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Guten Tag, Torsten Kolander Brainbow Media, Vielen Dank für den Kauf des Dossiers: Harte Drogen "Nur eine Nase noch" SPIEGEL-Dossiers fassen Analysen, Berichte, Reportagen und Gespräche zu den wichtigen aktuellen und historisch relevanten Themen zusammen. In den Dossiers finden Sie umfangreiches Hintergrundwissen, aufbereitet von der SPIEGEL Dokumentation. Einen Überblick über unsere Dossiers finden Sie auf der Seite: http://www.spiegel.de/dossiers

1. Harte Drogen: "Nur eine Nase noch" vom 26.04.2006 - 483 Zeichen SPIEGEL ONLINE 2. SUCHT: Kick auf Krankenschein vom 09.10.2006 - 9859 Zeichen DER SPIEGEL Seite 62 3. RAUSCHGIFT: "Lass mich die Nacht überleben" vom 07.07.2003 - 24599 Zeichen

DER SPIEGEL Seite 116 4. AFGHANISTAN: "Schlafmohn ist kein Verbrechen" vom 16.09.2002 - 14084 Zeichen

DER SPIEGEL Seite 151 5. DROGEN: Stoff zum Überleben vom 25.02.2002 - 8391 Zeichen DER SPIEGEL Seite 190 6. RAUSCHGIFT: Abgang via naturalis vom 17.12.2001 - 6534 Zeichen

DER SPIEGEL Seite 32 7. Titel: Deutschland geht on Line vom 30.10.2000 - 35905 Zeichen DER SPIEGEL Seite 146 8. Titel: Pulver für Alpha-Tierchen vom 30.10.2000 - 2343 Zeichen DER SPIEGEL Seite 150 9. Titel: "Nacht! Kokain! Das ist Berlin!" vom 30.10.2000 - 3795 Zeichen

DER SPIEGEL Seite 152 10. Titel: Wenn Schneemänner tauchen gehen vom 30.10.2000 6565 Zeichen

DER SPIEGEL Seite 154 11. Titel: "Schamhaare abschneiden" vom 30.10.2000 - 1711 Zeichen

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SPIEGEL ONLINE - 07. Oktober 2006, 14:26 URL: http://www.spiegel.de/dossiers/gesellschaft/0,1518,244198,00.html HARTE DROGEN

"Nur eine Nase noch" "Deutschland geht on Line" titelte der SPIEGEL angesichts zahlreicher Prominenter, die ihre Kreativität oder Leistungsfähigkeit mit Kokain zu steigern suchten. Afghanistan wurde nach dem Ende der Herrschaft der Taliban wieder zum größten Opiumlieferanten der Welt, für das Land eine Existenzfrage, ebenso wie der Kokaanbau für einige Länder in Südamerika. Wie das berüchtigtste Rauschgift Heroin unter die Menschen kam, schildert eine weitere Geschichte in diesem SPIEGEL Dossier.

DPA Asservatenkammer: beschlagnahmtes Kokain

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Deutschland zu „stabilisieren“, argumentieren Befürworter. Junkies auf Methadon können trotz Sucht einer Arbeit nachgehen und in ihren Familien leben. Auch die Zahl der Drogentoten ist gesunken, die offene Drogenszene geschrumpft. Der Erfolg hat allerdings Nebenwirkungen. Seit Jahren klettert durch die Dauerversorgung die Zahl der Methadon-Patienten, derzeit sind rund 65 000 in ärztlicher Behandlung – schätzungsweise die Hälfte aller Opiat-Abhängigen in Deutschland. Ein gutes Geschäft, vor allem für Mediziner: Bis zu 2000 Euro setzen sie pro Patient jedes Jahr um. Und dabei sind sie nicht an strenge Budgetregeln gebunden, wie sie bei der Behandlung anderer Krankheiten gelten. Dennoch fehlt es angesichts der wachsenden Kundschaft an Ärzten, die sich mit

SUCHT

Kick auf Krankenschein Kriminelle Ärzte und schlampige Kontrollen bringen die Behandlung Drogensüchtiger mit Methadon in Verruf. Dabei sollen die Mediziner künftig womöglich sogar Heroin verschreiben dürfen.

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ie Dealerin war geständig, die Richter machten kurzen Prozess: Nur einen Vormittag benötigte das Landgericht Aurich Ende Juli, um Christiane B. für vier Jahre und sechs Monate hinter Gitter zu schicken. Die 51-Jährige habe Junkies im großen Stil mit Stoff versorgt, weil sie Geldsorgen gehabt habe,

weil sie Fixer illegal mit Drogen bedient haben. Kriminelle oder fachlich überforderte Mediziner werfen so ein schlechtes Licht auf die kontrollierte Drogenversorgung. Sie bringen damit zugleich ein Behandlungssystem in Verruf, das lange politisch heftig umstritten war, sich aber nun lang-

Entzug auf Rezept Methadon-Patienten in Deutschland, in tausend

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Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte

Methadon-Ausgabe (in Hamburg): Unerwünschte Nebenwirkungen

hieß es im Urteil. Einer der Kunden starb an den Drogen. Bemerkenswert an dem Verfahren war der Beruf der Drogenhändlerin: Christiane B. ist Ärztin, spezialisiert auf die Behandlung Süchtiger. Doch in ihrer Praxis in Ostfriesland zweigte sie jahrelang unbemerkt heiße Ware ab: Polamidon, ein synthetisches Opiat, das – wie auch das bekanntere Methadon – Süchtigen als Drogenersatz dient. Der Stoff wird normalerweise unter Aufsicht getrunken. Spritzen Fixer ihn sich hingegen in die Venen, wirkt er ähnlich wie Heroin. Die Dealerin im weißen Kittel ist kein Einzelfall. Allein in Niedersachsen leiteten Staatsanwälte jetzt mindestens vier ähnliche Verfahren gegen Mediziner ein, nachdem dort vor einigen Wochen die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) und der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) begonnen haben, Drogenärzte systematisch zu überprüfen. Auch in anderen Bundesländern mussten sich in den vergangenen Monaten immer wieder Ärzte vor Gericht verantworten, 62

sam zu etablieren begann. Vor allem nähren solche Strafverfahren Zweifel an einem Projekt, mit dem die Opiat-Abgabe jetzt noch erheblich ausgeweitet werden soll: Noch dieses Jahr will die Große Koalition in Berlin entscheiden, ob Ärzte künftig neben Methadon oder Polamidon sogar reines Heroin auf Rezept verordnen dürfen. Die SPD setzt sich seit langem für das Vorhaben ein, schließlich hätte eine bundesweite Studie ergeben, dass sich so Süchtige aus der illegalen Szene holen lassen. Die CDU jedoch ist skeptisch, wie weit der Staat als Drogenlieferant gehen darf. Und gänzlich ungelöst bleibt die zentrale Frage: Wie lässt sich verhindern, dass der Stoff in falsche Hände gerät? Eigentlich dient die Drogenversorgung auf Krankenschein dazu, langfristig Abhängige von ihrer Sucht zu befreien. Doch obwohl nach Expertenschätzungen pro Jahr höchstens 2 von 100 Fixern den Absprung schaffen, gilt das Methadon-Programm weithin als Erfolg: Mit der Ersatzdroge gelinge es immerhin, die Patienten d e r

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Sucht auskennen. Gerade erfolgreiche Mediziner verspüren nur wenig Neigung, ihr Wartezimmer mit Junkies zu füllen, die andere Patienten vertreiben könnten. Und Spezialisten wie Nervenärzte oder Psychotherapeuten zeigen ebenfalls kaum Interesse an Dauerkunden, die sich letztlich nur „versorgen, aber kaum therapieren lassen“, wie der Barsinghausener Neurologe Elmar Straube sagt. Die Folge: Immer häufiger tummeln sich überforderte Hausärzte und reine Geschäftemacher in dem Metier. „Für Kollegen mit finanziellen Schwierigkeiten ist das ideal“, so ein Mediziner, „man muss zumindest sein Wartezimmer nie mehr renovieren – und die Patienten kommen doch.“ Wie sich das auswirken kann, zeigen Akten von Staatsanwaltschaften und Krankenkassen. „Methadon wird Süchtigen immer wieder ohne jede Kontrolle und Untersuchung mitgegeben“, klagt etwa der Lüneburger Oberstaatsanwalt Jürgen Wigger. Seine Ermittler haben in den vergangenen Wochen mehrere Praxen durchsucht und drei Verfahren gegen Sucht-Ärzte aus


CHRISTOPH PAPSCH / VARIO IMAGES (L.); BODO WOLTERS (R.)

Deutschland

Konsumraum für Heroinabhängige, Praxiseingang von Christiane B.: Wie weit darf der Staat als Drogenlieferant gehen?

der niedersächsischen Stadt Uelzen eingeleitet. Selbst Minderjährige hätten den Stoff erhalten, so die Ankläger. Dabei reichen schon wenige Milliliter, um einen gesunden Menschen zu töten. Die Mediziner, so Wigger, hätten mit dem Methadon einen florierenden Handel betrieben. Als besonders krasser Fall gilt die Geschichte einer Lüneburgerin: Als die Süchtige zur Entgiftungstherapie in eine Drogenklinik kam, rief sie von dort aus einfach ihren Substitutionsarzt an und bestellte telefonisch ein Methadon-Rezept. Das ließ sie von einem Taxifahrer abholen, der dann auch gleich zur Apotheke fuhr und die Ware in die Klinik brachte. „Die Drogenbeschaffung war nicht schwerer, als eine Pizza zu bestellen“, sagt Ermittler Wigger: „Da wird nicht die Sucht bekämpft, sondern gefördert.“ Auch andere Verfahren offenbaren Missstände. So • wurde im bayerischen Ansbach im Juli ein 51-jähriger Arzt zu Bewährungsstrafe und Geldbuße verurteilt, weil er massenhaft Methadon unkorrekt abgegeben hatte. Zwei Patienten waren an einer Überdosis gestorben; • steht zurzeit ein 71-jähriger Arzt in Kassel vor Gericht, weil er über Jahre hinweg 700 Liter Methadon im Schwarzmarktwert von 700 000 Euro aus seiner Praxis abgezweigt haben soll. Russische Kriminelle sollen den Stoff aufgekauft haben; • wurde in Augsburg ein Drogenarzt zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt, weil ein Patient an einer Überdosis Methadon starb; • wurde jetzt im niedersächsischen Diepholz ein Arzt angeklagt, weil er 350-mal Drogen illegal verkauft haben soll. Neben krimineller Energie sind es oft auch schlichte Unzulänglichkeiten, die das 66

Behandlungssystem in Frage stellen. Denn mitunter entwickeln Ärzte seltsame Helfersyndrome – mit fatalen Folgen: „Süchtige finden schnell heraus, welche Ärzte unsicher und weich sind“, sagt der Münchner Medizinprofessor und Suchtexperte Michael Soyka, „und dann gehen sie natürlich in die Praxis, in der sie besonders leicht an Stoff kommen.“ So wie bei der ostfriesischen Drogenärztin Christiane B.: Als sie ihre Praxis einmal nicht öffnen konnte, klebte sie einfach ein Schild an die Türe: „Pola ist im Garten.“ Dort fanden die Fixer eine Flasche Polamidon und kleine Becher – zur Selbstbedienung. In anderen Fällen deckten AOK und MDK Niedersachsen rabiate Methoden auf, mit denen Süchtige zuweilen Ärzte um Drogen angingen: Junkies bedrohten Mediziner und Arzthelferinnen, zerkratzten deren Autos, andere wurden handgreiflich. Die Folge: In manchen Regionen wird der Schwarzmarkt regelrecht überschwemmt mit Methadon – vor allem weil Fixer ihren Stoff aus den Arztpraxen verkaufen, um sich selbst mit wirksameren Drogen einzudecken. Dabei sollen eigentlich die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) verhindern, dass der Stoff aus Praxen in dunkle Kanäle verschwindet. Dazu haben die Selbstverwaltungen in jedem Bundesland sogar eigene „Qualitätssicherungskommissionen“ gegründet – die aber nahezu wirkungslos bleiben: „Kontrollen vor Ort sind nicht vorgesehen“, räumt Konrad Cimander ein, der Chef der niedersächsischen Kommission. Wenn also ein Arzt manipulierte Akten vorlegt, läuft er kaum Gefahr, entdeckt zu werden. Aufgeschreckt von den Ermittlungen der Staatsanwaltschaften, hat nun immerhin die niedersächsische KV schärfere Prüfund e r

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gen angekündigt. Viele Mediziner reagieren prompt empört auf solche Nachforschungen. „Manche drohen sogar, die Substitution aufzugeben“, berichtet Cimander. Dann breche die Versorgung der Süchtigen zusammen – sie müssten „zurück auf die Straße“. Dabei werden demnächst womöglich noch mehr Drogenärzte gebraucht, sollte das Betäubungsmittelgesetz die Verschreibung von Heroin zulassen. Zwar wurde die Heroinvergabe bislang nur im Rahmen einer Studie in sieben Großstädten getestet, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat den Einsatz als Medikament aber bereits befürwortet. Der Kick auf Krankenschein könnte Tausende Junkies zusätzlich in die Behandlung locken. Der Hamburger Medizinprofessor Achim Schmoldt fürchtet deshalb schon Schlimmes: „Anfangs war die Vergabe von Methadon auch streng geregelt. Inzwischen gehen viele Ärzte zu leichtfertig damit um“, klagt er. Das könne sich beim Heroin wiederholen. „Spätestens wenn Süchtige nicht mehr nur in Großstädten, sondern auf dem Land versorgt werden sollen“, so Schmoldt, „bekommen wir dieselben Probleme, die derzeit beim Methadon bestehen.“ Selbst ausgewiesene Suchtexperten geraten dabei schon mal auf Abwege: In Kassel hat die Staatsanwaltschaft jetzt einen 55-jährigen Arzt angeklagt, der Methadon gleich in Sprudelwasserflaschen abgefüllt und an Süchtige verkauft haben soll. Bis zu seiner Verhaftung schulte der Mediziner in Hessen Kollegen ausgerechnet in der richtigen Behandlung Abhängiger. Was selbst die Drogenärzte nicht bemerkt hatten: Der Mediziner war süchtig und brauchte Geld für sein Kokain. Michael Fröhlingsdorf


Gesellschaft

R AU S C HGI F T

„Lass mich die Nacht überleben“ Drogen zu nehmen, um kreativ zu sein, gilt in manchen Berufen als karrierefördernd. Mit Alkohol, Koks oder Heroin pushen sich Manager, Musiker und andere Medienstars. Über seine Sucht und sein Doppelleben schreibt ein etablierter Journalist und chronischer Junkie.

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interviewte einen der renommiertesten Regisseure Deutschlands. Seit einiger Zeit hatte ich dazu übergehen müssen, in die kleinen Adern auf meinem Handrücken und auf den Fingern zu injizieren. Die Venen an meinen Armen waren völlig zerstört. Mittlerweile sahen meine Hände aus wie Klauen aus einem Horrorfilm – ge-

Kate Moss

zu richten. Dennoch gelang es mir, das Interview durchzustehen. Wenn es etwas gab, das ich noch mehr fürchtete als die Entzugsqualen, dann war es die Vorstellung, meinen Job zu verlieren. Seit meinem 17. Lebensjahr hatte ich davon geträumt, mit Schreiben mein Geld zu verdienen. Vor beinahe zehn Jahren war dieser Traum

ULI DECK / DPA (R.)

BULLS PRESS (L.); SPLASH NEWS + PICTURE AGENCY / ACTION PRESS (M.)

wei Tage vor Weihnachten versuchte ich, meine Freundin zu erwürgen. In den letzten Jahren waren es immer wieder diese Wochen um den Jahreswechsel, in denen mein Leben aus den Fugen geriet. Seit 15 Jahren schlug ich mich schon mit meiner Heroin-Abhängigkeit herum, mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Charlie Sheen

Christoph Daum

Prominente Ex-Drogenkonsumenten: Kokain als Kick für Kreative, Heroin als Polster gegen die Welt

Dutzende Entgiftungsversuche und zwei stationäre Langzeittherapien hatte ich hinter mir. Seit einigen Monaten spritzte ich wieder täglich Heroin, oft zusammen mit Kokain*. Beinahe zwei Jahre war alles gut gegangen, dieses Mal. Ich schrieb mittlerweile für die interessantesten Zeitungen des Landes und verdiente ziemlich anständig, im Sommer war ich in eine geräumige Altbauwohnung gezogen. Und, vielleicht das Wichtigste, ich hatte mich wieder verliebt. An diesem Abend, kurz vor Weihnachten, lag der Körper meiner Freundin auf dem hölzernen Dielenboden und wand sich unter mir, meine Hände an ihrem Hals. Wenige Stunden zuvor hatte ich mich noch krampfhaft bemüht, diese Hände zu verbergen. Ich saß in einer Hotelsuite und * Der Autor des autobiografischen Textes arbeitet seit rund zehn Jahren für deutsche Zeitungen und Magazine, auch für den SPIEGEL. Die Zwischentexte verfasste SPIEGEL-Redakteurin Fiona Ehlers.

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schwollen, entzündet, zerstochen. Ich trug nur noch Pullover mit sehr langen Ärmeln. Glücklicherweise war es Winter. Der Regisseur hatte schöne schlanke Hände. Hände, die ständig in Bewegung waren. Die mit meinem Aufnahmegerät spielten, wenn er nachdachte. Hände, mit denen er seine Welt zu gestalten schien. Es fiel mir schwer, mich auf unser Gespräch zu konzentrieren. Ich hatte mit dem Flugzeug anreisen müssen, und meinen letzten Druck hatte ich mir vor vielen Stunden gesetzt, vor dem Abflug. Heroin an Bord zu schmuggeln war mir zu riskant erschienen. Außerdem versuchte ich, meinen Konsum wenigstens ansatzweise zu kontrollieren, indem ich jeden Tag nur eine bestimmte Menge kaufte. Am Ende des Tages wurde es daher oft eng. Ich wurde unruhig, litt unter Schweißausbrüchen. Ich wollte nach Hause. Jetzt gleich. Es bereitete mir körperliche Anstrengung, meine Aufmerksamkeit auf irgendetwas anderes d e r

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wahr geworden. Manchmal schien es mir, als sei meine Arbeit der letzte Rest von Leben, der mir noch geblieben war. Also klammerte ich mich an meine Arbeit. Bei jedem Auftrag zerfraß die Angst, alldem nicht mehr gewachsen zu sein, meine Eingeweide. Ich begriff selbst nicht, wie es mir gelang, Reisen durchzustehen, Interviews zu führen, Texte zu schreiben. Also saß ich in diesem Hotelzimmer und redete, zerfressen von Versagensangst, Scham, Selbsthass und Drogengier. Nur diese verdammten 45 Minuten. Dann hast du es überstanden. Ich sah dem Regisseur dabei zu, wie er mit seinen Gesten seine Sätze rahmte. Stunden später sah ich meinen Händen zu, die den Hals meiner Freundin würgten. Den Junkies, die an Bahnhöfen herumschnorren, sieht man meist an, dass sie drogenabhängig sind. Die Kokser und Fixer jedoch, die Erfolg im Beruf haben


BERTHOLD FABRICIUS / ACTION PRESS (L.)

Michael Ammer

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk, 48, fördert die rund 20 deutschen Fixerstuben, sie ließ rechtliche Hürden bei der Methadon-Substitution ausräumen, und sie lässt testen, ob es in Zukunft Heroin auf Rezept geben könnte: In sieben deutschen Städten spritzen derzeit 560 Junkies unter ärztlicher Aufsicht dreimal täglich bis zu 400 Milligramm reines, synthetisch hergestelltes Heroin. Rund 35 Millionen Euro kostet das erste deutsche Modellprojekt. Das Dilemma der Drogenpolitik aber ist, dass sie nur die Junkies erreicht, die schon am Ende sind. Nicht aber die Mehrheit, die gelegentlich Rauschgift spritzt, schnieft, inhaliert, schluckt – und Hilfe ablehnt oder nicht braucht. Wer die Drogenbeauftragte nach Michel Friedmans Koks-Affäre fragt, bekommt zu hören: „Mich stört es, wenn ein Einzelfall herausgehoben wird, ohne dass das gesellschaftliche Problem diskutiert wird.“

FRANK WACHE / AGENTUR FOCUS

nur durch lästige Bedürfnisse auf sich aufmerksam macht, Freunde und Familie, deren Sorgen du nicht zerstreuen kannst, eine Welt, die nur Forderungen stellt, denen du dich nicht gewachsen fühlst. Nichts strukturiert das Leben mit solcher Eindeutigkeit wie die Sucht. Sie lässt keinen Raum für Zweifel, nicht mal für Entscheidungen. Zufriedenheit misst sich an der vorhandenen Drogenmenge. Sucht ordnet die Welt. Ich war an diesem Nachmittag nur einige hundert Kilometer von zu Hause entfernt, aber es schien mir wie das Ende der Welt. Zu Hause, das war da, wo die Drogen auf mich warteten. Dass ich den Flieger noch erreichte, konnte meine Unruhe nur kurzfristig zügeln. Der Start verzögerte sich, ich dämmerte wieder vor mich hin. Jedes Mal, wenn ich die Augen öffne-

SPLASH NEWS + PICTURES / ACTION PRESS (M.); DPA (R.)

und weiter funktionieren, führen ein Doppelleben. Arbeiten und sich mit Drogen zu inspirieren gehört für sie zusammen. Schätzungsweise 2,5 Millionen Kiffer, 150 000 Heroin-Junkies und 100 000 Kokser in Deutschland konsumieren jährlich für drei Milliarden Euro Drogen. Wer nicht mehr klarkommt mit seiner Sucht, wer zusammenklappt und Hilfe sucht, auf den warten 450 Ambulanzen, 11 000 Entzugs- und 50 000 Substitutionsplätze. Therapiebedürftig sind aber offenbar weit über 150 000 Deutsche. Am 25. Juni billigte das Bundeskabinett den „Aktionsplan“, mit dem sich deutsche Drogenprobleme „nachhaltig reduzieren“ lassen sollen. Rauschgiftabhängigkeit ist für RotGrün nicht mehr nur ein Verbrechen, sondern eine Krankheit und heilbar. Droge Heroin: Der Körper wird zum Feind

Courtney Love

Konstantin Wecker

Die Rückreise nach dem Interview war eine Tortur. Schon im Taxi war ich weggedämmert, ein flacher, fiebriger Erschöpfungsschlaf, aus dem ich ständig hochschreckte. Ein Film von kaltem Schweiß bedeckte meine Haut. Es sah danach aus, dass ich meinen Flug verpassen würde. Noch eineinhalb Stunden länger auf meinen nächsten Druck warten zu müssen schien mir unerträglich. Ich sah alle 90 Sekunden auf die Uhr. Drogensucht macht dir die Zeit zum Feind. Du wartest. Ständig, in endloser Wiederholungsschleife, immer wieder aufs Neue. Auf das Ende der Schmerzen, deinen Dealer, das nächste Geld, einen Platz in der Entgiftung oder einfach nur darauf, dass der Tag endlich zu Ende geht. Dass alles endlich zu Ende geht. Nach jedem Druck läuft die Uhr wieder unaufhaltsam gegen dich. Vielleicht ist das das Hinterhältigste an der Sucht – sie macht dir alles und jeden zum Feind. Die Zeit, deinen Körper, der d e r

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te und sah, dass die Maschine immer noch auf dem Rollfeld stand, hätte ich heulen können. Der Entzug kroch langsam in meine Glieder und biss sich in den Knochen fest. Ein inwendiges Reißen in Armen und Beinen, als wären Muskeln und Sehnen zu kurz. In meiner Wohnung wartete Monika auf mich. Sie war nachmittags bei unserem Dealer gewesen, einem jungen Schwarzen, und hatte Heroin und Kokain gekauft. Das nötige Geld hatte ich ihr vor meinem Abflug gegeben. Das war unser ganz persönlicher Deal – ich verdiente das Geld, und sie ging los, Drogen besorgen. Ich hasste alle Junkies, wollte mit der Szene so wenig wie möglich zu tun haben. Und bei der Arbeit beschränkte ich, wenn es irgend ging, meine Kontakte mit den zuständigen Redakteuren auf E-Mail und Fax, ging erst ans Telefon, wenn die Nachricht auf dem Anrufbeantworter keinerlei Aufschub mehr zuließ. Mit meinen Freunden redete ich schon lange nicht 117


mehr, ich hatte ihnen sowieso nichts zu sagen. Wie so häufig in den vergangenen Wochen hatte ich stundenlang im Bad gesessen und versucht, eine Ader zu finden, die noch nicht völlig zerstört war. Vor allem das Kokain zerfrisst die Venen, die zahllosen Einstiche mit nichtsterilen Spritzen tun das Übrige. In meinem Badezimmer sah es aus wie in einer Schlachterei, Blutschlieren im Waschbecken und auf dem Boden, Wände und Decke bespritzt. Die Entzugserscheinungen an diesem Tag war ich halbwegs losgeworden, indem ich zunächst ungefähr ein Gramm Heroin geraucht hatte – das braune Pulver verdampft auf einem Alu-Blech, das von unten erhitzt wird, der Rauch wird inhaliert, so tief wie irgend möglich. Da die Droge den Umweg über die Lunge nehmen muss, lässt die Wirkung einige Minuten auf sich warten, eine Ewigkeit also. Der Rausch steigt nur langsam und bedächtig in den Kopf, der erlösende Kick bleibt aus. Ein wenig wie Sex ohne Orgasmus. Außerdem war das Inhalieren eine Tortur für mich. Ich bin Asthmatiker, meine Lunge rasselte schon nach kurzer Zeit, jeder Zug schmerzte wie ein Messerstich und löste Übelkeit und Brechreiz aus. Mit jedem vergeblichen Injektionsversuch wuchs meine Unruhe. Mein Kopf war voll von Bildern, von Erinnerungen an Augenblicke voller Verzückung und unglaublicher Intensität. Erinnerungen daran, wie ich als 14-Jähriger Haschisch schätzen lernte, weil ich plötzlich Musik nicht nur hören, sondern im ganzen Körper spüren konnte. Daran, wie ich im LSD-Rausch mit vor Staunen offenem Mund vor einer Fußgängerampel stand und der Wechsel der Farben kleine Lichtexplosionen in meinem Hirn auslöste. Neben mir meine Freunde, auf magische Weise mit mir verbunden. Erinnerungen an meinen ersten Druck, der mich ähnlich gefangen nahm wie mein erster Sex: daran, wie das Heroin-Kokain-Gemisch all meine Nervenzellen zum Schwingen brachte, bis ich vor erregter Spannung vibrierte, eine Art riesiger chinesischer Gong aus Fleisch und Knochen. An die alles besänftigende Wirkung des Heroins, eine Art Lenor für die Seele, das dich warm umschließt wie die Fruchtblase den Fötus. Die Erinnerung an Stunden, die ich in drogenbefeuerter Zweisamkeit verbrachte, ein nacktes Mädchen neben mir, selbst die zarteste Berührung ließ elektrische Wellen durch unsere Körper sirren. Damals nahm ich Drogen, weil es großartig war. Ich hatte mich für Drogen entschieden. Bewusst und, wie ich meinte, aus sehr guten Gründen: Drogen lösten all die Versprechen der Zigarettenwerbung ein. Wir gingen meilenweit für den nächsten Druck, und Junk schmeckte nach Freiheit und Abenteuer. Ich war 18 Jahre alt und hätte 118

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Gesellschaft verachtest ihn dafür. Weil es einfacher ist, als sich selbst zu hassen. Dein Partner ist dein wichtigster Verbündeter und dein schlimmster Feind. Die Sucht kettet aneinander, aus den falschen Gründen, sicher, aber mit unglaublicher Macht. Du willst den anderen verletzen, zumindest mit Worten, weil du in diesem Moment eine Ahnung davon bekommst, wo du aufhörst und der andere anfängt. Monika und ich lebten seit Monaten so. Sie brauchte mein Geld, meine Wohnung. Ich brauchte sie, damit ich mich von der Szene fern halten konnte und nicht Gefahr lief, verhaftet zu werden. Brauchte sie, weil sie mir immer wieder eine Art Galgenfrist verschaffte: Wie hätte ich noch Zeit und Energie für meine Arbeit finden sollen, wenn ich mich noch jeden Tag um die Drogenkäufe hätte kümmern müssen? Außerdem konnte ich mich an ihr aufrichten: In manchen Momenten schien sie mir viel kaputter und süchtiger, als ich selbst es war. Wir fühlten uns einander ausgeliefert. Oft schrien wir uns an, vor allem, wenn es darum ging, die letzten Drogenreserven aufzuteilen. Als ich herausfand, dass Monika ein paar Dutzend meiner CDs verkauft hatte, weil ihr die Kokain-Menge, die ich bezahlte, nicht ausreichte, warf ich sie aus meiner Wohnung. Am nächsten Abend stand sie wieder vor meiner Tür. Ich ließ sie herein. Wir hatten beide von Anfang an gewusst, dass es so ausgehen würde. Nachts im Bett klammerten wir uns wie Ertrinkende aneinander, so, wie ich Drogenspritze: Nach jedem Druck läuft die Uhr mich als kleiner Junge an meidas Gewebe meines Unterarms injiziert nen Teddy geklammert hatte. Sex oder gar Zärtlichkeit spielten keine Rolle mehr. hatte. Einmal hatte ich versehentlich eine Arterie erwischt, ein fataler Irrtum, statt der Jedes Frühjahr verliest die Drogenersehnten Betäubung nur ein Gefühl wie beauftragte in Berlin den Drogen- und flüssige Lava in den Adern. Ich hatte sogar Suchtbericht. Darin steht eine Zahl, auf schon versucht, in die Venen auf meinem die alle warten, eine Zahl, an der ihre Penis zu injizieren. Was sich verhältnis- Arbeit gemessen wird – die Zahl der mäßig schwierig gestaltete, da die Haut Toten im Drogenkrieg. und die Adern nur im erigierten Zustand Gemessen wird die Drogenbeauftragte über die nötige Spannung verfügen. Der der Bundesregierung daran, ob diese Versuch, diesen Zustand aufrechtzuerhal- Zahl sinkt oder steigt. Sinkt sie, wird man ten und gleichzeitig eine Spritze hinein- sagen, die Caspers-Merk, die macht ihre Sache schon. Steigt die Zahl, wird es zustechen, ging meist daneben. Monika lag im Schlafzimmer auf dem Ärger geben – oder einen neuen DrogenBett. Lag da wie eine Marionette, der man beauftragten. die Schnüre zerschnitten hatte, weltent- Am 29. April dieses Jahres sprach Marion rückt, rauschverloren. Zum einen fraß der Caspers-Merk eine Zahl ins Mikrofon, Neid mich auf, nach diesem Zustand hatte laut und stolz, als handelte es sich um die ich mich seit Stunden gesehnt. Zum ande- Neuzugänge der SPD in einer deutschen Kleinstadt: 1513 Menschen starben im ren ekelte ihr Anblick mich an. Das war vielleicht das Schrecklichste an Jahr 2002 an den Folgen des Rauschgifteiner Junkie-Beziehung – die fast symbio- konsums, viele von ihnen an einer Übertische Verstrickung erzeugt immer sehr dosis. „1513“ – das ist der Rekord seit 1997 schnell sehr viel Hass. Der andere wird und 17,5 Prozent weniger als 2001, da wazum Spiegel, in dem du all das erkennst, ren es 1835 Tote, 2000 sogar 2030. Seit zwei was du an dir selbst verabscheust. Du Jahren ist die Zahl der Rauschgifttoten CHRISTOPH KELLER / VISUM

nicht anders leben wollen. Tagsüber zog ich mit meinen zwei Freunden durch die Stadt, organisierte Geld und Drogen, betrank mich in Kneipen und auf Konzerten. Abends fuhr ich mit dem einen nach Hause und legte mich wohlig berauscht zu seiner Schwester ins Bett, mit der ich damals eine Art Beziehung hatte. So ungefähr stellte ich mir das Paradies vor. Nur noch Erinnerung, meinem Zugriff entzogen. 15 Jahre trennten mich von diesem Paradies. Ich hielt die erlösende Spritze in den Händen und fand noch nicht einmal einen Weg in meine Blutbahn. Ich hatte schon zwei oder drei volle Spritzen wegwerfen müssen, da durch die vergeblichen Injektionsversuche Blut in die Kanüle gelangt war, das irgendwann verklumpte. Mein linker Arm war taub geworden, nachdem ich die Suche nach einer Vene aufgegeben und das Heroin-Kokain-Gemisch völlig entnervt in

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Gesellschaft

SEBASTIAN WILLNOW / DDP

Es war September, als ich Monika zum ersten Mal sah, ein sonnenmatter Spätsommerabend, aber das Frösteln in meinem Körper ging mir bis auf die Knochen. Es war mein erster Tag in einer Drogenklinik im Westerwald. Seit beinahe zwei Wochen hatte ich kaum noch geschlafen, 45 Minuten pro Nacht, im Höchstfall. Ein halbes Jahr zuvor hatte ich mich substituieren lassen, hatte von einem Arzt den Ersatzstoff Polamydon bekommen. Das sollte mir helfen, die Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken. Das Polamydon war

Keith Richards

Und jetzt – jetzt blickte ich auf meine Hände, sie waren das Erste, was ich sah, als die Nebel in meinem Kopf durchlässiger wurden. Hände an ihrem Hals. Sie schrie. Ich konnte sie nicht hören, aber ich sah, wie sich ihre Lippen bewegten. Sie wand sich, trat, schlug um sich. Zerrte an den Händen, die sie würgten und am Boden festhielten. Nur langsam sickerte in mein Bewusstsein, dass diese Hände meine waren. Es dauerte Minuten, bis ich realisierte, was geschah, was ich gerade tat. Ich ließ sie los, abrupt, verstört. Ich hatte keine Ahnung, was passiert war. Monika hatte mir einen Druck gesetzt, das war das Letzte, an was ich mich erinnerte. Mehr als ein halbes Gramm Kokain, in meine Halsvene. Etwas, was ich nur sehr selten tat. Weil Einstichstellen am Hals schwer zu verbergen sind. Monika hatte mir die Spritze setzen müssen, weil ich mit den seitenverkehrten Bewegungen vor dem

RALF SUCCO / ACTION PRESS (M.); MARK J. TERRILL / AP (R.)

ne Glieder schmerzten, keine Liegeposition war lange auszuhalten. Manchmal stand ich kurz davor, meinen schnarchenden Zimmerkollegen zu erdrosseln. Monika war schon zwei Monate hier. Als ich sie zum ersten Mal sah, saß ich auf der letzten Stufe einer Treppe, ausgelaugt und bewegungsunfähig. Sie schien die Treppe hinaufzufliegen. Anfang 20 und das schönste Mädchen, das ich seit langer Zeit gesehen hatte – so jung, so aufregend, sie schien mir zu flirren vor Energie und Leben. Nie war ich so anfällig für diese Gefühle wie in diesen Momenten: Kurz nach dem Drogenentzug war mir jedes Mal, als wäre meine Haut verkehrt herum auf den Körper getackert. Jahrelang hatten die Opiate alle anderen Bedürfnisse beinahe völlig ausgeschaltet. Jetzt kamen sie mit Macht zurück. Monika ging es ähnlich. Wir stürzten uns aufeinander. Dass Beziehungen, die in Therapien entstehen, dem Alltag

rückläufig, wie auch die Zahl der „erstauffälligen Konsumenten harter Drogen“. Diese Zahlen sind für Caspers-Merk der Beweis, dass Drogenpolitik erfolgreich sein kann. Sie machen sich gut auf Drogenkonferenzen, wenn wieder Kritiker von Versagen sprechen, vom verlorenen Krieg gegen das Gift.

Eckard Witzigmann

Whitney Houston

Ex-Drogenkonsumenten: Schlucken, spritzen, schniefen – und trotzdem funktionieren im Beruf

mir schnell widerlich geworden. Es nahm mir die Entzugssymptome, sicher. Aber auf Drogen ging es mir wenigstens ab und an so elend, dass ich mich im Vergleich dazu an anderen Tagen gut fühlte. Polamydon versetzte mich in ein dumpfes Dämmern. Völlige Antriebslosigkeit, ich schlurfte morgens in meine Apotheke, und das war es. Arbeiten ging gar nicht mehr. Warum auch? Ich saß nur noch vor dem Fernseher, stundenlang. Drei Wochen vor Therapiebeginn hatte ich im Krankenhaus entgiftet. Jeden Tag wurde die Polamydon-Menge, die ich nahm, reduziert. In der letzten Woche bekam ich nichts mehr. Erst da begannen die echten Schwierigkeiten. Anders als der Heroin-Entzug, der ungleich schmerzhafter, aber dafür auch überschaubarer abläuft – nach zwei Wochen ist das Gröbste überstanden –, zieht sich der PolamydonEntzug schier endlos hin. Beinahe drei Monate dauerten meine Schlafstörungen. Mei120

meist nicht standhalten und dass fast alle mit dem Rückfall enden, wusste ich. Aber Statistiken, dachte ich, konnten uns nichts anhaben. Es dauerte ungefähr ein Jahr, bis sich die Sucht wieder in unser Leben schlich. Schon Monate bevor einer von uns beiden rückfällig wurde, war sie da. Unsere Beziehung wurde immer enger, hermetischer, abhängiger. Schließlich geschah es immer häufiger, dass ich abends nach Hause kam – damals arbeitete ich als Urlaubsvertretung in der Redaktion eines großen Magazins – und den Notarzt in der Wohnung vorfand. Weil Monika kollabiert war und sich in Krämpfen auf dem Boden wand. Der Arzt injizierte ihr Valium, sie lag auf meinem Bett und dämmerte weg. Ich saß daneben und fand keine Ruhe, aufgewühlt, verängstigt und gelähmt. Ein Gefühl wie langsames Ausbluten. Bis der HeroinRausch irgendwann das Einzige war, was mir Linderung verhieß. d e r

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Spiegel nicht zurechtkam. Dann, erzählte sie mir, war ich umgefallen, mit dem Kopf hart auf dem Boden aufgeschlagen und bewegungslos liegen geblieben. Mein Körper wurde steif, und meine Lippen färbten sich blau. Ich hatte eine Überdosis Kokain erwischt. Irgendwann öffnete ich die Augen und sah, dass sich jemand über mich beugte. Dass es Monika war, die panisch vor Angst an mir rüttelte, kapierte ich nicht. Ich lag am Boden, mir ging es elend, und da war jemand über mir. Alles entlud sich, und Monika war das geeignete Ziel. Ich erinnerte mich später nur daran, sie durch die Wohnung gejagt zu haben, bis ihr Hals in meinen Händen war. Und ich erinnerte mich an Wut. Unbändigen Hass und unbedingten Willen, ihr wehzutun. Völliger Kontrollverlust, animalisch und bösartig. Am Anfang suchen sie den Kick. Sie wollen Abenteurer sein und ausprobieren, wie tief sie eindringen können in andere


David Bowie

Axels Tod endlich einen Sinn bekommt, ließen sie die Villa Schöpflin zum Zentrum für Suchtprävention ausbauen, einer Anlaufstelle für Jugendliche und ihre Familien. Die Villa steht im Landkreis Lörrach an der Grenze zur Schweiz, 1997 gab es dort 14 Drogentote, bisheriger Negativrekord. Lörrach gehört zum Wahlkreis von Marion Caspers-Merk. Auf der Einweihungsfeier sprach die Drogenbeauftragte von Fehlern ihrer Vorgänger und davon, dass man Visionen brauche im Kampf gegen das Rauschgift.„Hätte es diese Einrichtung schon damals gegeben“, sagten Axels Verwandte in ihren Reden, die sie unterbrechen mussten, als Trauer und Wut wieder hervorbrachen, „wären wir heute noch eine glückliche Familie.“ „Wir erwarten, dass sich unsere Hoffnungen endlich erfüllen“, sagten sie, „in diesem Haus muss wieder gelebt werden!“ Die Bilder in meinem Kopf sortierten sich zu Erinnerung. Der Schock ließ mich

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ich nicht mehr. Irgendwann gingen sie, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass auch Monika wohlauf war. Gingen, ohne meine Wohnung betreten zu haben. Als sie weg waren, schluckte ich meinen gesamten Vorrat an Valium, schüttete zwei Liter Bier in mich hinein und rauchte so viel Heroin, wie ich in meine Lunge zwingen konnte, ohne zu erbrechen. Sog den Rauch in meine Lungen, als wäre ich gerade dem Ersticken entronnen. Danach brach ich heulend zusammen. Ich klammerte mich an Monika, wimmerte und stammelte: „Bitte hilf mir.“ Immer wieder diesen einen Satz. Es war kurz vor Mitternacht. Am nächsten Morgen musste ich um 8.30 Uhr am Hauptbahnhof einen Zug erreichen, mittags sollte ich ein Interview in einer anderen Stadt führen. In

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Dimensionen. Am Ende gelingt Junkies selten der Ausstieg. Am Ende suchen sie Erlösung. „Es solle sein letzter Schuss sein, versprach Axel, dann bin ich los vom Stoff, dann werde ich endlich clean“, sagt Axels Mutter. Ihr Sohn, ein neugieriger Junge, 19 Jahre alt, hochintelligent und Bester seiner Klasse im Skifahren, spritzte Heroin. Seine Eltern wollten lange nichts wissen, sie schauten weg. Vor acht Jahren starb Axel an dem Schuss, der sein Ausstieg sein sollte, er brach sein Versprechen. Vielleicht ahnte er, dass nur im Tod Erlösung liegt. Er setzte sich eine Überdosis, den goldenen Schuss. Axels Familie gründete das Schöpflin-Versandhaus. Axels Familie hat keinen Sohn mehr, aber sie hat ein Haus mit Garten und Geld. Damit Droge Kokain: Stoff für das Doppelleben

Janis Joplin

Naomi Campbell

am ganzen Körper zittern, ich würgte, der Geschmack von Galle in meinem Mund. Monika wand sich unter Heulkrämpfen und schrie immer wieder, warum ich sie so sehr hassen würde. Es klingelte an der Tür. Zunächst begriff ich kaum, was dieses Geräusch zu bedeuten hatte. Dann sah ich den Widerschein von Blaulicht, der durch mein Fenster fiel. Auf der Straße vor meinem Haus ein Krankenwagen und ein Einsatzfahrzeug der Polizei. Monika sagte, sie habe den Notarzt gerufen, als ich regungslos auf dem Boden lag. Sie habe sich nicht anders zu helfen gewusst. In meiner Wohnung lagen umgestürzte Möbel, auf dem Dielenboden benutzte Spritzen und auf dem Küchentisch einige Gramm Heroin und Kokain. Es klingelte wieder, diesmal direkt an meiner Wohnungstür. Der Polizist sagte, er habe einen Notruf erhalten, und wenn ich nicht öffnen würde, wäre er berechtigt, die Tür aufzubrechen. Ich öffnete. Wie es mir gelang, die Beamten zu beruhigen, weiß d e r

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meinem Kopf war nur noch ein einziger Gedanke. Obwohl ich seit Jahrzehnten an keine Religion mehr glaubte, klang es wie ein Gebet: „Lieber Gott, lass mich die Nacht überleben.“ Ich stand die Nacht durch. Und auch den nächsten Tag, inklusive Interview. Nach den Weihnachtsfeiertagen meldete ich mich im Krankenhaus für einen Entgiftungsplatz an. Wochen später, an dem Tag, an dem ich ins Krankenhaus ging, warf ich Monika aus meiner Wohnung. Einige Male kam sie noch zurück, einige Male ließ ich sie wieder herein, um sie in immer kürzeren Abständen wieder vor die Tür zu setzen. Irgendwann kam sie nicht wieder. Monate später entschied ich mich zu einer weiteren stationären Drogentherapie. Im vergangenen Jahr nahm ich mein Leben wieder ganz in meine Hände. Monika sah ich zuletzt vor einigen Monaten zufällig auf der Straße. Sie sah sehr ausgezehrt aus. Soweit ich weiß, lebt sie noch. ™ 121


FOTOS: THOMAS GRABKA

Ausland

Opium-Ernte in Badakhshan, Anritzen der Schlafmohnkapseln: Zuwachs an Mohnfeldern um 239 Prozent A F G H A N I S TA N

„Schlafmohn ist kein Verbrechen“ Nach dem Ende des Taliban-Regimes ist Afghanistan wieder größter Opium-Lieferant der Welt. Die Regierung Karzai führt einen verzweifelten Kampf gegen das lukrative Geschäft mit dem Saft der Mohnkapsel, sie scheitert aber an der Macht der Warlords und an der Armut der Bauern.

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das 50fache Jahresgehalt eines afghanischen Lehrers. Fünf Kilo lassen sich auf einem „Jerip“ produzieren, der afghanischen Einheit für ein Fünftel Hektar. Aus den Samen im Innern der Mohnkapsel gewinnt Nazar Öl, den Stängel der Pflanze verbrennt er und rührt aus der Asche, mit Öl vermengt, Seife. Der Rest wird an die Kühe verfüttert. Nazar hat sich die Hände blutig gerissen an den Pflanzen. Er hasst den Mohn, aber ohne die Kapseln kann er nicht überleben. „Was soll ich denn machen?“, fragt er, „Reis kann man in dieser Gegend nicht anbauen, und Weizen ist zu teuer. Ich habe keine Wahl.“ TADSCHIKISTAN

USBEKISTAN

Pjand s

Moskowski Parhar Faizabad Baharak Argu ch

in Platanenhain versteckt den ausgetrampelten Pfad zu den geheimen Plantagen. Kläffend verteidigt ein räudiger Bastard sein Revier um ein verwaistes Nomadenzelt. Doch der Hirte, der mit seinen Ochsen im Schatten unter den Bäumen liegt, schläft weiter. Die flirrende Mittagshitze trocknet hier alles aus. Außer einigen grün-gelben Honigmelonen, die ungeerntet am staubigen Boden schmoren, wächst kaum was in dieser gnadenlosen Dürre. Nur Saheb Nazar müht sich noch, der widerborstigen Natur in Badakhshan eine Gunst abzuringen, und zwar eine besonders lukrative: Opium. Kapsel um Kapsel ritzt er mit einem kleinen Holzstift in das noch frische, fette Grün. Die Nachbarsjungen kennen das illegale Geschäft und helfen. Morgen wird er die über Nacht tropfende, bräunliche Masse abschaben und in Plastiktüten sammeln. Weil Opium wie Whiskey in der Qualität besser wird mit dem Alter, lagert er die Tüten, damit sie an Wert gewinnen. Saheb Nazar und seinen vier Brüdern gehört der Hof mit drei Hektar. Umgerechnet 240 Dollar kann er pro Kilo des klebrigen Gifts auf dem Basar in Baharak oder bei einem der vorbeireisenden Tadschiken erzielen. Mit einer Ernte kann Nazar 18 000 Dollar verdienen, das ist

Provinz Badakhshan

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Für die islamistischen Religionswächter der Taliban war die braune Paste, die aus der Kapsel gewonnen wurde, „haram“ – verboten. Mit einem Dekret von Mullah Omar reduzierten sie den Mohnanbau von mehr als 80 000 Hektar im Jahr 2000 auf knapp über 7000 Hektar im vorigen Sommer. Seit dem Sieg der Nordallianz aber ist das Geschäft mit dem Saft der grünen Kapseln und der Handel über die Grenzen nach Pakistan oder Tadschikistan dramatisch angestiegen. Experten der Uno-Behörde für Drogenkontrolle (UNDCP) schätzen, dass nun wieder Mohn auf einer Fläche von 45 000 bis 65 000 Hektar angebaut wird. Nicht nur in südlichen Provinzen wie Helmand, in denen die Nordallianz auf viel Widerstand der überwiegend paschtunischen Bevölkerung stößt. Auch und gerade in ihren eigenen Stammgebieten floriert das Geschäft mit dem Opium. Allein in der nördlichsten Provinz Badakhshan verzeichnet die jüngste Untersuchung der Kontrolleure der UNDCP in den letzten zwei Jahren einen Zuwachs an Mohnfeldern um 239 Prozent. Die Hoffnung, die Präsenz der internationalen Truppen in Afghanistan schrecke die lokalen Bauern und ausländischen Drogennetzwerke ab, ist schon jetzt eine Illusion. Experten erwarten eine Opium-Ernte nach dem Krieg im Wert von rund einer 151


Ausland

Opium-Umschlagplatz Baharak: „Wir werden keinerlei Drogenhandel mehr zulassen“

Milliarde Dollar. Das würde zwei Drittel des gesamten Weltmarkts an Opium und Heroin abdecken. Auf Druck der internationalen Gemeinschaft stellte die Regierung Karzai mit einem ihrer ersten Dekrete den Anbau von Mohn unter Strafe. „Wir werden keinerlei Drogenhandel mehr zulassen“, kündigte der Präsident an und rief eilig eine eigene Kommission zur Bekämpfung des OpiumHandels ins Leben. Als deren Direktor hält Abdul Hai Ellahi im Garten des heruntergekommenen Bürogebäudes in Kabul Hof. Auf einem Plüschsofa thronend, berichtet der oberste Drogenbekämpfer bei grünem Tee und Rosinen freudig von all der Arbeit, die vor ihm liegt. Eine „schnelle Einsatztruppe“ will Ellahi aufbauen, eine „flächendeckende Beobachtergruppe“ schaffen und „pädagogische Programme“ entwickeln. Gibt es denn schon Erfolge? „Nun, die Regierung hat ihre Arbeit recht spät aufgenommen, da war der Mohn schon gesät oder das Rohopium bereits geerntet.“ Aber in Badakhshan, wo der Mohn besonders spät blüht, habe die Kommission mit einzelnen Delegationen zahlreiche Felder vernichtet. „Nein, Soldaten aus Kabul waren daran nicht beteiligt“, erklärt der Vertreter der Zentralregierung, „wegen der lokalen Sensibilitäten.“ Die Durchsetzung des Mohnanbau-Verbots wird zum Testfall für die Autorität der Regierung. Karzai sieht sich einer vielköpfigen Hydra gegenüber. Kabuls Präsident könnte scheitern an der bitteren Armut der Bauern, die sich teures Saatgut nicht leisten können, an den ausgetrockneten Böden, die kaum eine ergiebige Landwirtschaft erlauben, an lokalen Warlords, die vom Opium profitieren, und natürlich an der internationalen Drogenmafia, die vom Hin152

dukusch das lukrative Gift in den europäischen und amerikanischen Markt einspeist. Und Karzai weiß: Ein zu lasches Vorgehen verprellt die internationale Gemeinschaft, von deren Gunst er abhängt, während ein zu hartes Vorgehen die mächtigen Provinzfürsten verprellt und das unsichere Gleichgewicht im bürgerkriegsgeplagten Afghanistan neuerlich gefährdet. Besonders sensibel agierten die Drogenfahnder bei ihrem Feldzug indes nicht. Saheb Nazar und seine vier Brüder bekamen das zu spüren. Mit weißen Pick-up-

Drogenkontrolleur Ellahi

Kampf gegen vielköpfige Hydra

Trucks war die Delegation aus Kabul vorgefahren, sechs bewaffnete Soldaten als Begleitschutz. Der Mohn solle umgehend vernichtet werden, lautete die Forderung. 350 Dollar bezahle die Regierung pro Jerip. Das ist eine lächerliche Summe im Vergleich zu dem Schwarzmarktverlust. Mit Stockhieben wurde schließlich ein Feld vernichtet. Doch die anderen Jerips mit Schlafmohn wurden von den angeblichen Experten für Opium-Bekämpfung gar nicht erkannt: Die Pflanzen blühten noch nicht violett. So kassiert Nazar in dieser Saison gleich doppelt: d e r

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einmal mit dem Geld aus Kabul und dann durch den Verkauf der verbliebenen Jerips. Seit die Kommission ihre Kampagne begonnen hat, ist der Preis für Rohopium um mehr als 50 Prozent gestiegen. Klar doch, dass die meisten Bauern in Badakhshan deswegen falsche Angaben zur Größe ihrer Höfe machten. Manchen reichte ein guter Draht zum lokalen Warlord, andere hatten Freunde in der Kommission und kassierten mehr als 350 Dollar – aber alle nehmen die Kampagne als Anreiz, jetzt erst recht die Nutzpflanze zu kultivieren. „In einigen Wochen, wenn die Saison beginnt, und ich keine anderen Samen bekomme“, sagt Nazar, „baue ich wieder Mohn an.“ Misslich auch, dass die Wagen der Drogenhüter für die Eselspfade in der zerklüfteten Bergwelt des Hindukusch nicht sonderlich geeignet sind. Abseits der Hauptverkehrsstraße, in den Dörfern westlich von Baharak und Jurm, stehen die Felder der Bauern in voller Blüte: Einen Besuch der Kontrolleure braucht hier niemand zu fürchten. Auch um die Höfe zur tadschikischen Grenze im Norden strahlen die Mohnfelder in rotlila Pracht. Auf den steinigen Pfaden reiten Bauern mit Dosen voll Rohopium und bieten es jedem Reisenden in der einsamen Region unterhalb des schneebedeckten Pamir an. Gegen ein paar graue Steine wiegt Aziz Zulah in einer kleinen Handwaage das klebrige, braune Gold direkt am Wegesrand. Die Männer sitzen im Schatten bei grünem Tee und Fladenbrot und feiern die reiche Ernte, mit der sie endlich ihre Schulden der vergangenen Jahre begleichen können. Nur Enkelin Rozia bleibt, unter dem bunten Kopftuch verhüllt, zwischen den mehr als einen Meter hohen Kapseln stehen und beobachtet das Verkaufsgeschäft. Die Händler auf dem Basar von Argu wissen, wer sich was leisten kann. In den Holzverschlägen, in denen das spärliche Sortiment zwischen Aprikosen-Drops, „Duru-Lady-Seife“ und gefärbten Tüchern für den traditionellen Turban dargeboten wird, hoffen die Ladenbesitzer auf die Bauern der Umgebung. Die Ernte ist noch nicht vorüber, aber der Markt floriert schon jetzt. Wer Mohn anbaut, ist allemal kreditwürdig und kann anschreiben. Hinter den Päckchen mit dem losen schwarzen Tee liegt schon ein wenig Rohopium im Angebot von den ersten frühen Feldern. Über die langsamen Geschäfte mit dem tödlichen Gift wacht Abdul Jabar Mussadeq. Der Bürgermeister von Argu sitzt in seinem schäbigen Büro und stellt ein schiefes Lächeln zur Schau. Der rechte Mundwinkel fällt herab und zieht eine Schneise,


Ausland Regierung nur eine einzige Geldvernich- regierung und lokalen Warlords bestehen. tungsmaschine: „Wir hätten die Felder ein- „Afghanistan bräuchte internationale fach zerstören sollen“, sagt Tareq, „statt- Truppen auf jedem Quadratmeter dieses dessen kriegen die Leute jetzt noch Geld Landes“, sagt Mohammed Naim Nazeri, stellvertretender Minister für Landwirtfür ihre Ware.“ Zudem ist die Zentrale in Kabul nicht schaft in Kabul, „solange die Regierung einmal in der Lage, hier in Badakhshan nicht alle entwaffnet hat, können wir das die treuesten Weggefährten der Nordal- Programm gegen den Mohn vergessen.“ Aber in die bewaffneten Fehden will die lianz zu bezahlen: die Gehälter für Lehrer und Verwaltungsbeamte stehen schon fünf Regierung Karzai nur im äußersten Notfall eingreifen. Wie jüngst in Monate aus. In unregelBadakhshan: Die Geschäfmäßigen Abständen bringt te mit den Opium-Zöllen ein Helikopter kiloweise um Jurm waren schön sauBargeld für die vergessenen ber aufgeteilt zwischen Beamten im Norden. Soden lokalen Führern Ablange Schlafmohn eine sibas, Farid, Mirhan und Ascherere Einnahmequelle lam – niemand störte sich bleibt als ein Job bei der an der Produktionsstätte Regierung, steht es schlecht für Heroin, die Farid in um den Kampf gegen das Nawa neben seinem Haus Opium. „Schlafmohn ist unterhielt, niemand kümkein Verbrechen in diesem merte der Profit aus SteuLand“, sagt denn auch ern, den die Warlords abKhaled Mustafawi Unamar schöpften. Erst als Streit von der UNDCP in Faizaausbrach und jeder 50 Bebad, „es ist eine Not.“ Der waffnete für sich in die Projektantrag der UNDCP, Schlacht um die Zölle führden Bauern nicht nur Geld Beschlagnahmtes Rohopium te, erst als der Kampf hinterherzuwerfen, son- „Meistbietend verkauft“ schon über zwölf Stunden dern Samen für Safrananbau zu geben, liegt seit April in den dauerte und Helikopter aus Kunduz von Schubladen der internationalen Geldgeber den verfeindeten Banden beschossen wur– nur wenige Wochen noch, fürchtet die den, setzten die Regierungstruppen sich UNDCP, dann ist die Saatzeit vorbei, und durch: Abbas, Farid und Aslam wurden verhaftet, ihre Soldaten entwaffnet, die Fadie Saison gehört erneut dem Mohn. Während gegen die Bauern mit halb- brik in Nawa zerstört. Nur leider wurde herzigen Maßnahmen aus Kabul vorge- aber das Rohopium, so sagen die alten gangen wird, können die Händler und Pro- Männer auf dem Basar von Jurm, „meistduzenten nahezu ungestört agieren. Ein bietend verkauft“. Badakhshan liegt als Umschlagplatz für einfaches Foto des Widerstandshelden Massud an der Windschutzscheibe eines Rohopium ideal an der ehemaligen SowjetLkw beeindruckt Nordallianz-Anhänger republik Tadschikistan. 70 Prozent der Erndermaßen, dass sie auf Kontrollen des te gehen an das internationale DrogenWagens umgehend verzichten. Und solan- kartell über die so genannte Nordroute: ge keine Drogenkriege ausbrechen, bleibt Schmuggler transportieren sie über den das stille Arrangement zwischen Zentral- Pjandsch-Fluss im Norden nach Parhar, Moskowski oder Eshkashem unterhalb des Pamir-Massivs. „Die Leute schwimmen hier nachts über den Fluss“, sagt Abdul Samad, der eine „Pakul“-Mütze trägt wie einst Massud. Der Grenzbeamte in Eshkashem hat wenig Chancen gegen die Schmuggler. Zu ungleich ist das Kräftemessen, zu hoffnungslos der Kampf: „Manchmal fangen wir ein ganzes Jahr lang niemanden.“ Das ist nicht sonderlich erstaunlich, denn die Grenzer am Pjandsch-Fluss sind miserabel ausgerüstet, haben seit Jahren kein Gehalt bekommen. Die 400 Dollar Strafe, die sie ab und zu gefangenen Drogenhändlern pro Kilo Opium abknöpfen können, sind eine willkommene Entschädigung. Abdul Jabar Mussadeq, der Dorfschulze von Argu, schmunzelt mit seinem schiefen Gesicht über die Ungeduld der Westler: „Wenn der Krieg zu Ende ist“, sagt er, „hat der Frieden hier noch lange nicht begonnen.“ Opium-Raucher: „Hier auf Erden kümmert ihr euch nicht um das Elend“ Carolin Emcke 154

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die von einer russischen Kugel stammt. Mussadeq strahlt die Gelassenheit eines Mannes aus, der alle Kriege in Afghanistan überstanden hat. Von der Euphorie des wiederbelebten Kabul ist hier oben in der tiefsten Provinz wenig zu verspüren: Nicht nur Hunderte Kilometer liegen zwischen den Verordnungen der Zentralregierung und dem Stadtoberhaupt von Argu, sondern die Gipfel des Hindukusch, die unwegbaren Straßen durch Schluchten und Pässe und die reißenden grünlichen Massen des Kowkcheh-Flusses. Hinzu kommt die Hoffnungslosigkeit der Bauern, die von nichts außer ein paar zotteligen Ziegen und der Milch der Schlafmohnkapsel leben können. Die Kampagnen der Amerikaner gegen den verbotenen Saft, der den Menschen in Badakhshan die Rettung und vielen Süchtigen im Rest der Welt den Tod bedeutet, versteht der alte Kämpfer nicht. „Ihr Westler fahrt mit Raketen zum Mond und wollt ihn jetzt bebauen“, sagt Mussadeq, „aber hier auf der Erde kümmert ihr euch nicht um das Elend.“ Den Händlern auf dem Basar von Argu hat der treue Gefolgsmann der Nordallianz den offenen Verkauf von Opium verboten. Aber der Befehl des lächelnden Mannes gilt erst in einigen Monaten – also Wochen nach Ablauf der Ernte –, und über Strafen hat er auch noch nicht nachgedacht. Er wartet, ob die Zentralregierung wirklich ernsthafte Programme für die Landwirtschaft anbietet. Bis dahin kann weiter verkauft werden. „Das Geld, das hier gegen die Mohnkultivierung ausgegeben wird“, sagt der Gouverneur der Provinz Badakhshan, Said Mohammed Amin Tareq, in Faizabad, „fördert den Mohnanbau, anstatt ihn zu stoppen.“ Der Gouverneur will langfristige Hilfe, nicht Repression. Alternatives Saatgut für seine Bauern, nicht bloße Vernichtung. So ist in Tareqs Augen die Politik der

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ANDRE ZAND-VAKILI

Wissenschaft

Drogensüchtige (in Hamburg): Kalk von den Wänden gekratzt und mit Heroin versetzt DROGEN

Stoff zum Überleben In der Schweiz war die Idee bereits erfolgreich, nun beginnt in Karlsruhe und Bonn ein deutscher Modellversuch, Junkies mit Heroin zu versorgen.

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er Mann ist wie ein Fossil: sein Körper, ein Wrack, existiert nur noch als lebloses Abbild früherer Tage. 30 Jahre, mehr als sein halbes Leben, hängt der Junkie aus Karlsruhe an der Nadel. „Dass der überhaupt so lange überlebt hat, hätte ich nie geglaubt“, sagt Rainer Blobel, Chef der Karlsruher Drogenhilfe. Der Fixer hat alles hinter sich: Therapien, Gefängnis, Psychiatrie – die Sucht hat ihn aufgefressen. Nun aber bekommt der Altjunkie seine wohl letzte Chance, sich doch noch aus dem Drogensumpf herauszuziehen – zusammen mit 59 Süchtigen, von denen Blobel weiß, dass sie sich „den Kalk von der Bahnhofstoilette gekratzt, mit Heroin versetzt und dabei den Wert eines Einfamilienhauses in die Venen gespritzt haben“. In dieser Woche startet in Karlsruhe und Bonn das erste deutsche Modellprojekt einer „heroingestützten Behandlung“. Nach und nach sollen in einem wissenschaftlichen Großversuch 560 Fixer in sieben deutschen Städten kostenlos mit Heroin versorgt, außerdem psychosozial betreut und therapiert werden. Es ist ein Versuch zwischen Leben und Tod. Denn von dem Modell verspricht sich Karlsruhes Sozialbürgermeister Harald Denecken nichts weniger, als das „Leben von Menschen zu

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Schwerer Start Stand der Heroin-Modellprojekte Beginn

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Sommer 2002 140

1. April 2002 100 Bonn

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1. März 2002 100 1. Mai 2002 60

Karlsruhe 1. März 2002 60

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verlängern“, die eigentlich schon verloren sind. Langfristig hoffen die Initiatoren darauf, dass auch die Beschaffungskriminalität zurückgeht und sich die offene Drogenszene allmählich auflöst. Dass nun Ernst gemacht wird mit der Idee, Heroin auf Rezept spritzen zu lassen, ist einerseits ein kleiner Schritt hin zu neuen Therapieformen. Andererseits sind die nun auftretenden Schwierigkeiten und Widerstände aber auch ein Beleg für das chronische Versagen der deutschen Drogenpolitik. Eigentlich wollte Hamburg schon vor zehn Jahren mit dem Heroinmodell beginnen, aber der Bundesrat blockte damals den Test ab. Erst die rot-grüne Bundesregierung nahm einen neuen Anlauf. Doch obwohl sie den Versuch als Kern einer neuen Drogenpolitik ansah, dümpelte das Projekt weiter vor sich hin. Immer wieder verzögerte sich der Start. Inzwischen zweifeln Fachleute, ob die ursprünglichen Ziele überhaupt noch zu erreichen sind. Denn anders als vor zehn Jahren hängt heute kaum einer der rund 150000 Drücker allein am Heroin; die meisten schlucken nebenher mal Aufputschmittel, mal Tranquilizer. Vor allem Neueinsteiger mixen sich härteste Drogencocktails. Die gängigsten Geißeln sind nun Crack und die Party-Pille Ecstasy. „Leitdroge ist aber immer noch Heroin“, rechtfertigt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk (SPD), den Versuch. Ebenfalls umstritten ist die Auswahl der Teilnehmer: Sie müssen mindestens 23 Jahre alt sein, seit fünf Jahren an der Nadel hängen und schon mal Therapien abgebrochen haben. Der Leiter des Großversuchs, der Hamburger Psychiatrieprofessor Michael Krausz, versteht ihn denn auch als „letzte Ausweichstrategie“. Süchtige, die noch am Anfang ihrer Drogenkarriere stehen, haben dagegen keine Chance. Reines Heroin, gespritzt unter Aufsicht eines Arztes, bekommt nur, wer seit Jahren ums Überleben kämpft. Die beteiligten Städte tun sich deshalb schwer, insgesamt 1120 Junkies für den Test zu finden. „Wir können die Szene ja leider nicht mit einer Anzeige in der ,FAZ‘ zum Mitmachen bewegen“, stöhnt CaspersMerk. Zumal die strengen Versuchsbedingungen bei den Süchtigen auch erhebliche Vorbehalte auslösen: So müssen die Patienten dreimal am Tag in die Ambulanzen kommen, um sich maximal 400 Milligramm Diamorphin zu setzen, das synthetisch hergestellte reine Heroin. Außerdem werden die Junkies in eine Art Drogen-Glücksspiel gezwungen. Denn nur 560 Testpersonen bekommen Heroin, 560 weitere aber die Ersatzdroge Methadon, einen Stoff, der ohnehin seit 1988 Bestandteil gängiger Therapien für Langzeitsüchtige ist. Erst im letzten Moment entscheidet das Los, welche Süchtigen sich


gewannen an Gewicht, verloren die typischen Abszesse und Hautinfektionen. Außerdem schafften viele den Weg in ein Leben ohne Kriminalität: Beim Start der Studie hatten sich noch 70 Prozent der Abhängigen Geld aus illegalen oder halb legalen Quellen besorgt. 18 Monate später waren es nur noch 10 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Berufstätigen von 14 auf 32 Prozent. Überhaupt, so erklärt das Schweizer Bundesamt für Sozialversicherungen, war das Projekt ein volkswirtschaftlicher Erfolg. Pro Tag und Patient habe die Eidgenossenschaft 45 Franken gespart, weil die Folgekosten von Kriminalität und Krankheit zurückgingen. Weil man in Deutschland aber genau wissen wolle, ob wirklich der kostenlose Stoff oder die bessere Betreuung zu diesen Ergebnissen geführt habe, könne man auf eine wissenschaftliche Begleitstudie nicht verzichten, sagt Caspers-Merk. Trotz der Schweizer Erfolge sperrten sich viele Drogenpolitiker in Deutschland lange gegen den Heroinversuch – aus Überzeugung, dass abgerissene Junkies nicht auch noch mit Heroin auf Rezept belohnt werden dürften. So mussten sich die Stadtväter in Karlsruhe gegen massive Angriffe der baden-württembergischen Landesregierung wehren. Auch Berlin und Bremen, die Bundesländer mit den meisten Rauschgifttoten auf 1000 Einwohner, wollten nicht mitmachen. Die Hauptstadt hatte unter CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen kein Interesse, Bremen kein Geld. Und obwohl Karlsruhe und Bonn jetzt beginnen, ist der Modellversuch immer noch nicht endgültig gesichert. Großstädte, die sich zunächst per Vertrag verpflichtet hatten, zaudern noch. In Frankfurt gibt es heftige Proteste einer Bürgerinitiative, die gegen eine „Drogentankstelle“ in ihrer Nachbarschaft aufbegehrt. Und noch schwerer tut sich der einstige Reformmotor Hamburg. Bisher hat der Senat an der Elbe keinen geeigneten Ort gefunden. Erst sollte das Projekt in einer ehemaligen Bankfiliale untergebracht werden, dann in einer ehemaligen Polizeiwache, schließlich in einer ehemaligen Disco. Immer gab es Proteste von Bürgern und Kaufleuten, und immer knickte der Hamburger Senat ein. In Karlsruhe konnten die Kommunalpolitiker die Bevölkerung dagegen schnell davon überzeugen, dass sie alle Sicherheitsvorschriften penibel beachten. Immerhin ließen sie eine ehemalige Bankfiliale zur Heroinpraxis umbauen. Der meterdicke, begehbare Tresor der Vormieter, in dem nun der Stoff lagert, passte gut ins Konzept. Felix Kurz, Udo Ludwig, Katja Thimm RAINER KWIOTEK / ZEITENSPIEGEL

in der so genannten Kontrollgruppe wiederfinden und sich dort mit Methadon begnügen müssen. Und selbst diejenigen, denen der Zufall reines Heroin beschert, wissen nicht, was nach zwei Jahren kommt: Um nach dem Ende des Versuchs weiter mit dem Stoff versorgt zu werden, brauchen sie eine Sondergenehmigung. Bekommen sie die nicht, rutschen sie möglicherweise wieder in den alten Kreislauf aus sozialer und gesundheitlicher Verelendung zurück. Studienleiter Krausz rechnet allerdings damit, dass der Staat erfolgreich behandelten Patienten die Droge nicht mehr streichen wird: „Jeder Kranke erhält das, was ihm am besten hilft.“

Drogenambulanz in Karlsruhe: Länger leben

Rund 35 Millionen Euro wird das Projekt kosten – vor allem auch, weil eine teure wissenschaftliche Begleitstudie den Nutzen der Heroinabgabe prüfen soll. Dabei läuft seit 1998 in sechs Städten der Niederlande bereits eine klinische Studie, ähnlich der, die jetzt in Deutschland beginnen soll. Im gleichen Jahr stieg die Schweiz zur Modellnation bei der Heroinvergabe auf. Jeder „gesundheitlich geschädigte“ Abhängige, der mindestens aus zwei Therapien ausgestiegen ist, kann sich darum bewerben, vom Staat dauerhaft mit Heroin versorgt zu werden. Auch hier stand am Anfang eine zweijährige Studie; die Eidgenossen verzichteten allerdings auf eine Methadon-Kontrollgruppe. Die Schweizer Ergebnisse klingen wie eine Bestätigung der hohen Erwartungen: Von 1146 Patienten brachen nur elf Prozent den Versuch ab; der Großteil hielt bis zum Ende durch. Fast ein Drittel der Süchtigen wechselte nach einigen Monaten in eine Entzugstherapie oder ein Methadonprogramm. Damit, so meinen die Schweizer, werde einer der größten Vorbehalte gegen die kostenlose Heroinausgabe entkräftet: dass sie die Sucht nur vergrößere, weil den Junkies der Stoff wie auf dem Silbertablett präsentiert werde. Der Gesundheitszustand der Schweizer Probanden verbesserte sich zusehends; sie d e r

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STEPHANIE PILICK / DPA

HAKKI AKDUMAN / AP

Zentrale packten die Polizisten sogar den Döner-Spieß ein und stellten 18 Tonnen Frischfleisch für Döner sicher. Auch zwei kleine Katzen mussten mit. Da zur Verbotsverfügung auch die Beschlagnahme des Kalifat-Vermögens gehörte, kassierten Beamte kräftig ein. Allein in NordrheinWestfalen wurden Schmuck und Bares im Wert von 100 000 Mark konfisziert, dazu zahlreiche Sparbücher. Erhebliche Geldbeträge waren freilich längst verschoben worden – in die Niederlande, zu der dem Kalifatstaat zugeordneten Stiftung „Dienaar aan Islam“, die Eigentümerin zahlreiFundamentalist Kaplan (1999): „Gewaltsamer Umsturz“ cher Grundstücke und Gedann dem Parlament zuleiten kann. Nur bäude ist und gemeinhin als Schatzkammer das Parlament kann ein solches Urteil be- Kaplans gilt. Vergangene Woche wandte sich das Innenministerium an die hollänstätigen – oder aufheben. Da Kaplan unter den türkischen Abge- dischen Behörden und bat um Amtshilfe ordneten kaum Freunde haben dürfte, bei einer möglichen Beschlagnahme. Bei der Razzia fanden Polizisten auch kann eine Garantie allenfalls die Regierung geben – und den Deutschen in Form eines interne Amtspapiere, etwa eine DienstDekrets zusagen, ein Todesurteil nicht an vorschrift für die Polizeiarbeit; zudem verdas Parlament weiterzuleiten. Auch das dächtiges Material über Flugzeuge und Öcalan-Urteil liegt seit Juni 1999 auf dem Heißluftballons. Und sie entdeckten minSchreibtisch von Ministerpräsident Bülent destens drei scharfe Waffen und mehrere Patronen, die abgefeilt waEcevit. Er hat es gestoppt, ren – damit sie wie Dumweil der Europäische Gedum-Geschosse wirken. richtshof für MenschenrechDass es schnell zu Verte für die Dauer eines dort boten weiterer islamistischer anhängigen Verfahrens um Gruppierungen kommt, gilt Aufschiebung gebeten hat. eher als unwahrscheinlich. Seit 1984 hat die türkische „So dick wie bei Kaplan“, Justiz immer wieder Tosagt ein Staatsschützer, sei desurteile verhängt, die es „in keinem anderen Fall“. Höchststrafe aber nicht mehr Ab Januar sollen trotzvollstreckt. Außerdem tendem Verfassungsschützer dieren die Gerichte seit einiaus Bund und Ländern dager Zeit dazu, mit Hilfe eimit beginnen, Material für nes besonderen Paragrafen ein mögliches VerbotsverTodesstrafen in lebenslängli- Innenminister Schily fahren gegen den mit 27 000 che Haft umzuwandeln. Ob Neue Verbote? Mitgliedern größten Islamisdas auch im Fall Kaplan so sein wird, liegt letztlich aber im Ermessen tenverband Milli Görü≈ zusammenzutragen. Aber die Erfolgsaussichten sind da der Richter. Dass Schily nach Jahren zögerlicher Be- wohl gering. Noch komplizierter ist es, Organisatiohandlung das Verbot innerhalb weniger Monate durchpeitschte, mag den Türken nen wie der Hamas oder der Hisbollah beiimponiert haben – und ihnen ein Entge- zukommen. Zwar gibt es in Deutschland genkommen erleichtern. Hier zu Lande Hunderte Anhänger, die sich offen zu ihallerdings hatte es im Vorfeld unter Sicher- nen bekennen. Aber feste Strukturen verheitsexperten wegen des Termins Streit ge- meiden die Radikalen. Dennoch, den Fundamentalisten nahe geben, denn am vergangenen Mittwoch begann die „Nacht der Macht“, einer der stehende Zeitungen wie „Milli Görü≈-Perhöchsten Feiertage der gläubigen Muslime. spektive“ vermeldeten das Kalifatstaat-VerDer Einsatzbefehl für die 2500 Polizis- bot ganz versteckt – so, als wollten sie Anten an bundesweit 212 Durchsuchungsor- hänger nicht beunruhigen. Türkische Masten jedenfalls war rigide: Alles mitneh- senblätter hingegen gingen in die Vollen. men, selbst wenn es niet- und nagelfest ist Die Istanbuler „Sabah“ titelte gar auf – nur der Koran sollte in den Moscheen Deutsch: „Dankeschön“. Georg Bönisch, Georg Mascolo, Bernhard Zand bleiben dürfen. In der Kölner Kalifatstaat32

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Abgang via naturalis Auch nach dem Tod eines Dealers in Hamburg hält der Senat am Brechmitteleinsatz fest. Dabei gibt es eine Alternative: Abführmittel.

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ie Methode hat sich seit Jahren bewährt: Immer wieder bringt der Zoll am Hamburger Flughafen der internistischen Notfallaufnahme des Allgemeinen Krankenhauses Barmbek festgenommene Fluggäste, bei denen der Verdacht besteht, dass sie mit Rauschgift gefüllte Kondome geschluckt haben – Drogenkuriere, meist aus Lateinamerika. Die Passagiere werden im Hospital erst einmal geröntgt – denn anders als bei mutmaßlichen Crack-Dealern hat in der Regel niemand das Schlucken der Drogenkondome beobachtet. Wenn sich auf dem Bildschirm die charakteristischen Fremdkörper zeigen, setzen die Mediziner den Delinquenten eine Koloskopie-Lösung vor, wie sie bei Darmspülungen üblich ist. Manchmal nehmen sie auch Bitterwasser, dessen Wirkung allerdings etwas länger auf sich warten lässt. Dann harren die Beamten und beobachten ihren Verdächtigen, meist einige Stunden lang. Sobald es ihn auf die Toilette drängt, gehen die Zöllner mit und „kontrollieren genau, was abgeht“, so einer der Barmbeker Mediziner. Und dann kommt auf die Beamten die unangenehme Aufgabe zu, die Beweisstücke herauszufischen. Doch was bei den Zöllnern funktioniert, mag der Hamburger Senat bei seinen Polizisten nicht einführen. Dealer, die ihre Ware kurz vor der Festnahme schlucken, sollen in der Hansestadt stattdessen vermehrt mit Brechmitteln traktiert werden. Dabei lässt sich die neue Landesregierung aus CDU, FDP und Schill-Partei nicht beirren – obwohl vergangene Woche ein Dealer beim Brechmitteleinsatz starb. Wäre Achidi J., 19, abgelehnter Asylbewerber aus Kamerun, zwei Tage früher im Hamburger Bahnhofsviertel von Rauschgiftfahndern festgenommen worden, könnte er allerdings noch leben. Die Polizisten, die ihn am vorvergangenen Sonntag stellten, wobei er 45 Crack- und Kokainkügelchen schluckte, hätten ihn wieder laufen lassen müssen – wie schon fünfmal zuvor. Denn bis vorletzten Freitag durfte ein Staatsanwalt den Brechmitteleinsatz nur anordnen, wenn der Verdächtige eine Freiheitsstrafe zu erwarten hatte – nicht also


Deutschland Die Obduktion der Leiche im Institut für Rechtsmedizin der FU Berlin ergab vorläufig nur, dass Achidi J. an einem durch Sauerstoffmangel bedingten Hirnschaden gestorben ist – ob ihn sein eigenes Rauschgift tötete, war bis Freitagabend vergangener Woche noch unklar. Hinweise auf einen Herzfehler wurden nicht gefunden, Einblutungen in Speise- und Luftröhre müssen noch feingeweblich untersucht werden. Der „bedauerliche Einzelfall“, so der seit Ende Oktober amtierende Innensenator Ronald Schill, könne nicht zu einer Revision der Beweissicherungspraxis führen: Der Staat könne „nicht tatenlos zusehen“, wenn in Hamburg „1000 Dealer Tod und Elend über 10 000 Süchtige bringen“. Der Vorgängersenat von SPD und Grünen hatte sich erst im Juni dazu durchgerungen, den Brechmitteleinsatz zu erlauben. Wegen der strengen Voraussetzung wurde die Prozedur bis vorletzte Woche aber erst 17-mal vorgenommen – zu selten,

KNUT MÜLLER

bei einem bisher nicht vorbestraften Heranwachsenden wie Achidi J. An jenem Freitag aber trat in Hamburg eine Verfügung des neuen Senats in Kraft, nach der die Brachialbehandlung bereits möglich ist, wenn mit einer „erheblichen Strafe“ zu rechnen ist. Deshalb wurde Achidi J. nicht, wie früher stets, in den Zug nach Thüringen gesetzt, wo sein Asylverfahren lief. Diesmal brachten ihn die Polizisten umgehend in die Uniklinik Eppendorf. Vier Beamte fixierten den wild um sich schlagenden Delinquenten auf einer Liege, eine Ärztin schob ihm durch ein Nasenloch eine Magensonde ein und flößte ihm 30 Milliliter eines Sirups ein, der aus der lateinamerikanischen Brechwurzel (Cephaelis ipecacuanha) gewonnen wird. „Ich werde sterben“, schrie der Afrikaner immer wieder auf Englisch, dann sackte er regungslos zusammen. Er fiel ins Koma. Am Mittwochnachmittag wurden die lebenserhaltenden Geräte abgestellt.

ANDRE ZAND-VAKILI

ROLAND MAGUNIA / DDP

Festgenommener mutmaßlicher Drogenhändler in Hamburg: Das Corpus Delicti geschluckt

Sichergestelltes Crack, Senator Schill: „1000 Dealer bringen Elend über 10 000 Süchtige“ d e r

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fand der rechte Parteigründer Schill. Mit Hilfe der gelockerten Bedingungen wurde der Sirup denn auch binnen zwei Tagen gleich neun Verdächtigen verabreicht. Justizsenator Roger Kusch (CDU) versichert, er wolle „an dem Grundprinzip der Brechmitteleinsätze festhalten“. Denn bisher ließen Gerichte die Rauschgifthändler in aller Regel frei – weil die Täter das Corpus Delicti routinemäßig schluckten. Röntgen allein löst die Problematik nicht. Schließlich haben die Polizisten meist gesehen, wie der Verdächtige etwas hinunterwürgte. Nur: Das Wissen allein hilft nicht – sie müssen die Kügelchen schon dem Haftrichter vorlegen können. Der Ipecacuanha-Sirup wird in Deutschland seit Jahren angewandt, rund tausendmal schon in Berlin, Hessen, NordrheinWestfalen, Bremen und Baden-Württemberg, und nie habe es damit „relevante Zwischenfälle“ gegeben, sagt der Leiter der Rechtsmedizin an der Uniklinik Eppendorf, Professor Klaus Püschel. Die Versammlung der Hamburger Ärztekammer hatte indes erst im Oktober mit großer Mehrheit die Auffassung vertreten, dass „unter ärztlichen Gesichtspunkten“ die Vergabe von Brechmitteln mit Gewalt „nicht zu vertreten“ sei. Auch das niedersächsische Innenministerium erteilte vorige Woche der „Verwendung von Emetika“ (Brechmittel) „zur Exkorporation von Rauschgiftbehältnissen“ eine Absage – wegen „ungeklärter bzw. nicht auszuschließender Gesundheitsrisiken“. Aus „Gründen des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes“ scheide diese Methode „in der Regel“ aus: Es müsse „ein Abgang via naturalis abgewartet werden“. Dem natürlichen Abgang lässt sich, wie es die Zöllner praktizieren, freilich auch nachhelfen – schon durch „einfache Abführmittel wie Sauerkrautsaft“, sagt der Hamburger Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery. Diese Methode sei ungeeignet, kontert Justizsenator Kusch: Abführmittel würden „im Einzelfall erst nach zwei Tagen wirken“. Das wäre in der Tat oft zu spät, denn ohne Haftbefehl – und für den brauchen die Ermittler schwer wiegende Indizien – darf ein Verdächtiger nur bis zum Ende des folgenden Tages festgehalten werden. Und an dieser Vorschrift der Strafprozessordnung will noch kein Politiker rütteln. Doch halten Mediziner das Problem für nicht so groß. Wenn ein Verdächtiger die Lösung freiwillig trinkt, „ist der Darm innerhalb von 12 bis 24 Stunden leer“, sagt einer der erfahrenen Barmbeker Ärzte. Und gewaltsames Einflößen des Abführmittels, versichert der Arzt, sei noch niemals nötig gewesen: „Durst ist eines der schlimmsten Gefühle“, und wenn jemand „eine Weile in einem gut geheizten Raum eingesperrt ist, greift er nach jeder Flüssigkeit und trinkt freiwillig sogar Bitterwasser“. Norbert F. Pötzl 33


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Koksender Discjockey (in Berlin): „Die perfekte Droge für die Gameshow-Gesellschaft“

Deutschland geht on Line Kokain, das den designierten Bundestrainer Christoph Daum in den Abgrund trieb, ist nicht mehr nur die Droge der Schickeria. Weil der Schnee billig ist, wenig Spuren hinterlässt und schnell wirkt, wurde er zum Zauberstoff der Web-Gesellschaft.

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rogen machen geil. Das war schon vor über 200 Jahren so, als „mehrere seiner Bekannten“ die Ehre und das Vergnügen hatten, dem großen Deutschen Friedrich Schiller beim Liebesspiel zuzusehen. Was sie sahen, war beinahe animalisch. Die Augenzeugen hielten in Protokollen fest, dass der Dichter der „Räuber“ „während eines Beischlafs, wobey er brauste und stampfte, nicht weniger als 25 Prisen nahm“. Schnupfer Schiller schniefte noch Tabak. Manchmal rauchte er auch zusammen mit

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seinem Freund und Rivalen Johann Wolfgang ein Haschischpfeifchen. Den Geheimrat Goethe überkam sofort „ein eigentümliches Gefühl, begleitet von einem tiefen Summen“. Friedrich Schiller hingegen glaubte, bekifft begnadet formulieren zu können. Im Rausch brachte er Sätzchen wie „Ein frommer Knecht war Fridolin“ zu Papier und entschlummerte sodann, „den Kopf auf den geleerten Wurstteller gebettet“. Christoph Daum zitiert gern die Klassiker, seit ihn sein belesener Schwiegervater mit einem Zettelkasten ausgerüstet hat. d e r

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Am liebsten aber mag der Fußballtrainer Einstein (Albert). „Alles Denkbare ist auch machbar“, sagt Daum gern, und solche Sätze machten ihn zu einem modernen Helden, zum Vordenker der Branche und am Ende sogar zum Messias. Daum sollte im Sommer 2001 Bundestrainer werden – er wird es nicht, weil er seinen literarischen Stichwortgeber nicht nur zitiert, sondern auch im wahren Leben kopiert und weit übertroffen hat. Augen- und Ohrenzeugen, echte wie falsche, schrieben in der vergangenen Wo-


Polizei-Razzia in Kölner Daum-Wohnung

Am Tresor schlug der Spürhund an

Die weiße Bedrohung Zahl der Kokain-Delikte in Deutschland

12 167 12 000

10 617

Kokain-Konsum

AP (li.); H. HAGEMEYER / TRANSPARENT (o. re.)

10 000 8000 6000 4000 2000 0

Handel oder Einfuhr von Kokain Quelle: Suchtbericht Deutschland, 1999

Summe 1999:

25 499 Delikte

584 465 1982 1985

1990

1995

2000

Fußballtrainer Daum: Zeitgenössischer Intimreport mit lauten Orgien und Drogen

Fritz Wepper und Michael Ammer Der 59-jährige Schauspieler aus München und der 39-jährige Party-Veranstalter aus Hamburg wurden wegen Kokainbesitzes verurteilt. Wepper musste eine Geldstrafe zahlen, Ammer erhielt eine Bewährungsstrafe.

eine Computerfirma, an der der Trainer beteiligt sein soll. Und sie wurden wohl auch fündig. Am Tresor in der Daum-Villa schlug ein Drogen-Spürhund an. Der Safe wurde geöffnet. Rauschgift war nicht darin, wohl aber aufschlussreiche Papiere, die beschlagnahmt wurden. Ein Ermittler: „Es war offenbar eine Art Regelwerk, wie sich Daums Lebensgefährtin Frau Camm im Fall ihres

geschiedenen Ehemanns verhalten soll.“ Der verlangt vier Millionen Mark Provisionen aus einem dubiosen Immobiliengeschäft auf Mallorca. Die für Organisierte Kriminalität zuständige Abteilung der Koblenzer Staatsanwaltschaft war Daum schon länger auf der Spur. Sie hatte einen Dealerring beobachtet und vor Wochen schon, als Daum noch als Retter des deutschen Fußballs galt, deren Telefone – Festnetz und Handys – überwachen lassen. Die Protokolle der Gespräche, so ein Fahnder, „füllen ein paar Aktenbände“. Bei der Auswertung tauchte einige Male auch Daum als Gesprächspartner der mutmaßlichen Dealer auf – deshalb wurde gegen den Bundestrainer in spe ein Ermittlungsverfahren wegen Drogenbesitzes eingeleitet. Dass der Fall Daum die Bevölkerung mehr erregt als ACTION PRESS

che mit an einem zeitgenössischen Intimreport über laute Orgien und reichlich Drogen. Schnupfer Daum schnupfte Kokain. Und das offenbar kräftig. Bei der Haaranalyse stellte das Gerichtsmedizinische Institut Köln einen Kokainparameter fest, der um gut das 60fache über dem eines cleanen Menschen lag. Am vergangenen Freitag kamen dann die Fahnder. Die Staatsanwaltschaft Koblenz hatte Durchsuchungsbeschlüsse erwirkt: für Daums Privathaus, seine ehemaligen Büroräume bei Bayer Leverkusen und für

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Erstkonsumenten Erstauffällige Konsumenten nach Drogenarten 23,8 %

Kokain Amphetamin 25,9 %

Heroin 33,1 %

Ecstasy 13,3 %

Sonstige 0,8 %

LSD 3,1 %

10 873 10000 8000 6000 4000

Neuzugänge ambulant behandelter Kokainabhängiger in Westdeutschland Gesamt

8875

Männer Frauen

2000

1990

1992

1994

1998

1996 1997

Stufen der Sucht Wie oft westdeutsche Kokain-Konsumenten innerhalb von 30 Tagen zur Droge greifen

14,9% 32,6 %

20- bis 30-mal

1- mal

7,4% 45,1 %

10- bis 19-mal

2 - bis 9-mal

Sicherstellung geschmuggelten Kokains: Von der Schickimicki-Droge zur Massenware

der Parteispendenskandal, dass sich selbst die Kommentatoren und Leitartikler der seriösen TV-Nachrichtensendungen und Blätter mit Aufstieg und Absturz des koksenden Halbwaisen aus dem Ruhrpott befassen, ist Folge einer seltsamen Melange: Der Lieblingssport der Deutschen, der Mythos der Modedroge Kokain und die überall zu spürenden Versagensängste im Zeitalter des Turbo-Kapitalismus – alles gebündelt in der Person des Mannes mit den irrlichternden Augen. Lange galt das weiße Pulver, lyrisch „Schnee“ oder kurz „Koks“ genannt, ausschließlich als Droge für den, der alles hat und das ganze Leben als Party begreift. Etwa jene exklusive Gesellschaft, die sich wöchentlich an der Hamburger Außenalster trifft. In der Villa sind alle – Serienschauspieler, alternde Popsänger und jede Menge Söhne und Töchter aus gutem Hause – gut drauf wie immer. Es ist ja auch wie immer: Ein DJ legt Housemusic auf, für die 148

Damen gibt es Gratis-Champagner, den Herren werden Mixgetränke mit Wodka und dem Muntermacher „Red Bull“ kredenzt. Alle sind cool, alle tun ganz entspannt, doch alle starren auf das Epizentrum der Feier – vor dem Designerkamin in der „Lounge“ hält der Hausherr Hof. Er fragt: „Will sich jemand frisch machen?“ Sie lächeln wissend, keiner sagt „Nein“. Also verschwindet der Herr in einer Art Vip-Waschraum im zweiten Stock und kehrt nach wenigen Minuten zurück. „Es ist angerichtet“, sagt er und grinst. Eine Blondine schwärmt später: „Da gab’s ’ne ordentliche Auslage auf dem DamenKlo.“ Koksen, sagt ein Profi-Feierer, gehöre „einfach zum guten Ton“. Konsumiert wird das Statussymbol des hedonistischen, konsumorientierten Lebensstils standesgemäß vom Silbertablett – mitunter aber auch ganz profan vom Fensterbrett, vom Spülkasten oder vom Toilettendeckel. d e r

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Denn längst sind die Kreise der Schnupfer nicht immer so exklusiv wie die an der Alster. In jeder deutschen Großstadt gibt es Dutzende von Bars, wo Kokain zum Bier verkauft wird. Es gibt Dealer, die per Handy oder E-Mail benachrichtigt werden und mit ihrem Smart so flink beim Kunden sind wie der Pizza-Service. Es gibt Banker, Broker, Sportler, Werber und natürlich Computerfreaks, die Koks nehmen. Und deshalb gibt es Kokain überall zu kaufen – 100 bis 180 Mark das Gramm. Der Stoff, weiß Rüdiger Engler, Leiter des Rauschgiftreferats beim Berliner Landeskriminalamt, sei längst zur „gemeinen Straßendroge“ geworden. Wer in Hamburg nach Schnee fragt, erfährt schnell den Namen jener Imbissbude, die einen „Döner Spezial“ im Programm hat – das Kokainkügelchen kommt mit dem Wechselgeld. Aktuelles Losungswort in den Bars von St. Pauli: „Kannst du mir helfen?“ Viele können – für Geld, für


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Konstantin Wecker Der 53-jährige Sänger verkokste seine Karriere. Mehrmals erwischt, erhielt er 20 Monate Haft auf Bewährung.

INTER-TOPICS

A. ZAND-VAKILI

Sex oder für die Aussicht auf umge- Kokser kein spezielles Einstiegsalter. Sogar Senioren, die jenseits der Rentengrenze kehrte Hilfe beim nächsten Mal. Kokain ist das Zaubermittel des sind, nahmen die erste Nase. „In der Wirtschaft begegne ich Drogen Dotcom-Zeitalters. Hasch oder Alkohol passen immer weniger in die immer dort, wo die Überlebensängste Welt der Einzelkämpfer, die alle übermächtig werden“, sagt Bernd M. Midem hinterherjagen, was allein zählt chael, Europa-Chef der Werbeagentur Grey, „meistens hatten diese Leute den – Erfolg. Die Globalisierung und das World Zenit ihrer Erfolge bereits überschritten, Wide Web verlangen neue Persön- als der Koks kam.“ Die permanente lichkeitsmerkmale. Der moderne „Überforderung unserer Phantasie, unseMann, die moderne Frau muss bieg- rer Emotionen wie unserer Verantworsam sein, beweglich, jedes Tempo tung“, glaubt der Sozialwissenschaftler mitgehen können. Doch der Mensch Günter Amendt, habe das Verlangen nach ist nicht dafür geschaffen, stets dem „Hilfsmitteln zur pharmakologischen WieHochgeschwindigkeitsdiktat der Mi- derherstellung einer ausgeglichenen Percrochips folgen zu können. Also wird sönlichkeit“ kontinuierlich wachsen lassen. überall die prinzipielle Bereitschaft So sei Kokain zum „Treibstoff der New vorausgesetzt, sich mit allen verfüg- Economy“ geworden. Die Web-Gesellbaren Mitteln, legalen wie illegalen, schaft ist on Line, im doppelten Sinn. Kokain, sagt Wolfgang Götz, Leiter des anzupassen – und dafür auch die RiTherapiezentrums Kokon in Berlin, „prosiken in Kauf zu nehmen. Die Gesellschaft, sagt Rolf Grigat duziert die Wirkung, die diese Gesellschaft vom Zentrum für Psychotherapie fordert“ und sei daher die „perfekte Dround Meditation im bayerischen ge für unsere Gameshow-Gesellschaft. Alle Aham, habe sich „mit ungeheurem müssen gut drauf sein, leistungsfähig und Aufwand auf das Erzeugen, Vertei- erfolgreich“. Nur von den Folgen, psychilen und Konsumieren von Ersatz- scher Abhängigkeit und Selbstmordgefahr, stoffen und -handlungen“ einge- rede niemand. Ein Regulativ, das die Lust auf den Stoff stellt. Der koksende Fußballtrainer und der Ecstasy einwerfende Tech- von Diego Maradona, Konstantin Wecker no-Freak würden sich ihre indivi- und Whitney Houston bisher bremste, wurduellen Rauschzustände genauso de vom Markt geschwemmt: der Preis. Weil perfekt verschaffen wie der von Ver- der amerikanische Markt gesättigt war und sagensängsten getriebene Work- die USA Ende der achtziger Jahre ihren aholic, der machtbesessene Politiker Kampf gegen die weiße Droge verschärften, drängten die südamerikanischen Drogenoder der gewalttätige Jugendliche. Doch die natürlichen Mittel rei- barone auf den europäischen Markt (Seite chen immer seltener aus, das „innere Nichts“ zu füllen, wenn „das Selbstwertgefühl im Arsch ist“, wie es Rolf Bollmann drastisch formuliert. Der über seine Sucht gestolperte ehemalige Manager eines USKonzerns bereitet gerade die Gründung einer deutschen Variante der amerikanischen Betty-Ford-Klinik vor. So viel Vorsorge scheint angebracht: Die Deutschen haben den Pfad in die verschnupfte Gesellschaft entdeckt. Die Zahl der „erstauffälligen Personen“ – vulgo: Neu-Kokser – ist laut dem „Suchtbericht Deutschland“ seit 1985 auf das Zehnfache gestiegen; inzwischen kommen jährlich offiziell über 5000 neue Kokain-User hinzu. Tatsächlich, ahnen alle Experten, wird diese Zahl weit übertroffen. Es gäbe, sagt Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren, gerade bei Kokain eine „wahnsinnige Dunkelziffer“. Anders als etwa Heroinabhängige nutzen Kokser kaum die Angebote der Drogenhilfe, werden Helmut Berger deshalb von den Statistiken auch so gut wie gar nicht erfasst. Rund eine halbe Million Deutsche Er liebe Koks, bekannte der 56-jährige Schauhaben in den vergangenen zwölf spieler, nur nachlassende Reinheit nerve: „Du Monaten Kokain geschnupft. Und kotzt, weil sie Schmerztabletten reinmischen.“ anders als beim Heroin gibt es für

EXTRAPRESS / ACTION PRESS

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154). Die Folge: Die Schickimicki-Luxusdröhnung wurde zur Massenware, die heute so billig wie nie zu haben ist. Für einmal Schnupfen ist man in Metropolen mit 30 Mark, in der Provinz mit 10 Mark dabei. Besonders Kids mit „politoxikomanem Suchtverhalten“, wie Drogenhelfer jene Jugendlichen nennen, die alles einwerfen, was Spaß verspricht, haben Koks in ihr Programm fürs grenzenlose Wochenend-Vergnügen aufgenommen. Raver, die einst nur Ecstasy für die lange Nacht brauchten, greifen zunehmend zum Kokain. Denn der Schnee hält, was die Amphetamine versprechen – den richtigen Rausch. Die Attraktivität könnte größer nicht sein. Anders als gibbelnde Haschraucher und verelendete Heroinsüchtige können Kokainschnupfer unerkannt konsumieren. Er habe nahezu jeden Tag mit Daum zusammengearbeitet, konnte daher Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund treuherzig versichern, doch „von Drogen habe ich bei ihm nichts gemerkt“. Es bleibt wahr: Es dauert lange, bis Schnupfer ihre Nasen und Herzen ruiniert haben. Der „kontrollierte Konsum von Kokain ist möglich“, stellte eine Projektgruppe der Frankfurter Universität nach Befragungen von Konsumenten fest, „und sie scheint sogar sehr verbreitet zu sein“. Damit eignet sich Kokain ideal als Rauschgift der zweiten industriellen Revolution. In den USA kokste sich gerade der 26-jährige Chef von Upside.com zu Tode, und auch in Deutschland, das befürchten Fachleute, wird die permanente Überforderung und Überreizung mit ziemlicher Sicherheit bald erste Opfer fordern. Denn schon immer waren die Deutschen ja eine Nation der Sucht. In Statistiken über den Gebrauch so genannter psychotroper Mittel liegt die Bundesrepublik beim Alkoholkonsum weit vorn, beim Tabak in der Spitzengruppe, und nach dem Haschisch-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das den Besitz der Droge in geringen Mengen straflos stellt, ist laut Experten auch „die Probierbereitschaft“ der 149


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Pulver für Alpha-Tierchen Warum Kokain vor allem eine Droge für Kreative ist

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se der Konsument die richtige Mischung aus Selbstverliebtheit und intellektuellem Potenzial besitzen. Dass Kokain vor allem eine Droge der Kreativen, der Intellektuellen und der Prominenten ist, war bislang stets mit seiner Geschichte und dem hohen Preis begründet worden. Doch inzwischen lässt sich auch neurophysiologisch erklären, warum die Denk-Elite Droge der Kreativen vorneweg kokst – und andere schlicht Wirkung von Kokain im Gehirn zu dumm dafür sind. Beim Kokain, erklärt Emrich, gehe Belohnungssystem es eben nicht nur um Glücksgefühle, Das Belohnungssystem des Gehirns bewertet sondern auch um „die SelbstdarstelReize aus unserer Umgebung, die menschliche Bedürfnisse ansprechen (z. B. Essen, Trin- lung, die Brillanz, die Magie, den Heiligenschein, den die Droge verleiht. ken, sexuelle Stimmung) als positiv. Kokain verstärkt diese Bewertung und lässt Wer Kokain nimmt, macht das, um somit die Reize angenehmer erscheinen. überall das Alpha-Tierchen zu sein“. Kokain aktiviert – wie fast alle anderen Drogen auch – das so genannte „Belohnungssystem“, indem es die Konzentration des Überträgerstoffs Dopamin im Gehirn erhöht. Es entsteht ein Gefühl der Euphorie; Angenehmes erscheint noch angenehmer, Probleme scheinen sich in Luft aufzulösen. Im Gegensatz zu anderen Drogen stimuliert Kokain aber auch eine bestimmte Gruppe von Nervenfasern im Verstärkersystem Hirnstamm, die wie eine Art BeVerstärkersysteme reguschleuniger von Denkprozessen wirlieren die Zahl und Geken. Eine einzige Faser des so genannschwindigkeit der Denkten aufsteigenden retikulären Systems prozesse, die gleichkann bis zu einer Milliarde weiterer zeitig im Hirn verarbeitet werden können. NormaHirnzellen zum Denken anregen, ein lerweise unterliegen sie ungeheures geistiges Potenzial. Norstarken hemmenden Einmalerweise arbeiten die Verstärkerflüssen, um das Hirn nicht Fasern nur auf Sparflamme – Kokain zu überfordern. hingegen bringt sie auf Touren. Kokain löst diese Denk„Im Kokainrausch“, sagt Emrich, bremsen, so dass der „kann jemand, der viel in sich hat, aber Konsument vor Ideen es normalerweise nicht so richtig zur sprüht. Dieser Effekt macht Kokain als Geltung bringt, das Maximale aus seiDroge für Kreative besonders attraktiv. nen geistigen Möglichkeiten herausGefahren holen.“ Vor allem für selbstverliebte Menschen könne das ein unglaublicher Kokain-Konsumenten können auf Dauer Genuss sein. Nur: „Man muss es eben ohne die Verstärker-Droge kein normales Glücksempfinden mehr entwickeln. vorher in sich haben – sonst wird es peinlich und macht keinen Spaß mehr.“ Folge: schwere Depressionen, psychische Abhängigkeit Allerdings birgt die Aktivierung dieses Potenzials gewaltige Gefahren. Weil Die Beeinflussung des Verstärkersystems das Dopamin-System durcheinander führt zu Überforderung des Gehirns. gewirbelt wird, drohen Herzinfarkt, Folge: Wahnvorstellungen Rhythmusstörungen, Schlaganfall, epiMögliche Auswirkungen der Droge auf leptische Krämpfe, Wahnvorstellungen den Organismus: und – beim Absetzen der Droge – Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt, schwere Depressionen. Schlaganfall oder epileptische Anfälle

emand, der nicht sehr intelligent und dessen Leben einsam und langweilig ist“, sagt Hinderk Emrich, Psychiater und Drogenforscher an der Medizinischen Hochschule Hannover, „kann mit Kokain nicht viel anfangen.“ Damit sich die Möglichkeiten des Stoffs voll entfalten könnten, müs-

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Jugendlichen für Cannabis noch einmal spürbar gestiegen. Aufhalten kann den Vormarsch von InDrogen niemand. Während Tabak- und Spirituosenindustrie jährlich mit Milliarden die typischen Einstiegssuchtmittel bewerben, hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gerade einmal zehn Millionen Mark jährlich für vorbeugende Maßnahmen übrig. Wie eine „Lachnummer“ (Hüllinghorst) wirkt denn auch die „Keine Macht den Drogen“-Kampagne des Deutschen Fußball-Bundes. Schließlich kassieren Verband und Vereine mit der Bierpromotion Millionen, schließlich bekennt sich DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder zu Wein- und Tabakkonsum. Alles in allem, resümiert das Fachorgan „Kriminalistik“ düster, sei die deutsche Rauschgiftpolitik mit der Umweltpolitik der siebziger Jahre zu vergleichen: „Eingegriffen wird erst dann, wenn der Rauch aus dem Schornstein quillt, ‚at the end of the pipe‘“. Gegen Kokain kommt ohnehin keiner an – zu strahlend ist das Image des weißen Pulvers. Die Regel ist dabei nicht der Kokser, der ständig drauf und süchtig ist. Die Regel ist der Gelegenheitskokser, der sich zu besonderen Anlässen wie Partys oder

Dichterlesung in einer Berliner Bar*: „Das Zeug

Clubbesuchen, manchmal auch bei größeren privaten Treffen mit Freunden Linien legt. In Szenekreisen ist Kokain so normal geworden, dass sich mancher Schnupfer kaum noch Mühe gibt, den Konsum zu verbergen. Als ein kleines Trendmagazin in Berlin eine Party mit Lesung und DJ feierte, saß während des Programms in den vorderen Reihen ein stadtbekannter Partygänger, fingerte ungerührt den Stoff aus einem kleinen Briefchen und rieb ihn sich in die Nase. Niemand nahm Notiz davon. Und als derselbe Typ später auf dem Tresen mit einer Kreditkarte ein Hakenkreuz aus Kokain formte, um es vor Publikum genüsslich wegzuziehen, störte das nur jene in der Schlange, die deshalb länger auf ihr Bier warten mussten. * Eckhart Nickel, Christian Kracht, Joachim Bessing, Benjamin von Stuckrad-Barre im November 1999 in der „Bar jeder Vernunft“.


T. EINBERGER / ARGUM

räumt die Festplatte auf“

des Drogenbesitzes weg – der Konsum ist legal. Wer keine Kontakte hat, kauft, was er kriegen kann, und das ist meist verschnittener Stoff, der vor und in Clubs von Unbekannten angeboten wird, oft überteuert, oft von schlechter Qualität. „Wenn du Glück hast, ist nur zu viel Backpulver drin, wenn du Pech hast, mieses Speed“, schimpft ein Szenegänger über den Betrug mit synthetischen Drogen, „dann hast du zwei Stunden Herzrasen und Panik.“ Der Hamburger Schnee, das weiß ein Fachmann, werde momentan zu regelrechten „Discountpreisen“ verschleudert. Doch in der Portion zu 120 Mark sei „hauptsächlich Speed und Laktose drin – mit richtigem Koks hat das nichts zu tun“. Das gestreckte Pulver, klagt der Kunde, ließe einen „draufkommen, als würde man einen Presslufthammer reiten“. Die subtile, euphorisierende Wirkung reinen Schnees ist meist Großabnehmern vorbehalten. Solcher Stoff, schwärmt ein Konsument, mache alles leichter, besonders „das Flachlegen der Mädels“.

Es gibt keine Scham und keine Tabus mehr in dieser schönen, jungen Welt. Niemand wundert sich in Berlin, wenn in der Nähe der angesagten Läden morgens um fünf Uhr elegante junge Männer und Frauen ihre Bröckchen zerhacken und die Lines von den Kühlerhauben ihrer BMW-Cabrios schniefen. Begehrt sind vor allem die Nummern der so genannten Handy-Men, also jener Dealer, die per Mobiltelefon zu jeder Tages- und Nachtzeit an jeden gewünschten Ort und auf jede gewünschte Party der Stadt bestellt werden können. Sie gelten als zuverlässig, verschwiegen und als Garantie für gute Qualität. Ihre Nummer kriegt nicht jeder; deshalb ist schon Martin Semmelrogge derjenige, der sie kennt, ein kleiner Star auf Partys und bei Privatessen. Die Handy-Men richten für Der 44-jährige Schauspieler kam früh ihre Kunden die Linien her, was auf Kokain. Er habe alles probiert, sagt mehr als nur Service ist: Für die er, seit diesem Jahr sei er endlich clean. Käufer fällt das strafbare Moment d e r

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In vielen besseren Restaurants ist es mittlerweile normal, wenn sich Minigruppen Richtung Toilette aufmachen. Niemand vermutet mehr Erkältungen, wenn hektisch plappernde Besucher mit dem Zeigefinger unter der Nase hin- und herfahren, was sicherstellen soll, dass keiner der kostbaren Kristalle auf den NachtischPudding fällt. „Auf jeder Party mit einem gewissen Glamour-Faktor laufen eine Menge Kokser herum“, sagt Holger Jung von der Hamburger Werbeagentur Jung van Matt, „so leicht unser Leben heute ist, so schwer ist es, sich als Individuum zu differenzieren.“ Das Defizit wird durch den Schnee und das Ritual des Koksens kompensiert. Wichtig sind dabei die Details. Ein bekannter Autor legt Wert darauf, seine Koksklumpen nur mit der Douglas-Kundenkarte zu zerkleinern; andere finden es besonders witzig, ihre Krankenkassenkarte auf der Toilette zu zücken. Die diskreteste Applikation des Kokains praktiziert ein Hamburger Börsenmakler: Er füllt eine hochprozentige Kokslösung in ein handelsübliches NasensprayFläschchen der Marke „Nasivin“ und bedient sich im überfüllten Schankraum einer Szenekneipe. Der lässige Spruch dazu: „Das ist SVEN SIMON

MORLOK / POP- EYE

Discothek in Bayern: Mit Koks den richtigen Kick für grenzenlosen Wochenend-Spaß

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„Nacht! Kokain! Das ist Berlin!“ Schon einmal war Kokain in Deutschland eine Modedroge. Im Berlin der Goldenen Zwanziger galt das weiße Pulver als Elixier der lebensgierigen Avantgarde.

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Die Faszination des Rausches zog ie junge Prostituierte, die gegen Die lebensgierige Avantgarde jener halb ein Uhr nachts das Café an rasenden Zwischenkriegsjahre jedoch besonders Intellektuelle in ihren der Friedrichstraße betritt, hat hatte in dem weißen Pulver ihr Elixier Bann: Klaus Mann durchstreifte die ein auffallend bleiches Gesicht und me- entdeckt. Und für Nachschub war bes- dämmrige Halbwelt der Kokainlokale lancholische Augen. Zitternd zieht sie tens gesorgt: Die Sanitätsdepots des und schrieb verzückt: „Die Romantik ein Kokainbriefchen hervor, schnupft Heeres – Kokain wurde im Ersten Welt- der Unterwelt war unwiderstehlich. gierig eine Prise und wirft – erleichtert krieg als lokales Betäubungsmittel ver- Berlin enthusiasmierte mich durch seine schamlose Verruchtseufzend – den Kopf in heit.“ Carl Zuckmayer den Nacken. versuchte sich notgeEigentlich müsste der drungen als Koksdealer Herr am Nebentisch jetzt vor dem Kaufhaus des unruhig werden – doch Westens; der russische Kommissar Leo Heller, Dichter Andrej Bely Zivilfahnder der Berlischwärmte: „Nacht! Tauner Kriminalpolizei, greift entzien! Kokain! / Das ist nicht ein. Stattdessen noBerlin!“ tiert er mitleidsvoll über Über allen aber das „arme Dirnchen“ schwebte, oft auf den Vera: „Das bisschen KoSchwingen des Kokains, kain soll sie hinwegtäudie Tänzerin Anita Berschen über all ihre Not.“ ber. Eine Diva, halb GötBerlin, 1924. Eine Metin, halb Hure, die, wie tropole zwischen Glanz ein Kritiker schrieb, „das und Elend, zwischen Exwilde Flackern und Brenzess und Depression. Eine nen ihrer Generation“ Metropole im Kokainverkörperte. Mit mondärausch: Ob im „Kakadu“, Berliner Party-Gesellschaft (1929): Prise aus der Kokainbüchse nen Nacktdarbietungen im „Esterhazy-Keller“, in wie den „Tänzen des der „Goldenen Spinne“ Schreckens und des oder der „Kolibri Bar“ – Grauens“, zahlreichen die neue Droge war allgeAffären, Skandalen und genwärtig. Fasziniert klasRauschgiftexzessen wursifizierte der Berliner Arzt de sie weltberühmt – und Ernst Noël die Klientel des stürzte ins Bodenlose. Stoffs, der in der Szene Im Juli 1928 wurde „Zement“, „Koks“ oder Anita Berber ins Berliner „Kakao“ hieß: „MüßigBethanienhospital eingegänger aus der literariliefert – 29-jährig, mit schen und artistischen BoSchwindsucht und bis heme, Spieler, Sportinterobenhin voll mit Kokain. essenten, Angehörige der Vier Monate später ereleganten und der proletarischen Prostitution, Kokser Zuckmayer, Berber, Göring: Nachschub aus dem Heeresdepot schien in der „B.Z. am Mittag“ ein kurzer NachSchieber und Schleichhändler, Söldner, Filmstatisten, Kellner, wendet – schienen schier unerschöpf- ruf auf den Vamp: „Sicher ist diese leNachtportiers, Hotelpagen, Kuppler, lich. „Garantiert reine Mercksche benshungrige Frau, gefeiert und geZuhälter“. Besonders in den elegant- Ware“ stand bei den Konsumenten be- hetzt, von dunklen Gewalten getrieben, an ihrem frühen Ende selbst mitschulverruchten Lokalen des Westens, so sonders hoch im Kurs. Ein Kaufmann schilderte 1922 die dig gewesen.“ Noël, sei die Prise aus der KokainbüchMit der ersten prominenten Drogense „kaum anders“ als die Bestellung ei- Wirkung des Stoffs schlicht als „überirdisches Gefühl“, während ein Zeichner toten beginnt langsam der Niedergang nes Glases Cognac. Auch bei der Polizei erkannte man zu Protokoll gab, nach dem Schnupfen Kokain-Berlins. Doch auch die Nazibald die Gefahr der Modedroge und stets Werke von Tolstoi oder Nietzsche Zeit hatte ihre prominenten Kokser: empfahl „schärfstes Vorgehen gegen- lesen zu müssen. Ein Varieté-Girl da- Von Reichsmarschall Hermann Göring über den Nachtbetrieben, in denen gegen verspürte im „Cocolores“ – im heißt es, dass er den „Schnee“ bei seiNackttänze und Kokain die zerrütteten Koksrausch – starke sexuelle Erregung nen Jagdfliegern kennen – und schätzen – gelernt hatte. Sven Röbel Nerven des Publikums anregen sollen.“ und „Haltlosigkeit“.


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gegen meinen kolumbianischen Heuschnupfen.“ Das ist das Wichtigste: cool und gleichzeitig kreativ zu sein. Wie Ideen durch den Kopf rennen, beschreibt der Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre, 25, in seinem Buch „Blackbox“ – verschlüsselt in der Metapher eines Mannes, der am Computer sitzt: „Ein Gedanke kommt, sehr wirr, unformatiert, soll der Gedanke sofort versendet werden? O.K. Jetzt reden sie, reden, reden: Lauftext.“ Das „Zeug“, gemeint ist offensichtlich Kokain, „räumt die Festplatte auf – neue Kapazitäten werden frei. Sie klicken die Lupe an und untersuchen die neuen Daten mal genauer, laden sich noch was runter, erstellen neue Linien und vergleichen die Dokumente. Sie fühlen sich frisch, wie neu installiert.“ Das muss die Sprache derer sein, die Bescheid wissen und das Tempo der neuen Zeit mitbestimmen. Der Modedesigner Wolfgang Joop erinnert sich gut noch an eine Party in den achtziger Jahren, zu der lauter Prominente geladen waren. Zu essen gab es nichts. Stattdessen lag an jedem Platz auf dem Tisch „ein Onyx-Brett mit Rillen, außerdem ein kleiner Löffel und ein goldener Strohhalm“. Zu dieser Zeit, erzählt der Modeschöpfer, trugen viele auch noch eine goldene Rasierklinge von Cartier um den Hals – ein praktisches Schmuckstück zum Skispringer Goldberger in Innsbrucker Nachtclub (1997): Am Muntermacher genascht Abteilen des Stoffs. Natürlich ist Kokain immer noch die Dro- ganze Redaktion ihren Bedarf decken Uwe Ochsenknecht sprach über den „Schwachsinn“, sich auf das Pulver eingege der Mode- und Popwelten. Das Super- konnte. Und dann gibt es da noch jenen Berliner lassen zu haben. Zu den mit Kokain ermodel Kate Moss kam vor zwei Jahren nach Alkohol- und Drogenexzessen in eine Ent- Dramatiker, der so abhängig von der Droge tappten Sündern zählen Drafi Deutscher, zugsklinik. Im vergangenen Jahr deckte ein war, dass er sich nicht für jede Dosis von Fritz Wepper und natürlich Konstantin BBC-Fernsehteam auf, wie Agenturbosse neuem auf die Toilette zurückziehen wollte: Wecker, der sich in seinem Münchner Heim damit prahlten, junge Mädchen mit Kokain Also habe er sich den Fingernagel seines als Crack-Koch betätigte. Der Meisterkoch kleinen Fingers an der rechten Hand auf Eckart Witzigmann hat gekokst, dito der gefügig und abhängig zu machen. Über die Kokainprobleme der Popsän- monströse Länge wachsen lassen und bei ehemalige Fußballer Jimmy Hartwig und gerin Whitney Houston wurde diesen Som- Partys und Empfängen auf höchst noncha- der einstige Boxer René Weller. Fünf Gramm pro Tag brauchte der mer in europäischen und amerikanischen lante Art geschnupft: Ein fahriger Griff in die Zeitungen offen spekuliert; Elton John ou- Jacketttasche, die er mit großen Mengen des Schauspieler Ernst Hannawald. Und trotzdem reichte es nicht, um tete sich im SPIEGEL: „Es war die erste Pulvers gefüllt hatte, ein die Fledermäuse und Droge in meinem Leben, die ich mochte. beiläufiges Kratzen an schwarzen Schatten zu Auf einmal konnte ich reden, stundenlang.“ der Nase, und der gute verjagen, die ihn plagAuch in deutschen Studios erzählen Teil- Mann war wieder in Topten. Irgendwann war nehmer von Film- oder Fernsehproduktio- form. Weil der Besitz der Hannawald ein Wrack: nen hinter kaum vorgehaltener Hand über die Nase blutverkrusKokainkonsum am Set, an dem sich mal nur Droge strafbar ist, getet, zittrig, 100 000 Mark Leute vom technischen Personal, mal einer ben Prominente aus Schulden. Also überfiel oder mehrere der Schauspieler und mitunter der Show-Welt allenfalls er eine Post-Filiale, ging auch der Regisseur beteiligt hätten. In der rückblickend über ihre zum Koksen nach HauKunstwelt gehören schwärmerische oder ge- Kokain-Eskapaden Ausse, und dann überfiel er heuchelt mitleidige Berichte vom Kokain- kunft: Iris Berben beeine Sparkasse. Er nahm schnupfen am Rande des Alltagsgeschäfts kannte sich in einem In25 000 Mark mit, verlor ebenso zum Konversationsgeplauder wie in terview dazu, den Stoff einen Großteil während der Medienszene und in deutschen Theatern. genommen zu haben; der Flucht und wurde Zu den Klatschgeschichten geschnappt. „Es war wie zählt die über den ChefredakRené Weller in Trance“, erzählte er, teur eines überregionalen Blat„ich erinnere mich nur tes, der in wichtigen Sitzungen noch an Panik und viermal in zwei Stunden auf die Der ehemalige Box-Weltmeister, 46, sitzt Herzflattern.“ Toilette eilt, ebenso wie die über wegen Kokainhandels im Knast. Im verganAbschreckend wirken den Kollegen in einem Hamgenen Jahr erhielt er sieben Jahre Haft. solche Berichte nicht. Imburger Verlag, bei dem die d e r

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Wenn Schneemänner tauchen gehen Gegen den von Kolumbien gesteuerten Kokainschmuggel haben europäische Drogenfahnder kaum eine Chance. Die Tricks der Kuriere werden immer raffinierter, die Profite immer größer.

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as U-Boot sollte offenbar eine internationale Joint-Venture-Produktion werden. Montiert wurde die Stahlzigarre in einem Vorort von Bogotá. Die Konstruktionspläne und das Werkzeug stammten aus Russland, die Montagehalle hatte ein US-Amerikaner angemietet. Das Unterwasserfahrzeug war 36 Meter lang, 4 Meter breit, noch ohne Motor – aber in „fortgeschrittenem Baustadium“, wie kolumbianische Kriminalbeamte erstaunt registrierten. Mit der Entdeckung des U-Boots im September dieses Jahres hatten die Fahnder den Stapellauf gerade noch verhindert. Die Nautilus von Bogotá sollte nach Fertigstellung in drei Teilen mit Sattelschleppern an die 450 Kilometer entfernte Küste gebracht werden – um dann im Pazifik als Drogentransporter zum Einsatz zu kommen. Mit bis zu 200 Tonnen Ladekapazität hätte das U-Boot Kokain im Marktwert von mehreren Millionen Dollar an Bord nehmen können. Die verbotene Fracht sollte offensichtlich auf hoher See auf einen Frachter umgeladen werden. Was an eine Szene aus einem JamesBond-Film erinnert, ist Alltag im Krieg der Drogenkartelle um sichere Handelsrouten. Denn von den größten KokaAnbauländern Kolumbien, Peru und Bolivien aus wird der Stoff in alle Welt verschickt – vor allem in die Metropolen der USA und Europas. Der größte Absatzmarkt für Kokain liegt noch immer in den Vereinigten Staaten. Doch auch nach Europa fließt immer mehr Stoff – und je mehr Koks anlandet, desto stärker sinken die Preise. Das für Europa bestimmte Kokain wurde bisher meist per Schiff von Brasilien nach Lissabon oder an spanische Küstenstädte geliefert. Doch die Schmuggelrouten ändern sich ständig. Neuerdings, so warnen Sicherheitsexperten, wird der Stoff nach Skandinavien verschifft. In schwedischen und norwegischen Häfen verladen Mitarbeiter der Drogenkartelle das meist in Briketts gepresste Pulver in Flugzeuge und transportieren es per Chartertrip weiter nach Frankreich, England, Holland und Deutschland. Über die Gesamtmenge des auf den Kontinent geschmuggelten Stoffs will ein Beamter des Bundeskriminalamtes „nicht

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mal spekulieren“. Angaben darüber lassen sich nur herleiten. In den KokainHauptproduktionsländern Peru und Kolumbien werden die Blätter der KokaPflanze bis zu fünfmal jährlich auf Plantagen abgeerntet. Bauern und Farmer bewirtschaften dort mit der Drogenpflanze nach inoffiziellen Schätzungen eine Fläche von 520 000 Hektar, etwa doppelt so groß wie das Saarland. Fest steht: Der Weltmarkt für Kokain ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen, die Drogenkartelle produzieren in Lateinamerika jährlich etwa 1800 Tonnen Stoff. Anfang der Neunziger verdreifachte sich die Kokainproduktion, während sich die Herstellung von Opium „nur“ verdoppelte. Im Moment stagniert die Herstellung von Heroin und Kokain etwas. Das liegt nicht etwa am Druck der Strafverfolger – die neuen Märkte wie

Kokain an Bord

etwa in der ehemaligen Sowjetunion sind noch im Aufbau. Was den Drogenfahndern in Europa derweil in die Hände fällt – in der Bundesrepublik wurden im vergangenen Jahr 1517 Kilogramm Kokain beschlagnahmt – ist nur ein minimaler Bruchteil des Stoffs, den die Kartelle auf die Reise schicken. Und wenn einmal ein großer Transport auffliegt, kommt der Tipp an die Polizei manchmal sogar von der Konkurrenz. So entledigen sich die Drogenbosse kleinerer Händler, die ihr Geschäft ohne die Mafia machen wollen. Mit dem Medellín- und dem Cali-Kartell wurden in Kolumbien die beiden größten Organisationen zerschlagen. Doch der Handel ging weiter. An die Stelle der alten Dealer trat die Farc, eine Guerrillaorganisation, die ihre Waffen und Ausrüstungen mit dem Geld aus Kokainge-

Hauptanbaugebiete und Transitrouten nach Deutschland

9% Bolivien

Niederlande

St. Petersburg

26% Peru

65% Kolumbien

Hamburg Frankfurt Rumänien

Regionaler Anteil an den weltweiten Koka-Anbauflächen Quelle: Uno, 1999

Venezuela

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schäften bezahlt. Nach Ansicht des Bundeskriminalamtes ist die Farc dabei, sich gemeinsam mit kleineren Drogenringen bald zu einem „Superkartell“ zusammenzuschließen, das nicht nur den Vertrieb der Droge, sondern auch ihre Herstellung kontrolliert. Die Methoden der Kuriere werden immer perfider. In der kolumbianischen Stadt Pereira verlassen monatlich rund 40 Drogenkuriere eine regelrechte Schmuggelschule. In einem vierwöchigen Kurs, der mit einer strengen Diät beginnt, trainieren sie dort, mit Kokain gefüllte Plastikbeutelchen zu schlucken. Um den Magen an den Kunststoff zu gewöhnen, wird das Hinunterschlingen zu Beginn mit unzerkauten Weintrauben und mit Milchpulver gefüllten Plastikkapseln geübt. Pro Trip schluckt ein „Mula“ bis zu 150 Portionen Kokain. Doch die „Packesel“, wie die meist aus armen Verhältnissen stammenden Drogenschlucker genannt werden, sind trotz des Trainings ein unsicheres Medium. Platzt ein Säckchen im Magen oder Darm, hat der Kurier nicht mehr lange zu leben, die Ware ist futsch. Deswegen tüfteln die Kartellmafiosi immer neue Schmuggelmöglichkeiten aus. Der Stoff wird in Wachskerzen eingearbeitet oder im Innenleder von Fußbällen verborgen. Kokain wird als Babynahrung getarnt, in Kodak-Filmplatten versteckt, es findet sich in originalverpackten und zugeschweißten „Ferrero-Rocher“Schokokugeln genauso wie in hohlen Stuhlbeinen, in Ersatzreifen von Oldtimern oder in einem Laib Brot. Manchmal reisen die Kuriere sogar mit Koffern,

die aus gepresstem Kokain gefertigt sind. Beliebt ist auch der Transport des Schneepulvers auf Containerschiffen, die Kaffee geladen haben. Der Verschleierungsaufwand, den die Kartelle betreiben, bestimmt die Höhe des Profits. Denn die kolumbianischen Drogenmafiosi, die fast den gesamten Handel für Lateinamerika kontrollieren, garantieren den Kokainproduzenten und Zwischenhändlern den Gewinn mit einer Art Vollkasko-Versicherung: Fliegt eine Ladung auf, wird der Marktpreis zu 100 Prozent erstattet. Kommt die Ware durch, kassiert das Kartell 60 bis 70 Prozent des Gewinns. Dafür müssen die Dealer-Organisationen in Europa Bürgen besonderer Art stellen. Bis zur endgültigen Bezahlung der Ware mussten sie Mitglieder nach Südamerika entsenden, die dort als „Gäste“ in feudalen Fincas festgesetzt wurden. Gibt es Komplikationen, werden die Geiseln gefoltert oder ermordet. Der Drogenhandel allein in Kolumbien schlägt pro Jahr mit schätzungsweise acht Milliarden Mark zu Buche. Über drei Millionen Menschen sind dort vom Drogenhandel ganz oder teilweise abhängig. Über 30 000 neue kolumbianische Dollar-Millionäre haben ihr Geld mit dem weißen Pulver gemacht. Gleichzeitig stieg auch die Zahl der Toten: Statistisch gesehen gab es Anfang der siebziger Jahre – vor Beginn des Drogenhandels im großen Stil – pro Jahr 1,8 Mordopfer auf 100 000 Einwohner. Heute sind es etwa 78, die meisten sind Opfer der Drogenmafia. Claus Christian Malzahn

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Anti-Kokain-Einsatz in Kolumbien: Anbaufläche doppelt so groß wie das Saarland

mer wieder finden Dopingfahnder im Urin von Spitzensportlern Reste von Koks. Der englische Hockey-Olympiasieger Russel Garcia, der beim ehemaligen Deutschen Meister Harvestehude THC wirkt, wurde für Monate gesperrt, weil er Kokain genommen hatte; er sei in der Discothek „La Cage“ auf der Reeperbahn verführt worden, sagte er. Österreichs Skisprung-Olympiasieger Andreas Goldberger war etwa in einem Innsbrucker Nachtclub zu einer Portion Kokain überredet worden. Wo immer auch nicht nur Athleten schwach werden, Wirte und Party-Organisatoren denken wie der Hamburger Michael Ammer: „Was sich die Leute in meinen Clubs selbst mitbringen, kann ich nicht kontrollieren. Ich folge denen schließlich nicht auf die Toilette.“ Wieso auch, hätte mancher Dichter und Denker vergangener Jahrhunderte gesagt; schließlich galten Drogen im Allgemeinen und Kokain im Besonderen einst als anerkanntes Mittel zur Linderung des Leids am mühsamen Leben. Das Verlangen nach einem kräftigen Rausch, lehrte der amerikanische Pharmakologie-Professor Ronald K. Siegel, könne „ebenso wenig wie Sex, Hunger und Durst jemals unterdrückt werden“; es sei „der vierte Trieb“ und folglich „biologisch unvermeidlich“.

Falco Der 40-jährige Popstar kam 1998 bei einem Autounfall ums Leben – vollgedröhnt: Er hatte große Mengen Kokain, Marihuana und Alkohol im Blut. Drum hielt sich Novalis an das Pflänzchen namens Mohn: „Köstlicher Balsam träuft aus deiner Hand, aus dem Bündel Mohn. Die schweren Flügel des Gemüths hebst du empor.“ Und schon Gottfried Benn gab sich dem Kokain hin: „O Nacht! Ich nahm schon Kokain,/und Blutverteilung ist im Gange,/das Haar wird grau, die Jahre fliehn,/ich muss, ich muss im Überschwange/noch einmal vorm Vergängnis blühn.“ Der älteste Beleg fürs Coca-Kauen ist fast 5000 Jahre alt. Die Inkas nutzten die 155


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Der Schriftsteller Eckhart Nickel über Kokspartys Nickel, 34, hat ein Buch über den modernen Dandy geschrieben. Gerade ist sein Erzählungsband „Was ich davon halte“ erschienen. Er lebt in Heidelberg.

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Die Wochenenden der Mitglieder laufen meist ähnlich ab. Die Treffen, die sich bis ins Morgengrauen ziehen, sind gekennzeichnet von Martins sadistischem Bedürfnis: „Ich will sehen, wie weit die Leute gehen“, sagt er. Martins Geschenk ist das Ereignis, die Entgleisungen der Gäste sein Lustgewinn: „Ich zeichne gerne auf und filme, lasse Bänder laufen. Bei uns gibt es keine Grenzen. Es wird geredet, getanzt, man schläft miteinander.“ Die meisten Mitglieder der Runde würden

inen besonders gelungenen Freitagabend beschreibt Martin, 34, erfolgreicher Immobilienmakler in Berlin, wie folgt: Kühlschrank voll mit Champagner bis oben hin, Freunde vor der Tür und auf dem Tisch eine frische Prise Kokain. Wo die Ware herkommt, bleibt für die meisten seiner Gäste ein Geheimnis. Sie zahlen, schnupfen und fragen nicht nach. Martin ist, wie es im Jargon heißt, nahe dran am Ursprung. An Stoff, der 80 Prozent Reinheitsgehalt hat – wie in Bolivien und Kolumbien üblich. Er ist der Mann mit den unglaublichen Verbindungen. Bei ihm, so sagt er, gibt es keine Briefchen, sondern Rocks, gut abgewogen. 200 Mark das Gramm. Darüber gesprochen wird nur in Chiffren. Wenn besonders gute Qualität angesagt ist, spricht Martin von Helgolandfelsen. Wie von altem Parmigiano Reggiano wird am Tisch abgehobelt, jedes Stück selbst noch einmal durch ein feines Pulverzuckersieb getrieben, bis sich der Staub sauber in Linien verteilen lässt. Für Martin und seine Freunde, Ärzte, Rechtsanwälte und Medienleute, alles Menschen in gehobener gesell- Autor Nickel: Helgolandfelsen für Freunde schaftlicher Stellung, hat der Konsum der Droge kulinarische Qualität er- sich am nächsten Tag nur ungern in reicht. Getrunken werden Jahrgangs- die Augen sehen. Ab einer bestimmten cuvées, „ich biete Zigarren aus dem Menge Kokain wird nur noch Mist erSchrankhumidor, vorneweg Fingerfood zählt. Lügen und Heuchelei. Aber das vom Feinkostlieferanten“, sagt Mar- weiß ja jeder. Für Martin bedeutet Kokain Abtin. Was passiert dann, wenn alle ihre Lines schnupfen? „Die Kunst des intel- wechslung in der Langeweile seines saligenten Gesprächs. Gedanken-Ping- turierten Lebens. Er will sehen, wie Kopong. Austausch, Ausschweifung und kain die Menschen klein macht, ihre Gier, den Geiz, mit dem sie ihre Ration Amüsement.“ In Martins Kreis hineinzugelangen verteidigen. „Wenn nicht mehr viel auf ist nicht leicht. Der Vorgang, wie Mar- dem Tisch liegt, sagt jeder, er wäre noch tin ihn schildert, erinnert an Geheim- nicht drangewesen“, erzählt Martin, logen aus der Zeit der Freimaurer oder „ich sehe dann in den starren Blicken die superreiche Festgemeinde aus den einzigen Wunsch, eine Nase zu Stanley Kubricks Film „Eyes Wide nehmen, nur eine Nase noch.“ Die FraShut“. Wer Freunde einführen will, ge, woher er das Kokain bezieht, lässt er muss sie eingehend vorstellen, die so bewusst offen. Wer das Gesetz des genannte weiße Weste wird geprüft. Es Schweigens bricht, entgeht seiner Strafe nicht. gibt ja schließlich V-Männer.

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„Nur eine Nase noch“

Pflanze als Heilmittel und als rituelle Droge bei kulturellen Handlungen. Ende des 16. Jahrhunderts brachte der spanische Arzt Nicolas Monardes das erste Gewächs nach Europa. Der italienische Neurologe Paolo Mantagazza machte Coca in der alten Welt mit seiner 1859 erschienenen Schrift „Über die hygienischen und medizinischen Vorzüge der Coca“ populär. Er berichtete nach Selbstversuchen über die psychedelischen Wirkungen und empfahl sie als Medikament – gegen Zahnschmerzen beispielsweise und gegen Verdauungsstörungen. Ähnlich wie Heroin ist Kokain eine deutsche Entwicklung. 1860 promovierte der Chemiker Albert Niemann mit dem Thema „Über eine neue Base in den Cocablättern“, und er gab dem Destillat auch den Namen: Kokain. Ein weiterer Deutscher, Wilhelm Lossen, bestimmte die Summenformel – C17 H21 NO4. 1863 ließ sich der korsische Chemiker Angelo Mariani einen Coca-Wein – eine Mixtur aus Süßwein und Coca-Extrakt – patentieren. Diesen „Vin Mariani“ kosteten die Schriftsteller Jules Verne und Henrik Ibsen. Freud beschrieb 1884 in seiner Publikation „Über Coca“ Selbstversuche und empfahl Kokain als Stimulans gegen körperliche und geistige Erschöpfung, gegen Störungen der Magenverdauung – und als Elixier gegen Morphin- und Alkoholsucht. Der Stoff diente lange als Anästhetikum; selbst Coca-Cola enthielt bis 1903 Kokain. Und dann kamen die zwanziger Jahre (siehe Seite 152) und mit ihnen die Ära der Schnüffler. Die nasengerechte Herstellung des Muntermachers ist denkbar einfach. Das aus den Blättern des Kokastrauches gewonnene Kokain wird mit Backpulver und Wasser vermischt, das Wasser anschließend verdunstet. Dadurch entstehen die weiß-gelblichen Kristalle, die in kleinen Briefchen verschweißt auf den Schwarzmarkt kommen. Der Verbraucher verteilt seine Portion von 20 bis 120 Milligramm Schnee auf einer glatten Oberfläche, zerhackt die Kristalle und legt sich aus dem Pulver eine Linie. Mit einem Saugrohr zieht er anschließend den Stoff in die Nase; die Snobs bedienen sich dabei eines Tausendmarkscheines, der gemeine Kunde nimmt einen Strohhalm von McDonald’s. Mit einer kräftigen Inhalation gelangt das Kokain dann an die Schleimhäute der oberen Nasenhöhle. Manch einer steht darauf, sich das Pulver in die Schleimhäute des Genital- und Analbereichs einzureiben. Durchsetzen konnte sich diese Variante bisher nicht. Über die Schleimhäute gelangt das Kokain innerhalb weniger Minuten in die Blut-


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Ernst Hannawald Die Kokainsucht verpfuschte das Leben des 40-jährigen Schauspielers. Er überfiel eine Sparkasse und musste ins Gefängnis. d e r

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tigen nicht selten zu einem totalen Realitätsverlust. Hat sich Christoph Daum aus diesem Grunde auf eine Haaranalyse eingelassen, obwohl er wissen musste, dass diese nur positiv ausfallen konnte? Dieses Phänomen kenne die Drogenhilfe seit langem, sagt der Suchtfachmann Hüllinghorst, „die Aufdeckung der Wahrheit wird bis zum letzten Moment hinausgeschoben, und ein Haartest gibt immerhin noch ein paar Wochen Aufschub“. Oder haben Daum, der immer noch über Freunde Verschwörungstheorien verbreitet, und seine Berater nur die Methoden der modernen Haaranalyse (siehe Seite 158) unterschätzt? „Viele Ärzte rechnen, dass ein Haar um einen Zentimeter pro Monat wächst und deshalb nach einem halben Jahr nichts mehr zu finden ist“, sagt der Münchner Rechtsmediziner Hans Sachs, „so einfach ist das aber nicht. Es gibt große Überschneidungsbereiche.“ Oder hoffte Daum vielleicht sogar, dass die Wahrheit seiner Sucht endlich ans Licht kommt, wie der Münchner Liedermacher und Ex-Kokser Konstantin Wecker glaubt: „Er wollte den Knall, er wollte die Katastrophe, die ihm hilft auszusteigen.“ Der Frankfurter Drogen-Therapeut Martin KnoblochReith stützt diese These, denn dies sei ein typischer Effekt bei Koksern: „Entweder durchhalten und weiterkoksen oder einen Schnitt machen.“ Nicht jeder fällt so tief wie Christoph Daum. Das wissenschaftliche Projekt „Kokain in Frankfurt“, das die Erfahrungen von 42 Usern aus dem bürgerlichen Milieu auswertete, belegt immerhin, dass die meisten Schnupfer, auch Gewohnheitskokser, ihren Konsum so weit unter Kontrolle haben, dass sie in ein normales Alltags- und Arbeitsleben integrierbar bleiben. Diese Kokser nutzen den Stoff so ähnlich wie einen CDPlayer oder ein Rockkonzert – die Droge als Konsumartikel der Freizeitgesellschaft. Viele von ihnen sind in den harten Ecstasy-Zeiten der deutschen Clubs Anfang und Mitte der neunziger Jahre sozialisiert worden und haben jetzt genug Geld, auf den gepflegteren Kokskick zurückzugreifen. In solchen Kreisen gilt es als Statussymbol, Bekannte auf eine Line einladen zu können: Wer hat, der hat. Im weiteren Verlauf, so die Forscher, habe sich ein „klarer geschlechtsspezifischer Unterschied“ herausgestellt: Die Männer mussten das Kokain bezahlen, die ZUMA PRESS / ACTION PRESS

bahn, Atmung und Pulsfrequenz beschleunigen sich, die Pupillen werden weiter (siehe Seite 150). Auf scheinbar wundersame Weise entsteht das Gefühl, leistungsfähiger, stärker und schlauer zu sein. Kokain sei eine Droge, sagt Hinderk Emrich, Psychiater an der Medizinischen Hochschule Hannover, „die die Fassade verbessert und jede Depression wegbügelt“. Der Berauschte ist bald weniger gehemmt, er ist gut gelaunt, er wird hemmungslos, er hat Lust auf Sex. Gleichzeitig wird er aggressiver, körperliche Stärke und Ausdauer nehmen zu. Und er erwirbt ein Standvermögen, das sich gerade für manches Liebesspiel günstig auswirkt. Bitter indes: Der Rausch ist schnell vorbei. Je nach Dosis und Gewöhnung an die Droge ist die Euphorie nach 20 bis 60 Minuten vorüber. Die Stimmung der Kokser wird mies, während gleichzeitig die Betriebsamkeit erhöht bleibt. Paranoide Wahnvorstellungen können nun auftreten. Das Selbstwertgefühl schwankt bisweilen derartig, dass viele Konsumenten erneut zur Droge greifen. Der Drang zur Sänger Houston, Bobby Brown (1998): Alles wird leichter nächsten Linie ist enorm. KoDa Symptome körperlicher Abhängigkain gilt darum als das Suchtmittel, das am schnellsten zur psychischen Abhängkeit keit selten auftreten, gewinnen Kokser führt. Forscher der Cambridge University leicht den Eindruck, sie könnten jederzeit fanden heraus, dass schon allein der An- von der Droge wegkommen. Chronische blick der vertrauten Koks-Umgebung Konsumenten merken oftmals nicht, dass genügt, um ein sofortiges Verlangen nach ihre Nasenscheidewand bisweilen schon neuem Stoff auszulösen. Bei Versuchen mit verätzt, der Darm verstopft, das Herz Ratten fanden Wissenschaftler in Zürich schwer angegriffen ist. Nach Ergebnissen einen weiteren teuren Nachteil der Mode- von Forschern der Harvard Medical School droge: Während die Gier nach neuen in Boston zählt Kokain mittlerweile zu den Linien ständig steigt, lässt der Genuss stärksten Auslösern für einen akuten Herzinfarkt. stetig nach. Wie alle Rauschmittel verändert Kokain auf Dauer radikal das Leben der Süchtigen. Der ganze Tagesablauf dreht sich irgendwann allein um die nächste Inhalation und um die Sorge, die Abhängigkeit vor Fremden zu verbergen. Das Verdrängen der eigenen Situation und die Unfähigkeit, das wahre Leben noch wahrzunehmen, führt selbst bei präzise denkenden Süch-

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Titel delt – „ganz seriös, wie bei einem Bananengeschäft“. Gefährlich wurde es nur dann, wenn er weniger als ein Kilogramm brauchte. „Dann wurde gestochen und geschossen.“ Münchner Dealer holen sich den Stoff oft auch aus Italien. Seit Albaner den Koks mit schnellen Booten über die Meerenge bringen, gilt Italien als das Dorado der Kokainsociety. Die Namen jener Münchner Ristorantes wiederum, in denen einfach an Kokain zu kommen ist, sind der Szene bestens bekannt. Italienische Kellner gelten ähnlich wie Discjockeys als fester Bestandteil der Kleindealerszene. Doch sie leben nicht mehr so ungestört wie vor einigen Jahren. Die bayerische Metropole ist die Hochburg der Strafverfolgung. Akribisch versucht die Polizei, auch den kleinsten Konsumenten zu ermitteln. Fahndungserfolge haben die bayerischen Ermittler durch den flächendeckenden Einsatz der so genannten kleinen Kronzeugenregelung des Betäubungsmittelgesetzes. Nahezu jedem Dealer offerieren die Beamten nach der Festnahme das Angebot, durch Bekanntgabe des Lieferanten und des Kundenkreises mit einer milderen Strafe davonzukommen. Auch aufwendige Abhöraktionen wie bei Daum gelten im CSU-Reich als probates Mittel – bei einem italienischen KleinCONTRAST / ACTION PRESS

Frauen boten im Gegengeschäft Sex, waren oft mit Dealern oder Szenegängern liiert. Ging die Beziehung zu Ende, versiegte die Quelle. Ihre erste Erfahrung beschreiben die bürgerlichen Kokser als „ganz gut“ bis „genial“; sie entspräche nur nicht den „superhohen Erwartungen“, da „eigentlich gar nichts“ passiere. Aber dann, am Ende, wird es heftig: „Zum Schluss, ohne das Zeug, biste niemand, biste gar nix mehr, eine leere Hülle, so ’n Roboter, dem der Strom ausgeht.“ Da machen die meisten doch lieber weiter. Schon reagieren Betriebe und Behörden auf den Boom der Alltagsdroge Kokain. In sieben Bundesländern müssen sich Bewerber für den Polizeidienst bereits einem Drogentest unterziehen. Heftige Proteste hatte jüngst Wolfgang Scherrenbacher, der Leiter des arbeitsmedizinischen Dienstes der Stadt Stuttgart, ausgelöst. Um dem „steigenden Drogenmissbrauch etwas entgegenzusetzen“, will er städtische Bedienstete wie Bademeister vor der Einstellung zu Drogentests verpflichten. Die macht die DaimlerChrysler AG schon in einigen Standorten – und das wohl aus gutem Grund. Bei anonymisierten Tests unter den Azubis des Autobauers waren im Schnitt rund fünf Prozent positiv, am Montagmorgen waren es sogar zehn Prozent.

Eckart Witzigmann Die Polizei fand bei einer Razzia Kokain. Der 59-jährige Star-Koch musste eine Geldstrafe zahlen und die Konzession abgeben. Die Versorgung in Deutschland erledigen meist Organisationen, die streng hierarchisch aufgebaut sind und mitunter wie Mittelständler bis zu 100 Mitarbeiter beschäftigen. Der frühere Kokainschmuggler Roland M., bekannt als „Schneekönig von Hamburg“, verhandelte mit den Drogenbossen in Kolumbien zweispurig. Wollte er mehr als ein Kilo abnehmen, sei das ein „Kaffeeund-Kuchen-Markt“ gewesen. Man habe entspannt zusammengesessen und verhan-

„Schamhaare abschneiden“

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as positive Ergebnis, sagt Herbert Käferstein, Rechtsmediziner an der Universität Köln, habe ihn selbst „ehrlich gesagt überrascht“. Doch selbstverständlich hätten er und seine Mitarbeiter Daums Haarbüschel wie in solchen Fällen üblich nicht nur ein-, sondern dreimal untersucht. Zudem entspricht die in Köln verwendete Methode, die gaschromatografische-massenspektroskopische Analyse, internationalem Standard. Deshalb haben Experten wie der Vizepräsident der „International Society of Hair Testing“, Hans Sachs aus München, keinen Zweifel: „Ich gehe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass das Ergebnis stimmt. Irgendwo muss das Zeug ja her-

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kommen.“ Die Drogenstoffe gelangen über den Blutkreislauf in die Haarwurzel, wo sie an Eiweiße gebunden werden und mit dem Wachstum des Haares langsam nach außen wandern. Anders als im Blut oder im Urin, in denen sich Drogenkonsum nur innerhalb von Stunden bis Tagen nachweisen lässt, können Haare den Missbrauch über Monate dokumentieren. Bei Kokain, sagt Sachs, sei der Test positiv, wenn mindestens einmal im Monat gekokst wurde. Sollte der von Daum angekündigte neue Test in einem US-Labor wider Erwarten negativ sein, sagt Sachs, müsse geklärt werden, ob inzwischen manipuliert worden sei. Möglichkeiten dazu gibt es. Bleichmittel oder Spezialshampoos wie das über das Internet erhält-

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Daums Haaranalyse in Köln ist über Zweifel erhaben, ein neuer Test in einem amerikanischen Labor eher fragwürdig.

Haaranalyse (im Labor)

„Das Ergebnis stimmt“

liche „Ultra Clean“ können die eingelagerten Stoffe zumindest teilweise wieder aus den Haaren herauswaschen. Ein Gang zum Friseur könnte die Überbleibsel zumindest älteren Drogenkonsums beseitigen. „Beim Verdacht einer Manipulation“, fordert Sachs kampflustig, „sollte man sofort hingehen und Daum die Schamhaare abschneiden.“ Veronika Hackenbroch


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dealer wurden zwischen September und Dezember 1999 allein 3000 Handy-Telefonate mitgeschnitten. Dabei ersparen die Bayern auch den Prominenten die Pein eines öffentlichen Verfahrens nicht. Nur in wenigen Fällen gelingt es Strafverteidigern, die Staatsanwaltschaft davon zu überzeugen, die Sache lieber geräuschlos mit einem Strafbefehl zu erledigen. Selbst für ein Gramm Koks gelten drei bis sechs Monate Haft auf Bewährung als übliches Strafmaß. Zudem muss der ertappte Kokaindelinquent in jedem Fall mit dem Entzug seines Führerscheins rechnen. Die Staatsanwaltschaften schalten von Amts wegen die Ordnungsbehörden ein, der Erwischte wird aufgefordert, ein so genanntes Drogenscreening vorzulegen. Wie bei Daum wird ein Haar untersucht, um zu klären, ob der Drogenkonsum länger zurückliegt. Hat er bis zuletzt geschnupft, ist der Schein weg – gleich ohne jede zeitliche Begrenzung. Dennoch: Münchens Anwälte, Broker, und Werber hält das alles nicht davon ab, weiter draufloszukoksen. Ein Immobilienhändler antwortete jüngst einem Richter auf die Frage, warum er denn gleich 200 Gramm gekauft habe: „Wenn Sie Bier holen, kaufen Sie doch auch nicht nur eine Flasche.“ Es ist nur eben so, dass Kokain gefährlicher ist. Der Stoff gaukelt eine besondere Leistungsfähigkeit ja nur vor. Der Sänger Wecker beispielsweise fühlte sich auf Koks so begabt wie nie zuvor – doch wenn er wieder nüchtern war, stellte er fest, dass er nur ein paar lausige Akkorde aufs Papier gekritzelt hatte. „Wer wirklich gut ist, nimmt es eben gerade nicht“, sagt der Dramaturg der Berliner Volksbühne Carl Hegemann, der Kokain sowieso für eine „eklige Droge“ hält, „weil die Leute sich unter ihrem Einfluss oft ekelhaft benehmen“. Musiker Elton John etwa empfand den Stoff zunächst als Hilfsmittel zur Selbstbe- Models in Cannes: Mit Kokain bei Laune gehalten und gefügig gemacht freiung, doch „es endete mit den Jahren in totaler Einsamkeit“. Heute erinnert er sich sich unbewusst ständig in Todesnähe anzuKoks gegen Kohle zurück an den „Alptraum“ dieser Sucht, siedeln, mit dem Risiko, dass ein einziger und „manchmal, wenn ich über die SchweiFehltritt irgendwann genügen könnte“. Preise pro Gramm Kokain zer Alpen fliege, denke ich, da unten liegt Der österreichische Sänger Falco hatte in für Klein- und Großmengen in Mark all das Koks, das ich geschnupft habe“. den Achtzigern einen seiner größten Hits, 400 Kleinmengen Das entscheidende Argument gegen Kodas Lied vom Kommissar. Darin heißt es: Quelle: kain aber ist, dass es mörderisch wirken „Wir treffen Jill und Joe und dessen BruSuchtbericht 300 Deutschland, kann. Jederzeit, sagt Friedrich Ingwersen, der Hip / und auch den Rest der coolen 1999 Chefarzt der auf die Behandlung SuchtGang. / Sie rappen hin, sie rappen her, da200 kranker spezialisierten Fachklinik für sozwischen kratzen’s ab die Wänd’. / Dieser 150 131 ziopsychosomatische Medizin Rastede, könFall ist klar, lieber Herr Kommissar, / auch 100 Großmengen 76 ne der Abhängige „suizidal oder parasuiziwenn Sie andrer Meinung sind. / Den 0 dal“ werden; im zweiten Fall mischt er sich Schnee, auf dem wir alle talwärts fahrn, 1975 1980 1985 1990 1995 2000 einen Cocktail jener Art, / kennt heute jedes Kind.“ der vor 18 Jahren RegisAm 6. Februar 1998 raste Falco in der Preise illegaler Drogen 1999 in Mark seur Rainer Werner FassDominikanischen Republik mit seinem Rauschgift ein Kilogramm ein Gramm Konsumeinheit binder tötete. Jeep frontal in einen Bus. In seinem Blut Das „Faszinosum diefand sich ein irrwitziger Cocktail: Alkohol, Kokain 40 000 bis 120 000 80 bis 130 20 bis 50 ser Droge“ seien in zweiMarihuana, Kokain. Heroin 30 000 bis 80 000 50 bis 110 10 bis 20 Georg Bönisch, Klaus Brinkbäumer, ter Linie Euphorie und Amphetamin 4000 bis 20 000 10 bis 20 – Wolfgang Höbel, Felix Kurz, Udo Ludwig, Hemmungslosigkeit, so Georg Mascolo, Irina Repke, Rainer Schmidt, Haschisch 2500 bis 6000 8 bis 12 – Ingwersen, aber vor alHeiner Schimmöller, Thomas Tuma, Ecstasy – – 10 bis 15 lem das „Grundanliegen, Marianne Wellershoff d e r

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Pulver für Alpha-Tierchen Warum Kokain vor allem eine Droge für Kreative ist

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se der Konsument die richtige Mischung aus Selbstverliebtheit und intellektuellem Potenzial besitzen. Dass Kokain vor allem eine Droge der Kreativen, der Intellektuellen und der Prominenten ist, war bislang stets mit seiner Geschichte und dem hohen Preis begründet worden. Doch inzwischen lässt sich auch neurophysiologisch erklären, warum die Denk-Elite Droge der Kreativen vorneweg kokst – und andere schlicht Wirkung von Kokain im Gehirn zu dumm dafür sind. Beim Kokain, erklärt Emrich, gehe Belohnungssystem es eben nicht nur um Glücksgefühle, Das Belohnungssystem des Gehirns bewertet sondern auch um „die SelbstdarstelReize aus unserer Umgebung, die menschliche Bedürfnisse ansprechen (z. B. Essen, Trin- lung, die Brillanz, die Magie, den Heiligenschein, den die Droge verleiht. ken, sexuelle Stimmung) als positiv. Kokain verstärkt diese Bewertung und lässt Wer Kokain nimmt, macht das, um somit die Reize angenehmer erscheinen. überall das Alpha-Tierchen zu sein“. Kokain aktiviert – wie fast alle anderen Drogen auch – das so genannte „Belohnungssystem“, indem es die Konzentration des Überträgerstoffs Dopamin im Gehirn erhöht. Es entsteht ein Gefühl der Euphorie; Angenehmes erscheint noch angenehmer, Probleme scheinen sich in Luft aufzulösen. Im Gegensatz zu anderen Drogen stimuliert Kokain aber auch eine bestimmte Gruppe von Nervenfasern im Verstärkersystem Hirnstamm, die wie eine Art BeVerstärkersysteme reguschleuniger von Denkprozessen wirlieren die Zahl und Geken. Eine einzige Faser des so genannschwindigkeit der Denkten aufsteigenden retikulären Systems prozesse, die gleichkann bis zu einer Milliarde weiterer zeitig im Hirn verarbeitet werden können. NormaHirnzellen zum Denken anregen, ein lerweise unterliegen sie ungeheures geistiges Potenzial. Norstarken hemmenden Einmalerweise arbeiten die Verstärkerflüssen, um das Hirn nicht Fasern nur auf Sparflamme – Kokain zu überfordern. hingegen bringt sie auf Touren. Kokain löst diese Denk„Im Kokainrausch“, sagt Emrich, bremsen, so dass der „kann jemand, der viel in sich hat, aber Konsument vor Ideen es normalerweise nicht so richtig zur sprüht. Dieser Effekt macht Kokain als Geltung bringt, das Maximale aus seiDroge für Kreative besonders attraktiv. nen geistigen Möglichkeiten herausGefahren holen.“ Vor allem für selbstverliebte Menschen könne das ein unglaublicher Kokain-Konsumenten können auf Dauer Genuss sein. Nur: „Man muss es eben ohne die Verstärker-Droge kein normales Glücksempfinden mehr entwickeln. vorher in sich haben – sonst wird es peinlich und macht keinen Spaß mehr.“ Folge: schwere Depressionen, psychische Abhängigkeit Allerdings birgt die Aktivierung dieses Potenzials gewaltige Gefahren. Weil Die Beeinflussung des Verstärkersystems das Dopamin-System durcheinander führt zu Überforderung des Gehirns. gewirbelt wird, drohen Herzinfarkt, Folge: Wahnvorstellungen Rhythmusstörungen, Schlaganfall, epiMögliche Auswirkungen der Droge auf leptische Krämpfe, Wahnvorstellungen den Organismus: und – beim Absetzen der Droge – Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt, schwere Depressionen. Schlaganfall oder epileptische Anfälle

emand, der nicht sehr intelligent und dessen Leben einsam und langweilig ist“, sagt Hinderk Emrich, Psychiater und Drogenforscher an der Medizinischen Hochschule Hannover, „kann mit Kokain nicht viel anfangen.“ Damit sich die Möglichkeiten des Stoffs voll entfalten könnten, müs-

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Jugendlichen für Cannabis noch einmal spürbar gestiegen. Aufhalten kann den Vormarsch von InDrogen niemand. Während Tabak- und Spirituosenindustrie jährlich mit Milliarden die typischen Einstiegssuchtmittel bewerben, hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gerade einmal zehn Millionen Mark jährlich für vorbeugende Maßnahmen übrig. Wie eine „Lachnummer“ (Hüllinghorst) wirkt denn auch die „Keine Macht den Drogen“-Kampagne des Deutschen Fußball-Bundes. Schließlich kassieren Verband und Vereine mit der Bierpromotion Millionen, schließlich bekennt sich DFB-Vizepräsident Gerhard Mayer-Vorfelder zu Wein- und Tabakkonsum. Alles in allem, resümiert das Fachorgan „Kriminalistik“ düster, sei die deutsche Rauschgiftpolitik mit der Umweltpolitik der siebziger Jahre zu vergleichen: „Eingegriffen wird erst dann, wenn der Rauch aus dem Schornstein quillt, ‚at the end of the pipe‘“. Gegen Kokain kommt ohnehin keiner an – zu strahlend ist das Image des weißen Pulvers. Die Regel ist dabei nicht der Kokser, der ständig drauf und süchtig ist. Die Regel ist der Gelegenheitskokser, der sich zu besonderen Anlässen wie Partys oder

Dichterlesung in einer Berliner Bar*: „Das Zeug

Clubbesuchen, manchmal auch bei größeren privaten Treffen mit Freunden Linien legt. In Szenekreisen ist Kokain so normal geworden, dass sich mancher Schnupfer kaum noch Mühe gibt, den Konsum zu verbergen. Als ein kleines Trendmagazin in Berlin eine Party mit Lesung und DJ feierte, saß während des Programms in den vorderen Reihen ein stadtbekannter Partygänger, fingerte ungerührt den Stoff aus einem kleinen Briefchen und rieb ihn sich in die Nase. Niemand nahm Notiz davon. Und als derselbe Typ später auf dem Tresen mit einer Kreditkarte ein Hakenkreuz aus Kokain formte, um es vor Publikum genüsslich wegzuziehen, störte das nur jene in der Schlange, die deshalb länger auf ihr Bier warten mussten. * Eckhart Nickel, Christian Kracht, Joachim Bessing, Benjamin von Stuckrad-Barre im November 1999 in der „Bar jeder Vernunft“.


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„Nacht! Kokain! Das ist Berlin!“ Schon einmal war Kokain in Deutschland eine Modedroge. Im Berlin der Goldenen Zwanziger galt das weiße Pulver als Elixier der lebensgierigen Avantgarde.

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AKADEMIE DER KÜNSTE

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Die Faszination des Rausches zog ie junge Prostituierte, die gegen Die lebensgierige Avantgarde jener halb ein Uhr nachts das Café an rasenden Zwischenkriegsjahre jedoch besonders Intellektuelle in ihren der Friedrichstraße betritt, hat hatte in dem weißen Pulver ihr Elixier Bann: Klaus Mann durchstreifte die ein auffallend bleiches Gesicht und me- entdeckt. Und für Nachschub war bes- dämmrige Halbwelt der Kokainlokale lancholische Augen. Zitternd zieht sie tens gesorgt: Die Sanitätsdepots des und schrieb verzückt: „Die Romantik ein Kokainbriefchen hervor, schnupft Heeres – Kokain wurde im Ersten Welt- der Unterwelt war unwiderstehlich. gierig eine Prise und wirft – erleichtert krieg als lokales Betäubungsmittel ver- Berlin enthusiasmierte mich durch seine schamlose Verruchtseufzend – den Kopf in heit.“ Carl Zuckmayer den Nacken. versuchte sich notgeEigentlich müsste der drungen als Koksdealer Herr am Nebentisch jetzt vor dem Kaufhaus des unruhig werden – doch Westens; der russische Kommissar Leo Heller, Dichter Andrej Bely Zivilfahnder der Berlischwärmte: „Nacht! Tauner Kriminalpolizei, greift entzien! Kokain! / Das ist nicht ein. Stattdessen noBerlin!“ tiert er mitleidsvoll über Über allen aber das „arme Dirnchen“ schwebte, oft auf den Vera: „Das bisschen KoSchwingen des Kokains, kain soll sie hinwegtäudie Tänzerin Anita Berschen über all ihre Not.“ ber. Eine Diva, halb GötBerlin, 1924. Eine Metin, halb Hure, die, wie tropole zwischen Glanz ein Kritiker schrieb, „das und Elend, zwischen Exwilde Flackern und Brenzess und Depression. Eine nen ihrer Generation“ Metropole im Kokainverkörperte. Mit mondärausch: Ob im „Kakadu“, Berliner Party-Gesellschaft (1929): Prise aus der Kokainbüchse nen Nacktdarbietungen im „Esterhazy-Keller“, in wie den „Tänzen des der „Goldenen Spinne“ Schreckens und des oder der „Kolibri Bar“ – Grauens“, zahlreichen die neue Droge war allgeAffären, Skandalen und genwärtig. Fasziniert klasRauschgiftexzessen wursifizierte der Berliner Arzt de sie weltberühmt – und Ernst Noël die Klientel des stürzte ins Bodenlose. Stoffs, der in der Szene Im Juli 1928 wurde „Zement“, „Koks“ oder Anita Berber ins Berliner „Kakao“ hieß: „MüßigBethanienhospital eingegänger aus der literariliefert – 29-jährig, mit schen und artistischen BoSchwindsucht und bis heme, Spieler, Sportinterobenhin voll mit Kokain. essenten, Angehörige der Vier Monate später ereleganten und der proletarischen Prostitution, Kokser Zuckmayer, Berber, Göring: Nachschub aus dem Heeresdepot schien in der „B.Z. am Mittag“ ein kurzer NachSchieber und Schleichhändler, Söldner, Filmstatisten, Kellner, wendet – schienen schier unerschöpf- ruf auf den Vamp: „Sicher ist diese leNachtportiers, Hotelpagen, Kuppler, lich. „Garantiert reine Mercksche benshungrige Frau, gefeiert und geZuhälter“. Besonders in den elegant- Ware“ stand bei den Konsumenten be- hetzt, von dunklen Gewalten getrieben, an ihrem frühen Ende selbst mitschulverruchten Lokalen des Westens, so sonders hoch im Kurs. Ein Kaufmann schilderte 1922 die dig gewesen.“ Noël, sei die Prise aus der KokainbüchMit der ersten prominenten Drogense „kaum anders“ als die Bestellung ei- Wirkung des Stoffs schlicht als „überirdisches Gefühl“, während ein Zeichner toten beginnt langsam der Niedergang nes Glases Cognac. Auch bei der Polizei erkannte man zu Protokoll gab, nach dem Schnupfen Kokain-Berlins. Doch auch die Nazibald die Gefahr der Modedroge und stets Werke von Tolstoi oder Nietzsche Zeit hatte ihre prominenten Kokser: empfahl „schärfstes Vorgehen gegen- lesen zu müssen. Ein Varieté-Girl da- Von Reichsmarschall Hermann Göring über den Nachtbetrieben, in denen gegen verspürte im „Cocolores“ – im heißt es, dass er den „Schnee“ bei seiNackttänze und Kokain die zerrütteten Koksrausch – starke sexuelle Erregung nen Jagdfliegern kennen – und schätzen – gelernt hatte. Sven Röbel Nerven des Publikums anregen sollen.“ und „Haltlosigkeit“.


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Wenn Schneemänner tauchen gehen Gegen den von Kolumbien gesteuerten Kokainschmuggel haben europäische Drogenfahnder kaum eine Chance. Die Tricks der Kuriere werden immer raffinierter, die Profite immer größer.

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as U-Boot sollte offenbar eine internationale Joint-Venture-Produktion werden. Montiert wurde die Stahlzigarre in einem Vorort von Bogotá. Die Konstruktionspläne und das Werkzeug stammten aus Russland, die Montagehalle hatte ein US-Amerikaner angemietet. Das Unterwasserfahrzeug war 36 Meter lang, 4 Meter breit, noch ohne Motor – aber in „fortgeschrittenem Baustadium“, wie kolumbianische Kriminalbeamte erstaunt registrierten. Mit der Entdeckung des U-Boots im September dieses Jahres hatten die Fahnder den Stapellauf gerade noch verhindert. Die Nautilus von Bogotá sollte nach Fertigstellung in drei Teilen mit Sattelschleppern an die 450 Kilometer entfernte Küste gebracht werden – um dann im Pazifik als Drogentransporter zum Einsatz zu kommen. Mit bis zu 200 Tonnen Ladekapazität hätte das U-Boot Kokain im Marktwert von mehreren Millionen Dollar an Bord nehmen können. Die verbotene Fracht sollte offensichtlich auf hoher See auf einen Frachter umgeladen werden. Was an eine Szene aus einem JamesBond-Film erinnert, ist Alltag im Krieg der Drogenkartelle um sichere Handelsrouten. Denn von den größten KokaAnbauländern Kolumbien, Peru und Bolivien aus wird der Stoff in alle Welt verschickt – vor allem in die Metropolen der USA und Europas. Der größte Absatzmarkt für Kokain liegt noch immer in den Vereinigten Staaten. Doch auch nach Europa fließt immer mehr Stoff – und je mehr Koks anlandet, desto stärker sinken die Preise. Das für Europa bestimmte Kokain wurde bisher meist per Schiff von Brasilien nach Lissabon oder an spanische Küstenstädte geliefert. Doch die Schmuggelrouten ändern sich ständig. Neuerdings, so warnen Sicherheitsexperten, wird der Stoff nach Skandinavien verschifft. In schwedischen und norwegischen Häfen verladen Mitarbeiter der Drogenkartelle das meist in Briketts gepresste Pulver in Flugzeuge und transportieren es per Chartertrip weiter nach Frankreich, England, Holland und Deutschland. Über die Gesamtmenge des auf den Kontinent geschmuggelten Stoffs will ein Beamter des Bundeskriminalamtes „nicht

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mal spekulieren“. Angaben darüber lassen sich nur herleiten. In den KokainHauptproduktionsländern Peru und Kolumbien werden die Blätter der KokaPflanze bis zu fünfmal jährlich auf Plantagen abgeerntet. Bauern und Farmer bewirtschaften dort mit der Drogenpflanze nach inoffiziellen Schätzungen eine Fläche von 520 000 Hektar, etwa doppelt so groß wie das Saarland. Fest steht: Der Weltmarkt für Kokain ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen, die Drogenkartelle produzieren in Lateinamerika jährlich etwa 1800 Tonnen Stoff. Anfang der Neunziger verdreifachte sich die Kokainproduktion, während sich die Herstellung von Opium „nur“ verdoppelte. Im Moment stagniert die Herstellung von Heroin und Kokain etwas. Das liegt nicht etwa am Druck der Strafverfolger – die neuen Märkte wie

Kokain an Bord

etwa in der ehemaligen Sowjetunion sind noch im Aufbau. Was den Drogenfahndern in Europa derweil in die Hände fällt – in der Bundesrepublik wurden im vergangenen Jahr 1517 Kilogramm Kokain beschlagnahmt – ist nur ein minimaler Bruchteil des Stoffs, den die Kartelle auf die Reise schicken. Und wenn einmal ein großer Transport auffliegt, kommt der Tipp an die Polizei manchmal sogar von der Konkurrenz. So entledigen sich die Drogenbosse kleinerer Händler, die ihr Geschäft ohne die Mafia machen wollen. Mit dem Medellín- und dem Cali-Kartell wurden in Kolumbien die beiden größten Organisationen zerschlagen. Doch der Handel ging weiter. An die Stelle der alten Dealer trat die Farc, eine Guerrillaorganisation, die ihre Waffen und Ausrüstungen mit dem Geld aus Kokainge-

Hauptanbaugebiete und Transitrouten nach Deutschland

9% Bolivien

Niederlande

St. Petersburg

26% Peru

65% Kolumbien

Hamburg Frankfurt Rumänien

Regionaler Anteil an den weltweiten Koka-Anbauflächen Quelle: Uno, 1999

Venezuela

Kolumbien

Nigeria

Peru Brasilien

Bolivien

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schäften bezahlt. Nach Ansicht des Bundeskriminalamtes ist die Farc dabei, sich gemeinsam mit kleineren Drogenringen bald zu einem „Superkartell“ zusammenzuschließen, das nicht nur den Vertrieb der Droge, sondern auch ihre Herstellung kontrolliert. Die Methoden der Kuriere werden immer perfider. In der kolumbianischen Stadt Pereira verlassen monatlich rund 40 Drogenkuriere eine regelrechte Schmuggelschule. In einem vierwöchigen Kurs, der mit einer strengen Diät beginnt, trainieren sie dort, mit Kokain gefüllte Plastikbeutelchen zu schlucken. Um den Magen an den Kunststoff zu gewöhnen, wird das Hinunterschlingen zu Beginn mit unzerkauten Weintrauben und mit Milchpulver gefüllten Plastikkapseln geübt. Pro Trip schluckt ein „Mula“ bis zu 150 Portionen Kokain. Doch die „Packesel“, wie die meist aus armen Verhältnissen stammenden Drogenschlucker genannt werden, sind trotz des Trainings ein unsicheres Medium. Platzt ein Säckchen im Magen oder Darm, hat der Kurier nicht mehr lange zu leben, die Ware ist futsch. Deswegen tüfteln die Kartellmafiosi immer neue Schmuggelmöglichkeiten aus. Der Stoff wird in Wachskerzen eingearbeitet oder im Innenleder von Fußbällen verborgen. Kokain wird als Babynahrung getarnt, in Kodak-Filmplatten versteckt, es findet sich in originalverpackten und zugeschweißten „Ferrero-Rocher“Schokokugeln genauso wie in hohlen Stuhlbeinen, in Ersatzreifen von Oldtimern oder in einem Laib Brot. Manchmal reisen die Kuriere sogar mit Koffern,

die aus gepresstem Kokain gefertigt sind. Beliebt ist auch der Transport des Schneepulvers auf Containerschiffen, die Kaffee geladen haben. Der Verschleierungsaufwand, den die Kartelle betreiben, bestimmt die Höhe des Profits. Denn die kolumbianischen Drogenmafiosi, die fast den gesamten Handel für Lateinamerika kontrollieren, garantieren den Kokainproduzenten und Zwischenhändlern den Gewinn mit einer Art Vollkasko-Versicherung: Fliegt eine Ladung auf, wird der Marktpreis zu 100 Prozent erstattet. Kommt die Ware durch, kassiert das Kartell 60 bis 70 Prozent des Gewinns. Dafür müssen die Dealer-Organisationen in Europa Bürgen besonderer Art stellen. Bis zur endgültigen Bezahlung der Ware mussten sie Mitglieder nach Südamerika entsenden, die dort als „Gäste“ in feudalen Fincas festgesetzt wurden. Gibt es Komplikationen, werden die Geiseln gefoltert oder ermordet. Der Drogenhandel allein in Kolumbien schlägt pro Jahr mit schätzungsweise acht Milliarden Mark zu Buche. Über drei Millionen Menschen sind dort vom Drogenhandel ganz oder teilweise abhängig. Über 30 000 neue kolumbianische Dollar-Millionäre haben ihr Geld mit dem weißen Pulver gemacht. Gleichzeitig stieg auch die Zahl der Toten: Statistisch gesehen gab es Anfang der siebziger Jahre – vor Beginn des Drogenhandels im großen Stil – pro Jahr 1,8 Mordopfer auf 100 000 Einwohner. Heute sind es etwa 78, die meisten sind Opfer der Drogenmafia. Claus Christian Malzahn

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Anti-Kokain-Einsatz in Kolumbien: Anbaufläche doppelt so groß wie das Saarland

mer wieder finden Dopingfahnder im Urin von Spitzensportlern Reste von Koks. Der englische Hockey-Olympiasieger Russel Garcia, der beim ehemaligen Deutschen Meister Harvestehude THC wirkt, wurde für Monate gesperrt, weil er Kokain genommen hatte; er sei in der Discothek „La Cage“ auf der Reeperbahn verführt worden, sagte er. Österreichs Skisprung-Olympiasieger Andreas Goldberger war etwa in einem Innsbrucker Nachtclub zu einer Portion Kokain überredet worden. Wo immer auch nicht nur Athleten schwach werden, Wirte und Party-Organisatoren denken wie der Hamburger Michael Ammer: „Was sich die Leute in meinen Clubs selbst mitbringen, kann ich nicht kontrollieren. Ich folge denen schließlich nicht auf die Toilette.“ Wieso auch, hätte mancher Dichter und Denker vergangener Jahrhunderte gesagt; schließlich galten Drogen im Allgemeinen und Kokain im Besonderen einst als anerkanntes Mittel zur Linderung des Leids am mühsamen Leben. Das Verlangen nach einem kräftigen Rausch, lehrte der amerikanische Pharmakologie-Professor Ronald K. Siegel, könne „ebenso wenig wie Sex, Hunger und Durst jemals unterdrückt werden“; es sei „der vierte Trieb“ und folglich „biologisch unvermeidlich“.

Falco Der 40-jährige Popstar kam 1998 bei einem Autounfall ums Leben – vollgedröhnt: Er hatte große Mengen Kokain, Marihuana und Alkohol im Blut. Drum hielt sich Novalis an das Pflänzchen namens Mohn: „Köstlicher Balsam träuft aus deiner Hand, aus dem Bündel Mohn. Die schweren Flügel des Gemüths hebst du empor.“ Und schon Gottfried Benn gab sich dem Kokain hin: „O Nacht! Ich nahm schon Kokain,/und Blutverteilung ist im Gange,/das Haar wird grau, die Jahre fliehn,/ich muss, ich muss im Überschwange/noch einmal vorm Vergängnis blühn.“ Der älteste Beleg fürs Coca-Kauen ist fast 5000 Jahre alt. Die Inkas nutzten die 155


Titel delt – „ganz seriös, wie bei einem Bananengeschäft“. Gefährlich wurde es nur dann, wenn er weniger als ein Kilogramm brauchte. „Dann wurde gestochen und geschossen.“ Münchner Dealer holen sich den Stoff oft auch aus Italien. Seit Albaner den Koks mit schnellen Booten über die Meerenge bringen, gilt Italien als das Dorado der Kokainsociety. Die Namen jener Münchner Ristorantes wiederum, in denen einfach an Kokain zu kommen ist, sind der Szene bestens bekannt. Italienische Kellner gelten ähnlich wie Discjockeys als fester Bestandteil der Kleindealerszene. Doch sie leben nicht mehr so ungestört wie vor einigen Jahren. Die bayerische Metropole ist die Hochburg der Strafverfolgung. Akribisch versucht die Polizei, auch den kleinsten Konsumenten zu ermitteln. Fahndungserfolge haben die bayerischen Ermittler durch den flächendeckenden Einsatz der so genannten kleinen Kronzeugenregelung des Betäubungsmittelgesetzes. Nahezu jedem Dealer offerieren die Beamten nach der Festnahme das Angebot, durch Bekanntgabe des Lieferanten und des Kundenkreises mit einer milderen Strafe davonzukommen. Auch aufwendige Abhöraktionen wie bei Daum gelten im CSU-Reich als probates Mittel – bei einem italienischen KleinCONTRAST / ACTION PRESS

Frauen boten im Gegengeschäft Sex, waren oft mit Dealern oder Szenegängern liiert. Ging die Beziehung zu Ende, versiegte die Quelle. Ihre erste Erfahrung beschreiben die bürgerlichen Kokser als „ganz gut“ bis „genial“; sie entspräche nur nicht den „superhohen Erwartungen“, da „eigentlich gar nichts“ passiere. Aber dann, am Ende, wird es heftig: „Zum Schluss, ohne das Zeug, biste niemand, biste gar nix mehr, eine leere Hülle, so ’n Roboter, dem der Strom ausgeht.“ Da machen die meisten doch lieber weiter. Schon reagieren Betriebe und Behörden auf den Boom der Alltagsdroge Kokain. In sieben Bundesländern müssen sich Bewerber für den Polizeidienst bereits einem Drogentest unterziehen. Heftige Proteste hatte jüngst Wolfgang Scherrenbacher, der Leiter des arbeitsmedizinischen Dienstes der Stadt Stuttgart, ausgelöst. Um dem „steigenden Drogenmissbrauch etwas entgegenzusetzen“, will er städtische Bedienstete wie Bademeister vor der Einstellung zu Drogentests verpflichten. Die macht die DaimlerChrysler AG schon in einigen Standorten – und das wohl aus gutem Grund. Bei anonymisierten Tests unter den Azubis des Autobauers waren im Schnitt rund fünf Prozent positiv, am Montagmorgen waren es sogar zehn Prozent.

Eckart Witzigmann Die Polizei fand bei einer Razzia Kokain. Der 59-jährige Star-Koch musste eine Geldstrafe zahlen und die Konzession abgeben. Die Versorgung in Deutschland erledigen meist Organisationen, die streng hierarchisch aufgebaut sind und mitunter wie Mittelständler bis zu 100 Mitarbeiter beschäftigen. Der frühere Kokainschmuggler Roland M., bekannt als „Schneekönig von Hamburg“, verhandelte mit den Drogenbossen in Kolumbien zweispurig. Wollte er mehr als ein Kilo abnehmen, sei das ein „Kaffeeund-Kuchen-Markt“ gewesen. Man habe entspannt zusammengesessen und verhan-

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as positive Ergebnis, sagt Herbert Käferstein, Rechtsmediziner an der Universität Köln, habe ihn selbst „ehrlich gesagt überrascht“. Doch selbstverständlich hätten er und seine Mitarbeiter Daums Haarbüschel wie in solchen Fällen üblich nicht nur ein-, sondern dreimal untersucht. Zudem entspricht die in Köln verwendete Methode, die gaschromatografische-massenspektroskopische Analyse, internationalem Standard. Deshalb haben Experten wie der Vizepräsident der „International Society of Hair Testing“, Hans Sachs aus München, keinen Zweifel: „Ich gehe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, dass das Ergebnis stimmt. Irgendwo muss das Zeug ja her-

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kommen.“ Die Drogenstoffe gelangen über den Blutkreislauf in die Haarwurzel, wo sie an Eiweiße gebunden werden und mit dem Wachstum des Haares langsam nach außen wandern. Anders als im Blut oder im Urin, in denen sich Drogenkonsum nur innerhalb von Stunden bis Tagen nachweisen lässt, können Haare den Missbrauch über Monate dokumentieren. Bei Kokain, sagt Sachs, sei der Test positiv, wenn mindestens einmal im Monat gekokst wurde. Sollte der von Daum angekündigte neue Test in einem US-Labor wider Erwarten negativ sein, sagt Sachs, müsse geklärt werden, ob inzwischen manipuliert worden sei. Möglichkeiten dazu gibt es. Bleichmittel oder Spezialshampoos wie das über das Internet erhält-

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Daums Haaranalyse in Köln ist über Zweifel erhaben, ein neuer Test in einem amerikanischen Labor eher fragwürdig.

Haaranalyse (im Labor)

„Das Ergebnis stimmt“

liche „Ultra Clean“ können die eingelagerten Stoffe zumindest teilweise wieder aus den Haaren herauswaschen. Ein Gang zum Friseur könnte die Überbleibsel zumindest älteren Drogenkonsums beseitigen. „Beim Verdacht einer Manipulation“, fordert Sachs kampflustig, „sollte man sofort hingehen und Daum die Schamhaare abschneiden.“ Veronika Hackenbroch


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