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Wein m aga z i n

Frauen im Wein: Corinne Mentzelopoulos

Stuart Pigott: Der Rang des deutschen Weins

Armin Diel in der Bourgogne

Schott Zwiesel

Weingut Dr. Heger

2 5 We i h nac h t s - C h a m pagner

G ü n t h e r Jauchs Weing ut von Othegraven

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4/2010

Seite 28 Fünfzig Jahrgänge des großen Rieslings

Seite 50 Bourgogne 2009

Seite 84 Weinkultur aus Zwiesel

Seite 96 Fünfundzwanzig Festtags-Champagner

Seite 120 Das Genießer-Wochenende

Seite 136 Die Weine von Dr. Heger


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I n h a lt Seite 108 Herdade dos Grous

Seite 126 Wein & Klima

Seite 130 Balik-Lachs

Seite 18 Günther Jauchs Weingut von Othegraven

Seite 62 Die Süßwein-Ikonen

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Fine Editorial

Thomas Schröder

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Fine Degustation

Die Fine-Kriterien

18

Fine Saar

Günther Jauchs Weingut von Othegraven

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Fine Mosel

Der Schatz des Doctors

40

Fine Frauen im Wein

Corinne Mentzelopoulos

50

Fine Bourgogne

2009: Prächtige Frühform

62

Fine Tasting

Die Süßwein-Ikonen

70

Fine Das Bier danach

Mit Bittertönen den Abschied ­versüßen

72

Fine Wein & Speisen

Jürgen Dollase bei Thomas Martin in Jacobs Restaurant

80

Fine Die Pigott Kolumne

Vom Rang des deutschen Weins

84

Fine Lifestyle

Form und Grazie: Zwiesel Kristallglas

92

Fine Das Große Dutzend

Sherry

96

Fine Champagne

Fünfundzwanzig Festtags-Champagner

104

Fine Lifestyle

Die Parfümeurin Louise Turner

108

Fine Portugal

Der Mann aus dem Norden

116

Fine Reiner Wein

Anne Zielke: Die Liebe überwindet alles

120

Fine Lifestyle

Das »Mehr geht nicht«-Wochenende

126

Fine Interview

Manfred Stock über Wein im Klimawandel

130

Fine Gourmandise

Der Kuss der Lachse

136

Fine Baden

Weingut Dr. Heger

146

Fine Abgang

Ralf Frenzel

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Annäherung an den Maschinenpark: Im Gutsgarten von Othegraven fängt Günther Jauch klein an.

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»Wir machen hier  nicht den Bajazzo ...« Dorothea und Günther Jauch haben sich mit dem Erwerb des VDP-Weinguts von Othegraven einer grossen Herausforderung gestellt. Wie ernst die Neulinge ihre Aufgabe ­nehmen werden, erzählen sie dem früheren Journalisten und Neuwinzer in Serrig an der Saar, Jochen Siemens.

Text: Jochen Siemens Fotos: Johannes Grau

Die Erfahrung, ein Weingut an der Saar übernommen zu haben, war damals gerade zwei Jahre alt, und nach der ersten ziemlich misslungenen Ernte frönte ich zum seelischen Ausgleich meiner alten Pro­fession und schrieb eine Reportage über Weingüter im südlichen Oregon. Dabei traf ich auf Earl Jones. Er kam aus den Rebreihen angefahren auf einem kleinen grünen John-Deere-Gefährt, einer Art Golfkarren mit Ladefläche, und erzählte mit lustigen Augen und raumgreifenden Gesten, wie er als Mittfünfziger seine erfolgreiche Karriere als Chirurg in San Francisco an den Nagel gehängt und nun seit zehn Jahren aus dem Nichts sein Weingut Abacela hier westlich von Roseburg aufgebaut hat. Ich war schwer beeindruckt. Der Mann experimentierte noch immer mit verschiedenen Rebsorten, machte ganz beachtliche Weine, und die Passion für die Sache quoll ihm aus jedem Knopfloch. Dann fragte er mich, was ich denn täte. Ich erklärte ihm, dass ich vor ein paar Jahren meine Karriere als Journalist an den Nagel gehängt hatte und nun ein Weingut an der Saar betriebe. Da schaute er mich direkt an, schwieg eine ­Weile und sagte dann mit lauter Stimme und ein paar mehr Lachfältchen um die Augen: »So you are crazy!«

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Die Geschichte mit Earl Jones ging mir vor ein paar Monaten wieder durch den Kopf, als sich die den Fluss entlang wabernden Gerüchte, Günther Jauch übernehme ein Weingut an der Saar, zur Realität verdichteten. Günther Jauch, der Fernsehjournalist, Mister Quiz persönlich, der in Umfragen, was Beliebtheit und Zutrauen angeht, wohl angesehenste Deutsche, der, wie man in den Gazetten las, Wunschschwiegersohn der Republik! Was hat denn jetzt den geritten?

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a kam es sehr gut zupass, dass die Winzerin Heidi Kegel und ihr Mann wie jedes Jahr zur Jungweinprobe ins Weingut »von ­Othegraven« eingeladen hatten, jenes Weingut also, das die Jauchs übernehmen wollten. Es ist durchaus eine Auszeichnung, zu dieser Veranstaltung eingeladen zu sein, wenn man, von der Kegelschen Gastfreundschaft überwältigt, in großer Runde mit der Winzerelite der Saar steht und seine ­Weine präsentieren darf. Und dieses Mal hatte das Ganze für meinen Kellermeister Franz Lenz und mich noch den Kick, dass die Jauchs mit dabei sein ­sollten. Also los von Serrig nach Kanzem, wo am Fuß des steilen Altenbergs das schöne Gutsgebäude mit seinem weitläufigen Park und altem Baumbestand liegt. Heidi Kegel, die das Weingut seit den neunziger Jahren erfolgreich geführt hat, erklärte mit

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einem kleinen Kloß im Hals, wie froh sie sei, die Jauchs für die Aufgabe gewonnen zu haben, denn sie seien verwandt und das Weingut ­bliebe so ­weiter in der Familie. Das war also geklärt. Danach probierten wir unter der wie immer kundigen und anregenden Leitung von Klaus Piemont den großartigen Jahrgang 2009, und gerade was die Othegravschen Weine angeht, konnte man nur ein Wort sagen: Chapeau! Günther Jauch und seine Frau Dorothea waren während der Probe durchaus zurückgenommen, erklärten, sie wollten unbedingt die Stammbesatzung des Guts mit Keller­ meister Andreas Barth dafür ­gewinnen, unter ihrer Leitung weiterzuarbeiten. Ich verabschiedete mich mit einer Gegeneinladung und dem Eindruck, die Jauchs könnten durchaus beseelt sein von der Passion für die Causa Wein.


Weinbau als Familiensache: Dorothea und Günther Jauch stellen sich der Verantwortung, in Kanzem ein Vermächtnis zu wahren. Als wir dann im Sommer im Othegravschen Park erneut zusammen saßen, während im Gutshof ein Großes Gewächs 2009 gefüllt wurde und an den Rebstöcken die Trauben des neuen Jahrgangs in den Wein gingen, waren die Vorstellungen des Ehepaars Jauch schon deutlich konkreter. Günther Jauch erinnert sich an unerwünschte Ratgeber und deren Vorschlag, einfach dick »Jauch« auf das Etikett der Weinflaschen zu schreiben, damit wäre das Marketing doch erledigt. »Ja, und dann am besten noch dein Foto dazu«, wendet sich Dorothea Jauch an ihren Mann, und beide lachen herzlich bei dieser Vorstellung. Nein, laut mögen die Jauchs es nicht. Nicht in Potsdam an der Havel und auch nicht hier in Kanzem an der Saar, wo sie nun mitten in dem Prozess waren, ihr Weingut »von Othegraven« zu übernehmen. Natürlich müsse man auch über das Marketing nachdenken und neue Wege gehen; einen ersten Niederschlag davon sieht man im neuen, aufgeräumten und grafisch frischen Etikett der

Othegravschen Weine. Aber alles im Rahmen dessen, was von Othegraven immer gewesen sei, nämlich ein »diskretes Weingut«. Plakativ modisch scheide aus, wie es auch keine einer Zeitmode geschuldete Entscheidung gewesen sei, ein Weingut zu kaufen. Die Stracks, Coppolas oder Depardieus begannen etwas Neues, getrieben möglicherweise von einer Leidenschaft oder aber auch nur einem Zeitgeist. Bei den Jauchs geht es hingegen, das wird im Gespräch rasch sehr deutlich, nicht darum, »wer wird (alles) Winzer«, sondern um eine Familiensaga. Ein obeliskartiger Gedenkstein am Rand des Parks zwischen gepflegten Blumen erinnert an Jauchs vielfachen Ur-Großvater Emmerich Grach, der das Weingut 1805 kaufte. Seit mehr als zweihundert Jahren also ist es im Familienbesitz. In den vergangenen Jahren war es immer wieder in Gefahr, aus der Familie heraus verkauft zu werden. Zuerst war es ein Gerücht, das den Jauchs zu Ohren kam, und das saß bei Günther Jauch quer.

Sicher war viel Zeit vergangen seit der Kindheit und den Schulferien an der Saar. Der berufliche Werdegang führte Jauch ganz nach oben in der bundesdeutschen Medienwelt und ganz weit weg von Kanzem. Aber da war eben noch die Erinnerung an die Kinder- und Jugendtage auf von Othegraven, Erinnerungen an den Großonkel Max und Tante Maria von Othegraven, an die feudale Weingutswelt mit Park und der im Hintergrund dräuenden Steilstlage Kanzemer Altenberg. Erinnerungen, die im scharfen Kontrast standen zum Berliner Kiez, wo Jauch aufwuchs, Erinnerungen, die sich im Langzeitgedächtnis eingenistet hatten. Mit einem Brief an Heidi Kegel nahmen die Jauchs das Heft in die Hand und bekundeten ihr Interesse, sollte das Gut wirklich verkauft werden. Von da an gingen mehr als drei Jahre ins Land, bis das Gut rechtsgültig übertragen war, genug Zeit also für viele Gedanken und Abwägungen, genug Zeit den »Riesenschritt ins Fremde« zu bedenken, »in ein Abenteuer, das nichts mit dem zu tun hat,

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wovon ich etwas verstehe«, räumt Jauch freimütig ein und schließt die Frage an: »Hätte ich irgendein anderes Weingut gekauft? Hätte sich diese Frage überhaupt gestellt? Nein, sicher nicht«, sagt Jauch und fährt fort: »Aber umgekehrt, wenn es nun kein Weingut, sondern ...«, er sucht kurz nach einem passenden Bild, »... eine, sagen wir, Sockenfabrik gewesen wäre, die seit zweihundert Jahren in der Familie war, die hätte ich wahrscheinlich auch gekauft.« Das war natürlich nur so eine Gedankenspielerei, um zu unterstreichen, wie sehr es um Tradition und wie wenig es um Ich-kauf-mir-malein-Weingut geht. Jedenfalls ist den Jauchs hier im gepflegten Park am Fuß der Weinberge die Erleichterung anzumerken, dass erfreulicherweise im Hintergrund keine Sockenfabrik steht. Also nun noch ein Weingut. Dabei ist das Leben der Familie Jauch bisher schon keineswegs langweilig. Da ist die Familie mit vier Kindern in Potsdam, Jauchs TV-Produktionsfirma in Köln mit mehr als sechzig Mitarbeitern, dann natürlich RTL und »jetzt steht noch die ARD vor der Tür«, sagt Jauch und schaut seine Frau an. Deshalb sei die zweite Conditio für die Übernahme des Weinguts gewesen, »dass meine Frau mitmacht. Hätte sie gesagt«, fährt Jauch fort, »das ist deine Verwandtschaft, das sind deine Erinnerungen, aber für mich ist das nichts, hätte ich es nicht gemacht. Sie sagte aber, sie steigt mit ein, und nun teilen wir uns das ein«. Natürlich wüssten Barth und die Mannschaft, wie es geht, das Gut zu betreiben, und insofern könne man es auch so arrangieren, dass man nur bei schönem Wetter und zu

Qualität als Verpflichtung: ­Andreas Barth wird als Keller­ meister die VDP-Winzer­ familie Jauch begleiten. festlichen Weinproben an die Saar kommt. »Aber es geht nicht, ohne dass wir hier sind und mitmachen«, ist sich Dorothea Jauch sicher, »das ist eine ganz eigene Welt mit eigenen Veranstaltungen, die wir uns erobern müssen. Ein neues Feld, nicht nur lifestylig, sondern auch hart.« Lernen, hineinfinden, herantasten sind die Tätigkeitsworte, die dem Ehepaar Jauch häufig über die Lippen kommen, wenn man danach fragt, in welche Richtung sie das elf Hektar große Weingut mit seinen Lagen im Kanzemer Altenberg, der Wiltinger Kupp und dem Ockfener Bockstein führen wollen. »Ich möchte, dass das ein Erfolg wird«, beginnt Jauch und sieht eine gute Basis dafür gelegt, da er einerseits einen Trend zu Weißwein ausmacht und andererseits eine immer positivere Sicht im In- und Ausland auf deutschen Wein. Allerdings, unter Renditegesichtspunkten sei »es

ganz schwierig, dieses Gut wettbewerbsfähig zu halten«. Das liege vor allem an den hohen Produktionskosten durch die Steillagen. Und man müsse sich auch damit befassen, ob die Betriebsgröße stimmt oder ob drei Hektar mehr oder weniger nicht zu erwägen wären. In einem ist sich Jauch aber ganz sicher. Das VDP-Weingut von Othegraven soll ein reines Rieslingweingut bleiben. Natürlich habe er darüber nachgedacht, ob man mal probiert, Rotwein zu machen oder »was ganz Verrücktes«, aber schlussendlich sei er zu dem Ergebnis gekommen: »Wir geben hier nicht den Bajazzo und machen mal dreihundert Flaschen von diesem oder vierhundert Flaschen von jenem«. So wollen die Jauchs folgerichtig einen neu hinzugepachteten halben Hektar im Altenberg denn auch bald mit Riesling bestocken. Seit den Gesprächen im Gutspark und gerade auch angesichts des schwierigen Jahrgangs 2010 habe ich bei vielen der Einschätzungen, Sorgen und Hoffnungen, die die Jauchs beschäftigen, sehr lebendige Déjà-Vu-Erlebnisse, schließlich steckt man im Weinbau auch nach fünf Jahren noch in den Anfängen, und das wenig erfreuliche Jahr 2006 war mein erster Jahrgang. Eines aber hat mich dann doch besonders gefreut. Als nämlich Günther Jauch schließlich noch von seiner Entdeckung der Kabinettweine, der Spät- und Auslesen schwärmte: »Überall hört man: Weißwein, aber trocken bitte. Das steht für eine gewisse Ignoranz«. Die feinherben und restsüßen Rieslinge seien »von Vorurteilen überlagert, und die Menschen bringen sich selbst um ein Geschmackserlebnis«. Willkommen an der Saar, Familie Jauch, dem ist gar nichts mehr hinzuzufügen.  >

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Caro Maurer verkostet die Rieslinge des Saar-Weinguts von Othegraven 2009 VO Riesling trocken

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Unschuldig, knackig und eine dezente Mineralik – der Wein erschließt sich durch seine attraktive Klarheit. Erfrischende Zitrusnoten, Mirabellenfrucht und Anklänge von weißen Blüten ergänzen sich in der Nase. Bleibt auch im Mund ganz bei seiner reinen Linie, fügt noch eine zarte hefige Note dazu – und überrascht zum Schluss mit angenehm beharrlicher Länge. Ein saar­ typischer Gutswein, der die Handschrift des Weinguts trägt, aber der trinkfreudigen Kategorie entsprechend seinen Auftritt nicht überhöht.

88 P

Der Altenberg entwickelt im Wein ein einprägsames Profil: Ananas und Früchte wie Mango und Nektarinen werden noch betont durch eine leicht ölige Textur. Die Süße täuscht Honignoten vor, obwohl die Edelfäule Botrytis hier keine Rolle spielt. Im Mund gleitet er dahin, legt Schicht um Schicht neue aromatische Eindrücke auf, denen man im Finale nachsinnen kann. Die markante Säure hält ihn dabei durchgängig im Gleichgewicht.

88 P

2009 Kanzem Altenberg Riesling Spätlese – Alte Reben 91 P

Gibt sich bereits in der Nase ambitionierter, indem er ein ansehnliches Charakterbild des Saar-Rieslings aufzeichnet: Allem voraus schickt er eine leicht rauchige Mineralik, gefolgt von frischer Frucht mit Nektarinen, Zitronengras, Kräuternoten und weißen Blüten. Wartet mit mehr Substanz, Dichte und Konzentration auf. Die leicht cremige Textur – vermutlich hat ein Teil der Partien den biologischen Säureabbau durchlaufen – steht der kräftigen Säure gut.

Ein Wein, der sich ganz selbstbewusst als restsüße Spätlese vorstellt und der Kategorie feinsinnigen Nachdruck verleiht. Die tropische Frucht ist diesmal noch gewürzt mit eingelegtem Ingwer; damit hat die Botrytis ihren Abdruck hinterlassen. Die Textur ist wie Seide, fein, sehr dicht verwoben und vielschichtig. So kommen auch Zucker und Säure weniger zum Tragen – alles zusammen wirkt in sich stimmig und hinterlässt einen bewundernswerten Gesamteindruck.

2009 Max Riesling trocken

2009 Wiltingen Kupp Riesling trocken

86 P

1996 Kanzem Altenberg Riesling Spätlese

94 P

Ein junger, noch in sich gekehrter Wein, der sich derzeit zurückhaltend gibt, das jedoch mit animierender Delikatesse. Da ist eine rauchige Mineralität, die die aromatische Silhouette prägt und dabei der dezenten Pfirsichfrucht und einer zarten Nussigkeit nur einen begrenzten Spielraum einräumt. Im Mund tritt er als schlanker Typ auf, der sich auf ein Strukturgerüst aus markanter Säure stützt, was ihm eine elegante und subtile Anmutung verleiht.

Die Reife von vierzehn Jahren hat diesen Wein zu einem wundervollen Klassiker geschliffen. Ganz unverkennbar dominiert die Mineralik der Saar mit ihrer aparten Rauchigkeit jetzt das Bouquet. Die Frucht wickelt sich wie ein durchschimmerndes Gewebe um den schlanken, glatten, femininen Körper. Die Säure wirkt befriedet. Zurück bleibt das Glück von großem Genuss.

2009 Kanzem Altenberg GG Riesling trocken

Die bronzefarbenen Reflexe der Farbe und die Firne in der Nase sind deutliche Spuren des Alters. Tertiäraromen haben die Regie übernommen bei der verblassenden Erinnerung an Frucht und den Noten von Champignon und feuchtem Waldboden. Ein eigenwilliger und interessanter Typ, der allerdings seinen Höhepunkt hinter sich hat. Nur noch ein Vergnügen für erfahrene Rieslingliebhaber.

93 P

Riesling mit Statur, wirkt wie ein Prototyp für Großes Gewächs von der Saar. In der Nase noch verhalten, da er gerade erst gefüllt wurde; der Duft erinnert an Pfirsichlikör und tropische Frucht, unterlegt mit spürbarer Mineralik. Auch im Mund spiegelt er das Potential der Region wider – mit Mut zu Ecken und Kanten. Sehr konzentriert und dicht in der Textur, aber nicht üppig. Die Kraft baut sich bis zum Finale langsam auf, um dann die ganze Ausdrucksstärke lange nachwirken zu lassen. Die Säure wirkt noch straff, wartet quasi auf ihren Feinschliff durch die Lagerung. Ein Charakterwein, den man das nächste Mal in fünf Jahren probieren sollte, um dann vermutlich auf einen ganz neuen Typen zu treffen.

2009 Kanzem Altenberg Riesling Kabinett

89 P

Ein Kabinett, der sein Prädikat als echtes Geschenk der Natur würdigt. Gutsleiter Andreas Barth bewahrt damit die Tradition der restsüßen neben den moderneren trockenen Weinen. Parzelle zwölf im Altenberg ist dem Kabinett vorbehalten. Das Aroma: reife Pfirsichfrucht mit frischen Zitrusnoten und einer mineralischen Komponente; im Geschmack mischt noch eine feinherbe Note mit. Das raffinierte Spiel von Säure und Süße und die animierende Leichtigkeit machen den Klassiker aus.

2009 Ockfen Bockstein Riesling Spätlese

85 P

Trotz der reifen Steinfrucht gibt sich der Wein aus dieser Lage durch seine Schiefermineralik kühler. Das Aroma ist diffuser, florale Noten dringen immer wieder durch und schließlich auch noch Würzigkeit mit einem Hauch von Zimt. Der Körper erscheint breiter und fülliger und, obgleich Säure und Restsüße harmonisieren, im Finale auch etwas behäbig.

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2009 Kanzem Altenberg Riesling Spätlese

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1983 Kanzem Altenberg Riesling Spätlese

1975 Kanzem Altenberg Riesling Auslese

83 P

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Attraktives helles Bernstein. Ein Wein, der in Würde und Schönheit gealtert ist. Die Säure hält ihn immer noch aufrecht. Die Frucht erinnert an getrocknete Pflaumen und Rosinen, er wirkt in seiner Konzentration mehr wie Likör als Wein. Ein delikates Unikat. Das Passende, um einen Abend ausklingen zu lassen.

2009 Kanzem Altenberg Riesling Eiswein

93 P

Das Ergebnis harter Arbeit. Am 28. Dezember gelesen. So hart gefroren waren damals die kleinen Beeren, dass die hauseigene Kelter daran gescheitert ist. Ein Kollege half aus, sodass das konzentrierte Aroma ihnen doch noch abgerungen werden konnte. Die Mühe wurde belohnt mit delikaten, betörenden Noten von Honig, Quitten, getrockneten Aprikosen, einer Spur Vanille und der Süße von Milchschokolade. Ein Kostbarkeit zum Altern.

2007 Riesling brut

87 P

Wie der Wein, so auch die Basis für den Schaumwein: zur gleichen Zeit gelesen, spontan vergoren – und dann erst selektioniert für die zweite Gärung in der Flasche. So schafft er es auch, eine Anmutung von der Saar rüberzubringen. Trotz der typisch hefigen Note mit Brioche, die sich in die Frucht und die Blüten des Bouquets mischt, hat die Säure ihre Frische bewahrt und bringt auch noch die mineralische Note zur Geltung. Ein erfrischend ungekünstelter Winzersekt.


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Der Schatz

des Doctors Die Mosel, der Weinberg und die Zeit Text: Till Ehrlich  Fotos: Alex Habermehl

Wenn Wein ein Kulturgut ist und im Wein das Eigene, Unwiederholbare und geschichtlich Hervorgebrachte geschätzt wird – dann hat die schreibende und sprechende Zunft ein Problem. Je mehr Storys erzählt ­werden, desto mehr ­werden wir in diese Geschichten verwickelt und verlieren das Wertvollste aus den Augen: den Wein. Ein Schatz, den die Sprache nur mühsam fasst. Über die Weine des Weinberges Bernkasteler Doctor zu sprechen, bedeutet deshalb auch, sich davor zu hüten, in historisierende Legenden verstrickt zu werden und vielmehr jenen Kokon abzu­spulen, den die Götter als Schicksalsfaden um den Doctorwein gesponnen haben. Was ist mit ihm geschehen im Lauf der Zeit? Und was ist ­diesem Weinberg und den Menschen, die dort Weinbau betreiben, widerfahren?

Edle Uferpartie an der Mosel: Der Doctorberg über Bernkastel

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Die Weingüter Wegeler und Dr. Thanisch haben das Wertversprechen der Lage über hundert Jahre bis heute gehalten.

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chon bei der Annäherung aus der Ferne berührt einen dieser Ort. Er liegt im Knie eines ­Flusses, zu Füßen des Berges, der steil, aber nicht sehr hoch ist. Im Norden und Osten schüt­ zen ­Wälder den Berg, und im Süden reflektiert die Mosel das Sonnen­licht. Das Besondere aber ist sein ­schwarzer Boden. Diese Nichtfarbe absor­ biert das Licht der Sonne am Vollkommensten. Es ist ein Schiefergestein aus dem Erdzeitalter des Devons, das die Zeit porös und zerbrechlich gemacht hat. Seine Schichten und Lamina spei­ chern die Wärme und lagern soviel Nässe auf ihrer kühlen, lichtabgewandten Seite, dass darin Mikro­ organismen gedeihen, die den mineral­reichen Boden beleben und Nahrung und Fruchtbarkeit für die tiefer­gehenden Rebwurzeln vorbereiten. Sie arbeiten in der luftlosen Tiefe des Berges, dabei entsteht ein Überangebot an Nährstoffen und Mineralien, die ermöglichen, dass hier ein langlebiges Gewächs wie die Rebe gedeihen und überhaupt so etwas wie Weinbautradition ent­ stehen konnte. Das ist die Voraussetzung der Natur für den Weinbau am Doctorberg. Doch was ist das Wesen dieser Tradition? Auf alten Anpflanzungstafeln, Kupferstichen und Photographien sieht man, wie dicht hier die Reben gepflanzt wurden. Fast ist man erschrocken und fragt sich, woher die Nähr­ stoffe kommen, die eine so dichte Rebpflan­ zung erfordert. Und wenn man die herzförmi­ ge Erziehung der Reben an Holzpfählen sieht, ist das Erstaunen noch größer. Was andernorts mit

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Weingut Wegeler

langen Fruchtruten im Drahtrahmen erzeugt wird, verwirklicht man mit zwei an den Pfahl gebun­ denen Kreisruten, aus denen die tragenden Trie­ be nach oben sprießen. Die Moselpfahlerziehung geht auf die römische Zeit zurück, sie mutet archa­ isch an, jede Pflanze wird individuell ringsum per Hand gepflegt. Jede ist ein Individuum und war immer teuer im Doctorberg. Einhundert Gold­ mark zahlte Geheimrat Julius Wegeler im Novem­ ber des Jahres 1900 für einen Rebstock, als er die Chance nutzte, etwa ein Drittel des Doctor­ berges zu erwerben. Eine Summe, die heute dem etwa achtfachen Eurowert entspricht. Es war kein Spontankauf, sondern eine jahrelang vorbereitete, wohlüberlegte Handlung. Bis heute ist es die größ­ te Summe geblieben, die jemals für einen deut­ schen Weinberg gezahlt wurde. Noch immer liegen die Geschicke der von Julius Wegeler begründeten Weingüter – und damit auch für den Besitz im Doctorberg – in der Hand der Familie Wegeler. Für Dr. Tom Drie­ seberg, der heute gemeinsam mit seiner Frau Anja Wegeler-Drieseberg die Verantwortung trägt, ist Julius Wegelers Kauf mehr als nur eine geschick­ te kaufmännische Entscheidung. Der Geheim­ rat war auch ein ausgewiesener Kenner und För­ derer der Künste und Kultur. Er hat durch die mit der Kaufsumme ausgedrückte Wertschätzung auch den Wert dieses Weinbergs als ein Kulturgut besiegelt. Seitdem hat es keine Kaufmöglichkeit mehr in der insgesamt 3,2 Hektar kleinen Steil­ lage gegeben.

In der Tat haben die beiden hauptsächlichen Besitzer des Doctors, die Weingüter Wegeler und Thanisch, Erben Müller-Burggraef, in den ver­ gangenen hundert Jahren das Wertversprechen ­dieser Lage gehalten. Sie haben – wie auch das dritte Doctor-Weingut von Belang, das Gut Wwe. Dr. H. Thanisch, Erben Thanisch – die Tradition edelster Rieslinggewächse, die hier von den ­Trierer Kurfürsten im 17. Jahrhundert begründet ­wurde, bewahrt und weitergeführt. Diese Kontinuität in der Zeit ist der eigentliche Schatz des Doctors. Sie hat etwas mit Ethos, mit Haltung, zu tun. Es ist eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, nicht nur einen schönen Wein zu keltern, ­sondern hohe Qualität über mehrere Generationen hin­ weg zu gewährleisten. Dass es den Wein­gütern ­Wegeler und Thanisch, Erben Müller-Burg­graef gelungen ist, seit Ende des 19. Jahrhunderts den Wert des Doctors mit jedem Jahrgang immer ­wieder zu verteidigen und neu entstehen zu ­lassen, ist ein Glücksfall für den deutschen Weinbau, der im 20. Jahrhundert großen Verwerfungen ausge­ setzt war und um Haaresbreite seine Tradition selbst zerstört hätte. Die Gefahr zog ganz legal in Form des Weinge­ setzes von 1971 herauf. Über Nacht war der Doc­ tor um mehr als zwei Hektar größer geworden. Man hatte auf dem Reißbrett einen ­neuen Doc­ tor geschaffen und ihm die verschatteten Ost- und Südostlagen, die im Taleinschnitt zwischen dem Doctorberg und der Burg ­situiert sind, zugeschla­ gen. Das Gewöhnliche sollte das Außergewöhnliche

verwässern. Doch beide ­Familien haben sich gewehrt. Rolf ­Wegeler für die Weingüter Geheim­ rat J. Wegeler und ­Walter Müller für das Wein­ gut Thanisch, Erben ­Müller-Burggraef. Sie haben fünfzehn Jahre lang für die Rücknahme der Lagen­ erweiterung einen zähen Gerichtsprozess gegen die Bundes­republik Deutschland geführt und am Ende gewonnen. Seitdem hat der Doctor­berg wie­ der sein traditionelles Maß. Wenn man Weinbau als Agrikultur begreift und betreibt, dann geht es um die Auseinander­ setzung des Menschen mit einem Stück kultivier­ ter Natur. Ist die Natur zu stark, verwandelt sich der Weinberg in Wildnis zurück. Dominiert der Mensch, kann ein Produkt der Önoindustrie ent­ stehen. Menschen sind fehlbar, und Wetter und Klima sind als Teil der Natur unberechenbar. Den­ noch gibt es im Doctorberg eine Kontinuität. Es lohnt sich, in dieser extremen Steillage mit Hand­ arbeit und niedrigen Erträgen besondere ­Weine herzustellen, weil mit dem Doctorwein seit vier Jahrhunderten ein Qualitätsversprechen verbun­ den ist, das als bleibender Wert geschätzt und honoriert wird. Von welcher Lage kann man so etwas schon behaupten? Es kommen in dieser Liga weltweit gewiss nur wenige zusammen. Dies hat die Fine-Degustation von fünfzig Jahrgängen aus dem Bernkasteler Doctor gezeigt. Das Spektrum dieser Verkostung umfasste Jahrgänge zwischen 2009 und 1921. Die ­Probe stand unter keinem sportiven Geist, es ging nicht darum, welches Weingut die besseren ­Weine habe.

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Zu einer einzigartigen Fine-Verkostung trafen Pierre ­Lurton mit Château d’Yquem und Wilhelm Weil mit seinen Trockenbeerenauslesen aufeinander. Ein denkwürdiges Ereignis. Text: Thomas Schröder  Fotos: Christof Herdt

»Oh Gott – jetzt nur nichts Süßes mehr!« Das flehentliche Stoßgebet des Star-Winzers am Ende einer höchst ungewöhnlichen, ebenso konzentrierten wie ausschweifenden Ver­ kostung wurde alsbald erhört, die Diskretion gebietet freilich Schweigen darüber, ­welchem der beiden illustren Wein­macher dieser Wunsch hörbar über die Lippen kam. Pierre ­Lurton, Chef des legendären Sauternes-Châteaus d’Yquem, und Wilhelm Weil, der ungekrönte Rheingauer Riesling-König und Schöpfer weltberühmter Trocken­beerenauslesen, waren mit ihren Weinen zu einem Gipfeltreffen nach ­Wiesbaden gekommen. Ein vinophiles Kräfte­messen? Ein freundschaft­licher Austausch von sensorischen Delikatessen und fruchtbaren ­Gedanken? Ein schieres Genusserlebnis? Weittragende Erkenntnis? 62

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einªikonen? V

on alledem hundert Prozent erfuhren die

absagen müssen, ebenso Stuart Pigott. In der

noblen Gäste, die sich mit hochgespannten

hohen ­Runde fanden sich die Unternehmer

Erwartungen am 14. Oktober in der herrschaft­

Johannes LaCour und Dr. Georg ­Kofler, die Chef­

lichen Gründerzeit-»Villa Fortuna«, dem Sitz des

redak­teure ­Madeleine Jakits (Feinschmecker) und

Tre Torri Verlags, in dem auch Fine Das Wein­

Peter Moser (Falstaff ) aus Wien, der Wein­kenner

magazin erscheint, zu einem so noch nie kom-

und Pilz-Enzyklopädist Christian Volbracht (dpa),

ponierten Tasting eingefunden hatten. Aus halb

der Saar-Winzer Roman Niewodniczanski (van

Europa hatte sich ein würdiger Hofstaat um die

Volxem), Weils »Außenminister« Jochen Becker-

beiden Granden der Winzerkunst versammelt:

Koehn und einige Weinenthusiasten mehr. Caro

Aus Italien war der Südtiroler Minister und

Maurer hielt, begeisterungsfähig, doch mit unbe-

Winzer Dr. Thomas Widmann angereist, aus

stechlichem Gaumen, ihre Eindrücke von den

der Schweiz Dr. Luca Marighetti, der Züricher

Weinen für Fine fest. Als dritter Star dieses Nach-

Unternehmensberater und Erfinder des poeti-

mittags gesellte sich der große Koch Hans-Stefan

schen Nonsens-Internetlexikons Wikipoiesis, aus

Steinheuer dazu, der das Tasting mit acht gran­

Helsinki die beiden Fine-Finnen Pekka ­Nuikki

diosen, einfühlsam auf die einzelnen Flights ein-

und Juha ­Lihtonen, Jancis Robinson aus ­London

gehenden Gängen zu einem doppelten Genuss

­hatte schweren Herzens aus Termingründen

werden ließ.

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F

ine-Herausgeber Ralf Frenzel, Initiator dieser einzigartigen Verkostung, begrüßte die Gäste – und schon begann das »Eintrinken« mit einem exquisiten Flight von elf Jahrgängen Kiedricher Gräfenberg Riesling Erstes Gewächs: ein Aufmarsch (2009 bis 1999), der überzeugend Klarheit und Helligkeit der Weilschen Qualitätsphilosophie formulierte. Pierre Lurton ­nannte gleich seinen Favoriten: 2006 – aber »was dazu essen?«. Da schien er ratlos, auch wenn er seine Sprachlosigkeit (grundlos) seinem KonversationsEnglisch zuschob – »wenn ich französisch spreche, hat alles mehr Poesie!« Lurton beantwortete den eleganten RieslingFlight mit einer nicht minder großartigen zweiten Runde: Sieben Jahrgänge (2008 bis hinunter zu 1980) von Yquems sagenhaftem »Y« (I grec), die Wilhelm Weil sogleich begeistert feierte: »Ein Kraftkerl, der sich in die Brust wirft – hier bin ich!« Freilich, »Y« vor dem Ablauf von fünfzehn Jahren zu trinken, sei Frevel. Hier hörte man in der Runde schon divergierende Meinungen, von »hinreißende trockene Süße« bis »muss ich nicht haben«. Christian Volbracht aber brachte ohne diplomatische Hintergedanken diese beiden ­ersten Flights auf die schöne Formel, der Vergleich beider Weine zeige nichts Geringeres als die Unvergleichbarkeit des Wundervollen.

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Nun aber ertönten die spirituellen Fanfaren für das Hauptstück der Verkostung, jenem schwelgerischen Teil, der mit einundzwanzig Jahrgängen in drei Siebener-Flights und ebensolchen einundzwanzig Jahrgängen Gräfenberg Riesling Trockenbeerenauslese die große Stunde der Botrytis cinerea, die Stunde der Wahrheit für die beiden herrlichsten Süßweine der Welt schlagen ließ. Wie würden Semillon und Riesling einander begegnen, wie sich zueinander verhalten? Und wie steht eine Jahresproduktion von immerhin

einhundertdreißigtausend Flaschen d’Yquem neben einer mit unendlicher Mühe und Sorgfalt hergestellten Flaschenausbeute nur im dreistelligen Bereich? Nur etwa zehn Prozent der Riesling-Produktion entfallen bei Weil auf die großen Aus- und süßen Spätlesen, neunzig Prozent gehören den trockenen Weinen; bei Château d’Yquem ist es genau umgekehrt: neunzig Prozent der Produktion wird Yquem, zehn Prozent gehen in den trockenen »Y«. Nach sieben Jahrgängen Yquem (2007 bis 1995) findet Wilhelm Weil als erster wieder ­Worte. Einmalig und absolut großartig sei, was er hier trinken dürfe, Yquem sei ein Wein­wunder; er empfinde es als große Ehre, seine Weine dazu in Vergleich setzen zu dürfen. Ja, sekundiert Pierre Lurton, Yquem sei ein Wein wie Kaschmir, exotisch und klassisch zugleich, ein orgasmisches Ereignis. Später, nach einundzwanzig und einem (1921) Jahrgang, wird er noch hinzufügen, dass eine solche Vertikale wie eine Zeitreise sei – und mit Yquem zu reisen, sei sicherlich die eleganteste Reise, die man sich vorstellen könne. Freilich, nach dem zweiten Yquem-Flight (1990 bis 1970) halten sich verzücktes ­Kosten und erste Ermüdung in der Kenner-Runde die Waage. »Mir schmeckt das alles inzwischen gleich«, bekennen einige, und einer wagt gar den gottes­läster­ lichen Satz, das sei nun »Langeweile auf höchstem Niveau«. Aber da zeigen sich wohl eher erste individuelle Grenzen der geschmacklichen Differenzierungsfähigkeit: Denn wenn Yquem auch ein Wein ist, der Jahrgang für Jahrgang bestimmte sensorische Erwartungen zu erfüllen hat und in der Tat auf das köstlichste erfüllt, so ist der Reichtum der Jahrgangs-Nuancen doch erheblich und beglückend, wie Caro Maurer beim intensiven, nie erlahmenden Nachschmecken der Weine bis hin zum grandiosen Yquem-Finale mit dem 1937-er, einem Wein von historischer Statur, erspürt und in ihren Notaten festhält. »Eine Flasche Yquem trinke ich an einem Abend für mich allein«, leitet Wilhelm Weil zum nächsten, mit um so größerer Spannung erwarteten Trockenbeerenauslese-Komplex über  – »aber eine Flasche TBA? Dafür brauche ich zehn


Große Erwartungen erfüllen sich für eine Kenner-Runde, als Wilhelm Weil und Pierre Lurton ihre großen Süßweine präsentieren. Genießerisch und konzentriert diskutieren und trinken in der Wiesbadener Villa Fortuna Klaus Westrick und der Saar-Winzer Roman Niewodniczanski sowie der Südtiroler Landes­rat Thomas Widmann.

Freunde am Tisch!« Kiedricher Gräfenberg Riesling Trockenbeerenauslese: Da zeigt sich die versammeltste Konzentration und eine kaum vorstellbare Komplexität. Das ist kein Griff in den Honigtopf, das ist, Jahrgang für Jahrgang, ein fast narkotisches Wandeln durch einen Sesam, eine schier unfassliche Schatzkammer der Aromen. Fast narkotisches Wandeln, das schon – aber, so bekräftigt Roman Niewodniczanski, durch die zwar ganz eigene, aber ganz lichte Welt der Trockenbeerenauslesen. Da verschwimmt, da verdunkelt sich nichts, Struktur und Textur der Weine sind, bei allem samtenen Geheimnis, ganz klar. Vielfalt ist ein schlichter Begriff für ein sensorisches Erlebnis, das sich der sprachlichen Fassung fast entzieht. Wilhelm Weil, der bedächtige, mit Worten zurückhaltende Winzer, sieht das durchaus nüchtern: »Auf solche Vielfalt in der äußersten Beschränkung ist der Önologe eifersüchtig, aber der Ökonom ist dankbar für 130 000!« In meditativer Stille und immer empfänglicher für Hans-Stefan Steinheuers harmonisch stützende Kochkunst erleben die Gäste nun Weine von völlig anderer Stilistik als der Sauternes und

haben alle genießerische Mühe, sich dem stillen Anprall der drei Flights von einundzwanzig Kiedricher Trockenbeerenauslesen zu erweisen, deren jede einzelne eine Hymne wert wäre. Als dann zum Schluss eine absolute Rarität, die einzigartige 2003-er Trockenbeerenauslese Goldkapsel mit dem sagenhaften, wohl niemals zuvor vergorenen Mostgewicht von 316 Grad Oechsle gereicht wird, ist der Glanzpunkt der mit Highlights prunkenden Verkostung da: Nur dreißig Liter wurden davon produziert; zwölf Flaschen wurden kürzlich verauktioniert, für 5 117 Euro – pro Flasche. Weltrekord! Pierre Lurton spürte, wie sich langsam aller Augen auf ihn richteten: »Ich weiß«, begann er, »Sie alle sind gespannt, wie Pierre Lurton reagieren wird.« Sein Lob für die Weilschen Weine konnte liebenswürdiger nicht sein. Winzer, sagte er, seien immer Suchende, stets darauf bedacht, die genaue Balance zwischen den Kräften der Natur zu finden. Aber nur den wirklich Hochkarätigen sei es gegeben, in den extremen Bereichen der Süßweine diesen Gleichklang zu erspüren. Für beide, ihn und Wilhelm Weil, sei ja nicht

die Süße, sondern die Säure ein zentrales Thema, denn nur sie lasse als Rückgrat des Weins den heftigen Reichtum des Zuckers vergessen – ein equilibristischer Akt, der jedes Jahr neu zu bestehen sei. Er zeigte sich überrascht von der außerordentlichen Aromenkraft der Weine und formulierte seine Empfindungen zum Aromenverlauf des Weins im Glas. Seinen Dank an Wilhelm Weil verband er mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen, »damit wir beide voneinander lernen können«. Ende der Probe, Schluss mit süß. Da machte sich auch Erleichterung frei, und gern folgte man der Einladung des Gastgebers zu einem Après in den Weinkeller der Villa Fortuna. Steinheuer hatte noch ein Spanferkel in petto, als erfrischenden »Reparaturwein« gab es Weilschen Kiedrich Klosterberg trocken 2008 aus der Doppelmagnum und, freudig begrüßt, das »Bier danach«, Spezialitäten aus der ungewöhnlichen Bier-Kollektion von »Braufactum«, wozu Bernd Fritz in seiner Kolumne sich zu Wort meldet. Vieles war nun zu bereden, eine der ungewöhnlichsten Weinproben der letzten Jahre zu bedenken. Der Abend wurde noch lang.  >

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Fine Das Weinmagazin 4|2010 - Leseprobe