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Freude durch Technik? Vom Vermeiden von Problemen zum freudvollen Erlebnis Prof. Dr. Marc Hassenzahl, Folkwang Universität der Künste, Essen

Alles Glück der Erde: Fahrrad fahren „Der immer wiederkehrende Kampf mit dem Frankenstein. Noch rollt mein Fahrrad wie von selbst. Aber ich spüre die Steigung schon, bevor ich einen ersten Blick auf das Hindernis erhaschen kann. Das brauche ich auch gar nicht, denn ich weiß: Da vorne geht es los. Ich hole Schwung, meine Muskeln spannen sich. Ich greife den Lenker fester. Den Blick starr auf den Boden gerichtet, betrachte ich meine Beine bei ihrer Arbeit. Fast so, als wären es nicht meine eigenen. Atmen – ein, aus, ein, aus – und im Rhythmus bleiben. Diese Steigung hier ist eine trickreiche. Wenn man meint, man hätte es geschafft, zieht sie noch einmal an, als wolle sie mich verhöhnen. Aber ich stelle mich der Herausforderung. Ich pumpe weiter, gleich habe ich es geschafft. Obwohl ich schon oben bin, stemmen sich meine Beine noch immer wie automatisch in die Pedale. „Du kannst aufhören“, sage ich mir und richte mich auf. Ich meine ein paar Leute in der Stille des Waldes applaudieren zu hören.“ Ich weiß, es ist nur wenig originell, aber ich habe das Radfahren für mich entdeckt. An einem Samstagvormittag führt mich eine typische Tour hinaus aus Darmstadt, über Nieder-Ramstadt, Frankenhausen nach Ober-Beerbach, Eberstadt und zurück – 30 km, zwei Stunden, vielleicht 500 Höhenmeter durch Wälder, Wiesen und sanfte Hügel (siehe Abbildung 1).

Abb. 1: Auf dem Römerweg kurz vor Frankenhausen an einem Samstagvormittag tekom-Frühjahrstagung 2012

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Eine solche Tour macht mir Freude. Zunächst liebe ich das Ritual, die Gewohnheit am Samstagmorgen nach einem Kaffee meine Kleidung anzulegen, das Fahrrad herauszuholen, einfach loszufahren und selbst zu entscheiden, wo es hingehen soll. Dann ist das Radfahren natürlich etwas sehr Körperliches. Ich spüre meine Beine, mein Herz, meine Lunge und ich fühle mich gesund, vital, voller Lebenskraft – zumindest meistens. Ich lasse auch keine der meist in Form recht steiler Streckenabschnitte auf mich wartenden Herausforderungen aus. Zwar fahre ich oft in das gleiche Gebiet, dort entdecke ich aber immer wieder mir unbekannte Strecken, Abkürzungen und kleine Sehenswürdigkeiten, wie eine jungsteinzeitliche Menhiranlage in der Nähe Roßdorfs (Abbildung 2). Es muss also nicht immer die Bretagne sein – jedenfalls nicht wegen der Hinkelsteine.

Abb. 2: Ein Menhir der „Hirtenwiese“ bei Roßdorf Meine Freuden, mein Wohlbefinden, kleidet sich also in Erlebnisse, in die kleinen Geschichten, die ich rund um meine Fahrradausflüge erzählen kann: entdeckte Menhire, gemeisterte Steigungen, wundervolle Ausblicke, den Wind im Gesicht, die Sonne auf der Haut. Zwar ist jedes dieser Erlebnisse einzigartig, es lassen sich aber allgemeinere Muster erkennen. Ich werde wahrscheinlich nie mehr in meinem Leben so unerwartet auf einen Menhir treffen, die Freude am Entdecken erlebe ich aber häufiger. Das Entdecken an sich erfüllt ein für Menschen zentrales psychologisches Bedürfnis nach Stimulation. Freude entsteht also durch die Erfüllung grundlegender psychologischer Bedürfnisse.

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Die Liste dieser Bedürfnisse ist überschaubar. Wir wollen uns unabhängig und frei fühlen (Autonomie), gesund (Körperlichkeit) und kompetent (Kompetenz). Wir brauchen dann und wann etwas Neues und Interessantes (Stimulation), aber auch die Geborgenheit von Ritualen und Gewohnheiten (Sicherheit). Wir wollen uns mit anderen verbunden fühlen (Verbundenheit), anerkannt werden (Popularität) und weil Erlebnisse so wichtig sind, versuchen wir sie zu sammeln und als Erinnerung zu bewahren (Bedeutsames bewahren). Und die letzten drei Bedürfnisse sind auch der Grund, warum ich sonntags dann häufiger mit einem Freund fahre, interessante Gespräche dabei führe und mich freue, wenn ich ihn mit dem – nur scheinbar – mühelosen Erklimmen des Frankensteins beeindrucken kann. Und dann und wann mache ich ein Foto von einer besonders schönen Stelle oder Entdeckung (siehe Abbildungen 1 und 2), um für mich Bedeutsames zu bewahren. Danach lade ich es zu Facebook hoch, um dann auch noch ein zu ergattern. Positive Erlebnisse, wie ich sie beim Radfahren habe, sind also Gedanken („Ob ich hier wohl raufkomme?“), Gefühle („Ich bin so stolz auf mich“) und natürlich Handlungen (das Radfahren), im Nachhinein gefasst in kleine Geschichten. Erlebnisse werden positiv durch die Erfüllung grundlegender psychologischer Bedürfnisse, wie dem Bedürfnis nach Kompetenz, Kontrolle und Könnerschaft. Menschen sind wortwörtlich die Summe ihrer Erlebnisse. Sie besitzen sogar ein eigenes Gedächtnis dafür, das autobiographische Gedächtnis. Es speichert vorrangig selbst Erlebtes. Dementsprechend werden Erlebnisse geschätzt und gesammelt. Letztendlich erhofft man sich, dass sie dem Selbst und dem Leben Bedeutung geben. Das Sammeln von Erlebnissen folgt ganz bestimmten Prinzipien: Sammler setzen sich Regeln, wann ein Erlebnis überhaupt ein Erlebnis für sie ist. Erlebnisse werden dokumentiert: Souvenirs, Fotos und Tagebücher sind hier die üblichsten Methoden. Das Erlebnis wird so „begreifbar“ gemacht. Danach werden Erlebnisse bearbeitet und geteilt (Popularität). Der Diaabend, die allgegenwärtigen Fotobücher und digitale Fotoalben in sozialen Netzwerken sind ein Ausdruck der Wichtigkeit von Erlebnissen (Sammeln und Bewahren).

Die Rolle des Rads Dem Fahrrad selbst kommt bei all dem eine seltsame Rolle zu. Auf der einen Seite ist es zentral für meine Freude. Denn ohne Rad eben kein Rad fahren. Ohne Karl Drais‘, Pierre Michauxs oder Pierre Lallements Erfindungsgabe und Ingenieurskunst müsste ich am Wochenende einen anderen Weg finden, Autonomie, Sicherheit, Kompetenz, Körperlichkeit, Stimulation, Verbundenheit oder Popularität zu erleben. Auf der anderen Seite ist das Rad allein nicht ausreichend, um all die Freuden, die ich am Wochenende erlebe, zu erzeugen. Obwohl oberflächlich eine ähnliche Aktivität, sind zwei Stunden im Fitnessstudio beim Spinning sicher kaum mit einem Ausflug in den Odenwald zu vergleichen. Es lassen sich keine neuen Wege finden, Berge müssen simuliert werden und Wind im Gesicht ist auch unwahrscheinlich. Dafür kann man sich besser unterhalten – die Herren in Abbildung 3 scheinen allerdings gerade nicht in Stimmung dafür zu sein.

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Abb. 3: Spinning (Quelle: http://www.wyrdlight.com Author: Antony McCallum) Die Technik, hier das Fahrrad, setzt also zunächst nur einen Rahmen. Es erzeugt Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung. Der Benutzer kann diese Möglichkeiten entdecken und sich damit eine Technik aneignen, sie also klug, im Sinne einer bewussten Gestaltung seiner Lebensbedingungen, einsetzen. So entdecken Benutzer in lediglich kunstvollen Maschinen Quellen der Freude. Es wird so aber auch klar, dass eine Technik nur bedingt selbst freudvoll sein kann. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe mein Fahrrad (Abbildung 4).

Abb. 4: Mein Stevens X6 disc Es hat eine ölgedämpfte Magnesiumgabel mit 30mm Oversize Standrohren, Shimano 10-fach Deore Schaltsystem, XT Umwerfer, Hydraulische Shimano Scheibenbremsen, Shimano T551 Kurbelsatz,

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eine Hollowtech Achse. Die Designer haben ihm eine wunderbar mattschwarze Farbe geben, und kleine Aufkleber mit Worten wie „Stevens identity“, „Driver“, „Oxygen“, „High performance structure design“, „SR suntour“ oder „Havoc“ zeigen mir, dass selbst der Sattel etwas ganz Besonderes ist. Warum allerdings „Verwüstung“ auf letzterem steht, wurde mir erst nach einer ersten längeren Fahrt klar. Natürlich tut es gut, wenn Freunden das Rad gefällt (Popularität) und man kann sich eine Weile damit beschäftigen, herauszufinden, wie man Schaltung und Bremsen ohne Hilfe optimal einstellt oder eine Kette wechselt (Kompetenz). Aber all das erscheint blass und kurzlebig im Gegensatz zu den Freuden, einen Gipfel oder eine Abfahrt gemeistert zu haben und dafür bewundert zu werden. Die Freude, die ich im Rahmen meiner Ausflüge erlebe, bleibt, das Fahrrad selbst tritt schnell in den Hintergrund. Das gilt übrigens nicht nur für die positiven Aspekte, sondern glücklicherweise auch für die negativen. Natürlich muss ein Fahrrad prinzipiell funktionieren, aber Probleme der Gebrauchstauglichkeit lassen sich recht leicht überwinden. Beispielsweise hebt man durch das Drücken eines Hebels am rechten Griff die Kette hinten auf ein größeres Ritzel. Das Treten wird leichter. Der gleiche Hebel am linken Griff hebt die Kette vorne auf den größeren Zahnkranz. Allerdings wird das Treten nun schwerer. Ein klassisches Problem der Benutzbarkeit. Technisch mag das alles klar sein, aber beim Fahren muss ich mir nun immer merken, ob ich eine leichtere Übersetzung erreichen möchte, indem ich hinten oder vorne schalte, denn die benötigte Aktion ist nicht konsistent: Was mir rechts das Treten erleichtert, macht es mir links schwerer. Ich habe mich anfangs häufig verschaltet, auch manchmal an Stellen, an denen es mehr als unbequem war. Das ärgert mich, aber irgendwie ist es auch egal. Dieses Problem steht eben in keinem Verhältnis zu den Freuden, die mir das Radfahren bringt. Ich würde meine Ausflüge nicht aufgeben wegen einer solchen Kleinigkeit. Das Fahrrad als Ding selbst spielt eine kleinere Rolle, als man im ersten Moment vermutet. Dies erklärt auch die Genügsamkeit, die wir oft in Bezug auf Technik und Produkte an den Tag legen. Man gewöhnt sich und lernt die kleinen Macken lieben – fast wie bei einem guten Freund.

Der Tunnelblick der Gestalter Um die Wahrheit zu sagen, empfinde ich mein Fahrrad und damit auch seine Gestalter als recht desinteressiert an meinen samstäglichen Erlebnissen. Irgendwie haben die Scheibenbremsen, Schaltsysteme und Umwerfer natürlich etwas mit dem Erleben zu tun, aber nur auf recht mittelbare Weise. Vor meinem Stevens habe ich ähnliche Touren mit einem betagten, ungepflegten Trekkingrad absolviert und, ja, es fühlte sich anders an, aber auch nicht zu sehr. So eine Federgabel lässt die Handgelenke nicht so schmerzen, dafür ist „Havoc“ deutlich schmerzhafter als die gute alte gefederte Sattelstütze. Ich fahre etwas schneller und vielleicht etwas sportlicher mit meinem neuen Rad, aber all die Freuden, die ich bereits oben beschrieben habe, bleiben gleich. Ich nehme das „Desinteresse“ zurück. Das stimmt so nicht. Fahrradgestalter interessieren sich natürlich nicht nur für die eingesetzte Technik und schicke Lacke. Sie kreieren auch kontinuierlich neue Varianten des Fahrrads, die immer wieder ganz besondere Fahrerlebnisse erzeu-

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gen sollen. Räder mit hohem oder niedrigem Schwerpunkt. Räder, in die man eingespannt wird wie ein Pfeil in einen Bogen oder auf denen man thront wie in einem Sessel. Räder für die Straße oder die Halfpipe. Holland-, Downhill-, Cross-, Mountainräder – und jedes liefert ein etwas anderes Fahrgefühl und damit auch eine etwas andere Sicht auf die Welt beim Fahren. Nicht selten werden diese neuen Formen sogar zunächst von den Benutzern selbst entwickelt. Wie bei jeder Technologie gibt es auch beim Fahrrad eine ausgeprägte „Customizing“-Szene, nicht so anders als die Fahrzeugtuningszene, die in den 1950er Jahren ihren Ursprung hat. Also auch Fahrradgestalter haben das Erleben ihrer Benutzer im Blick. Allerdings immer aus der Sicht der Technologie und der Verbesserung dessen, was als Kern des Produktes verstanden wird – eben das Fahren. Ich meine, Gestalter müssen hier ihren Blick erweitern. Tatsächlich geht es nicht um das Gestalten von Fahrrädern, sondern um das Gestalten befriedigender Erlebnisse durch das Fahrradfahren. Dazu gehört natürlich auch ein Fahrrad, aber eben auch noch mehr – gute Wege, interessante Entdeckungen, Herausforderungen, eine Gemeinschaft. Ich benutze mein Fahrrad eher als Teil eines Produktsystems, das mir meine positiven Erlebnisse erzeugt oder zumindest vermittelt. Eine wichtige Rolle spielt dabei beispielsweise mein Smartphone. Endomondo, eine GPS-tracking Applikation (App), zeichnet meine Touren auf (Abbildung 5), sagt mir, wo ich war, wie schnell, wie hoch und wie viele Kalorien ich verbrannt habe. Es gibt auch eine Online-Community zum Teilen und Beeindrucken (lassen). Fotos als Erinnerungsstücke mache ich ebenfalls mit dem Smartphone und es navigiert mich auch dann und wann. Durch den Einsatz und die bewusste Kombination all dieser Produkte befriedige ich meine Bedürfnisse. Allerdings merkt man dann doch schnell, dass die Gestalter eher in Funktionen als in Erlebnissen denken. Endomondo, beispielsweise, sieht sich vorrangig als Tracking-App. „Track deine Workouts“, „Analyze dein Training“ – Zahlen, Balkendiagramme, Mittelwerte, Zusammenfassung über Wochen oder Monate und eine Umrechnung der verbrannten Kalorien in Hamburger (128 Stück bis jetzt). All das ist nett, es hat allerdings mit meinen Erlebnissen an Samstagen und ihrem Dokumentieren und Nacherleben nur wenig zu tun. Wenn die Gestalter meine Erlebnisse verstanden hätten, dann gäbe es eine Funktion, die mich auf Routen führt, die ich noch nicht kenne, und trotzdem dafür sorgt, dass ich mich nicht verfahre. Es gäbe eine Funktion, mit der ich besondere Punkte an der Strecke markieren kann, um sie vielleicht gleich mit einem Foto zu dokumentieren. Es gäbe eine Funktion, mit der ich meine persönlichen Herausforderungen markieren könnte, beispielsweise eine bestimmte Steigung, und immer wenn ich diese erneut fahre, wird meine Leistung registriert. Es gäbe eine Funktion, die es mir erlaubt, alle Strecken, die ich jemals erfahren habe, übereinander in einer Karte zu visualisieren. Es gäbe eine Funktion, die es mir zeigt, wie viele andere schon eine bestimmte Strecke gefahren sind und welche Stellen sie entdeckt haben. Und all dies wäre besser in meinem Fahrrad aufgehoben als in meinem Telefon, denn es ist dieses Fahrrad – mein Schattenfell, mein Iltschi – mit dem ich diese Erlebnisse habe und teile.

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Abb. 5: Endomondo Viele von diesen Dingen mögen ihnen nicht wichtig, praktisch oder notwendig erscheinen. Für mich wären sie es. Es sind Dinge, die mich glücklicher machen würden. Gestalter haben das unmittelbare Erleben ihres Produktes fest im Blick. Seine Nutzung soll sich gut anfühlen und es soll gut aussehen. Darüber hinaus zeigen sie oft aber nur wenig Interesse an den konkreten Erlebnissen, die man mit einem Produkt haben kann. Das Produkt versteht sich hier als elegantes Werkzeug mit klar umrissener Kernfunktion. Ob Benutzer dieses Werkzeug allerdings freudvoll einsetzen, bleibt ihnen selbst überlassen. Ich halte dies für zu eng gefasst. Funktionen machen nur Sinn, wenn sie in bedeutungsvolle Zusammenhänge gebracht werden, d. h., wenn sie Erlebnisse erzeugen. Gestalter müssen diese Erlebnisse in den Mittelpunkt ihrer Gestaltungsbemühungen stellen. Sie müssen verstehen, was Freude macht, und Produkte als Systeme betrachten, die diese Freuden erzeugen, und nicht als bloßes Bündel von Funktionen mit einer effizienten Benutzeroberfläche.

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Erlebnisse formen Ich gebe es zu. Meine Liebe zum Rad und den damit verbundenen Naturerlebnissen ist noch nicht so alt. Ich mochte Natur schon immer und ich durchstreife sie gerne. Aber als ein in den 1980ern mit Heimcomputern sozialisierte Erwachsener bevorzuge ich dies schwerbewaffnet, an der Seite muskulöser Freunde, schön trocken und sicher vom Sofa aus, mit dem Kontroller einer Playstation in der Hand. Ich verstehe mich als Mann des Geistes, aber ohne die sich aufdrängende Assoziation mit einem gesunden Körper. Kurz: Ich bin eine Sofakartoffel. Ich war eine Sofakartoffel sollte ich besser sagen, denn meine geschilderten Radfahrerlebnisse sind kein rhetorischer Trick, sondern das Ergebnis einer Wandlung. Ich habe das Radfahren für mich entdeckt. Das ging nicht ohne Schwierigkeiten, denn zu Beginn blieben mir die meisten Freuden verborgen. Das Rad selbst half da auch nicht viel. „Fahr mich“ schien es zu sagen, aber nicht so besonders laut und auch nicht besonders nachdrücklich. Und schon gar nicht versprach es mir Erlebnisse. Aristoteles und moderne Glücksforscher unterscheiden gerne das „angenehme“ vom „guten“ Leben (Hedonismus, Eudämonismus). Meine Samstage sind nicht immer angenehm. Manchmal ist es kalt und nass, Wege sind matschig, Steigungen erscheinen seltsamerweise steiler als sonst. Meine Samstage sind aber immer gut. Tatsächlich wissen wir nur selten, was gut für uns ist. Produkte könnten uns dabei helfen, sie tun es aber meist nicht. Das liegt daran, dass Produkte so bewusst funktions­orientiert sind. Sie erzählen keine Geschichten. Es liegt aber auch daran, dass Gestalter oft denken, etwas Gutes für Menschen zu tun, indem sie ihnen geben, was sie brauchen. Dabei wäre es wohl realistischer davon auszugehen, dass man ihnen zunächst klar machen muss, was sie brauchen. Hätte mein neues Fahrrad nicht bereits wissen können, was alles Freude beim Radfahren bereiten kann, und mich über sein Gestaltung, seine Funktionen und die Art und Weise, wie ich mit diesen Funktionen um­ gehe, in diese Geschichten verwickeln können? Wer reitet, wird Schwierigkeiten haben, nicht mit den Freuden eines gestreckten Galopps konfrontiert zu werden. „Galopp“ ist aber keine Erfindung eines Menschen, sondern das Bedürfnis des Pferdes. Es lässt uns nur teilhaben. Wir umgeben uns mit immer mehr Technologie, die zwar unsere Bedürfnisse befriedigen soll, aber sehr zurückhaltend dabei ist, uns zu sagen, wie wir das denn tun sollen. Wer weiß schon, was ein Fahrrad will? Und natürlich will es auch gar nichts. Aber seine Gestalter sollten doch etwas wollen. Zumindest, dass es gefahren wird – häufig und lange. Julia Lackas‘ hat sich in einem Gestaltungsprojekt im Experience Design an der Folkwang Universität der Künste mit diesem Thema beschäftigt. Ihr Fahrrad „träumt“. Mit einer am Lenker befestigten Kamera nimmt es selbstständig Episoden auf, die es aufregend findet – Sprünge, schnelle Abfahrten, enge Kurven. Es tut dies aus seiner ganz eigenen Perspektive: nach vorne, über das Vorderrad hinweg, fixiert es aufmerksam den Boden (siehe Abbildung 6, rechts). Es entstehen so kleine Filme von erstaunlicher Dynamik, die so ganz anders sind als die Sicht einer dritten Person (Abbildung 6, links) oder die Sicht des Fahrers selbst.

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Das Fahrrad nimmt seine Eindrücke mit nach Hause. Und wenn es eine Weile nicht gefahren wurde, dann projiziert es diese Eindrücke mit Hilfe eines kleinen Projektors über das Vorderrad. Es „träumt“. Ihm ist langweilig, es wird unruhig, es muss raus, es will wieder etwas erleben. Verständnisvoll lächelnd beruhige ich es und flüstere ihm zu: „Bald ist wieder Samstag“.

Abb. 6: Julia Lackass‘ träumendes Fahrrad

Der Freude auf der Spur: Erlebnisorientiertes Design (Experience Design) Die Unterhaltungs- und Tourismusindustrie betreibt das Gestalten von Erlebnissen seit Jahren. Im Produktdesign und ganz besonders, wenn es dabei um Technik geht, ist das Erlebnis noch nicht so zentral. Natürlich sind die meisten vermeintlichen Gebrauchsgegenstände heutzutage nicht alleine funktional, aber Emotion und Erlebnis wird hauptsächlich durch Schönheit und Produktstyling adressiert oder durch Werbung mit dem Produkt bloß assoziiert. Wenn beispielsweise Ferrero ihre Küsschen als Symbol für Freundschaft versteht, „Guten Freunden gibt man ein Küsschen“, mag das ja sein. Trotzdem bleiben Küsschen eine Süßigkeit. Sie können keine Gefühle von Freundschaft auslösen, sie können höchstens gut schmecken. Bei BMWs „Freude am Fahren“ ist das etwas anderes. Versteht man Freude als Spannung, dann wird diese beim Fahren mit einem BMW tatsächlich erlebt. Das ist das Ziel des erlebnisorientierten Designs: Dinge sollen durch ihre Nutzung ein Erlebnis vermitteln. Die Möglichkeit, Menschen Erlebnisse zu verschaffen, findet sich überall. Freude beim Bahnfahren, soziale Erlebnisse beim Baden oder beim Musikhören, im Auto, beim Backen mit Kindern, und natürlich auch beim Radfahren. Alle diese Aktivitäten erfordern Produkte und Objekte, Züge, Badewannen, Musikplayer, Autos oder Rührschüsseln, Fahrräder, die gezielt so gestaltet werden können, dass sie das Entstehen gewünschter Erlebnisse zumindest etwas wahrscheinlicher machen. Dazu muss man den Blick erweitern: Weg von der Technologie und den ver-

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meintlichen Kernfunktionen eines Produktes, hin zu den individuellen und sozialen Praktiken, in die Produkte eingebettet werden, die sie formen oder sogar erzeugen.

Weiterführende Literatur Hassenzahl, M. (2010). Experience Design: Technology for All the Right Reasons. Synthesis Lectures on Human-Centered Informatics (Vol. 3, pp. 1–95). Morgan & Claypool. doi:10.2200/S00261ED1V01Y201003HCI008 Hassenzahl, M. (2011). User Experience and Experience Design. interaction-design.org, 1–14. Retrieved from http://www.interaction-design. org/encyclopedia/user_experience_and_experience_design.html Hassenzahl, M. (2012). Momente des Glücks. Gehirn&Geist. Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung, (1&2), 21–24. Online: http://wp.me/pR04b-o1 Und: marc-hassenzahl.de

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