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Cannabis gegen Krebs – Eine Frage der Komponenten

Was würdest Du tun, wenn Dein Arzt Dir mitteilt, dass Du Krebs hast?

Richtig, die Frage an sich ist zu ungenau gestellt, um sie auch nur ansatzweise korrekt beantworten zu können. Es gibt so viele unterschiedliche Krebserkrankungen, und je nachdem, mit welcher man es zu tun hat und in welchem Stadium sich die Erkrankung befindet, reagiert man wohl unterschiedlich. Ist man nur Patient und medizinischer Laie, hat man vor allem zunächst einmal keine Ahnung, was wohl die beste Behandlung für den jeweiligen Tumor sein könnte. Mancher legt seine Zukunft dann ganz in die Hände der Medizin und überlässt die Entscheidungen, soweit es geht, den Ärzten. Andere suchen ihre Heilung in alternativmedizinischen Methoden oder in Kombinationen zwischen beiden Ansätzen. Gegen die Symptome, die durch die Chemotherapie hervorgerufen werden, setzen einige mitunter auch Cannabis ein. Aber es gab auch schon eine Menge Berichte von Patienten, die ihren Krebs allein mit Cannabis geheilt haben wollen.

Die Eisjungfrau nutzte Cannabis bei Brustkrebs

Die Hinweise darauf, dass der Einsatz von Cannabis bei Krebserkrankungen nützlich sein kann, beschränken sich aber nicht auf die Forenbeiträge vermeintlich geheilter im Internet. Bei Ausgrabungen in einer unterirdischen Grabkammer auf der Ukok-Hochebene, an Russlands Grenzen zu Kasachstan und China, machten die Archäologen 1993 einen interessanten Mumien-Fund. Die Prinzessin von Ukok, auch Eisjungfrau genannt, ist gut 2500 Jahre alt und hatet einen Tumor in der Brust, der bereits Metastasen gestreut hatte. Auch ein Beutel Cannabis wurde bei der Mumie gefunden. Man nimmt an, dass sie die Symptome, Schmerzen oder die Krebserkrankung selbst mit dem Cannabis behandelt hat. Leider lässt sich das heute nicht mehr feststellen, und auch nicht, ob die Behandlung mit Cannabis der Prinzessin Linderung verschaffen konnte oder möglicherweise ihr Leben verlängerte. Zumindest aber ist der Fund von Ukok ein deutliches Indiz dafür, dass der Mensch bereits seit Jahrhunderten Cannabis für seine Gesundheit nutzt.

Die Behandlung mit Cannabis soll andere Methoden nicht ersetzen

Der Kanadier Rick Simpson ist bekannt dafür, dass er seinen Hautkrebs mit Cannabis besiegt haben soll. Durch Auftragen eines THC-haltigen Cannabis-Öls auf die betroffenen Stellen sollen die Tumorzellen zurückgegangen sein. Seitdem bereist Simpson die Welt, um den Menschen sein Rick Simpson Oil (RSO) näher zu bringen. Er verkauft es allerdings nicht, sondern liefert auf seiner Homepage kostenlos eine Anleitung, wie man sich das RSO selbst aus Cannabis herstellen kann. Er bewirbt die Heilung durch Cannabis auf Messen, im Internet und in seinen Büchern. Er ist sichtlich überzeugt von seinem Öl, sogar so sehr, dass er Patienten davon abrät, die Behandlungsmethoden der Schulmedizin wahrzunehmen. Das stößt berechtigterweise auf Kritik.

Keine Behandlungsmethode schlägt bei allen Krebsarten an

Krebs bezeichnet keine Krankheit, sondern eine ganze Reihe von unterschiedlichen Tumorerkrankungen. Bei manchen Arten von Tumorzellen konnte man im Labor bereits nachweisen, dass der Konsum von Cannabis die Apoptose, den programmierten Zelltod, hervorrufen kann. Bei anderen Krebszellen waren die Versuche jedoch nicht erfolgreich. Das bedeutet, es gibt anscheinend nicht eine einzelne Behandlungsmethode, die alle Arten von Tumoren gleichermaßen bekämpfen kann. Aus diesem Grund sollte man auch kaum annehmen können, dass Cannabis bei allen Krebsarten helfen kann. Aber auch das ist nicht ganz korrekt. Die Wahrheit ist weitaus komplexer. In Israel, wo die Cannabisforschung schon einige Jahre länger etabliert ist, versucht man die vielen Phytocannabinoide, Flavonoide und Terpene hinsichtlich ihrer medizinischen Eigenschaften zu entschlüsseln.

Welche Cannabis-Wirkstoffe können den Suizid von Krebszellen auslösen?

Der israelische Wissenschaftler Dr. David Meiri ist Professor an der Biologischen Fakultät am Technion - Israel Institute of Technology in Hafti, Israel. Dort leitet er das Laboratory of Cancer Biology and Cannabis Research. Im Verlauf der Studien haben die Forscher um Meiri mit verschiedenen Cannabissorten gearbeitet und die Wirkungsweisen auf unterschiedliche Tumorzellen getestet. Wie sich dabei herausstellte, ist nicht nur die Art der Krebszellen dafür entscheidend, ob Cannabis den Zelltod herbeiführen kann. Auch die Wahl der Cannabis-Sorte spielt dabei eine erhebliche Rolle. Ob es für jeden Tumor einen für die Heilung geeigneten Strain gibt, ist damit noch nicht erwiesen. Es zeigt sich zweifelsfrei, dass die pauschale Verordnung von x-beliebigen Cannabisprodukten keine Behandlungsoption bei Krebserkrankungen darstellen kann. In weiteren Versuchen will Meiri mit seinem Team nun die für die Wirkung verantwortlichen Komponenten der einzelnen Sorten ermitteln. Ziel ist es, eines Tages den Wirkmechanismus zu verstehen und herauszufinden, welche Substanzen wirklich für den gewünschten Effekt notwendig sind. Wie Meiri auch bei Vorträgen schon erklärt hat, hatte er bei manchen Tumor-Varianten drei Komponenten der Cannabispflanze ermittelt, die den Zelltod provozierten.

Es sind nicht immer Cannabinoide

Die meisten Wirkungen von Cannabis, die uns bekannt sind, werden durch die Substanzen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) ausgelöst. Man weiß mittlerweile auch, dass die beiden Cannabinoide besser wirken, wenn sie im Verband aller Phytocannabinoide, Flavonoide und Terpene genutzt werden. Das nennt man den Entourage-Effekt. Dieser ist der Grund, warum CBD-Öle in der Regel besser sind, wenn sie mit einem Vollspektrum Extrakt hergestellt sind, und nicht mit einem CBD-Isolat. Trotzdem macht es vor allem in der Forschung Sinn, sich mit den Einzelsubstanzen auseinanderzusetzen. Hier ist Wissenschaftlern des Dana-Faber Cancer Institute der Harvard University in einer Studie ein kleiner Durchbruch gelungen. Eine Verbindung in der Cannabispflanze zeigte großes Potenzial für die Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Allerdings ist es weder THC noch CBD, es ist noch nicht einmal ein Phytocannabinoid. Die Substanz trägt den wenig ansprechenden Namen FBL-03G und gehört zur Gruppe der Flavonoide. Für die erfolgreiche Behandlung einer der tödlichsten Krebsarten, die gegen viele andere Therapien resistent ist, ergeben sich so vielleicht neue Optionen, und für viele Patienten Hoffnung. Doch da FBL-03G in Cannabispflanzen nur in sehr geringer Konzentration vorliegt, muss man es synthetisieren, um es für die medizinische Praxis verwendbar zu machen. Bis Ende 2020 wollen die Harvard Wissenschaftler weitere präklinische Studien abgeschlossen haben, sodass bald die ersten Versuche mit den Flavonoiden am Menschen durchgeführt werden können.

Cannabis gegen die Begleiterscheinungen der Chemotherapie

Obwohl es eigentlich ausreichend Hinweise darauf gibt, dass Cannabis bei manchen Krebsdiagnosen nicht nur gegen die Symptome und Begleiterscheinungen, sondern auch gegen die Erkrankung selbst erfolgreich eingesetzt werden kann, beschränkt sich die Studienlage noch weitestgehend auf die Wirkung bei den Schmerzen, der Übelkeit, dem Erbrechen und dem Gewichtsverlust, die infolge der Chemotherapie auftreten können. Um den Appetit der Patienten anzuregen, wird Medizinalhanf auch bereits in der Praxis genutzt, ebenso zur Linderung von Schmerzen. Die appetitanregende Wirkung von Cannabis ist darüber hinaus auch fast jedem bekannt, der Cannabis konsumiert hat, unabhängig davon, ob aus medizinischen Gründen oder als Genussmittel. Für einen gezielten Einsatz ist Cannabis aus unbekannten, illegalen Quellen allerdings ungeeignet. Abgesehen von der Gefahr, die von manchen Streckmitteln ausgehen kann, verfügen weder der Dealer noch sein Kunde über Informationen über die Cannabinoid- oder Terpenprofile des Cannabis, das sie in den Händen halten. Nicht einmal die THC- oder CBD-Konzentration sind angegeben, von den Hunderten anderer Wirksubstanzen ganz zu schweigen.

Die Antitumoraktivität von Cannabis ist nicht in jedem Fall garantiert

Die Behandlung von Krebspatienten mit Cannabismedikamenten ist noch verhältnismäßig neu und der Kenntnisstand diesbezüglich nimmt erst jetzt allmählich zu. Die Verordnung von Cannabisprodukten, zum Beispiel Blüten, hat heute also eher einen experimentellen Charakter. Man probiert die in den Apotheken verfügbaren Sorten durch, bis man diejenige gefunden hat, deren Zusammensetzung dem jeweiligen Leiden des Patienten nach dessen subjektiver Wahrnehmung die beste Linderung verschafft. Aus dieser Praxis objektive Informationen über die Effektivität der Behandlung zu gewinnen, ist beinahe unmöglich. Dies gelingt nur mit wissenschaftlichen und klinischen Studien, die groß genug dimensioniert sind, um mehr als nur einen Eindruck über einen bestimmten Einzelfall zu bekommen. Außer Erkenntnissen über die Wirkungsmechanismen, gilt es aber auch eventuelle Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten abzuklären. Die Antitumoraktivität von Cannabis im Allgemeinen gilt einerseits als bestätigt, andererseits ist diese aber so komplex und fallspezifisch, dass allgemeine Heilprognosen oder Aussagen über die Wirkung bei Krebserkrankungen nicht möglich sind.