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Page 152

Der Beitrag ist in drei Schriftgraden gesetzt, deren Wechsel eher von Platznot als von diagrammatischer Unterteilung motiviert zu sein scheint. Der Textabschnitt im zweiten Block ist komplett im kleinsten Textgrad gesetzt. Erstaunlich angesichts der beengten Verhältnisse ist, dass sich im Bereich links unterhalb des ersten Bildes, der im größten Schriftgrad gedruckt ist, mehrere Sätze wiederholen, in denen der Autor über das Merchandising-Angebot am Eingang der Veranstaltung berichtet. Ob es sich hier um einen kritischen Kommentar der Redaktion bzw. Branczyks oder um ein Versehen handelt, ist schwer nachzuprüfen. Beide Möglichkeiten sind bei Frontpage denkbar: Die Abwesenheit eines professionellen Lektorats macht sich immer wieder bemerkbar,187 und Branczyk redigiert gelegentlich Texte, mit deren Aussage er unzufrieden ist.188 Für eine kritische Auseinandersetzung mit der Mayday ist Frontpage allerdings ein denkbar schlecht geeignetes Forum, denn Chefredakteur und Herausgeber Jürgen Laarmann ist Mitveranstalter der Party, die für ihre dritte Wiederholung an ihren Geburtsort, eine Halle in Berlin Weißensee, zurückkehrt. Einerseits schließt die Veranstaltung damit an die für den deutschen Techno enorm wichtige Tradition an, Räume im ehemaligen Berliner Osten für Partys zu erschließen, gleichzeitig handelt es sich nur noch bedingt um eine Berliner Veranstaltung: Bei den redaktionellen Kritikpunkten, die am unteren Rand der Doppelseite unterhalb dreier Minus-Glyphen zu finden sind, wird angemerkt, dass »[w]enige Berliner im Publikum«189 zugegen seien. Die rund 6000 Besucher rekrutieren sich tendenziell aus anderen Städten und Dörfern – Bernd Gerlach etwa ist aus Bad Oeynhausen angereist.190 Von digitalen Werkzeugen sind auch die Bilder zur Mayday geprägt. Hier werden aggressiv die Photoshop-Filter angewandt und Fotos verpixelt bzw. verzerrt. Branczyk hofft, durch den Einsatz von Effekten ein wenig der bunten, flackernden Clubatmosphäre in die noch völlig farblose Frontpage zu transportieren.191 Der Umgang mit Bildmaterial steht hier im Gegensatz zu dem in Ray Gun, wo zwar mit ungewöhnlichen Zuschnitten

148  —  Störungen in der digitalen Typografie

187 Vgl. Oliver Gehrs: »›Und

außerdem linksradikaler‹«, in: Taz 4833 (1996), S. 15–16, hier S. 15. 188 Vgl. Interview Branczyk 13.10.2011.

189 Gerlach: »Dieser

Mayday«, S. 19.

190 Vgl. ebd.

191 Vgl. Interview Branczyk

13.10.2011.

Profile for Björn Ganslandt

Widerspenstige Drucksachen  

Störung und Diagrammatik in der digitalen Typografie 1985-1995

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