Fazitportrait
und kann mit der Schriftauswahl des Computers nicht mithalten. Jeder einzelne Buchstabe muss wie in einer alten Druckerei extra gesetzt werden, was auch bedeutet, dass man in der Lage sein muss, spiegelverkehrt lesen zu können. Ein Fehler, und der ganze Einband muss neu gemacht werden. Das Vorsatz- (Umschlaginnenseite) und das Nachsatzblatt (das gleiche hinten, quasi die vorletzte Seite) werden in der Folge mit dem Einband verleimt, in der Fachsprache heißt das, der Buchblock wird eingehängt. Sein Rücken muss schon zuvor verleimt und mit einem Gazestreifen versehen sein. Lumbecken nennt der Buchbinder diesen Vorgang, benannt nach seinem Erfinder Emil Lumbeck. Dazu müssen die einzelnen aufeinanderliegenden Seiten zunächst beschnitten und dann etwas aufgefächert werden, damit der Leim ordentlich hält. Alles in reiner Handarbeit versteht sich. Für eine hochwertige Fadenbindung eignen sich Einzelseiten natürlich nicht. Die kann nur in sogenannten Lagen durchgeführt werden. Die Klebebindung ist keine schlechte Sache. Man denke an Schuhe. Die waren seinerzeit stets rahmengenäht, aber überspitzt gesagt nur deshalb, weil es noch keine guten Kleber gab. – Nichts gegen rahmengenähte Schuhe und schon gar nichts gegen Fadenheftung für Bücher, im Gegenteil, aber Arbeitszeit ist bekanntlich teuer.
Kleine Fazitabschweifung Folkhard macht natürlich viel mehr, als bloß Diplomarbeiten zu binden. »Rund zehn Prozent unserer Kunden sind privat«, so der Meister. »Viele lassen etwa ihre beschädigten Lieblingsbücher neu binden oder Sammelhefte zu Büchern binden.« Dann ist es kein Problem, wenn die Wartezeit 14 Tage bis einen Monat beträgt.
Oder Rollen, Kartons, Sonderanfertigungen wie eine Besteckkassette mit Rehleder für Silberbesteck, aber auch Prägungen auf Gürtel oder Ledertaschen – was übrigens ziemlich günstig ist und etwa Geschenken den letzten Schliff gibt. Erich Folkhard hat noch den Beruf des Rastrierers gelernt, der zum Beispiel Notenlinien zog oder Einteilungen in Geschäftsbüchern machte und übernahm 1969 von seinem Lehrherrn A. Kniplitsch das seit 1946 bestehende Geschäftslokal im Carolinenhaus am Glockenspielplatz in Miete. Außerdem war er mehr als 30 Jahre lang Berufsschullehrer und unterrichtete nicht nur in seinem Fach, sondern auch Turnen. Dass er den Zeugwart, Schiwart und Schilehrer auch in der Tasche respektive in den Beinen hat, hat er auch erst verraten, nachdem er sich so schnell gebückt und wieder aufgerichtet hat. Und dass er viertausend Kilometer im Jahr mit dem Rennrad unterwegs ist. Gene, soso. Man erfährt doch viel, wenn man sich zu fragen getraut, leider kann nicht alles publiziert werden. Dazu passt, dass ich Ihnen zur Entscheidungsfindung für das Fazitportrait anfangs noch ein ziemlich persönliches Kriterium verraten wollte. Was bereuen wir, wenn unser Leben zu Ende geht? Das fragt eine Palliativpflegerin, die viele Menschen am Sterbebett bis zum Tod begleitet hat, vor einigen Jahren in ihrem Buch »5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen«. Nehmen Sie den Link (bit.ly/5-dinge) oder n das Buch als mutige Fazitabschweifung.
Buchbinderei Folkhard 8010 Graz, Glockenspielplatz 7 Telefon +43 316 832348 buchbinderei-graz.at
Fazit Juni 2018 /// 79