Wertewandel & seine Zeichen

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Wertewandel & seine Zeichen

Rainer Funke, Wiebke Loeper | HRSG.

FACHHOCHSCHULE POTSDAM



Wertewandel & seine Zeichen

Rainer Funke, Wiebke Loeper | HRSG.

FACHHOCHSCHULE POTSDAM


Inhalt 7

Rainer Funke ENTSCHEIDER IN IHREN BÜROS

Antonio Amadeus Stiftung ANET TA K AHANE GRÜNDERIN UND VORSTANDSVORSITZENDE

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Victoria Sokolinskaia Jennifer Hicks

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Heinrich Böll Stiftung ANNET TE MAENNEL LEITERIN KOMMUNIK ATION Anna Schäfer Caroline Prange

Green Peace Berlin MARTIN HAUSDING PRESSESPRECHER VON GREENPEACE BERLIN Victoria Sokolinskaia Jennifer Hicks

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Rosa-Luxemburg-Stiftung DR. FLORIAN WEIS GESCHÄFTSFÜHRENDES MITGLIED

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Anna Schäfer Johanna Posiege Caroline Prange

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IHK Potsdam DR. MANFRED WÄSCHE GESCHÄFTSBEREICH WIRTSCHAFT Christian Bernhardt Tobias Jänecke Henrik Hagedorn

178 Die Linke Berlin PETRA SIT TE BUNDESTAGSABGEORDNETE Sarah Klemisch

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Isländische Botschaft GUNNAR SNORRI GUNNARSSON BOTSCHAFTER

Sarah Klemisch Marleen Böcker Hua Vi Vu

Impressum ———



Rainer Funke VORWORT

Entscheider in ­ihren Büros DESIGN | ARCHITEKTUR | WERTE

Büros sind die Schaltzentralen unserer Gesellschaft. Entscheidungen aller Art werden hauptsächlich hier vorbereitet, gefällt und von hier aus durchgesetzt. Insbesondere hinsichtlich der Menschen, die in den Entscheidungspyramiden relativ weit oben agieren, deren Urteil also umfangreiche Folgen hat, ist es eine spannende Frage, ob und wenn ja, welchen Einfluss hierbei die Büroumgebung hat. Dieter Schnaas, Christoph Bartmann folgend, kommt zu einer kritischen Einschätzung der Wirkung von Büros: »Noch immer riecht die Büroluft nach Anonymität und Organisation, nach Funktionalität und Vergemeinschaftung, nach Kreativitätswüste und liniertem Denken. Ganz gleich, ob eingepfercht in blickgeschützten Boxen oder lichtdurchfluteten Aquarien, in milchverglasten Vorzimmern oder verschließbaren Zellen, ob Seit an Seit im Metropolenloft oder eingelassen in die Weite einer aufgelockerten Bürolandschaft mit Kaffee-Vollautomat und Schallschutz-Stellwänden – im Büro beschleicht einen,

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8 1 | Dieter Schnaas (2014): die geschichte des büros. willkommen in der geistigen legebatterie! In: Wirtschaftswoche Online 18. August 2014, S. 1 http://www.wiwo.de/erfolg/beruf/die-geschichte-des-bueros-willkommen-in-der-geistigen-legebatterie/10336654.html abgerufen: 25.01. 2015, 15:29 Uhr s. auch: Christoph Bartmann (2012): leben im büro. die schöne neue welt der angestellten. München: Carl Hanser Verlag

frei nach Jean-Jacques Rousseau, das Gefühl: »Der Mensch ist frei geboren, und liegt doch nine-to-five in Ketten. Natürlich hat es an Versuchen nicht gefehlt, das Klima der subordinierten Verzwergung im Büro zu verbessern. Im Gegenteil, die Geschichte des modernen Arbeitsplatzes ist geradezu definiert als Geschichte des andauernden Versuchs, ihn zu optimieren. Doch je kühner Architektur-Avantgardisten und Management-Gurus die Perfektionierung des arbeitsteiligen Miteinanders auch vorantrieben – heraus kam am Ende immer nur eine weitere Mode der humanen Käfig- und Kleingruppenhaltung.« 1 Ist das Büro grundsätzlich, seinem Typ nach, ein übermächtiger Disziplinierungskäfig und als solcher ein systemisches Kreativitätshemmnis? Ist Büroarbeit dazu angetan, das Optimum an Entscheidungsqualität weit zu verfehlen? Hat andererseits nicht jeder Mensch seine eigene persönliche Autonomie und Souveränität, die grundsätzlich in unterschiedlichen Umgebungen aufrecht zu erhalten er in der Lage ist? Wird also der Einfluss der Arbeitsumgebung auf Entscheidungen maßlos überschätzt? Wie dem auch sei, sinnvoll kann es auf jeden Fall sein, danach zu fragen, wie sich im Büro Haltungen, Werte, Ideale und Normen, also die subjektiven Hintergründe von Entscheidungen, manifestieren.


Rainer Funke VORWORT

Ist das Büro­ grundsätzlich,­ seinem Typ nach, ein übermächtiger ­Disziplinierungskäfig und als solcher ein systemisches Kreativitätshemmnis?

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Konventionen beruht. »Werte können kollidieren, auch in einer Gruppe, zum Beispiel in einer Familie: Ein jugendliches Mitglied der Familie fühlt sich zur Gothic-Szene hingezogen, die Eltern finden das scheußlich. Der Jugendliche kann den einen Wert >Selbstentfaltung< höher bewerten, aber dann ist in der Familie der Erhalt des Wertes der >Harmonie< gefährdet. Er kann seine vom familiären Wertekonsens abweichende Handlungen verheimlichen, dann verstößt er jedoch unweigerlich gegen den Wert >Ehrlichkeit<. Werte gelten also in einer Gruppe, aber in verschiedenen Situationen wird ein Wert unterschiedlich interpretiert. Ein weiteres Beispiel: Eine ökologisch orientierte Familie trennt den Müll, aber sie hat ein großes Auto.

2 | Hermanns, Harry und Matthias Schreckenbach (2011): »und ich denk immer darüber nach, was der jetzt über mich denkt.« Ein soziologisches Vorwort. In: Rainer Funke, Harry Hermanns

DESIGN, ARCHITEKTUR UND WERTE Neben Körpersprache, wortsprachlichen Texten, Musik, anderen Inhalten massenmedialer Kommunikation, Formen der Geselligkeit, Politik, Religion und so weiter sind Design und Architektur generell (und so auch im Büro) zentrale Lieferanten von Zeichen und Zeichensystemen. Durch Design und Architektur werden Werte repräsentiert, die ihre Basis in soziodynamischen Prozessen in und zwischen milieubezogenen Gruppen haben, die Gemeinschaften mit relativ einheitlichen Wirklichkeitsauffassungen konstituieren. »Was die Menschen gemeinhin als gut und böse, moralisch oder unmoralisch bezeichnen, nennen die Soziologen einen Wert. Eine Nationalgesellschaft hat Werte (z. B. >Menschenwürde<, >Rechtsstaatlichkeit< usw.), eine kriminelle Gang hat Werte (z. B. >kein Gruppenmitglied verraten<) und eine Familie hat Werte (z. B. >Harmonie<, >Schutz<, >Selbstentfaltung<). Nicht jedes Mitglied einer Gruppe teilt alle Werte dieser Gruppe, aber die Werte der Gruppe sind für diese konstitutiv.«2 Unter Werten sollen hier daher im Unterschied zu Milieus soziodynamisch relevante, relativ stabile, Handlungsmotive verstanden werden, die polare Subjekt-Dispositionen im Alltagsbewusstsein als Bestandteile von Subjekt-ObjektBeziehungen liefern und deren Ausrichtung in der Regel auf

und Matthias Schreckenbach (Hrsg.) Gut & Böse: Moralische Dimensionen von Design bei jungen Menschen. Potsdam: Brandenb. Univ.-Druckerei & Verl.-Ges., S. 20

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Rainer Funke VORWORT Solche Widersprüche sind nichts Besonderes. Einen Wert, zum Beispiel >Altruismus<, muss man eingrenzen: Solange noch Menschen verhungern, müsste man als altruistischer Mensch ja eigentlich seinen gesamten Besitz verkaufen und mit dem Geld helfen. Doch in der Praxis verfügen Gruppen über Interpretationsregeln, unter welchen Bedingungen der Wert auf welche Weise er zu gelten hat. Eine Kirchengemeinde einigt sich etwa, wann die Spende für die Armen hoch genug ist und man dem Wert >Altruismus< genüge getan hat. Durch soziale Interaktion werden die Werte bestärkt oder geschwächt. Wenn ein Jugendlicher im Sportverein Herausragendes leistet, wird er vom Trainer und den Mitspielern gelobt; damit wird auch der Wert >Erfolg< bestärkt. Die Eltern sind aber beunruhigt, weil der Jugendliche für die Schule nichts tut, er erfüllt seine Pflicht nicht, und die Eltern machen ihm Vorhaltungen. Durch diese Interaktion stärken sie den Wert >Pflichterfüllung<. Der Jugendliche steht nun zwischen zwei Gruppen, Sportverein und Elternhaus, die unterschiedliche Wertvorstellungen haben und muss daraus seinen eigenen Weg finden. Wenn wir in Interaktionen handeln, dann sind wir also damit beschäftigt, das Handeln der Anderen zu interpretieren. Einzelne Handlungen deuten wir als Elemente eines Musters: »Er stellt sich über mich«, »er traut mir nichts zu«, »er kennt meine Kompetenzen«, »er bewundert mich« etc. Wir machen uns ein Bild von dem, wie das Gegenüber uns sieht – und der Partner in der Interaktion macht das genauso. Ich kann also an meinem Interaktionspartner erkennen, wie er mich wahrnimmt und meine Handlungen interpretiert. Da wir durch die Anderen erfahren, wer wir sind, versuchen wir die Anderen dazu zu bringen, uns so zu behandeln, dass wir uns als die Person erleben, die wir sind oder gerne sein würden. Wenn wir mit Anderen in Interaktionen eintreten, versuchen wir, die Situation so zu inszenieren, dass wir die Rolle zugewiesen bekommen, die zu unserem Bild von uns passt. Goffman nennt diese (willkürlichen oder unwillkürlichen) Versuche,

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sein – Wissen), ich behalte mein Wissen für mich (ich will mit niemandem konkurrieren – Harmonie), ich stimme den Autoritäten der Gruppe zu (ich will ein verlässliches Gruppenmitglied sein – Anpassung). Alle diese Handlungen verweisen auf Werte, auf die sich meine Rolle bezieht. Mit Objekten, die Werte symbolisieren, zum Beispiel Rolex (›reich‹), iPhone (›stylish‹), Nike-Kleidung (›cool‹) kann man versuchen, den Eindruck zu erwecken, dass die Werte, die diese Objekte repräsentieren, auch auf die Rolle des Trägers zutreffen. Aber die Objekte sind nicht für jede Gruppe mit denselben Werte verbunden: »eine Rolex im Bankenmilieu symbolisiert ›Erfolg‹, ein Punk spuckt drauf, weil Rolex alles das verkörpert, was er verachtet« 3 Im Büro sind in der Regel zwei Werte-Ebenen manifest: die der betreffenden Organisation und die der Person. Besonders interessant ist es, wie diese beiden Ebenen in der Vermittlung miteinander in Erscheinung treten, inwiefern Kongruenzen oder Abweichungen zwischen beiden sichtbar werden.

3 | Ebenda S. 20ff.

bei Interaktionspartnern die Wahrnehmung der eigenen Person zu steuern: »impression management«. Man versucht, den Eindruck, den Andere in der Interaktion von einem gewinnen, zu beeinflussen, vielleicht sogar zu manipulieren. Wenn das gelingt, dann wird man als derjenige behandelt, der man zu sein glaubt (oder zu sein wünscht). Die Inszenierung einer Situation kann durch Handeln erfolgen: Ich breite mein Wissen aus (ich will als Wissender anerkannt


Rainer Funke VORWORT

Im BĂźro sind in der Regel zwei Werte-Ebenen manifest: die der betreffenden Organisation und die der Person. Besonders interessant ist es, wie diese beiden Ebenen in der Vermittlung miteinander in Erscheinung treten, inwiefern Kongruenzen oder Abweichungen zwischen beiden sichtbar werden.

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14 DESIGN UND ARCHITEKTUR IM ZUSAMMENHANG MIT KONSUM UND SUBJEKTIVIERUNG Jahrhunderte lang hatten unsere Vorfahren davon geträumt, saturiert und faul, jenseits der täglichen Mühsal im Schlaraffenland zu leben. Als die Technisierung dann sozusagen die gebratenen Tauben bereitstellte, setzte das Gegenteil ein: Statt träge dem Nichtstun nachzugehen, begann eine große Nervosität. Die Menschen sind Konsumbürger geworden, deren tägliches Hauptmotiv es ist, die permanente Suche nach den eigenen, ganz besonderen Idealen mit den dazu passenden ganz besonderen Konsumgütern auszufüllen: vor den Schaufenstern und in den Umkleidekabinen der Kaufhäuser, in Möbel- und Autohäusern, Technik-, Drogerie- und Baumärkten, Internetshops und so weiter. Kaufhandlungen erscheinen als Akte der Formgestaltung, der experimentellen Formgebung der Bestandteile des eigenen banalen Lebens. Indem Konsumenten aus der Fülle der Optionen auswählen, und sie die Auswahl kombinieren, treten sie sich selbst quasi als Designer und Architekten gegenüber. Sehr oft reicht es schon, die Auswahl und die Kombination in der Phantasie oder in Bezug auf Fiktion produzierende Medien wie Filme, Fernsehserien, Videospiele et cetera zu vollziehen, ohne darüber hinaus tatsächlich zu konsumieren. Wenn dieser Fall eintritt, dann besteht der eigentliche Konsum in der fiktionalen Zuordnung von Konsumobjekten mit ihren speziellen Zeichen zu temporären Idealen. Die von der Aufklärung programmatisch formulierte Idee des souveränen Subjekts manifestiert sich als Konsum-Individualismus. Soziales Dasein, Integration in Gruppen erscheint als das Ergebnis aktiver Individualisierung, verwirklicht mit komplexen Zeichensystemen des Designs. Viel mehr als aus Gründen familiärer Herkunft, wie das bei unseren dorfgemeinschaftlich geprägten Vorfahren der Fall war, gehören wir heute sozialen Gruppen (im Beruf, in Freundeskreisen, in Partnerschaften usw.) an, die wir aktiv aufgesucht haben. Wir suchen die Zusammengehörigkeit mit anderen Menschen,


4 | Tilmann Habermas(1996): geliebte objekte: symbole und instrumente der identitätsbildung. Berlin: de Gruyter, S. 184

die ihre Individualitätssuche auf ähnliche Weise betreiben wie wir selbst, beziehungsweise wie wir es gern selbst täten. Wir erkennen diese zum großen Teil an deren Konsumverhalten und den von ihnen bevorzugten Konsumgütern, welche sich in ihren Oberflächen von denen anderer Gruppen unterscheiden. »Denn je unbekannter sich miteinander interagierende Personen sind, umso weniger können sie Erwartungen aufbauen und mittels dieser ihre Handlungen aufeinander abstimmen«4. Klassische öffentliche Identitätssymbole bestehen aus Geschlechtsmerkmalen, Hautfarbe, Hautbeschaffenheit, Körperbau, Körperhaltung, Mimik, Körpersprache, Sprache, Orten, Räumen, Objekten. Sie werden heutzutage ergänzt durch ein sorgsam zusammengestelltes Geflecht von Objekten, dessen Aufbau und Vervollkommnung in der Regel mit großer Energie und oft mit großer Lust betrieben wird. Sozialisation erfolgt als Parallelausrichtung unseres aktiven Bemühens um Individualisierung. Produkte, Kommunikationsmittel und ganz besonders Marken werden als Zeichen einer attraktiven oder zu verachtenden Lebensweise gedeutet, sich selbst und den anderen gegenüber. Sie befestigen oder erschüttern die eigene soziale Identität. Sie sind Projektionsflächen für Gemeinsamkeit und ermöglichen sehr oft überhaupt erst die Ausgestaltung von Beziehungen zwischen Menschen, in der Regel streng nach der Zugehörigkeit zu Milieugruppen unterschieden. Die Kodes dafür liefert der gesamte kommunikative Hintergrund: Konventionen in den Milieugruppen im Verhältnis zu solchen außerhalb (z. B. der Lehrer, Eltern usw.), Werbung, Spielwelten, Filme, Fernsehserien und so weiter. Beispielsweise wurden in der Studie Gut & Böse: Moralische Dimensionen von Design bei jungen Menschen 5 von Angehörigen des Unterhaltungsmilieus die Träger der Marke H&M als intellektuell und elitär bewertet, während Mitglieder des Niveaumilieus H&M als Zeichen für Leistungsverweigerung ansahen. Picaldi-Fans hingegen wurden von allen einheitlich als Dominanz-affin eingeschätzt, Käufer von KiK als Verlierer. Allerdings wurde

5 | Rainer Funke, Harry Hermanns und Matthias Schreckenbach (Hrsg. ) (2011): gut & böse: moralische dimensionen von design bei jungen menschen. Potsdam: Brandenb. Univ.-Druckerei & Verl.-Ges.

Rainer Funke VORWORT

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16 deren Status und moralischer Wert unterschiedlich eingeschätzt. Dasselbe Phänomen ließ sich für teure Marken feststellen. Sehr oft wurde die eigene Haltung mit einem Hinweis auf Medienstars verknüpft. Ausnahmslos alle Probanden brachten zum Ausdruck, dass ihre soziale Anerkennung in direkter Korrelation zu ihrer Markenkompetenz steht, selbst dann, wenn sie angeben, Marken, Design oder überhaupt Äußerlichkeiten seien ihnen nicht wichtig. Derartige Zusammenhänge von persönlicher Identität mit Bezug auf Haltungen, Werte, Ideale und Normen und Erscheinungsformen von Gegenständen sind natürlich nicht nur für Jugendliche relevant, sondern prägen das soziale Leben in unserer Gesellschaft grundsätzlich. Dementsprechend statten wir alle unsere sozialen Rollen aus, nicht nur im Privaten, sondern auch und in ganz besonderer Form im Büro. Rollenanforderungen im Büro sind in der Regel klarer definiert als die im Privatleben, was sich entsprechend in den Deutungsmöglichkeiten der Details wie Raumgröße, Lage im Gebäude, Ausstattung mit Fenstern, Situation und Qualität von Türen, Beziehung zum Vorzimmer/Gang, Raumschmuck (z. B. Bilder), Beleuchtung, Konfiguration und Qualität der Möbel, technische Ausstattung des Arbeitsplatzes, persönliche Dinge usw. zeigt.


Rainer Funke VORWORT DINGE UND RÄUME ALS MITTEL FÜR DIE M ­ ARKIERUNG VON WERTEN UND STATUS Werte an die Oberflächen von Dingen zu binden und damit soziale Unterschiede zu markieren, hat eine sehr lange Geschichte. Seit alters her ist es beispielsweise üblich, Reichtum und Macht mit teuren und edel gestalteten Objekten zum Ausdruck zu bringen und darüber hinaus gleichzeitig in der Form der Gebäude, der Räume, der Einrichtungsgegenstände, der Kleidung etc. die Regeln des Verhaltens in der Gemeinschaft sowie die Grenzen der sozialen Schichten (Stände) zu symbolisieren. Der inhaltliche Bezug zu Macht und Reichtum lässt sich indexikalisch (anhand weiterführender Merkmale) erschließen, etwa über Anzeichen der Echtheit von Edelmetallen oder der Originalität und Komplexität von Herstellungsverfahren der Objekte. Über ikonische Verweise (Ähnlichkeiten etwa zu Herrscherporträts in entsprechender Kleidung und Haltung) wurden und werden Gestaltwelten definiert, die es gestatten, Menschen als reich oder mächtig auszumachen und symbolisch zu deuten, das heißt, sich der Konventionen zu vergewissern, welche hiermit im Zusammenhang stehen. Der Grundzusammenhang bleibt bestehen. Allerdings wechseln die Zuordnungsvorschriften, die Codes, die Art und Weise, mit den Codes umzugehen und natürlich die entsprechen Referenzobjekte. Insbesondere für Menschen, deren Einfluss auf ein Unternehmen, eine Organisation, eine politische Partei usw. groß ist, spielt der Umgang mit Statuszeichen eine überragende Rolle. Die Prägnanz der Wahrnehmung von Leitungspersönlichkeiten im Zusammenhang ihrer Zeichenausstattung, beispielsweise im Büro, sowie die Deutung deren Erscheinung hinsichtlich von Werten wie Klugheit, Führungsstärke, Dominanzkraft, Fleiß, Glaubhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Solidarität, menschliche Zuwendung u.v.m. können für die Zusammenarbeit im Inneren und für die Wahrnehmung durch Externe prägend sein. Vieles einer Corporate Identity vermittelt sich hier.

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WERTEWANDEL & SEINE ZEICHEN Neun Personen in unterschiedlichen leitenden Positionen, eine Bundestagsabgeordnete, ein Botschafter, der Geschäftsführer einer Industrie- und Handelskammer, ein geschäftsführender Vorstand einer Partei-Stiftung, die Kommunikationschefin einer parteinahen Stiftung, der Pressesprecher einer großen Hilfsorganisation, die Vorstandsvorsitzende einer Menschenrechts-Stiftung wurden von ­13 Designstudentinnen und Designstudenten der Fachhochschule Potsdam befragt. Ihre Büros wurden fotografiert, beobachtet und gedeutet. Entstanden ist dieses Buch, welches anregen soll, sich ein Bild von den porträtierten Persönlichkeiten zu machen, von ihren Werten, ihren Rollen, ihren Haltungen, ihren Idealen, ihrem Umgang mit den Menschen um sie herum, ihrer Art, die Aufgaben ihres Amtes zu lösen, Entscheidungen zu treffen, ohne dass sie selbst persönlich abgebildet sind. Es sind ihre Büros, die für sie sprechen. Ein Projekt der Fachhochschule Potsdam: Designtheorie ­(Rainer Funke) und Fotografie (Wiebke Loeper)




Anetta Kahane GRÃœNDERIN UND VORSTANDSVORSITZENDE

VICTORIA SOKOLINSK AIA | JENNIFER HICKS

Antonio Amadeus Stiftung



Antonio Amadeus Stiftung INITIATIVEN FÜR ZIVILGESELLSCHAFT UND DEMOKRATISCHE KULTUR

»Nicht die Umgebung ­beeinflusst meine ­A rbeit, ­sondern die eigenen Strategien von Kommunikation, Eleganz und ­Gemütlichkeit. Das sind die Faktoren,­ die das Zimmer ­bestimmen.«

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Als ich auf den Hinterhof einbiege und versuche, mich zurecht zu finden, kommt mir eine aufgeweckte Frau mit feuerroten Haaren entgegen. Ihre Ausstrahlung hat etwas besonderes, entgegenkommendes, das große Lächeln wirkt einladend. Es ist Anetta Kahane, Mitgründerin und Vorstandsvorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung. Ich folge Berlin, 52°31’35.5”N 13°23’24.6”E

ihr in das verwinkelte Gebäude in der Linienstraße. Wir befinden uns im Herzen von Berlin unweit vom Humbold-Hein. Bis zur Friedrichstraße ist es auch nur ein Katzensprung. Kaum tauchen wir in das große, vielfältig genutzte Gebäude ein, ebbt der Großstadtlärm ab.


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reden bereits in einem lockeren Ton übers Wetter und den Zustand des Hauses, als wir in einen Fahrstuhl steigen, der an kreative Gestaltungsversuche aus den 70ern erinnert. Wir fahren ganz nach oben und gehen durch schmale, sehr verwinkelte Gänge bis zu einer unscheinbaren Tür. Dahinter liegt, wie es zunächst anmutet, eine Wohnung. Wir betreten den Flur, in dem ein großer altmodischer Schrank aus dunkler Eiche steht. An der Wand befinden sich etwa 20 in silberne Rahmen gefasste Zeitungsartikel, die fein säuberlich aufbereitet wurden, so dass uns das schwarz-grüne Logo der »Amadeu-Antonio-Stiftung« von jedem einzelnen entgegen schaut. Auch wenn der Schrank und die Garderobe zusammen mit der warmen Deckenbeleuchtung erst einmal versuchen darüber hinweg zu täuschen: Wir befinden uns in den Büroräumen einer Stiftung, die sich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben hat. Benannt ist sie nach einem der ersten Opfer von gewalttätigen Rechtsextremen nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Nachdem wir unsere Sachen abgelegt haben, Viktoria ist bereits vor Ort und konnte schon erste Fotos machen, bekommen wir eine Führung durch die Räume. Ihr eigenes Büro versprüht Wohnzimmer-Flair, wohingegen der große Versammlungssaal direkt daneben jede Assoziation an Häuslichkeit verschwinden lässt und auf sachliche Professionalität verweist. In der Etage darüber finden wir

6 | https://de.wikipedia.org/wiki/Amadeu_Antonio_Stiftung (19. Mai 2017) 7 | https://de-de.facebook.com/AmadeuAntonioStiftung/ (19. Mai 2017)

Wir

AMADEU ANTONIO STIFTUNG Berlin, 52°31’35.5”N 13°23’24.6”E Ermutigen, Beraten, Fördern Zur Stärkung der Zivilgesellschaft, gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt sie über 1000 lokale Initiativen und Projekte in Jugendkultur, Schulen, Opferschutz, Flüchtlingsinitiativen oder Demokratieprojekte finanziell, durch Aufklärung, Öffentlichkeitsarbeit und kommunale Netzwerke. Ferner unterstützt sie Hilfsangebote für Aussteiger aus der Neonazi-­ Szene. 6 www.amadeu-antonio-stiftung.de

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Die moderne Kühle ist aber weniger dominant als die weich ­geschwungene Wärme.

Berlin, 52°31’35.5”N 13°23’24.6”E

einige große und kleine, schräge und schmale, volle und verzierte Büroräume, welche von den Angestellten, Praktikanten und freiwilligen Helfern der Stiftung genutzt werden. Es wird schnell klar: Hier wird jeder Zentimeter Bürofläche genutzt. Im Gegensatz zu unten finden sich hier überall Plakate von alten Veranstaltungen, Erinnerungen an erfolgreiche Projekte und sehr viel Infomaterial in allen denkbaren Farben, Formen und Maßen. Das Thema »Kampf gegen Nazis« ist hier allgegenwärtig. Am Ende gibt es eine Wendeltreppe die wieder hinunter führt in die neutraleren weitläufigen Räume, meist mit modernen Möbeln und moderner Kunst ausgestattet. Hinten schauen wir über das große Grün-Schwarze Außenbanner am Fenster hinweg in den Hof. Vorne, im eigentlichen Büro von Frau Kahane, gehen die Fenster zur Straße, so weit oben wie wir sind, dringt der Verkehrslärm kaum bis zu uns vor. Wir sind schon längst beim >Du‹, als wir beginnen, über die selbst gestaltete Büroeinrichtung der Vorstandsvorsitzenden zu reden. Was als erstes auffällt und sehr markant ins Auge sticht, ist ein riesiges rotes, antik wirkendes Sofa hinter einem ebenso riesigen, runden Tisch aus dunklem, aufpoliertem Holz. Massiv und groß vermitteln beide den Eindruck von häuslicher Geborgenheit, Gemütlichkeit und Schutz.


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An der Wand gegenüber hängt das Plakat eines berühmten Fotografen und zeigt ein aufgeschnittenes Haus, bei dem man in jede einzelne Wohnung hineinschauen kann. Mir gefällt dieses Plakat sehr, ähnlich wie Anetta finde ich es spannend, andere Menschen zu beobachten, Einblick in ihr Privates zu nehmen. Daneben hängen Zeichnung von Anettas Mutter. Eine zeigt ein Motiv aus deren Exilzeit. Anetta fragt gern Besucher, was sie darin sehen.

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Beide Komponenten sind Anetta wichtig: An den Tisch passen sehr viele Leute, passende Stühle dazu hat sie auch. Auf das Sofa platziert sie ihre Gäste am liebsten. Keiner kann darauf gerade sitzen, man muss sich etwas fallen lassen, und auch der steifste Person wird zu einer gewissen Lockerheit verholfen. Lockerheit vergleichbar mit jener, die einem von Frau Kahane selbst entgegen kommt. Gewiss kann ich mir auch strenge und gradlinige Diskussionen mit ihr vorstellen, aber Anetta Kahane verschwendet keinerlei Energie darauf, sich zu verstellen, sich ihren Gesprächspartnern anzupassen. Das gilt für alle, denen sie begegnet, ob es nun hohe Politiker sind, neue Praktikanten oder neugierige Studentinnen wie wir, beteuert sie. Auf diesem Sofa erreichen alle ein ähnliches Niveau von Entspanntheit. »Nicht die Umgebung beeinflusst meine Arbeit, sondern die eigenen Strategien von Kommunikation, Eleganz und Gemütlichkeit. Das sind die Faktoren, die das Zimmer bestimmen.«

Außer einem kleinen, an die Schräge des DachDas Zimmer ist mit Absicht so wohnlich gehalten. zimmers angepassten Regal, einem kleinen, ja fast Auch wenn in Design investiert wurde, um eine winzigen Schreibtisch, einem Servierwägelchen gewisse Seriosität auszustrahlen, hat die Wohlund einem kleineren Sofa befindet sich im Raum fühl-Atmosphäre oberste Priorität. Die noch eine große Stehlampe. Die Kombination von Gesprächsumgebung darf nicht zu kalt wirken. Stehlampe und Schreibtisch wirkt sehr modern und recht teuer. Beide bestehen aus dunklem Metall mit klaren Kanten und geraden Linien. Das kleinere Sofa mit seinem dunkelgrauen Bezug weißt ähnlich rechtwinklige Formen auf. Wir erleben einen deutlichen Kontrast zum großen runden Tisch mit dem geschwungenen Sofa. Die moderne Kühle ist aber weniger dominant als die weich geschwungene Wärme.


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Die Themen, die hier angesprochen werden, sind oft anstrengend genug, da ist es hilfreich, wenn sich die Besucher geborgen fühlen. Ich frage nach, ob aus diesem Grund darauf verzichtet wurde, das Thema des Kampfes gegen Nazis nur hier im Besprechungsraum als einzigem Ort in der Stiftung nicht zu plakatieren. »Ja das stimmt. Hier herrscht Frieden und das ist auch gewollt. Die Leute, die hier herkommen, bekommen von mir natürlich auch Broschüren und Flyer, die ich aus dem Nebenzimmer hole. Die liegen hier überall verteilt, nur eben nicht in meinem Büro. Das Zimmer steht, wofür wir uns engagieren (die Opfer von rassistischen Verbrechen) und sollte optisch frei von dem Thema Nazi-Bedrohung sein. Hier herrscht eine neutrale Atmosphäre und Wärme. Es soll für meine Besucher angenehm sein, hier zu sitzen und die Möglichkeit zu haben, in Ruhe gemeinsam etwas Sinnvolles auszudenken.« Dementsprechend wirkt der Raum eher wie eine Begegnungslounge als ein Büro. Einen Standrechner besitzt Frau Kahane nicht, der winzige Schreibtisch wäre ohnehin viel zu schmal. Er wird mehr als Dokumentenablage und Telefontisch genutzt. Anetta sitzt am liebsten mit dem

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Laptop an dem großen runden Tisch, umgeben von allem was sie braucht. Sie gesteht, dass es hier ohne Besuch auch um einiges chaotischer aussieht und zeigt auf einen Stuhl, der eine beachtliche Menge Papier und Bücher trägt, welche sich wohl vorher noch auf dem Tisch befunden hatten. Anetta hat ihre eigene Ordnung in dem Chaos. Aber es ist gut, dass nicht nur sie alleine für die Ordnung sorgt, sondern auch einmal die anderen Mitarbeiter Kaffeetassen beiseite räumen. Am liebsten arbeitet Frau Kahane ohnehin zu Hause, dank Internet und mobilem Rechner ist ein solcher moderner Arbeitsstil auch kein Problem. Für die notwendige Lockerheit, die es braucht, um z. B. eine Kolumne zu schreiben, sind das häusliche Bett, ein Kaffee und eine Flasche Wasser eh das beste. »Aber ist das nicht schwierig, ständig Arbeit zu Hause zu haben, und ist es hier nicht auch schon entspannend und ruhig genug?« hake ich nach. »Ja, es geht ja wieder der Trend zur Trennung.«, ist die Antwort. »Dass es am Arbeitsplatz ist, ist eigentlich nur ein Trick, um die Mensch ständig am arbeiten zu halten. Man sollte das schon trennen können - das Büro sollte ein Büro sein und das zu Hause ein zu Hause. Mein Büro ist ein Stück zu Hause und mein zu Hause ein Stück Büro.


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[…] dass sie eh gern alle Türen offen lässt, um von der Welt um sich herum etwas ­m itzubekommen und Leben herein zu lassen.

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Es wird schnell klar: Hier wird jeder Zentimeter Bürofläche genutzt.


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»Mein Büro ist ein Stück zu ­Hause und mein zu Hause­ ein Stück Büro. «


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Der Witz liegt darin, wäre ich eine Angestellte in einem Unternehmen und würde einer entfremdeten Tätigkeit nachgehen, dann würde ich es ganz genau so machen. Ist es aber nicht, da die Stiftung aus meinen eigenen Gefühlen und Wünschen entstanden ist, die sich von meiner Person überhaupt nicht trennen lassen.« Ich schaue aus dem Fenster, welches sich uns direkt gegenüber befindet und auf eine einladende Terrasse führt. Ein romantischer Blick über die Dächer der Berliner Innenstadt ist zu erwarten. Ich frage nach dem Haus und danach, wie es dazu kam, hier einzuziehen. »Das Gebäude ist auch etwas Persönliches, da meine vorherige Arbeitsstelle bei der »RAA Berlin« (Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie e.V.) ebenfalls nicht weit von hier entfernt, in der Chauseestraße lag, ich aber noch in Pankow wohnte. Meine Tochter ging hier in Mitte in die Jüdische Oberschule, also praktisch hier um die Ecke. Jeden Morgen ging es also gemeinsam los nach Mitte und am Nachmittag wieder zurück, und dann warst du praktisch in Pankow gefangen. Dort war einfach überhaupt nichts los. Einfach war es auch nicht, denn manche Nachbarn haben gern mal ein Hackenkreuz im Hausflur hinterlassen. Mein Auto ist auch schon mit Eiern beworfen worden. Glücklicherweise hab ich dann eine Wohnung in der Linienstraße bekommen. Zu der Zeit war bereits die Idee von der »Amadeus Antonio Stiftung«entstanden.

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Antonio Amadeus Stiftung INITIATIVEN FÃœR ZIVILGESELLSCHAFT UND DEMOKRATISCHE KULTUR Keiner kann darauf gerade sitzen, man muss sich etwas fallen lassen, und auch der steifste Person wird zu einer gewissen Lockerheit verholfen.

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Ich dachte, wenn ich die Stiftung etwas in die Gänge bringen möchte, darf ich nicht in der »RAA« sitzen. Zufällig entdeckte ich hier in der Nähe ein Schild »Büro zu vermieten«. Wir bekamen einen Teil des heutigen Büros. Die andere Hälfte kam später dazu. Ich wohne also nun im wahrsten Sinne des Wortes direkt nebenan.« Auch dies ist ein Grund, warum das Büro ein Stück Zuhause ist und das Zuhause ein Stück Büro. Der Gegensatz zu den anderen Büros in der Stiftung ist enorm. Ursprünglich war es nicht beabsichtigt, die Flure und Büros mit Plakaten vollzupappen. Ihr Geschmack ist es wirklich nicht, aber es hat sich im Lauf der Zeit so ergeben. Da sich die Mitarbeiter offenbar damit wohl fühlen, ist sie bislang nicht eingeschritten. Es interessiert mich, ob die Mitarbeiter ebenfalls das Büro von Anetta nutzen dürfen. Sie bejaht und meint, dass sie eh gern alle Türen offen lässt, um von der Welt um sich herum etwas mitzubekommen und Leben herein zu lassen. Durch ihr Büro geht es schließlich auch hinaus zur Terrasse, um dort Pause zu machen, durchzuatmen oder zu rauchen. Allerdings sollte man ein wenig vorsichtig sein, da sich im selben Gebäude noch ein Hotel befindet. Abschließend frage ich, ob sie rückblickend etwas anders machen würde im Umgang mit der Arbeit und den Räumlichkeiten. Sie erzählt von der früheren Arbeit in der RAA, dass sie damals auch schon ein großes Ecksofa hatte: für Bewerbungsgespräche. In jenes ist man aber komplett versunken. Jetzt hat sie die ideale Lösung gefunden, nicht nur mit dem Mobiliar. Nein, alles ist mittlerweile auf einem angenehmen und schönen Stand.

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Annette Maennel

LEITERIN KOMMUNIK ATION

ANIA SCHร FERF | CAROLINE PR ANGE

Heinrich Bรถll Stiftung



Heinrich Böll Stiftung DIE GRÜNE POLITISCHE STIFTUNG

Der Wunsch, dem­ kargen Charme der Sichtbetonwände etwas entgegen­z usetzen, ­fi ndet u.a. ­seinen ­Ausdruck in ­g roßen Zimmerpflanzen und ­sogar in Vorhängen, ­h inter denen die Wände versteckt werden.

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Im Regierungsviertel Berlins, nahe des Berlin, 52°31’26.1”N 13°23’00.3”E

Hauptbahnhofes und des Deutschen Bundestages befindet sich seit 2008 der Hauptsitz der Heinrich-Böll-Stiftung, von dem aus deren weltweite Aktivitäten organisiert werden. Wir haben einen Termin mit Annette Maennel, der Leiterin der Abteilung Kommunikation.


Heinrich Böll Stiftung DIE GRÜNE POLITISCHE STIFTUNG

dieser Position habe sie aktiv an der Gestaltung des neuen Standortes mitgewirkt, erklärt sie uns. Die Idee war es, ein Gebäude zu schaffen, das durch seinen Werkstattcharakter die Werte der Stiftung wie Offenheit und Klarheit widerspiegelt und die Arbeitsmentalität als Denkwerkstatt fördert. Es gab unterschiedliche Planungsgruppen, die sich mit den für die Stiftung wichtigen Werten auseinandersetzten. Kommunikation, Transparenz, Barrierefreiheit und auch Gender-Gerechtigkeit wurden zum Thema gemacht. Ein ausgetüfteltes technisches System ergänzt die Inhalte um ein nachhaltiges Gebäudekonzept, in dem sogar die Abwärme der Computer zum Heizen genutzt wird. Um ein großes Atrium, das auch für das Belüftungssystem wichtig ist, reihen sich Großraumbüros an offenen Fluren. Zum Atrium hin folgen Besprechungsräume und kleinere Einzelbüros. Schwarze, mit Hand beschriebene Tafeln vor den Räumen benennen die Mitarbeiter und deren Tätigkeiten. Die Wünsche und Anforderungen der Mitarbeiter an ihr Arbeitsumfeld könnten nicht unterschiedlicher sein. Vor allem bei den ästhetischen Vorstellungen gingen die Meinungen weit auseinander. Vielen erschien das Haus in seiner Gestaltung zu kalt. Der Wunsch, dem kargen Charme der Sichtbetonwände etwas entgegenzusetzen, findet u.a. seinen Ausdruck in großen Zimmerpflanzen und sogar in Vorhängen, hinter denen die Wände versteckt werden.

8 | https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich-B%C3%B6ll-Stiftung (19. Mai 2017) 9 | https://de-de.facebook.com/boellstiftung/ (19. Mai 2017)

In

HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG Berlin, 52°31’26.1”N 13°23’00.3”E Heinrich Böll Mit seinem Namensgeber, dem Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll, verbindet die Stiftung laut ihrem Leitbild die Verteidigung von Freiheit, Zivilcourage, streitbare Toleranz sowie die Wertschätzung von Kunst und Kultur als eigenständigen Sphären des Denkens und Handelns. 8 www.boell.de

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»Man kann sich nicht gegen seine Mitarbeiter positionieren«. Seitdem hat es diverse Umstellungen und Umzüge gegeben, um gute Lösungen für alle zu finden. Ein Ansatz, um den ständig wechselnden Bedürfnissen zu entsprechen, war der Versuch flexible Arbeitsplätze zu schaffen, so dass jeder Mitarbeiter spontan je nach Bedarf an Seit dem Bezug des Neubaus habe es einem anderen Platz arbeiten könnte. diverse Anpassungen der Räume gegeDas würde jedoch voraussetzen, dass ben, erläutert Annette Maennel. Einige man mit dem Notwendigsten auf dem Abteilungen wie Finanzen und Lektorat Schreibtisch auskommt und sich an benötigten eher die Ruhe von Einzelseinem Schreibtisch nicht heimisch büros, während Frau Maennel vor allem verortet. Schließlich ist man davon für ihr Tätigkeitsfeld die offenen Räume wieder abgekommen. sehr schätzt. Sie hat ihren Schreibtisch Annette Maennel ist eine Verfechterin auch in einem Großraumbüro zusammen des klaren Raumes und wünscht sich mit weiteren Mitarbeitern. Kurze Komauch auf den Schränken und Arbeitsmunikationswege und flache Hierarchien plätzen dekorative Zurückhaltung. erleichterten die Abstimmung in beide Dass die ökonomischen Vorstellungen Richtungen. In Großraumbüros lassen des Arbeitgebers zur Flächeneffizienz sich die unterschiedlichen, räumlichen und die Bedürfnisse der Mitarbeiter, Bedürfnisse der Mitarbeiter erkennen. die sich ja auch mit ihrem Arbeitsplatz Räume werden nicht nur durch Poster, räumlich und werteorientiert identifiPflanzen und Nippes personalisiert, man zieren sollen, nur schwer zu vereinbaren versucht sich auch mit verschiedenen sind, leuchtet ein. Mitteln von der Allgemeinheit abzuAls Mitarbeiterin in einer Leitungsgrenzen. Da die Großraumbüros nur position ist Annette Maennel die einzige, durch kopfhohe Ordnerschränke von die in einem Großraumbüro den Fluren abgetrennt sind, ist man hin arbeitet. Sie sei aber viel im Haus und wieder dem Lärm und den Blicken unterwegs und suche den ständigen vorbeilaufender Kollegen ausgesetzt. Kontakt mit ihren Mitarbeitern, meint Die Mitarbeiter stellen Pflanzen und sie. Annette Maennels Schreibtisch Flaschenkästen auf die Schränke, um die befindet sich in gebührender Entfernung Abgrenzung zu verstärken. zu den übrigen Tischen im Büro. Das


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Das habe zum einen damit zu tun, Abstand zu wahren und den Mitarbeitern das Gefühl permanenter K ­ ontrolle zu nehmen, zum anderen stehe ihr in Leitungsposition mehr Fläche zu.


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habe zum einen damit zu tun, Abstand zu wahren und den Mitarbeitern das Gefühl permanenter Kontrolle zu nehmen, zum anderen stehe ihr in Leitungsposition mehr Fläche zu. Wenn Sie sich für persönliche Gespräche zurückziehen wolle, nutze sie den Besprechungsraum. ­Persönliches ist auf ihrem Schreibtisch rar: ein paar Postkarten mit Sprüchen wie »Entscheide lieber ungefähr als falsch« und ein geschenkter Kalender eines bekannten Fotografen. Eine große Box sammelt Visitenkarten und Kleinkram. Eine Karte sei persönlich, verrät sie uns, aber dazu müsse man die Geschichte kennen, sonst verstehe man sie nicht. Die Sichtblende am Schreibtisch ist ein Überbleibsel der Anfangsausstattung. Die anderen Mitarbeiter haben sie bereits entfernen lassen, da sie zu viel Platz wegnähme und letztlich doch keinen nennenswerten Sichtschutz böte. Einmal im Jahr gibt es einen Aufräumtag, an dem alle ihre Schreibtische und die Ablagen aufräumen und aussortieren. Mit ihrem Platz ist sie zufrieden. Früher hatte man zwar noch einen unverbauten

Blick aus dem Fenster, mit Sonnenuntergang. Jetzt immerhin noch die Sicht auf das Theater. Das Bild in der Kommunikationsecke des Raumes hat sie selbst aufgehängt. Es zeigt das letzte Abendmahl in Anlehnung an das berühmte Mailänder Fresco von Leonardo Da Vinci, allerdings mit Frauen.»Ich komme sozusagen aus der Frauenbewegung (…) außerdem finde ich, das ist ein schönes Bild, es gibt einen gemeinsamen Tisch, alle sitzen daran, aber einer muss gucken, ob alles läuft.« Als Kunstliebhaberin initiierte Annette Maennel auch den Wettbewerb »Kunst am Bau« zur Gestaltung des Auditoriums, der in den von Via Lewandowski bedruckten Teppich „Treppenläufer“ mündete. Da es im gesamten Haus keinen angemessenen Raum für gemütliche Treffen

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Die Idee war es, ein Gebäude zu schaffen, das durch seinen Werkstattcharakter die Werte der Stiftung wie Offenheit und Klarheit widerspiegelt und die Arbeitsmentalität als Denkwerkstatt fördert.

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Räume werden nicht nur durch Poster, Pflanzen und Nippes personalisiert, man versucht sich auch mit verschiedenen Mitteln von der Allgemeinheit abzugrenzen.­

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Heinrich Böll Stiftung DIE GRÜNE POLITISCHE STIFTUNG oder auch zur Einnahme mitgebrachten Essens gibt, versammelt sich ein kleiner Teil ihres Teams öfter um den Besprechungstisch des Großraumbüros neben ihrem Schreibtisch. Man hatte zwar an Küchen gedacht, aber für 200 Mitarbeitende Freizeitbereiche vorzusehen, klappte nicht, was natürlich auch dem begrenzten Budget geschuldet war. Das Atrium, das als potentielle Freifläche im Sommer geeignet wäre, scheidet aufgrund der anliegenden Büros und der damit einhergehenden Lärmbelastung aus. Als Alternative wurden nun im Foyer Sitzplätze geschaffen.

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Martin Hausding PRESSESPRECHER VON GREENPEACE BERLIN

VICTORIA SOKOLINSK AIA | JENNIFER HICKS

Green Peace Berlin



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Der lange Flur ist mit anderen gerahmten Bildern ausgestattet: hochwertige Fotos zur Aufklärung über den ­F ischfang, Wale und ­Delphine. Ohne d ­ iese hätte man wohl das G ­ efühl, in einer großen WG zu sein.

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Unauffällig ist das kleine silberne Schild an dem weißen, etwas mitgenommen Haus in Berlin Mitte, Chausseestraße 131. Links von dem Eingang befindet sich eine Bar, rechts ein Café. Hinter mir fährt gerade die Tram in Richtung Friedrichstraße. Nach dem Klingen wird mir schnell geöffnet, und ich Berlin, 52°32’16.4”N 13°22’25.9”E

komme in einen quietschgrünen Flur, der mit hochwertigen Bildern ausgestattet ist. Das Grün passt schon einmal zu dem, was mich gleich erwartet, obwohl ich vermute, dass auch dies nur Zufall ist, denn wie so oft teilt man sich die Räumlichkeiten mit anderen Mietern im Hause.


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komme in der ersten Etage an, einige Greenpeace-Aufkleber an der Tür verraten sofort, dass ich richtig bin. Ich werde in eine riesig anmutende Altbauwohnung geführt. Überall künden Drucksachen von der Rettung der Welt. Neben großen gerahmten Bildern, die über den Fischfang aufklären, befinden sich überall Kisten, alte selbst gemachte Poster und unterschiedlichste Möbel. Wir biegen gleich nach rechts ein und betreten den einzigen Raum mit einem Schreibtisch. Rechts und links des lichtdurchfluteten Raums befinden sich Versammlungs- und Vortragsräume zu denen die Türen weit offen stehen. Ich befinde mich im Aktionsbüro der Greenpeace-Gruppe Berlin. Hier bereitet man sich auf Demonstrationen vor, plant Aufklärungsaktionen, trifft sich in unterschiedlichsten Gruppierungen, hält Seminare ab und empfängt Schulklassen sowie andere Interessierte, wie mich und meine Kommilitonin Viktoria. Die Büroräume sind bereits seit 15 Jahren von Greenpeace gemietet, sogar die gesamte Etage. In der Wohnung gegenüber finden Aktivisten Unterschlupf, die für geplante Demonstrationen in der Hauptstadt von weit her angereist sind. Genau aus solchen Gründen hat man sich damals für diese Räumlichkeiten entschieden, die zentrale Lage bietet viele Vorteile. Das Politikerviertel ist nah, ebenso mehrere große demonstrationstaugliche Plätze, und es ist gut erreichbar, zu jeder Uhrzeit.

10 | https://de.wikipedia.org/wiki/Greenpeace (19. Mai 2017) 11 | https://www.facebook.com/GreenpeaceBerlin/?fref=ts (19. Mai 2017)

Ich

GREENPEACE BERLIN Berlin, 52°32’16.4”N 13°22’25.9”E Greenpeace Gründung: 1971, Vancouver Sitz International: Amsterdam Sitz Deutschland: Hamburg Angestellte weltweit: rund 2.400 Mitarbeiter Angestellte deutschlandweit: 237 in Deutschland (Stand 2014) 10 www.greenpeace.de

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Es herrscht ein gewisses Chaos, Staubwischen steht scheinbar selten auf der Tagesordnung. Alles, was herumsteht, scheint seine Geschichte zu haben, ob es nun eine Papp-Weltkugel ist oder mehrere an ein naturbelassenes Echtholz-Regal gelehnte Trennwände. Überall Aufkleber von alten Aktionen mit aktivistischen Sprüchen und Aufrufen. Sie erinnern mich an mein früheres Kinderzimmer. Eines wird sehr schnell klar: Die Philosophie der Nachhaltigkeit wird hier deutlich umgesetzt und nicht nur zum Schein nach außen getragen. Dementsprechend dienen die Büroräume auch als Lager für Dinge aus vergangenen Aktionen, Plakate, Flyer und anderes Infomaterial, Kostüme und vieles mehr. Nichts wird weggeschmissen, alles wieder verwertet und aufgearbeitet. Ich sitze Martin Hausding gegenüber, hier in diesem Raum, der von dem großen Schreibtisch dominiert wird, der einzige Schreibtisch, der von allen verwendet wird, um Dinge zu verwalten, und das, was an echter Büroarbeit anfällt, zu erledigen. Martin selbst ist der Gruppenkoordinator. Er ist einer von 250 Ehrenamtlichen, die sich ohne jede Bezahlung für Greenpeace und ihre Ideale engagieren. Auch er hat, wie die meisten anderen, noch einen Job und verbringt seine Freizeit in diesem von der Gemeinde selbst gestaltetem Büro. Feste Zeiten gibt es nicht, aber einen großen Zeitplan, wann welche Gruppe wie hier agiert. Auch das muss gut organisiert sein. Die Akten hinter ihm sehen alt aus, eingestaubt und nicht so, als würden sie im täglichen Gebrauch benutzt werden. Das liegt wohl daran, dass die Einnahmen und Ausgaben dieser allein auf Spenden angewiesenen Organisation recht übersichtlich sind und von anderer Stelle aus geregelt werden. Oft passiert es also nicht, dass wirkliche Büroarbeit im eigentlichen Sinne anfällt, und dies verrät der Schreibtisch auch sehr deutlich. Er ist nicht sonderlich einladend mit dem


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Es ist alles dazu da, um benutzt zu werden. Alles weist deutliche Gebrauchsspuren auf: Der Becher mit den vielen verschiedenen Stiften, von denen man ­annimmt dass nur noch die Hälfte richtig f­ unktioniert ist ein perfektes S ­ ymbol ­dafür. Hier wird nach ­Tauglichkeit ­gewichtet, und wenn es noch zu gebrauchen ist, wird es aufgehoben.

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»Es ist ein kollaborativer Prozess, bei dem der eine etwas für wichtig genug erachtet, damit es nun an die Wand gehängt wird, und bereits der nächste die Instanz dafür ist, zu entscheiden, ob es auch wirklich wichtig genug ist, ob es wieder abgehängt wird, oder vielleicht sogar noch etwas dazu gehört, weil es noch mehr oder neuere Informationen gibt.«

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Es ist ein Ort zum Arbeiten und Informieren, keiner um Eindruck zu schinden oder für seriöse Lobby-Gespräche mit Politikern.


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alten Bildschirm, der alten Tastatur und dem eingestaubten Büromaterial. Es ist alles dazu da, um benutzt zu werden. Alles weist deutliche Gebrauchsspuren auf: Der Becher mit den vielen verschiedenen Stiften, von denen man annimmt dass nur noch die Hälfte richtig funktioniert ist ein perfektes Symbol dafür. Hier wird nach Tauglichkeit gewichtet, und wenn es noch zu gebrauchen ist, wird es aufgehoben. Es drängt sich die Frage auf, ob alles, was hier hängt und liegt, auch tatsächlich gebraucht wird. Während die Akten sehr geordnet und wohl strukturiert aussehen, sind die Plakate und Flyer an dem großen Brett gegenüber wild durchmischt, an jeder Wand findet man alte und neue und zahlreiche selbst gemachte Informationsblätter, oftmals illustriert. Martin: »Es ist ein kollaborativer Prozess, bei dem der eine etwas für wichtig genug erachtet, damit es nun an die Wand gehängt wird, und bereits der nächste die Instanz dafür ist, zu entscheiden, ob es auch wirklich wichtig genug ist, ob es wieder abgehängt wird, oder vielleicht sogar noch etwas dazu gehört, weil es noch mehr oder neuere Informationen gibt.« »Und das funktioniert?« frage ich überrascht. »Es funktioniert, es ist natürlich immer etwas kreatives Chaos, und ab und an habe ich zumindest schon das Bedürfnis, einmal durchzugehen und ein paar Sachen abzuhängen, von denen ich weiß, dass sie alle gesehen haben. Aber das nimmt jetzt nicht irgendwie überhand, und es ist auch so immer noch genug Platz für etwas Neues da.« Ich frage nach, ob sich Martins privater Ordnungssinn hier in diesem kreativ chaotischen überhaupt wohl fühlt, und es wird mir lachend verneint. Zuhause hat bei ihm alles seinen angestammten Platz. Er hält recht penibel Ordnung, ganz im Gegensatz zu hier. Aber an seinen freiwilligen zweiten Arbeitsplatz hat Martin auch ganz andere Ansprüche. Es geht hier nicht um den einzelnen sondern um alle und um die Sache, für

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die sie gemeinsam einstehen. Unter dieser Prämisse versucht man, das Zusammenarbeiten so angenehm wie möglich für alle zu machen und stellt persönliche Bedürfnisse auch einmal gern zurück. Es ist ein Ort zum Arbeiten und Informieren, keiner um Eindruck zu schinden oder für seriöse Lobby-Gespräche mit Politikern. Letztere finden entweder direkt bei den Politikern oder in der politischen Vertretung von Greenpeace in der Marienstraße statt. Ich schaue mich noch einmal um. Links neben der Tür befindet sich das uns bereits bekannte Regal aus Echtholz, vollgestopft mit Papieren, Flyern, Ordnern und anderem Informationsmaterial. Alle Schubladen sind verziert mit Aufklebern von alten Aktionen, manche scheinbar schon so alt, dass sie kaum noch lesbar sind. Rechts neben der Tür befindet sich ein großer Bürokopierer, auch er hat schon bessere Tage gesehen. Daneben steht eine Kommode, weißes Holz, darüber hängt eine große, lange Pinnwand mit selbst gebastelten und gedruckten Postern, Fotos und Montagen. Darüber, das einzige gerahmte Bild, größer und durchkomponiert mit einer großen Bildunterschrift. Ich erfahre, dass es das liebste Stück meines Interviewpartners ist. Es handelt sich dabei um ein Dankeschön für eine Protestdemonstration gegen die Inhaftierung von Demonstranten vor dem Konsulat deren Landes. Die Greanpeace-Gruppe hatte es geschafft, ohne Unterbrechung mehrere Wochen über die gesamte Zeit der Gefangenschaft hinweg vor der Botschaft für die Freilassung zu kämpfen. Es war eine harte Zeit und der Sieg umso größer. Das Bild erinnert an diesen Erfolg und symbolisiert die Dankbarkeit der Greenpeace-Organisation des betreffenden Landes. Greenpeace Berlin, war die einzige Gruppe, welche die komplette Zeit durchgehalten hat. Gegenüber der Tür unter dem Fenster befinden sich alte Teile eines Demonstrationsaufbaus: ein Lehnstuhl aus dunklem Holz, wie er in alten Restaurants zu finden ist, und ein Schaukelstuhl aus hellem Holz und Korbgeflecht. Darauf eine Weltkugel aus Pappe. An der Decke hängt ein Mobile, das aus regenbogenfarben bemalten dünnen Holzplättchen besteht, und schön


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In diesem bunt ­zusammengewürfelten Sammelsurium stellt sich die Frage, ob hier ­überhaupt etwas aktiv für diesen Büroraum gekauft worden ist.

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angeordnet ist. Ein paar Pflanzen stehen hier in dem lichtdurchfluteten Raum auch herum, sie könnten etwas mehr Pflege vertragen. In diesem bunt zusammengewürfelten Sammelsurium stellt sich die Frage, ob hier überhaupt etwas aktiv für diesen Büroraum gekauft worden ist. Ich ernte in zögerliches Umgucken auf meine Frage und dann ein enthusiastisches »Ja, das Telefon, ach und der Computer, aber das wars auch schon. Maus, Tastatur und Bildschirm sind Spenden wie alles andere. Wir schaffen es, zu 90 % kein Geld für Büromaterialien ausgeben zu müssen.« Und tatsächlich sieht man es den Möbeln unterschiedlicher Herkunft deutlich an. Ich hege keinen Zweifel daran, dass hier noch einmal repariert wird, bevor man etwas austauscht. Einzig der große, teure Bürodrucker sticht heraus, auch wenn er ebenfalls von einer dünnen Staubschicht überzogen ist. Er ist gemietet, wird mir versichert. Dies ist eine ideale Alternative zum Kauf, da man sich nicht um die Instandhaltung kümmern muss, welche recht aufwendig sein kann, und dennoch in hoher Auflage selber drucken – Infomaterial beispielsweise. Ich frage nach, ob sich irgendjemand berufen fühlt, hier mal etwas umzustellen oder anders zu gestalten, was die Möblierung anbelangt. »Dieses Regal steht schon immer da, seit ich hier bin und schon Jahre davor, es hat sich keinen Zentimeter bewegt, wird da wahrscheinlich auch zusammenbrechen, dann noch mal repariert und erst dann, wenn es wirklich nicht mehr geht, entsorgt. Wenn wir Wiederverwertbarkeit kommunizieren wollen, muss es von uns natürlich auch vorgelebt werden.«, ist seine Antwort. Als Viktoria zum Fotografieren kommt, werden wir durch die gesamte Wohnung geführt. Der lange Flur ist mit anderen gerahmten Bildern ausgestattet: hochwertige Fotos zur Aufklärung über den Fischfang, Wale und Delphine.


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»Dieses Regal steht schon immer da, seit ich hier bin und schon J ­ ahre ­davor, e­ s hat sich k ­ einen ­Zentimeter bewegt, wird da w ­ ahrscheinlich auch ­zusammenbrechen, dann noch mal ­repariert und erst dann, wenn es wirklich nicht mehr geht, entsorgt. Wenn wir ­Wiederverwertbarkeit ­kommunizieren wollen, muss es von uns natürlich auch vorgelebt werden.«

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Eines wird sehr schnell klar: Die Philosophie der ­Nachhaltigkeit wird hier deutlich umgesetzt und nicht nur zum Schein nach ­außen g ­ etragen.


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»Kritik würde es g­ eben, wenn ich erklären ­müsste, warum ich mit den ­Spenden-Geldern ­einen großen Apple für’s Büro kaufe, statt in das Material für die nächste ­Informationsveranstaltung zu investieren. […]«


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Von hier aus gelangen wir wieder in das Büro, welches noch einen Durchgang zu einem größeren Raum hat. Dieser wird als »Saal« für Versammlungen zu bestimmten Themen, für Diskussionsrunden und andere Veranstaltungen genutzt. Die Stühle hier machen einen moderneren Eindruck und erinnern an eine etwas ältere Hoteleinrichtung. Ob ihrer großen Menge Ohne diese hätte man wohl das Gefühl, in einer großen WG zu der gleichen Art heben sie sich von dem ansonsten zusamsein. Überall stehen Sachen herum, von der letzten Demo oder mengewürfelten Mobiliar seltsam ab. Auch sie gehen auf eine der davor. Wir gehen vorbei an einem großen Badezimmer, Spende zurück. Wenn ganz große Gruppen zusammenkommen, ausgestattet mit mehren Toiletten. Die ersten handgeschrie- müssen zusätzlich Stühle aus den anderen Räumen herbeibenen Zettel begegnen uns, mit freundlichen Aufforderungen, geschafft werden. Ein gekünstelter Versuch, Autorität durch mehreren Ausrufezeichen. Ebenfalls kleine Anweisungen in Möblierung darzustellen, ist in den homogenen Stuhlreihen der schmalen, langgezogenen Küche, die den WG-Charme nicht zu erkennen. Dies wäre für die Leute, die hier her noch verstärken wie auch der Mix an Geschirr, Regalen, Kaffeekannen und Tüchern, der seinesgleichen sucht. Hinter der Küche gelangen wir zu zwei großen Lagerräumen und einem »Bastelzimmer«, das Werkstatt-Qualität besitzt. Es stört auch nicht, dass 5 Hämmer und nur eine Säge zu finden sind, man ist ja auch hier auf Spenden angewiesen. Gegenüber vom Lagerraum befindet sich ein Besprechungszimmer mit einem sehr großen, eckigen Tisch in der Mitte. An den Wänder wiederum Regale, in welchen jede einzelne Unterorganisationen von Greenpeace ihren Bereich hat. Kleine Aufbauten mit Figuren und Schildern weisen auf die jeweiligen Spezifika hin. Ein Bereich gilt beispielsweise den Meeren, der nächste den Wäldern, wieder der nächste gehört der Jugend-AG und ihren Aktionen für die Umwelt.

kommen, auch gar nicht nötig, meint Martin. Wer sich hier einfindet, hat bereits begriffen, dass es etwas zu tun gibt, dass es hier um essenzielle Themen geht. Zurück im Büroraum spreche ich mit Martin über seine Haupttätigkeit als Webdesigner. Dabei fällt mir auf, dass er an einem MacBook arbeitet, statt an dem älteren Büro-PC. Das MacBook ist sein privater Rechner, mit welchem er viel einfacher arbeiten kann und besser voran kommt. »Verständlich«, sage ich, »aber hagelt es dabei nicht Kritik?« »Kritik würde es geben, wenn ich erklären müsste, warum ich mit den Spenden-Geldern einen großen Apple für’s Büro kaufe, statt in das Material für die nächste Informationsveranstaltung zu investieren. Als Privatperson hingegen kann ich mir natürlich ein MacBook zulegen und darauf auch für Greenpeace arbeiten,



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genauso wie alle anderen freiwilligen Helfer tun und lassen können, was sie wollen, solange sie dabei nicht Greenpeace nach außen repräsentieren.« Das leuchtet ein. Ich selbst hatte schon die eine oder andere Begegnung mit überengagierten Aktivisten, die meinen Konsum von Cola angeprangert haben. Deswegen kann ich mir gut vorstellen, dass es wegen des MacBooks ab und zu böse Blicke von Mitarbeitern geben könnte. Doch Martin verneint dies, denn jeder der hier arbeite, hätte bereits seine ersten Schritte getan und möchte etwas ändern. Sicherlich wäre es komisch, wenn man hier mit einem Kasten CocaCola ankäme, aber jemanden deswegen zu verurteilen wäre dumm, genauso wie vorauszusetzten, dass jeder hier ein ökologischer Super-Mensch würde. »Du bist bereit etwas in der Welt zu ändern, wenn du den Weg hierher gefunden hast, und sicherlich ist ein Schritt davon, etwas an deinem eigenen Verhalten zu ändern. Jedoch darf das jeder in seinem Maße und zu seiner Zeit.« Während Viktoria noch die letzten Bilder vom großen Besprechungsraum aufnimmt und eine andere Dame beginnt, im Versammlungsraum alles für eine Schulgruppe vorzubereiten, verabschiede ich mich. Ich habe Durst und Appetit auf Orangensaft. Prompt folgt ein geschmunzelter Kommentar von Martin über den Genuss von Zitrusfrüchten außerhalb ihrer Saison.

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Dr. Manfred Wäsche GESCHÄFTSBEREICH WIRTSCHAFT

CHRISTIAN BERNHARDT | TOBIAS JÄNECKE | HENRIK HAGEDORN

IHK Potsdam


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Nach dem Grund gefragt, schmunzelt Herr Dr. Wäsche und bemerkt, dass die Wände nur aus Gipskarton seien und deshalb Bilderleisten notwendig machen.

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Herr Dr. Wäsche arbeitet momentan in zwei Büros, da er neben der Leitung des Bereichs

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Wirtschaft kommissarisch das Amt des Hauptgeschäftsführers übernimmt. Seine derzeitige Stellung und Verantwortung spiegelt sich in beiden Büros wieder. Das Büro des Hauptgeschäftsführers befindet sich in der obersten Etage der IHK. Es wird unter anderem für die Zusammenkünfte der Geschäftsbereichsleiter genutzt.


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meiste Zeit verbringt er jedoch in seinem Büro in der ersten Etage, in der Geschäftsabteilung Wirtschaft. Dort arbeitet er seit dem Bau der IHK-Hauptgeschäftsstelle 2000/2001. Zuvor war er von 1996 bis 2000 Leiter des RegionalCenters Teltow-Fläming der IHK Potsdam in Luckenwalde. An seine Zeit dort erinnert er sich gern, da er mit »mit allem konfrontiert« gewesen sei, es aber dennoch die Absicherung durch die Hauptstelle gab. Seit dem Wechsel in die IHK-Hauptgeschäftsstelle arbeitet er in dem Bereich »Innovation und Technologie«, der eine Brücke zu seiner Leidenschaft, Physik, schlägt. Im weiteren Tagesverlauf folgen Termine mit Externen und Kammermitgliedern. Das restliche »tägliche Paket«, wie er es nennt, besteht aus Beratungen, Außenterminen, Jubiläen, Gremienarbeit, Veranstaltungen, Vorträgen und Moderationen. Der mittägliche Austausch findet in der IHK-eigenen Kantine statt. Diese wird nicht nur von Mitarbeitern der IHK, sondern auch von Beschäftigten der umliegenden Ministerien und Besuchern des IHK-Bildungszentrums besucht. Beim Mittagessen lasse sich vieles in ungezwungener Atmosphäre besprechen und viele Neuigkeiten aus erster Hand erfahren. Dieser persönliche Austausch garantiere kurze Wege – Etwas, das ihm wichtig ist. »So kann man sich durch Partnerschaften mit einigen Ministerien ­frühzeitig e­ inbringen «. In letzter Zeit endet sein Tag erst gegen 22:00 Uhr.

12 | https://de.wikipedia.org/wiki/Industrie-_und_Handelskammer (19. Mai 2017) 13 | https://de-de.facebook.com/ihkpotsdam/ (19. Mai 2017)

Die

IHK POTSDAM Potsdam, 52°23’42.8”N 13°03’12.1”E Industrie- & Handelskammer Die Geschichte der Industrie- und Handelskammern, denen die Idee der Selbsthilfe durch Zusammenschluss zugrunde lag, geht bis ins Mittelalter zurück. Ab dem 19. Jahrhundert dienten die Einrichtungen erstmals auch der Erfüllung öffentlicher Aufgaben. In Deutschland gibt es 79 Industrie- und Handelskammern, die für unterschiedlich große Regionen zuständig sind. Sie übernehmen Aufgaben der Selbstverwaltung der regionalen Wirtschaft. 12 www.ihk-potsdam.de

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Beim Mittagessen lasse sich vieles in ­ungezwungener ­Atmosphäre besprechen und ­viele N ­ euigkeiten aus erster Hand ­erfahren.­ Dieser p ­ ersönliche ­Austausch garantiere kurze Wege – etwas, das ihm wichtig ist.


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Die verbleibenden Stunden des Tages genießt er dann im Kreise der Familie, bleibt aber weiterhin erreichbar. Das empfindet er nicht als Belastung, da die Erreichbarkeit einfach notwendig sei: ­ »Es kann Fluch und Segen sein, aber ich komme damit klar«. »Das, was Brandenburg am meisten braucht, sind technologieorientierte Gründungen«. Dabei sieht Herr Dr. Wäsche den Wissensaustausch im Mittelpunkt: »Deshalb sind mittlerweile auch Unternehmen wie SAP im Raum Potsdam ansässig«. Unternehmen werben gezielt vor Ort Studierende an, wie beispielsweise das Hasso-Plattner-Institut. So schließe sich der Kreis. Es sei so möglich, Standorte wie Potsdam für Unternehmen attraktiv zu machen. Die IHK ist dafür verantwortlich, dass der Nachwuchs entsprechend durch duale Ausbildungen gefördert und aufgebaut wird. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil der Kammerarbeit. Wir werden im Sekretariat, vor der Besuchertür zu Herrn Dr. Wäsches Büro, von ihm persönlich willkommen geheißen. Nach einer kurzen Vorstellung unsererseits werden wir gebeten, am vorbereiteten Kaffeetisch Platz zu nehmen. Kaffeetassen, eine Kanne Kaffee, Milch und Plätzchen stehen auf dem verlängerten, runden Besprechungsbereich des Schreibtisches bereit. Herr Dr. Wäsche nimmt auf seinem Bürostuhl Platz, wir sitzen ihm gegenüber. Schon beim Betreten des Büros fallen uns die Gemälde an den Wänden auf, viele davon mit regionalem Bezug wie dem Einsteinturm oder der

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Eine Trophäe, auf die Dr. Wäsche freudig zu sprechen kommt: »Da sind wir schon bei der Fachhochschule«, lacht er, bevor er die verstaubte Plastikhaube von der Trophäe hebt und sie in die Hand nimmt. Die Trophäe gehört zu einem Wettbewerb an der Fachhochschule, an dessen Ausschreibung er beteiligt war.

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Potsdamer Garnisonskirche. Andere Bilder zeigen private Erinnerungen wie »ein gelungenes Silvester in Warnemünde «. Herr Dr. Wäsche spricht seine Empfehlung aus: sollten wir einmal Interesse an einem wirklich schönen und beeindruckenden Silvester haben, sollten wir es in Warnemünde an der Ostsee verbringen. Einige Bilder zieren Formeln, die, wie Herr Dr. Wäsche uns verrät, alle einen Bezug zur Physik haben. Uns fällt auf, dass alle Gemälde auf Bilderleisten angebracht sind. Nach dem Grund gefragt, schmunzelt Herr Dr. Wäsche und bemerkt, dass die Wände nur aus Gipskarton seien und deshalb Bilderleisten notwendig machen. Wir fragen nach seinen Lieblingsbildern. Lachend schaut er sich um: Lieblingsbilder habe er bestimmt, diese würden jedoch nicht in seinem Büro, sondern zu Hause hängen, da seine Frau die Bilder male. Nicht nur an Hand der Gemälde, sondern auch an im Raum verteilten Urkunden wird Herrn Dr. Wäsches Bezug zur Physik deutlich. Eine riesige, handgeschriebene, gerahmte Urkunde steht zu unserer

Rechten an die Wand gelehnt. Sie sei zu schwer, um sie an den vorhandenen Bildleisten aufhängen zu können, wird uns erklärt. Auf einer Kommode sind weitere, kleinere Urkunden und Zertifikate aufgereiht. Die persönliche Note ist klar erkennbar. Zwar ist das Mobiliar eher schlicht und praktisch, doch ist das Büro in gewisser Weise gemütlich eingerichtet. Der Schreibtisch hat eine Profilform, der Arbeitsbereich ist seitlich zum Fenster hin ausgerichtet. Die Gegenstände auf dem Schreibtisch sind geordnet und und nach praktischen Gesichtspunkten organisiert. Ein großer Bildschirm sowie Tastatur und Telefon stehen auf der linken Seite. Fotos seiner Söhne stehen rechts neben dem Monitor. Stifte liegen in einer Reihe mit dem Tacker. Unterlagen sind thematisch sortiert. Fast übersehen wir einen kleinen Sinnspruch aus einem Glückskeks, der unter der Schreibtischunterlage platziert ist: »Sie sind ein Power-Typ, ehrgeizig, intellektuell und Sie können es weit bringen.« Das Juwel des Büros steht direkt vor uns auf dem Schreibtisch. Eine Trophäe, auf die Dr. Wäsche freudig zu sprechen kommt: »Da sind wir schon bei der Fachhochschule«, lacht er, bevor er die verstaubte Plastikhaube von der Trophäe hebt und sie in die Hand nimmt.


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Fast übersehen wir einen ­kleinen Sinnspruch aus e­ inem Glückskeks, der unter der Schreibtischunterlage platziert ist: »Sie sind ein Power-Typ, ehrgeizig, intellektuell und Sie können es weit bringen.«

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»Direkte Absprachen sind für mich ein elementarer Punkt. Grundsätzlich stehen meine ­Türen immer offen. Zeit ist­ ein kostbares Gut.«

Die Trophäe gehört zu einem Wettbewerb an der Fachhochschule, an dessen Ausschreibung er beteiligt war. Sie sei der Preis für die Kategorie »Wachstum, Innovation, Nachhaltigkeit und Engagement«. Entworfen hat sie ein Designstudent der Fachhochschule Potsdam. Fasziniert erklärt er uns die Besonderheit der gold glänzenden Ehrung: Sie ist ein Stehaufmännchen. Ein Symbol für die Brandenburger Wirtschaft, die auch immer wieder aufstehe, wie er lachend ergänzt.


IHK Potsdam DIE INDUSTRIE- UND HANDELSKAMMER

Der Preis reiht sich ein in eine Serie weiterer Kooperationen zwischen der IHK und der Fachhochschule Potsdam. Beispielhaft nennt uns Dr. Wäsche das Projekt »Perspektivwechsel«. Einen Tag lang tauschte er sein Büro gegen einen Hörsaal ein und gestaltete Vorlesungen, während ein Professor der Hochschule den Vorsitz der IHK-Geschäftsstelle Wirtschaft übernahm. In der Vorbereitung des Projekts wurde auch hier kein langer Briefverkehr getätigt. Im Sinne der »kurzen Wege« traf man sich am Vorabend und beriet sich über den kommenden Tag: »Direkte Absprachen sind für mich ein elementarer Punkt. Grundsätzlich stehen meine Türen immer offen. Zeit ist ein kostbares Gut.« Es bleiben noch wenige Minuten Zeit, um Dr. Wäsches zweites Büro – das des Hauptgeschäftsführers – zu begehen. Wir fahren mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage und werden von freundlichen Sekretärinnen in das Büro geleitet. Obwohl Dr. Wäsche das Büro nur temporär nutzt, hat er dennoch eine persönliche Note eingebracht. »Künstlerisch verwirklicht« habe er sich jedoch noch nicht, bemerkt er. Provisorisch zieren einige Malereien seiner Frau die Wände, viele davon sind wie in seinem Hauptbüro an Bilderleisten angebracht. Dächer blicken – eine Aussicht, der Dr. Wäsche wenig positives abgewinnen kann: »Im Haus gegenüber steht die Gardine schon seit Wochen auf halb sieben«. Über eine weitere Tür ist der Raum mit dem Büro des Präsidenten verbunden. Auch hier werden wieder die »kurzen Wege« deutlich. Zum Abschluss unseres Gesprächs zeigt uns Dr. Wäsche noch stolz seine ­Enkelkinder, deren Fotos gerahmt auf dem Schreibtisch stehen. Dann verabschieden wir uns. Herr Dr. Wäsche muss zum n­ ächsten Termin.

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Petra Sitte BUNDESTAGSABGEORDNETE

SARAH KLEMISCH

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Nach ihrer Auffassung lenkt zu viel Besitz ab und macht unfrei, da Besitz auch immer Zeit und Geld kostet.

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Es ist ein diesiger, grauer Tag im Winter, an dem wir Dr. Petra Sitte von der Fraktion Die Linke zum Interview in ihrem Berliner Büro des Abgeordnetenhauses treffen. Sie ist die parlamentarische Geschäftsführerin und zweite Fraktionsvorsitzende der Linkspartei.


Unser

Weg zum Bürogebäude der Abgeordneten führt vorbei am Reichstagsgebäude, die Dorotheenstraße entlang bis hin zur Wilhelmstraße. Der ganze Straßenzug ist Teil des größten deutschen Parlamentsneubaus, des Jakob-Kaiser-Hauses, und wurde im Januar 2002 fertig gestellt. Aus dem Pressetext des Bundestages erfährt man, dass der Gebäudekomplex mit einer transparenten, aufgelockerten Struktur geplant wurde, um die alten denkmalgeschützten Gebäude einzubeziehen. Die großformatige graue Werksteinverkleidung der Neubaufassaden soll dabei einen markanten Gegensatz zu der dekorativ verzierten Sandsteinfassade der Altbauten bilden. Zeitgenössische Sachlichkeit soll sich von der Tradition opulenter Dekoration von Macht abheben. In der winterlichen Tristesse ist davon leider wenig zu erkennen. Wie auch der Rest der Stadt versinken die Gebäude in

wenig abgestuften Grautönen. Durch die Blockrandbebauung wirken die Gebäude zudem sehr streng und kühl, was der nur dezent vorhandene Baumbestand in seiner Zaghaftigkeit noch verstärkt. Der Begriff »Straßenschluchten« wirkt auf einmal sehr plastisch. Die Absicht, mit dem Neubaukomplex Offenheit und Transparenz zu vermitteln wurde durch großzügige Fensterfronten mit heller Holzrahmung umzusetzen versucht. Da diese mittels Lamellen aber auch komplett verdeckt werden

14 | https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Linke (19. Mai 2017) 15 | https://de-de.facebook.com/DIELINKE.Berlin/ (19. Mai 2017)

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DIE LINKE BERLIN Berlin, 52°31’06.1”N 13°22’42.5”E Die Linke Die Linke leitet ihren Namen aus dem Anspruch einer linken politischen Orientierung mit „feministisch-sozialistischer“ Ausrichtung her und zielt auf die Überwindung des Kapitalismus hin zu einem demokratischen Sozialismus ab. 14 www.die-linke-berlin.de

❦ 18.566 facebook 15

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können, kann das Jakob-Kaiser-Haus auch den gegenteiligen Eindruck erwecken. Im geschlossenen Zustand der Lamellen hat die Fassade schon fast etwas gefängnishaftes. Die Straßenzüge der Wilhelm- und Dorotheenstraße gehören zu einem dicht bebautem Innenstadtgebiet und weisen schmale Gehsteige auf. Dies führt dazu, dass die Wirkung der Gebäude auf Passanten eher beengend ist, da sich zu beiden Seiten sehr hoch erscheindende Häuserschluchten aufbauen. Es fehlt der Raum, den die Gebäude für Ihre Wirkung bräuchten, und für Passanten mangelt es an ausreichender Luft zwischen Hausfassade und Straße. Zur Spreeseite hin öffnet sich der Komplex jedoch. Blickt man vom anderen Ufer der Spree herüber zum Jakob-Kaiser-Haus wirkt das Gebäude zugänglicher und aufgelockerter. Die Fassade ist aufgebrochen mit zur Spree hin geöffneten Höfen, und entlang der Spree gibt es einen breiten Streifen zum Flanieren. Aus diesem Blickwinkel entfaltet sich die Wirkung des Gebäudes, hier wird tatsächlich Offenheit und Transparenz vermittelt. Die Wahl dieses Areals ist auch aus anderen Aspekten gut nachvollziehbar. Bereits zum ausgehenden 19. Jahrhundert war die Dorotheenstadt ein repräsentativer Stadtteil, in dem sich viele Institutionen und Organisationen niedergelassen hatten. Und so wurde das historische Reichstagspräsidentenpalais nach historischem Vorbild


DIE LINKE LANDESVERBAND BERLIN Im Erdgeschoss der Gebäude an der Wilhelmstraße befinden sich jedoch einige Ladengeschäfte. Dies bricht die politische Funktion des Gebäudes, gleichzeitig gliedert es sich hierdurch in die urbane Umgebung ein. Auch heute ist die Dorotheenstraße ein begehrter restauriert und in den Neubau des Geschäfts- und Unternehmenssitz, die Jakob-Kaiser-Hauses eingebettet. Flaniermeile Unter den Linden ist in Seit 1999 befindet im ReichstagsSichtweite. So können Passanten z. B. präsidentenpalais der Sitz der deutschen bei ButterLindner Brötchen kaufen und Parlamentarischen Gesellschaft. befinden sich direkt unter dem Büro der Die Nähe zum Reichstag, dem Paulparlamentarischen Geschäftsführerin Löbe-Haus und zum Marie-Elisabethder Linken, Petra Sitte. Lüders-Haus stellt wohl den wichtigsten Von der gegenüberliegenden StraßenGrund für die Wahl der Dorotheenstadt seite wird politische Transparenz noch als aktuellen Standort der Bundestagetwas direkter ausgestrahlt: Das Büro sabgeordnetenbüros dar. So macht die von Petra Sitte befindet sich in der direkte Nähe der Gebäude zueinander ersten Etage und ist daher aus ein unterirdisches Tunnelsystem mögPassantensicht direkt einsehbar. lich, durch das die Häuser miteinander Im Jakob-Kaiser-Haus sind etwa 60% verbunden sind. der Abgeordnetenbüros untergebracht. Auch das ARD Hauptstadtstudio befindet Petra Sittes Büro liegt im Gebäude sich in direkter Nachbarschaft an der Wilhelmstraße 66. Für Besucher ist Wilhelmstraße. Auf diese Weise ist das ihr Büro jedoch nur über den Eingang Zentrum der politischen Berichterstatdes Gebäudes Wilhelmstraße 68 zu tung samt kritischem journalistischen erreichen, da dieser mit einer SicherBlick direkt im politischen Geschehen heitsschleuse ausgestattet ist. Dieser eingebettet. Für Journalisten und hohe Sicherheitsaufwand stellt eine der Politiker bestehen hierdurch kurze Wege. deutlichsten Veränderungen zur Bonner Wie die anderen Neubauten des Bundes- Regierungszeit dar. Im dortigen Abgetages vermittelt das Jakob-Kaiser-Haus ordnetenhaus der Bundestagsmitglieder als moderne, zeitgenössische Archifielen die Sicherheitsvorkehrungen weit tektur Geradlinigkeit und Sachlichkeit. geringer aus, eine Sicherheitsschleuse Das Jakob-Kaiser-Haus beeindruckt wurde bis zum Umzug nach Berlin nicht dabei vor allem durch seine Länge, die eingerichtet. Dies mag angesichts der sich über mehrere Blocks erstreckt. globalen politischen Entwicklungen

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116 vor allem ein Zeichen der Zeit sein. Es liegt nahe, diese Sicherheitsschleuse vor allem als Reaktion auf die Terroranschläge aufs World Trade Center und das Pentagon zu interpretieren, die sich nur wenige Monate vor der Fertigstellung des Gebäudes ereignet hatten. Der Eingang der Wilhelmstraße 68 ist etwas zurückgesetzt und mit einer großzügigen Fensterfront mit Rahmung und abgesetzten Paneelen aus hellem Holz ausgestattet. So wird die klare Linie der Architektur weitergeführt und der Eingang mit einem einladenden Gestus versehen. Dennoch wirkt der Eingang beim Betreten sehr dunkel. Die Pförtnerin sitzt hinter Sicherheitsglas, kontrolliert die Ausweise und meldet uns an. Wir passieren die Sicherheitsschleuse, in der unsere Taschen durchleuchtet werden und unsere Kleidung mit Metalldetektoren überprüft wird. Anschließend bittet man uns nach hinten in einen

Die Wände sind teils grau gestrichen mit grauen Steinplatten verblendet, teils holzvertäfelt. Geschickt sorgt eine raffiniert eingelassene Spiegelkonstruktion für indirekte Beleuchtung. Die Sitzecke befindet sich vor hohen Fenstern, die zum Hof zeigen und hüfthoch vergittert sind. Rechts und links von den Fenstern sind Fächer in die Wand eingelassen, die aussehen, als

Warteraum. Da wir deutlich zu früh sind, haben wir Zeit, uns dort etwas genauer umzusehen. Dieser Raum hat einen merkwürdigen Durchgangscharakter und ist zur Sicherheitsschleuse hin offen. Ohne Lehne sitzen wir etwas unbequem auf einer der drei Barcelona-Bänke von Ludwig Mies van der Rohe – Klassiker der Moderne, welche die sachliche, funktionsorientierte Formgebung des Bauhauses programmatisch vorführen. So findet die geradlinige Gestaltung der Fassade zur Wilhelmstraße in der Raumgestaltung ihre Fortsetzung.

würden sie zur Zeitungsauslage dienen. Es sind jedoch keine Zeitschriften vorhanden, so wirken die Fächer leer und vergessen. Wir nutzen die Gelegenheit, dem Treiben der Sicherheitsangestellten zuzusehen. Sie haben einen lockerem Umgang miteinander und bringen uns mit ihren kessen Sprüchen zum schmunzeln. Dennoch wirkt die Situation des Wartens an diesem Ort eher beklemmend. Dies wird vor allem durch die Unterbringung in einer Nische des Durchganges und den vergitterten Fenstern hervor gerufen. Wir fühlen uns


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wie abgestellt und wünschen uns eine einladendere Wilkommenskultur für den Wartebereich. Nach einer Weile werden wir pünktlich von der Assistentin, Frau Hirschberg, abgeholt. Sie stellt sich freundlich vor und macht einen sehr offenen und sympathischen Eindruck. Wir müssen ein langes Stück unterirdisch laufen und fragen Frau Hirschberg nach der Kunst an den Wänden. Sie weiß jedoch noch wenig darüber, da der 18. Deutsche Bundestag erst vor drei Monaten in neu zugewiesene Büros gezogen ist. Durch den Fußgängertunnel erreichen wir schließlich das Gebäude Wilhelmstraße 68 und stehen am Fuß ei-

ner breiten, mittig angelegten Treppe, die von einer zur anderen Stirnseite verläuft und durchgehend bis hinauf zum obersten Geschoss gestaltet ist. Der Flur in der ersten Etage, in der sich das Büro von Frau Sitte befindet, ist sehr lang und ebenfalls bis zum obersten Geschoss offen. Durch die verglaste Decke kämpfen sich ein paar Strahlen Tageslicht. Die Innenräumlichkeit hier erinnert ein wenig an Gefängnisarchitektur: Auf jeder Etage befinden sich je zur linken und rechten Seite die Büros. Die Gänge erstrecken sich galerieartig davor, die Mitte der Etagen ist ausgelassen. Beide Galerieseiten sind über Brücken miteinander verbunden. Die Stufen und

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Petra Sitte erklärt, dass sie keine Pflanzen an i­ hrem Arbeitsplatz benötigt. Dagegen legt sie Wert auf ­Klarheit und Ordnung, um fokussiert arbeiten zu können. Allerdings entdecken wir zahlreiche kleine Andenken und Spielereien auf ihrem Schreibtisch, meist sind es Geschenke von ehemaligen Kollegen.


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der Handlauf sind aus hellem Holz, das Geländer vermutlich aus Edelstahl. Es ist eine kühl zurückhaltend gestaltete Treppe, die durch ihre prominente Situation im Raum und ihre Proportion jedoch einen gewaltigen, durchaus etwas bedrohlichen Eindruck macht. Die oberen Etagen sind deutlich heller und wirken daher offener und freundlicher als die unteren. Die Türrahmen der Büros sind flächig und verlaufen durchgehend bis zur Etagendecke, so fügen sich die Türen samt ihrer reduzierten Klinken dezent in die Flursituation ein. Da die Türrahmen einige Zentimeter nach vorn versetzt sind und die Tiefe des Rahmens verglast

Nun werden wir Frau Sitte vorgestellt und treten in ihr Büro ein. Uns fällt sofort der vertraute, lockere Umgang zwischen den beiden Frauen auf. Petra Sitte, 1960 in Dresden geboren und auch dort aufgewachsen, ist eine mittelgroße, drahtige Frau mit Kurzhaarschnitt und eher herbem Äußeren. Im Kontrast dazu steht ihre ausgesprochen freundliche und zugängliche Art, durch die wir uns auf Anhieb willkommen fühlen. Sie trägt dunkle Jeans und eine gemusterte Bluse, darüber eine Anzugweste aus feinem grauen Stoff. Ihr Büro ist imposant, es mag etwa vier mal so groß wie das Vorzimmer sein. Trotz der Größe wirkt der Raum nicht einschüchternd. Das Mobiliar wirkt auch hier hochwertig und funktional, wenig auf Repräsentation ausgerichtet. Zunächst fällt uns der ausladende Schreibtisch ins Auge, der in klassischer

ist, kann man anhand des Lichtscheins erkennen, ob sich jemand im Büro befindet oder nicht. Der Flur macht einen sehr hochwertigen, sich bewusst zurücknehmenden Eindruck. Die imposante Treppe wirkt als deutlichster Blickfang und soll auch sinnbildlich zu einer Verbindung der einzelnen Etagen beitragen. Frau Hirschberg führt uns in ihr Reich, das Vorzimmer vom Büro der Bundestagsabgeordneten Dr. Petra Sitte. Es mag etwa 18 qm groß sein und ist mit zurückhaltenden, funktionalen Holzmöbeln ausgestattet.

Machtposition mit Blick zur Tür und seitliche zur Fensterfront steht. Davor steht ein sehr großer runder Tisch, Frau Sitte macht eine Geste und fordert uns auf, dort Platz zu nehmen. Wir sitzen zu Beginn zu viert an dem großen Tisch, Vi Vu und Marleen stehen jedoch einige Male auf und erkunden das Büro fotografisch. Für ein Interview ist der Tisch etwas zu groß. Um sich gegenüber zu sitzen, befindet man sich zu weit auseinander, aber näher zusammen würde man sich angesichts des großen Platzangebotes zu nahe sitzen.

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Sie mochte runde Tische ­bereits aus Familienrunden und schätzt die Eigenschaft, dass jeder an einer gleichwertigen Position am Tisch sitzt und so jedem auch ­symbolisch die gleiche ­Bedeutsamkeit zukommt.


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Zunächst fällt uns der ausladende Schreibtisch ins Auge, der in klassischer Machtposition mit Blick zur Tür und seitliche zur Fensterfront steht.

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Zu Beginn gesteht Petra Sitte, dass sie unvorbereitet ist, aber dass dies ja zu spontaneren und offeneren Antworten führte und damit durchaus im Sinne des Interviews sei. Frau Sitte wirkt tatsächlich sehr offen und daran interessiert, worum es bei dem Interview denn eigentlich genau geht. Sie zeigt keinerlei Distanz oder verhaltene Reaktionen auf unsere Fragen. Zunächst sprechen wir über die Wirkung des Jakob-Kaiser-Hauses, welches Empfinden sie gegenüber den Räumlichkeiten und der Umgebung hat. Petra Sitte nimmt die Architektur zwar als wohltuend funktional aber nur bedingt geeignet wahr. Aus ihrer Sicht kommuniziert das Gebäude keine Öffnung nach außen. Mit einem Blick aus dem Fenster stellen wir fest, dass die gegenüber liegende Fassade etwas zu nahe ist, man fühlt sich eingebaut. Dieses Gefühl teilt

unterhalb der Gebäude. Petra Sitte beschreibt, dass man dies als Abgeordnete aus Bequemlichkeit auch gerne nutzt. Die unterirdischen Gänge machen ein An- und wieder Ausziehen überflüssig und werden daher dankbar als Alternative angenommen. Hier ist anzumerken, dass wir Frau Sitte im Januar besuchen und seit ihrem Einzug im Oktober vor allem nasskaltes Wetter ist. Im Sommer könnten sich diese Gewohnheit allein durch das Wetter ändern.

auch Frau Sitte. Interessanterweise entspricht unser erster Eindruck von der Geschlossenheit des Gebäudes, das wir von außen auf der Wilhelmstraße empfunden haben, auch dem Gefühl, das innerhalb des Gebäudes entsteht. Petra Sitte spricht die unterirdischen Gänge an und meint, dass auch diese zu dem Gefühl der abgeschlossenen Architektur beitragen. Da das Jakob-Kaiser-Haus so mit den nebenliegenden Regierungsgebäuden verbunden ist, besteht ein regelrechter Fuchsbau

Insgesamt versucht sich Frau Sitte auf die Architektur, die äußere wie auch die innere, einzulassen und für sich optimal zu nutzen. Dennoch fühlt sie sich von der Architektur reglementiert. Besonders das gelbe Licht im Tunnel findet sie sehr zweifelhaft und vergleicht es mit dem allgemeinen Bild einer Nahtoderfahrung: Das Licht am Ende des Tunnels. Die Büros werden den Abgeordneten grundsätzlich zugewiesen. Jede Fraktion hat ein Raumkontingent, und es wird jemand ausgewählt, der die Räume zuteilt. Das Büro von Petra Sitte ist an das Amt

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der parlamentarischen Geschäftsführung gebunden. Die umliegenden Büros sind den Positionen zugewiesen, die am nächsten mit ihr zusammen arbeiten. Frau Sitte beklagt, dass die Büros unpraktisch ausgestattet seien, es gebe viel zu wenig Platz für Ordner, die sich in ihrer kurzen Zeit im Büro bereits schnell vermehrt haben. Der große Runde Tisch war Frau Sitte bei der Ausstattung ihres Büros besonders wichtig. Sie mochte runde Tische bereits aus Familienrunden und schätzt die Eigenschaft, dass jeder an einer gleichwertigen Position am Tisch sitzt und so jedem auch symbolisch die gleiche Bedeutsamkeit zukommt. Anders als beim klassischen Schreibtisch, an dem lange und kurze Seiten die Hierarchien festlegen. Diese Vorliebe hat jedoch auch eine politische Bedeutung. Nicht umsonst ist der runde Tisch ein zentraler Begriff der neuen Demokratie. Diskurse werden auf einer Hierarchieebene ausgetragen, alle Beteiligten stehen auf der gleichen Stufe. Ganz in diesem Sinne bevorzugt auch Frau Sitte flache Hierarchien und betraut ihre Mitarbeiter mit weiten Handlungsund Verantwortungsspielräumen.

Eine ständige Kontrolle ihrer Mitarbeiter wäre zeitlich auch schlicht nicht möglich. Petra Sitte zog den runden Tisch auch einer Ledercouchgarnitur vor. Diese fand sie nicht praktisch und auch nicht schön. Der große runde Tisch dagegen bietet auch bei Besprechungen ausreichend Platz um Papiere und Dokumente auszubreiten. Trotz der praktischen Einrichtung und des großzügigen Raumangebotes in ihrem eigenen Büro nutzt Petra Sitte zu Besprechungen gern die Gelegenheit, ihre Mitarbeiter in ihren Büros zu besuchen. Sie möchte sich auch selbst ein Bild davon machen, in welchen Räumlichkeiten ihre Mitarbeiter arbeiten und ob diese praktikabel sind. Petra Sitte erzählt uns, dass man das Büro mit einer Standardeinrichtung vorfindet, sich aber unterschiedliche Möbel beim Bundestag bestellen kann. Sie steht auf und führt und uns ein wenig in ihrem Büro herum. In den Türrahmen auf der Flurseite sind Schränke verbaut. In einem befindet sich ein Waschbecken, in einem anderen ein Kühlschrank. Ein dritter dient der Aufbewahrung von Mänteln, Kleidung und Taschen. Als wir uns im Raum umsehen, spricht Petra Sitte die sehr angenehme indirekte Beleuchtung an, die ein homogenes Lichtfeld schafft. Diese trägt auch für unser Empfinden sehr zur positiven Atmosphäre des Raumes bei. Wir kommen auf die Architektur des Hauses zu sprechen. Interessanterweise hat


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Petra Sitte nimmt die Architektur zwar als wohltuend funktional aber nur bedingt geeignet wahr. Aus ihrer Sicht kommuniziert das Gebäude keine Öffnung nach außen.

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126 Petra Sitte die gleiche Assoziation zum Flur, die sich auch uns aufgedrängt hat. Auch Frau Sitte fühlte sich durch die Bauweise mit den Galerien und den Brücken sofort an Alcatraz erinnert. Jedoch kennt sie diese Art der offenen Flurgestaltung auch von Hotels und ist der Meinung, dass lange geschlossene Gänge noch bedrückender wären. Die von der ersten bis zur sechsten Etage durchgehende Treppe findet Petra Sitte sehr angenehm. Es gefällt ihr besonders, dass man sich beim Entgegenlaufen so lange ansehen kann. Man könnte dies auch als erzwungenen Kontakt empfinden, aber da Petra Sitte uns gegenüber sehr offene und kommunikativ auftritt, bestätigt diese Ansicht unser Bild von ihr. Während wir uns weiter in ihrem Büro umsehen, beschreibt sich Frau Sitte als Minimalistin und erzählt, dass sie nicht einmal zu Hause Schnickschnack besitzt. Dies liegt aber auch an ihren zahlreichen privaten und beruflichen Umzügen. Um beim nächsten Umzug möglichst wenig Ballast zu haben, hat sie sich immer weiter reduziert. Hua Vi Vu und Marleen Böcker nehmen Frau Sittes Schreibtisch noch einmal genauer ins Visier und entdecken dort einige Dinge, die nach Mitbringseln von Reisen aussehen, so z. B. ein Briefbeschwerer in Gestalt einer Dahlie. Petra Sitte bemerkt dazu, dass dies ihr einziges Souvenir sei, und sie es nur gekauft hat, da sie auch tatsächlich eine Verwendung dafür habe.

Neben ihrem Amt als parlamentarische Geschäftsführerin der Linken betreut Petra Sitte auch weiterhin ihren Wahlkreis in Halle, mit dem sie sich sehr verbunden fühlt. Auch dort hat sie ein Büro und eine Wohnung. Die starke Bindung zu Halle entstand jedoch erst vor etwa 15 Jahren. Als Petra Sitte 1979 zum Studium nach Halle kam, war sie zunächst erschüttert. Halle war zu dieser Zeit total verfallen, Geld wurde vor allem in Halle-Neustadt für die Chemiearbeiter investiert. Durch ihr Engagement in der Stadtpolitik hat sie jedoch in den Jahren auch eine andere Seite Halles kennen gelernt und schätzt heute z. B. das mittlerweile entstandene angenehme Kneipenflair, das schöne Backsteingebäude der Universität und die insgesamt inzwischen gut renovierte Altstadt sowie die Tatsache, dass Neues gefühlvoll in die historische Innenstadt integriert wird. Verglichen mit ihrem Berliner Büro ist das hallenser Büro deutlich kleiner. In ihrem aktuellen Berliner Büro fällt unter anderem auf, dass sie kaum


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Dunkles Holz wirke für sie eher schwer, wertvoll und hart, helles Holz dagegen eher beschwingt und leicht.

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Als Abgeordnete des deutschen Bundestages hat man die Möglichkeit, sich Kunstwerke aus dem Bestand des Bundestages für sein eigenes Büro auszuleihen. Auf diese Möglichkeit verzichtete Petra Sitte, da sie sich nicht mit der Verantwortung für so wertvolle Kunst belasten möchte. Dennoch interessiert sie sich sehr für Kunst und Gemälde Pflanzen hat. Eine einzige versteckt sich und unterstützt auch einige Galerien. in der hinteren Ecke des Büros unterhalb Stilistisch gibt sie vor,nicht festgelegt des Schreibtisches. Und sogar diese hat zu sein, sie mag vor allem das Gefühl, ihren Weg nur als Geschenk in das Büro ihre Augen in einem Bild spazieren zu gefunden. Petra Sitte erklärt, dass sie führen. Besonders angetan ist sie von keine Pflanzen an ihrem Arbeitsplatz den Werken Caspar David Friedrichs. benötigt. Dagegen legt sie Wert auf So wenig sich Frau Sitte mit der VerKlarheit und Ordnung, um fokussiert antwortung für teure Gemälde belasten arbeiten zu können. möchte, so wenig möchte sie sich allgeAllerdings entdecken wir zahlreiche mein mit zu viel Besitz belasten. Nach kleine Andenken und Spielereien auf ihrer Auffassung lenkt zu viel Besitz ab ihrem Schreibtisch, meist sind es und macht unfrei, da Besitz auch immer Geschenke von ehemaligen Kollegen. Zeit und Geld kostet. Petra Sitte möchte Auch das Poster an der Wand hinter lieber so leben, dass sie vom einen auf dem Schreibtisch ist ein Geschenk von den anderen Tag einfach gehen kann. aktuellen Kollegen. Hierauf ist eine In Berlin hat sie bloß eine kleine EinzimGruppe Rennradfahrer abgebildet, die mer-Wohnung, in der sie sich aufgrund einen Berg hinunter fahren, es wirkt der vielen beruflichen Termine fast nur sehr dynamischen. Frau Sitte, selbst zum schlafen aufhält. Sie sagt selbst, passionierte Radfahrerin, erzählt, dass die Tage in Berlin seien kein Leben, im ihre ursprüngliche Wahl ein Foto von Schnitt beginnt der erste Termin des einem Radrennen war, auf dem auch Tages gegen 8.00, der letzte ist gegen Stürze zu sehen sind. Auf ihre Kollegen 22.00 beendet. Die Woche in Berlin geht machte das Foto jedoch einen zu aggres- meist von Montag bis Freitag, anschliesiven Eindruck, und so haben sie ihr zu ßend fährt sie dann ihren Wahlkreis nach dem Bild geraten, was nun hinter ihrem Halle oder zu ihrem Freund nach Münster. Schreibtisch hängt. Dass viele Sitzungen bis in den späten


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Abend hinein gehen und einiges ehrenamtlich am Wochenende erledigt werden muss gehört zum Arbeitsalltag dazu, da Petra Sitte auch in ihrer Position als Stadträtin von Halle zeitlich gefordert ist. Sie fügt jedoch hinzu, dass sich die Sitzungswochen auf 24 Wochen im Jahr beschränken und dass dieses zeitweilige Pensum über das ganze Jahr gar nicht möglich sei. Frau Sitte neigt zum Perfektionistischen in ihrer Arbeit und versucht sich gewissenhaft in wissenschaftliche Themen einzuarbeiten. Dies wird von ihren Mitarbeitern auch gewürdigt. Ihren Politikstil beschreibt Petra Sitte als kooperativ, sie sei nicht nachtragend, Menschen machten nun einmal Fehler. Ihr ist es wichtig, sich auf die Menschen einzulassen und das in ganz unterschiedlichen Situation, ob in einem Einzelgespräch oder bei einem Auftritt auf einer Konferenz. Sie achtet darauf, jeden Besuch mit voller Aufmerksamkeit und zugewandter Gestik zu empfangen. Wertschätzung ist ihr allgemein sehr wichtig, daher möchte sie anderen Menschen auf eine entsprechende Weise begegnen. Sie grüßt grundsätzlich immer und jeden, ganz gleich ob es sich um einen Kollegen oder eine Reinigungskraft handelt. Sie formuliert es selbst auf diese Weise: Ihre Anwesenheit soll als Angebot wahrgenommen werden. An dieser Haltung ist ganz deutlich zu erkennen, welche Bedeutung

der bereits erwähnte runde Tisch für Petra Sitte hat. Die politische Programmatik der flachen Hierarchien und des Diskurses auf Augenhöhe, die der runde Tisch allgemein symbolisiert, deckt sich mit ihren Werten im alltäglichen Umgang mit Menschen. Gleichzeitig wird er durch seine zentrale Position im Büro hervorgehoben, was seine Bedeutung auch räumlich unterstreicht. Nun nimmt sich Petra Sitte ein paar Minuten, um sich selbst einmal bewusst in ihrem Büro umzusehen. Sie spricht den verbauten Blick ihres aktuellen Büros an und erzählt, dass sie solche Ausblicke gewohnt sei. Da sie ein


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Großstadtmensch sei, störe sie das jedoch kaum, wenngleich sie sich sehr wohl eine schönere Aussicht vorstellen kann. Könnte sie es sich aussuchen, würde sie einen Blick ins Grüne bevorzugen, dann wäre auch ein Büro im Erdgeschoss vorstellbar. Sehr ruhig und sonnenabgewandt würde sie außerdem bevorzugen. Grundsätzlich schätzt sie es jedoch, räumlich unter Menschen zu sein und sich gleichzeitig gedanklich zurückzuziehen. So könnte sie es sich z. B. sehr gut vorstellen, in einem Großraumbüro zu arbeiten. Ihr Blick schweift weiter und bleibt beim hellen Holz hängen. Es wurde Birkenholzfurnier für die Wandpaneele

verwendet und Eiche für die Türen. Petra Sitte gefällt die Atmosphäre, die helles Holz schafft. Es habe eine angenehme warme Wirkung und bedrücke nicht. Dunkles Holz wirke für sie eher schwer, wertvoll und hart, helles Holz dagegen eher beschwingt und leicht. Wir kommen noch einmal auf den runden Tisch, der so prominent die Raummitte einnimmt. Dieser stehe auch für ihren kooperativen Politikstil, erzählt Frau Sitte. Sie findet die wechselnden Mehrheiten des Schweizer Systems gut, in dem Abgeordnete aus verschiedenen Fraktionen ein Ziel verfolgen. Dies sei auch passender, da es innerhalb der

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Fraktionen so viele unterschiedliche Schattierungen von Haltungen und Wertungen gebe. Ihre Sympatie für flache Hierarchien entwickelte sich bereits während ihrer Zeit in der SED. Die Partei war extrem hierarchisch mit großem Drohpotenzial und unbedingtem Willen zur Kontrolle. In dieser Zeit hat sie versucht, sich Widerstandsgeist anzueignen. Verglichen mit der SED wurde in der PDS bereits wesentlich mehr gleichberechtigt diskutiert. Für die PDS war sie in der Geschäftsführung des Landtages Sachsen-Anhalt tätig und erinnert sich an viele Diskussionen. Die Bundestagsverwaltung hingegen sei nun wieder extrem hierarchisch, würde aber auch perfekt funktionieren. Gegenüber ihrer Belegschaft ist es Petra Sitte sehr wichtig, Beständigkeit zu wahren, da dies Vertrauen schaffe und die Mitarbeiter so zu einer Gemeinschaft zusammen wachsen. Sie lässt ihren Kollegen bewusst viel Raum für eigene Ideen und Mitgestaltung. Petra Sitte schätzt es außerdem, Mitarbeiter zu haben, von denen sie etwas lernen kann. Sie sagt von sich, dass sie keine »Obermutti« sein möchte, die alles kontrolliert, was ihre Mitarbeiter tun. Dazu fehle ihr auch einfach die Zeit: um ihre eigene Arbeit selbst so gut wie möglich erledigen zu können, braucht sie Mitarbeiter, denen sie vertrauen kann und ohne Bedenken eigene Verantwort-

lichkeiten übertragen kann. Da wir auf den Umgang und die Gepflogenheiten in ihrem politischen Arbeitsumfeld zu sprechen kommen, erwähnt Petra Sitte uns gegenüber, dass sie dem offiziellen Habitus eigentlich wenig abgewinnen kann, sie gibt sich lieber offen und leger. Einige ihrer Kollegen hingegen bringen ihre Macht und ihre Position auch gern über förmliches Verhalten und passende Kleidung zum Ausdruck. Jedoch gibt es auch einige Abgeordnete, die sich gegen jede Art von Kleiderordnung wehren. So habe sich ein Schriftführer im Präsidium geweigert, eine Krawatte zu tragen, ganz zum Missfallen des Präsidenten, der auf das Tragen einer Krawatte bestand. Während der Diskussion mit verhärteten Fronten schlug Frau Sitte ein Schaltuch als Kompromiss vor, auf den sich dann beide Seiten einigen konnten. An diesem Beispiel wird deutlich, dass auch die Kleiderordnung (offiziell oder


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An diesem Beispiel wird ­deutlich, dass auch die ­Kleiderordnung ein Zeichen ist, an dem sich politische und gesellschaftliche Werte im Wandel der Zeit f­ estmachen. So ist es Frauen erst seit 1976 erlaubt, im Bundestag in ­Hosen zu erscheinen. Doch spätestens seitdem die Grünen in den Bundestag einzogen, wurde der Kleidungsstil hier um einige Facetten reicher.

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132 inoffiziell) ein Zeichen ist, an dem sich politische und gesellschaftliche Werte im Wandel der Zeit festmachen. So ist es Frauen erst seit 1976 erlaubt, im Bundestag in Hosen zu erscheinen. Doch spätestens seitdem die Grünen in den Bundestag einzogen, wurde der Kleidungsstil hier um einige Facetten reicher. Frau Sitte erzählt, dass sie in den 90er Jahren sogar eine Medienberaterin hatte, die sie unbedingt mit Kostümen ausstatten wollte. Nach einiger Zeit gelang es Frau Sitte jedoch, einen Kleidungsstil zu entwickeln, der ihrer Persönlichkeit entspricht, in dem sie sich wohl fühlt, und der in ihrem Arbeitsumfeld akzeptiert wird. Heute trägt sie gut sitzende, hochwertig wirkende dunkle Jeans, eine gemusterte Bluse und eine Anzugweste aus feinem, edlem Stoff. Man würde ihr das Amt nicht ansehen, vielleicht nicht einmal, dass sie Politikerin ist, aber sie

Bereits früher hatte Petra Sitte ein besonderes Verhältnis zum geschriebenen Wort auf Papier. Aus ihrer Leidenschaft für Kalligrafie heraus wollte sie einst Schriftmalerin in einer Druckerei werden. Später kam die Faszination für die Haptik der handgesetzten Buchstaben hinzu, und auch heute hebt sie noch besonders liebevoll gestaltete Bücher mit schönen Zeichnungen auf. Mit diesem Thema entfernen wir uns etwas aus dem politischen Arbeitsfeld Petra Sittes und kommen auf Orte der Ruhe zu sprechen. Ich frage sie, ob es in der Nähe solche Orte gibt, die sie nutzt, um Ruhe zu finden oder Kraft zu tanken. Sie beschreibt, dass einige Abgeordnete gern am Ufer spazieren gehen und empfindet dies selbst auch als besonderes Erlebnis, vor allem im Winter mit dem Blick auf Eisschollen der Spree. Allerdings, die Zeit für einen richtigen Spaziergang nimmt sie sich eher selten.

wirkt gut gekleidet. Eine weitere deutliche Veränderung in den Abläufen des Bundestages stellt die Digitalisierung dar, obwohl es immer wieder Dokumente gibt, die nicht digitalisiert werden können. Auf der einen Seite schätzt Petra Sitte die Übersichtlichkeit und Handhabung des digitalen, papierlosen Büros. Andererseits hält sie das Aufbewahrungssystem in Papierform immer noch für die zuverlässigste Methode, da man von technischen Tücken wie Computerabstürzen etc. vollkommen unabhängig sei.

Unser Interview kommt zum Ende. Petra Sitte verabschiedet sich freundlich. Sie hat den nächsten Termin vorzubereiten. Draußen dämmert es, und von der gegenüberliegenden Seite des Hauses kann man der Politikerin beim Sortieren von Papieren zusehen. Eine Spur architektonisch-politischer Transparenz ist also doch erkennbar.


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Dr. Florian Weis GRÜNDERIN UND VORSTANDSVORSITZENDE

ANNA SCHÄFER | JOHANNA POSIEGE | CAROLINE PRANGE

Rosa Luxemburg Stiftung


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Rosa-Luxemburg-Stiftung GESELLSCHAFTSANALYSE UND POLITISCHE BILDUNG

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Wichtig fĂźr Florian Weis ist, das die Gestaltung zum Nachdenken und zu Diskussionen anregt, somit die Auseinandersetzung zu politischen Themen befĂśrdert, jedoch keine polarisierenden Standpunkte und Meinungen provoziert.


In seinem Büro in der vierten Etage empfängt uns Dr. Florian Weis zu unserem Interviewtermin. Bevor wir an der einen Spalt breit offen stehenden Tür anklopfen können, bittet er uns sehr freundlich hinein und hat sogleich die Situation unter Kontrolle. Vor uns befindet sich eine kleine Sitzgruppe bestehend aus kleinen Sesseln und einem Tisch. Er bittet uns offen aber formell uns zu setzen. Ein weiterer Stuhl wird dazu Berlin, 52°30’48.6”N 13°26’22.1”E

geholt. Während wir uns orientieren um Platz zu nehmen schenkt Herr Weis jedem von uns Wasser in bereitgestellt Gläser. Dies tut der Geschäftsführer mit überraschender Gelassenheit und sehr viel Souveränität. Das wiederum passt zum Eindruck, welchen die Stiftung grundsätzlich vermittelt.


Antonio Amadeus Stiftung INITIATIVEN FÜR ZIVILGESELLSCHAFT UND DEMOKRATISCHE KULTUR

Weis nimmt hinter seinem Schreibtisch außerhalb der Sitzgruppe Platz. Dadurch behält er den Überblick über den Raum und uns als Interviewpartner. Er zeigt mit dieser Abgrenzung deutlich, in welcher Position er sich uns gegenüber befindet. Seine sehr freundliche, höfliche und besonders offene Art gibt uns das Gefühl, dass er sich sehr gern die Zeit nimmt, all unsere Fragen zu beantworten. Er scheint wie ein »Chef« der einem mit perfekter Ausgewogenheit an Autorität und sympathischer Gelassenheit begegnet. Seine Authentizität dabei nicht zu vergessen, Er wirkt professionell und authentisch, jedes Wort scheint bedacht und keinesfalls unüberlegt. Noch bevor wir mit unseren Vorbereitungen fertig sind, um unsere Fragen zu stellen, beginnt er das Gespräch und informiert sich zunächst über den weiteren Verlauf des Interviews. Wir versichern ihm eine Textfreigabe seinerseits und versuchen nun das Interview von uns aus zu leiten. Als geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) ist er es sicherlich gewohnt, die Fäden eines jeden Gesprächs in der Hand zu halten und erläutert uns sehr ausführlich seine Aufgaben innerhalb des Hauses. Mit der Leitung des operativen Geschäfts trägt er die finanzielle Verantwortung und hat den Überblick über alle Instanzen und Aufgabenbereiche der Stiftung. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung sieht sich als Ansprechpartner für unterschiedliche Themen und Fragestellungen gesellschaftlicher Entwicklung, Analysen gesellschaftlicher Prozesse und

16 | www.rosalux.de/stiftung (19. Mai 2017) 17 | https://de-de.facebook.com/rosaluxstiftung/ (19. Mai 2017)

Florian

ROSA-LUXEMBURG-STIFTUNG Berlin, 52°30’48.6”N 13°26’22.1”E Die Stiftung Die Rosa-Luxemburg-Stiftung gehört zu den großen Trägern politischer Bildungsarbeit in Deutschland. Die international agierende Institution versteht sich als Teil der geistigen Grundströmung des demokratischen Sozialismus. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung wählte 1999 den Namen der wohl bekanntesten Sozialistin im deutschsprachigen Raum. Viele Menschen verbinden mit ihrer Person und ihrem Wirken eine konsequente, intelligente und ehrliche linke Politik. 16 www.rosalux.de

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der in ihnen agierenden sozialen Akteur/innen, für die Entwicklung und Durchführung von Veranstaltungen, in Fragen der Studienförderung, bei (kleineren) wissenschaftsnahen Projekten und Publikationen und bei ihrer Recherche nach Analysen und Material zur LINKEN. Seit 2001 realisiert sie auch Projekte politischer Bildung mit Mitteln des Auswärtigen Amtes und des Bundesministeriums für Entwicklung und Zusammenarbeit im Ausland. Herr Weis könnte noch weitere Aufgabenbereiche aufzählen. 1990 gegründet, ist »Gesellschaftsanalyse und politische Bildung e. V.« ein eingetragener Verein und eigentlich keine Stiftung. Sie befindet sich im ehemals für die Zeitung »neues deutschland« gebauten Verlagsgebäude und teilt sich als einzige große politische Stiftung in Berlin das Gebäude mit der Zeitung sowie weiteren Organisationen und Verbänden. Nach der deutschen Wiedervereinigung fielen zunächst die Grundstücksrechte an die Deutsche Bahn, da sich die Immobilie auf ehemaligem Gelände der Deutschen Reichsbahn befand. Nach einem langwierigen Rechtsstreit von 1995 bis 2005 ist heute die Grundstücksgesellschaft Franz-Mehring-Platz 1 GmbH Eigentümerin von Haus und Grundstück (zu 90 Prozent eine Tochterfirma der Neues Deutschland Druckerei und Verlags GmbH). Deren Stammkapital hält zur Hälfte die Föderative Verlags-, Consulting- und Handelsgesellschaft mbH – FEVAC treuhänderisch für die Partei DIE LINKE, zur anderen Hälfte die Communio Beteiligungsgenossenschaft eG.).


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Durch seine Geschichte ist das Image des Gebäudes nicht nur »ostalgisch« sondern durchaus auch ­negativ belegt, war doch hier der Sitz des Staats­ organs der SED. »Negative Assoziationen und Einstellungen gegenüber dem Gebäude lassen mehr und mehr nach – jüngere Generationen empfinden es eher als kurios, spannend und nostalgisch.« meint Herr Weis. Mit anfangs 30 Mitarbeitern zog der Verein 1990 in das Gebäude ein. Nicht aus einer bewussten Entscheidung für gerade dieses Gebäude, sondern einzig und allein aus Kostengründen. So kennt

Das Gebäude ist groß und hat weit verzweigte Gänge. Man verläuft sich schnell. Für Gäste, beispielsweise Delegationen aus dem Ausland, ist es nicht leicht, sich zu orientieren. Erschwerend kommt hinzu, dass die Etagen teils mit unterschiedlichen Institutionen belegt sind. Nur die vierte Etage ist ausschließlich von der RLS belegt. Weis: »Das Gebäude ist schon unübersichtlich, man holt dann eben den Besuch unten im Foyer ab.« Mittlerweile ist die Stiftung der größte Mieter des Gebäudes und über die Jahre gewachsen, Büros und Räumlichkeiten verteilen sich etwas unstrukturiert im Haus. Dies weist aber auch auf einen ganz »natürlichen Wachstumsprozess« hin. Die Architektur erfülle sicher nicht die optimalen Ansprüche an politische Repräsentation, wichtig sei es aber, einen strategischen Umgang damit zu entwickeln, sich zu arrangieren und gute Kompromisse zu finden. Diese Mischung aus professionellem Pragmatismus und ungezwungener Gelassenheit spiegelt sich auch während unseres Interviews wider und gibt möglicherweise einen kleinen Einblick in die Arbeitsweise und Stimmung innerhalb

Florian Weis, nunmehr seit 15 Jahren dabei, die Stiftung auch noch aus der Sicht des Mitarbeiters. Als wichtig erachtet er, sich durch seine Arbeit eine Position zu verdienen, das Vertrauen der Mitarbeiter zu haben und auch die kleinen Arbeitsstrukturen zu kennen. Als Hauptmieter des Gebäudes belegt die Stiftung ca. 1/4 der Nutzfläche. Nicht nur die RLS ist bemüht, das Image des Gebäudes in angemessener Art und Weise zu verändern, auch der Vermieter versucht eine »weniger verstaubte Ästhetik« im Gebäude zu etablieren. Florian Weis findet Architektur und Design des Gebäudes persönlich nicht belastend, manchmal allerdings kommt es doch zu Irritationen.

der Stiftung. Florian Weis findet die Ästhetik des Gebäudes zwar nicht mehr besonders negativ besetzt, von der Nutzung »pragmatisch in Ordnung«, es symbolisiere jedoch auch nicht unbedingt genau das, was die Stiftung repräsentieren will. So bezeichnet er die langen Flure bspw. als »latent klaustrophobisch«. Im praktischen Sinne seien die Wege an sich aber kein Problem, da ohnehin meist digital oder per Telefon kommuniziert werde, trotzdem könne man an manchen Tagen schon einige Kilometer zurück legen. Die langen, durchgehenden Flure, welche durch Glastüren getrennt von einem zum anderen Ende führen, sind sehr charakteristisch für das Gebäude.

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Deshalb hängen auch Bilder an der Wand und der Tisch der Sitzgruppe solle noch ­ausgetauscht werden, denn rein ästhetisch würde ein runder Tisch besser dazu passen.


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Wänden und immer wiederkehrende Farbbalken greifen spielerisch politische Gedanken auf. Im ersten Stockwerk fällt die rote intensive Farbe dominant auf, in den anderen Etagen wurden teils nur Schattierungen und ein leichter Beigeton eingesetzt. Wichtig für Florian Weis ist, dass die Gestaltung zum Nachdenken und zu Diskussionen anregt, somit die Auseinandersetzung mit politischen Themen befördert, jedoch keine polarisierenden Standpunkte und Meinungen provoziert. Den Prozess dieser Imageveränderung beschreibt Florian Weis als äußerst langwierig und teils auch kompliziert, doch sei es von großer Wichtigkeit, auch die Rechts und links gehen die zahlreichen Büroräume Mitarbeiter in Gestaltungsentscheidungen mit ab. Auf Aufgeschlossenheit wird in der Stiftung einzubeziehen. So bildeten sich zeitweise einzelne Wert gelegt, daneben sind aber Möglichkeiten Arbeitsgruppen, langwierige Abstimmungsfür Intimität durch Rückzugsräume sehr wichtig, prozesse verzögerten die Umsetzung. Ganz konkrete besonders für konzentriertes, analytisches Arbeiten politische Werte wie bspw. Transparenz (dabei denkt und für vertrauliche Gespräche. Deshalb wären Groß- man sofort an viel Glas und Durchlässigkeit) lassen raumbüros undenkbar und auch von den Mitarbeiter sich in so einem sehr eigenwilligen, alten Gebäude unerwünscht. Denn nur so kann man eine hochgradig nur schwer neu umsetzen. Trotzdem ist die Moderindividualisierte Arbeitsweise und ein gewisses Maß nisierung gelungen. Hält man sich in den Büros und an Vertrauen erzeugen. Neben den vielen Einzelden neu gestalteten Konferenz- und Besprechungsbüros gibt es auch Zwei- und Dreiraumbüros, nicht sälen auf, so erlebt man eine frische Atmosphäre, selten wurden Durchbrüche eingefügt. alles andere als verstaubt. Vor allem der Salon hat Die Mehrfachbelegung des Bürogebäudes legt ein entspannendes, kultiviertes und modernes nahe, gemeinsame Strukturen zu entwickeln, und im Flair zu bieten. Solche Räumlichkeiten stehen Verlauf der Jahre hat sich eine gute Zusammenarbeit bewusst im Kontrast zur bestehenden Architektur entwickelt. Umso schwieriger ist es jedoch, die RLS des Hauses und insbesondere zu seiner Wirkung als selbständiges Institution kenntlich zu machen im Straßenraum. Da all diese Lösungen auch immer oder auch als Marke zu etablieren. 2008 wurde Kompromisse sind, besteht der große Wunsch nach erstmals das gesamte Corporate Design überarbeitet. einem eigenen Gebäude, einem Neubau für die RLS, Modern und innovativ gestaltete Schriftzüge an den zumal sie die einzige der parteinahen Stiftungen in


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Negative Assoziationen und Einstellungen gegenüber dem Gebäude lassen mehr und mehr nach – jüngere Generationen empfinden es eher als kurios, spannend und nostalgisch.


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Das Chaos an Kabeln unter seinem Schreibtisch müsse nicht jeder sehen. Wie würde so ein Kabelsalat auf sein Gegenüber wirken? Unorganisiert, liederlich und strukturlos, vielleicht, als ob man nicht alles im Griff habe.


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Deutschland ist, die weder über ein eigenes Haus verfügt, noch öffentliche Gelder des Bundes für die Räumlichkeiten bezogen hat. In etwa vier Jahren könnte ein Neubau nahe des Postbahnhofes bezogen werden. Zunächst steckt man allerdings noch in der Vorbereitung und Planung. Ganz besonders wichtig ist die Lage des Gebäudes. Oberste Priorität haben Zentrumsnähe und gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein Standort wie der der Friedrich-Ebert-Stiftung wäre nicht angemessen: zwischen Botschaften, abseits des quirligen Lebens der Großstadt. Weis: »Wir wollen mittendrin sein, jeder soll uns gut erreichen können, auch ohne Auto.« Das Büro von Florian Weis befindet sich in der Mitte des Gebäudes auf der vierten Etage. Für ihn ist es von besonderer Wichtigkeit, sich unter den Kollegen zu befinden, er selbst kenne die Stiftung seit nunmehr 15 Jahren noch aus der Sicht des Mitarbeiters

Sein jetziges Büro hat eine angemessene Größe und ist eher dezent eingerichtet: eine Sitzgruppe aus zwei Sesseln und einem Tisch, der Schreibtisch vor dem Fenster mit Blick zur Tür, ein Regal, eine kleinere Kommode und ein paar Bilder an der Wand. Der Schreibtisch ist so ausgerichtet, dass man den Überblick über beide Türen und den gesamten Raum hat, nimmt sich aber von seiner Form her zurück. Es gibt ausreichend Platz für Besprechungsrunden. Nicht nur der Überblick, insbesondere auch die Distanz zu seinen Gesprächspartnern zu wahren,

im Büro der Geschäftsführung. Er überschaut die Arbeitsstrukturen, hat das Vertrauen seiner Kollegen und sich seine Position ehrlich erarbeitet. Im Neubau steht zu erwarten, dass sein Büro ganz oben sein wird, weil das jetzt ja so ist, dass die in der Chefetage oben sitzen. »Da kriege ich dann auch viel mehr Quadratmeter zugesprochen als meine Mitarbeiter.« Dies sagt er mit einem Lächeln und ironischem Unterton. »Das ist beim Bau von Firmensitzen und öffentlich geförderten Gebäuden zwar üblich, entspricht aber eigentlich nicht unseren Vorstellungen. Mit 18 Quadratmetern ist mein jetziges Büro so groß wie jedes andere unserer Mitarbeiterinnen und MItarbeiter und das war bislang auch okay so.«

scheint uns wichtig zu sein. So ist am Schreibtisch eine Metallplatte von der oberen Tischkante bis hi­ nunter zum Boden befestigt. Er habe sie nachträglich anbringen lassen und dies, so sagt Herr Weis, sei das Einzige, worauf er nach dem Bezug seines Büros im Nachhinein bestand. Das Chaos an Kabeln unter seinem Schreibtisch müsse nicht jeder sehen. Wie würde so ein Kabelsalat auf sein Gegenüber wirken? Unorganisiert, liederlich und strukturlos, vielleicht, als ob man nicht alles im Griff habe. Zudem könne so eine Platte vor dem Schreibtisch auch Schutz bieten, stabil und standhaft wirken, ähnlich wie die alten großen Schreibtische aus Massivholz. Versehen mit einer Lochstruktur bietet die Platte einen Sicht-

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sie beinhalten Geschichten, aus denen Florian Weis gern zitiert, um die richtigen Worte zu finden. Ansonsten greift er lieber auf die hauseigene Bibliothek zurück, welche einen guten Bestand hat. Das Gesamtbild des Büros soll harmonisch wirken und einen geeigneten Rahmen für vertrauliche Gespräche bieten. Authentizität ist dabei ebenso wichtig wie keine Attrappen zur reinen Dekorationen aufzustellen – alle Dinge haben einen kontextbezogenen Zusammenhang. Technische Geräte sowie Möbel resultieren aus der Gesamtanschaffung des Hauses. So auch eine vor dem Schreibtisch platzierte Stehleuchte, die mit

derzeitige formal ästhetisch nicht passt. Persönliche oder private Dinge hat er kaum hier, eher »so semiprivate Dinge, welche schon Vorlieben oder Interessen von mir aufweisen, aber nicht direkt meine privaten Gegenstände sind«. Meist stehen sie in einem politischen Kontext, so z. B. Karten von Irland. Kleine Tierfiguren wirken zunächst sehr persönlich, wie wichtige Andenken, sind jedoch ein Mitbringsel einer Außendienstmitarbeiterin. Einige wenige Bücher befinden sich im Büro. Diese sind aber vielmehr eine spezifische Auswahl, welche Florian Weis regelmäßig für seine Arbeit braucht und verwendet. So zum Beispiel die Tucholsky-Bände,

ihrem ziemlich großen Lampenkopf den gesamten Raum auszuleuchten im Stande ist. »Es ist eine Energiesparlampe, sie lässt sich tageslichtkonform einstellen – wenn man es beherrscht - und geht von allein aus, sobald es draußen hell genug ist.« Die Neonröhren an der Decke werfen ein wirklich unangenehmes Licht, findet Florian Weis. Irgendwann wurde eine Reihe solcher Lampen zum Test für die Stiftung bestellt. Sie steht stellvertretend für den Nachhaltigkeitsgedanken, mit dem sich die RLS ebenfalls auseinandersetzt. Für den Arbeitsalltag ist die Sekretärin sehr wichtig. Sie sitzt im Büro rechts von Herrn Weis und organisiert den gesamten Arbeitsablauf. Die Stiftung


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legt generell nicht viel Wert auf Hierarchien, nur ganz ohne ist ein strukturierter Ablauf leider nicht möglich. Im Hause ist schon eine sehr offene Kommunikation etabliert, für die Öffentlichkeit ist Herr Weis aber fast ausschließlich über sein Sekretariat ansprechbar. Emails versucht er weitestgehend persönlich zu beantworten, wobei sein Arbeitspensum dies bedauerlicherweise immer seltener zulässt. Für die Mitarbeiter ist er in der Regel direkt persönlich ansprechbar, man trifft sich eh auf dem Flur oder jemand kommt mal herein. Zum Abschluss schauen wir uns noch gemeinsam mit Herrn Weis im Haus um. Als besonderes Kleinod fällt der alte Paternoster auf. Oft nutzt die Presse diesen als »kreativen« Aufhänger und titelt z. B. »Wo der alte Paternoster noch knirscht und knarzt«. Hier gehört er eben einfach dazu, einen Fahrstuhl für die Barrierefreiheit gibt es zusätzlich. In den Konferenzsälen und Tagungsräumen fällt die Fortsetzung der Gestaltung aus den Fluren auf. Alles wirkt modern, jeder Raum für sich auch individuell. Die Stiftung integriert gern künstlerische Werke, die meisten sind Geschenke. »Eigentlich haben wir gar nicht so viel Platz, um alle Bilder aufzuhängen.«

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Gunnar Snorri Gunnarsson BOTSCHAFTER

SAR AH KLEMISCH | MARLEEN BÖCKER | HUA VI VU

Isländische Botschaft


Die isländische Botschaft in Deutschland gehört zum am Berliner Tiergarten gelegenen Gebäudekomplex der Nordischen Botschaften. Zusammen mit Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden sollen hier Beziehungen gepflegt, Interessen vertreten und Kulturen einander nähergebracht werden. Dies ist der Arbeitsplatz von Gunnar Snorri Gunnarsson, dem isländische Botschafter, mit dem wir ein Interview führen. Im Zentrum unseres Besuches stehen Fragen nach dem Verhältnis von Design und Werten, wie sich Berlin, 52°30‘33.0“N 13°21‘01.8“E

Einstellungen, Haltungen, Werte in Dingen manifestieren, Architektur, Einrichtung und alles sinnlich Wahrnehmbare auf Mitarbeiter, Besucher und den Botschafter selbst wirken. Sowohl fotografisch als auch im direkten Gespräch werden wir Antworten auf diese Fragen suchen.


Isländische Botschaft NORDISCHE BOTSCHAFTEN

für sich und doch gemeinsam« – mit diesen Worten kennzeichnete Königin Margarethe II. von Dänemark während des Einweihungszeremoniells im Herbst 1999 die Art der Zusammenarbeit der Botschaften im gemeinsamen Gebäudekomplex. Nicht aus Not habe man sich hier zusammengeschlossen, sondern um jahrhundertealte nordische Beziehungen neu

aufleben zu lassen und zu intensivieren. Die Mitte 1999 fertiggestellte Botschaftengemeinschaft wirkt sehr modern. Materialien wie Glas, Holz, Beton und Stein sind klug zu einem gesamten und dennoch länderindividuellen Konzept zusammengefügt. Obgleich die Gestaltung der einzelnen Botschaften von unterschiedlichen Architekten der jeweiligen Länder umgesetzt wurde, ist ein einheitliches, neuzeitliches Erscheinungsbild gelungen. Den Auftrag für die Umsetzung des Gesamtkonzepts der Nordischen Botschaften gewann der Entwurf des österreichisch-finnischen Architekturbüros Berger+Parkinnen. Ziel des Designs ist es, den gemeinschaftlichen Zusammenhalt eigenständiger Länder zu verdeutlichen. So wird das Gelände der Nordischen Botschaften von einer fünfzehn Meter hohen kupfernen Wand umschlossen, welche die Verbundenheit der Länder untereinander versinnbildlichen soll. Rund 4000 halboffene Lamellen durchbrechen die Wand wie Sichtbänder und ermöglichen Durchblicke. Die isländische Botschaft – das kleinste Gebäude von allen – hat Pálmar Kristmundsson von PK ARKITEKTAR entworfen.

18 | https://de.wikipedia.org/wiki/Island (19. Mai 2017) 19 | https://de-de.facebook.com/IslaendischeBotschaft/ (19. Mai 2017)

»Jeder

ISLÄNDISCHE BOTSCHAFT Berlin, 52°30’33.0”N 13°21’01.8”E Republik Island Die Hauptinsel ist die größte Vulkaninsel der Erde und befindet sich knapp südlich des nördlichen Polarkreises. 336.060 Einwohner ( Juni 2016) leben in dem am dünnsten besiedelten Land Europas. Über 60 Prozent der isländischen Bevölkerung konzentrieren sich auf die Hauptstadtregion von Reykjavík. 18 www.botschaft-island.de

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Ziel des Designs ist es, den gemeinschaftlichen Zusammenhalt eigenständiger Länder zu verdeutlichen.


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So braucht beispielsweise die isländische Botschaft mit acht Mitarbeitern weitaus w ­ eniger Platz als die dänische, in der fast 50 Personen ständig wirken. Ein demokratischer Grundgedanke wird deutlich. Die Offenheit und ­Transparenz der Es wurden landestypische Materialien verbaut, so stammt zum Beispiel der rote Ryolith der Fassade des Gebäudes von Architektur sollen ein der Ostküste der Insel. Sandgestrahlte, wellenblechförmige Betonteile erinnern an Wellblechverkleidungen einiger gemeinschaftliches isländischer Häuser dar. Der Innenhof ist mit von unten beleuchtetem isländischem Lavagestein ausgelegt und Arbeitsklima zwischen den bildet ein besonderes Highlight der Botschaft. Botschaften unterstützen. Man betritt das Botschaftenensemble durch das »Felleshus«, was soviel wie »Gemeinschaftshaus«. Doch bereits vor dem Eingang ins Felleshus wird durch eine gläserne Wand zum Innenhof Einblick auf das Gelände der Botschaften ermöglicht. Auf der Glaswand ist ein hübscher Orientierungsplan angebracht, der jedoch so klein und zurückhaltend ist, dass ihn vermutlich niemand schnell entdeckt. Unzulängliches Design oder Understatement? Außergewöhnlich viele Fahrradständer laden nachdrücklich zum Besuch mit dem Fahrrad ein, allerdings jetzt, im Januar, werden sie nur spärlich genutzt. Durch einen kleinen Doppeltür-Glaskasten betritt man das Foyer des Gemeinschaftshauses, wo ebenfalls viel Glas, Sichtbeton, Holz und auch Marmor verbaut wurde. Die vielen kleinen von der Schuhsohlen der Passanten


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hereingetragenen Streusteine weisen auf regen Betrieb hin, gleichzeitig bezeugen sie, dass hier nicht sofort auf allerperfekteste Reinlichkeit gedrungen wird. Die Atmosphäre im Foyer ist von regem, konzentriertem Treiben gekennzeichnet; gerade wird ein Büffet aufgebaut. Eine eindrucksvolle Treppe, unter der momentan zahlreiche Koffer verstaut sind, führt zur wechselnden und kostenfrei zugänglichen Ausstellungen. Es gibt einen Infostand, in dem Bücher erworben und Fragen zu den Botschaften und den einzelnen Ländern beantwortet werden können. Wir fühlen uns wie außergewöhnliche Besucher, aber doch willkommengeheißen. In einem kleinen Separée hinter Sicherheitsglas befindet sich die Anmeldung. Eine höfliche, aber reservierte Dame tauscht Personalausweise gegen Besucherausweise. Abgeholt werden wir von der Sekretärin des Botschafters, einer stillen und bestimmten Dame, die auf die Frage, wie lange sie hier schon arbeitet, etwas überrascht reagiert, aber selbstverständlich höflich antwortet. Nachdem wir das Doppeltürensicherheitssystem passiert haben, geleitet sie uns über in korrekten geraden Linien vom Schnee befreiten Wegen hin zum Gebäude derisländischen Botschaft. Es ist auffällig, dass die Häuser aller Botschaften als Zeichen der Ebenbürtigkeit mit je vier Stockwerken die gleiche Höhe haben, dennoch unterscheiden sie sich aus praktischen Gründen in der Quadratmeterzahl. So braucht beispielsweise die isländische Botschaft mit acht Mitarbeitern weitaus weniger Platz als die dänische, in der fast 50 Personen ständig wirken. Ein demokratischer Grundgedanke wird deutlich. Die Offenheit und Transparenz der Architektur sollen ein gemeinschaftliches Arbeitsklima zwischen den Botschaften unterstützen. In der isländischen Botschaft angekommen können wir unsere Mäntel verstauen. Der Informationsschalter im Eingangsbereich ist gerade nicht besetzt.

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Der Raum wirkt zwar modern aber etwas dunkel und gedrungen. Im Fahrstuhl werden wir nach Getränkewünschen gefragt, aufmerksam, selbstverständlich. Kein weiterer Smalltalk. Botschafter Gunnarssons Assistentin führt uns einen schmalen Flur entlang zu seinem Büro, dessen Tür bereits offen steht. Hinter seinem Schreibtisch sitzend lässt der Botschafter sofort alle Arbeit liegen, kommt herüber und heißt uns sehr herzlich willkommen. Er führt uns zu einer Sitzecke, bestehend aus einem grauen Dreiersofa, zwei dazu passenden Sesseln und einem niedrigen Holztisch. Außergewöhnlicher Weise setzt sich Herr Gunnarsson mit dem Rücken zur Tür auf einen der beiden Sessel, was auf großes Vertrauen in sein Umfeld schließen lässt, seine ganze Konzentration auf das Gespräch mit uns lenkt und uns einen größeren Überblick über die Situation und den Raum gibt als ihm. Eingesunken in den niedrigen Sessel und gestehend, dass er sich möglicherweise nicht hinreichend auf unseren Termin vorbereitet hat, macht Gunnarsson direkt einen sympatischen und unkomplizierten Eindruck: Keine Allüren, keine förmliche »Eure Exzellenz«-Anrede, wie sie Botschaftern eigentlich zusteht. Unser Gespräch beginnt auf Augenhöhe. Gunnar Snorri Gunnarsson bekleidet seit vier Jahren die Position des isländischen Botschafters in Deutschland. Studiert hat er zunächst in Edinbourgh, arbeitete dann in Island als Lehrer und in Paris als Botschaftssekretär, studierte darauhfhin in Madrid, war danach für die NATO und die EU in


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Brüssel tätig, später in der Wirtschaftsabteilung des isländischen Außenministeriums. Danach begann seine Botschafterkarriere, zunächst in der Schweiz, dann in Belgien und China, bis es ihn Anfang 2010 nach Deutschland verschlug. Bald schon bekommen wir den versprochenen Kaffee. Die Assistentin bringt Bücher, die Gunnarssons Erzählungen über Island stützen sollen. Diese Bücher begleiten unser gesamtes Gespräch; alles, was Gunnarsson sagt, versucht er mit entsprechenden Passagen in diversen Büchern zu belegen. Das Büro ist kleiner, als wir vermutet hätten. Die schlichte Einrichtung entspricht der zurückhaltenden Architektur. Der helle Holzboden ist etwas zerkratzt: Spuren zahlreicher Besucher. Zeichen der Gastfreundschaft. Die Fenster, sowohl die nach draußen als auch die Oberlichter zum Flur hin, fördern eine aufgeschlossene, freimütige Arbeitsatmosphäre. Die schräge Deckenverkleidung hingegen, in die Lampen eingelassen sind, irritiert uns und lässt den Raum unnötig gedrungen wirken. Uns fällt ein in Stein gemeißeltes Buch auf, ein Andenken an die Frankfurter Buchmesse 2011, auf der Island Ehrengast war. Herr Gunnarsson freut sich ein wenig über unser Erstaunen, als er uns das überraschend schwere Buch in die Hand gibt. Er erzählt gerne von den isländischen Sagen, die zwischen den Jahren 1200 und 1350 verschriftet wurden und zum literarischen Weltkulturerbe gehören. Er ist besonders stolz auf diese Errungenschaft der isländischen Kultur, nicht zuletzt, weil sie den Löwenanteil der frühzeitlichen isländischen Kulturgeschichte ausmacht. Das Land ist erst seit 900 n. Chr. nachweislich besiedelt, kennt keinen Klassizismus, keine Renaissance, keine besonderen Revolutionen, war nur geringfügig in Kriege involviert. Die Sprache hat sich aufgrund der isolierten Lage im Laufe der Jahre nur minimal verändert. Island ist erst seit 1918 unabhängig von der dänischen Krone, 1944 wurde die Demokratische Republik Island ausgerufen. Der Fischfang ist seit langer Zeit tief in der isländischen Kultur verwurzelt. Hinweise darauf finden wir auch in Gunnar Snorri Gunnarssons Büro: drei längliche mit Fischleder bezogene Sofakissen auf der Couch. Alles, was mit Meer zu tun hat, sei wichtig, sagt uns der Botschafter. In der Kantine der Nordischen Botschaft steht fast täglich auch ein


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Die schlichte Einrichtung entspricht der zurückhaltenden Architektur. Der helle Holzboden ist etwas zerkratzt: Spuren zahlreicher Besucher. Zeichen der Gastfreundschaft.


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Fischgericht auf der Karte. Als Inselstaat hat Island selbstverständlich eine starke Bindung zum Meer. Kaum eine Landschaft übt auf den Menschen eine so große Anziehungskraft aus wie das Meer, das Erholung und Sehnsucht symbolisiert. Der freie Blick zum Horizont fasziniert und vermittelt ein immenses Freiheitsgefühl. Im Allgemeinen wird Menschen, die in Küstenregionen leben oder dort aufgewachsen sind, eine besondere innere Ruhe nachgesagt. Auch Herr Gunnarsson scheint über ein unaufgeregtes, ausgeglichenes Innenleben zu verfügen. Seine entspanntlässige Haltung zeugt von Selbstsicherheit und Beherrschtheit. Lediglich wenn wir uns über allzu Privates wie sein familiäres Leben erkundigen, zieht er sich im Sessel zurück und verschließt sich etwas: verbal wie auch körperlich. Dennoch finden sich in Gunnarssons Büro allerlei persönliche Mitbringsel von diversen Reisen zu allen Kontinenten. Am auffälligsten ist ein kleiner Tisch, der fast schon wie ein Schrein anmutet. Auf ihm thront eine in der Mongolei erstandene Figur. Sie stellt den König des Nordens dar, der für Offenheit und Großzügigkeitstehen soll. Umrahmt wird die Figur von zwei Keramiksteinen, das Geschenk eines isländischen Künstlers. Es gibt wenige private Dinge, die Herr Gunnarsson mitnimmt, wenn er wieder abreist. Seine praktische Veranlagung wird deutlich: sind ein Schreibtisch, ein Telefon und ein Computer vorhanden, kann er arbeiten. Alles Zusätzliche, Angenehme sind entbehrliche Extras. Er beschäftigt einen Chauffeur, den er aber, sollte der Arbeitstag sich doch etwas länger hinziehen,nach Hause schickt, berichtet der Botschafter. Gunnarsson verfügt zwar über einige Privilegien, jedoch scheinen diese nicht seine Motivation für das Ergreifen eines politischen Amtes zu sein. Das Reisen und das damit verbundene Entdecken diverser Kulturen stehen im Vordergrund, obschon der Rahmen, in dem dies passiert, ein sehr hoch positionierter und hoch angesehener ist. Leider gewährt uns der Botschafter bezüglich seiner Einstellung zu Macht und Prestige nicht allzuviel. Auch


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wenn die Bürotür Gunnarssons für die eigenen Mitarbeiter buchstäblich stets offen steht, sind die Jalousien der Fenster, hinter denen sich nach wenigen Metern schon die benachbarten Botschaften befinden, geschlossen. Auch wenn er eine Harmonie zwischen den nordischen Ländern beschreibt und die vertretenen Einstellungen als »likeminded« bezeichnet, scheint allzu freizügige Zusammenarbeit letztlich doch nicht erwünscht zu sein. Man soll sich offenbar nicht gegenseitig auf den Schreibtisch gucken können. Der Schreibtisch fast U-förmige präsentiert sich uns als kreatives Chaoses. Zeitungen wie «Die Morgenpost« liegen auf diversen Reiseprospekten und Flyern von kulturellen Angeboten und mischen sich mit anderen Dokumenten und Zetteln jeglicher Art. Lediglich auf geschätzten zwanzig Prozent des gesamten Tischs gibt es noch freie Abla-

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gefläche. Da der Botschafter sich nicht ausführlich auf unser Gespräch vorbereitet hat, konnten wir einen realistischen Einblick auf seine täglichen Arbeitsräume und -flächen bekommen. So schlossen wir aus der herrschenden Situation auf einen umtriebigen und beschäftigten Arbeitalltag, dem es keineswegs an Struktur fehlt, da die meisten klassischen Büroutensilien wie Tacker und Locher an ihrem Platz in dafür vorgesehenen Gefäßen ruhten. Vermutlich wird abends alles wieder aufgeräumt, verstaut und abgeheftet. Um Gunnarssons Verständnis von Werten genauer zu ergründen, erkundigen wir uns nach Unterschieden zwischen Deutschland und Island. Das Verhältnis zur Natur in den beiden Ländern sei ein ganz anderes, erzählt er uns. Die Isländer seien von der Natur geprägt, in Deutschland sei es der Mensch, der die Natur nach seinen Vorstellungen formt. In Island stellt die


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Am auffälligsten ist ein kleiner Tisch, der fast schon wie ein Schrein anmutet.


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Natur eine größere Herausforderung dar: Gletscher, Vulkane, Wasserfälle, Eisberge, Stein- und Geröllwüsten – die isländische Natur ist sehr belebt, sehr präsent, immer in Bewegung, gefährlich und unberechenbar.Sie prägt das Leben der Menschen wesentlich intensiver als es die Natur in Deutschland tut. Alle erinnern sich noch, wie machtlos die Menschen gegen einen Vulkanausbruch sind, im April 2010 machte der Eyjafjallajökull, auch in Deutschland von sich reden. Alle technischen Errungenschaften erscheinen in Zeiten solcher katastrophalen Naturereignisse klein und unbedeutend. Als Unterschied zwischen den Arbeitsmentalitäten der Deutschen und der Isländer bescheinigt Gunnarsson den Deutschen mehr Disziplin. Die hier übliche Zielgerichtetheit und Konzentration auf Aufgaben hält der Botschafter für erstrebenswert und findet, dass Isländer sich von dieser Haltung etwas abschauen könnten. Ein weiterer gravierender Unterschied zwischen Deutschland und Island, der nationale Einstellungen und ein gewisses Selbstverständnis prägt, ist die unterschiedliche Bevölkerungszahl und -dichte der Länder. Derzeit leben in Deutschland etwa 82 Millionen Menschen, in Island sind es etwas über 320.000, das bedeutet, Deutschland hat etwa 256 Mal so viele Einwohner wie Island. Mit einem schmunzelnden Stolz weist Gunnarsson darauf hin, dass Charlottenburg-Wilmersdorf ungefähr der isländischen Bevölkerungszahl insgesamt entspricht. Ein im Ausland reisender Isländer, der auf einen anderen Landsmann trifft, kann eigentlich immer irgendeine Verbindung zu diesem finden, seien es gemeinsame Bekannte, ein Stammcafé oder ein Arbeitgeber,. Nicht ohne Grund wurde für einander begegnende Isländer eine App entwickelt, mit der zeitnah herausgefunden werden kann, ob eine engere Verwandtschaft besteht. Das Gefühl, mit jedem irgendwie verbunden zu sein, fördert ein selbstverständliches Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, wie wir es in Deutschland nicht kennen. Ebenfalls fühlt man sich nicht wie einer von vielen, eine kleine Nummer gegenüber der großen Zahl, jeder bedeutet etwas,



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jeder ist wichtig. Darüber hinaus hat man das Gefühl, dass nicht allzu viele Hürden überwunden werden müssen, um eine hohe Position zu erreichen, da die Konkurrenz vergleichsweise klein ist. So erscheint es schon etwas selbstironisch, dass der seit fast vier Jahren amtierende Bürgermeister der Hauptstadt Reykjavik (in der über ein Drittel der Isländer wohnt) ein Comedian war, bevor er eine politische Karriere einschlug. Jón Gnarr: vom schlechten Schüler mit Null-Bock-Einstellung zum Punkrocker, zum Taxifahrer, zum beliebtesten Comedian des Landes, zum unterhaltsamen Bürgermeister Reykjaviks, der die Unterstützung des Volkes genießt und solide Umfragewerte erzielt. Auch in der Wahl der lesbischen Ministerpräsidentin Jóhanna Sigurdardóttir bestätigt sich die besondere »Lockerheit« der Isländer. Die Offenheit gegenüber Homosexualität im Land ist beispielgebend. Bereits seit 1940 ist Homosexualität legalisiert, seit 2010 ist die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt, Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung ist gesetzlich verboten. Zwar hat sich diese Einstellung in Gunnarssons Büro nicht gegenständlich manifestiert und lässt sich nicht in Form einer plakativen Regenbogenflagge oder Ähnlichem wiederfinden, dennoch spricht auch er sehr frei über Homosexualität und vertritt dieselbe liberale Einstellung wie sein Volk. Insgesamt lässt sich nichts Plakatives oder Provozierendes im Büro oder im Gebäude wiederfinden. Alles erscheint recht funktional, glatt und auf optimale Arbeit ausgerichtet. Es gibt keinen Prunk, keine Übertreibungen, keinerlei Angriffspunkte. Ein Tisch mit Fotografien am Ende des Raumes erweckt unsere Aufmerksamkeit. Die kleinen, unterschiedlich gerahmten Bilder zeigen verschiedene Treffen des Botschafters mit

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Berlin, 52°30‘33.0“N 13°21‘01.8“E

176 wichtigen Politikern aus der ganzen Welt. Die Fotos sind schüchtern ans Ende des Tisches gedrängt, dokumentieren sie doch recht gewichtige Zusammenkünfte mit bedeutenden Persönlichkeiten. Ergänzt werden die Fotografien von einer kleinen isländischen Flagge am Ende des Tischs. Diese zurückhaltende Art wirkt auf uns sympatisch. Nationalstolz scheint nicht provokativ groß geschrieben zu werden. Man bekommt einen Eindruck vom politischen Selbstverständnis des Isländers; die Bilder sind zwar da, sie sollen zeigen, dass man doch ein bisschen wichtig ist, dass man jemand ist auf der Bühne der Weltpolitik. Aber die Art der Präsentation vermittelt Zurückhaltung. Nach großzügigen anderthalb Stunden lässt Herr Gunnarsson durchblicken, dass er das Interview bald beenden möchte. Er führt uns durch das etwas düstere Treppenhaus in alle Etagen, stellt uns verschiedene Mitarbeiter vor, und wir erkennen, dass die Einrichtung in fast allen Büros gleich ist. Der Botschafter genießt nicht besonders viele innenarchitektonische Privilegien. Zwar verfügt er über geringfügig mehr Platz, doch das Mobiliar und die verwendeten Materialien in den Räumen ähneln sich sehr. Eine sehr egalitärer Grundhaltung manifestiert sich in der Einrichtung der Büros, unterschiedliche Rangfolgen lassen sich nur schwer erkennen. Herr Gunnarsson begleitet uns persönlich zurück bis zum Felleshus. Dort angekommen wird deutlich, dass er sich über die von uns zum Abschied eingehaltene Etikette in Form von ausgesprochener Höflichkeit und Dankbarkeit freut. Gunnar Snorri Gunnarsson hat uns sehr freundlich empfangen und uns gern alles über sein Land und die Botschaft in Berlin erzählt, blieb jedoch lieber auf sicherem Terrain und ließ die professionelle Schutzhülle, die sich die meisten Politiker im Laufe ihrer Karriere verständlicherweise aneignen, nicht fallen. Dennoch waren wir sehr positiv davon überrascht, wie schnell und unkompliziert wir einen Termin ausmachen konnten und wieviel Zeit wir mit dem Botschafter verbringen durften.


Isländische Botschaft NORDISCHE BOTSCHAFTEN

Eine sehr egalitärer Grundhaltung manifestiert sich in der Einrichtung der Büros, unterschiedliche Rangfolgen lassen sich nur schwer erkennen.

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