Journal der Künste 14 (DE)

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Ende Februar kam ich mit dem Flugzeug aus Berlin nach Moskau zur Auf­ führung unseres feministischen Konferenz-Theaterstückes Locker Room Talk beim russischen Theaterfestival „Goldene Maske“. Im März wollte ich mich mit meiner Mutter treffen, mir etwas Erholung gönnen, und danach sollte die nächste Aufführung des Stücks in Moskau am Meyerhold Theaterzentrum folgen. Im April wollte ich wieder in Deutschland sein, um an einer Konferenz der Akademie der Künste teilzunehmen. Leider hat die Corona-Pandemie meine

ZWISCHEN SANKT PETERSBURG UND BERLIN BEOBACHTUNGEN EINER GESTRANDETEN NOMADISCHEN THEATERMACHERIN Ada Mukhina

Screenshot des virtuellen Deutschen Theaters Berlin, Vorplatz

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Pläne durchkreuzt: Am 13. März schlossen alle Theater in Berlin, am 17. und am 18. März in Moskau respektive Sankt Petersburg. Dann machte die Euro­ päische Union ihre Grenzen dicht und ich strandete in einer viermonatigen Selbstisolation in Sankt Petersburg. In dieser Zeit wurde ich Teilnehmerin und Zuschauerin zweier Theaterfestivals in Russland und Deutschland, „The Access Point“ 1 und „Radar Ost“,2 die kurzentschlossen ins Online-­Format wechselten. Von diesen beiden Festivals soll hier die Rede sein.

SANKT PETERSBURG  Nur wenige Tage nach der Schließung der Theater in Sankt Petersburg und der Grenzen der Europäischen Union wurde das Internet mit Livestreams und Videos von Theaterproduktionen überflutet. Eine allgemeine Panik der Theatermacher*innen griff um sich: „Man wird uns vergessen! Wir müssen uns dringend an die neue Realität anpassen, aber wir wissen nicht wie.“ Das unabhängige Festival für site-specific und immersives Theater3 „The Access Point“, das gewöhnlich im Sommer unter der Leitung von Vilipp Vulakh stattfindet, hat sich schnell umorientiert und rief zur Teilnahme an seinem „Spontanen Programm“ auf. Seit dem 22. März war jeder, unabhängig von Beruf und Abschluss, eingeladen, das Konzept eines Online-Projekts zum Thema Kommunikation einzureichen. „Wir wollten diese Herausforderung annehmen“, sagt der Kurator des Programms Alexej Platunow. „Die Menschen gerieten aus Angst, den Kontakt zu verlieren, in Panik. Ein Mensch braucht andere Menschen. Unsere Idee war es, diese Kommunikation irgendwie zu ermöglichen. Das stand an erster Stelle, erst danach fragten wir uns: Wo ist die Kunst dabei? Was wissen wir über das heutige Internet? Ist das Internet an sich nicht site-specific? Was ist das eigentlich, ‚ortspezifisch‘, wenn der ‚Ort‘, d. h. ein Treffpunkt, in diesem Fall virtuell ist? Darüber hinaus stellte sich ein Gefühl des Umbruchs ein, das Möglichkeiten eröffnet, weil niemand so richtig weiß, was zu tun ist. Und man selbst weiß es auch nicht. Aber gerade des­ wegen kann man tun, was man will.“ Nach Meinung von Alexej Platunow konnte das Festival sich deswegen so schnell transformieren, weil „The Access Point“ keine Institution, sondern eine Vereinigung von Gleichgesinnten ist. Wer über geringere Budgets verfügt, muss auch weniger Verantwortung tragen. Das bedeutet größtmögliche Freiheit. Das spontane Programm des Festivals hat sich zu einer Plattform für zahlreiche Online-Experimente von Künstler*innen aller Couleur und Richtungen entwickelt. Das Festival stellt keine Budgets für die Produktion von Stücken zur Verfügung, sondern unterstützt in Organisa­ tion und PR. Auch lädt es regelmäßig Theaterkritik­er*innen ein, um die entstandenen Performances, Interventionen, Streams, Konzerte und das, wofür es noch keinen Namen gibt, zu diskutieren. Nach Abschluss des Programms lobte das Festival einen kleinen Geldpreis für die besten Projekte aus. Ich verfolgte die Entwicklung des „Access Point“ wie alle anderen Teilnehmer*­innen und Zuschauer*innen online, während ich die Wohnung renovierte, in der ich meine Kindheit verbracht hatte. Im April nahmen 44 Teams mit ihren Online-Projekten am spontanen Programm teil, während das Festivalteam das Haupt- und Bildungsprogramm vorbereitete.


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