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heureka

Was ist eine frau?

emily walton

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er Vater kneift die Augen zusammen, blickt auf den Bildschirm. Falten bilden sich auf seiner Stirn. Nichts ist für ihn auf dem Ultraschallbild zu erkennen. „Nun sagen Sie schon. Was wird es?“ Seine Frau quetscht aufgeregt seine Hand. „Es wird … ein Mädchen“, sagt die Ärztin. Die Eltern strahlen. Sie denken an Namen: Sarah, Stefanie, vielleicht Regina; fahren in den Baumarkt, kaufen rosa Tapete, während Oma pinke Socken strickt. Sie erziehen eine Tochter mit Locken, großen Augen und einer Vagina. Als in der Pubertät die Regelblutung ausbleibt, liegt das Mädchen selbst beim Frauenarzt. Auf dem Ultraschallbild: nichts. Kein Baby, aber auch keine Gebärmutter und keine Eierstöcke. Solche Fälle kennt Ulrike Kaufmann, Ärztin und medizinische Beraterin von transsexuellen Personen im Wiener AKH. „Vor kurzem kam ein junges Mädchen zu mir“, sagt sie in der Ambulanz 9D, Frauenheilkunde. „Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke fehlten ihr.“ Kaufmann führte Untersuchungen durch. Und die sollten viel mehr über das Mädchen aussagen als die Tatsache, dass sie niemals Kinder bekommen würde: „Beim Nachweis der Chromosomen zeigte sich ein Y-Chromosom, das heißt ein männlicher Karyotyp mit 46 XY und nicht der einer Frau mit 46 XX.“ Kaufmanns Diagnose: testikuläre Feminisierung, auch als Complete Androgen Insensitivity Syndrom, CAIS, bekannt. Die Rezeptoren der Zielzellen für Testosteron sind defekt, der Körper kann das Hormon nicht verarbeiten. Ein weiblicher Körper entsteht – bei männlichem Chromosomensatz. „Bei der Geburt erscheinen diese Mädchen trotz männlicher Keimdrüsen komplett weiblich. Oft fallen erst Monate nach der Geburt Schwellungen in den Leisten auf, die sich als Hoden herausstellen“, sagt der Kinderhormonspezialist Stefan Riedl, der an der Universitätsklinik für Kinderund Jugendheilkunde Wien Kinder mit Störungen der Geschlechtsentwicklung betreut. Eine junge Frau mit Brüsten, Vagina und Hoden. Ist das eine Frau?

Geschlechtsteile belegen gar nichts „Es ist schwierig, beinahe unmöglich, diese Frage zu beantworten, denn die äußeren Geschlechtsteile sagen gar nichts aus“, sagt Elisabeth Oberzaucher, Anthropologin an der Uni Wien, „ausschlaggebend ist der weibliche Chromosomensatz, Karyotyp 46 XY.“ Das ist doch eine Antwort! Doch dann kommt der Zusatz: „meistens“. „In der Regel stimmen Chromosomen und Geschlechtsorgane überein. Aber es gibt auch Sonderfälle.“ Die Ausnahme bildet etwa jenes Neugeborene unter 4000 anderen, das mit uneindeutigem Geschlecht, einer Sexualdif-

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Was ist eine F

ferenzierungsstörung (Disorder of Sexual Development, DSD) zur Welt kommt. Rund 20 solche Patienten mit DSD gibt es pro Jahr in Österreich. Die testikuläre Feminisierung ist nur eines von vielen Erscheinungsbildern. So gibt es Anomalien der Geschlechtschromosomenzahl: Patientinnen mit Ulrich-Turner-Syndrom fehlt ein X-Chromosom, eins der beiden Geschlechtschromosomen. Funktionsverlust der Eierstöcke, Kleinwuchs und Unfruchtbarkeit sind die Folge. Das Klinefelter-Syndrom hingegen betrifft Buben und Männer. Sie haben zum männlichen Karyotyp ein zusätzliches X-Chromosom (47, XXY). Die Hoden degenerieren zu Beginn der Pubertät. Die Testosteronproduktion ist reduziert, Mangelerscheinungen sind fehlende Spermienbildung „Die häufigste Sexualdifferenzierungsstörung bei Mädchen ist das andrenogenitale Syndrom AGS“, sagt Riedl. Die Bildung des Stresshormons Cortisol ist gestört, stattdessen produziert die Nebennierenrinde Sexualhormone, die den Körper vermännlichen lassen.

Wir kennen Mann und Frau. Doch nicht immer ist das eindeutig. Was, wenn Frau Hoden statt Eierstöcken hat? Oder aus einem Mann eine Frau mit Penis wird?

Die Frau entsteht im Kopf

Mit Eierstöcken und Penis Dann können Mädchen mit Eierstöcken und Penis auf die Welt kommen – oder zumindest mit etwas, das einem Penis ähnlich sieht. Die Klitoris tritt als übergroße Ausstülpung (Klitorishypertrophie) auf. Ab 2,5 Zentimetern definiert die Medizin den Kitzler als Penis. „Klitoris und Penis haben eine sehr ähnliche Struktur“, sagt Anthropologin Oberzaucher. Soll heißen: Im Grunde haben wir alle einen Penis. „Und im Grunde sind wir alle Frauen. Ohne die Einflüsse von Hormonen, würden sich alle Embryos zur Frau entwickeln.“ Der Mediziner Riedl holt weiter aus, führt die Geschlechtsdifferenzierung auf die Gene zurück. Im Zentrum steht das SRY-Gen (Sex-determining region Y chromosome gene), das für die männliche Entwicklung zuständig ist. Ist SRY vorhanden, entstehen aus den Keimdrüsenanlagen Hoden. Die weiblichen Anlagen der inneren Geschlechtsorgane bilden sich zurück, das Sexualhormon Testosteron wird produziert. Testosteron ist verantwortlich für die Entwicklung des Penis und der Hoden. Testosteron macht die Gesichtszüge eckiger, den Rücken breiter und Körperbehaarung, kurz, Testosteron macht den Mann zum Mann, und damit anders als die Frau. Unter Einfluss des Sexualhormons ist der Mann erregter, aktiver, aggressiver – aber auch anfälliger, denn Testosteron schwächt das Immunsystem. Der Referenzbereich für Testosteron liegt laut Kaufmann bei Männern zwischen 2,5 und 8,4 ng/ml. Auch Frauen verfügen über das männliche Sexualhormon, wenn auch nur in ge-

ringer Konzentration: Zwischen 0,08 und 0,48 ng/ml liegt der weibliche Wert. Sind Testosteronmarker vielleicht die Lösung, um das Geschlecht zu bestimmen? „Auf keinen Fall“, sagt Kaufmann. Denn es gibt eine Vielzahl an Erkrankungen, die zu erhöhten Testosteronwerten bei Frauen führen können. „Beim Polyzystischen Ovarsyndrom etwa erhöhen sich die männlichen Hormone.“ Zyklusstörungen, Haarausfall oder Haarwachstum an unüblichen Stellen sind die Folge. Trotzdem bleibt Frau Frau. Auch Kaufmanns Patientin mit den XY-Chromosomen hatte einen Testosteronwert außerhalb des weiblichen Normbereichs. Noch ein Grund, ihr zu sagen, dass sie nicht das ist, wofür sie sich hält? Obwohl sie wie eine Frau fühlt und denkt?

Ab 2,5 Zentimetern definiert die Medizin den Kitzler als Penis. Klitoris und Penis haben eine sehr ähnliche Struktur. Soll heißen: Im Grunde haben wir alle einen Penis

Frausein ist auch Kopfsache, sagt die Anthropologin Oberzaucher: „In der embryonalen Entwicklung ist vor allem das Östrogen der Mutter ausschlaggebend. Ein weiblicher Embryo kann das Östrogen der Mutter abbauen, ein männlicher nicht. Es entstehen unterschiedliche Hirnstrukturen“. Die Hirnhälften sind bei Frauen stärker verbunden. Das Klischee, Frauen verfügten eher über vernetztes Denken und sprachliche Intelligenz, Männer seien dafür stärker mathematisch-mechanisch veranlagt, stimmen. Aber auch hier folgt der Zusatz: „meistens“. „Die Entwicklung des Gehirns eines Embryos passiert über einen anderen hormonellen Pfad als die des Körpers“, sagt Oberzaucher. „So kann es durchaus vorkommen, dass ein weibliches Gehirn in einem männlichen Körper sitzt.“ Dann kommt ein Bub mit der Fähigkeit zum Multitasking auf die Welt. Macht ihn das mehr zur Frau? „Nein“, sagt Oberzaucher. „Der Mensch ist ein Individuum. Schwankungsbreiten und Überlappungsbereiche sind natürlich.“ Grundsätzlich weist das Gehirn der Frau aber Unterschiede zum männlichen auf: Es hat weniger Gesamtvolumen und wiegt im Schnitt 1245 Kilogramm, ein paar Gramm weniger als jenes der Männer. Ist das ein Anhaltspunkt? Sollten alle Frauen in die Röhre zur Magnetresonanztherapie, um als Frau identifiziert zu werden? Vielleicht ist aber auch die Fingerlänge das „wahre“ Differenzierungsmerkmal. Oberzaucher sagt, dass es einen Zusammenhang zwischen Fingerwachstum und Gehirnentwicklung gibt: „Ein langer Ringfinger, meist länger als der Zeigefinger, deutet auf eine hohe Hormonkonzentration und damit Vermännlichung des Gehirns in der vorgeburtlichen Entwicklung hin. Bei Frauen ist der Ringfinger meist kürzer als der Zeigefinger.“ Handfeste Anhaltspunkte für Mann und Frau sind auch diese Ergebnisse freilich nicht.

29.03.2010 13:49:43 Uhr


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