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2.2008

Was Kirche für morgen heute bewegt

Zitronenfalter Zitronenfalter Ich bin dann mal … dabei!

Beteiligungskirche Klaus Douglass über notwendige Korrekturen am Pfarrerbild

Für eine echte Wahl! Kirche für morgen zum württembergischen Pfarrerwahlgesetz

Kirche — das sind wir! Eine Gemeinde bricht auf zu neuen Ufern


Ich bin dann mal … dabei

Editorial und Inhaltsverzeichnis

Liebe Leserinnen und Leser, „Ich bin dann mal weg“ war ein Bestseller, aber „Ich bin dann mal dabei“? Ist dabei sein alles? Für die olympischen Spiele gilt das schon lange nicht mehr, für Gottes kommende Welt jedoch gilt es schon immer – und deshalb auch für die Kirche, die ein Vorgeschmack des Reiches Gottes sein will! Wolfgang Bittner hat ein lesenswertes Buch geschrieben unter dem Titel „Kirche – das sind wir! Von der Betreuungs- zur Beteiligungskirche”. Darin wird die These vertreten, dass in der Kirche eigentlich nur das wirklich geschieht, was jeder oder viele von uns – insbesondere Nicht-Hauptamtliche – tun. Also: Solarzellen auf dem Kirchendach reichen nicht aus für einen „grünen Gockel”, solange die Gemeindeglieder nicht selbst umweltbewusst einkaufen, fahren, wohnen. Und so könnte man alle Bereiche in unserer Kirche genauer anschauen: Eine Kirche ist nur dann eine diakonische Kirche, wenn es zum Bewusstsein der ganzen Gemeinde geworden ist, diakonisch tätig zu sein. Das gilt auch für Hausbesuche und den Gottesdienst: Ob es die Gebete, die Predigt oder wie in der Tübinger Jakobusgemeinde die ausgebildeten ehrenamtlichen Liturgen sind, die mit dem Pfarrer gemeinsam den Gottesdienst gestalten: Dabei sein in unterschiedlichen Formen ist möglich – und bereichert den Gottesdienst – und das Gemeindeleben. Das aber fordert von uns allen ein Umdenken. Wir suchen nicht ehrenamtliche Mitarbeiter, um die Hauptamtlichen zu entlasten, sondern die Haupt- und Ehrenamtlichen suchen gemeinsam nach brachliegenden Gaben und vorliegenden Aufgaben und wer sich wie und wo am Besten einbringen kann. Und dann sind die Hauptamtlichen diejenigen, die die Ehrenamtlichen darin unterstützen, mit ihren Gaben dabei sein zu können. Kirche für morgen setzt sich dafür ein, dass die Strukturen unserer Kirche daraufhin überprüft werden, ob sie Mitgestalten und Beteiligen ermöglichen oder verhindern. Und ich wünsche Ihnen vor Ort, dass Sie sich die Frage stellen: Was tun wir, damit möglichst viele so dabei sein können, dass dadurch Kirche als Gemeinschaft der Heiligen – vom Heiligen Geist gewirkt – konkret Gestalt gewinnen kann? Dieser Zitronenfalter will Sie dazu inspirieren. Ihr Friedemann Stöffler

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Heftthema: Ich bin dann mal … dabei

Multiplikatoren statt Endverbraucher Wie können Gemeindeglieder beteiligt und befähigt werden? Welche Gemein-

Multiplikatoren statt Endverbraucher

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destrukturen entsprechen einem „allgemeinen Priestertum“? Anstöße aus einem

Kuchen backen oder predigen?

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(gekürzten) Vortrag von Dr. Klaus Douglass.

Bausteine Prozesse anstoßen durch die neue Visitation

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Jugendkonferenzen — der Jugend ein Gesicht geben

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Hohepriesterliche Rituale oder mündige Gemeinde

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Pfarrerwahl und Ehrenamt Wie eine Gemeinde zu ihrem Pfarrer kommt und was Kfm will Seite 10 Lust und Frust im Ehrenamt

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Gemeindeporträt „Kirche — das sind wir!“ Ein Porträt aus HößlinswartSteinach

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„OMA“ — ein Beteiligungsmodell

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Kfm-intern Ortsgemeinden und Profilgemeinden — eine Kfm-Position

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Auf dem Weg zur Beteiligungskirche — Beispiele aus Haigerloch

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Zitronenspritzer Impressum

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Zu guter Letzt

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Jesus wollte nicht, dass wir zu Endverbrauchern des Evangeliums werden. Er wollte vielmehr Multiplikatoren des Heils: Menschen in unseren Gemeinden sollen anderen Menschen das Evangelium weitergeben – und zwar in Wort und Tat. Jesus hat gesagt: Macht zu Jüngern. Jünger sind Multiplikatoren des Heils. Sie sagen nicht: „Ich bin gerettet, ab in den Himmel!“ Sondern sie wollen Himmel verbreiten in dieser Welt. Das ist das, was Martin Luther das „allgemeine Priestertum der Gläubigen“ genannt hat. Gott hat uns Gaben gegeben, und diese Gaben sind gleichzeitig auch unsere Aufgaben. „Gottes Gaben sind seine Berufungen“ (Gustav Heinemann). Diese einzusetzen, damit die Menschen Gottes Liebe in Wort und Tat kennen lernen, das ist das allgemeine Priestertum der Gläubigen. Wir sind das nicht gewohnt. Wir haben ja unsere beamteten und besoldeten Leute. Sehr oft werde ich gefragt: Ist das denn nicht die Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer, den Leuten das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen? Wurden dazu nicht die Geistlichen ordiniert und

ausgebildet? Aber da ist Luther meiner Meinung nach sehr klar. Er hat gesagt, die Unterscheidung zwischen so genannten Geistlichen und so genannten Laien ist nicht biblisch. Ein mir bekannter Pfarrer aus den USA hatte in seiner Kirche zwei Türen. Über die eine schrieb er: „Nur für Geistliche“. Und bei der anderen durfte „der Rest der Welt“ hinein. Dort gab es ein riesiges Gedränge. Bei „Nur für Geistliche“ kam kein Mensch. Dann hat er über das allgemeine Priestertum der Gläubigen geredet und gesagt: „Ihr seid alle Geistliche! Ihr seid berufen, Priester zu sein.“

Die primäre Aufgabe von Pfarrern Wir erwarten, dass nur ein kleiner Teil der Menschen das verkörpert. Die können wir dann kritisieren. Wir bezahlen die Leute dafür, dass wir sie auch wieder kritisieren dürfen. Aber eigentlich ist das ganz anders gedacht – nämlich dass die in der Gemeinde vorhandenen Gaben zum Einsatz kommen. Der Clou ist auch hier, dass das allgemeine Priestertum zwar ein Werk des Heiligen Geistes ist, aber dass

Gottes Gaben sind seine Berufungen

Was kostet der Zitronenfalter? Der Zitronenfalter ist kostenfrei – und das soll auch so bleiben. Da nichtsdestotrotz Kosten entstehen, bitten wir von Zeit zu Zeit um Unterstützung. Wenn Sie von unserer Zeitschrift profitieren und viele unserer Anliegen mittragen, würden wir uns über eine Spende freuen. Ein Überweisungsträger ist beigefügt. Herzlichen Dank!

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Ohne das allgemeine Priestertum regiert ein UniversalDilettantismus der Pfarrer

es nicht vom Himmel fällt. Deshalb die Frage: Wie kommen wir dazu, dass die ganze Gemeinde ihre Gaben einbringt? Meine These – und damit geht es wirklich ans Eingemachte: Es ist die Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer, dieses allgemeine Priestertum ins Leben zu rufen. Es ist nicht nur eine Aufgabe, es ist ihre primäre Aufgabe. Natürlich weiß ich, dass es heute in der Praxis anders aussieht, dass die Leute es auch anders erwarten. Wenn ich als Pfarrer anfange, von allgemeinem Priestertum zu reden, kann mich die Gemeinde erst mal für faul halten. Vor allem sind wir auf eine solche Rolle auch nicht vorbereitet worden, weder im Studium noch im Vikariat. Zugespitzt: Wir sind auf die eigentliche Aufgabe nicht vorbereitet, nämlich das allgemeine Priestertum der Gläubigen ins Leben zu rufen. Noch krasser: Teilweise widerspricht diese Neudefinition des Pfarramts sogar geltendem Kirchenrecht. Als ich das neulich mal Pfarrern darlegte, hieß es: Das ist ja alles schön und beeindruckend, was Sie da alles machen, aber Sie werden für etwas anderes bezahlt. Ich bin davon überzeugt, dass diese Neudefinition des Pfarramts der Schlüssel für jede gesunde und zukunftsfähige Gemeindeentwicklung ist. Anders herum: Pfarrerinnen und Pfarrer, die das tun, was ihre

Außenseiter?

Gemeinden von ihnen erwarten, die das tun, was ihre Kirchenleitung von ihnen fordert und die das tun, was ihr schlechtes Gewissen von ihnen erwartet, verhindern den Gemeindeaufbau.

Gegen die Erwartungshaltung Was die Leute erwarten ist, dass der Pfarrer noch mehr Gas gibt und noch mehr rödelt und noch mehr macht und noch kreativer wird. Und draußen laufen die ganzen Leute herum, die eigentlich die Gaben hätten, eine wunderschöne Kirche aufzubauen. Was wir dann tun, ist auf der einen Seite übermenschlich vom Arbeitsaufwand her – und auf der anderen Seite dürftig vom Ergebnis her. Es könnte besser aussehen, wenn alle ihre Berufungen wahrnehmen würden und begleitet würden in ihrer Mitarbeit, wenn Gemeindeglieder sich wirklich mit ihrem Knowhow, mit ihren gottgeschenkten Gaben an die Arbeit machen, die Kirche aufzubauen. Wo das allgemeine Priestertum der Gläubigen fehlt, regiert zwangsweise ein Universal-Dilettantismus der Pfarrer. „Die müssen ja alles irgendwie machen, in allem irgendwie gut sein.“ Aber wenn die Leute, die die Gaben für bestimmte Bereiche haben, sich einsetzen würden, würde vieles ganz anders aussehen. Das ist die Paradoxie, und das geht bis ins eigene Gewissen des Pfarrers hinein: zu sich selber zu sagen: „In dem Moment, wo ich Gemeindeaufbau selber betreibe, verhindere ich Gemeindeaufbau. Denn meine Aufgabe ist es, die Gemeinde zu berufen und zu begleiten und zu fördern.“ Wir bieten bei uns drei bis vier Mal im Jahr ein Seminar an unter dem Titel „Entdecke dein Potenzial“. In kleinen Gruppen von 10 bis 15 Leuten versuchen wir, die Gaben der Teilnehmenden herauszufinden, sie zu berufen und zu begleiten.

Ein System, das krank macht Der Schritt von der Pfarrerkirche zum allgemeinen Priestertum ist ein Paradigmenwechsel, der als Gedanke so neu nicht ist, jedoch bisher einfach nicht realisiert wurde. Nicht mehr der Pfarrer ist dann der Alleskönner, der Altenarbeit und Jugendarbeit und Predigen und Öffentlichkeitsarbeit und Sitzungsleitung

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und dieses und jenes macht, und das Ganze mit riesigem Einsatz, im deutschen Durchschnitt arbeiten Pfarrerinnen und Pfarrer 72 Wochenstunden. Aber auch in 72 Stunden können sie nur eine gewisse Arbeit verrichten. Und mittelfristig sind sie furchtbar überlastet. Das ist dann mit ein Grund für die meist verschwiegenen Fakten: Alkoholprobleme in Pfarrfamilien, die Problematik der Ehescheidungen in der Pfarrerschaft, der Depressionen und psychischen Erkrankungen. Einfach weil der Druck so groß ist. Irgendwann ist die Stagnation vorprogrammiert, irgendwann haben sie ihr ganzes Pulver verschossen, und dann warten sie nur noch auf die Rente. Das ist nicht bösartig gemeint, es ist einfach die Struktur dieses Systems. Nicht die Pfarrerinnen und Pfarrer machen Fehler. Das System ist korrupt. Es ist krank, und es macht krank.

Wenn Sie an den Strukturen in Ihrer Gemeinde arbeiten, bitte handeln Sie aus Liebe und nur aus Liebe. Die Versuchung ist groß, aus Ungeduld zu handeln, aus Schmerz zu handeln, aus dem Gedanken: „Denen will ich’s jetzt mal zeigen“. Das wird alles scheitern. Was Sie nicht aus Liebe heraus tun, wird scheitern. Prüfen Sie Ihre Motivation und wenn Sie merken: Es ist nicht Liebe, die mich treibt – dann tanken Sie erstmal Liebe, dann lassen Sie sich erst einmal durchfluten von der Liebe Gottes. Dr. Klaus Douglass (49) arbeitet als Pfarrer, Autor und Persönlichkeitstrainer. Den Link zu seiner Homepage finden Sie auf www.douglass.de.

für die Mitarbeitenden,

Sich vervielfältigen statt zerreißen Und von daher schlage ich dieses andere Modell vor: Ein Pfarrer versteht sich als Trainer und Begleiter. Ein guter Trainer macht ja nicht nur seine Trainingsstunden, er begleitet diese Menschen auch in ihrem Alltag. Wenn andere so befähigt werden, kann er selbst sich auf seine Stärken konzentrieren – und die Gemeinde hat Wachstumspotenzial. Die Erkenntnis dahinter ist die: Ein Pfarrer kann sich nicht verteilen, aber er kann sich vervielfältigen. Man könnt sich zerreißen, zerteilen und auf fünf Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Wir wissen, das geht nicht. Aber sich vervielfältigen, das können sie. Vor vielen Jahren hat Fritz Schwarz die Formel geprägt: „Der Pfarrer für die Mitarbeitenden, die Mitarbeitenden für die Gemeinde“. Das ist die Gemeindeformel der Zukunft. Und das ist für mich das Kriterium, wonach ich meine eigene pfarramtliche Tätigkeit bewerte und bewertet sehen will. Einen guten Pfarrer erkennen Sie nicht an seinen tollen Predigten, nicht an seiner Stundenzahl pro Woche, nicht daran, das er ein guter Seelsorger ist, nicht daran, dass er ein toller Manager ist. Einen guten Pfarrer erkennen sie an einer einzigen Sache: an der Mündigkeit seiner Gemeinde. Die Mündigkeit der Gemeinde, das ist der Ausweis, ob das Pfarramt schriftgemäß geführt wird oder nicht.

Der Pfarrer

die Mitarbeitenden für die Gemeinde

Klaus Douglass / Fabian Vogt: „Expedition zum ICH – In 40 Tagen durch die Bibel.“ Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart und C&P-Verlag, Glashütten 2006, 400 Seiten mit CD; € 19,80.

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Bausteine

Ich bin dann mal … dabei

Kuchen backen oder predigen?

Prozesse anstoßen — die neue Visitation

Alle wollen Beteiligung. Unsere reformatorischen Bekenntnisse wollen es, die Kir-

Seit zwei Jahren gibt es eine neue Visitationsordnung für unsere Kirchengemein-

chengemeindeordnung (KGO) will es und unsere kirchenleitenden Stellen wollen es

den. Wie durch Beteiligung der gesamten Gemeinde und zielorientiertes Arbeiten

konsequenterweise auch. Was aber meinen sie damit? Beteiligung – an was eigent-

das Gemeindeleben weiterentwickelt werden kann, beschreibt Marc Stippich.

lich? Markus Haag hat in der KGO gestöbert.

Grunbach im Remstal, 18. April, 18.45 Uhr: Die Stellwände sind aufgebaut, die Stühle gestellt, Moderationskarten und Stifte liegen bereit. Wir erwarten über 100 Leute, kommen werden schließlich ca. 120. Das erste Grunbacher Gemeindeforum kann beginnen. Unsere Moderatorin Christine Arndt aus Sindelfingen führt gekonnt durch den Abend. In einem ersten Teil stellen fünf Mitarbeitende stellvertretend für verschiedene Gemeindebereiche dar, was sie an unserer Gemeinde schätzen und was sie vermissen. Sie halten sich an die Vorgabe, auch Kritisches zu äußern. Bloß zum Bauchpinseln wollten wir nicht zusammenkommen. Danach kommen von außen geladene Gäste zu Wort: der Bürgermeister, die Schulleiterin, der katholische Kollege, eine Geschäftsfrau und der Vorsitzende des Sportvereins. Uns wird deutlich, für wie wichtig die kirchliche Arbeit am Ort gehalten wird. Erneut werden Wünsche für die Zukunft geäußert.

Beteiligung: sich mit seinen individuellen Charismen einbringen dürfen

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Irgendwo in Württemberg. Frau A. beteiligt sich am kirchlichen Leben. Sie backt einen Kuchen für das Gemeindefest. Frau B auch. Frau A sagt: „Ich fühle mich aktiv beteiligt am Leben unserer Gemeinde. Das tut mir gut. Es macht mir Freude, dass ich auf diese Art und Weise mitmachen kann.“ Frau B. sieht das anders: „Ja, ja, Kuchen backen, das dürfen wir. Da können wir schließlich nichts falsch machen. Aber mich hat noch nie jemand gefragt, ob ich beim Gemeindefest mal predigen will. Dabei habe ich eine abgeschlossene theologische Ausbildung – und Freude am Predigen.“ Zwei Frauen machen dasselbe – ohne wirklich das Gleiche zu tun. Eine Frau beteiligt sich – eine backt nur einen Kuchen.

chengemeindegliedes ist es, … sich am kirchlichen Leben zu beteiligen …“

Beteiligung als Pflicht Es bleibt also doch nicht beim Ruhekissen. Die KGO will aktive Beteiligung – das heißt für die KGO konkret: „das Wohl der Gemeinde fördern“. Klingt gut – aber nicht gerade sehr konkret. Weiter: „die kirchlichen Gesetze und Ordnungen befolgen“. Derer gibt es immerhin weit über 200! Auch eine Art von Beteiligung. Aber jetzt: „die ihm übertragenen kirchlichen Ehrenämter verwalten und seinen Anteil am

Beteiligung als Recht Die KGO kennt die Beteiligung sehr wohl. Sie kennt sie als Recht und Pflicht. Unter „§ 8 Rechte der Kirchengemeindeglieder“ heißt es: „Jedes Kirchengemeindeglied hat nach Maßgabe der bestehenden Ordnungen Anteil an dem von der Kirche dargebotenen Wort und Sakrament, den kirchlichen Einrichtungen und Rechten.“ Was heißt „Anteil haben an dem von der Kirche dargebotenen Wort und Sakrament“? Warum eigentlich heißt es nicht „Anteil an Wort und Sakrament“? Warum „von der Kirche dargeboten“? Steht „die Kirche“ zwischen dem einzelnen Gläubigen und Wort und Sakrament? Nein, natürlich nicht. Wir sind doch evangelisch. „Kirche“ meint doch lediglich den begabten und deshalb (!) von der Kirche öffentlich berufenen Diener des Wortes. Wohl wahr. In der Theorie. Was aber ist daraus geworden? Allenfalls eine „passive Beteiligungskirche“. Professionelle Amtsträger versorgen das „Volk“ mit Wort und Sakrament. Etwas überspitzt: Die Beteiligung besteht im Konsum. Ein schönes Recht. Ein gemütliches Recht. Kein Wunder, dass sich viele auf diesem Kissen ausruhen. Es ist gut, dass die KGO weiter geht – in „§ 9 Pflichten der Kirchengemeindeglieder“: „Pflicht des Kir-

kirchlichen Aufwand tragen“. Das Ehrenamt – wieder einmal Schlüssel der Beteiligung. Das ist gut.

Gaben als Schlüssel

Acht Tage später rauchen im Grunbacher Gemeindehaus die Köpfe. Der Vorschlag von Christine Arndt, aus den vielerlei Rückmeldungen drei Schwerpunktthemen herauszunehmen, erntet Zustimmung. In Kleingruppen sprechen wir über die Voten zu den Themen „Gottesdienst“, „Gemeindeleben“ und „Kinder- und Jugendarbeit“. Im Plenum stellen wir die Ergebnisse vor. Unsere Moderatorin nimmt als Außenstehende wahr, meldet manches zurück und sorgt dafür, dass geklärt ist, wer was wann weiterbearbeitet. Am Ende stehen klare Aufträge und Zeitvorgaben.

„Da kann man ja wirklich mitreden …“

Wir sind mitten in einem Prozess. Wichtig ist, dass die Gemeinde informiert wird, was aus den Anregungen des Gemeindeforums wird. Der Dekan, dessen Visitation mit dem Forum begann, wird seinerseits während der kommenden Wochen manche der angestoßenen Themen Viel Stoff zum Diskutieren unter uns warm halten. Viel Zeit ist für die Gesprächsphase Beim Forum hätten wir uns noch vorgesehen. Nach knapp 1½ Stunden mehr Teilnehmende aus der jungen Zuhören sollen dann alle mitreden und mittleren Generation gewünscht. können. Am Ende der Pause, in der ein Viele dachten, sie würden nichts Imbiss gereicht wird, ertönt ein Gong, verpassen, wenn sie wegbleiben. und die Besucher treffen sich in Grup- Inzwischen haben manche gemerkt: pen an den Stellwänden. Sie diskutie- Da kann man ja tatsächlich mitreden ren über das Gehörte, bringen eigene und Einfluss nehmen… Alle AnweGedanken und Wünsche ein. Alles wird senden waren sich jedenfalls sicher: aufgeschrieben und angepinnt. Am So ein Forum sollte es öfters geben! Ende sind über 300 Kärtchen beschrieben worden. Bis zum Klausurtag am Marc Stippich ist Pfarrer in kommenden Wochenende werden sie Grunbach und freut sich über abgetippt und den Kirchengemeinderädie Möglichkeiten neuer Beteiten zugesandt. ligungsformen.

„Da kann man ja tatsächlich mitreden und Einfluss nehmen“

Nur: Was heißt das? Womit wir wieder bei den beiden Frauen wären. Beteiligung ist, wenn man sich mit seinen individuellen Charismen einbringen darf. Charismen sind der eigentliche Schlüssel der Beteiligung. Auch dann, wenn jemand die Gabe des Predigens hat. Markus Haag wohnt in Gronau und wünscht sich als Pfarrer Gemeinden, die von der Vielfalt der beteiligten Gaben und Gabenträger leben.

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Bausteine

Bausteine

Der Jugend ein Gesicht geben

Von der heiligen Aura zur segnenden Gemeinde

Jugendliche und Jugendmitarbeitende in Veränderungsprozesse einbeziehen. Dass

Reichenbach geht neue Wege bei der Konfirmanden(ein)segnung

sich dies lohnt und gelingen kann, beschreibt Diakon Jörg Dolmetsch. gestärkt. Es gelang, einen Prozess in Gang zu setzen, der vier Wochen später in der zweiten Jugendkonferenz seine Fortsetzung fand.

„Wir haben die Kirche, die wir verdienen”, meinte mein Kollege. Wenn wir die Gemeindeglieder immer nur zu Zuschauern degradieren, müssen wir uns nicht über geistliche Unmündigkeit wundern.

Durchstarten

Die Gemeinde bleibt unsichtbar

Die zweite Jugendkonferenz beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit dem Dienstauftrag des Gemeindediakons und den beim ersten Treffen neu entwickelten Ideen. In einer transparenten Bestandsaufnahme wurde deutlich, welche Lücken mit dem ersten Kürzungsschritt entstehen. Gemeinsam bewerteten und gewichteten wir die einzelnen Bausteine der Bestandsaufnahme. Für konkrete Aufgaben konnten sich Mitarbeiter bereit erklären und so neue Verantwortlichkeiten entstehen. Erfreulich und erleichternd war, dass sich neue Jugendmitarbeitende fanden, die konkrete Aufgaben übernahmen. So musste nur Weniges aufgegeben werden.

Einer der heiligsten Momente – bei der wir Pfarrer gleichsam exemplarisch zu Hohenpriestern und die Gemeinde zu staunenden Statisten mutieren – ist die alljährliche Zeremonie der Einsegnung der Konfirmanden: Nach Moderation des Katechismusvortrags und Predigt ist sie für uns Pfarrer das finale „Zeremonial der Kniebank”. Auf ihr knien kauernd die Jugendlichen und lassen die Segensweihe der Institution über sich ergehen. Hütchenspielergleich wechselt der Geistliche die Hände über den mit Gel gestylten oder hoch toupierten Konfirmandenfrisuren („Hat jetzt ganz links schon genug Segenssekunden gehabt oder muss ich da nochmal?”) Hunderte Augen sehen eine „One man show” wie sie im Buche – pardon – in der Agende steht, erschöpfende spirituelle Fließbandarbeit. Die Gemeinde, in die hinein eigentlich die Konfirmation als Taufbefestigung leiten soll, bleibt eine virtuelle Größe.

Strukturelle und personelle Veränderung als Chance

Durch den Pfarrplan wurde in der Evangelischen Kirchengemeinde Wasseralfingen-Hüttlingen die Gemeindediakonatsstelle gestrichen. Im Abstand von zwei Jahren entfielen 2005 und 2007 jeweils 50% der Diakonenstelle. Die damit verbundenen Veränderungen betrafen vor allem die Jugendarbeit, für die der Gemeindediakon zu einem Großteil beauftragt war. Mit insgesamt drei Jugendkonferenzen versuchte die Kirchengemeinde, die strukturelle und personelle Veränderung als Chance zu nützen, um neue Weichenstellungen vorzunehmen. Dabei wurden die direkt Betroffenen und weitere Interessierte offen eingeladen, die Zukunft der Jugendarbeit mitzugestalten. Der Kirchengemeinderat war in die Jugendkonferenzen eingebunden und nahm die Ergebnisse in seine Entscheidungen auf.

Ein motivierender Anfang In der ersten Jugendkonferenz sollte das Profil der christlichen Jugendarbeit lebendig und bewusst gemacht werden. Das Motto „Wir machen Programm mit Biss und Tiefgang“ war uns Anspruch und Verpflichtung. Persönliche Schwerpunkte wurden herausgearbeitet, neue Ideen konnten eingebracht und diskutiert werden, Bewährtes wurde unterstrichen und

Weichenstellungen Ein Jahr später fand die dritte Jugendkonferenz statt. Sie beschäftigte sich vor allem mit der Frage, in welchem Umfang und in welchen Bereichen hauptamtliche Begleitung der Jugendarbeit geschehen soll und kann. Das Votum der dritten Jugendkonferenz nahm der Kirchengemeinderat bei der anstehenden Neugestaltung der Dienstaufträge der Pfarrerinnen und des Pfarrers auf.

Lohnend Mit den drei Jugendkonferenzen konnte den betroffenen Jugendlichen und Jugendmitarbeitenden die einschneidenden Veränderungen transparent verdeutlicht und erläutert werden. Allein diese offene Kommunikation hat ihnen geholfen, sich auf die Veränderungen einzulassen und sie als Chance zur (Neu-)Gestaltung zu verstehen. Diakon Jörg Dolmetsch ist Gemeindediakon im Kreisdiakonieverband Ostalbkreis. Bis 2006 war er Gemeindediakon in Wasseralfingen und Hüttlingen.

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Selbstbestimmung und Beteiligung Neue Wege gingen wir in diesem Jahr in Reichenbach. Abgestimmt mit dem KGR erfolgte ein individueller Segenszuspruch durch Bezugspersonen aus der Gemeinde: Jugend- oder Konfimitarbeiter, langjährige Jungscharleiter, Jugendhauskreisleiter: Die Konfirmanden wählen sich „ihre Segner” im Vorfeld selbst aus. In zwei Reihen vor dem Altar erfolgt die Umsetzung. Einfache Kniekissen liegen auf der Stufe. Die meisten Konfirmanden entscheiden sich jedoch für eine stehende Segnung auf Augenhöhe. Individuell und persönlich wenden sich die Gemeindeglieder „ihren” Konfirmanden zu. Die „heilige Aura” des hohenpriesterlich ausgerichteten bürgerlichen Schwellenrituals ist gebrochen. Stattdessen tritt die christliche Gemeinde vor der überwiegend kirchendistanzierten Festversammlung als mündige und

segnende „Gemeinschaft der Heiligen” in Aktion. „Der Mattse soll mich auch noch segnen” meint Kevin (14, Namen geändert) kurz entschlossen noch am Konfirmationsmorgen. Und Kevin hat es wahrhaft nötig, dass sechs Mitarbeiter – der Pfarrer ist natürlich auch noch dabei – ihm für den weiteren Lebensweg persönlichen Zuspruch geben. Mattse (15) spricht – selbst kaum älter als die Konfirmanden – erstmals mit anderen ein selbst formuliertes Segensgebet. Wo könnte er es besser lernen als hier in der Praxis, in Gemeinschaft mit älteren Mitarbeitern?

Gemeinde als segnende Gemeinschaft der Heiligen

Die Gemeindebindung dürfte sich so bei Kevin (und Mattse) stärker entwickeln als beim üblichen Ritual durch den bezahlten Sacro-Funktionär.

Paten endlich beim Wort nehmen Beim zweiten Durchgang nach 14 Tagen wurden auch die Eltern und Paten eingeladen, ihren Kindern am Altar geistliche Worte mit auf den Weg zu geben. Und sie kamen, sahen und segneten. Eigentlich die natürlichste Sache der Welt. Wie hieß das damals noch vor 13 Jahren am Taufstein: „Wollt ihr das Eure dazu beitragen, dass euer Kind als Glied der Gemeinde Jesu erzogen wird, so antwortet: Ja, und Gott helfe uns!” Jede Kirche hat die Gemeindeglieder, die sie verdient. Ich als Lutheraner wünsche mir selbständig denkende, glaubende und handelnde Gemeindeglieder. „Gott helfe uns!” Stefan Taut, 42, Pfarrer und Gemeindetrainer in Reichenbach, versucht, seine Gemeinde Stück für Stück von einer pfarrerzentrierten Versorge-mich-Haltung zu mündigem Christsein zu bewegen, bevor seine Stelle abgebaut wird.

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Pfarrerwahl und Ehrenamt

Wie Gemeinden zu ihren Pfarrerinnen oder Pfarrern kommen Martin Luther schrieb 1523: Es „soll kein Bischof jemanden (Pfarrer / Pfarrerin) einsetzen ohne Wahl, Willen und Berufen der Gemeinde, sondern er soll den von der Gemeinde Erwählten und Berufenen bestätigen.“ Wie Kirche für morgen dies umset-

das Vorschlagsrecht hat. Das Besetzungsgremium soll auch hier alle Bewerbungen zur Kenntnis erhalten und kann vor der Benennung durch den OKR seine Präferenzen äußern. Es gilt, die Gemeinden in ihrer Kompetenz zu stärken und ihren Gestaltungsspielraum zu erweitern. Wir gehen von mündigen Gemeinde-

zen will, beschreiben Reinhold Krebs und Johannes Stahl.

Mindestens jedes zweite Mal ein echtes Wahlverfahren!

Die aktuelle Regelung in der württembergischen Landeskirche nennt sich „Benennungs- und Wahlverfahren“ bei Pfarrstellenbesetzungen. Jede/r Kandidat/in für eine Pfarrstelle darf sich ausschließlich bei der Kirchenleitung (Personaldezernat im Oberkirchenrat = OKR) und zeitgleich nur für eine einzige Pfarrstelle bewerben. Die Ausschreibung der Stelle erfolgt in Absprache mit dem Besetzungsgremium (im Wesentlichen der Kirchengemeinderat (KGR) – der Vereinfachung halber wird im Folgenden vom KGR gesprochen). „Benennungsverfahren“: Hier wird vom Oberkirchenrat der Gemeinde ein Kandidat oder eine Kandidatin vorgeschlagen, den oder die der KGR wählen bzw. ablehnen kann. Im Wechsel damit gibt es das „Wahlverfahren“. Dabei werden der Gemeinde zwei oder drei Kandidaten/innen vorgeschlagen, aus diesen kann der KGR eine(n) auswählen. Bei beiden Verfahren fällt auf: Dem KGR wurde in der Vergangenheit nicht offen gelegt, wer sich (außer den Vorgeschlagenen) noch auf die Stelle beworben hat. So kann es vorkommen, dass Pfarrer oder Pfarrerinnen sich auf eine Stelle bewerben und die Gemeinde gerade diesen Bewerber/diese Bewerberin möchte, sie aber nicht zu den vom Oberkirchenrat vorgeschlagenen Bewerber/ innen gehören, die sich dann dem Besetzungsgremium vorstellen. Eine

Begründung hierfür wurde nicht gegeben, weil es der Öffentlichkeit nicht bekannt werden sollte, wer sich außerdem beworben hat. Aufgrund der herrschenden Unzufriedenheit vieler betroffener Gemeinden nahm der Rechtsausschuss der Landessynode vor einigen Monaten zu dieser Situation Stellung. Er sprach sich dafür aus, dass dem OKR künftig Wunschkandidat/innen genannt werden können, und dass die Gründe für die Ablehnung von Pfarrer/innen durch den OKR offengelegt werden sollen. Diese Öffnung geht in die richtige Richtung, ist aber nicht weit genug. Sie hat bisher auch nur Vorschlagscharakter und keine Gesetzeskraft.

Gemeinden beteiligen, nicht nur versorgen Die Forderung von Kirche für morgen ist: Es soll mindestens jedes zweite Mal ein echtes Wahlverfahren geben. Das bedeutet, hier wird das Prinzip umgekehrt: Die Bewerbungen gehen nicht beim Oberkirchenrat ein, sondern direkt bei der Kirchengemeinde. Diese entscheidet dann vollkommen frei, wen sie zur Vorstellung einlädt und wählt. Der Oberkirchenrat stimmt dann dieser Wahl zu, oder kann – im Extremfall – auch begründet ablehnen (Vetorecht). Im Wechsel zu diesem Wahlverfahren soll es ein Verfahren geben, in dem den Gemeinden der nötige Gestaltungsraum bleibt, auch wenn der Oberkirchenrat

gliedern und Kirchengemeinderäten/ innen aus. Oberstes Ziel des Pfarrerwahlgesetzes kann nicht sein, Pfarrer mit Gemeinden zu versorgen, sondern muss umgekehrt sein, dass sich die Gemeinden die zu ihnen am besten passenden Pfarrer/innen wählen können. Wir sind der Meinung, dass niemand für die Gemeinde eine Voraus-

wahl treffen muss. Niemand kann besser im Sinne der Gemeinden handeln als die gewählten Gemeindevertreter selbst. Bei dem von uns vorgeschlagenen Verfahren bleibt dem Oberkirchenrat eine Steuerungsmöglichkeit. Das bisherige Vetorecht der Gemeinde wird durch ein Vetorecht des Oberkirchenrats ersetzt. Kirche für morgen ist es wichtig, dass – ähnlich der Anstellung von Jugendreferent/innen, Gemeindediakon/innen und Kantor/ innen – die Entscheidungskompetenz bei denen liegt, die mit den gewählten Pfarrer/innen zusammenarbeiten. Positiv erwarten wir als Konsequenz des neuen Verfahrens, dass das Miteinander von Pfarrer/Pfarrerin und KGR in den Gemeinden gestärkt wird. Dadurch, dass sich die Kirchengemeinderäte/innen in ihrer Leitungsaufgabe und -kompetenz ernst genommen fühlen, steigt ihre Motivation, Verantwortung zu übernehmen. Sicher wirkt sich dies auch positiv auf ihre Bereitschaft zu einer erneuten Kandidatur aus. Unserer Meinung nach dient dieses Verfahren dem Interesse der Gemeinden und ebenso der Pfarrerinnen und Pfarrer. Diese sind häufig frustriert, dass für sie interessante Stellen schon anderweitig vergeben wurden, ohne dass dies transparent gemacht wurde. In vielen Gliedkirchen der EKD gilt ein Pfarrerwahlgesetz, bei dem

Transparenz statt Geheimniskrämerei

Niemand kann besser im Sinne der Gemeinde handeln als ihre eigenen Vertreter!

„Als ich mich als Abiturient um einen Ausbildungsplatz beworben habe, war das Verfahren eindeutig: Bei den drei Firmen, bei denen ich die Ausbildung machen wollte, habe ich mich beworben. Von den Zusagen, die ich innerhalb eines bestimmten Zeitraumes bekam, habe ich mich für diejenige entschieden, die mir am meisten gefiel. Mit diesem „Wahlverfahren“ ist die Firma – und ich ebenso – gut gefahren. Vollkommen anders war die Situation, als ich mich als junger Pfarrer um eine ständige Pfarrstelle bewarb. Nach einem unverbindlichen Informationsgespräch vor Ort dann die förmliche Bewerbung an den Oberkirchenrat (OKR), die aber zeitgleich immer nur auf eine einzige Pfarrstelle möglich ist. Als der Bescheid des Personaldezernats im OKR endlich kam, hieß es lapidar: „Sie wurden nicht benannt.“ Warum? Weshalb? Viel Geheimniskrämerei, und schlussendlich eine wenig befriedigende Antwort: „Bitte bewerben Sie sich auf eine andere Pfarrstelle.“ Auf die Frage nach Detailinformationen zu der Pfarrstelle hieß es: „Es tut uns leid, dies ist bei ca. 1.400 Kirchengemeinden nicht zu leisten.“ Also keine konkreten Informationen, aber ständig das Gefühl, unheimlich abhängig von der Gunst der zuständigen Dezernentin bzw. des Dezernatleiters zu sein. Von einer Änderung hin zu einem echten Wahlverfahren verspreche ich mir direkte Wege und mehr Transparenz im Wahlverfahren. Denn nicht nur die Gemeinde „wählt“ ihre Pfarrerin oder ihren Pfarrer, auch der Pfarrer/die Pfarrerin „wählt“ seine/ihre Gemeinde.“ Ein Pfarrer einer württembergischen Kirchengemeinde. Der Name ist der Redaktion bekannt.

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Pfarrerwahl und Ehrenamt die Pfarrer/innen im Sinne Martin Luthers direkt von den Gemeinden gewählt werden. In der Hannoverschen Landeskirche ist das Wahlverfahren ähnlich dem, wie wir es uns für Württemberg vorstellen. Das bisherige Pfarrerwahlgesetz verfolgt das Ziel, dass der Oberkirchenrat die Kirchengemeinden mit seiner Ansicht nach passenden Pfarrer/innen versorgt. Der neue Entwurf von Kirche für morgen überträgt den Gemeinden die Kompetenz, sich die am besten geeigneten Pfarrer/innen selbst zu wählen.

Häufig gestellte Fragen und die Antwort von Kirche für morgen

„Für den OKR sind wir offensichtlich nicht mündig genug“

Was tun mit kaum oder schlecht vermittelbaren Pfarrer/innen? Mit der Gesetzesänderung wird verhindert, dass dieses Problem auf dem Rücken der Gemeinden ausgetragen wird. Unser Vorschlag: Förderung dieses Personenkreises durch Personalentwicklungs-Maßnahmen, Kommunikationstraining, geistliche Beratung und Coaching bei Bewerbungen. Ein Angebot von Personalberatung, besonders im Hinblick auf Sonderpfarrstellen, sowie ein Personal-Assessment (EignungsAuswahl-Verfahren) vor und während des Vikariats sind hier ebenfalls hilfreich. Kirche darf nicht Personen verbeamten, die eigentlich „nicht vermittelbar“ sind.

Beratung bei der Ausschreibung der Stelle und bei der Auswahl der Bewerber/innen (Gemeindeberatung als Personalauswahl-Beratung). Wächst durch die Personalentscheidungs-Kompetenz die Anspruchshaltung? Es scheint, dass durch eine Gesetzesänderung überdimensionierte Anspruchshaltungen der Gemeinden Vorschub bekommen. Erwartungen sind aber bei jeder Personalentscheidung vorhanden. Wichtig sind Transparenz und Offenheit auf beiden Seiten. Andererseits wird gerade durch die Übertragung dieser wichtigen Personalverantwortung die Kompetenz, Selbständigkeit und Identifikation eines KGR mit der Gemeinde und den von ihnen frei gewählten Pfarrer/ innen gefördert. Gibt es ein bereits existierendes Modell, das für die Weiterentwicklung des Antrags hilfreich ist? Das Verfahren in der Hannoverschen Landeskirche finden Sie unter http://www.kirchefuermorgen.de/Links

Die Gemeinde lebt von Menschen, die sich engagieren. Das macht Freude, ist manchmal aber auch mühsam. Claudia Bieneck und Tabea Hieber machen den Versuch eines inneren Monologs. Frau M. legt ihre Beine hoch. Endlich frei! Sie macht es sich an ihrem Computer bequem. Kaum ist sie im Netz, erreicht sie eine Mail vom KGRVorsitzenden. Ganz dringend bräuchte er jemanden, der übermorgen den Frauenkreis übernehmen könnte, am besten sogar regelmäßig … Sie wäre sicher sehr geeignet dafür …

Erinnerungen kommen hoch „Na, das ist ja nun ein Ding! Frauenkreis? Ich??? Wow, man traut mir das wirklich zu!! Irgendwie fühle ich mich schon geschmeichelt! Aber wäre das nicht auch ein bisschen weniger kurzfristig gegangen

Etikettenschwindel Nachdem unser Gemeindepfarrer kurzfristig ging, haben wir im KGR mit einigem Aufwand eine punktgenaue Stellenausschreibung formuliert. Dazu gehörten klare, gemeinsam formulierte Ziele und Prioritäten. Überraschend für mich war, dass wir unsere Stellenausschreibung nicht veröffentlichen durften, wann wir wollten. Selbst eine eigenständige Formulierung war nicht erwünscht. Wir mussten sie von unserem Prälat prüfen und vom OKR genehmigen lassen. Insgesamt habe ich das so genannte „Wahlverfahren“ als Etikettenschwindel erlebt. Die fehlende Transparenz des Verfahrens hat mir deutlich gemacht, dass wir als Gemeinde vom OKR wohl nicht ernst genommen werden. Wir sind offensichtlich nicht mündig genug, unsere Pfarrstelle in Eigenverantwortung zu besetzen. Dies ist umso unverständlicher, als mehrere Personen von KGR und Besetzungs-Gremium fundierte Erfahrung in Personalfragen haben. Ein Kirchengemeinderat einer württembergischen Kirchengemeinde. Der Name ist der Redaktion bekannt.

terkreis wurde vorher vom Jugendreferenten korrigiert! Da fühlte ich mich bald nicht mehr ernst genommen, ja fast degradiert – und ging dann doch lieber zu einer SMD-Gruppe. Dort übernahm ich die Verantwortung für den Info-Point in der Mensa und schätzte die Freiheit, aber auch die Gemeinschaft im Team mit durchaus kontroversen theologischen Diskussionen. Dann die Heirat, und mit den Kindern kam die Elternzeit. Ehrenamt hieß nun für mich: Mutter – Kind –Kreis. Das brachte mir viele Kontakte zu anderen Frauen. Allerdings: So manchmal ärgerte mich auch die Selbstverständlichkeit, mit der ich mich trotz kleiner Kinder engagierte.

Ausgefüllter Alltag

Johannes Stahl, Pfarrer in Eschenbach, hat nichts dagegen einzuwenden, wenn seine Kirchengemeinde noch mündiger wird.

Wer hilft Gremien, die mit dieser Personalentscheidung überfordert sind? Auf Wunsch bekommt ein KGR

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Lust und Frust im Ehrenamt

– und dann doch lieber persönlich am Telefon? Grundsätzlich bin ich ja nicht abgeneigt, aber ich weiß nicht – sind da meine Gaben?

Die ersten Schritte im Ehrenamt Früher in der Kinderkirche war das ja toll. Selbst das sonntägliche Aufstehen fiel mir als Jugendliche leicht, weil wir eine tolle Truppe waren: Der Pfarrer hat uns gut eingearbeitet und ernst genommen. Ich habe ganz neue Fähigkeiten an mir entdeckt, die sogar bei meiner Berufswahl eine Rolle gespielt haben. Ganz anders dann am Studienort: Hoch motiviert schloss ich mich einer Gemeinde an. Keiner fragte danach, was ich vorher gemacht habe. Die Andacht der Ehrenamtlichen im Mitarbei-

Na ja, die Kinder wurden größer, der berufliche Wiedereinstieg gelang. Mein Alltag ist eigentlich ganz gut ausgefüllt mit Job, Haushalt, Sport und Kindern. Abends bin ich meistens platt. Frauenkreis? Ob ich mir das jetzt antun soll? Seit Jahren bin ich ja auch noch Elternvertreterin in der Schule – ob das in der Gemeinde keiner als Ehrenamt ansieht? Lust hätte ich schon. Es kribbelt in mir: Wieder eine Gruppe leiten, Gespräche führen, Themen vorbereiten… Aber ich habe mich auch entwickelt und möchte nicht nur Lücken füllen. Ich brauche die Zeit, mich einzuarbeiten und die Freiheit, meinen Stil zu entfalten. Und dann ist da noch die Frage, ob das wirklich Gottes Aufgabe für mich ist.

Frauenkreis? Ob ich mir das antun soll?

Was überwiegt? Was schreibe ich jetzt als Antwort? Ich möchte einfach Teil meiner Gemeinde sein und meine Gaben einbringen. Ich rufe an. Das wird ein längeres Gespräch.“ Claudia Bieneck, Malmsheim, und Tabea Hieber, Markgröningen, haben langjährige ehrenamtliche Erfahrungen in verschiedenen Gemeinden gesammelt.

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Gemeindeporträt

Kirche – das sind wir! Die Schönheit einer Gemeinde wird sichtbar, wenn sich Gemeindeglieder an den Grundaufgaben des Christseins beteiligen. Wie ansteckend dies auf „religiös Unmusikalische“ und Kerngemeinde gleichermaßen wirkt, skizziert Tobias Ehret, seit Juni 2008 Gemeindepfarrer in Gäufelden-Nebringen. „Eine Mutter hat vier Söhne, die auf eine größere Bergtour wollen. Die Mutter weiß, dass sie leicht Streit bekommen, und einer könnte unterwegs verloren gehen. Darum packt sie dem ersten eine Thermosflasche in den Rucksack, dem zweiten Wurst und Käse, dem dritten gibt sie das Brot, dem vierten Äpfel und Apfelsinen. Damit erreicht sie, dass sie beieinander bleiben. Jeder ist auf den anderen angewiesen. Eine Rast mit Tee allein bringt nicht viel. Und der, der die Wurst im Rucksack hat, wird sich wohl auch zu dem gesellen, der das Brot auspackt“ (Helmut Sigloch).

verschiedene Dienste. Jeder, der ein solches Amt versieht, soll eines tun: Er soll die Gemeindeglieder dafür ausrüsten, dass sie die Aufgabe des Gemeindebaus übernehmen können.“ Nicht das Gemeindeglied hilft dem Pfarrer bei seinem „Job“ oder unterstützt ihn dadurch, dass es ihm Aufgaben abnimmt. Es ist gerade umgekehrt: Der Pfarrer ist ausschließlich dazu da, die Gemeindeglieder zu befähigen, alle Dienste, die in der Gemeinde anstehen, selber zu übernehmen. Das verstehen wir unter Beteiligungskirche. „Was in einer Gemeinde nicht durch Gemeindeglieder geschieht, das geschieht in Wirklichkeit nicht“ (Wolfgang Bittner). Seit Mai 2000 haben wir gemeinsam diesen Ansatz verfolgt. Die innere Dynamik der Kirche Dabei sind neue Teams entstanden. Freilich Das ganze Leben der Gemeinde soll einer habe ich trotz besseren Wissens durch meine solchen Rast gleichen. Hier soll der Austausch Pfarrer-Rolle, die ich all zu oft noch in der der Gaben stattfinden – sonst kommt es zu volkskirchlichen Erwartungshaltung auslebe, einer einseitigen Ernährung mit der Folge auch manches verhindert oder gebremst. von Mangelkrankheiten. Findet dieser fröhDie so genannte Delegationsspirale ist der liche Handel und Austausch statt, kommen Teufelskreis, in den der Pfarrer gerät, wenn alle Gaben ins Spiel, werden die Gemeinde er stellvertretend alle Aufgaben annimmt, und ihre Glieder erwachsen und kräftig. Eine die an ihn „qua Amt“ delegiert werden. Der Gemeinde, in der jeder nur von den Gaben zu Teufelskreis wird nur dadurch zerschlagen, leben versucht, die er selbst bekommen hat, dass der Pfarrer eher „Helfer“ statt „Stellververkümmert, bleibt unmündig, stirbt. treter“ ist.

Vielfalt der Dienste

Die Zeit zur Beteiligungskirche war reif…

Das ist die Wirklichkeit von Epheser 4, 11-12, in die wir in Hößlinswart und Steinach hineingerissen wurden. Alles beginnt mit der Sehnsucht nach diesem Schöpfungsgeheimnis: „Gott gab der Gemeinde ganz

„Wie können Sie von uns verlangen, dass wir uns durch dreißig Gottesdienste durchquälen?“, meinte eine Mutter beim Elternabend. „Ja, wenn er durch mehr Beteiligte lebendiger werden würde ...“. So ging es

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vielen, die anlässlich des Konfi-Jahres Christsein als ansteckend bei uns erleben sollten. In unseren Mitarbeitern steckte ein Verlangen, sich einzubringen: Geistreich. Kreativ. Anstößig. Warum? Sie träumten den Traum einer Beteiligungskirche. Und sie wollten sich diesen Traum von Kirche nicht von Traumdieben zerstören lassen. Kein Zweitgottesdienst war angesagt, sondern ein Gottesdienst, in dem Gott in bunter Vielfalt gefeiert werden konnte, aber zu dem eben auch „religiös Unmusikalische“ (Michael Herbst) problemlos eingeladen werden können.

Mitarbeiter zuzurüsten und die Vorbereitungstreffen zu leiten. Der Pfarrer berät theologisch, schult und führt. Die Mitarbeiter werden jährlich für ihren Dienst beauftragt und gesegnet.1 Dasselbe Prinzip gilt für die Alpha-Kurse, die wir zweimal im Jahr durchführen. Sämtliche Aufgaben werden an Gemeindeglieder zurück delegiert: Auch die basics kommen von Nichttheologen. Dann wird es Beteiligungskirche pur. Der Pfarrer hat nach der Aufbauphase das Alpha-Schiff verlassen und berät den Kursleiter, der nach jedem Kurs wechselt. Eine Besucherin von Alpha 2 war so begeistert von dem am Abend integrierten …und zur Vielfalt der Ämter Essen, dass sie bei Kurs 3 im Team kochte Ein Gottesdienst mit humorvoller Modeund in Kurs 4 in einer Kleingruppe mitarbeiration, verständlicher Sprache, Themenpretete. Sie suchte und fand ihre Berufung in digten und Lobpreis, und vor allem mit vielen der Kinderstunde und ist zur Zeit in einem Möglichkeiten der Beteiligung. Der Pfarrer Gemeinde-„Dreamteam“ mit dabei. dient – übrigens ohne Talar – wie jeder einzelne Mitarbeiter mit seinen KernkomBeteiligung feiern petenzen in seiner persönlichen Berufung. In Hößlinswart und Steinach werden Susanne Ruch, Mitarbeiterin in Hößlinswart und Steinach meint dazu: „Ich könnte mir nie unterdessen Gottesdienste gefeiert – mit sehr viel Beteiligung bei allen Elementen der vorstellen in einer Gemeinde zu sein, in der Liturgie. Der Pfarrer „hält“ den Gottesdienst der Pfarrer als Alleinunterhalter tätig ist! Für nicht mehr, sondern er feiert ihn zusammen mich lebt Gemeinde durch das Zusammenmit der Gemeinde. spiel verschiedener Menschen mit unterWir nehmen fröhlich wahr: Gottesdienst, schiedlichen Gaben und Charakteren! Nur so Gemeinschaft, Dienst und Zeugnis sind die bleibt diese spannend und lebendig! Auch Grundaufgaben des Christseins schlechthin. erscheine ich dort nicht bloß zum GottesGott, der lebt, bringt ins Spiel und teilt dabei dienst. Denn ich kann mich nur mit etwas aus – Gnade um Gnade. identifizieren, das ich auch mitgestalte. Erst dann fühle ich mich als Teil davon.“

Mut zum missionarischen Plural Es soll der Hinweis genügen, dass durch das Konzept der Beteiligung vieler ein Veränderungsprozess in zwei weiteren Bereichen angestoßen wurde. Die Kinderkirch-Arbeit wird seit 2004 von Ehrenamtlichen verantwortet. Eine Leiterin wurde berufen. Ihre Aufgabe ist es, die

Tobias Ehret hat in den beiden Dorfgemeinden Hößlinswart und Steinach (Dekanat Schorndorf) das Thema Beteiligungskirche zum ersten und wichtigsten Thema gemacht. Den Link zur Homepage der Gemeinde finden Sie unter www.hoesslinswartsteinach.de 1) Mehr dazu in den Kongressunterlagen „Wachsende Kirche“, Workshop „Kiki anders“

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Kfm-intern

Gemeindeporträt

OMA — Offene Mitarbeitersitzung

Ortsgemeinden und Profilgemeinden

Jugendliche beteiligen, wenn Mitarbeitende beraten und entscheiden, wie geht

Positionen und Antworten auf gelegentlich gestellte Fragen, so vorgetragen von

das? Vassili Konstantinidis beschreibt das OMA-Modell, das Gremien für Externe

Friedemann Stöffler bei der Mitgliederversammlung von Kirche für morgen am

öffnet. Eine hilfreiche Methode für alle Arten von Sitzung.

14.3.2008 als Einstieg in das Gespräch mit Landesbischof July.

Entwickelt und erprobt wurde OMA auf Jugendfreizeiten der TEN SING-Arbeit. Aber die Grundprinzipien lassen sich auf viele Sitzungen und Gremien übertragen. Das macht dieses Modell so spannend. Ausgangspunkt war die Frage: Wie können wir Jugendliche stärker am Programm der Freizeit beteiligen? Wie können sie mitentscheiden?

Die Grundprinzipien lassen sich auf viele Sitzungen und Gremien über-

dringend genau zur eben gemachten Aussage etwas sagen. Das heißt konkret: Rot hat immer Vorrang vor Gelb. Die Gefahr besteht natürlich, dass die rote Karte gezogen wird, um schneller dran zu kommen. Deshalb darauf achten, dass Rot nur in dringenden Fällen benutzt wird. • Grün = Ich stimme zu. Eine große Erleichterung bei allen Sitzungen! Die grüne Karte dürfen alle (auch Innenkreis und Außenkreis im Außenkreis) hochheben, wenn Es gibt einen Innenkreis für die sie gleicher Meinung sind. Man Mitarbeitenden mit drei leeren Stühsieht dadurch sofort, wie viele len, die z. B. mit Frisbee-Scheiben dafür sind. So wiederholen sich vor den Stühlen markiert werden Sachen nicht. können. Grundsätzlich gilt: Alle, die Teilnehmende im Außenkreis im Innenkreis sitzen, haben Rehaben nur die grüne Karte, da sie ja derecht. die rote und die gelbe nicht benötiZusätzlich gibt es einen Außengen. Wenn sie etwas sagen wollen, kreis (oder Halbkreis, je nach Anzahl kommen sie in den Innenkreis und der Interessierten, die sich beteiligen dürfen sofort loslegen.

Grundregeln

tragen

wollen). Wer sich aus dem Außenkreis an der Diskussion beteiligen möchte, setzt sich auf einen der drei freien Stühle und kommt sofort dran.

Kartensprache Auf jedem Stuhl im Innenkreis liegen drei Karten mit den Farben rot, gelb und grün. Auf den Stühlen im Außenkreis liegt nur eine grüne Karte. Die Farben haben folgende Bedeutung: • Gelb = Ich melde mich und möchte etwas sagen • Rot = Ich melde mich und möchte

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Für alle sichtbar steht ein Flipchart an einer Stelle des Kreises. Vor der OMA dürfen alle ihre Punkte, die sie einbringen wollen, dort aufschreiben. Die Sitzung beginnt mit einer Begrüßung durch die Moderatorin oder den Moderator. Für Neue und Externe, die teilnehmen, werden die Spielregeln und Kartenfarben kurz erklärt. Generell gilt: Alle werden gleich behandelt. Es darf nicht dazwischen gerufen werden. Persönliches wird in ein anschließendes Vieraugengespräch „ausgelagert“. Externe dürfen gehen, wann sie wollen. Und es werden nur die Punkte behandelt, die auf dem Flipchart stehen. Vassili Konstantinidis, Volontär im Evangelischen Jugendwerk in Württemberg und Mitarbeiter auf vielen TEN SING-Freizeiten

Mit Lebenswelt- bzw. Profilgemeinden meinen wir nicht in erster Linie Gemeinschaftsgemeinden und Richtungsgemeinden, die sich in einer bestimmten „Frömmigkeitsnische” einrichten. Profilgemeinden sind Gemeinden, die sich durch ihre Sprache, ihre Zeit und ihre Musik in ihren Angeboten über ortsgemeindliche Grenzen hinweg an bestimmte Lebenswelten richten (z. B. an Jugendliche, Studierende, Singles, Arbeiter, Kunstinteressierte …).

auf ein typisches Problem im städtischen Bereich reagieren, im ländlichen Bereich aber lebt die Parochie und ist notwendig. Die Parochie ist und bleibt wichtig – insbesondere im ländlichen Raum. Die Parochie braucht aber die Ergänzung durch andere Gemeindeformen für solche Personen, die sich vor Ort nicht beheimaten lassen. Profilgemeinden helfen, die Zukunft der Landeskirche zu sichern. Sie verhindern die Gründung von Gemeinden außerhalb von ihr. Die Entlastung durch ProfilgemeinArgumente gegen Profilgemeinden den hilft auch den Ortsgemeinden, ein klareres Profil entwickeln zu können.

– und die Antwort von Kfm

Die Ortsgemeinde oder Parochie vernetzt Menschen aller Milieus und aller Altersgruppen und das soll auch so bleiben. Im Sonntagmorgengottesdienst sind fast 50% über 60 Jahre alt. Jugendliche fehlen fast vollständig. Die Uhrzeit, die Sprache, der Musikstil „bedient” bestimmte Milieus, aber eben nicht alle. Gerade in einer komplizierter werdenden Welt bedeutet die überschaubare Gemeinde vor Ort Beheimatung – und genau das ist die Parochie. Die Parochie als Ganzes ist für eine Beheimatung zu groß, und sie wird durch Zusammenlegungen eher noch größer werden. Beheimatung ist uns wichtig, aber: Niemand lässt sich vorschreiben, wo er sich zu beheimaten hat. Kriterium für Beheimatung ist heute nicht mehr allein die geografische Nähe. Gemeinde ist immer der Ort auch unterschiedlicher Menschen: Menschen aller Rassen, aller Milieus – das war Kirche von Anfang an. Lebensweltgemeinden sind deshalb theologisch fragwürdig, weil sie eine Aufsplitterung der Kirche bedeuten. Wir sind gegen Aufsplitterung und wollen alles tun, dass Einheit der Kirche ermöglicht wird. Jede Gemeinde soll mehrere, aber nicht alle (!) Milieus verbinden. Die Vernetzung von Profil- und Ortsgemeinde, aber auch von Ortsgemeinden untereinander ist uns ein großes Anliegen. Wer die Parochie abschafft, höhlt die Basis unserer Kirche aus. Die Schaffung von Profilgemeinden mag

Die Ortsgemeinde

Das will Kirche für morgen

braucht

• Es dürfen sich Gemeinden entwickeln, die für bestimmte Lebenswelten eher zugeschnitten sind,

Ergänzungen durch andere Gemeindeformen

wie es z. B. in Baden möglich ist und praktiziert wird. • Dafür werden juristische und finanzielle Rahmenbedingungen geschaffen –, ähnlich wie sie heute schon für Studierendengemeinden gelten. • Wer sich umgemeindet, wird in seiner neuen Gemeinde auch mitgezählt und finanziell berücksichtigt. Es muss gewährleistet sein, dass die neu entstehenden Profilgemeinden mit den Parochiegemeinden vernetzt werden – aber auch die Parochiegemeinden untereinander. Friedemann Stöffler, Tübingen, Mitglied der Jakobus-Gemeinde und Vorsitzender von Kirche für morgen e. V.

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Kfm-intern

Auf dem Weg zur Beteiligungskirche Da kommen Leute auf Ideen und setzen sie um, man staunt, was alles werden kann. Thomas Hoffmann-Dieterich erzählt zwei Beispiele aus Haigerloch. Bei einem Konfirmandenelternabend in Haigerloch wurde von den Eltern und Paten der Wunsch geäußert, dass sie gern für ihre Kinder ein eigenes, persönlich verfasstes Gebet sprechen möchten. Sie wollten damit den Konfirmationsgottesdienst um eine persönliche Note bereichern. Was tun? Würden Eltern, die während der ganzen Konfirmandenzeit selten im Gottesdienst waren, überhaupt in der Lage sein, ein Gebet zu sprechen? Wäre es nicht zudem für Alleinerziehende seltsam, ohne Partner – oder mit dem geschiedenen Elternteil – vor der Gemeinde für ihr Kind zu beten?

Themengottesdienste musikalisch aufzuwerten. Einmal im Monat werden neue Lieder geprobt. Ziel ist es, die Gottesdienstgemeinde zum Mitsingen der bisher unbekannten Lieder zu ermutigen. Die Combo organisiert sich als lockere Zusammenkunft jeweils am Freitag vor einem Themengottesdienst. Die Teilnahme ist nur für den aktuellen Gottesdienst verbindlich. Danach entscheidet jedes Mitglied erneut, ob es beim Treffen im nächsten Monat Zeit und Lust hat dabei zu sein.

Über Beteiligung Interesse wecken

Eine „Combo“ aus Lust und Laune

Die Combo ist recht erfolgreich, denn sie kann neue Lieder einfach gut „rüber bringen“. Nach dem Motto „Was die können, kann ich auch“ erscheinen immer wieder neue Sängerinnen und Sänger, um mal für einen Themengottesdienst mitzusingen – und tauchen dann auch später wieder auf. Auch Katholiken und so genannte „Kirchendistanzierte“ entdecken so die Themengottesdienste über das Mitsingen in der Combo. Spontan entstand neulich nach der Probe ein neuer Gedanke: Wie wäre es, wenn wir uns auch „einfach so“ unter der Woche zum Singen in der Kirche treffen würden? Eine Gruppe von Jugendlichen erfuhr von dem Vorhaben und überlegt sich, wie sie ihre Band bei einem solchen Anlass integrieren könnte. Was könnte sich alles aus so einem „Cluster“ entwickeln? Ein neuer Gottesdienst? Offenes Singen und Beten mit ökumenischer Ausrichtung? Die Zukunft ist offen.

Ein zweites Bespiel für eine sich selbst tragende Entwicklung einer Beteiligungskirche ist für mich die „Combo“. Sie gründete sich, um die monatlich stattfindenden

Dr. Thomas Hofmann-Dieterich ist Religionswissenschaftler und regelmäßiger Gottesdienstbesucher. Er verfolgt mit Interesse die Entwicklungen in seinem Heimatort.

Unerwarteter Tiefgang der Beiträge Solcherlei Bedenken erwiesen sich jedoch als völlig unbegründet: Die Segensgebete bei der Konfirmation haben mich im Gegenteil überrascht und in den Bann gezogen. Keine bigotten Phrasen, keine allgemeinen Leerformeln. Von Eltern und Paten hörte ich vielmehr authentische, inspirierende Gebetsworte. Manche Familien hatten gemeinsam mit Kindern und Verwandten stundenlang eigene Gebete formuliert, während andere frei beteten und dabei sogar spontan auf die Predigt eingingen. Bewegend war es auch, wie alle in diesem Augenblick innerlich gesammelt und gleichzeitig vollkommen präsent waren. Die Gebete waren keine fromme Pflichtübung, sondern überzeugender Ausdruck einer Hinwendung zu Gott.

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Impressum Der Zitronenfalter wird herausgegeben von Kirche für morgen e. V., Am Auchtberg 1, 72202 Nagold Fon 0700-36693669 Fax: 0721-151398429 info@kirchefuermorgen.de / www.kirchefuermorgen.de Erscheinungsweise 3 x jährlich. Bestellung (auch mehrerer Exemplare) bei der Geschäftsstelle. Die Zusendung ist kostenlos. Bankverbindung EKK Stuttgart, BLZ 600 606 06, Konto 419 435 Wir danken allen, die durch ihre Spende die kostenlose Weitergabe des Zitronenfalters ermöglichen. Redaktionsteam Marc Stippich, Grunbach (ms) (ViSdP), Martin Allmendinger, Denkendorf (ma), Claudia Bieneck, Malmsheim (cb), Pina Gräber-Haag, Gronau (pg), Markus Haag, Gronau (mh), Tabea Hieber, Markgröningen (th), Thomas HofmannDieterich, Haigerloch (thd), Reinhold Krebs, Herrenberg (rk), Werner Lindner, Winnenden (wl), Katrin Müller, Leonberg (km), Johannes Stahl, Eschenbach (js) Layout: Lutz Eisele, Markgröningen Druck: Druck + Medien Zipperlen GmbH Versand: Tobias Zipperlen, Weissach Redaktionsadresse: redaktion@kirchefuermorgen.de und über die Geschäftsstelle Anzeigenpreisliste: lindner-service@gmx.de FAX: 07195-979759

03.03.2008 11:00:50 Uh

Bilder: Photocase: Titel (blackhead), S. 3 (bwahlers), S. 4 (Dragon 30), S. 8 (erdbeersüchtig), S. 9 (Dirk Schuster, www.3format.de), andere: S. 7: Ev. Gemeinde Grunbach, S. 11 AlberDESIGN, Filderstadt.

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Zu guter Letzt „Schicken Sie einen Atheisten in die Kirche Ihrer Wahl!“

Claudius-Zitat für Kirchenreformer „Greife nicht leicht in ein Wespennest, aber wenn du greifst, dann stehe fest.“ (Matthias Claudius)

1:0 für den Bischof „Die Parochie ist das Standbein der Evangelischen Kirche. Daneben kann es als Spielbein auch neue, lebensweltorientierte Gemeinden geben“, meinte Bischof Frank O. July am 14.3.08 in Leonberg beim Gesprächsabend von Kirche für morgen. Wir finden, das ist ein schönes Bild, mit dem der Landesbischof das neue Miteinander von bestehenden und neuen Gemeindeformen beschreibt. Ein solides Standbein gibt genug Stehvermögen, um dann mit dem Spielbein die entscheidenden Tore zu schießen für das Reich Gottes. (rk)

Hemant Mehta ist ein freundlicher Atheist aus Chicago. In einer hinduistischen Familie aufgewachsen ist ihm Groll gegenüber christlichen Kirchen fremd. Er entwickelte eine originelle Idee, wie er mit Christen in einen Austausch treten könnte: „Schicken Sie einen Atheisten in die Kirche Ihrer Wahl!“ Mehta versteigerte seine Bereitschaft zum Besuch eines christlichen Gottesdienstes bei Ebay. Für 10 $ will einen beliebigen Gottesdienst besuchen und von seinen Erfahrungen berichten. Ein ehemaliger Pfarrer bekommt den Zuschlag. Er schickt Mehta zu kleinen

Hauptgottesdienst stammt vom Zweitgottesdienst ab Wussten Sie schon, dass der so genannte Hauptgottesdienst geschichtlich zuerst ein Zweitgottesdienst war? In der Reformationszeit gab es neben der zentralen Messe ergänzend als Zweitgottesdienst den Prädikanten-Gottesdienst, den die Reformation dann Zug um Zug zum Hauptgottesdienst ausbaute. Merke: Vieles hat mal als Seitenlinie angefangen. (rk)

Mehr Reformation wagen Die ChurchNight-Kampagne geht in diesem Jahr in die dritte Runde. In einigen hundert Orten schon wird der Reformationstag neu gefeiert. Eine ChurchNight als „Geburtstag der Evangelischen Kirche“ ist eine tolle Möglichkeit, viele „Geburtstagsgäste“ einzuladen und mit dem Evangelium in die Öffentlichkeit zu gehen. Ideen und Praxishilfen gibt es kostenlos unter www.churchnight.de

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Die evangelische Jakobusgemeinde in Tübingen sucht ab März 09 eine(n) Pfarrer(in), welche(r) das begonnene Werk im Sinne unseres Leitbildes fortsetzen kann und will. Informationen: pfarramt@Jakobusgemeinde.de oder http://www.jakobusgemeinde.de

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evangelikalen Gemeinschaften, zu gutbürgerlichen liberalen Gemeinden bis hin zu Megakirchen wie Willow Creek. Mehta spart nicht mit Lob, Kritik und Anregungen. Obwohl er seiner atheistischen Überzeugung treu bleibt, findet Mehta Gemeinden, die er gerne wieder besuchen würde. Mehtas Bericht ist jetzt auf deutsch in Buchform erschienen. Diese Außenwahrnehmung eines Kirchendistanzierten ist mindestens so hilfreich und bestimmt unterhaltsamer zu lesen wie eine sozialwissenschaftliche Analyse. (thd) Hemant Mehta BIETE SEELE SUCHE GOTT. Was ein Atheist in christlichen Gemeinden erlebte, Haan 2008, R. Brockhaus-Verlag

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