ADSI Zoom Magazin 2013

Page 1

u n t e r n e h m e n

i m

p o r t r ät

Austrian Drug Screening Institute

Die Schätze der Natur nutzen – Innovative Suche nach neuen Medikamenten


© www.mariorabensteiner.com

ADSI sucht nach neuen Wirkstoffen für Medikamente

D

as Austrian Drug Screening Institute, kurz ADSI, ist ein besonders schönes Beispiel dafür, wie Universitäten mit Industrie erfolgreich zusammenarbeiten. Die Leopold-Franzens-Universität ist Gesellschafter dieses jungen Forschungsunternehmens in Innsbruck, das sich der Medikamenten-Forschung widmet. Im ADSI geht es um die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen – dem Drug Screening. Die Forscher versuchen, aus der riesigen Auswahl von möglichen Wirkstoffen die wenigen

herauszufiltern, die für eine klinische Erprobung geeignet sind und die besten Chancen haben, als Arzneimittel den Markt zu erreichen. Damit dieses akribische Durchforsten effizient abläuft, werden ganz neue Methoden gebraucht. Diese entstehen am ADSI in enger Zusammenarbeit zwischen universitärer Forschung, Biotechnologie- und Pharma-Unternehmen. Im ADSI vereinen sich die Kompetenzen der beiden Innsbrucker Universitäten in den Bereichen analytischer Chemie und Zellbiologie.

Als erster großer Erfolg wurde ein namhafter Partner aus der Pharmaindustrie mit an Bord geholt. Seit der offiziellen Eröffnung vor einem Jahr hat das ADSI beachtliche Fortschritte erzielt, sodass bereits weitere Kooperationen in Aussicht stehen. So erhöht sich die internationale Sichtbarkeit des Wissenschaftsstandorts Innsbruck im Bereich der Lebenswissenschaften noch weiter. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Tilmann Märk Rektor der Leopold-FranzensUniversität Innsbruck

Impressum Gründungsherausgeber: Komm.-Rat Joseph S. Moser Herausgeber: Gesellschafterversammlung der Moser Holding AG Medieninhaber und Verleger: TARGET GROUP Publishing GmbH, Brunecker Straße 3, 6020 Innsbruck, office@target-group.at, Tel. +43 (0)512 / 58 60 20, Fax +43 (0)512 / 58 60 20-2820 Für den Inhalt verantwortlich: ADSI – Austrian Drug Screening Institute GmbH, Innrain 66a, 6020 Innsbruck, Tel. +43 (0)512/507-36307, office@adsi.ac.at, www.adsi.ac.at Fotos: ADSI Foto Rückseite: Bionorica SE Produktion: Target Group Publishing GmbH Druck: Niederösterreichisches Pressehaus, St. Pölten

2


© Land Tirol – Aichner

© BMWF/L. Hilzensauer

o. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle, Wissenschafts- und Forschungsminister „Durch exakte wissenschaftliche Analyse und die realistische Abbildung von Krankheitsbildern können neue Wirkstoffe zum Wohle von Patienten entwickelt werden. Im ADSI bündeln die Universität Innsbruck und die Medizinische Universität Innsbruck ihre Kompetenzen aus Medizin und Chemie und arbeiten, im engen Verbund mit der Wirtschaft, an kostengünstigeren und wirksameren Medikamenten.“

© Bionorica SE

© Jacqueline Godany

Günther Platter, Landeshauptmann von Tirol „Das ADSI bringt Forschung, Wirtschaft, Gesundheit und Bildung voran – alles Themen, die dem Land Tirol sehr wichtig sind. Viele Menschen leiden unter Krankheiten wie Krebs, Fettleibigkeit oder Zuckerkrankheit, für deren Behandlung Tiroler Universitäten und Industrie gemeinsam nach neuen Medikamenten suchen. Wir sehen diesen innovativen Ansatz mit Freude.“

Prof. Michael Popp, Vorstandsvorsitzender Bionorica SE „Die Natur bietet faszinierende Dimensionen. Als führendes Unternehmen in der Erforschung und Herstellung pflanzlicher Arzneimittel mit bewiesener Wirkung haben wir uns entschieden, exklusiver Partner des ADSI zu werden. Zusammen mit dem ADSI können wir noch mehr Heilpflanzen auf ihre Eignung für weitere Präparate testen.“

o. Univ.-Prof. Dr. Anton Zeilinger, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften „In der Medikamenten-Entwicklung gibt es eine Lücke, die weder die Universitäten noch die Pharmaindustrie allein überwinden können. Das ADSI bringt beide Seiten zusammen und zeigt exemplarisch, wie die Lücke geschlossen werden kann. Daher unterstützt die Österreichische Akademie der Wissenschaften als Schirmherrin von Anfang an dieses junge und innovative Unternehmen.“

3


Forschungsziel:

Medikamente, die wirken, ohne zu schaden Das ADSI sucht nach neuen Wirkstoffen und greift in die Schatzkiste der Natur. Vernetzung: Das ADSI (links) befindet sich in unmittelbarer nähe zum Centrum für Chemie und Biomedizin (rechts).

O

hne moderne Medikamente wäre die Heilkunst wie im Mittelalter. Aber trotz aller Fortschritte gibt es noch viel Verbesserungsbedarf: Oft wirken die verschriebenen Mittel nicht, wie sie sollen – oder die Begleiterscheinungen sind so schlimm, dass die Kranken die Arzneimittel irgendwann nicht mehr einnehmen können. Medikamente, die heilen und gleichzeitig verträglich sind – für viele Patienten ist das immer noch ein Wunschtraum. Das ADSI – Austrian Drug Screening Institute sucht mit neuen Methoden nach den besten und verträglichsten Wirkstoffen für die Zukunft. Die in Innsbruck entwickelten Test-Verfahren simulieren menschliche Krankheiten im Labor. So werden echte

4

Hoffnungsträger rechtzeitig erkannt und Fehlschläge am Krankenbett vermieden. Einzigartig ist auch die Tatsache, dass in

Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie pflanzliche Naturstoffe systematisch unter die Lupe genommen werden.

Das ist ADSI Firmengründung: 2012 Unternehmensziel: Technologieplattform zur Suche nach neuen Medikamentenwirkstoffen Technologien: Modernste Infrastruktur und Gerätepark zur chemischen Analytik, Zellbiologie, High Content Screening Mitarbeiter: 14 Standort: Innrain 66a, 6020 Innsbruck Finanzierung: Land Tirol, Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, Bionorica Eigentümer: Leopold-Franzens-Universität Innsbruck zu 100 % Schirmherrschaft: Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)


ADSI im Zeitraffer

Auf zu

neuen Ufern ADSI – eine wesentliche Ergänzung der Tiroler Forschungslandschaft

I

n den letzten zehn Jahren haben sich viele Wissenschaftszweige in Tirol stark entwickelt. So nahm auf der einen Seite die chemisch-analytische Forschung um Prof. Günther Bonn, auf der anderen Seite die zellbiologische Forschung um Prof. Lukas Huber einen kontinuierlichen Aufschwung. Die Zusammenarbeit dieser beiden Persönlichkeiten und ihrer Teams erwies sich als besonders produktiv, nicht nur in der Grundlagenforschung, sondern auch in Kooperationen mit Unternehmen. Die gemeinsame Idee eines österreichischen Drug-Screening-Instituts nahm immer konkretere Formen an, wobei von Anfang an Prof. Michael Popp vom Pharmaunternehmen

Bionorica beteiligt war. Doch die Tiroler waren nicht die einzigen Bewerber um öffentliche Mittel. Sie mussten sich in Wien gegen die Konkurrenz durchsetzen und bestanden eine internationale Evaluierung mit Bravour. Start 2012 In Jahr 2011 übernahm die Österreichische Akademie der Wissenschaften die Schirmherrschaft und ein Jahr später wurde das ADSI in unmittelbarer Nähe zum neuen Centrum für Chemie und Biomedizin eingerichtet. ADSI ergänzt seitdem die Innsbrucker Forschungslandschaft durch die Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Industrie auf ideale Weise.

2004 Gründung der Österreichischen Proteomik-Plattform in Innsbruck zur chemischen und medizinbiologischen Erforschung von Eiweißstoffen 2008 Start des Krebsforschungszentrums Oncotyrol in Innsbruck 2009 bis 2010 Erste Ideen, Konzepte, internationale Evaluierung und Verhandlungen über die Einrichtung des Austrian Drug Screening Institute in Innsbruck 2011

E rfolgreiche internationale Evaluierung und Gründung des ADSI

Mai 2012

eues Centrum für CheN mie und Biochemie (CCB) eröffnet

November 2012 ffizielle Eröffnung der o ADSI-Labore in unmittelbarer Nähe des CCB

5


Medikamenten-Entwicklung

ist ein langer Weg

Austrian Drug Screening Institute – dieser Name kann Rätsel aufgeben. Was für Drogen? Ist mit „Screen“ ein Bildschirm gemeint? Nicht im Geringsten, denn es geht um die Suche nach neuen Arzneimitteln.

A

uch im Deutschen ist der pharmazeutische Begriff „Arzneimitteldroge“ üblich. Screening bedeutet das Herausfiltern von wenigen Favoriten aus einer riesigen Anzahl von möglichen Wirkstoffkandidaten. Beim ADSI geht es also um die systematische Suche nach neuen Medikamenten. Wenn ein neues Medikament auf den Markt kommt, hat es bereits einen langen Weg hinter sich. Entwicklung und Markteinführung dauern in der Regel zehn Jahre

6

und kosten durchschnittlich über eine Milliarde Euro. Am Anfang dieses langwierigen Vorgangs steht eine Entdeckung im Labor. Wissenschaftler erkennen die molekulare Ursache einer Krankheit, zum Beispiel fehlerhafte Eiweißstoffe. Plötzlich tut sich eine neue Möglichkeit zur Behandlung auf. Ein sogenanntes Drug Target wird anvisiert, also ein Zielmolekül, das mit einem neuen Medikament ein- oder ausgeschaltet werden kann. Die Suche nach einem geeigneten Wirkstoff geht los.

Den richtigen Treffer landen Die Fortschritte in der Chemie und im pharmazeutischen Wissen über Naturstoffe haben zur Entstehung von großen Sammlungen von synthetischen und natürlichen Substanzen geführt. Es gibt also eine unüberschaubare Auswahl an möglichen Arzneimittel-Kandidaten. Die Kunst besteht nun zunächst darin, diejenigen Substanzen herauszufiltern, die überhaupt mit dem Zielmolekül in Kontakt treten.


Mit High-Tech-Laborautomatisierung können mittlerweile mehrere Millionen Substanzen pro Monat in sogenannten Hochdurchsatz-Screenings (Highthroughput Screenings – HTS) getestet werden. Obwohl nur ein minimaler Prozentsatz von ihnen positive Ergebnisse erzielt, ist die Anzahl dieser ersten Treffer immer noch viel zu hoch. Es gilt jene Substanzen zu finden, die die größten Chancen haben, am Ende tatsächlich zu einem wirksamen Medikament zu werden. Hier kommen die Verfahren ins Spiel, die am ADSI ablaufen. Videoüberwachung von Zellen Ein zweiter Auswahlprozess wird durchgeführt, das sogenannte High-content Screening (HCS). Es liefert weniger, aber dafür gehaltvollere Informationen (engl. content = Inhalt) als das HochdurchsatzScreening. Die Substanzen werden in lebenden Zellen getestet und es werden

sowohl positive als auch negative Effekte erforscht, die der Wirkstoff in einer natürlichen Umgebung hat. Auf diese Weise können die Forscher wiederum viele Substanzen ausschließen und die Anzahl möglicher Kandidaten reduziert sich. Besonders wichtig ist beim High-content Screening die visuelle Beobachtung: Mit modernster Mikroskopie-Optik werden die zuvor angefärbten Zellen rund um die Uhr gefilmt. Sie werden gewissermaßen videoüberwacht. Die ungeeigneten Kandidaten werden von der Liste gestrichen Nach den Screenings (HTS und HCS) wird weiter ausgesiebt. Nun geht es vor allem um chemische und biologische Eigenschaften. Und wieder heißt es: Substanzen, die für die weitere Entwicklung nicht geeignet sind, werden von der Kandidatenliste gestrichen. Die vielversprechendsten Wirkstoffe erreichen das

nächste Level: Sie werden für die Entwicklung einer sogenannten Leitstruktur (Lead) ausgewählt. Die Leitstrukturen werden chemisch verändert, um die pharmakologischen Eigenschaften wie z. B. die Bindung an das Zielmolekül, die Aufnahme des Wirkstoffs im Körper oder seine Veränderung durch den Stoffwechsel zu verbessern. Im nächsten Schritt erfolgen dann Tierversuche und wiederum werden aus den Leads die besten Kandidaten für die klinische Erprobung an Menschen ausgewählt. Nun geht das Testen erst richtig los: Drei klinische Phasen muss ein Wirkstoff erfolgreich bestehen, bevor er zur Zulassung bei den zuständigen Behörden eingereicht wird. Gelingt auch noch dieser letzte Schritt, hat es am Ende aus der Riesenauswahl von Millionen eine einzige Substanz tatsächlich bis zum fertigen Medikament geschafft.

7


komplizierte mixturen in

Bestandteile trennen Bei der chemischen Untersuchung von Zellen, Pflanzen und Geweben ist die analytische Abteilung des ADSI gefordert.

E

in Durcheinander zu ordnen – das ist die Stärke der analytischen Chemie. Sie entwirrt komplexe Stoffgemische, indem sie deren Bestandteile feinsäuberlich voneinander trennt, sie eindeutig identifiziert und ihre Mengen bestimmt. So entsteht Übersicht und Klarheit. Erkenntnis wird möglich, weil der Blick aufs Wesentliche frei wird. Die Analytik ist im Grenzbereich zur Biomedizin von unschätzbarem Wert, denn die Stoffgemische in lebenden Zellen und Organismen sind so vielfältig und veränderlich wie die Natur selbst.

8

Im ADSI verfügt die analytische Abteilung zudem über Spezialwissen in der Herstellung und Untersuchung von Pflanzenextrakten. Es ist aus der langjährigen Zusammenarbeit des Instituts für Analytische Chemie der Universität Innsbruck mit der Firma Bionorica entstanden. „High-Tech Teeküche" Pflanzenextrakte herzustellen funktioniert ähnlich wie Teekochen: Die heilsamen Substanzen werden in einem warmen Aufguss aus trockenem Pflanzenmaterial herausgelöst. Doch im Gegensatz zur

heimischen Teekanne ist dieser Vorgang am ADSI High-Tech. Mit Hilfe der sogenannten Accelerated Solvent Extraction (ASE) am ADSI ist es möglich, eine Vielzahl von Extraktionen mit unterschiedlichen Lösungsmitteln bei verschiedenen Temperaturen und unterschiedlichem Druck durchzuführen. Pflanzenextrakte sind Vielstoffgemische mit Hunderten oder Tausenden von Einzelbestandteilen. Damit sie als Arzneimittel geprüft und zugelassen werden können, muss ihre Zusammensetzung genau bekannt sein und die Mischung muss sich exakt wieder-


holbar herstellen lassen. Nur so kann eine gleichbleibende Qualität des Arzneimittels gewährleistet werden. Die Vermessung der Vielfalt Die Extrakte werden mit HochdruckFlüssigkeitschromatografie (HPLC) in ihre Einzelkomponenten aufgetrennt und diese wiederum werden mit Massenspektrometern identifiziert. So entsteht ein klares Bild über die Zusammensetzung des Vielstoffgemischs. Nun gilt es, die heilsame Wirkung an verschiedenen Krankheitsmodellen zu erforschen, wofür die zellbiologische Abteilung des ADSI zuständig ist. Die Extrakte werden dort an Zell-Gemeinschaften, sogenannten Co-Kulturen, getestet. Um die Ergebnisse der WirksamkeitsTests zu verstehen, ist dann auch wieder die Analytik gefragt. Wenn die Zellen auf die potentiellen Heilmittel reagieren, zeigt sich das unter anderem in ihren

Nährlösungen, also dem flüssigen Medium, in dem die Zellen leben. Wieder handelt es sich um komplexe Stoffgemische aus der Natur, die in der Analytik unter die Lupe genommen werden. Gewebeanalytik zeigt Verteilung Die analytische Abteilung im ADSI entwickelt auch neue und innovative Methoden, um die Verteilung von Medikamenten im Körpergewebe zu untersuchen. Dabei soll die Massenspektrometrie auf ganz neue Art für die Bildgebung eingesetzt werden. Hauchdünne Gewebeschnitte werden im Massenspektrometer untersucht und es wird aufgespürt, an welchen Stellen der Wirkstoff vorliegt. Der Clou dabei ist eine Lasertechnik, die die Wirkstoffe auf sanfte Weise aus dem Gewebe löst und analysierbar macht. So können die Wissenschaftler auch Informationen über den strukturellen Aufbau der Moleküle erhalten.

Analytische Abteilung im Überblick Leiter: Prof. Günther Bonn (Universität Innsbruck) Schwerpunkte: Herstellung und Charakterisierung von Pflanzenextrakten, Analyse von Vielstoffgemischen, Gewebeanalytik, Entwicklung der Trenntechniken und analytischen Methoden Extraktionsgeräte: Accelerated Solvent Extraction (ASE), Rotavapor Analysegeräte: Pipettierroboter, modernste Massenspektrometer, Hochdruck-Flüssigchromatografie (HPLC)

9


Die Krankheit

im Labor nachstellen In der zellbiologischen Abteilung des ADSI werden neue Wirkstoffe an lebenden Zellen erprobt.

I

n der zellbiologischen Abteilung des ADSI werden einzigartige Testsysteme entwickelt, die Krankheiten im Labor simulieren. An ihnen wird ausprobiert, welche chemischen Substanzen oder Pflanzenextrakte die besten Chancen haben, zu wirksamen Medikamenten zu werden. Im ADSI geht es unter anderem um Krankheiten wie Krebs, Entzündungen oder Diabetes. Damit die Testsysteme möglichst realistisch sind, arbeiten die Wissenschaftler eng mit Ärzten an der Klinik zusammen. Gemeinsam suchen sie diejenigen Zellarten aus, die beim Entstehen der Krank-

10

heit zusammenwirken und Moleküle, die die Zellgemeinschaften in der Laborsituation „krank machen“. Und es wird überprüft, ob sich die „Miniatur-Patienten“ auch tatsächlich „krank“ verhalten. Zum Beispiel geben sie chemische Alarmsignale ab, mit denen sie klar machen: Hier läuft etwas schief. ZellGemeinschaften aufbauen Nicht jeder menschliche Zelltyp wächst und gedeiht problemlos außerhalb des Körpers in Zellkultur, also in winzigen, flüssigkeitsgefüllten Gefäßchen. Daher greifen andere Screening-Zentren auf so-

genannte Zelllinien zurück, die seit Jahrzehnten unkompliziert im Labor leben. Doch mit diesen ist es so ähnlich wie mit lange domestizierten Haustieren: Sie sind perfekt an die künstliche Umgebung angepasst, haben aber mit dem natürlichen Vorbild nicht mehr viel gemein. Das ADSI verwendet Originalmaterial, sogenannte Primärzellen, auch wenn diese empfindlich und schwierig zu halten sind. Zudem wird die Umgebung dieser Zellgemeinschaften realistisch nachgestellt. Besonderes Augenmerk legen die Forscher auf den richtigen Sauerstoffgehalt, der im Körper normalerweise


viel niedriger ist als in der Außenluft, und auf naturgetreue Nährlösungen. Testreihe starten Wenn das Testsystem steht, der sogenannte Assay, kann das eigentliche Screening beginnen. In einem speziell für das ADSI entwickelten Gerät werden die Zellgemeinschaften vollautomatisch und unter den richtigen Umgebungsbedingungen mit Nährstoffen versorgt und mit Test-Medikamenten „behandelt“. Dabei werden die Zellen rund um die Uhr und über Tage oder Wochen durchs Mikroskop beobachtet und gefilmt. So können die Wissenschaftler beispielsweise erkennen, wie sich das Verhalten der Zellen nach Zugabe des Test-Medikaments verändert. Dies alles geschieht im Miniaturformat, so dass rund 500 Wirkstoffe oder Extrakte pro Woche getestet werden können. Frage nach dem Wie und Warum Am ADSI begnügt man sich aber nicht mit der Aussage, ob eine Substanz oder

ein Extrakt wirkt oder nicht. Es wird weitergeforscht nach dem Wie und Warum. Dafür stehen weitere Spezialgeräte zur Verfügung. Mit der Technologie des Multiplexings wird untersucht, welche chemischen Stoffe die Zellen produzieren oder in ihre Umgebung abgeben. Eine winzige Probenmenge von einem Zehntel Milliliter reicht aus, um darin 500 Substanzen gleichzeitig zu bestimmen. Doch nicht nur das: Dieselben 500 Substanzen werden zugleich an rund Hundert verschiedenen MiniaturProben gemessen, die beispielsweise zu verschiedenen Zeitpunkten entnommen wurden. So enthalten die Forscher ein umfassendes Bild über die unsichtbaren, chemischen Vorgänge, die selbst dem genauen Blick durchs Mikroskop verborgen bleiben. Ein weiteres Gerät, ein sogenanntes Durchflusszytometer, untersucht die Oberfläche der Zellen. Es sortiert Zellen aus, die ein bestimmtes Molekül an der Oberfläche tragen, beispielsweise ein Immunsignal. Mit Hilfe dieser Sekundär-Testreihen können die

Forscher wirklich begreifen, wie ihre Test-Medikamente wirken. Je genauer dieses Wissen ist, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Medikamente dann auch im wahren Leben, an richtigen Patienten, bewähren.

Zellbiologische Abteilung im Überblick Leiter: Prof. Lukas Huber (Medizinische Universität Innsbruck) Schwerpunkte: Entwicklung und Herstellung von Co-Kulturen, High-content Screening Geräte: Vollautomatische Pipettier-, Zellkultur- und Mikroskopieranlage, Flexmap (Analysegerät, das Hunderte Messungen gleichzeitig durchführt), Durchflusszytometer

11


Die Kraft Der

Wir sind ADSI:

Pflanzen Nutzen

DIE mitarbeiter im fokus

Am ADSI wird Know-how und High-Tech für die Herstellung von Extrakten und für die chemische Analyse eingesetzt. Prof. Günther Bonn, wissenschaftlicher Leiter ADSI, im Gespräch

DDr. alexander egger

Dr. alexandra Humenberger

Mag. christoph wölger

Prof. Günther Bonn

W

as ist das Besondere am ADSI? Prof. Günther Bonn: ADSI ist weltweit die einzige Einrichtung, die sich mit dem Screening von Pflanzenextrakten beschäftigt. Dadurch können aus Pflanzen pharmazeutische Wirkstoffe für die Behandlung verschiedenster Erkrankungen gewonnen werden. Warum interessieren Sie sich für pflanzliche Heilmittel? Diese Präparate enthalten nicht nur einen einzigen Wirkstoff, sondern vereinen eine Vielzahl von Inhaltsstoffen, deren therapeutische Wirkung sich meist gegenseitig verstärkt. So wird ein medizinisches Problem von verschiedenen Seiten gleichzeitig angegangen. Gerade bei komplexen Erkrankungen

12

des Stoffwechsels bieten pflanzliche Medikamente ein noch ungenutztes Potenzial. Von wem bekommen Sie die Pflanzen? Von der Firma Bionorica. Sie haben langjährige Erfahrung darin, vielversprechende Heilpflanzen in der ganzen Welt aufzuspüren und für die Herstellung von Arzneimitteln zu nutzen. Wir bekommen getrocknete Heilpflanzen, stellen daraus Pflanzenextrakte her, analysieren diese chemisch und testen dann ihre Wirkung in der zellbiologischen Abteilung des ADSI. Das enge Zusammenspiel zwischen Analytik, Zellbiologie und der Industrie ist unser Markenzeichen. Vielen Dank für das Gespräch.

b. sc. evelyn rother

kaoru schnaiter

Dr. laco kacani


b. Sc. manuela passrugger

peter Rutzinger Prof. Lukas Huber

silvia kostner

Geteiltes Risiko,

Mut zu Neuem Von den am ADSI entwickelten Methoden profitieren sowohl Universitäten als auch Industrie. Ein Gespräch mit Prof. Lukas Huber, wissenschaftlicher Leiter ADSI

Dr. Thomas jakschitz

Mag. thomas ringer

Dr. winfried wunderlich

I

st das ADSI eher ein universitäres Forschungsinstitut oder eine Pharmafirma? PROF. lukas huber: Weder noch! Das ADSI liegt genau dazwischen. Was die Grundlagenforscher an den Universitäten entdecken, machen wir industrietauglich, sodass Pharmafirmen bereit sind, zu investieren und daraus Medikamente zu entwickeln. Warum finden die Arbeiten des ADSI nicht an der Universität selbst statt? Akademische Forscher haben an ihren Einrichtungen nicht das nötige Umfeld. Die Methoden, die wir hier etablieren, garantieren industrielle Standards. Das betrifft einen gewissen Grad an Auto-

matisierung, aber auch Dokumentation, Qualitätskontrolle und Reproduzierbarkeit. Das Know-how, das wir hier aufbauen, steht der akademischen Gemeinschaft zur Verfügung, daher auch die öffentliche Unterstützung. Und warum braucht die Pharmaindustrie eine Einrichtung wie das ADSI? Wir entwickeln Methoden, die es noch nirgendwo gibt – das ist recht aufwändig. Die Zusammenarbeit mit dem ADSI senkt für die Pharmaindustrie das Risiko, daher können sie mit uns gemeinsam Neues wagen. Vielen Dank für das Gespräch.

13


Fachgeschäft für

Forschungsmethoden Dank vielfältiger Kooperationen entwickelt sich das ADSI zu einem Spezialanbieter – für Industrie und Universitäten gleichermaßen.

A

uf lange Sicht soll das ADSI zu einer „Plattform für Drug Screening“ werden, das heißt einer Art Fachgeschäft für Forschungsmethoden. Ob Industrie oder Universität – wer Hilfe bei der Medikamenten-Entwicklung braucht, soll beim ADSI fündig werden. Heute bereits kooperiert das ADSI mit zahlreichen Partnern. Räumliche Nähe ist dabei kein Muss, aber im Alltag ein riesen Vorteil. In Innsbruck arbeitet das ADSI eng mit der Bionorica Research GmbH auf dem Gebiet der pflanzlichen Arzneimittel zusammen, und natürlich mit den hiesigen Universitäten. Wichtig ist dabei der

14

direkte Kontakt zu Ärzten und klinischen Forschern, denn die im ADSI entwickelten Krankheitsmodelle sollen ja der Realität möglichst nahe kommen. Internationale Vernetzung Besonders kurze Wege hat das ADSI zu den Labors des Zentrums für Personalisierte Krebsmedizin Oncotyrol: Sie befinden sich im selben Gebäude, nur einen Stock höher. Auch mit Wiener Universitäten wird gemeinsam geforscht. Darüber hinaus reichen die Verbindungen über das International Prevention Research Institute in Lyon, das Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried, das Nationale Forschungsins-

titut für Chemische Methodologie in Rom bis hin zur Universität Lublin in Polen, mit der kürzlich eine enge einjährige Zusammenarbeit besiegelt wurde. Es gibt aber auch Industrie-Kooperationen ganz anderer Art. Die Technologie im ADSI stellt derart hohe Ansprüche an die Laborgeräte, dass es diese eigentlich am Markt noch gar nicht gibt. Gemeinsam mit den Geräteherstellern tüfteln die Wissenschaftler am ADSI daher an einer Optimierung der Analysesysteme und der Gerätestraße zur vollautomatisierten Testung von Wirkstoffen an Zellen. So entsteht Wissen, von dem beide Seiten profitieren.


Im stetigen © Bionorica SE

Wachstum Mag. Michael Walder, Geschäftsführer der Bionorica Research GmbH (Innsbruck) im Interview

Naturarzneien –

wissenschaftlich erforscht „Vor Jahren hat man uns noch belächelt. Jetzt werden wir auf die wichtigsten Kongresse eingeladen, um die faszinierenden Dimensionen unserer pflanzlichen Arzneimittel vorzustellen“, beschreibt Prof. Dr. Michael Popp eine sich grundlegend verändernde Situation.

W

issenschaftlich erforschte Naturarzneien geraten immer stärker ins Blickfeld von Wissenschaftlern und Ärzten. Der 54-Jährige, der an der Universität Innsbruck im Fachgebiet Pharmazeutische Biologie lehrt, ist mit seinem Unternehmen ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung. Die Bionorica SE hat derzeit zwölf verschiedene pflanzliche Arzneimittel auf dem Markt. Das bekannteste Präparat wird auch in Österreich vertrieben, Sinupret® gegen Atemwegsinfektionen. Das Unternehmen ist der Natur weltweit auf der Spur. Heilpflanzen mit den nachgewiesenen Konzentrationen an Wirkstoffen werden gezüchtet und kontrolliert angebaut. Die standardisierten Extrakte finden schließlich Eingang in die qualitativen pflanzlichen Arzneimittel. Wirkung und Sicherheit wird mit international anerkannten klinischen Studien belegt. Österreich ist hierbei ein Eckpfeiler in der Forschung. Um die Wirkstoffkomplexität von Heilpflanzen zu entschlüsseln, gründete Popp in Innsbruck das Forschungsunternehmen Bionorica research GmbH. Seit 2005 wurden hier weit mehr als 20 Mio. Euro investiert. Aktuell werden 20 Forschungsprojekte umgesetzt. Silicon Valley in Tirol „Innsbruck ist für mich eine Art ‚Silicon Valley’ der Phytopharmaka-Forschung“, beschreibt Popp die perfekte Vernetzung wissenschaftlicher Disziplinen. „Deshalb haben wir unser Engagement ausgeweitet und sind exklusiver Partner des ADSI in der Phytoforschung geworden.“ Derzeit lässt Bionorica diverse vielversprechende Heilpflanzen beim ADSI untersuchen, um Naturwirkstoffe für die Bekämpfung von Leber- oder Magen-Darm-Erkrankungen noch schneller und genauer identifizieren zu können.

Mag. Michael Walder

W

o liegt der Schwerpunkt der Bionorica-Forschung? Mag. Michael Walder: Die Forschungsschwerpunkte der Bionorica betreffen Bereiche wie Atemwegserkrankungen, Frauenheilkunde, Urologie und Schmerz, aber auch neue Indikationen wie Lebererkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen und das Metabolische Syndrom. Speziell diese Krankheitsbilder stehen im Fokus unserer Kooperation mit dem ADSI, in deren Rahmen wir in den nächsten Jahren in Innsbruck über 120 Heilpflanzen auf deren wirksame Bestandteile untersuchen werden. Als exklusiver Wirtschaftspartner des ADSI für Naturwirkstoffe wollen wir die Entwicklung neuer vielversprechender Phytopharmaka gemeinsam vorantreiben. Warum hat sich Bionorica in Innsbruck angesiedelt? Prof. Michael Popp, Eigentümer und Vorstandsvorsitzender der Bionorica SE, hat an der Universität Innsbruck promoviert und habilitiert, außerdem hält er hier weiterhin Vorlesungen. Es lag daher nahe, hier 2005 ein eigenes Forschungsunternehmen aufzubauen. Die Bionorica research GmbH beschäftigt mittlerweile 20 Spezialisten, die sich mit speziellen analytischen und pharmakologischen Fragen beschäftigen. Wie sieht die Zukunft von Bionorica am Standort aus? Die Bionorica SE ist ein international erfolgreiches und stark wachsendes Unternehmen. Der wissenschaftliche Aufwand, mit dem Bionorica die Heilpotenziale von Naturwirkstoffen untersucht und pflanzliche Arzneimittel entwickelt, wird auch zu einer Erweiterung der Bionorica research führen. Als kommende Aufgaben planen wir den Ausbau der Laboreinrichtungen und die Einstellung weiterer Mitarbeiter in Innsbruck. Vielen Dank für das Gespräch.

15


ADSI – Austrian Drug Screening Institute GmbH • Innrain 66a • A-6020 Innsbruck Tel.: +43 512 507-36307 • E-Mail: office@adsi.ac.at • Web: www.adsi.ac.at Geschäftsführung: Dr. Laco Kacani Wissenschaftlicher Direktor Analytik: Prof. Günther Bonn Wissenschaftlicher Direktor Zellbiologie: Prof. Lukas Huber Firmenbuchnummer: FN 375923 d Firmenbuchgericht: Landesgericht Innsbruck Umsatzsteuer-Identifikationsnummer (UID): ATU67065445

Mitglieder des internationalen Beirates: Prof. Peter Boyle – International Prevention Research Institute, Lyon, Frankreich Prof. Danilo Corradini – National Research Council, Institute of Chemical Methodologies, Rom, Italien Prof. Theodor Dingermann – Goethe-Universität, Frankfurt a. M., Deutschland Prof. Siqi Liu – Beijing Institute of Genomics, Chinese Academy of Sciences, Beijing, China Prof. Friedrich Lottspeich – Max Planck Institute of Biochemistry, Martinsried, Deutschland Prof. David Mirelman – Weizmann Institute of Science, Rehovot, Israel Mag. Markus Pasterk – International Prevention Research Institute, Lyon, Frankreich


Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.