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HERMANN HOLZER Es wird ein historiches Archiv gegründet

Für einen korrekten philologischen und historischen Rahmen des Künstlers Hermann Holzer begann man mit der Archivierung seiner Werke, die eine Realisierung von einem oder mehrerer Bände seiner Werke ermöglicht. Die Besitzer von Werken können drei Farbfotos des Werkes einsenden, zwei mit der Vorderseite des Werkes und eines mit der Rückseite desselben. Für die Archivierung und Beglaubigung der Fotografie bitte Kontakt aufnehmen per Telefon, Mail oder Post mit einer der folgenden Adressen: Cécile Holzer, Stegenhalde 1c, 6130 Willisau T +41 (0)41 970 44 45 cecile.holzer@gmx.ch

Galerie Del Mese-Fischer, Seefeldstrasse 10, CH-5616 Meisterschwanden T +41 (0)56 667 18 28 F +41 (0)56 667 18 04 info@delmesefischer.ch Nach Beglaubigung wird die Kopie der Fotografie dem Besitzer zurückerstattet.


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ABONNEMENT-BESTELLUNG Post: FUTURO contemporaryart Del Mese-Fischer Verlag Seefeldstrasse 10 CH-5616 Meisterschwanden

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12.–17. Juni 2012 Öffnungszeiten Dienstag bis Samstag, 13 bis 21 Uhr Sonntag, 13 bis 19 Uhr Burgweg 15, CH 4058 Basel, Schweiz, www.liste.ch Ein Projekt im Werkraum Warteck pp

Hauptsponsor E.GUTZWILLER & CIE, BANQUIERS, Basel

Grafik: Ute Drewes, Basel; Foto: HJ.F.Walter, Zürich

Vernissage Montag 11. Juni, 18 bis 22 Uhr


contemporaryart

FUTURO Herausgeber: Del Mese-Fischer Verlag Direktion: Enzo Del Mese enzo.del_mese@bluewin.ch Redaktion: Filippo Fasulo James Stevens Angelo Calabrese Direktion, Redaktion & Administration: Del Mese-Fischer Verlag Seefeldstrasse 10, CH-5616 Meisterschwanden Tel. +41 (0)56 667 18 28 Fax +41 (0)56 667 18 04 info@futuro-magazin.ch www.futuro-magazin.ch Anzeigen, Abonnemente, PR Dora Del Mese +41 (0)56 667 18 28 info@futuro-magazin.ch

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Grafik VARAGA Office Alle Rechte vorbehalten. Keine Teile dieser Veröffentlichungen dürfen ohne schriftliche Erlaubnis der Redaktion wiederwendet werden. Die geäusserten Meinungen sind die der Autoren, nicht unbedingt jene der Redaktion. Unverlangte Manuskripte oder Fotos werden nicht zurückgegeben.

Druck Nastro & Nastro srl www.nastroenastro.it ISSN 1660-7341

Buchhandlungen die am Vertrieb von FUTURO interessiert sind melden sich bitte bei der Redaktion.

Impressum


Inhalt

contemporaryart Titelseite Jean Tinguely Liebe Dora, 1982, Collage auf Papier, 21 x 29,6 cm Courtesy Dora Fischer - Galerie Del Mese-Fischer

6-11

Bad RagARTz

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Aloïse Kuratorin: Pascale Marini

Armando Bianco

Kunstmuseum Bern 28-29 Ruth Berther Angelo Calabrese

30-31 Paul Malina Urs Boller

32-33 JOHannaS Christina Hitzfeld

12-15 Hans Rudolf Taugwalder I. Studer

34-35 Lidia Mejia Javier

16-17 Kris Martin Kurtorin: Madeleine Schuppli

18

André Thomkins Stephan Kunz

Mathieu Mercier Anina Schenker Marion Wild

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20

Kurt Blum

36-37 Markus K. Fritschi Georgina Rotter

38

Jeff Koons

kuratiert von Martin Gasser

kuratiert von Sam Keller und Theodora Vischer

Thitz

Kunsthalle Krems, Forum Frohner

Thomas Maschijew

Kurator: Dieter Ronte Kuratorin: Sabine Fellner

Lukas Hirschi & Gregory Klassen Kurator: Christian Kathriner

Gewerbemuseum Winterthur

39

Kuratiert von: Susanna Kumschick Ida-Marie Corell

40

Alighiero Boetti Quido Sen Joe Fyfe Ugo Rondinone Nina Schedlmayer

41 21

Ydessa Hendeles M.S. Bastian / Isabelle L. Kunst im Dolder Bad

42

Kurator: Martin Gut

22

23 24

João Maria Gusmão + Pedro Paiva Sou Fujimoto Marco Castillo & Dagoberto Rodríguez Kunstmuseum Thurgau Manfred Wakolbinger Nadja Brykina Gallery Thomas Stüssi

Christoph Vögele

43

44

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Steinbrenner / Dempf Lone Haugaard Madsen Christian Egger

45

Kurator: Matthias Ulrich

25

Sabina Gmür Vladimir Tatlin Kurator Gian Casper Bott

Ursula Badrutt

Michael Riedel

Ueli Alder Rita Ernst Noritoshi Hirakawa Haroon Mirza Dieter Olaf Klama Landesmuseum Zürich Swiss Press Photo Félix Vallotton

Agnès Wyler Florian Bilger Paolo Rossi Patrick Steffen

Simon Starling in Zusammenarbeit mit Superflex Vitro Musée

Fotomuseum Winterthur

46-47 Hotel Seerose

Kurator: Thomas Seelig

Armin Vogt

Margrit Rüetschi

48

Olaf Stocker

Annemarie Monteil

Margrit Rüetschi

Kyungwoo Chun

Kristina Sretkova


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TRIENNALE DER SKULPTUR,

Bad RagARTz Werte sehen - Sehenswert Seit 12. Mai und bis am 4. November findet in Bad Ragaz (SG) und Vaduz (FL) zum 5. Mal die Schweizerische Triennale der Skulptur, genannt Bad RagARTz, statt. 80 Kunstschaffende aus 17 Ländern gestalten für sechs Monate Europas grösste Ausstellung unter freiem Himmel. Bad Ragaz. - Die 5. Ausgabe der Schweizerischen Triennale der Skulptur steht unter dem Leisatz “Werte sehen - Sehenswert”. 80 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt verwandeln den sozialen Raum im Kurort für ein halbes Jahr in eine Zone besonderer Georg Seibert, Foto Fetzer, Bad Ragaz

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Begegnungen. Kunst trifft Natur trifft Mensch. Eine Gastausstellung der Bad RagARTz in Vaduz (FL) bringt im Kontrast dazu Kunst in den urbanen Raum. Die von Arzt und Kunstmäzen Rolf Hohmeister und seiner Ehefrau Esther Hohmeister organisierte Skulpturenschau ist weltweit beachtet und von hohem Rennomée. Zusammen mit dem Festival der Kleinskulpturen im Alten Bad Pfäfers werden rund 400 Kunstobjekte gezeigt. Die Macher der Bad RagARTz knüpfen konzeptionell an die erfolgreichen vergangenen Jahre an. Auch diesen


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Gamelle, Foto Fetzer, Bad Ragaz

Sommer und Herbst soll die Ausstellung für Verblüffung und Verwunderung sorgen, Stoff für Gespräche und Gedanken bieten. Das Ziel ist, aus der Kunst bleibende Werte zu formen in einer Welt, in der Wertewandel und die Vernichtung von Werten schneller voranschreiten denn je.

Werte erhalten und schaffen Die vom Arzt und Kunstmäzen Rolf Hohmeister und seiner Ehefrau Esther Hohmeister zusammen mit einer kleinen Familien- und Freundesbande organisierte Skulpturenschau ist weltweit beachtet und von hohem Rennomée. Medien und Kunstinteressierte aus Nah und Fern richten von Mai bis November ihren Fokus auf den Anlass unter freiem Himmel. Zusammen mit dem Festival der Kleinskulpturen im Alten Bad

Pfäfers werden rund 400 Kunstobjekte gezeigt. Die Macher der Bad RagARTz knüpfen konzeptionell an die erfolgreichen vergangenen Jahre an. Auch diesen Sommer soll die Ausstellung für Verblüffung und Verwunderung sorgen, Stoff für Gespräche und Gedanken bieten. Das Ziel ist, aus der Kunst bleibende Werte zu formen in einer Welt, in der Wertewandel und die Vernichtung von Werten schneller voranschreitet denn je. Das heurige Motto lautet „Werte sehen - Sehenswert“. Monumentales wie der 16 Tonne schwere Cadillac aus Marmor oder Luftiges wie die 400 Unterhosen über eine Alle gespannt – beide Werke waren 2009 in Bad Ragaz zu sehen – wird es in diesem Jahr wieder geben. Dafür garantieren Kunstschaffende aus 17 Ländern. 7


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Christoph Luckeneder, Foto Fetzer, Bad Ragaz

Wirkung auf die Umgebung „Es ist unser Ziel, mit der 5. Triennale den Zeitgeist zu treffen und dort künstlerisch weiterzudenken, wo andere aufhören“, sagt Rolf Hohmeister voller froher Erwartung. Es ist davon auszugehen, dass noch mehr Wert auf die Wirkung der Skulpturen in ihrer unmittelbaren Umgebung gelegt wird. Jede Skulptur soll ein Intermezzo für Wandelnde sein, den Augenblick geniessend. Die Wirkung von Kunst im sozialen Raum und in der Natur wirkt wechselseitig, der Übertritt auf dem zehn Kilometer langen Ragazer Skulpturenweg vom Dorfkern in die Erholungszone wird spielerisch gestaltet. Komprimierter und im Effekt viel kontrastreicher werden die 21 Kunstwerke in der Vaduzer Innenstadt sein, für welche man in der Planung 8

grössten Wert auf die Platzierung gelegt hat. Das Erlebnis, mit der Kunst mitten in einem Dorf in eine emotionale Konversation zu treten hat seinenganz besonderen Reiz.

Europas grösster Skulpturenpark Die 80 Kunstschaffenden aus 17 Ländern sind auch Teil einer einzigartigen Konfrontation mit der Natur. Einen Eintrittspreis gibt es nicht, Berührungsängste ebenso wenig. Die besonderen Empfindungen beim Flanieren durch die mit Kunst verwandelte Landschaft sind ein Teil des Erfolgsrezeptes von Bad RagARTz. Das Erlebnis, mit Kunst mitten in einem Dorf in eine emotionale Konversation zu treten hat seinen ganz besonderen Reiz - erst recht in der sich vom Sommer in den Herbst verändernden Natur. Farbe


futuro und Licht entfalten inmitten der Bergwelt plötzlich eine ganz andere Wirkung der Skulpturen. 400 000 Besucher liessen sich vor drei Jahren auf einem sechs Kilometer langen Rundweg davon überzeugen. Nur dank dieser Begeisterung ist es möglich, dass genug Gelder für das Budget von 1,5 Millionen Franken auf der ganzen Welt zusammen getragen werden.

Vaduz ist eine Herzenssache Auch in Liechtensteins Hauptstadt Vaduz ist die Triennale der Skulptur noch in bester Erinnerung, stellten vor drei Jahren doch mehrere Künstler von internationaler Bekanntheit in einem urbanen und stark durchmischten Raum aus und bescherten der Vaduzer Innenstadt eine besondere kulturelle Note. Diesen Sommer kehrt die Ausstellung mit 21 Werken zurück nach Liechtenstein – und mit Ihnen klingende Namen wie Kan Yasuda (Japan), Keld Moseholm (Dänemark) oder Milan Spacek (Schweiz). An der Qualität der Künstler in Vaduz zeigt sich, dass Liechtensteins Zentrum für die Macher der Triennale mehr als nur ein Ableger ist. “Für uns ist es eine Herzenssache, denn wir leben quasi mit einem Bein ennet dem Rhein”, sagt Rolf Gerhard Catrina, Foto Fetzer, Bad Ragaz

Thomas Schönauer, Foto Fetzer, Bad Ragaz


futuro

Künstler 2012 Abakanovicz Magdalena PL/USA Arman F Beaumont Hanneke B Borer Carlo CH Catrina Gerhard CH Couvreur Daniel Kan/I Danner Michael D Debus Beate D Droste Dao Vietnam/D Eberle Marco FL Evenhuis Gertjan NL Gamelle CH Göhringer Armin D Grassi Paolo CH Hohmeister Carla CH Holderied Wilhelm D Hunziker Christopher T. CH Hutter Schang I/CH Klatt Christine D Klinge Dietrich D Knapp Sonja CH/FR Knubben Jürgen D Konrads Cornelia D Koorida Masayuki JP Kostner Josef I Kubach-Kropp D Kubach - Willmsen D Künzi Adrian CH Lang Josef D Ledergerber Pi CH Leisinger Peter CH Licini James CH Luckeneder Christoph A Lüthi Steff CH Maboart CH Malin Georg FL Mally Werner D Manfred Martin D Mascaró Xavier E Maspoli Piero CH/A

Milan Spacek, Foto Fetzer, Bad Ragaz

Mayer Roland D Metzler Kurt Laurenz CH/I Meusburger Herbert A Meyle Markus „ Leto“ CH Moroder Walter I Moseholm Keld DK Müller Hubert CH Murer Pascal CH Neururer Reinhold A Nishimura Morio Japan Otto Waldemar D Pasche Sibylle CH Pepper Beverly USA Pompili Graziano I Rigorth Peter D Röhm Vera D Röthel Thomas D Schadegg Shimmi CH Schalcher Renate CH Schindler Sibylle CH Schmidt Pavel CH Schönauer Thomas D Schüle Hans D Seibert Georg D Sieber Paul CH Soskiev Vladimir RUS Spacek Milan CH Spoerri Daniel I/CH Stilling Gunther D Suter & Bult CH Thomann Hans CH Topaz Gil D/F Twellmann Urs P. CH Valdés Manolo E Vitali Velasco I Von Mauerstetten Ariane D/A Wendt Christina CH Yasuda Kan JP Zaric Nikola CH Zuzáková Katrin CH

Christiane Klatt, Foto Fetzer, Bad Ragaz

Hohmeister gegenüber “Der Monat”. “Gemeinst sind damit die unzähligen persönlichen Freundschaften und die eigenen kulturellen Engagements in Liechtenstein”, ergänzt Esther Hohmeister. Die architektonische Eigenheit der Vaduzer Innenstadt und die kurörtliche Struktur in Bad Ragaz bieten einen spannenden Kontrast für eine Ausstellung, hört man seitens der Kunstschaffenden. “Bad RagARTz zeigt so viele verschiedene Ansätze im zeitgenössischen Skulpturschaffen, dass man sich ganz zwanglos und ohne Überwindung grosser Schwellen zwischen Schwergewichten und Leichtem hinund herbewegen kann”, sagt Künstler Peter Leisinger aus Malans.

Carlo Borer, Foto Fetzer, Bad Ragaz


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Magdalena Abakanowicz, Foto Fetzer, Bad Ragaz KanYasuda, Foto Fetzer, Bad Ragaz

Keine Tür, kein Eintritt Das Budget für diese Ausstellung 2012 bewegt beläuft sich auf rund 1,5 Millionen Franken und bewegt sich somit in der Grössenordnung der Ausstellungen vor drei und sechs Jahren; dies alles bei Null Franken Eintritt. Das hier ist kein Museum. Es gibt keine Türe und keinen Eintritt. Man braucht nur die Bereitschaft, der Kunst auf Schritt und Tritt begegnen zu wollen. Armando Bianco

Festival der Kleinskulpturen Während der 5. Schweizerischen Triennale der Skulptur findet im ehrwürdigen Alten Bad Pfäfers das Festival der Kleinskulpturen statt. Eine grosse Anzahl Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt werden die Besucherinnen und Besucher in der Taminaschlucht mit ihren Werken faszinieren. Oftmals liegt in der verringerten Dimension von Kleinskulpturen ein besonderer optischer Reiz. 1975 wurde der Verein “Freunde Altes Bad Pfäfers” gegründet mit der vordringlichen Aufgabe, ein Erhaltungskonzept zu erarbeiten und zu realisieren. Heute unterstützen und fördern die Freunde Altes Bad Pfäfers die Tätigkeit der Stiftung Altes Bad Pfäfers ideell und materiell. Der Vorstand dieses Vereins ist veranwortlich für die Durchführung von kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen. Das Alte Bad Pfäfers ist wie folgt geöffnet: Mai und Oktober täglich 11 bis 17 Uhr, Juni bis September täglich 10 bis 18 Uhr. www.altes-bad-pfaefers.ch

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Hans Rudolf Taugwalder Grossplastiken – Menschengruppen – Türme Hans Rudolf Taugwalder 1950 in Aarau geboren, war Lehrer, Unternehmer und ist seit 1978 freischaffender Künstler. Er stellt Skulpturen her in Stein und Bronze, malt expressive Bilder in Oel und Acryl auf Leinwand. 2012 hat er seine Gesammtausgabe von Kurztexten (Gedichten) herausgegeben, mit dem Titel Lebens Fetzen. In den 80er Jahren war H.R.Taugwalder von Knochen inspiriert. Knochen spürt man am eigenen Körper, findet sie gelegentlich bei einer Mahlzeit oder in der freien Natur. Sie haben runde weibliche, und kräftige kantige männliche Formen, ergänzen sich zu einer harmonischen Einheit. Diese Skulpturen drücken Kraft, Spannung und Dynamik aus. Das Thema Leben, Existenz, Raum einnehmen, hat er hier plastisch dargestellt, um alles gleich wieder in Frage zu stellen – denn Knochen bedeuten neben Aufbau, Stabilität, Härte, Dynamik, Existenz, auch Tod und Vergänglichkeit. So schuf er Plastiken in Gips und Bronze in verTitan, 1981, Gips 50 x 34 x 46 cm

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Titan, 1981, Gips gross, 200 x 160 x 200 cm

schiedenen Grössen. Der Titan ist 2 x 1,6 x 2 m ca. 300 kg schwer in Gips. Das Ziel war, Aufträge für Grossplastiken in Bronze zu erhalten, mit 4 - 6 m Länge und 3 - 5 m Höhe.


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Menschengruppe, 1986, Gips, 220-300 cm Menschengruppe, 1986, Gips, 220-300 cm

Menschengruppe, 1986, Gips, 220-300 cm

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futuro Darauf folgten Jahre mit Arbeiten in rosa Alabaster, mit sinnlichen runden aesthetischen Formen. Später Skulpturen, in schwarzem und weissem Marmor mit eher kühlen geraden, kantigen Flächen. Gravuren wie prähistorische „Felszeichnungen“ und Schriftzeichen folgten. Türme sind sein Thema, seit dem Anschlag und Einsturz der beiden Türme des World Trade Centers in New York 2001. Diese neusten Arbeiten sind in beigem Kalkstein, lunel, aus Frankreich, ausgeführt. Dazu passend Sockelplatten in Chromstahl. Türme wie moderne Architektur in Weltstädten. Modern in ihrer Kraft, elegant und schlicht. Türme sind Symbole von Macht, Potenz und neuer Technologie. Die Skulpturen, Türme, von H.R.Taugwalder sind geprägt von Aesthetik, Formgefühl und verhaltener Sinnlichkeit, die jeden möglichen Blickwinkel berücksichtigt. Sie sind wie monumentale Architektur. I. Studer tower 11-5, 2011 lunel (F), 15 x 14 x 64 cm

tower NEW YORK, 2001-A, Jongdon Gneis (CH), 9 x 6 x 66 cm

Ende der 80er Jahren stellte der Künstler grosse schlanke Gestalten her, die an lange Abendschatten erinnern ( Etruskische Figuren, Giacometti Figuren). Das Thema des modernen, technisierten Menschen die auf das Wesentliche reduziert sind. Der aufrechte, leicht gebeugte Mensch steht auf seinen Beinen eher unbeweglich, statisch wie eine Säule. Ist es die innere Haltung des Grossstadt – Menschen, der isoliert und einsam den Kontakt zur Natur verlor, vielleicht auch zu sich selbst ? Auf grossem Fuss will er leben, doch eine Erschütterung, selbst ein Windstoss wirft ihn um. Die Figuren werden auch als Menschengruppen dargestellt. 14


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tower 2, 2003, Serpentin, 12 x 12 x 56 cm

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Kris Martin EVERY DAY OF THE WEAK

Aargauer Kunsthaus, Aarau (CH) bis 12. August 2012 Das Aargauer Kunsthaus zeigt mit Every Day of the Weak die bisher umfassendste Einzelausstellung des 1972 geborenen, belgischen Künstlers Kris Martin in Europa. Die Schau vereint Kris Martins zentrale Arbeiten der letzten Jahre und zeigt damit erstmals sein Schaffen in der ganzen Breite und Vielfältigkeit. Entstanden ist die Ausstellung in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bonn und der kestnergesellschaft in Hannover. Die grossformatige, ratternde Ankunfts- bzw. Abflugtafel Mandi XXI von Kris Martin bildete 2010 den Auftakt zur Jubiläumsausstellung Yesterday Will Be Better im Aargauer Kunsthaus. Die nun zu sehende erste Retrospektive des Künstlers verdeutlicht, dass das Thema der Zeit (-reise), des Vorübergleitens und der Endlichkeit in seinem gesamten Schaffen einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Seine vielfältige Kunst, die sich zwischen Installation, Skulptur, Fotografie, Zeichnung, Schrift und Klang bewegt, vermittelt

mitunter intensive Erfahrungen von Leben und Tod. Dies zeigt sich dann besonders deutlich, wenn Kris Martin ganz unmittelbar der eigenen Sterblichkeit nachspürt, indem er mit Still Alive seinen Schädel als Totenkopf reproduziert und damit seinen Tod antizipiert. Er stellt die Frage nach der Flüchtigkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens in Bezug auf sich selbst und wendet sich zugleich immer an den Betrachter. Dass Leben und Tod, respektive Schönheit und Schrecken manchmal nah beieinander liegen, vergegenwärtigt auch eine Arbeit, die aus über 700 glänzenden Granathülsen besteht. Diese Fundstücke aus dem Ersten Weltkrieg wurden dereinst von Soldaten mit Blumenmotiven graviert und als Souvenirs aufbewahrt. Diese ursprünglichen Instrumente der Vernichtung häuft Kris Martin wie ein Schatz aus Gold auf. Kris Martin befragt die kulturellen Bedingungen, die uns umgeben. Er bezieht sich dabei auf Literatur- und Kunstgeschichte und stellt durch die Einbettung christlicher Ikonografie nicht zuletzt auch Fragen nach den heutigen Möglichkeiten von Religion und Spiritualität. Ein beeindruckendes Beispiel hierfür

Ausstellungsansicht – Kris Martin – Every Day of the Weak, 12.5. – 12.8.2012 – Aargauer Kunsthaus Aarau – Foto: Dominic Büttner, Zürich

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Kris Martin, Heissluftballon, Ventilatoren, Masse variabel, Edition 1 + 1AP – Collection Mimi and Filiep Libeert, Courtesy Johann König, Berlin, Sies + Höke, Düsseldorf, Marc Foxx, Los Angeles – Ausstellungsansicht Aargauer Kunsthaus Aarau – Foto: Dominic Büttner, Zürich

liefert sein Werk For Whom, eine grosse Kirchenglocke, die - weil ihr der Klöppel fehlt - auch in Bewegung keinen Klang erzeugt. Der Anblick dieses schwingenden und dennoch stumm bleibenden, christlichen Symbols für Gemeinschaft irritiert und wirkt gleichzeitig befreiend. Trotz der symbolischen, wie auch melancholischen und romantischen Komponente sind Martins Werke frei von Pathos, jedoch oft von einem skeptischen Humor durchdrungen. Formale Vielgestaltigkeit und sinnliche, materielle Qualitäten seiner Objekte verbinden sich dabei mit konzeptueller Strenge, spielerische Eleganz mit puristisch kühler Konzentration. Weniger Schöpfer denn Sammler und Sezierer, benutzt Kris Martin nebst Objekten, die er aufwändig produzieren lässt häufig Fundstücke, denen bereits eine Geschichte eingeschrieben ist. Als zentrale Arbeitsstrategie löst er sie nicht nur aus ihrem ursprünglichen Kontext, sondern entfernt mit Präzision und Originalität wesentliche Informationen. Er denkt die Dinge quer, überlagert sie, verschiebt sie in ihrer Dimension, so dass neue Lesarten entstehen. Der Betrachter wird irritiert und motiviert, die Leerstellen mit eigenen Erfahrungen zu füllen, das Fragment weiterzudenken und zu vervollständigen. Martins Werke führen die Fantasie des Betrachters über eine rational ausgedeutete, begrenzte Welt hinaus und sprechen ihn in der Flüchtigkeit und Zerbrechlichkeit seines eigenen Lebens an. Kris Martin nimmt heute eine wichtige und eigenständige Position in der zeitgenössischen Kunst

ein. Bekannt wurde er unter anderem durch seine Installation Mandi III, die er 2006 auf der 4. Berlin Biennale gezeigt hat. 2007 folgte die Präsentation einer Auswahl an Werken im renommierten P.S.1 MoMA, New York. Die Ausstellung in Aarau, Bonn und Hannover umfasst neben der Vielzahl an wichtigen Werken auch einen umfangreichen und vom Künstler mitgestalteten Katalog. Kuratorin: Madeleine Schuppli www.aargauerkunsthaus.ch Ausstellungsansicht Kris Martin – Every Day of the Weak, 12.5. – 12.8.2012 Aargauer Kunsthaus Aarau – Foto: Dominic Büttner, Zürich

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futurogalerien+museen

André Thomkins Bündner Kunstmuseum, Chur CH bis 26. August 2012 LACKSKINS André Thomkins gehört zu den vielseitigsten Schweizer Künstlern des 20. Jahrhunderts. Zu seinen eigenwilligsten Erfindungen gehören die Lackskins: eine Malerei mit flüssiger Farbe auf Wasser. Das Bündner Kunstmuseum widmet dieser grossartigen Werkgruppe eine umfassende Ausstellung und eröffnet damit einen neuen Zugang zu diesem faszinierenden Werk. André Thomkins (1930–1985) ist als meisterhafter Zeichner und Wortkünstler bekannt. Er beherrschte die klassischen Bildmedien wie kein anderer, gleichzeitig experimentierte er aber auch mit verschiedenen Techniken und Materialien. So entwickelte er Mitte der 1950er-Jahre seine Lackskins, in denen er mit Lack auf Wasser malte und zeichnete und auf diese Weise Bilder von ungeheuer imaginativer Wirkung erzeugte. Der Lack fällt als Tropfen oder fliesst als Faden auf das Wasser und bildet eine Haut, die sich kontinuierlich verändert und gleichzeitig manipuliert werden kann. Zu einem bestimmten Zeitpunkt fixierte Thomkins die Bewegung, indem er das schwimmende Bild auf ein Papier abzog. Damit stehen die Lackskins ebenso dem Zufall wie dem künstlerischen Zugriff offen. Sie verlangen vom Künstler wie vom Betrachter Geduld und Bereitschaft, sich auf den Bildungstrieb der Stoffe einzulassen und darin eine reiche Bilderwelt zu entdecken. André Thomkins knüpfte mit seinen Lackskins an alte Techniken wie der Herstellung von Marmorpapier an und

erweiterte diese. Gleichzeitig fand er damit in der Hochblüte der abstrakten Malerei eigene Wege und schuf Verbindungen zu Diskussionen der künstlerischen Avantgarde seiner Zeit. Die Ausstellung zeigt erstmals umfassend diese grossartige Werkgruppe, die überraschend viele Facetten der Kunst von André Thomkins offenbart und einen neuen Zugang zu diesem faszinierenden Werk eröffnet. «Geographisch gesehen», sagte André Thomkins, «triftet Lackskin vor Schlaraffenland, wo Milch und Honig fliessen…» Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit dem Nachlass des Künstlers im Kunstmuseum Liechtenstein, wo eine grosse Thomkins-Retrospektive für 2013 vorbereitet wird.

das ?mit dem Finger auf etwas zeigt“, eine Geste, in der sich Empathie und Neugierde hemmungslos vermischen. Im Gegensatz zum kuriosen Objekt, einer optischen Illusion oder anderen, den Geist stimulierenden Merkwürdigkeiten dient die Realität in ihre banalen Form als Werkstoff, wie um mehr Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was als Vermittlung zwischen unserem Verständnis und dem Gegenstand unseres Verständnisses wirkt. So ist das Ausstellungsdispositiv – ob Geschäft, naturhistorisches Museum usw. –stets im Zentrum seines künstlerischen Ansatzes. Die Desillusion wirkt also wie eine neu verhandelte Beziehung zur Welt, die sich endlich der ordinären Blindheit entledigt hat.

Stephan Kunz

M.Z.

Anina Schenker Galerie Bob Gysin, Zürich CH bis 14. Juli 2012 STAMPEDE

Mathieu Mercier, Pantone 41M-22M (Fleurs scannées), 2011. Impression numérique sur papier baryté, encadrée, 117 x 160 cm. Courtoisie de l'artiste

Mathieu Mercier Kunsthalle Freiburg/Le centre d'art de Fribourg, Freiburg CH bis 19. August 2012 DÉSILLUSIONS D'OPTIQUE

André Thomkins, ohne Titel. 1962, Courtesy Estate of André Thomkins and Hauser & Wirth © 2012 Pro Litteris, Zürich

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Kein Zweifel – das Kuriositätenkabinett als Art der Präsentation hat bei Mathieu Mercier einen besonderen Stellenwert: Sein Hang zur Klassifizierung und zu Repräsentationssystemen verleitete den Kunstkritiker Jörg Heiser dazu, sein Werk mit einem Kind zu vergleichen,

Die Galerie Bob Gysin freut sich, mit der Ausstellung STAMPEDE neue Werke von Anina Schenker zu präsentieren. In der ersten der Künstlerin gewidmeten Einzelausstellung in der Galerie werden neben zwei Videos eine Installation, Zeichnungen und Videostills zu sehen sein. Der Titel der Ausstellung STAMPEDE meint das unkontrollierte Verhalten eines Schwarms, einer Herde oder einer Menschenmenge. Gedanken kommen und gehen, manifestieren sich harmonisch oder chaotisch, verwirren, schrecken auf, sind fokussiert oder lassen nicht mehr los in Strömungen, einem Schwarm gleich. Analog verhält sich der Austausch von Gedanken, in Wort und Text, Diskussionen können eine Dynamik entwickeln oder bleiben stotterig und ungelenk. Die Arbeiten vereinen die Auseinandersetzung mit Gedanken. Die zwei Videos STAMPEDE und PAROLE setzen sich mit der unmittelbaren menschlichen Reaktion auseinander. PAROLE zeigt die Künstlerin und eine zweite ihr gegenüberstehende weibliche Person. Die Blicke der beiden sind verächtlich aufeinandergerichtet, der jeweilige


futurogalerien+museen

Kurt Blum Fotostiftung Schweiz, Winterthur CH bis 14. Oktober 2012 Anina Schenker, Ausstellungsansicht

Gesichtsausdruck mahnt an ein visuelles Kräftemessen zweier Konkurrentinnen. Anina Schenker bringt mit ihren Videos den Betrachter dazu, sich und seine psychische, wie physische Befindlichkeit auszuloten. Ein Grossteil des Galerieraumes wird von der Arbeit SCHWÄRMEN eingenommen. Die Installation setzt sich aus 600 aus Polyurethan gegossenen Hippocampi zusammen. Der Hippocampus, Teil des limbischen Systems, eingebettet zwischen der linken und rechten Hirnhälfte, überführt den Gedächtnisinhalt aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis. Diese Bausteine der Physis steuern Abläufe und Reaktionen, die zu unserer Identität beitragen. In natura sind die Objekte, die für die Gedanken und die Erinnerung stehen, winzig klein, frei vergrössert und nachempfunden, werden sie zu bizarren Gebilden. Durch die Zusammenführung der einzelnen Objekte zu einem Schwarm wird die Assoziation des kollektiven Gedächtnisses hervorgerufen. Der raumfüllende Soundteppich der Arbeit PAROLE, mit seinen klirrend quietschenden und brodelnden Klängen, macht die Gefahr spürbar, dass die gemeinsame Dynamik innerhalb kürzester Zeit auseinanderbrechen könnte. Die Arbeiten ...YESTERDAY...TODAY...TOMORRO W... sind reduzierte Tagebucheinträge, konkrete, kontinuierliche, abstrakt eingefangene Gedanken. Die Künstlerin führt in Linien aus, was sie festhalten will. Je nach Konzentration, Zustand und persönlichem Ergehen variieren die Intensität und der Duktus des Pinselstrichs. Eng in Zusammenhang mit dieser Arbeit steht SCHAUM DER TAGE, hier wird das Unterbewusste in organischen, flächigen, gewebeartigen oder plastischen Knäueln dokumentiert. Das verbindende Element ist das Aufzeichnen der täglichen Verfassung, die Befindlichkeit wird spürbar, Anina Schenker lässt ihre Gedanken schweifen, Formen entstehen. Marion Wild

GEGENLICHT. KURT BLUM – FOTOGRAFIEN Der in Bern geborene Kurt Blum (1922–2005) gehört zur Avantgarde der Schweizer Fotografie der Nachkriegszeit. Neben zahlreichen Reportagen für illustrierte Zeitschriften schuf er ab den 1950er Jahren immer auch freie künstlerische und experimentelle Arbeiten, die er in zahlreichen Ausstellungen und Publikationen präsentierte. Schwerpunkte in seinem Schaffen sind die ab den späten 1940er Jahren entstandenen Künstlerporträts (erstmals 1994 unter dem Titel «Au milieu des artistes» publiziert), grössere Werkgruppen zu den Themen Tanz und Oper («J’aime l’Opéra», 1962) sowie eine intensive fotografische und filmische Auseinandersetzung mit Industrie und Arbeit (als Buch mit dem Titel «Lebendiger Stahl», 1960). Dabei verstand sich Blum immer als Künstler und kämpfte für die Anerkennung der Fotografie als eigenständiges, künstlerisches Medium. Über das Dokumentarische hinaus suchte er den subjektiven Ausdruck, den atmosphärisch dichten Augenblick, den bewusst gestalteten fotografischen Abzug. Die Ausstellung «Gegenlicht. Kurt Blum – Fotografien», kuratiert von Martin Gasser, zeigt fast ausschliesslich Vintage-Abzüge, darunter auch eine Reihe von grossformatigen Ausstellungsabzügen, die Blum 1955 für die Ausstellung «Photographie als Ausdruck» im Helmhaus Zürich produziert hat. Daneben geben Kontaktabzüge, Buchmaquetten und andere Dokumente Kurt Blum, Oktoberfest, München 1954 © Kurt Blum / Fotostiftung Schweiz

einen vertieften Einblick ins Kurt Blum-Archiv, das seit 2008 von der Fotostiftung Schweiz betreut wird. kuratiert von Martin Gasser www.fotostiftung.ch

Thitz, Big Bag People, 2009, Acryl auf und in Tüte, 130 x 100 x 30 cm

Thitz Galerie Mollwo, Riehen/Basel CH bis 15. Juli 2012 DIE TÜTEN Thitz ist fasziniert von der Tüte, dieser Ikone unserer Gesellschaft schlechthin. Einerseits verbindet dieser Alltagsgegenstand die sogenannt zivilisierte Welt, andererseits segmentiert sie auch in gesellschaftliche Schichten. Für die einen mag sie ein Statussymbol sein, für die anderen das einzig erschwingliche Gepäckstück. Auf jeden Fall ist sie aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Thitz verwendet sie in mannigfacher Form. Sie erscheint in seinem Schaffen als Objekt wie auch als Maluntergrund seiner Bilder. Ist die Tüte, welche er als Material verwendet, einerseits Symbol einer zivilisatorischen Gesellschaft, so ist die Metropole andererseits der thematische Inhalt seiner Bilder. Kein anderer Raum weist eine derartige Komplexität auf wie die Metropole. Leute, Gebäude, Strassen, Verkehrsmittel, Reklame etc. sind Fragmente dieses von Menschen geschaffenen Raumes. So vielschichtig sich dieser Raum präsentiert, so vielschichtig im wahrsten Sinn des Wortes versteht es Thitz, ihn wiederzugeben. Thomas Maschijew

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Lukas Hirschi, ohne Titel, 2011, Öl auf Karton, 20 x 21 cm

Lukas Hirschi & Gregory Klassen Galerie Rosenberg, Zürich CH bis 14. Juli 2012 "GIOIELLERIA" Der Titel der Ausstellung "Gioielleria", italienisch für Juwellerie, birgt in seinem Wortstamm einen doppelten Sinn: "Gioia" meint "Juwel", aber auch "Freude". Dieses doppelsinnige Motto scheint mir als eine erste Annäherung an das Werk zweier faszinierender junger Maler besonders vielversprechend: Lukas Hirschi (*1969 in Luzern, lebt in Kleinwangen bei Luzern) und Gregory Klassen (*1965 in Big Spring, Texas, lebt in Milwaukee, Wisconsin) sind zwei genuine Maler, welche zum ersten Mal in Zürich ausstellen, und die bei allen Unterschieden des Naturells, des Temperaments und der grundsätzlichen Ausrichtung ihrer Interessensfelder einige verbindende Besonderheiten aufweisen. Beide Maler blicken in ihrem noch jungen Werk auf einen jahrelangen und reichen Erfahrungsschatz malerischer Praxis zurück und das Werk beider ist als lebenslanges freies malerisches Experimentierfeld angelegt, welches trotz beeindruckender Konsequenz und unübersehbaren Konstanten- ohne jegliche formale oder ideologische Vorbehalte oder Denkverbote auszukommen vermag. Entsprechend ist es jenseits aller medientheoretischen Debatten und habituellen Moden angesiedelt, und folglich noch entsprechend zu entdecken. Kurator: Christian Kathriner

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Poklong Anading, Marie-Claire Baldenweg, Andreas Blank, Biaugust, Claudia Borgna, Iris van Bebber & Uwe Bülles, Ida-Marie Corell, Brigitte Corell, Lauren DiCioccio, Camila Labra Fontana, Ryan Frank, Hanna Liden, Torsten Mühlbach, Ian Kiaer, Krištof Kintera, MyeongBeon Kim, Lukas Julius Keijser, Luzinterruptus, Simon Monk, Sheila Odessey, Poka-Yio, Anne-Cécile Rappa, Dodi Reifenberg, Gregor Schneider, Lisa Tiemann, Roald Sivertsen, Ruben Verdu, Luzia Vogt, Johanna von Gagern, Nils Völker, Iskender Yediler. Gewerbemuseum Winterthur, Winterthur CH bis 7. Oktober 2012 Oh, PLASTIKsack Allgegenwärtig und international, flüchtig im Gebrauch und dennoch unverwüstlich – der Plastiksack steht für unsere Globalgesellschaft schlechthin und wandert nun auch ins Museum. Mit der Ausstellung “Oh, Plastiksack!” feiert Susanna Kumschick ihren Einstand im Gewerbemuseum Winterthur und greift ein Thema auf, das Alltags- und Kulturgeschichte spielend mit zeitgenössischer Kunst und Design verschränkt. Zusammen mit Ida-Marie Corell kuratiert und präsentiert sie doch über 30 internationale Positionen von Künstlern und Designern, deren Werke eine Art Phänomenologie der Plastiktüte aus heutiger Sicht widerspiegeln. Die Ausstellung ist eine

Eigenproduktion des Gewerbemuseums Winterthur. Ob Kult oder Müll, geliebt oder verpönt, der Plastiksack spaltet die Geister, er polarisiert und spiegelt zugleich unser Konsumverhalten. Er stärkt Status und Identität, stört die Ökologie, wird liebevoll oder umweltbewusst gesammelt, erzählt Kulturgeschichte und ist aktuelles Thema in Kunst und Design. Die Ausstellung “Oh, Plastiksack!” zeigt erstmals in dieser interdisziplinären Form über dreissig internationale Positionen aus zeitgenössischer Kunst und Design und erzählt gleichzeitig ausgesuchte kulturhistorische, ästhetische und politische Plastiksack-Geschichten mit Sammlungen aus Deutschland und der Schweiz. Die internationalen, zeitgenössischen Kunstwerke und Designobjekte widerspiegeln eine Art Phänomenologie des Plastiksacks aus heutiger Sicht und kommentieren unsere Welt, indem sie ganz unterschiedlich mit dem Material spielen, verschiedene aktuelle Themen mit und über den Plastiksack auf vielfältige Weise aufnehmen und reflektieren. Der Plastiksack ist aber auch vieldiskutiertes Alltagsobjekt: Ausgebreitete Reihen mit Dutyfree-, Discounter-, Kulturoder Biosäcken, Hotelwäschesäcken oder Hundekotsäckchen, unscheinbare Einzelstücke oder Kultsäcke aus Privatsammlungen und Museumsstücke aus Deutschland und der Schweiz zeigen Kultur- und Alltagsgeschichte auf. Wichtige Grundlage für diese Ausstellung ist die Publikation “Alltagsobjekte Plastiktüte” von IdaMarie Corell. Kuratiert von: Susanna Kumschick Ida-Marie Corell

Ida-Marie Corell: ID(E)A, Performance/Installation, Wien 2007, Plastiktüten, 100 x 100 x 200 cm © Copyright: Ida-Marie Corell


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M.S. Bastian / Isabelle L. Kunsthalle Arbon, Arbon CH bis 15. Juli 2012 BASTOKALYPSE

Ydessa Hendeles, Marburg! The Early Bird! (detail), 2010-2011 2-parts: Ludwigsbahn (by Karl Bub, Nürnberg, 1935, Lokomotive "Der Adler"), inkjet print Photo: Roman März Courtesy Johann König, Berlin

Ydessa Hendeles Johann König, Berlin D bis 7. Juli 2012 THE BIRD THAT MADE THE BREEZE TO BLOW ist eine Ausstellung der in Deutschland geborenen kanadischen Ausstellungsmacherin Ydessa Hendeles als Künstlerin. Bekannt für ihre wegweisenden, ortsbezogenen Installationen, in denen sie Gegenwartskunst, Fundstücke und historische Artefakte inszeniert, ist die Debüt-Ausstellung der in Toronto lebenden Hendeles eine Weiterentwicklung ihrer interpretativen Erkundung kultureller Ikonografie, um Dualitäten und Machtverhältnisse und besonders Machtdynamiken der Gruppe gegenüber dem Individuum aufzudecken. Wie schon bei früheren Ausstellungen sind ihre künstlerischen Entscheidungen inspiriert und geprägt durch ihr Interesse am menschlichen Geselligkeitstrieb und unserer Neigung uns in Paaren oder Gruppen zu binden, wobei wir uns selber über diese konzipierten oder vorbestimmten Bündnisse definieren. Die Berliner Ausstellung beschwört die Vergangenheit aus dem Blickwinkel der Gegenwart herauf und bietet eine persönliche Perspektive auf eine Nachkriegskultur, die eindeutig durch hohe Erwartungen und Hoffnungen auf die Zukunft gekennzeichnet ist, aber gleichzeitig die Last schwerer Bürden und Verpflichtungen trägt. T.N.

Mit dem Schrei «Vaevaevae» stürzt sich der Adler vom Himmel. Die Erde ist in Aufruhr. Es wimmeln die letzten Tage der Menschheit. Apokalypse: da, nah. Es schwindelt einen, der Boden bewegt sich und scheint unter den Füssen weg zu schwinden. Die Apokalypse, die geheime Offenbarung des Johannis, diese Erzählung vom Weltenende und vom Weltengericht, ist ein Text, der die Fantasie von Malern, Zeichnern, Illustratoren seit Jahrhunderten immer wieder anregt, aufregt – und von Miniaturen bis zu Max Beckmann zu gewaltigen Bildfindungen geführt hat.

Géraldine et Tizian,“Riding animals” Copyright Géraldine et Tizian

Johanna Bossart, Géraldine et Tizian, Christian Grossert, Philipp Hänger, Haruko, Viviane Moermann, Cordula Müller Lütolf, Nicole Schmid, Sarah Tobler, Willy Wimpfheimer Kunst im Dolder Bad, Zürich CH bis 31. August 2012

M.S. Bastian und Isabelle L., Bastokalypse

In diese Tradition reiht sich das Monumentalwerk Bastokalypse von M.S. Bastian und Isabelle L. ein. Ihr expressiv figurativer Bildstreifen, ein Panorama von über 50 Metern Länge, lässt Zitate aus der Trivialkultur und Comic-Ikonen auf Jahrtausende alte Mythologien und die realen Schreckensszenarien der Gegenwart prallen. Die Künstler spielen mit Schrecken, Verblüffung, Überrumpelung und Lachen, sie reissen uns mit auf einen furiosen, überbordenden und in alle Richtungen wegstiebenden Höllenritt durch alle denkbaren Apokalypsen von gestern, heute und morgen. M.N.

Künstler aus der Region Zürich stellen ihre Werke im Rahmen von Kunst im Dolder Bad auf dem Adlisberg aus. In der Ausstellung sind rund 80 Werke verschiedenster Art zu sehen: Malereien, Fotografieren, Skulpturen, Kunstobjekte sowie Installationen. Kunst im Dolder Bad startet ins dritte Jahr. Kunstschaffende erhalten mit der Veranstaltung eine Gelegenheit ihre Werke einem breiten Publikum zu zeigen. Aus unzähligen Künstlerbewerbungen hat Kurator Martin Gut zehn Kunstschaffende für die Ausstellung verpflichtet. Nebst Newcomern direkt von der Akademie sind Künstlerpersönlichkeiten vertreten, die mit ihrer Kunst international tätig sind. PROVOZIEREN, AMÜSIEREN, VERFÜHREN Die rund 80 Kunstwerke werden im Dolder Bad auf der Wiese, in den denkmalgeschützten Kabinen sowie in der renovierten Galerie ausgestellt. Kurator: Martin Gut

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João Maria Gusmão + Pedro Paiva

Marco Castillo & Dagoberto Rodríguez Los Carpinteros

Kunsthaus Glarus, Glarus CH bis 19. August 2012

Kunstmuseum Thun, Thun CH bis 8. Juli 2012

THOSE ANIMALS THAT, AT A DISTANCE, RESEMBLE FLIES

SILENCE YOUR EYES

Das portugiesische Künstlerpaar João Maria Gusmão + Pedro Paiva (*1979/1977, leben in Lissabon) bezeichnet seine Arbeit selbst als „erholsame Metaphysik“. In ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz zeigen die Künstler im Kunsthaus Glarus neue Filme und eine raumgreifende Camera Obscura. Gusmão + Paiva arrangieren die eigens für die Ausstellung entwickelten Werkgruppen zu unterschiedlichen thematischen Konstellationen, die sich in den Ausstellungsräumen zu einer Art Traumlandschaft verbinden. Auf humorvolle Art und Weise fordern sie mit optischen Täuschungen und obskuren Experimenten den menschlichen Verstand heraus und werfen dabei vielschichtige Fragen nach der Logik des Abbildens und der Komplexität von Bildproduktion auf. Dieses Prinzip von Illusion und Täuschung verfolgen die Künstler auch mit der Camera Obscura, mittels derer sie ebenfalls illusionäre und imaginäre Bildwelten produzieren. Die dabei angeschnittenen Themen sind vielfältig und wechseln zwischen anthropologischaufklärerischer, experimentell-künstlerischer und philosophisch-magischer Art. Gusmão + Paiva beschwören so mal wissenschaftliche, mal absurde, dann wieder träumerische Welten. Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Fri Art - Centre d’art de Fribourg, das vom 08. September - 26. Oktober einen zweiten Teil der Ausstellung zeigt. C.S. João Maria Gusmão + Pedro Paiva Darwin's Apple, Newton's Monkey, 2012 16mm Filmstill © Kunsthaus Glarus Bild: João Maria Gusmão + Pedro Paiva

Porträt Sou Fujimoto im Park der Kunsthalle Bielefeld Foto: Jürgen Rehrmann/Kunsthalle Bielefeld 2011

Sou Fujimoto Kunsthalle Bielefeld, Bielefeld D bis 2. September 2012 FUTUROSPEKTIVE ARCHITEKTUR In einer Ausstellung zum Thema Architektur kommt es selten vor, dass ein Bauwerk im Maßstab 1:1 vorgestellt werden kann, oftmals müssen Zeichnungen und Modelle zukünftige Architektur vorstellbar machen. Es ist deshalb von besonderer Bedeutung, mit dem so bezeichneten „Final Wooden House“ ein Schlüsselwerk des Architekten Sou Fujimoto nochmals im Park der Kunsthalle errichten zu können, nicht nur, weil er für dieses Werk im Jahre 2008 einen internationalen Architekturpreis zuerkannt bekam, sondern vor allem, weil etwas von dem Raumverständnis erlebbar wird, das Sou Fujimoto auszeichnet. Was nach außen als kubischgeometrische Grundform erscheint, erweist sich im Inneren als ein komplexes Changieren zwischen vor- und zurückspringenden Balkenelementen, die je nach Verhalten des Betrachters ihre Funktion erhalten: als Sitz- bzw. Liegegelegenheit, als Tisch oder Regal; eine jeweilige „Funktion“ wird erst durch den Nutzer bestimmt. Die Kunsthalle Bielefeld zeigt die erste monografische Ausstellung zum Werk des japanischen Architekten Sou Fujimoto (geb. 1971) in Europa. Neben spektakulären Entwürfen für Wohnhäuser ist Sou Fujimoto auch durch sein Buch „Primitive Future“, das 2008 erschienen ist, bekannt geworden. In 10 Kapiteln legt er seine Ableitungen und die Entwicklung seines gänzlich anderen Raumbegriffs vor. Beständig wechselnde Verhältnisse von innen und außen werden zu einem Leitmotiv der Überlegungen von Sou Fujimoto. Die Räume, die er entwirft, haben kein ausgewiesenes Zentrum mehr, dies wird durch den Nutzer mitbestimmt. C.H.

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Die Mitglieder der kubanischen Künstlergruppe Los Carpinteros arbeiten seit ihrem Studienabschluss an der Kunsthochschule in Havanna zusammen und leben in Kuba und Madrid. Die schwierigen Lebensbedingungen und das Fehlen jeglicher Ressourcen auf Kuba führten dazu, dass die Künstler als Grundmaterial für ihre Arbeiten Recyclinggut verarbeiteten. Dies war zu Beginn vornehmlich Holz, das sie entsprechend ihren handwerklichen Fertigkeiten zu verarbeiten wussten und das zum Namen der Künstlergruppe führte: Los Carpinteros (Spanisch für die Schreiner). Mittlerweile verwenden sie auch andere Materialien wie Kunstharz, Metall oder Fiberglas. Marco Castillo (*1971) und Dagoberto Rodríguez (*1969) schaffen monumentale Installationen und zarte Aquarelle, die vor allem die Funktionalität und den Gebrauch von Architektur, Möbeln und Design-Objekten hinterfragen. Kritisch, aber auch mit Ironie, entstehen Werke, die sich oft auf politisch und kulturell restriktive Systeme beziehen. Mittels Serialität, Brüchen und Überspitzungen mutieren die Installationen und Zeichnungen zu ausschweifenden und lustvollen Hybriden, die wie im Titel Silence Your Eyes angedeutet vermeintlich Unvereinbares zu Neuem verbinden. Das Kunstmuseum Thun zeigt die erste institutionelle Einzelausstellung des kubanischen Künstlerduos in der Schweiz. Sie entsteht in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Hannover. K.T. Los Carpinteros, Cama, 2007, Schaumstoff, Stoff, Metal, Edelstahl, Epoxylack, 505 x 330 x 125 cm, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Bild: Dominique Uldry


Wilfrid Almendra (F), Copa &Sordes (CH), MyVillages (D/NL), Wifredo Diaz Valdéz (UR), Rainer Ganahl (A), Alex van Gelder/Louise Bourgeois (NL/F), Arno Hassler (CH), Christine und Irene Hohenbüchler (A), Daniela Keiser (CH), Reto Leibundgut (CH), Charles Matton (F), Polly Morgan (UK), Rando Moricca (CH), Mai-Thu Perret (CH), Grayson Perry (UK), Michael Rea (USA), Roland Roos (CH), Ursula Rutishauser (CH), Katja Schenker (CH), Loredana Sperini (CH), Marion Strunk (CH), Rosmarie Trockel (D), Erich Weber (Grillgi) (CH), Nadja Wüthrich (CH) Kunstmuseum Thurgau Kartause Ittingen, Warth CH bis 30. September 2012 10’000 STUNDEN. Über Handwerk, Meisterschaft und Scheitern in der Kunst Das Kunstmuseum Thurgau zeigt unter dem Titel „10’000 Stunden“ eine thematische Ausstellung, die sich mit der Bedeutung des Handwerks, der Meisterschaft und des Scheiterns in der zeitgenössischen Kunst auseinandersetzt. 10’000 Stunden entsprechen etwa fünf Jahren Ausbildung und beziehen sich auf die Zeit, die wir laut dem Soziologen Richard Sennett benötigen, um ein Handwerk richtig zu erlernen. In der Ausstellung werden herausragende Werke von dreissig Künstlerinnen und Künstlern aus dem In- und Ausland präsentiert. Sennett, der mit seinem 2008 erschienenen Buch „The Craftsman“ für Furore sorgte, stellt damit den Aspekt der Zeit ins Zentrum und plädiert für mehr Raum, um

Erfahrungswerte sammeln zu können, scheitern zu dürfen und seine Hände zu üben, ohne zwangsläufig produktiv sein zu müssen. Sennett fordert dies auch und gerade für die Kunst, in der, so der Soziologe, „handwerkliches Können stark an Stellenwert verloren“ hat. Die Stellung des Handwerks hat sich in der Kunst in den letzten Jahrzehnten grundsätzlich gewandelt. Verstand sich der Künstler im Mittelalter noch als Handwerksmeister, so hat sich dies im Zuge der Industrialisierung und mit der Autonomisierung der Kunst im 19. Jahrhundert verändert. Seit den 1960er Jahren nahm zudem mit der Infragestellung des klassischen Kunstsystems und dem Ausbruch der Kunst aus den Museen eine Entwicklung ihren Anfang, welche die traditionellen Bereiche der Kunst und ihre Techniken mehr und mehr aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. In jüngster Zeit ist jedoch wieder ein grosses Interesse an Themen spürbar, die mit dem Begriff des Handwerks in engstem Zusammenhang stehen. Das Ausstellungsprojekt „10’000 Stunden. Über Handwerk, Meisterschaft und Scheitern in der Kunst“ nimmt die Behauptung Sennetts zum Anlass, über die Bedeutung des Handwerks und der handwerklichen Techniken in der zeitgenössischen Kunst nachzudenken und sie zur Diskussion zu stellen. Sie umkreist die Topoi Kunst, Handwerk, Meisterschaft, Scheitern und Zeit mit Werken von dreissig Künstlerinnen und Künstlern, die nach unterschiedlichen Kriterien ausgewählt wurden. Ihnen eigen ist ihre Affinität zum Handwerklichen, sei es in der Wahl des Mediums, in der Art der Arbeitshaltung oder in thematischer oder konzeptueller Hinsicht. D.M. www.kunstmuseum.ch

Michael Rea, A Prosthetic Suit For Stephan Hawking, 2011, Holz und Mischtechnik, 270 x 213 x 182 cm

Manfred Wakolbinger, headsdown, 2009, Fotomontage zum Zyklus Travellers, 150 x 105 cm, © Manfred Wakolbinger

Manfred Wakolbinger Zeit Kunst Niederösterreich, Landesgalerie, Krems A bis 14. Oktober 2012 UP FROM THE SKIES Bis 14. Oktober 2012 präsentiert die LANDESGALERIE KREMS in der Dominikanerkirche am Körnermarkt in Krems unter dem Titel UP FROM THE SKIES Manfred Wakolbingers künstlerisches Werk aus drei Jahrzehnten. Mit dieser Werkpräsentation startet ZEIT KUNST NIEDERÖSTERREICH als neue Landesgalerie für zeitgenössische Kunst und verbindet künftig monografische Werkschauen mit ambitionierten Publikationen zum Schaffen von Künstlern und Künstlerinnen, die in Niederösterreich leben oder mit diesem Bundesland eng verbunden sind und deren Oeuvre internationale Wertschätzung genießt. Zu sehen sind die herausragenden Positionen österreichischer Gegenwartskunst in Zukunft an zwei Standorten der Landesgalerie: in Krems und in St. Pölten. Die erste Einzelschau in der LANDESGALERIE KREMS zeigt einen repräsentativen Querschnitt des bildhauerischen und fotografischen Schaffens Manfred Wakolbingers von 1980 bis heute. Präsentiert werden Skulpturen aus seiner frühen Serie „Sputnik“ (1986–1990), seine GlasKupfer-Arbeiten (1990–1995), sowie seine „Placements“ (2001–2008), „Ufos“ (2009–2012), „Forces“ (2010–2011) und „Travellers“ (2009–2010). Einen weiteren bedeutenden Teil in Wakolbingers künstlerischem Werk stellen die Fotografie und die Fotocollage dar. Seit einigen Jahren lässt der österreichische Künstler seine Skulpturen virtuell in Form von Fotocollagen in verschiedenen urbanen und landschaftlichen Räumen interagieren. Gemeinsam mit den Skulpturen werden diese Fotocollagen und der Film „Galaxies 1–3“ (2011–2012) nun im Ambiente der mittelalterlichen Sakralarchitektur der Dominikanerkirche zu sehen sein. T.M.K.

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heute vollkommen gleichgültig gegenüber neuen Tendenzen und Trends. Alexey Kamensky ist ein ewiger Wanderer im „eigenen Ausland“. Der im Krieg erlebte Tod lehrte dem Künstler Boris Otarov Lebensfreude und deshalb ignorierte er administrative Hürden des Künstlerverbands. Auch Andrey Krasulin widmet sich den Objekten, die im Einklang mit Natur und Mensch sind, ohne Sie ideologisch zu belasten und diesen Titel zu geben. A.B.

Alexei Kamensky, Der Abend an der Promenade, 1998, Öl auf Leinwand, 70 x 50 cm

Vladimir Andreenkov, Alexei Kamensky, Andrey Krasulin, Boris Otarov, Marlen Spindler, Igor Vulokh, Valery Yurlov & Yuri Zlotnikov Nadja Brykina Gallery, Zürich CH bis 27. Juli 2012 UNOFFICIAL MEETING Zum ersten Mal treffen sich Künstler Vladimir Andreenkov, Alexei Kamensky, Andrey Krasulin, Boris Otarov, Marlen Spindler, Igor Vulokh, Valery Yurlov und Yuri Zlotnikov in einer Ausstellung. Der Nonkonformismus dieser Künstler hatte verschiedene Formen. Yuri Zlotnikov war einer der Begründer und behielt die Gestalt eines verspielten Klassikers. Marlen Spindler verbrachte 15 Jahre im Gefängnis und Exil, sein Konflikt mit der sowjetischen Macht hatte eher einen existenziellen als politischen Charakter. Man bezeichnet seinen Nonkonformismus nicht nur als eine soziale Grundhaltung, sondern auch als eine Eigenschaft seines Temperaments. Der strenge Pionier der russischen Abstraktion der Nachkriegszeit – Valery Yurlov – wählte das Image eines wandernden Malers und Kunst-Installationisten. Er übertrug sein Atelier aus Russland nach Amerika und aus Amerika zurück nach Europa. Der ruhige und stille Igor Vulokh wurde zu einer lebenden Legende ohne eigene Beteiligung und gegen seinen Willen. Vladimir Andreenkov ist sowohl damals als auch

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geografischen Nullpunkt, dort, wo derÄquator und der Nullmeridian sich kreuzen, 300km südlich der Ghanaischen Küste im Meer versenkten. Immer wieder geht es um die Frage der Positionierung des Menschen in der Welt und im Universum. Stüssis Suche nach Antworten ist gelenkt von Lust, Leichtigkeit und Humor. Ursula Badrutt

Michael Riedel

Thomas Stüssi

Schirn Kunsthalle, Frankfurt D 16. Juni – 9. September 2012

Schaukasten Herisau, Herisau CH bis 19. August 2012

KUNSTE ZUR TEXT

Da ist nichts. Nur die rohe Lochplatte, die unschön, aber funktional das Gefäss auskleidet. Hat der Schaukasten in Herisau den Geist aufgegeben? Aber nein, es tut sich was im kleinsten Kunstraum der Ostschweiz. Langsam nur, doch beständig drückt eine Masse durch die Öffnungen. «Slow Flow», so der Titel der Installation von Thomas Stüssi, bearbeitet mit minimalen Mitteln und natürlichen Stosskräften die Kastenarchitektur. Mit Witz im Spiel und Sinn fürs Ganze verführt der Tempodrossler zur Liebe an der Reduktion. Weniger ist mehr. Definitiv. Es sind alltägliche physikalische Phänomene oder gesellschaftliche Konventionen und andere Beobachtungen aus dem Menschenreich, die Thomas Stüssi in seinen Arbeiten aufspürt, sichtbar macht und umdeutet. Farbe kann auch mal nach oben fliessen; als Arbeit heisst dies dann «Gravity is our friend». Seine Werkzeuge sind aus Silikon und heissen Software, das Labtop aus Holz und heisst Backup – sicher ist sicher. Den Alfa Romeo GTV aus dem Jahr 1978, dem Jahrgang des Künstlers, baut er sich aus Karton nach. Überhaupt, Thomas Stüssi ist ein Bauer, ein Brücken- und Ideenbauer. Als Grubenmann der Gegenwart verbindet er in einem Istanbuler Hinterhof mit Brücken aus Zuckerwattestäbchen Menschen. Aus Kunststoffleisten konstruiert er eine handfeste Wolke. Andere Arbeiten sind zwischen 2001 und 2009 im Kollektiv FMSW (FallerMiethStüssiWeck) entstanden, so auch das abenteuerliche Projekt «Gegen Null – Expedition zum Nullpunkt», bei dem die Gruppe eine Stahlkugel am

Unter dem Titel „Kunste zur Text“ präsentiert die Schirn Kunsthalle eine erste Retrospektive Michael Riedels Aufnehmen – Labeln – Abspielen. Mit dem Aspekt der Reproduktion und Wiederholung beschäftigt sich der in Frankfurt lebende Künstler Michael Riedel seit seinen ersten Aktionen im Rahmen des legendären Ausstellungsraumes „Oskar-von-MillerStraße 16“, den er 2000 initiierte und welcher in gleichnamiger Straße in Frankfurt ansässig war. Dort fanden Wiederholungen oder Kopien von Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und Clubabenden sowie die bis heute inmitten von Kunst und Leben angesiedelte Freitagsküche statt. Riedel arbeitet mit aufgezeichneten Gesprächen, Filmen und Performances oder Ausstellungen anderer Künstler. Das System seines Schaffens beruht auf der Kombination dieser Elemente zu immer neuen Variationen und der Transformation eines Mediums in ein anderes. Sprachaufnahmen überträgt Riedel zum Beispiel durch Transkription in den Bereich des Visuellen, verfremdet und erweitert sie mithilfe technischer Möglichkeiten, um sie schließlich in neuer Lesart zu reproduzieren oder erneut abzuspielen. Kurator: Matthias Ulrich Michael Riedel, Porträt des Künstlers Foto von Jason Schmidt, 2011 © Michael Riedel/ Jason Schmidt


futurogalerien+museen mit seinem ursprünglichen Bewohner Gustinus Ambrosi. Im Zuge der Recherchen zu den biographischen Hintergründen des Bildhauers hat sich die Künstlergruppe auf eine Begebenheit konzentriert, die sich um eine Faszination für eine Kuh und die problematischen Auftraggeber einer Tierskulptur dreht. Das Gespenst der Kuh wird zu einem Portal in die Vergangenheit und schließlich sogar in ihrer Präsenz im Augarten zu einer unleugbaren Realität der historischen Betrachtung. Simon Starling, Prouvé (Road Test), 2012, LKW, Jean Prouvé „Shed”, Dachfragment um 1950, ca. 821 x 371 x 332 cm Commissioned by Thyssen-Bornemisza Art Contemporary Foto: Courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin Foto: Jens Ziehe / TBA21, 2012

Simon Starling in Zusammenarbeit mit Superflex Thyssen-Bornemisza Art Contemporary – Augarten, Wien A bis 23. September 2012 REPROTOTYPEN, TRIANGULATIONEN UND TESTVERFAHREN Noch bis 23. September präsentiert Thyssen-Bornemisza Art Contemporary in ihren neuen Ausstellungsräumen ThyssenBornemisza Art Contemporary – Augarten die Eröffnungsausstellung „Simon Starling in Zusammenarbeit mit Superflex – Reprototypen, Triangulationen und Testverfahren“. Zu sehen sind zentrale Werke der Künstler aus der international renommierten Sammlung zeitgenössischer Kunst der TBA21, sowie eigens für Wien entwickelte und kommissionierte neue Arbeiten wie der „Prouvé (Road Test)“ (2012) bei dem sich Starling eines Fragments von Jean Prouvés Dachkonstruktion (1956) für das Lycée Blaise Pascal in Orsay annimmt und es in einem Geschwindigkeits- und Aerodynamiktest aussetzt. Das Auftragswerk „Kuh“ (2012) von Superflex befasst sich mit der Geschichte des Augarten Ateliers und

C.N. www.TBA21.org

Armbruster-Seid Kathrin, Aubry Sylvie, Béguin Roland, Bolli Françoise, Dufour Marc, Ferrara Caroline, Gaemperle Daniel, Gentizon Corinne, Gysin Sabine, Jacobs Prisca, Keller Catherine, Kniel Bernd, Olivet-Ara Bruna, Rehlberg Noëmi, Reymondin Aurélie, Scholz Dieter, Woodtli Thomas

zeitgenössischer Architekten und Künstler zu monumentalen Glasobjekten. Auch im Innenraum ist Glas Ausgangspunkt für Gestaltungen im Spannungsfeld von Kunst, Design und Funktionalität. Verarte.ch, die Schweizer Künstlervereinigung im Interesse der Glasgestaltung, führte zu diesem Thema einen Wettbewerb mit drei fiktiven Aufgaben durch: eine Glasfassade, ein Innenhof und die Fenster eines historische Gebäudes. Die drei Themen inspirierten die Künstler zu Arbeiten, in denen sich die Offenheit (daher der Ausstellungstitel...) und Breite gestalterischer Möglichkeiten mit Glas widerspiegelt. Unter dem Titel „Imagination“ wurden die Wettbewerbseingaben anlässlich des letzten Vitrofestivals präsentiert. Nach der Beurteilung eine Fachjury entwickelten nun 17 der 34 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler Werke für die Ausstellung. Ihre Arbeiten zeigen musterhaft Positionen zeitgenössischer Glasgestaltung in der Architektur. Im anregenden Dialog mit der Architektur bespielt die Ausstellung mehrere Orte des Museums, vom Schlosshof über die Glasfassaden bis in die Ausstellungssäle. Die nicht ausgeführten Projekte sind ebenfalls nochmals einsehbar, und eine Videoprojektion wird ausgeführte Werke der letzten Jahre in der Schweiz und im Ausland vor Augen führen. Die Ausstellung ist ein engagiertes Plädoyer für die Glasgestaltung im zeitgenössischen Bauen und gibt Impulse für die Arbeit mit diesem faszinierenden Material. M.R. Bernd Kniel

Vitro Musée, Romont CH bis 28. Oktober 2012-05-28 OUVERTURES – GLAS UND ARCHITEKTUR Glas hat als gestaltendes Element auch heute seinen Platz in der Architektur. Glasfenster bekannter Künstler unserer Zeit in alten Kirchen erregen internationales Aufsehen. Mit funktional und visuell ambivalenten Bauhüllen werden Werke

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Willem Popelier, Detail aus: Showroom Girls, 2011 5 Inkjet-Prints, gesamt 128 x 450 cm © Willem Popelier

Lara Almarcegui, Dimitry Astakhov, Sammy Baloji, Walead Beshty, Ursula Biemann, Fernando Brito, Moyra Davey, Lukas Einsele, Cedric Eisenring / Thomas Julier, Michael Elmgreen / Ingar Dragset, Alfredo Jarr, Jérôme Leuba, Market Photo Workshop, Erica Overmeer, Trevor Paglen, Willem Popelier, Gosha Rubchinskiy, Jules Spinatsch, Hiroshi Sugimoto, Fiona Tan, Jonas Unger, Unbekannter Taliban, Lidwien van de Ven, wearethe99percent Fotomuseum Winterthur, Winterthur bis 26. August 2012 STATUS – 24 DOKUMENTE VON HEUTE Wenige Jahre nach dem digital turn, dem Wechsel von der analogen zur

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digitalen Produktion und Speicherung von Bildern, fragt das Fotomuseum Winterthur in der Ausstellung Status – 24 Dokumente von heute nach dem aktuellen Status, dem Stand und Wert des fotografischen Dokuments und des Dokumentarischen. War der Begriff Status früher durchaus positiv besetzt und markierte eine Selbstbewusste Zurschaustellung des eigenen Standes, der eigenen Befindlichkeit, so fragen wir heute zuweilen fast ängstlich nach dem „Stand der Dinge“; wohlwissend, dass dieser oft ungewiss, prekär und zumeist im Fluss ist. Diese treibende Ungewissheit macht sich auch im Feld der Fotografie breit. Die schnelle Verbreitung und Verfügbarkeit von Bildern und Videos in den Printmedien, im Internet, auf sozialen Plattformen wie Facebook, Google, Twitter oder Flickr, haben zu neuen Formen der Kommunikation mit dokumentarischen Bildern geführt. Oft kennen wir die Autoren der Bilder nicht, wissen nichts mehr von den Wegen, die ein Bild hinter sich gelassen hat, bis es zu uns gelangt. Wie können diese fotografischen Dokumente verstanden werden, wie funktioniert das Schema des Sehens, Verstehens, Verwerfens oder Speicherns in unserem heutigen, multimedialen Umfeld? Kurator: Thomas Seelig

Fiat (Original-) Schokolade «Giveaway», 1973, Foto Armin Vogt, © ArminVogt/Prolitteris

Armin Vogt RappazMuseum, Basel CH bis 11. Juli 2012 EINE ART BILANZ. 50 JAHRE VISUELLE KOMMUNIKATION Spiel und Sparsamkeit Fünfzig Jahre Arbeit mit Stift und Pinsel, mit Zirkel und Lineal, mit Computer und Fotoapparat.

Fünfzig Jahre helles Wachsein für Menschen und Natur, für Wirtschaft, Werbung und Produkte. Armin Vogt ist es immer wieder gelungen, jene jeweils einzigartige Formulierung zu finden, die unser Sehen und Erkennen prägt: Seine Spirale kennzeichnet Basels Verkehrsbetriebe, das spezielle Grün unsere Trams. Der kursive Schriftzug von FIAT suggerierte während Jahrzehnten den Wunschtraum von Beschleunigung. Beispiele wären fortzusetzen: Plakate, Verpackungen, Logos, Marken, Fotografien, Bücher und Ausstellungen tragen die Handschrift Armin Vogt. Ein grosses Werk. Unsere Ausstellung erzählt in einigen Stationen vom Schaffen und Leben. (Teilbereich) von Annemarie Monteil

Kyungwoo Chun Kunsthalle Göppingen, Göppingen D bis 01. Juli 2012 RESPONSE In den Arbeiten des koreanischen Künstlers Kyungwoo Chun spielt der Faktor Zeit immer eine ganz wesentliche Rolle. Bei seinen Fotografien arbeitet er mit teilweise extremen Langzeitbelichtungen, vergleichbar noch zu jener Technik aus den Anfängen des Mediums. Seine Aufnahmen von Einzelpersonen oder Gruppen sind im wahrsten Sinne des Wortes "Zeitportraits". Die Bilder offenbaren minutiös den Prozess der Aufzeichnung und visualisieren damit auch den Dialog zwischen Künstler und seinem Gegenüber. Die Schärfe der Portraits hängt von den Bewegungen der Modelle über die Dauer der Aufnahme hinweg ab. Kleine Gesten, wie Atmen, Nicken oder Sprechen sammeln sich an im Lichtbild und verleihen den Fotografien ihre ganz eigene Ästhetik. Diese Art der Fotografie unterscheidet sich grundsätzlich vom Erstellen einzelner Momentaufnahmen. Chuns Bilder entstehen aus einem performativen Akt. Darin liegt die Verbindung zu seinen Rauminstallationen, für die er Konzepte entwickelt, welche den Betrachter zur Teilnahme auffordern und ihn zum Bestandteil des Werkes werden lassen. In der Kunsthalle Göppingen sind mehrere partizipatorische Arbeiten von


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Kyungwoo Chun, Installationsansicht Kunsthalle Göppingen, Copyright: Bernhard Knaus Fine Art und Kyungwoo Chun.

Kyungwoo Chun präsentiert, bei denen die Besucher eingeladen sind mitzumachen und das Kunstwerks mitzugestalten. So etwa bei „Fortune Train", einer großen Installation, die speziell für seine Ausstellung in Göppingen konzipiert worden ist. Aus Knetmasse werden Eisenbahnmodelle anfertigt und kleine Wunschzettel darin versteckt. Am Ende sollen die einzelnen Knetzüge und -Waggons als Glücksbringer verschenkt werden. Alle performativen Installationen von Kyungwoo Chun sind auf eine bestimmte Dauer hin angelegt und beteiligen zugleich den Betrachter am Werk. So wie die Fotografien nicht in einem einzigen Augenblick entstanden sind, so wachsen und verändern sich auch die Installationen über den Zeitraum der Ausstellung. Im Mittelpunkt seiner Arbeiten steht immer der Entwicklungsprozess, eine künstlerische Haltung, die den Weg zum Ziel erklärt.

gesamthaft wahrgenommen werden können. Zudem werden in einem Raum zum ersten Mal 27 Zeichenhefte und Texte gezeigt, von denen einige auch zu hören sind. Der Film wird nonstop vorgeführt: Le miroir magique d’Aloyse, Film von Florian Campiche, 23 Minuten, 1963, Centre d’études de l’expression plastique de la Clinique psychiatrique universitaire de Lausanne mit Unterstützung durch F. Hoffmann - La Roche & Cie AG. Die Collection de l’Art Brut drückt Jacqueline Porret-Forel und Céline Muzelle ihren herzlichen Dank aus. Des Weiteren dankt sie der Collection abcd, dem Lille Métropole Musée d’art moderne, d’art contemporain et d’art brut, dem Institut universitaire d’histoire de la médecine et de la santé publique, Lausanne, und den Privatsammlern. Kuratorin: Pascale Marini, Gleichzeitige Ausstellung im Musée cantonal des Beaux-Arts Lausanne vom 2. Juni bis 26. August, www.mcba.ch. Aloïse, Marie-Christine, entre 1925 et 1941 mine de plomb et crayon de couleur sur papier 33 x 24,5 cm, Photo: Olivier Laffely Collection de l’Art Brut, Lausanne

B.K.

Aloïse Collection de l’Art Brut, Lausanne CH bis 28.10.2012 ALOÏSE Seit 1976, dem Jahr der Eröffnung der Collection de l’Art Brut, werden die Werke von Aloïse ständig in der Institution gezeigt. Anlässlich der Wechselausstellung Aloïse. Le ricochet solaire sind der Künstlerin mehrere Museumsräume gewidmet: das gesamte Erdgeschoss und ein Saal des ersten Obergeschosses. Die Ausstellung präsentiert fast 120 Werke, darunter Zeichnungen, Texte, Fotografien, Archivmaterialien und einen Film – das einzige visuelle Zeugnis der Künstlerin bei der Arbeit. Mehrere grossformatige Arbeiten werden so ausgestellt, dass sie

Kunstmuseum Bern, Bern CH bis 12. August 2012 «... DIE GRENZEN ÜBERFLIEGEN». DER MALER HERMANN HESSE Der Dichter als Maler Zum 50. Todesjahr von Hermann Hesse präsentiert das Kunstmuseum Bern zusammen mit dem Museum Hermann

Hermann Hesse. Baum, Häuser, 1922. Aquarell 20 x 28 cm. Privatbesitz. © 2012, Hermann Hesse-Editionsarchiv, Volker Michels, Offenbach

Hesse Montagnola die erste Retrospektive zu Hesses malerischem Werk. Das Kunstschaffen spielte in Hermann Hesses (2.7.1877 – 9.8.1962) Leben eine wichtige Rolle. Seine intensive und komplexe Bildsprache ist für das Verständnis von Hesses persönlicher Entwicklung, seines Kunstverständnisses und seines literarischen Werkes aufschlussreich. Die für die Rezeption von Hermann Hesse wohl wegweisende Ausstellung würdigt umfassend Hesses Beitrag zur Kunst der Moderne. 1912, vor genau 100 Jahren, liess sich Hermann Hesse in Bern nieder. Das «Ougspurgergut» in der Schosshalde, der «Lohn» in Kehrsatz und das Schloss Bremgarten sind die Schauplätze, mit denen Hermann Hesse in Bern eng verbunden war und wo er Inspiration und Förderung fand. Hesses Berner Jahre von 1912 bis 1919 waren nicht nur im Hinblick auf sein literarisches Werk entscheidend. In dieser Zeit, in welcher er den Künstlerroman «Rosshalde» vollendete, begann auch seine bisher wenig bekannte Laufbahn als Maler, die ihren Höhepunkt in den 1920erund 1930er-Jahren in Montagnola erreichte. Die Ausstellung vergegenwärtigt alle Schaffensphasen, Themen, Gattungen und Stilrichtungen, in denen sich Hesse seit seinen ersten Malversuchen betätigt hat: die frühen Studien mit vielseitigen Bildinhalten, die grossformatigen Landschaftsaquarelle, die Gemälde, die detailreichen Federzeichnungen und die kleinformatigen Textillustrationen. K.B.

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Ruth Berther

EINE SUCHE

MIT DEM

GESCHMACK

VON

LEBEN

UND

HOFFNUNG

Ein flüchtiger Blick, ein genauer Blick, eine Erleuchtung: Die Malerin ist „Medium“ der FormIdeen, welche ihre Hand beherrschen und sich über Ströme von Stille in Situationen organisieren. Zeichen, Anspielungen, Umrisse, Zeichnungen, die auf Türen, Wege, Räume verweisen, welche dem Gegenwärtigen organisch entsprechen, beleben den Bildträger. Gleichzeitig wirken sie aufeinander ein und sind rätselhaft im Moment der Epiphanie; auch wenn das Zeichen schriftartig wird, verbleiben sie als einsame Orte, jeder mit seinem Geheimnis, und müssen in einer unerklärlichen Verbindung des Schicksals nebeneinander bestehen. Der tiefgreifende Diskurs wurzelt im Bewusstsein der enormen Energie, die die Form-Ideen durchdringt und sie in einem Labyrinth leben lässt, die von alltäglicher Körperlichkeit scheint, aber ganz Psyche ist und die zu Entdeckungsreisen mit dem Risiko des Symbol 6, 2012, Acryl auf handgeschöpftem Papier, 50 x 50 cm Geöffnet l, 2012, Acryl/Seidenpapier auf Leinwand, 50 x 40 cm

Fehlers und der Überraschung für den, der auf Wunder hoffte, verführt. Ruth Berther erfindet Räume-nicht-Räume, in denen die Kreativität emotionale und konzeptionelle Begegnungen schafft: Menschen und Dinge, die der gegenwärtigen Realität angehören, der greifbaren Welt, auf die sie anzuspielen scheinen, setzen mentale Prozesse in Gang, die in die Zukunft reichen, in das noch nicht Geschehene, wodurch sie die Wege der Vorstellungskraft öffnen. Die Künstlerin erkennt und nimmt die Reichweite der Forschung wahr, welche Intellektuelle und Wissenschaftler in dieser Zeitwende diskutieren, in der sich konkret die Unvermeidbarkeit von Metamorphose und umgestaltender Handlung („transformam-actionem“) zeigt, die energetische Veränderung, die mittels der veränderten Form sichtbar wird. Bekanntlich ist Form eine Folge von Energie und daher wird sie aktiviert, um zur Zeit, die noch kommt, überzuleiten, wo sie andere Formen einbeziehen und sich ihrerseits andern Einbezügen stellen wird: das spielerische Märchen und die Erzählung folgen aufeinander in der Komödie, dem Drama, der Tragödie, aber besonders im Mysterienspiel. Es ist wichtig, die jüngsten Entwicklungen in der Vorstellungswelt von Ruth Berther zu erfassen, da sie eine starke Interpretin der Farbe und empfindlich für

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futuro kleinste kompositorische Veränderungen ist, welchen sie mit einer ungewöhnlichen Geschicklichkeit begegnet, die auf einer inneren, instinktiven Sensibilität gründet, Bilder in harmonische Räume hineinzusetzen (was zu ihrer Absicht, ihrem Wunsch im Kontext der alltäglichen Realität gehört, wie ihre Werke zeigen.) Verbindung 5, 2010, Acryl auf handgeschöpftem Papier, 50 x 50 cm

Symbol 5, 2012, Acryl auf handgeschöpftem Papier, 50 x 50 cm

ohne Titel 2, 2011, Acryl auf handgeschöpftem Papier, 70 x 50 cm

Ruth Berther schafft Kunst in einem magischen Moment und enthüllt, davon bin ich überzeugt, eine Innerlichkeit voll blühender Phantasie. Es ist, als ob sie gemerkt hätte, dass sie nie auf das Träumen verzichtet hat, wodurch sie in der Tragik der schmerzlichen Erfahrungen ihre Farben der Hoffnung als Trost anbietet. Es sind Farben, die an Wärme und Helligkeit gewonnen haben, wodurch die Erdfarben emotionaler sind, während die Blautöne kräftig und ruhig wie die Erinnerung sind, Farben, die an Wärme und Helligkeit gewonnen haben, wodurch die Erdfarben emotionaler sind, während die Blautöne kräftig und ruhig wie die Erinnerung sind , und die Gelb- und Grüntöne andere Abstufungen annehmen. Schwarz kommt nur in geringsten Andeutungen vor. Manche erwarten von der Kunst eine neue gesellschaftliche Aussage, die nicht nur aufdecken und anklagen soll. Es gibt Botschaften, die zu Anderem einladen. Ruth Berther bietet sie uns augenzwinkernd an und mit dem Lächeln derjenigen, die die Hoffnung nicht aufgibt. Ihre Freiheit im Ausdrucksmittel verweist auf eine Spiritualität, die Bewegung zu Gefühl zu erheben vermag. Übersetzung:

Angelo Calabrese Susanne Huonder

www.rubertart.com

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Lust am schöpferischen Spiel

Typisch Malina

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Friedrich Schiller

Paul Malina liebt es, ein Thema abzuhandeln, immer wieder aufzunehmen und abzuwandeln. Er ist ständig bestrebt, Verwandtes zu schaffen, indem er Unscheinbares betont, Form und Farbe verändert oder verborgene Strukturen sichtbar macht. Dahinter steht die Absicht, das Einzigartige eines Motivs hervorzuheben. Malina setzt sich engagiert und leidenschaftlich mit einem Sujet auseinander bis die Einzelheiten mit dem Ganzen übereinstimmen und auch die Gesamtkomposition eines Bildes seinen ästhetischen Vorstellungen entspricht. Der Prozess der Veränderung hat für ihn etwas Packendes an sich. Und das Spiel mit Variationen scheint ihm im Blut zu liegen. Zwischen Malinas realistischen Zeichnungen seiner ersten schöpferischen Phase und heute liegen Lichtjahre, doch vom erlernten Beruf sind Gesetzmässigkeiten wie Innere Architektur und Konstruktion in allen Werken auszumachen und er ist ein Meister in der Raumaufteilung. Seine Bildkompositionen weisen einen hohen Mass an statischer Ruhe und Präzision. Oder aber es hat sich auf ihn und seine Lebenshaltung Altar, 1983, Mischtechnik auf Leinwand, 70 x 50 cm

Lebensschiff, 1995/2006, Mischtechnik, 90 x 50 cm

übertragen. Jedenfalls hat er sich in den fünfzig Jahren seiner schöpferischen Tätigkeit im künstlerischen Ausdruck immer wieder neu erfunden, verändert und weiterentwickelt. Die Entwicklung Paul Malina, der in Bratislava Architektur studierte und gleichzeitig die Hochschule für Bildende Künste besuchte, hat anfänglich vor allem gezeichnet und Aquarelle gemalt, die seine Wahrnehmung realistisch wiedergaben. Es folgte in den 1980er Jahren eine abstrakte Periode auf der Grundlage von Collagestrukturen, die er mit Mischtechnik übermalte. Die dabei verwendeten Chemikalien führten zu gesundheitlichen Beeinträchtungen, was zwangsläufig eine erneute Wende seines künstlerischen Schaffens einleitete. Malina bedient sich ab Ende der 30


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Altartisch, 1993, Mischtechnik auf Holz, 120 x 60 cm

Meine Liebe brennt, 1985/2009, Mischtechnik auf Leinwand, 120 x 80 cm

90-er Jahre der digitalen Malerei, die mit ihren unerschöpflichen Möglichkeiten seiner spielerischen Fantasie in besonderer Weise entgegenkommt. Die Inspirationsquelle Die Themen und Motive seiner Bilder entnimmt Paul Malina weitgehend der Natur. Die Umwelt mit oder ohne menschliche Spuren ist für ihn eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. «Selbst meine abstrakte Werke waren im Grunde genommen Natur pur», meint er schmunzelnd. «Es ist als ob man bei einem Spaziergang an einem Felsen, einem Baum oder einer Wiese stehen bleibt » Paul Malinas letzte Bilder sind auch farblich von Schutzengel, 1996, Mischtechnik auf Leinwand, 90 x 90 cm

atemberaubender Schönheit, reflektieren Aufbruchstimmung, jedoch ohne stures Endziel. Malina ist als Maler ein typischer <homo ludens>: Wohl bleibt er immer wieder über längere Zeit von wiederkehrenden Motiven besetzt, aber spielerisch fügt er während dem Entstehungsprozess zu oder lässt auch mal weg. Diese Ambivalenz, rund um etwas deutlich Zentrales, trägt fast rituelle Züge und öffnet immer neue Dimensionen. Der Künstler Malina ist klar extrovertierter geworden – und das bekommt seiner Kreativität. Es scheint fast eine Art schöpferisches <Fieber> bei ihm ausgebrochen, also erstaunt es nicht, dass er auf die Frage nach seinem <Traumprojekt> ohne Überlegung kontert: <Das nächste Bild>! Malina will mit seiner Kunst weder belehren noch bekehren. Seine Bilder erzwingen keine bestimmte Aussage. Vielmehr eröffnet die Technik der Verfremdung einen grossen Spielraum für die persönliche Interpretation der Betrachtenden. Nomen est omen Malina ist übrigens kein Künstlerpseudonym. Auch in deutscher Übersetzung weist der Name hin auf den thematischen Schwerpunkt und die Inspirationsquelle seines Schaffens. Er bedeutet «Himbeere» – ein köstliches Naturprodukt. «Nomen est omen», sagt ein lateinisches Sprichwort. Malina ist kein Künstlername, sondern der Name eines Künstlers, der mit heiteren Farben und Formen das Gemüt erfreut, der dazu einlädt und verführt, die Dinge dieser Welt aus einer ungewohnten Perspektive zu betrachten, der mit seiner Lust an Variationen die Fantasie anregt und mit dem Mittel der Verfremdung die Umwelt nicht verschandelt, sondern näher bringt. Urs Boller p.malina@bluewin.ch 31


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JOHannaS Die ganze Welt in Farbe Eine kleine, zierliche Person, pinkfarbene Haare, aufmerksam, sehr wache Augen, neugierig, weltoffen, experimentierfreudig, knallig: All das sind Attribute, die auf die St. Galler Künstlerin ,,]OHannaS” zutreffen und ihr doch selbst in der Summe nicht gerecht werden. Die freischaffende Künstlerin arbeitete bis 2003 in verschiedenen Führungspositionen - nein, damals waren die Haare noch brav und blond - und entdeckte eher zufällig die Malerei als Ausdrucksmöglichkeit für sich. Nach verschiedenen Meisterkursen und Studiengängen an renommierten Instituten festigte sich ihr Stil und ihre Art zu malen: Vergleicht man ihre Bilder von heute und aus den Anfängen, so gibt es zwar viele Gemeinsamkeiten und doch wird auch schnell deutlich, wie rasant sich „JOHannaS” weiterentwickelt hat, ihre eigene Sprache perfektionierte. Mit der gleichen Zielstrebigkeit, Entschiedenheit und Disziplin, mit der sie früher ihr berufliches Leben organisierte, nimmt sie heute die bildende Kunst als ihre persönliche Herausforderung an. ,,]OHannaS” befasst sich hauptsächlich mit experimenteller und abstrakter Malerei und ihre Bilder spielen mit den Ausdrucksmöglichkeiten von Farbe und Licht. Inspiration sind ihr dabei ihre Reisen in die

Herz rosa Mosaik, Photopainting Mosaic, Farbpigmentdruck auf Plexiglas, 120 x 110 cm

unterschiedlichsten Regionen der Welt, die sie von den USA über den fernen Osten nach Japan oder Australien, Südamerika bis nach Indien oder Burma

Wellen Mosaik, Photopainting Mosaic, Farbpigmentdruck auf Plexiglas, 95 x 140 cm

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futuro führten. Immer studiert sie den Alltag der Menschen und versucht, fremde Kulturen zu verstehen und in sich aufzunehmen: “Kulturen begegnen - Kulturen verstehen - Kulturen verbinden”, so lautet ein Leitspruch von ,,]OHannaS”. Das Überraschende, das ihr immer wieder in fremden Ländern begegnet, entspricht den verschiedenen Techniken, mit denen sie ihre Bilder gestaltet: Ähnlich wie Erfahrungen beim Menschen sichtbare und unsichtbare Spuren hinterlassen, so baut ,,]OHannaS” ihre Gemälde in vielen Schichten auf, die später zum Teil wieder überarbeitet oder übermalt werden, die ihren Bildern aber eine Tiefe und nicht zuletzt auch eine Geschichte geben. Dabei rückt sie der Leinwand mit allerlei Werkzeug zu Leibe.

Lippen violett Mosaik, Photopainting Mosaic, Farbpigmentdruck auf Plexiglas, 100 x 150 cm

dem Computer wird das Ausgangsbild in vielen Schritten und Verfremdungen in ein neues, eigenständiges Werk verwandelt. Die auf Plexiglas, Aluminium oder Metall gedruckten Bilder werden nicht selten von der Künstlerin weiterbearbeitet oder mit Collage-Material versehen. Allen Werken von ,JOHannaS” ist gemeinsam, dass sie Projektionsfläche bieten und dem dafür offenen Betrachter auch etwas über seine eigenen Assoziationen und Träume erzählen können: Eine aktuelle Serie beschäftigt sich mit Engeln – man muss nicht an Engel glauben, um die Energie in den sehr unterschiedlichen Bildern spüren zu können. “JOHannaS” hat schon in verschiedenen nationalen und internationalen Galerien ausgestellt. Christina Hitzfeld www.johanna.ch

Auge-3 Mosaik, Photopainting Mosaic, Farbpigmentdruck auf Alu-Dibond, 120 x 90 cm

Akt sitzend Mosaik, Photopainting Mosaic, Farbpigmentdruck auf Plexiglas, 120 x 90 cm

Sie modelliert, ritzt, klebt, drapiert und verwendet auch unorthodoxe Materialien. So benutzt sie keine herkömmlichen Farben, sondern mischt diese selbst aus verschiedenen Materialien wie Acryl, Lack, Leim mit Pigmenten und Inhaltsstoffen aus der Kosmetikindustrie. In jüngerer Zeit beschäftigt sich ,,]OHannaS” außerdem mit medialer Malerei. Dabei setzt sie den Computer als Malmittel ein. Mal sind es ihre eigenen Gemälde, mal Fotos, die sie am Computer bearbeitet. Durch digitale Manipulation, Filterungsprozesse und “malen” mit 33


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LIDIA MEJIA JAVIER Lidia Mejia Javier geboren 1981 in El Seibo, Dominikanische Republik. Absolventin der Escuela de Diseño de Altos de Chavón (2003), wo sie Bildende Kunst und Illustration und die dazugehörigen experimentellen Werkstätten Skulptur, Gravur und experimentelle Malerei belegt und als verdiente Künstlerin anerkannt ist. Mit einem Stipendium der JICA (Japan International Cooperation Agency) studiert sie Keramik bei den japanischen Professoren Hashimoto und Ishii. Viele Jahre arbeitet sie bei Kunstprojekten des Kulturministeriums mit. Inzwischen besitzt sie ihre eigene Kultureinrichtung, in der sie jungen Künstlern die Möglichkeit bietet, sich mit Hilfe der Kunst weiterzuentwickeln. AUSSTELLUNGEN Ausstellung von Absolventen des Studiengangs der Bildenden Künste, Galeria de Altos de Chavon 2003. Ausstellung junger lateinamerikanischer Künstler, Santo Domingo 2005. AusstellungPura Plástica, Galería Bomana 2006. AusstellungEl Fuego y La Tierra, Museo Nacional de las Casas Reales 2007, AusstellungImágenes, Galeria Bomana, 2008. Darüber hinaus wurde Lidia Mejia Javier ausgewählt, die Kirche San Rafael in Guaymate [Dominikanische Republik] mit großflächigen Wandbildern und Dachfresken zu gestalten. Silencios entretejidos, Öl auf Karton, 81 x 35,5 cm

Reflexión Pesada, Öl auf Karton, 63,5 x 23 cm

Sueños Cómplices, Öl auf Karton, 81 x 35,5 cm


futuro Mischung erinnern, mit eigener Sprache und eigenen Merkmalen. Ihre Technik macht uns ein wenig zum Komplizen der Handlung, die in diese meisterhaft erzählten Geschichten eingeflochten ist, ohne die Notwendigkeit, Worte zu verwenden, die irgendwelche Gefühle hervorrufen, sondern Bilder, die deutlich zeigen, wer wir sind und welche Reinheit von unserer Haut ausstrahlt. Wir können verborgene Blicke beobachten. Und doch sind sie da, um mit dem Betrachter einen Dialog zu führen und eine schweigende Erfahrung zu teilen. Die Suche nach der Existenz und der Berechtigung des Seins. L.M.J. Realidad Silente, Öl auf Karton, 63,5 x 25.5 cm Complicidad Silente I & II, Öl auf Karton, 45,5 x 20 cm

ARBEITEN Die Arbeiten von Lidia Mejia Javier sind ein lebhaftes Spiegelbild der Frau in der Karibik. Sie kratzt an dem Mythos, die Hautfarbe wäre ausschlaggebend für die körperliche Schönheit; wenn man so will liefert sie eine suggestive Betrachtung ihrer eigenen Seele, wobei sie die Stärke und die Mystik beschwört. Es gibt keine Hautfarbe, die diese identifiziert, eine kosmische Farbe, die uns hilft, in das Universum zu gelangen, das sie bewegt. Es gelingt uns, uns der inneren Nacktheit anzunähern. Es ist eine Aufforderung, durch die Haut ihrer Figuren zu schauen und zu versuchen, das zu verstehen, was sie antreibt, ihr inneres Ich. Die gestreckte Gestalt, wunderbar geeignet zur Stilisierung ihrer Figuren, verleiht manchen einen manieristischen Hauch und lässt einen leichten Einfluss Modiglianis erkennen. Ihre Figuren beschwören bekannte Gefühle, eingehüllt in die ihnen eigenen Gesten, mit einer Aura der Ruhe aber auch mit einer latenten Kraft, die von ihren Protagonisten ausstrahlt. Jede einzelne hat eine Geschichte, die sie vereint, mit einer überschäumenden Energie. Gleichzeitig aber sind sie einzigartig, mit einer eigenen Sprache. Die Künstlerin ergänzt ihre Figuren durch mechanische Elemente, die ihre Silhouetten durchwirken und die Poesie und den religiösen Zauber beschwören. Mit Mythen und Tabus, die aus der Vergangenheit herrühren und die zerstört werden sollen. Die wir gleichzeitig aber mitnehmen, unsere Haut davon durchtränkt. Die Halsbänder sind ein klares Symbol der Fesseln, die uns Jahrhunderte lang fälschlich glauben gemacht haben, wir wären die Nachkommen einer überlegenen Rasse. Die verschiedenen Rassen, die wir in uns tragen und die uns an unsere eigene interessante 35


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Markus K. Fritschi Kunst als Kraftquelle Wissenschaftliche Kunst, künstlerische Wissenschaft Markus K. Fritschis (49) spielerischer Erfindergeist hat ihm noch nie Ruhe gegeben, obgleich er eben genau das vermittelt: Ruhe. Spiralen wärmen in geschmeidigen Farbtönen von Beige oder Gelb und schillern in edlem Lackglanz aus Rot und Orange. Sie lassen den Betrachter zur Ruhe kommen und dynamische Kraft finden. Seit vier Jahren lebt der vielseitige Künstler in Langenbruck, Baselland. Schon als Jugendlicher gestaltete der in Liestal geborene Elektroingenieur Schmuck, Fadenbilder, Kerzen und Karten. Seinen Bezug zu Kindern und zum Kindlichen hat er sich nie verbaut: Er entwarf Spielzeuge für Naefspiele wie Kreisel in Form eines sechsfach geladenen Atoms oder einen Wandlungswürfel, der sich umstülpen lässt. Seine sanften Acrylkreise malt der vielseitige Künstler auf eine berührende Weise, und zwar mit Hilfe eines Plattenspielers. Gerne vermischt er die Acrylfarben mit Reis oder Drähten. Um seinen Gemälden eine besondere Note zu verleihen, bestreut er sie gelegentlich mit Kaffeepulver.

Markus K. Fritschi und Implosion

Vulcano, Acryl auf Leinwand, 40 x 60 cm

Skulpturen – wie Wasser, wie Luft In Markus K. Fritschis wissenschaftlich-spirituellem Universum schwirren Kreise und wirbeln Energie produzierende Spiralen. „Sie sind das Zentrum meiner Kunst und symbolisieren Energie und Leben“, erklärt Fritschi seine besondere Zuneigung zu diesen Formen. Skulpturen aus Holz, Metall oder Kunststoff beruhen auf der Basis von Dreiecken, Rechtecken oder Fünfecken und vor allem auf dem goldenen Schnitt. Zwanzigflächner und Seesterne aus hölzernen Kleiderbügeln werden zu Gefässen dynamischer Kraft. Murmellampe und Kugelstern erhellen den Weg in eine harmonische und geordnete Zukunft. In den Elementen Wasser und Luft fühlt sich der Naturfreund jedoch ganz besonders zuhause. So schimmert ein dem Wasser zugeeigneter Ikosaeder feurig-farben im Dunkeln. In bleicher Fülle glimmt eine mondförmige Lampe auf silbernem Sockel im feuchten Gras. Fritschis kinetische Skulpturen Energy-Wings strecken ihre abgerundeten Klingen wie tanzende Arme in den Wind, als würden sie alles Alt-Überholte sanft


futuro INTERVIEW:

Energy Wings, Windskulptur, Flügellänge ca. 2m

zerfetzen wollen, das der friedvollen Urkraft des Lebens noch entgegensteht, deren spirituelle Verwirklichung auf der Erde der Zukunftsvisionär erwartet. Blick in die Zukunft Doch wie steht es seiner Meinung nach um die heutige Welt? „Ich glaube die gegenwärtigen Krisen sind ein Aufbäumen der alten Energie. Doch auf das Vergangene konzentriert sich der erst im Alter von vierzig Jahren an die Öffentlichkeit gelangte Künstler nicht. Seine Aufmerksamkeit gilt ganz klar dem Moment, und er denkt lieber über die Zukunft nach, die auch in seiner Kunst ganz klar präsent ist. „Ich wünsche mir, dass eines Tages die Kunst Energie produziert“, erklärt der Elektroingenieur, der mit beiden Füssen auf dem Boden steht. Doch seinen Blick hat er optimistisch gelassen auf den Himmel gerichtet. Georgina Rotter www.en-art-gy.ch

Georgina Rotter: Sie sind Elektroingenieur und seit längerem auch Künstler.... Wie geht das? MF: Die Kunst ist für mich ein Ausgleich zum Technischen. GR: Haben Sie in der Kunst ein Ziel? MF: Ich will Schönheit und Bewegung zum Ausdruck bringen. Damit Leute angeregt werden zum Denken, zu neuen Ansichten und zu einem neuen Bewusstsein. Im Kreis kommen neue Energien in Umlauf. GR: Grundlage ihrer Kunst ist der Kreis und die Spirale. Weshalb? MF: Der Kreis bringt Energie in Umlauf. Der Kreis kann sich schliessen, die Spirale auch, muss es aber nicht. GR: Was wünschen Sie sich für die Zukunft? MF: Dass Kunst Energie produziert. Also nicht nur Windobjekte, die sich drehen. GR: Haben Sie das schon verwirklicht? MF: Ich bin am planen und suche Generatoren. GR: Kann man denn auch aus der Betrachtung Ihrer Kunst Energie schöpfen? MF: Auf jeden Fall. Es kommt aber auf den Betrachter an, ob er sich darauf einlässt, dass sie ihm Energie geben können. GR: Wie stellen Sie sich die Welt in hundert Jahren vor? MF: Das Paradies. GR: Und in fünfzig? MF: Ist es auch schon da. Das fängt jetzt an. Mit dem Umbruch der Energien, der jetzt schon passiert. GR: Was sind das für Energien? MF: Energien für das neue Bewusstsein. GR: Für alle? MF: Es erreicht diejenigen, die dafür offen sind. GR: Was ist mit den Atheisten? MF: Gibt es die überhaupt? Die glauben ja auch an etwas: an Nichts. GR: Herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Zeitgeschichte, Acryl auf Leinwand, 40 x 40 cm

Energy Wings, openArt 10

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subtilen Kunstwerken beschäftigt sich Koons immer wieder mit Themen wie Unschuld, Schönheit, Sexualität und Glück. Diese entsprechen seinem Konzept einer für jeden Betrachter zugänglichen Kunst. Zeitgleich mit der Ausstellung ist im Park der Fondation Beyeler Jeff Koons’ monumentale Blumenskulptur SplitRocker zu sehen, die aus Abertausenden von echten Pflanzen besteht und einen einzigartigen Dialog zwischen Kunst und Natur herstellt.

Tabakgenuss im Spannungsfeld zwischen Kontemplation und Erotik, feiern die elegante Pose des Rauchers, illustrieren Genuss in lärmender Geselligkeit oder in beschaulicher Einsamkeit. Die aus der JTI Tobacco Collection Vienna stammenden Werke illustrieren die faszinierende, mehr als fünfhundert jährige, Kulturgeschichte dieses seit jeher kontroversiell diskutierten Genussmittels. Kurator: Dieter Ronte Kuratorin: Sabine Fellner

kuratiert von Sam Keller und Theodora Vischer

Jeff Koons, Balloon Dog (Red), 1994–2000 Hochlegierter rostfreier Chromstahl mit transparenter Farbglasur, 307,3 x 363,2 x 114,3 cm Privatsammlung, Europa © Jeff Koons Foto: Jeff Koons Studio, New York

Jeff Koons Fondation Beyeler, Riehen/Basel CH bis 2. September 2012 Die Fondation Beyeler zeigt die erste Ausstellung des amerikanischen Künstlers Jeff Koons (*1955) in einem Schweizer Museum. Der wohl bekannteste lebende Künstler sorgt mit seinen unverkennbaren, die Populärund Hochkultur verbindenden Kunstwerken seit Jahrzehnten für grosses Aufsehen. Die Ausstellung widmet sich in einer umfangreichen Präsentation drei zentralen Werkgruppen – The New, Banality und Celebration –, die entscheidende Etappen in Koons’ künstlerischer Entwicklung markieren und mitten ins Schaffen und Denken des Künstlers führen. The New umfasst die Readymade-artigen Reinigungsgeräte aus der frühen Zeit, Sinnbilder des Neuen und Reinen. Zu Banality gehören jene in traditionellem Handwerk gefertigten Skulpturen aus Porzellan und Holz, die zu (post)modernen Ikonen geworden sind. In der Serie Celebration, an der Koons seit bald zwanzig Jahren arbeitet, treten schliesslich die in ihrer materiellen Perfektion unverwechselbaren, hochglänzenden Stahlplastiken und grossformatigen Gemälde auf, in denen der Künstler in geradezu barocker Weise die Kindheit feiert. In seinen ebenso spektakulären wie

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Jan van Bylert, Ferdinand Georg Waldmüller, Franz von Byros, Kolo Moser, George Grosz, Kiki Kogelnik, Tone Fink, Otto Mühl, Florentina Pakosta, Helmut Newton, Jörg Immendorf, Roman Scheidl, Siegfried Anzinger, Al Hansen & Adolf Frohner Kunsthalle Krems, Forum Frohner, Krems-Stein A bis 30. September 2012 IM BLAUEN DUNST. TABAK IN DER KUNST

Kiki Kogelnik, Raucherinnen, 1973 Foto: Pedro Salvadore © JTI Tobacco Collection Vienna Courtesy Kiki Kogelnik Foundation Vienna/New York

Alighiero Boetti Galerie Andrea Caratsch, Zürich CH bis 27. Juli 2012 „TUTTO“

Von der Entdeckung Amerikas 1492 bis zur weltweiten Etablierung des Tabaks als Genussmittel sollten rund 150 Jahre vergehen. Von da an fand die trockene Trunkenheit auch ihren Niederschlag in der Kunst. Das Rauchen von Tonpfeifen, das in allen Gesellschaftskreisen des 17. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil des geselligen Lebens war, die Eleganz des Tabakschnupfens, das im 18. Jahrhundert von Frankreich ausgehend bei Hof zur mondänen Geste stilisiert wurde, die das 20. Jahrhundert beherrschende Zigarre und Zigarette, alle Genussformen waren Inspirationsquelle für kreatives Schaffen. Malerei, Fotografie, Collage und Assemblage beleuchten den

Die Galerie Andrea Caratsch, Zürich präsentiert bis 27. Juli 2012 „Tutto“, eine dem italienischen Künstler Alighiero Boetti gewidmete Ausstellung. Dies ist bereits die dritte nach der Präsentation der zwei monumentalen Werke „Lavoro Postale“, 1993 und „Poesie con il Sufi Berang“, 1988/9 in 2004 und „Cieli ad alta quota“ in 2006. Die diesjährige Ausstellung beinhaltet bedeutende Werke, die von 1967 bis 1994 entstanden sind und alle Aspekte seines reichhaltigen Oeuvres veranschaulichen. Insbesondere wird Boetti’s lebenslange Faszination für Spiele, Zahlen, Sprache und Klassifizierungssysteme dargestellt,


futurogalerien+museen

Alighiero Boetti, Ausstellungsansicht

aber auch sein Engagement für das afghanische Volk. Boetti wurde 1940 in Turin geboren und zog Anfang der siebziger Jahre nach Rom. 1971 eröffnete er das One Hotel in Kabul, wo auch die bis zu seinem Tode in 1994 währende Zusammenarbeit mit afghanischen Stickerinnen anfing. Zahlreiche Ausstellungen in führenden internationalen Museen wurden ihm gewidmet, auch in der Schweiz im Kunstmuseum Luzern (1974 und 1992) und in der Kunsthalle Basel (1978). Zur Zeit ist eine Retrospektive seiner Arbeiten in der Tate Modern in London zu sehen (bis 27. Mai), die anschliessend im Museum of Modern Art in New York präsentiert wird (1. Juli – 1. Oktober 2012). A.C.

povera (z.B. Maschendraht, Plastikseile und -tüten, Holzabfall, Alt¬metall, MDF oder Karton) in Staunen versetzen. Der Künstler bezieht mit seinem Werk immer Stellung zu Aktuellem. Ty¬pisch für den Gründer der PGÜ, der Partei des genseitigen Überwachens (s. Bild links), ist seine Doppel- ja schon eher Mehrbödigkeit. So kommentiert er in dieser Ausstellung mit dem Titel „ Zeit der Konsolidierung“ den weitum vielfach geäus¬serten Wunsch nach Ruhe und Konstanz, einer Phase der Stabilität. Sen ver¬sucht die Gegensätze Zeitverlauf und Status Quo in seinen Werken zu vereinen. Er zeigt eine solide, sichere Ausstellung mit beständigen Werken (Zeich¬nungen, Objekte und Klänge), die Vertrauen schaffen und Sicherheit geben. Die Welt soll verständ¬lich, nachvollziehbar, einfach und voraussagbar werden, sein Werk dem Lauf der Zeit wider¬stehen. Der seit 1969 im Kanton Zug wohnhafte Sen erfährt international grosse Anerkennung. Er wird immer wieder von namhaften Institutionen für Ausstellungen eingeladen (s. Lebenslauf auf Rück¬seite). Dies ist seine dritte Einzel¬aus¬stellung bei der Galerie Billing Bild. *Elektronik durch Andreas Schenk entwickelt. G.B.

Joe Fyfe Galerie Christian Lethert, Köln D bis 28. Juli 2012 ELECCIONES Quido Sen, Ansicht Atelier

Quido Sen Galerie Billing Bild, Baar CH bis 17. Juni 2012 DIE ZEIT DER KONSOLIDIERUNG Kunst soll das Hirn stimulieren, das Auge erfreuen, Gefühle wecken und überraschen. Sens Werke erfüllen diese Kriterien. Mit seinem kritischen Geist und Schalk schafft er Werke von herber Schönheit, die uns mit ihrer Kombination von ausge¬klügelter Technologie* und Materialien der Arte

Der in New York lebende Künstler Joe Fyfe (*1952)zeigt in Köln jüngste Arbeiten auf Papier, Malereien auf Pressspanplatte und Blei, sowie Wandarbeiten aus Filz und Stoff. Fyfe studierte in den 1970er Jahren am Philadelphia College of Art. Nach einer Begegnung mit den Arbeiten von Imi Knoebel und Blinky Palermo in der New Yorker DIA Art Foundation Ende der 1980er Jahre, nahm Fyfe von seiner bis dahin figurativen Arbeitsweise Abstand: „Diese Werke schienen die Abstraktion als etwas zu verschlüsseln, das in direkter Weise zu Körper, Auge und Geist sprechen konnte und einen gleichzeitig weg von der Kunst raus in die Welt schickte.“ Joe Fyfe beginnt das abstrakte Bild als

physischen Körper zu hinterfragen. Hierbei entwickelt sich eine enorme Materialvielfalt, die bis heute über traditionelle Bildträger hinaus geht und oft auf den Entstehungsort der Arbeiten verweist. Über viele Jahre hinweg reiste Fyfe, auch zum Arbeiten, in Entwicklungsländer wie Sri Lanka, Mexiko, Bangladesch und alle Regionen Südostasiens. Neben Europa und den USA stellt er seit Jahren auch in Vietnam und Kambodscha aus. Unter dem Einfluss dieser Kulturen produziert Joe Fyfe Stoffarbeiten für die er Textilien verwendet, die er auf lokalen Märkten findet und sie so mit dem direkten Entstehungsumfeld verknüpft. “Ich sah einen mit bunten Buddhistischen Stoffen umwickelten Bodhi Baum und mir wurde klar was mich an ihm so faszinierte. Er stellte mein ideales Bild dar: eine Abstraktion von Holz, Farbe und Stoff.” In der aktuellen Galerieausstellung präsentieren wir unter anderem Arbeiten aus der Werkgruppe Elecciones. Die farbigen Malereien auf Pressspanplatte sind im vergangenen Sommer während eines Arbeitsaufenthaltes am CCA Andratx auf Mallorca entstanden. Bei der Anreise dorthin verlor Fyfe den Großteil seiner Arbeitsmaterialien und so begann er aus der Not heraus mit vorgefundenen Materialien seiner Umgebung zu arbeiten. Nach einer lokalen Wahlveranstaltung, die einen Tag zuvor stattgefunden hatte, beginnt Fyfe zurück gelassene Materialien zu sammeln: Wahlplakate auf Pressspanplatten, die unbeachtet an Zäunen hängen, halb herab gerissene Banner auf Dorfplätzen, die er bearbeitet und bemalt. Das erste Mal seit Jahren bezieht er damit wieder Malfarbe in seine Arbeit ein. Elecciones bedeutet Wahl und von diesen neuen Wahlmöglichkeiten hat Fyfe, wie er selbst sagt, seither viele. C.L. Joe Fyfe, Ausstellungsansicht

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Ugo Rondinone, still.life. (six pine cones in a triangle), 2011, Bronze, Blei, Farbe, 7 x 57 x 47 cm © Ugo Rondinone und Krobath Wien | Berlin

Ugo Rondinone Galerie Krobath, Wien A bis 30. Juni 2012 THE MOTH POEM AND THE HOLY FOREST In seiner „Naturalis historia“ erzählt Plinius der Ältere die Geschichte von Zeuxis, einem der ersten namentlich bekannten Maler: Er habe Trauben in einem Bild so naturgetreu nachgeahmt, dass Vögel diese auffressen wollten. Mit seiner Legende formulierte der römische Universalgelehrte einen Anspruch an die Kunst, den diese über Jahrhunderte einzulösen trachtete, jenen der Mimesis. Bereit in Pompeji finden sich die ersten Beispiele für jene Bildgattung, die diesen auf die Spitze treiben, das Trompe l’oeil; und eines der ersten Stillleben in der Kunstgeschichte, Jacopo de Barberis „Stillleben mit Rebhuhn und Eisenhandschuhen“ (1504) ist ebenfalls eine Illusionsmalerei. Rondinone bezieht sich dezidiert auf dieses kunsthistorische Genre; der Hinweis darauf findet sich schon im Titel seiner losen Serie „still.lifes“. Der Schein trügt: Bei den sieben Birnen, den sechs Pinienzapfen sowie dem Gipskopf handelt es sich um Objekte, die aus Bronze und Blei gefertigt sind – und daher dementsprechend schwer. Die Serie umfasst zahlreiche andere Sujets, etwa eine vierteilige Assemblage aus Styroporteilen, die, ebenfalls aus Bronze und Blei, über 450 Kilo schwer ist; ebenso finden sich unter den „still.lifes“ andere Früchte – Walnüsse, Kartoffel, Zitronen, Orangen. Die Objekte zeichnen sich durch ihre mentale Isolation aus. Diese entsteht dadurch, dass der Hohlraum – der bei einem Bronzeabguss entsteht – mit Blei aufgefüllt wurde. Das Motiv der Isolation und Einsamkeit zieht sich durch Rondinones Werk – am

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augenfälligsten vielleicht in seinen passiven Clowns; ebenso lässt es sich in seinen verlassenen Landschaften, die seit den frühen 1990er-Jahre entstehen, beobachten. Die Isolation ist dabei nicht negativ besetzt, sondern ist metaphorisch auch als Rückzug des Künstlers vor der Gesellschaft samt ihren Zwängen zu lesen. Ephemere Gegenstände – also das klassische Inventar der an die Vergänglichkeit gemahnenden Stillleben – werden in einem Material imitiert, das aus der langen Geschichte seiner künstlerischen Verwendung heraus für deren Gegenteil, nämlich das Ewige, steht. „Im Sinne von Ovid gilt für Kunstschaffende allgemein, dass sie auf den Schultern der Ahnen stehen, dass heutiges Kunstschaffen auf dem aufbaut, was schon da ist und dadurch in jedem Werk alles Bisherige in der einen oder anderen Weise enthalten ist. Ugo Rondinone vertritt den Anspruch, dass jedes neue Werk die ganze Geschichte beinhalten muss; ausgehend von dieser Voraussetzung kann dann dem bereits Bestehenden etwas Neues hinzugefügt werden“, schreibt Madeleine Schuppli über Rondinones Werk.1 Tatsächlich erweist sich nämlich die Augentäuschung als eben nur vordergründige: Das exakte, nahezu mathematische Arrangement der Objekte widerspricht deren illusorischen Charakter – niemals wären Pinienzapfen in der Natur in einer Dreiecksform, Birnen in einer Gerade angeordnet. Rondinone führt damit nicht nur Dichotomien zwischen Ephemerem und Ewigem, sondern auch zwischen Natur und Konstruktion ad absurdum. Nina Schedlmayer 1 Madeleine Schuppli, Die Nacht aus Blei, in: Ausst. Kat. „Ugo Rondinone. Die Nacht aus Blei“, MUSAC Leon, Aargauer Kunsthaus Aarau, S. 360364, hier S. 360.

Ueli Alder Galerie Paul Hafner, St. Gallen bis 30. Juni 2012 BADLANDS Von seinem Jahresaufenthalt aus den USA zurück, präsentiert Ueli Alder in der zweiten Einzelausstellung seine Impressionen: Aufnahmen von seiner Atelierumgebung in Chicago,

eindrückliche Bilder von seinen Streifzügen durch amerikanische Ortund Landschaften. In einer Videoarbeit fährt Ueli Alder mit dem Auto – die Kamera ist hinter der Frontscheibe montiert – durch eine verschneite Gebirgsgegend: »Badlands«. Ruhig dahingleitend, kein entgegenkommendes Fahrzeug, keine Menschenseele, nur leise klingt Musik aus dem iPod. Die Reise erscheint endlos, trostlos, ohne Ziel, und trotzdem wirkt sie erfüllt von innerer Zufriedenheit. P.H.

Ueli Alder, „Chicago, Illinois“, 2012, Pigmentdruck, 30 x 45 cm

Rita Ernst Galerie Walter Keller, Zürich CH bis 30. Juni 2012 PROGETTO TUNISINO, 2008 – 2012 Die Künstlerin Rita Ernst (*1956) zeigt eine Serie von Gemälden, welche in Zürich noch nie zu sehen war. Rita Ernst ist seit ihrer Ausstellung im Haus Konstruktiv in Zürich im Jahr 2009 auch einem breiteren Kunstpublikum bekannt. 2008 wurde die in Sizilien und Zürich lebende Künstlerin von Senatore Ludovico Corrao von der sizilianischen Stiftung Fondazione Orestiadi nach Tunesien eingeladen. Schon in Sizilien haben die ornamentalen Muster von alten Keramik-Bodenplatten ihre Aufmerksamkeit erweckt. In Tunesien verdichtet sich die Faszination zu einer neuen Werkgruppe - wie bei früheren ausgehend von bestehenden architektonischen Strukturen und Grundrissen von Gebäuden. Die omnipräsenten, abstrakten Muster islamischer Baukunst verbinden sich in den entstehenden Bildern mit der


Rita Ernst Copyright Walter Keller und Rita Ernst

Formensprache der Abstraktion, die wir in unserem Kunstverständnis gerne als "konkret" bezeichnen, ohne immer genau zu wissen, was genau wir damit meinen. Auf die aus der arabischen Welt stammenden Symmetrien und ohne rechten Winkel auskommenden Abfolgen von Mustern legt Ernst Grundrisse von Moscheen. Diese den Gesetzen der Architektur und Mathematik folgenden Strukturen legt sie bis auf ihren essenziellen Kern frei. Im Ergebnis entstehen Bilder, die arabisches und westliches Formenverständnis in einer einzigen Leinwand miteinander sprechen lassen. G.K.

Noritoshi Hirakawa Christophe Guye Galerie, Zürich CH bis 04. August 2012 UNIÓN DE … ist die neuste Werkgruppe des renommierten, in New York lebenden japanischen Künstlers Noritoshi Hirakawa (*1960). Die Soloausstellung folgt der Premiere «Noritoshi Hirakawa x Luis Barragán» in Mexiko City und wird zum ersten Mal in Europa gezeigt; vor weiteren Ausstellungen in Frankreich, Japan und den USA. Seine Werke stellen die zukünftige Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft in Frage und regen ein Überdenken der traditionellen Rollenspiele an. Hirakawa arbeitet mit verschiedenen Medien – Fotografie, Text, Ton,

Tanz, Video und Installation – und wurde bereits in über 300 Ausstellungen weltweit gezeigt, u. a. im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt und im Centre Pompidou, Paris. Inspiriert von der Arbeit des Architekten Luis Barragán schafft es der Künstler die Essenz, nicht die Struktur, von dessen „emotionaler“ Architektur zu erfassen. Ob sexuelle Spannung oder emotionale Zurückhaltung, mit dem Einsatz von Tänzern inszeniert der Künstler die Verbindung zwischen Raum, Erzählung, Architektur, Stimmung und Verhaltensritualen. Das Ergebnis: von einer filmischen Qualität wird Hirakawas jüngste Serie zu einem psychologischen Fotografieballett. Die Zudem wird die dazugehörige HatjeCantz-Publikation «unión de... Interactional Casa Barragán» vorgestellt. C.G.

Noritoshi HIRAKAWA (*1960, Japan) Jazmin, Alejandro, Diana and Michelle, 2011 Silver gelatin print 40,6 x 50,8 cm (16 x 20 in.) Edition of 6, plus 2 AP's

Ausstellungsansicht, Haroon Mirza, Digital Switchover, 2012 Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Gunnar Meier

elektrostatische Geräusche. Die entstehenden Klangwelten bewegen sich zwischen analoger Bastelei und elektronischer Musik und vereinen Rhythmus mit einer Prise Humor. Gerne integriert er in seine Projekte künstlerische Zitate und arbeitet gleichzeitig an einer Neudefinition des Begriffs der Skulptur. Besonders intensiv beschäftigt sich der Künstler mit dem Verhältnis zwischen Objekt und Ausstellungsraum und bezieht sich dabei offensichtlich auf die Strategien der Minimal Art. Mirza – der 2011 an der Kunstbiennale Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Arbeit eines Nachwuchskünstlers ausgezeichnet wurde – realisiert für die Kunst Halle Sankt Gallen eine raumspezifische Installation und präsentiert mit dieser Schweizer Premiere gleichzeitig seine bisher grösste Einzelausstellung. G.C.

Haroon Mirza Kunst Halle Sankt Gallen, St. Gallen CH bis 1. Juli 2012 Mittels High-End-Stereoanlagen aus Gebrauchtwarenläden, farbigen LEDLichterketten, Wasserschläuchen aus dem Baumarkt, Fragmenten von filmischen Dokumenten und Referenzen aus der Popkultur erschafft Haroon Mirza (*1977) Installationen, die musikalische Kompositionen im Raum erzeugen. Der englische Künstler pakistanischer Herkunft verwendet die verschiedenartigen Geräte und Materialien auf überraschende Art und Weise als Instrumente, lässt diese miteinander interagieren und erzeugt damit

© Dieter Olaf Klama

Dieter Olaf Klama Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg D bis 24. Juni 2012 Das Kunstforum präsentiert erstmals eine Werkschau von Dieter Olaf Klama, einem versierten Zeichner hintergründigen Humors, der die Menschheit kritisch wie liebevoll beobachtet.

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futurogalerien+museen Klama wurde 1935 in Hindenburg in Oberschlesien geboren, dem heutigen polnischen Zabrze. Bekannt machten ihn − auch über Deutschland hinaus − seine Cartoons, die er ab den 1960er Jahren über drei Jahrzehnte für Zeitungen und Magazine wie Süddeutsche Zeitung, Die Welt, Die Zeit, Der Spiegel oder Paris Match zeichnete. Darin kommentierte er das Leben mit Blick in menschliche, technische und „tierische“ Abgründe. Parallel dazu entstanden zahlreiche Bücher, TV-Serien, wie zum Beispiel Circus Zapzaroni, und verschiedene, mehrfach prämierte Zeichentrickfilme wie Olümpia Mynchen. Neben den Cartoons und Filmen werden in der Ausstellung zum ersten Mal Klamas großformatige farbige Zeichnungen und Collagen, an denen er seit den 1990er Jahren arbeitet, in einem Überblick vorgestellt. Im über acht Meter langen Kyoto-Protokoll tritt die besondere Affinität des Zeichners zur Typografie und insbesondere zur Kalligrafie als gestalterischem Mittel hervor. Themen wie Auto, Fußball, Frauenemanzipation oder Umweltschutz sowie eigenwillige Interpretationen von Motiven der klassischen Antike, der Geschichte oder der Literatur − das ganze Spektrum von Klamas zeichnerischem Schaffen ist in Regensburg zu sehen. D.M.

Landesmuseum Zürich, Zürich CH bis 15. Juli 2012

Swiss Press Photo Of The Year, Siegerserie: «Aktualität», Photo: Mark Henley, SwissInfo, L’Hebdo

Mark Henley gewinnt den diesjährigen Hauptpreis mit seinem kritischen Blick auf die Schweizer Banken in der Kategorie «Aktualität». Die Preisträger der anderen Kategorien sind: «Porträt»: Adrian Moser, «Sport»: Georges Cabrera, «Kunst und Kultur»: Simon Tanner, «Alltag und Umwelt» und «Ausland»: Olivier Vogelsang. Ro-bert Frank erhält 2012 den «Swiss Press Photo Life Time Achievement Award». Be-kannt wurde der 1924 in Zürich geborene Frank durch seine Arbeit «The Amerci-ans» Ende der 50er Jahre. Die Ausstellung «Swiss Press Photo 12» im Landesmu-seum zeigt die besten Pressebilder und Fotografien von Robert Frank. Nach Zürich ist die Ausstellung von 07. Dezember 2012 bis 24. Februar 2013 im Château de Prangins zu sehen. E.B.

«Swiss Press Photo 12» DIE BESTEN PRESSEFOTOS AUS DEM JAHR 2011 Das Landesmuseum Zürich mit «Swiss Press Photo 12» die besten Pressebilder des Jahres 2011. Zudem stellt es Fotografien von Robert Frank aus, der mit dem diesjährigen Ehrenpreis «Swiss Press Photo Life Time Achievement Award» ausgezeichnet wurde. Seit zehn Jahren werden die besten Fotografien des jährlichen Pressefotografie- Wettbewerbs von Swiss Press Photo im Landesmuseum Zürich präsentiert. 40 Fotografinnen und 173 Fotografen haben dieses Jahr am Wettbewerb für das beste Schweizer Pressebild des Jahres 2011 teilgenommen. Eine internationale Jury wählte die Gewinner aus 2586 Bildern aus – die Fondation Reinhardt von Graf-fenried vergab die Preise.

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war, zeigt sich u.a. an zwei ZeichnungsAusstellungen, die noch zu Vallottons Lebzeiten stattfanden. Die von den Kunstmuseen Solothurn und Winterthur gemeinsam vorbereitete Ausstellung widmet sich ausschliesslich Vallottons Arbeiten auf Papier, zu denen neben Kohle-, Kreide-, Tusche- und Bleistiftzeichnungen auch Pastelle und Aquarelle gehören. Bei den meisten Exponaten handelt es sich um selbständige Zeichnungen. Um das ganze Spektrum von Vallottons Zeichnen aufzuzeigen, sind aber auch Skizzen und Studien für Gemälde, Grafiken und Illustrationen zu sehen. Zudem ist eine Auswahl von Carnets ausgestellt, deren exakte, mit Farbangaben ergänzte Zeichnungen als Grundlage für eine malerische Umsetzung dienen konnten. Die Ausstellung, die rund 130 Blätter präsentiert, deckt nicht nur alle Funktionen und Medien, sondern auch alle Schaffensphasen ab. Christoph Vögele

Félix Vallotton Kunstmuseum Solothurn, Solothurn CH bis 12. August 2012 ZEICHNUNGEN Félix Vallotton (1865–1925) ist in den vergangenen Jahren mit grossen Übersichtsausstellungen bedacht worden. Dabei standen fast ausschliesslich die Malerei, zuweilen auch seine berühmten Holzschnitte im Zentrum. Seine Zeichnungen dagegen wurden nur selten ausgestellt und zumeist in ihrer dienenden Funktion als Studien für Gemälde oder für graphische Blätter. Wie wichtig die Zeichnung als eigenständige Ausdrucksform für den Künstler jedoch

Félix Vallotton Femme dans sa cuisine, 1884, Kohle auf Papier


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Vladimir Tatlin

. (1985-1953)

Museum Tinguely, Basel CH bis 14. Oktober 2012 NEUE KUNST FÜR EINE NEUE WELT

Sabina Gmür, Teppich

Sabina Gmür Galerie TUTTIARTluzern, Luzern CH bis 23. Juni 2012 ZWISCHENWELTEN Sabina Gmür (1957) ist in Luzern aufgewachsen und noch immer mit der Stadt verbunden. Sie studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Psychologie in Zürich, wo sie heute lebt und arbeitet. Unter dem Ausstellungstitel Zwischenwelten, zeigt Sabina Gmür installative Arbeiten, Objekte und Malerei. Die Werktitel wie Knoten, Stern, Om oder Leiter deuten an, wie ihr Werk sich auf verschiedenen Ebenen abspielt. Unterschiedliche Bildträger, Materialen und Ausdrucksformen verflechten und verknoten sich zu einer vielfältigen Oberfläche, spüren Spuren auf, suchen den roten Faden, die Fährten in der Kunst und ihrer Geschichte. Die vielseitige und prägnant gestaltete Ausstellung öffnet Ambivalenzen als energetische Möglichkeit, das eigene, private Universum in Verbindung zu anderen künstlerischen Ausdrucksmitteln unserer Zeit zu stellen. Eine ganz aktuelle Arbeit zeigt eine Sternform aus Filz, die Schnittkanten sind 2 cm hoch, also voluminös und echtvergoldet. Filz in der Kunst, Gold in der Kunst, Sternform in der Kunst, zusätzlich reichhaltig gestrickte Pattern als Bildteppiche und abstrakte, fast informelle Malereien. Sabina Gmürs Werk bewegt sich zwischen den Welten von Josef Beuys, der Arte Povera oder der rudimentären Malerei von Olivier Mosset in selbstverständlicher, spielerischer Art. H.S.

Mit Vladimir Tatlin (1885-1953) stellt das Museum Tinguely in Basel eine legendäre Künstlerpersönlichkeit ins Zentrum seiner grossen Sommerausstellung. Tatlin ist eine der Leitfiguren der Russischen Avantgarde. Fast zwanzig Jahre ist es her, seit dieser zentrale Erneuerer der Kunst letztmals in einer umfassenden Retrospektive zu sehen war. Präsentiert werden frühe Gemälde, raumgreifende Konterreliefs, Rekonstruktionen des revolutionären Turms und der Flugapparat Letatlin. Seine Arbeiten für das Theater runden die Ausstellung ab. Mit über 100 Meisterwerken vorwiegend aus den wichtigsten Sammlungen in Moskau und St. Petersburg wird Tatlin als herausragender Künstler der Zeitenwende zu Beginn des 20. Jahrhunderts umfassend vorgestellt. Vladimir Tatlin begann seine Laufbahn als Seefahrer. Bis 1913 war er als Künstler ausschliesslich im Bereich der Malerei und Zeichnung tätig. In jungen Jahren beschäftigte er sich mit der alten russischen Ikonenmalerei und der Volkskunst, anschließend mit den aktuellsten Strömungen der Avantgarden in Russland und Westeuropa, namentlich Paris. Sein gesamtes späteres Schaffen findet die Grundlage in der Malerei. Seine frühen Gemälde sind in der Ausstellung umfassend vertreten. In ihrer flächig-dekorativen Farbigkeit, ihrem rhythmisch durchpulsten Kurvaturenstil, wo dunkle und helle Umrisslinien eine sonderbare Prägnanz erhalten, gelingt Tatlin eine eigenständige Synthese von russischer Tradition und französischer Avantgarde. Kurator Gian Casper Bott Vladimir Tatlin, Eck-Konterrelief, 1914 Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg © Foto: 2012, Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg

Steinbrenner/Dempf, Stillleben mit Cobras, Ausstellungsansicht, © Steinbrenner/Dempf

Steinbrenner / Dempf Naturhistorisches Museum Wien, Wien A bis 23. September 2012 Das ungewöhnliche Ergebnis einer außergewöhnlichen Zusammenarbeit zwischen einer Künstlergruppe und den Präparatoren des Museums ist in einer Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum Wien zu sehen. Momentaufnahmen von Wildtieren in urbaner Umgebung, die man sonst nur aus YouTube-Videos oder exotischen Reiseberichten kennt, sind das Überthema dieser Schau: ein verirrter Elch im Supermarkt, Affen, die zwischen den Stromkabeln von Mumbai klettern, oder die berühmten indonesischen leuchtend roten Krabben, die sich unaufhaltsam ihren Weg quer durch ein Haus bahnen. Diese Szenen sind in drei großen Dioramen zu sehen. Dioramen sind Schaukästen, die ein täuschend echtes, dreidimensionales Bild erzeugen – wie ein Fenster zur Wirklichkeit. Im Laufe der Zusammenarbeit mit den Präparatoren entstand aber noch zusätzlich eine Reihe von Fotoarbeiten, die in großformatigen Drucken ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sein werden. Einerseits sind dies Bilder von weiteren Dioramen, die temporär im Studio von Steinbrener/Dempf aufgebaut und fotografiert wurden. Andererseits Auseinandersetzungen mit der Gegensätzlichkeit von Bild und Skulptur, von Fläche und Raum, von Abbild und Wirklichkeit. B.J.

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Lone Haugaard Madsen (DK, 1974), Raum#315-4, 2012, Plastercastform, transport blanket, 140 × 120 × 10 cm Foto © Serge Hasenböhler

Lone Haugaard Madsen Nicolas Krupp Contemporary Art, Basel CH bis 30. Juni 2012 Lone Haugaard Madsen In den folgenden Zeilen darf ich versuchen ein paar Merkmale der Arbeiten der Künstlerin Lone Haugaard Madsen zu benennen, und weiteres die Fragen, die sie aufwerfen, kurz anreißen. Gleichwohl bin ich mir der Gefahren bewusst, die im Versuch der beschreibenden Sichtbarmachung der auratisierenden Kräfte der skulpturalen Arrangements und der damit in Beziehung stehenden malerischen Leinwandarbeiten, dem Ausdruck ihrer Position lauern. In der Begegnung mit den Arbeiten zeigt sich nämlich zuweilen eine doppelte Reflexivität, die einerseits daran erinnert, dass sich künstlerische Formen aus historisch sedimentierten Inhalten konstituieren können, andererseits wird dabei immer auch mindestens einen Ausblick probiert, wie als sattsam abgehandelt geltende Projekte der (Post) Moderne zukünftig lebendig gehalten werden könnten. Dabei scheint ein Anliegen von Lone Haugaard Madsen als zentral, wie jene Frage nach den konkreten Subjekten der ästhetischen Erfahrung nach wie vor mit aufgenommen werden kann. Inwieweit dezente Irreführungen, wie etwa die augenscheinliche Diskrepanz zwischen „veraltetem“ Erscheinen, der am Rande des materiellen Bröckelns entworfenen Skulpturen und dem tatsächlichen Datum ihrer Produktion intendiert sind, oder wiederum zur kritischen Prüfung von Kategorisierungen wie „veraltet“ selbst anregen, bleibt offen. Diese vordergründige Einfachheit der Resultate, wie verschleiert durch eigentliche Vertracktheit der künstlerischen Operationen, um eben Fragen nach einer spezifischen

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Handwerklichkeit des Künstlerinnensubjekts auch in der aktiven Vorstellung der BetrachterInnen, nach der realen Ausführung der fragilen Arbeiten, Mythen mindernd vorauszusein. Die nur scheinbar wie zufällig in den Galerieräumen verteilten Ausstellungsstücke, ergeben so zusammen ein, in seinen einzelnen Elementen noch nicht artikulierbares Ganzes von besonderer Intensität als Ausstellung, in der die Kunst nicht automatisch sinnlich zu attackieren scheint, sondern viel eher eine Plötzlichkeit des Atmens unterschiedlicher Facetten der Kunstproduktion und ihrer grundsätzlichen Bedingungen selbst erfahrbar wird, zusätzlich zu dem generell reizvollen Gelungensein. Christian Egger

Agnès Wyler, Le Mont de Vénus. «L’herbe Rouge». Tusche und Öl auf Baumwolle. 140 ×190 cm

Agnès Wyler Galerie Sam Scherrer Contemporary, Zürich CH bis 5. Juli 2012 „ENTRE DEUX BLANCS Zwischen unterschiedlichen Gedankenwelten existiert ein Zwischenraum – weisse Leerstellen, die für Agnès Wyler von grundlegender Bedeutung sind. Mit ihren Arbeiten untersucht sie diese weissen Stellen (les blancs) und zeigt in ihren neuen Installationen aus Epoxitharz, Tinte und Holz oder ihren grossformatigen TuscheBildern auf Baumwolle ihr Verständnis von Malerei und Sprache auf. Sie schafft so für die Sprache einen Ort, wo diese malerisch zum Ausdruck kommen kann. Agnès Wyler, lebt und arbeitet in Zürich. Studium der Philosophie und der Sprachwissenschaften, Kunststudium an der SMFA, Boston, USA. Lehraufträge an der F+F, Zürich und im Israel Museum, Jerusalem. Ihr Werk umfasst

Zeichnung, Installation und Malerei. Ihre Arbeiten sind in internationalen und nationalen Sammlungen vertreten. G.S.

Florian Bilger Pep+No Name Galerie, Basel CH bis 30. Juni 2012 „von oben N°1“ Florian Bilgers Fotografien heben ihre Betrachter von den Füßen. In Flügen im Motorschirmtrike über Donautal und Bodensee eröffnet seine Kamera einen Positions- und Perspektivwechsel über die Dinge hinaus. Zu den ersten Tagesstunden oder im tiefstehenden Abendlicht überfliegt er mit der Kamera Kulturland, Nutzflächen, Wasserlandschaften. In dieser enthobenen Aufsicht entdeckt Florian Bilger zufällige Gefüge versteckter Schönheit am bewirtschafteten Boden, wo die allgegenwärtige Urbarmachung die Oberflächen geprägt hat. Im Ausschnitt der Formate scheinen immer wieder Überraschungen auf, die die Geschichte eines Tagewerks erzählen oder Spuren einer intuitiven Respektshaltung des Menschen vor der Natur offenbaren. Die ruhigen Flugstunden mit der Pilotin Britta Nieweg ermöglichen Florian Bilger außergewöhnliche und entspannende Seherlebnisse. Seine Bildmotive stellen sich als geschlossene Ausschnitte dar, entstehen im unmittelbaren Eindruck der Lichtverhältnisse. Musterhaft ist dabei nicht die Dokumentation, sondern die Ästhetisierung unserer zweckgebundenen Lebenswelt, die wir im schwebenden Perspektivwechsel neu erfahren. Die Stärke dieser Fotografien teilt sich in der Vertrautheit der Gegenwart des Menschen in einer elementaren Struktur aus Erde und Wasser mit, absichtsvoll gebrochen durch die Über-Sicht, die wir hier genießen dürfen. T.T. Florian Bilger


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Paolo Rossi, Experimente mit Schnecken und Lebensmittefarben, 2008/12

Paolo Rossi Forum Vebikus, Kulturzentrum Kammgarn, Schaffhausen CH bis 17. Juni 2012 SLOW-TRACKS Der Schweizer Künstler Paolo Rossi arbeitet seit vierzig Jahren im Spannungsfeld zwischen Kunst und deren Betrachtung. Er untersucht Wahrnehmungsprozesse, in dem er den Kunstbetrachter in Situationen geraten lässt, die ihn selbst als Wahrnehmenden adressieren. Der Künstler lotet so die Grenzen und Beschaffenheit der Wahrnehmung aus. Für die Ausstellung im Kulturzentrum Kammgarn in Schaffhausen zeigt Rossi jüngste Werke, die über eine lange Schaffenszeit generiert wurden und aus Synthesen früherer Werke genährt sind. Waves, das Hauptwerk in dieser Ausstellung, muss vom Besucher aktualisiert werden - ohne dass der Aktualisierende selbst das Werk sehen kann. Er geht durch die Passage und erzeugt Luftströme, die sich über die dünne Folie auf den Silch überträgt und schliesslich die bunten Fäden, das Bild, bewegt. Die Bewegungen des Betrachters erzeugen Bilder, die sich in jeder Situation wieder verändern. Die Luftzirkulation des spezifischen Ortes wird somit Teil der Arbeit - die Rolle des Ausstellungsraumes wird thematisiert. Der Ort, wo Kunst stattfindet, wird in vielen Werken Rossis reflektiert. In Arbeiten wie Schredderskizze, schmelzenfliessen- färben oder river writing ist der jeweilige Ort Ausgangspunkt der künstlerischen Tätigkeit. Rossis Arbeiten konstituieren sich durch langsame Prozesse. Rossi leitet vieles aus länger andauernden Auseinandersetzungen mit Motiven ab. Sein Oeuvre wächst organisch und generisch an. Geduld und Langsamkeit thematisiert der Künstler auch in seiner Arbeit slow tracks. Sich gemächlich bewegende Lebewesen komponieren gemeinsam ein Farbzusammenspiel. Der Künstler bestimmt einen

Ausgangspunkt, nimmt aber später im Verlauf der Aktion nur begrenzt Einfluss, Akteure sind die anderen. Die Schnecken ziehen gemächlich Farbe nach. Man kann die Arbeiten Rossis auch als Netze ansehen: geographischer und optischer Art. Die Arbeiten der Serie Netzstrukturen entstanden aus den Farbreusen, Netzgitter, die mit Farbe übergossen wurden. Ein Farbnetz spannt sich über die Leinwand, ein engmaschiges, undurchdringliches System von Spuren und Farben. Flowingsculptures und Soul Pieces – Video im Eingangsbereich funktionieren auch als Netze: Seit 2004 lädt Rossi Menschen ein, auf ihren Reisen Kugeln aus Naturmaterialien zu formen und diese photographisch zu dokumentieren, auf Rossis Website sind diese einfachsten Skulpturen zu sehen. Soul Pieces ist eine Arbeit, in der Rossi Steinstücke, die bei seiner Arbeit als Steinhauer zu Boden fielen, vergoldet hat und diese an verschiedensten Stellen in Colorado platzierte. Emotional behaftete Objekte werden in einem materiellen Sinne aufgewertet und anschliessend in die Landschaft getragen. Was mit den Stücken passiert, wird niemals jemand erfahren. Man gelangt wieder an den Ausgangspunkt: Aus Netzen, die bedächtig konstruiert sind, wird der Betrachter in seine eigenen Denk- und Wahrnehmungsstrukturen verwickelt. Arthur Fink 2012 Paolo Rossi (*1954, Zürich) lebt und arbeitet in Zürich. Arbeiten von ihm waren u.a. zu sehen in der Synagoge Samorin Slowakei, Kunstétage Visarte Zürich, im Kunstmuseum Olten und im Helmhaus Zürich. C.W. www.paolorossi.ch

Patrick Steffen Vebikus, Schaffhausen CH bis 17. Juni 2012 DENKMUSTER «Es ist sinnbildlich für Steffens Arbeiten, ob zeichnerische, filmische oder installative, dass er von (vor-)gefundenen Artefakten oder Naturphänomenen die Essenz offen legt und in eine poetische, fast schon verletzliche Anordnung bringt. Wenn er in akribischer Arbeit mit dem Japanmesser einen Vorhang aus Papier schneidet, seziert er gleichzeitig die bekannten Sichtweisen, Assoziationen und Erwartungen. Dabei spielt er mit der Wirkung von Materialität genau so, wie

mit der Transformation derselben. Er verschleiert den Blick auf Gegebenes, um es ohne Effekthascherei neu zu inszenieren und so an seine Essenz heranzuführen.» Philipp Grünenfelder DENKMUSTER In seiner ersten grösseren Einzelpräsentation gibt der Basler Künstler Patrick Steffen (*1969) einen Einblick in das Schaffen der letzten Jahre. Im Kunstraum Vebikus kombiniert er unter dem Titel DENKMUSTER verschiedene Medien wie Papierschnitt, Grafitzeichnung, und Video. Dabei interessieren ihn Fragen des künstlerischen Arbeitsprozesses. SCHERENSCHNITT Der Scherenschnitt ist eine Disziplin, die in der Schweiz vor allem im Kontext von Volkskunst bekannt ist. Die filigranen Darstellungen von ländlichen Szenen werden wegen ihres Detailreichtums bewundert. Mit dem Genre „Scherenschnitt“ assoziieren die meisten Leute Geduld, Fleiss und handwerkliches Können. Werte, die im zeitgenössischen Kunstschaffen kaum mehr als Beurteilungskriterien gelten, allenfalls noch im pausenlos arbeitsamen Künstler weiter Bestand haben. Patrick Steffen hinterfragt dieses gängige Denkmuster, indem er bewusst manuelle und maschinelle Fertigungstechniken vermischt. PAPIERSCHNITT, VIDEO UND GRAFIT Ein zehn Meter breiter Papierschnitt teilt im Kunstraum Vebikus den gesamten Raum. Als Bildvorlage dient ein industriell gefertigter Vorhang aus der Mercerie-Abteilung - billige Massenware, die durch die Motivwahl traditionelles Handwerk vortäuscht. Die direkt gescannten und elektronisch bearbeiteten textilen Muster werden vielfach vergrössert und in aufwändiger Handarbeit mit dem Skalpell in Papier geschnitten. Aus der banalen Vorlage wird ein exklusiv für die Ausstellung geschaffenes Unikat. Die herausgeschnittenen Stücke verarbeitet der Künstler wieder zu einem einzelnen handgeschöpften Papier, ein unspektakuläres Stück komprimierten Fleisses. C.W. www.patricksteffen.ch Patrick Steffen, Vorhang #3 (artists window) 2010, Papierschnitt, 336 x 190 cm

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futurotourismus

Hotel Seerose Schönes nach aussen – Schönes nach innen Schönheit nach aussen – Schönheit nach innen DEN SINN FÜR KUNST IN DER INNENEINRICHTUNG AUSLEBEN „Ich verstehe nichts von Kunst“, sagt Felix Suhner über sich. Eine starke Untertreibung, fürwahr. Wie anders als mit dem Felix Suhner Begriff „Kunst“ könnte man die äusserst geglückte Inneneinrichtung des „Seerose-Classic“, des „Mutterhauses“ des Hotels Seerose, sozusagen, bezeichnen? 1977 errichtet, strömte das Gebäude einen gemütlichen Schwarzwälder- oder Österreicher Look aus. „Mittlerweile war das Ganze ein bisschen in die Jahre gekommen, wir spürten grosse Lust auf Veränderung“, hält Felix Suhner fest. Das etwas Schwere, Dunkle, sollte einem neuen, moderneren, luftigeren Stil weichen. Ohne das Gemütliche auszusparen, notabene. Die Idee für die Neugestaltung wurde direkt am Hallwilersee geboren. Zusammen mit seiner Ehefrau Rhéane und den beiden Kindern entdeckte Felix Suhner bei einem Spaziergang am See archaisches Schwemmholz. Dessen Struktur gefiel der Familie so gut, dass es als Inspirationsquelle für den Umbau des „Classic“ diente. Hotelgang Detail

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Zimmer Classic Lake

„Zurück zu den Wurzeln“, kann man die Ausgangslage für die Neugestaltung salopp bezeichnen. „Das Wetter und die verschiedenen Elemente sind an einem See direkt spürbar“, bemerkt Felix Suhner. „Der Wind lässt Äste brechen, die vom Wasser weggespült werden. Im Zusammenspiel mit den Wellen und der Sonne Das Hotel Seerose Classic und Elements liegt am Sonnenufer des Hallwilersees und enthält im geschichtsträchtigen Haus „Classic“ und dem „Elements“ insgesamt 59 Zimmer und Suiten auf Viersterne-Niveau. Für kulinarische Gaumenfreuden sorgen das von Gault Millau mit 13 Punkten ausgezeichnete Restaurant Seerose mit schweizerischfranzösischer Karte im Classic und das mit 14 Punkten dekorierte Restaurant Samui-Thai mit königlichthailändischer Küche und neuer Terrasse im Elements. Im Sommer spielt sich das Leben auf der Seeterrasse, dem Free-Flow-Selbstbedienungsrestaurant und auf der mediterranen Terrasse ab. Ferner stehen verschiedene Seminar- und Banketträumlichkeiten und ein Festsaal für 250 Personen zur Verfügung. Gemäss Focus-Rating ist die Seerose alljährlich als Top-Ten Seminarhotel in den vordersten Rängen zu finden. Vom „Midena Seminarguide 2012“ wurde sie zum Seminarhotel des Jahres 2012 ausgezeichnet. Zur gleichen Kette gehören die Hotels bzw. Restaurants „Bad Bubendorf“, das „Mürset“ in Aarau und die „Sonne“ in Eich LU.


futuro entsteht daraus Schwemmholz. In seiner weichen Luzidität angenehm anzufassen, dank einer silbernen Patina schön anzusehen“. Aus dieser Vorlage heraus entwickelten Felix Suhner und sein Team den ganz speziellen Stil „natural chic“, in dem die Zimmer, das Restaurant und der Seelichtsaal des Hotel Seerose Classic renoviert wurden. Entstanden ist ein gelungenes Gesamtkunstwerk, eine perfekte Installation. GETROST DIE SEELE BAUMELN LASSEN Das Ganze präsentiert sich wie aus einem Guss mit natürlichen Materialien und Baustoffen. Schwemmholz in den Farbnuancen Grau-Beige-Weiss sorgt mit dem einzigartigen Blick auf den Hallwilersee dafür, dass die Gäste entspannen und getrost die Seele baumeln lassen können. Seine Frau und er seien visuelle Menschen, sie hätten einen grossen Sinn für Ästhetik. „Das Gute leben“, heisst die Devise in der privaten und geschäftlichen Philosophie. Schönheit nach aussen mutiere zur Schönheit nach innen oder umgekehrt. Die gute Atmosphäre spiegle sich in der Zufriedenheit und in den Gesichtern der Gäste wider. Diese gute Balance zu schaffen, könne weitgehend im Begriff „Kunst“ angeordnet werden, sinnert Suhner. Er freue sich an gegenständlichen Bildern, habe aber Mühe mit der „abstrakten“ Kunst, gesteht er. Sorgfältig ausgewählt wurden alte Fotografien des historischen Seerose-Hotels, die den Gast in den neu gestalteten Räumlichkeiten des „Classic“ auf

Frü hstü cksbuffet Seerose

angenehme Weise ansprechen und dem Ganzen einen intimen Touch verleihen. Kunst ist auch Ausgangslage für die im Bau befindliche Wellness-Anlage des Hotels Seerose. Eine Fotografie des einheimischen Künstlers David Zehnder aus seinem unlängst veröffentlichten „Seebuch“ habe für die Architektin den Anstoss für die Gestaltung des neuen Gebäudes gegeben, verrät Felix Suhner. Ebenfalls als Kunstwerk kann die dazugehörige, vom bekannten Landschaftsarchitekten Enzo Enea projektierte Gartenanlage mit dem Integrieren von Seetaler Hochstammbäumen, Eichen und anderen einheimischen Pflanzen, bezeichnet werden. Margrit Rüetschi www.seerose.ch

Restaurant Seerose Natural chic

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Olaf Stocker Dem Realismus zugewandte Wiedergabe eines Moments altsprachliche Gymnasium in Wohlen war Zeichnen und Malen stets sein Lieblingsfach. Nach der Matura folgten Asienreisen nach Nepal, Kaschmir, Ladakh und Zanskar. Im Jahre 1985 begann er ein Studium in Psychologie an der Universität Zürich. Nach dem Studienabbruch und persönlichen Erfahrungen fand er über die Ausdrucksmalerei zur Kunst zurück. Margrit Rüetschi Auszug aus AZ vom 25.05.2012

Olaf Stocker, Ausstellungsansicht

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SOLOAUSSTELLUNGEN DER INTERNATIONALEN KÜNSTLERIN KRISTINASRETKOVA KRISTINA SRETKOVA

2. – 15. Juli 2012 BULGARISCHES KULTURINSTITUT Leipziger Str. 114 10117 Berlin

ZÜRICH

Wegbereiter in den explosiv gemalten Werken deutlich heraus zu spüren. Titel wie „Elementarer Kohärenzverlust“ „Overfloater“ „Les autres terres“ oder „Out of deep isolation“ spiegeln die Suche des Künstlers nach dem Sinn des Lebens und dem diffizilen Spagat zwischen dem Einordnen in die Masse und dem Entwickeln von eigenen Lebensformen wider. Seit Ende der 80-er Jahre sind zahlreiche Kompositionen, Bilder und Gemälde entstanden, welche sich in zwei Methoden unterscheiden. Die eine Methode ist eine dem Realismus zugewandte Wiedergabe eines Moments. Landschaften und Impressionen von Reisen, Motive aus dem tibetischen Kulturraum, klingen nach und schlagen sich in ausdrucksstarken Bildern wider. Erkennen eines Zustandes Die andere Methode ist in der Erkennung, Erfahrung und Erzeugung eines psychotischen Zustandes begründet. Sein Schaffen zeige sich in der polaren Bewegung zwischen diesen beiden Methoden. Dabei gehe er ausschliesslich einen autodidaktischen Weg, sagt der Künstler über sich. Olaf Stocker wurde 1963 geboren und wuchs in Wohlen auf. Bis ins

BERLIN

Meisterschwanden Introspektive des Gränichers Olaf Stocker im Kunstforum International Magisch wurden die Besucher an der Wettbewerbsausstellung im letzten Jahr vom leuchtend-roten Mandala des in Gränichen lebenden Künstlers Olaf Stocker angezogen. Für dieses Werk wurde er mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Auch in der jetzigen Präsentation sind die tibetischen Mandalas prominent angeordnet. Nicht an der Wand hängend, sondern auf einem Podest liegend, haben sie auch jetzt nichts von ihrer Leuchtkraft und geheimnisvollen Ausstrahlung verloren. Explosiv gemalte Werke Seit dieser (Gruppen)Ausstellung im Kunstforum International hat sich der in Gränichen wohnhafte Künstler stetig weiterentwickelt. Seine Trekkingreise zum heiligen Berg Mount Kailash im letzten Juni mag seinen Stil nachhaltig geprägt haben. „Ich fühle mich zu den Werken von J. Pollock, Salvador Dali, Wassili Kandinsky und Hansruedi Giger hingezogen“, sagt der Künstler über sich. Wiewohl Olaf Stocker eine eigene künstlerische Sprache entwickelt hat, sind Einflüsse dieser modernen

11. – 22. Juli 2012 KRONEN GALERIE Froschaugasse 3 8001 Zürich

www.kristina-sretkova.com


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