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© 2017 AT Verlag, Aarau und München Lektorat: Ricarda Berthold, Freiburg i. Br. Fotos und Illustrationen: Julia Hofstetter, mit folgenden Ausnahmen: Matthias Steger Seite 14 (unten), 70 (rechts), 109, 111, 112, 113, 117 ; Giorgio von Arb Seite 14 (oben), 89; Geri Furrer Seite 68, 103; Res Keller Seite 25 Grafische Gestaltung und Satz: AT Verlag Druck und Bindearbeiten: Westermann Druck, Zwickau Printed in Germany ISBN 978-3-03800-969-6 www.at-verlag.ch Der AT Verlag, AZ Fachverlage AG, wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.


Inhalt 12

Ziegen mit Stiefeln

42

Mantel und Bart

12 14 17 17 23 24

Notizen aus der Kiesgrube

42 46 46 47

Notizen von der Eiche

Leckerbissen Brombeergrün Rezept Fermentierte Teecreme Ziegenliegen Anleitung zum Bau einer Futterkrippe Zaunhocker – Papiermaché und Konservenbüchsen

26 30

mit Fichtennadeljus

50 54

Nachtwächter Rezept Haselnuss-RandenCarpaccio mit EichenrindenConit und Polenta

Wiesentraum. Traumwiese

56 58

Urbane Einmischung

61

Hörner und Klauen

61 62 66 67 69

Notizen vom Stalldach

Anleitung Ziegenspuren

Pansengurgeln Das beste Heu Experiment Biogas selber herstellen Experiment Feuerschlange Experiment Wunderkerzen-Flamme Rezept Heusuppe mit HagebuttenTischdekoration für die Heusuppen-Mahlzeit

39

Rezept Karotten-Kartofelstock

Anleitung Ziege aus

plätzchen und Heubrot

39

Ziegenhochbeet

Anleitung Zaunhocker Maschendrahtzaun

31 34 36 37 37 37 38

Fichtennadeljus

Und für zwischendurch: Aus Seife eine Ziege schnitzen

Mit Ziegen meditieren Ziegenliebe Berlocken Salzsteinlecken


8


70 71

Kornelkirschen

80

Regen und Sturm

102 106 107 110 111 114 118 119

Notizen mit Aussicht

Rezept Runzelkartofeln mit Kornelkirschen-Chutney

73 73 74 74

102

Königskerzen Ein Laufsteg für Ziegen Rezept Königskerzen-Granita Rezept Spitzwegerich-Brioche

Mist und Bemmerl

Schattenspiel Anleitung Schatteniguren Zinkpunkte Wetterprophetinnen Der siebte Sinn Mit Tieren sprechen Nera Verzasca, Stiefelgeiß und Bündner Strahlenziege

80 82 84 86 86 86 86 87 87 90 94 95 96 100

Notizen aus dem Stall Kotkügelchen-Kugelbahn Melken Experiment Leim aus Milch Experiment Kaseinfarbe Rezept Dulce de Leche Rezept Karamell-Chai Kein Brot. Bitte. Rezept Brotaulauf Mohair und Kaschmir Nadel im Heuhaufen Anleitung Kompasszopf Kolostrum Durchatmen

124 125 127

Dank Autorin Stichwortverzeichnis


Ziegen mit Stiefeln Notizen aus der Kiesgrube  Natürlich haben sie alle Stiefel. Und meistens einen Mantel. Dazu Hörner und einen Damenbart. Und wenn eine der Ziegen trächtig wird, bilden auch die anderen ein Euter aus. So sind sie, die Stiefelgeißen. Ich habe sieben davon. Sie und ich, wir leben in der Stadt. Ein Hektar Land und rundherum Gebäude. Ein Hochhaus. Eine Kirche. Eine Baustelle. Die Bahnlinie. Und Straßen, oberhalb und unterhalb. Am Himmel die Flugzeuge zum Greifen nah. Dazwischen Eichen, Kirsch- und Apfelbäume, Ahorn und Mirabelle. Ein Hektar Land einfach so, mitten in der Stadt. Eine ehemalige Kiesgrube. Die Ziegenwiese gibt es schon lange. Bevor ich sie übernahm, war sie eine Schafwiese. Sie war dann lange zur Pacht ausgeschrieben, aber niemand hat sich gemeldet. Eine solche Wiese macht viel Arbeit, davor hatte auch ich Respekt. Und dann habe ich es doch gemacht. Jetzt bin ich Ziegenhirtin. Die Wiese darf nicht verbaut werden, weil in ihrem Untergrund im Steilhang eine Reservequelle der Trinkwasserversorgung liegt. Es ist ein Ort für Begegnungen geworden. Einen genauen Plan hatte ich nie, aber eine Idee. Ich wollte die Wiese in einen Ort verwandeln, wo Kinder wild, Erwachsene entspannt und Ziegen glücklich sein können. Und dann ist alles sehr bunt geworden.


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Ziegen sind Zehenspitzengänger. Sie setzen nur die Spitze des vordersten Zehengliedes auf den Boden auf. Die Stiefel sind schon bei den ganz kleinen Stiefelgeißen gut zu erkennen.

Raubvögel nämlich daran gewöhnt, Zicklein zu jagen. Auch Ziegenkadaver gehörten zu ihrem Speiseplan. Die Galapagosinseln sind natürlich ein außergewöhnliches Beispiel. Lange Zeit von der Außenwelt isoliert, kommen dann plötzlich die Ziegen. Klar, dass sie alles durcheinanderbringen. Wenn der Ziegenbestand pro Weideläche aber klein bleibt, können Ziegen einen wertvollen Beitrag zur Artenvielfalt leisten. Für Planzen und Kleintiere. So werden sie zum Beispiel zum Entbuschen von Alpweiden eingesetzt. Wie alle Hornträger haben Ziegen oben weder Schneide- noch Eckzähne. Dafür haben sie an deren Stelle eine harte, verhornte

Leckerbissen Brombeergrün  Ziegen können Land-

Platte. Damit entrinden sie junge Bäume. Und stellen sich

schaften plegen. Und sie können Landschaften zerstören.

dabei hin und wieder auch auf die Hinterbeine. Das nennt

Auf den Galapagosinseln zum Beispiel wurden die Ziegen

man fakultative Bipedie – ab und zu Zweibeiner. Das macht

zur Plage, so sehr, dass man die verwilderten Wiederkäuer

so kein anderes Nutztier. Eine Kuh auf den Hinterbeinen?

mit Hunden und Hubschraubern jagte. Die Ziegen waren

Undenkbar. Und wenn sie nicht Rinde nagen, dann zupfen

einst von Piraten als Fleischreserve auf den Inseln ausge-

die Ziegen Knospen und Kräuter, plücken Blätter.

setzt worden. Sie vermehrten sich und fraßen den Riesenschildkröten das Futter weg, bis die Schildkröten kurz vor

Jedes Weidetier frisst anders und bevorzugt anderes. Schafe

dem Aussterben waren – wo doch Galapagosinsel eigentlich

lieben Schmetterlingsblütler und junge Blätter. Mit ihren

Schildkröteninsel bedeutet. Da blieb nichts anderes übrig,

beweglichen Lippen fressen sie die Grasnarbe tief ab. Zie-

als die Ziegen auszurotten. Aber als die Ziegen weg waren,

gen naschen eher und fressen weniger tief als die Schafe.

gingen plötzlich auch die Bestände der Galapagos-Mäuse-

Als Rasenmäherersatz sind Schafe besser geeignet. Esel

bussarde dramatisch zurück. Seit die Piraten die Ziegen um

sind sehr bescheiden. Sie fressen auch überständiges Gras,

das Jahr 1800 auf die Inseln gebracht hatten, hatten sich die

das von anderen Tieren verschmäht wird. Diese zähen, lan-


15 Die Ziegenwiese ist fĂźr das Quartier zu einem Ort der Begegnungen geworden.


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Dank ihrer beweglichen Oberlippe können Ziegen auch Pflanzen mit Dornen fressen. Ziegen drücken dünne Bäume mit den Vorderbeinen nieder und äsen sie ab. So können sie bis 2 ½ Meter hohe Bäume komplett schälen.

Wie das Schaf hat die Ziege eine bewegliche Oberlippe. Diese falten die Tiere um Stängel, legen sie um Dornen und Stacheln. Bei Brombeeren zum Beispiel oder bei Robinien. Brombeeren sind immer ein Leckerbissen, ganz besonders im Winter, wenn es sonst kein Grün gibt. Manchmal aber interessiert die Ziegen etwas ganz anderes gen Halme. Rinder wiederum reißen mit der Zunge büschel-

als das Fressen. Dann kräuseln sie ihre beweglichen Lippen

weise Gras aus. Bei kurzem Gras sind sie deshalb mit ihrer

und saugen Luft ein. Jetzt lehmen sie. Sie schlürfen Düfte

Rupftechnik im Nachteil. So fördert jedes Weidetier das

durch den Mund bis zum Jacobson-Organ. Das sind zwei

Wachstum bestimmter Planzen, die es nicht frisst, und

kleine Einbuchtungen bei der Nasenscheidewand, überzo-

drängt diejenigen Planzen zurück, die es gerne verzehrt.

gen von einer Riechschleimhaut. Die Atemluft, die durch

Vielleicht ließe sich sogar aus der Planzengemeinschaft

die Nase einströmt gelangt nicht hier hin. Die Riechschleim-

an einem Ort ablesen, welches Tier auf der Weide war.

haut in der Nase ist für Gerüche zuständig, die etwas mit

Wacholderweiden zum Beispiel sind entstanden, weil

Futter, mit Gefahr oder Fressfeinden zu tun haben. Das

Schafe diese Planze nicht mögen. Manche Bauern halten

Jacobson-Organ dagegen fängt die Duftstofe der anderen

darum verschiedene Tiere gemeinsam auf der Weide. Rind

Ziegen auf. Pheromone zur innerartlichen Kommunikation.

und Schaf zum Beispiel. Oder Pferd und Ziege. Nicht aber

Da geht es um Hierarchien, um Lust und Paarung. Die

Schaf und Ziege, denn die sind beide für dieselben Parasi-

Brombeerblätter riechen die Ziegen also mit der Nase und

ten anfällig. Ziegen gehören mit den Hunden und den Scha-

nicht beim Flehmen.

fen zu den ältesten domestizierten Tieren. Sie waren es, die im einst mit Wald bedeckten Mitteleuropa die ofenen Wei-

Inspiriert von der Vorliebe meiner Ziegen für Brombeerblät-

den schufen. Landschaftsarchitekten eben.

ter habe ich eine Teecreme gemacht. Und dafür habe ich die Brombeerblätter fermentiert.


FERMENTIERTE TEECREME Brombeerblätter fermentieren Junge Brombeerblätter im Schatten antrocknen lassen. Dann in Streifen schneiden, in Wasser tunken, auf ein Tuch legen und mit dem Nudelholz lach rollen. Einige Zitronenschalenstückchen dazulegen und das Tuch einrollen. In einen Plastiksack schnüren. Drei bis vier Tage an einem sonnigen Platz gären lassen. Dann das Paket öfnen. Riechen! Die Blätter zerzupfen. Im Schatten oder im Dörrgerät trocknen lassen.

Ziegenliegen  Am Anfang stand zum Glück bereits ein Für die Creme:

Stall da. Er war am Zerfallen. Und das ganze Gelände über-

1 EL fermentierte Brombeerblätter

wachsen mit Brennnesseln und Disteln. In dieser Zeit war

(siehe oben)

ich manchmal nicht sicher, ob ich mir nicht etwas zu Gro-

100 g feiner Zucker

ßes vorgenommen hatte. Einen Stall umbauen, dessen Dach

200 ml Milch

zusammenstürzt. Wo aus jedem Brett Hunderte von gefräßi-

3 EL Maisstärke

gen Käfern krabbeln. Wo das Holz zwischen den Fingern

400 ml Schlagrahm (Sahne)

zerrieselt. Und die Brennnesseln. Das Ausreißen nahm kein Ende. Ich bastelte, werkelte, wurstelte – und mogelte. Es

Die fermentierten Blätter mit 400 ml

musste halten. Mehr nicht. Perfektion musste nicht sein.

Wasser aufkochen. Ziehen lassen. Den Zucker dazugeben. Die Blätter absei-

Wichtig war es, geeignete Ruheplätze für die Ziegen zu

hen. Die Flüssigkeit aufkochen. Milch

schafen. Ziegen sind Übersichtstiere. Sie schlafen auf

und Maisstärke verrühren. Zur kochen-

Podesten. Hier ruhen sie auch. Wiederkäuen ist zeitintensiv.

den Flüssigkeit geben. Abkühlen

Da braucht es einige Stunden der Muße pro Tag. Weich

lassen. Hin und wieder rühren. Den

braucht es nicht zu sein, aber trocken und sauber. Ideal

Schlagrahm steif schlagen und vor-

sind Liegenischen, die in unterschiedlichen Höhen ange-

sichtig unter die Teecreme heben.

bracht sind. So können die Ziegen einander ausweichen und gehen weniger aufeinander los. Denn Ziegen sind hier-

Aus den von den Ziegen entrindeten

archische Tiere. Sie wollen hin und wieder die Rangord-

Ästen haben wir zwischen den Ästen

nung aushandeln. Solche Kämpfe können als bloße Andeu-

der wilden Kirsche ein Krähennest

tung stattinden. Aber manchmal, da knallen die Hörner in

gebaut. Die Zahnspuren gefallen mir

Sekundenschnelle aneinander. Und dann geht es sofort

gut.

wieder zurück in den alten Trott. Und manchmal scheint es, als würden sie sich zum Kampf verabreden. Hoch oben auf dem Hügel. Sie tippen sich an. Und springen dann voller


EXPERIMENT BIOGAS SELBER HERSTELLEN

sich der Luftballon etwas auf. Das Gas lässt sich entzünden. Während der Gärung ist Essigsäure, Wasser und

EXPERIMENT WUNDERKERZENFLAMME

Biogas besteht zu 50 Prozent aus

Kohlenstofdioxid entstanden. In

Methan. Wir simulieren also, was im

einem weiteren Schritt wurde die

Material:

Ziegenmagen passiert.

Essigsäure gespalten, und Wasserstof

Schnur

wird frei. Dieser Wasserstof reagiert

2 Luftballons

Material:

mit CO2 zu Methan. Der Inhalt der Fla-

Luft

Organische Küchenabfälle (z. B. klein

sche kann kompostiert werden. Aber

Erdgas

geschnittene Karotten- und Kartofel-

zuerst noch die Nase daranhalten.

Wunderkerze

schalen, Salatreste), eventuell etwas

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Faden

Ziegenkot 1 Brühwürfel 10 TL Erde

EXPERIMENT FEUERSCHLANGE

Im Freien eine Schnur spannen. Ein Ballon wird mit Atemluft und der andere mit Erdgas (Methan) aus dem

PET-Flasche warmes Wasser

Material:

Gashahn gefüllt. Die Ballone werden

1 TL Zucker

Gaslasche mit Erdgas (Erdgas

an die Schnur gehängt. An jeden Bal-

1 Luftballon

besteht zu 60 Prozent aus Methan)

lon wird nun eine Wunderkerze befes-

1 Gummiband

Schlauch

tigt (die Wunderkerze soll dicht am

Seifenlauge in einer Schüssel

Ballon brennen). Der mit Luft gefüllte

Feuerzeug

Ballon platzt. Der mit Methan gefüllte

Die Küchenabfälle werden mit dem Brühwürfel und 10 TL Erde in der Fla-

Ballon platzt ebenfalls und das ent-

sche vermischt. Die Flasche wird bis

Aus der Gaslasche wird über den

zur Hälfte mit warmem Wasser aufge-

Schlauch Methan in die Seifenlauge

füllt und mit 1 TL Zucker bestreut. Der

geführt. Es entsteht weißer Schaum.

Luftballon wird über den Flaschenhals

Das Methan darin ist leichter als Luft.

gestülpt und mit einem Gummiband

Deshalb ist der Schaum leicht und

befestigt. Nun ist die Flasche luftdicht

steigt auf. Wie eine Schlange. Dieser

abgeschlossen. Gärung indet immer

Schaum kann nun von einer erwachse-

ohne Sauerstof statt. Nun wird die

nen Person in die Hand genommen

Flasche an einem warmen, dunklen

und gefahrlos angezündet werden. Es

Platz drei Tage aufbewahrt. Dunkel,

gibt eine große Flamme. Aber diese

warm und kein Sauerstof – das sind

Flamme breitet sich nach oben aus

die Bedingungen, unter denen die

und die nasse Schicht kühlt die Hand.

gärenden Mikroorganismen gut arbei-

Ungefährlich, aber spektakulär.

ten können. Nach wenigen Tagen bläht

weichende Methan entzündet sich.


125

Die Autorin  Biologin, Umweltpädagogin, hat als Biologielehrerin, Wattführerin und in London als Stadtökologin gearbeitet. Sie war Mitglied der Geschäftsleitung einer Umweltschutzorganisation. Autorin und Illustratorin von Kinderbüchern, heute verantwortlich für Kommunikation und Partizipation bei der Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1. Sie ist Mutter von zwei Töchtern.


Stichwort verzeichnis 4-Ethyloctanalsäure 66

Ödem 80

Aigis 91

Ohrmarke 102

Alpaufzug 24

Pansen 34

Beckenbänder 96

Pansenazidose 87

Berlocken 67

Pantofelklaue 77

Brot 87

Parasit 80

Capra Grigia 119, 120

Pheromone 16

Cellulose 34

pH-Wert 36

Eibe 46

Psalter 34

Esparsette 39

Riechen 16

Fluchttiere 50

Roth, Dieter 84

Hierarchie 20

Sesambein 77

Indol 82

Shikimisäure 82

Jacobson-Organ 16

Skatol 82

Karpalgelenk 50, 77

Stallbau 17, 22, 23,

Kaschmir 91

Stiefelgeißen 44

Kasein 85, 86

Thuja 46

Klauenplege 75

Tierverkehrsdatenbank, TVD 102

Kokzidien 80

Tryptophan 82

Kolostrum 96

Verdauung 34

Lab 36

Walliser Ziege 119, 120

Labmagen 36

Zehenspitzengänger 50

Magen-Darm-Würmer 80

Ziegengeburt 96

Medulla oblongata 36

Ziegenmilch 85

Melken 85

Ziegenpupillen 50

Nera Verzasca 119, 120

Zink 110

Netzmagen 34

127

9783038009696  
9783038009696