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Marlene Möller lebte von 2005 bis 2011 in Paris, jetzt wieder in Stuttgart, wo sie geboren ist. Studium: Germanistik, Soziologie und Politikwissenschaft in Tübingen, Freiburg und Paris. Berufe: Lehrtätigkeit an Hochschule und Gymnasium, wissenschaftliche Redakteurin. Vier erwachsene Töchter. Bisher erschienen: »Seelenheimweh. Vom kurzen Leben und langen Sterben eines Terroristen« (isbn 978-3-940891-12-9); »Jakobsland« (isbn 978-3-86520-466-0).


Marlene Möller

PARIS SECHS JAHRE — SECHSte Etage — siebter Himmel?


Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter www.buchmedia.de

November 2013 © 2013 Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Kay Fretwurst, Freienbrink Printed in Europe · isbn 978-3-86520-481-3


F端r Mirjam Judith Hannah und Eva


»Paris ist alles, was du willst.« Frédéric Chopin

oder:

Jedem sein Paris!


Inhalt Im Namen der Rose · 11 Na also! · 29 Rue Notre-Dame de Lorette · 39 Damals und heute · 49 Die Zeit, die bleibt · 61 Melancholie · 71 Kein Wintermärchen · 81 Und kreist und dreht sich nur · 89 Ich hab noch eine Tochter in Berlin · 99 Mona Lisa und andere Damen · 107 Jeder sucht seine eigene Katze · 117 Mein Paris · 127 Libertinage, Égalité, Fraternité · 135 Gruppenbild · 145 Mein liebstes Leben · 159 Ich träumte von bunten Blumen · 173 Die neue Seite · 183 Sonnenschiff · 199 Paris hört nicht auf · 207 Herbst … zeitlos Zwei Jahre später · 221


Im Namen der Rose

D

üsterer Bahnsteig, hallende Durchsagen, gelbliches Halbdunkel, wandelnde Rucksäcke, überladene Gepäckwagen, Hasten, Warten mit suchendem Blick, eine Rose da und dort; Soldaten patrouillieren, das Gewehr im Anschlag, die Mienen entschlossen, den Schießbefehl auszuführen. Abendtristesse im Gare de l’Est. Kein freundlicher Empfang das, erst recht kein weltstädtischer, wie drüben im Gare du Nord, wo imposante Skulpturen die Reisenden begrüßen, acht europäische Hauptstädte und mittendrin, hoch über allen, die neunte Dame: Paris unter der Tricolore! Die schönste von allen! Auch das ist Paris, ein Versprechen des Nordbahnhofs. Schmeichelnde Nachtluft mildert die raue Begrüßung, es ist dunkel geworden, Bretterwände verstellen die Orientierung, der Bahnhof eine Baustelle. Nach einigem Suchen der Taxistand. Es war mir nicht unrecht, den fast wieder abgeschafften Tag der Deutschen Einheit im Zug zu verbringen, der 3. Oktober 2005, ein spätsommerlicher Reisetag. Als gefühlter Nationalfeiertag muss er noch Wurzeln schlagen und es kann dauern, bis Aura und Symbolcharakter eines 14. Juli erreicht sein werden, die Menschen auf den Straßen tanzen und feiern, nicht nur mit Staatsakten und getragener Musik. Dabei gäbe es allen Grund, die friedliche Revolution zu bejubeln, bei der Schießbefehl, Todesstreifen und Diktatur verschwanden und Tausende durch das Brandenburger Tor strömten, ohne dass ein Schuss fiel oder gar »unreines Blut unsre Furchen tränkte«, wie es hierzulande in der Nationalhymne besungen wird. Früher habe ich gern den Nachtzug genommen, das Rattern der Räder, Takt der Vorfreude im Halbschlaf: Ich werde im Gare de l’Est einfahren, wenn Paris gerade aufwacht, man über der Stra11


ße einen Café Crème bestellen kann, mit einem Croissant und der Gewissheit, weit weg zu sein von allem, was man hinter sich lassen wollte. Früher, das war ein Studienjahr an der Sorbonne, in den besten Nachkriegsjahren des Quartier Latin, noch bevor auf dem Boulevard Saint-Michel die Pflastersteine flogen, noch niemand den rothaarigen Wortführer kannte, Simone de Beauvoir und JeanPaul Sartre leibhaftig dort saßen, wo jetzt ein kleiner Platz nach ihnen benannt ist, Aschenbecher und leere Seiten füllten, stundenlang, halbe Tage lang. Und es war lang bevor Sartre dorthin reiste, wo Leute für Taten einsaßen, die im weitesten Sinn auch etwas mit seinen Schriften und Aufrufen zu tun hatten, ins Hochsicherheitsgefängnis von Stammheim, und sich berufen fühlte, die Isolationsfolter der RAF-Gefangenen anzuprangern. Diese längst widerlegte Propagandalüge, verbreitet von einem gewissen Otto Schily, sollte von den Privilegien der Häftlinge im Sondertrakt ablenken. Der zornige Terroristenanwalt wurde auch gern gegen Richter und Gefängnispersonal ausfällig und glaubte, im Einklang mit seinen Mandanten, den »faschistoiden« Staat der Bundesrepublik anprangern zu müssen. Lang, lang ist’s her, und später kam es dann ganz anders. Schily lief zu den Erzfeinden über, dem Establishment, wurde Innenminister und »eiserner Sheriff« der Nation, comme de rien n’était, sagt man hier, als ob nichts gewesen wäre. Früher, das war die Zeit, als Beckett und Ionesco noch lebten und Jean Genet, frisch aus dem Gefängnis entlassen, genüsslich die Szene aufmischte; als die junge Juliette Gréco, Göttin der Existenzialisten-Szene, in den Bars von Saint-Germain ihre zärtlich verführerischen Lieder sang, die in Deutschland noch den Ruf des Verruchten hatten. Früher, nicht zu vergessen, das war die Epoche des großen Generals, des ersten Präsidenten der fünften Republik, die er kurz davor gegründet hatte, und der längst zum Mythos wurde, zum Leuchtturm unter seinen Landsleuten und Nachfolgern. Und damals, kurz vor Ausbruch der Achtundsechziger-Revolte, war das Seine-Ufer noch nicht mit Schnellstraßen verschandelt, die Skyline nicht vom Tour de Montparnasse, und es gab sie noch, 12


die legendären Markthallen, den Ventre de Paris, voller Bauch und Herzstück zugleich, mit Gerüchen und Geschrei, mit Fischen, Austern, Auberginen, Artischocken und der morgendlichen Zwiebelsuppe, mit Männern in Gummischürzen und geschulterten Tierhälften, und, nicht zu vergessen, mit den Verlockungen der Rue Saint-Denis, gleich nebenan, wo die Kolleginnen von Irma la Douce ihrem speziellen Beruf nachgingen, in ihrem speziellen Kosmos, der damals noch das Flair des Familiären hatte, ein wenig wie im unvergessenen Film mit Shirley MacLaine. In diesem Paris wollte ich eigentlich bleiben und hatte auch schon ma petite idée, wie es gehen sollte. Doch es kam anders. Übrig blieben eine versteckte Sehnsucht und die heimliche Frage, ob damals die Weichen richtig gestellt wurden. Und jetzt bin ich doch noch gekommen, wohl wissend: Früher war früher und heute ist heut. Persönlich betrachtet heißt heute: Rückkehr in der Hoffnung, der mitgeschleppte Traum möge der Wirklichkeit einigermaßen standhalten, obwohl sich seither nicht nur die Stadt verändert hat, sondern auch der eigene Standort. Zwar bin ich am gleichen Ort ausgestiegen wie damals, als ich auszog, Paris im Handstreich zu erobern, doch jetzt stehe ich zögernd am Rand, mit vagen Erwartungen, leisen Zweifeln, einem monströsen Koffer und zwei bleischweren Rucksäcken. Auch wenn sich manchmal das Gefühl einschleicht, alles sei gestern gewesen, ist Vergangenes doch in weite Ferne gerückt, Jugend kann weder nacherlebt noch wiederbelebt werden, obgleich die Welt vor diesbezüglichen Peinlichkeiten strotzt. Man steht abseits, nicht nur, weil man nicht mehr in Sachzwängen gefangen ist, sondern weil der Altersunterschied Distanzen schafft und zum äußeren Abstand unmerklich der innere kam. Alles verschwimmt ein wenig, Konturen verlieren an Schärfe, Sicherheiten an Solidität, und gelegentlich berühren neuere Standpunkte damals verworfene Ansichten. Auch das Tempo hat sich geändert, alles ist langsamer geworden, man sieht Details und Nischen, die beim jugendlichen Durchmarschieren übersehen wurden. Deshalb fallen auch kompakte Antworten schwer, so die auf die Frage, weshalb ich denn eigentlich gekommen sei. Das jugendliche Auf-den-Punkt-Bringen 13


ist mühsam geworden und scheint kaum noch angemessen, jetzt, wo das Schnurgerade sich in die Fläche dehnt, der Fluss vor der Mündung in ein Delta zerfließt und sich in Rinnsalen verliert. So tritt an die Stelle einer Antwort die kleine Zuversicht: Vielleicht wird sich ein Kreis schließen, vielleicht wird der Herbst mit dem Kaleidoskop der Bilder hier lebendiger sein als in der stämmigen Schwabenmetropole, wo der Oberbürgermeister die Parole »Let’s putz Stuttgart« ausgab und sich unter Bürgerbeifall an der Schüleraktion beteiligte. Die Taxifahrt, welch ein Empfang! Verflogen Reisemüdigkeit und Grübelei. Das Herz schlägt höher. Geschafft! Einzug durch den Triumphbogen der Porte Saint-Denis und mein heimlicher Triumphzug durch das nächtliche Paris. Still sitze ich auf dem Rücksitz, kann es kaum fassen und schwelge für einen Moment im Gefühl, an diesem Abend sei die ganze Pracht für mich allein. »Ah, schön! Alles noch da …«, halblaute Bemerkung beim Anblick der angestrahlten Türme von Notre-Dame, der SeineBrücken, des blinkenden Eiffelturms, der Kuppel des Institut de France, der Conciergerie mit Uhrturm, der Paläste am Quai und der weißen Wölbungen von Sacré Cœur auf dem Hügel. »Aber ja, Madame! Das ewige Paris! Wollten Sie das sagen?«, fragt der Fahrer. »Ja! Genau das, Monsieur.« Die begeisterte Antwort ist ein bisschen peinlich, doch es tut gut, überhaupt etwas zu sagen in diesem Glücksmoment. Stummes Glück, gibt es das? Stilles Glück schon, doch das ist etwas anderes. Der Mann spricht mit Akzent, ich frage nach seiner Herkunft, und die kleine Unterhaltung reicht, bis wir in der Rue Pierre Leroux ankommen, Seitenstraße der stolzen Rue de Sèvres im 7. Arrondissement. Im malerischen Gitterfahrstuhl, wie er gern in Filmen vorkommt, presse ich mich neben den Riesenkoffer ins Eck, die Türen schließen mit einem Knall und rumpelnd geht es aufwärts. Das telefonisch angemietete Studio entpuppt sich als Salon-Imitat: nachgemachte Stilmöbel, goldgerahmte Spiegel, Portieren und Bettüberwurf im gleichen Dessin, Tischchen mit 14


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