Tropism

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MARIE IRMGARD BIRKEDAL BERTOLD MATHES GRETA MAGYAR NICOLE WENDEL

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EINLEITUNG

Dieser Katalog versammelt einen Querschnitt von Positionen, denen die Galerie1214 in den vergangenen Jahren mit Installationen in Berlin und Bad Dürrheim Raum geben durfte und die sie aktuell präsentiert. Wie es immer auch Künstlerinnen und Künstler bei vorangegangenen Ausstellungen hielten, so haben wir uns für diese Präsentation ebenfalls einen Titel in fremdem Terrain entliehen: „Tropismen“. Dabei kann es, wie so oft, gerade die Entlegenheit einer solchen Entlehnung sein, die die Arbeiten in eine offene Gedankenbewegung hineinnimmt: Mit dem Begriff Tropismus beschreibt die Biologie die Optimierungsbewegungen von Organismen in Hinsicht auf Licht, Wärme und Nährstoff. Gemeint ist das stetige feine „Nachjustieren“ von Lebewesen in ihrer jeweiligen Umgebung, wozu auch die Expressionen der Umwelt und Mitwelt gehören. Eine Pointe dieses Verständnisses ist die Gegenüberstellung von sich selbst genügenden Einheiten und immer schon symbiotischen Ordnungen und Mustern. Werden jene durch die Pole Verschiedenheit und Selbstheit festgelegt, so sind diese charakterisiert durch ein Wechselspiel von Abgrenzung und Öffnung, vermittelt über das spontane Wirken des Sensoriums und das Auffangen in der Reflexion. PRIMÄRERLEBNIS LICHT Johann Wolfgang von Goethe hat mit der oft zitierten und auch umstrittenen Formel von der Sonnenhaftigkeit des menschlichen Auges* die Einschätzung umschrieben, dass ein Tropismus wie der des Auges zum Licht nicht in einer rein materialistischen Vorstellung wie dem Reiz-Reaktions-Schema aufgeht, sondern ein Halteseil für unser Verständnis gleichsam aus zwei Strängen dreht: der eine führt über die Sinneserfahrung, der andere über (oft langwierig) vermittelte kulturelle Konzepte. Obschon – um beim Beispiel des Lichts zu bleiben – die Sonne in jahrtausendelangen Begriffsstrategien in Riten wie zum Beispiel „Gott Ra“ integriert, als „Himmelskörper“ abstrahiert oder schließlich als „Wasserstoff fusionierender Zwergstern“ klassifiziert wurde, bleiben für uns spontanleiblich Licht und Wärme gleichursprünglich zum Wissen über als Primärerlebnis zugänglich, dem die Kunst nachspürt: in der Zeichnung als erkenntnisstiftender Dialog von Kontur und Fläche, in der Raumillusion als Ordnung suchende Dimensionierung und in der Farbe als Korrelat unausschöpfbarer emotionaler Schattierungen. NULLPUNKT DER FREIHEIT Sich auf etwas außer uns zu orientieren, schafft eine Art Spannung, wie die positive muskuläre Spannung als Ursprung einer auf sie folgenden Bewegung. Sie erfüllt ihren Sinn zwar durch ihre Auflösung, aber sie behält in der Kunst ein eigentümliches Echo: 2

EINLEITUNG

* Goethe, J. W., Gedichte. HA (1984) Bd. 1, S. 367


Was im Werk nachwirkt, übt eine besondere Anziehung aus, wie uns nach einer Performance der Nachhall ihrer Choreographie interessieren kann. Sobald die Kunst gemacht ist, darf sie in der Situation der Betrachtung als „Nullpunkt“ (Roland Barthes) der Freiheit des Empfindens und Schaffens seitens der Produktion, wie auch des Sehens und Empfindens seitens der Betrachtung akzeptiert werden. MANIFESTATION DER SERIE Gewiss sagt die Machart etwas über den Geist der Auswahl der Werke, der sich für die kreatürliche Qualität des Machens interessiert: Sie geht aus vom Geschehen der Gestaltung, das selbst immer einen Ausgangspunkt hat, und folgt den Spuren, die zeigen, wie das Machen sich an Fremdes verliert, um das Eigene wiederzufinden – doch, frei nach Bertolt Brecht, an einem anderen, unvermuteten Ort. Wenn wir nicht (vermeintliche) Natur für die Kunst eintauschen, dann deshalb, weil diese im Unterschied zu den naturgegebenen Tropismen nicht nur eingebunden ist in künstlerisches Schaffen, sondern als verständliche gesellschaftliche Praxis förmlich ihren Sinn darin hat, dass freie Expression und Disziplin sich ineinander spiegeln. Kunst ist geradewegs definierbar durch das Verfahren, gestaltende Spontaneität und Reflexion in arrangierten Szenarien der Selbsterfahrung sich aneinander abarbeiten zu lassen. Kurz gesagt: Die Reflexion ist schon im Bild. Jedes Bild steht als Werk für sich, aber für die Betrachtung hat es einen speziellen Reiz, die Koordination von Anspannung und Entspannung in der seriellen Variation von Techniken oder motivischen „Vorwürfen“ zu verfolgen oder sich auf die Permutationen des Alphabets der Koloristik einzulassen: Künstlerische Praxis ruft für uns die Elementargeister herbei, überlässt sich deren Spiel und orchestriert sie doch zugleich. DANKSAGUNG Das Ausstellungs- und Katalogprojekt Tropismen wird gefördert durch die Stiftung Kunstfonds im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien initiierten Hilfspakets NEUSTART KULTUR . Hierfür sagen wir der Stiftung und ihren Juror*innen Danke!

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INTRODUCTION

This catalogue brings together a cross-section of positions that Galerie1214 has been able to give space to in installations in Berlin and Bad Dürrheim in recent years and that it is currently presenting. As artists have always done in previous exhibitions, here we have borrowed anew a title in foreign terrain for this presentation: ‘Tropism’. Yet, as is so often the case, it is precisely the remoteness of such a borrowing that can take the works into an open movement of thought: biology uses the term ‘tropism’ to describe the optimisation movements of organisms in relation to light, heat, and nutrients. What is meant is the constant fine ‘readjustment’ of living beings in their respective environments, which also includes the expressions of the environment and societal surroundings. A point of this understanding is the juxtaposition of self-sufficient units versus always already symbiotic orders and patterns. If the former are defined by the poles of difference and selfhood, then the latter are characterised by an interplay of demarcation and opening, mediated by the spontaneous action of the sensorium and by interception through reflection. PRIMARY EXPERIENCE OF LIGHT Johann Wolfgang von Goethe, with his oft-quoted and also controversial formula of the ‘sunlike quality’ of the human eye,* described the assessment that a tropism such as that of the eye to light does not merge into a purely materialistic conception such as the stimulus-response scheme, but rather turns the holding rope for our understanding, as it were, from two strands: one leads via sensory experience, the other via (often lengthily) mediated cultural concepts. To continue the example of light: in millennia-long conceptual strategies, the sun was integrated into rites, for instance as the ‘God Ra’, or abstracted as a ‘celestial body’ and ultimately classified as a ‘hydrogen-fusing dwarf star’. Nonetheless, at the same time light and warmth remain accessible to us as physical beings through knowledge as a primary experience, which art traces in drawing as an insight-giving dialogue of contour and surface, in spatial illusion as order-seeking dimensioning, or in colour as a correlate of inexhaustible emotional shading. DEGREE ZERO OF FREEDOM To orient oneself to something outside of us creates a sense of tension, like the positive muscular tension as the origin of a subsequent movement. Although it fulfills its meaning through its dissolution, it retains a peculiar echo in art: what lingers in the work exerts a special attraction, just as the reverberations of its choreography can interest us after a performance. Once art is made (fullfilled), it may be accepted in the situation of 4

INTRODUCTION

* Johann Wolfgang von Goethe, Gedichte: Hamburger Ausgabe, vol. 1 (1982), p. 367.


contemplation as a ‘degree zero’ (Roland Barthes) of freedom of sensation and creation on the part of production, as well as of seeing and sensation on the part of contemplation. MANIFESTATION OF THE SERIES Certainly, the spirit of the selection of the works is interdependent on the way of its making: it starts from the event of creation, which itself always has an often hidden starting point, and follows the traces that show how the act of making loses itself to a foreign land in order to find its own again – but, to paraphrase Bertolt Brecht, in an unsuspected place. If we do not accept an equation of nature and art ‘tout court’, this is because art, in contrast to nature-given tropism, is not only integrated into the concern of artistic practice, but, as a comprehensible social practice, formally has its meaning in the fact that spontaneous expression and discipline are mirrored in each other. Art can be defined straightforwardly by the procedure of allowing creative spontaneity and reflection to work off each other in arranged scenarios of self-experience. In short: reflection is already merged with the picture. Each painting stands on its own as a work, but for the viewer it has a special charm to follow the coordination of tension and relaxation in the serial variation of techniques or motivic ‘reproaches’, or to get involved in the permutations of the alphabet of colouristics: artistic practice summons the elemental spirits for us, abandons itself to their play, and yet orchestrates them at the same time. ACKNOWLEDGEMENTS The exhibition and catalogue project Tropism is funded by the German Stiftung Kunstfonds as part of the NEUSTART KULTUR aid package initiated by the Federal Government Commissioner for Culture and the Media. We would like to thank the foundation and its jurors!

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MARIE IRMGARD BIRKEDAL TROPISMEN | TROPISM

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Marie Irmgard Birkedal spricht nicht ohne Provokation von einer Haltung des „passive astonishment“, die sie in ihrer Malerei pflege, zwischen historischen Bezugspunkten wie Diego Velázquez, Yoko Ono oder Cy Twombly. Ihr ist das genaue Hinsehen wichtiger als das (Ab)Urteilen. Malen heißt für Birkedal Warten und Verdichten, um Zeit zu schöpfen, wie man Atem oder Hoffnung schöpft. Dabei bewegt sie sich zwischen der Konkretion im Bildhaften und der bildnerischen Frage, die die Abstraktion herausfordert. In ihrer Farbgebung nutzt sie ein breites Vokabular, geprägt durch die unterschiedlichen Möglichkeiten zwischen einem kräftigen Impasto, in dem die Farben dick aufgetragen und kaum vermischt werden, und zarten Lasuren, in denen Acrylfarbe eingesetzt wird wie beim Aquarell, oder auch kombiniert mit Leinöl als Malmittel mit einer bewusst langen Trocknungszeit. Dadurch gewinnen ihre Bilder ein subtiles Repertoire an Ausdrucksmitteln: die Mischung und Durchdringung von Farben, die Strukturierung der Hintergründe, gezielt provozierte Farbtränen, Risse, Krakelüren oder rhizomatische Effekte, die ein feines, Ordnung versprechendes Linienwerk projizieren. Was etwas ist, was es anders sein könnte, lässt sich durch Anfügen, Wegnehmen, Verwischen, Überlagern von Ebenen, Layers erkunden. Tag und Nacht sind in unserer Lebensweise fast eingeebnet – Birkedal macht den Gegensatz von Hell und Dunkel neu lesbar, wenn sie mit hellen Lasuren und alabasterhaft durchscheinenden Farbkörpern den dunkleren Valeurs neue Leuchtkraft verleiht. Marie Irmgard Birkedal describes, not without provocation, her attitude as one of ‘passive astonishment’ that she cultivates in her painting, articulated between historical points of reference such as Diego Velázquez, Yoko Ono, or Cy Twombly. For her, looking closely is more important than judging. Painting means waiting and condensing in order to create time. In doing so, she moves between concretion in the pictorial and the visual question that challenges abstraction. In her use of colour, she employs a broad vocabulary that is characterised by the different options between a strong impasto, in which the colours are applied thickly and hardly mixed, and delicate glazes, in which acrylic paint is used as in watercolour, or combined with linseed oil as the painting medium with a long drying time. This gives her paintings a subtle repertoire of expressive means: the mixing and interpenetration of colours, the structuring of backgrounds, deliberately provoked tears of colour, cracks, craquelures, or rhizomatic effects that project a fine work of lines which can again become the origin of new order. What it means to take over this or that form of life, how things could be differently, all of this can be explored by adding, taking away, blurring, overlaying layers. Day and night are almost levelled in our way of life – Birkedal makes the contrast of light and dark re-readable when she gives new meaning to the darker valeurs with light glazes and alabaster-like translucent bodies of colour.

Bereft Rooftops | Violet Blue, 2020 Acrylic on prepared paper 68 × 44 cm

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MARIE IRMGARD BIRKEDAL


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Above

Opposite page

Flashe on prepared paper 40 × 31 cm

Acrylic on prepared paper 68 × 44 cm

Innocence the Hard Way, 2020

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Black Dahlia for Carole Sneeman, 2020

MARIE IRMGARD BIRKEDAL


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That day at the playground I knew that never in my life was I going to get in. Not just fit in, get in (For Lucia Berlin), 2020 Watercolour on prepared paper 68 × 44 cm

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MARIE IRMGARD BIRKEDAL


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MARIE IRMGARD BIRKEDAL


Opposite page

Above

Watercolour on prepared paper 90 × 69 cm

Watercolour on prepared paper 90 × 69 cm

Wrybill Marie I, 2020

Wrybill Marie II, 2020

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Godparent, 2017–18 Oil on canvas 150 × 145 cm

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Installation view, Galerie1214 Savage Glitter, Berlin, 2018

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Ersatz Primitive, 2017–18 Oil on canvas 140 × 150 cm

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MARIE IRMGARD BIRKEDAL


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BERTOLD MATHES TROPISMEN | TROPISM

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Booking (on paper)-49, 2016 Mixed media 30 × 24 cm

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BERTOLD MATHES


Booking (on paper)-114, 2016 Mixed media 30 × 24 cm

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Bertold Mathes’ Bilder und Zeichnungen umspielen Grundthemen, Grundformen und Grundfarben der Malerei in einer zugleich offenen und strikten Haltung. Die Farbigkeit der Bilder und der Metabolismus der zeichnerischen Form geben zu erkennen, wie der Künstler gleichsam an der Grammatik einer Sprache im Modus ihrer Entdeckung und Umschreibung arbeitet. Das „Geistige in der Kunst“, von dem einst Kandinsky sprach, zeigt sich in der Bildbarkeit von Bedeutung, nicht in einem symbolisch befrachteten Vokabular. Der erstaunliche Freiheitsgrad formaler Gestaltung, der sich in Mathes’ Arbeiten über Jahrzehnte hinweg manifestiert, führt zugleich das Schlagwort vom „Veralten der Malerei im digitalen Zeitalter“ ad absurdum. Bertold Mathes arbeitet in langfristig angelegten Serien und Zyklen, entsprechend sind die Titel seiner Arbeiten abstrakt und nummerieren die Abfolge: Die einzelne Zeichnung hat immer als Werk für sich einen Rang, steht aber in einer Kontinuität der stetigen Abwandlung von Bild- und Sinnelementen. Mathes zeigt auf, wie Malerei und Zeichnung „selbstbezüglich“ sein können, ohne je steril oder repetitiv zu werden, wie im Gegenteil unsere visuellen Konventionen durch die Verwandlungskünste in den Tiefen seines Werks verjüngt und frisch wieder emporsteigen können. The works of Bertold Mathes play around basic themes, basic forms, and basic colours of painting in a simultaneously open and strict attitude. The colourfulness of his pictures and the metabolism of the graphic form reveal how the artist works, as it were, on the grammar of a language in the mode of its discovery and its transcription. The ‘spiritual in art’, of which Kandinsky once spoke, comes to the fore when meaning is coined by the genuine language of art, not in a simplistic or symbolically loaded vocabulary. The astonishing degree of freedom of formal design that is manifest in Mathes’s works over decades also takes the catchphrase of the ‘obsolescence of painting in the digital age’ ad absurdum. Constitutive for the frame of Mathes’s œuvre are long-term series and cycles. Accordingly, the titles of his works are abstract and give the sequence a numerical order: the individual drawing always has a rank of its own, but at the same time it is part of a continuity of constant variation of pictorial and sensory elements. Mathes shows how painting and drawing can be ‘self-referential’ without ever becoming sterile or repetitive. On the contrary: thanks to the transformations and conversions in the depths of his work, even our visual conventions can be freshly rejuvenated.

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BERTOLD MATHES


Booking (on paper)-129, 2016 Mixed media 30 × 24 cm

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Booking (on paper)-58, 2016 Mixed media 30 × 24 cm

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Installation view, Galerie1214 Bad Duerrheim, 2021 (works on paper)

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Installation view, Galerie1214 Ausrichtung, Berlin, 2019

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F15X12(1), 2019

Graphite / Acrylic on canvas 150 × 120 cm

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Installation view, Galerie1214 Ausrichtung, Berlin, 2019


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Installation view, Galerie1214 Ausrichtung, Berlin, 2019

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GRETA MAGYAR TROPISMEN | TROPISM

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Handwerkliches Machen spielt im Werk von Greta Magyar eine spezifische Rolle: Die hier gezeigten Arbeiten kombinieren ambitionierte Techniken des Kupfertiefdrucks, unter Einsatz von industriellen Alltagsmaterialien wie Verpackungen, mit Techniken der Zeichnung und der Tuschemalerei sowie der Collage. Doch nicht die Bricolage ist der Zweck, sondern das Einfließen der Zeit in den Prozess, dessen einzelne Schritte aufwändige technische Vorbereitungen erfordern oder, wie teilweise das Collagieren, eine durchaus langwierige Zurichtung der Materialien. Der Vergleich der großformatigen Tafelmalerei, die Magyar ebenfalls pflegt, mit dem Medium des Drucks zeigt, wie sich Magyar vom Eigenwillen des jeweiligen Mediums und seiner technischen Anforderungen und dessen Geschichte leiten lässt. Sie sucht die Herausforderung der Grenzen des jeweiligen Mediums und gibt dennoch an Präzision, wo sie der Prozess einfordert, nichts nach. Für Greta Magyar hat der Tropismus als biologisches Phänomen insofern auch eine direkte Bedeutung, als sie sich auch im Rahmen von Kooperationsprojekten mit der Wissenschaft ausführlich mit biologischen Systemen befasst hat. In Greta Magyar’s work, the use of printing crafts and techniques plays a specific role: the artworks exhibited combine unusual techniques of copper intaglio printing, using everyday industrial materials such as packaging with techniques of drawing and ink painting as well as collage. However, bricolage is not her purpose. Her interest is rather in the incorporation of time into the process. She reckons with the individual steps that this process needs: elaborate technical preparations or, like collage in some cases, a laborious finishing. If one compares the large-format panel painting cultivated by Magyar with the medium of printing, it is apparent how she lets herself be guided by the inherent will of the respective medium and the requirements and history of the material. She seeks the challenge of the limits of the respective medium and yet yields nothing in terms of precision where the process demands it. Magyar’s experiences from her extensive work with biological systems in the context of collaborative projects with science gives her a deep understanding of tropism as a biological phenomenon.

Untitled, 2018

Print (multiple printing) with mixed media, collage, drawing on paper, copper printing, Indian ink, fibre pen 30 × 40 cm

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GRETA MAGYAR


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Untitled, 2018

Print (multiple printing) with mixed media, collage, drawing on paper, copper printing, Indian ink 70 × 100 cm

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GRETA MAGYAR


Pages 44–45

Untitled, 2018

Print (multiple printing) with mixed media, collage, drawing on paper, copper printing, Indian ink 70 × 100 cm

Untitled, 2018

Print (multiple printing) with mixed media, collage, drawing on paper, copper printing, Indian ink 70 × 100 cm

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GRETA MAGYAR


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Pages 48–49

Untitled, 2018

Installation view, Galerie1214 Tropismen / Tropism, Bad Duerrheim, 2021

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Print (multiple printing) with mixed media, collage, drawing on paper, copper printing, Indian ink, gouache 70 × 100 cm


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GRETA MAGYAR


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Installation view, Galerie1214 Elegante Formatierungen, Berlin, 2020

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NICOLE WENDEL TROPISMEN | TROPISM

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Installation view, Galerie1214 bebop, Berlin, 2019 Arrangement from the work group OPEN CUBE:

Variations of an open cube after Sol LeWitt, 2018

Graphite on paper 21 × 29.7 cm each

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NICOLE WENDEL


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Nicole Wendel arbeitet als Künstlerin und Zeichnerin in ihrem Werk konsequent forschend, wie sich der Körper im Raum – bildend und im Verhältnis zum Bild – selbst als Wirkungsfeld erfassen lässt. Zeichnung und Performance setzt sie als komplementäre Instrumente ihrer künstlerischen Arbeit ein. Die großen Zeichnungen der jüngeren Werkphase, die Wendel als Core-Drawings bezeichnet, „suggerieren einen Raum von unbestimmter Tiefe, in dem sich eine luftige Substanz auszubreiten scheint. Es entsteht fast der Eindruck, als ob das Bild atmen würde. Die Analogie zur menschlichen Atmung ist nicht zufällig, denn das gesamte zeichnerische Werk der Künstlerin steht in engem Bezug zu körperlichen Vorgängen und Handlungen, die sie auch als Performerin meist zusammen mit anderen Partner*innen ausführt.“ (Ludwig Seyfarth anlässlich der Ausstellung bebop, 2019). Diesen großen Formaten gegenüber stehen die umfangreichen Serien von Graphitzeichnungen, die Wendel schon seit Jahren ausgehend vom DIN-A4-Format durchführt. Laden diese einerseits als Einzelblätter zu einer „meditativeren“ Betrachtung ein, so entwickeln sie andererseits, und gerade in der seriellen Installation, eine breite Skala gestischer, oft eminent kraftvoller Expression. Titel wie Spacenotations oder OPEN CUBE : Variations of an open cube after Sol LeWitt bezeichnen auch programmatisch langfristig angelegte Arbeitsprojekte, die Nicole Wendel im Sinne eines Werktagebuchs kommentiert. Nicole Wendel puts the main focus of her work in drawing on research of the body’s language: How can it be grasped in space, pictorially and in relation to the image itself, as a field of action? Wendel uses drawing and performance as complementary instruments of artistic work. The large drawings of the more recent phase of her work, which Wendel calls Core-Drawings, ‘suggest a space of indeterminate depth in which an airy substance seems to spread out. It almost gives the impression that the painting is breathing. The analogy to human breathing is not accidental, for the artist’s entire work in drawing is closely related to bodily processes and actions, which she also performs as a performer, usually together with other partners’ (Ludwig Seyfarth on the occasion of the exhibition bebop, 2019). Contrasting with these large formats are the series of (mostly) graphite drawings focused on the DIN A4 format, which have been executed with great discipline for years, and which one would spontaneously address as more meditative in terms of size, but which nevertheless, like the large works, depict a broad scale of gestural, often eminently powerful expression. Titles such as Spacenotations or OPEN CUBE : Variations of an open cube after Sol LeWitt describe those long-term work projects, which Wendel also comments on in the sense of a work diary.

Detail of arrangement from the work group

OPEN CUBE: Variations of an open cube

after Sol LeWitt, 2018

Graphite on paper 21 × 29.7 cm each

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Spacenotation – Notation of time # 3, 2019

Graphite on paper 21 × 29.7 cm Notes by the artist (reverse): 10.06.2019 | How to measure time in structure? | Draw one hour! | How is time related to one line?

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Spacenotation – Notation of time # 5, 2019

Graphite on paper 21 × 29.7 cm Notes by the artist (reverse): Marken – Italien – Okt. 2016 | 30.09.2019 | levels of time | qualities of time | navigating time

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NICOLE WENDEL


Spacenotation – Notation of time # 7, 2019

Graphite on paper 21 × 29.7 cm Notes by the artist (reverse): 10.10.2019 | Form of time | Interval | Time creates forms | Curving time – fluidity

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COREDRAWING # 5, 2018 Graphite on paper 129 × 100 cm

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Installation view, Galerie1214 bebop, Berlin, 2019 Left side: COREDRAWING #1 , 2018 Graphite on paper 200 × 154 cm

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Right side: COREDRAWING #2 , 2018 Graphite on paper 200 × 154 cm Floor: REAL TIME _Performative

Drawing, 2019

White chalk on black board 160 × 200 cm


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Installation view, Galerie1214 bebop, Berlin, 2019 Left side: COREDRAWING #3 , 2018 Graphite on paper 200 × 154 cm

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BIOGRAFIEN | BIOGRAPHIES

Marie Irmgard Birkedal *1976 in Copenhagen Studies in English Literature, History of Art, and Arts 2010 Diploma MFA at Funen Art Academy Journeys in the United States Lives and works in Berlin since 2013 SOLO EXHIBITIONS

Marie Irmgard Birkedal – Hard Earned Innocence, Lyngby Funstforening, Kongens Lyngby, Denmark Marie Irmgard – Savage Glitter II: Interiors + Territories, Galerie1214, Berlin Marie Irmgard – Savage Glitter, Galerie 1214, Berlin Johnny Cash was mine exactly two decades before he was yours, Galleri NB, Viborg, Denmark Blow Up – Marie Irmgard, Lyngby Funstforening, Kongens Lyngby, Denmark

2020 2018 2011 2010

GROUP EXHIBITIONS

alternative facts, Laura Mars, Berlin Romantic Troopers, Lage Egal, Berlin Come from Painting, Galerie1214, Berlin Accrochage, Galerie1214, Berlin Nordisk Salong 2014, Dunkers Kulturhus, Helsingborg, Sweden

2019 2018 2017 2014

Bertold Mathes *1957 Freiburg im Breisgau 1979–85 State Academy of Fine Arts Karlsruhe Lives and works in Waldkraiburg and Berlin SOLO EXHIBITIONS

2019 Ausrichtung, Galerie1214, Berlin 2014–15 SONG ABOUT THE MIDWAY : Werke von 1982 bis 2014, Kienzle Art Foundation, Berlin 2012 Drift, Brandenburgischer Kunstverein, Potsdam 2009 GUTE AUSSICHT , Galerie Kienzle & Gmeiner, Berlin GROUP EXHIBITIONS

2019 2016 2015–16 2015 2014 68

Marabu, Badischer Kunstverein, Karlsruhe give, T66, Freiburg HOW TO BE UNIQUE , Kienzle Art Foundation and cavuspace, Berlin be abstract, l’oiseau présente, Ballhaus Ost, Berlin, and Kunstverein, Schwäbisch Hall Was wir zeigen wollen, Heidelberger Kunstverein, Heidelberg

BIOGRAFIEN | BIOGRAPHIES


KEINE PAROLE : Malerei-Aktion-Konzept. Die Sammlung Kienzle,

2013

Kunstmuseum Magdeburg The Happy Fainting of Painting (exhibition project by Hans-Jürgen Hafner & Gunter Reski), Zwinger Galerie, Berlin Berlin Non Objektive, SNO Contemporary Art Projects, Sydney Alternative Entrance, kunstbunker – forum für zeitgenössische kunst e. V., Nuremberg 2011 Alien – unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (in collaboration with the Kienzle Art Foundation), Brandenburgischer Kunstverein, Potsdam 2009–10 False Friends (in collaboration with the Kienzle Art Foundation), Brandenburgischer Kunstverein, Potsdam 2009 ANNEXE/INFIX , 798 Beijing Biennale, Beijing 2007–09 Unlikely, Galerie Kienzle & Gmeiner, Berlin; Städtische Galerie, Waldkraiburg; W139, Amsterdam; and Kunstverein, Konstanz 2012

Greta Magyar *1991 in Gehrden 2015–18 Muthesius University of Fine Arts and Design, Kiel (Master of Fine Arts) 2017 Rome University of Fine Arts, Printmaking Department 2013–14 Academy of Fine Arts Vienna 2010–15 Muthesius University of Fine Arts and Design, Kiel (Bachelor of Fine Arts) Lives and works in Kiel GROUP EXHIBITIONS

2021 2020 2019

2018 2017 2016

Wenn wir die Spuren der Zeit beschreiben, Galerie Cube +, Kiel Zwischen Linie und Fläche, Kanzlei Take/Maracke, Kiel Landesschau, Ostholstein-Museum, Eutin Atelierstipendiat*innen 2018–2020, Atelierhaus im Anscharpark, Kiel Elegante Formatierungen, Galerie 1214, Berlin Kollision der Künste, Wandarbeit im Außenraum, Bischofswerda Pienkow Artist Residency, Galeria Pieńków, Żmudź, Poland Mulhouse 019 biennale d’art contemporain, France Spring and the Free Growth of Everything, Huiyuan Garden, Hefei, China Anknüpfungspunkt, Raum linksrechts, Hamburg Nordwestkunst, Kunsthalle, Wilhelmshaven prozess, xpon-art Galerie, Hamburg Masters die Vierte, Atelierhaus im Anscharpark, Kiel Gastspiel, Brunswiker Pavillon, Kiel KielHolen, Kunstverein, Marburg First International Print Biennale Yerevan, Armenia Das Museum in der Nussschale, Stadtmuseum Pinneberg Babylove, Festung Hohensalzburg, Salzburg TROPISMEN | TROPISM

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Nicole Wendel *1975 in Karlsruhe 1997–2004 Study of Fine Arts at Berlin University of the Arts (MFA) 2004 Master’s student under Professor Leiko Ikemura, Berlin 2007 1st State Exams in Fine Arts at Berlin University of the Arts Lives and works in Berlin SOLO EXHIBITIONS AND PERFORMANCES (SELECTION)

2019 2017 2016 2015 2014 2013 2010 2009 2008 2007

bebop, galerie1214, Berlin Présence, Espace d’Art Contemporain André Malraux, Colmar, France schwarze Füsse, e.artis contemporary, Chemnitz Des images en mouvement, Goethe-Institut, Paris on and on and on, Galerie Graphem, Paris Drawing Now 2015, Galerie Graphem, Paris s/w, Scotty Enterprises, Berlin Panorama, Galerie weisser elefant, Berlin Staubfinger, Galerie weisser elefant/first floor, Berlin Fünf, installation-dance project, in collaboration with Johanna Devi, Munich Say a body. Where none., Walden Kunstausstellung, Berlin Fünf, installation-dance project, in collaboration with Johanna Devi, Berlin Zwischenräume / paradoxe Berührungen, object performance, Ausland, Berlin Berührung, object performance, Ausland, Berlin

GROUP EXHIBITIONS AND PERFORMANCES (SELECTION)

2019 2018 2017 2016 2015 2014 2012 2010

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embodied lines, Drawing Center Diepenheim Drawing Now_curated exhibition: Drawing Performance, Galerie1214, Paris Spacescapes, Plateforme, Paris Put on paper, Errant Sound, Berlin Canto Ostinato, Global Water Dance, Berlin Unselect, Ausstellungsfestival der Kleinen Humboldt Galerie, Berlin RealitätsCheck, Kunstraum Potsdam 10times6, 10 pieces each 6 minutes, YES_YES, Nicole Wendel in collaboration with Audrey Rose Burdon, ADA Studio, Berlin L’Art pour l’Art, Prolog (journal for text and drawing), Berlin on painting #2, Galerie Bridget Stern, Hamburg Anonymous Drawings, Galerie im Körnerpark, Berlin Corhythm, Nicole Wendel in collaboration with Audrey Rose Burden, Sammlung Hegenbarth, Berlin TRAJECTORIES #01, Stella Geppert, Nikolaus Gansterer, Nicole Wendel, Haus am Lützowplatz, Berlin TRAJECTORIES #02, Stella Geppert, Nikolaus Gansterer, Ulrike Mohr, Nicole Wendel, Drawing Hub, Berlin Harald Gnade, Lothar Seruset and Nicole Wendel, GEHAG Forum, Berlin U-Topien, Prolog (journal for text and drawing), Berlin Lieber Künstler, zeichne mir! Part 2, Galerie Semjon Contemporary, Berlin Anonymous Drawings, Based in Berlin, Pavillon am Milchhof, Berlin Lucide, Kunstraum t27, Berlin Grundton, with Daniel Kupferberg, K-Salon, Berlin

BIOGRAFIEN | BIOGRAPHIES


DANKSAGUNG | ACKNOWLEDGEMENTS Das Ausstellungs- und Katalogprojekt Tropismen wird gefördert durch die Stiftung Kunstfonds im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien initiierten Hilfspakets NEUSTART KULTUR . Hierfür sagen wir der Stiftung und ihren Juror*innen Danke! The exhibition and catalogue project Tropism is funded by the German Stiftung Kunstfonds as part of the NEUSTART KULTUR aid package initiated by the Federal Government Commissioner for Culture and the Media. We would like to thank the foundation and its jurors!

IMPRESSUM | COLOPHON Herausgeber | Editor Dr. phil. Peter Kohlhaas, Director Galerie1214 c/o Kohlhaas Projektmanagement GmbH Stammstr. 12 78073 Bad Dürrheim Konzept und Text | Concept and text Galerie1214 Design | Layout Delia Keller | Gestaltung Berlin Fotonachweise | Photography credits Sebastian Eggler: 9, 10, 11, 13, 14, 15 Bernhard Strauss: 24, 25, 27, 29, 30–31, 41, 42, 43, 44–45, 46–47, 48–49, 59, 60, 61, 63 Eric Tschernow: 16–17, 18–19, 20–21, 32–33, 34–35, 36–37, 50–51, 55, 57, 64–65, 66–67 Alle Rechte vorbehalten | All rights reserved Druck | Printing Pinguin Druck GmbH, Berlin © 2021 Galerie1214, the artists and authors ISBN 978-3-00-068894-2





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