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Herzoghof, Hafnerplatz, Krems, Nö


VELATO ADRIANA AFFORTUNATI

VELATO, 2020. ca. 65 kg Stoff, 8 m Seil und Metall approx. 65kg of fabric, 8m rope and metal

Foto | Photo: Manuel Mempi

KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM NÖ HERZOGHOF, KREMS AN DER DONAU NIEDERÖSTERREICH | LOWER AUSTRIA



Der Herzoghof war eine Landesfürstliche Burg in der Statutarstadt Krems an der Donau in Niederösterreich. Die noch bestehenden Teile stehen unter Denkmalschutz. Das Gebäude befindet sich in Privatbesitz der Bauinvest Immobilien GmbH, die es nicht nutzen kann. | The Herzoghof was a princely castle in the statutory city of Krems an der Donau in Lower Austria. The remaining parts are under monument protec_on. The building is privately owned by Bauinvest Immobilien GmbH, who cannot use it.


Foto | Photo: Rupert Zeller

Das Kunstwerk reaktivierte 40 Tage lang eines der ältesten Gebäude in Krems, den Herzoghof, DER für mehr als zwanzig Jahre geschlossen war | The artwork reactivated for 40 days one of the oldest buildings in Krems, known as Herzoghof which was closed for more then 20 years.


Die Installa_on wurde aus ca. 65 kg alten und gebrauchten Laken, Vorhängen, Handtüchern und anderen weißen und weißlichen Haushaltsstoffen gefer_gt. Dieses Material wurde während der 2 Jahre gesammelt, in denen die Künstlerin in Krems gelebt hat. Das Kunstwerk wurde in mehr als 3 Metern Höhe in der Mice eines bereits verfallenen Gebäudes aus dem 12. Jahrhundert platziert und von allen Seiten beleuchtet. Das Licht konnte durch die Fenster und große Risse in den Wänden des Gebäudes gesehen werden und lockte Besucher an. Das Gebäude konnte zu jeder Tages- und Nachtzeit besich_gt werden, auch in der Zeit der sozialen Isola_on; es reichte, durch die Ritzen zu schauen.

The Installa_on was made out of approximately 65 kg of old and used sheets curtains, towels and other white and whi_sh household fabric items. This material has been collected during the 2 years in which the ar_st has been living in Krems. Placed at more than 3 meters high in the middle of a 12 century building already in ruin , the artwork was illuminated from every side. The light could be seen from the windows and great cracks in the walls of the building, acrac_ng visitors. The building could be visited at any _me of the day and night, even during the period of social isola_on, since to be seen, it was enough to look through the cracks.


Techniker |Technical Support: Jakob Wiesmayer Assistenten |Assistance: Sven Lux und Mar_n Cepak


Foto | Photo: Rupert


Die Arbeit von Adriana Affortuna_ (geb. 1982 in São Paulo, Brasilien) stellt uns vor eine Art Gedankengang der sozialen Zeit und Weltanschauung. Ihre Installa_onen, die aus vergessenen, verstümmelten oder zerbrochenen Materialien entstehen, verweisen auf die Theorie der Erfahrung und der Sensibilität. In neuen Formen oder Landschalen werden die ausgeborgten Elemente zurück ins Leben gerufen, atmen zu dem vergänglichen Zeitpunkt ein und sprechen zu uns über die Zeit der menschlichen Wahl, des freien Willens.

Foto | Photo: Manuel Mempi

„Denkmäler für jeden Augenblick aus dem Abfall jedes Moments: Käfige der Unendlichkeit. Murmeln, Knöpfe, Fingerhüte, Würfel, Stecknadeln, Glöckchen, Glasperlen: Geschichten aus der Zeit.“ Octavio Paz


Foto | Photo: Manuel Mempi

Diese Objekt-Einrichtungen sind die Übersetzung der Konjunktur, des Ereignisses und der kurzen Dauer, und sie führen zu Momenten, die selten vorkommen. Sie stellen die Zeitqualität vom Kairos dar, die transformatorische Momente symbolisieren, im Gegensatz zur linearen Zeit seines Großvaters Chronos. Das micelalterliche Gebäude vor dem Hafnerplatz in Krems verströmt ein schummriges Licht, das die zerbrochenen Fenster erhellt und wie der verführerische Gesang der homerischen Sirenen dazu einlädt, sich jedem zu nähern, der es wahrnimmt. Neben dem Bau, hockend vor einer seiner Öffnungen, wandert der Blick bis zu einer riesigen fließend erscheinenden Skulptur, die von der hohen Decke herabhängt und den Boden fast berührt, eingerahmt von zwei verfallenen Säulen. Was auf den ersten Blick wie eine gespens_sche Figur wirkt, ist das Ergebnis von einem zwei jahre dauernden Sammeln, seit der Ankunl der Künstlerin in dieser Stadt. Mit dem Entdecken, Ernten und Lagern von ausgedienten Elementen fängt ein langer Prozess an, der seit ihrer Kindheit eine fast lebensnotwendige Tä_gkeit ist, um es danach in „was kommen soll“ zu verwandeln. Die Künstlerin befindet sich in einem Zustand der Achtsamkeit und Unruhe gegenüber den Lebensumständen. In diesem reflexiven Prozess verwandelt Affortuna_ Staub, Spinnennetze, ros_ge Nägel, Asche, Kaffeefilter, Papier oder Zigarecenkippen zu bezaubernden Vereinigungen und fügt diese in Räume und Orte ein, die auch in Vergessenheit geraten sind. So eröffnet Adriana eine Lücke für das Ungeahnte.


Affortuna_ greil die Verwendung von Stoffen in Velato (Verschleiert) wieder auf, die mit Encyclopaedia (2014) begann und in anderen Installa_onen wie Aracne (2015), Bioma (2017-18), Marmor (2017) oder Fontaine (2019) präsent sind. Mit dem Titel, Verweis auf die Marmortechnik, die die Anatomie durch ihre Falten erahnen lässt, offenbart Adriana hier die Anatomie des "rich_gen Augenblicks", der bedeutsamen Zeit, die gleichzei_g Qualität und Stärke impliziert.

*Die zi_erten Kunstwerke sind hier zu sehen * The quoted artworks can be seen here

Foto | Photo: Manuel Mempi

Die Praxis von Adriana bedient sich der Prinzipien der Immanenz, der Interven_on und der Erfindung im Medium. Ähnlich der vermicelnden Funk_on des Matrosen, der die gegensätzlichen Kräle von Wind und Meer in Einklang bringt, erkennt die Künstlerin eine Grenze und schaw einen Weg, der diese Grenze sowohl überschreitet, als auch neu definiert. Diese Tä_gkeit innerhalb der qualita_ven zeitlichen Modalität von Kairos erfordert einerseits ein tak_sches Wissen und andererseits die Zuversicht der Künstlerin, dass die rich_ge Entscheidung zum rich_gen Zeitpunkt getroffen wird.


Die Synchronisa_on und die Gelegenheit, die notwendig sind, um diese flüch_ge Chance zu erhalten, die verwendet werden muss, sind die Achsen, innerhalb derer die Künstlerin operiert. Wie in Deplacement, o amor se banha na morte (Quebec, 2017) der Impuls, der einen Prozess in Gang setzt, hat sie die Fähigkeit, ihn zu zerstören. Dieselbe Kral des Werks zwingt die Künstlerin fast zu einem weiteren kri_schen Moment der Transforma_on und der entropischen Produk_on. Nach zwei Monaten der unbeweglichen Auyängung erhebt sich auf diese Weise langsam die formlose Masse von schöner Gestalt, inhärent, aber voller Leben. Wie der Schütze, der den Bogen spannt und damit die Öffnung schaw, durch die der Pfeil hindurchmuss, zieht Adriana mühsam an der Sehne und schaw damit die Leere vor der Zeitgrenze, füllt aber gleichzei_g diese Leere. Ein Abgrund, den uns die Künstlerin präsen_ert, bevor sie die Nabelschnur durchtrennt, sie zum Einsturz bringt und uns in die Gegenwart zurückführt.

Ana Sánchez de Vivar Wien, Dezember 2020


S_ll video Robert Habison

Velato bedeutet Verschleiert | Velato means Veiled 1 Bedeckt mit einem Schleier oder einem anderen leichten Stoff. Einfach verschleiert | Covered with a veil or veils, or other light fabric. 2 Transparent, leicht wie ein Schleier | Transparent, light as a veil 3 Erweiterungen. Bewölkt, getrübt, getrübt: Augen mit Tränen verhüllt; er sprach mit verschleierter Stimme. Clouded: eyes veiled with tears; he spoke in a veiled voice. 4 Nicht klar ausgedrückt, nicht explizit | Not clearly expressed, not explicit *Dizionario La Repubblica



VIDEO

02. OKTOBER 2020 Eröffnung. Rede von | speech from Mag. GREGOR KREMSER Leiter des Kremser Kulturamtes bei Stadt Krems


Die Mit dem Staub tanzt ! Arriva! Das Kleid verkehrt! Die mit dem Staub tanzt, sammelt Gestrandetes der Städte, liebäugelnd mit der Gefahr: Den Sog spüren und sich weiterdrehen! Vorüberstreunend pflückt sie Restbestände zu schillernder Zusammensetzung. Aus Abfall und Ausschuß erwachsen ihr Pretiosen. Verschwenderisch mit ihren Gefühlen, schaut sie hin bis zum Schmerz, kann sie in Licht tauchen den Abgrund. Als temporär Glückliche rettet sie Berührtsein und Berühren, diese immer aktiven Körnchen hartnäckigen Menschseins. Die Welt kunstvoll anders sehen:

Con tempo raro! ! Oi Saluti!

2020, Margit Werner - Pietsch Hommage an Adriana. Geschrieben für Velatos Eröffnung

Foto | Photo: Manuel Mempi

durch ein blaues Auge, bruchstückhaft, artistisch, trägt sie Sorge für contemporary!



Seit ihrem ursprünglichen Vorhaben hielt Adriana es für wich_g, andere Künstler einzubeziehen, das Gebäude zu ak_vieren und Forscher einzuladen, um über die Geschichte des Gebäudes und die Bedeutung von Kunst im öffentlichen Raum zu disku_eren. Es war unvermeidlich, einige der Veranstaltungen aufgrund der CovidRegeln abzusagen, aber einige, mit einer begrenzten Anzahl von Menschen und Sicherheitsmaßnahmen, konnten aufrechterhalten werden. Das gesamte Programm kann hier eingesehen werden

Since her ini_al proposal, Adriana considered important to involve other ar_sts ac_vate the building and invite researchers to discuss about the history of the building and the relevance of public art. It was inevitable to cancel some of the events because of the Covid Rules, but some, with a limited amount of people and safety measurements could be hold on. The whole Programm can be seen here

MusikerInnen: Musicians: Nikolaus Yvon, Antonio Zuniga-Rebolledo, Christa Zuniga, Jan Scheer


Im Dialog mit allen TeilnehmerInnen stellte die Kuratorin und Kulturwissenschallerin Siglinde Lang das '7hoch2 - Fes_val für zivile Aulragskunst' (Salzburger Stadtraum, 2017) vor, um eine Diskussion über den Stadtraum in Krems und die Notwendigkeit von par_zipa_ven Kunstprojekten im öffentlichen Raum anzuregen. Das Publikum fühlte sich frei, seine Ideen darzulegen und Meinungen in einer freundlichen Atmosphäre zu teilen.

In a dialogue all the par_cipants, the curator and cultural scien_st Siglinde Lang introduced the '7hoch2 - Fes_val für zivile Aulragskunst' (Salzburger Stadtraum, 2017) to incite discussion about the urban space in Krems and the need of par_cipatory art projects in public space. The public felt free to expose their ideas and share opinions in a friendly atmosphere.

Talk: Kunst.Par_zipa_on mit die Kuratorin und Kulturwissenschallerin Talk: Art.Par_cipa_on with the curator and cultural scien_st


Während einer besonderen Veranstaltung erklärte Mag. Dr. Thomas Kühtreiber die Verwendung und Bedeutung der architektonischen Details von Herzoghof, wie Fenster und Metallbügel. During a special event the Mag Dr. Thomas Kühtreiber explained the use and meaning of the arquitectural details from Herzoghof, like the windows and metal hangers.


ÜBER DIE JAHRHUNDERTE Margit Werner-Pietsch und der archäologe und bauforscher thomas kühtreiber in wortverflechtungen über die jahrhunderte Margit Werner-Pietsch and the archaeologist and Building researchER Thomas Kühtreiber interworded words over the centuries

Margit Werner-Pietsch und der Archäologe und Bauforscher Thomas Kühtreiber schufen gemeinsam einen Dialog zwischen Realität und Fik_on. Thomas schuf mit fundierten, realen historischen und architektonischen Daten den Rahmen für Margits Poesie. Herzogin Margarethe von Babenberg, die einige Jahre ihres Lebens im Herzoghof verbracht haben könnte, lugte – zwar verschleiert und geheimnisvoll – aus vergangenen Zeitaltern und Schichten rätselhal und zugleich kralvoll hervor. Der Dialog ist hier zu hören Margit Werner-Pietsch and the archaeologist and building researcher Thomas Kühtreiber created together a dialogue between reality and fic_on. Thomas created the framework for Margit's poetry with well-founded, real historical and architectural informa_on. Duchess Margarethe von Babenber, who could have spent a few years of her life in the Herzoghof, peeked out mysteriously and powerfully - veiled and mysterious different layers from past ages. The dialogue can be heard here



Margit Werner-Pietsch hat mehrere verbale Interferenzen im Herzoghof vorgenommen und einen Dialog mit Adrianas Kunstwerken und der Geschichte des Gebäudes hergestellt. Die Interven_onen waren sichtbar und hörbar und gaben dem Gebäude eine flächendeckende S_mme. Dieser Eingriff zog noch mehr die Passanten an, die sie von der Straße hören konnten. Das Audio ist hier zu hören

Margit Werner-Pietsch made also some Verbal Interferences in the building crea_ng a dialog with Adriana's artwork and the building's history. The interven_ons were visible and audible, giving a real voice to the building which acracted even more the passers-by who could hear it from the street. The Audio can be heard here




Velato ist, wie viele von Adrianas Werken, ephemer und dauert nur die Zeit der Exposi_on, nach der es wieder zum Material wird. Für die De-Installa_on musste wieder ein 10 Meter hohes Gerüst aufgebaut werden. Adriana entschied sich dann dafür, ein neues Kunstwerk zu schaffen, und nutzte die Höhe des Gebäudes, um das 65 kg schwere Stück in eine Metallstruktur fallen zu lassen. Diese Metallstruktur war mit ros_gen Metallstangen verschweißt, die sie in der Region fand. Ein Video des Prozesses ist hier zu sehen.

Velato, like many of Adriana's works, is ephemeral and lasts only the period of exposure, aler which it becomes material again. To be dismantled, it was necessary to rebuild a 10-meter-high scaffolding. Adriana decided then to carry out a new artwork, taking advantage of the height of the building to drop the 65 kg piece into a metal structure. This metal structure was welded with rusty metal bars that she found in the region. A video of the process can be seen hier.


The artwork was called Die Dauer (The Dura8on) and was exhibited in IG Bildende Kunst in Wien in December 20 and January 21.

Foto | Photo: Mar_n Cepak

Das Kunstwerk hieß Die Dauer und war im Dezember 2020 und Januar 2021 in der IG Bildende Kunst in Wien ausgestellt.


“Durch das Sammeln und Zusammentragen alter Gegenstände, Stoffe etc. führt Affortuna_ Dinge, die verloren gegangen oder entsorgt worden wären, einer neuen Sichtbarkeit zu. Sie zielt dabei aber keineswegs auf Konservieren oder bloßes Erhalten, sondern auf ein Moment der Transforma_on, auf eine Art Umschril. Ihre mnemisch-skulpturalen Setzungen und Interven_onen fokussieren auf den Ort und den Prozess der Wahrnehmung selbst, auf das spezifische Hier und Jetzt sowie die situa_ve Erscheinung und Wirkung der Skulptur die sich in der Dauer der Anschauung, der Dauer des Blicks, formiert.” “Affortuna_ gives a new visibility to things that would have been lost or thrown away. She is not interested in conserva_on or merely preserving things, but in crea_ng a moment of transforma_on, a kind of transposi_on. Her mnemonic-sculptural se•ngs and interven_ons are focused on the place and process of percep_on itself, on the specific present moment as well as the situa_onal appearance and effect of the sculpture, created through the dura_on of the observa_on, the dura_on of the gaze.”

Koopera_onausstellung von IG Bildende Kunst und AIR - ARTIST IN RESIDENCE Niederösterreich Adriana Affortuna_ & Enar Dios Rodríguez. Kurator Curator: David Komary Kuratorische Unterstützung | curatorial assistance

Foto | Photo: Maximilian Pramatarov

DIE DAUER Dauer des Blicks


VELATO, 2020. Detail Foto aus dem Archiv der Künstlerin Photo from the ar_st's archive


This is a digital Archive not yet ready for print. to be printed in June 2020

Herzliches Dankeschön | Special Thanks to Mag. Gregor Kremser Mag. Katrina Pecer Doris Denk, BA Rupert Zeller Ursula und Gerhard Käfel Bauinvest Immobilien GmbH Mag. Dr. Thomas Kühtreiber Chris_ne Emberger Renate und Wolfgang Herzog Alex Miksch Salzstadl. Wirtshaus Bühne www.salzstadl.at

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