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F R Ü H L I N G I N PA L Ä ST

IWeltN A Volksaufstände haben die arabische binnen eines Jahres total verändert.

Aber was ist mit Palästina? Auch da protestieren junge Menschen. Gewaltlos

oben und unten wer die macht hat, zeigt sich im westjordanland symbolisch: oben die vom israelischen militär beschützte jüdische siedlung, unten die paläs­ tinensischen demonstranten

Fotos Adam Golfer 130 GQ.de--April 2012

Text Joseph Dana April 2012--GQ.de 131


m o b i l / Frühling in Palästina

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An einem regnerischen, windigen Freitagnachmittag im Februar bildet sich im Dorf Qaryout, wenige Kilometer südlich der antiken Stadt Nablus, eine kleine Menschenmenge. Mittendrin steht Diana Alzeer. Die 24-Jährige wohnt eigentlich in Ramallah und hat einen Journalistikabschluss der palästinensischen Universität Birzeit. Alzeer ist aber nicht hier, um über etwas zu berichten. Sie will demonstrieren, als politische Aktivistin. Jeden Freitagnachmittag, stets nach dem Mittagsgebet, passiert in Qaryout wie in vielen anderen Dörfern des von Israel seit 1967 besetzten Westjordanlandes das Gleiche: Palästinenser versammeln sich, um gegen die immer weitergehende Landnahme durch jüdische Siedler zu protestieren. Dann marschieren sie bis zu dem Punkt, wo israelische Soldaten ihnen den Weg versperren. Mal sanft, mal schroff gewellt ist die biblische Landschaft hier, sie muss einmal idyllisch gewesen sein. Bevor sie zerschnitten wurde durch Straßen, auf denen nur Siedler fahren dürfen, und sie geteilt wurde durch die Mauer, die beschönigend „Israelische Sperranlage“ genannt wird. Die palästinensischen Dörfer schmiegen sich an die Hügel, auch um diese als Schutz vorm harschen Wind zu benutzen, der hier rund ums Jahr bläst; die jüdischen Siedlungen thronen mitten auf den Hügelspitzen, wie gebaute Machtdemonstrationen. Die Siedlung in der Nähe von Qaryout heißt Shilo, und weit vor ihr stehen auch an diesem Freitagnachmittag israelische Militärjeeps. Diana Alzeer führt die Menge heran, es sind etwa 200 Leute, junge vor allem. Viele sind es noch nicht, aber sie glauben, dass sich ihr Protest eines Tages ausweiten wird. Ausweiten muss. 132 GQ.de--April 2012

generationen gewaltlos Ayed Morrar (links) hat einst gegen israel gekämpft und kam dort in haft. heute ist er eine art mandela-figur des friedlichen protests im westjordanland. Fadi Quran (mitte) lernte die wirksamkeit zivilen ungehorsams schon als kind. Und Diana Alzeer sagt: „Gewalt hat uns Palästinenser immer weiter zurückgeworfen“

Alzeer stimmt nun die Parolen an, die zu Sprechchören werden, und zwischendurch twittert sie von ihrem Handy aus, was weiter geschieht: Plötzlich, wie aus dem Nichts, regnen die ersten Ladungen Tränengas auf die Demonstranten nieder, abgeschossen von israelischen Soldaten. Einige Protestierende werfen Steine, die meisten aber laufen weg vor den Tränengasschwaden, sie wollen Gewalt nicht mit Gewalt beantworten. Der Schlagabtausch zwischen den wenigen Unverbesserlichen und dem Militär dauert etwa eine Stunde, dann ziehen sich alle Demonstranten zurück. Für diesen Freitag. Die Abfolge der Ereignisse wirkt wie einstudiert, wie ein Ritual: Aufmarsch, Straßensperre, Tränengas, Steine, Ende. Das israelische Militär begründet die gewaltsame Auflösung palästinensischer Demos damit, dass diese illegal seien, solang sie nicht vom Militär gestattet worden seien; doch die Israelis haben kaum je eine Genehmigung erteilt. Die Palästinenser ihrerseits halten die Besetzung an sich für illegal. Die Situation ist verfahren, sie ist es im Kleinen hier in Qar­ yout wie im Großen des Nahostkonflikts: Beide Seiten reklamieren das Recht auf ihrer Seite. Doch es gibt nun auch junge Aktivisten wie Alzeer, die den ewigen Status quo ändern wollen, und zwar gewaltlos.

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in Fadi Qurans KIndheitserinnerungen stehen Panzer in der Straße. Es war die Zeit der zweiten Intifada Anfang des vergangenen Jahrzehnts, die Zeit der palästinensischen Anschläge auf Israelis und der israelischen Militärangriffe auf die Palästinensergebiete im Gazastreifen und Westjordanland. Über Ramallah, der faktischen Hauptstadt des Westjordanlands, verhängte die israelische Besatzungsmacht manchmal wochenlang eine Ausgangssperre. Das Essen wurde knapp für Qurans Familie und die anderen im Viertel, es gab kein Vorbeikommen an den Panzern und den Soldaten. Die Kinder, unter ihnen Fadi, begannen irgendwann aus Wut oder bloß aus Trotz damit, Müll zu sammeln, ihn in Pappkartons zu füllen und diese im Dunkeln ans Ende der Straße zu stellen, in die Nähe der Soldaten. Die wiederum fürchteten am nächsten Tag, in den Kartons seien womöglich Bomben versteckt. Also zogen sie sich zurück und schickten Kommandos mit Spürrobotern vor. Es dauerte jedes Mal Stunden, bis Entwarnung gegeben wurde. Genug Zeit für die Palästinenser, sich aus dem Viertel zu schleichen und Nahrung zu besorgen.

Vielleicht war Fadi Quran noch zu jung, um zu wissen, wie man das nennt, was er und die anderen Kinder da taten. Aber dass ziviler Ungehorsam funktionieren kann, das verstand er. Als er von seinen Kindheitserinnerungen erzählt, steuert der heute 23-Jährige seinen Wagen auf den Checkpoint Qalandia zu, den inoffiziellen Grenzübergang zwischen Ramallah und Jerusalem. Quran darf ihn bis zum heutigen Tag nicht passieren, er hat keine Erlaubnis. Für viele Palästinenser ist Qalandia mit seinen einschüchternden Wachtürmen ein Symbol dafür, wie Israel ihr Leben kontrolliert. Und deshalb zogen im vergangenen Jahr erstmals junge palästinensische Aktivisten, unter ihnen Quran, auch vor diesen Grenzübergang. Sie demonstrierten für ihre Freiheit, doch sie wurden gestoppt. Diesmal funktionierte ziviler Ungehorsam nicht. Noch nicht.

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fadi quran und diana alzeer sind Vertreter einer neuen Welle

des palästinensischen Protests, der sich in den besetzten Gebieten in letzter Zeit gebildet hat: jung, dynamisch, lose vernetzt, gewaltlos, unApril 2012--GQ.de 133


m o b i l / Frühling in Palästina

begegnung im nirgendwo jeden freitag stehen sie sich gegenüber, wie bei einem ewigen ritual. und es endet meist mit tränengas gegen steine

abhängig von den etablierten Palästinensero rganisationen Fatah und Hamas, inspiriert vom Arabischen Frühling. Und bislang kaum bemerkt von den Medien, die weiter über die immer gleichen Dinge berichten, die Furcht vor einem neuen Gewaltausbruch in der Region. Die Jungen nennen sich „Bewegung des 15. März“, denn an diesem Tag vor einem Jahr starteten sie die ersten Proteste, zunächst im Gaza­streifen, rasch auch im Westjordanland, den beiden geografisch unverbundenen Palästinensergebieten. Unmittelbarer Auslöser war die Revolte gegen das Mubarak-Regime im nahen Ägypten. Doch ihr Hauptgegner ist kein greiser Diktator und Unterdrücker des eigenen Volks, sondern die Besatzungsmacht Israel, und das eigentliche Vorbild ihres Protests liegt nicht in Kairo, sondern im Westjordanland selbst. Im Jahr 2003, auf dem Höhepunkt der zweiten Intifada, begannen dort die Bewohner eines Dorfs namens Budrus, sich gegen den geplanten Bau der Sperranlage zu wehren: Die Mauer hätte sie von ihrem eigenen Ackerland abgeschnitten. Zwei Jahre lang demonstrierten die Leute fast täglich, stets gewaltlos, bis das israelische Militär überraschend einlenkte und eine beispiellose Entscheidung fällte: Der Mauerverlauf wurde verändert, 95 Prozent des Ackerlands blieben Budrus erhalten. Nicht Gewalt, sondern Geduld brachte Erfolg. Unter dem Namen Popular Struggle Coordination Committee haben sich seither Dorfbewohner aus dem Westjordanland zusammengeschlossen, und ihr Vorbild wiederum ist der ANC, der einst unter Nelson Mandela das Apartheidregime in Südafrika stürzte. Ayed Morrar heißt der Mann, der Budrus zum Sieg führte, und heute ist er wirklich eine Art Mandela-Figur für den friedlichen Protest im Westjordanland. Morrar war aktiv in der ersten Intifada Ende der 80er-Jahre, deswegen saß er sieben Jahre lang in Israel im Gefängnis. Während der Haft aber wandte er sich von der Gewalt ab: Er sagt, er habe verstanden, dass die Palästinenser dringend benötigte internationale Unterstützung nur bekämen, wenn ihr Protest gewaltlos bleibe. „Nach Budrus haben viele Dörfer im Westjordanland unsere Strategie der Gewaltlosigkeit übernommen“, sagt Morrar. „Denn die Wahrheit ist: Vorm Beginn der Gewalt in der ersten Intifada 1987 war unsere wirtschaftliche, soziale und politische Lage besser als heute.“ Das Verrückte sei nun, sagt Morrar, „dass wir Palästinenser jahrzehntelang den damals passiven Völkern des Mittleren Ostens gezeigt haben, wie Protest funktioniert, schon lang vor Facebook und Twitter. Und nun sehen wir in den Ländern um uns herum, wie die Menschen sich dort ihre Freiheit erkämpfen, und welchen Preis sie bereit sind, dafür zu zahlen. Bereit wären wir auch.“ 134 GQ.de--April 2012

zwei seiten an einer absperrung in hebron im westjordanland: auf der einen seite israelische soldaten, die jüdische siedler beschützen, auf der anderen seite junge palästinenser. beide streitparteien glauben sich im recht. wie soll dieser konflikt jemals enden? junge aktivisten wie quran und alzeer arbeiten daran – am wunder

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Entscheidend für die Bewegung der Jungen sei, sagt Fadi

Quran, „wie wir die wirtschaftlichen und sozialen Nöte der ganz normalen Palästinenser politisch beantworten“. Die Jungen wollen den Protest nicht nur in den Dörfern unterstützen, sie wollen ihn wieder in die Städte tragen, nach Ramallah. Dort wurden bei ihren Demos vergangenes Jahr aber Aktivisten von Zivilpolizisten der Autonomiebehörde des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas verprügelt und verhaftet. Viele Palästinenser machen die Behörde verantwortlich für ihre schlechte Lage, für Korruption und Vetternwirtschaft. Doch noch wollen die Jungen einem Konflikt mit den Alten aus dem Weg gehen. Palästinenser gegen Palästinenser: Das ist noch undenkbar.

Neben seiner politischen Tätigkeit hat der Stanford-Absolvent Quran eine Windenergiefirma gegründet, mit der er nicht nur Geld verdienen will – sie soll einen Beitrag dazu leisten, Palästina unabhängiger von Stromlieferungen Israels zu machen. Und beim Protest gegen die Besatzungsmacht, sagt er, gehe es auch um den finanziellen Preis, den Israel dafür zahlen müsse, die Siedlungen zu unterhalten: Jede Demo, die das Militär auflösen müsse, koste Israel Geld.

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und so ziehen an dem regnerischen, windigen Freitagnachmittag

im Februar Diana Alzeer und einige ihrer Mitstreiter von Qaryout weiter zum Weiler Nabi Saleh, dort ist eine ähnliche Demo wie die vor Qaryout bereits seit Stunden im Gange, mit dem gleichen Ablauf.

Als die Gruppe um Alzeer in Nabi Saleh ankommt, twittert die junge Frau zunächst die Zahl der verletzten und verhafteten Palästinenser, dann kommentiert sie auch auf Twitter wiederum die Twitter-Meldung des israelischen Militärsprechers, der die Demo als „gewalttätige Krawalle“ bezeichnet. Nun also Twitter gegen Twitter, und jede Seite sieht sich wieder im Recht. Lauthals schimpft die zierliche junge Frau darüber, was im Westjordanland politisch alles falsch laufe, sie klagt an, nicht nur die israelische Seite. „Wir Palästinenser“, sagt sie, „haben oft mit Gewalt protestiert, und abgesehen davon, dass ich Gewalt ablehne: Was hat sie uns gebracht? Sie hat uns immer weiter zurückgeworfen.“ Mit diesem Satz geht dieser Protest-Freitag für Alzeer zu Ende. Sie und die anderen Jungen wollen wiederkommen. So lang und so oft, bis sich etwas ändert. April 2012--GQ.de 135


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