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IPPNW forum 166/2021 – Die Zeitschrift der IPPNW

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ATOMWAFFEN

„Only those who see the invisible can do the impossible“ Eine kurze WĂŒrdigung des IPPNW-BegrĂŒnders Bernard Lown, der im Juni einhundert Jahre alt geworden wĂ€re

B

ernard Lown wurde am 7. Juni 1921 in Litauen geboren. 1935 emigrierte seine Familie in die USA. Bereits 1945 konnte er mit dem Medizinstudium an der University of Maine beginnen und das klinische Studium an der John Hopkins School of Medicine bis zum M.D. fortsetzen. 1953 wurde er als Arzt im Offiziersrang fĂŒr den Einsatz in Korea zur Armee eingezogen. Man forderte von ihm eine ErklĂ€rung, welchen als ,,subversiv“ eingestuften Bewegungen er angehört habe, da Lown sich wĂ€hrend der Studentenzeit in linken sozialen Gruppen engagiert hatte. Er lehnte das Ansinnen ab und wurde darauthin degradiert und in ein MilitĂ€rhospital in Tacoma (Washington) strafversetzt. Über dieses Jahr sagte Lown spĂ€ter: Es ruinierte ein Jahr meines Lebens und verzögerte meine Karriere um ein Jahrzehnt, aber es machte mich zu einem besseren Arzt“. 1955 konnte er seine klinische TĂ€tigkeit am Peter Bent Brigham Hospital fortsetzen und mit Experimenten zu Ursachen und Therapie gefĂ€hrlicher Herzrhythmustörungen und des akuten Herztodes beginnen. In Hundeversuchen, bei denen nach Ligatur einer Herzkranzarterie tödliches KammerïŹ‚immern auftrat, fand Lown heraus, dass das Flimmern mit einem Elektroschock beseitigt werden konnte und ein normaler Herzrhythmus wieder einsetzte, obgleich der Coronarverschluss bestehen blieb. Aus diesen Experimenten entwickelte Lown 1962 den GleichstromDefibrillator zur sofortigen Unterbrechung des tödlichen KammerïŹ‚immerns. Das war eine sensationelle ErïŹndung, die Lown als Kardiologen weltweit bekannt machte. Millionen Menschen wurden seit-

her mit der DeïŹbrillation gerettet, die sonst dem akuten Herztod erlegen wĂ€ren. Ich werde dieses ,,Wunder“ als junger Oberarzt an der Uniklinik Kiel nie vergessen, als wir mit dem neu erworbenen LownDefibrillator die ersten puls- und bewusstlos gewordenen Herzpatienten mit einem Stromstoß wiederbeleben konnten! 1963 folgten Lowns Erfindung der Elektrokardioversion des Vorhofflimmerns, die Lidocaintherapie gefĂ€hrlicher Extrasystolie und die erste Einrichtung einer Herz-Überwachungsstation mit kontinuierlicher EKGAbleitung. 1960 kamen mit der zunehmenden Feindschaft zwischen den USA und der Sowjetunion weitere Aufgaben auf Lown zu: Beide Nationen rĂŒsteten ihre Atomwaffen auf, und nahezu wöchentlich fanden Atombombentestexplosionen inden WĂŒsten Nevadas/USA und in Semipalatinsk/ Kasachstan statt. Der Bevölkerung gegenĂŒber wurden Informationen ĂŒber radioaktive Verstrahlung und die Auswirkungen einer Atombombe zum Beispiel auf eine amerikanische Stadt vorenthalten. Lown konnte dazu aus GewissensgrĂŒnden nicht weiter schweigen, ohne einzuschreiten.

„Never whisper in the

presence of wrong!“ (1981) Er lud Kollegen in seine Wohnung ein und gemeinsam beschlossen sie eine Ärzteorganisation mit dem Namen ,,Physicians for Social Responsibility“ zu grĂŒnden. Fortan publizierten sie im New England Journal of Medicine und anderen Zeitungen die wissenschaftlichen Fakten zu den AtombombenabwĂŒrfen 1945 ĂŒber Hiroshima und Nagasaki und den Atom12

bombentests. In der US-amerikanischen Bevölkerung entwickelte sich große Erregung und EntrĂŒstung entstand. Das veranlasste US-PrĂ€sident John F. Kennedy und den russischen GeneralsekretĂ€r Nikita Chruschtschow 1963, einen Vertrag zum Verbot ĂŒberirdischer Atombombenexplosionen, den Limited Test Ban Treaty, abzuschließen. Nun durfte nur noch unterirdisch getestet werden. Eine gewisse Beruhigung der Bevölkerung stellte sich ein, aber das WettrĂŒsten ging weiter.

„Wir Ärzte mĂŒssen fĂŒr die noch ungeborenen Generationen sprechen. Wir werden erfolgreich sein, wenn wir Millionen Menschen mit unserer Vision von einer Welt stĂ€rken, die von dem Gespenst der Atomwaffen befreit ist.“ (1986) Lown erkannte, dass nur eine alle Blockgrenzen ĂŒbergreifende Ärztebewegung eine grĂ¶ĂŸere politische Wirkung haben wĂŒrde, um einen Atomkrieg verhĂŒten zu helfen. Deswegen lud er 1978 wieder Kollegen in seine Wohnung – beschlossen wurde diesmal die GrĂŒndung der ,,International Physicians for the Prevention of Nuclar War – IPPNW“. Lown wurde zum Vorsitzenden gewĂ€hlt und bemĂŒhte sich sogleich, den ihm von Kardiologenkongressen bekannten Direktor des Herzforschungsinstituts in Moskau, Evgeny Chasow, fĂŒr die IPPNW zu gewinnen. Der bezweifelte einen Erfolg, aber nach zahlreichen GesprĂ€chen in Moskau gelang es Lown, Chasow und auch die sowjetische Regierung von dem Wert einer großen internationalen Ärztevereinigung zu ĂŒberzeugen.


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