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Hanf - Baustoff der Zukunft

Industriehanf bietet uns im wesentlichen zwei Rohstoffe für Bau- und Dämmstoffe. Zum einen die außen liegende Hanffaser und zum anderen den holzigen Kern des Stängels, die sogenannten Hanfschäben.

Hanffasern werden schon seit vielen Jahren in Deutschland zum Dämmen von Häusern genutzt. Vor allem im Holzbau lassen sich Hanffasern sehr gut einbringen. Sie haben hervorragende bauphysikalische Eigenschaften und sind in vielen Punkten konventionellen Dämmstoffen voraus. Zum Beispiel: guter Dämmwert, die Fähigkeit Feuchtigkeit aufzunehmen und wieder abzugeben, sehr geringe Energiekosten bei der Herstellung und eine gute umweltverträglich.

Doch nicht jeder möchte ein Holzhaus oder ein Holzständerhaus haben. In vielen Gegenden ist die Massivbauweise zum Beispiel mit Tonziegeln verbreitet und beliebt. Bis heute wissen die wenigsten, dass man auch mit Hanf massiv bauen kann!

Die Verbindung von Hanfschäben und Naturkalk ergibt den massiven Baustoff Hanfkalk. Einige kennen die englische Bezeichnung Hempcrete, wobei Hemp für Hanf steht und Crete für Concrete, also Beton. Wir verwenden im Deutschen lieber den Begriff Hanfkalk, da sich Beton und Naturkalk in vielen Punkten unterscheiden. Beton ist ein sehr energieintensiver Baustoff und kann nicht wie Naturkalk aufgrund seiner Porosität Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben.

Das geniale an dieser Verbindung ist die Zusammenführung eines organischen Dämmmaterials den Hanfschäben mit einem mineralischen Bindemittel dem Naturkalk. Hanfschäben haben ebenso wie Naturkalk eine poröse Grundstruktur, da sie in der Pflanze als nährstoffrührende Schicht fungieren. Dadurch ergibt sich eine sehr gute Dämmung und ebenfalls die Eigenschaft Feuchtigkeit auf- und abgeben zu können. Die beiden Grundstoffe harmonieren perfekt und entwickeln in ihrer Verbindung als Hanfkalk ein wunderbares Zusammenspiel, welches wir im Raumklima der Häuser anhand von sauberer Luft, ausgeglichener Temperatur und Feuchtigkeit wahrnehmen können.

Die Vorteile von Hanfkalk kommen besonders bei einer monolithischen Bauweise zum Tragen. Eine monolithische Wand besteht aus nur einem Material. Für eingeschossige Gebäude kann je nach Dachlast aufgrund der Eigenfestigkeit von Hanfkalk ganz auf ein Tragwerk verzichtet werden. Darüber hinaus gibt es verschiedene Möglichkeiten den Lastabtrag im Bauwerk zu gestalten. Die Tragwerksgestaltung hängt von der Planung, dem Baustil und auch der Verarbeitungsmethode des Hanfkalks ab. Eine fundierte Beratung vor Baubeginn mit Experten zahlt sich später in einem reibungslosen und effizienten Bau aus. Die monolithische Bauweise mit Hanfkalk wird in der Oberflächengestaltung mit Naturkalk- oder Lehmputzen aufgrund der ähnlichen Eigenschaften perfekt ergänzt.

Eine monolithische Bauweise mit dem richtigen Baustoff löst viele Probleme von mehrschichtigen Wandaufbauten ganz von selbst.

Feuchtigkeit und in Folge Schimmel treten meist bei hydrophoben Dämmstoffen aus Kunststoff auf, welche keinerlei Feuchtigkeit aufnehmen können. Die moderne Bautechnik versucht, dieses Problem durch die Ausführung einer luftdichten Ebene in der Gebäudehülle zu lösen. Eine Zwangsbelüftung ist dann obligatorisch.

Die vielen Vorteile von Hanfkalk

Wirklich Energie sparen! Hanfkalk hat sehr gute Werte im Bereich Wärmespeicherung, Wärmereflektion und Wärmedämmung. Dies führt zu lang anhaltender Wärme im Winter und zu kühlen Räumen im Sommer. Diese Eigenschaft wird zusätzlich vom Effekt der Kondensationsenergie in der Wand unterstützt. Ganz im Gegensatz zu einem konventionellen Mauerwerk müssen Häuser aus Hanfkalk nicht zusätzlich gedämmt werden.

Echter Problemlöser bei Feuchtigkeit! Hanfkalk ist ein diffusionsoffener Baustoff und besteht aus vielen sehr kleinen offenen Poren, die Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben können und so schädliches Kondensat in der Wand verhindern. Im Vergleich zu herkömmlichen Dämmstoffen behält Hanfkalk seinen guten Dämmwert auch in feuchtem Zustand. Hanfkalk reguliert die Feuchtigkeit der Raumluft und hat ähnlich wie Lehm eine reinigende und desinfizierende Wirkung. Naturkalk ist alkalisch und daher natürlicherweise antibakteriell was Schimmelbildung verhindert.

Sicher im Brandfall! Naturkalk ist ein mineralischer Stoff und nicht brennbar. Im Verbundwerkstoff Hanfkalk werden die organischen Hanfschäben von mineralischem Kalk ummantelt. Hanfkalk ist daher als Ganzes nicht entflammbar und bietet einen sehr guten Brandschutz.

Privatsphäre und Komfort! Hanfkalk hat Schall absorbierende Eigenschaften. Dadurch entstehen schallgedämmte Räume und eine angenehme ruhige Atmosphäre.

Gut für den Geldbeutel! Häuser mit Außenwänden aus Hanfkalk können direkt verputzt oder mit Holz verschalt werden. Ebenso lassen sich auch hochwertige Innenwände ausführen. Dies spart viel Zeit und Arbeitsschritte. Selten werden bei der Kaufentscheidung alle relevanten Kosten wie Sanierungs- und Pflegekosten eines Baustoffes berücksichtigt. Auch die Entsorgungskosten sollten berücksichtigt werden, wie uns das aktuelle Beispiel von Styropor zeigt.

Gut für die Umwelt! Hanfkalk ist ein sehr langlebiger und zugleich einfacher Baustoff. Dank der monolithischen Bauweise kann das Material später einfach vom Tragwerk und Installationselementen getrennt und wiederverwendet werden. Alternativ kann es als Nährstofflieferant dem Boden zum Humusaufbau zugeführt werden.

Gut für den Menschen! Hanfkalk in der richtigen Rezeptur ist ein 100%-iger Naturbaustoff und gesundheitlich unbedenklich. Zur eigenen Sicherheit sollte auf eine Volldeklaration der Inhaltsstoffe des Herstellers geachtet werden.

Hanfkalk technische Durchschnittswerte

Wärmeleitfähigkeit trocken [W(mK)] 0,07

Phasenverschiebung in Stunden 4 bis 24

Wasserdampfdurchlässigkeit 2 bis 2,8

Schalldämmung [dB] 37 bis 45 dB

Brandwiderstand in Minuten 60 bis 120

Druckwiderstand [kPa] 300 bis 350

Dichte [kg/m3] 300 bis 400

Zurück zum Ursprung

Die heutige Bautechnik unterliegt vielen äußeren Faktoren. Es gibt gesetzliche Vorschriften, wie zum Beispiel die Energie Einsparverordnung, wirtschaftliche Gegebenheiten und viele technisierte Produkte, die versuchen ein gutes Haus zu bauen. Zudem sparen viele Bauherren oftmals an hochwertigen Baustoffen, um so mehr Geld für andere Dinge zur Verfügung zu haben. Dabei geht der ursprüngliche Sinn des Hausbaus verloren. Die Frage mag einfach klingen, aber sie ist von großer Bedeutung. Warum bauen wir Häuser? Wenn die Kleidung als zweite Haut des Menschen betrachtet wird, so sind unsere Häuser und Wohnräume die dritte Haut. Eigentlich geht es darum, sich einen geschützten Raum zu schaffen. Er soll gemütlich sein und Geborgenheit geben. Er sollte uns Kraft spenden und gesund erhalten. Wie müsste ein solcher Raum geschaffen werden? Eine Besinnung auf diese Frage ist eine gute Grundlage für zukunftweisendes Bauen.

Naturbau und Baubiologie

Viele Baubiologen, Handwerker, Hersteller und Bauherren haben sich dieser Frage angenommen. Im Naturbau vereinigt sich eine Bauweise mit rein natürlichen Baustoffen, mit der Natur als idealem Vorbild für gesunde und kraftspendende Räume und mit geschlossenen Rohstoffkreisläufen. Die Baubiologie vereint sämtliche Fragestellungen rund ums Bauen und die Bedeutung für den Menschen in einem ganzheitlichen Sinne und verfolgt dabei konsequent einen interdisziplinären Ansatz.

Hanfbau in Deutschland

Bis vor Kurzem hätte man meinen können, dass Deutschland sich in Bezug auf Hanfkalk in einem tiefen und festen Dornröschenschlaf befindet. Ganz im Gegensatz zur sonstigen Innovationskraft der Deutschen wird überall in Europa bereits seit mehr als 20 Jahren Hanfkalk in vielerlei Weise zum Einsatz gebracht, nur nicht bei uns. Dies hat sich jedoch seit diesem Jahr gewandelt. Ein deutschlandweites Netzwerk von Hanfbau Architekten, Planern, Handwerkern, Herstellern und Interessierten ist in regem Austausch und hat Anfang August 2019 das Erste Deutsche Hanfbau Symposium (DHBS) veranstaltet. Neben Vorträgen über Theorie, Forschung und Pilotprojekten, gab es praktische Workshops an Wandmodellen und mit verschiedenen Verarbeitungsweisen von Hanfkalk. Einige Projekte sind bereits in der Umsetzung, für kommendes Jahr sind noch mehr Projekte in der Planung.

Vision

Bauer Hans hat sich entschieden, dieses Jahr zu seinen sonstigen Feldfrüchten auch 2 Hektar Nutzhanf anzubauen. Dabei wählt er verschiedene Sorten aus. Einmal für die Körnerernte und einmal für Blatt- und Blütentee. Der kleinere Teil ist die Sorte zur Herstellung von Tee. Nach der Ernte von Blättern, Blüten und Samen bleibt das Hanfstroh übrig. Bauer Hans bringt dieses zur regionalen Hanffabrik, die daraus Hanffaser und Hanfschäben gewinnt und an verarbeitende Betriebe weiterreicht. Nach einer nur 100-tägigen Wachstumsphase kann Bauer Hans mit der Hanfpflanze Erzeugnisse und Rohstoffe für Lebensmittel, Arznei und Hausbau anbieten. Über die regionalen Händler und Weiterverarbeiter finden die wertvollen Erzeugnisse ihren Weg zu den Menschen.

Mission

Alles nur eine Traumspielerei oder reale Zukunft? Eins steht fest. Jeder, der den Nutzen und die Schönheit der Hanfpflanze erkennt, kann seinen Beitrag leisten. Im Baubereich gibt es immer mehr Architekten, Planer, Baustofflieferanten und Handwerker, welche sich den natürlichen Materialien widmen. Ebenso sind es immer mehr Menschen, die gerne ihre Wohnung oder ihr neues Zuhause natürlicher gestalten wollen. Wir müssen also einfach nur beginnen und viele kleine und große Projekte Realität werden lassen, darüber sprechen und den anderen Menschen erzählen, wie wunderbar das alles ist.

Über den Autor

Reinhold Straub widmet sich mit seiner Firma Hanf | Kalk diesem bewährten und zugleich innovativen Baustoff. Sein Ziel als Hanfbau Pionier ist es den Baustoff Hanf in Deutschland groß zu machen. Auf diesem Weg gibt es noch viel zu tun - Mitstreiter sind herzlich willkommen!

[ www.hanfundkalk.de ]