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COVERSTORY

Millionen wollen sie sehen und hören

Die Steirerin Lisa Eckhart. Man mag sie – oder nicht

Foto: Wikipedia

St. Peter-Freienstein ob Leoben: Lisa Lasselsberger wuchs in dem „Dorf auf dem Land“ bei den Großeltern auf. Es war kein „Dorf“, sondern ein Industrie-Vorort mit Hacklern aus dem benachbarten Eisenwerk Donawitz.

Gesichert ist, dass eine Lisa Lasselsberger am 6. September 1991 in Leoben geboren wurde und ihre Mutter in Graz studierte. Daher wuchs Lisa in St. Peter-Freienstein bei den Großeltern auf. Jahre später zog Lisa zu ihrer Mutter nach Graz, besuchte dort die HIB Liebenau und maturierte 2009. Sie wurde dort durch ihre sprachlichen Begabungen „auffällig“.

Heute ist sie als Lisa Eckhart eine Kunstfi gur, lebt in Berlin, Wien und Leipzig. Der Shootingstar auf den Bühnen der Kabarett-Szene im deutschsprachigen Raum. Der sein Publikum provoziert, polarisiert, schockiert. Dennoch oder gerade deshalb verfolgen Millionen die TV-Auftritte der früheren Poetry-Slamerin. Ihr kürzlich erschienener Debüt-Roman „Omama“ sorgte schon im Vorfeld für einen Skandal, ist damit ein Bestseller geworden.

Falco mit „Rock me Amadeus“ und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sind auf gewisse Art Vorbilder. Peter Handkes Schriften sind für sie nicht preiswürdig.

Weil vieles in den Erzählungen und Interviews der Kunstfi gur Lisa Eckharts unscharf bleibt – natürlich gewollt –, führt das zur Frage: Was ist Fantasie und was wirklich geschehen? So schreibt sie: Die Zeit auf dem Dorf in St. PeterFreienstein (ob Leoben) bei der Omama und dem versoffenen Großvater sei eine prägende gewesen. Dem Verständnis des Österreichers nach ist St. Peter-Freienstein zwar ein Kaff, aber kein „Dorf auf dem Land“. Dort leben die Arbeiter, die Hackler des Eisen- und Hüttenwerks Donawitz. Das Auffälligste an diesem Dorf, das ein Markt ist, sind ein Kreisverkehr und die kleine Wallfahrtskirche oberhalb auf einem mächtigen Felsen. Die St. Peter-Freiensteiner fangen mit dem Namen Lisa Eckhart nichts an.

Foto: Paula Winkler Was die Bühnenfi gur Lisa Eckhart erdet: Sie trägt ihren sympathisch, höfl ich artikulierten Größenwahn wie eine Monstranz vor sich her und steht mit beiden Beinen fest in der Luft. „Können Sie begründen, woher dieser Größenwahn kommt?“ – wird sie in einem Interview gefragt. „Nein, darüber habe ich nie nachgedacht. Schon aus Angst, dass er mir dann abhanden kommt. Manche Symptome sollte man nicht behandeln. Da habe ich eine viel zu große Sorge vor dem Erfolg einer Therapie, der mich dann gesund zurücklässt.“

Nichts Besseres hätte passieren können

Bei ihren zahllosen Interviews vor allem im deutschen und im österreichischen Fernsehen beeindruckt sie ihr Publikum durch die sprachliche Brillanz mit fein ziselierten Sätzen und gescheiter Satire. Sie will „geschaut werden.“ Ihre Programme beschreibt sie als „rhetorische Sado-Maso-Sitzung“.

Schon als Schülerin in der HIB Liebenau in Graz war sie zwar zurückhaltend, kannte aber keine Tabus. Höfl ich und nie vulgär. Eine Pädagogin erinnert sich;: Das Sagbare wird gesagt und, weil sie auch gut zeichnete, das Zeigbare gezeigt.

Mittelmäßigkeit und ein Publikum auf Augenhöhe sind ein Gräuel für sie. Abstand, mehr als ein Babyelefant, muss sein. Denn Lisa Eckhart geht es um die satirische Entlarvung ihres Publikums. Wenn ihre mit Pointen gespickte, schlaue, satanische Wortlawine im Tal ankommt, dann steht am Hang kein Baum mehr.

Zu Hause in irgendeiner Vitrine hat sie in ihrer erst fünfjährigen Bühnenkarriere bereits ein knappes Dutzend Preise für ihr künstlerisches Wirken stehen. Seit Anfang 2019 ist sie Stammgast in der mittlerweile wöchentlich ausgestrahlten ARD-Kabarettsendung „Nuhr im Ersten“.

Sie spaltet das Feuilleton nicht nur in den deutschsprachigen Medien, sondern auch ihr Publikum. Entweder man mag sie oder man mag sie nicht. Sie ist mit ihrem extravaganten Outfi t die „Femme Fatale“ in der deutschsprachigen Comedian- und Kunstszene. In ihren Kritikern sieht sie „fehlgeleitete Verehrer“. Und die „pornografi sche Nähe zum Zuschauer“, wie sie andere Künstler pfl egen, „fi nde ich furchtbar“.

Die Lisa Lasselsberger wollte Schauspielerin werden, erfährt man, wenn man sich umhört, in ihrer ehemaligen Schule in GrazLiebenau. Von jenen, Liebenau. Von jenen, die mit ihr zutun hatten. Doch aus die mit ihr zutun hatten. Doch aus diesem Berufstraum wurde nichts. Sie bewarb sich an einem Dutzend Schulen, fi el aber immer durch. Nirgends wurde sie gewollt. Ihr Mephisto, den sie als Text vortrug, kam nicht an. Sie möge diesen neumodischen Unsinn, das als Frau zu tun, lassen. Und sie sagten zu ihr: „Spiel‘ doch das Gretchen, wie jedes normale Mädchen!“ (Auszug aus einem Interview)

Daraufhin hat sie begonnen, eigene Texte zu schreiben, weil ihr außer des Monologs des Mephisto im „Faust“ nichts behagte in der deutschen Literatur. Und zu ihrem Scheitern: „Ich habe für mich bemerkt, irgendwo drinnen, Herzblut fl ießt da nicht.“ Doch die Bühne („wer keine Rolle spielt, spielt keine Rolle“) blieb ihr Traum, ließ sie nicht los. Zitat: „Als ich gemerkt habe, dass ich diese Texte, die ich geschrieben hatte, auf Bühnen ausprobieren konnte, habe ich gesehen – das ist tausendmal großartiger, als die Texte eines anderen vorzutragen. Eben für alles selbst verantwortlich zu sein – für die Inszenierung, für die Texte, die gesamte Performance.“

Inzwischen füllt sie die Hallen damit. Aber wie war das am Anfang? Die fl apsige Antwort: „Ja, es war eine Handvoll schwerst verstörter Menschen, die sich gesagt haben: Das ist unzumutbar auf eine Art und Weise. Es war natürlich auch sehr schlecht zu Beginn. Die ersten Versuche sind immer vergleichsweise tapsig.“ Und dann hat sie ihre Performance schnell autodidaktisch verbessert. Lisa Eckhart hatte – wollte auch keine Lehrer. Sie war sich sicher, ihr Bestes zu geben, wenn sie sich von jeglichen Einfl üssen fernhält. Sie wollte nicht an irgendeinen künstlerischen Tropf Die Ausladung beim Literaturfestival von Hamburg hat Lisa Eckharts

Erstlingswerk als Autorin schlagErstlingswerk als Autorin schlagartig im deutschen Sprachraum viel

Aufmerksamkeit und noch mehr Aufmerksamkeit und noch mehr

Verkaufserfolg gebracht. Es steht weit vorne auf den Bestsellerlisten.

Ist Literatur immer ein Konstrukt? Ist Literatur immer ein Konstrukt?

Selbstverständlich. Bisweilen ist das Erstlingswerk ein Heimatroman, nicht Erstlingswerk ein Heimatroman, nicht weit weg von einem Lederhosen-Film. Mit Sprachwitz, aber auch einem gehörigen Schuss Gruselfaktor. hörigen Schuss Gruselfaktor.

Der Roman beginnt mit der Geburt der Ich-Erzählerin, um dann zurückzuder Ich-Erzählerin, um dann zurückzublenden in die Jugend jener „Helga“, die blenden in die Jugend jener „Helga“, die nicht überfahren wurde. Für den Leser wird sie erst später im Buch zur Großmutter, zur Omama. Es ist eine Welt voller unkritischer Mitläufer, in der Helga lebt. Eine Welt von selbst- und trunksüchtigen Männern, hinterfotzigen Frauen, in der die eigenen Triebe nur dann mühsam im Zaum gehalten werden, wenn es gar nicht anders geht. Um eine familiäre Schuld zu begleichen, muss die spätere Omama in ihren 20ern in einem Dorfwirtshaus anheuern, wo es zünftig und brünftig zugeht. Kein Wunder, sind die jungen Damen doch fast ausnahmslos „gamsige Flitscherl“.

Über Eckharts Frauenbild könnte man auch reden. Die einen sind die, denen es die Männer ständig besorgen wollen, der anderen erbarmt sich niemand. Kindergartentanten werden dieser Logik zufolge jene, die keine Aussicht auf eigene Kinder haben. „Besonders optisch Undankbare fühlen sich sehr früh zu dem Berufsstand hingezogen. Sie ahnen schon im Spiegelbild, unter einem Dutzend Doppler macht mir niemand ein Kind.“

Die kleine Helga, „ist zaundürr“ und deshalb „klingen auch die Watschn so, wie wenn man einen Teppich ausklopft“. Die beiden Töchter Helga und Inge – sie ist die Schöne und Begehrte – werden ab 1955 zum Nutzen der Eltern als Haushalts- und sonstige Hilfen eingesetzt. Das Kriegsende erscheint kaum als eine Zäsur, im Dorf in der Steiermark geht eigentlich alles so weiter wie bisher – nur eben ohne Hitlerbild an der Wand. Nachdem man „1938 den Deutschen Tür und Tor geöffnet“ hat – „äußerst willig wohl gemerkt“ – schiebt man nun die Schuld den Deutschen zu, die zu hassen es keinen besonderen Grund braucht.

Helga schafft es, den Wirtshauserben Rudi zu verführen. Zwischen zwei Bissen Hirn macht er ihr so etwas wie einen Heiratsantrag und die Dorfhochzeit mutiert einmal mehr zu einer Fete der Nachkriegsgesellschaft. Episodenhaft werden die nächsten Jahrzehnte gemustert.

Nach den Busfahrten der Oma ins Paradies der Schmuggelwaren nach Ungarn im Jahr 1989 und anderen Großereignissen kommt der Roman zum Ausgangspunkt zurück, zur Geburt der Ich-Erzählerin. Der Rest ist ihren eigenen, ganz persönlichen Oma-Erfahrungen gewidmet und mutiert zu dem, was schon zu vermuten war – zu einer Liebeserklärung im Modus der Rufschädigung. Die Omama von Eckhart erinnert an Ludwig Hirschs legendäre Schallplatte „Dunkelgraue Lieder“ von 1978. „Die Omama“ ist ein Lied daraus.

Der Leser lernt, dass „Großmütter bevorzugt auf kulinarische Kriegsführung setzen“, wenn es um die Enkel geht. Wenn ein Enkel geboren wird, also „verehrfertig“ ist, dann bleibt er oder sie „stets eine geschlechtslose Masse, eine identitätsleere Hülle, welche die Großmutter wie einen Spritzsack mit Kuchenteig und Liebe füllt, bis der Sack zu bersten droht.“ In entsprechenden Passagen wird alles nach einer Fasson abgehandelt – egal ob es sich um den Hass der Österreicher auf die Deutschen, die Entwicklung der Gesellschaft oder bloß um Schokoladensorten handelt. Zwei, drei „Neger“ und ein „Jud“ fi nden sich dann auch im Buch. In der dazugehörigen Szene trifft die Titelfi gur in den 90ern einen Politiker, hinter dem sich unschwer Jörg Haider erkennen lässt. Die Omama zeigt darin, wie man mit Rechten redet oder zum Kauf einer überteuerten Heilsalbe bewegt. „Schritt 1: Die stinkt wie 40 wüde Neger, i was, oba höffen tuat sie guat!“ Und vor dem Bezahlen: „Jetzt tuan’s net schachern wia a Jud! Des is hoit a supa Schmia.“

Saufbrüder gehen nicht nur wegen der Aussicht auf einen Rausch zur Wirtin, auch die „trallen Zotteln ihrer reschen Tuttelbärin“ locken sie dorthin. Omamas Schwester wiederum arbeitet derweil als Dienstmädchen für alles bei einem Professor in Wien: „Er liebt auch ihre Wissenslücken. In die stößt er genauso gern, wie in jene andere. Und jene andere bleibt offen. Die wächst nach einem Stoß nicht zu.“

Eckhart singt Oden auf den Dorfschönling, die Dorfmatratze (eine „huröse Heilige“), den Dorftrinker und beklagt, dass es keine Dorfdeppen mehr gibt, weil heute niemand mehr umfassend dumm sein will. Überhaupt war früher vieles besser: „Ich vermisse diese Zeiten, als man noch um Fakten stritt. Als es noch um wahr und falsch, nicht nur um gut und böse ging. Als der Klügere noch nicht nachgeben musste.“

angehängt werden, weil sie wusste, das würde sie negativ beeinfl ussen. Alle waren überrascht, eine solche Person auf der Bühne zu sehen – so abgefahren, so zynisch, so böse, aber auch so poetisch. So etwas hat es bis dahin nicht gegeben.

„Ich möchte einfach etwas auslösen in den Menschen.“ Lachen? „Nein, das reicht mir eigentlich nicht. Das tut man gerne im Kabarett, aber ein so cholerischer Anfall, wenn man so in eine Wunde fährt – das ist schon ein schönes Feedback.“

„Ist das Provozieren in Ihnen drin?“ – wird sie gefragt. „Was ich nicht verfechte ist, Provozieren ob der Provokation willen. Ich brauche dafür eine fundierte Grundlage. Sonst halte ich es für sehr plump.“

Eine der zentralen Fragen, die sich ihre Kritiker, ihr Publikum stellen und die ihr in Interviews gestellt wird, lautet: Inwieweit gibt es eine Bühnenfi gur Lisa Eckhart und inwieweit gibt es die echte „Lisa Eckhart“? Die Steirerin darauf in einem ausführlichen Gespräch im Südwest-Deutschen Fernsehen: „Die echte Lisa Eckhart ist tatsächlich die auf der Bühne. Das, was abseits der Bühne ist, kooperiert mit den Menschen und will einfach seine Ruhe haben. Das wirkt für die Menschen authentischer, ist aber in Wahrheit nur ein seelenloser Klumpen, ummantelt von Haut. Ein Mensch, der es nicht wertfi ndet, unter zehn Zuschauern aufzutreten.“

Gibt es beim Gehen auf die Bühne ein Ritual – das Letzte, was Sie tun? „Nein, tatsächlich nicht. Weil von solchen heidnischem Firlefanz habe ich mich Gott sei Dank nie infi zieren lassen.“

„Was Andere das echte Leben nennen, ist für mich besonders anstrengend“, gibt es ein Zitat von Ihnen. „Ja, das ist extrem. Es sind wirklich die einfachsten Dinge, die mich übermenschliche Kraft kosten. Ein Gang zum Amt. Ein Telefonat mit irgendeiner Behörde. Das braucht zwei Stunden und viele Zigaretten. Die psychische Vorbereitung. Einkaufen zu gehen. Das ist wirklich Schwerstarbeit für mich. Ein Tag, an dem ich auch nur fünf Minuten draußen bin, ist dann Was ist für Sie echtes Leben? „Ich glaube sogar, mehr Schreiben, als tatsächlich dann damit aufzutreten. Schreiben und Dasitzen mit der Zigarette und meinem Zweifi ngersystem zu tippen – ja, das ist echtes Leben. Echter wird’s nicht.“

Schreiben Sie immer mit der Absicht, es auf die Bühne zu bringen? „Ja. Ich habe auch noch nie etwas in die Schublade gesteckt. Weil ich dafür zu eitel bin. Wenn ich merke, das hat nicht das Potential, auf der Bühne zu funktionieren, dann wird es abgebrochen. Ich erfreue mich nur an Dingen, die ein Publikum fi nden werden. Ich schreibe nicht für mich selbst.“

Sind Sie ein Menschenfreund? „Ich glaube schon. Nur sehr missverstanden. Ich liebe die Menschen viel zu sehr, als dass ich ihnen begegnen könnte. Weil sie mich natürlich gröbstens enttäuschen, was sie sagen, wie sie auftreten. Deswegen liebe ich sie lieber aus der Ferne und lasse das nicht befl ecken. Denn sonst würde es wahrscheinlich ins Misanthropische kippen.“

2020 wurde Lisa Eckhart für einen 2018 in der WDR-Sendung Mitternachtsspitzen gesendeten kabarettistischen Beitrag Antisemitismus vorgeworfen. In ihrem satirischen Beitrag „Die heilige Kuh hat BSE“ hatte Lisa Eckhart in ihrer bekannten sarkastischen Art und in Form einer Figurenrede die Frage gestellt, „was wir tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten“: Wenn also Juden wie Harvey Weinstein oder Roman Polański, Schwarze wie Bill Cosby oder Morgan Freeman Frauen sexuell belästigten und Schwule wie Kevin Spacey Männer. Das sei „der feuchte Alptraum der politischen Korrektheit“. Kritisiert wurde Lisa Eckharts Äußerung: „Juden, da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.“

„Ich habe festgestellt, dass, seit ich in Deutschland bin, die Deutschen mich lieben. Mich, die grantige Österreicherin. Ich merke eine viel größere Nachsicht mir gegenüber, weil ich ja ein bisschen dieser Bruder bin, der einmal fallen gelassen wurde, als Kleinkind und ein bisschen eingedeppscht ist.“

Nach Andreas Gabalier leben die Deutschen nun mit einem weiteren österreichischen „Naturerlebnis“. Man mag sie mögen oder nicht. Was man nicht kann – sie leugnen.

Foto: Moritz Schell „Ich bin davon überzeugt, dass sehr viel dafür getan werden muss, um Menschen die Möglichkeit zu geben, so menschenwürdig zu leben, dass sie Stärke entwickeln können. […] Ich bin der Ansicht, dass Identitätsprobleme keine Priorität haben sollten, solange nicht jeder materiell-existenziell versorgt ist.“

– Lisa Eckhart: Tages-Anzeiger, 1. Dezember 2019

„Rein sprachlich bin ich […] ein Goethe-Fan, auch in seiner Schlampigkeit und seinen Makeln, die der Faust hat. Von der Boshaftigkeit mit Humor sicherlich die Jelinek. Von der Bühnen-Präsenz wahrscheinlich doch Klaus Kinski (lacht). Sofern man ihn als Vorbild sehen kann. Aber vom Temperament her. Es ergibt alles ein Mosaik.

[Interviewerin] Deine veränderte Stimme auf der Bühne erinnert mich an die von Falco – ist dir das bewusst?

Bewusst ist mir gar nichts auf der Bühne. Auf jeden Fall ist er auch ein Vorbild von mir. Er hat mich schon sehr früh geprägt. Ich bewundere an Falco wahnsinnig seine unglaublich charmante Arroganz. Er hat mir beigebracht, dass Bescheidenheit auf der Bühne keinen Stil hat.“

– Lisa Eckhart: auto touring, November 2016

Während ihrer Studienzeit an der Universität in Paris jobbte Lasselsberger als Hostess bei einer Agentur. Unter anderem wurde sie für den Pariser Autosalon gebucht. Über die dort herrschende „extrem antifeministische Struktur“ resümiert sie:

„Sind die Autoverkäufe nicht nach oben gegangen, wurden die Mädchen angewiesen, ihre Röcke weiter nach oben zu ziehen. Das war eine sehr wichtige Erfahrung für meine feministische Entwicklung, ist es doch einer der degradierendsten Berufe überhaupt.“

– Lisa Eckhart: Kultur Magazin/Die Presse, 15. April 2016

Karl Fluch spitzt Lisa Eckharts künstlerisches Wirken in der österreichischen Tageszeitung Der Standard wie folgt zu: „Lisa Eckharts Kunst Kleinkunst zu nennen, wäre eine Geringschätzung. Dass Lisa Eckhart im Kabarett gelandet ist, war ja bloß ein Zufall. Aber gut, mischt sie halt dort auf. Irgendwo muss man ja beginnen.“

– Karl Fluch: Der Standard, 24. Februar 2018

„Ich bin nicht in den sozialen Medien vertreten. In der Kloake Internet, die nichts vergisst. Demokratie durch Internet haben wir uns so wunderbar vorgestellt. Früher hatten die Menschen mit spärlichen Gedanken nur die Toilettenwand.“ – „Auf dem roten Stuhl“, Youtube-Live-Show

Foto: Jakob Lindner

„Ich hab‘ nichts zu sagen – nur zu zeigen“

... mit Kurator Johann Baumgartner

Es war im Steiermarkhof in GrazWetzelsdorf im Fortbildungszentrum der steirischen Bauern. Die Landjugend hatte ihre Kampagne für heimisches Bauernbrot präsentiert. Beim Vorbeigehen im Foyer der Hofgalerie des Steiermarkhofs fiel uns eine dunkelhaarige Frau auf, die dabei war, Bilder aufzuhängen – unterstützt von einem Mann. Wir kamen ins Gespräch. Es war Soli Kiani. Johann Baumgartner, Kulturreferent im Steiermarkhof, hatte sie eingeladen, ihre Arbeiten in Graz zu zeigen. „Der Steiermarkhof ist ein öffentlicher Raum, mit täglich vielen Besuchern – also etwas ganz Anderes als eine Galerie. Das reizte mich sehr als Ausstellungsmöglichkeit.“ Aus unserem kurzen Kennenlernen ergaben sich Tage später ein Fotoshooting und ein langes Telefonat.

Die heute 39-Jährige ist mit ihrem damaligen Mann – er war DoppelStaatsbürger und studierte in Wien Medizin – vor 20 Jahren nach Österreich gekommen. Und sie blieb, obwohl sich die beiden bereits nach rund einem Jahr scheiden ließen. Soli Kiani studierte an der Kunst-Uni in Wien Malerei, Animationsfilm und Tapisserie bei Christian Ludwig Attersee. Seit dem Jahr 2000 lebt und arbeitet sie als freischaffende Künstlerin in Wien. „Meine Familie, Eltern und Geschwister, leben aber im Iran. Ich liebe das Land, in dem

Soli Kiani, heute Österreicherin, geboren im Iran, beeindruckt in Graz mit ihren nonverbalen Botschaften

ich geboren und sozialisiert wurde. Aber wo ich Angst bekomme, wenn ich sie besuche und am Flughafen in Teheran lande. Ich fühle mich erst wieder wohl und ruhig, wenn ich im Flugzeug nach Wien sitze. Obwohl ich Österreicherin bin, habe ich Angst, dass sie mich als Künstlerin ins Gefängnis stecken und nicht mehr zurückkann.“

Mit ihrer Ausstellung im Steiermarkhof in Graz „Ich hab‘ nichts zu sagen – nur zu zeigen“ – dabei handelt es sich um ein Zitat von Walter Benjamin – lässt die österreichische Künstlerin die Besucher an ihrem Selenleben, ihren ambivalenten Gefühlen teilhaben, die sie beschäftigen.

Es rührte sie zu Tränen bei der Vernissage ihrer Ausstellung. Steiermarkhof-Kulturchef Johann Baumgartner überraschte sie mit dem Auftritt einer iranischen Opernsängerin, die iranische Lieder sang. „Frauen dürfen im Iran als Solisten so nicht auftreten.“ Kurator Johann Baumgartner: „Es ist keine einfache Kost, doch ihre Werke widerspiegeln verborgene Verletzungen, die ohne Zensur an die Öffentlichkeit gelangen.“ Mit viel Ästhetik geht die Künstlerin auf die Gefühle von Frauen ein und eröffnet einen breiten Raum für die persönliche Interpretation. Intuitiv erkennt und spürt man die Spannung in diesen Bildern. Im Fokus stehen Menschenrechte, das „Ich fühle mich erst wieder wohl und ruhig, wenn ich im Flugzeug nach Wien sitze.“

Selbstverständnis und die gesellschaftliche Position von Frauen.

„Ich male und zeichne seit meiner Jugend.“ Sie durfte aber in ihrer Jugend nicht selbst entscheiden. Für ihren Vater, der heute dement ist, war die Kunst nichts Ernsthaftes. Sie ist glücklich in Österreich zu leben und sich beiden Ländern „zugehörig zu fühlen“.

Es ist die Zensur, die den Betrachter von Soli Kianis Kunst – ob Malerei, Fotografie, Plastik, Kollage oder Zeichnung – durch ihre Arbeiten führt. Mit ihrer Kunst bringt sie soziale, politische und religiöse Alltagsrealität von Frauen im Islamischen Iran zum Vorschein. Sie macht in ihrer schlichten Formensprache auf Verhältnisse im Iran aufmerksam und ihre Kunst ist ein Aufklärungsprojekt, ohne Stereotype. Laut Gesetzbuch ist eine Frau im Iran immer nur halb so viel wert wie ein Mann – bei Aussagen vor Gericht, beim Erbe usw.

In ihren Arbeiten geht es um Enthüllung, Verhüllung, Sinnlichkeit und Gewalt. Es ist ein prekärer Grenzgang, weil sie damit allen jenen Sichtbarkeit und Stimme verleiht, die unsichtbar und stumm gemacht werden im Iran. Soli Kiani setzt sich seit Jahren mit den Gesetzen und der Verfassung des Iran auseinander. Übersetzungen davon zeigt sie auch in ihrer Ausstellung im Steiermarkhof. „Die Menschen hier haben eine abstrakte Vorstellung vom Iran und Islam. Und die Kritik an mir ist oft, ich bediene Klischees.“