DiALOG - Das Magazin für den digitalen Wandel, Ausgabe 2022

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Das große Ganze Digitalisierung ist ein Hype, der auch wieder vorbeigeht...

Lieber Herr Schaar, Sie schreiben, Sie seien mein Fan. Und das freut mich, denn damit haben wir etwas gemeinsam: Ich bin auch Fan von mir selbst! Ja, das mag sich jetzt ein wenig selbstherrlich lesen, aber wenn es eben so ist? Und warum ist es so? Weil ich immer Rückmeldungen wie die Ihre erhalte: „Toller Vortrag“, „tolles Beispiel“, „tolles Buch“, noch ein „tolles Buch“, „toller Artikel“, „toller Impuls“, „toller Mensch“ – und wie soll man sich da nicht toll vorkommen? Da muss ich mich ja geradezu bemühen, diesem Gefühl „toll zu sein“ entgegenzutreten. Aber muss ich das überhaupt? Nun haben Sie sich dazu entschlossen, dass wir ein Doppel spielen und auf der gleichen Seite des Courts stehen, auf dem ich tatsächlich noch nie in echt stand. Soweit ich das aber überblicken kann und aus der Sportschau kenne, braucht es einen Gegner, also jemanden auf der anderen Seite jenseits des Netzes, um retournieren zu können. Gegner zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen herausfordern. Kein Gegner: Keine Herausforderung. Also brauchen wir einen Gegner, der behauptet: „Reimer, ich bin besser! Und Digitalisierung ist ein Hype, der auch wieder vorbeigeht!“ Dann wäre ich herausgefordert. Und Sie mit mir, denn wir stehen auf derselben Seite. Was also tun? Auf der einen Seite: Toll! Auf der anderen Seite: Nicht toll! Was treibt mehr an? Wir wissen es. Wir brauchen also Herausforderungen, die uns antreiben. Es ist wie auf

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Märkten. Man kann sich dem Wettbewerb stellen, man muss es aber nicht. Man ist dann halt recht schnell kein Marktteilnehmer mehr. Und damit bin ich wieder bei mir. Sie haben mich kennengelernt, weil ich mich um das Thema „Digitalisierung“ gekümmert habe. Nicht technisch-physisch, sondern eher „meta-physisch“ – oder besser: philosophisch. Das ist ja auch meine berufliche Herkunft.

eine andere Organisations- und Führungskultur erdacht und umgesetzt werden: die lernende, oder aktueller „Die agile Organisation“. Eine Organisation, in der Qualität größer gedacht wird, Innovation Einzug gefunden hat, alle sich um das notwendige und darüber hinausgehende Wissen kümmern und in einer agilen Umgebung einbringen können: Da waren es vier Themen und damit vier Vorträge.

Doch warum habe ich mich überhaupt um Digitalisierung gekümmert? Weil ich mich vorher mit „Qualität“ befasst habe. Als Third-Party-Auditor für Qualitätsmanagementsysteme brenne ich für das Thema „Qualität“. Dazu habe ich einen gut gebuchten Vortrag kreiert. Aber irgendwann war für mich der Punkt erreicht, an dem ich festgestellt habe: Qualität wird zu klein gedacht. Qualität schien das Bestehende abzusichern, mehr aber auch nicht. Auch wenn es den Punkt „Entwicklung“ in ISO 9001 schon immer gab. Aber wenn er denn durch das Unternehmen nicht ausgeschlossen wurde, so wurde er dennoch stiefmütterlich behandelt. Also dachte ich: Das Neue, die Innovation muss in die Qualität Einzug finden. Schon hatte ich zwei Vortragsthemen: „Qualität“ und „Innovation“. Wenn ich aber Innovation vorantreiben will, dann brauche ich zwei Dinge: Wissen und kreative Kompetenz. Also musste ich mich auch um „Wissen“ kümmern: dritter Vortrag. Reicht es, wenn in Organisationen sich einige Wenige um Wissen, Innovation und Qualität kümmern? Natürlich nicht: Es muss

Aber kann man Qualität, Innovation, Wissen und Agilität so alleine stehen lassen? Wo bekommen wir unser Wissen her? Aus dem Internet. Wo sind unsere Netzwerke? Im Internet. Wie kommunizieren wir? Übers Internet. Überhaupt machen wir alles über digitale Netze – und damit musste „Digitalisierung“ als weiteres Thema bearbeitet werden, um die anderen Themen abdecken zu können. Ein fünfter Vortrag. Zuletzt: Kann man heute noch ökonomisch agieren, beruflich und privat, ohne die Aspekte Soziales und Ökologie mit ins ernste Spiel aufzunehmen? Nein, kann man nicht. „Nachhaltigkeit“ ist seit 2020 mein neuester und damit sechster Vortrag. Diese Vorträge halte ich vor vielen Menschen, von denen mir viele, aber nicht alle anschließend sagen, dass ich das toll machen würde. Aber was ist mit den anderen? So ist es einfach, sich toll zu finden. Dessen bin ich mir bewusst. Ich bin mit sechs unterschiedlichen Vorträgen unterwegs, die aber alle zusammenhängen und ineinander verschränkt sind; das eine Thema ist