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ein Name ist Vasilis. Ich bin 27 Jahre alt und komme ursprünglich aus Athen, Griechenland. Dort wuchs ich auf und vor vier Jahren, ich weiß es noch ganz genau, am 3. Januar 2011, verließ ich mein Land, meine Familie, meine Freunde, meine Realität und zog nach Berlin. Warum es mich nach Deutschland verschlagen hat? Ich habe nach Freiheit gesucht, Freiheit, die mir zu Hause fehlte. Berlin wurde es schon allein wegen der interessanten Geschichte und Filmen wie „Goodbye Lenin“ oder „Hedwig and the Angry Inch“. Angekommen fing ich an, mich für ein Designstudium zu bewerben. Dies tat ich 3 Jahre aber es klappte einfach nicht. Nebenher besuchte ich einen Deutschkurs, da ich mich nur auf Englisch, Französisch und Griechisch verständigen konnte. Jetzt studiere ich Internationale Medieninformatik und bin ganz zufrieden damit.


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ch glaube, ich war 10 oder 11 Jahre alt und saß abends in meinem Zimmer. Der Fernseher lief. Aus Neugier kam ich auf einen Pornokanal. Und da hatte ich es plötzlich vor mir: Eine Vagina, einen Penis - in dem Alter ein wenig überwältigend. Ich merkte aber damals schon, dass ich dem männlichen Geschlecht gegenüber nicht abgeneigt war. 2 Jahre vergingen und es wurde mir immer klarer. Ich mag Jungs. Ich hatte zwar Freundinnen, war auch irgendwie verliebt, aber ich fühlte mich zu den Jungs in meiner Klasse einfach mehr hingezogen. Jedoch empfand ich es nie als schlimm für mich. Es war immer okay. Es war ein gutes Gefühl, da ich wusste, dass es eigentlich etwas Schönes ist, was ich empfand. Ich sage immer: „Es geht nur um die Liebe“ - und daher fand ich es nicht schlecht. Das klingt jetzt alles schön und gut, aber natürlich kamen noch andere Faktoren dazu.

Mit dem Wechsel von der Grundschule zum Gymnasium fing das Mobbing an. 6 Jahre lang. Das ging von Sprüchen bis hin zu Handgreiflichkeiten. Ich wurde geschlagen und mit Dreck beworfen. Ich war nicht einmal geoutet, noch wusste ich selber so richtig, was ich fühlte. Trotzdem wurde ich aufgezogen, ich war ein einfaches Opfer. Ich war eher schüchtern, verunsichert, dick und habe mich nicht wirklich gewehrt: Eine einfache Zielscheibe. Meine Lehrer bekamen es natürlich mit, entschieden sich aber wegzuschauen. Es war eine wirklich dunkle Zeit für mich. Ich habe die Schuld bei mir gesucht. Ich hatte schlimme Gedanken: Warum bin ich so? Warum kann ich nicht „normal“ sein? Warum bin ich so hässlich, dass es niemand gibt, der mich mag? Ich verfiel in eine Depression und hatte Suizidgedanken. Ich hatte Angst vor die Tür zu gehen. Ich musste mich immer links und rechts versichern, dass sie nicht irgendwo auf mich warteten, wenn ich das Haus verließ.


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inmal, ich war wohl um die 10 Jahre alt, war ich krank zu Hause und im Fernsehen lief „Go West“ von den Pet Shop Boys. Dieses Lied berührte mich inhaltlich so sehr, dass ich es mir quasi im Kopf speicherte und immer wenn es mir schlecht ging und ich traurig war, hörte ich in mir einen Ausschnitt davon. Das gab mir immer die Hoffnung und Kraft, dass es eines Tag besser werden würde.

Ich sagte mir wieder und wieder: Es gibt 7 Milliarden Menschen auf der Erde und es gibt doch bestimmt einen, der mich mögen würde? Und so habe ich weiter gemacht, mit diesem Gedanken, jahrelang, allein. Ich denke, was mir fehlte, war einfach jemand, der für mich da war, mich unterstützte und mir beistand. Auch meine Eltern, die zumindest ein bisschen wussten, was in meiner Schulzeit los war, ließen mich im Stich. Meiner Meinung nach, ist dieses ganze Gedankengut auch kulturell bedingt. In Griechenland ist es so, dass Männer sich stärker fühlen, wenn sie andere unterdrücken. Dieser Gedanke ist besonders ausgeprägt. Das Wichtigste ist, besonders stark und männlich zu sein. Ich finde es einfach dumm, da es so viele Schwule gibt, die sich aus diesem Grund verstecken, sich nicht outen und einfach eine Frau heiraten, wie es von ihnen erwartet wird.

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ch finde es schwierig zu sagen, wer die erste Person war, der ich mich anvertraute. Ich war schon mit 14 sehr aktiv auf Datingseiten für Schwule unterwegs. Bevor ich es irgendjemanden persönlich sagte, outete ich mich quasi dort. Dies war mir eine große Hilfe. Hier konnte ich mich mitteilen. Hier hatte ich Freunde und Unterstützung.

Ich war 15/16 und hatte meine erste Beziehung mit einem Mädchen. Nichts Sexuelles, aber es war damals einfach so. Ich fühlte mich schon, als müsste ich mich ein wenig dazu zwingen. Ich merkte einfach, dass es sich nicht komplett richtig angefühlt hat. Bei meiner zweiten Beziehung mit einem Mädchen hatte ich sogar schon parallel online Kontakt mit einem Jungen. Dies ging soweit, dass ich eine Liste anfertigte, wo ich die Vor- und Nachteile der Beiden aufschrieb. Sie gewann, aber nur, weil er in Australien wohnte und sie bei mir in Athen.

Bis 20 habe ich es jedoch nicht geschafft, mich Leuten zu öffnen, die ich wirklich persönlich kannte. Irgendwann war es dann aber doch so weit. Ich fing an, mich nach und nach meinen Freunden anzuvertrauen. Für viele war es keine große Überraschung. Durch die ganze Mobbingphase haben meine Freunde sich natürlich auch ihre Gedanken zu dem Thema gemacht. Ich weiß noch, ich habe es meiner besten Freundin erzählt und es war so ein schönes Gefühl - so befreiend. Ich hatte nie negative Reaktionen im Freundeskreis. Manche waren eher ein bisschen „sauer“, dass ich mich ihnen nicht eher anvertraut hatte, aber das war nur ein kurzer Moment. Andere brauchten ihre Zeit, aber in der Gesamtheit lief alles ziemlich gut. Ich erfuhr viel Unterstützung, was mir Kraft und Auftrieb gab. Alles war gut: Die Liebe war immer da.

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as komplette Gegenteil war bei meiner Familie der Fall. Meine Mama hat sich schon, solange ich denken kann, immer schlecht über Homosexualität geäußert. Das Fernsehprogramm wurde gewechselt, wenn Schwule dabei waren, es gab komische Sprüche und Abwertungen; extrem homophob auf jeden Fall. Ich kann mich noch gut erinnern: Mit 16 war ich bei einem Seminar, was mir helfen sollte, meine berufliche Laufbahn festzulegen. Dort stellte sich heraus, dass ich Menschen helfen und unterstützen wollte, sprich Richtung Sozialwissenschaften tendierte. Ich erzählte meiner Mutter, dass ich gerne Therapeut werden würde. Sie sagte darauf nur, dass Therapeut ein Frauenberuf ist und alle, die sie kennt, entweder weiblich oder schwul sind. Dies sei keine geeignete Berufslaufbahn für mich und ich sollte lieber Mathe und Physik studieren. Durch solche Situationen wurde auch meine sexuelle Orientierung für mich etwas Geheimes und Verbotenes. Mit 21 habe ich mich sehr verändert. Ich hatte mich vor meinen Freunden geoutet, ich war frei, ich habe viel abgenommen und mich dazu entschieden, mein Leben so zu leben, wie ich es für richtig hielt und wie es mich glücklich macht. Ich beschloss mit meiner Mutter zu sprechen.


Wir waren in einem Einkaufscenter und saßen in einem Café. Ich hatte es schon ein ganzes Stück geplant. Ich wollte eine Umgebung, die so neutral wie möglich ist. Ich sagte ihr ganz direkt: „Mama, ich werde Design studieren und ich weiß sicher für mich, das ich bisexuell bin.“ Dies erschien mir damals noch weniger „schlimm“, als zu sagen, dass ich schwul bin. Sie war total geschockt. Sie meinte dass es sie extrem störe: „Bi zu sein, ist schlecht und ich verbiete dir deine Schule zu verlassen.“ Es war nicht die Reaktion, die ich mir erhofft hatte, aber die Karten lagen auf dem Tisch. Da ich mit mir selbst endlich zufrieden war und mich bewusst entschlossen hatte, glücklich zu sein, konnte ich mit dieser Ablehnung vielleicht besser umgehen. Ich erzählte ihr noch, dass ich es meinem Papa sagen würde, doch auch das verbot sie mir, weil sie befürchtete, dass er durchdrehen und es nicht verkraften würde. Die Zeit danach war okay, nicht so schlecht. Ich arbeitete viel und ich war einfach unabhängiger als vorher. In den 2 Jahren bevor ich 23 wurde und nach Deutschland ging, hatte ich meine ersten richtigen Beziehungen mit Männern. Trotz der Ablehnung durch meine Mutter wollte ich es mir nicht verbieten, sie mit zu uns nach Hause zu nehmen. Ich kann mich noch ganz gut erinnern. Mein erster Freund und ich mussten uns immer irgendwelche „Tricks“ ausdenken, damit meine Eltern nicht mitbekamen, dass es eigentlich mein Freund war. Also reparierte er, wenn er mich besuchte, meinen Rechner oder ähnliches und obwohl er auch bei mir übernachtete, erwähnten es meine Eltern mit keinem Wort. Ich denke also schon, dass sie wussten, was los war, aber ich war damals 22 und mir war es irgendwann einfach egal. Ich weiß gar nicht, woher diese Ablehnung von meiner Mutter kam. Ich vermute, es hat einfach etwas mit ihrer Erziehung zu tun. Sie kannte nur die Klischees aus dem Fernsehen und baute sich so ein eigenes, abwertendes Bild von der Homosexualität auf. Auch hatte sie Angst – Angst, dass ich gemobbt werden könnte, was eigentlich ja schon längst der Fall war. Angst, was die Verwandten und Nachbarn sagen würden. Einfach eine Gesellschaftsangst.

Mir war es zu dem Zeitpunkt vollkommen egal, was irgendwer sagte. Ich wollte endlich mein Leben leben, so wie ich es mir vorstellte.

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eit verging. Ich zog nach Berlin. Ich merkte wie tolerant das Leben sein kann. Als ich meinen Deutschkurs besuchte, erzählte uns die Lehrerin, dass nebenan einer der größten Schwulenclubs Berlins sei und dass es hier okay ist, mit einem Mann eine Beziehung zu führen. Ich war ganz erschrocken, überrascht. Dies gab mir auch die Kraft, mich endlich „richtig“ zu outen. Ich hatte in dieser Zeit schnell meinen ersten deutschen Freund kennengelernt. In Berlin stand ich nun offen zu meiner Sexualität und konnte so auch viel entspannter sein. Als ich kurz danach nach Athen flog, saß ich mit meiner Mutter wieder in einem Café in der Stadtmitte. Ich sagte ihr, dass wir endlich offen darüber reden müssten. „Ich bin schwul“ - „Ja, das weiß ich schon.“ Ihre nächste Frage: Aktiv oder passiv? Für sie schien dies eine wichtige Rolle zu spielen, da der aktive Part zumindest den anderen Mann dominierte. Dies würde eine Stärke, eine Macht bedeuten, die als sehr maskulin und wichtig angesehen wird. Lächerlich! Sie sagte später, dass es ihr wichtig ist, dass es mir gut geht und dass ich keine Probleme habe. Ich erzählte ihr noch, dass ich einen Freund in Deutschland habe. Er war ganz lieb und schickte mir immer Briefe, in der Zeit, wo wir getrennt waren. Ich sagte ihr, dass es doch nur um die Liebe ginge, das schöne Gefühl, was man dabei hat. Es geht nicht nur um Sex oder was auch immer. Es geht um die emotionale Verbindung von zwei Menschen. Und das schien sie vom Gedanken her auch gut zu finden. Das klingt ja eigentlich alles ganz positiv, doch gemeint war eher: Ich finde es zwar nicht gut, aber ich kann auch nichts daran ändern. Wir einigten uns quasi darauf, uns nicht zu einigen. Es war nicht gut, aber es war okay. Ich war trotzdem nicht wirklich zufrieden. Ich hatte so eine schlechte Kindheit gehabt und war sauer, dass es, durch mangelnde Unterstützung, 23 Jahre dauern musste, zu mir selbst zu stehen.


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ieder vergingen 3 Monate. Diesmal war sie wieder hier in Berlin zu Besuch. Das Gespräch mit ihr beschäftigte mich immer noch. Wieso konnte sie mich nicht verstehen? Wieso konnte sie es nicht akzeptieren? In der Hoffnung, dass meine Mutter es irgendwann sehen und verstehen würde, dass es einfach nur um die Liebe zwischen zwei Menschen geht, hatte ich den Schriftzug „Mama, he loves me“ mit Kassettenband an die Wand in meinem Zimmer geklebt. Ich wollte ihr zeigen, dass es okay ist. Schwul sein ist nichts Schlimmes. Liebe ist Liebe. Sie sah es und fragte, ob ich es extra für sie gemacht hätte. Ich verneinte, ich weiß nicht warum. Ich sagte es wäre ein Liedtext, aber ich glaube, sie verstand die Botschaft. Sie lernte später auch meinen Freund kennen. Sie wurde langsam offener. Sie war freundlich zu ihm und wir machten gemeinsame Ausflüge. Trotzdem wollte sie weiterhin nicht, dass es mein Vater, die Verwandtschaft oder die Nachbarn erfuhren. Wieso konnte sie mich nicht einfach komplett akzeptieren und unterstützen, wie ich bin? Ich versuchte meine Gefühle zu Papier zu bringen. Ich zeichnete ein Bild. Zu sehen ist eine schwangere Frau, die eine Fehlgeburt erleidet. Das Kind liegt am Boden und streckt die Arme nach seiner Mutter aus, doch sie steht tatenlos mit Abstand vor ihm. Dieses Bild spiegelte meine Gefühle und Eindrücke wieder, die ich hatte, als ich meiner Mutter erzählte, dass ich schwul bin. Sie gab mir das Gefühl, mich verloren zu haben. Das Kind, von dem sie so große Dinge erwartet hatte, das Kind, was so sein sollte, wie sie es sich wünschte; ihre eigene Vorstellung von dem perfekten Sohn. Ich bin die Fehlgeburt. Ich liege da, versuche sie zu erreichen, brauche ihre Nähe, ihre Hilfe, ihre Liebe, doch sie schaut mich nur aus der Ferne an, während ihre Liebe ins Nichts geht. Sie ist traurig und ich bin alleine. So habe ich mich gefühlt, als ich mich ihr anvertraute und für die kommenden drei Jahre, bis sie langsam ihre Einstellung änderte. Manchmal fühle ich mich immer noch so.

Zusammenfassend, kann man sagen, dass es schon eine Veränderung gab, aber es immer noch ein Prozess ist. Ich bin stolz darauf, welchen Weg sie zurück gelegt hat und auf ihre Entwicklung als Mensch. Ich würde mir wirklich wünschen, dass wir offener und mehr über Dinge wie Liebe, Beziehung und Gefühle reden könnten, aber vielleicht kommt es irgendwann doch noch. Ich werde nie aufgeben.


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ein Vater ist schwer depressiv. Dadurch war es für mich schwierig, bei ihm aufzuwachsen. Es hat sehr lange gedauert, bis ich wusste, wie er denkt und warum er sich so verhält, wie er es tut. Ich wusste als Kind natürlich nichts von der Depression und es wurde mir aber auch nie wirklich erklärt. Ich hatte einfach eine schwere Kindheit und das Gefühl, dass er nie für mich bzw. für unsere Familie da war. Wir stritten uns viel und mir wurde oft vorgeworfen, dass ich kein guter Sohn sei. Es war schwierig für mich, seinen Erwartungen und Vorstellungen zu entsprechen. Für ein heranwachsendes Kind nicht unbedingt die besten Umstände. Er hatte anscheinend auch schon immer die „Angst“, dass ich schwul sein könnte. Schon mit 13/14 fragte er mich immer wieder, ob ich auf Frauen stehe. Er wollte die Bestätigung haben. Zu Beginn bejahte ich noch, doch er fragte wieder und wieder bis ich ihm irgendwann sagte, dass es ihn nichts angehen würde. Ich erinnere mich noch an einen Weihnachtsabend. Ich hatte meine Familie gefilmt, eine Art Homevideo quasi, wo ich fragte, was sich die jeweilige Person für das kommende Jahr wünsche. „Einen Abschluss vom Mathestudium und eine gute Frau“ antwortete mein Vater direkt. Meine Oma, die ich sehr, sehr lieb habe, sagte das genaue Gegenteil. „Mach das was dich am glücklichsten macht!“ riet sie mir. Nachdem ich mich mit 23 bei meiner Mutter komplett geoutet hatte, war ich der Meinung, es wäre die Zeit gekommen, es auch meinem Papa zu sagen. Sie hielt mich aber, wie schon erwähnt, direkt zurück und meinte, ich dürfe es nicht, schon allein wegen der Depression und weil er es nicht aushalten würde. Dies machte mir natürlich Angst und so kam es, dass ich weitere 3 Jahre wartete. In dieser Zeit redete er weiter auf mich ein. Er fragte mich zum Beispiel, warum ich so offensichtlich schwule Facebook-Freunde habe. „Lösch die alle!“. Mir war klar, dass er schon lange eine Vermutung hatte und irgendwann fragte er mich sogar ganz direkt, ob ich schwul wäre. Ich konnte bzw. wollte nichts sagen, weil meine Mama mir wirklich Angst gemacht hatte, dass er es nicht verkraften würde.


Mit 26 Jahren konnte ich einfach nicht mehr damit leben. Ich sagte ihm, wie schon meiner Mutter 3 Jahre zuvor, dass wir endlich über die unausgesprochene Sache reden müssten. Ich sagte ihm, dass ich diese Stille, die Last nicht mehr aushalten würde. Er fragte direkt: „Was, dass du schwul bist? Das habe ich mir schon gedacht.“ Er meinte weiterhin, dass sich die Zeiten sich geändert haben, und man für so etwas nicht mehr zu Hause rausgeworfen wird. Ich war sehr überrascht: Er war nicht sauer oder enttäuscht, nein, er dachte er müsste mir helfen. Er wollte helfen. Helfen, meine Sexualität „gerade“ zu biegen. Wir weinten beide. Eigentlich war es für mich ein sehr schöner, befreiender Moment. Obwohl er es nicht verstehen konnte, sagte er, dass er mich trotzdem lieben würde. Da er streng christlich ist, schlug er vor, dass wir zusammen zu einem Heiler gehen könnten. Ich erklärte ihm, dass Homosexualität nichts ist, was geheilt werden muss. Wie schon mit meiner Mutter, einigten wir uns, uns nicht zu einigen. Mein Vater ist ein sehr schwieriger Mensch und ich hatte Jahre lang die Angst, dass ich ihn verlieren würde. Ich denke deswegen sehe ich das Coming-out vor ihm als etwas Positives.


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uch heute fällt es mir manchmal immer noch schwer, offen zu mir zu stehen. Ich merke einfach, dass die Zeit nicht alle Wunden heilen kann. Ich habe immer noch ab und zu Angst: Angst vor Ablehnung. Ich denke, so wie es gelaufen ist, war es vielleicht der einzige Weg. Aber ich hätte als Kind gern offener geäußert, was ich wirklich will. Ich vermute, dass, wenn ich irgendeine richtige Bezugsperson, einen positiven Einfluss aus dem engeren Kreis gehabt hätte, es mir einfacher gefallen wäre, meine Meinung zu sagen und schon eher so zu leben, wie ich es wollte. Trotz alledem bin ich meinen eigenen Weg gegangen, habe studiert was ich wollte, bin weggezogen, stehe offen zu mir und ich bin stolz darauf. Was mir sehr wichtig ist: Man darf die Hoffnung nie verlieren, dass es irgendwann besser wird. Auch wenn es dir im Moment scheiße geht, auch wenn du denkst, es wird nie besser, du siehst nicht gut aus, du hast niemanden der für dich da ist. Es wird besser. Du brauchst deine Zeit. Gib dir deine Zeit. Ich denke, was ich durch diese ganze Geschichte gelernt habe ist, wie wichtig es ist, Liebe in kleinen Sachen zu finden und zu sagen: In mir findet gerade etwas Schönes statt und so mache ich weiter. Es fällt mir heute immer manchmal schwer zu sagen, dass ich „nur“ schwul bin. Ich mag einfach keine Labels, ich möchte mich nicht kategorisieren lassen. Stehe ich auf Männer? Ja. Ich möchte mir aber dadurch nichts verbieten. Wenn ich ein Mädchen sehe und mag, will ich in meinem Kopf nicht den Gedanken haben, ich darf das jetzt nicht, weil ich schwul bin. Schwachsinn, ich darf, was ich will! Ich will damit einfach sagen, dass es nicht darum geht, ob Mann, Frau, was auch immer, sondern um den Menschen, die Verbindung und die Liebe.

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ch fühle mich seit meinem Coming-out viel freier. Aber ich suche immer noch mehr Freiheit. Ich kämpfe immer noch mit den eigenen Dämonen in mir. Nach dieser Zeit, ja ich würde es fast Missbrauch nennen, als Kind, ist es schwierig, ganz mit sich im Reinen zu sein, sich selbst wirklich und wahrhaftig zu akzeptieren. Es gibt immer diese kleine Stimme im Hinterkopf. Was damals passiert ist, war meine ganze Welt. Ich habe mich für eine lange Zeit nicht gemocht und es war nicht einfach, zu akzeptieren: „Ich bin wie ich bin, ich mag mich trotzdem und ich finde mich trotzdem schön.“ Und das ist bis heute noch mein Kampf. In mir muss ich mir immer wieder sagen und beweisen, dass es okay ist, das ich okay bin. Ich glaube dieses Denken wird nie aufhören. Ich werde nie an einen Punkt kommen, wo die Suche wirklich zu Ende ist aber ich habe gelernt, den Menschen zu vergeben, die mir nicht geholfen haben, die mich gemobbt haben. Wenn man das nicht tut, ist und bleibt man innerlich vergiftet. „Die Verletzung bleibt, ist immer da und entweder kannst du etwas Schönes daraus machen, oder sauer sein. Ich habe mich entschieden das Beste daraus zu machen!“


Zwischen Tabu und Selbstbehauptung Bachelor Kommunikationsdesign Felix Grimm

OUT - Vasilis  

OUT ist eine Magazinserie von ebenso unterschiedlichen wie einzigartigen Menschen die sich mit ihrem Coming-Out auseinander gesetzt haben un...

OUT - Vasilis  

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