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STADTGESCHICHTE

Virginia Brunner: „Mutter saß daheim u n d brütete ... Pläne aus" Die G r ü n d u n g von drei Vereinen, einer Schule und die Mitgliedschaft in d e r „ Ö s t e r r e i c h i s c h e n F r a u e n p a r t e i " m a r k i e r e n den Leb e n s w e g v o n V i r g i n i a B r u n n e r ( 1 8 5 7 - 1 9 4 6 ) in I n n s b r u c k . Sie s e t z t e sich f ü r die A n l i e g e n von berufstätigen Frauen ein und stieß d a m i t n i c h t i m m e r a u f das V e r s t ä n d n i s i h r e r U m g e b u n g .

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Anna Eugenia Elisabetta Virginia Hochegger wurde als Tochter eines Universitätsprofessors aus Innsbruck in Pavia geboren und lebte durch die Arbeit ihres Vaters in den verschieFür das Stadtarchiv/Stadtmuseum von Mag.a Ellinor Forster densten Städten der Monarchie. In W i e n besuchte sie die Höhere Töchterschule. 1875 mit ihrer Familie nach Innsbruck zurückgekehrt,absolvierte sie die Lehrbefähigungsprüfung und arbeitete bis zu ihrer Verehelichung mit dem Universitätsprofessor der

Virginia Brunner als ^ junge Frau. r f l (Original JÊÊ Privatbesitz \ \ Ingrid Brunner)

schule in der Sillgasse 17 eröffnet, die wegen Raummangels nach zwei Jahren in die Tempistraße 10 umzog. Während die W i e n e r Frauenbewegung sie deshalb in höchsten Tönen lobte, klingt die Erinnerung ihres jüngsten Sohnes in seinen Memoiren weniger verständnisvoll. „Unermüdlich sei die Mutter mit Sammelbögen zu allen erdenklichen Leuten und Geschäften gelaufen, um das Geld dafür zusammenzubringen. Zwar hätte es geklappt, aber sie sei deshalb auch von vormittags bis neun Uhr abends aus dem Haus gewesen und der ganze Haushalt blieb dem Dienstmädchen überlassen. Schließlich habe der Statthalter den Vater zu sich berufen, um ihm mitzuteilen, dass die Schule von öffentlichen Mitteln als .Staatliche Virginia Brunner mit ihren Söhnen Karl Gewerbeschule für Haushalt und Hound Walter. telgewerbe' weitergeführt werden (Original Privatbesitz Ingrid Brunner) sollte. Das Vereinsvermögen werde zurückbezahlt und für Virginia BrunChemie Dr. Karl Brunner als städtiner sei eine .goldene Verdienstmesche Lehrerin. daille für ihre selbstlose Tätigkeit' Vor genau 100 Jahren gründete sie vorgesehen. Dr. Karl Brunner sollte den „ T i r o l e r Hausfrauenverein", der als Staatsbeamter auf seine Frau eindie „practi sehe Ausbildung des weibwirken, dass keine Widerstände zu lichen Geschlechtes" für Haushalt erwarten sind. Natürlich gab es Träund Beruf beabsichtigte. Dazu wurde nen, aberVater war froh und ich kann auch eine Koch- und Haushaltungs-

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nicht sicher sagen, ob nicht gute Freunde, die diese Sache ansehen mussten, diesen Schritt des Statthalters verursacht haben." 1911 rief sie mit gleich gesinnten Frauen in Innsbruck eine Zweigstelle der „Vereinigung der arbeitenden Frauen" ins Leben. Im Vereinslokal in der Müllerstraße 7 wurden neben Sprechstunden auch Sprachkurse (Englisch, Französisch. Italienisch) und Unterricht in Maschinschreiben und Stenografie für Mädchen und Frauen angeboten, um ihnen den Einstieg und das Fortkommen im Berufsleben zu erleichtern. Die Sicht des Sohnes dazu: „Endlose Vorträge. Abende mit Unterhaltung, Fortbildungskurse, Sprachunterricht und alles Mögliche wurde geboten, und da war meine Mutter wieder einmal Präsidentin." Als sich im Ersten Weltkrieg die Knappheit der Lebensmittel abzeichnete, initiierte sie die Innsbrucker Ortsgruppe der „ R O H Ö - Reichsorganisation der Hausfrauen Österreichs". Durch die Organisation der Konsumenten sollte eine billigere Beschaffung der wichtigsten Lebensmittel und Bedarfsartikel möglich sein und so eine Verbesserung der Haushaltsführung des Mittelstandes herbeigeführt und weitere Verteuerungen möglichst vermieden werden. Noch mit 74 Jahren engagierte sich Virginia Brunner in der von Marianne Hainisch gegründeten „ Ö s t e r reichischen Frauenpartei", die 1931 zur Ergänzungswah! in den Innsbrucker Gemeinderat antrat. Im Alter von 89 Jahren starb Virginia Brunner. Die Erinnerung an ihr fortschrittliches Engagement hat sich t r o t z des zeitgenössischen W i d e r stands und Unverständnisses.weil sie nicht nur das Leben einer Ehefrau führte, die sich ausschließlich um die Familie und den Haushalt kümmerte, über ihre Enkelinnen und Urenkelinnen erhalten.

I N N S B R U C K I N F O R M I E R T - DEZEMBER 2005

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Ausgabe Dezember 2005

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