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KREISL AUFWIRTSCHAF T
„Der Wandel beginnt beim Umdenken“ UMDENKEN
Cradle to Cradle hat großes Potenzial und ist bereits weit verbreitet. Gleichwohl benötigen die Unternehmen Unterstützung durch die Politik. Text: Armin Fuhrer Foto: Cradle to Cradle NGO/Max Arens, Josh Power/unsplash
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mmer mehr Unternehmen in Deutschland arbeiten nach dem Prinzip des Cradle to Cradle (C2C), das über das hinausgeht, was allgemein als Kreislaufwirtschaft definiert wird. Das Ziel ist nicht, durch wirtschaftliches Handeln weniger schädlich zu sein, sondern einen ökologischen, ökonomischen und sozialen Mehrwert zu schaffen. Heute ist Recycling meist Abfallmanagement oder Downcycling. C2C denkt von Anfang an anders und wertet Müll als Designfehler. Produkte sollen so gestaltet sein, dass sie kontinuierlich in biologischen oder technischen Kreisläufen zirkulieren. „Im Produktdesign ist ein wichtiges Prinzip Materialgesundheit und Kreislauffähigkeit – wir nutzen nur Materialien, die abgeleitet vom Nutzungsszenario für das Produkt geeignet sind“, erklärt Nora Griefahn, Co-Gründerin und geschäftsführende Vorständin der Cradle to Cradle NGO.
Frau Griefahn, und wie sieht es in der Produktion aus?
In der Produktion setzen wir erneuerbare Energie ein, nutzen Wasser in geschlossenen Kreisläufen, halten die Luft sauber und haben entlang der Lieferketten faire Arbeitsbedingungen. In welchen Branchen oder Produktgruppen wird C2C bereits erfolgreich angewendet?
Beispiele für C2C gibt es in nahezu jeder Branche, weil der Ansatz Wirtschaftlichkeit, soziale Verantwortung und Umweltschutz vereinbart. Im Textilbereich setzen große Marken C2C bereits um. Bei jedem Waschgang landen tausende Textilfasern in der Umwelt, die dort abbaubar sein müssen. Es entstehen Gebäude wie The Cradle in Düsseldorf, die nach C2C geplant und mit C2C-Baustoffen gebaut werden. Diese Gebäude sind demontierbare Materiallager, deren
„Es sind verbindlichere Maßnahmen nötig“ K R E I S L AU F W I R T S C H A F T G LO B A L
Der Übergang zur Kreislaufwirtschaft ist bereits im Gange, aber es müssen weitere Maßnahmen umgesetzt werden, um sie flächendeckend zu etablieren. Nora Sophie Griefahn, Co-Gründerin & Geschäftsführende Vorständin, Cradle to Cradle NGO
Wert mit steigenden Rohstoffpreisen zunimmt. Auch in anderen Bereichen sehen wir Bewegung: von C2C-Elektrogeräten bis zu Fabriken, aus denen Wasser sauberer herauskommt, als es reinfließt. Diese Ansätze müssen wir nun skalieren. Welche Hindernisse gibt es, die eine breitere Anwendung von C2C behindern?
Wir subventionieren viele lineare Wirtschaftspraktiken. Beispielsweise ist die Produktion von neuem Plastik aus Erdöl von der Energiesteuer befreit. Damit ist recycelter Kunststoff automatisch teurer. Diese Fehlanreize müssen wir abschaffen, damit ein Level Playing Field entsteht. Sie widersprechen auch dem politischen EU-Ziel einer Circular Economy. Wie können denn Unternehmen, insbesondere KMUs, bei der Umstellung auf C2C unterstützt werden?
Der Wandel beginnt beim Umdenken, braucht aber politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die klima- und ressourcenpositives Handeln fördern. Wertschöpfung sollte danach bewertet werden, ob langfristig Mehrwert entsteht. Dafür braucht es Preise, die externe Kosten abbilden und verbindliche politische Rahmenbedingungen. Wie groß ist das Potenzial?
Eine Studie des BDI und Deloitte zeigte 2024, dass durch die Umsetzung einer Circular Economy die Bruttowertschöpfung in Deutschland bis 2030 um 12 Mrd. € pro Jahr steigen würde. Indirekte Effekte wie geringere Importabhängigkeit, höhere Unternehmensresilienz und Wettbewerbsvorteile sind da nicht mitgerechnet. Die EU kann durch C2C als Standort zum globalen Vorreiter werden.
Cradle to Cradle (C2C) drückt aus, dass im Idealfall eine fortlaufende Kreislaufführung aller Produkte/Materialien erreicht werden kann und soll.
Text: Armin Fuhrer Foto: Presse, Simon Kessler/unsplash
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ie Kreislaufwirtschaft hat sich weltweit von einem Konzept zu einer konkreten Umsetzung entwickelt. 75 Prozent der Unternehmen erkennen mittlerweile ihre Bedeutung an (vor drei Jahren waren es noch 40 Prozent). Dies spiegelt die Verbreitung der Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in der Unternehmensstrategie wider. Es gibt mehr als 75 nationale Strategien, Fahrpläne und Aktionspläne für die Kreislaufwirtschaft, was auf eine reifende politische Landschaft hindeutet. „Die Kapitalinvestitionen in Kreislaufinitiativen sind in den letzten drei Jahren um über 70 Prozent gestiegen, ein klares Zeichen für das zunehmende Marktwachstum“, sagt Sarah O‘Carroll, Institutions Lead bei der britischen Ellen MacArthur Foundation.
Gibt es Regionen oder Sektoren, die bei der Umsetzung der Prinzipien der Kreislaufwirtschaft besonders erfolgreich sind?
Die EU ist mit einem integrierten politischen Rahmen, speziellen Finanzmitteln und starken regulatorischen Impulsen weiterhin weltweit führend. In Bezug auf die Kreislaufwirtschaft lebt das Erbe des Europäischen Green Deals und des Aktionsplans für die Kreislaufwirtschaft im EU-Abkommen für eine saubere Industrie und im bevorstehenden Kreislaufwirtschaftsgesetz von 2026 weiter. Was die Branchen betrifft, so sind Kunststoffe und Verpackungen weltweit klar führend, angetrieben durch den Prozess des Global Plastics Treaty und eine umfassende Koordination innerhalb der Branche. Von der Ellen MacArthur Foundation unterstützte Initiativen wie das Global Commitment und das Plastics Pact Network erzielen messbare Erfolge. Und wo sehen Sie noch die größten Hindernisse für die weitere Verbreitung der Kreislaufwirtschaft?
Zu den größten Hindernissen zählen die begrenzte politische Abstimmung, die fragmentierte Umsetzung und das Fehlen verbindlicher, rechtlich durch-
Die EU ist mit einem integrierten politischen Rahmen, speziellen Finanzmitteln und starken regulatorischen Impulsen weiterhin weltweit führend.
Sarah O‘Carroll, Institutions Lead, Ellen MacArthur Foundation
Zu den größten Hindernissen zählen die begrenzte politische Abstimmung, die fragmentierte Umsetzung und das Fehlen verbindlicher, rechtlich durchsetzbarer Maßnahmen. setzbarer Maßnahmen. Hinzu kommen unzureichende steuerliche Anreize und Schwierigkeiten beim Zugang zu Finanzmitteln. Welche Erfolge hat die Ellen MacArthur Foundation bisher erzielt?
Seit ihrer Gründung hat die Ellen MacArthur Foundation die Kreislaufwirtschaft erfolgreich auf die Tagesordnung gesetzt: Wir haben die Vision festgelegt, bei der Zielsetzung geholfen und die Fortschritte verfolgt. Dies hat eine unglaubliche Dynamik für die Kreislaufwirtschaft unter den globalen Entscheidungsträgern geschaffen.
Unsere Initiativen haben den Übergang zur Kreislaufwirtschaft beschleunigt. Im Bereich Kunststoffe wurden seit 2018 eine Billion Plastiktüten aus Neuware vermieden, sowie 3,4 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen allein im letzten Jahr durch die Unterzeichner des Global Commitment. Auch die Wiederverwendungsinfrastruktur im Verpackungssektor wurde ausgebaut. Dies entspricht einer Steigerung von 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Modebranche gibt es Unterstützung für das Wachstum zirkulärer Geschäftsmodelle (zum Beispiel Wiederverkauf und Reparatur). Zusammen mit Pionieren aus der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft setzen wir uns erfolgreich für ambitionierte politische Ziele ein, beispielsweise in der EU.
Weitere Informationen:
www.ellenmacarthurfoundation.org