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Den Wandel gestalten


Liebe Leserin, lieber Leser, kennen Sie dieses lähmende Gefühl, das einen bei jeder Nachrichtensendung überkommt? Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Verfolgung. Klimawandel und Umweltzerstörung bedrohen die Lebensgrundlagen der kommenden Generationen. Finanzkrisen und wachsende soziale Ungleichheit untergraben den Zusammenhalt der Gesellschaft. Angesichts dieser Vielzahl von Krisen scheint die Lage aussichtslos. Sind Sie trotz alledem davon überzeugt, dass eine Transformation der bestehenden Verhältnisse hin zu einer besseren und gerechten Welt möglich ist? Die Menschen, die in der Bewegungsstiftung zusammenkommen, sind es. Was aber kann eine kleine Stiftung zu dieser notwendigen Transformation beitragen? Sie kann Impulse setzen. Sie kann Debatten anstoßen, Menschen zusammenführen und Anstöße geben.

Die Bewegungsstiftung setzt dabei auf Protestbewegungen als Hebel der Veränderung. Sie fördert da, wo Menschen aufstehen, auf die Straße gehen und für eine gerechtere Welt streiten. Das Geld stammt von unseren über 150 StifterInnen, die mit ihrem Vermögen sozialen und politischen Wandel anstoßen wollen. Seit 2002 haben sie Protestbewegungen mit Zuschüssen, Spenden und Beratung in Höhe von mehr als 3 Millionen Euro unterstützt. Mehr über unsere StifterInnen und Förderprojekte, unsere Erfolge und die Stiftung als Ort der Mitarbeit und Begegnung lesen Sie in dieser Broschüre. Wir laden Sie herzlich ein, sich an unserer Gemeinschaftsstiftung zu beteiligen. Helfen Sie uns dabei, soziale Bewegungen stärker und erfolgreicher zu machen. Stiften Sie an zum sozialen Wandel!

Matthias Fiedler Geschäftsführer der Bewegungsstiftung


Inhalt Den Wandel gestalten

Gemeinschaftsstiftung

06 | Das große Rad drehen –

22 | Gemeinsam die Welt verändern –

über die Wirkung der Bewegungsstiftung

als StifterIn in der Bewegungs- stiftung

08 | Wie Vermögende zu einer

24 | Portraits und Stimmen

gerechten Transformation beitragen können

von StifterInnen

28 | „Der wichtigste Motor für Verän10 | Du willst ein radikaler

Philanthrop werden?

Förderung 12 | Da fördern, wo andere

aufhören – unser Fördergrundsatz

derung sind Menschen, die gegen Ungerechtigkeit protestieren“ – Stifter im Gespräch

Geldanlage 32 | Mit Geld die Welt verändern – unser

Stiftungskapital als Förderinstrument

14 | Was unsere Förderung

bewirkt – Erfolge

34 | Geldanlage als politischer Hebel –

die Divest-Invest-Kampagne

16 | Stiftung bridge – Bürgerrechte

in der digitalen Gesellschaft

18 | Vollzeit politisch aktiv –

die BewegungsarbeiterInnen

20 | BewegungsarbeiterInnen

im Überblick

Mitwirkung & Über uns 36 | Stiften und Spenden 38 | Bewegungen anstoßen –

über das eigene Leben hinaus

40 | Die Stiftung in Zahlen 43 | Die Geschäftsstelle 44 | Andere über uns 46 | Pressestimmen


Den Wandel gestalten Warum wir Protestbewegungen als treibende Kraft für politische Veränderung fördern


Lebendige Stiftungsgemeinschaft: Bei der jährlichen Strategiewerkstatt in Berlin kommen StifterInnen und Aktive aus den geförderten Projekten zusammen, um sich auszutauschen, zu debattieren und voneinander zu lernen. Foto: Kai Horstmann

Das große Rad drehen Seit ihrer Gründung 2002 hat die Bewegungsstiftung soziale Bewegungen mit mehr als drei Millionen Euro unterstützt und ist zum Netzwerk und Lernraum für viele Menschen geworden. Gründungsstifter Christoph Bautz analysiert, welche Wirkung sie dabei erzielt hat. 5,8 Millionen Euro bringt das Stiftungskapital der Bewegungsstiftung auf die Waage – ein beachtlicher Betrag. Aber kann man mit dieser Summe die Transformation der Gesellschaft auf den Weg bringen, finanziell das große Rad drehen? Nein, sicher nicht. Doch wer die Wirkung der Bewegungsstiftung allein daran bemisst, der liegt auch grundfalsch. Mittlerweile scheint mir die Bewegungsstiftung auf ganz anderen Wegen Wirkung zu entfalten, als wir es bei der Gründung im Jahre 2002 intendiert hatten: indem mit ihr ein Lernraum entstanden ist, wie gesellschaftliche Veränderungsprozesse entstehen können und wie jede und jeder Einzelne einen Beitrag dazu leisten kann.

Ohne Protest keine Transformation Gemeinsam lernten wir als StifterInnen, was wir fördern wollen, um gesellschaftliche Transformation durchzusetzen: Protestkampagnen sozialer Bewegungen. Denn Protest setzt neue Themen auf die gesellschaftliche Agenda. Er verschiebt politische Kräfteverhältnisse – damit progressive Politikkonzepte sich durchsetzen und reaktionäre verhindert oder überwunden werden. Er lässt eine Zivilgesellschaft entstehen, die sich einmischt und die die Ohnmacht des Einzelnen überwindet. Klar, Protest ist nicht alles. Es braucht auch das gezielte Lobbying für die gute Sache, die Pionierprojekte, die zeigen, wie

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es anders geht. Aber ohne Protest, ohne Widerstand gegen antagonistische Wirtschaftsinteressen wird es nichts mit der Transformation. Wir haben gelernt, wo begrenzte Mittel am besten für Protest eingesetzt werden. Und wir haben an potentielle Förderprojekte immer wieder wichtige Fragen gestellt: Entfacht eine Kampagne gegen das Freihandelsabkommen TTIP nur ein Strohfeuer oder liegt ihr eine plausible Strategie zugrunde? Verfügt eine Protestbewegung für eine neue EU-Datenschutz-Richtlinie über einen politischen Hebel, durch den die adressierten PolitikerInnen ihre Position verändern? Beinhaltet eine Kampagne für den Kohleausstieg eine Kaskade von Maßnahmen, die das Potential haben, das Thema ganz nach oben auf die politische Agenda zu heben? Und: Werden hierdurch Menschen befähigt, politisch aktiv und mittels Protest wirkungsmächtig zu werden? Außerdem haben wir etwas Drittes gelernt – wie man mit begrenzten Mitteln am meisten bewegt: indem man fokussiert und nicht mit der Gießkanne verteilt. Statt zehn Projekte mit kleinen Beträgen zu fördern, ist es besser, sich auf das Projekt zu konzentrieren, das wirklich einen guten Hebel für gesellschaftliche Transformation besitzt und dieses längerfristig und verlässlich mit einem großen Betrag zu finanzieren, damit es seine ganze Wirkung entfalten kann.


Den Wandel gestalten

Was, wo und wie fördert man am besten, um gesellschaftliche Transformation vorwärts zu bringen? Hierüber wurden sich viele von uns StifterInnen erst durch die Bewegungsstiftung klar. Eine Folge davon ist: Wo viele früher im Rahmen der Stiftung gemeinsam mit anderen um Förderentscheidungen rangen, treffen sie diese heute für sich alleine – und spenden direkt. Die Schattenseite für die Stiftung: Das Geld fließt nicht mehr über ihre Töpfe. Damit bleibt leider auch ein Grundgedanke der Bewegungsstiftung auf der Strecke, der mir persönlich immer sehr wichtig war: Die privilegierte Situation von Vermögenden in unserer Gesellschaft zu durchbrechen und Entscheidungen, wohin ihr Geld fließt, zu demokratisieren. Das heißt, vermittelt über die Gremien der Stiftung, Förderentscheidungen gemeinsam mit anderen StifterInnen und mit Menschen aus Protestbewegungen zu treffen.

Die Stiftung befähigt Menschen eigene Förderentscheidungen zu treffen Die Sonnenseite ist hingegen, dass die Stiftung viele Menschen befähigt hat, ihr Geld sehr zielgerichtet für soziale und ökologische Transformation einzusetzen – und viel größere Räder zu drehen, als die Stiftung dies alleine kann. Ich weiß von vielen StifterInnen, die heute ein Vielfaches der Beträge an Protestbewegungen geben, die die Stiftung selber zur Verfügung stellen kann. Dass die Bewegungsstiftung viele dazu befähigt hat, ihre eigene Förderentscheidung zu treffen – das ist ihr gar nicht hoch genug anzurechnen. Erfreulicherweise geschieht dies auch punktuell gemeinsam: Als zwei Wochen nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima gleich vier Großdemonstrationen in Berlin, Hamburg, Köln und München geplant wurden, fehlte es vor allem an einem: Risikokapital zur Vorfinanzierung von Großbühnen, die jeweils 50.000 bis 100.000 Menschen erreichen. StifterInnen schlossen sich, vermittelt über die Bewegungsstiftung, zusammen und stellten ein Darlehen mit Ausfallbürgschaft von 150.000 Euro zur Verfügung. 250.000 Menschen gingen auf die Straße, zehntausende Kleinspenden kamen zusammen und am Ende konnten die Darlehen fast vollständig an die StifterInnen zurückgezahlt werden.

Die geförderten Projekte greifen sich gegenseitig unter die Arme Voneinander lernen, die richtigen Fragen stellen, gute strategische Antworten entwickeln – dies fin-

det im Rahmen der Bewegungsstiftung nicht nur zwischen den StifterInnen statt, sondern genauso zwischen den geförderten Projekten. Ich freue mich immer wieder, wenn ich beobachte, wie sich die geförderten Projekte gegenseitig unter die Arme greifen: Wie schreibt ihr einen guten Spendenbrief? Welche Datenbank oder Software benutzt ihr? Wie reagiert ihr auf Schwierigkeiten bei der Anmeldung einer Demonstration? Einmal im Jahr kulminiert all dies – bei der Strategiewerkstatt in Berlin. Dieses Jahrestreffen mit StifterInnen und Mitgliedern der Förderprojekte führt mir vor Augen, zu welch einem ganz besonderen Ort die Bewegungsstiftung herangereift ist. Wirkt die Stiftung also nur noch indirekt? Hat das Stiftungskapital kaum mehr Bedeutung? Nein. Langfristig ist es das, wovon eine Stiftung lebt. Hier weiß ich aus vielen Gesprächen: Etliche StifterInnen spenden derzeit eher direkt. Doch wenn es darum geht, was einmal bleiben soll, dann sind sie sehr eng mit der Bewegungsstiftung verbunden. Viele haben sich entschieden, die Stiftung testamentarisch zu bedenken. Dies dokumentiert für mich, welch großes Vertrauen viele StifterInnen in die Bewegungsstiftung haben.

Neues auszuprobieren würde sich lohnen Dieses Vertrauen gilt es zu bewahren. Dazu muss vieles so bleiben, wie es ist. Aber wenn ich ehrlich bin: Manchmal bleibt mir auch zu viel bestehen. Mal etwas Neues ausprobieren, es danach gut auswerten, weiter verfolgen oder verwerfen – diese Innovationsfreude vermisse ich manchmal. Konkret? Mal selbst ein Projekt anschieben, wo eine Leerstelle in sozialen Protestbewegungen herrscht. Mal gezielt Geld in der Stiftergemeinschaft einsammeln, um eine neue gesellschaftliche Herausforderung anzugehen. Oder mit anderen Stiftungen ein Förderbündnis eingehen – das auszuprobieren würde sich lohnen. Seit ihrer Gründung 2002 ist mit der Bewegungsstiftung eine beeindruckende Gemeinschaft herangewachsen. Auch wenn die Fördersummen gerne noch größer werden können – mit ihren Angeboten in Sachen Begegnung, Debatte, Wissentransfer und Vernetzung dreht die Stiftung schon jetzt das große Rad für gesellschaftliche Transformation. Hut ab!

Christoph Bautz ist Gründungsstifter, Mitglied im Vorstand der Bewegungsstiftung und Geschäftsführer des Kampagnennetzwerks Campact.

Die Bewegungsstiftung

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Sie setzen sich für eine ökologische Transformation ein: die AktivistInnen der Klimaschutzbewegung, hier bei der BlockadeAktion „Ende Gelände“ im Sommer 2015 im rheinischen Braunkohletagebau Garzweiler. Mitorganisiert wurde die Aktion von zwei unserer BewegungsarbeiterInnen. Foto: Tim Wagner/350.org, CC BY-NC-SA

Philanthropie und Transformation Progressive Philanthropie ist mehr als wohltätiges Geben. Der Geschäftsführer der Bewegungsstiftung Matthias Fiedler erklärt, wie Vermögende zum gesellschaftlichen Wandel beitragen können. Philanthropie und Transformation: Ist das nicht ein Gegensatz? Viele verstehen unter Philanthropie eher die „helfende Menschenliebe“, die Not und Elend lindern und „Gutes“ tun will. In dieser konservativen Ausrichtung will philanthropisches Handeln die bestehenden Verhältnisse nicht in Frage stellen, sondern bewahren und immer wieder bestätigen. Transformation auf der anderen Seite steht für einen umfassenden Umwandlungsprozess, ein kritisches Hinterfragen bestehender Strukturen und die bewusste Überführung eines Systems in einen neuen, besseren Zustand. Aber die beiden Begriffe lassen sich auch zusammen denken, beispielsweise in dem Ansatz der progressiven Philanthropie, der die Bewegungsstiftung seit ihren Anfängen prägt. Progressive Philanthropie

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unterscheidet sich in vierfacher Hinsicht vom traditionellen Ansatz des wohltätigen Gebens. Sie hat erstens das Ziel, nicht nur die Symptome, sondern die Ursachen von Problemen zu bekämpfen und für eine ökologisch, wirtschaftlich und sozial gerechte Welt zu streiten.

Progressive Philanthropie ergreift Partei Zweitens entlässt die progressive Philanthropie den Staat nicht aus seiner Verantwortung. Sie stützt nicht das bestehende System, sondern weist auf notwendige strukturelle Veränderungen hin und geht diese auch aktiv an. Dies tut sie, indem sie, drittens, eine klare Form der Anwaltschaft vertritt und damit auch parteiisch, nicht aber parteipolitisch ist. Progressiv wird Philanthropie dann, wenn sie nach gesellschaftlichem


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Fortschritt sucht, eine möglichst gleiche Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger an ökonomischen, sozialen und politischen Prozessen einfordert und Partei ergreift, sich also klar in einem „Dafür“ oder „Dagegen“ positioniert. Dieses Eintreten für Gerechtigkeit, Ökologie und Frieden muss sich – und das ist die vierte Unterscheidung – auch in den Prinzipien und dem Handeln von Institutionen progressiver Philanthropie wiederspiegeln. Das bedeutet: Interne Entscheidungsstrukturen, Geldanlage, Transparenzregeln und Förderung müssen so gestaltet sein, dass Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und Demokratie nicht nur gefordert, sondern auch gelebt werden.

Stifter entscheiden nicht alleine, sondern zusammen mit den geförderten Projekten Dass die Bewegungsstiftung seit ihren Anfängen von dem Konzept der progressiven Philanthropie geleitet ist, zeigt sich in allen Bereichen des Stiftungshandelns. Sie legt ihr Kapital nach strengen ethisch-nachhaltigen Kriterien an, ist transparent und hat als Gemeinschaftsstiftung kollektive Entscheidungsstrukturen bei der Geldanlage, Förderung und strategischen Fragen aufgebaut. Wer der Bewegungsstiftung Geld gibt, entscheidet nicht alleine, sondern gemeinsam mit anderen, wo investiert und wo gefördert wird. Wobei gemeinsam eben auch heißt: gemeinsam mit den geförderten Projekten. Die derzeitig rege gesellschaftliche Diskussion um die Frage, wie eine gerechte Transformation gelingen

kann, was es dazu braucht und wie wir leben wollen, stellt aber auch das Konzept der progressiven Philanthropie auf den Prüfstand. Nimmt man zum Beispiel die Ansätze zu einer Ökonomie, die auf Wachstumsrücknahme statt Wirtschaftswachstum setzt, stellt sich die Frage, welche Rolle Philanthropie hier überhaupt noch spielen kann oder sollte. Denn in der Logik der Postwachstumsökonomie müsste es zu einer starken Umverteilung von Vermögen kommen, da mehr Gleichheit nicht über mehr Wachstum hergestellt werden könnte.

Es braucht Akteure, die eine gerechte Transformation voran bringen Das sind Debatten, die wir als Stiftung führen müssen. Über dem Debattieren dürfen wir aber nicht vergessen, dass die Transformation unserer Gesellschaft eine immer größer werdende Notwendigkeit darstellt und es Akteure braucht, die diese voran bringen. Für die Bewegungsstiftung sind soziale Bewegungen eine solche treibende Kraft hin zu einer sozialen, ökologischen und gerechten Transformation. Damit ist auch ihre Unterstützung im besten Sinne progressiv – nämlich richtungsweisend für eine bessere Zukunft.

Matthias Fiedler Geschäftsführer der Bewegungsstiftung

In der Bewegungsstiftung wird nicht nur über politische Themen debattiert, sondern auch über die Vergabe der Förderung und strategische Fragen. Foto: Bewegungsstiftung

Die Bewegungsstiftung

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Zusammen mit der Spendergruppe Solidaire investiert die Erbin Leah HuntHendrix in soziale Bewegungen, um wirtschaftliche und politische Ungleichheit zu bekämpfen. Foto: Privat

Du willst ein radikaler Philanthrop werden? Wie kann man durch Spenden oder Stiften die beste Wirkung erzielen? Leah Hunt-Hendrix, Erbin und Aktivistin aus den USA, stellt ihren Förderansatz vor. „Stell dir vor, du hast acht Milliarden Dollar“, schreibt der Autor Dylan Matthews. „Damit willst du so viel Gutes tun wie möglich. Wie machst du das am besten?“ Matthews empfiehlt den Ansatz des „Open Philanthropy“-Projektes der Wohltätigkeitsorganisation GiveWell. Open Phil verspricht, mittels einer radikalen Methode empirisch zu ermitteln, auf welche Weise pro eingesetztem Dollar am meisten Wirkung erzielt werden kann. Diese Methode des „effektiven Altruismus“ ist angelehnt an die Arbeiten des Philosophieprofessors Peter Singer von der Universität Princeton, an der ich auch studiert habe. Singer ist Utilitarist und meint, dass man versuchen sollte, das Beste für die größtmögliche Zahl von Menschen herauszuholen. Solange in Afrika Kinder sterben, sei es nicht zu rechtfertigen, etwas anderes zu tun, als sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, diese Leben zu retten. Deshalb schickt GiveWell unter anderem Moskitonetze nach Afrika, und hofft, damit Kinder vor Malaria zu schützen. Ich schätze ein solches Gefühl für Dringlichkeit sehr. Aber Moskitonetze nach Afrika zu verschicken, lindert lediglich das Leiden, ignoriert jedoch die Frage, wodurch es ausgelöst wurde, welche strukturellen politischen und wirtschaftlichen Gründe dahinter stecken und welche Lösungen diesen Kreislauf durchbrechen können. Der NGO The Rules zufolge geben reiche Länder jedes Jahr rund 130 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe aus, die in arme Länder fließen. Gleichzeitig ziehen sie über Schuldentilgung, illegale Finanzabflüsse und Handelsbestimmungen, die den reichen Ländern Zugang zu billigen Arbeitskräften und Rohstoffen ermöglichen, jährlich zwei Billionen US-Dollar aus den armen Ländern ab. Systematische

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globale Ausbeutung ist die Wurzel aller sozialen Probleme, die in den Malaria-Toten nur einen Ausdruck findet. Moskitonetze werden sicherlich benötigt, aber sie sind alles andere als „radikale Philanthropie“. Echte Menschenliebe – also Philanthropie – fordert mehr von uns. Meine familiären Umstände haben mich dazu gebracht, mich mit Philanthropie zu beschäftigen. Deshalb habe ich mich einer Gruppe von Spendern angeschlossen, die sich Solidaire nennen. Unter radikaler Philanthropie verstehen wir den Kampf gegen die Ursachen des Leidens auf der Welt. Wir richten unseren Blick auf soziale Bewegungen, die den Status quo herausfordern, sowie die bestehende Ordnung zu stören und zu transformieren versuchen. Und wir investieren in Bewegungen, die von den Betroffenen selbst angestoßen werden. Wenn wir den Menschen wirklich helfen wollen, brauchen wir einen Systemwechsel. Wir brauchen ein politisches System, das nicht die Wirtschaft, sondern die Menschen in den Fokus nimmt. Die wenigen Reichen bestimmen heute die Agenda der ganzen Welt. Aber: Es ist Aufgabe der Demokratie, nicht die von Stiftern oder anderen Geldgebern, zu entscheiden, welche Probleme am drängendsten gelöst werden müssen und wie man sie angeht. Soziale Bewegungen zu unterstützen, ermächtigt diese, für ihre eigenen Rechte kämpfen zu können und stärkt so die Demokratie. Letzten Endes ist die beste Philanthropie die, die auf ein System hinwirkt, das Philanthropie überflüssig macht. (Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch und in längerer Fassung auf huffingtonpost.com)


Förderung Was wir fördern und wie wir fördern – ein Überblick über Projekte, Methoden und Erfolge


Zum Förderangebot der Bewegungsstiftung gehören auch Veranstaltungen in Form von Seminaren, Fachtagen und Konferenzen, wie zum Beispiel die Bewegungstagung, die 2011 in Frankfurt stattfand. Foto: Kai Löffelbein

Beraten, begleiten, vernetzen  – unsere „guten Dienste“ Wenig Bürokratie, viel Vernetzung und Kommunikation auf Augenhöhe – so lautet der Fördergrundsatz der Bewegungsstiftung. Dahinter steht die Erfahrung: Vom Wissensaustausch profitieren alle.

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Wer eine politische Kampagne startet, braucht nicht nur Geld. Meist ergeben sich auch viele Fragen zur Strategie und Organisation: An welche AdressatInnen richtet sich unser Protest? Wie schreibt man einen guten Newsletter? Mit welcher Software können wir unsere Spenden verwalten? Was müssen wir bei der Anmeldung einer Demo beachten? Mit welchen Organisationen können wir ein Bündnis eingehen?

Hier will die Stiftung den Unterschied machen: Sie will dort fördern, wo andere sich zurückziehen und wo es öffentlichen GeldgeberInnen zu unbequem wird. Und sie will so fördern, dass die EmpfängerInnen möglichst viel davon haben: wenig Bürokratie bei Auszahlung und Abrechnung, viel Vertrauen und Gestaltungsfreiheit. Das versuchen wir mit unseren zwei Förderinstrumenten Kampagnen- und Basisförderung umzusetzen.

Um Aktiven aus sozialen Bewegungen die Arbeit zu erleichtern, bietet die Bewegungsstiftung nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch Beratung, Begleitung und Vernetzung an. Wir als hauptamtliche ProjektbegleiterInnen kommen selbst aus sozialen Bewegungen. Wir wissen aus der EmpfängerInnenperspektive, wie eine optimale Förderung aussieht: langfristig und verbindlich, in der Höhe angemessen und mit möglichst wenig Aufwand verbunden. Wir wissen, welche bürokratischen Hürden und Schwierigkeiten öffentliche Förderungen beinhalten. Wir wissen auch, wie viel Zeit es braucht, diese Förderungen zu beantragen und nach ihrer Umsetzung auf den Cent genau abzurechnen.

Die Kampagnenförderung Unter einer Kampagne verstehen wir mehr als eine einzelne Demonstration oder eine Pressekonferenz. Einer Kampagne liegt eine Analyse der politischen Situation zu Grunde. Sie hat klar definierte Ziele und die gewählten Maßnahmen sind geeignet, diese Ziele zu erreichen. Eine Kampagne kann auf ein paar Monate oder auf mehrere Jahre angelegt sein. Die Bewegungsstiftung fördert schwerpunktmäßig Protestkampagnen, weil diese aufgrund ihres „Unbequem-Seins“ keine Chance auf öffentliche Förderung haben. Wir fördern Projekte, die Unrecht und Skandale aufdecken, die die Verantwortlichen


Förderung

Die Basisförderung

nenarbeit reden. Schon zu Beginn der Förderung versuchen wir mit unserem Außenblick auf Leerstellen, Risiken, vielleicht auch den einen oder anderen blinden Fleck hinzuweisen. Während der Förderung bzw. der Laufzeit der Kampagne versuchen wir unterstützend zu wirken. Ist eine Kampagne abgeschlossen, wünschen wir uns einen offenen Austausch in einem Abschlussgespräch.

Mit der Basisförderung wollen wir eine solide und langfristige Basis schaffen, so dass die Organisationen politisch effektiv arbeiten können. Es geht darum, mittelfristig politische oder organisatorische Ziele zu erreichen. Es geht um eine verbindliche Partnerschaft von Stiftung und Projekt. Zum Beispiel könnten Stiftung und Empfänger als ein organisatorisches Ziel vereinbaren, dass die Mitgliederzahl – und damit die finanzielle Basis der Organisation – innerhalb von drei Jahren verdoppelt wird. Die Basisförderung wird zunächst für 3 bis 5 Jahre vergeben, wobei Verlängerungen möglich sind.

• Wir wollen die Aktiven in unser Netzwerk einbinden, so dass sie gern (auch über das Ende ihrer Kampagne hinaus) zu unseren Veranstaltungen kommen. Zu diesen Veranstaltungen gehört die jährliche Strategiewerkstatt, bei der Aktive und StifterInnen zusammenkommen sowie das Fachseminar für die geförderten Projekte, das den Erfahrungsaustausch über ein ganzes Wochenende ermöglicht. Außerdem bieten wir eintägige Fachtage zu Themen an, bei denen mehrere Kampagnen Fortbildungsbedarf angemeldet haben.

Die Bewegungsstiftung vergibt im Jahr rund 250.000 Euro an Kampagnen- und Basisförderung. Dadurch lassen sich jährlich zwei bis drei Basisförderungen und sechs bis zehn Kampagnenförderungen verwirklichen.

• Wir wollen dem Projekt Türen zu potentiellen BündnispartnerInnen öffnen oder für spezielle Fragen beratende Kontakte aus unserem Netzwerk vermitteln. Das bedeutet, wir beantworten nicht nur selbst Fragen zu Newsletter, Spendensoftware und Versammlungsrecht, sondern verweisen an andere Förderprojekte und ExpertInnen aus sozialen Bewegungen.

benennen und Druck für eine Veränderung der Zustände aufbauen. Wir fördern bevorzugt Projekte, bei denen unser Beitrag so groß ist, dass er einen relevanten Unterschied ausmacht. So können wir beim Start einer guten Kampagne oder gar Bewegung helfen.

Erfolgreich begleiten – was heißt das? Wann ist eine Förderung erfolgreich? Wir sind der Meinung: Nicht nur dann, wenn sie ihre politischen Ziele erreicht und alle Maßnahmen so umgesetzt hat, wie es im Kampagnenantrag stand. Dass das nicht immer klappt und es manchmal Entwicklungen gibt, die eine schnelle Reaktion und Veränderung der Pläne notwendig machen, ist uns allen bewusst. Es gibt immer wieder gute Gründe, warum eine Kampagne ihr Ziel nicht erreicht. Wichtig ist uns als Unterstützende, dass Fehler und Versäumnisse, Fehleinschätzungen und äußere Faktoren analysiert und reflektiert werden. Das ist eine der Aufgaben der Projektbegleitung. Für uns ist die Begleitung eines Förderprojektes erfolgreich, wenn wir folgende vier Ziele erreichen: • Wir wollen mit der Kampagnengruppe eine vertrauensvolle Kommunikation aufbauen. Das bedeutet, wir haben feste AnsprechpartnerInnen, kennen sie persönlich und bekommen Antworten auf unsere Fragen und Hinweise. Wir wollen mit den Projekten auf Augenhöhe zusammenarbeiten. • Wir wollen mit den Aktiven auch über Schwächen, Risiken und Fehler in ihrer Kampag-

Unsere Grundhaltung ist, dass Stiftung und geförderte Projekte voneinander lernen können. Wir ProjektbegleiterInnen sagen nicht, was richtig oder falsch ist, sagen nicht, was in der Kampagne passieren muss oder nicht passieren darf. Wir geben unterstützende Hinweise und lernen selber kontinuierlich von den Projekten.

Annett Gnass Projektbegleitung und -beratung

Jens Meier Projektbegleitung und -beratung

Die Bewegungsstiftung

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Unser Förderprojekt urgewald macht die Finanzierung schmutziger Geschäfte öffentlich – wie zum Beispiel die Vergabe von staatlichen Bürgschaften für Atomexporte, eine Praxis, die erst 2014 nach Protesten gestoppt wurde. Foto: urgewald

Was unsere Förderung bewirkt Die Bewegungsstiftung und die Stiftung bridge haben in den vergangenen Jahren mehr als 100 Kampagnen unterstützt. Unsere Förderprojekte klären auf, mobilisieren und erzielen dabei wichtige Erfolge. Einige stellen wir hier exemplarisch vor. Couragiert: Mit mutigen Aktionen hat es die Flüchtlingsbewegung in den letzten Jahren immer wieder geschafft, die Themen Bleiberecht, EU-Grenzpolitik und Lagerunterbringung auf die politische Tagesordnung zu setzen und die Selbstorganisation der Flüchtlinge voran zu treiben. Wir fördern in diesem Bereich gleich mehrfach: die Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen, Women in Exile & Friends, das Roma Center Göttingen sowie unsere Bewegungsarbeiter Rex Osa, Bruno Watara und Hagen Kopp. Enthüllend: Mehr als 4.000 Aktenseiten haben die Aktiven der Bürgerinitiative „Wittstock contra Industriehuhn“ durchforstet. Dabei haben sie schwerwiegende Mängel im Genehmigungsverfahren für eine im Bau befindliche Hähnchenmastanlage in Brandenburg ermittelt, insbesondere in Sachen Tierschutz und Besatzdichte. Sie reichten gemeinsam mit dem Naturschutzbund Klage ein, woraufhin erstmals ein Mastanlagen-Bau vorläufig juristisch gestoppt wurde. Nun wird die Klage inhaltlich geprüft und dann das endgültige Urteil gefällt. Mitreißend: Mehr als 3,2 Millionen Unterschriften hat die selbstorganisierte Europäische Bürgerinitiative

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gegen die Handelsabkommen TTIP und CETA zwischen der Europäischen Union und den USA sowie Kanada gesammelt. Weit mehr, als für den Erfolg einer Europäischen Bürgerinitiative notwendig gewesen wären, die die Europäische Kommission 2014 jedoch abgelehnt hatte. Mehr als 500 Organisationen aus 21 EU-Ländern wollen das nicht hinnehmen und protestieren weiter gegen die Abkommen, die Sozial- und Umweltstandards bedrohen. Mit dabei sind auch die von der Bewegungsstiftung geförderte Kampagne „Ich bin ein Handelshemmnis“ und unsere ehemaligen Förderprojekte LobbyControl und Mehr Demokratie. Unermüdlich: Der Berliner Energietisch hat 2013 600.000 BerlinerInnen für einen Volksentscheid über das Berliner Stromnetz mobilisiert. Die große Mehrheit hat sich für den Rückkauf des Netzes ausgesprochen. Letztendlich scheiterte der Volksentscheid knapp am nötigen Zustimmungsquorum. Doch die Energieversorgung ist in Berlin nun Stadtgespräch. Mit dem fast gewonnenen Volksentscheid im Rücken machen die Aktiven weiter Druck für eine ökologische und sozial gerechte Energiewende und eine Stromversorgung in BürgerInnenhand.


Förderung

Medienwirksam: Sexismus in der Werbung und der rosa Irrsinn im Kinderzimmer sind wieder ein Thema – auch dank unseres Förderprojekts Pinkstinks, das zum gefragten Gesprächspartner der Medien geworden ist, wenn es um Barbie und Germanys Next Topmodel geht. Pinkstinks macht klar, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen unrealistischen Schönheitsidealen und der steigenden Zahl von Mädchen, die sich unwohl in ihren Körpern fühlen. Aus Protest gegen diese starren Geschlechterrollen organisiert Pinkstinks Demos, sammelt Unterschriften, macht Lobbyarbeit für ein Gesetz gegen Sexismus in der Werbung und bringt mit Straßentheater Menschen zum Nachdenken. Hartnäckig: Im April 2013 starben über 1.100 Menschen in den Trümmern einer Textilfabrik in Bangladesch. Fast 2.500 wurden verletzt. Daraufhin erhöhten unser Förderprojekte „Kampagne für saubere Kleidung“ und „ExChains“ den Druck auf Bekleidungsfirmen, die in Bangladesch unter unmenschlichen Bedingungen produzieren lassen, damit diese endlich ein Abkommen für Gebäudesicherheit und Brandschutz unterschreiben. Mit Erfolg: Über 130 Firmen haben bereits unterzeichnet. Nun kämpfen die Organisationen dafür, dass die Firmen den Opfern und Hinterbliebenen Entschädigung zahlen.

Kraftvoll: Unser Förderprojekt .ausgestrahlt organisierte in einem Bündnis Massenproteste, um die Bundesregierung von ihrem Atomkurs abzubringen: 120.000 Menschen beteiligten sich 2010 an einer Menschenkette zwischen den Pannenreaktoren Krümmel und Brunsbüttel. 150.000 demonstrierten wenig später in Berlin gegen Laufzeitverlängerungen. 250.000 Menschen kamen im März 2011 zu Großdemos in vier Städten zusammen. Dieser Protest auf der Straße zeigte Wirkung: Die Hälfte der deutschen AKW ging 2011 vom Netz. .ausgestrahlt kämpft nun dafür, dass auch die restlichen AKW endlich abgeschaltet werden. Strategisch: Egal, ob es um Atomkraftwerke in Erdbebengebieten, zerstörerische Staudamm-Projekte oder Kohleminen geht – der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald gelingt es immer wieder, Banken und Unternehmen von verheerenden Geschäften abzuhalten. Dabei setzt urgewald an der Achillesferse an und macht die Finanzierung vieler schmutziger Geschäfte publik. Letzter Clou: Im Bündnis mit anderen Organisationen machte urgewald Druck auf den Norwegischen Pensionsfonds, einen der weltweit wichtigsten Finanzinvestoren, bis dieser endlich bekannt gab, dass er die meisten seiner klimaschädlichen Kohle-Beteiligungen verkaufen wird.

Sie bringen den Protest auf die Straße (von links oben nach rechts unten): Die Flüchtlingsfrauen-Organisation Women in Exile & Friends, der Berliner Energietisch, die Bürgerinitiative „Wittstock contra Industriehuhn“, die Anti-TTIP-Kampagne „Ich bin ein Handelshemmnis“, der Verein Pinkstinks und die Kampagne für saubere Kleidung Fotos: Förderprojekte, Foto Pinkstinks: Charlotte Haunhorst

Die Bewegungsstiftung

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Die neue Bürgerrechtsbewegung lebt – tausende kommen jedes Jahr nach Berlin, um unter dem Motto „Freiheit statt Angst“ gegen Datenklau und Überwachung zu protestieren. Foto: Fabian Kurz, CC BY SA 2.0

Stiftung bridge – Bürgerrechte in der digitalen Gesellschaft Unter dem Dach der Bewegungsstiftung wurde 2003 die Stiftung bridge gegründet, die sich für Datenschutz und Bürgerrechte einsetzt. Ein Kurzportrait. Massenproteste gegen Geheimdienstüberwachung und Zensur im Netz, Debatten um die Datenschnüffelei von Facebook, Google und Co. und der über Jahre geführte Kampf gegen die Vorratsdatenspeicherung zeigen: Das Bewusstsein für Datenschutz und Bürgerrechte wächst. Das ist nicht zuletzt ein Erfolg der Organisationen, die seit Jahren auf die Missstände hinweisen und Proteste mobilisieren. Unterstützt werden sie dabei von der „Stiftung bridge – Bürgerrechte in der digitalen Gesellschaft“, die im Mai 2003 als Treuhandstiftung unter dem Dach der Bewegungsstiftung gegründet wurde. Die Stiftung bridge fördert Kampagnen, die sich für digitale Bürgerrechte wie Meinungsfreiheit und informationelle Selbstbestimmung sowie für einen fairen Zugang zu Wissen einsetzen. Sieben StifterInnen haben die Stiftung bridge bisher mit einem Stiftungskapital von rund 950.000 Euro ausgestattet. Sie alle eint der Wunsch, Bürgerrechte in der digitalen Gesellschaft zu stärken. Denn moderne Informationstechnologien sind in unserem Alltag allgegenwärtig: interaktive GeodatenDienstleistungen, elektronische Bezahlung mit EC-Karte, RFID-Chips als Preisetikett auf vielen Waren, Kommunikation per E-Mail und Handy. All dies basiert auf der Verarbeitung digitaler Daten. Neben den großen Chancen, die diese technologi-

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sche Revolution bietet, gibt es eine Reihe ernstzunehmender Gefahren.

Datenschutz versus Überwachung und Kategorisierung Digitale Kommunikation eröffnet Staat und Wirtschaft völlig neue Möglichkeiten der Auswertung, Überwachung und Zensur. Die Liste der staatlichen Überwachungsinstrumente ist lang: Rasterfahndung, Videoüberwachung, Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, biometrische Merkmale im Reisepass. Dazu kommen Datensammlungen von Unternehmen, die unter den Vorzeichen der Gewinnmaximierung möglichst viele Informationen über uns speichern. Die Risiken, die entstehen, wenn wir unsere informationelle Selbstbestimmung aufgeben, sind sehr hoch. Jede Information, die heute über uns gespeichert wird, kann in der Zukunft für Zwecke genutzt werden, von denen wir heute noch keine Ahnung haben. Deshalb unterstützt die Stiftung bridge Initiativen für die Wahrung und Ausweitung der informationellen Selbstbestimmung. Es muss weiterhin möglich sein, anonym zu kommunizieren und ohne Datenspuren einzukaufen, sich zu informieren und zu reisen.


Förderung

Via Internet sind Unmengen an Informationen schnell und günstig verfügbar – aktuelle Nachrichten ebenso wie freie Software, Filme oder wissenschaftliche Daten. Doch diese Möglichkeiten werden immer weiter eingeschränkt. Dabei ist der freie Zugang zu Wissen die Voraussetzung für den Fortschritt der Wissenschaft und die Entwicklung unserer Demokratie. Wirtschaftsunternehmen arbeiten kontinuierlich an der Ausweitung geistiger Monopolrechte und gewinnen so immer mehr Kontrolle über unser gemeinsames Wissenserbe, die Wissensallmende. Die Stiftung bridge fördert deswegen Kampagnen, die sich dafür stark machen, dass Wissen frei zugänglich und frei nutzbar ist.

Dauerthema Vorratsdatenspeicherung Seit ihrer Gründung im Jahr 2003 hat die Stiftung bridge 22 Zuschüsse in Höhe von rund 250.000 Euro bewilligt. Mit dem Geld wurden unter anderem Kampagnen und Demonstrationen gegen die Vorratsdatenspeicherung unterstützt. Die Regelung wurde zwar 2010 vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Auch der Europäische Gerichtshof hat sie 2014 als grundrechtswidrig abgelehnt. Die Diskussion ist aber noch längst nicht beendet. Im

Oktober 2015 hat der Bundestag ein neues Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung beschlossen, gegen das unser Förderprojekt Digitalcourage erneut klagen wird. Der Widerstand geht also weiter, um zu verhindern, dass unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung über Monate systematisch protokolliert wird, wer mit wem wann und von wo per Telefon, SMS oder Internet kommuniziert.

Proteste für das Recht auf Online-Demos Außerdem hat die Stiftung bridge zum Beispiel Kampagnen gegen den Aufbau von Verfolgungsprofilen, die Nutzung von Informationstechnologie für kriegerische Zwecke und Proteste für das Recht auf Online-Demonstrationen gefördert. Was die Unterstützung durch die Stiftung bridge für ein Förderprojekt bedeutet, berichtet Rena Tangens vom Verein Digitalcourage.

www.stiftung-bridge.de

„Ohne die Stiftung bridge hätten wir das so nicht geschafft!“ Rena Tangens vom Verein Digitalcourage

2003 haben wir den Ideenwettbewerb zur Gründung der Stiftung bridge gewonnen. Wir hatten erkannt, dass sich mit RFID-Funkchips Kundendaten ausspähen lassen und wollten ein Gerät bauen zum Aufspüren, Auslesen und Ändern dieser Funkchips. Da entdeckten wir, dass die Metro AG die Technik bereits in der Payback-Karte eines Supermarktes versteckt hatte. 10.000 Menschen liefen ohne ihr Wissen mit einer Wanze in der Tasche herum. Wir ergriffen die Chance, machten den Skandal öffentlich und schafften es, die Gefahren der Technik bekannt zu machen. Wir waren mit ganz anderen Mitteln als beantragt zum Ziel gekommen. Eine andere Stiftung hätte uns vermutlich den Kopf gewaschen. Doch die Stiftung bridge freute sich über den großen politischen Erfolg.

Die Stiftung hat uns in so vielen Aspekten vorangebracht durch Finanzierung von Kampagnen, die keine andere Stiftung finanziert hätte, durch Beratung und durch die regelmäßigen Treffen mit den anderen geförderten Projekten, die nicht nur ein Schatz an Erfahrungsaustausch sind. Es ist auch eine große Ermunterung, so viele engagierte Menschen zu treffen, bei denen wir die anderen Themen in guten Händen wissen. Eine weitere Basisförderung der Stiftung bridge brachte bei uns den Anstoß zur Professionalisierung. Wir bauten unser Fundraising auf, gewannen SpenderInnen und Fördermitglieder und erarbeiteten uns nach und nach eine unabhängige Finanzierung. Inzwischen arbeiten rund zehn Menschen im Digitalcourage-Büro in Bielefeld, wir haben über 1.000 Fördermitglieder und sind eine gefragte Institution für Presse und Politik. Wir haben Datenschutz und Bürgerrechte als unverzichtbar für die Demokratie im allgemeinen Bewusstsein verankert. Ohne die Stiftung bridge hätten wir das so nicht geschafft.

Die Bewegungsstiftung

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Zwei BewegungsarbeiterInnen im Gespräch: Dorothee Häußermann (l.) und Holger Isabelle Jänicke Fotos: privat, Kai Horstmann

Vollzeit politisch aktiv – die BewegungsarbeiterInnen Sie machen politisches Engagement zu ihrem Beruf – die BewegungsarbeiterInnen. Die Bewegungsstiftung unterstützt sie dabei mit einem Patenschaftsprogramm. Was die Förderung für die Aktiven bedeutet, berichten Dorothee Häußermann und Holger Isabelle Jänicke im Interview. Holger Isabelle, du bist seit 2002 Bewegungsarbeiter und damit der dienstälteste Aktivist im Programm der Stiftung. Was ist für dich bis heute besonders gut an diesem Modell der Bewegungsstiftung? Holger Isabelle: Dass es große Freiheit zur Gestaltung bietet, dass ich es selber auch mit Leben fülle. Und der Austausch, den mir das Netzwerk der Bewegungsstiftung bringt. Finanziell bedeutet es eine große Entspannung meiner Situation. Es gab Zeiten, in denen das Geld dauernd ausging und ich ständig umschulden musste. Im Moment habe ich am Ende des Monats noch Geld auf dem Konto. Dorothee, du bist erst seit wenigen Wochen Bewegungsarbeiterin. Warum hast du dich beworben? Dorothee: Mir geht es um mehr finanzielle Unabhängigkeit, auch im kleinen Rahmen. Ich erwarte nicht, meinen kompletten Lebensunterhalt innerhalb kurzer Zeit über das Programm zu finanzieren. Ich habe in den vergangenen Jahren erlebt, wie wichtig es mir ist, unabhängig zu arbeiten. Ich hatte Erspartes von meiner Zeit als Lehrerin, auf das ich zurückgreifen

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konnte, wenn meine Honorare nicht gereicht haben. Es ging lange gut, weil ich nicht viel benötigt habe. Ich habe von der Substanz gelebt, die ist jetzt weg. Holger Isabelle: Im Grunde warst Du bisher Deine eigene Patin? Dorothee: Ja, genau. Bedeutet die Entscheidung für die BewegungsarbeiterInnenschaft eine Entscheidung, langfristig prekär zu leben? Dorothee: Aber die Obergrenzen sind doch nicht prekär! In der Kombination mit zusätzlichen Einkommen sind sie recht großzügig. Im Jahr darfst du 23.000 Euro Gesamteinkommen haben. Holger Isabelle: Das ist auch gar nicht so sehr eine Frage von Zahlen. Da treffen auch verschiedene Kulturen aufeinander. Jemand, der hohe Summen auf privaten Konten hat, wird das als prekär ansehen, viele BewegungsarbeiterInnen haben damit überhaupt kein Problem. In diversen Diskussionen haben die StifterInnen gestaunt, wenn ich sagte: Ich hab, was ich brauche, das reicht so. Für mich ist


Förderung

Das Modell Bewegungsarbeit Soziale Bewegungen brauchen Menschen, die Erfahrung mit Protesten, Stategieentwicklungen und Netzwerkerei haben. Immer wieder gehen solche Aktiven der Bewegung verloren, weil sie sich einer Erwerbsarbeit zuwenden (müssen). Die Stiftung hat deshalb das BewegungsarbeiterInnenprogramm entwickelt. Menschen, die mit großem Zeiteinsatz in politischen Projekten arbeiten, können nach bestimmten Kriterien Teil des Programms werden. Finanziert werden sie von einem Kreis von PatInnen, die sie sich selbst suchen. Die BewegungsarbeiterInnen sind nicht bei der Stiftung angestellt. Deshalb nimmt die Stiftung auch keinen Einfluss auf ihre Arbeit. Sie hilft jedoch bei der Suche nach UnterstützerInnen und bietet Fortbildungen und Vernetzung mit den Förderprojekten an.

das Miteinander so unterschiedlicher Menschen und Hintergründe ein großer Wert der Stiftung. Dorothee: Ich finde, das Programm gibt einen Rahmen für eine schöne Form solidarischer Ökonomie oder finanzieller Umverteilung. Ich finde es gut, dass Leute, die viel arbeiten und verdienen, denen etwas abgeben, die viele Bewegungsprojekte voranbringen. Generell finde ich es spannend, über soziale Sicherungssysteme nachzudenken, die unabhängig von staatlichen oder Konzernstrukturen sind. In Medienberichten entsteht manchmal der Eindruck, BewegungsarbeiterInnen könnte man für den Protest „buchen“. Wie seht ihr das: Beeinflussen die Wünsche oder die Herzensthemen eurer PatInnen das, was Ihr tut?

Aber ich nutze es nicht optimal aus. Ich bin da vielleicht manchmal ein bisschen beratungsresistent. Dorothee: Ich bin erst seit kurzem Bewegungsarbeiterin, aber habe den Eindruck, dass die Öffentlichkeitsarbeit, die die Stiftung für uns macht, sehr hilfreich ist. Website, Newsletter, Flyer, Visitenkarte... Vielleicht kommt dadurch ja auch der eine oder andere Pate von selbst auf mich zu, so dass ich in Zukunft so unabhängig weiterarbeiten kann wie bisher. Das Gespräch führte Jutta Sundermann, freie Bewegungsarbeiterin im Stiftungsnetzwerk.

Holger Isabelle: Das ist im Einzelfall schon mal schwierig. Wenn ein Pate einen Prozess hat und mich um Hilfe bittet, ist es nicht so einfach, ihn ganz genauso zu behandeln, wie wenn er nicht mein Pate wäre. Vor Gericht würde sich meine Verteidigung am Ende aber überhaupt nicht unterscheiden. Dorothee: Aber das gilt nicht nur für PatInnen, es gibt immer verschiedene Formen von Beziehungen. Ich schenke verschiedenen Menschen aus verschiedenen Gründen besondere Aufmerksamkeit. Gleichzeitig denke ich: Wo könnte ich sonst unabhängiger sein? Hätte ich eine Stelle in einer Organisation, gäbe es Leute, die mir einen Auftrag erteilen würden. Immer wieder gibt es bei bezuschussten Projekten Auflagen und bestimmte Dinge, die nicht mehr finanziert werden. Wie erlebt ihr die Unterstützung durch die Stiftung? Holger Isabelle: Manchmal gab es Phasen, da führten die BewegungsarbeiterInnen eher ein Schattendasein in der Stiftung. Uns gab es halt. In anderen Phasen war das Interesse groß. Grundsätzlich ist es hilfreich, was die Stiftung mir anbietet.

Dorothee Häußermann (Jahrgang 1973) ist freie Bildungsreferentin, Aktivistin und Autorin. Sie hat vor einigen Jahren ihren Beruf als Deutschlehrerin an den Nagel gehängt, um mehr Zeit für die Klimabewegung zu haben. Seitdem organisiert sie Klimacamps, Aktionen gegen Braunkohle oder Veranstaltungen zu Wachstumskritik und alternativen Wirtschaftskonzepten.

Holger Isabelle Jänicke (Jahrgang 1962) organisiert juristische Selbsthilfe für die gewaltfreie Bewegung. Er sorgt seit Jahren für die rechtliche Vor- und Nachbereitung von Aktionen des Zivilen Ungehorsams und anderen Protestformen. Holger Isabelle ist seit 1979 aktiv, seit 1984 VollzeitAktivist* in mit unterschiedlicher Finanzierung und seit 2002 Bewegungsarbeiter.

Die Bewegungsstiftung

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Alle weiteren BewegungsarbeiterInnen im Überblick Rex Osa Hagen Kopp streitet für globale Bewegungsfreiheit und organisiert den Widerstand gegen die Abschottungspolitik an den EU-Außengrenzen. Er hat das Projekt„Watch the Med“ mitgegründet, das die Menschenrechtsverletzungen gegen Bootsflüchtlinge im Mittelmeer dokumentiert und ein Notrufsystem betreibt.

Christopher Laumanns denkt ökologische und soziale Fragen zusammen. Deshalb engagiert er sich in der Klimagerechtigkeitsbewegung und beteiligt sich an der Organisation von Degrowth-Konferenzen und -Sommerschulen.

unterstützt Flüchtlinge bei ihrem Kampf für ein menschenwürdiges Leben und ein Bleiberecht. Er bestärkt sie in ihrem Kampf für mehr Selbstbestimmung und prangert Fluchtursachen wie zum Beispiel deutsche Waffenexporte an.

Jamie Schearer engagiert sich gegen AntiSchwarzen-Rassismus und rassistische Polizeikontrollen und bestärkt Betroffene darin, selbst aktiv zu werden. Sie organisiert Kampagnen und Petitionen, hält Vorträge und leistet Vernetzungsarbeit.

Jutta Sundermann

Cécile Lecomte ist in vielen sozialen Bewegungen aktiv, mit einem Schwerpunkt auf der AntiAtom- und Umweltbewegung. Sie nutzt ihre Kletterkünste für öffentlichkeitswirksame politische Aktionen, hält Vorträge, schreibt Texte und sorgt für internationale Vernetzung.

ist in verschiedenen Bewegungen aktiv. Aktuell streitet sie mit dem Verein „Aktion Agrar“ für die Zukunft einer bäuerlichen Landwirtschaft, die ökologischer, sozialverträglicher und tiergerechter arbeitet.

Bruno Watara engagiert sich für die Rechte von Flüchtlingen in Deutschland und auf der ganzen Welt. Er unterstützt sie bei ihrem Kampf für ein Bleiberecht und soziale Rechte und hilft ihnen bei der Selbstorganisation.

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Gemeinschaftsstiftung Die Bewegungsstiftung bietet ihren StifterInnen viele Mรถglichkeiten der Beteiligung, Debatte und gemeinsamen Aktion


Alle ziehen an einem Strang: 2013 haben StifterInnen und Aktive aus den geförderten Projekten ein Segelboot gechartert und sich an der Elbblockade gegen das klimaschädliche Kohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg beteiligt. Foto: Stephanie Handtmann

Gemeinsam die Welt verändern – als StifterIn in der Bewegungsstiftung Wer zur Bewegungsstiftung kommt, will sozialen Wandel fördern und Protestbewegungen stärker machen. Viele StifterInnen geben nicht nur Geld, sondern arbeiten aktiv mit und erleben die Bewegungsstiftung als einen Ort der politischen Debatte, des Austauschs und der gemeinsamen Aktion – so wie unser Stifter Hermann Daß. Ich lebe gerne in einer Demokratie. Ich bin froh über das Recht, alle vier Jahre in freien und fairen Wahlen eine neue Regierung wählen zu können. Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und Versammlungsfreiheit bedeuten mir viel. Da bedrückt es mich, wenn das Demonstrationsrecht willkürlich eingeschränkt wird, wie bei Gipfeltreffen von Regierungschefs. Ich finde es unerträglich, wenn tausende Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, Kohleproduzenten ganze Landstriche vernichten, Energiekonzerne das Klima zerstören und große Konzerne

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ungestraft Landraub begehen, wie beispielsweise in Mali. Hier braucht es Protest und Widerstand. Und der regt sich. „Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht dieser Welt verändern.“ Dieses Sprichwort der Xhosa, einer Volksgruppe aus dem südlichen Afrika, fand vor allem in den 1980er Jahren großen Widerhall in der linken Bewegung in Deutschland. Es stellte sich gegen die verbreitete Annahme, dass einzelne Menschen „ja doch nichts bewegen“ können. Viele Entwicklungen haben mittlerweile gezeigt, dass diese Annahme falsch ist – wenn Menschen gemeinsam aktiv werden.


Gemeinschaftsstiftung

Beispiele gefällig? So engagiert sich unser Bewegungsarbeiter Hagen Kopp gegen die Abschottungspolitik der EU im Mittelmeer. Als Teil der Gruppe „Watch The Med“ hat er ein Alarmtelefon initiiert, das Notrufe von Bootsflüchtlingen im Mittelmeer an die Küstenwachen weiterleitet und die Rettungsaktionen überwacht. Ziel ist es, vermeidbare Schiffsunglücke wie 2013 vor Lampedusa zu verhindern. Das Netzwerk Afrique-Europe-Interact streitet zusammen mit BäuerInnen aus Mali für die Rückerstattung von rechtswidrig enteignetem Land. Das Bündnis Kohleausstieg Berlin will erreichen, dass alle Kohlekraftwerke in der Region abgeschaltet werden und keine neuen Tagebaue in der Lausitz entstehen und macht Druck auf Berliner PolitikerInnen.

Die Stiftung fördert dort, wo sich die Zivilgesellschaft formiert Diese Initiativen und die an ihnen beteiligten Aktiven werden von der Bewegungsstiftung unterstützt. Sie fördert dort, wo sich die Zivilgesellschaft formiert, wo Proteste aufflammen, Debatten entstehen, sich BürgerInnen organisieren und nach Unterstützung für ihre Kampagnen suchen. An dieser Schnittstelle handelt die Bewegungsstiftung – professionell, zielgerichtet und wirkungsvoll, gleichzeitig offen, transparent und partizipativ. Partizipativ bedeutet für uns, dass alle Stiftungsbeteiligten sich in den Gremien und Arbeitsgruppen einbringen können. Es ist uns wichtig, die mittlerweile über 150 StifterInnen genauso einzubinden wie die VertreterInnen der geförderten Projekte und die BewegungsarbeiterInnen. Partizipativ bedeutet dabei auch, dass bei der Bewegungsstiftung die StifterInnen nicht alleine über Förderung, Geldanlage und Weiterentwicklung der Stiftung bestimmen. Im Stiftungsrat, dem höchsten Entscheidungsgremium, sitzen je eine VertreterIn der StifterInnen und der Förderprojekte. Dazu kommen drei ExpertInnen aus sozialen Bewegungen, die einen Blick von außen auf die Stiftungstätigkeiten werfen. Privates Geld wird so in kollektive Entscheidungsprozesse und eine demokratische Struktur des Gebens überführt. Auf diese Weise setzt die Bewegungsstiftung ihre Werte von Demokratie, Transparenz und Mitbestimmung auch intern um. Die Atmosphäre auf den Stiftungstreffen erlebe ich immer wieder als angenehm und bereichernd. Zum einen gehen wir sehr respektvoll und wertschätzend miteinander um. Zum anderen gibt es viele interessante Menschen mit vielfältiger Lebenserfahrung,

mit denen ich mich gerne austausche. Und immer wieder bieten sie überraschende Einblicke in ihr Leben und ihre politischen Themenfelder.

Bei Bedarf werden Diskussionsabende und Bildungsreisen organisiert Nicht immer sind wir uns alle einig, auch, weil die Probleme, mit denen wir uns befassen, sehr komplex sind. Wenn der Bedarf groß ist, werden zusätzliche Diskussionsabende oder Thementage organisiert, wie etwa zum Thema Migration und Flüchtlinge. Gerne beschäftigen wir uns auch tiefergehend mit politischen Themen. So haben wir 2014 eine Reise in die Lausitz organisiert, um uns selbst ein Bild über die Auswirkungen des Braunkohletagebaus zu machen. Besonders intensiv habe ich die Teilnahme an der Elbblockade gegen das klimaschädliche Kohlekraftwerk Moorburg im Mai 2013 erlebt. Mehrere Mitglieder der Stiftungsgemeinschaft hatten privat ein großes altes Segelboot gechartert. Als wir uns auf den Weg zur Blockade machen wollten und dafür die Segel setzten, haben wir buchstäblich alle gemeinsam an einem Strang gezogen.

Veränderungen können gelingen – aber die große Transformation braucht Zeit Was soziale Bewegungen mit Protest erreichen können? Das zeigt der über Jahrhunderte geführte Kampf für Menschenrechte, Demokratie und Gleichberechtigung; Errungenschaften, die wir in unserer Gesellschaft fast als selbstverständlich begreifen und um die in vielen Teilen der Welt noch gekämpft wird. Was Protest bewirken kann, zeigt aber auch der über Jahrzehnte erstrittene Ausstieg aus der Atomenergie. Auch wenn die Arbeit noch nicht beendet ist – sie macht deutlich, dass Veränderungsprozesse gelingen können. Eine große Transformation braucht Zeit. Jede Aktion wirkt für sich betrachtet als zu klein angesichts der riesigen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Aber gemeinsam können wir das Gesicht dieser Welt verändern.

Hermann Daß Stifter der Bewegungsstiftung und Mitglied im Stiftungsrat

Die Bewegungsstiftung

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Günther Bock ist über seine Kinder zur Bewegungsstiftung gestoßen und engagiert sich in der Begleitung von Förderprojekten. Foto: Privat

„Die Stiftung gibt mir die Gelegenheit, in Projekten aktiv mitzuarbeiten“ Günther Bock, Jahrgang 1945, Stifter aus Hamburg Meine beiden ältesten Kinder sind Gründungsmitglieder der Bewegungsstiftung. Um ihre Initiative und ihr Engagement zu unterstützen, habe ich noch im Jahr der Gründung eine substanzielle Summe zugestiftet. Mittlerweile sind bis auf meine in Südamerika lebende Tochter alle Familienmitglieder in der Bewegungsstiftung mehr oder weniger aktiv. Ich selbst komme vor allem aus der Umweltbewegung. In die Zeit meines Chemiestudiums Ende der 1960er Jahre fielen die Veröffentlichung des Club-ofRome-Reports „Die Grenzen des Wachstums“ und die ersten Anti-Atomkraft-Aktionen. Bei den Demonstrationen um das Atomkraftwerk Brokdorf habe ich erste und vor allem gute Erfahrungen mit der Organisation in Bezugsgruppen gemacht. Dann wurde ich Vater. Meine beiden älteren Kinder waren vormittags in einem Kinderladen, in dem auch ich pädagogischen Dienst machte. Das war nur möglich, weil meine Frau Brigitte und ich als Lehrer beide mit reduzierter Stundenzahl arbeiteten. Mit zwei Frauen aus dem Kinderladen zogen wir schließlich zusammen in ein Haus, die Kinderbetreuung wurde dadurch auf mehrere Schultern verteilt. Als unsere Kinder älter wurden und ich bereits als technischer Leiter in die väterliche Firma eingebunden war, fuhren wir oft zum Familien-Demoausflug ins Wendland. Der Wunsch ging nicht selten von den Kindern aus. Dort haben wir gegen die CastorenEinlagerung protestiert. Der Widerstand wurde und wird von „x-tausendmal quer“ in sehr handfester Form und von .ausgestrahlt in Form des zivilen Ungehorsams und der angemeldeten Demonstration organisiert. Beide Formen unterstütze ich aktiv und auch finanziell. Auch in anderer Form versuche ich die Energiewende voranzutreiben. Seit drei Jahren bin ich Sprecher einer Initiative, die sich für einen Bürgerwindpark gegenüber von dem abgeschalteten Pannen-AKW Krümmel einsetzt. Wegen der Häuf-

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ung der Kinderleukämiefälle im Umkreis von Krümmel unterstützen auch fast alle Lokalpolitiker die Nutzung regenerativer Energie in der Samtgemeinde Elbmarsch. Leider macht uns der Widerstand der Windkraftgegner zu schaffen, die die negativen Folgen einer Strom erzeugung mit AKWs, Braunkohle und importierter Steinkohle erfolgreich verdrängen. Als ich 2002 in die Bewegungsstiftung einstieg, wollte ich mich abgesehen von meinem finanziellen Beitrag eher raushalten, weil ich dieses Feld mehr meinen Kindern überlassen wollte. Aber im Laufe der Zeit hat sich mein Engagement verändert. Ich sitze auch heute in keinem der Gremien, nehme aber regelmäßig an den Strategiewerkstätten teil. Wenn es mir inhaltlich wichtig ist, beteilige ich mich als Stifter an der Begleitung von Förderprojekten wie zum Beispiel von .ausgestrahlt. Außerdem hat mir 2014 die Fahrt der Stiftung ins Braunkohlegebiet der Lausitz und zur grenzüberschreitenden Menschenkette gegen die weitere Braunkohleverstromung gut gefallen. Solche Aktivitäten ermöglichen einen tieferen Einblick im Vergleich zur einfachen Teilnahme an einer Demonstration. Als nicht mehr aktiv im Erwerbsleben Stehender gibt mir die Stiftung die Gelegenheit, dort wo ich es für besonders sinnvoll halte, nicht nur Geld zur Verfügung zu stellen, sondern auch in Projekten aktiv mitzuarbeiten. Die Stiftung hat mir durch verschiedene Förderprojekte Einblicke, Anregungen und die richtigen Ansprechpartner für Problematiken eröffnet, mit denen ich mich zuvor nicht beschäftigt habe. Nur durch aktive Bürgerbeteiligung können wir eine nachhaltige und soziale Entwicklung in unserer Gesellschaft stärken. Wenn man in der Lage ist, dazu auch noch finanziell etwas beizusteuern – um so besser. „Eigentum verpflichtet“ ist zwar eine extrem offene Formulierung im Grundgesetz, aber die Art, wie diese bei der Bewegungsstiftung umgesetzt wird, überzeugt mich.


Gemeinschaftsstiftung

Barbara Hauck schätzt vor allem die gute Gesprächskultur in der Bewegungsstiftung. Das war für sie Ansporn, sich mit Moderation und Mediation zu beschäftigen. Foto: Raimond Spekking

„Dass die Stiftung die Flüchtlingskarawane unterstützte, gefiel mir besonders gut“ Barbara Hauck, Jahrgang 1960, Stifterin aus Köln Von meiner Großmutter bekam ich regelmäßig etwas Geld, meine Eltern haben mir Ende der 1990er Jahre einmal einen Betrag geschenkt, der fast für den Erwerb einer kleinen Eigentumswohnung gereicht hätte. Ich wollte allerdings keine Wohnungseigentümerin sein. Also habe ich alles gespart, aber irgendwann hat mir das nicht mehr gereicht. 2005 oder 2006 habe ich in der taz über das Bewegungsarbeiterprogramm gelesen, später gab es auch mal eine Werbebeilage der Bewegungsstiftung. Daraufhin habe ich mir die Webseite der Bewegungsstiftung angesehen. Dass die Stiftung die Flüchtlingskarawane unterstützte, gefiel mir besonders gut. Ich war damals im Allerweltshaus in Köln aktiv, ein Projekt, das seit den 1980er Jahren schon lange in Deutschland lebende Menschen und gerade erst Angekommene zusammenbringt. Also habe ich Kontakt zur Bewegungsstiftung aufgenommen und zunächst mit Felix Kolb gesprochen, der zu den Gründern der Stiftung gehört und damals Geschäftsführer war. Er hat mich zu einem Stiftungsinteressierten-Treffen eingeladen, für das ich extra von Köln nach Frankfurt am Main gefahren bin – und das mitten während der Fußball-Weltmeisterschaft! Das war schon ziemlich abenteuerlich. Danach habe ich mich entschieden, 5.000 Euro zu stiften. Damit habe ich mir das Recht erworben, für alle Zeiten am Beirat der Stifterinnen und Stifter teilzunehmen. Ich arbeite auch ehrenamtlich in der Bewegungsstiftung mit: Seit 2009 begleite ich Förderprojekte in Köln und Umgebung und seit 2010 bin ich an der Auswahl der Förderanträge beteiligt. Dafür gibt es ein ziemlich ausgeklügeltes Bewertungssystem: Erst wird überprüft, ob die Anträge die formalen Kriterien erfüllen. Dann werden sie in der AG Antragsbewertung besprochen und schließlich gehen sie in den Beirat, der Empfehlungen ausspricht, und den Stiftungsrat, der über die Förderung entscheidet. Seit 2011 habe ich die Koordination der formalen Prüfung übernommen. Das war am Anfang viel

Arbeit, etwa 30 Stunden in einer Woche, und das neben meiner regulären Arbeit. Inzwischen haben wir ein neues System und einen zusätzlichen Erstbewerter, so dass ich an einem Tag locker fertig werde. Wie viele Anträge ich dann gelesen habe? Das schwankt, so zwischen 25 bis 45 pro Runde. Die AG trifft sich ein paar Tage später für die Besprechung, meist in Kassel. Es ist zwar etwas umständlich, aus allen Ecken der Republik anzureisen, aber für den Austausch ist es besser als per Telefon. Wer schon vor Antragstellung wissen möchte, ob sein oder ihr Projekt gefördert werden könnte, kann eine Voranfrage an mich stellen und erhält wenig später eine Einschätzung von mir. Mich selbst sehe ich nicht als Aktivistin. Das Zuspitzen und gelegentlich auch Polarisieren ist einfach nicht mein Ding. Ich finde diese Art der gesellschaftlichen Arbeit aber sehr wichtig und unterstütze sie gerne, neben der Zustiftung auch durch meine Mitarbeit bei der Bewegungsstiftung, Zuwendungen an drei BewegungsarbeiterInnen und Spenden an politisch aktive Organisationen. Und natürlich gehe ich auch zu Demos und unterschreibe Petitionen. Die gute Gesprächskultur in der Bewegungsstiftung war ein Ansporn, mich mit Moderation, Mediation und Organisationsentwicklung zu beschäftigen. Seit letztem Jahr bin ich ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der Initiative „Mediation für alle“. Außerdem sitze ich montags am Antigewalt-Telefon der Kölner Ortsgruppe des Lesben- und Schwulenverbands und berate Betroffene von trans*- und homophober Gewalt. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich in einem ganz anderen Bereich: in der Datenverarbeitung bei Ford, wo ich 1995 als Werkzeugmechanikerin angestellt wurde. Wer gerne mehr über Stiftung und die Beteiligungsmöglichkeiten erfahren will, kann mich unter hauck@bewegungsstiftung.de kontaktieren.

Die Bewegungsstiftung

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Malte Willms hat Vermögen von seinen Eltern übertragen bekommen. Bei seiner Recherche zu ethisch-nachhaltigen Geldanlagen ist er auf die Bewegungsstiftung gestoßen. Foto: Privat

„Ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich mein Vermögen sinnvoll einsetzen kann“ Malte Willms, Jahrgang 1971, Stifter aus Hamburg

1 Zur Kritik der geschlechterspezifischen Wert-AbspaltungsForm sei hier auf die Gruppe „EXIT!“ und hier insbesondere die Publikationen von Roswitha Scholz verwiesen (M.W.).

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Im Rahmen meines Studiums der Freien Kunst in Hamburg habe ich mich mit gesellschaftspolitischen Themen wie Stadtentwicklung, Privatisierung öffentlichen Raumes und Gentrifizierung auseinandergesetzt. Beispielsweise habe ich mich in einem Ort in der Hamburger Innenstadt engagiert, der sich zu einem partiell selbstorganisierten Raum von und für Wohnungslose mit einer losen Anbindung an die Kunst- und Kulturszene entwickelt hat. Das hat mich zur Kritik der politischen Ökonomie geführt. Dazu gehören die Frage nach der Geldform und die Kategorien von Arbeit, Wert und Ware; die Kritik der geschlechterspezifischen Wert-Abspaltungs-Form1. Das war für mich auch deshalb relevant, weil meine Eltern im Laufe ihres Lebens ein gewisses Vermögen angesammelt haben. Einen Teil davon haben sie mir bereits zu Lebzeiten sukzessive übertragen. Dieses Geld und die Verantwortung, die damit einher geht, habe ich lange Zeit verdrängt; sicherlich auch deshalb, weil in unserer Gesellschaft Vermögen falsch gefasst, idealisiert oder stigmatisiert wird. Ich kenne einige, die nicht wissen, was sie mit ihrem Erbe anfangen sollen und keinen „produktiven“ Umgang mit ihrem Geld entwickeln konnten. Das führt nicht nur zu Auseinandersetzungen in den Familien, sondern manchmal auch zu schweren persönlichen und psychosozialen Krisen. Mir wurde klar, dass ich dieses Thema in meine Lebensrealität integrieren muss. Von freier künstlerischer Tätigkeit und gesellschaftskritischem Engagement lässt sich nicht leben – außer du wirst selbst zum Produkt, korrumpierst die Kunst, indem du sie in den Kunstmarkt einspeist. Das konnte ich nicht. Stattdessen wollte ich das unmittelbare Lebensumfeld, den eigenen Stadtteil mitgestalten. Deshalb haben wir als Gruppe ein Wohnprojekt in einer alten Schule realisiert. Diese wurde denkmalgerecht saniert, 34 individuell gestaltete Wohnungen mit vielen kollektiven Räumen sind entstanden. Das

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nächste Projekt ist der Umbau eines zur Zeit ungenutzten Bunkers zu einem Kultur- und Energiebunker – einem unabhängigen Stadtteilzentrum mit einem urbanen Dachgarten und Anlagen für regenerative Energie. Weil sich von diesen Aktivitäten ökonomisch nicht leben lässt, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie ich mein Vermögen sinnvoll einsetzen kann. Wo und wie investiere ich Geld? Welche Entwicklungen befördere ich damit? Ist das gesellschaftlich zu vertreten oder sogar wünschenswert? Darüber bin ich zum Studienzirkel Nachhaltige Geldanlage in Hamburg gekommen. Bei einem der Treffen hat die Vermögensverwalterin der Bewegungsstiftung Kirsten Paul deren ethisch-ökologische und transparente Anlagepolitik vorgestellt. Das jeweils aktuelle Portfolio ist im Netz abrufbar. Intern findet eine kritische Debatte über die Anlageentscheidungen statt. Die Geldanlagen werden nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit den Aktivitäten der Stiftung und den jeweils geförderten Projekte gesehen. Ich habe nicht sofort zugestiftet, sondern zunächst ein Interessiertentreffen besucht. Dann hat es nochmal zwei Jahre in mir „gearbeitet“, bis ich schließlich Stifter geworden bin. Heute bin ich Mitglied im Anlageausschuss, in dem wir – abgesehen von den je aktuellen Anlageentscheidungen – versuchen, „Rendite“ unabhängig vom „Wert“ des Geldes neu zu denken. Nicht nur diese Diskussion zeigt: Die Bewegungsstiftung bewegt sich an den neuralgischen Punkten gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Sie reagiert auf positive und negative gesellschaftliche Tendenzen, wie das Erstarken von neuen sozialen Bewegungen und den Rückzug des Sozialstaates. Statt die entstehenden Versorgungslücken zu stopfen, wollen die Förderprojekte der Bewegungsstiftung den Staat in die Verantwortung nehmen und die Gesellschaft als Gesamtzusammenhang denken.


Gemeinschaftsstiftung

Weitere Stimmen von StifterInnen „Ich habe durch einen Zeitungsartikel von der Bewegungsstiftung erfahren und fand die Idee sehr spannend. Ich hatte selbst geerbt und wusste lange nicht, wie ich damit umgehen soll, weil ich das Prinzip Erben zutiefst ungerecht finde. Durch die Bewegungsstiftung bin ich auf eine neue Idee gekommen, wie ich mein Erbe einsetzen kann. Besonders überzeugt hat mich das Konzept der Bewegungsarbeiter. Die meisten Menschen, die sich in sozialen Bewegungen engagieren, machen das ja alles in ihrer Freizeit, was viel Energie kostet. Ich finde es fantastisch, dass die Stiftung ausgewählte Aktivisten unterstützt und so für eine Professionalisierung des Protests sorgt. Die Gegenseite arbeitet ja auch professionell.“ Brigitte Knopf Jahrgang 1973, Potsdam

„Ich lernte die Bewegungsstiftung kennen, als ich gerade etwas Geld geerbt hatte. Ich komme nicht aus einer vermögenden, sondern aus einer sozialdemokratischen Familie, die immer politisch war. Es tat damals gut, auch über Geld reden zu können. Das war neu für mich. Als junge Frau haben mich die Anti-Atom-Bewegung, aber auch die Frauen- und Friedensbewegung geprägt. Ich habe dann lange in der Provinz gelebt und bin aus vielen politischen Kontexten herausgefallen. Durch die Bewegungsstiftung nehme ich wieder an aktuellen Diskussionen teil, das ist mir unglaublich wichtig. Mir gefällt es, politische Bewegungen zu unterstützen, wobei mir die Initiativen in den neuen Bundesländer besonders am Herzen liegen. Auch schätze ich den Vernetzungsgedanken der Stiftung. Für mich war der Einstieg in die Bewegungsstiftung eine sehr lohnende Investition.“ Jutta Meinerts Jahrgang 1957, Magdeburg

„Ich bin Stifter geworden, weil das ganze Paket für mich stimmig ist. Ich finde es sinnvoll, dass die Bewegungsstiftung nicht nur mit ihren Erträgen Gutes tut, sondern auch ihr Stiftungskapital gesellschaftsverändernd anlegt. Grundsätzlich kann ich mich mit allen Kampagnen, die die Stiftung fördert, identifizieren. Aber mich bewegen vor allem Themen wie die Energiewende und der Atomausstieg. Ich wohne mit meiner Familie in Erkelenz, das zu einem Drittel dem Braunkohletagebau Garzweiler weichen soll. Wir sind nah dran am Loch. Da spürt man die Auswirkungen der Energiepolitik ziemlich deutlich.“ Ralf Bußberg Jahrgang 1969, Erkelenz

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Der eine hat die Bewegungsstiftung mit gegründet, der andere ist einige Jahre später dazugestoßen: Gerald Neubauer (r.) und Ive Hauswald im Gespräch. Foto: Ulrike Schmidt

„Der wichtigste Motor für Veränderung sind Menschen, die gegen Ungerechtigkeit protestieren“ Die Bewegungsstiftung wurde 2002 von 9 StifterInnen gegründet. Mittlerweile sind 150 weitere dazu gestoßen. Wie hat sich die Stiftung seitdem entwickelt? Auf welchen Wegen kommt man zur Stiftung? Ein Gespräch mit den Stiftern Ive Hauswald und Gerald Neubauer über politische Lebensläufe, Philanthropie und den Umgang mit Erbe und Erspartem

Gerald, du hast die Bewegungsstiftung 2002 mit gegründet. Wie seid ihr auf die Idee gekommen? Gerald: Ende der 90er Jahre ist mein Vater gestorben. Da war ich Anfang 20 und habe relativ viel Geld geerbt. Ich war damals schon aktiv in Protestbewegungen wie der Jugendumweltbewegung, Friedens- und Anti-Atom-Bewegung. Ich habe damals mit einem Freund zusammen gewohnt, dessen Vater Unternehmer ist und der viel Geld überschrieben bekommen hatte und wir haben zusammen überlegt: Wie können wir mit diesem Geld umgehen? Da kam dann noch ein weiterer Freund dazu, der in den USA studiert und dort eine Stiftung kennengelernt hat, die Protestbewegungen fördert. So ist die Idee entstanden, so etwas auch in Deutschland zu gründen.

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Wie war die Stimmung damals? Gerald: Das war natürlich eine große Aufbruchstimmung. Wir waren erstaunt, wie viele Menschen es gibt, die einen linken Hintergrund haben und die zu Geld gekommen sind. Da sind sehr viele interessante Gespräche entstanden. Wir haben dann Seminare veranstaltet für Menschen, die Protesthintergrund und Geld haben und die überlegen, wie sie mit dieser Situation umgehen. Das ist auf überraschend starke Resonanz gestoßen. Toll fand ich auch, dass viel zwischen den Generationen passiert ist. Junge Menschen sind zur Stiftung gekommen, haben dann mit ihren Eltern diskutiert und ihre Väter, Mütter und Geschwister mitgebracht, sodass mittlerweile ganze Familien in der Stiftung aktiv sind.


Gemeinschaftsstiftung

Ive, du bist 2007 Stifter geworden. Wie hast du von der Stiftung erfahren? Ive: Ich hab irgendwo davon gelesen und fand die Idee spannend. Ich habe dann ein langes und angenehmes Infogespräch mit einer Stifterin geführt, die mir signalisiert hat: Die Tür ist offen, lass dir ruhig Zeit. Ein, zwei Jahre habe ich noch hin und her überlegt und bin dann mit 5.000 Euro eingestiegen. Bei mir ist der Hintergrund ein bisschen anders als bei dir, Gerald. Ich habe kein großes Erbe erhalten. Mein Vater war Lehrer, ich war Lehrer. Aber wenn man relativ sparsam lebt, fällt es leicht, von dem hereinströmenden Geld etwas beiseite zu legen. Und dann fragt man sich: Was macht man damit? Ganz viel ist schon früher in andere Organisationen geflossen. Aber bei der Bewegungsstiftung fand ich den Gedanken schön: Da ist eine Stiftung, die schaut sehr genau hin, welche Organisationen Förderung verdienen. Das ist etwas, was ich selbst gar nicht leisten kann. Welche politischen Themen bewegen euch? Haben die sich über die Jahre verändert?

Lausitz gefahren, haben den Braunkohletagebau und bedrohte Dörfer besucht und uns an einer deutsch-polnischen Menschenkette gegen Kohle beteiligt. Ich genieße aber auch jedes Jahr die Strategiewerkstatt – unser großes Jahrestreffen in Berlin. Das ist wie ein großes Familientreffen. Ive: Das ist auch das Bild, das mir eingefallen ist: Das ist wie eine ganz große Familie, wo man sich freut, wenn man aus dem Alltag kommt und auf hochengagierte Leute statt auf Widerstand und Gleichgültigkeit trifft. Ihr seid seit vielen Jahren Stifter. Wie hat sich in dieser Zeit euer Verhältnis zur Stiftung verändert? Ive: Ich betrachte die Stiftung immer noch mit ganz viel Sympathie und halte mir das letzte FebruarWochenende immer für die Strategiewerkstatt frei. Aber ich fahre nicht zu allen Sitzungen und Beiratstreffen. Dafür ist mir der Aufwand zu hoch. Ich bin ja auch hier vor Ort in Hamburg ehren-

Ive: Bei mir sind sie eigentlich gleich geblieben. Als Religionslehrer habe ich mich viel mit globaler Gerechtigkeit beschäftigt und in den 80er Jahren war ich eigentlich auf jeder großen Friedens- und Anti-AKW-Demo. Gerald: Bei mir war es wie gesagt zu Beginn die Anti-Atom-Bewegung. Ich war damals bei „x-tausendmal quer“ aktiv. Dort haben wir gemerkt: Eigentlich müssen wir vor jeder Castorblockade Geld aufbringen, das erst später durch Spenden wieder reinkommt. Wir haben dann Risiko-Kredite gegeben, die auch wieder zurückgezahlt wurden. Aber wir haben uns gedacht: Eigentlich braucht es dafür mehr Struktur und mehr Köpfe, auf die sich das Risiko verteilt. Auch das hat uns zu der Idee der Stiftung gebracht. In den letzten Jahren habe ich mich sehr intensiv dem Aufbau einer Anti-KohleBewegung gewidmet. Hier ist inzwischen aus vielen kleinen Initiativen etwas Großes entstanden. Welche Erlebnisse mit der Bewegungsstiftung haben sich euch eingeprägt? Gerald: Toll sind immer die gemeinsamen Aktionen und Demo-Teilnahmen gewesen. 2014 sind wir zum Beispiel mit einer Gruppe von StifterInnen in die

„Bei der Bewegungsstiftung fand ich den Gedanken schön: Da ist eine Stiftung, die schaut sehr genau hin, welche Organisationen Förderung verdienen. Das ist etwas, was ich selbst gar nicht leisten kann.“ Foto: Ulrike Schmidt

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amtlich aktiv. Ich habe ein Patenkind, betreue ein Kita-Naturprojekt, engagiere mich in der Sterbebegleitung und der Flüchtlingsarbeit. Da geht einfach nicht mehr. Gerald: Ich bin auch nicht mehr so aktiv in der Stiftung wie in den Anfangsjahren. Das hat auch damit zu tun, dass ich jetzt in dem bin, was man so die Rush-Hour des Lebens nennt. Mit VollzeitJob und zwei kleinen Kindern bleibt wenig Zeit für Engagement darüber hinaus. Aber dadurch, dass ich jetzt als Campaigner beim Online-Netzwerk Campact in Verden arbeite, bin ich der Stiftung wieder etwas näher gerückt. Gibt es Entwicklungen bei der Bewegungsstiftung, die ihr kritisch seht? Gerald: Ich hätte mir gewünscht, dass das Stiftungskapital dynamischer wächst. Da sind wir viel, viel langsamer als wir in der Anfangszeit gedacht haben. Eine weitere Herausforderung ist die derzeitige Niedrigzinsphase. Wenn die Kapitalerträge nicht groß sind, ist es für Menschen weniger einleuchtend, in das Kapital zu stiften. Ive: Die Probleme mit den Zinsen sehe ich auch. Aber das würde mich nicht daran hindern, weiter zu stiften. Man muss die Leute dann einfach fragen:

Wollt ihr das Geld stiften oder direkt spenden? Und das passiert ja auch. Fühlt ihr euch selbst eigentlich als Stifter oder Philanthrop? Gerald: Auf jeden Fall als Stifter. Ive: Ich bin auch Stifter, fühle mich aber nicht so, sondern eher als Philanthrop. Ich empfinde mich den Menschen geschwisterlich verbunden und möchte daran mitwirken, dass Gerechtigkeit, Frieden und gute Lebensbedingungen für alle Menschen auf der ganzen Welt herrschen. Das Thema der nächsten Tagung der Bewegungsstiftung lautet Philanthropie und Transformation. Was meint ihr: Welchen Beitrag können PhilanthropInnen für den gesellschaftlichen Wandel leisten? Ive: Für mich ist Philanthropie der Motor all meinen Engagements. Das Gefühl des Verbundenseins ist mein innerstes Motiv des Einsatzes für positive gesellschaftliche Veränderungen. Gerald: Ich würde es etwas anders formulieren: Der wichtigste Motor für Veränderung sind Menschen, die gegen Ungerechtigkeit protestieren. Bei diesem Engagement kann aber Geld und der Zugang zu Wissen einen großen Unterschied machen. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen, die über viel Geld verfügen, dies für positive Zwecke einsetzen. Umgekehrt ist es genauso wichtig, dass Geld zerstörerischen Zwecken entzogen wird, so wie es gerade die Divestment-Kampagne der Anti-KohleBewegung vormacht. Die Bewegungsstiftung ist hier mit ihrer ethisch-nachhaltigen Geldanlage immer Vorreiter gewesen. Was hat die Stiftung für euch persönlich bewirkt? Hat sie eure Sicht auf Politik verändert? Ive: Meine politische Einstellung hat sich durch die Stiftung nicht geändert. Zur Menschenkette in die Lausitz wäre ich vielleicht auch so gefahren. Aber so hat man natürlich mehr Angebote und es ist gut zu wissen, dass es eine Institution gibt, die weiß, wo das Geld gebraucht wird.

„Ich bin durch die Stiftung in einen Kreis von Menschen hineingewachsen, die ich sonst nicht kennengelernt hätte.“ Foto: Ulrike Schmidt

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Den Wandel gestalten

Gerald: Ich bin durch die Stiftung in einen Kreis von Menschen hineingewachsen, die ich sonst nicht kennengelernt hätte. Das ist ein tolles Netzwerk in persönlicher und politischer Hinsicht.


Geldanlage Wie wir unser Stiftungsvermรถgen anlegen: ethisch, nachhaltig und transparent


Wo es möglich ist, fördern wir mit Direktanlagen: zum Beispiel das Wohn- und Arbeitsprojekt InWoLe in Potsdam, das wir mit einem Darlehen von 50.000 Euro unterstützen. Auch viele politische Projekte haben hier ihren Sitz. Foto: InWoLe Gmbh

Mit Geld die Welt verändern –  unser Stiftungskapital als Förderinstrument Alles Handeln einer Stiftung soll ihrem Zweck dienen. Die Bewegungsstiftung will daher den gesellschaftlichen Wandel nicht nur mit den Erlösen aus ihrem angelegten Vermögen fördern, sondern bereits mit der Vermögensanlage selbst. Dabei wollen wir neue Wege beschreiten, das Geld in die richtigen Bahnen lenken und an der wirksamsten Stelle investieren. Aber: Wie macht man das am besten?

an Unternehmen beteiligen, die soziale und technische Innovationen erproben, zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen und soziale sowie ökologische Standards einhalten.

Die richtigen Kriterien

Natürlich wollen wir auch eine angemessene Rendite erzielen. Trotzdem steht die Frage der Ethik und Nachhaltigkeit immer am Beginn unserer Überlegungen. Erst danach entscheiden Kriterien wie Risiko, Rendite und Liquidität.

Wir haben 2004 einen Anlageausschuss gegründet, der eine Richtlinie für ethisch-nachhaltige Geldanlage erarbeitet hat. Darin verpflichten wir uns, dass kein Cent unseres Kapitals in Rüstung, Atomtechnik, Kinderarbeit oder ähnlich verwerfliche Wirtschaftsweisen fließt. Stattdessen wollen wir uns

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Den Wandel gestalten

Wir haben dabei die Erfahrung gemacht: Wer sich abseits der üblichen Investitionswege bewegt und


Geldanlage

Unsere Anlageklassen

Liquidität 393.884 Euro

Aktienfonds 498.534 Euro Beteiligungen 822.907 Euro

11 % 18 % 10 %

festverzinsliche Anlagen 2.477.199 Euro

8 % 53  %

Kredite an Projekte 471.345 Euro sich selbst strenge Kriterien auferlegt, sucht die Nadel im Heuhaufen. Immer wieder sind es Hinweise von StifterInnen, Aktiven aus geförderten Projekten und KooperationspartnerInnen, die uns auf die richtige Fährte führen.

Wir suchen nach dem „Hebel der Veränderung“ Bei unserer Geldanlage wollen wir auch mit einem relativ geringen Kapitaleinsatz eine möglichst große Wirkung erreichen. Wir fragen dabei immer, wie sehr die Vermögensanlage tatsächlich zu einer von uns gewünschten Veränderung beiträgt. Wir schätzen den Hebel der Veränderung dann als besonders hoch ein, wenn einem Projekt durch unsere Anlage direkt Geld zufließt und diese noch unkonventionell ist und daher von wenigen AnlegerInnen überhaupt wahrgenommen wird. Wo es möglich ist, fördern wir durch Direktanlagen. Das können Wohnprojekte, Organisationen des fairen Handels, eine ErzeugerVerbraucher-Genossenschaft im ökologischen Landbau oder Wohnungsgenossenschaften sein. Dadurch vergeben wir zu günstigen Konditionen Geld an kleine und mittlere Projekte, welches diese auf den üblichen Wegen eher schwer oder gar nicht erhalten würden. Darüber hinaus wollen wir auch Impulse geben, indem wir unser Portfolio mit einer Beschreibung und Entscheidungsbegründung für jede einzelne Geldanlage auf unserer Webseite veröffentlichen. Damit geben wir PrivatanlegerInnen und Stiftungen die Möglichkeit, sich Anregungen für die eigene Geldanlage zu holen. Wir zeigen, dass es trotz eines (noch) begrenzten Produktangebotes auch für größere Vermögensbeträge möglich ist, diese nach strengen Kriterien ethisch-nachhaltig zu investieren.

Wie hoch sind die ökonomischen und politischen Risiken? Welche Wirkung erzielen wir mit unserer Anlage? Wie hoch ist die zu erwartende Rendite? Um diese Fragen zu klären, prüfen wir zuerst öffentlich zugängliche Daten wie Jahresabschlüsse, Geschäftsberichte und die Auftritte im Internet. Bei Ungereimtheiten fragen wir einen Kreis von Fachleuten und sprechen auch die geförderten Projekte an, die im jeweiligen Themenfeld politisch aktiv sind. Bleiben dann Fragen offen, wenden wir uns direkt an die möglichen Geldempfänger, die nach unserer Erfahrung zumeist bereitwillig Auskunft geben.

Am Ende entscheidet der Rat Alle Informationen werden für den Anlageausschuss aufbereitet, der die Vor- und Nachteile abwägt, dem Risiko und der Vermögensstruktur angemessene Anlagebeträge festlegt und eine Empfehlung an den Stiftungsrat ausspricht. Dem Stiftungsrat obliegt die letzte Entscheidung.

Ethisch-nachhaltig anlegen lohnt sich Festzuhalten bleibt: Alle Formen der ethisch-nachhaltigen Geldanlage entfalten ihre Wirkung. Auch Geldanlagen, die eine marktübliche Rendite und Sicherheit gewähren, üben gesellschaftlichen Druck für einen sozialen und ökologischen Wandel aus. Private und institutionelle AnlegerInnen können Impulse für die Entwicklung von weiteren Angeboten setzen. Sie können Einfluss ausüben, indem sie möglichst alle Facetten des ethisch-nachhaltigen Angebotes nachfragen. Als Stiftung haben wir diesen Einfluss in den letzten Jahren geltend gemacht und wollen dies auch in Zukunft fortsetzen.

Gewissenhafte Risikoprüfung Direktanlagen in Wohnprojekte und Genossenschaften haben gemein, dass sie im ungünstigsten Fall zu einem Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen können. Angesichts dieses Risikos wägen wir verschiedene Kriterien sorgfältig gegeneinander ab:

Kirsten Paul Vermögensverwalterin der Bewegungsstiftung

Die Bewegungsstiftung

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Das Thema Divestment nimmt Fahrt auf: Überall auf der Welt fordern Aktive der Klimabewegung Investoren auf, aus der fossilen Brennstoffbranche auszusteigen, so wie hier bei einer Aktion in Australien. Viele Stiftungen, Versicherungen und Pensionskassen sind dem Aufruf schon gefolgt. Foto: 350.org, CC BY NC SA 2.0

Geldanlage als politischer Hebel – die Divest-Invest-Kampagne Die Anti-Apartheid-Bewegung hat vorgemacht, dass sich politischer Wandel beschleunigen lässt, wenn man Investoren davon überzeugt, ethisch bedenkliche Geldanlagen aufzulösen. Diese De-Investment-Kampagnen haben sich Aktive aus der Klimabewegung zum Vorbild genommen und eine Divest-Invest-Kampagne aufgebaut, die institutionelle und private Investoren auffordert, aus der fossilen Brennstoffbranche auszusteigen. Neben dem politischen Argument, dass fossile Brennstoffe wie Erdöl, Kohle und Gas die Klimakiller Nummer 1 sind, gibt es auch ein schlagendes finanzielles Argument: Sollten sich die Regierenden beim Klimagipfel in Paris darauf einigen, einen Großteil der fossilen Energieressourcen im Erdboden zu lassen, verlieren Erdöl- und Energieunternehmen massiv an Wert. Schon jetzt sprechen InvestorInnen vom so genannten „Carbon bubble“, also einer massiven Überbewertung solcher Unternehmen. Was kann

die Kampagne bewirken? Es wird ihr wohl nicht gelingen, über den Hebel des Geldes dem gesamten Markt eine Kehrtwende zu verpassen. Wenn sie es aber schafft, die Stimmung auf den von Stimmungen so abhängigen Finanzmärktennachhaltig zu beeinflussen, wird die Branche von alleine folgen. Die Bewegungsstiftung ist an diesen Entwicklungen beteiligt und hält eine gute Nachricht für InvestorInnen bereit: Sie müssen die Risiken der fossilen Brennstoffindustrie nicht auf sich nehmen. Unser kohlenstofffreies Portfolio zeigt: Eine Rendite lässt sich auch ethisch-nachhaltig erzielen! Und politisch ist die Sache eh klar: Wer Umweltschutz als Satzungszweck hat, sollte ihm auch in Investitionsentscheidungen nachkommen. Mehr Informationen unter: www.gofossilfree.org/de

Verwaltetes Vermögen Vermögen Stiftung bridge 950.000 Euro

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Den Wandel gestalten

Gelder Protestsparen 283.000 Euro

Vermögen Bewegungsstiftung 4,67 Millionen


Mitwirkung &  Über uns Wissenswertes zu Stiften und Spenden, Vermögen, Aufbau und was andere über uns sagen


Spenden in den Fördertopf kommen direkt Protestkampagnen, zum Beispiel gegen das Freihandelsabkommen TTIP, zu Gute. Foto: Christian Mang, Campact, CC-BY-NC 2.0

Stiften und Spenden Es gibt viele Wege, die Arbeit der Bewegungsstiftung zu unterstützen. Ein Überblick über die Möglichkeiten des Stiftens und Spendens. StifterInnen können durch Zustiftungen und Spenden die Arbeit der Bewegungsstiftung befördern. Eine andere Möglichkeit ist unsere Aktion Protestsparen, bei der uns Interessierte befristete Darlehen geben, die wir ethisch-nachhaltig anlegen, um mit den Zinsen Protest zu fördern. www.protestsparen.de Wofür man sich entscheidet, hängt vor allem davon ab, auf welche Weise und wie schnell die Stiftung Protestbewegungen unterstützen soll. Aber auch die Höhe der Beträge und die steuerliche Berücksichtigung spielen eine Rolle. Doch zuvor die Frage:

Warum überhaupt eine Stiftung? Die Bewegungsstiftung wurde gegründet, weil uns ein ausreichend großes Stiftungsvermögen Unabhängigkeit verschafft. Unabhängigkeit, die man braucht, um politisch unbequeme Protestbewegungen dauerhaft fördern zu können. Eine Stiftung mit einem ausreichend großen Vermögen ist weder auf staatliche Zuschüsse, noch auf einzelne Spenderinnen und Spender angewiesen. Sie kann Kampagnen auch über die kurzfristigen Zeiträume gesellschaftlicher Aufmerksamkeit und damit einhergehender Spendenbereitschaft hinaus langfristig und verbindlich fördern.

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Den Wandel gestalten

Viele StifterInnen fasziniert gerade der Gedanke, dass ihr Vermögen mit einer Vision verschmolzen wird und sie nicht alleine über seine Verwendung entscheiden, sondern dies im Austausch mit anderen tun. Das Vermögen trennt sich von denjenigen, die es einmal zur Verfügung gestellt haben. Es dient der gemeinsamen Idee auch dann noch, wenn wir, die Stifterinnen und Spender, die Initiatoren, Aktiven und Angestellten, nicht mehr da sind. Eine Stiftung eignet sich daher besonders für Vermögen, die einem zwar rechtlich gehören, „gefühlt“ aber nicht. Etwa, weil sie von anderen erarbeitet und selbst „nur“ geerbt wurden. Gerade solche Vermögen sollen, so zumindest die oft geäußerte Motivation von StifterInnen, bewahrt und nicht innerhalb weniger Jahre ausgegeben werden. Mit dem Bewahren des Vermögens wird die Lebensleistung derjenigen geachtet, die das Vermögen erwirtschaftet haben. Die Zweckbindung bei einer Zustiftung an die Bewegungsstiftung ist der inhaltliche Stempel, den die Erbinnen und Erben dem Vermögen mitgeben.

Herausforderung Niedrigzinsphase Egal ob das Vermögen noch in privaten Händen ist oder bereits in einer Gemeinschaftsstiftung kollektiviert wurde: Es bleibt eine große Herausforderung,


Mitwirkung & Über uns

es vor Inflation zu schützen und es in der derzeitigen Niedrigzinsphase ertragreich anzulegen. Wie andere Stiftungen auch bilden wir aus den Erträgen Rücklagen, die der Inflation entgegenwirken. In der aktuellen Situation, in der die Zinsen sehr niedrig sind, ist es eine besondere Herausforderung, die Förderkraft des Vermögens dauerhaft zu erhalten.

Spenden sichern die Fördertätigkeit Bei einer wachsenden Stiftung wie der Bewegungsstiftung tragen auch die neuen Zustiftungen zum Erhalt der Förderkraft bei. Wenn die Erträge weiter sinken, sind es aber insbesondere Spenden, die die Arbeit und Fördertätigkeit der Bewegungsstiftung absichern. Eine weitere Herausforderung, vor der Stiftungen stehen, ist die Wahrung des Gründungsgedankens. Das wohl prominenteste Beispiel ist die Stiftung Alfred Nobels. Nach dessen Tod haben seine Nachkommen zehn Jahre gebraucht, um sich auf den mutmaßlich letzten Willen des Stifters zu einigen. Stirbt die InitiatorIn einer Stiftung, müssen die Satzungsorgane der Stiftung die Interpretation des StifterInnenwillens übernehmen. Das kann eine mühselige Angelegenheit werden. Sind die letzten Personen verstorben, die die Gründungsgeneration kannten, sind allerlei Interpretationen zum Stiftungszweck möglich. Wir haben diese Problematik bereits bei der Gründung als Gemeinschaftsstiftung mit bedacht. Sie gewinnt kontinuierlich neue Menschen hinzu – und ihnen wird die ursprüngliche Idee immer wieder neu erklärt. Das kollektiv gezeichnete Bild über Sinn, Zweck und „Spirit“ der Stiftung trägt sich so in der Gemeinschaft weiter.

Wann sind Spenden sinnvoll? Die Anliegen, die wir unterstützen, brauchen heute möglichst viel Unterstützung. Empörung drängt zum Protest und für den geduldigen Aufbau einer Alternative bleibt nur wenig Zeit. Protest zu befördern – das ist die ureigene Aufgabe der Bewegungsstiftung. Eine Spende in den Fördertopf wird vollständig für die Förderung von Protestbewegungen verwendet. Mehr als die Hälfte unseres Fördervolumens kommt auf diese Weise zustande. Aus Sicht der Stiftung ist das auch sinnvoll: Die einmal geschaffene Struktur wird genutzt, um mehr Mittel für Kampagnen und Aktionen zur Verfügung zu stellen. Es gibt in der Bewegungsstiftung einen zweiten wichtigen Zweck, für den wir um Spenden bitten: die Arbeit der Geschäftsstelle, die dem Wachstum der Stiftung dient. Spenden hierfür werden in der Überzeugung gegeben, dass es richtig ist, die Stiftung als Solidar-Struktur für Protestbewegungen zu etablieren. Dazu ist Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung und auch Fundraising notwendig – das ist arbeits- und damit kostenintensiv. Beide Wege sind am Ende ein Beitrag zu einer besseren, gerechteren Welt. Erfreulich, dass sich der Staat über Steuererstattungen daran beteiligt. So können Spenden bis zu einer Höhe von 20 Prozent des Einkommens bei der Einkommenssteuer berücksichtigt werden. Darüber hinaus kann in zehn Jahren der Gesamtbetrag von einer Million Euro aus Zustiftungen steuerwirksam werden.

Stiften oder Spenden – wo ist der Unterschied? Eine Zustiftung erhöht das Vermögen der Stiftung und soll dauerhaft erhalten bleiben. Wer 5.000 Euro oder mehr zustiftet, erhält bei uns lebenslang ein Stimmrecht im Beirat der StifterInnen. Eine Spende ist von Rechts wegen anders definiert: Sie muss innerhalb von zwei Jahren für den Satzungszweck verwendet werden. Ein Stimmrecht ist bei uns damit nicht verbunden – egal, wie groß die Spende ist. In beiden Fällen ist der bürokratische Aufwand minimal: Es reicht, den Betrag zu überweisen und dabei den entsprechenden Verwendungszweck anzugeben. Während wir Zustiftungen ab 5.000 Euro entgegennehmen, sind Spenden in jeder Höhe möglich und willkommen.

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Den Wandel gestalten

Matthias Fiedler Geschäftsführer der Bewegungsstiftung

Sie sind interessiert, StifterIn zu werden oder der Bewegungsstiftung eine Spende zu geben? Dann melden Sie sich gerne bei mir. Per E-Mail fiedler@bewegungsstiftung.de oder telefonisch unter 04231- 957 552


Für politischen Wandel sorgen: Die Stiftung ermöglicht dies auch über das eigene Leben hinaus – mit dem politischen Testament. Foto: Jakob Huber

Bewegungen anstoßen – über das eigene Leben hinaus Menschen, die mit einem Teil ihres Vermächtnisses politische Bewegungen unterstützen möchten, bietet die Bewegungsstiftung die Möglichkeit des politischen Testaments. Dem geht eine eingehende Beratung voraus. In unserer Gesellschaft gibt es zwei Themen, über die nicht offen gesprochen wird: Geld und Tod. Die Gründe dafür sind verständlich. Niemand denkt gern an sein eigenes Ende. Und Geld gilt als Privatangelegenheit, über die man höchstens mit seinen engsten Angehörigen spricht. Manche fürchten auch, Neid zu wecken oder nur auf ihr Vermögen reduziert zu werden. Dabei gibt es gute Gründe, sich mit den Themen Erben, Vererben und Schenken auseinanderzusetzen und ein Testament ins Auge zu fassen. Zum Beispiel, • weil man nicht das Erbrecht bestimmen lassen, sondern den Nachlass im eigenen Sinne regeln möchte • weil es keine Nachkommen gibt und das

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Den Wandel gestalten

Erbe somit automatisch an den Staat fallen würde • weil es Sicherheit verleiht, seine Vermögens- verhältnisse geordnet zu hinterlassen • weil es Menschen, Ziele und Ideale gibt, die man auch nach dem Lebensende unterstüt zen möchte Für alle, die mit einem Teil ihres Vermächtnisses politische Bewegungen unterstützen möchten, bietet die Bewegungsstiftung die Möglichkeit des politischen Testaments an. Die Stiftung hat für diesen Fall umfangreiches Informationsmaterial zusammengestellt, das Interessierte in einem ersten Schritt über die Möglichkeiten aufklärt und auch grundsätzliche Erbschaftsfragen thematisiert. In einem nächsten


Mitwirkung & Über uns

Schritt folgt in der Regel eine eingehende Beratung, in die der Erfahrungsschatz der Stiftung und ihr umfangreiches Netzwerk mit einfließen. Beim politischen Testament gibt es mehrere Optionen. So kann ab einem Betrag von 10.000 Euro festgelegt werden, für welchen Themenbereich die Testamentsspende eingesetzt werden soll. Tritt der Erbfall ein, sucht die Stiftung Projekte sozialer Bewegungen aus, die den politischen Vorstellungen des/der Vererbenden und den fachlichen Kriterien aus Sicht der Stiftung entsprechen. Der Stiftungsrat entscheidet dann über die Vergabe der Gelder.

oder 100 Jahren Protestbewegungen gefördert werden. Zustiftungen sind ab 5.000 Euro möglich. Wem hingegen ein Förderschwerpunkt besonders am Herzen liegt, dem oder der eröffnet sich eine weitere Option: Unter dem Dach der Bewegungsstiftung kann auch eine Treuhandstiftung errichtet werden. Das hat für Interessierte den Vorteil, dass sie keine eigene Stiftung gründen müssen, sondern die professionellen Strukturen und den MitarbeiterInnenstab der Bewegungsstiftung nutzen können. Das Mindestkapital einer Treuhandstiftung beträgt 500.000 Euro.

Eine Treuhandstiftung als weitere Option Wer dagegen keinen Zweck festschreiben oder weniger als 10.000 Euro spenden möchte, hat die Möglichkeit, eine Spende in den allgemeinen Fördertopf der Stiftung zu geben oder kann bestimmen, dass sie ins Stiftungskapital einfließen soll. Bei einer solchen Zustiftung bleibt das Geld langfristig erhalten. Aus den Erlösen des angelegten Geldes können dann auch noch in den nächsten 10, 20

Mehr Informationen zum politischen Testament enthält unsere kostenlose Erbschaftsbroschüre „Bewegungen anstoßen – über das eigene Leben hinaus“, die in der Geschäftsstelle bestellt werden kann.

Ob Friedensbewegung oder Bildungsproteste - wer Kampagnen und Organisationen auch nach seinem Lebensende unterstützen will, kann sie in seinem Testament mit einem Vermächtnis berücksichtigen. Foto: Timo Voigt/randbild.de, Jakob Huber

Die Bewegungsstiftung

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Die Stiftung in Zahlen Vermögen, Fördersummen, Verwaltungskosten– hier finden Sie die wichtigsten Zahlen zur Bewegungsstiftung und die dazugehörigen Erläuterungen.

Wachstum der Stiftung

neue Menschen hinzu gewinnt, die uns mit Geld und Engagement unterstützen.

Das Gesamtvermögen der beiden Stiftungen beträgt heute (Stand Oktober 2015) etwa 5,5 Millionen Euro Rechnet man die Darlehen aus unserer ProtestsparAktion hinzu, bei der uns Menschen befristet Geld geben, das wir ethisch-nachhaltig anlegen, um mit den gespendeten Zinsen Protest zu fördern, verwalten wir derzeit ein Vermögen von etwa 5,8 Millionen Euro. Die Anlage unseres Stiftungskapitals nach strengen ethisch-nachhaltigen Kriterien ist für uns nach wie vor ein wichtiger politischer Hebel. Deshalb freut uns die positive Entwicklung unseres Stiftungskapitals. Je größer unser Vermögen wird, desto mehr Einfluss können wir mit unserer Geldanlage ausüben und unsere Leuchtturmfunktion im Bereich ethisch-nachhaltiger Geldanlage weiter ausbauen. Ein größeres Wachstum des Stiftungskapitals ist deshalb weiterhin erklärtes Ziel der Bewegungsstiftung. Die Zahl der StifterInnen beträgt Ende 2015 159 (vier verstorben). Davon sind 94 Männer und 65 Frauen. Wir sind eine Stiftung, die kontinuierlich

Spenden für die Bewegungsstiftung Über die letzten Jahre haben wir unser Spendenaufkommen kontinuierlich steigern können. Ein Teil unserer Stifterinnen und Stifter spendet jährlich größere Summen. Die Arbeit der Geschäftsstelle, insbesondere die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, aber auch das Gewinnen von neuen StifterInnen ist nur möglich, weil StifterInnen die Geschäftsstelle mit Spenden unterstützen. Auch unser Stiftungsbetrieb mit seinen vielfältigen Möglichkeiten der Beteiligung und Vernetzung wäre ohne Spenden nicht in diesem Maße finanzierbar. Dazu kommen Spenden, die in den Fördertopf der Bewegungsstiftung gegeben werden und so direkt und ohne Abzüge an die geförderten Projekte gehen. Seit 2002 haben die Bewegungsstiftung und die Stiftung bridge zusammen über drei Millionen Euro an Spenden einwerben können. Unser jährliches Spendeneinkommen liegt derzeit bei etwa 360.000 Euro. Gerade was das jährliche Spendenaufkommen

Entwicklung Stiftungsvermögen in tausend Euro 6.000.000 Vermögen Stiftung bridge

Gesamtvermögen 5.000.000

Vermögen Bewegungsstiftung 4.000.000 3.000.000 2.000.000 1.000.000 0.000.000 2002

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Den Wandel gestalten

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012

2013

2014


Mitwirkung & Über uns

anbelangt, wollen wir in den nächsten Jahre große Schritte nach vorne machen, um so noch mehr Geld für soziale Bewegungen bereitstellen zu können. Zu den Möglichkeiten des Stiften und Spendens haben wir in dieser Broschüre auf Seite 36 wichtige Informationen zusammengestellt.

Förderung Wirkung lässt sich nicht allein an Zahlen messen, aber sie sind doch ein Indikator für das, was wir erreicht haben. Seit unserer Gründung haben wir etwa 3,3 Millionen Euro für soziale Bewegungen bereitgestellt. Das umfasst Zuschüsse zu Projekten (Kampagnen- und Basisförderung), die Kosten für Begleitung, Vernetzung und Beratung sowie die Spenden, die wir an BewegungsarbeiterInnen und Organisationen zweckgebunden weiterleiten.

2002 9 StifterInnen

2015

159 StifterInnen

Auch bei den Spenden lässt sich ein kontinuierlicher Anstieg erkennen, den wir in den kommenden Jahren fortsetzen und steigern wollen.

Ausgaben der Förderungen Bewegungsstiftung und Stiftung bridge Summe (In 1.000 € ) 2014 2013 2012 2011 2010

108.000

190.000

82.200

50.000

2009

51.000 50.300

2007

52.400

2006

57.000

311.500

88.500

177.000 60.000 37.800

361.200

94.000

332.000

75.000

165.800

55.800

138.800

50.000

87.500 57.900 31.600

342.500

87.500

185.000

80.000

2008

2005

115.000

65.000

184.900

47.100

154.900

44.600

133.900

45.300

114.000

40.000

193.600

39.600

2004

18.000

2003

22.000

2002

4.200 Zuschüsse Kampagnen

Zuschüsse Basisförderung

Begleitung und Beratung

Seit 2002 haben Bewegungsstiftung und Stiftung bridge über 2,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Über diesen Betrag hinaus haben wir 437.000 Euro zweckgebundene Spenden und 564.000 Euro Patenschaftsgelder für BewegungsarbeiterInnen weitergeleitet. Im Jahr 2011 übernahmen wir eine Ausfallbürgschaft in Höhe von 150.000 Euro, um Demonstrationen gegen die Laufzeitverlängerung abzusichern. Davon wurden im Herbst 2011 25.000 Euro eingelöst. Die Ausgaben für Begleitung und Beratung umfassen Personal, Seminare und Vernetzungsangebote.

Die Bewegungsstiftung

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Kosten der Stiftung Zum Jahresende 2015 sind in der Stiftung sechs Personen unbefristet mit zusammen rund vier vollen Stellen beschäftigt. Arbeit kostet Geld: Mehr als ein Viertel unserer Ausgaben entfallen auf Büro- und Personalkosten. Diese bezahlte Arbeit ist Voraussetzung dafür, dass die Stiftung wächst, dass ein Vermögen von über fünf Millionen Euro aufgebaut und ethisch-nachhaltig angelegt werden konnte, dass Menschen auf die Stiftung aufmerksam werden und nicht zuletzt, dass die Stiftung Impulse setzen kann, wie etwa beim Aufbau progressiver Stiftungsnetzwerke oder der Allianz für ein modernes Gemeinnützigkeitsrecht. Außerdem machen wir mit der bezahlten Arbeit freiwillige

Arbeit möglich: Über 50 Ehrenamtliche beteiligen sich an Arbeitsgruppen zur Evaluation, zur Antragsbewertung, zur Geldanlage oder übernehmen Lektoratsaufgaben bei Broschüren wie dieser. Sie sind aktiv im Stiftungsrat, in der Beratung und Begleitung von Projekten oder beraten den Vorstand. Auch unsere Kassenprüfung erfolgt ehrenamtlich. Die Kosten, die mit diesem Engagement verbunden sind, finden sich unter Selbstverwaltung und machen etwas mehr als zwei Prozent unserer Ausgaben aus. Fast 60 Prozent unserer Ausgaben kommen über Zuschüsse, Beratung und Begleitung und Weiterleitungen sozialen Bewegungen zugute.

Kosten der Stiftung seit Gründung

Beratung & Begleitung 616.000 Euro BewegungsarbeiterInnen 564.300 Euro Spendenweiterleitung 436.900 Euro

Zuschüsse 1.702.874 Euro

Rund 3,3 Millionen Euro für soziale Bewegungen

10,2% 7,9%

Büro & Personal 1.516.300 Euro

11 ,1% 27,4%

2,3 %

30,8%

4,8 % 3,4 % 2,0 %

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Den Wandel gestalten

Selbstverwaltung 126.300 Euro

Öffentlichkeitsarbeit 265.000 Euro

Vermögensverwaltung 190.000 Euro

Stiftung bridge 113.000 Euro


Die MitarbeiterInnen der Geschäftsstelle in Verden: (v. l.) Jens Meier, Annett Gnass, Wiebke Johanning, Kirsten Paul, Carin Vogt und Matthias Fiedler. Foto: Bewegungsstiftung

Die Geschäftsstelle Die Bewegungsstiftung hat ihren Sitz in Verden bei Bremen. Unsere Geschäftsstelle unterstützt und koordiniert die Arbeit der ehrenamtlichen Gremien. Sechs MitarbeiterInnen kümmern sich außerdem professionell um Fundraising, die Beratung und Begleitung der geförderten Projekte, um Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Geldanlage, Buchhaltung und vieles mehr. Sie stehen Ihnen gerne auch für Ihre Fragen und Anregungen zur Verfügung. Matthias Fiedler

Jens Meier

Jahrgang 1968. Als geschäftsführender Vorstand der Bewegungsstiftung ist er neben der Geschäftsführung zuständig für den Kontakt zu StifterInnen und Gremien. Außerdem ist er Ansprechpartner für Fragen zu Spenden, Zustiftungen und Testament.

Jahrgang 1979, Diplomsozialpädagoge, selbst in verschiedenen Kampagnen aktiv und zuständig für die Projektbegleitung und -beratung.

fiedler@bewegungsstiftung.de Telefon: 04231 957- 552

Wiebke Johanning Jahrgang 1978, Journalistin und zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung. johanning@bewegungsstiftung.de Telefon: 04231 957- 540

meier@bewegungsstiftung.de Telefon: 04231 957- 542

Kirsten Paul Jahrgang 1969, Bankfachwirtin und Financial Planner, zuständig für die Vermögensverwaltung der Stiftung. paul@bewegungsstiftung.de Telefon: 04231 957- 549

Carin Vogt Annett Gnass Jahrgang 1960, seit vielen Jahren in sozialen Bewegungen aktiv, u.a. als Mediatorin und Moderatorin und zuständig für die Projektbegleitung und -beratung.

Jahrgang 1956, Großhandelskauffrau und Finanzbuchhalterin, zuständig für Veranstaltungsorganisation und Buchhaltung. vogt@bewegungsstiftung.de Telefon: 04231 957- 546

gnass@bewegungsstiftung.de Telefon: 04231 957- 548

Bewegungsstiftung Artilleriestraße 6, 27283 Verden, info@bewegungsstiftung.de, Telefon: 04231 957-540 Bankverbindung: GLS Gemeinschaftsbank, BIC: GENODEM1GLS, IBAN:DE56 4306 0967 0046 3144 00

Die Bewegungsstiftung

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Andere über uns „Bewegung stiften – was könnte sinnvoller sein in einer Welt, die grundlegende Veränderungen braucht, damit sie zu einem lebenswerten Ort für alle Menschen wird und nicht ein Ort extremer Ungleichheit bleibt und schließlich zu einer Welt ohne uns wird.“

Roland Roth Politikwissenschaftler und Bürgerrechtler

„Der Protest auf der Straße braucht über kurz oder lang auch ein Büro, jede Bewegung irgendwann auch ein organisatorisches Fundament. Das macht die Förderarbeit der Bewegungsstiftung so wichtig. Denn keine noch so gute Idee findet ja von selbst Gehör. Wer wüsste das besser als die taz?“ Konny Gellenbeck taz panterstiftung

„Ich kenne keine Stiftung, die zugleich so politisch und so transparent ist. Kompliment!“

Toralf Staud Journalist

„Ich betrachte die Bewegungsstiftung als ein Stück deutscher Wertarbeit. Ich erinnere mich, dass einige Stifter kurz nach der Gründung Vorzeigestiftungen in den USA besucht haben. Und was war ihr Kommentar damals? So wirklich durchdacht sei das dort auch nicht; man mache eigentlich zu viele Kompromisse... Und dann machten sie es anders. So konsequent vorzugehen und dann noch Erfolg zu haben, das ist wirklich eine Leis-tung. Nach nur zehn Jahren ist die Bewegungsstiftung inhaltlich eine feste Größe in der deutschen Geberlandschaft und finanziell eine solide Einrichtung. Ich gratuliere!“ Ise Bosch Stifterin bei filia.die frauenstiftung und Geschäftsführerin der Dreilinden gGmbH

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Den Wandel gestalten


Mitwirkung & Über uns

„Wenn es Greenpeace nicht gäbe, würde ich heute für die Bewegungsstiftung arbeiten. Es engagieren sich dort großartige Menschen. Wir sind uns im gesellschaftlichen Selbstverständnis sehr ähnlich. Deshalb habe ich die Entwicklung der Stiftung von Anfang an mit großem Interesse und Freude verfolgt. Werdet bitte noch größer und schlagkräftiger. Es gibt viel zu tun!“ Melanie Stöhr Umweltstiftung Greenpeace

„Die Bewegungsstiftung macht vor, wie Transformation real wird. Sie fördert Protestbewegungen, die sich für Klimaschutz, eine nachhaltige Energiepolitik und einen gerechten Zugang zu Ressourcen einsetzen. Dieses zivilgesellschaftliche Engagement ist unverzichtbar, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern." Uwe Schneidewind Präsident des Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

„Geld ist ein gesellschaftliches Gestaltungsmittel. Das gilt nicht nur für die Zuwendungen von Stiftungen, sondern auch für deren Vermögensanlage. Die Bewegungsstiftung legt – so wie die GLS Bank oder GLS Treuhand – ihr Vermögen nach sozialen und ökologischen Kriterien und vor allem auch transparent an. Mit ihren wirkungsorientierten Investments nimmt sie dabei eine Vorreiterrolle im Stiftungsbereich ein.“ Thomas Goldfuß Leiter Vermögensmanagement GLS Bank

„Wenn es die Bewegungsstiftung nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Sie bewegt auch unsere tägliche Arbeit auf vielfältige Weise: durch neue Ideen, immer spannende, nachdenklich machende Gespräche, die Bereitschaft mit großer Beharrlichkeit dicke Bretter zu bohren und unbequeme Themen zu setzen, und vor allem: nie aufzugeben. Es ist schon erstaunlich, wie eine vergleichsweise kleine Stiftung in Deutschland und darüber hinaus so viel hat bewegen können. Weiter so!“

Felicitas von Peter Forum for Active Philanthropy

Die Bewegungsstiftung

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Pressestimmen „Wer mit den herrschenden Verhältnissen in der Bundesrepublik unzufrieden ist, kann auch mit Geld die Welt retten. Die Bewegungsstiftung finanziert Demonstrationen und Widerstand.“ Frankfurter Rundschau, 2014

„Die Bewegungsstiftung gibt mit ihren Bewegungsarbeitern dem Widerstand ein Gesicht. Die zehn Berufsaktivisten treten nicht vermummt in Aktion – sondern vor den Augen aller Welt.“ Süddeutsche Zeitung, 2012

„Seit zehn Jahren hilft die Bewegungsstiftung, die Welt zu verbessern. Das Geld dafür hat sie von Vermögenden“. Neues Deutschland, 2012 „Die Bewegungsstiftung (…) ist unabhängig von öffentlichen Geldgebern und damit frei für radikale Arbeit.“ Publik Forum 2011 „Sie haben viel Geld geerbt. Aber sie wollen kein besseres Leben, sondern eine bessere Welt – und kämpfen mit ihrem Vermögen gegen den Kapitalismus.“ Berliner Zeitung, 2007 „Die Erben haben die Macht der Millionen erkannt – aber anders als vielen New-Economy-Pionieren, die ein Auto als Statussymbol und das Aktien-Portfolio als Ausdruck gesellschaftlichen Erfolgs ansehen, gelten ihnen eher Investitionen in Gerechtigkeit, Solidarität und Basisdemokratie.“ Der Spiegel, 2003

„Bewegung? Ja, bitte! Wer Geld hat, kann es verprassen – oder damit anderen etwas Gutes tun. Noch einen Schritt weiter gehen die Initiatoren der Bewegungsstiftung.“ taz, 2001

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Den Wandel gestalten


Impressum Herausgeber Bewegungsstiftung, Artilleriestraße 6, 27283 Verden MitarbeiterInnen Johanna Treblin, Matthias Fiedler Verantwortlich Wiebke Johanning Kontakt Telefon 04231 957-540, Fax 04231 957-541, johanning@bewegungsstiftung.de, www.bewegungsstiftung.de Bankverbindung Bewegungsstiftung GLS Gemeinschaftsbank e.G., BIC: GENODEM1GLS, IBAN: DE56 4306 0967 0046 3144 00 Grafik-Design Monika Bröse, Freiraum Kommunikation, freiraum-team.de Druck Druckerei Pachnicke, Göttingen Gedruckt auf 100% Recyclingpapier Der Nachdruck von Texten oder Textauszügen aus dieser Broschüre zu nicht kommerziellen Zwecken ist unter Angabe der Quelle erlaubt und erwünscht.

Weitere Bildnachweise Susann Haltermann (Titel, S. 35), Kai Löffelbein (Titel, S. 21), Tim Wagner (S. 5, CC BY-NC-SA 2.0), Fabian Kurz (S. 17), Kai Horstmann (S. 11, 20, 21, 23, 27, 35, 46), Jakob Huber (Titel CC-BY-NC 2.0, S. 5), Christian Mang (Titel), Timo Voigt/ randbild.de (Titel), Paul Huf (S. 7), LobbyControl (S. 11), Aktion Agrar (S. 11), Stephanie Handtmann (S. 20), Projekthaus Potsdam (S. 31, 32); Marc-Oliver Schulz/Greenpeace Energy eG (S. 31), GEPA/C.Nusch (S. 31)


Bewegungsstiftung Artilleriestraße 6 | 27283 Verden Telefon 04231 957- 540 | Fax 04231 957- 541 info@bewegungsstiftung.de | www.bewegungsstiftung.de

Profile for Wiebke Johanning

Den Wandel gestalten - Info-Broschüre der Bewegungsstiftung  

In der Broschüre wird die Arbeit der Bewegungsstiftung vorgestellt, die Protestbewegungen für Frieden, Ökologie und Menschenrechte fördert....

Den Wandel gestalten - Info-Broschüre der Bewegungsstiftung  

In der Broschüre wird die Arbeit der Bewegungsstiftung vorgestellt, die Protestbewegungen für Frieden, Ökologie und Menschenrechte fördert....

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