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Was macht den Kern der heimischen Architektur aus? Architektur: 33 Interviews mit vornehmlich österreichischen Architekten bieten eine gute Bestandsaufnahme nternetjahre sind wie Hundejahre, und für eine Website sind 23 Lebensjahre ein IZeichen für Pioniergeist und Durchhalte-

vermögen. Exakt so lange, seit 1996, gibt es die von Jürg Meister gegründete OnlineArchitekturdatenbank nextroom. Seitdem ist sie organisch gewachsen, unaufgeregt, professionell und übersichtlich. Wer sich online schnell ein Bild von aktueller österreichischer Architektur machen will, findet kaum eine bessere Adresse. Seit 2017 sind hier auch Interviews mit Architektinnen zu lesen. Jetzt erscheinen 33 davon als Buch, editiert von der Architekturpublizistin Martina Pfeifer Steiner. Alle folgen dem gleichen Schema mit denselben fünf Fragen, und gerade diese Stringenz ergibt ein breites Bild des heutigen Architekturschaffens. Es beginnt mit einer zu oft vernachlässigten

Frage: „In welchen Bürostrukturen arbeiten Sie?“ Denn wie Architekten ihre Arbeit organisieren, in welchen Räumen sie arbeiten und wie sie mit Mitarbeitern umgehen, hat unmittelbaren Einfluss auf ihre Bauten und lässt sich auch an diesen ablesen. Etwas verwunderlich auf den ersten Blick ist, dass auch drei Schweizer Büros unter den Gesprächspartnern sind. Peter Zumthor als Promi-Zuckerl mag noch verständlich sein, aber angesichts der überaus reichen Schweizer Architekturszene wirkt die Auswahl minimal. Allerdings ist die Auswahl, wie die

Herausgeber im Vorwort vermerken, „intuitiv und subjektiv“ erfolgt, und auch die vorgestellten Österreicher sind nicht als „Best of “ zu verstehen. Man kann es als Reise durch die Räume von nextroom sehen, man liest so, wie man sich durch die Website klickt, von Zimmer zu Zimmer. Bedauerlicher, aber leider immer noch bezeichnend für den Berufsstand, ist das Verhältnis von 50 Männern zu 14 Frauen. Weiter zu Frage drei: „Was begrenzt die Verwirklichung Ihrer Visionen?“ Es überrascht kaum, dass hier meist die Flut an Normen und Regulierungen genannt wird. Andere stellen den Begriff der Vision in Frage, denn deren unbegrenzte Verwirklichung ist nicht immer das, was Architekten anstreben. „Sind es schlussendlich nicht die Einschränkungen, die die Kreativität auslösen?“, fragt Andreas Cukrowicz (Cukrowicz Nachbaur Architekten). Die Frage „Welches Ihrer Projekte möchten Sie hervorheben?“ liefert die am wenigsten ergiebigen Antworten, denn Architekten antworten auf diesen Interview-Standard fast ausnahmslos mit „das neueste“ oder „alle“. Die letzte Frage schließlich öffnet zahlreiche Türen in neue Räume. „Worüber sollten Architektinnen einen Diskurs anzetteln?“ holt die Interviewten hinter dem Arbeitstisch hervor und in die Gesellschaft hinein, in der sie ihren Platz einnehmen und ihre Rolle deklarieren. Auch ein Begriff,

der von Architekten gerne nervös umschifft wird, kommt zur Sprache, wenn Georg Bechter sagt: „Wir denken, dass Schönheit nicht argumentierbar ist, dabei hat Schönheit sehr viel mit Angemessenheit zu tun.“ Ebenso stringent wie die Reduktion auf fünf

Martina Pfeifer Steiner/nextroom (Hg.): 33 Interviews zur Architektur. Müry Salzmann, 208 S., € 25,–

Fragen ist der Verzicht auf Abbildungen der Architektur. Stattdessen werden die Architektinnen in Porträtfotos von Lukas Hämmerle in Szene gesetzt. Diese sind so etwas wie die Seele des Buchs, weil sie die Personen in ihrem Wesen exakt treffen. Manche ungezwungen bei der Arbeit oder im Gespräch miteinander, andere in einstudierter „Kunden aus Amerika, bitte ruft uns an!“-Pose, Zumthor in typisch salbungsvoller „Ich kultiviere das Bild des einfachen Baumeisters, aber eigentlich bin ich ein Priester“-Haltung. Den notorisch uneitlen, aber eloquenten Wiener Architekten Werner Neuwirth dagegen sieht man nur als Schatten hinter einer Milchglastür: im nächsten Zimmer. „Die Architektenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten so stark mit allen möglichen Rändern beschäftigt, dass die Substanz der Architektur anderen überlassen wird“, sagt er. „Wir sollten darauf achten, dass wir beim Kern der Architektur bleiben.“ Dieses Buch liefert 33 Antworten auf die Frage, wo dieser sich Kern befindet. MAIK NOVOTN Y

Häuser entstehen aus Bedürfnissen Architektur: Eine faszinierende Reise um die Welt zu traditionellen, ressourcenschonenden Bauweisen s ist schon schwierig mit der TraditiE on. Gerade in diesen nostalgisch-rückwärtsgewandten Zeiten wird sie oft als plumpe Referenz an ein irgendwie besseres Früher gebraucht. Das gilt erst recht für die Architektur. Von der Glorifizierung der Gründerzeit in Wien bis zur Fake-Rekonstruktion des „typisch deutschen“ Fachwerks in Frankfurt: Mit Tradition gewinnt man garantiert Zuspruch. Dabei ist traditionelles Bauen alles andere als ein in Ewigkeit zementierter Kanon, sondern Ergebnis eines jahrhundertelangen Prozesses, der nie ganz abgeschlossen ist. Es ist eine Schatztruhe des Wissens über oft komplexe Bautechniken, den effektiven Umgang mit Material, über Witterung und lokale Gegebenheiten. Ignoriert man dies und begnügt sich mit Oberfläche und Ornament, führt das zu Auswüchsen wie den Tiroler BetonburgenHotels, die mit Versatzstücken wie Sprossenfenster und Holzbalkonen bepickt werden. Tradition als Karikatur. Tiefer in diese Schatzkiste gegriffen dagegen

hat Christian Schittich, langjähriger Chefredakteur der Zeitschrift Detail, in dem von ihm herausgegebenen umfangreichen Band „Traditionelle Bauweisen“. Dieser versammelt Haus-Typologien von Ozeanien bis Oberbayern und ist dabei weit mehr als ein touristisch-oberflächlicher Weltatlas, der das Exotische abfeiert. Stattdessen wird das Traditionelle in Bild, Grundriss und Wort

anschaulich analysiert und verständlich gemacht, im Bewusstsein, dass das Wort „traditionell“ in seiner Rückwärtsgewandtheit ein unbefriedigender Hilfsbegriff ist. „Der Begriff vernacular architecture, der das Bauen der einfachen Leute ohne Zuhilfenahme professioneller Planer umreißt, wurde in der englischen Sprache zu einem festen Begriff, während im Deutschen bis heute dafür kein entsprechendes Pendant existiert“, erklärt Schittich im Vorwort. Ob traditionell oder vernakulär, beides hat zu Unrecht den Ruf, unsexy und irgendwie „pauvre“ zu sein. Dabei ist es so ressourcenschonend wie intelligent, oft weit mehr als der HightechZinnober, der heute als „Smart City“ und „Intelligentes Bauen“ verkauft wird. Iranische Windtürme sind optimierte Klimaanlagen, norwegische Grasdächer perfekt gegen Nässe isoliert. Architektur entsteht nie aus einer Laune heraus oder aus einem „Stil“, sondern aus der Logik des Alltags: Wo steht das Pferd, wo ist die Feuerstelle, wo ist das Wasser, wie bekommt man den Rauch weg und die Frischluft hinein, wie das Licht hinein und die Wärme nicht hinaus? Welche Materialien und Werkzeuge sind vor Ort verfügbar, gibt es Erdbeben, Überflutungen, Monsun? Je genauer man nachliest, desto mehr werden selbst scheinbar vertraute Bauweisen wie Fachwerkhäuser plötzlich genauso komplex und fremdartig wie sibirische Jurten. In manchen Bautypen lassen sich

kontinentübergreifende Parallelen aufspüren, andere bleiben faszinierend singulär, wie die Tulous, die meist runden riesigen Festungswohnhäuser, die das Volk der Hakka in Südostchina errichtete und die wie Ufos aus Stein und Holz im Wald stehen. Am Ende der Reise von Friesland bis zum bra-

Christian Schittich (Hg.): Traditionelle Bauweisen. Ein Atlas zum Wohnen auf fünf Kontinenten. Birkhäuser, 384 S., € 79,95

silianischen Bundesstaat Mato Grosso wird klar: Das Gebaute entsteht aus einem notwendigen Bedürfnis, bis es irgendwann zu Kultur wird. Dann wird das Fachwerk zum Gestaltungselement, die gekalkte Fensterumrandung zum Ornament. Die Bauten in diesem Buch balancieren alle auf dieser Kante zwischen überlebensnotwendiger Technik und Kultur, ein berührendes Zeugnis dessen, was wir Zivilisation nennen. Es ist auch eine Ehrenrettung für Bauweisen, die heute leider oft als „arm“ diskreditiert werden, in manchen Regionen auch von den Bewohnern selbst, die sich stigmatisiert fühlen und lieber in modernen Bauten wohnen, auch wenn diese klimatisch völlig ungeeignet sind. Nicht zuletzt ist das Buch ein Fest für Freunde sprachlicher Ausdifferenzierung. Wo sonst liest man von dreischiffigen Flettdielenhäusern mit Kammerfach, Eulenlöchern und Muldenfalzziegeln (Norddeutschland), ewenkischen Stangenkegelzelten (Mongolei) oder birnenförmig zugehauenen Hartsteinfäusteln (Jemen)? Eben. MAIK NOVOTN Y

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Bücher-Herbst 2019  

Beilage zu FALTER 41/19

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