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mag

21.8

Herausgeber

M a g a z i n z u m s c h u t z d e r NACHT

Nachtschutz Don’t Be Afraid of the dark Flora & Fauna gefangen im lichtkegel Energie & Gemeinden reduzierung von lichtsmog

Ausgabe 2 von 12 / februar 2015 zum »Jahr des Lichts« der vereinten nationen


ÂťDie Sonne lehrt alle Lebewesen die Sehnsucht nach dem Licht. Doch es ist die Nacht, die uns alle zu den Sternen erhebt.ÂŤ Kahlil Gibran


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser, das auf der linken Seite aufgeführte Zitat des libanesisch-amerikanischen Malers, Philosophen und Dichters Kahlil Gibran läutet den thematischen Schwerpunkt dieser Ausgabe ein: die Nacht. Genauer gesagt der Schutz der Nacht. Wie bereits in der letzten Ausgabe vom Januar erwähnt, ist eines der Anliegen der Stiftung »Prima Nox«, die Bevölkerung, neben Lichtverschmutzung, für die Wichtigkeit der Nacht zu sensibilisieren. Doch zunächst muss geklärt werden, warum die Nacht so wichtig und besonders ist. Sie ist ein Rückzugsort für viele Lebewesen, bietet Schutz und Erholsamkeit. Manchmal ist sie auch einfach nur ein Gefühl: jenes der Entspannung, der Ruhe, der Entdeckung nächtlicher Wunder und des Sternenfirmaments sowie der Erinnerung an Momente, in denen wir als Kind am Abend ein Reh am Waldrand stehen sahen. Das Gefühl wie unser Herz vor Freude sprang ... So schützenswert wie jede kostbare Erinnerung an solche Momente, so schützenswert ist die Nacht. Und dies soll wieder ins Bewusstsein der Menschen rücken. In dieser Ausgabe von »21.8 mag« geht es neben Theman wie Lichtverschmutzung und Sternsichtbarkeit in Deutschland auch um wissenschaftliche Betrachtungen der Dunkelheit in unserer Gesellschaft. Ein Interview mit einem Experten auf dem Gebiet der Lichtverschmutzung, der auf der Schwäbischen Alb Initiator des Projekts »Sternenpark Schwäbische Alb« ist, gibt Aufschluss über die Tätigkeiten rund um das Projekt Sternenpark, was einen als Besucher dort erwartet und auf was für Hindernisse man stößt, wenn man auf das Problem Lichtsmog aufmerksam machen möchte. Einen Einblick in die Auswirkungen von zuviel künstlichem Licht auf unsere heimische Tier- und Pflanzenwelt sowie ein Leitartikel über die Gefahren für Zugvögel erhält man ebenso wie Informationen über richtige Beleuchtung. Ausschließlich diesem Heft ist der Richtlinienkatalog, der bereits das letzte Mal in Zusammenhang mit dem Gütesiegel der Nacht erwähnt wurde, beigelegt. Dieser liefert ausführliche Informationen rund um das Thema angemessene öffentliche Beleuchtung, klärt über Lampentypen auf und was eine Gemeinde tun muss, um das Siegel zu erhalten. Viele interessante Einblicke wünscht

Bettina Schlichter Initiatorin der Stiftung »Prima Nox«

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6 9 16

Nachtschutz Kurz beleuchtet aus hell mach dunkel und lichtverschmutzung und sternsichtbarkeit in deutschland

don’t be afraid of the dark was uns die wissenschaft über die dunkelheit verrät

interview »Dorfkönige« bestehen auf ihre ungünstige Zierbeleuchtung

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Flora & Fauna Kurz beleuchtet keine gute nacht für fuchs und hase

gefangen im lichtkegel der nutzen und die risiken des vogelzugs


Themen

Kurz beleuchtet der teure spass mit dem kunstlicht

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massnahmen reduzierung von lichtsmog

36 40 41

Schlusslicht die stiftung

IMpressum und quellen

Ausblick

Cover Illustration Bettina Schlichter

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Energie & Gemeinden


kurz beleuchtet

Nachtschutz Aus hell mAch Dunkel

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Die Bortle Skala ist für viele Sternengucker eine differenzierte Himmelsbeurteilungsmöglichkeit. Die Grenzgrößenbestimmung ist ebenfalls eine gute anwendbare Option, den Himmel zu beurteilen. 2001 veröffentlichte John E. Bortle die sogenannte »Bortle Skala«. Sie ist in 9 Klassen eingeteilt und man kann sie ohne optische Hilfsmittel anwenden. Die Beurteilung des Nachthimmels mit dem Sky Quality Meter (SQM) hat für viele keine verlässliche Aussagekraft. All-Sky Aufnahmen seien da wesentlich aussagekräftiger.


bortLe 1 aussergewÖhnLich dunkLer himmeL

bortLe 2 dunkLer himmeL 7

bortLe 3 guter L andhimmeL

bortLe 4 Übergang vom L and zum vorstadthimmeL

bortLe 5 vorstadthimmeL

bortLe 6 heLLer vorstadthimmeL

bortLe 7 vorstadt/stÄdtischer Übergang

bortLe 8 stadthimmeL

bortLe 9 innerstÄdtischer himmeL


Nachleuchten

lichtverschmutzung und

s t e r n s i c h t ba r k e i t in deutschland 0 – 15 sichtbare Sterne (außer Planeten), abhängig von den Bedingungen.

Lichtverschmutzung sehr stark und allgegenwärtig. Typisch für sehr große Stadtzentren, große regionale und nationale Metropolen, küstennahe Metropolen. Kommt in Deutschland nicht vor. 8

25 – 80 sichtbare Sterne, die Hauptkonstellationen werden erkennbar. 80 – 150 Sterne, die Konstellationen und einige zusätzliche Sterne

erscheinen. Im Teleskop lassen sich einige Messier-Objekte ausmachen. 150 – 250 Sterne sichtbar bei guten Bedingungen, die Lichtverschmutzung

ist allgegenwärtig, aber einige dunklere Stellen erscheinen am Himmel, typisch für mittlere Vororte. 250 – 500 Sterne, Lichtverschmutzung noch stark, die Milchstrasse kann bei sehr guten Bedingungen beobachtet werden. Einige Messier-Objekte können zwischen helleren Objekten mit blossem Auge gesehen werden. 500 – 1000 Sterne, große ruhige Vororte von Metropolen, die Milchstraße ist oft auszumachen, aber nur unter guten athmosphärischen Bedingungen, typischerweise betrifft die Lichtverschmutzung einen Teil des Himmels und steigt auf 40 – 50 ° Höhe. 1000 – 1500 Sterne, die Milchstraße ist meist sichtbar, je nach klimatischen Bedingungen, aber sie sticht nicht durch große Helligkeit hervor. 1500 – 2000 Sterne, guter Himmel, die Milchstraße ist gut sichtbar, man

beginnt einen guten Eindruck vom Himmel zu bekommen, dennoch stören einige verstreute Quellen der Lichtverschmutzung die Sichtbarkeit, hauptsächlich im vertikalen Bereich zum Beobachter. 2000 – 3000 Sterne, guter Himmel, die Milchstraße ist deutlich sichtbar,

die Lichtquellen sind weit entfernt und zerstreut, sie beeinflussen die Beobachtungsqualität nicht ständig. mehr als 3000 Sterne, Lichtverschmutzung je nach Qualität nachweisbar.


nachtschutz

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Infografik: Bettina Schlichter. Basiert auf der Lichtverschmutzungskarte von FrĂŠdĂŠric Tapissier/ AVEX 2006-2007.


Nachtschutz

don’t be afraid of the dark Text Katharina Krause Illustration Bettina Schlichter

Was ist Dunkelheit und warum fühlen wir uns im Dunkeln unbehaglich? Abgesehen davon, dass wir eindeutig Tagwesen sind und im Dunkeln schlecht sehen, gibt es allerhand Faktoren, die dazu beitragen, dass sich in uns ein regelrechter Angstzustand löst, wenn wir an Dunkelheit denken. Sie schlummert in uns, seit unserer Kindheit und wurde durch gruselige Märchen und Horrorfilme gefördert, die Furcht vor dem vermeintlich Bösen, das im Dunkeln lauert.

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don’t be afraid of the dark

Differenzierte sozialwissenschaftliche Untersuchungen, die überprüfen, wie Dunkelheit bewertet wird und welche Funktionen mit Dunkelheit assoziiert werden, stehen bislang noch aus. Den Funktionen von Dunkelheit wurde in der gegenwartsbezogenen Literatur bislang kaum Rechnung getragen. Sie rücken erst seit einiger Zeit in den Fokus wissenschaftlicher Betrachtungen und Forschungsstränge. 12

Regenerationsphase ein. Allerdings steht eher der (negative) Einfluss künstlicher Beleuchtung im Fokus chronobiologischer Studien, als die positiven Eigenschaften von Dunkelheit.

E s sind allerdings primär die naturwissenschaft-

lichen Disziplinen, die sich mehr der Frage widmen über Auswirkungen des Verschwindens der Dunkel heit auf Reproduktionsverhalten, Biorhythmen, Artenvielfalt etc. von Flora und Fauna. Publikationen, welche die Funktionen von Dunkelheit aus sozialwissenschaftlicher Perspektive untersuchen, gibt es bislang eher selten. Andeutungen, dass Dunkelheit ein elementarer Bestandteil des Erlebens unberührter Natur ist, finden sich z. B. bei Kobler und Stöcklin (2004). Darüber hinaus sind bestehende Ansätze, die Schnittstellen zur sozialwissenschaftlichen Forschung aufweisen, in erster Linie in die Debatte um »Lichtverschmutzung« einzuordnen, und legen ihren Fokus tendenziell eher auf die Bedeutung der Sichtbarkeit des Sternenhimmels, ohne mögliche andere Funktionen von Dunkelheit zu diskutieren. Bislang geben vor allem chronobiologische Forschungsansätze Hinweise zu der Bedeutung von Dunkelheit für den Menschen. Demnach ist also der natürliche Wechsel von Hell und Dunkel der entscheidende Taktgeber für den zirkadianen Rhythmus. Während Licht den Körper in einen Zustand der Aktivität versetzt, leitet Dunkelheit die Schlaf- und

Die Störung der Schlaf- und Regenerationsphase wird dabei ebenso als mögliche Konsequenzen der Nutzung von Kunstlicht diskutiert, wie eine Erhöhung des Risikos an Krebs zu erkranken (z.B. Pauley 2004; Spivey 2010; Stevens 2009; Stevens u. a. 2007). Bislang beziehen sich die meisten Untersuchungen dieser Art aber auf die Innenraumbeleuchtung und lassen kaum Rückschlüsse auf die Wirkung von Licht im Außenraum zu. Andere Publikationen, die sich mit den möglichen gesellschaftlichen Folgen der Missachtung des natürlichen Chronorhythmus beschäftigen, behandeln Dunkelheit allenfalls am Rande und sind eher in die Diskussion um die Konsequenzen einer ständig aktiven und mobilen Gesellschaft einzuordnen (z.B. Spork 2004; Zulley/Knab 2009). Bislang stehen differenzierte sozialwissenschaftliche Untersuchungen noch aus, die überprüfen wie Dunkelheit bewertet wird und welche Funktionen mit ihr assoziiert werden. Es gibt zwar – wie weiter oben bereits besprochen – Studien aus der Kriminalitätsfurchtforschung, die den Zusammenhang zwischen Dunkelheit und Unsicherheitsgefühlen untersuchen. Fragestellungen, ob und inwieweit Dunkelheit aber


nachtschutz

Bislang geben vor allem chronobiologische Forschungsansätze Hinweise zu der Bedeutung von Dunkelheit für den Menschen.

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auch positive oder anderweitige Assoziationen auslöst, sind kaum zu finden. Wünschenswert wären hier zum Beispiel kleinräumige Analysen, die detailliert Aufschluss darüber geben, wann ein dunkler oder lichtarmer Raum als Angstraum wahrgenommen wird und wann als Ruhezone, oder unter welchen Bedingungen Dunkelheit tatsächlich als essentiell für das Erleben von Natur verstanden wird. Diese Ergebnisse könnten Hinweise liefern, auf deren Grundlage einerseits mögliche Trade-offs diskutiert und andererseits Akteure nicht nur für unterschiedliche Licht-, sondern auch räumlich differenzierte »Dunkelheitsbedarfe« sensibilisiert werden können. Im Gegensatz zu den Funktionen von Dunkelheit wird die gesellschaftliche Bedeutung des Sternenhimmels inzwischen aber in einigen Publikationen diskutiert. Dabei geht es vor allem darum, den Sternenhimmel – jenseits astronomischer Partikularinteressen – als Kultur- und Gemeinschaftsgut zu konzeptualisieren. Es wird zum Beispiel argumentiert, dass die Sichtbarkeit des Sternenhimmels ein unveräußerliches Recht aller Menschen ist und somit die Nutzung von Licht gesetzlichen Regelungen unterliegen sollte. Zahlreiche Veröffentlichungen finden sich zum Beispiel in dem Konferenzband »StarLight – A Common Heritage« (Belmonte 2007; Cameron 2007; DéjeantPons 2007; Horts 2007; Marín 2007; Marín/Jafari 2007). Ähnliche Ansätze gibt es aber auch in ein-


don’t be afraid of the dark

zelnen Aufsätzen (z. B. Patat 2010) oder in einer Teilstudie der IAU und dem Internationalen Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) zu der Anerkennung astronomischer und archäoastronomischer Stätten als Weltkulturerbe (Ruggles/Cotte 2010).

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Grundsätzlich werden vor allem drei Dimensionen genannt, welche den Sternenhimmel als Kultur- und Gemeinschaftsgut auszeichnen: Die Sterne waren und sind eines der bedeutendsten Instrumente wissenschaftlicher Forschung und die Beobachtung des Sternenhimmels hat ebenso zur technologischen Entwicklung wie zur Entstehung des Weltbildes beigetragen. Der Sternenhimmel ist Inspirationsquelle für Literatur, bildende Kunst oder Musik und darüber hinaus – eher in Referenz zu den Funktionen von Dunkelheit – ein Umweltgut. Auf dieser Grundlage sehen einige Autoren das »Recht auf den Sternenhimmel« in verschiedenen internationalen Verträgen und Konventionen bereits implizit garantiert. Cameron (2007) führt hier beispielweise die internationalen Weltraumverträge, die Welterbekonvention oder das Recht auf Erhaltung der religiösen Identität an und Déjeant-Pons (2007) verweist mit Blick auf die Europäische Landschaftskonvention auf die Bedeutung des Sternenhimmels für die Funktionen von Landschaft im kulturellen, ökologischen und ökonomischen Sinn. Obwohl die Ausführungen recht kurz und teilweise eher populärwissenschaftlich gehalten sind, bieten sie zahlreiche

Anregungen und Anknüpfungspunkte für weiterführende Forschungen zu zumindest teilräumlichen Möglichkeiten der Ausweisung von Dunkelheit und des Sternenhimmels als Schutzgüter. Ebenso sind jene Veröffentlichungen aus dem Umfeld der Dark Sky Initiativen zu bewerten, welche die Sichtbarkeit des Sternenhimmels als Standortfaktor für eine nachhaltige Regionalentwicklung beschreiben (Marín 2007; Iwand 2007). Obgleich es durchaus einige Gebiete gibt, die sich mit Erfolg als Astro-Tourismus Destinationen etablieren konnten (vgl. Austin/Hearnshaw 2010), fehlen Daten, die diesen Effekt auch für kleinere, touristisch zunächst weniger attraktive Gebiete nachweisen können.

Fragestellungen, inwieweit Dunkelheit auch positive oder anderweitige Assoziationen auslöst, sind kaum zu finden.


nachtschutz

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Einen differenzierteren Ansatz liefert Gallaway, der die ökonomische Dimension des kulturellen Werts des Sternenhimmels betrachtet. Er beklagt, dass sich die ökonomische Forschung grundsätzlich dagegen versperre, nicht-konsumierbare Werte, wie die Schönheit der Natur, zu erkennen und zu benennen. Ökonomen gingen davon aus, dass sich Nutzbarkeit von dem Konsum von Gütern ableite, nicht davon, die passive Rezeption der bestehenden Güter wertzuschätzen und zu konservieren. Um der Schönheit der Natur und damit auch dem Wert des Sternenhimmels gerecht zu werden, müsse die sogenannte »Instrumental Value Theory« um die Dimension der passiven Freuden erweitert werden. Insgesamt betrachtet stehen aber auch für die Bewertung und

Wahrnehmung des Sternenhimmels noch tiefergehende theoretische und empirische Untersuchungen aus. Es gibt zwar erste kleinräumige bzw. auf Einzelproblematiken bezogene Studien von Simpson und Hanna (2010) und Jones (2010), die den Wert des Sternenhimmels mittels »Contingent Valuation Method« zu erfassen versuchen, allerdings sind diese Untersuchungen eher als erste Schlaglichter zu bewerten, die noch keine verallgemeinerbaren Ergebnisse zulassen (vgl. dazu auch Hänsch u. a. 2013).


interview

»Dorfkönige« bestehen auf ihre ungünstige Zierbeleuchtung Fragen Bettina Schlichter 16

auf der schwäbischen alb gibt es noch einige dunkle orte, die großes potenzial für den sternenpark haben. von der unesco wurde ein abschnitt als biosphärenreservat anerkannt. welche flächenhelligkeitswerte konntet ihr dort mit dem sQm messen?

portrAit Dipl.-Ing. Matthias Engel hat Physik und Maschinenbau an der Universität Stuttgart studiert und ist dort Doktorand seit 2008. Sein Interesse für Astronomie begann schon in der Schule. Im Jahr 2011 hat er zusammen mit einem kleinen Team das ehrenamtliche Projekt »Sternenpark Schwäbische Alb« initiiert und hat sich dabei neben der Gesamtorganisation auf das Thema »Umweltgerechte Beleuchtung« spezialisiert. Die private und unabhängige Initiative wurde mit dem Umweltpreis des Landkreises und der Kreissparkasse Reutlingen ausgezeichnet.

Auf der Schwäbischen Alb gibt es in einigen Gebieten einen sehr schönen Sternenhimmel, besonders in den südlichen Abschnitten, wenn man weiter weg ist von dem Ballungsraum Stuttgart und Reutlingen. Auf der Mittleren Alb messen wir bis knapp 21,5 mag/arcsec², bei Ittenhausen hat Dr. Hänel sogar 21,75 mag/arcsec² gemessen. Die Messungen sind natürlich stark von den Rahmenbedingungen abhängig, z.B. auch von der Luftfeuchtigkeit. Wir planen daher Langzeitmessungen und auch mobile Messungen bei guten Bedingungen.

dennoch gibt es bereiche innerhalb des biosphärenreservats, die sehr stark aufgehellt sind, besonders in der nähe von münsingen, bad urach und im einzugsgebiet von reutlingen. wie sieht es dort aktuell aus? unterstützen diese gemeinden das projekt sternenpark und rüsten um? Es ist wichtig, in den Gemeinden für lichtverschmutzungsreduzierte, umweltgerechte Beleuchtung zu werben, denn meist steht allein die Energieeffizienz im Vordergrund. Gerade wenn umgerüstet wird, muss man präsent sein, denn extra wegen


nachtschutz

Einen Dark Sky Park zu initiieren, heißt auch Überzeugungsarbeit zu leisten. Hattet ihr schon mit Abwehrhaltungen seitens der Entscheidungsträger von Gemeinden zu tun?

Matthias Engel während eines Vortrags über das Projekt »Sternenpark Schwäbische Alb«. Foto: Gerhard Engel

uns wird niemand seine bestehende Beleuchtung ändern. Erfolg hatten wir in der Biosphärengemeinde Römerstein. Der damalige Bürgermeister und jetzige Bundestagsabgeordnete Michael Donth hat die Problematik erkannt und bei der anstehenden Umrüstung voll abgeschirmte und warmweiße Beleuchtung installiert. Auch Bürgermeister Mike Münzing aus Münsingen interessiert sich für das Sternenpark-Projekt, ebenso die Stadt Reutlingen, aber gerade in größeren Städten ist es schwierig, denn da steht die Vermeidung von Lichtverschmutzung nicht gerade ganz oben auf der Agenda. In manchen kleineren Gemeiden haben wir allerdings das Problem, dass das Thema nicht sonderlich ernst genommen wird bzw. das Fachwissen dazu fehlt. Manche Bürgermeister antworten nicht einmal darauf oder installieren trotz der Informationen ungünstige Beleuchtung. Eine Rolle spielen da natürlich auch die Werbeargumente der Leuchtenhersteller, die für mehr Licht und für weißeres Licht plädieren. Da fallen manche Gemeinden auf ein ach so günstiges Gesamtpaket rein.

Wer einmal für die Thematik sensibilisiert ist, dürfte sich auch für richtige Beleuchtung entscheiden, aber der Weg dorthin ist oftmals schwierig. Da das Thema meist unbekannt ist, muss man hier erst einmal von dessen Notwendigkeit überzeugen und dann die Informationen rüberbringen. Aber es gibt auch »Dorfkönige«, die auf ihre ungünstige Zierbeleuchtung bestehen bzw. gar nicht reagieren und es gibt Bürgermeister, die ihrem Lichtplaner und eher den Herstellern blind glauben als unseren Argumenten. Klar, als private Initiative hat man es da nicht leicht, aber wir bleiben dran! Längst überfällige Richtlinen von offizieller Seite für umweltgerechte Beleuchtung würden sehr helfen - so wie es z. B. Richtlinen zu Lärm und zu Luftverschmutzung schon lange gibt.

Welche Institutionen unterstützen das Projekt und erfahrt ihr auch staatliche Unterstützung? Wir sind eine private ehrenamtliche Interessengemeinschaft und finanzieren das Projekt zu großen Teilen selbst. Unterstützung bekommen wir durch Spenden und bei unseren Ausstellungen und Veranstaltungen. Der 1. Preis beim Umweltwettbewerb des Landkreises und der Kreissparkasse Reutlingen hat uns ein hilfreiches Preisgeld gebracht. Das Biosphärengebiet hat uns im Rahmen eines EU-Förderprojekts bei der Einrichtung eines Sternbeobachtungsplatztes gefördert. Aber staatliche Unterstützung erhalten wir in diesem Sinne bisher nicht. Glücklicherweise sind wir ein engagiertes Kernteam, denn man muss das Projekt schon wollen und davon überzeugt sein, denn kostendeckend ist es nicht - wenn man allein an den Arbeitsaufwand und die Fahrtkosten denkt.

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interview

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Um auf das Problem Lichtverschmutzung und das Projekt Sternenpark Schwäbische Alb aufmerksam zu machen, veranstaltet ihr regelmäßig Vorträge und geht auf die Menschen und Kommunen zu. Wie reagiert die Bevölkerung auf das Thema Lichtverschmutzung als Umweltproblem? Wird es ernst genommen? Wir sind ja nicht gegen Beleuchtung, sondern für richtige Beleuchtung, aber manche urteilen leider voreilig, und dann ist man ganz schnell die Inititative, die das Licht ausschalten möchte und zurück ins Mittelalter will. Es ist oftmals schwierig, überhaupt davon zu überzeugen, dass beim Thema Beleuchtung etwas gemacht werden muss, denn Licht ist sehr positiv besetzt. Mehr davon kommt üblicherweise gut an, anders als z.B. bei Lärm und Luftverschmutzung. Wer sich aber mit Lichtverschmutzung beschäftigt und z. B. auf unseren Veranstaltungen oder bei unseren Vorträgen ist, erkennt meist die Problematik und wundert sich, dass da nicht mehr dagegen unternommen wird. Es fehlt bei vielen einfach die Sensibilisierung für richtige Anwendung von Licht, gerade auch in den Gemeinden, auch wegen fehlender Richtlinien zum Thema Lichtverschmutzung. Aber das war bei mir vor einigen Jahren auch nicht anders, denn man muss erst einmal für die Thematik sensibilisiert werden – und das machen wir.

Was erwartet die Leute in einem Sternenpark? Werden Sternführungen veranstaltet? Eine Auszeichnung als Sternenpark ist ein Garant dafür, dass man in dieser Region noch einen prachtvollen Sternenhimmel erleben kann. Hierzu werden dann auch Sternführungen und Vorträge zu astronomischen Themen veranstaltet. Aber das machen wir natürlich auch jetzt schon. Außerdem gibt es dort noch eine natürliche Nachtlandschaft mit entsprechender Tierwelt, wodurch das Gebiet auch für Naturfreunde interessant ist. Es ist einfach spannend, in dieser Landschaft unterwegs zu sein.

Wie schätzt du die Informationsvermittlung über Lichtsmog und Nachtschutz derzeit ein? Muss die Kommunikation noch verbessert werden? Und wenn ja, wo lag bisher deiner Meinung nach das Problem? Lichtverschmutzung wird leider oft als exotisches Randthema oder gar als unnötiges Ökothema wahrgenommen, auch wenn es das keinesfalls ist, sondern uns alle betrifft. Es ist eben nicht so offensichtlich wie z. B. eine Ölkatastrophe. Zudem gilt Licht als fortschrittlich und modern – und dabei übersieht man allzu leicht die Probleme da-


nachtschutz

Im Burghof von Hohenurach auf der Schwäbischen Alb (1.5.2008, 21:40 MEZ, Nikon D3, 20mm f/2,8, Belichtung 15s bei ISO-2000). Die Lichter der zugehörigen Stadt Bad Urach erhellen aus dem Tal heraus den Himmel. Foto: Till Credner

durch. Wichtig ist es, sachlich und verständlich zu argumentieren, keinesfalls aus der Öko-Ecke heraus, in die das Thema auch gar nicht gehört. Die Thematik wird bisher hauptsächlich von Wissenschaftlern und ehrenamtlichen Initiativen kommuniziert. Es wäre wichtig, dass auch von offizieller Seite mehr dazu kommt, z. B. von den Umweltministerien und idealerweise auch von Seiten des Gesetzgebers. Wir sind dazu mit dem Umweltministerium BadenWürttemberg in Kontakt. In anderen Ländern und Regionen gibt es schon Richtlinien, z. B. in Slowenien und Südtirol. Allein mit Einsicht wird es schwer sein, bei der ständig zunehmenden Beleuchtung und bei der massiven Lobbyarbeit der Hersteller die Lichtverschmutzung einzudämmen.

»Manche Bürgermeister antworten nicht einmal oder installieren trotz der Informationen ungünstige Beleuchtung. Eine Rolle spielen auch die Werbeargumente der Leuchtenhersteller. Da fallen manche Gemeinden auf ein ach so günstiges Gesamtpaket rein.«

Kannst du anhand deiner Beobachtungen und der aktuellen Entwicklung einen Ausblick geben, wie es in Zukunft um die natürliche Nachtlandschaft und das Thema Lichtverschmutzung steht? Ist ein Umdenken bereits im Gange in Bezug auf den Gebrauch von Kunstlicht? Wenn jetzt nicht umfassend gehandelt wird, dürfte es schwierig werden, bei uns überhaupt noch einen einigermaßen dunklen Ort mit annähernd natürlicher Nachtlandschaft zu finden. Ein Handeln ist längst überfällig. Die Folgen der extremen Beleuchtung sind letztlich nicht abschätzbar. Da durch LEDs das Licht immer billiger wird, wird auch immer mehr und länger beleuchtet werden. In Fachkreisen ist das Thema Lichtverschmutzung schon länger bekannt, aber in großen Teilen der Bevölkerung spielt es bisher vermutlich keine Rolle, daher ist Information darüber umso wichtiger. Durch einige aktuelle Forschungsprojekte und Initiativen tut sich da glücklicherweise etwas in der öffentlichen Wahrnehmung, und es gibt zahlreiche Presseberichte darüber. Aber bisher ist man eben allein auf Einsicht der Beteiligten angewiesen – und das ist schwierig, wenn nur Wenige über das Thema Lichtverschmutzung Bescheid wissen. Informationen und Richtlinien von offizieller Seite dürften notwendig sein, denn von Seiten der Hersteller ist kaum verantwortungsvolles Handeln zu erwarten, denn die wollen in erster Linie viel Beleuchtung verkaufen, egal wo sie hin strahlt –Hauptsache effizient. Es mag in manchen Bereichen ein Umdenken beim Gebrauch von Kunstlicht begonnen haben, aber noch lange nicht flächendeckend. Hier ist noch viel zu tun, und zwar zeitnah, bevor es zu spät ist.

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kurz beleuchtet

Flora & Fauna keine gute nAcht für fuchs unD hAse 20

Für zahlreiche Insekten, Vögel, Amphibien, Reptilien, Fische, Krebse, Säugetiere und Pflanzen gibt es bereits wissenschaftliche Nachweise über ihre Beeinflussung durch künstliches Licht. Die Auswirkung auf Organismen hängt vor allem vom Streulicht, von der Beleuchtungsintensität und der spektralen Zusammensetzung des Lichts ab. Ein Problem mit nächtlicher Illumination haben tagaktive Tiere, die in ihrer Ruhephase gestört werden, aber auch nachtaktive Tiere, welche aufgrund ihrer spezifischen Anpassung von der Dunkelheit abhängig sind. Mögliche Beeinträchtigungen der Tierarten sind: • Blendung und Desorientierung • Gestörte bzw. eingeschränkte Futtersuche • Veränderte Räuber-Beute-Beziehung • Gestörte soziale Interaktion (Entwicklung und Fortpflanzung) • Eingeschränkter Aktionsradius (Barrierewirkung, Vertreibung) • Gestörte Ruhephasen Diese Auswirkungen können zu einer sukzessiven Artenverschiebung innerhalb von Lebensgemeinschaften führen. Bei bedrohten Arten muss das Aussterben von kleinen, isolierten Populationen befürchtet werden.


wilDtiere Mit beleuchteten Schipisten und Rodelbahnen geht die Lebensraum zerschneidende Wirkung sowie Beunruhigung lokaler Wildbestände einher. Den Tieren stehen die offenen Randbereiche der Schipisten als Äsungsflächen nicht mehr zur Verfügung und so wandern sie zur Nahrungsaufnahme in nahegelegene, ungestörte Waldbereiche ab, wo erhöhte Schälschäden beobachtet wurden.

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zugvÖgel Vor allem bei Schlechtwetter verringern sich Flughöhen und starke, punktuelle Lichtquellen oder große beleuchtete Areale können zur Desorientierung der Vögel führen. Sie gehen nach stundenlangen Irrflügen entweder an Erschöpfung und Stress zu Grunde oder durch die direkte Kollision mit beleuchteten Objekten. Zwei Beispiele aus vielen Ländern belegen den Tod von tausenden Zugvögeln zur Hauptzugzeit August bis November und März bis Mai. Vogelfalle Post-Tower Eine Studie untersuchte die Auswirkungen der Beleuchtung eines 160 Meter hohen Hochhauses in Bonn. Dabei wurden über Tausend Vögel aus 29 Arten angelockt, ca. 200 davon wurden durch Kollision sofort getötet, weitere verletzt. Weitere Beobachtungen ergaben, dass mehr als 90 Prozent aller Vögel beim Durchfliegen des über dem Dach befindlichen Lichtkegels Verhaltensauffälligkeiten wie Kreisflug, Umkehrflug, Richtungsänderung, Geschwindigkeitsreduzierung und ungerichteten Flug zeigen.


kurz beleuchtet

nAchtAktive insekten

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Nachtaktive Insekten orientieren sich am Licht der Himmelskörper. Durch künstliche Lichtquellen werden nachtaktive Insekten geblendet und in ihrer Orientierung fehlgeleitet; bei klarem Wetter aus einer Distanz von bis zu 700 Metern. Sie fliegen zwanghaft Leuchtkörper an, bis sie vor Erschöpfung verenden oder verbrennen. Auf diese Art und Weise werden Milliarden von Insekten ihrem Lebensraum „entzogen“, unter ihnen auch einige bedrohte und gefährdete Arten. Anlockwirkung moderner Leuchtmittel auf nachtaktive Insekten Ein Leuchtmittelvergleich der Tiroler Landesmuseen in Kooperation mit der Tiroler Umweltanwaltschaft im Sommer 2010 ergab, dass sich insbesondere LED-Lampen mit geringer Farbtemperatur (< 3.000 Kelvin) als „insektenfreundlichste“ Lampentypen herausstellen. In der Anlockkraft gefolgt wurden LEDs von der NatriumdampfHochdrucklampe und den drei untersuchten Metallhalogendampf-Hochdrucklampen (Keramik- bzw. Quarzbrenner, mit Ultraviolett-Filter). Eine weitere Feldstudie im Sommer 2011 mit einem lichttechnisch optimierten Versuchsaufbau bestätigte das Vorergebnis der Untersuchung des Jahres 2010. Dabei hatte das LED-Leuchtmittel mit warmweißer Lichtemission (ca. 2.700 Kelvin)

die geringste Anlockwirkung. Die Natriumdampf-Hochdrucklampe fungierte als Referenzleuchtmittel und lockte insgesamt ca. 65 Prozent mehr Insekten als die getesteten LEDs an. Eine deutsche Studie am Fleher Deich in Düsseldorf kam zu ähnlichen Ergebnissen. Nach QuecksilberdampfHochdrucklampen, welche die größte unerwünschte Anlockwirkung aufweisen, wurden MetallhalogendampfHochdrucklampen, Leuchtstofflampen, Natriumdampf-Hochdrucklampen und LEDs in ihrer Anziehungskraft gereiht. Für alle Leuchtmittel gilt Abgeschirmte Leuchten mit geringer Leuchtpunkthöhe haben eine verminderte Fernwirkung und locken weniger Insekten an, als Leuchten, die über die Horizontale strahlen. Vor allem Leuchtmittel, die im für den Menschen unsichtbaren ultravioletten Bereich des Lichtspektrums emittieren, locken vermehrt nachtaktive Insekten an, da viele Arten in diesem Wellenlängenbereich erhöhte Empfindlichkeiten aufweisen.


fleDermäuse Durch beleuchtete Ausflugsöffnungen beispielsweise von Dachstühlen fliegen Fledermäuse später aus den Sommerquartieren aus. Dadurch verringert sich die aktive Zeit der Nahrungssuche. Auch sind Fälle bekannt, in welchen Fledermausquartiere nach der Beleuchtungsinstallation verlassen wurden oder Lichteinsatz bei einem Stadtfest zu erhöhter Nachwuchssterblichkeit führte. Manche Fledermausarten wie beispielsweise die Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus) können beim Jagen von nachtaktiven Insekten im Schein von Straßenlaternen beobachtet werden. Andere Fledermausarten meiden jedoch Licht.

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ÖkosYsteme Fotorezeptoren steuern bei Pflanzen neben dem jahreszeitlichen Rhythmus auch die Atmungsaktivität. Versuche zeigen, dass im Dauerlicht das Fotosynthesevermögen mancher Arten erlahmt. Auch kann Störlicht in der Mitte der Dunkelphase die Blütenbildung verhindern, bei manchen Pflanzen hingegen wird diese angeregt. Vielfache Beobachtungen zeigen, dass Laubbäume in unmittelbarer Nähe von Straßenlampen ihre Blätter verspätet verlieren, wodurch es wiederum zu Frostschäden kommen kann.

pfl Anzen Alle Pflanzen und Tiere sind Teil des ökologischen Netzes. Fällt eine Art aus, können gravierende Auswirkungen für weitere Arten und das gesamte Ökosystem die Folge sein. Werden beispielsweise nachtaktive Schmetterlinge Opfer von Straßenlaternen, so können sie Vögeln, Fledermäusen oder Fröschen nicht mehr als Nahrung dienen. Einige Blütenpflanzen wie die Türkenbund-Lilie oder die Weiße Waldhyazinthe werden vor allem durch Nachtfalter bestäubt. Das Verschwinden der Tiere würde gleichzeitig das Verschwinden ihrer Nektarpflanzen bedeuten.


Flora & Fauna

gefangen im lichtkegel Text Ommo Hüppop, Reinhard Klenke und Anja Nordt Illustration Bettina Schlichter

Die meisten Vögel sind wie wir Menschen weitgehend tagaktive Augentiere. Dementsprechend spielt Licht eine große Rolle in ihrem Leben. Das falsche Licht zur falschen Zeit am falschen Ort kann aber fatale Auswirkungen haben, weil es beispielsweise den natürlichen Tagesrhythmus verändert oder nachts wandernde Zugvögel in die Irre lockt. Beide Aspekte – der Einfluss von Kunstlich auf Zugvögel wie auch dessen Auswirkungen auf den Tag-Nacht-Rhythmus von Singvögeln – werden im folgenden Beitrag behandelt.

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gefangen im lichtkegel

Vögel sind mit unter die mobilsten aller Organismen. Manche Arten legen zweimal im Jahr fast 20.000 Kilometer zurück, um zwischen Brutgebiet und Winterquatier zu wechseln. Der Vogelzug hat sich entwickelt, um möglichst immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Dort, wo sich die besten Lebensbedingungen bieten.

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ugvögel nutzen zum Beispiel das riesige Insektenangebot des arktischen Sommers, um erfolgreich Junge zu erbrüten und großzuziehen. Das ganze Jahr im warmen Afrika oder auch im Mittelmeerraum zu hocken, mag sich für uns Menschen sehr verlockend anhören, wäre aber trotz der Gefahren während des Zugs für die meisten Arten von Nachteil. Die mehr als zwei Milliarden europäischen Zugvögel, die Jahr für Jahr von Europa zum Überwintern nach Afrika wandern, könnten niemals ganzjährig von den dortigen Ressourcen leben, geschweige denn, damit auch noch erfolgreich Nachwuchs großziehen. Noch weit mehr Vögel wandern gar nicht so weit, sondern überwintern irgendwo in Europa. Auch sie müssen über große Distanzen fliegen, um einerseits möglichst günstige Bedingungen für die Brut zu finden, anderseits aber gut durch den Winter zu kommen. Die weiten Wanderungen bedeuten zwar eine vorteilhafte Erweiterung des »Jahreslebens­raums«, aber natürlich auch viele Probleme und Gefahren, die es zu lösen und zu bewältigen gilt: Wie finden Vögel überhaupt ihren Weg? Wie viel »Treibstoff« müssen sie tanken, um eine größere Wüste oder ein Meer ohne Risiko zu überfliegen? Wie können sie sich das Wetter zunutze machen, um Energie zu sparen?

Zwei Drittel aller sonst meist tagaktiven Vogelarten wandern nachts, weil sie den Tag brauchen, um den Energievorrat für den Weiterflug aufzufüllen. Ganz wesentlich für ihre nächtliche Orientierung ist der Sternenhimmel. Vögel ziehen deswegen vor allem in klaren Nächten und nutzen gerne mäßige Rückenwinde, um Energie zu sparen. Normalerweise lassen sie auf ihrem Zug beleuchtete Strukturen weit unter sich. Wenn das Wetter plötzlich schlechter wird, bekommen sie Probleme. Wenn die Sterne nicht mehr sichtbar sind und noch der Wind seine Richtung zu kräftezehrendem Gegenwind ändert »hoffen« sie im Licht einen sicheren Landeplatz zu finden. Tatsächlich werden sie aber oft von diesem Irrlicht in den Tod gelockt, weil sie geblendet gefährliche Hindernisse nicht erkennen können oder im Lichtschein gefangen stundenlang ihre Kreise ziehen, bis ihre Kräfte erschöpft sind. Kaum treffender könnte man die Umweltfaktoren, die zu Massenkollisionen führen, zusammenfassen, als dies Hugo Weigold, erster Leiter der Vogelwarte Helgoland und exzellenter Beobachter, schon im Jahr 1924 getan hat: Er fand, »daß Zug sowohl in mondhellen wie in dunklen Nächten stattfindet, dass aber die Leuchttürme ihre verhängnisvolle Anziehungskraft nur bei sehr unsichtigem Wetter, bei Nebel, Regen, Hagel und tiefen dichten Wolken entfalten, zumal, wenn Sturm damit verbunden ist, wie gewöhnlich, oder wenn der Wind dreht und die Vögel aufhält«.


florA & fAunA

Vögel ziehen vor allem in klaren Nächten und nutzen gerne mäßige Rückenwinde, um Energie zu sparen.

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Leuchttürme, Hochhäuser und Funktürme als Vogelfallen Dass nachts fliegende Vögel unter bestimmten Bedingungen von Licht angezogen werden, ist schon seit über hundert Jahren bekannt. Weltweit finden sich in der Fachliteratur entsprechende Berichte. Zunächst waren es vor allem aufmerksame Leuchtturm- und Feuerschiff-Wärter, die beobachteten, wann welche Vögel anflogen und zu Schaden kamen. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Beobachtungen, die sie machten, systematisch zusammengetragen. Später kamen zusätzlich Berichte über Auswirkungen beleuchteter Funktürme, Hochhäuser, großer Brücken und Windkraftanlagen hinzu. Lichtattraktion wurde durch Fahrzeug- und Wolkenhöhenscheinwerfer, Flutlichter sowie beleuchtete Gewächshäuser, Schiffe, Bohrinseln, Förder- und For-

schungsplattformen ausgelöst. Sogar in Gasfackeln von Raffinerien oder an Förderanlagen kamen Vögel zu Tausenden um. Manche Berichte stimmen noch aus ganz anderen Gründen nachdenklich: Offensichtlich desorientierte Vögel wurden auch in den Scheinwerferstrahlen am »Ground Zero« in New York gesehen. Selbst über starken nächtlichen Zug mit Tausenden von Vögeln – darunter Enten, Watvögel und Möwen – in dem hohen Scheinwerferlicht beim Reichsparteitag der Nationalsozialisten in Nürnberg 1937 gibt es eine kleine Publikation. Grob geschätzt nimmt jährlich die Lichtverschmutzung um 6% zu. Energiesparlampen aller Art senken zwar den Stromverbrauch, aber anscheinend nicht die Menge des emittierten Lichts. Was die Aufmerksamkeit des Menschen wecken soll, sei es, um mit Licht zu werben, Arbeitsplätze zu beleuchten oder mit Licht die Sicherheit von Schifffahrt, Luft- und Straßenverkehr zu erhöhen, wird Vögeln in zunehmendem Maße zum Verhängnis. Aus Gründen der Flugsicherheit müssen zum Beispiel die meisten Funk- und Fernsehtürme mit Warnleuchten ausgerüstet werden, zum Nachteil der Zugvögel. Zusammenstöße mit Hindernissen verlaufen für schnell fliegende Vögel meist tödlich. ln ruhiger Luft fliegt eine Drossel zum Beispiel mehr als 40 km pro Stunde. Watvögel erreichen zwischen 30 und 50, Enten durchaus mehr als 80 km pro Stunde. Rückenwinde können die Geschwindigkeit über Grund noch deutlich erhöhen. Entsprechend heftig sind Kollisionen und folglich die Opferzahlen: Die meisten Unfälle von Vögeln mit beleuchteten Funktürmen ereignen sich nachts, besonders bei nebligen Bedingungen, wenn die Vögel bevorzugt auf helle Objekte zusteuern und es dann zu Massenanflügen kommen kann.


gefangen im lichtkegel

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Eine Verminderung der Anflüge erhofft man sich zwar aus einer für Zugvögel optimierten Beleuchtung. Doch ist man davon noch weit entfernt. Eine 38-jährige Studie an einem einzigen 305 Meter hohen Fernsehturm der Stadt Wisconsin dokumentierte über 120.000 tote Vögel aus 123 Arten. ln einer anderen 29-jährigen Studie an einem einzigen zunächst 204 Meter, später 308 Meter, noch später 90 Meter hohen Fernsehturm in Florida wurden über 44.000 Opfer aus 186 Arten gefunden. 94% waren neotropische Zugvögel, deren Bestände vor allem wegen der Lebensraumverluste in den Überwinterungsgebieten zum Teil ohnehin stark rückläufig sind. An einem anderen Sendemast in den USA ver-

endeten in einer einzigen Nacht 12.000 Vögel. Je höher der Turm, desto mehr Opfer sind zu beklagen. Jährlich kommen in den USA und Kanada zwischen vier und 40 Millionen Zugvögel durch Kollisionen um! Mehr Opfer fordern nur Gebäude und Fenster (100 Millionen bis 1 Milliarde), Hauskatzen (allein in den USA zwischen 1,4 und 3,7 Milliarden), Autoverkehr (50 bis 100 Millionen) und vielleicht Freileitungen (zehn­tausende bis 175 Millionen).

Das Bild zeigt verschiedene Arten von Zugvögeln, die an dem Gebäudekomplex des Fallsview Casinos bei Toronto zu Tode kamen. © Mark Thiessen


florA & fAunA

Je höher der Turm, desto mehr Opfer sind zu beklagen. Jährlich kommen in den USA und Kanada zwischen vier und 40 Millionen Zugvögel durch Kollisionen um!

Aus Europa fehlen systematische Untersuchungen weitgehend, doch wurden beispielsweise an einem einzigen knapp zweihundert Meter hohen Sendemast auf der Nordseeinsel Sylt regelmäßige Nachsuchen durchgeführt. Unter dem mit 48 Stahlseilen gesicherten und mit roten Flugwarnleuchten bestückten Sendemast wurde von April 1989 bis November 1992 75 Mal nach Opfern gesucht. Die Kontrollen ergaben 609 Funde aus 63 Arten. Am stärksten betroffen waren Möwen, Drosseln und Ringeltauben. Vor Beginn der systematischen Nachsuchen waren bereits nach einer einzigen starken Zugnacht rund 900 Vogelkadaver gefunden worden, vor allem Rotund Singdrosseln, aber auch Feldlerchen, Stare, Rotkehlchen, Mönchsgrasmücken und Ringeltauben – insgesamt fast vierzig verschiedene Arten. Weitere Opfer waren vermutlich schon von Füchsen, Möwen und anderen Aasfressern verschleppt worden. Im hellen Licht der Großstädte fallen immer wieder Vögel erschöpft und orientierungslos »vom Himmel«, oft Wasservögel oder andere Arten, die man dort nicht erwarten würde. In Regensburg, New York und anderen Städten haben sich Wanderfalken darauf spezialisierte Vögel zu jagen, die desorientiert hell beleuchtete Gebäude umfliegen. Sie haben offensichtlich gelernt, das Licht, was anderen Arten zum Verhängnis wird, zum eigenen Vorteil zu nutzen. Beleuchtete Hochhäuser sind auch anderenorts als Vogelfallen in Verruf geraten. Nordamerikanische Metropolen wie Toronto, Chicago und New York haben

daher »Licht aus!«-Kampagnen gestartet, um Vogelverluste zu minimieren. In Deutschland hat Heiko Haupt die Auswirkungen der Beleuchtung des neuen über 160 Meter hohen »Post-Tower« Hochhauses in Bonn auf die Vogelwelt intensiv untersucht. Dort wird mittels verschiedenfarbiger Leuchtstoffröhren und Strahler mit einer durchschnittlichen Gesamtleistung von 75 kW nicht nur wertvolle Energie verpulvert: Über Tausend Vögel aus 29 Arten wurden im 13-monatigen Untersuchungszeitraum unmittelbar an den erleuchteten Turm und seine Nebenanlagen gelockt und verloren hier ihre Orientierung. 200, also rund ein Fünftel, wurden dabei sofort getötet, weitere wurden verletzt und kamen vermutlich später noch um. Die Tiere kollidierten mit den Glasscheiben der Fassaden oder fielen zu Boden, nachdem sie im bzw. am Licht umhergeflattert waren. Die Anlock- und lrritationswirkung hat Heiko Haupt vorwiegend während des Herbstzuges, in geringerem Umfang auch während des Frühjahrszuges festgestellt. Sommergoldhähnchen, durchaus keine häufige Art, und Rotkehlchen waren besonders stark betroffen, aber auch Drosseln, Trauerschnäpper und Grasmücken waren unter den Opfern. Übrigens: Gemäß dem deutschem Tierschutzgesetz darf niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Besonders in die Schlagzeilen ist die kanadische Stadt Toronto geraten. Freiwillige suchen während der Zugzeiten jeden Morgen den Bankendistrikt mit seinen Wolkenkratzern nach Kollisionsopfern ab. An den Glasfassaden entlang des Ontario Sees, wo viele wichtige Zugrouten zusammentreffen, kommen pro Jahr schätzungsweise bis zu neun Mio. Vögel um, wiederum vor allem Singvögel. Offensichtlich haben selbst Fledermäuse trotz ihrer Echoortung Probleme mit den spiegelglatten Flächen, denn auch sie werden als Opfer in größerer Zahl gefunden.

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kurz beleuchtet

Gemeinden & Energie D e r t e u r e s pA s s

mit Dem kunstlicht 30

Lichtverschmutzung ist nicht nur belastend für Mensch und Umwelt, sondern verursacht auch ernome Kosten durch den hohen Stromverbrauch und dementsprechend auch Kohlendioxid. Hier ein paar grundlegende Fakten zum Thema Energie.

»lichtmüll« »Lichtmüll« ist jenes Licht, welches keinem Beleuchtungszweck dient und im Gegensatz zu Müll weder entsorgt noch verwertet, sondern nur verhindert werden kann. Es entsteht durch ineffizienten Einsatz und exzessiven Gebrauch. Licht wurde im Laufe des letzten Jahrhunderts aufgrund der Fortschritte der Beleuchtungstechnologie und der niedrigen Energiekosten zu einer billigen Ware. Aus ökonomischen Gründen bestand daher immer weniger Anlass zu jeglichem Nachdenken über den sorgfältigen Umgang damit.


kohlenDioXiD (co2) Bei der Produktion, im Betrieb und bei der Entsorgung aller Produkte, die für die Erzeugung von Licht notwendig sind, fällt Kohlendioxid an. Durch Beleuchtung werden so indirekt jährlich tausende Tonnen Kohlendioxid produziert. Messbar und vergleichbar ist dies vor allem durch den Stromverbrauch im Betrieb. Bei der Stromerzeugung, insbesondere bei der Verbrennung von nicht erneuerbaren Energieträgern, wird Kohlendioxid emittiert. Übermäßiges CO2 in der Atmosphäre fördert den Treibhauseffekt, welcher die Klimaerwärmung beschleunigt. Beim Einsatz effizienter Beleuchtung kann die eingesparte Energie von Kilowattstunden direkt in den eingesparten Kohlendioxid-Verbrauch umgerechnet werden. Durchschnittlich fallen beim österreichischen Stromverbrauch ca. 195 Gramm/Kilowattstunde CO2 an. Laut UCTE-Mix sind es europaweit ca. 432 Gramm/Kilowattstunde CO2. Effiziente Beleuchtung ist daher auch ein wertvoller Beitrag zum Klimaschutz

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licht-wettrüsten Das menschliche Sehorgan kann sich relativ schnell von Dunkelheit an helles Licht anpassen. Für die Dunkeladaption, den Übergang von hellem Licht zu Dunkelheit, benötigt das Auge hingegen längere Zeit, bis es die optimale Sehfunktion wiedererlangt. Durch Werbung, Effektbeleuchtungen und Anstrahlungen entsteht so der Wunsch, dunklere Bereiche noch heller auszuleuchten, wodurch ein »Wettrüsten« ausgelöst wird.

zAhlen unD fAkten Die Beleuchtung benötigt weltweit 19 Prozent des Elektrizitätsverbrauchs, in der Europäischen Union sind es 16 Prozent. Davon entfallen 80 Prozent auf Industrie und Bürobeleuchtung, Verkaufsbeleuchtung und Straßenbeleuchtung etc., 20 Prozent auf die Beleuchtungen privater Haushalte.

einspArpotenziAl Optimierte Beleuchtung garantiert vielerorts geringeren Stromverbrauch, weniger Kosten sowie einen niedrigeren Ausstoß an Kohlendioxid. Durch effiziente Straßenbeleuchtung können zum Beispiel in Österreich rund 300 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr eingespart werden, kurz gesagt 45 Mio. Euro (bei angenommenen 0,15 Euro/Kilowattstunde) oder 58.500 Tonnen CO2.


massnahmen

reduzierung von lichtsmog Empfehlungen im überblick. teil 1

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Text Nikolaus Thiemann

Richtiges licht am richtigen ort Siedlungsbereich

Die Technologie ist heute so weit fortgeschritten, dass ökologische und ökonomische Verbesserungen der Beleuchtung sowie die Eindämmung der Lichtverschmutzung einfach möglich sind. Die Optimierung der Beleuchtung hinsichtlich Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit hängt vor allem mit der Wahl des Lampen- und Leuchtentyps sowie mit der Betriebsweise zusammen. Handelt es sich um Lichtwerbung, Weihnachtsbeleuchtung, Gebäudeanstrahlung oder Sportstättenbeleuchtung, muss grundsätzlich die Notwendigkeit der Beleuchtung in Frage gestellt werden.

Betriebsweise E i n e w e s e n t l i c h e A n f o r d e r u n g a n d e n B e t r i eb i s t d i e be d a r f s g e r e c h t e B e l e u c h t u n g . K u n s t l i c h t s o l l n u r z u d e n Ze i t e n u n d i n d e n I nte ns i täte n z u r Ver fü gu ng s t ehen, in w elc hen e s be n ö t i g t w i r d.

empfehlung • Halbnachtschaltung oder Reduzierschaltung • Begrenzung der Beleuchtungsdauer • Einsatz von Bewegungsmeldern • Verzicht auf Bodeneinbaustrahler und Skybeamer

Ökologische Nischen wie Gewässerbereiche, Parks mit alten Baumbeständen und Grünanlagen gelten im bebauten Gebiet als Lebensraum nachtaktiver Tiere. Insbesondere hier ist der umweltverträgliche Lichteinsatz bedeutend. Bei optimaler Beleuchtung im gesamten Siedlungsbereich wird die Störung der Anrainer durch Lichtimmissionen sowie die Aufhellung des Nachhimmels verringert.

Randbereich der Siedlung Im Randbereich von Siedlungsräumen befinden sich häufig Gewerbe- und Industriezonen, welche zu stark beleuchtet sind. Dabei sollten Übergänge zur freien Landschaft deutlich geringer ausgeleuchtet werden als zentrale Siedlungsbereiche. Handelt es sich bei den angrenzenden Lebensräumen um Magerrasen, Gewässer, Waldränder, Hecken oder Feuchtgebiete, muss den Anforderungen einer umweltfreundlichen Beleuchtung besonders Rechnung getragen werden. Siedlungsrandbereiche sind aufgrund ihrer einfachen Erreichbarkeit für das Erleben des Sternenhimmels von großer Bedeutung. Aus Sicht des Naturschutzes, der Astronomie und der Lichttechnik ist eine Reduktion der Beleuchtungsstärke auf Werte nahe der Vollmondhelligkeit erstrebenswert.


energie & gemeinDen

freilAnD Bei Lichtkonzentrationen außerhalb von besiedelten Gebieten handelt es sich meist um angestrahlte historische Gebäude wie Burgen, Schlösser und Kirchen, aber auch um touristische oder industrielle Bauten wie Bergbahnstationen, Kläranlagen und Kraftwerke. Die Beleuchtung dieser Einrichtungen beeinträchtigt Lebensräume und ihr Arteninventar sowie die Sichtbarkeit des Sternenhimmels in weitem Umkreis. Deshalb ist eine umweltverträgliche Beleuchtung im Freiland besonders wichtig, die Prüfung der Notwendigkeit und der Verträglichkeit des Einsatzes von Kunstlicht ist notwendig.

leuchten Die Anforderung an Leuchten ist der gezielte Lichteinsatz, Streulicht und Blendung können damit vermieden werden. empfehlung • Abgeschirmter Leuchtentyp, Full-Cut-Off Leuchte • Reduzierung der Lichtpunkthöhe • Gezielte Lichtlenkung durch geeignete Installation, Reflektoren und plane Leuchtenwanne • Geschlossenes Gehäuse und geringe Oberflächentemperatur

full-cut-off leuchte Der abgeschirmte Leuchtentyp strahlt das Licht nur in den unteren Halbraum ab. Durch die Begrenzung des Abstrahlwinkels wird die Lichtausbeute und -verteilung optimiert.

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gefangen im lichtkegel

A B s t r A h lw i r k u n g Die dargestellten Abstrahlwirkungen der Leuchten sind auf schlechte oder gar keine Abschirmung (rechts) zurückzuführen. Grund dafür sind die außerhalb des Gehäuses befindlichen Leuchtkörper. Das Licht gelangt so ungehindert in die Umgebung.

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leuchtenvergleich Laternen, deren Leuchtkörper sich zum Teil außerhalb des Leuchtgehäuses befinden, strahlen das Licht stärker nach oben ab.

Laternen, deren Leuchten in eine plane Wanne gelassen wurden, vermindern enorm die Abstrahlung nach oben.


energie & gemeinDen

leuchtdiode (led)

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natriumdampf-hochdrucklampe

leuchtstofflampe lAmpen Die Anforderungen an Leuchtmittel sind Energieeffizienz (hohe Lichtausbeute), Langlebigkeit und warmweißes Licht mit geringen Blauanteilen. Auch die Wahl »moderater« Beleuchtungsstärken ist für den umweltverträglichen Einsatz relevant. metallhalogendampf-hochdrucklampe empfehlung • LED (Farbtemperatur warmweiß) • Natriumdampf-Hochdrucklampe Um eine umfassende Ökobilanz erstellen zu können, müssen Herstellung, Betriebszeit und Recycling der Lampen berücksichtigt werden. Alle Leuchtmittel müssen fachgerecht entsorgt werden.

die Quecksilberdampf-hochdrucklampe ist ab 2015 im handel nicht mehr erhältlich (eg nr. 245/2009).


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Die stiftung

unser anLiegen Text Bettina Schlichter

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Der Mensch ist ohne Zweifel ein Wesen des Lichts und am Tag aktiv. Als zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts die ersten elektrischen Außenbeleuchtungsanlagen in Betrieb gingen, war der Weg geebnet für einen längeren Zeitraum der Aktivitäten, die Freizeitgestaltung schien unbegrenzt. Ohne über die negativen Seiten nachzudenken, stand künstliches Licht ab diesem Zeitpunkt neben dem Urbedürfnis nach Wärme und Sicherheit auch für Wohlstand, Fortschritt und Prestige. Erst seit einiger Zeit wird allmählich den buchstäblichen Schattenseiten des Lichts Aufmerksamkeit geschenkt und ein Umdenken scheint stattzufinden. Um den Informationskreis aber nicht nur bei Astronomen, Tierforschern und Nachtliebhabern zu belassen, sondern dieses Thema auch der allgemeinen Bevölkerung zugänglich zu machen, bedarf es einer allumfassenden Kommunikation und Informationsvermittlung. Um dies zu erreichen wurde »Prima Nox« gegründet, die Stiftung zum Schutz der Nacht. Sie wird unter anderem geleitet von der International Dark Sky Association (IDA), der Fachgruppe Dark Sky Vereinigung der Sternfreunde e.V., der IDA Austria, dem Forschungsverbund »Verlust der Nacht« sowie der »Hellen Not«, eine Initiative der Tiroler Umweltanwaltschaft. Weitere Unterstützer finden Sie auf der Rückseite. Die Stiftung hat sich schwer-

punktmäßig zur Aufgabe gemacht, eine umfassende Informationsvermittlung über das Umweltproblem Lichtverschmutzung und den Schutz der natürlichen Nachtlandschaft zu gewährleisten. Neben der Forschungsarbeit, die mit vielen Experten unterschiedlicher Bereiche wie Astronomie, Chronobiologie, Schlafmedizin, Ornithologie, etc., stattfindet, ist Öffentlichkeitsarbeit ein essentieller Aufgabenbereich von »Prima Nox«. Die Kampagne, die aktuell gestartet wird und u.a. eine dreitägige Veranstaltung beinhaltet, und im laufenden Jahr an vielen unterschiedlichen Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfindet, ist dabei der Startschuss der umfangreichen und aufklärenden Arbeit der Stiftung. Ein wichtiger Bestandteil der Kampagne ist die Einführung eines Siegels zum Schutz der Nacht und geht einher mit einem Richtlinienkatalog, der Gemeinden über einen maßvollen und nachhaltigen Einsatz von Kunstlicht informieren soll. Das Siegel ist dabei als Auszeichnung einer jeden Stadt zu verstehen, die einige wichtige Punkte der Richtlinien erfüllt. Genaue Informationen dazu erfahren Sie auf der nächsten Seite.


ein siegeL fÜr den schutz der nacht 38

Text Bettina Schlichter

Schutzsiegel, Prüf- oder Kennzeichen: Für fast alles gibt es sie, um eine spezielle Zertifizierung kenntlich zu machen. Doch für etwas Essentielles und leider immer mehr in Vergessenheit geratenes gab es bislang noch kein Siegel: Für die Nacht. Das ändert sich jetzt. Die Stiftung zum Schutz der Nacht »Prima Nox« hat es eigens für ihre aktuell startende Kampagne für den Nachtschutz entwickelt. Wozu das Ganze? Nachtschutz ist erst seit relativ kurzer Zeit ein Thema, vor allem für Astronomen, Sternegucker und Tierforscher. Denn die zunehmende Aufhellung der natürlichen Nacht durch Kunstlicht stört nicht nur den Blick auf das Sternenfirmament, sondern auch viele Tiere, die nachts aktiv sind, durch Blendung und schränkt sie in ihrem natürlichen Jagdverhalten ein. Aus dem Wunsch, die Nacht wieder für alle erfahrbar zu machen, entstand die Idee, ein Siegel zum Schutz der natürlichen Nachtlandschaft zu entwickeln. Es richtet sich primär an Entscheidungsträger von Städten und Gemeinden, die sich

damit auszeichnen können, indem sie wichtige Punkte aus dem dazugehörigen Richtlinienkatalog einhalten. Der Katalog wurde von Experten auf dem Gebiet der Lichtverschmutzung entwickelt und beinhaltet Informationen, Anleitungen und Hilfestellungen für einen maßvollen, sinnvollen und nachhaltigen Umgang mit künstlichem Licht. Es schließt sowohl die öffentliche Straßenbeleuchtung ein, als auch diverse Freizeitanlagen wie Sportplätze und gibt auch Tipps, wie Firmen ihre Leuchttafeln zumindest so gestalten, dass ihre Leuchtintensität so gering wie möglich gehalten wird. Der Richtlinienkatalog ist in der zweiten Ausgabe von »21.8 mag« unter der Rubrik »Energie & Gemeinden« als Extrabroschüre zu finden. Damit ist er nicht nur Entscheidungsträgern von Kommunen vorbehalten, sondern jedem Bürger, der dieses Magazin erwirbt. Er ist ebenso in digitaler Form für Smartphone und Tablet erhältlich und über die Internetseite www.primanox.org zu beziehen. Darüber hinaus aus werden zu dem Katalog in jeder zweiten Ausgabe von »21.8 mag« in gekürzter Form Empfehlungen zur Reduzierung von Lichtsmog vorgestellt. Keine Stadt ist zu irgendetwas verpflichtet, jedoch wäre ein Streben nach dieser Art von Auszeichnung ein wünschenswerter Effekt, denn er bringt in jedem Fall positive Veränderungen mit sich. Weniger Lichtmüll, optimal abgeschirmte Laternen und eine Nacht, die womöglich tatsächlich wieder ein bisschen dunkler wird und somit allen Lebewesen ein bisschen mehr Ruhe in der urbanen Nacht beschert.


Die stiftung

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prima nox zertifiziert 20 15

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imressum

Quellen

Herausgeber

Textquellen

Stiftung »Prima Nox« Chausseestraße 111 10115 Berlin E-Mail: info@primanox.org Internet: www.primanox.org

S. 2 Zitat Gibran. Gefunden in Broschüre des Forschungsverbundes »Verlust der Nacht« S. 6 Merk, H..J. »Die Bortle Skala«. URL: http://www.astromerk. de/lichtverschmutzung/186-die-bortle-skala.html [Stand: 27.06.2014] S. 9 Vorspann: Bettina Schlichter S. 14 Sternsichtbarkeit in Deutschland: Tapissier, F. S. 16ff. Interview mit Matthias Engel, geführt über E-Mail am 25.06.2014. Fragen Bettina Schlichter. S. 20, 21, 30, 31, 32, 33 Informationsheft »Helle Not« der Tiroler Umweltanwaltschaft. S. 46 Zitat Nietzsche. Gefunden in Broschüre des Forschungsverbundes »Verlust der Nacht«

redaktion Bettina Schlichter

konzept und gestaltung Bettina Schlichter

Autoren Bettina Schlichter, Dr. Andreas Hänel, Sabine Frank, Stefanie Suchy, Wilfried Doppler, Dietmar Hager, Peter Heilig, Peter Huemer, Gerhard Tarmann, Thomas Posch, Nikolaus Thiemann, Katharin Krause, Ommo Hüppop, Reinhard Klenke und Anja Nordt

Illustrationen Bettina Schlichter

Fotografien Gerhard Engel, Till Credner, Mark Thiessen

druck Wolfau-Druck AG, Lagerstrasse 6 CH-8570 Weinfelden

BILDquellen S. 6 URL: http://scenery-wallpapers.com/starry_night_in_desert_wallpaper-wallpapers.html [Stand: 27.06.2014] S. 7 Animation: Stellarium. © Hans-Jürgen Merk. S. 9 Sternsichtbarkeit in Deutschland. Infografik Bettina Schlichter. Basiert auf der Lichtverschmutzungskarte von Frédéric Tapissier/ AVEX 2006-2007. URL: http://www.avex-asso.org/ dossiers/wordpress/?page_id=41 [Stand: 27.06.2014] S. 12, 13 URL: http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/27943272 [Stand: 27.06.2014] S. 15 URL: http://www.wallsave.com/wallpaper/1920x1080/ night-forest-trees-in-the-at-389831.html [Stand: 27.06.2014] S. 20ff. URL: http://hqscreen.com/dark-forest-wallpaper-967/ [Stand: 27.06.2014] S. 30 URL: http://wallpaperscraft.com/download/america_light_ clouds_houses_cities_skyscrapers_roads_lights_pictures_sky_ nighttime_13644/3840x2160 [Stand: 27.06.2014] S. 33ff. Illustrationen Bettina Schlichter. Basieren auf den Abbildungen des Informationshefts »Helle Not« der Tiroler Umweltanwaltschaft. S. 42 Illustration Bettina Schlichter

erscheinungsweise monatlich in 2015, parallel zur stattfindenden Kampagne von »Prima Nox«

copyright Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Aufnahme in Onlinedienste und Internet sowie Vervielfältigungen auf Datenträgern dürfen nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung des Verlags erfolgen.

Bild- und textnachweis Alle Arbeiten und Texte sind in der Regel von den Studierenden selbst hergestellt. Wir bitten um Nachsicht, dass in einer Lehrsituation die Fragen nach Rechten nicht immer geklärt werden können. Da es nicht die Absicht ist, einzelne Studienarbeiten in der Öffentlichkeit zu publizieren, sie also als Layout zu betrachten sind, bitten wir um Verständnis.

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ausbLick

Die Themen der nächsten Ausgabe März 2015 41

Lichtsmog stäDte im lichtermeer – eine utopie?

Gesundheit unsere kränkelnDe 24-stunDen-gesellschAft Astronomie reise eines lichtteilchens


» Was alle wissen, wird von allen vergessen, und gäbe es keine Nacht, wer wüSSte noch, was Licht wäre!« Friedrich Nietzsche


www.primanox.org

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21.8 MAG #02  

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