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Uwe Schulz

Rainer Eppelmann

Jutta Weber

Peter Zimmerling

Was er uns heute zu sagen hat (Interviews & Gespräche)

Ein Buch voller frischer Gedanken über den bekanntesten deutschen Widerständler und Theologen, der sich nicht um die Sache des christlichen Glaubens herummogelte. Kenner von Werk und Leben Dietrich Bonhoeffers bahnen in Interviews neue Zugänge. Der Freund und Nachlassverwalter Eberhard Bethge blickt mit seiner Frau Renate Bethge zusammen in einem bisher unveröffentlichten langen Gespräch wenige Jahre vor seinem Tod gelassen auf den widersprüchlichen Umgang der Nachwelt mit den «abgebrochenen Dingen» Bonhoeffers. Jutta Weber, die in der Staatsbibliothek Berlin den gesamten Nachlass verwahrt, erzählt vom Reiz, den Bonhoeffers Handschriften ausüben. Der Musiker Siegfried Fietz, der Bonhoeffer-Texte vertont hat, schildert, wie ihn die Worte dieses «theologischen Lehrers» prägten. Rainer Eppelmann, als Pfarrer in der DDR «Staatsfeind Nr. 1», kann sich die Wende 1989 ohne Bonhoeffer nicht denken. Zwei der renommiertesten Bonhoeffer-Interpreten sprechen von Faszination und Irritation: Der Theologe Peter Zimmerling hält Bonhoeffers Gedanken auch im 21. Jahrhundert für bedeutende Wegmarken. Sein Kollege Wolf Krötke warnt gleichzeitig, Bonhoeffer als «Papst für alles Mögliche» zu strapazieren.

Was wären wir ohne Dietrich Bonhoeffer?

Dietrich Bonhoeffer

Was wären wir ohne Dietrich Bonhoeffer?

Dietrich Bonhoeffer

Eberhard Bethge

Renate Bethge

Siegfried Fietz

Wolf Krötke

Uwe Schulz

Bonhoeffer 2.0:

Uwe Schulz

Bonhoeffer 2.0: Was er uns heute zu sagen hat (Interviews & Gespräche)


Uwe Schulz Was w채ren wir ohne Dietrich Bonhoeffer?


Meinen Eltern Erni und Hellmut Schulz gewidmet.

Der Autor Uwe Schulz (Jg. 1966) ist Diplom-Journalist und Autor, der sich regelmäßig mit theologischen und kirchengeschichtlichen Themen befasst. Er ist Verfasser der Biographie «Dietrich Bonhoeffer – Ein abgebrochenes Leben» und hat in Hçrfunk und Presse etwa zu Benedikt von Nursia, Martin Luther, Paul Gerhardt, Martin Buber und Adolph Kolping verçffentlicht sowie zu Aspekten alter und neuer jüdischer Geschichte.


Uwe Schulz

Was w채ren wir ohne Dietrich Bonhoeffer? Bonhoeffer 2.0: Was er uns heute zu sagen hat (Interviews und Gespr채che)

Verlag Basel . Giessen


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Die Bibelstellen wurden folgender Übersetzung entnommen: Lutherbibel  1984, 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

 2013 by Brunnen Verlag Basel Umschlag: waterproof grafikdesign, Ingo C. Riecker, Neuffen Foto Umschlag: bpk-images.de (Foto: Dietrich Bonhoeffer zusammen mit seiner Zwillingsschwester Sabine) Signatur Bonhoeffer (Umschlag und Inhalt): Christian Gremmels/Renate Bethge (Hrsg.), Dietrich Bonhoeffer – Bilder eines Lebens,  2005, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH. Signaturen im Innenteil: Das Copyright liegt bei den betr. Interviewten. Die Unterschriften dürfen nicht kopiert oder vervielfältigt werden. Fotos im Innenteil: Fotos von Eberhard und Renate Bethge,  by Ingo C. Riecker, Neuffen. Fotos der Interviewten: Von den Interviewten zur Verfügung gestellt. Satz: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel Druck: FGB, Freiburger Graphische Betriebe Printed in Germany ISBN 978-3-7655-1310-7


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Inhalt

Vorwort..............................................................................

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1. Uwe Schulz: «Dietrich Bonhoeffer bewegt Menschen zutiefst».........

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2. Eberhard und Renate Bethge: «Bonhoeffer muss sich nicht rechtfertigen» .................

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3. Siegfried Fietz: «Ich habe nächtelang nicht geschlafen» .......................

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4. Jutta Weber: «Das erlebe ich mit keinem anderen Nachlass»............

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5. Wolf Krçtke: «Bonhoeffers Fragen waren meine Fragen».................. 6. Rainer Eppelmann:

79

«Ein unpolitischer Christ ist Jesus ungehorsam» ..........

99

7. Peter Zimmerling: «Bei Bonhoeffer ist auch in Zukunft noch viel zu holen» 8. Uwe Schulz:

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«Bonhoeffer ist mein Seelsorger»..................................

133

9. Dietrich Bonhoeffer: Stationen .......................................................................

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Literaturverzeichnis ..........................................................

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Anmerkungen ...................................................................

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Dietrich Bonhoeffer zusammen mit seiner Zwillingsschwester Sabine.


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Vorwort

Wahrscheinlich wäre dieses Buch nicht zustande gekommen ohne den Anstoß meines Lektors Christian Meyer. Ihn bewegt vor allem das einzigartige Lebenszeugnis Bonhoeffers. Mich bewegt daneben auch die Sorge, eine allmählich in Ritualen und Stereotypen erstarrende deutsche Erinnerungskultur im Zusammenhang mit dem Dritten Reich, dessen Tätern und Opfern, kçnnte dem Lebenswerk Dietrich Bonhoeffers auf Dauer jede Aktualität, jede Spitze, jede Herausforderung rauben. Die Frage auf dem Titel: «Was wären wir ohne Dietrich Bonhoeffer?», ist eine rhetorische, denn sie soll gleichzeitig die umwälzende Wirkung der Guten Nachricht, die Klarheit lutherischer Lehre und das Wagnis christlicher Nachfolge ins Blickfeld rücken, wie sie Bonhoeffer durchdrungen, durchlebt und durchlitten hat. «Bonhoeffer 2.0», wie der Untertitel es pointiert, bedeutet: Wer sich mit Bonhoeffer befasst, wird früher oder später unweigerlich den Blick von der Vergangenheit dieses im April 1945 brutal abgebrochenen Lebens abwenden und der Gegenwart des 21. Jahrhunderts zuwenden müssen. Die Wirklichkeit unserer Welt unterscheidet sich nur oberflächlich von der Weltwirklichkeit, die Bonhoeffer wahrnahm. Und da Bonhoeffers Erkenntnis der Gotteswirklichkeit die Wahrheit der Bibel ist, die er uns in neuer Sprache und historischen Taten auslegte, ist seine Botschaft an uns nichts anderes


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Uwe Schulz · Was wären wir ohne Dietrich Bonhoeffer?

als die mitreißende Predigt eines Mannes der Postmoderne, die uns für unsere Gegenwart im Glauben an den Auferstandenen stärken und rüsten soll. Auf Bonhoeffer trifft nach meiner Ansicht der Begriff «Glaubensvater» so gut zu wie auf Paulus, Luther oder Paul Gerhardt, nur ist er uns Nachgeborenen viel näher, zugänglicher und verständlicher als diese. Sein Vermächtnis verdient es, dessen bin ich sicher, einer neuen Generation pulsierend, irritierend und inspirierend weitererzählt zu werden, bis in unserer Nähe eines Tages vielleicht ein anderer auf ähnlich bemerkenswerte Weise in die Nachfolge Jesu tritt. Mein Dank gilt allen, die mir beim Verfassen dieses Buches eine Stütze waren: meiner Frau Monika, die mich fortwährend ermutigt, meinem ersten theologischen Lehrer Hans-Jürgen Dusza, der nicht ahnt, wie bedeutsam sein Beitrag zu meinem Leben war. Sabine und Stefan Loß für zahllose gute Gespräche über Glaube und Denken, meiner Schwester Christine für ihre Treue. Offenkundig wäre dieses Buch nicht zustande gekommen, wenn nicht einst Renate und Eberhard Bethge und unlängst Rainer Eppelmann, Siegfried Fietz, Wolf Krçtke, Jutta Weber und Peter Zimmerling mir so freundlich Gelegenheit gegeben hätten, ausführlich mit ihnen zu sprechen. Ich fühle mich beschenkt und geehrt. Uwe Schulz


«Tu, was dir vor die Hände kommt; denn Gott ist mit dir.» 1. Samuel 10,7

«Niemand suche das Seine, sondern was dem andern dient.» 1. Korinther 10,24


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1. Kapitel

Uwe Schulz: «Dietrich Bonhoeffer bewegt Menschen zutiefst»

(Uwe Schulz)


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Uwe Schulz · Was wären wir ohne Dietrich Bonhoeffer?

Es ist diese Stimme, die heute noch nachklingt, lange nach ihrem Verstummen. Ich hçre sie, schon bevor ich die Aufnahme abspiele, im Original auf Musikkassette festgehalten mit dem ersten eigenen, noch in D-Mark bezahlten Reportagegerät, inzwischen digitalisiert als Audiofile auf dem Laptop mit 250 Gigabyte Flashspeicher. Dieser kraftvolle Tenor, der über Jahrzehnte weit getragen hat in deutschen Seminarräumen, in englischen Kirchen und amerikanischen Hçrsälen, mit einem Brustton so voluminçs, als schçpfte der Atem selbst Luft in der Seele, und Klanghçhen, die den Zuhçrer bei den Ohren packen und ihn ermuntern, neu zu hçren. Es ist die Stimme Eberhard Bethges, die mich vor allem anderen bis heute überzeugt, dass Dietrich Bonhoeffer Menschen zutiefst bewegt. Die Notizen zum Interview mit dem damals 82-Jährigen und seiner Frau lagen seit 1992 unangetastet. Nun sollen sie davon zeugen, was alle Gesprächspartner Bethges bezeugen: Dass es keinen Besseren hätte geben kçnnen, um Bonhoeffers Glaubenszeugnis ohne Muff und Nostalgie weiterzutragen. Denn Bonhoeffers zentrale Lebensfrage, «wer Christus heute für uns eigentlich ist»1, verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gottessucher, Gottesfreunde und Gottesleugner an allen Enden der Welt. Bei den Recherchen zu diesem Buch erzählte etwa eine Theologin mit engen Verbindungen nach Südamerika, wie intensiv dort junge Leute aktuell Bonhoeffers Gemeinsames Leben mit der Beschreibung kommunitärer Praxis studieren. In den Buchhandlungen liegen Jahr um Jahr neue Geschenkbände mit Bonhoeffer-Zitaten, und an vielen Orten der Welt lebt die Erinnerung an ihn fort, so in Bonhoeffers Geburtsort Breslau,


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an seinem Leidensweg in Flossenbürg und an mancher Lebensstation wie beispielsweise der theologischen Hochschule in New York, dem Union Theological Seminary, wo nach eigener Auskunft Dietrich Bonhoeffer heute noch «Herz und Hirn elektrisiert»2. Dass die Bethges einem damals 25-jährigen Radiojournalisten und einem Fotografen an einem sonnigen Frühlingstag ihr Haus im rheinischen Wachtberg çffneten, sagt viel über ihr selbst gewähltes «Mandat» aus, den Nachlass zugänglich zu machen: Eberhard und Renate Bethge hatten vorher kein ExposØ und nachher keine minutiçse Autorisierung verlangt, nicht nach Auflagen und Umfang der Publikation gefragt. Ich schrieb damals an einer kompakten Bonhoeffer-Biographie, und ihnen genügte unser Interesse an Dietrich Bonhoeffers geistigem Erbe, um uns zu empfangen. Heute weiß ich, dass die beiden unentwegt so hilfsbereit waren. Die Welt ist voller publizistischer und künstlerischer Werke, die ohne die Mitwirkung der Bethges nicht existierten. Die Herausgeber des wohl bekanntesten Bonhoeffer-Buches, Widerstand und Ergebung, das in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurde, haben das «Mandat» treffend so beschrieben: «Eberhard Bethge steht als Adressat der etwa 200 Briefseiten, die Dietrich Bonhoeffer aus dem Gefängnis an ihn richtete, zugleich für eine ganze Welt, zu der das Lebensband wieder neu zu knüpfen ist. Dieses Buch will das Band weiterknüpfen.» Unser Interview erschien damals aus technischen Gründen nur in Auszügen in einem Schweizer Magazin, nun ist es erstmalig in vollem Umfang zu lesen, Seite an Seite mit neuen Gesprächen, die nur für diese Verçffentlichung entstanden. Eber-


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Uwe Schulz · Was wären wir ohne Dietrich Bonhoeffer?

hard Bethges Gedanken münden in geradezu prophetische Worte und erweisen damit auch nach Jahren ihre Frische. Jutta Weber, die in der Berliner Staatsbibliothek die Nachlässe Bonhoeffers und Bethges hütet, verbindet mit den Dokumenten persçnliche Erinnerungen an deren Wahrer. Der systematische Theologe Wolf Krçtke wirft einen nüchternen Blick auf die Denkarbeit seines Kollegen Bonhoeffer, während der praktische Theologe Peter Zimmerling sich der Mystik in Bonhoeffers Glauben widmet. Der politisch engagierte und in der DDR deshalb bedrängte Pfarrer Rainer Eppelmann spürt der gesellschaftlichen Sprengkraft Bonhoeffer’scher Thesen nach, und der Musiker Siegfried Fietz schildert, warum er nächtelang von den Worten seines «theologischen Lehrers» nicht loskam. Meine Notizen der Begegnung mit Eberhard und Renate Bethge im März 1992 beschreiben eine ruhige Siedlung zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, mit modernen Häusern, die an diesem sonnigen Frühlingstag hell strahlten: Haus Nummer 9 im Flachsgraben, ein kleines Fertighaus mit schlichtem Vorgarten, weißen Wänden und Satteldach. Auf unser Läuten çffnet Renate Bethge, eine Frau mit hellen Augen – Augen, wie sie ihre Urgroßmutter, Julie Bonhoeffer, Fotos zufolge gehabt haben dürfte. Eine junge Erscheinung mit korallenfarbener, feiner Kette über dem Pullover. Das Haar ohne Dauerwelle und Schmuck, grau, mittellang. Sie ist offenbar geübt im Empfang von Gästen, wirkt souverän, lässt keine Peinlichkeit aufkommen.


1. Uwe Schulz: «Dietrich Bonhoeffer bewegt Menschen zutiefst»

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Der Allerweltsflur mit der Treppe, die bis unters Dach führt, dahinter ein dunklerer Gang, in dem Bilder hängen, eine Kommode, auf der silbern glänzende Frisierbürsten liegen. Das Wohnzimmer erstreckt sich im Winkel zum Garten hin. Vorne rechts, um einen rechteckigen Tisch angeordnet, eine kleine Sitzgruppe mit Sofa und niedrigen Sesseln, bezogen mit grünem Velours. Biedermeier-Stil wie auch eine Zahl kleinerer antiker Schränke und Kommoden. Später werde ich auf alten Fotos aus dem Elternhaus Bonhoeffers in Berlins Marienburger Allee Sessel desselben Stils erkennen. Über dem Sofa der Bethges ein Gemälde aus dem Atelier William Turners. Überhaupt sind die Wände des Wohnzimmers, wie die des Flurs, mit Bildern verschiedener Formate und Stilrichtungen reichlich behängt, Öl, Holzschnitte, Fotografien. Der hintere Schenkel des Wohnzimmers beherbergt einen Bechstein-Flügel im Farbton mittelbrauner Eiche, mit abgegriffener Front. Darüber hängt ein großes Ölgemälde, das zwei Geschwister Dietrich Bonhoeffers zeigt. Renate Bethge macht noch immer Hausmusik, auch gemeinsam mit Nachbarn. Beim Musizieren hat sich das Paar vor mehr als fünf Jahrzehnten kennen gelernt. Sechzehn Jahre Altersunterschied konnten sie nicht trennen. Als Renate Bethge beginnt, CanapØs zu servieren, belegt mit Edelpilz- und Schnittkäse oder Schinken, dazu in feinem Porzellan einen Tee ihrer Hausmischung, Earl Grey und Ostfriesische Mischung, betritt Eberhard Bethge den Raum, bekleidet mit schlichten, braunen Halbschuhen, Wolljackett und Hose in gedeckter Farbe, über dem Hemd eine Weste in altrot, pas-


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send zur Krawatte. Ein aufrechter Mann von nahezu 1,90 Meter Kçrpergrçße, mit wachen Augen, die uns offenbar ebenso mühelos wahrnehmen wie seine Ohren. Nein, wie ein 82-Jähriger wirkt er nicht. Er trägt Falten im straffen Gesicht, seine etwas gekrümmten Finger haben die gläserne Haut des Alters. Die Begrüßung ist geschmeidig und elegant, aber nicht fçrmlich, sondern offen. Der gerade zu Ende gegangene Karneval kommt zur Sprache. Wir sind im Rheinland, und da nicht einmal der weitläufig benachbarte Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hier die Pflicht versäumt, stellen sich inzwischen auch die Berlinerin und der Sachse an den Straßenrand der dçrflichen Siedlung, um den Wachtberger Karnevalszug zu sehen. Ein Jeck, erzählt Renate Bethge, hat ihr zuletzt einen Luftballon geschenkt, weil ihm wohl der rote Schmink-Punkt in ihrem Gesicht nicht frçhlich genug erschien. Unser Gespräch verläuft konzentriert, das Telefon läutet zweimal, dann wird es abgestellt, um die Tonaufnahme nicht zu verderben. Das Ende des Interviews wird Renate Bethge auf eine äußerst freundliche Weise bestimmen. Ihr Mann nennt Bonhoeffer abwechselnd Dietrich oder Bonhoeffer, aber die zentrale, wenngleich beiläufige Aussage ist die, dass ihre Freundschaft noch heute andauere. Darin schwingt nichts mystisch Überhçhtes oder Nostalgisches. Bethge spricht zu gelassen über Bonhoeffer, um als eifersüchtiger Heiligenverehrer wirken zu kçnnen. Schwer zu fassen, wie ein halbes Leben unter diesem Nachlass seine eigene Kontur behalten hat. Ein Sohn der Bethges, Jurist, ist heute Cellist in einem Lon-


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doner Kammerorchester. Die Tochter lebt mit ihrem Mann in den USA. In vier Wochen werden die Eltern sie dort besuchen, nach der Teilnahme an der Gründungsveranstaltung zum Fundraising für den neuen Bonhoeffer-Lehrstuhl am Union Theological Seminary in New York, das Dietrich Bonhoeffer als kaum 25-Jähriger besucht hat. Bethges Arbeitszimmer verstrçmt das Aroma reifer Bücher. Bis unter die Decke sind dreieinhalb Wände mit Literatur gefüllt, vieles davon mit erkennbar alten Einbänden. Schräg gegenüber der Tür hängt ein großformatiges Foto Bonhoeffers, das beim Besuch seiner Zwillingsschwester Sabine Leibholz 1939 in London entstanden sein dürfte. Es dominiert nicht, es fällt ins Auge, und für einen Augenblick weht doch der Hauch von Verehrung durch den Raum, um kurz darauf wieder Bethges Präsenz zu weichen. Nahe dem Schreibtisch, dessen Front in die Zimmermitte ragt, nimmt das Archiv in dunklen Pappschubern das untere Fünftel eines Regals ein, erstaunlich überschaubar. Hier ruhen die Originale der Bonhoeffer-Forschung. Bethge blättert in Briefen seines Freundes, die, in Gasmaskenbehältern im Berliner Garten vergraben, den Krieg überdauert haben. Einige Sätze der durchaus leserlichen Handschrift trägt er laut vor, den Zeigefinger unterlegend, als teilte er einen geistigen Schatz, der nur zufällig in seinen Besitz gelangt ist. Zum Abschied – der Fotograf packt noch sein Material zusammen – plaudere ich mit Renate Bethge über ein Bild ihres Vaters Rüdiger Schleicher, danach kurz mit Eberhard Bethge über die bevorstehende Verçffentlichung der «Brautbriefe», die Bon-


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hoeffers Verlobte Maria von Wedemeyer auf ihrem Sterbebett wenige Jahre zuvor noch der Verfügung ihrer Schwester überlassen hat. Danach hilft Bethge dem Fotografen wie selbstverständlich in die Jeansjacke, und zum Schluss trägt er einfach eine unserer Taschen mit zum Auto. Die Hand haben wir einander bereits im Flur gereicht. Zum Abschied, in der Mittagssonne stehend, winkt uns das Paar von der Haustür aus nach, bis wir beide aus den Augen verlieren. Wir fahren davon, als verließen wir entfernte Verwandte. Gut zwei Jahrzehnte später wird sich dieser Eindruck von damals wieder einstellen in den Interviews zu diesem Buch: Dietrich Bonhoeffers Anstçße und Bethges Auslegung verbinden Menschen. In Berlin Mitte empfängt Bonhoeffers Büste heute junge Studenten der Humboldt-Universität im Foyer der Theologischen Fakultät, deren bekanntester Dozent er bis heute ist. Über der weißen Skulptur links des Eingangs sein Zitat, das in drei schwarzen Zeilen die weiße Wand beherrscht: «Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehçren.» Dieses Wort hat Gewicht in einer Metropole, die in sich alles Versagen und alle Triumphe eines Volkes zu vereinen scheint: die Lieder Paul Gerhardts, Pfarrer der Nikolaikirche, und die Märsche des Kaiserreichs; die «Goldenen Zwanziger» der Weimarer Republik und die Finsternis des Faschismus; die kalther-


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zige Teilung der Stadt 1961 und die friedliche Verbindung nach dem Mauerfall 1989. Hier, im Haus Burgstraße 26, mahnt der strahlend weiße, geschliffene Bonhoeffer zur Achtsamkeit: der klare Kopf. Grob in rçtlichen Marmor gehauen dagegen die Bonhoeffer-Büste, die im ehemaligen Westteil der Stadt zu sehen ist, im EntrØe der Staatsbibliothek, wo sich täglich die Wege hunderter zielstrebiger Forscher aller Fakultäten und Nationalitäten kreuzen: der Querkopf. Nicht weit entfernt stand einst der Kerker, aus dem Bonhoeffers letzter Weg 1945 ins KZ Flossenbürg in Bayern führte. Auch dort, auf halbem Weg zwischen den Orten Hof und Regensburg, in der Kapelle der Gedenkstätte, steht heute sein Porträt. Die dunkle Bronzeplastik hält einen Ausdruck von Schrecken und Zuversicht fest: Ein Mann, der den Kopf hingehalten hat.


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2. Kapitel

Eberhard und Renate Bethge: ÂŤBonhoeffer muss sich nicht rechtfertigenÂť

(Eberhard Bethge)


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Literaturverzeichnis

Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie, München: Kaiser, 19897. Dietrich Bonhoeffer: Nachfolge, München: Kaiser, 198716. Dietrich Bonhoeffer: Werke (DBW), 20 Bände, Gütersloh: Kaiser. Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, München: Kaiser, 199014. Pierre Bühler: Kreuz und Eschatologie, Tübingen: Mohr, 1981. Sabine Dramm: V-Mann Gottes und der Abwehr? Dietrich Bonhoeffer und der Widerstand, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2005. Otto Dudzus (Hrsg.): Bonhoeffer-Auswahl, Band 2, Gütersloh: Mohn, 19823. Stefan Grotefeld u. a. (Hrsg.): Quellentexte theologischer Ethik. Von der Alten Kirche bis zur Gegenwart, Stuttgart: Kohlhammer, 2006. Jürgen Henkys: Geheimnis der Freiheit. Die Gedichte Dietrich Bonhoeffers aus der Haft, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2005. Martin Hüneke, Heinrich Bedford-Strohm (Hrsg.): Eberhard Bethge. Weggenosse, Gesprächspartner und Interpret Dietrich Bonhoeffers, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2011. Sabine Leibholz-Bonhoeffer: Vergangen, erlebt, überwunden. Schicksale der Familie Bonhoeffer, Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 200510. Herbert Lindenlauf: Karl Barth und die Lehre von der «Kçnigsherrschaft Christi», Spardorf: Wilfer, 1988. Walther von Loewenich: Martin Luther. Der Mann und das Werk, München: List, 1982. Martin Luther, Ulrich Kçpf (Hrsg.): D. Martin Luthers Werke, (Weimarer Ausgabe), Band 48, Stuttgart: Bçhlaus Nachfolger, 2002. Ehrhart Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 19982. Ökumenischer Liederkommentar zum katholischen, reformierten und christkatholischen Gesangbuch, Basel: Reinhardt, 2001. Konrad Raiser: Religion – Macht – Politik. Auf der Suche nach einer zukunftsfähigen Weltordnung, Frankfurt: Lembeck 2010. Jan Vering: Siegfried Fietz. Von guten Mächten und bewegten Zeiten, Asslar: Gerth Medien, 2011.


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Uwe Schulz · Was wären wir ohne Dietrich Bonhoeffer?

Peter Zimmerling: Bonhoeffer als Praktischer Theologe, Gçttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2006. Peter Zimmerling: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, Gçttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 20102.


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Literaturempfehlung

Wolfgang Seehaber «Maria von Wedemeyer – Bonhoeffers Verlobte» Ein Lebensbild 384 Seiten Hardcover mit Schutzumschlag Format 13,5 x 21,0 cm EUR [D] 16.99 EUR [A] *17.50 CHF *24.80 * unverbindliche Preisempfehlung Best.-Nr. 191.195 ISBN 978-3-7655-1195-0 «Dies ist eine gründliche und umfassende Untersuchung zur Person Maria von Wedemeyers, die in den letzten Lebensjahren des Theologen einen großen Einfluss auf sein Dasein, sein Denken und Fühlen ausgeübt hat und für ihn der wichtigste Mensch überhaupt wurde.» Der frühere SpiegelJournalist Wolfgang Seehaber beschäftigt sich ausführlich mit den Orten und Menschen, die Bonhoeffers Braut geprägt haben, geht den religiçsen Einflüssen nach, die sich auf sie ausgewirkt haben, zeichnet den Weg der Verlobung nach und schildert das Leben dieser spannenden Frau nach dem Krieg.

Verlag Basel . Giessen


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