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„Jede Generation braucht ihre Verleger“ Das Verlegerduo Jorgi Poll und Sarah Legler will die Edition Atelier als Literaturverlag neu positionieren

Die Veröffentlichungen waren breit gestreut,

umfassten Literatur, Kulturgeschichtliches und Politisches oder auch ein Sachbuch zum Thema Tarock (Mauthe war ein begeisterter Tarockspieler). 2002 wurde das Wiener Journal mitsamt der Edition Atelier von der Wiener Zeitung übernommen. Bis 2007 blieben Lendl und Axmann an Bord. Nach eine Übergangsphase stieß 2011 Jorghi Poll zum Team und übernahm in diesem Jahr gemeinsam mit Sarah Legler die Führung. Der seit 2004 in Wien lebende Poll hat den mittlerweile wieder eingestellten ­Theaterverlag gleichzeit mitbegründet, war als Produktionsleiter und Lektor tätig und hat auch selbst fürs Theater geschrieben. Sarah Legler studierte Komparatistik, hat für den Metroverlag gearbeitet und gibt die Literaturzeitschrift Keine Delikatessen heraus. Legler und Poll haben sich zum Ziel gesetzt, die Edition Atelier als selbstständi-

gen Verlag mit Schwerpunkt österreichische Literatur neu aufzubauen. „Vorher war das Programm breiter, aber auch diffuser“, erklärt Jorghi Poll beim Gespräch in den Verlagsräumen in der Schwarzspanierstraße. „Wir wollen die Edition Atelier als Literaturverlag etablieren und viel junge Belletristik machen.“ Das ist ein respektables, aber keineswegs unambitioniertes Ansinnen. Denn zum einen gibt es von Picus bis zur Edition Korrespondenzen, von Luftschacht bis Milena schon so einige heimische Kleinverlage, die sich vor allem auf Literatur konzentrieren, und zum anderen – da gibt man sich keinen Illusionen hin: „Debütanten kauft kaum jemand.“

Von den Autoren werde die Reihe dankbar angenommen, so Poll: „Oft wissen sie nicht, wo sie kürzere Texten unterbringen sollen. Sie sehen sich gezwungen, einen Erzählband daraus zu machen. Bei uns können auch einzelne Texte eigenständige Publikationen sein. Man kann in diesem Format etwas ausprobieren, ohne dass sich das erste Buch gleich gut verkaufen muss.“ Dagegen hätte man freilich auch nichts einzu-

Die Not macht zuweilen erfinderisch. Also

­ aben die Jungverleger etwa mit Textlicht h eine auffällige und ambitionierte Taschenbuchreihe gegründet, die das Kleine und Handliche hochhält: Die schlanken Bücher, die sich sehr gut einstecken lassen (und dennoch stabil sind) sollen einen Umfang von hundert Seiten tunlichst nicht überschreiten. Erzählungen und andere kurze Formen sind entsprechend häufig vertreten, das äußerst kurzweilige Schaufenster-Lob „Fensterfummeln“ der jungen Dramatikerin Claudia Tondl ist dort ebenso zu finden wie Thomas Ballhausens apokalyptische Erzählung „Lob der Brandstifterin“.

Jorghi Poll, Jg. 1978, und Sarah Legler, Jg. 1982, leiten seit Anfang des Jahres gemeinsam den Verlag Edition Atelier. Der Schwerpunkt liegt auf junger Literatur

wenden. Bis dato allerdings ist die mit Textlicht erzielte Aufmerksamkeit bei der Kritik und im Buchhandel aber, wie erhofft, hoch. „Wir hatten ursprünglich geplant, damit in den Kassenbereich von Buchhandlungen zu kommen“, erläutert Sarah Legler. „Aber das war wohl etwas naiv. Langsam allerdings bemerken die Händler schon, dass wir spannende Bücher machen.“ Verleger benötigen Durchhaltevermögen und Ideen. Die Edition Atelier will verstärkt an die Öffentlichkeit gehen. Im Herbst veranstaltet man nicht nur zahlreiche Lesungen und Buchpräsentationen, sondern startet auch eine Literatur-trifft-Party-Reihe im Fluc am Praterstern. Neben Autoren aus dem eigenen Haus bietet man dort eine offene Lesebühne, auf der man sich präsentierten kann, ohne dass das gleich in einen Poetry-Slam ausarten muss. Außerdem mischen Poll und Legler bei der neuen Literaturpassage im Museumsquartier mit, wo in Automaten 16-seitige Büchlein feilgeboten werden. Legler: „Es passiert momentan fast schon zu viel. Aber von unseren jungen Autoren kommt ständig jemand mit neuen Ideen daher.“ Dass sie als Verleger selbst noch recht jung sind, finden die beiden weiters nicht bemerkenswert: „Jede Autorengeneration braucht ihre eigenen Verleger“, so Poll. „Ich finde es einfach wichtig, dass man auf Augenhöhe miteinander reden kann.“ Bei aller Konzentration auf junge Literatur soll aber auch das Verlagserbe gepflegt werden. Einige Titel der Backlist laufen noch recht gut, etwa der Roman „Rauchschatten“ des Albaners Ilir Ferra. Alexander Kluys ansprechende Reihe Wiener Literaturen, in der vergessene Bücher neu aufgelegt werden, wird ebenfalls weitergeführt. Und Jörg Mauthes bekanntester Roman, „Die große Hitze“ über den Beamtenstaat Österreich, ist gerade in einer Neuauflage erschienen. Die Ziele, die sich Poll und Legler für die nächs-

ten Jahre gesteckt haben, scheinen realistisch. Sie wollen den eingeschlagenen Kurs weiterverfolgen und nach Möglichkeit ein bisschen wachsen, ohne das Programm zu verwässern. „Wir bekommen auch immer wieder Krimis und Kinderbücher angeboten, aber das machen wir nicht.“ Von E-Books wird man ebenfalls noch die Finger lassen: „Bei Belletristik ist das E-Book noch nicht so bedeutend. Wir blicken dem ganz gelassen entgegen und werden erst später einsteigen“, erläutert Poll. Eines erscheint ihm wichtiger: „Ich hätte gerne etwas Politisches im Programm. Es reicht nicht aus zu sagen, dass heute alles schlecht ist. Junge Autoren sollten sich mehr mit den Strukturen auseinandersetzen, die uns alle umgeben.“ SEBASTIAN FASTHUBER

fotos: Edition Atelier

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ie Edition Atelier blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. 1980 hatte der Schriftsteller und Politiker Jörg Mauthe (1924–1986) die kulturpolitische Zeitschrift Wiener Journal gegründet, fünf Jahre später stellte er ihr einen kleinen Verlag zur Seite. Geführt wurde die Edition Atelier lange Jahre vom Buchhändler Rainer Lendl und dem Kulturjournalisten David Axmann.

Bücher-Herbst 13  
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