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ihre Persönlichkeit einander anglichen, bis man sie für Brüder hielt. Klar, wir hatten gemeinsame Interessen, liebten dieselbe Musik; Damals kauften wir jedes Album mit deutschem HipHop am ersten Verkaufstag: Fettes Brot und Massive Töne. Die Alben liefen bei uns rauf und runter und wir konnten die Lieder praktisch auswendig. Florian besaß einen Multifunktions-Player für Kassetten und CDs, was schon damals ziemlich angestaubt wirkte aber immer noch einen besseren Klang hatte als die ersten MP3-Player. „Das kriegst du nie so hin“, sagte ich zu Florian, als ich zum ersten Mal bemerkte, dass er selbst Texte dazu aufschrieb. Vielleicht war es nicht die Art, wie beste Freunde miteinander umgingen aber ich verstand überhaupt nicht, was ihn dazu antrieb. Er notierte Sätze auf kleine Fresszettel, die in seinem Zimmer verstreut lagen und versteckte sie schnell, wenn ich versuchte, einen Blick zu erhaschen. Ich fragte ihn, warum er mir nicht zeigen wollte, was er da schrieb. „Geh mir nicht auf die Nerven“, sagte er, „ich versteh ja auch nicht, warum du so ein verdammter Streber bist“. Zugegeben, es stimmte, dass ich die besseren Noten schrieb als er, und zwar ohne mich großartig anzustrengen. Ohne mich wäre aufgeschmissen gewesen: Ich zog ihn in der Schule mit, schrieb die Aufgaben mit, wenn wir etwas vorbereiten mussten und verankerte ihn auf diese Weise in unserer Welt, während er mit dem Kopf immer woanders steckte. Im Ausgleich sorgte er dafür, dass mir nicht langweilig wurde, und ich nicht alleine zuhause saß. Meine Beliebtheit bei den anderen hielt sich in

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2017 Word for Work Workshop ebook  

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