von 2013 und generell von der Zukunft? Eigentlich denke ich nie so weit voraus. Ich erwarte, befürchte und erhoffe nichts, aber ich bin gespannt, was kommt! Was fällt Ihnen zu den folgenden Stichworten ein?

Interventionen Über eine Zeit lang hatte ich ein geheimes Spiel, jeden Tag um 12 Uhr Mittag zu dem Objekt oder der Situation, die ich zufällig gerade vor mir hatte, eine Intervention zu erfinden. Mal war das eine Karotte, die ich beschnitze oder einen Sessel, den ich mit Fliegen bemalte oder eine Skulptur, die ich aus Töpfen baute. Das war für mich ein großer Spaß und es sind auch ein paar schöne Sachen dabei entstanden. Aber mir liegt immer mehr an der tiefergehenden beharrlichen Arbeit, die nicht spontan und leicht sein kann, sondern in die man sich über Jahre hineinbohrt und in der man eine unabhängige eigene Welt erschafft.

Visionen Das Lebenselixier Nr.1!

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Illusionen Ich halte viel von Illusionen, wenn sie das Leben erleichtern. Warum soll man sich immer mit den nackten Tatsachen zufrieden geben?

Trennung Ideal, wenn sich das Gefühl des Verlustes mit dem der Erleichterung die Waage hält.

Was waren für Sie die wichtigsten Ereignisse in der Kunst- und Kulturszene von 2012? Die Entstehung von KünstlerNetzwerken, zum Beispiel dem der Wiener Musiktheater, bei dem sirene operntheater auch beteiligt ist. So lässt sich der allgemeinen Ökonomisierung der Kunst doch etwas entgegenstellen!

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Denken Sie noch gerne an Weihnachten aus Ihrer Kindheit zurück?

ten, (fast) geschenkfreien Feier zu dritt gelandet. Silvester meide ich, seit ein Kracher auf meiner Schulter direkt neMeine Mutter bereitete für uns Kinben meinem Ohr explodiert ist. Dafür dern die perfekte Zaubershow. Ab 1. liebe ich den 1. Jänner. Stehe gern früh Dezember passierten rätselhafte und auf und mache einen Spaziergang durch magische Dinge im Haus, wir suchten die erschöpfte, menschenleere Stadt. wie Detektive nach Engelsbotschaften Heuer wird das aber alles anders sein, und fieberten den ganzen Advent vorSilvester wird eine rauschende Premieaus. Das Schönste aber war, dass das renfeier unserer nächsten Opernuraufalles - trotz aller Spannung - jedes Jahr völlig gleich ablief. Dieselbe Glocke führung MarieLuise und den ersten Jänläutete, man erkannte all die ner werde ich klassisch verschlafen! Schmuckstücke am Baum wieder, und am Tisch standen immer dieselben SpeWelche Wünsche haben Sie an das zialitäten, die es sonst das ganze Jahr Christkind/den Weihnachtsmann und über nicht gab. Außerdem durften wir welche an die österreichische RegieKinder zu Weihnachten Coca Cola rung bzw. an die Regierungen dieser trinken – sonst streng verboten. Welt? Mögen Sie Weihnachten bzw. was bedeutet Ihnen heute noch Weihnachten? Mit meiner Tochter alle Phasen der Weihnachtsbegeisterung und Weihnachtsabneigung durchlaufen. Inzwischen sind wir bei einer sehr entspann-

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Beschleunigung beim Umdenken! Viele Denkmuster, in denen wir feststecken, stammen noch aus dem 20. Jahrhundert – der Wachstumswahn, die Ressourcenverschwendung, die Individualisierung um jeden Preis. Es gibt längst neue Lebensmodelle und Ideen, wie man bescheidener und nachhaltiger auch gut leben könnte, es gibt auch ge-

nug konkrete Ideen und Technologien zur Umsetzung, aber leider auch eine allgemeine Denkfaulheit. Liebe Politiker, traut euch etwas und bewegt mehr als eure Umfragewerte! Welche Erinnerungen werden Sie voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten? Zum Beispiel einen Spaziergang durch endlose Marktgassen von Kairo. Sonnenuntergang in den Vorarlberger Bergen. Eine lange Nacht in der Ankerfabrik. Ein Opernmarathon in Berlin. Aber wer weiß, was bis Silvester noch alles dazukommt! // Fotos: sirene

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WÜNSCH DIR WAS, TEIL 13

GEORG BREINSCHMID Im letzten Teil der Wünsch-Dir-Was-Reihe verrät uns der Musiker Georg Breinschmid (aktuelles Album: Fire), was er von Weihnachten hält und er gab uns freilich auch seine Wünsche preis. Das mit dem Namen des Herrn Kontrabassisten ist übrigens so eine Sache, eine ganz verbreinte noch dazu, wie man auf seiner Visitenkarte feststellen kann, die quasi eine Art Best of darstellt, wie unterschiedlich sein Name von anderen geschrieben wird. Diese Originalität lässt uns auch vergessen, dass er kein weihnachtliches Kindheitsfoto auftreiben konnte, da er Konzerte in Russland gab.

Was erwartest und erhoffst Du Dir von 2013 und generell von der Zukunft? Zukunft - große Frage... Seit Jahren frage ich mich immer wieder, ob nicht irgendwann wieder eine Zeit wie die 60er Jahre auf der Welt stattfinden könnte - mit neuen, frischen Ansätzen, Offenheit, natürlich auch Rebellion. Ein Wunsch, den man zynisch wahrscheinlich sehr schnell als naiv brandmarken könnte – aber es liegt ohnehin allerorten Seite 38

eine große Veränderung in der Luft, vielleicht so groß, wie wir es noch gar nicht absehen können. Everything changes, vielleicht auch radikal - und ein Wunsch wäre, dass das auf eine möglichst friedvolle Weise geschieht, zumindest ohne bewaffnete Auseinandersetzungen. Wenn aus dem Zeitalter des Geldes und Hochmutes vielleicht auch wieder eines der Zuversicht und der Liebe werden kann, wäre das wunderbar.

Ich persönlich möchte 2013 (und darüber hinaus) meinen künstlerischen (und privaten) Weg weiter gehen, mich weiterhin kreativ betätigen; Musik und Worte schreiben, diese hörbar und zugänglich machen – und mich einfach weiter entwickeln, nicht stehenbleiben. (Außer bei mir im 17. Bezirk – nur mit Parkpickerl natürlich.)

Welche Erinnerungen wirst Du voraussichtlich an das Jahr 2012 behalten? DAS wäre ein Kapitel für sich, oder eher ein Buch, das ich vielleicht mal schreiben werde...2012 war das Jahr der großen Veränderungen bei mir – Band aufgelöst, Beziehung auseinander gegangen, und vieles mehr – würde hier den Rahmen sprengen.. Wobei es Zufälle aber ohnehin nicht gibt - und ich bin für viele dieser Veränderungen und Zeichen sehr dankbar! www.Kulturwoche.at


Was fällt Dir zu den folgenden Stichworten ein?

Interventionen ...Österreich Visionen ...in Abwandlung eines Satzes, der Franz Vranitz-

Denkst Du gerne an Weihnachten aus Deiner Kindheit zurück? Ich denke gelegentlich zurück… zum Teil gerne, zum Teil nicht so gerne..

Magst Du Weihnachten bzw. was bedeutet Dir heute ky zugeschrieben wird: Wer keine Visionen hat, braucht noch Weihnachten? einen Arzt. Illusionen ...mit Sicherheit die Plakate für die nächsten Bei aller Konfessionslosigkeit (schon lange aus der Kirche ausgetreten usw.) ist mir Weihnachten doch irgendwie Wahl(en) ein lieb gewordener Brauch, immerhin auch eine der Kaffee bzw. Café ...yummy—bes. Latte :-)) nicht allzu häufigen Zusammenkünfte meiner Familie. Dieses Jahr geht`s recht arbeitsreich zu bei mir – 20./21. Dezember mit Thomas Gansch im Wiener Konzerthaus, Was waren für Dich die wichtigsten Ereignisse in der dann Proben und drei Neujahrskonzerte mit Ivica Strauss Kunst- und Kulturszene von 2012 abseits von Deinem und dem Symphonieorchester Innsbruck, und dazwieigenen Schaffen? schen noch zu Silvester in der Wiener Kammeroper. Ich bin wahrscheinlich nicht zu allen aktuellen Entwicklun- Welche Wünsche hast Du an das Christkind/den Weihgen up to date und kann die Frage vielleicht nur bedingt nachtsmann und welche an die österreichische Regiebeantworten. Im besten Sinne völlig umgehauen hat mich rung bzw. an die Regierungen dieser Welt? jedenfalls ein Konzert von Konstantin Wecker Ende Oktober in der Cselley-Mühle Oslip, mit seinem aktuellen Pro- Siehe Punkt 1... und dazu vielleicht noch ein Zitat aus gramm Wut und Zärtlichkeit – ich war hin und weg von Mu- dem Song Empört euch von Konstantin Wecker: sik, Band & Co, vor allem auch von den großartigen Tex- Wir brauchen Spinner und Verrückte / es muss etwas pasten; das Hörerlebnis setzt sich mit der dazugehörigen fan- sier`n / Wir sehen doch, wohin es führt / wenn die Normalen tastischen CD auch weiter fort – in jedem Fall ein Mann, regier`n. // der sehr viel zu sagen hat und zutiefst berührt! Fragen: Manfred Horak Foto: Julia Wesely

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Am Anfang war der Kreidestrich

DER ADVENTKALENDER Eine kleine Kulturgeschichte über die Anfänge des Adventkalenders und wer ihn erfunden hat. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es Adventkalender, wie wir sie heute kennen. Spezielle Bilder oder andere Symbole, die das Ablaufen der Zeit bis zum Fest verdeutlichten, hatten allerdings auch bereits im 19. Jahrhundert vor allem protestantische Christen für die Adventzeit. 24 Bilder wurden nach und nach an die Wand gehängt. Alternativ dazu gab es den einfachen, aber nicht weniger effektvollen Strichkalender, bei dem 24 Kreidestriche an die Wand oder die Tür gezeichnet wurden, von denen die Kinder täglich einen wegwischen durften. Ja, und dann gab es noch weitere Formen wie die Weihnachtsuhr, und auch eine Adventkerze, die jeden Tag bis zur nächsten Markierung abgebrannt werden durfte. Als Erfinder des klassischen Adventkalenders gilt jedoch Gerhard Lang (18811974). Das erste gedruckte Exemplar verdankt seine Existenz den Kindheitserlebnissen des schwäbischen Pfarrersohnes aus Maulbronn. Seine Mutter zeichnete 24 Kästchen auf einen Karton - auf jedes war ein "Wibele", eine schwäbische Plätzchen-Spezialität, genäht. Gerhard Lang verzichtete in Folge auf die Gebäckstücke und verwendete stattdessen farbenprächtige Zeichnungen, die ausgeschnitten und auf einen Pappkarton geklebt werden konnten. 1908 verließ dieser erste, wenn auch noch fensterlose Adventkalender die Seite 40

Druckpresse. Damals sprach man noch von WeihnachtsKalender, oder Münchener Weihnachts-Kalender. Seit ca. 1920 erschienen die ersten Adventkalender mit Türchen zum Öffnen auf dem Markt. Heute gibt es - wir wissen es alle - zahlreiche Varianten, sei es solche mit Schokolade gefüllte, sei es digitale, aber auch, und mittlerweile wieder sehr gefragt, antike Kalender in

Form von Holzkästen, deren bemalte Vorderseite mit richtigen Scharniertüren versehen ist. Retro-Look Eine besonders schöne, vielfältige Auswahl an Adventkalendern bietet der Coppenrath Verlag. Nostalgische Kalender sind ebenfalls in deren Adventkalender-Programm wie verspielte. Stimmungsvoll

illustriert - z.B. der Aufstellkalender Am Kamin von Anna de Riese kommt besonders gut am Fenster oder vor Lichtquellen zur Geltung. Veredelt mit irisierendem Glitter und Schleifenband wurde der nostalgische Kalender Tanz um den Weihnachtsbaum von Barbara Behr gestaltet. Der Zettelkalender Die Himmelsbäckerei hält wiederum 24 Backideen bereit. Wenn der Adventhimmel glüht, backen die Engel über Wolken Plätzchen und die Himmelsbäckerei verrät dabei allerlei köstliche Rezepte für die süßeste Zeit des Jahres. Sehr hübsch ist auch der von Anne Mußenbrock gestaltete Kalender mit dem Titel Weihnachtsallerlei, der mit einem alten Weihnachtslied und filigranen Weihnachtsmotiven hinter den 24 Türchen daherkommt, auf edlem Karton gedruckt und geprägt wurde. Der Adventkalender Die drei Weisen aus dem Morgenland wiederum, gestaltet von Anna de Riese, ist auf den ersten Blick vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber man schaut ja nicht nur einmal hin, sondern zumindest einmal täglich, um das Tagesfenster zu finden und da entdeckt man dann nicht nur die Türchen, sondern auch sehr viele liebevoll ausgearbeitete Details.

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Die zauberhafte Burg Satzvey in der Eifel ist hingegen das Motiv von Weihnacht auf der Burg, designt von Barbara Behr. Jedes Jahr an den Adventwochenenden verwandelt sich die Burg Satzvey in ein Weihnachtsparadies mit mittelalterlichem Krippenspiel und romantischem Weihnachtsmarkt. Wer sich also nicht nur den Kalender an die Wand hängen möchte, kann sich auch ganz real vor Ort begeben. Der nostalgische Schiebekalender Schöne Winterzeit bringt jeden Tag eine neue Schiebefigur aus der verschneiten Winterszene zum Vorschein, bis am Heiligabend alle Engel, Kinder und Tiere zum weihnachtlichen Stelldichein versammelt sind. Wissenswertes hinter 24 Türchen Groß und sehr rund ist der von Anne Isabelle Le Touzé illustrierte Kalender Weihnachten bei den Kindern der Welt, der uns auf eine Reise zu den Kindern aus 24 Ländern unserer Erde mitnimmt. Zu jedem Kind gehört ein Türchen, hinter dem sich etwas Besonderes, Wissenswertes oder Lustiges in kleinen Texten und farbenfrohen BilSeite 41

dern zum jeweiligen Land versteckt. So erfährt man z.B., dass der Weihnachtsbaum für die Kinder in Grönland etwas ganz Besonderes ist, weil es dort ja keine Tannenbäume gibt. Wie und woher die Weihnachtsbäume nach Grönland kommen erfährt man dabei ebenso, wie auch z.B., dass das Weihnachtsfest in Polen Sternenfest genannt wird, bei dem das Festessen das wichtigste ist und aus 12 Gerichten besteht. Und: Am Tisch bleibt ein Platz frei, falls ein unerwarteter Gast zu Besuch kommt. Man erfährt aber auch, warum Kinder im südamerikanischen Bolivien Anfang Dezember Saatkörner in mit Erde gefüllte Tontöpfe stecken. Weihnachten bei den Kindern der Welt ist also quasi der Bildungsadventkalender unter den Adventkalendern. // Text: Manfred Horak Abb.: Coppenrath Verlag

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Die Songs von Woody Guthrie bleiben immer aktuell!

Interview mit Sara Lee Guthrie Jeder Idiot kann kompliziert sein. Aber um Einfachheit zu erreichen, braucht man Genie, sagte einmal Pete Seeger mit Blick auf Woody Guthrie, der vor 100 Jahren, am 14. Juli 1912 in der kleinen Stadt Okemah in den Sanddünen von Oklahoma, geboren wurde. Die 100-Jahr-Feierlichkeiten erreichten auch Wien und hier trat im Wiener Metropol unter anderem die Enkelin von Woody Guthrie live auf, Sara Lee Guthrie. Robert Fischer nutzte diese Gelegenheit für ein Interview. Kulturwoche.at: Gratulation zu dem feinen Konzert im Wiener Metropol im Rahmen des 100 Jahre Woody Guthrie-Abends. Bist du mit deinem Mann schon öfters in Europa aufgetreten? Sara Lee Guthrie: Ja, das Konzert im Metropol war toll! Mir hat es auch sehr gut gefallen. Wir waren schon öfters in Europa und sind in Holland, Belgien, Schweden, Italien und Spanien aufgetreten, aber es ist jetzt das erste Mal dass wir in Österreich und Deutschland unterwegs sind. Warum sind die Songs von Woody Guthrie und ihre Message nach wie vor aktuell? Ich denke, weil der Inhalt von Woodys Songs einfach zeitlos ist. Woody hat durch seine Songs die Meinung von einfachen Leuten und Arbeitern zum Ausdruck gebracht, also von denen, die normalerweise keine Stimme in der Öffentlichkeit haben. Und es ist speziell wichtig sich immer daran zu erinnern, welche Kraft wir als Individuen haben. Gerade in Zeiten wie diesen. Ich weiß zwar nicht genau wie es gerade in Europa ist, aber in den USA ist es so, dass wir, bzw. die Gesellschaft, faul geworden sind, und uns von der Regierung bzw. anderen Leuten erwarten, dass sie etwas für uns tun. Ich glaube, Woodys Message ist einfach, dass die Leute selbst Dinge verändern können. Deshalb ist es wichtig, sich selbst immer daran zu erinnern, dass man auch als Einzelperson Dinge verändern kann. Woody Guthrie selbst ist das beste Beispiel dafür: Ein einzelner Mann - und sein Werk hat so viele Leute weltweit inspiriert. Auch Pete Seeger ist so ein Beispiel. Woody hat jede Menge Songs geschrieben, die sich dann durch Übersetzungen in andere Sprachen immer weiter verbreitet haben. Die Quintessenz aus den Songs von Woody ist die Kraft, die in jedem einzeln steckt, um eine Veränderung in der Gesellschaft zu bewirken. Wir müssen es selbst tun, es macht einfach niemand anderer für uns! Woody Guthrie hat ja eine unglaublich große Anzahl von berühmten Songs geschrieben. Welche davon sind deine persönlichen Favoriten? Oh, da gibt es so viele (schmunzelt)! Und ich mag verschiedene Songs aus verschiedenen Gründen. Um ganz ehrlich zu sein, die erste Woody Guthrie-Platte, die ich wirklich sehr mochte, war das Mermaid Avenue-Album [auf dem Billy Bragg Seite 42

und Wilco 1998 unveröffentlichte Texte von Woody Guthrie neu vertonten; Anm.]. Dieses Album hat Woody Guthrie meine Generation nahe gebracht und auch mir persönlich mehr verständlich gemacht. Das war dann der Ausgangspunkt, um zurückzugehen und mir dann die Originale von Woody anzuhören. Da konnte ich dann manche Aufnahmen noch mehr schätzen als vorher. Also sind einige meiner Favoriten von Mermaid Avenue, aber ich liebe natürlich auch I Ain‘t Got No Home oder Pastures Of Plenty. Das sind einfach Songs, die sich auf die Lebensbedingungen von Wanderarbeitern beziehen und immer noch sehr aktuell sind. Die unwürdigen Lebensbedingungen dieser Menschen gehören immer noch thematisiert. Auch I Ain‘t Got No Home ist hochaktuell, wenn man bedenkt, wie viele Leute in den USA, egal ob politisch rechts oder links, gerade ihre Häuser verlieren. Das ist wirklich eine Tragödie und der Song reflektiert das. Ich mag Mermaid Avenue auch sehr und freute mich, dass ihr California Stars live gespielt habt... Ja, an diesen Alben ist einfach toll, wie es Billy Bragg und Wilco geschafft haben, die Songs von Woody Guthrie in eine andere Zeit zu transportieren! Wir sind ja auch beide große Fans von Jeff Tweedy. Er hat unser nächstes Album produziert, das 2013 erscheinen wird. Kannst du mir mehr darüber erzählen? Sind die Aufnahmen für das neue Album schon fertig? Ja, die Aufnahmen sind fertig. Wir haben die neue CD gerade gemischt und arbeiten an den letzten Details für die Veröffentlichung nächstes Jahr. Geplant ist, dass das Album im Juni 2013 erscheint. Johnny und ich haben viele gute Songs für das Album geschrieben, u.a. Hurricane Window, den wir auch im Metropol live gespielt haben, von denen Jeff Tweedy und Pat Sasone [ebenfalls von Wilco; Anm.] die besten für die Produktion ausgesucht haben. Jeff hat es perfekt hinbekommen, den Fokus darauf zu legen, was unsere Stärken sind, und das in die Musik und den Sound des Albums zu transportieren. Ich glaube, es ist insgesamt unser bisher bestes Album. www.Kulturwoche.at


Welche anderen Musiker schätzt du? Oje, das sind so viele, dass ich gar nicht weiß wo ich anfangen soll (schmunzelt)! Ich mag die ganzen Singer/Songwriter, die ich durch meinen Vater und meine Mutter kennengelernt habe, z.B. Hoyt Axton. Oder Richard Farina – er hat so wundervolle Texte und schöne Melodien. Ich mag Bobby Charles, John Prine und J.J. Cale. Ich bin halt ein Kind der 70er, das beeinflusst meine Auswahl natürlich. Aus der aktuellen Szene schätze ich Lucinda Williams sehr. Sie hat so was Direktes, Erdiges. Ich mag Künstler mit Mumm, die nicht lange um den heißen Brei herumreden. Ein schöner Moment beim Konzert war auch, als ihr eure beiden Töchter für ein paar Songs auf die Bühne geholt habt. Gefällt es den beiden schon so jung auf der Bühne zu stehen? Auf jeden Fall! Sie haben Spaß auf der Bühne! Es ist für sie normal, sie sind damit aufgewachsen. Beim Konzert im Metropol war meine ältere Tochter noch ein wenig scheu, aber normalerweise ist sie gerne mit uns auf der Bühne.

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Bei den folgenden Shows hatten wir dann auch mehr Zeit für die Vorbereitung, und da hat sie sogar einen kurzen Solo-Part bekommen. Es macht uns großen Spaß, als Familie gemeinsam auf der Bühne zu stehen! In meiner eigenen Kindheit war das nämlich überhaupt nicht so. Auch wenn manche Leute glauben, dass ich als Kind oft mit Arlo auf der Bühne war, ist das Gegenteil wahr. Meine Mutter ist bei den Konzerten oft zu Hause geblieben, und ich mit ihr. Arlo hat mich nur zu speziellen Anlässen zu Konzerten mitgenommen. Deshalb macht es mir jetzt Freude mit meinen eigenen Kindern und meinem Mann auf die Bühne zu gehen. Mein Vater hat mir erzählt, dass Woody immer davon geträumt hat, mit seinen Kindern auf der Bühne zu stehen. Und wenn wir jetzt manchmal alle gemeinsam als große Familie mit Arlo, meinem Mann und mir und den Kindern auf der Bühne stehen, ist das wunderbar! In diesen Momenten ist der alte Traum von Woody Wirklichkeit geworden. Mein Mann und ich haben 2009 mit einigen Freunden die Kinderlieder-CD Go Waggaloo aufgenommen, für die wir neben eigenen Songs und Traditionals auch unveröffentlichte Texte von Woody verwendet haben. Wenn ihr auf Tour seid – welche drei persönlichen Dinge hast du da immer dabei? Lass mich überlegen. Dieses Mal auf jeden Fall Bilder meiner Mutter, die ja leider kürzlich verstorben ist. Und dann… Vielleicht etwas für die Kinder? Ja, genau! Die Hausaufgaben von der Schule (schmunzelt)! Danke für das Interview! Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen in Wien… Gern geschehen. Ich hoffe, wir können bald wieder in Wien auftreten, es ist eine wunderschöne Stadt! Goodbye! // Interview und Fotos: Robert Fischer @ Sara Lee Guthrie @ Woody Guthrie www.Kulturwoche.at


LISTEN TO THIS!

208 Essential Interviews on iTunes* powered by Kulturwoche.at

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*iTunes file under: Arts

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ALBUM ARTWORK & COVER DESIGN Zwei Weihnachtslieder aus England, wie sie hinsichtlich musikalischer Qualität und kommerziellem Erfolg nicht unterschiedlicher sein können, stehen zur Debatte: Thanks for Christmas von XTC, erschienen am 10.11.1983 unter dem Pseudonym The Three Wise Men und Last Christmas von WHAM!, erstmals veröffentlicht zu Weihnachten 1984. I have a soft spot for Christmas songs. For this I wanted the female staff at the Virgin Records office to sing it and we'd put it out under the name ‘The Virgin Marys’ but they thought it would be sacrilegious, so the band did it under the name ‘The Three Wise Men’, erklärte dereinst Andy Partridge von XTC. Koproduziert wurde die Single übrigens von einem gewissen David Lord, woraus sich in den Liner-Notes folgende Anmerkung ergab: Produced by The Three Wise Men and The Good Lord. Dass dieses Lied nicht einen ähnlichen langfristigen Durchbruch erzielen konnte wie Last Christmas und heute kaum noch jemand kennt, ist freilich schade, aber so ist halt der Lauf der (Pop)-Welt. Ob es daran liegt, dass die Cover-Gestaltung recht eigenwillig geriet (Monty Python lässt grüßen!) sei dahin gestellt—an der Melodie und Ausführung des Songs kann es eigentlich nicht liegen. Andy Partridge, Colin Moulding und Dave Gregory verzichteten nämlich auf jegliches schwülstiges Brimborium und schafften einen ganz großen Pop-Song im Genre Weihnachtslied. Bei Last Christmas hingegen klappen automatisch die Ohren zu, aber zugegeben: George Michael gelang mit diesem Lied ein kongenialer Griff in die Trickkiste, da ja Weihnachten in dem Lied nur den Rahmen liefert, um von einer gescheiterten Beziehung zu singen, deren Geschehnisse ein Jahr zurück liegen, und so wie alle Jahre wieder Weihnachten kommt, sucht man jedes Jahr aufs Neue sein Glück bei der nächsten Beziehung nicht zu scheitern. Kurzum: Last Christmas ist ein Weihnachtslied, in dem es eigentlich gar nicht um Weihnachten geht. Abgesehen vom hohen, verwirrend duftenden, Schmalzeffekt, was das Arrangement anbelangt, mutet auch das Cover-Design etwas eigendümmlich an. Wer zwang Andrew Ridgeley sich so fotografieren zu lassen? Ungeachtet all dessen ist laut einer Sonderauswertung der Media Control Single-Charts Last Christmas der seit 1977 erfolgreichste Weihnachts-Song… // Text: Manfred Horak Seite 45

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LESERBRIEFE Betrifft: DER RORSCHACH TExT Sehr geschätzter Herr Horak, nur als Autor der mich in mehrerer Hinsicht begeisternden Kritik meines Stück "DER RORSCHACH TExT" in der Kulturwoche.at kenne ich Sie bis jetzt und wollte Ihnen deshalb schon längst schreiben. […] Einerseits ist nach meinen Erfahrungen der Kulturjournalismus in Wien, in der Tageszeitungs - und auch Magazinlandschaft kaum noch ernst zu nehmen, generell ist da schon seit Hanslick etwas in eine m.E. nach nicht so gute Richtung des Urteilens (Vorurteilen, Vor-Verurteilen, und Ab-Urteilen) gegangen, die nämlich nicht nur an die Stelle von Diskurs und Diskussion, von Gespräch und Austausch trat, sondern damit auch jenen Diskurs auch blockierte. Zumindest sehe ich das so. Des weiteren werden die verschiedenen Produktionsplattformen, die ja im Vergleich unterereinander auch häufig über gänzlich unterschiedliche Produktionsmittel verfügen, über einen Kamm geschoren. Nicht zuletzt sind es dann auch viele andere Elemente, eine Mixtur aus Konversvativismen, aber ebenso die Fetischisierung des "Innovativen", besonders in medientechnischer Hinsicht, an denen differenzierte Besprechungen und Reflexion scheitern. An Ihrem mich faszinierenden Text hat der Anteil Ihrer Recherche (was für eine Arbeit!) und die verknüpften Assoziationen mir große Freude bereitet und hätte es auch, wäre es nicht um mein Stück gegangen! Es ist Nonsense, für eine wohlwollende Kritik zu danken, den jeder soll und muss schreiben dürfen, was ihm wichtig scheint, jedoch danke ich für die aufgewendete gedankliche Anstrenung und die Zeit, sich in diese Thematik hineinzudenken und diese so erstaunlich zu reflektieren. Damit meine ich, dass ein paar Sachen mir auch nicht in dieser Form bewußt waren oder als mögliche Denkinhalte vorhanden. Herzlichen Dank für Ihre engagierte Arbeit hier und insgesamt in der Kulturwoche und der Kulturlandschaft! Mit freundlichen Grüßen, Thomas Desi

Betrifft: KINDERFILMFESTIVAL Vielen Dank für eure ausführlichen und gescheiten Filmberichte - so etwas macht sonst niemand mehr! Liebe Grüße Ruth

Impressum: Medieninhaber, Hersteller und Herausgeber bzw. Diensteanbieter Kulturinformationszentrum Österreich (ZVR: 544926056), Liechtensteinstraße 69/14, 1090 Wien (Österreich) Redaktion: mh [at] kulturwoche.at Chefredakteur, Werbung & Kooperationen: Manfred Horak: ++43 (0)676 758 74 34 Mitarbeiter/innen dieser Ausgabe: Nadia Baha, Markus Brandstetter, Robert Fischer Fotos: Rainer Berson, Coppenrath Verlag, Meena Cryle (Privatarchiv), Ingo Derschmidt, Dschungel Wien, Corinne Eckenstein (Privatarchiv), Robert Fischer, Verena Göltl (Privatarchiv), Harlequin‗s Glance, Manfred Horak, Lindo Records, Karl Ritter (Privatarchiv), Gerhard Ruiss (Privatarchiv), Richard Schuberth (Privatarchiv), Mark Seliger, sirene, Clemens Waldherr (Privatarchiv), Julia Wesely, Stephy Zinz-Ewers, Teresa Zoetl Grafik: Robert Lewski Seite 46

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