M
ir fiel es enorm schwer, dieses Fotoalbum für Lisanne anzulegen. Ich hatte schon vorher gewusst, dass dies so sein würde – und warum. Denn während Lisanne heranwuchs, wuchs auch ich, ihre Mutter, heran. Als Lisanne fünf Jahre alt war, geriet ich in eine tiefe Lebenskrise, die mehrere Jahre andauerte. Deshalb begegnete ich in den Fotos nicht nur der wachsenden Lisanne, sondern auch einer sehr schweren Zeit meines Lebens. Und ich begegnete meinem Schmerz: Ja, ich wäre gern anders als Mutter gestartet. Aber gerade in diesem Schmerz begegnete ich Gottes Erbarmen. Er zeigte mir in meiner Krise: „Ich sorge für deine Kinder! Sie werden alles bekommen, was sie brauchen.“ Wie sehr hat mich das in all den Jahren entlastet! Was hat mir das bedeutet, wenn meine Tränen beim Kochen auf den gefrorenen Spinat tropften! Tränen, die auch Lisanne manchmal sah.
Idealvorstellungen loslassen Beim Einkleben der Fotos nahm ich Abschied von vielen Mutteridealen, denen ich nicht entsprochen hatte. Ich war nicht die Mutter gewesen, die voller Tatendrang, Kraft und Lebensfreude ihre Kinder in die Höhe warf und jede spontane Gelegenheit nutzte, um herumzublödeln. Ich war oft schon froh gewesen, wenn ich den normalen Alltag mit den Kindern bewältigen konnte. Das forderte bereits meine gesamte Kraft. Häufig setzten mich meine Rückenschmerzen auch ganz außer Gefecht. Meine Kinder hatten eine chronisch kranke Mutter. Sie waren es gewöhnt, mich nicht immer fröhlich, schön und gesund, sondern auch traurig, erschöpft und krank zu sehen. Allerdings brachte ihnen mein Zustand ein, dass sie, je älter sie wurden, eine Mutter erlebten, die vieles gelernt hatte: dass man trotz Einschränkungen nicht bitter werden muss. Wie man sich selbst ernst nehmen und mit Krankheit gut umgehen kann. Dass man trotz Einschränkungen für andere da sein kann – für Freunde, Nachbarn, eine Gemeinde. Ja, zu guter Letzt hatte ich sogar gelernt, in den Ernst unseres Lebens mehr Leichtigkeit zu bringen. Beispielsweise hatte ich mir in den vergangenen Jahren angewöhnt, bewusst fröhliche Dinge zu planen: einen Filmabend mit allen oder einen Kakao auf dem Balkon mit einem Kind allein. Versagen eingestehen Neben dieser persönlichen Bestandsaufnahme begegnete ich beim Einkleben der Fotos auch dem Versagen von uns Eltern. Wir haben uns bemüht: Wir haben Windeln gewechselt, Bücher vorgelesen, Elternabende
besucht. Aber wir sind eben nur Menschen. Und wie alle Eltern haben wir gefehlt. Manche Eltern kümmern sich zu viel, fragen zu viel nach, stützen zu viel. Andere raten die falschen Dinge. Wieder andere sind unbeherrscht. Oder zu wenig bei der Sache. Manche Eltern sind zu beschäftigt. Andere wiederum sind zu wenig beschäftigt und deshalb unausgeglichen. Manche von uns erfüllen zu viele Wünsche. Andere geben zu wenig Taschengeld. Einige erwarten zu viel von den Kindern. Andere erwarten zu wenig. Manche von uns sind ungerecht den Geschwistern gegenüber. Andere scheren alle über einen Kamm. Es gibt Eltern, die haben Situationen unterschätzt und die Gefahr nicht rechtzeitig gesehen. Andere erlauben erst gar keine Gefahrensituationen … Wir fehlen. Ich habe gefehlt. Diese Erkenntnis führte mich schlicht und ergreifend zu der Bitte um Vergebung. Verzeih mir! An Lisannes 18. Geburtstag habe ich meine Tochter ganz bewusst um Vergebung gebeten. Dabei habe ich ihr keine Checkliste meiner Fehler überreicht, denn es kann sein, dass manches ganz anders bei ihr angekommen ist. Stattdessen habe ich sie um Verzeihung gebeten für die Momente, in denen ich ihr als Mutter einfach nicht das war, was nötig gewesen wäre. Sie weiß ja selbst, was sie „nicht richtig“ fand. Ich habe Lisanne auch um Vergebung gebeten für das, was vielleicht später noch mal bei ihr hochkommt. Denn es kann sein, dass sie nach ihrem Auszug manches mit anderen Augen sieht. Ich merke, wie wichtig es ist, dass wir Eltern sowohl unsere Leistungen als auch unser Versagen in der Erziehungsarbeit wahrnehmen. Nur so stellen wir uns in das richtige Licht, in das helle Licht von Jesus, der aufdecken hilft. Beim Einkleben der Fotos musste ich nicht lange darüber nachdenken, wo ich an Lisanne schuldig geworden war. Ich spürte es. Natürlich war ich darüber mit Jesus im Gespräch. Das war für mich ganz selbstverständlich. Erst dann bat ich meine Tochter um Verzeihung. Lisanne hat mir ebenfalls vergeben. Es war ein wichtiger, emotionaler Moment zwischen uns beiden. Meine Tochter – meine Schwester Dass meine Tochter erwachsen wurde, brachte für mich noch mehr geistliche Herausforderungen mit sich. In den letzten Jahren ist Lisanne aus manchem „herausgewachsen“. Damit meine ich keine Kleidungsstücke, sondern Facetten unseres Miteinanders. Schon lange braucht sie mich für vieles nicht mehr, regelt vieles allein. Und sie macht das richtig gut! Unsere Beziehung ist nach und nach anders geworden, gleichberechtigter.
Lydia 01/2015
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