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BIORAMA Nº. 51

MILCH

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Milch ist als industrieller Rohstoff relativ billig. Gleichzeitig wird sie als natürliches, ursprüngliches und regionales Produkt vermarktet. Bekommt die Milchwirtschaft mittelfristig Probleme, wenn diese Schere weiter auseinanderklafft? Auf jeden Fall. Ich denke nicht, dass man längerfristig die Verbraucher an der Nase herumführen kann. Und die werden – zumindest in Europa – auch immer kritischer. Das ist ja auch einer der Gründe, wieso die Milchwirtschaft mit allen Mitteln versucht, neue Territorien und Märkte zu erschließen. Und lassen sich Ansätze zum Systemwechsel in der Milchwirtschaft erkennen? Ja klar. Die ökologische und extensive Landwirtschaft besteht nicht nur aus Träumern. Ein Systemwechsel würde allerdings auch bedeuten, die Landwirtschaftspolitik dahingehend zu verändern, dass es EU-Förderungen nur mehr für Bioleistungen oder extrem schwierige Lagen, z.B. in den Bergen, gibt. Das zu fordern liegt an der Gesellschaft. Wäre auch weniger Milch eine Lösung? Schließlich gibt es einige Stimmen, die darauf hinweisen, dass Milch gar nicht besonders gesund ist, anders als es die Werbung seit Jahrzehnten behauptet. Wir haben Milch nicht nötig. Wer sie trinken will, soll das machen, aber nicht zu viel davon und möglichst in fermentierter Form, als Joghurt etwa – oder als Käse essen. Und natürlich möglichst aus Bioproduktion. Wenn Sie selbst im Supermarkt vor dem Kühlregal stehen. Für welche Milch entscheiden Sie sich dann? Da, wo ich lebe, in Südtirol, gibt es gar nicht so viel Auswahl. Daher regionale Biomilch. Zum einen hat Bio konstant gute Erzeugerpreise, und wenn man das im größeren volkswirtschaftlichen Zusammenhang sieht, also alle ökologischen Langzeitschäden und Kosten mit reinrechnet, ist sie sowieso ökonomischer.

»Das System Milch« läuft seit dem 21. September im Kino.

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»Der Markt für Biomilch ist ein ganz eigenständiger Milchmarkt.« Rüdiger Brügmann ist beim Bio-Erzeugerverband Bioland verantwortlich für die Website biomilchpreise.de, auf der man die Entwicklung des Markts für Milch aus ökologischer Kuhhaltung verfolgen kann. Wir haben uns von ihm erklären lassen, weshalb der Preis für Biomilch ziemlich unabhängig vom konventionellen Milchpreis ist. interview: thomas stollenwerk Kann man sagen, dass die Erzeugerpreise für Biomilch stabiler sind als die Preise für konventionelle Milch? rüdiger brügmann: Nun – da muss man sich ja nur die Entwicklung der letzten drei Jahre anschauen. Da lag der Biomilch-Preis stabil bei zirka 48 Cent pro Kilo netto ab Hof bei 4,0 % Fett und 3,4 % Eiweiß, während der Milchpreis für konventionelle Milch zeitweise massiv nach unten gegangen ist, 2015 auf unter 30 und 2016 unter 27 Cent. Wie kommt es zu dieser Entkopplung des BiomilchPreises vom konventionellen Milchpreis? Der Markt für Biomilch ist ein ganz eigenständiger Milchmarkt. Und die Molkereien haben ein Auge darauf, dass Angebot und Nachfrage in der Balance bleiben. Wie wird diese Balance von Angebot und Nachfrage erreicht? Inzwischen ist es zum Beispiel so, dass fast alle Biomolkereien eine Warteliste haben. In den letzten zwei Jahren haben ja viele Milchbetriebe auf Bio umgestellt, sodass momentan keine Betriebe mehr umstellen sollen, wenn sie nicht eine schriftliche Zusage von einer Molkerei haben, dass ihre Biomilch auch abgenommen wird. Eine Umstellung ohne Marktoption wäre einfach viel zu

02.10.17 19:06

Biorama #51  

Milch: Über ein boomendes Verlustgeschäft. Und Bio als Alternative. / Alpen: Der Ausverkauf eines Gebirges. / Kunst: Das Politische in Natur...

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Milch: Über ein boomendes Verlustgeschäft. Und Bio als Alternative. / Alpen: Der Ausverkauf eines Gebirges. / Kunst: Das Politische in Natur...

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