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SOMMER 2015

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Ihr Journal von RWE

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Andreas Holm (li.) und Manfred Heinlein trafen sich an Holms Arbeitsplatz im Forschungsinstitut für Wärmeschutz (FIW) in München. Hier werden Dämmmaterialien gestestet.

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F OTO S : D O M I N I K G I G L E R INTERVIEW: MICHAEL HOPP

Ziel der Bundesregierung ist es, den CO2-Ausstoß von Wohnhäusern bis 2050 um 80 Prozent zu verringern. Die energetische Sanierung von Gebäuden wird damit zu einem wichtigen Teil der Energiewende. Dennoch ist eine hitzige Diskussion über den Weg entstanden: Welchen Beitrag kann Wärmedämmung leisten? Gegner unterstellen, sie bringe für das Klima wenig und sei nur ein gutes Geschäft für die Dämmindustrie. /NEXT lud zwei Kontrahenten zur Diskussion: Befürworter Prof. Dr. Andreas Holm und Gegner Dipl.-Ing. Manfred Heinlein

/NEXT: In Deutschland soll bis 2050 der gesamte Immobilienbestand zumindest einmal gründlich durchsaniert werden, das sind etwa 375 000 Gebäude pro Jahr. Die staatliche KfW Bankengruppe hat ausrechnen lassen, dass dafür bis zu 840 Milliarden Euro investiert werden müssten. Was erhofft man sich davon? HOLM: Die Zahl bezieht sich nicht auf die Wärmedämmung, sondern auf die Vollsanierung von Gebäuden. Wärmedämmung ist nur ein Teil davon. Mit der Gebäudedämmung erhofft man sich einen großen Beitrag zur Energiewende, das stimmt. 40 Prozent unseres gesamten Energieverbrauchs gehen für Heizung, Warmwasser und Beleuchtung drauf. Diesen Posten kann man mit verschiedenen Maßnahmen reduzieren. Wenn man alle Gebäude auf den heutigen Stand der Technik bringen würde – was aber nicht auf Knopfdruck geht –, könnten wir 300 bis 350 Terrawattstunden an Energie in Deutschland einsparen. Im Vergleich dazu: Die Endenergiebereitstellung aller Kernkraftwerke in Deutschland im Jahr 2013 beträgt 100 Terrawattstunden. /NEXT: Herr Heinlein, Sie haben Zweifel, dass die Wärmedämmung ein geeigneter Beitrag zur Energiewende ist? HEINLEIN: Ja, sie ist eher ein groß angelegtes Beschäftigungsprogramm für Firmen. Der U-Wert, also das Maß für die Wärmedurchlässigkeit eines Gebäudes, wird zum Beispiel auf einer falschen Basis berechnet. Der tatsächliche

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HOLM: Das könnte ich so fast unterschreiben. Es gibt keine grundsätzliche Lösung. Weder ausschließlich Anlagentausch noch Dämmung. Man muss auf jeden Fall immer jedes Gebäude für sich betrachten. Deshalb ist es wichtig, dass man einen vernünftigen und geschulten Blick auf das Gebäude wirft, ein Konzept entwickelt und dann einen Sanierungsfahrplan entwirft.

Wärmebedarf eines Gebäudes liegt ganz oft deutlich unter seinem berechneten Wärmebedarf, bei Bestandsgebäuden sind dies im Durchschnitt 30 Prozent. Wenn der Wärmebedarf bei der Planung einer Dämmmaßnahme zu hoch angesetzt wird, wird auch die Maßnahme in einem falschen Umfang durchgeführt – genauer gesagt: in einem größeren Umfang und zu höheren Kosten als eigentlich notwendig. So wird die Sanierung unwirtschaftlich und die erwarteten Einsparungen bleiben aus. Man bleibt auf den Kosten sitzen! Wenn wir schon von Energiewende sprechen, warum untersage ich nicht von heute auf morgen die Massentierhaltung und führe ein Tempolimit ein? Da habe ich mehr Energie gespart und muss keinen Cent investieren. Wärmedämmung allein hat mit sinnvoller Energiewende nichts zu tun. HOLM: Sie glauben tatsächlich nicht, dass die energetische Sanierung einen Beitrag zur Senkung des Energieverbrauchs leistet? HEINLEIN: Wir können durch verschiedenste, individuell angepasste Maßnahmen energetische Einsparungen vornehmen. Ich stelle aber infrage, dass das grundsätzlich durch Wärmedämmung zu schaffen ist.

/NEXT: Das Thema Individualisierung der Maßnahmen ist von Ihnen beiden angesprochen worden. Wie weit lässt die Politik das zu? HOLM: Sie lässt es voll zu. Die Bundesregierung setzt als ersten Schritt immer auf die Energieberatung durch unabhängige Berater. Das halte ich auch für sehr wichtig. HEINLEIN: Kleiner Einspruch. Die Einschätzung eines Energieberaters sagt noch nichts über die Qualität der Ausführung aus. Und: Ich habe viele Energieberater kennengelernt, die nicht ausreichend qualifiziert und über viele Perspektiven gar nicht informiert waren. HOLM: Dass die Energieberatung in vielen Fällen krankt, will ich nicht abstreiten. Die Weiterbildung zum Energieberater boomt, wir haben heute 12 000 davon. Ich halte es für wichtig, dass Energieberater zum Beispiel Architekten oder Bauingenieure sind, dass sie nicht aus einem absatzgetriebenen Markt stammen, sondern unabhängig sind!

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WÄR M E

„ Wa s w i r brauchen, ist eine qualifizierte Energieberatung.“ ANDREAS HOLM

Prof. Dr. Andreas Holm Nach einem Physikstudium in München, São Paulo und Porto arbeitete Andreas Holm beim Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Holzkirchen und an der Hochschule München. Seit 2011 leitet er das Forschungsinstitut für Wärmeschutz e. V. (FIW) in München.

/NEXT: Nach Berechnungen des deutschen Mieterbundes lohnt sich die Dämmung von Hausaußenwänden nicht. Die Kosten übersteigen die späteren Einsparungen um das Dreibis Vierfache. Warum sollte man sein Haus dann überhaupt dämmen? HOLM: Dämmung rechnet sich nicht – das lässt sich pauschal nicht sagen. Viele Faktoren spielen mit hinein. Das beginnt schon beim Preis von Wärmedämmverbundsystemen, der bei 90 Euro anfängt und bei 180 Euro aufhört. Eine weitere Rolle spielen der aktuelle Energiepreis und seine Entwicklung sowie die Rendite. Außerdem Raumtemperatur und Wetter. Eine genaue Prognose, wann sich eine Dämmung rechnet, ist unmöglich. Man dämmt aber schließlich auch nicht aus rein wirtschaftlichen Beweggründen, sondern auch aus Gründen wie dem Wunsch nach Behaglichkeit oder aufgrund von Bauschäden. HEINLEIN: Mit aufwendigen Werbemaßnahmen bringt die Dämmstoffindustrie die Leute dazu zu glauben, dass sie Dämmung dringend brauchen. Keiner sagt ihnen, dass sie die Fassadendämmung nach spätestens vierzig Jahren erneuern müssen. Übrigens ist dies eine Angabe der Industrie. Dabei ist die Energieeinsparung, die

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Amortisation, wirklich nicht nennenswert. Viele Leute dämmen zudem viel dicker als die sechs bis acht Zentimeter, bei denen sich rein rechnerisch der Energieverlust halbiert. Ich kenne ein Gebäude, auf dem 28 Zentimeter Polystyrol kleben. Diese 28 Zentimeter rechnen sich niemals – und sie haben weitere böse Folgen: Es können sich unter anderem Algen bilden, die den Putz an der Außenfassade auch zerstören können. HOLM: Aber Moment, das ist ein Problem der Planung. Wenn jemand 28 Zentimeter Polystyrol auf Beton auftragen lässt, dann haben wir hier kein Problem mit der Wärmedämmung, sondern mit dem Planer. Sie können aber nicht anhand einzelner Beispiele das System verdonnern. Prinzipiell muss man sagen: Dämmung ist nicht nur Fassadendämmung. Auch das Dach und der Keller gehören dazu. In der gegenwärtigen Diskussion wird alles in einen Topf geworfen. HEINLEIN: Ich habe oft erlebt, dass sich Menschen in eine Wohnanlage eingekauft haben in der Hoffnung, in ihrer Pensionszeit Ruhe vor Investitionen zu haben. Dann fiel die Mehrheit

der Eigentümergesellschaft auf die Werbung der Dämmindustrie herein und beschloss, energetische Maßnahmen zu ergreifen. Unterm Strich hatten sie kaum eine Energieeinsparung, mussten sich aber als alte Menschen nochmals verschulden. Und falls dies nicht möglich war, blieb ihnen nur der Verkauf der Wohnung. /NEXT: Wir müssen heute nicht nur energieeffizient denken, sondern auch nachhaltig. Wie steht es denn um die Nachhaltigkeit des Dämmens und der Dämmmaterialien? HOLM: Was die Nachhaltigkeit in der Dämmindustrie angeht, mache ich mir wenig Sorgen. Unabhängige Stellen haben die Umweltverträglichkeit von Dämmstoffen, Ziegeln oder Abdichtbändern bestätigt. HEINLEIN: Ich finde, Nachhaltigkeit ist momentan eines der am häufigsten missbräuchlich benutzten Wörter. Dass Wärmedämmverbundmaßnahmen mit Polysterol nachhaltig sein sollen, stelle ich komplett infrage. Polystyrol ist für mich die schlechteste Art zu dämmen. HOLM: Jeder Dämmstoff hat seine Stärken und Schwächen. Man sollte nicht pauschal urteilen. HEINLEIN: Trotzdem macht die Dämmstoffindustrie jedes Jahr Umsätze in Milliardenhöhe mit diesem Dämmstoff. Im Moment werden mit Polystyrol gedämmte Fassaden in der Größenordnung von rund 5000 Tonnen wieder abgebrochen und entsorgt. Polystyrol ist aufgeschäumtes Erdöl, also viel Luft – er nimmt viel Platz in Anspruch und wird von dementsprechend vielen Lkws transportiert. Der Energieverbrauch ist gigantisch. Das hat doch nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. HOLM: Die Schaumstoffe werden nicht durch ganz Deutschland gekarrt, der Radius beträgt ungefähr 150 bis 300 Kilometer. Ich glaube, das ist noch vertretbar, wenn man bedenkt, dass Schweinehälften von Holland nach Südtirol gefahren werden. Im Übrigen – ohne Chemie steht kein Haus 80 Jahre. Und wenn Sie mit Stroh dämmen, fault Ihnen dieses ohne Zusatzstoffe buchstäblich unterm Hintern weg. Brandschutztechnisch ist es natürlich auch nicht ohne Weiteres so in Ordnung. Was müssen Sie tun? Sie geben 20 Prozent Borsäure dazu. Die ist auch nicht so nachhaltig. HEINLEIN: Das mag sein. Aber wir müssen dennoch weiter über nachhaltigere Alternativen nachdenken. HOLM: Es gibt zweifellos viele gute nachwachsende Rohstoffe, die als Dämmstoffe eingesetzt werden können. Zum jetzigen Zeitpunkt haben

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sie aber noch relativ große Kinderkrankheiten. Das wird in der öffentlichen Diskussion oft unterschlagen. Hier gibt es noch einiges zu tun. Aber auch hier arbeitet das FIW intensiv an der Entwicklung mit. Finden Sie nicht, jeder sollte in seiner Entscheidung frei sein? Es zwingt Sie keiner, Jeans mit Nylon, Polyamid oder Polyester zu tragen. Sie können ebenso gut eine Baumwollhose anziehen – die Entscheidung liegt bei Ihnen. Das Gleiche gilt für Gebäude. Es gibt keinen, der Ihnen sagt, Sie müssten zum Beispiel mit Polystyrol dämmen. /NEXT: Glaswolle und Steinwolle sind in NRW die gängigsten Dämmmaterialien. Welche Rolle spielt überhaupt das Material und wohin entwickelt es sich? HOLM: Jeder Dämmstoff hat Entwicklungspotenzial. Es wird meist nur das bekannteste Polystyrol Styropor zitiert, das in Süddeutschland besonders häufig verwendet wird. Doch auf dem gesamten Markt macht es nur 25 bis 30 Prozent aus. HEINLEIN: Die Dämmstoffindustrie hat es in Deutschland aufgrund irgendwelcher Einflussnahmen geschafft, dass der Dämmstoff Polystyrol als schwer entflammbar eingestuft wurde, obwohl er in allen europäischen Staaten um uns herum als normal entflammbar gilt. Wenn man den Stoff hier trotz erheblichen Risikos auf die Fassaden draufklatscht, nur um einen gewissen Absatzmarkt zu gewährleisten, ist das für mich skandalös. HOLM: Kennen Sie den neuen offiziellen Bericht der Bauministerkonferenz? Hier relativiert sich vieles. Darin ist von 18 Bränden in den letzten Jahren die Rede. Die überwiegende Anzahl der Brandereignisse ging auf Brandherde zurück, die außen vor der Gebäudefassade lagen: Müllcontainer, Autos, Motorräder. Zum Teil war aber auch vorsätzliche Brandstiftung die Ursache. Wir müssen hier schon die Kirche im Dorf lassen. /NEXT: Wie sind eigentlich die finanziellen Lasten in der Gesellschaft verteilt? Die Regierungskoalition kann sich nicht auf einen Steuerbonus für die energetische Sanierung einigen. Bayern akzeptiert die Gegenfinanzierung nicht. Stattdessen will das Wirtschaftsministerium nun bestehende Zuschussprogramme für die energetische Sanierung von Häusern aufstocken. HEINLEIN: Ich will als Steuerzahler keine Förderung mittragen, die nicht zu dem Ziel führt, das mir am Herzen liegt: Umweltschutz und CO2-Ein-

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sparung. Ich habe drei Töchter, und wenn ich sehe, welche Müllhalde wir unseren Kindern hinterlassen, stellen sich mir die Haare auf. Und die Dämmdiskussion, wie sie jetzt geführt wurde, hat am Ende dazu geführt, dass wir andere sinnvolle energiesparende Maßnahmen beim Gebäudebestand nicht weiterverfolgen. Das gilt für die Dachdämmung, für die Überarbeitung oder den Austausch von Fenstern und Heizungen sowie für die Umstellung auf eine Strahlungsheizung. HOLM: Fakt ist, aus energetischer Sicht, dass diese ganze Diskussion zulasten der gesamten Energiewende im Gebäudebereich geht. Das ist sehr schade. /NEXT: Herr Prof. Holm, verschönert energetische Sanierung das Stadtbild? HOLM: Energetische Sanierung kann sowohl furchtbar als auch wunderbar aussehen. Das ist eine Geschmacksfrage. Architekten und Planer müssen entscheiden, wie sie den Dämmstoff sinnvoll und vernünftig einsetzen. HEINLEIN: Ich fände es klasse, wenn die Industrie nicht mehr nur an den Umsatz denkt, sondern auch an die Umwelt und an das Weiterbestehen der Menschheit. HOLM: Aber so ein Robin Hood sind Sie auch nicht, wie Sie gerade tun. HEINLEIN: Aber ich denke in diese Richtung. HOLM: Es denkt jeder in eine gewisse Richtung. Ich habe auch die Bauphysik eingeschlagen, weil ich davon überzeugt bin, dass diese

Disziplin einen maßgeblichen Beitrag zur Nachhaltigkeit leistet. Hätten wir alle fünf Millionen Gebäude, die seit 1978 gebaut worden sind, auf damaligem Stand belassen und nicht entsprechend der Wärmeschutzverordnung oder Energieeinsparverordnung gebaut bzw. saniert, dann würde unser Energieverbrauch im Gebäudebereich heute in Deutschland jährlich um 25 Prozent höher sein. Das ist ein stiller Beitrag, den wir alle geleistet haben und über den wir heute leider nicht mehr reden. /NEXT: Ihre Schlussworte? HEINLEIN: Wärmedämmung ist ein Weg. Er sollte aber erst dann eingeschlagen werden, wenn alle anderen Wege schon gegangen wurden. Fassadendämmung kommt immer erst an letzter Stelle. HOLM: Wärmedämmung ist kein Irrweg, sondern ein Weg zum Ziel. Es ist wichtig, dass man vernünftig und individuell vorgeht. Der Dreiklang aus einer vernünftigen Planung, einer vernünftigen Ausführung und vernünftigen Materialien ist wichtig. Außerdem brauchen wir eine qualitätsvolle Energieberatung – das Thema Aus- und Fortbildung ist hier sehr wichtig. /NEXT: Vielen Dank!

Dipl.-Ing. Architekt Manfred Heinlein Der studierte Architekt führt Büros in Bamberg und Dießen am Ammersee. Er ist öffentlich bestellter Sachverständiger für Schäden an Gebäuden. Als einer der ersten Architekten realisierte Manfred Heinlein in der Gegend um Bamberg ökologische Bauprojekte.

„ Wä r m e d ä m m u n g allein hat mit sinnvoller Energiewende nichts zu tun.“ MANFRED HEINLEIN

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