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Jetzt Gemeinschaft! Es kann nur alle geben.

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meinschaft sollte entstehen können, gleichzeitig wollten wir Gemeinschaft in Haslach abbilden. Es gab aber auch viele Ressentiments von Haslacher Gruppierungen. Wir bleiben schlussendlich doch die Künstler, die ein bisschen komisch sind und einen bestimmten Ruf haben. Die Leute, die angedockt haben am Finkenschlag, waren oft die mit einer kulturellen oder auch politischen Affinität.

kamen ins Gespräch. Künstler und Publikum liessen beim gemeinsamen Essen sozusagen die Hüllen fallen, die übliche Distanz wurde aufgelöst. Ein Finkenschlag-Besuch bedeutete meistens nicht, zu einer Vorstellung zu kommen und danach wieder zu verschwinden, sondern man traf sich oft vorher, redete miteinander, erlebte dann gemeinschaftlich etwas und sprach danach wieder weiter. Man kann es so sagen: Der Finkenschlag ist ein Ort, an dem man sich einlässt auf KonAS: Es scheint ein Paradox zu sein: Wenn du dich fusionen und heterogene Publikumsschichten, vernetzt, versuchst du ja auch, Gemeinschaft- und darauf, nicht zu wissen, was als nächstes lichkeit herzustellen, Gemeinsinn zu initiieren – passiert. gleichzeitig kann man das auch nicht von aussen an jemanden herantragen. AS: Ihr habt jetzt viele Erfahrungen gemacht, was so ein Ort wie der Finkenschlag leisten kann, WK: Ja, von aussen zu kommen ist schwierig. Da wo aber auch Grenzen sind. entsteht schnell die Befürchtung, dass man für eine Theatermaschine, die etwas Soziales machen will, IS: Es gab Abende hier, die sehr gut besucht waren eingespannt werden soll. Was will das Theater in und sehr berührend waren, aber es kam auch vor, Haslach? Diese Frage wurde uns oft gestellt. Wir dass man viel vorbereitet hatte und eine Verandiskutierten auch immer wieder, wer denn da staltung nicht so aufgenommen wurde, wie wir wohin integriert werden soll, das Theater nach uns das erhofft hatten. Die meisten, die mehrmals Haslach oder Haslach ins Theater, welche Art von hier waren, sprachen aber davon, dass es sehr Geschichten erzählt werden soll. besondere Erfahrungen waren im Finkenschlag. Ich möchte nicht unbedingt von Utopien sprechen, AS: Die Veranstaltungen, die ihr im Finkenschlag aber es braucht Orte, die erst einmal eine starke initiiert habt, umfassen eine sehr grosse Bandbrei- Behauptung in die Welt setzen, die etwas anderes te, von sehr eigenwilligen künstlerischen Aktio- versuchen und auch Spass daran haben. Der Finnen, die sich um die Umgebung und den Ort gar kenschlag ist ja aus einer Lust heraus entstanden nicht kümmern, bis zu Aktionen, bei denen ihr und nicht aus einer wohlgemeinten Überlegung. sehr weit auf das Quartier zugeht. Entsprechend Auch uns hat immer wieder überrascht, was pasgross ist auch die Bandbreite des Publikums: Je siert. Ich hab diesen Ort selbst als unkalkulierbare nach Veranstaltung sind ganz unterschiedliche Sache empfunden, aber genau das hat mir gefalMenschen gekommen. Ich finde das sehr bemer- len. Wir konnten leichtere Zugänge ermöglichen kenswert. Dabei sind auch Gemeinschaftserleb- als sonst am Theater. nisse ganz besonderer Art entstanden. WK: Wir hatten unterschiedlichste Leute hier WK: Ein Beispiel für eine starke künstlerische Po- zu verschiedenen Veranstaltungen, trotzdem war sition, die im Finkenschlag bezogen wurde, ist der es nicht so, dass bestimmte Leute immer wieder aus Israel stammende Ruby Edelmann. Er hat als kamen. Manchmal prallten auch verschiedene Artist in Residence als erstes eine Fahne mit Juden- Milieus aufeinander: Als die Künstlergruppe stern aufs Dach des Finkenschlags gestellt. Das Beaster Quartett sich vorstellte und auf einem hat ungeheuer kontroverse Reaktionen nach sich sehr hohen Niveau über Kunst sprach, hörte ich gezogen und einige im Quartier sehr provoziert. einige im Publikum kichern. Es war klar, dass Andererseits hatten wir Formate wie Badish Sushi, ihnen das absurd erschien. eine Mischung aus sehr phantasievoller Kulinarik und künstlerischen Darbietungen. Da kamen ganz IS: Ich denke, wichtig war unsere Bereitschaft, verschiedene Menschen, sassen an einem Tisch und uns auf unterschiedlichste Menschen einzulassen,

auch solche, die wir selbst als konservativ ansehen. Haslach ist ein ziemlich durchschnittlicher Stadtteil, auch wenn in bestimmten Gegenden ein Ghetto-Mythos gepflegt wird. Diese ganz unterschiedlichen Menschen zu kreuzen ist etwas, das von allen viel fordert. WK: Es stellt dein Selbstverständnis in Frage, weil immer wieder Rollenkonfusionen entstehen und du dich vergewissern musst, welchen thematischen Faden du gerade verfolgst. Immer wieder fragte ich mich: Wer bin ich da jetzt gerade? Manchmal entsteht dann aber auch eine ganz eigene, starke Lebendigkeit, wie bei der ersten Talkshow, die erst einmal einfach mit einer Behauptung begann: Man nimmt eine Kamera, projiziert das, was gerade geschieht, auf eine mit drei klapprigen Leisten simulierte Leinwand, und plötzlich sind da zwanzig Kinder, die glauben, das wird jetzt live im ZDF übertragen. Jeder konnte für sich eine Auftrittsmusik wählen, draussen waren ein roter Teppich und Lichterketten, und dann setzte man sich, um zu reden. Es passierte Chaos, aber die Leute lachten. Um neun kam dann die auf sieben eingeladene ehemalige Wirtin des Finkenschlags und begann sofort zu erzählen. Das war eine ganz eigene Art von Lokalkolorit, die dadurch entstand, auf eine sehr lebendige Art und Weise. AS: Der Finkenschlag als ein Ort, der immer wieder neu erzählt, mit unterschiedlichen Phantasmen gefüllt wurde, der verschiedenste Milieus und Menschen zusammen zu bringen und dabei Identitäten, Erwartungen, Konzepte in Frage stellt oder erweitert. IS: Es ist etwas Einzigartiges entstanden, das nur an diesem Ort passieren konnte und so nicht einfach an einem anderen wiederholt werden kann. AS: Vielen Dank für das Gespräch.


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