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Alles Kultur

Die Liebe kann man nicht beherrschen.

Jean-Louis Trintignant, 1930–2022, französicher Schauspieler

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Nachruf auf Marin Petko Hinterberger

Der alleinige Transrealist

Marin Petko Hinterberger war Künstler und Lebemann. Er verstarb vor kurzem verarmt und einsam. Unser Autor hat ihn kennengelernt. Eine Würdigung.

Von Peter K. Wagner

Irgendwann während meiner Volksschulzeit lerne ich den Künstler kennen, der über dem Schöckl eine Brust wachsen hat lassen. Ich kenne ihn nur als »Petko«. Er ist ein ehemaliger Schulkollege meines Vaters und steht in jenem Büro, in dem seine gemalte Vorstellung des Grazer Hausberges hängt. Ich erkläre ihm, dass die weibliche Brust das eigentlich schöne Kunstwerk stört. »Warum?«, ruft er mir nahezu entsetzt und gleichsam verschmitzt lächelnd zu. »Das ist doch der Ursprung des Lebens! Das ist der Busen, von dem auch du genährt wurdest!« Ich kann damit wenig anfangen, und doch ist es eine der wenigen Begegnungen mit fremden Menschen als Kind, die noch sehr präsent ist. Ich erinnere mich nicht zuletzt an Petkos Ausstrahlung. Er war ein extrovertierter Typ, selbstsicherst, ein Charismatiker.

Vereinsamte Lebensfreude

Jahrzehnte sind seit dieser Begegnung vergangen. Ich glaube, ich habe ihn nie mehr in meinem Leben gesehen, seine Bilder allerdings ständig, bei meinen Eltern und auch bei mir zuhause. Ich war betroffen, als mir mein Vater vor ein paar Wochen erzählte, dass er im 76. Lebensjahr verstarb. Einsam, herzkrank, verarmt, in seinem Haus in Graz-Puntigam. Zu den Klassentreffen, die seine Bulme-Abschlussklasse bis heute zweimal jährlich veranstaltet, kam er schon lange nicht mehr. Sein Haus ging an seinen Nachbarn, der ihm dafür eine Leibrente zahlte. Mich stimmte die Vereinsamung dieser einstigen personifizierten Lebensfreude, dieses Lebemanns, nachdenklich. Ich begann also, zu recherchieren. Mein Vater meinte, einmal habe ein Bild von Petko im Guggenheim-Museum gehangen, was ich nicht verifizieren konnte. Mein Vater weiß auch: »Für das Bild im Guggenheimmuseum hat er einen venezianischen Luster erhalten – den hat er für einen Mini eingetauscht.« Schnell wird klar: Es ist wenig herauszufinden über diesen Künstler, der ein bisschen in seiner eigenen Welt lebte, auch, weil viele seiner Weggefährten bereits verstorben sind. Einzig von seinem Wirken um 1990, als er als Teil der »Lord Jim Loge« war, finden sich ein paar Berichte. Damals wollte er im Rahmen des steirischen Herbstes mit Menschen wie seinem Freund Wolfgang Bauer um 250.000 Schilling nach Singapur reisen, um ein »Concil« abzuhalten. Es war ein kleiner Kulturskandal.

Transrealismus

In einem alten Selbstpräsentationsbuch aus dem Jahr 1979 erklärt Petko, dass seine Kunstgattung Transrealismus heißt und sich auf Immanuel Kant beruft. Unter »Bildung« steht in einer seiner biographischen Lebensläufe auf vergilbtem Papier: »Kann Zeichen – wie Buchstaben, Zahlen – voneinander unterscheiden.« Auch ist zu lesen, dass er nach der Matura 14 Semester technische Physik und technische Mathematik an der TU Graz studiert hatte. Ich erinnere mich, dass ich dank Petko erstmals das Wort »Perpetuum Mobile« kennenlernte. Warum Petko keines patentieren lassen konnte, weiß mein Vater auch zu erklären: »Petko meinte immer, die Ölindustrie hatte etwas dagegen.« Bald finde ich heraus, dass Petko in einem Roman des Autors Manfred Rumpl mit dem Titel »Murphys Gesetz« vorkommt. Er heißt darin Pitko. Als »verrückter Vo-

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gel« wird er darin beschrieben. Und woanders heißt es, er behaupte, »von Zigeunern, Juden und Schwarzen abzustammen«. Mein Vater und andere ehemalige Schulkollegen – darunter Novapark-Chef Helmut Neukam – erfuhren über die Zeitung von seinem Tod. Sieben Bulme-Mitschüler und vier Nachbarn lauschten den Worten des Pfarrers beim Armenbegräbnis der Stadt Graz. Die Kameraden sicherten sich die Rechte an seinem Grab für zehn Jahre und finanzieren ihm nun eine Gedenktafel. Auf ihr wird stehen: »Marin Petko Hinterberger, Transrealist in den Freiräumen der Phantasie«. n

Rezension

Generation Corona

Von Thomas Goiser

Reich gegen Arm, einen laufenden »Aufstand der Reichen« diagnostiziert der altgediente Jugendkultur- und Marktforscher Bernhard Heinzelmaier in seinem Buch, das bereits im September erschien. Zugespitzt erscheint die Situation gegen Jahresende in Österreich angesichts neuer Lockdown-Erfahrungen. Der Verteilungskampf betreffe nicht nur die finanziellen Möglichkeiten, sondern auch Lebenschancen und nicht zuletzt Beteiligung. Heinzelmaier beginnt mit der Beschreibung der Macht digitaler Großkonzerne und ordnet sie dem »progressiven Neoliberalismus« zu. Nach diversen Jugendstudien erscheinen die in einem solchen Wirtschaftssystem heranwachsenden Menschen immer »pragmatischer«. Das ist für den Autor das Zeichen, dass die Prinzipien von Markt und Wettbewerb von jungen Menschen bereits internalisiert wurden, denn in der »performativen Ökonomie« dominiert Leistungsverkauf über echte Leistungserbringung. Dementsprechend treten Jugendbewegungen nicht (mehr) selbstbewusst und kämpferisch auf, sondern von Anfang an gesprächsbereit und mit einem Selbstverständnis als Opfer. Während Akademiker und Intellektuelle dadurch den Diskurs führen, sind Menschen mit weniger Bildung vom Diskurs ausgeschlossen, frustriert, fühlen sich abgehängt und nehmen nicht mehr an demokratischen Prozessen teil. »Die Zurückgelassenen und Abgehängten haben sich aus der Welt der Politik zurückgezogen.« Allerdings gibt es – an anderer Stelle im Buch – eine umfassende Begründung, wonach durch geringere Zukunftschancen »der Patriotismus« mehr Zuspruch erhält – auch im Sinn einer klaren Abgrenzung zur Globalisierung. Der Autor konstatiert außerdem »Corona- und Klimapanik mit angeschlossener Chaospolitik«, die die Distanzierung der weniger Privilegierten noch massiver spürbar macht: »Die Corona-Pandemie hat nichts anderes bewirkt, als dass vorhandene Widersprüche verstärkt, vorhandene Ungleichheiten größer, alte Ängste drastischer, das alte Gefühl der Fremdbestimmtheit dramatischer geworden ist.« Ergänzt und begründet wird die sprachlich mächtige und manchmal etwas zornig wirkende Argumentation durch diverse Studienergebnisse aus der Jugendforschung. Es ist kein freundlicher oder fröhlich stimmender Befund, aber ein interessanter und manchmal etwas widersprüchlicher. n

Generation Corona: Über das Erwachsenwerden in einer gespaltenen Gesellschaft

Von Bernhard Heinzelmaier Hirnkost Verlag, Berlin 2021 hirnkost.de

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