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ohne jeglichen Schutz zu arbeiten. Niemand stellte sich das Problem eines Kindheitsschutzes. Ariès’ Auffassung, wonach es sich bei der Kindheit um eine „Entdeckung“ aus jüngerer Zeit handelte, gab den Anstoß zu lebhaften Debatten und zu aufmerksameren, sorgfältigeren historischen Untersuchungen der erzieherischen, kulturellen und sozialen Erscheinungen des Alltags und der Bräuche im Familienleben, die die Entwicklung der Kindheit in den letzten zwei Jahrhunderten geprägt hatten. Und in diesem Zusammenhang spielte auch der Krampus eine ganz bestimmte Rolle: Durch sein Bild auf den Postkarten, durch die Fantasie und die Techniken der Illustratoren wird uns das Umfeld vor Augen geführt, in dem der Kindheit ihre besonderen Merkmale zugestanden wurden, sodass jetzt auch im erzieherischen Bereich den Bedürfnissen nach Wissen und dem rechten Verhältnis zur Welt der Erwachsenen entsprochen werden konnte. Auf einer Postkarte aus dem Jahr 1919 [Abb. 17] sind der Krampus und der heilige Nikolaus zusammen zu sehen. Aber während der gute Bischof an die ihn umringenden Kinder kleine rote Äpfel verteilt, steckt ein riesiger, behaarter und gehörnter Krampus hinter ihm die unverbesserlichen Lausbuben mit dem Kopf nach unten in einen Sack. Ein kleines Mädchen blickt besorgt den heiligen Nikolaus an, während es einen ihr geschenkten Apfel verzehrt.
Auf einer besonderen Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert (die Fotoretusche wird mit der Illustrationstechnik verbunden) ist der Krampus, der ein menschliches Antlitz hat, als Teufel verkleidet (mit langem Schwanz und spitzen Hörnern), und auf dem Rücken trägt er einen hölzernen Korb mit einem Buben, der eine Puppe in der Hand hält, sehr beunruhigt aussieht und um Hilfe zu bitten scheint. Auf dem Boden liegt ein Stoffsack, aus dem ebenfalls ein Junge ragt, fast ein Zwerg [Abb. 18]. Nikolaus scheint wegen dieser „Entführungen“ den Krampus zur Rede zu stellen, der mit niedergeschlagenen Augen zuhört. Im Hintergrund sind vor einem Haus mehrere Kinder zu sehen, die diese Szene aufmerksam verfolgen. Durch die Verwendung einer Fotografie bekommt diese Abbildung eine noch stärkere, realistischere Wirkung, während der Krampus mehr menschliche als bestialische Züge hat. Eine zwischen 1900 und 1920 entstandene Postkartenserie zeigt uns dagegen den Krampus in all seiner Bosheit: Da Nikolaus abwesend ist, können sich die Gewalttätigkeit, die Grausamkeit und die unbegründete Wut des Teufels erst recht entfalten, sodass die stark emotional geprägten Szenen von der Angst beherrscht werden. Ein Neugeborenes, ein kleines Mädchen und zwei Jungen in Ketten werden von einem Krampus mit bestialischen Zügen abgeführt, während ihm zwei kleine, auf ihre Untat stolze Teufel dabei zur Hand gehen [Abb. 19].
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Oder der wilde Krampus, der durch ein verschneites Dorf streift, der in ein Haus einbricht und zwei elegant-bürgerlich gekleidete Kinder in Ketten abführt, der Frauen wie Männer im Dorf oder auf freiem Feld schlägt, gefangen nimmt und auspeitscht: ein grausamer, hemmungsloser, mitleidsloser Teufel. Ein anderer Krampus zieht einen Jungen im Matrosenanzug an den Ohren, wieder ein anderer lässt sich von den Bitten eines knienden, verzweifelt weinenden Mädchens in einem Rückenkorb erweichen. Es handelt sich um einen Krampus, wie er „im Bilderbuche“ steht: behaart, mit langem Schwanz und Pferdefuß, mit Ziegenbockhörnern und langer roter Zunge, eine Rute und Ketten in den Händen. Und dann ein junger, schnell laufender Krampus: Er hat sogar zwei Pferdefüße und trägt in seinem Rückenkorb ein junges Mädchen mit zerzausten blonden Haaren, das den Teufel weinend um Mitleid anfleht. Der Teufel, der in den Händen eine Kette und eine Peitsche hält, scheint auf seine „Beute“ stolz zu sein. Das „Böse“ bricht wie ein reißender Fluss aus, ohne Zügel, ohne Regeln und ohne Dämme, ohne gemeinsame gesellschaftliche Werte. Der Mensch mag noch so stark und mächtig sein – er kann es nicht aufhalten. Und die Opfer sind wieder einmal die Unschuldigen, die Kleinsten, die Schwächsten und die Wehrlosesten.