Dinge, Räume und persönliche Identität – 66 Porträts

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Rainer Funke (H r s g.)

D i n g e , R äu m e   und Persönliche  Id e n t i tät

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Rainer Funke (H r s g.)

D i n g e , R äu m e   und Persönliche  Id e n t i tät

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i n h a lt

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Di n g e , r äum e u n d p er s ö n l i c h e Iden t i tät  Rainer Funke

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Eva Lechner: »Interview mit meinem Freund Anatol«    —

Isabel Latza: »Was bleibt«

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Reg i s t er

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I m pressum

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Dinge, Räume und persönliche Identität R ainer Funke

Was haben Dinge und Räume mit persönlicher Identität zu tun? Wahrscheinlich herrschen darüber eher diffuse Vorstellungen. Diese Zusammenhänge im Detail aufzuspüren und zu betrachten war Ziel der vorliegenden Studie. Im Wintersemester 2012/13 haben Studierende aus den Bereichen Design, Architektur und Kulturarbeit der Fachhochschule Potsdam im Fach »Designtheorie« Interviews mit Freunden beziehungsweise Bekannten geführt, also mit Menschen, von deren Persönlichkeit die Interviewer schon ein gewisses Bild hatten, ohne jedoch stark emotional verwickelt zu sein. Biografische und gesellschaftlich medial vermittelte Faktoren der persönlichen Identifikationsprozesse wurden exemplarisch beschrieben, erklärt und mit Fotos ergänzt. Im Mittelpunkt standen die jeweils individuellen Wechselwirkungen von persönlichen Idealen, Wertvorstellungen, Zielen, Träumen, internalisierten Normen und Rollenbildern mit den Dingen und Räumen des Alltags in ihrer konkreten, gestalteten Form. Entstanden sind 66 Porträts von Menschen, die in unterschiedlicher Weise ihr Leben mit Dingen ausstatten und diese nutzen, um sich auf sich selbst und auf andere Menschen zu beziehen.

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Was aber meinen wir eigentlich genau, wenn wir von Identität sprechen? Der Wuppertaler Designtheoretiker und Philosoph Siegfried Maser hat das sehr treffend beschrieben: Wir können den Begriff ›Identität‹ oder das Adjektiv ›identisch‹ zunächst auf Dinge, auf Objekte anwenden und stoßen dabei sofort auf den sogenannten Identitätssatz der Logik, der nämlich besagt: Jedes Ding ist mit sich selbst identisch. Dies klingt nicht nur trivial, sondern es ist es auch, nämlich unmittelbar einsichtig, immer wahr, eben logisch.1 Allerdings, schon der antike Denker Heraklit von Ephesos (ca. 540–475 v. Chr.) hat auf die Schwierigkeit dieser Sichtweise der Logik hingewiesen: sie lässt sich eigentlich nur auf ideale Objekte (wie Zahlen oder geometrische Figuren in der Mathematik) anwenden. Reale Dinge hingegen verändern sich in der Zeit: Panta Rhei – » W i r s t e i g e n i n d e n s e l b e n Alles fließt. Man kann nicht zweimal in Fl u s s u n d d o c h n i c h t denselben Fluss steigen! Wir steigen in in denselben, wir sind denselben Fluss und doch nicht in dene s u n d w i r s i n d e s n i c h t. selben, wir sind es und wir sind es nicht. « Kratylos (ebenfalls griechischer Philosoph, Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr.) wird die Zuspitzung dieses Gedankens zugeschrieben: Man kann nicht einmal in denselben Fluss steigen. Denn auch schon in der kurzen Zeit, die das Hineinsteigen benötigt, fließt Wasser hinab, der Fluss bleibt nicht mit sich identisch. Fasst man den Identitätsbegriff jedoch etwas weiter, ist er auch auf reale Objekte anwendbar: Eine schwächere Form dieser Identität ist die Gleichheit, wobei zwar jedes Ding mit sich selbst gleich ist, aber auch mehrere Dinge untereinander gleich sein können … Dabei erkennen wir diese Gleichheit beim Vergleichen! Eine noch schwächere Form ist schließlich die Ähnlichkeit zwischen Dingen, die nur noch einige gemeinsame Eigenschaften besitzen ... Ein Objekt identifizieren bedeutet schließlich, es in seinem Wesen zu erkennen.2 So betrachtet besteht die Identität eines Dinges mit sich selbst in der Aufrechterhaltung seiner wesentlichen Eigenschaften. Auch wenn es anderes Wasser ist, welches beim zweiten Mal unsere Beine umfließt, auch wenn inzwischen Sand und Schlamm des Flussbetts teilweise vom Wasser mitgerissen wurden, auch wenn sich der Flusslauf ein ganz klein wenig verändert hat, bleibt es im Wesen doch der selbe Fluss, der schon seit Jahrhunderten zum Meer strebt. Mit dieser Betrachtungsweise lässt sich auch sinnvoll von persönlicher Identität sprechen: 1 – Siegfried Maser Zunächst ist jeder … (Mensch – Anm. d. Verf.) … wieder mit sich (1991/92): Begrüßung. In: selbst identisch, nachgewiesen durch den üblichen … Personalausweis …3 Norbert Hammer, Birgit Der Blick auf ein zehn Jahre altes Passbild verweist uns allerKutschinki-Schuster (Hrsg.): dings auf den Wandel unserer körperlichen IdentitätsmerkDesign und Identität. male. Doch auch bei denen gibt es Konstanten, aufgrund derer Düsseldorf: VDID, S. 12 wir auch noch nach langer Zeit andere Menschen wiederer2 – Siegfried Maser kennen können. Neuere elektronische Identifikationsmetho(1991/92), S. 12–13 den nutzen diese Invarianten. Schwieriger ist es, festzustellen 3 – Siegfried Maser ob jemand von seiner Persönlichkeit her nach vielen Jahren (1991/92), S. 13

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4 – Siegfried Maser (1991/92), S. 13 5 – Adolf Muschg, Identität ist noch nirgends vom Himmel gefallen, In: Süddeutsche Zeitung vom 12. Mai 2005

noch derselbe geblieben ist. Denn die persönliche Identität ist dynamisch, kann sich entwickeln, weil sie sich als eine Folge von Beziehungen konstituiert: Man gleicht die Werte, Ideale, Körperausdrucks- und Verhaltensbilder von anderen Menschen mit sich selbst ab, übernimmt das eine, grenzt sich vom anderen ab. Sich mit jemandem anderen identifizieren meint aber niemals völlige oder vollkommene Übereinstimmung, sondern immer nur eine Art Gleichheit, eine Übereinstimmung in wesentlichen Gesichtspunkten: Einheitliches Denken oder einheitliches Handeln oder einheitliches Fühlen.4 Persönliche Identität wächst aus Vergleichen, Gleichsetzungen und Abgrenzungen! Sie ist das Ergebnis eines permanenten Sich-in-Beziehung-Setzens. Ohne das Wesen der eigenen Persönlichkeit aufzugeben, identifiziert man sich mit zahlreichen Werten der Gesellschaft (zum Beispiel Gewaltfreiheit im alltäglichen Umgang miteinander), mit Normen des Verhaltens (Wenn Du auf jemanden wütend bist, gebrauche keine Gewalt!), mit konkreten Leitbildern beziehungsweise Rollenbildern (Wenn der Vater oder der Bruder oder ein Filmheld wütend ist, dann verzieht er auf gewisse Weise sein Gesicht, hebt die Stimme usw. aber unterdrückt seinen Impuls zum Zuschlagen), Idealen (Es ist anzustreben, so gewaltfrei wie Buddha zu werden!) und Träumen (der Traum von einer friedlichen Idylle ohne Aggressivität). Diese Identifizierungsprozesse können sich in verschiedenen Situationen unterschiedlich ausrichten. So kann es geschehen, dass auch eine sehr starke Identifizierung mit Gewaltlosigkeit außer Kraft gesetzt wird, wenn es darum geht, einem wehrlosen Opfer zu helfen, also die Werte Hilfsbereitschaft, Solidarität mit dem Wert Gewaltlosigkeit konkurrieren und je nach den Umständen der eine oder der andere das Werturteil und das Handeln dominiert, ohne dass die betreffende Person damit ihre persönliche Identität aufgäbe. Unsere Vorfahren, die in kleinen Gruppen (zum Beispiel Dörfern) zusammenlebten und deren Lebenswege aufgrund ihrer familiären Herkunft und Verankerung stark vorgezeichnet waren, sahen sich einem weitaus geringeren Druck zur persönlichen Identitätsbildung ausgesetzt als wir heute. Grundsätzlich ist die soziale Wiedererkennung und psychische Selbstfindung in überschaubaren, sich wenig wandelnden Gemeinschaften einfacher als in hoch dynamischen Medien- und Großstadtgesellschaften. Mit der Zunahme der vielfältigen Optionen zur Gestaltung des Alltagslebens wurde persönliche Identität zu einer plastischen Größe 5 einem permanenten Projekt. Ohne schizophren zu werden, greifen wir auf unterschiedliche, zum Teil auch widersprüchliche Rollen-Repertoires zu. Der brav gescheitelte Bankanstellte kann nach Kassenschluss ein kindlich ausgelassener Spielkamerad für seine Kinder sein und sich am Abend als wilder Punk austoben. Keiner kann mehr davon ausgehen, seine eigene Identität mit überstandener Pubertät für den Rest seines Lebens gefunden zu haben. Jede Begegnung mit neuen Menschen an realen Orten (auf Straßen und Plätzen, in Gebäuden, in der Natur usw.) oder fiktiven

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6 – Daniel Miller (2010): Der Trost der Dinge. Berlin: Suhrkamp, S. 157

Orten (in Erzählungen, Liedern, Theaterstücken, Filmen, Fernsehsendungen, Spielen, Chatrooms usw.) bietet grundsätzlich die Chance aber auch einen gewissen Zwang, sich neu in Beziehung zu setzen. Darauf bereiten wir uns umfassend vor: Die Ausdifferenzierung der für Identifikationsprozesse verwendeten öffentlichen Identitätssymbole wie Geschlechtsmerkmale, Hautfarbe, Hautbeschaffenheit, Körperbau, Körperhaltung, Mimik, Körpersprache, Sprache, bevorzugte Orte, Räume und Objekte schreitet in dem Maße voran, wie sich die Beziehungs-Optionen mit der Zahl der realen und virtuellen Begegnungen mit anderen Menschen vervielfältigen. Je unbekannter sich begegnende Menschen sind, umso weniger sind sie in der Lage, sich gegenseitig spontan zu identifizieren. Deswegen ist es eben hilfreich und auch notwendig, sich auf solche Begegnungen vorzubereiten, indem die möglichen Rollen des Verhaltens vorausgedacht, geplant und ausgestattet werden. Bereits der Soziologe Erving Goffmann (1922–1982) hat darauf hingewiesen: Es gilt, sich auf den Bühnen des Lebens zu behaupten, d.h. die sozialen Erwartungsmuster, die mit bestimmten Rollen verbunden sind, zu antizipieren und mit individuell verschiedenartigen Formen von Gestik, Mimik und Distanz aber auch von Objekten und Räumen auszufüllen. Ganz besonders wichtig werden für diesen Auftritt das Bühnenbild und die Requisiten, also die Ausgestaltung der Orte, an denen wir uns selbst und anderen Menschen begegnen, und der Objekte, mit denen wir uns dabei umgeben. Das ist die Wirkungssphäre von Design und Architektur: das Gestalten der Dinge und Räume für die Begegnung mit uns selbst und mit den anderen. Weit über die Zubereitung der praktischen Funktionen hinaus ist diese Verwendungsweise der Objekte für die Gestaltungsdisziplinen ins Zentrum ihrer Bemühungen gerückt. Strategien zur Erforschung des konkreten Bedarfs an Identitätsausstattung von Menschen in unterschiedlichen Milieus und passfähige Angebote dafür entscheiden wesentlich über den Erfolg von Design und Architektur. Nicht zu unterschätzen ist dabei die ständig wachsende Nachfrage nach differenzierten Rollenvorgaben, neuen Geschichten, neuen Inszenierungen, neuen Sinnesreizen, in die verwickelt die Begegnung mit sich selbst und mit anderen Menschen real oder fiktiv lustvolle Erlebnisse verspricht. Oftmals vollzieht sich die Nutzung der Räume und der Objekte als Mittel der persönlichen Selbstreflexion und Kommunikation mit anderen nicht vollständig bewusst. Vieles tun wir, einem diffusen Gefühl folgend, ohne gründlich darüber nachzudenken. Gegenstände sind raffiniert; sie lassen uns nicht merken, wie sehr sie unser Empfinden bestimmen. Man muss sie schon genau in den Blick nehmen, um ihnen auf die Schliche zu kommen. So konkret sie auch sein mögen – sie agieren gewöhnlich im Hintergrund ...6 Umso notwendiger ist es für Designer und Architekten, die vielfältige Differenzierung dieser Beziehungen zwischen Dingen und Räumen zu Identifikationsprozessen im Detail zu erkunden, aus dem Hintergrund hervor zu holen, ins Licht der Analyse

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7 – Vgl.: Tilmann Habermas (1996): Geliebte Objekte: Symbole und Instrumente der Identitätsbildung. Berlin, New York: de Gruyter, S. 244

zu stellen. Die Schwierigkeiten des je persönlichen Identitätsprojekts lassen sich mit folgenden Sätzen beschreiben: Ich bin, was ich bin! Aber wie kann ich sein, was ich bin? Und wie kann ich wollen, was ich gern wäre? Es gelingt mir schon, mich selbst mit mir identisch zu fühlen, allerdings bin ich stets auf der Suche danach, wie ich mir das immer wieder neu selbst vergewissern kann. Auch dazu, was ich anstrebe zu sein, benötige ich ein Repertoire, auf das ich im konkreten zugreifen kann, um mir meine Ziele und Ideale zu vergegenwärtigen. Dasselbe Problem ergibt sich mit Blick auf die anderen Menschen: Ich bin, was ich bin! Aber wie kann ich zeigen, was ich bin? Und wie kann ich zeigen, was ich gern wäre? Die Antwort auf diese Fragen fällt in der Konsumgesellschaft recht einheitlich aus: Ich setze Dinge ein! Und zwar eben in zweierlei Richtung: selbstreflexiv und kommunikativ. Das geschieht natürlich mit ganz unterschiedlichen Bewertungen und Strategien und auch dann, wenn man es grundsätzlich ablehnt, Dinge für die eigene Identität heranzuziehen. So, wie man nicht nicht kommunizieren kann (oder reflektieren), kann man nicht nicht mit Dingen kommunizieren (oder reflektieren). In der inneren, privaten Kommunikation mit mir selbst spielen die Dinge eine andere Rolle als in der Kommunikation, die nach außen gerichtet ist. Für mich selbst verkörpert das Ding ein Gegenüber, es ersetzt den Kommunikationspartner. Wir beide wissen alles übereinander. Im Unterschied zum Knoten im Taschentuch, welcher mir helfen soll, mich konkret an etwas zu erinnern, geht es bei meiner auf mich selbst bezogenen Ausstattung mit Objekten und Räumen weniger darum, bestimmte Botschaften zu vermitteln, als vielmehr generalisierte Perspektiven zu entwickeln und zu überprüfen: Ich mache mir ein Bild von mir selbst. Dabei wird mir klar, zu welchen Personen und Gruppen ich gehöre und zu welchen ich gehören will, zu welchen Personen und Gruppen ich mich abgrenze bzw. abgrenzen will. Außerdem spiegelt sich in diesem Selbstbild die Bewertung meiner eigenen Charaktereigenschaften und Leistungen sowie meiner bisherigen Entwicklung, meiner Pläne und Ziele. Auf diese Weise gelingt es auch, Fehlschläge, Enttäuschungen und generalisierte Frustrationen zu bearbeiten, also abzubauen oder zu kultivieren.7 Der selbstintegrative Aspekt spielt für die Identitätsbildung eine zentrale Rolle: zeitliche Selbstgleichheit, weder Erstarrung noch Selbstauflösung und situative Selbstgleichheit in verschiedenen sozialen bzw. affektiven Situationen. Wichtig dafür ist es, täglich ein Gefühl von Kohärenz aufzubauen, ein Gefühl, wie gut es einem gelingt, seinen Alltag zu bewältigen. Es geht um Sinnhaftigkeit, Machbarkeit und Verstehbarkeit. Das gelingt mir, wenn ich in unterschiedlichen Situationen und Rollen nach den gleichen Grundsätzen handle oder aus meinem Repertoire an Prinzipien subjektiv sinnvoll, verstehbar und selbst bestimmt auswähle. Das Kohärenzgefühl bindet sich an zahlreiche externe und

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interne Wahrnehmungen: Orte, zum Beispiel Heimat, Heim, Zu Hause, Landschaften, Gegenstände (persönliche Dinge), Personen, Gruppen, Handlungsweisen (Wie reagiere ich, wenn ich wütend, nervös, zufrieden, euphorisch ... bin? Wie erlebe ich mich authentisch?) und spezielle Wahrnehmungsfragmente wie besondere Gerüche, spezielles Geräusche, eigenartige Farbkombinationen.8 Oft ist dies in Selbsterzählungen eingebunden, die das Bild des Ich in eine sinnvolle und auch selbstbestimmte Form gießen, biografische Kernnarrationen, mit denen Teile der Identität auf den Punkt gebracht werden. Gerade für die Kernnarrationen spielen die Medien eine große Rolle. Sie befestigen und verstärken sie. Wohl jeder kennt die Verquickung von Kindheitserinnerungen, alten Fotos und den in der Familie kursierenden Stories. Oft können wir nicht mehr unterscheiden, ob wir uns an tatsächliche Gegebenheiten, an unsere eigenen Vorstellungen zu den erzählten Geschichten oder an Situationen auf Fotos erinnern. Das eigene Ich kontinuierlich als Quelle von Handlungen, Fähigkeiten, Absichten zu erleben sowie das Erleben des eigenen Körpers mit dessen Eigenarten und Bedürfnissen bilden die Basis für persönliche Identität. Eine hervorgehobene Position nimmt dabei heutzutage aufgrund stark emotionalisierter Rollenzwänge die sexuelle und Genderidentität ein. Sich in seinem Lebensganzen verstehen zu können, in jedem Hier-und-Jetzt Gelebtes und Erwartetes zur Verfügung zu haben, ist eine Voraussetzung für ein klares Selbsterleben, eine prägnante Identität.9 Die thematische und wertende Zusammenschau biografischer Erfahrungen und Bewertungen der eigenen Person zu einem überschaubaren Geflecht relativ stabiler, integrierter Werte, Ideale, Überzeugungen und Handlungsmaximen, sozusagen zu einer Ideologie » Pa s s e n da s S o fa , d e r P u l l i , von sich selbst, bewirkt ein andauerndes d i e Ec k k n e i p e … zu m i r? Identitätsgefühl. Jede sinnliche Vergewis « serung dieses Identitätsgefühls wird als Lust erlebt. Darin ist der Reiz begründet, der beim Shopping entsteht: Selbst wenn wir am Ende gar nichts kaufen, macht uns Konsumbürgern das Austesten der eigenen Identität anhand einer Auswahl an Konsumgegenständen Spaß. Dazu gehört auch immer das Ablehnen bestimmter Angebote. Die Waren illustrieren die vielfältigen Möglichkeiten persönlicher Identitätsbildung. Für die Kommunikation nach außen, mit anderen Men8 – Vgl.: Renate Höfer schen, werden die Dinge in Folge auf eine mehr oder weniger (2000): Jugend, Gesundheit explizite Selbstreflexion zu tatsächlichen Kommunikationsmitteln. Im Zentrum steht das Spiel mit antizipierten Reaktionen und Identität: Studien zum derer, auf die sich der Kommunikationsakt richtet. Die Spanne Kohärenzgefühl. Opladen : erstreckt sich vom unbewussten Agieren über einzelne gezielLeske und Budrich te Eindrucksmanipulationen in speziellen Situationen (lügen, 9 – Hilarion Petzold (1985): sich verstellen, einen besonderen Aspekt der eigenen Identität Mit alten Menschen arbeibetonen, verführen usw.) bis hin zum komplexen Eindrucksten. Bildungsarbeit, Psymanagement. Wir können letzteres Personal Identity Design chotherapie, Soziotherapie. nennen. Hierfür reicht es nicht mehr aus, durchs Kaufhaus München: J. Pfeiffer, S. 96

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10 – Annette Schäfer (2009): Wir sind, was wir haben. In: Psychologie Heute 12/2009, Weinheim: Beltz, S. 30 11 – Daniel Miller (2010), S. 94

zu schlendern und die Waren zu betrachten. Die Frage »Passen das Sofa, der Pulli, die Eckkneipe … zu mir?« ist dann in der Regel der Tendenz nach schon beantwortet. Das Objekt wird zum Statement. Nun geht es darum, die vermuteten Erwartungen der anderen zu bedienen oder zu enttäuschen und Verhalten ihrerseits zu stimulieren. Zugehörigkeit oder Abgrenzung werden jetzt real vollzogen, Grenzen markiert: Grenzen des Leibes und Grenzen des beanspruchten Raums (Kleidung, Brille, andere Prothesen, Schmuck, Möbel, Wohnraum, Haus, Auto, Tasche, Zeitung etc. in der U-Bahn, Handtuch am Pool …), Grenzen der Persönlichkeit als symbolische Wertmarkierung (Jeans, Abendkleid oder Dirndl), physische Grenzen von Gruppen (zum Beispiel Fußballstadien, Clubs, Restauranttypen, Fahrzeugtypen usw.) und symbolische Grenzen von Gruppen (Wodurch unterscheiden sich beispielsweise Designstudenten von Bauingenieurs- oder Jurastudenten in der Mensa?). Das Bedürfnis nach Nähe und Integration steht dabei in einem Spannungsverhältnis zum Bedürfnis nach Unabhängigkeit und persönlicher Souveränität. Grundlegend sowohl in selbstreflexiver als auch kommunikativer Hinsicht ist der Besitz von Dingen. Die Dinge, die uns umgeben, sind nicht einfach nur nützlich oder eine Quelle von Freude. Bewusst oder unbewusst betrachten wir unseren Besitz als einen Teil von uns selbst. Er ist eine wichtige Komponente unseres Identitätsgefühls. Kein Wunder, dass es vielen Menschen schwerfällt, sich von Habseligkeiten zu trennen, selbst wenn sie es gerne wollen.10 Darin kommt der menschliche Drang zur Transzendierung von Leib und Seele sowie nach materiell-existentieller Versicherung zum Ausdruck. Vom Verschlingen zur Vereinnahmungskultur: Das Sammeln war zunächst die Absicherung zukünftigen Verschlingens. Indem die Vorfahren der Menschen dieses Sammeln systematisierten und zum Besitz und schließlich zum Eigentum wandelten, also ein gesellschaftliches Verhältnis in Bezug auf die Dinge etablierten, wurden sie zu Menschen. Es ist folgerichtig, … dass Menschen Dinge sammeln, um sie mit dem Mörtel der Erinnerung zu festen Fundamenten zu verbinden, auf die sie sich stützen können, wenn sie mit Schwierigkeiten und drohenden Verlusten konfrontiert werden. … Sie legen ihr Eigentum in inneren und äußeren Schutzkammern an, im Gedächtnis und in Sammlungen, um in Notizen darauf zurückgreifen zu können.11 Besitz ermöglicht langfristige Strategien, real und symbolisch. Wer viel hat, ist erfolgreich, einflussreich, sexy und hat die Chance, auch so zu erscheinen. Besitz ermöglicht darüber hinaus systemische, auf Ideale der Vollkommenheit gerichtete Kreativität. Insofern ist es für die Identitätsbildung maßgeblich, welches Verhältnis zum Besitz man etabliert, und zwar in der Form der konkreten Verfügbarkeit als Gebrauchswerte (zum Beispiel 300 Paar Schuhe im Schrank) oder der virtuellen, omnipotenten Verfügbarkeit als Tauschwert (Geld auf dem Konto). Die individuellen Unterschiede hierbei wurden in den Interviews sehr deutlich.

Über Besitz und Eigentum hinaus geht ein magisches Verhältnis zu den Dingen. Jeder von uns kennt es: Ab und zu trauen wir den Dingen mehr zu als nur eine funktionale Wirkung auf uns. Von Kindern kennen wir Sätze wie diese: »Die böse Tür hat mir den Finger eingeklemmt!« »Der Teddy hat sich versteckt!« »Die blöden Bausteine wollen nicht aufeinander stehen bleiben!« Und von Erwachsenen solche: »Ich hab meinen Glücksbringer vergessen.« »Die schwarze Katze bringt Unglück.« Es ist uns ein Rest jenes uralten Glaubens an die geistigen Kräfte der Dinge geblieben, dem einen mehr, dem anderen weniger. Auch im praktischen Verhalten hat er Bestand, wenn wir zum Beispiel darauf hoffen, mit einem bestimmten Schuh-Modell, das auch ein Superstar trägt, bessere Leistungen im Sport zu erzielen. Oder wenn es uns ekelt, ein Getränk zu uns zu nehmen, das mit einer sterilen Fliegenklatsche gerührt oder in das eine keimfreie Schabe getunkt wurde. Irgendwie könnten ja unsichtbare verunreinigende Teilchen hineingelangt sein. Schokolade in der Form von Hundehaufen mögen wir allein der bloßen Ähnlichkeit wegen nicht essen. Es scheint schwer zu sein, in solchen Fällen nach der Vernunft und nicht nach assoziativen Reflexen zu handeln. Je weniger unsere Alltagswelt ihr Funktionieren – etwa wie im Zeitalter der Mechanik – offen zeigt, umso mehr muss Design uns die Welt erklären. Wenn allerdings Design dabei als Illustration unserer Wünsche, Sehnsüchte und Träume einher kommt, bietet sich der Zugriff auf Vorstellungen des Magischen an. Auch danach wurden die Interviewpartner befragt, welche Rolle magische Beziehungen zu den Dingen für sie spielen.

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»Ich bin wie ich bin. Die einen kennen mich, die anderen können mich.« Diese drastische Formulierung wird Konrad Adenauer zugeschrieben. Der war zwar zu dieser Zeit ein alter, abgeklärter Mann, trotzdem pointiert sein Spruch ein allgemein erstrebenswertes Ziel: persönliche Autonomie und Souveränität. Wer sich derart von Fremdeinschätzungen unabhängig sieht, hat sein persönliches Projekt der Identität abgeschlossen, ist bei sich selbst angekommen. Aller Verführungskraft des ständigen Wandels zum Trotz bewahren wir immer noch die starke Vorstellung eines Zustandes, in dem sich alles vollendet hat. Doch für die meisten bleibt das ein Traum, denn je dynamischer unser Leben wird, je mannigfaltiger die Beziehungen zwischen Menschen sich gestalten, umso schwerer fällt es, tatsächlich bei sich anzukommen. Wie Menschen sich auf diesen endlosen Weg zu ihrer Identität begeben, wie sie dabei mit Dingen und Räumen umgehen, beschreiben die folgenden 66 Porträts.


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Anatol wurde in Oberbayern in Schrobenhausen geboren und wuchs im Allgäu auf. Die meiste Zeit hat er aber in München gelebt, wo seine Eltern heute noch leben und wo er zur Schule gegangen ist. Auf die Frage, wo denn aber nun genau seine »Heimat« sei, kann Anatol mir nicht gleich antworten, er schaut hoch in die Luft und legt die Stirn in Falten: »Schwierig ...« sagt er und seufzt. »Allgäu? Oder München? Ich würde schon fast sagen Allgäu.« Seine Erklärung folgt: Aufgrund dessen, dass seine Großeltern noch dort wohnen und er die ersten zwölf Jahre seiner Kindheit dort verbrachte, fühlt er sich dem Ort sozusagen »tiefer« und »inniger« verbunden, als der Stadt München. Er macht den Ort seiner Heimat also nicht an dem Ort aus, an dem seine Eltern

sind und an den er zu Weihnachten oder nach einer langen Reise zurückkehrt, sondern an dem Ort, mit dem er sich auch nach so langer Zeit emotional verbundener fühlt. Wir zwei kommen nun so langsam in einen guten Redefluss und sind beide entspannt. Ich bemerke, dass Anatol das Interview sehr ernst nimmt und darauf bedacht ist, mit seinen Antworten möglichst präzise auszudrücken, was er meint. Ich frage ihn nach Geschichten aus seinem Leben, die prägend waren und an die er sich immer wieder auch in anderen Lebenssituationen erinnert. Er überlegt einen Moment und kehrt in sich. Er ist noch immer sehr entspannt, schaut aber während der folgenden Geschichte nicht mehr in mein Gesicht, sondern auf die Tischplatte. Er erzählt mir von einem Kletterunfall, der ihm als Kind widerfahren ist. Er fiel von einem Baum und zog sich eine Platzwunde am Kopf zu. Die Größe der Wunde zeigt er mir ganz genau mit den Fingern auf dem Tisch an, als würde er sie aufzeichnen. Dies wird er im weiteren Verlauf unseres Interviews noch öfter tun. Während des Erzählens lächelt er beim Sprechen immer wieder, als wäre es ihm ein wenig unangenehm, mir von diesem körperlichen »Versagen« zu berichten. Auch die darauffolgende Frage nach Unsicherheiten und Situationen, in denen er sich eher schwach fühlt, beantwortet er in einer ähnlichen Stimmung, mit weicher und eher leiserer Stimme. Er sagt, eigentlich gäbe es nicht wirklich etwas, womit er sich unsicher fühle, abgesehen davon, an einer neuen Arbeitsstelle anzufangen. Ich gebe mich damit aber noch nicht zufrieden und frage ihn aufgrund der vorausgegangenen Platzwundengeschichte direkt noch mal danach, was es mit ihm und »körperlichen Verletzungen« auf sich hat. Er versucht sofort, meinen Einwand umzuwenden: »Jaaa, ok, aber da bin ich ja dann nicht aufgeregt, da fall ich einfach um«. Genau das erwartete ich und frage nun weiter nach. Mein Freund Anatol hat eine besondere Beziehung zu Blut und körperlichen Beeinträchtigungen. Er will, dass ich genau verstehe, um was es geht und versucht mir quasi eine Definition dessen zu geben, womit er ein Problem hat. Er nennt es »materielle Einflüsse und physische Beeinträchtigungen verletzender Art – Verletzungen, die körperliche Materie verformen ... Das ist nicht so gut«. Er ist jetzt sehr konzentriert, aber seine Stimme entgleitet ihm an einigen Stellen und er stottert ein wenig. Auf die Frage, wann ihm dieses Phänomen das erste Mal begegnete, antwortet er zu meiner Überraschung nicht mit einem Verweis auf die Platzwundengeschichte, sondern erzählt davon, wie sein kleiner Bruder sich einmal den Arm brach und Anatol dessen verdrehten Arm sah. Ich erinnere mich sogleich an eine andere Geschichte, die Anatol mir einmal während eines Weinabends in Istanbul erzählte und bitte ihn darum, sie nun noch einmal zu wiederholen. Er fängt laut an zu lachen, etwas nervös und kindlich aufgeregt, aber gleichzeitig fröhlich darüber, dass mir die Geschichte gefällt. Er berichtet mir von drei Vorfällen, bei denen er ohnmächtig geworden ist. Zwei

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E va L echne r

Wir sitzen in Berlin-Moabit in der WG-Küche meines Freundes Anatol. Er ist 23 Jahre alt und lebt seit anderthalb Monaten in Berlin. Kennengelernt haben wir uns vor etwa einem Jahr während eines Erasmus-Aufenthaltes in Istanbul. Das Licht ist angenehm, der Tisch, an dem wir uns gegenübersitzen, groß, aber gemütlich. Um noch ein wenig mehr in Redestimmung zu kommen, trinken wir beide ein Glas türkischen Raki mit Eis. Anatol freut sich eher auf das Interview, als dass er nervös wirkte.

Interview mit meinem Freund Anatol

Verdrehte Arme und schlechte Horrorfilme, das ist nicht so gut


davon bei Szenen in Horrorfilmen im Kino und einer bei einer Weisheitszahn-OP. Er betont, dass beide Filme von minderer Qualität gewesen seien und er bei viel, viel schlimmeren Filmen (zum Beispiel 120 Tage von Sodom) nicht in Ohnmacht gefallen ist. Warum kann er sich selbst nicht erklären, und auch ich kann mir darauf keinen Reim machen. Ich finde dieses Thema spannend und frage Anatol, ob er glaubt, dass ihm das noch immer passieren könnte oder ob er denkt, dass es nur ein Teenagerphänomen war. Er antwortet mir sogleich, dass er sich vollkommen bewusst ist, dass es immer wieder passieren kann, und gibt sogleich zu, dass ihm das auch Angst macht. Dass er sich davor fürchtet, einem Verletzten einmal nicht helfen zu können, weil er in Ohnmacht fällt. Während er spricht fällt ihm auf, wie absurd all dies vielleicht auf Andere wirkt und fügt hinzu, zu hoffen, dass er doch glaubt helfen zu können. »Ich bin gut in Stresssituationen!« sagt er und setzt sich aufrecht hin. Jetzt erstmal einen kräftigen Schluck Raki. Obwohl ich das Gefühl habe, dass Anatol über all das nicht gern spricht, ist er sehr ehrlich in seinen Antworten und versucht nicht, vom Thema abzulenken. Ich bin ihm dankbar und spüre, dass zwischen uns offenbar ein gewisses Vertrauen herrscht. Aus den soeben genannten Aussagen über »verformte, körperliche Materie« ziehe ich den Schluss, dass für Anatol der menschliche Körper sehr wichtig ist, dass er funktioniert und man sich auf ihn verlassen kann. Jegliche Beeinträchtigungen sind für ihn schwer erträglich und geben ihm ein starkes Gefühl des Unbehagens. Anatol macht in meinen Augen einen großen Teil seiner Identität an seinem Körper fest. Dieser muss funktionieren und für ihn da sein. So wie viele andere Dinge auch, aber das werde ich erst später erfahren.

Nichts in meinem Zimmer ist mir wichtig ... außer vielleicht meine Bücher Anatol gibt vor, seinem Zimmer und seinen Möbeln keine besondere Bedeutung zuzusprechen. Ich frage ihn zum Beispiel nach seinem Bett und er antwortet sogleich, dass dies ein vollkommen neutraler Ort für ihn sei, dem er keine weiteren Emotionen zuspricht. Um dies zu untermalen und einen Beleg zu geben, betont er, die letzten zwei Wochen sowieso auf einer Yogamatte geschlafen zu haben. Das sei besser als ein Bett, man stehe nämlich früher auf. Ich gebe mich aber noch nicht zufrieden, denn ich habe sowohl sein Zimmer in Istanbul als auch das jetzige in der Berliner WG gesehen. Beide sind zwar nüchtern, jedoch sehr wohl gestaltet. Es gibt nichts Unnötiges und jedes Objekt ist wohl platziert. Ich frage ihn also noch einmal nach seinem Zimmer und nach Objekten, die er mag. Ich weiß, dass er gern völlig frei von Emotionen gegenüber Konsumprodukten wäre, aber angesichts seines guten Geschmacks und modischen Aussehens kann ich das so noch nicht annehmen. Nach längerem Überlegen sagt er also, dass ihm »höchstens das Bücherregal« wichtig sei. Das dachte ich mir, denn Anatol zeigt sich entgegen seiner Aussagen sehr gern mit gehobener Literatur in der Öffentlichkeit. Das werte ich keineswegs als oberflächlich oder angeberisch. Ich denke,

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das ist ein natürlicher narzisstischer Vorgang. Dass Anatol, wie er im weiteren Verlauf des Interviews angibt, sehr viel Wert auf Wissen legt, macht es noch verständlicher. Er sagt, wenn er liest dann geht es ihm gut, er liest für sich. Ich weiß aus Erfahrung auch, dass er gern über das spricht, was er gerade liest. Und Anatol ist ein hervorragender Diskussionspartner in sämtlichen Lebenslagen. » I c h l e s e n u r f ü r m i c h . Zurück zu seinem Bücherregal. Die W e n i g e r u m d i e W e lt Titel, die ich hier entdecke, sprechen für zu v e r s t e h e n , a l s u m s i e sich. Philosophie und Politik, vermischt s o w e i t zu k e n n e n u m mit amerikanischem Cut-Up und Thomas zum i n des t ei n e s ch wach e Mann, alle schön nebeneinander aufgee i g e n e P o s i t i o n fi n d e n reiht. Einige scheinen extra angeschrägt zu kö n n e n . um darauf aufmerksam zu machen. – Viel « leicht um Frauen zu imponieren, bei mir funktioniert’s jedenfalls. – Als ich Anatol danach frage, verneint er, aber diesmal schenke ich ihm keinen Glauben. Stattdessen erklärt er, dass die Bücher wichtig für ihn sind, um die Realität zu begreifen. Er gibt außerdem an, lieber theoretische als literarische Texte zu lesen, »Um zumindest eine eigene schwache Position finden zu können«. Außerdem mag er es, ein Buch, welches er gelesen hat, selbst zu besitzen. Ich schätze, wie schon oben angedeutet, dass er dadurch seinen inneren Wissensspeicher auch nach außen tragen will. Er weiß, dass ihn eine Einordnung bzw. eine Vorstellung seiner Identität auch angreifbar macht und ich vermute, dass er deswegen angibt, nicht einordbar zu sein. Auch wenn dies so natürlich nicht ganz stimmt. Anatol ist ein gut gekleideter, junger Mann. Meist trägt er ein weißes Hemd oder T-Shirt, einfach aber sehr stilvoll. Ich würde gern mehr darüber erfahren und frage danach. Er erzählt mir, dass Kleidung für ihn simpel sein muss. Sehr wenige Farben, kein Schnickschnack, aber hohe Qualität. Ich erinnere mich daran, dass er einmal auf einer gemeinsamen Reise eine Badehose verloren hat und darüber ärgerlich war. Er erklärt mir, dass die Badehose keinen emotionalen Wert für ihn hatte, aber dafür bestimmt war, lange zu halten. Wegen des Preises von achtzig Euro und dem Markennamen nahm er an, sie für lange Zeit zu besitzen, und durch etwas Patina noch aufzuwerten. Leider ging sie dann verloren und nun schwimmt er in Laufhosen. »Ist aber auch ok.« Dies beschreibt sehr schön, dass Anatol gern klassische Dinge mag, die lange halten und auf die man sich verlassen kann. Dafür ist er bereit, Geld auszugeben. Objekte sollen benutzt werden, erst das macht sie für ihn sinnvoll. Kleider dürfen ruhig geknittert sein und weiße Stoffe ruhig einen Schleier bekommen, wenn sie denn nur funktionieren.

Es ist so sinnlos – Ich habe einen Fetisch für Kugelschreiber Häufig ist mir aufgefallen, wie gern Anatol über Stifte und Handschriften spricht. Ich brauche nicht lange zu bohren, gleich fällt der Satz: »Es ist so lustig, es ist so sinnlos, ich habe einen Fetisch für Kugelschreiber!« Mein Freund Anatol erklärt mir dann

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ausführlich, was einen guten Kugelschreiber ausmacht: Dass er eine kräftige Farbe hat, weich übers Papier gleitet, nicht schmiert und so weiter. Er fragt mich aufgeregt, wo er seinen Lieblingskugelschreiber, den er schon dreimal hatte, ihn aber dreimal wieder verlor, in Berlin kaufen kann. Als ich im Anschluss an das Interview einige Tage später sein Zimmer betrete, um noch Fotos zu machen, liegt er da, im Licht der Schreibtischlampe – der Caran d‘Ache. Schwarz, matt und unauffällig, aber in seinen Augen der beste Kugelschreiber der Welt. Die Liebe zu Kugelschreibern wundert mich bei Anatol gar nicht, sie passt sehr gut zu zwei vorausgegangenen Phänomenen: Erstens die Wissensansammlung durch das Lesen von Büchern, und zweitens die stete Gestik seiner Hand, die das Aufzeichnen von wichtigen Punkten seiner gesprochenen Worte untermalt. Das geschriebene Wort scheint wichtiger zu sein als das gesprochene. Schreiben an sich ist für Anatol eine wichtige Brücke der Kommunikation zwischen ihm und der Welt. Da ist es nicht verwunderlich, dass er viel Wert auf seine eigene Handschrift legt, man möchte schließlich verstanden werden. Und auf einen Stift, der den eigenen Gedanken und der eigenen Schrift gerecht wird, kann man dann wahrscheinlich nicht verzichten. Abgrenzung von Klischees und gesellschaftlichen Konventionen ist wichtig für Anatol. Ich frage ihn beispielsweise nach dem Raum, in dem unser Interview stattfindet, der WG-Küche. Ein weitläufiger Raum mit einer großen, stilvollen Küchenzeile mit viel Stahl und Glasbehältern für Gewürze, Müsli und Nudeln. Die Wände sind unverputzt und mit wenigen, aber aussagekräftigen Dekoelementen wie zum Beispiel einer Schallplatte und einer alten Hausnummer behangen. Indirektes Licht schafft eine warme Atmosphäre und an dem großen Glastisch mit Drahtgestell lässt sich gut trinken und reden. Der Raum könnte auch in einer modernen Bar der hiesigen Szeneviertel beherbergt sein. »Nie im Leben hätte ich diesen Raum so gemacht, es wäre mir viel zu Klischee gewesen, aber Linus hat es gemacht und jetzt ist es gut.« sagt er und lehnt sich dabei behaglich zurück. Anatol fühlt sich wohl hier, obwohl dieser Raum, diese Szeneküche, sich stilistisch in Klischees und Trends einordnen lässt. Vielleicht könnte man also sagen, dass Anatol nicht prinzipiell etwas gegen Konventionen hat, sondern sie nur nicht mag, wenn er sich selbst mit ihnen auseinander setzen muss. Eventuell sind sie ihm einfach zu schnelllebig und zu wenig greifbar. Aber sind diese Trends einmal da, von jemand anderem einfach für ihn vorbereitet, akzeptiert er sie. Ich verstehe nun immer mehr, warum mein Freund klassische Dinge so mag. Er muss sich nicht mit der Frage auseinandersetzen, ob etwas gerade im Trend liegt oder nicht, ob es in einem halben Jahr noch funktioniert oder schon kaputt ist, denn ein Klassiker ist immer gut. Gleiches fiel mir auch für seine Spra-

che auf, als ich mir das Interview mit ein paar Tagen Abstand noch einmal anhörte. Selten hört man aus seinem Mund jugendsprachliche Begriffe, wie »cool« oder ähnliches. Anstelle dessen benutzt er häufig die Wörter »schön« und »gut« für Dinge, die ihm gefallen. Auch das Antworten in ganzen Sätzen und die kurzen Pausen des Überlegens, die er sich immer wieder nimmt, stehen für Aussagen, die für eine lange Gültigkeitsdauer bestimmt sind. Er spricht Sätze, die genauso gut gedruckt sein könnten.

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Mein Idealbild sagt mir, ich soll es machen, aber … Vermehrt stelle ich fest, dass Anatol ein sehr toleranter Mensch ist, vielleicht der toleranteste Mensch, den ich kenne. Wie schon erwähnt, ist er ein interessanter Diskussionspartner, er hört genau zu, was ich sage und versucht so genau wie möglich darauf einzugehen. Ganz ohne dabei jemals abzulenken oder etwas nicht ernst zu nehmen. Hat er einmal mit seiner Meinung unrecht, hat er kein Problem damit, dies nach Anhörung der Gegenseite zuzugeben. Andersrum versucht er niemanden von seinen Ideen und Idealen zu überzeugen. Ich versuche, mehr darüber in Erfahrung zu bringen und erkundige mich danach, ob er an Glücksbringer glaubt. Seine Reaktion ist wenig überraschend, natürlich glaubt er nicht daran, und er beteuert auch, so etwas nicht zu besitzen. »Und wie steht es mit Religion?« frage ich weiter. Er gibt an, dass er das von der geschichtlichen und theoretischen Seite her interessant findet und auch nichts dagegen hat, wenn jemand religiös ist, solange er selber damit nicht genervt wird. Dies bestätigt meine Vermutung, dass Anatol wenig mit Spiritualität und Glauben anfangen kann. Was nicht wissenschaftlich erklärbar ist, kann nicht »wahr sein. Jedenfalls für ihn nicht, was Andere machen ist irrelevant. Weil in seinem Zimmer eigentlich recht wenig Dinge sind, die wirklich Anatol gehören, frage ich, ob er eventuell noch Kisten bei seinen Eltern in München hat. Ja eine Kiste ist im elterlichen Keller verstaut. »Briefe, Postkarten, Lebkuchenherzen von der Wiesn und Fotoalben, solche Sachen – aber ich mag so was nicht« Ich hake nach und frage ihn, ob er die Sachen nicht auch einfach wegschmeißen könnte, wenn sie ohnehin nur im Keller herumstehen. »Ich weiß es nicht. Mein Idealbild sagt mir, ich soll es machen, aber… hmm, sie müssen jetzt auch nicht weg sein.« Das finde ich sehr sympathisch, denn Anatol ist kein perfekter Mensch, der nur nach seinen Idealen lebt, auch in ihm finden sich Brüche und kleine Ungereimtheiten und. Das macht ihn sehr liebenswert.

Einen Freund kennen(lernen) Nach diesem Interview habe ich zwar nicht das Gefühl, meinen Freund Anatol neu kennengelernt zu haben, aber ich denke schon, dass viele Dinge nun doch deutlicher für mich sind. Mir war schon vorher bewusst, wie verkopft Anatol ist, doch jetzt kann ich das viel besser nachvollziehen. Für ihn und seine Identität scheint Wissen viel wichtiger als Emotionales. Er versucht


gern, jedes Problem mit dem Kopf zu lösen und handelt wenig intuitiv. Sein Studium der Rechtswissenschaft passt da nur zu gut, es wundert mich also keineswegs, dass ihm das Lernen leichtfällt. Für mich ist er ein Mensch, der zwar vorgibt, sich gern abzugrenzen, dies aber eher in Situationen, über die er sich noch keine Meinung gebildet hat, als Schutzmechanismus einsetzt. Und das kann unter Umständen dauern, denn mit flüchtigen Eindrücken und Emotionen gibt er sich ja nicht zufrieden. Erst wenn er etwas von allen Seiten beleuchtet und analysiert hat, kann er es für »wahr« anerkennen und sich einmischen. Anatol vertritt klassische Werte wie Bildung, Ehrlichkeit und Treue. Diese basieren jedoch nicht auf elterlicher Erziehung, sondern auf Schlussfolgerungen der eigenen Lebenserfahrung. Durch Lesen schafft er sich ein Weltbild und stellt dies ständig in der Realität auf die Probe. Besteht es, wird es in sein Handlungsmuster aufgenommen, wenn nicht, wird weiter hinterfragt. »Der Kopf muss funktionieren und der Körper muss funktionieren!« Dieser Satz aus dem Interview steht sinnbildlich auch für Objekte, die Anatol umgeben. Ein Kugelschreiber muss genauso perfekt funktionieren wie der eigene Körper, der durch Sport trainiert wird oder der eigene Kopf, der durch stete Bildung immer fit bleibt. Diese Art Lösung oder Motto für sein Leben zieht sich überall durch. Umso überraschter war ich zum Beispiel, als Anatol mir erklärt, er möge gern abstrakten Expressionismus. Vielleicht ist dies ein unvermeidbarer Ausbruch aus allen sich selbstauferlegten Regeln und charakterlichen Idealvorstellungen. Wie schön, wenn man so etwas in der Kunst findet. Auch Anatols Angst vor körperlichen Beeinträchtigungen leuchtet mir nun ein. Für einen Menschen, dem die Funktionalität des eigenen Körpers so wichtig ist, muss es eine wahnsinnige Belastung sein, wenn dem nicht so ist. Schon die Vorstellung davon ist so übermächtig groß, dass sie ihn einfach in Form einer Ohnmacht lähmen kann. Seine »Angst vor Blut« ist also keineswegs als mädchenhaft zu betrachten, sie rührt auch nicht aus einem anerzogenen Ekel vor Körperflüssigkeiten oder Ähnlichem, sondern ist logisch auf seinen Charakter zurückzuführen. Ein Mensch, der stets alles unter Kontrolle hat, ist aber keineswegs auch zwingend ein Mensch, der sich nicht dem Chaos und der Spontaneität anderer hingeben kann. Aus diesem Grund wohnt Anatol auch nicht allein. Denn wenn noch jemand im Haus ist, besteht immer die Chance, dass etwas Unvorhergesehenes passiert, dass Gäste kommen oder man gefragt wird etwas zu unternehmen, was vorher nicht geplant war. Dank seiner eigenen Kopflastigkeit ist Anatol ein guter Partner für spontane Ideen von Anderen. Er schließt sich gern seinen Freunden an und hält ihnen die Treue, auch wenn sie Dinge tun, die er von sich aus vielleicht nicht getan hätte. Anatol ist sehr selbstreflektiert. Auch wenn er sich und seinen Idealen nicht immer ganz treu ist, ist er sich darüber bewusst, keine Abweichung geschieht ohne darüber nachzudenken. Er weiß noch nicht, wohin ihn all das führen wird, sein Studium, sein Wissen und sein Leben in Berlin, aber er hat auch keine Angst davor, etwas auszuprobieren, bis er das Gefühl hat, irgendwo angekommen zu sein. So lange er seine Bücher und ein paar Freunde um sich hat,

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fühlt er sich wohl und macht weiter wie bisher, gewissenhaft und immer offen dafür, sich Neues anzusehen. Auf die Frage in welchen Situationen Anatol sich besonders stark fühlt oder fühlte und ob er dazu etwas zu Istanbul erzählen kann, antwortet er mir mit sehr fester, fast lauter Stimme: »Ich habe mich in Istanbul immer stark gefühlt, und davor auch.« »Sehr wenige Selbstzweifel« fügt er lachend hinzu. Das glaube ich ihm sofort. Text und Bilder von Eva Lechner

K i r an N el g en

Emil und ich beschlossen bereits beim ersten Treffen vor fast drei Jahren, dass wir zusammen ziehen wollen. Ich hatte ihn gerade erst kennen gelernt, doch die schamlose Offenheit, mit der er mir begegnete, war mir auf Anhieb so sympathisch, dass ich an unserem Vorhaben keine Zweifel hatte. Er lud sich mit einem frechen Spruch selbst zur Übernachtung in meiner damaligen Wohnung ein, womit er die Grenzen konventioneller Erst-Kontakte übertrat und von Anfang an den Weg für eine intensivere Freundschaft ebnete. In den darauf folgenden zwei Jahren sahen wir uns jedoch selten, denn der damals 22-jährige Emil steckte mitten in einer stark fordernden Koch-Lehre, die nicht viel Freizeit und Freundschaftspflege zuließ. Als nach vielen Monaten überraschend ein Anruf von ihm kam, hatte ich das Gefühl, mich mit ihm zusammen wieder in ein Kind zu verwandeln. Unsere Freundschaft knüpfte an dem gleichen Punkt an, wo sie ein paar Monate vorher aufgehört hatte. Da in Emils WG ein Zimmer frei wurde, setzte er sich unter seinen Mitbewohnern dafür ein, dass ich dieses kriegen solle. Zwei Jahre nach unserem Plan zog ich nun doch noch mit Emil zusammen. Aber auch als Mitbewohner bekam ich Emil verhältnismäßig selten zu Gesicht. Der Arbeitsrhythmus eines Kochs ist nun mal das Gegenteil von dem eines Studenten. Mittlerweile hat er seine Ausbildung abgeschlossen, war ein Jahr auf Reisen und ist nun wieder bei uns in die WG gezogen, wo er seit drei Monaten ohne Zimmer und aus seinem Rucksack lebt. Emil ist für ein Interview über Identität im Zusammenhang mit Architektur und Design, Konsum und Besitz der ideale Partner. Erstens, weil unsere Freundschaft einen tiefen Einblick in seine teils sehr persönlichen Identitätsmechanismen ermöglicht, zweitens, weil ich Emil für reflektiert und schamlos ehrlich halte und drittens, weil ich im Kontext des Interviews kaum jemanden interessanter finden könnte als ihn, der kaum etwas besitzt.

Emil – Identität ohne Besitz

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Zufällig ästhetisch – zwischen heruntergekommen und herausgeputzt Da Emil zur Zeit kein eigenes Zimmer besitzt, schlug er mein Zimmer als Austragungsort des Interviews vor. Das wunderte mich nicht, denn ich habe den Raum als zweites WG-Wohnzimmer konzipiert und zu einem Ort der Kommunikation gemacht, in dem Emil ohnehin viel Zeit verbringt. Trotzdem belustigt es mich, dass er sich meines Identitätswerkzeuges bedient und bezeichnenderweise einen Schritt auf mich zu macht, anstatt anders herum, wie es bei allen Interviews meiner Kommilitonen der Fall war. Die Gratwanderung ist vermutlich die Eigenschaft, für die er am meisten bewundert wird und zweifellos auch die, mit der er sich bei sensibleren Menschen unbeliebt macht, wobei er auf sehr emphatische Weise ständig die Grenzen des Gegenübers zu ertasten versucht. Nichts desto trotz wahrt er sich so den Ruf, Tiefgang zu besitzen und Oberflächlichkeiten außen vor zu lassen. Diese Eigenschaft äußert sich auch stark in seiner Kleidung, denn obwohl er sehr modebewusst ist, bedient er sich hauptsächlich und ohne zu fragen an den Kleiderschränken seiner Mitbewohner, womit er sich die Möglichkeit auf eine Vielzahl von äußerlichen Identitäten ermöglicht. Sein Erscheinungsbild könnte man somit wohl als ständigen Remix bezeichnen, wobei er doch einem deutlichen Stil treu bleibt. In unserem Wohnzimmer steht eine Truhe, in die wir beim Aufräumen herumliegende Kleidung werfen. Mittlerweile ist diese Kiste randvoll mit Fundstücken der letzten Jahre, die meist von Gästen nicht mehr abgeholt wurden. Man könnte sie als Emils unergründlichen Kleiderschrank bezeichnen, aus dem er mit großer Freude jeden Tag etwas Neues zieht. Auffällig ist hierbei sein Hang zu Damen-Kleidung, die er mit seiner kleinen Körpergröße und Statur begründet. Meistens handelt es sich dabei um Westen oder Strickpullover, die liebevoll aus dem Repertoire der Kiste unserer beiden Mitbewohnerinnen oder anderer Freundinnen ausgewählt werden. Dennoch könnte man nicht behaupten, dass dies auf eine weibliche, beziehungsweise homosexuelle Gender-Identität schließen ließe, denn auch die Damen-Kleidung wird stets in einer sorgfältigen Kombination ins Gesamtkonzept eingepasst. Der leicht rebellische Bruch gesellschaftlicher Normen verleiht ihm eine gewisse Selbstzufriedenheit, die er durch die Komplimente seiner Umgebung zu seiner Kleidung bestätigt sieht. Auf diese Weise kann er auch Dinge tragen, deren von der Gesellschaft gedeuteten Werte er eigentlich nicht zu seiner Identität rechnen möchte. Zum Beispiel könnte er theoretisch durch seine ständig neu zusammen gewürfelten Outfits, auch eine protzige Goldkette tragen, welche durch die Kontextverschiebung ihre vermeintlichen Eigenschaften verlieren würde. Es zeichnen sich zwei miteinander verschmolzene Extreme ab. Zum einen seine Identifizierung als schwungvolles und weltoffenes Individuum und zum anderen die Zugehörigkeit zum gehobenen Etablissement der Stern-Restaurants als Koch.

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Der Konflikt zwischen beiden Welten wird am deutlichsten, wenn Emil ausgeht. Auf einer Party trägt er zum Beispiel meistens eine gebügelte Nadelstreifen-Hose aus eigenem Besitz, kombiniert mit Hemd, Weste und schwarzen geputzten Lederschuhen. Ein Outfit, das zweifellos aus der Reihe tanzt, betrachtet man die eher gemütlich oder schrill/bunt gekleideten Menschen, in den Kreisen, in denen er sich bewegt. Auf den zweiten Blick findet man jedoch immer eine gewollte Unperfektheit, wie zum Beispiel große Risse im Hemd, die das Gesamtbild wieder vom Thron der Spießigkeit herunter holen. Ein anderes Mal überzeichnet er auch gern das edle Outfit, indem er zum Beispiel eine Melone aufsetzt. Somit wird ersichtlich, dass er sich eher in ein Kostüm als in Schale geworfen hat. Des Weiteren trägt er immer eine Kette, bestehend aus wild zusammen gewürfelten Steinen, die er über die Jahre von verschiedenen Freundinnen und Liebschaften geschenkt bekommen hat. Meine Vermutung, damit eine Art »Trophäenschrank« seiner Affären um den Hals zu tragen, weist er zurück. Zwar sind die Bestandteile allesamt mit Erinnerungen und Geschichten beladen, er trägt die Kette jedoch wegen des für ihn typischen künstlerischen Gesamtkonzepts, da er sich auch hier dem Mittel des Stilbruchs bedient und die unterschiedlichsten Elemente, von der kitschigen Plastik-Perle bis zum edlen Schmuckstück, kombiniert. Diese Auffälligkeiten und Stilbrüche sind für ihn Notwendigkeiten, um als Qualität und Luxus liebender Mensch in einer von Chaos geprägten Szene nicht als Spießer wahrgenommen zu werden. An anderer Stelle kann er sich jedoch keine dieser Späße erlauben. In der Arbeitswelt steht er ständig unter dem Druck des anderen Extrems und muss sich um angepasste Verhaltensweisen bemühen, um nicht als »Freak« abgestempelt zu werden.

Über Moral, Besitz und Konsum Keineswegs ist Emils mangelnder Besitz an eigener Kleidung mit Geldsorgen zu erklären. Viel eher möchte er die Zeit zum Shoppen nicht aufbringen und aus moralischer Überzeugung kein Geld in multinationale Konzerne investieren. Aus seinem kleptomanischen Kleidungsstil lässt sich also auch der Gedanke der Wiederverwertung und eine ideelle Ablehnung der Wegwerfgesellschaft ablesen. Somit hat er einen Weg gefunden, seine Überzeugung äußerlich individuell darzustellen, ohne sich dabei in politischen Gruppen zu positionieren. Gerne wäre er bereit, viel Geld für Kleidung auszugeben, wenn er wüsste, wo er schöne und fair produzierte finden würde. Bisher mangelt es allerdings zugegebenermaßen an der Auseinandersetzung mit diesem Thema. Da Emil sich aber hohe Ziele für seine Zukunft gesteckt hat, möchte er dann auch äußerlich ein angebrachteres, erwachseneres

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Besitz-Aneignungsverhalten an den Tag legen. Im Idealfall lässt er sich hierfür bei entsprechendem Einkommen seine Kleidung nach seinen genauen Vorstellungen schneidern. Somit könnte er mit gutem Gewissen seinem offenkundigen Modebewusstsein nachgehen und gleichzeitig verantwortungsvoll für seine moralischen Werte einstehen. Er meint, dass er seine Identität nicht über Besitztümer aufbaut, jedoch bedient er sich Identitätsmechanismen anderer, so wie er auch selbst sein Hab und Gut der WG zur Verfügung stellt. Während des Interviews frage ich ihn nach dem Schrank seiner Oma, den ich vor einiger Zeit aus dem Keller holte, um daraus etwas neues zu bauen. Damals bat er mich, das Möbelstück wegen seines Werts nicht zu zerlegen. Ich erwartete, damit seine Argumente in Hinsicht auf Besitz entwaffnen zu können, weil er doch eine emotionale Bindung zu einem Gegenstand aufgebaut hatte und diesen dann auch alleine besitzen wolle. Jedoch erzählte er, dass der Schrank nun im Geschäft eines Freundes stehe und er sich darüber freue, eine sinnvolle Verwendung dafür gefunden zu haben. Im Gegensatz zu den Gruppen, in denen er sich bewegt, hat Emil einen starken Hang zum Luxus, hauptsächlich gesteuert durch seine Liebe zum Kochen und Essen. Sein kaum ausgeprägtes Bedürfnis nach Besitz wird von seinem extravaganten Konsumverhalten kompensiert. So beginnt jeder Tag mit einem sorgfältig durchgestalteten Frühstück, für welches er kochen, aufräumen und eventuell sogar einkaufen gehen muss, sollten wir gerade keine Eier, Essiggurken, Mayonnaise, Parmesan oder passendes Brot zu Hause haben. Dieses Frühstück bildet überhaupt erst die Grundlage für einen gelungenen Tag, und sollten zum Beispiel die Spiegeleier zu hart werden, könnte dies maßgeblich den Tagesablauf beeinträchtigen. Auch während des Interviews kochte und servierte er Tee und legte weitere luxuriöse Kleinigkeiten nach, womit er sich wie der Gastgeber in meinem eigenen Zimmer benahm.

Der Selbstdarsteller Bei einem Koch muss jeder Handgriff sitzen, er muss sich konzentrieren und anpacken können. Diese Eigenschaften sind Emil in Fleisch und Blut übergegangen und man merkt sie ihm nicht nur in der Küche an. Es ist ihm auch sehr wichtig, immer möglichst produktiv zu sein und dabei erwachsen und reif zu wirken. Er gesteht sich zum Beispiel ein, gern beim Kochen beobachtet und bewundert zu werden, wobei er sich auch zweifellos zu inszenieren versteht.

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Schließlich hat er unsere Küche selbst entworfen und gebaut und an seine individuellen Anforderungen angepasst. Auch wenn Emil kein eigenes Zimmer hat, könnte man ihm doch die Küche als sein Territorium zuschreiben, wo er täglich viele Stunden verbringt. Die meisten Gegenstände in dieser Küche sind von hoher Qualität und von ihm liebevoll ausgesucht sowie gepflegt, auch wenn er keine sentimentale Beziehungen dazu aufbaut. Die Geräte sind lediglich Werkzeuge und als solche gut zu behandeln. Über dem Messerblock hängt ein Schild, das unsere Gäste auf den Wert und eine vorsichtige Benutzung aufmerksam machen soll. Zwar überträgt er damit die Eigenschaften seiner Küchenwerkzeuge auf seine Identität, kommuniziert jedoch gleichzeitig seine Wertvorstellungen von Besitz, indem er keinen alleinigen Anspruch darauf erhebt. Oft fragt er sich, ob jemand seine heimlichen Showeinlagen gesehen hat, nicht nur beim Kochen, sondern auch, wenn er elegant das Treppengeländer hinunterrutscht oder einen geübten Tanzschritt vorführt, wobei er so tut, als fühle er sich unbeobachtet. Auch im Alltag versucht er, diese schwungvollen Eigenschaften zu etablieren. So achtet er zum Beispiel stark auf eine elegante Körpersprache und es macht ihm Spaß, jeden Handgriff tänzerisch zu vollführen. Dies ist wohl auch ein weiteres Zeichen – wie seine Leidenschaft für Frauen-Kleidung, Geschlechterrollen zu brechen und sich eines weiblichen Elements zu bedienen. Emil arbeitet sehr bewusst an seiner Körpersprache und seinem extrovertierten Tanzstil beim Ausgehen. Am wohlsten fühlt er sich an Orten, wo getanzt wird und Menschen es schaffen, sich frei oder außer Kontrolle zu fühlen, wobei er es meist ist, der versucht, diese Stimmung anzuregen. Zur Zeit befindet sich Emil in einer kleinen Identitätskrise, die auf seiner Arbeitslosigkeit beruht. Er stellt stets sehr hohe Ansprüche an sich selbst und eifert seinen Zielen mit großem Einsatz nach. Es ist ihm sehr wichtig, ein dynamisches, energiegeladenes Leben zu führen und auch so von anderen wahrgenommen zu werden. Produktivität setzt er mit Reife gleich, und nachdem er gerade etwas ziellos durchs Leben streift, fühlt er sich unselbstständig und etwas haltlos. Er meint, dass dieser Zustand sofort beendet wäre, sobald er ein Job-Angebot bekommen würde und somit wieder mehr zu tun hätte. Auch seine Zukunftspläne sind hoch gesteckt. Sein Traum ist es ein Restaurant zu eröffnen, um jungen Leuten kulinarische Qualitäten näher zu bringen, die sonst einem gehobenem Etablissement vorbehalten sind. Dort soll mit ökologischen und fair gehandelten Lebensmitteln gekocht werden, Künstler und Musiker könnten zur Abendgestaltung beitragen. Ich interpretiere dieses Vorhaben als Versuch der Verbindung seiner beiden Identitätsextreme, die zur endgültigen Lösung des inneren Konflikts zwischen den beiden Welten verhelfen würde. Text und Bilder von Kiran Nelgen

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J o na s V illm o w

Turtleneck

Heute ist meine Verabredung mit Steve. Er ist Architekt und Maler in den Fünfzigern. Ich nenne ihn Steve, weil er einen schwarzen Rollkragenpullover und Jeans trägt. Wir begrüßen uns in der Diele der Maisonettewohnung in einem Berliner Randbezirk, die er mit seiner Lebensgefährtin seit einigen Jahren bewohnt. In dieser Gegend sieht Berlin nicht aus wie auf den Ansichtskarten: ruhig, grün, fast schon idyllisch, aber nicht abgehoben. Dementsprechend sind auch die Menschen, die man hier antrifft: viele Familien und ältere Ehepaare, die hier entweder aufgewachsen sind oder hier die entspannte Seite der Großstadt genießen möchten, ohne auf deren Vorzüge verzichten zu müssen. In einer halben Stunde ist man mit Bahn oder Auto in den Szenebezirken. Niedrige Reihenhäuser und Eigentumswohnungen bestimmen hier das Straßenbild. Wir setzen uns mit einem Kaffee ins Wohnzimmer, das sich geschmackvoll eingerichtet präsentiert. Jegliche Weihnachtsdekoration ist bereits verschwunden, zumindest auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich eine kleines, kunstvoll, aber ohne Pomp, aus Holz gefertigtes Weihnachtsorchester, in einem der Bücherregale. Dieses stellt er offenbar jedes Jahr zu Weihnachten auf. Ich habe gleich ein entspanntes, ungezwungenes Gefühl und freue mich auf unser Gespräch. Nachdem er sich mit den Modalitäten des Interviews einverstanden gezeigt hat, erzähle ich ihm noch wie beiläufig, dass wir nicht länger als drei Stunden dafür brauchen werden. Nach einem kurzen Schock und der Versicherung meinerseits, dass ich bestimmt nicht mehr seiner Zeit als nötig in Anspruch nehmen werde, ergibt er sich seinem Schicksal und wir kommen zum Kern unseres Treffens. Doch nicht bevor er kurz über die Treppe in ein anderes Zimmer verschwindet, um ein ganz bestimmtes Objekt ins Wohnzimmer zu holen. Worum es sich dabei handelt und wieso er soviel Wert darauf legt, soll ich im Laufe unseres Gesprächs erfahren.

will. Doch sein Blick ist klar und unverfälscht auf meine Augen gerichtet und lässt keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Antwort aufkommen. Der nächste wichtige Punkt ist seine Arbeit als Lehrender im Bereich der bildenden Kunst. Schon früher, noch selbst an der Universität als Student für Architektur eingeschrieben, hat er als Dozent sein angesammeltes Wissen und Können an Kommilitonen weitergegeben. Doch wenn er alle Zeit der Welt hätte, würde er am liebsten einfach nur malen, denn die Chance zur Selbstverwirklichung bekommt nicht jeder. Die freiberufliche Malerei war für ihn auch eine Möglichkeit, das Verdienen des Lebensunterhalts und die Betreuung seiner beiden Kinder zu verbinden, denn seine Frau, die er schon während des Studiums kennengelernt hat, war Angestellte. Vor der Wende war die Lage für ihn derart gut, dass er mit der Malerei weitaus mehr verdiente als mit der Architektur, nicht zuletzt wegen den niedrigen Lebenshaltungskosten in Ostberlin. Steve wirkt nun deutlich entspannter, lässt den Blick in die Ferne schweifen und erzählt im völligen Vertrauen, so wie ich ihn kenne. Dabei sitzen wir beide an einem Couchtisch aus Stahl und Glas. Er hat es sich in einem alten, aber dennoch sehr modern wirkenden, Wärme ausstrahlenden Sessel aus honiggelbem Holz, Lehne und Sitzfläche bezogen mit schlichtem, weißem Stoff, bequem gemacht. Das ganze Ensemble steht auf einem Papierteppich mit weiß-beigem Karomuster und macht einen zeitlosen Eindruck. Dazu gesellt sich eine weiße Couch, deren Haptik an Velour erinnert, die offensichtlich nicht ganz dazu passen will. Diese »Patchwork-Sitzgruppe« ist ein Resultat des letzten Umzuges mit seiner neuen Lebensgefährtin. Er sieht sie gewissermaßen als Analogie zu seiner Familie: Zusammengewürfelt, aber es funktioniert. Die Zimmerlampe über uns, die er als »Segler« bezeichnet, ist ein weiteres Indiz für sein Gefallen an hochwertiger, stilvoller Einrichtung. An einer kegelförmigen Halterung ist eine große, zum Fußboden hin gebogene Glasplatte aus milchigem Glas mit Stahlseilen befestigt. Offensichtlich teuer aber nicht prunkvoll und keineswegs überladen, ist sie das Herzstück des Raumes für den, der den Blick nach oben richtet. Steve erzählt mir, dass er die Lampe damals nach dem Kauf selber versucht hat zu montieren. Dabei ist ihm die Glasplatte abgerutscht und in tausend Splitter geborsten.

Familie Memento Mori Auf meine schlichte erste Frage »Was ist dir wichtig?« kommt die Antwort »Familie« wie aus der Pistole geschossen. Glück, Harmonie und Achtung mit- und voreinander sind weitere Schlagworte, die meinen Eindruck von ihm bestätigen, dass die Familie grundsätzlich an erster Stelle steht, im wahrsten Sinne des Wortes. Obwohl wir uns schon lange kennen, komme ich nicht umhin, bei Steve eine gewisse Nervosität zu bemerken. Übergeschlagene Beine und den Kopf angewinkelt in die gespreizten Finger gestützt, scheint es ihm, wie zugegebenermaßen auch mir, nicht ganz klar, worauf ich eigentlich hinaus

Nach dieser Episode will ich nun endlich auf das ganz besondere Objekt zu sprechen kommen, dass Steve am Anfang extra auf einen der beiden kleinen Schränke neben dem Esstisch gestellt hat. Dabei handelt es sich um eine Plastik aus Marmor, die nach seinen Entwürfen von einer Freundin angefertigt wurde. Sie sollte ursprünglich auf dem Kaminsims eines von ihm entworfenen Innenraumes Platz nehmen. Dargestellt wird eine zerbrochene Eieruhr, aus der Sand und Ziffern fließen; eine Metapher für Tod, Verlust und das Ende der Dinge. Doch nicht

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auf allumfassender Ebene, sondern ganz persönlich und individuell. Der Auftraggeber, die Staatsbank, hat die Plastik zwar bezahlt, jedoch nie abgeholt. Sie stand jahrelang bei Steve herum und ging schließlich in seinen Besitz über. Die Staatsbank war der Arbeitsplatz seiner Frau, was dieses Erinnerungsstück umso wichtiger für ihn macht. Sie starb vor einigen Jahren nach langem Kampf an Brustkrebs. Ich frage ihn nach weiteren, für ihn wichtigen Dingen. Es hängen einige seiner eigenen Werke in der Wohnung, doch er zeigt auf ein Bild, das links über der Plastik hängt. Denn wenn auch Stolz auf das Erreichte, ist Steve ist kein Selbstdarsteller. Es handelt sich um ein avantgardistisches Bild aus den 50er oder vielleicht auch 60er Jahren, dass er von einem guten Freund hat restaurieren lassen. Zurückhaltend verhält sich auch das Bild: Weiß- und Grautöne auf braunem Naturpapier, gerahmt in einem Holz, das sich bei vielen anderen Einrichtungsgegenständen wiederfindet. Warm, natürlich und unaufgeregt. Dies sind auch einige Eigenschaften, die ich Steve zuspreche.

Koto Sämtliche Schrankmöbel wurden von ihm selbst während des dritten Studienjahres entworfen. Ich bin sehr erstaunt, als er mir das erzählt. Sie bilden ein durchgängiges System und halten eine Ewigkeit. Und selbst wenn sie auseinanderfallen würden, so ließe er sie einfach reparieren. Besonderes Augenmerk lenkt er auf das CD-Regal, das ihm besonders gefällt. »Selbst nach über zwanzig Jahren gibt es keine Risse, keine Fugen die aufgehen und in zwanzig Jahren wird es immer noch so aussehen.« Steve sah absolut keine Notwendigkeit, nach der Wende alles Erarbeitete und zum Teil selbst Erschaffene durch Westmöbel zu ersetzen. Ähnlich hält er es mit seiner Kleidung. »Ich bin einer, der nicht gern gesehen ist im Laden, weil man mich selten sieht.« Die schon anfangs angesprochene dunkelblaue Jeans trägt er sehr gerne und praktisch immer, »ob Silvester oder runder Geburtstag«. Sollte die Hose allerdings mal einen Makel aufweisen, so kauft er sich eine neue. Aber ganz genau die gleiche. Doch auch wenn Mode einen verhältnismäßig geringen Stellenwert in seinem Konsumverhalten als auch in seinem Lebensstil allgemein einnimmt, handelt es sich um qualitativ orientierten Konsum, der sich nicht von Trends beeinflussen lässt.

Zweisamkeit Auf die Frage, was sein Lieblingsbuch sei, greift er kurzerhand hinter sich und zeigt mir Witwe für ein Jahr von John Irving. Sofort beginnt er, nach der »wichtigsten Stelle in der Literatur« zu suchen.

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»Haben wir Zeit?« fragt er mich. »Selbstverständlich« sage ich und freue mich, dass er es nicht mehr eilig hat. Nach kurzer Zeit hat er die betreffende Stelle gefunden, nicht in dem Buch, sondern auf einem Zettel, den er in seinem Kalender aufbewahrt und beginnt sie vorzulesen: »Gibt es etwas schöneres als zwei Menschen, als das Gefühl, ein ganzes Leben lang miteinander verbunden zu sein, einander in der Mühsal Kraft zu spenden, sich gegenseitig zu stützen, in allem Kummer einander zu helfen, in allem Schmerz vereint zu sein, in schweigender, unaussprechlicher Erinnerung, im Augenblick des endgültigen Abschieds.« Seine Stimme wird leiser und brüchiger, droht gar ganz zu versagen im angesichs der Emotionen, die ihn zu übermannen drohen. Ich lasse ihm Zeit, um sich zu sammeln und seine Tränen zu trocknen. Diese Zeilen wurden von seiner verstorbenen Frau niedergeschrieben. »Literarisch aber auch persönlich ist das ein wichtiger Satz für mich.« sagt er mir. Dabei möchte ich es belassen. Viele Gegenstände, über die wir bis zu diesem Zeitpunkt gesprochen haben, tragen für ihn auch immer Erinnerungen an sie mit. Umso bemerkenswerter, wie er wenige Momente danach den Bogen in die Gegenwart schlägt und darauf verweist, wie viele Habseligkeiten seiner jetzigen Lebensgefährtin einen ebenso emotionalen Wert für sie hatten, was wohl der Grund für seinen Frieden mit der Patchwork-Einrichtung ist.

Rosenthal Steves Leibgericht ist Hühnerfrikassee. Leicht und lecker aber schwierig zu machen. Seine Mutter aber kann das meisterhaft. Für sein Alter ist Steve recht sportlich und macht einen gesunden Eindruck, Qualität statt Quantität gilt also auch im kulinarischen Bereich. Auch die südländische Küche liegt ihm sehr am Herzen. Doch nicht nur die Küche, sondern auch Kultur und Menschen. Dies schlägt sich auch in seinen Urlaubszielen nieder, denn nach Italien, Frankreich und Spanien kann er immer wieder fahren. Dort nimmt er sich Zeit um zu malen und zu zeichnen und genießt das Land ohne den Zwang einer Reisegruppe. Leben würde er am liebsten auf dem geerbten Hof in Rosenthal, einem kleinen » I c h b r au c h k e i n e n Dorf in Brandenburg. Diesen baut er schon Sw i m m i n g p o o l , seit Jahren weitestgehend selbstständig ich br auch keine Sauna , aus, zuweilen mit Hilfe seines Vaters, der S c h n i c k- s c h n ac k nicht weit davon entfernt wohnt. Für ihn o d e r e i n M e e r vo r ausschlaggebend ist der Charme des hisder Tür. torischen und nicht ganz perfekten. »Ich « brauch keinen Swimmingpool, ich brauch keine Sauna, Schnick-schnack oder ein Meer vor der Tür.« Wenn er das Besondere möchte, fährt er dort hin. Steve ist genügsam, brüstet sich nicht mit Dingen, die er nicht braucht, ist aber Stolz auf die Dinge, die er geschaffen hat, ohne dies als Maske vor sich her zu tragen. Wenn er dort Mensch sein kann, malen kann, aber auch mal die Sau rauslassen kann, zusammen mit denen die er liebt, hat er alles, was er braucht. »Ein Lagerfeuer, das vier Meter

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hoch ist, das interessiert da niemanden. Und mit einer Kettensäge im Garten hantieren, das könnte man hier in Berlin auch nicht so ohne weiteres.« Die Umgebung und seine Nachbarn kennt er schon seit seiner Kindheit, was ihm diese Entscheidung noch leichter macht. Machen, was man möchte, das ist ihm wichtig, aber nicht auf Kosten anderer. So verhält er sich unautoritär, aber bestimmt. Man glaubt ihm, was er sagt und man hat nie das Gefühl, dass er seinen eigenen Vorteil rausschlagen will. Er hat große Freude am Erfolg anderer, vor allem seiner Kinder und unternimmt alles, um diese zu unterstützen. »Verantwortung schützt einen davor, vielen Blödsinn zu tun.«

Verantwortung Das war für ihn auch immer die größte Motivation. Im Team mit Frau und Kindern muss man einfach bereit sein, alles zu geben, auch wenn die Zeiten hart sind. Zwei Stunden sitzen wir nun schon hier zusammen und meine Bemerkung vom Anfang hat er inzwischen total vergessen. »Das Bild da hinter dir kannst du auch mal fotografieren« sagt er zu mir. Ich lasse mich nicht lange bitten und frage, was es damit auf sich hat, während ich meine Kamera bediene. Es handelt sich dabei um eine getrocknete Pflanze mit der Bezeichnung Cornus florida, gepflückt im letzten Urlaub am Rogue River in den Vereinigten Staaten und nun gerahmt im Wohnzimmer hängend. Die abwechslungsreiche Flora und Fauna hat ihn dort am meisten begeistert. Nun fügt sie sich in ihrer Farbgebung an dieser Stelle perfekt in den Rest des Raumes ein. Solche Details findet man in der Wohnung immer wieder. Nichts wird gedankenlos platziert, das was einem lieb und teuer ist, bekommt den richtigen Platz. Wenn man genauer hinsieht, fallen einem weitere exotische Mitbringsel auf, die zum Teil aber von ihrem Sohn mitgebracht und zum Geschenk gemacht wurden. Man hat auch hier das Gefühl, dass Zurückhaltung völlig selbstverständlich ist. Nach der Wende konnte er sich zum ersten Mal für einen internationalen Malereipreis in Rom bewerben, den er auch gewonnen hat. »Das hat uns stolz gemacht.« erzählt er. Auch hier spricht er maßvoll von einem Erfolg. »Das hat mich zum Millionär gemacht. In Lira.« Wir lachen beide. Mir wird mehr und mehr bewusst, dass es schwierig ist, mit diesem Menschen über materielle Dinge zu sprechen. Sie sind zwar keineswegs nur Mittel zum Zweck, aber das Klima in seinem Umfeld, vor allem in Bezug auf die Familie, nimmt einen riesigen Stellenwert ein. »Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung« fallen erneut, er möchte sie nicht nur selbst erleben, sondern auch anderen ermöglichen. Allen müssen teilnehmen, alle müssen die Chance haben. Dies gibt ihm Frieden und wahrt sowohl die interne als auch die externe Balance. Nach dem Tod seiner Frau war es schwierig für ihn, diesen Weg wiederzufinden, denn wenn eine Hälfte verschwindet, ist diese Balance nicht mehr gegeben. Er hätte sich sogar vorstellen können, ins Ausland zu gehen und als Architekt an sozialen Projekten mitzuwirken, Unterkünfte und Brücken bauen. Doch die Familie war erneut der ausschlaggebende Faktor, diesen

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Plan nicht in die Tat umzusetzen. Alle Zelte abzubrechen hätte auch bedeutet, seine beiden Söhne zurückzulassen, die zu der Zeit zwar schon erwachsen waren, aber noch nicht zur Gänze auf eigenen Beinen stehend. »Wenn die beiden nicht gewesen wären, wäre ich heute vielleicht in Bangladesch und würde Brücken bauen.« Dies kann er nun aus einer gewissen Distanz berichten, aber der Weg zum Hier und Jetzt, wie wir hier sitzen, muss enorm gewesen sein. Ob er die Balance wieder vollends herzustellen imstande war, vermag ich nicht zu sagen, doch ich hoffe es sehr. Steve verbindet mit vielen seiner kleinen und großen Habseligkeiten und Einrichtungsgegenstände eine Geschichte. Diese Geschichten verleihen ihnen Charakter, sie werden greifbar. Übermäßiger, unüberlegter Konsum bedeutet für ihn hingegen, seine Möglichkeiten zu verbauen. Was er sich als nächstes kauft und wie viel er dafür ausgeben will, darüber macht er sich keine Gedanken. Als sein Vater dessen Lederjacke entsorgen wollte, kam er auf eine Idee: »Halt mal, Stopp. Wir schneiden die Knopfleiste ab, die Lochleiste muss ab, dann passt sie mir vielleicht.« Und das haben sie dann auch so gemacht. Seine Frau nähte ihm eine neue Knopf- und Lochleiste und ein neues Innenfutter ein. Damit hatte er eine neue/alte abgetragene Lederjacke mit einer Geschichte, zu der er ein neues Kapitel hinzugefügt hatte. Vieles hat seine Frau selbst hergestellt. Was damals gang und gäbe war, hat ihn bis heute geprägt. Während des Studiums, als er frisch aus dem Urlaub kam, hat er eine alte, graue, viel zu große Arbeitshose seines Vaters auf dem Campus getragen »... da bin ich ’ner Freundin begegnet, die hat mich nicht erkannt, weil ich total braun war und diese hässlichen Hosen anhatte. Das war schon alles grenzwertig.« Selbstbewusst und ohne sich zu schämen hat er diese Hosen getragen. Dieses Selbstbewusstsein konnte er sich bis heute bewahren. Zuweilen provokant, aber nie maßlos, so ist mein Eindruck. Standardformulierungen zu benutzen, nur weil sie die erwartet werden, sind gegen Steves Überzeugung. Wichtig ist, für das einzustehen, woran man glaubt. Text und Bilder von Jonas Villmow

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Ich trete in einen dunklen, engen Wohnungsflur. Am Boden ein farblich nicht zu definierender Teppich, rechts ein fettiger Spiegel mit verschnörkeltem Holzrand und links eine Kommode aus dunklem, lackiertem Holz, auf der ein mit grauen Haaren gesäumter Kamm liegt. Vor mir ein weißer Wandschrank, dessen Inhalt mir verborgen bleibt. Am Ende des Ganges biegen wir links in das Wohnzimmer ab. Jahrzehnte alte Zigarettenrauchrückstände vermischen sich mit dem Qualm der gerade frisch abbrennenden, blauen Pall Mall, die im Aschenbecher vor sich hin glimmt. Der Fernseher läuft, dröhnt weit über Zimmerlaut-

stärke. Florian Silbereisen gibt Ich glaube an Gott zum Besten. Nach Giselas Erlaubnis drehe ich den Fernseher leiser. Abschalten darf ich ihn jedoch nicht, wegen der Gefahr, dass er dann nicht mehr angehe. In der rechten vorderen Ecke des Zimmers steht eine Eckcouch aus lila-blau-grauem Stoff mit 80er-Jahre-Vorstadt-Muster. Auf deren Lehne sitzt eine ganze Armada aus Stoff- und Plüschtieren. Porzellan-Puppen, Mama-Eisbär, Papa-Eisbär, Kind-Eisbär, klassische Teddybären, Pudel-Hunde, Giraffen aus Afrika, blaue Mäuse, gelbe Katzen und rote Schlangen. Alle sind lieb zueinander. Alle bleiben wo sie sind. Seit Jahren. Und alle akzeptieren Gisela so, wie sie ist. Ihre Stofftierfamilie gibt ihr Geborgenheit und das Gefühl, nicht allein zu sein. Tagsüber ist Gisela in ihrer Tagespflegestätte. Sie nennt diese Einrichtung »Kindergarten«. Dort verbringt sie die Zeit mit Büchsenwerfen, Mensch ärgere dich nicht spielen, Kaffeekränzchen, Mittagessen und sonstigen Sonderprogrammen, zusammen mit Gleichaltrigen bzw. Gleichgesinnten. Ihr häuslicher Pflegedienst kümmert sich in der Zeit, in der sie zu Hause ist, um ihre Inkontinenz, ihren Blutdruck, ihre Hygiene und ihre nachlassende Gesamtrüstigkeit. Vor ihrer Eckcouch steht ein Tisch, der so vollgestellt ist, dass man die klebrige, mit Spielzeugmotiven bemusterte Tischdecke nur noch schwer erkennen kann. Auf ihm liegen Tabak und Zigaretten der verschiedensten Marken, Berge von Bunten und Hörzus, Diätlimoflaschen, volle Aschenbecher, Asthmasprays, ein Blutdruckmessgerät, Medikamente, Pflegeakten, Telefonnummern von Krankenhaus, Pflegedienst und Feuerwehr, Milchbrötchenkrümel, Untertassen, Tassen und Kaffeerückstände. Das Wichtigste von all diesen Gegenständen sind die Zigaretten. Das Rauchen sei ihr »letzter Lebensinhalt« , wie sie sehr selbstironisch verkündet. Sie raucht weit über zwei Schachteln am Tag. Auf dem Weg vom Parterre in den zweiten Stock, in dem sich ihre Wohnung befindet, macht sie auf halber Strecke aus Atemnot eine Raucherpause. Plötzlich keine Zigaretten mehr in der Wohnung zu haben, wäre gleichzusetzen mit Tod durch Ersticken. Das Alleinsein ist schlimm, aber das Alleinsein ohne Zigaretten ist unerträglich. An der Stirnseite des Wohnzimmers befindet sich der Fernseher, ein altes Röhrengerät. Wenig Schnick Schnack, diverse Programme, leicht flimmerndes Bild und noch immer erhöhte Lautstärke. Welche Sendung läuft, ist letztendlich egal. Nur »nichts mit Schießen, wo einer den anderen umbringen tut. Wo sowieso schon so viel passiert«. Fernsehgarten, Musikantenstadl, Immer wieder Sonntags oder Wetten, dass …?, sind gern gesehene Programmpunkte. Ansonsten ist es lediglich wichtig, dass das Gerät läuft, dass etwas zu hören und ab und zu was zu sehen ist. Der Fernseher tötet die Einsamkeit zwischen zwei Zigaretten. Diese drei »besten Freunde« sind das Kernstück in Giselas Wohnzimmer. Das Wohnzimmer selbst, ist das Kernstück ihrer Wohnung. Ihre Wohnung ist alles, was sie hat. Die meiste Zeit

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F abian F r i s chmann

Die Schwester von Giselas verstorbenen Ehemann ruft einmal im Jahr an. An seinem Geburtstag. »Dem jehts jut, der is bei seinem Kumpel«, »Der is grad auf Klo« oder »der is auf Arbeit«, sind gängige Antworten von Gisela. Nur sie selbst weiß, dass ihr Mann vor neun Jahren verstorben ist, nachdem sie ihn zwanzig Jahre gepflegt hatte. Der Rest der Familie geht davon aus, er sei noch am Leben. Warum dies so ist, bleibt mir bis jetzt ein Rätsel. Vielleicht ist das auch besser so. Gisela ist 78 Jahre alt, hat keine Kinder und ist auf ihren Pflegedienst angewiesen. Zwanzig Jahre lang lebte sie zusammen mit ihrem Mann in einer Zweiraumwohnung in Berlin-Friedrichshain. Seit seinem Tod wohnt sie dort mit ihren drei besten Freunden.

Großmutter wird mit der Sense rasiert

Drei beste Freunde


ihres Lebens befindet sie sich in ihrer Wohnung, was die Wichtigkeit dieser drei Freunde auf ein Weiteres untermalt. Alles was primär zählt, sind diese drei Komponenten. Die heilige Dreifaltigkeit. Das Dreiergespann der illustren Unterhaltung im Kampf gegen unsägliche Einsamkeit. Der Sieg über den Tod vorm Tod. Der Lebensinhalt des Lebensabends.

Wichtig sind natürlich nicht nur ihre drei besten Freunde. Wichtig ist alles, was nicht unbedingt unwichtig ist. Wichtig ist, dass sich die Dinge nicht verändern. Alles, was einen Bruch im täglichen Renten-Raster darstellt, bedeutet Aufregung und Stress. Kaffee trinken ist eine schöne, immer wiederkehrende Routine. Leider ist es aber auch sehr gefährlich, wegen dem Blutdruck. Egal welcher Kaffee, egal wie er schmeckt, Hauptsache mindestens drei Tassen davon finden irgendwann am Tag die Zeit, getrunken zu werden. Am besten natürlich zu immer den gleichen Anlässen, an immer den gleichen Orten. Wird dieses Ritual beispielsweise durch eine medizinische Vorschrift unterbrochen, bedarf es keiner weiteren Störung und der Tag wird als nicht zufriedenstellend deklariert. Giselas Schrank ist voll mit weit über hundert Pullovern. Der Pflegedienst versucht ab und zu, in Abwesenheit von Gisela, Ordnung in das vorherrschende Textilchaos zu bringen. Bei solchen Aktionen kann es vorkommen, dass ein bestimmter Pullover danach für Gisela unauffindbar bleibt. Das stiftet Unruhe und den Verdacht, die anderen meinten, mit einer alten Frau im Rentenalter könne man machen, was man will. Keiner will ihr was Böses, doch dies wird oft von ihr so aufgefasst. Giselas stark mit Falten übersäte Finger sind von überdurchschnittlich korpulentem Durchmesser. Standardmäßig geschmückt mit etwa acht Ringen verschiedener Couleur, legt sie sehr viel Wert auf eine optische Aufwertung ihrer vom Zigarettenrauch gelb-braun eingeräucherten Klauen. Jedes Handgelenk ziert eine pompöse Armbanduhr. Manchmal finden sich sogar zwei Uhren an einem Gelenk. Die goldene Armbanduhr von ihrer Freundin »Mausi« ist hauptsächlich deswegen etwas Besonderes, weil sie wasserdicht ist. Eine wasserdichte Uhr hat jedoch für Gisela keinen praktischen Wert, da sie niemals Schwimmen geht. Schmuck muss nicht zum Rest des Outfits passen oder dezent und subtil eingesetzt werden, sondern viel und auffällig aufgetragen werden. Je mehr Schmuck, umso mehr Frau. Je mehr Frau, umso weniger alterndes Wrack. Giselas Haar ist lang und grau und sehr schön. Ihr käme es jedoch niemals in den Sinn, ohne Perücke außer Haus zu gehen, denn »da seh ick ja aus wie ’nen ollet Arschlock!«. Verschiedene Perücken zieren ihre Garderobe. Herbstfarben, Sommerfarben, Locken, glattes Haar, Pony und Hochsteckfrisur. Aufgesetzt werden jedoch nur jene, die sich möglichst einfach tragen lassen und wenig Aufwand bedeuten. Den brachliegenden Perücken wird jedoch eine nahezu gleiche Wichtigkeit eingeräumt, da man nie weiß, zu welchem Anlass sie eventuell passen könnten. Will man ihr ein schönes Geschenk machen, schenkt man ihr eine neue Perücke. Giselas Badezim-

mer ist kein Ort des Vergnügens. Weiße Pressspanplattenregale gefüllt mit Inkontinenzwindeln und XXL-Einwegslips, vergilbte mittelkörnige Raufasertapete und eine mit Urin befleckte Badewanneneinstiegshilfe zieren das Gemach der Hygiene. Dort wird sie von ihrem Tagespfleger ausgezogen, gebadet, gekämmt, aufs Klo gesetzt, gewickelt und wieder angezogen. Dennoch ist ihr ein schön geformter, roter Badvorleger sehr wichtig, um dem Pflegedienst zu zeigen, dass sie sich Gedanken über ihre Einrichtung macht. Durch ihre Freundin Angela, die im selben Haus einen Trödelladen führt, kommt sie einfach und kostengünstig an neue Einrichtungsaccessoires für ihr Badezimmer. Zweimal die Woche sitzt Gisela vor Angelas Laden in einem Klappstuhl, beobachtet die Passanten und Kunden, trinkt Kaffe und frönt ihrem liebstem Laster, dem Krebsstäbchen. Diese zwei Nachmittage sind eine feste Konstante in ihrem Leben. Finden sie nicht statt, sorgt dies für Wirbel und Aufregung. Durch eine ausgehängte Tür im Wohnzimmer gelange ich in Giselas Schlafzimmer. Zentrales Element darin ist ein circa dreißig Jahre altes Doppelbett, aus glänzend lackiertem Kunstholz. Die linke Hälfte des Bettes ist die Schlafseite und bedeckt von einer gelblich schimmernden zwanzig Kilo schweren Tagesdecke. Den kompletten Rest davon bezeichne ich als expandierten Kleiderschrank. Unvorstellbare Massen an Kleidern, Pullovern, Langarmshirts, Röcken und sonstigen nicht definierbaren Stofffetzen häufen sich darin zu einem Turm auf, der jenem aus Babel gleichkommen könnte. Auf dem Nachttisch und auf der rechten langen Zimmerseite treffe ich wieder einen großen Teil der Stofftierfamilie an. Auch hier geht alles seinen gewohnten familiären Lauf. Die Tierchen wünschen ihr sowohl eine gute Nacht, als auch einen wunderschönen Morgen. Der Blick in den sich über die gesamte rechte Zimmerseite ziehenden Kleiderschrank verrät mir den Grund für das zum Bekleidungskaufhaus umfunktionierte Doppelbetts. Wallende Wellen aus weichen und weniger weichen Stofffabrikaten sprengen die Fesseln dieses Überwinterungs-Spinds. Ein schicker schwarzer Pelzmantel wird mir vorgeführt, »der eine besondere Pullover« ist leider nicht mehr auffindbar und eine extravagante, rothaarige Perücke kommt bei dieser Textil-Exkursion zum Vorschein. Weggeschmissen wird davon nichts. »Watt sonst ’nen Haufen Jeld kost’n tut, sowatt schmeiß ich doch nich wech!«, entgegnet mir Gisela auf die Frage, ob sie für diesen ausufernden Kluft-Hügel jemals noch Verwendung finden würde. Zurück im Wohnzimmer, bei unserer nächsten Zigarette, versuche ich mehr über Giselas Ernährung zu erfahren. »Ick hab ma jetz ’nen paar Fertichjerichte mitbringen lassen. Eenmal Roulade, eenmal Klopse. Ick würd ma ja sonst och allene watt kochen«, entgegnet sie mir auf die Frage, wie es um den Inhalt ihres Kühlschrank stünde. Fünf Minuten später befinden wir uns in ihrer Sperrholz-beschrankten, Laminat-bebodeten und

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Sekundärgestalten & Zweitobjekte


Zigarettenrauch-gesäumten Einbauküche. Lidl-Tüten mit Müll, leere Plastikflaschen und ein Ganzjahres-Adventskranz zieren die klebrige Gummitischdecke ihres Küchentisches. Der Blick in den Kühlschrank zeigt mir eingeschweißte Hühnerbrust, Jägersalami und Butterkäse, die eben erwähnten Fertiggerichte und eine große Packung Froop-Pudding. »Wenn ick mitunter mal keen Abendbrot esse, ess’ ick jerne ooch mal ’n Pudding. Wegen Figur. Ick will ja nich’ ausseh’n wie ’nen Zehn-Taler-Pferd. Dit will ick ooch nich’.« Giselas Figur ist mehr als unsportlich und daran wird sich auch nichts mehr ändern. Das weiß sie auch und das ist für ihr Alter eigentlich ziemlich normal. Dennoch gibt es ihr ein gutes Gefühl, ab und zu am Abend ein etwas bekömmlicheres Mahl zu sich zu nehmen, um ihrem Körper zu verdeutlichen, dass in ihm noch eine Menge Lebensenergie steckt. Für Gisela bedeuten Gegenstände Zuneigung. Objekte ersetzen ihre fehlenden sozialen Kontakte. Laster stopfen die Löcher ihrer Einsamkeit.

Die Ironie des Selbstzweifels Lebensenergie. Lebensfreude. Humor. Selbstironie. So trist und grau sich der Alltag von Gisela auch anhören mag, in ihrem Inneren ist sie noch immer eine junge, humorvolle und zuckersüße Frau. Sie wird in ihrer Tagesstätte geliebt und als Stimmungskanone auf jeder kleinen Feier zum Star des Nachmittags gekürt. Sie reißt Witze, die unter die Gürtellinie gehen. »Gib dei’m Herz ein Stößchen, dann kriegst du auch mein Möschen!«, entgegnet sie auf die Ansage, dass ich ihr heute mal keine Zigaretten hole. Beim Kaffeeklatsch an ihrem Geburtstag singt sie wie aus der Pistole geschossen Stimmungslieder wie diese: »Wenn die Brust meiner Braut voller Wein wär’, ja dann möchte ich so gern ein Säugling sein. Ei, wie könnte ich dann lutschen, brauchte nie auf Knie’n zu rutschen, denn die Brust von meiner Braut wird niemals leer!« Gisela hat keine Angst vorm Tod. »Wenn die Zeit dranne is, braucht man keene Angst mehr zu haben.« Solange sich in ihrem Leben nichts verändert, wird Gisi bis zu ihrem Tod die gleiche Frau bleiben die sie war, seit ich sie kenne. Eine Oma ohne Enkelkinder, eine Mutter ohne Kinder, eine Ehefrau ohne Ehemann, eine Tochter ohne Eltern. Ein Kleinkind ohne Sorgen.

Die letzten Worte »Zwei Weiber gingen in ein Lokal, die eine wollte Kartoffelsalat, die and’re konnte nichts essen, sie hat ihr Gebiss vergessen. Freut euch des Lebens, Großmutter wird mit der Sense rasiert. Alles vergebens. Ja, dann ist alles ok.« Text und Bilder von Fabian Frischmann

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A madeu s F r o nk

Francis

Wir haben Francis gerade mit ihrem Freund und der Freundin, mit welcher sie auch zusammen wohnt, an der Straße aufgesammelt. Die drei waren damit beschäftigt, einen Schneemann zu bauen. Francis hat mit verstopfter Nase feierlich verkündet, dass sie jetzt wieder gesund sei, gerade auf dem Weihnachtsmarkt gewesen wäre und schon einigen Glühwein mit Schuss getrunken hätte. In ihrer Wohnung angekommen hat sie sich zuerst etwas Bequemeres angezogen. Sie trägt eine Plüschhose mit blauem Grund, weißen Punkten und Füchsen darauf, dazu ein lockeres blaues Oberteil. Die strubbeligen Haare sind zu einem Dutt hochgesteckt. Sie fragt, was wir trinken wollen. Ich sitze vor dem Laptop und halte eine Marzipantrinkschokolade in der Hand. Währenddessen zündet Francis ein paar Kerzen an und dimmt das Licht. Ein Weihnachtsstern steht auf dem Tisch, wir haben den zweiten Advent. Ich fange mit dem Interview an und frage sie, warum sie diesen Ort für unser heutiges Treffen gewählt hat. Sie scheint von der Frage etwas irritiert und antwortet mit selbstverständlicher Mine. Ihr Zuhause ist der Ort, wo sie sich meist am wohlsten fühlt. Es ist die erste eigene Wohnung, die sie vor etwa drei Jahren zusammen mit einer guten Freundin bezogen hat. Mit dieser Freundin lebt sie immer noch zusammen. Die beiden haben bei der Einrichtung der Wohnung nichts dem Zufall überlassen. Von der Wandfarbe über die Einbauküche bis hin zum Bestecksortiment, überall wurden eigene, bewusste Entscheidungen getroffen. Dass sie sich hier wohl fühlt, merkt man sehr deutlich. Sie weiß jedes kleinste Detail zu schätzen. Ich frage sie, welche Objekte ihr am meisten am Herzen liegen. Sie hat Schwierigkeiten zu antworten, möglicherweise weil es ihr widerstrebt, ihr Wohlbefinden von irgendwelchen Dingen abhängig zu machen, oder weil sie keine Vorstellung hat, was der Begriff »Objekt« alles umfassen kann. Ich helfe ihr mit konkreteren Fragen auf die Sprünge. Ein wichtiges Objekt des alltäglichen Gebrauchs ist ihr Fahrrad. Das Fahrrad hat sie bei eBay für zwanzig Euro gekauft. Ihr ist nicht das Objekt als materielles Ding wichtig, sondern die damit einhergehende Funktionalität. Auch wenn es an sich nichts Besonderes für sie ist und auch kaum einen materiellen Wert hat, bedeutet es Mobilität

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und Unabhängigkeit. Unabhängig sein und vor allem mit diesem Umstand umgehen zu können, ist ein Indikator dafür, dass man ein sehr freiheitsliebender Mensch ist. Doch bedeutet das nicht zwangsläufig, dass alle Abhängigkeiten, einen immer belasten müssen und daran hindern frei zu sein? Francis befindet sich in einigen Abhängigkeiten die sie vielleicht gar nicht als solche bezeichnen würde, die sie aber genau zu dem freiheitsliebenden Menschen machen, der sie ist. Am Kühlschrank in der Wohnzimmerküche hängen viele Postkarten aus diversen Ländern. Irgendwann haben Francis und ihre Mitbewohnerin angefangen, all die Postkarten ihrer Freunde an den Kühlschrank zu pinnen. Schon früher, als Francis noch jünger war, hat sie alle Postkarten in einem Schuhkarton gesammelt, um sich später einmal daran erinnern zu können. Als der Kühlschrank keinen Platz mehr für weiteres Anbringen der Karten bot, fühlte sich die Mitbewohnerin dazu berufen all diese dekorativen Karten wegzuschmeißen, um Raum für neue zu schaffen. Francis weinte vor Wut. Meiner Meinung nach sind diese Postkarten für Francis als Urkunden einzelner Freundschaften und Beziehungen zu verstehen. Wirft man eine weg, dann ist das annähernd so, als würde man einen wichtigen Beweisgegenstand wegwerfen. Freundschaften und zwischenmenschliche Beziehungen bedeuten ihr sehr viel. Denn die Verbindung zu den lieb gewonnen Menschen und das Geflecht des sozialen Netzwerks, in dem sie sich befindet, geben ihr Halt und Sicherheit. Neben anderen Faktoren verschafft ihr das Bewusstsein, sich auf die Menschen, die ihr am nächsten sind, verlassen zu können, ein Gefühl der Freiheit. Die Postkarten sind demzufolge als Symbol zu verstehen: Symbol dafür, sich fallen lassen zu können, ohne Angst haben zu müssen, nicht aufgefangen zu werden. Weil sich Francis gern in der Gegenwart ihrer Liebsten aufhält, kommt es oft zu Zusammenkünften jeglicher Art. Sie trifft sich mit Freunden, um ins Kino, in Cafés oder in Clubs zu gehen. Am meisten mag sie allerdings die gemeinsamen Abende in ihrer Wohnung oder bei befreundeten Wohngemeinschaften. Sie liebt es zu kochen, und noch mehr liebt sie es, zu essen, und natürlich liebt sie es am allermeisten, beides in freundlicher Gesellschaft zu zelebrieren. Dazu darf natürlich ein guter trockener Weißwein nicht fehlen. Eines der auffälligsten Küchengeräte ist ihr Weinöffner. Francis merkt an, dass sie ihn sich nie selber gekauft hätte. Auch wenn er sehr schön sei und gut funktioniere, wäre er ihr zu teuer gewesen. Ein günstigerer erfülle den gleichen Zweck. Der Weinöffner ist ein Einweihungsgeschenk ihres Onkels und hat schon an vielen Abenden dafür gesorgt, dass keiner auf dem Trockenen sitzen musste. Mittlerweile ist er eine Art Zeitzeuge, der von vielen unzähligen Zusammenkünften seit dem Einzug berichtet und kommt immer zum Einsatz, wenn eine Flasche Wein im Haus ist. Ich vermute, dass für Francis der Weinöffner für Kommunikation steht und ebenso als Leitbild für Eleganz. Erst vor kurzem, auf einer Party, hat Francis mir gesagt, dass sie es vorzieht, Wein aus einem Weinglas zu trinken anstatt aus einem übrig gebliebenen Becher. Das

Auge trinkt schließlich mit. Ich bin der Überzeugung, dass auch die Prozedur des Weinöffnens zu Hause Francis nicht mit jedem Werkzeug eine solche Freude bereiten würde. Denn ihr ist an dieser Stelle eben nicht nur der Nutzen von Bedeutung, sondern auch der Stil und die Form. Auch wenn die Wichtigkeit eines solchen Objekts auf Dauer untergeht, weiß man meistens den wahren Wert des Gegenstands zu schätzen, wenn man ihn verliert. Es würde definitiv etwas fehlen, wenn an einem Abend, an dem mal wieder alle beisammen sind, die Weinflaschen in der Ecke stehen bleiben müssten, weil der Weinöffner kaputt gegangen ist. Ich habe Francis vor einiger Zeit, als wir zusammen unterwegs waren, auf ihre Jacke angesprochen. Es war eine grüne Wachsjacke mit Cordkragen – die Ärmeln umgekrempelt, entweder weil sie zu lang waren, oder weil sie es schicker fand, oder beides. Sie erzählte mir, dass sie ein Erbstück ihrer Mutter sei und dass sie ihr sehr viel bedeute. Ich spreche Francis während unseres Interviews direkt auf diese Jacke an und frage sie, warum sie ihr so viel bedeutet. Sie antwortet etwas spöttisch, die Jacke müsse ihr etwas bedeuten, immerhin sei sie von ihrer verstorbenen Mutter, deshalb findet sie die Frage anscheinend auch nicht wirklich nachvollziehbar. Dennoch frage ich weiter. Es stellt sich heraus, dass die Jacke noch weit mehr ist als ein antiquiertes Erinnerungsstück. Trotz der Tatsache, dass sie schon eine lange Zeit getragen wurde und fast so alt wie Ihre Besitzerin ist, erfüllt sie noch immer ihren Zweck. Sie funktioniert einwandfrei. Sie muss in erster Linie wetterfest sein. Darüber hinaus fühlt sich Francis in ihr sehr gut gekleidet. Aber was heißt das: gut gekleidet zu sein? Da spielen vor allem zwei Faktoren eine Rolle: das persönliche ästhetischen Empfinden gegenüber Kleidung, welches man als »Stil« bezeichnen kann, und zum anderen die Schnittmenge an Meinungen der Gesellschaft gegenüber Kleidung, der Trend. Stil und Trend stehen in direkter und indirekter Abhängigkeit zueinander. Francis ist in einem kleinen Ort bei Potsdam aufgewachsen. Umgeben von Wäldern, Wiesen und Seen hat sie früher als kleines Kind Baumhäuser gebaut, ist mit ihrem Vater Angeln gegangen, und es gehört seit langem zur Familientradition, mindestens einmal im Jahr mit befreundeten Familien jagen zu gehen. Wachsjacken wurden früher vor allem vom britischen Adel zur Jagt angezogen, weil sie dafür bekannt waren, besonders wetterfest und robust zu sein. Früher wie heute hält sich Francis sehr gerne im Freien auf. Meiner Meinung nach steht ihre Jacke in direktem Zusammenhang mit ihrer Naturverbundenheit. Im Laufe der Zeit bekamen diese Art von Jacken allerdings auch einen Prestigewert. Ich behaupte nicht, dass Francis ihre Wachsjacke trägt, um dem

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Ideal zu entsprechen, welches dieses Kleidungsstück definiert. Jedoch bin ich der Überzeugung, dass die Akzeptanz der Masse aufgrund dieses Ideals dazu beiträgt, dass diese Jacke von Francis mit erhöhtem Selbstbewusstsein getragen wird. Die Naturverbundenheit definiert zumindest anteilig ihren Stil, der Trend beschreibt die Jacke als Prestigeobjekt. Dass Francis als Naturromantikerin auch eine Leidenschaft für Objekte hat, die durch Handarbeit entstanden sind, liegt keinesfalls fern. Als ihr kleiner Bruder einst ihren Flurspiegel kaputt gemacht hatte, baute ihr Francis’ Freund einen neuen. Sie liebt diesen neuen Spiegel. Er ist nicht perfekt, was die handwerkliche Leistung betrifft. Der Lack blättert an manchen Stellen etwas ab und die Gehrungen passen auch nicht alle exakt aufeinander. Aber gerade diese kleinen Schönheitsfehler machen den Spiegel für Francis so einzigartig und besonders. Ein Produkt aus dem IKEA-Katalog hat für sie keine Seele, was nicht im Umkehrschluss heißt, dass sie sich nicht auch darüber freuen kann, wenn es einigen ihrer Schönheitsideale entspricht. Allerdings sind ihr die Dinge, die eine eigene individuelle Geschichte erzählen, in jedem Fall lieber. Ein Freund kann seiner Freundin wohl kaum ein Geschenk mit mehr Symbolik machen. Er schenkt ihr einen selbstgebauten Spiegel, um ihr tagtäglich auf seine Art zu zeigen wie schön sie ist. Kein noch so teureres Schmuckstück kann diese präzise Aussage treffen. Ich glaube, Francis ahnt das, auch wenn sie sich dessen möglicherweise nicht bewusst ist. Der materielle Wert steht auch hier wieder im Hintergrund. Es ist egal, aus welchem Holz der Rahmen ist oder welche Qualität der Lack aufweist. Der Mensch, der ihr sowohl sinnbildlich, als auch tatsächlich den Spiegel vorhält, spielt eine wesentlich größere Rolle als das Objekt an sich. Wenn sie in den Spiegel schaut, dann sieht sie nicht das Spiegelglas, das Holz, den Lack oder das Format. Sie sieht sich und ihren Freund. Mehr Poesie oder Magie kann man einem Gegenstand wirklich kaum zusprechen. Dabei muss bemerkt werden, dass der Spiegel – wenn auch noch so limitiert produziert – nicht annähernd denselben Effekt hätte, wenn er nur von Francis’ Freund gekauft worden wäre. Er muss von ihm gebaut worden sein, um speziell für sie ein Spiegelbild zu erzeugen. Text und Bilder von Amadeus Fronk

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A line H enky s­

Friedrichshain ist Berlins aufstrebender Bezirk in Sachen Partyleben und Jugendkultur. Hier findet sich Berlins berühmtester Club in direkter Nachbarschaft zur touristisch frequentierten Simon-Dach-Straße, sowie allerlei Orten für Erwachsene, die neue Erfahrungen, andere Konventionen, unbekannte Reize suchen. Dabei steht der Bezirk schon auf der Schwelle zur Spießigkeit – alles was in einem Moment authentisch ist, findet sich bald in jedem Reiseführer und die große Masse der jungen Leute ist in einem einheitlichen Stil aus Bekleidung, Interessen und Gesprächsthemen zu einer homogenen Masse verschmolzen. Dort, mitten im Kiez liegt Paulinas Wohnung. Als sie uns die Tür öffnet ist sie frisch geduscht, aber noch etwas bleich von der durchfeierten Nacht. Die Zweizimmerwohnung ist ordentlich aufgeräumt und strahlt eine saubere Gemütlichkeit aus. An der Küche gehen wir vorbei, dort gibt es keinen Tisch, an dem wir sitzen könnten. Wir lassen uns in ihrem Zimmer nieder. Der zweite Raum ist an eine polnische Künstlerin vermietet, die beiden teilen sich die Wohnung als WG. Die Einrichtung ist eine Mischung aus Altem und Neuen: ein glänzend-weißer IKEA Pax-Schrank, ein 60er Jahre Schreibtisch, eine antike Sitzmöbelgruppe, ein modernes Designerbett und andere ausgewählte Objekte, die den Raum gut gefüllt, aber nicht überladen wirken lassen.

Ein Besuch in Friedrichshain

Warme Dinge An den Wänden hängen verschiedene Bilder, ordentlich eingerahmt und in kleinen Gruppen arrangiert, zwei davon über dem Schreibtisch. Eines ist eine Reihe von vier Fotos mit drei lachenden Mädchen in schwarz-weiß, entstanden im Fotoautomaten auf dem Fusion-Festival. Es sei ihr am Anfang schwer gefallen, überhaupt Bilder aufzuhängen, erzählt Paulina. Sie hatte regelrecht Angst vor dem ersten Nagel, der die perfekte weiße Wandfläche zerstören würde. Aber der Raum hatte ohne Bilder zu kalt gewirkt und ist erst nach und nach durch solche kleinen, vorsichtigen Veränderungen wärmer geworden. Die beiden anderen Mädchen auf dem Bild sind Französinnen, die Paulina beim Feiern kennen gelernt hat. Aus Feierfreundschaft wurde richtige Freundschaft und sie beschreibt die beiden Mädchen als »schöne Persönlichkeiten«. Das ist eine typische Wortwahl für Paulina, die ich so kaum von anderen Menschen kenne, und zeigt ihr weitreichendes ästhetisches Konzept, das sogar Menschen mit einschließt. Das zweite Bild ist eine Kopie des Führerscheins ihres Vaters aus den 70er Jahren. Er hatte es ihr aus Freude über ihre Ankündigung, den Führerschein machen zu wollen, per Post

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geschickt. Paulina war von dem Brief überrascht, solche emotionalen Gesten kannte sie kaum von ihrem Vater. Auch brachte es die Erkenntnis, welchem Elternteil sie nun eigentlich ähnlich sieht: ihre eigenen Gesichtszüge spiegeln sich deutlich in denen ihres jungen Vaters. Trotzdem, sagt sie beim Betrachten, verbinde sie das Bild nicht mit ihm. Es sei beim Aufhängen ein Objekt an der Wand geworden und in gewissem Maße entpersonifiziert. Im Vordergrund steht, wie auch bei dem Bild mit den Mädchen der ästhetische Wert, verbunden mit einem grundsätzlich positiven Gefühl zu den abgebildeten Personen und Situationen, in denen sie entstanden beziehungsweise zu ihr gekommen sind. Die in den letzten Jahren vollzogene Annäherung an ihren Vater manifestiert sich noch in einem weiteren Gegenstand: Paulinas Rennrad, das über die Winterzeit an einer Aufhängung im Wohnungsflur untergebracht ist. Es wurde in liebevoller Kleinstarbeit von ihrem Vater ausgesucht und zusammengebaut, vom Rahmen bis zur handlackierten Klingel – das Werk eines »Rennradfanatikers«. Sie hatte zunächst fast ein Jahr selbst erfolglos gesucht, dann bekam sie dieses Rad zu Weihnachten, das »beste Geschenk aller Zeiten«. Dabei freut sich Paulina im gleichen Maß, über die geschmackliche Treffsicherheit ihres Vaters, wie über die Tatsache, dass er sie von dem Stress des Suchens befreit hatte. Für gewöhnlich suchte sich Paulina ihre Geschenke vor Weihnachten und Geburtstagen immer selbst aus – nun konnte sie erleben, dass ihr auch ein Geschenk außerhalb ihres Kontrollbereiches große Freude bereiten konnte.

Nicht durch Zufall ist ihr Handy ein iPhone. So wie alle Dinge, hat sich Paulina dieses nach ihrer genauen Vorstellung und reiflicher Überlegung ausgesucht. Das Gerät sei einfach »klug durchdacht«. Lösungen, wie das magnetische Ladekabel des Macbooks findet sie faszinierend, sie hat ein Auge für solche Details und schätzt sie sehr. So wie ihren Möbeln, Bildern und Kleidungsstücken der Wert »Ästhetik« zugeordnet ist, bedenkt sie gute technische Objekte mit dem Merkmal »klug«. Schöne und kluge Dinge zusammen ergeben für Paulina ein Ideal. Dieses verkörpert für sie, wie für viele andere Menschen auch, die Firma Apple. Gleichzeitig ist das iPhone natürlich ein Statussymbol, genauso wie das Macbook, das Rennrad, das Retro-Sofa, sogar der Undercut (vorausgesetzt man bewegt sich in bestimmten Berliner Kreisen). Die Gruppe junger Menschen, die sich mit diesen Objekten schmückt, lässt sich eindeutig als zusammengehörig identifizieren, reagiert aber höchst allergisch, wenn man sie auf dieses Phänomen anspricht, da ihr höchstes Ideal Individualismus ist. Paulina selbst sieht sich ebenso nicht als »Hipster«, sie ist überzeugt, dass sie ihre Kaufentscheidungen unabhängig von dem Wunsch, einer bestimmten sozialen Gruppe anzugehören, fällt. Wenn man Paulinas Liebe zu schönen und klugen Dingen betrachtet und ihre dezidierten Entscheidungen, ist man bereit, ihr zu glauben. Trotzdem weiß sie, dass ihr Geschmack durch ihre unmittelbar persönliche sowie erweiterte Umgebung und die permanente Konfrontation mit bestimmten (Mode-)Objekten geprägt ist.

Kleidung

Es entsteht eine kurze Gesprächspause, als Paulinas Handy klingelt. Erstaunlich, wie lange sie es jetzt schon nicht in die Hand genommen hat, normalerweise ist sie fast permanent damit beschäftigt, irgendwelche Neuigkeiten zu checken. Paulina beschreibt sich selbst als »Optimierer«. Das Handy hilft ihr dabei, die besten Wege oder Bahnverbindungen zu finden, oder Wartezeit optimal zu nutzen. Trotzdem hegt sie ambivalente Gefühle gegenüber ihrem Smartphone, so wie fast alle Benutzer dieser Geräte sie kennen. Zum einen ist vieles unendlich praktisch, zum anderen entwickelt sich eine regelrechte »Sucht nach Unterhaltung«, ein wiederholtes sinnloses Checken von Internetplattformen oder Nachrichten, ohne dass neuer Inhalt generiert wurde, ein stumpfes, routiniertes auf-das-Handy-Starren ohne Erkenntnisgewinn und als reine Zeitverschwendung. Paulina bewundert Menschen, die ohne Smartphone leben und auch nicht in sozialen Netzwerken aktiv sind. Sie schätzt diese als besonders freiheitsliebend ein. Sie selbst bevorzugt das Komfortable vor der virtuellen und technologischen Unabhängigkeit.

Abgesehen von Apple hat Paulina jedoch kein besonderes Interesse an Marken im Allgemeinen. Nachdem Markenkleidung in ihrer Schulzeit von starker Bedeutung war, empfand sie es als Befreiungsschlag, nun als Studentin nicht mehr unter diesem Druck zu stehen. Im Gegenteil, Studierende grenzen sich ja häufig durch das bewusste Vermeiden von sichtbar getragenen Marken von anderen sozialen Gruppen ab. Finanzielle Unterschiede kommen nicht mehr über das Tragen bzw. Nicht-Tragen bestimmter Kleidungsstücke zum Ausdruck. Paulina spricht beim Thema Kleidung von einer Leidenschaft. Mit dreizehn habe sie angefangen, sich wirklich für Mode zu interessieren und seitdem habe sie das Thema nicht mehr losgelassen. So befindet sich in ihrem Zimmer nicht nur ein großer Doppeltür-Pax-Schrank, sondern auch eine Stange, auf der selektierte Stücke in Schwarz und Weiß gehängt und wie ein eigenes kleines Kunstwerk arrangiert sind. Das Ganze wird durch eine weitere Kleiderstange im Flur, sowie durch ein überdimensioniertes Schuhregal ergänzt. Ihren »Jagdtrieb« hat sie in der Anfangszeit in Berlin befriedigt, seitdem kauft sie nicht mehr so viel ein und hat sogar begonnen, systematisch Stücke über das Internet zu loszuwerden. Ihre Freude zieht sie daraus, Dinge zu kombinieren – Blusen, Röcken, Jacken und Schuhen durch einen veränderten Kontext andere, oft ungeahnte Wirkungen zu geben. Paulina spielt kein

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Klug und Schön


Instrument, sie ist weder im Leistungssport aktiv noch betreibt sie Handarbeit. Der Grund ist, wie sie sagt, dass sie zu ungeduldig für alle Dinge ist, die einer langen Vorlaufzeit und Übungsphase bedürfen. Kochen tut sie überhaupt erst, seitdem sie in einer Wohnung mit Gas, statt Elektroherd wohnt. Bei der Mode hingegen war der jahrelange Lernprozess vermutlich so unauffällig, dass sie ihn selbst nicht bemerkt hat. Ihre Kreativität und ihr ästhetisches Gespür griffen in einen notwendigen, alltäglichen Prozess ein: sich zu bekleiden. Es gibt eine weitere Komponente, die im Zusammenhang mit Paulinas Kleidung eine Rolle spielt. Sie erfüllt nicht nur den Zweck ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen, sondern ist gleichzeitig ein Indikator für ihre eigene Stimmung, oder ein Mittel, um sich auf bestimmte Situationen einzustimmen. Als ich sie um konkrete Beispiele bitte, zeigt sie mir zwei verschiedene Mäntel: der eine für »sortierte«, der andere für »unsortierte« Tage. Hinter dieser Unterscheidung steckt eine ganze Wolke von Begriffen, die auf Paulinas Wertesystem hindeuten: Ordnung, Sauberkeit, Organisiert sein vs. Dreck, Chaos, Desorganisation. In Paulinas Leben unterscheiden sich Tage, an denen sie sich geistig und physisch sortiert fühlt, sehr stark von solchen, an denen das nicht der Fall ist. Für erstere steht ein schwarzer Mantel aus einer Mischung aus Stoff und Leder. Er strahlt mit seinem klaren Schnitt, dem ordentlichen Kragen und den grafischen Linien eindeutig Seriosität aus. Dagegen steht ein übergroßer Teddy-Mantel für die »unsortierten« Tage. Unter dem weichen, braunen Fell lässt es sich fast wie in einer Höhle verschwinden. Er spendet Schutz, wenn man sonst keine gute Schutzhaut gegen die Außenwelt hat. Durch Kleidung kommuniziert Paulina sowohl nach außen als auch nach innen. Für Andere soll ein bestimmtes Bild entstehen: das der sortierten Paulina, oder auch das der harmlosen, wenn sie ein blaues Kleid mit Spitzenkragen anzieht. Für sie selbst, nach innen hingegen bedeutet etwas Falsches anzuhaben, sich den gesamten Tag unwohl zu fühlen. Nicht aus Angst vor einer schlechten Bewertung durch andere Personen, sondern weil ihr ästhetisches Empfinden dadurch gestört wird. Das diese Kommunikation nach innen stimmt, hat oberste Priorität. Niemals würde Paulina Dinge anschaffen, die nicht zuallererst sie selbst glücklich machen. Darum würde sie auch nie jemanden fragen, ob sie etwas kaufen soll: Was sie will und was nicht, weiß Paulina ganz genau. Das gilt für die Dinge wie auch für sonstige Situationen im Leben.

dem der Individualisierung der Objekte. Alles im Raum strahlt diese neutrale bis leicht positive Stimmung aus, die Paulina für ihre Umgebung sucht und die ihr ermöglicht klar zu denken. Sachen, die mit Erinnerungen aufgeladen sind, hat sie lieber in Kisten verstaut, um nicht die ganze Zeit mit bestimmten Gedanken und Emotionen konfrontiert zu sein oder in bestimmte Gefühle gedrängt zu werden. Paulinas ausgeprägter Wunsch nach Klarheit und Ordnung verbindet sich dabei mit einem starken Kontrollbedürfnis: Einflüsse von außen sollen nicht einfach so auf ihr Inneres einwirken können. Das Bedürfnis nach Kontrolle und Ordnung zeigt sich auch da, wo es ihr entgleitet: Als die Türen für ihren Küchenschrank wochenlang nicht geliefert werden konnten, vermied sie es, aus Irritation über den offenen Schrank, die Küche überhaupt zu benutzen, anstatt eine Zwischenlösung zu finden oder sich mit den Umständen zu arrangieren. An manchen Stellen scheint dieses Kontrollbedürfnis aber weniger zu werden. In der Wohnung finden sich Dinge, die von einem Veränderungsprozess zeugen. Bevor wir unser Gespräch begannen, servierte uns Paulina zwei dampfende Tassen Tee. Sie stellte die beiden heißen Tassen auf den antiken Couchtisch, dessen Lasur, wie ich plötzlich bemerkte, schon durch Wasserflecken und kleine Kratzer an vielen Stellen blind geworden ist. Als ich sie darauf ansprach, zuckte sie nur mit den Schultern und sagte: »Am Anfang war das schlimm – aber jetzt finde ich es eigentlich ganz schön.« Text und Bilder von Aline Henkys

C h r i s t ian P e t r elli

Wenn ich mich im Zimmer umschaue, fallen mir diverse Brüche auf: Der moderne Fernseher auf einem gealterten Holztisch, die Stahl-Stehlampe, an der zarte Wölkchen aus Fließ hängen, alte und neue Möbel, Schwarz und Weiß. Paulina sieht darin einen Ausdruck von Rebellentum. Sie will sich keine Strukturen vorschreiben lassen, sondern Dinge verbessern und auf eigene Weise interpretieren können. Diese neuen Kreationen dienen außer-

Es ist ungewöhnlich mild für Mitte Dezember. Ein Blick die regenvernebelte Straße hinunter könnte auch den Eindruck eines scheußlichen Apriltages erwecken. Die Straßenseiten sind an dieser Stelle vorwiegend von Siebziger-Jahre-Wohnhäusern gesäumt. Kahle, schwarzgraue Baumwipfel ragen sperrig und zugleich auf unheimliche Art und Weise sehr filigran über die kopfsteingepflasterte Straße. Ich stehe vor der Tür eines frisch geweißelten Berliner Altbaus. Wie bei den meisten Gebäuden dieser Art wurde auch hier der Außenstuck in den Jahren der Entstuckung von der Fassade abgetragen und nur die frische, strahlende Farbe lässt das Haus in dieser Gegend nicht trostlos, sondern angenehm schlicht erscheinen. Ich klingle und ziehe mir gleichzeitig die Kopfhörer aus den Ohren, ziehe mein iPhone aus der Hosentasche und schalte die Musik aus. Der Lärm von der Straße ist in diesem Moment derart groß, dass ich kurz Sorge habe, das Summen des Türöffners zu überhören. Glücklicherweise ist das Schlosssystem der Haustür alt und klapprig, sodass mir das hysterisch knatternde Brummen schließlich unmissverständlich entgegen dröhnt. Das ­Treppenhaus ist

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Brüche

J•


dunkel. Vereinzelt liegt Laub auf dem Boden, herein geweht durch die nur noch zur Hälfte vorhandene Flügeltür zum Hinterhof. Fahrräder stehen links und rechts im Eingangsbereich und bilden eine Gasse zur Treppe hin. Es riecht nach altem Holz und ein wenig modrig. Durch das alte, bröckelige Treppenhaus gehe ich in den ersten Stock. Hier werde ich bereits in der offen stehenden Wohnungstür erwartet und freundlich begrüßt. Mein Interviewgast ist 22 Jahre alt, schlank, etwa 1, 80 Meter groß, hat dunkelblonde, leicht strubbelige Haare, die zur Hälfte von der Kapuze seines Sweatshirts bedeckt werden, welche so weit hinten auf dem Kopf liegt, dass man meint, sie müsse jeden Moment abrutschen, was sie aber auf wundersame Weise nicht tut. Dazu trägt er eine weite, bollernde Art Schlafanzughose aus dünnem Stoff, welcher fein mit dunklen Mustern bedruckt ist und etwas Orientalisches oder möglicherweise auch Afrikanisches an sich hat. Nach einer freundlichen Begrüßung werde ich hinein gebeten. Der Eingangsbereich der Wohnung ist hell und einladend. Die vier grellen Halogenstrahler unter der Flurdecke reißen mich abrupt aus der vorherigen Hitchcock-Szenerie. »Wir gehen am besten in mein Zimmer. Da haben wir auf jeden Fall Ruhe«, schlägt man mir vor. Johannes, so heißt mein Interviewgast, deutet mit einer lässigen Handbewegung über seine Schulter hinweg in die entgegengesetzte Richtung des Flures.

Impressionen Wir betreten Johannes Zimmer. Es ist recht klein, geschätzte 15 Quadratmeter, hohe Decke, Stuckrose in der Mitte, aus der ein schlichter, aber moderner Lampenschirm baumelt. Der erste Blick ins Zimmer fällt direkt auf eine alte, dunkle Metallstange, an der fünf Jacken aufgehängt sind. Die Stange selbst ragt in den Raum, gehalten von einer Metallkette, die an der einen Seite der Stange mit der Decke verbunden ist und einer Halterung, die die Stange an der Wand fixiert. Das ganze Konstrukt wirkt industriell, aber nicht ungemütlich. Meine Finger streifen im Vorbeigehen an der Stange entlang. Sie fühlt sich rau und gebraucht an und erzeugt in meinem Kopf sofort Bilder einer alten, verfallenen Fabrikhalle. Der Raum ist länglich und von der Eingangstür nach links weggehend angelegt. Direkt am Eingang steht ein hellbrauner, schlichter Schreibtisch. Eindeutig ein IKEA-Möbelstück. Auf ihm liegen wahllos ein paar Gegenstände, die ich mir nicht genau ansehe. Neben dem Tisch nehme ich ein längliches, sehr niedriges Bücherregal wahr, welches so voll mit Büchern und anderem Kram gestopft zu sein scheint, dass es beinah chaotisch wirkt. Bei näherem Hinsehen ist jedoch alles geordnet und alles scheint seinen Platz zu haben. Gegenüber des Regals und gleichzeitig vor dem großen Doppelfenster, welches sich am anderen Ende des Zimmers befindet, liegt eine dicke 1,40er Matratze auf einem losen Lattenrost. Auf ihr liegt ein Laptop, welcher am Ladekabel angeschlossen ist, sowie zwei Paar gemusterter Bettwäsche. An der Wand gegenüber des Schreibtisches fallen ein großer Spiegel und eine Magnettafel auf, an der ein Stadtplan von Berlin mon-

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tiert ist, sowie eine auffällige Holzfigur, die unter dem Spiegel auf dem Boden platziert wurde und auf den ersten Blick afrikanisch anmutet. Ich registriere einige auffällige Schachteln und Kisten im Raum verteilt, spreche sie aber noch nicht an und sehe sie mir auch noch nicht genauer an, denn ich will keinen Verdacht aufkommen lassen, um was es hier heute im Interview gehen soll. Wir setzen uns auf seine Matratze auf den Boden. Eine ungewöhnliche, aber durchaus angenehme Variante, ein Gespräch zu führen. Johannes ist jedoch noch nicht ganz bereit. Er scheint ein wenig nervös und unsicher zu sein. Kaum haben wir Platz genommen, springt er wieder auf und bietet mir in vorwurfsvollem Ton gegen sich selbst etwas zu trinken an, was er augenscheinlich viel früher hätte machen wollen und es ihm nun hochgradig peinlich erscheint, derart unaufmerksam gewesen zu sein – völlig zu Unrecht. Verlegen und ziellos wuschelt er sich hinter dem Kopf durch die Haare, als ich ihm sage, dass er sich keine Umstände machen solle und alles in bester Ordnung sei. Er empfiehlt mir einen geräucherten Schwarztee, den er aus Marokko mitgebracht hat. Klingt interessant, ich willige ein. Dann verschwindet er rasch gen Küche um uns einen Tee aufzubrühen. Die Gelegenheit nutze ich, um mich genauer im Zimmer umzusehen. Erst jetzt entdecke ich hinter mir, auf der Zimmerseite gegenüber des Fensters, eine große, doppelte Holzlamellentür. Die eine Hälfte steht ein wenig offen und ich erkenne, dass hier ein früherer Durchgang zum Nebenzimmer nun als Wandschrank genutzt wird, indem man Schrankböden in den Türrahmen montiert und die alte Tür dauerhaft versperrt hat. Eine gute und platzsparende Methode in dem kleinen Zimmer, wie ich finde. Ich dreh mich auf der Matratze sitzend herum und begutachte alles genauer. Mir fällt auf, dass das Bücherregal aus einem einzigen schmutzigen, unbearbeiteten Holzbrett besteht, welches auf dicke, quaderförmige Steine gelegt ist. Unter dem Brett auf dem Boden stehen offene Kisten mit Bettwäsche und diverse Ordner. Oben auf dem Brett stehen weitere Ordner und medizinische Fachbücher, sowie ein paar kleine Gegenstände, die ich mir genauer ansehe. Es handelt sich um kleine schmuckkastenartige Aufbewahrungsdöschen aus einem Material, das ich zunächst nicht einordnen kann. Während ich mir bei dem einen recht sicher bin, dass es aus Holz ist, gibt mir das andere Rätsel auf. Es ist kein Holz, aber auch kein Kunststoff, sondern definitiv ein Objekt aus Naturstoffen, möglicherweise aus Horn. Beide Dosen stammen offensichtlich aus einer fremden Kultur, welche, kann ich jedoch nicht ausmachen. Zu fremdartig sind Bauweise, Material und Verzierungen, als dass sie aus Europa stammen könnten. In den Dosen scheint sich etwas zu befinden, allerdings mache ich sie natürlich nicht auf.

Erinnerungen aus Holz Johannes kehrt mit einem Tablett zurück, das er liebevoll mit zwei Tassen Tee und verschiedenen Gebäckteilchen bestückt hat. Weihnachtsplätzchen, die er von seiner Mutter per Post geschickt bekommen hat. Sie duften herrlich nach Gewürzen

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und erzeugen zusammen mit dem heiß dampfenden Tee einen äußerst wohligen Geruch im Raum, denn der geräucherte Tee versprüht einen Duft von brennendem Holz. Ich bin so überrascht von der Intensität des Geruchs, dass ich kurz die Augen schließe, um mich völlig meinen Sinnen hinzugeben und tauche für den Bruchteil einer Sekunde in eine andere Welt ein, in der ich mich an einem verschneiten Tag in einer warmen Hütte vor einem brennenden Kamin befinde und das Feuer riechen kann. Ich reiße mich selbst mit einem reflexartigen »Das duftet ja toll!« aus meinem Kurztraum. Den Tee hat Johannes von einer Reise mitgebracht. Er mochte diesen Tee immer besonders gern, weil er so einzigartig riecht und dann jedoch sehr unerwartet schmeckt. Ich probiere und stelle fest, dass er Recht hat. Mit Honig gesüßt und Milch aufgegossen ist der Tee ein wahres Erlebnis. Er schmeckt nicht nach verbranntem Holz, wie man denken könnte, sondern aromatisch süß und sinnlich. Wir setzen uns, und mit unauffälligem Blick in Richtung der Döschen knüpfe ich an das Thema Reisen an und frage ihn, ob er oft verreist und wohin es ihn bisher so verschlagen hat. Ich habe direkt einen Treffer gelandet und Johannes Augen fangen an zu strahlen. Das Eis ist gebrochen, sein anfängliches Unbehagen scheint sofort verflogen zu sein und er hebt an zu erzählen. Er beginnt mit seiner ersten größeren Reise nach Simbabwe, welche im Jahr 2008 stattfand. Damals war er gerade 18 und erfüllte sich mit seinem ersten ersparten Geld einen seiner großen Träume und flog mit seinem besten Freund nach Afrika, wo er sechs Wochen zubrachte und mit dem Rucksack quer über den Kontinent reiste. Diese Reise war keineswegs geprägt von Partys und Besäufnissen, vielmehr stand das kulturelle Erlebnis im Vordergrund. Neues von der Welt erfahren, andere Kulturen erleben und fremde Bräuche sehen. Besonders Simbabwe und Malawi hatten es ihm angetan. Während er mir mit der Euphorie eines aufgeregten Kindes, das gerade eine Zirkusvorstellung gesehen hat, von Begegnungen mit wilden Tieren, interessanten Menschen und abenteuerlichen Situationen erzählt, weicht sein Blick immer wieder an mir vorbei auf die hinter mir stehende Holzfigur unter dem Spiegel. Er scheint darin wie in einer Wahrsagerkugel zu lesen und gräbt mit jedem Blick in seiner Erinnerung. Letztlich weist er mich auf die Figur hin und zeigt hinter mich. Ich tue überrascht und drehe mich um, um die Figur genauer zu betrachten. Sie scheint eine Person eines urafrikanischen Stammes zu repräsentieren, traditionell bekleidet mit einer Art Lendenschurz und einer markanten Kopfbedeckung. In seiner rechten Hand hält die Figur eine Pfeife fest, welche in ihrem Mund steckt. Ich bin erstaunt wie grob und gleichzeitig detailliert diese Holzschnitzerei ist. Wie ein weiser, alter Stammesvater blickt er drein – ein tapferer Mann, der in den vielen Jahrzehnten seines Lebens so viele Lebenserfahrungen gesammelt hat, dass er nun erfüllt, zufrieden und unerschütterlich in die Welt blickt, während die Einwärtsdrehung seiner Füße größten Respekt gegenüber der Natur und allen übergeordneten Mächten preisgibt. Die Körpersprache dieses Holzmannes ist faszinierend. Ich beginne mich in meiner

eigenen Fantasie zu verstricken und reiße mich los, um direkt zur nächsten Holzskulptur übergeleitet zu werden: Eine weitere Holzfigur auf der Fensterbank, welche aus Malawi stammt. Die Holzschnitzerei zeigt zwei Personen, eine Frau und ein Kind, sehr abstrakt und reduziert dargestellt, welche sich einander zuwenden und mit ausgestreckten Armen ineinander verschmolzen sind. Während die vorige Figur aus Simbabwe eher nur ein simples Mitbringsel war, strahlt dieses hölzerne Kunstwerk einen für Johannes bedeutsameren Hintergrund aus. Die Figur ist relativ klein und hat dennoch einen besonderen Platz in seinem Zimmer. Sie steht direkt am Fenster, da wo das meiste Licht herkommt und wo sie für jedermann direkt sichtbar und gut in Szene gesetzt ist. Was hat es damit auf sich? Er fand sie halt schön. Mehr bekam ich nicht aus ihm heraus. Leider. Hier bleibt nur Raum für Spekulationen. Nachdem ich die hervorragenden Plätzchen seiner Mutter gekostet habe, wurde mir klar, dass er eine enge Verbindung zu ihr haben muss. Ist die Figur also eine Art Talisman? Ein Beschützer, der für ihn da ist, so wie es die Mutter, welche sich in der Figur abzeichnet, für ihr Kind ist? Symbolisiert es schlichtweg Geborgenheit, die er mit dem einfallenden Licht im ganzen Zimmer verteilen will? Ist es ein Andenken an die Fürsorge seiner Mutter, an die er immer erinnert werden will, während er nicht bei seinen Eltern wohnt? Johannes deutet auf eine weitere Figur auf seinem kleinen Regal. Ein götzenartiger Elefant, offenbar indischer Herkunft. Sein verstorbener Onkel habe ihm diesen kurz vor seinem Tod vermacht. Ein Andenken also. Offenbar ist er ein Familienmensch. Obwohl der Elefant eher als Buchstütze zu fungieren scheint und man beinahe seine Wichtigkeit für Johannes in Frage stellen könnte, bemerkt man auf den zweiten Blick, dass auch dieser Elefant auf dem sehr niedrigen Regal eine besondere Position im Raum inne hat. Nur vom Bett aus hat man gute Sicht auf den kleinen Elefanten, dort, wo nur er und seine am nächsten stehenden Menschen ein Recht auf Zugang haben und somit den Elefanten von nahem sehen können. Ich fühle mich beinahe geehrt, auch hier sitzen zu dürfen.

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Nikotin-Zwischenspiel Johannes schlägt eine Raucherpause vor. Ich rauche nicht, aber er. Wir gehen auf den Balkon. Es ist immer interessant, Raucher auf ihren fünfminütigen Exkursionen zur Nervenstärkung zu begleiten. Gerade wenn man nicht raucht, ist die Atmosphäre jedes Mal interessant. Man wechselt für wenige Minuten den Ort, um seiner Sucht nachzugehen und begibt sich somit für einen kurzen Moment in ein Exil, in dem man frei ist von jeglichen Konventionen. Schließlich tut man etwas Unvernünftiges und ist damit unter sich. Man schafft für fünf Minuten eine Art


Geheimbund, niemand, der drinnen bleibt, wird mitbekommen, was geredet wird und man selbst löst sich ebenfalls kurz von der Situation drinnen, um einen tiefen Zug frische, nikotingetränkte Luft einzuatmen. Johannes nutzt diese Intimsphäre, die zwar nicht intimer ist als vorher, da wir auch dort unter uns waren und versucht mich auszufragen, was es eigentlich mit dem Gespräch auf sich habe und grinst dabei schelmisch. Ich sage ihm nicht die Wahrheit, lasse ihn aber auch nicht zappeln. Das würde ihn verunsichern. Ich wechsle schnell und charmant das Thema, sage ihm, dass wir dazu später kommen würden und spreche seine medizinischen Fachbücher an, die ich überall liegen sah. Er studiert Medizin erst seit wenigen Monaten. Er hat lange darauf gewartet, sein Traumstudium beginnen zu können und nun hat sich das Warten bezahlt gemacht. Er ist ein untypischer Medizinstudent in meinen Augen. Viele Medizinstudenten sind aufgrund ihres arbeitsintensiven Studiums, in dem es nur richtig und falsch gibt, konservativ, verbissen und unangenehm rational. Johannes ist das komplette Gegenteil. Offenkundig weltoffen, gelassen, positiv und emotional. Er liebt sein Studium und hat bereits ein beachtliches Fachwissen, das er jedoch so sympathisch vermittelt, dass er es schafft, auf seinem Gebiet nicht unantastbar, aber dennoch seriös wirkt. Wir fachsimpeln über ein paar medizinische Fragen, welche auch in mein Interessengebiet fallen und begeben uns zurück ins Zimmer.

Schlüsselsequenz Meine zurückgelassene Tasse Tee, welche ich kaum angerührt habe, ist bereits erkaltet. Ich schaue an der Tasse vorbei. Das kleine Regal hat es mir angetan. Es ist eindeutig eigenhändig konstruiert worden und ich bohre nach. Die Materialien seien »zusammengefunden«, wie er sagt, was ein Euphemismus für seine freigeistige, jedoch nicht ganz legale Art und Weise ist, sich auf unkonventionellem Wege fremder Baumaterialien zu bereichern. Das Holzbrett, welches regulär auf Baustellen verwendet wird, wird getragen von vier quaderförmigen Steinen, welche einst Teil einer Berliner Seitenstraße waren. Johannes hat bestimmte Vorstellungen von seiner Inneneinrichtung. Er mag es rustikal und naturverbunden, inspiriert durch seine Reisen durch Afrika und Asien, spickt dies jedoch mit industriellen Einflüssen und Materialien. So entsteht ein sehr individueller Stil, der hervorragend mit seiner äußeren Erscheinung harmoniert. Solide und gleichzeitig sensibel. Ein Mensch, der sich aufgrund seiner Erfahrungen, nicht zuletzt durch die vielen Reisen beeinflusst, von westlichen Trends lossagt und seinem persönlichen Ziel der Selbstverwirklichung nachgeht, was wiederum ein sehr westlicher Zug ist. Sein Zimmer ist noch Baustelle. Er wohnt noch nicht lange hier, und hatte zunächst alle Möbel vom Vormieter abgekauft, nur um sie kurz darauf eigenständig wieder zu verkaufen, um die sterilen IKEA-Möbel loszuwerden und sein eigenes Konzept umzusetzen. Einzig der Schreibtisch ist noch von der Tabula rasa ver-

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schont geblieben, da sich bislang noch nichts passendes finden lassen konnte. Gut Ding will eben Weile haben. Ich blicke noch einmal auf das Regal, welches mich als erstes vollendetes Projekt in seinem Zimmer immer wieder in seinen Bann zieht. Ich entdecke etwas, das mich euphorisch werden lässt. Ich sehe unter einer der kleinen Döschen auf dem Regal seinen Reisepass liegen. Wie gewollt auf dieser Stelle drapiert, liegt dieses wichtige Dokument wie die Eintrittskarte für sein persönliches Glück, umringt von den kostbarsten Schätzen seiner wichtigsten Reisen, mitten auf dem ersten vollendeten Bauprojekt seines eigenen Reiches, begleitet von den Büchern, die ihm den Weg zu seinem Traumberuf ebnen. Was für ein Anblick! Das Bett, welches als intimer Rückzugsort innerhalb seines eigenen Zimmers gilt, wird plötzlich zur Loge mit direktem Blick auf einen bedeutenden Auszug seiner Person. Ein jungerwachsener, aufgeschlossener Typ, der seine Erfüllung in interkultureller Weiterbildung findet und karrieretechnisch das anstrebt, was ihm liegt, was ihm Spaß macht und was er immer machen wollte. Die Imperfektion seiner Inneneinrichtung spricht dafür, dass es ihm egal ist, welchem Trend momentan alle folgen, ob jemand anderem sein Geschmack gefällt oder nicht, denn Johannes steht fest im Leben und hat eigene Vorstellungen. Er dekoriert sein Zimmer ausschließlich mit Objekten tiefsten persönlichen Bezugs, mögen sie kitschig sein oder nicht, er stellt nicht wahllos sämtlichen Ramsch in sein Zimmer sondern handelt mit Bedacht. Er macht den Eindruck eines bodenständigen Menschen, der weiß, was seine Qualitäten sind und wo er hin will, es aber nicht nötig findet, diese Selbstsicherheit nach außen zu tragen und sie allen offen zu demonstrieren. Er ist ruhig, sensibel, schüchtern und zurückhaltend, hat aber viel auf dem Kasten, was ihn charismatisch macht. Johannes raucht gern. Ich finde eine offene Dose mit Tabak neben seinem Bett. Ich denke an die Pfeife rauchende Holzfigur vor seinem Spiegel und ziehe Parallelen. Johannes ist erst 22 und so weise, wie man in diesem Alter eben zu sein vermag, jedoch sehe ich in der alten Figur bereits den alten Johannes, wie er respektvoll und respekteinflößend, genau wie die Figur, mit dem Rücken zum Spiegel steht und sich selbst betrachtet. Text und Bilder von Christian Petrelli

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Matthias und ich verabredeten uns am Hermannplatz in Neukölln, wo er wohnt und von wo aus wir gemeinsam zu der Bar gingen, die er sich für das Interview ausgesucht hatte. Dort angekommen standen wir jedoch vor verschlossener Tür. Matthias ist fünfundzwanzig Jahre alt, seit viereinhalb Jahren lebt er in Berlin. Aufgewachsen ist er in Öhningen, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Konstanz am Bodensee. In Öhningen verbrachte er die ersten neunzehn Jahre seines Lebens, wo er sich mit seinem älteren Bruder ein Zimmer in der Dreiraumwohnung der Familie teilte. Die erste große Veränderung im Familienleben trat mit der Geburt seines jüngeren Bruders ein. Zu diesem Zeitpunkt war Matthias dreizehn Jahre alt. Kurze Zeit nach der Geburt erlitt seine Mutter eine Wochenbettdepression, woraufhin sie mehrere Monate in einer Klinik verbrachte und Matthias die Pflege seines kleinen Bruders zu einem Großteil übernahm. Dies prägte ihr Verhältnis entscheidend und Matthias wurde schnell zur wichtigsten Bezugsperson für ihn. Eher unbewusst als bewusst war dies ein Schlüsselereignis in Bezug auf die Entwicklung seiner Werte und seiner Identität. Matthias übernahm eine für einen Dreizehnjährigen untypische Rolle. Er lernte früh, die eigenen Bedürfnisse anderen zuliebe hintenanzustellen, Verantwortung zu übernehmen, sowohl für sich selbst als auch für andere, und dass dies wichtiger ist als Materielles. Bezeichnend für sein Elternhaus war eine fürsorgliche, liebevolle, jedoch unharmonische Atmosphäre. Worauf er immer zählen konnte, waren die Güte und der Rückhalt seiner Eltern, insbesondere seiner Mutter. Begründet in den finanziellen Nöten der Eltern empfand er es als selbstverständlich, selbst für Dinge aufzukommen, die er haben wollte. Als er sechzehn war, bezog er ein Zimmer außerhalb der Wohnung seiner Eltern, wenn auch im selben Haus, und gewann somit sowohl räumlichen als auch mentalen Abstand, seinen eigenen Rückzugsort, ein Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit. Zu diesem Zeitpunkt war sein kleiner, dafür aber sehr enger, familiärer Freundeskreis von großer Bedeutung für ihn. Bisher war er ein zurückhaltendes, ruhiges Kind/Jugendlicher gewesen, nun fand er mehr Spaß an Geselligkeiten, am Ausgehen, an Bars, Partys, Musik und verbrachte viel Zeit bei seiner Freundin Luise und ihren Eltern. Dort genoss er das schöne Haus – große, offene Räume, reduziert eingerichtet mit einer Mischung aus antiken Familienerbstücken und modernen Möbeln – sowie die Herzlichkeit und Freundlichkeit und die intellektuelle Kultur der Familie. Da Matthias sich in der katholischen, süddeutschen Provinz nicht wohl fühlte, zog es ihn nach dem Abitur in die Fremde. So verbrachte er ein halbes Jahr in Ghana. Was ihn dort b ­ eeindruckte,

waren die große Lebensfreude, die Freundlichkeit und Zufriedenheit der meisten Leute, trotz der großen Armut und einfachen Lebensweise. Am stärksten fand er das in einem kleinen Fischerdorf an der Küste Ghanas vor. Ein Dorf, abgeschnitten von jeglicher Zivilisation, ohne Strom oder fließendes Wasser. Doch lebten ausgerechnet dort die aufrichtigsten, freundlichsten und dabei unaufdringlichsten Menschen. Für sein erstes Studium der Germanistik und Philosophie zog Matthias nach Berlin, wo ich ihn vor drei Jahren kennen lernte. Ich erlebte und erlebe ihn als ruhigen, ausgeglichen, ehrlichen Menschen, manchmal etwas schüchtern und zurückhaltend, was allerdings entweder davon abhängig ist, wem er gerade begegnet oder wie vertraut er jemandem ist. Zugleich weiß er aber oft, was er will und hat dann auch keine Scheu, jemandem offen und selbstsicher zu begegnen. Hat er jemanden erst einmal in sein Herz geschlossen und fühlt sich zudem auch sicher und wertgeschätzt, gibt er hundert Prozent; andere Beziehungen interessieren ihn hingegen weniger. Wichtig sind ihm echte Freundschaften. Zunächst wollte er sich mit mir für unser Interview im Nathanja und Heinrich in Neukölln, treffen. Besonders gefallen ihm hier die großen, hohen, hellen Räume, die warme, gemütliche, entspannte Atmosphäre und der nette Service. Das Interieur besteht dort wie in so vielen Berliner Cafés und Bars größtenteils aus Secondhand-Möbeln, Holz- und Nierentischen, Blumenvasen, Sofas. Doch dann entschied er sich für sein eigenes Zimmer. Hier fühlt er sich wohl und zuhause, was dem Umstand geschuldet ist, dass er hier sehr viel Zeit verbringt, nicht zuletzt aufgrund seines Fernstudiums (Psychologie). Sein Zimmer ist schlicht eingerichtet: in der Ecke ein Bett, eine Kleiderstange, ein Sideboard von Bauhaus, ein alter Holzschreibtisch, ein weißes Sideboard am Fenster mit ein paar Grünpflanzen darauf, Bücherregale und ein alter Sessel, auf dem Fußboden ein kleiner Teppich und an der Decke eine nackte Glühbirne. An den Wänden findet man keine Bilder – er sagt, er hätte sehr gerne Bilder an den Wänden, fände aber keine, die ihm so sehr gefielen, dass er sie an seiner Wand haben wolle. Ähnlich verhält es sich mit seiner Garderobe: alles schöne, aber schlichte, meist einfarbige T-Shirts, Sweatshirts, Hemden, Jeans – grau, schwarz, weiß und blau. So einfach sie auch sind, sind sie dennoch bewusst ausgewählt. Er möchte nichts Auffälliges tragen. Weniger ist mehr. Ein charakteristisches Beispiel für sein Verhältnis zu Objekten und vor allem Kleidung sind seine Schuhe. Ein paar Boots, die er sich, als das erste Paar bereits recht abgetragen war, noch einmal kaufte, obwohl es sie nur noch eine Nummer zu groß gab. Nach demselben Prinzip wie bei den fehlenden Bildern an den Wänden, fällt es ihm schwer, sich auf etwas festzulegen oder sich für etwas zu entscheiden bzw. zu seinem werden zu lassen. Es gibt allerdings auch andere Dinge, die ihm sehr gut gefallen,

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A nd r È s A g udel o

Werte eher als Objekte


jedoch liegen diese nicht in seiner Preisklasse, weshalb er sich meist für Basics entscheidet, mit denen er sich arrangieren kann. Matthias denkt, Trends seien ihm nicht besonders wichtig, sondern dass es ihm hauptsächlich darauf ankäme, Kleidung zu tragen, die ihm steht und in der er sich wohl fühlt. Ich halte das jedoch für einen Trugschluss. Trends gehören zu bestimmten Gruppen von Menschen, die damit soziale und ästhetische Werte umsetzen. Indem Matthias seinen Kriterien folgt, auch um sich in einer bestimmten Gruppe zu platzieren, lebt er ebenfalls einen Trend. In seinem Zimmer hätte er gerne mehr Platz: für ein Sofa, einen kleinen Tisch. Für ihn allein sei sein Zimmer, so wie es ist, angenehm, doch wenig einladend für Besuch oder um sich mit mehreren Personen länger darin aufzuhalten. Auch würde er gerne seinen Arbeits- von seinem Schlafbereich trennen. Einige Etagen weiter oben würde er sich wohler fühlen als im Erdgeschoss, denn Erdgeschoss bedeutet wenig Tageslicht und auf Augenhöhe mit den Passanten auf der Straße zu leben. Obwohl er sich in seinem Zimmer wohl fühlt, sieht die ideale Wohnsituation für ihn anders aus. Es ist für ihn auch sehr wichtig, das eines Tages zu ändern, besser früher als später. Da er aufgrund des Fernstudiums ohnehin die meiste Zeit zu Hause arbeitet, was oft isoliert, wäre es ihm wichtig, den Ort, an dem er privat ist, wo er wohnt und schläft, wo er einfach er selbst ist und sich ausruht, von der Arbeit abzugrenzen. Cafés empfindet er als kein geeignetes Arbeitsumfeld – zu hektisch, zu laut, schlecht für die Konzentration. Bibliotheken lassen zu wenig Freiraum und sind unflexibel. Am liebsten wäre es ihm ein mit Freunden geteiltes Büro. Auch dabei gilt es wieder, aus der gegebenen Situation das Bestmögliche zu machen. Das Fernstudium hat großen Einfluss auf sein soziales Leben. Hin und wieder gibt es Phasen, in denen er darunter leidet, zu isoliert und abgeschnitten von der Welt zu sein, dass alles Geschehen an ihm vorbeizieht, während er allein an seinem Schreibtisch sitzt und sich nur gering in die Gesellschaft integriert fühlt. Doch birgt diese Studienform durchaus auch Qualitäten in sich: Er wird oft unmittelbar mit seinen Defiziten konfrontiert und ist somit zum Beispiel gezwungen zu lernen sich komplett selbst zu organisieren, eigene Wege zu finden, unangenehme Umstände für ihn angenehmer zu gestalten, viel über sich selbst zu lernen. Er muss sich strukturieren und disziplinieren, darf den Biss nicht verlieren. Interessant zu beobachten ist, wie sich Matthias‘ Körpersprache im Verlauf des Interviews verändert. Zu Beginn fühlt er sich noch sichtlich unwohl mit dem Fokus auf seiner eigenen Person, ist nervös. Er weiß nicht recht, wohin mit seinen Händen. Nach einer Weile scheint er sich zu entspannen. Objekte sind Matthias nicht von großer Bedeutung, sagt er. Er kann Objekte durchaus schön finden und schätzen und sich gerne mit ihnen umgeben, doch gibt es nur wenige, auf die er nicht verzichten könnte. Ihm sind Objekte dann wichtig, wenn er sie mit bestimmten Personen oder Erinnerungen in Verbindung bringen kann oder wenn er in ihnen eine aufwändige oder bedachte, persönliche Arbeit erkennen kann. Er holt einige Bücher aus dem Regal, darunter Die Straße – Cormac McCarthy, Freiheit –

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Jonathan Franzen, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins – Milan Kundera, Mister Aufziehvogel – Haruki Murakami. Weshalb gerade diese Bücher? Weshalb ausschließlich Romane? Er bewundert und schätzt die künstlerische Arbeit darin, eigene reflektierte Gedanken in eine Geschichte zu packen und mit Leben zu füllen und somit zugänglicher, nachvollziehbarer zu machen. In diesen Büchern findet er oft eigene Werte oder sogar sich selbst wieder oder ist schlichtweg gerührt. Sie regen zum Nachdenken an, was sie entwicklungsfördernd macht. Das können andere Bücher auch, doch nicht auf so persönliche Art und Weise. Romane hinterlassen immer eine Stimmung. Sein Fahrrad sei ihm außerdem wichtig, es mache ihn unabhängiger und flexibler und sei auch gut für die Gesundheit und die Fitness. Davon abgesehen ist es gut für die Umwelt. Im Gegensatz dazu stehen Zigaretten. Warum er raucht? Alle Gründe, die ihm heute dazu einfallen, seien wohl nichts weiter als die Symptome der Sucht, sagt er. Angefangen habe er natürlich deshalb, weil er das Rauchen attraktiv und cool fand. Wie im Verlauf unseres Interviews deutlich wurde, sind Werte für Matthias wichtiger als Objekte, wenngleich ihm diese keineswegs gleichgültig sind. Somit stellte sich die abschließende Frage, welche Werte diese denn seien, welche ihm spontan einfielen. Toleranz, Akzeptanz, Selbstbestimmung, Respekt, Integrität, Authentizität, Ehrlichkeit, Großzügigkeit, Verantwortung, Mut, Dankbarkeit. Nicht als Werte zu bezeichnen, aber dennoch nicht minder wichtig, seien ihm Lebensfreude, Spaß, albern zu sein und wiederum eine angemessene Ernsthaftigkeit. Emotionalität, Sex, Leidenschaft, Sinnlichkeit, Nächte, Genuss, Humor, Persönlichkeit, Meinungsbildung, sich kümmern und nett sein genauso wie ein »gesunder Egoismus« und derb zu sein, sich behaupten, Kontrolle zu behalten aber auch Impulsivität zulassen können. In der Liste folgen Freiheit, Unabhängigkeit, Ambitionen, Bildung, Selbständigkeit, Aufmerksamkeit und waches Bewusstsein. Text und Bilder von Andrès Agudelo

J a s min F ayad

Berlin. Moabit. In einer Seitenstraße, ein Neubau. 1. Etage. Sobald sich die Wohnungstür öffnet, fällt der Blick auf Jacken. Auf viele Jacken, sehr viele. Kaum ein Meter hinter der Türöffnung. Darunter Schuhe – viele. Mehr sieht man erst einmal nicht. Tritt man ein und dreht sich ein wenig, um so – sagen wir – vielleicht achtzig Grad, dann befindet sich eine Zimmertür im Rücken, rechts die Jackenwand, links die Türöffnung und direkt vor der Nase die noch geöffnete und im Raum stehende Wohnungstür. Nach einigen stillen Sekunden bewegt sich die Tür langsam, wie von Geisterhand. So langsam, dass man den Hals verrenkt, um zu sehen, was oder wer sich hinter der Tür verbirgt. So etwas

Die stille Maja B.

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wie Kinospannung kommt auf. Sobald die Tür geschlossen ist, kann man dahinter Maja sehen. Lächelnd, den Blick leicht nach unten gesenkt. Selten sieht sie einem direkt in die Augen. Bin ein wenig irritiert. Obwohl Maja dem Termin zugestimmt hat, bekomme ich das Gefühl, ein Störfaktor in der Wohnung zu sein. Nun weicht sie einen Schritt von mir zurück und ohne es zu sagen, verspreche ich ihr, so schnell wie möglich wieder draußen zu sein. Die Haare trägt sie offen und etwas zerzaust, der Schlabberpullover hängt über der Jeans, die etwas zu groß ist. Zu enge Klamotten mag sie nicht und sie versucht, Problemzonen wie den Bauch zu vertuschen. Aber auf keinen Fall läuft Maja schluderig herum. Egal, ob es zum Bäcker geht oder nur von ihrem Zimmer ins Bad. (Dafür gibt’s einen flauschigen grauen Bademantel mit weißen Sternen. Eine Kapuze hat er natürlich auch, sonst würde der Wohlfühlfaktor nicht stimmen.) Schlicht soll es sein – mit einem farbigen Hingucker. Das Gesamtbild wird mit gekreuzten Füßen in bunten Socken abgerundet. Das Gesicht ist dezent geschminkt. Viel wird nicht aufgetragen – eine Make-Up Basis und betonte Augen. Mehr ist nicht nötig, findet sie. Ihre Handflächen liegen ineinander, eine leise Begrüßung mit schräg gelegtem Kopf wird gehaucht. Ich darf nun eintreten. Die Küche wird von einer tief hängenden Küchenlampe mit einem schwachen, aber sehr gelben Lichtkegel versorgt. Das meiste Licht fällt auf einen Holztisch. Dieser wiederum nimmt fast ein Drittel der Küche ein. Man sieht die helle Holzmaserung, er ist unbehandelt. Auf der Fläche stehen allerlei Dinge. Ein Toaster, ein Flyer, ein Stift. Viele kleine Zeichnungen (schnell, improvisiert und mit Kuli oder Fineliner aufgetragen) schmücken die Oberfläche. Wirr verteilt tanzend heischen die Motive um die Aufmerksamkeit des am Tisch Sitzenden. Es wird schwer, einem Gespräch zu folgen, will man doch gleichzeitig all die kleinen Figuren und Notizen in sich aufnehmen. Verewigungen von Gästen. Um den Tisch herum stehen zwei Stühle, die nicht zur selben Gattung zu gehören scheinen und in der Ecke ein großer, weicher und tiefer Sessel. Ein Ort, an dem sich Maja geborgen fühlt. Ein Rückzugsort. Genauso wie Moabit. Gefunden hat sie den Sessel auf der Straße. Und er hat hinten ein großes Loch… ja, so wie in der einen Big Bang Theorie-Folge. Aus der Befürchtung heraus, dass der Sessel mal als Kratzbaum gedient haben kann, liegt nun eine Decke darüber. Diese passt weder vom Muster noch von der Farbe zum Sessel, fügt sich aber genau deshalb perfekt in die Küche. Will man sich jedoch hineinsetzen, muss man schon fast klettern, so wenig Platz ist zwischen ihm und dem Tisch. Das Restlicht des Kegels kuschelt mit den übrigen Küchenmöbeln. Der Einbaufront, dem Ablagetisch und dem Regal, in dem sich alles sammelt, was sonst nirgends untergekommen ist. Die Pinnwand wird wie das Regal in mehreren Schichten

mit Stickern und Flyern und Notizen und Zeichnungen und Telefonnummern und Schnipseln und Stadtplänen beschwert. Es ist eine WG-Küche. Die Tür zum Zimmer der Mitbewohnerin ist verschlossen. Und weiß. Über dem großen weichen Sessel kleben an der Wand zwei kleine Wörter Wald Geist. Grün und blau auf der ansonsten weiten weißen Fläche. Eine Langeweileaktion, ein Bogen mit Wortstickern, wovon es sich nun zwei auf ewig an der Wand gemütlich gemacht haben. Am Fenster: Pflanzen. Sie ranken und wuchern, versuchen so viel wie möglich von dem wenigen Draußen-Licht abzubekommen. Zwischen den Blättern und Stängeln ein großer silberner Kasten. Riesig – schwer, das alte Radio vom Großvater. Ein Erbstück. Vom Sessel aus gut zu erreichen. Praktisch, schlicht, nicht aufdringlich aber doch so positioniert, dass ab und an ein gedankenverlorener Blick daran hängenbleiben kann. Das Handy, ein altes Siemens A 55, liegt blau und still irgendwo dazwischen. Zwischen allem. Es zeigt in zwei Farben den Anbieter und eine digitale Uhr. Es funktioniert – mehr brauche Maja nicht. Das Siemens-Logo und die Seriennummer sind zerkratzt und die Farbe ist weggerubbelt, aber die Zahlen und Buchstaben auf den Tasten sind noch gut erkennbar. Ein iPhone? Brauche Maja erst recht nicht. Sei eh zu teuer. Und die ganzen Spielereien, diese sogenannten Apps… da gäbe es auch sicher nichts, das sie unbedingt brauchen würde. Nein, so genau weiß sie nicht, was Apps sind, wie diese funktionieren und was es für welche es gibt. Und mit iPhone meine sie eigentlich Smartphones im Allgemeinen. Nach kurzem Überlegen und ein paar vorgeschlagenen Apps kommt sie doch kurz ins Grübeln, schüttelt dann aber energisch den Kopf und verkündet: »Es ist doch auch schön, mal nach dem Weg suchen zu müssen.« Maja wirkt sehr pragmatisch. Bevor sie enttäuscht darüber ist, etwas nicht besitzen zu können, scheint sie lieber eine Überzeugung daraus zu machen. Gegenüber der weißen Tür der WG-Mitbewohnerin, am anderen Ende des Flures, liegt Majas zirka 17 Quadratmeter großes Zimmer. Die Frontwand ist noch vom Vormieter tapeziert. Sie ziert ein dunkelrotes Muster mit samtig schwarzen Ornamenten und stielt dem Zimmer eifrig von dem wenigen Licht, das es noch durch die Loggia reingeschafft hat. »Die war schon drin, ich fand das ganz lustig.« Auf dem Bett liefern sich die unterschiedlichsten Muster von Decken und Kissen einen Konkurrenzkampf, die Schiedsrichter liegen still aneinandergereiht in der Bettecke: Eine kleine Schar von Teddybären unterschiedlichster Größe und Form. Maja heißt natürlich nicht Maja. Sie hat sich den Namen selber ausgesucht. Die Kombination mit dem ersten Buchstaben ihres echten Nachnamens ergibt den Namen der Heldin ihrer Kindheit. Dieser Zwiespalt, noch nicht ganz von der Kindheit loslassen zu können und trotzdem irgendwie im Leben der Erwachsenen teilhaben zu müssen, spiegelt sich sehr deutlich in ihrem Zimmer wieder. Die Qual der Auseinandersetzung im Hier und Jetzt wird am großen Schreibtisch, welcher vor einem riesigen Fenster mit Blick auf die Straße steht, deutlich. Mit den Objekten auf diesem Tisch verhält es sich ähnlich wie den Zeichnungen auf dem

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Küchentisch. Ein Windows 8-Zauberwüfel-Werbegeschenk liegt mit verblassten Farben neben einem Kosmetiktäschchen, aus diesem quillt unter anderem eine kleine Reisehaarbürste hervor. Jene Kosmetika, die es nicht mehr rechtzeitig in das kleine Täschchen geschafft haben, versammeln sich in der näheren Umgebung. Papiere, Dosen, Notizen, Häkelhaken und Wolle, Flyer ... Je näher am Fenster, desto größer die Ansammlung der Dinge. Auf dem Stuhl davor liegen einige Papiere, aber nichts, worauf man sich nicht zur Not auf die Schnelle setzen könnte. Ein halb fertig gehäkelter Schal windet sich geschickt um den Parcours auf dem Tisch. Das Häkeln und die fertigen Produkte gehören zu den Sachen, die Maja glücklich machen. Sie bezeichnet dies als »Teil der Identität«. Auch wenn sie auf facebook nicht sonderlich aktiv ist, ist eine neu fertig gehäkelte Mütze einen Statuspost wert. Einzig die Fläche direkt vor dem Stuhl, um den Laptop herum, ist frei. Nur das Wichtigste ist dort versammelt: Ein Aschenbecher mit viel Asche und einigen Kippen, aber geraucht wird eigentlich nur auf der Loggia. Eine Tasse mit Teebeutel, Blättchen, ein Haargummi, ein Stift und ein Paradiso-USB-Stick. Der Lenovo steht aufgeklappt bereit. Noch nicht beklebt. Eigentlich würde ihn Maja gerne bekleben, da dieser aber ein Geschenk war, traut sie sich nicht. Sie hat ihr altes Handy mal mit Nagellack angemalt, weil ihr die Farbe nicht gefallen hat. Dem Bruder schien das nicht gefallen zu haben. Obwohl es Maja egal sein könnte, denn ihm gehörte das Handy nicht, beschäftigt es sie bis heute. Von ihrem alten Sony Vaio wollte sie sich eigentlich nicht trennen, wenngleich das verkrümelte, sechs Jahre alte Gerät schon Streifen am Bildschirm zeigte. Eigentlich sollte das neue Notebook ein Mac werden, aber der war ihr zu teuer. Die Wahl fiel auf den Sony Vaio, da sie die Optik an einen Mac erinnerte. In ihren 14 Semestern Architekturstudium fühlte sie sich jedenfalls nicht ausgegrenzt, weil sie keinen Mac besaß. Wichtig für die Zusammenarbeit mit den Kommilitonen sei gewesen, dass sie überhaupt ein Notebook besäße. Außerdem möchte sie sich gar nicht mit einem Mac in die Reihe der Hipster in Berlin einreihen. Wieder ein Statement aus der Not heraus? Der selbe Pragmatismus wie bei den Smartphones? Neben dem Schreibtisch steht ein Regal. Das einzige offene Regal im Zimmer. Der kleine Prinz, Langenscheidt Deutsch-Französisch, Großes Wörterbuch Englisch, How to be good, High Fidelity, Mondlicht steht dir gut und weitere Titel nutzen, in einem komplexen Stapelsystem, jeden freien Zentimeter in Höhe und Tiefe. Die anderen Titel sind nicht lesbar, denn es stehen leere Coke-Glasflaschen, eine Zeichenpuppe, ein Miniwörterbuch, ein I♥NY-Pin, Räucherkerzchen, Porzellanfigürchen, CDs und ein Miniaturglobus davor und dazwischen. Sie besitzt zu viel und hat zu wenig Platz. Das mache sie unglücklich. Hinzu kommen noch Sachen der Exmitbewohnerin, welche im Keller liegen und sie belasten. Trennen könne sie sich nur schwer von Sachen. Am obersten Punkt des Bücherberges auf dem Regal thront eine zirka zwanzig Zentimeter große M&Ms Plastik-Freiheitsstatue im faden Grün und diese schaut mit ausgestreckter Fackelhand auf uns hinunter. Neben dem Regal wurde

eine Stehlampe platziert. Ein schlichter schmaler Ständer zeichnet einen leichten Bogen und mündet in einem riesigen weißen Lampenschirm. Auch ein Erbstück, wie das Radio. Als Maja auf die Lampe sieht und deren Geschichte erzählt, streift der Blick in die Ferne und ein Lächeln zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab. Inzwischen habe die Lampe sogar einen Wert, das habe sie mal herausgefunden. Es ist ihr ein wenig peinlich, dass so viel Staub darauf liegt, es darf aber trotzdem ein Foto gemacht werden. Die Großeltern scheinen starke Bezugspersonen zu sein. Seitdem der Großvater gestorben ist, ist Majas Verhältnis zur 88jährigen Großmutter enger geworden. Inzwischen ist sie zu einem Leitbild geworden. Es wird wöchentlich telefoniert und Maja schätzt die nette, offene und ehrliche Art. Sie bewundert, dass ihre Großmutter sich vieles selbst erarbeitet hat und jeden Menschen so nimmt, wie er ist. Der Rest der Familie kommt selten zur Sprache. Von Familienfeiern ist die Rede und das Bedauern, dass die Familie ihren Kleidungsstil nicht akzeptiert. Inzwischen wurde aber ein Kompromiss gefunden. Die Plugs werden so gewählt, dass sie wie große Ohrringe aussehen. Die Kleidung bleibt adrett. Maja wirkt nicht so, als ob sie den Halt bekommt, den sie sich von ihrer Familie wünscht. Von den Großeltern einmal abgesehen. Der Freundeskreis, der viele Teilbereiche an Interessen und sozialer Akzeptanz abdeckt, scheint eine Alternative zu sein. Eine Zuflucht, wenn es um Anerkennung oder Aufmerksamkeit geht. Maja erwähnt während unseres gesamten Gesprächs nicht, ob sie in einer Beziehung ist, oder es gerne sein würde. Ein Partner scheint nicht in dem Maße Bezugsmensch zu sein, als dass sie es für erwähnenswert hielte. Oder aber ihr ist das Thema zu persönlich, um es offen anzusprechen, ähnlich ihrer Rückzieher, wenn es um die Familie geht. Hätte ich sie direkt fragen müssen? Ist es nur Schüchternheit oder die Unbehagenheit eventuell zuviel von sich preiszugeben und damit einen unvorteilhaften Eindruck hinterlassen zu können? Nur bei den Schuhen bleibt sich Maja bei Familientreffen treu. Es werden die durchgetretenen Chucks getragen. Ihre Chucks sind auch ihre einzigen bewussten Markenbesitztümer. Neben ihrer Canon EOS 500 D Spiegelreflexkamera und dem Sony Vaio. Ansonsten interessiere es sie nicht, von welcher Marke ihre Gegenstände seien. Bei Schuhen achte sie ab und an darauf, der Rest soll es einfach nur gut aussehen und nicht viel kosten. Damals zur Schulzeit waren Marken ein großes Thema. Gruppenbildung und soziale Zugehörigkeiten wurden über Marken definiert. Der Wohnort ihrer Schulzeit ist negativ behaftet. Es gäbe ein oder zwei Plätze, zu denen sie schöne Erinnerungen habe, ansonsten mache sie Marienfelde eher unglücklich. Maja ist froh, dass diese Zeiten nun vorbei sind. Ihr jetziger Freundeskreis lege auf Marken nicht sonderlich viel wert, sagt sie. Dort würde man aufgrund der Persönlichkeit geschätzt und das sei sehr entspannend. Für eine bevorstehende Reise steht der Kauf eines Rucksacks an. Einer, in den alles rein passt. Bei Globetrotter hat sie schon einmal nachgesehen. Warum als erstes bei Globetrotter? Das sei nun mal der Laden, den sie kenne. Da war

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sie schon als Kind mit ihrer Mutter. Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss stimmen. Und gut aussehen muss der Rucksack. Bei Globetrotter ist sie nicht fündig geworden. Wo geht es als nächstes hin? Ein Schulterzucken. Das wisse sie noch nicht. Ihr fallen erst mal keine anderen Läden ein. Und im Internet suchen – auf die Idee sei sie bisher noch nicht gekommen. Der Blick schweift zur Decke ab. Bei Reisen gibt sie gerne mal etwas mehr vom schwer ersparten Geld aus. Nicht für die Fahrt oder die Unterkunft – da reicht das Nötigste. Und Souvenirs kaufe sie seit ihrem Umzug auch nicht mehr. Sie besäße eh schon zu viel. Aber sie möchte es sich auf Reisen gut gehen lassen, viel sehen. Zuhause schaut sie schon auf das Geld. Wenn sie sich etwas Besonderes zu Essen kauft, dann etwas Gesundes. Bio. Von den Marken habe sie keine Ahnung. Sie versucht die Produkte anhand des Aussehens in den Regalen wiederzufinden. Und wenn das nicht funktioniert, wird etwas Neues ausprobiert. Sofern es nicht zu teuer ist. Grundsätzlich ist Maja mit ihrem Kaufverhalten unzufrieden. Zu unkontrolliert – dafür, dass ihr nicht viel Geld zur Verfügung steht. Sie bekommt ein schlechtes Gewissen, wenn sie zu viel ausgibt. Die WG besitzt eine gemeinsame Kaffeemaschine. Einer der beiden hat ein Kaffeesortenexperiment gemacht: Kaffee mit Zusatzgeschmack. Karamell. Beiden hat er nicht geschmeckt. Getrunken wurde er aber trotzdem – immerhin hatten sie bezahlt. Danach wurde wieder der Standardkaffee gekauft. Jacobs-Kaffee. Ja, hier sei ihr die Marke schon wichtig. Warum genau, wisse sie aber nicht. Die morgendliche Tasse Kaffee am Morgen gehört zum Tag. Es ist ein Ritual. Rituale pflegt sie auch noch woanders. Zum Beispiel beim Duschen. Da gäbe es ein ganz bestimmte Reihenfolge. Welche das ist, konnte oder wollte sie nicht verraten. Das passiere halt so. Aber immer nach dem selben Schema. Maja kauert inzwischen wieder in dem Zufluchtssessel. Die Beine angezogen, eine große heiße Teetasse in der Hand. In Smalltalk sei sie nicht sonderlich gut. Ja, das störe sie. Denn die anderen Personen nehmen sie wahrscheinlich nicht so wahr, wie sie sich sieht. In Gruppen ist Maja eher zurückhaltender und abwartend. Sobald sie sich einen Überblick verschafft hat, integriert sie sich in das Gespräch. Sie probiert das zu ändern, aber es endet immer wieder in Zwang, was die Sache verschlimmert. Wenn sie betrunken ist, ist Maja kommunikativer. Alkohol steigert die jeweiligen Emotionen. Auf die Frage hin, was sie glaube, wie andere sie sähen, gibt sie keine Antwort. Bei der Familie sei sie entspannter als bei Freunden. Da setzt sie dann auch mal die Brille auf. Ansonsten kommt das nicht in Frage. Gerade findet sie sich attraktiv. Um in der Menge auf sich aufmerksam zu machen, trug sie ihre Haare eine Zeit lang rot – jetzt nicht mehr. Piercings hatte sie einige. Nun auch nicht mehr. Leicht narzisstische Züge äußern sich durch ständiges In-Glasflächen-Schauen. Auf keinen Fall möchte sie, dass andere sie aufgrund ihres Stils für normal halten. Was »normal« sei? Na, normal halt. Langweilig. Genauer könne sie das nicht beschreiben. Wenn sie draußen unterwegs ist, fühlt sie sich von der Masse herausgefordert.

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Maja ist in Tempelhof aufgewachsen und würde auf keinen Fall in den Prenzlauer Berg ziehen. Die Leute dort seien viel zu aufgesetzt, fügt sie leise hinzu. Im Moabit fühlt sie sich wohl. Die Atmosphäre gefällt ihr. In der Küche kann man manchmal die asiatische Familie aus der Wohnung darunter schreien hören. Es kam auch schon die Überlegung auszuziehen, aber das wäre zu teuer. Als ich die Wohnung verlasse, höre ich noch eine geflüsterte Verabschiedung und wie durch Geisterhand schließt sich die Tür hinter mir ohne eine Geräusch zu verursachen. Text und Bilder von Jasmin Fayad

NISHA MERIT von CARNAP

Unser Gespräch beginnt in der Küche ihrer Kreuzberger Zweier-WG. Der erste Eindruck: typisch. Eine Mischung aus Zweckmäßigkeit, unnützen Ansammlungen und kleinen Schätzen. Sie, eine Freundin. So sitzt man nicht in einer typischen WG-Küche, sondern in einem Raum, dessen Zweck ästhetisiert und mit Persönlichkeit gekleidet wurde. Für Bärbel geht es um Kommunikation in all ihren Erscheinungsformen, es geht um Altes und Neues, um das Archivieren von Erinnerungen und dem ständigen Suchen nach neuen Formen der Typografie. Dabei spielt die Küche lediglich eine sekundäre Rolle mit den überklebten Einbauschränken, dem Kühlschrank voller bunter Magnetbuchstaben oder der Schnur entlang der Wand mit Flyern und Bildern, denn hier steckt ein unverrückbarer Zweck dahinter. Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht die Essenz Bärbels in Zeichen – ein Notizbuch und ein Kalender, die zusammen funktionieren. Genauer gesagt, eine Ansammlung von Büchern. Sie organisiert darin ihr Leben und hält gleichzeitig ihre Erinnerungen fest. Angefangen hatte es mit den Kindheitsfreundinnen und dem geheimen Verbandsbuch der NMFL. Vier Mädchen, die sich gegenseitig Geschichten, Gedanken, Wünsche schrieben und das Buch dann weiter gaben. Dies zieht sich in den verschiedensten Facetten durch Bärbels Werdegang wie ein roter Faden, oder besser: wie ein bunter. Das Spielen mit Schriftarten bis hin zum Fälschen von Unterschriften auf Entschuldigungen für die Schule, die heute noch bestehenden Brieffreundschaften, Graffiti sprühen oder das Ausdrucken von Skype-Gesprächen, zumindest derer, die anmuten wie Theaterstücke. Es sind Dialoge, die wohl nur in digitaler Form so entstehen können und trotzdem ist es wichtig, sie analog zu archivieren, könnten die Gespräche doch

Mit dem Wissen um Buch und Stift

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in der Flut von Daten zu leicht verloren gehen: »Das ist Prosa« sagt sie, lacht kurz und legt sie zurück in das Notizbuch. Anfangs sind es dünne schwarze Notizbücher DIN A5, mal liniert, mal kariert oder blank, je nach Musterung beeinflusst es Bärbels Handhabung ein bisschen. Hauptsache analog und linear, mit einem Anfang und einem Ende. Das Schema ist stets identisch, nur der Inhalt und die Ausdrucksformen erstrecken sich von alltäglich bis hin zu neuartigem kreativem Chaos. Dabei werden allerhand Farben verwendet, ihnen wird lediglich eine temporäre Zuordnung gegeben und so trägt Bärbel möglichst viele verschiedene Stifte und Farben in ihrer stets großen Tasche mit sich. Es werden Flyer, Eintrittskarten, To-Do-Listen und Post-It’s eingeklebt, genau so wie Skizzen, Ideen, Gedanken, etc. ... in diesen Büchern aufbewahrt werden. Das Notizbuch ist immer dabei und deshalb darf auch alles, was ihr begegnet dort aufbewahrt werden – dafür gibt es keine Regeln. »Mit dem Wissen um Buch und Stift ist Warten nicht schlimm, da ist fast jeder Ort ein bisschen wie ein Zuhause und wenn ich dann mit etwas Abstand darüber stolpere und ich mich wieder an den Gesamtkontext erinnere ... sie sind wie Brücken zu meinen Erinnerungen.« Zwischendrin, ein Ortswechsel. Die Küche zum Zweck, der Mitbewohner und seine Freundin möchten kochen. Bärbels Zimmer ist voll ohne beengend zu wirken – es gibt vieles zu entdecken. Bunte Technik und kleine Gadgets von Freunden, fernen Ländern oder vom Späti an der Ecke. Vor allem das japanische Design hat es ihr angetan. Hier steht auch die Kommode mit den vielen Erinnerungsbüchern. Sie ruhen in der großen untersten Schublade. An der Wand – zwei Bilder. Fotos gibt es kaum, bis auf ein oder zwei Foto-Automaten-Streifbilder mit famos dreinschauenden Grimassen. Es wird wieder archiviert. Denn Fotografien besitzt sie eine Menge als Erinnerung in der anderen großen Schublade. Doch sie dürfen nicht zu viel Platz einnehmen, sie »erinnern an Ahnengalerie, Memoiren, an Tod«, sie seien zu vergänglich, während ein Kunstwerk bleibt. Wie das Bambi-Bild oder ihr Koordinatensystem, mit schwarzem Klebeband an der Wand befestigt. Im Gegensatz zu einem Foto, welches einen schon längst vergangen Ist-Zustand zeigt, bleibt die Kunst konstant und unendlich. Das in Gold eingerahmte Rehkitz ist ein Geschenk ihrer Mutter, ein Stück Zuhause und ein Stück Erinnerung an die Kindheit. In der »(…) Kombination mit organisch gewachsenen, kleinen Dingen, die ich dem Bambi zugeordnet habe, wie der goldene Flügel, der Fisch aus rotem Plastik oder ein limitierter Postkartendruck mit Rehmotiv von einer Freundin.« Diese Gesamtkomposition wird – hinterfragt man sie – geradezu zu einem Paradebeispiel einer gewachsenen Wahrnehmungsidentität und ein kurzer Blick dahinter eröffnet eine Vorstellung von der großen Wichtigkeit scheinbar unnützer und zufälliger Ansammlungen kleiner Nichtigkeiten. Das Koordinatensystem funktioniert wie ein Anker oder auch wie ein Mantra in Bärbels Gegenwart, die XYZ-Achsen in ihrem Raum. »Es erinnert mich immer daran zu überprüfen, wo ich mich im dreidimensionalen Raum befinde. Ich mag es auch, weil 3D in der visuellen Design-Welt, in der ich mich bewege, ein wichtiger Bestandteil meiner Animationen geworden ist«

Und wie kam’s? Zwar zieht sich die Leidenschaft für Ausdruck und Gestaltung in Bärbels Leben stringent durch, die inhaltliche Auseinandersetzung und fachliche Expertise kam aber erst mit dem Studium. Ein Ort der Entscheidung, Esslingen. Sie, 19 Jahre jung, hatte die Aufgabe, eine Minimal-Arts-Ausstellung in der städtischen Galerie zu betreuen. Jeden Tag verbrachte sie in einer Umgebung, die ihr ästhetisch und künstlerisch absolut nicht zusagte. Aus Langeweile hinterfragte sie die Ausstellung, den Künstler und die Umsetzung, las Prospekte und Anzeigen – auch die der Universität für Kunst und Medien. Die Faszination und ihr Talent haben also einen Grundstein gelegt für ihre nächsten Bewusstseinsstadien. Für die Terminologie von Typografie, Motion-Design und Grafikdesign im Studium, bis hin zur Gründung von Letters Are My Friends und ihrer Eigenmarke Nindustrict. Sie ist getrieben, sich selbst stets neue Formen und Möglichkeiten von Kommunikation zu generieren und sich neuen Design-Herausforderungen zu stellen. Sich niemals zu langweilen, oder im Umkehrschluss, sich »immer neu zu erfinden«. Es ist nicht nur die Kommunikation an sich sondern das Vernetzen und Vermitteln zwischen anderen Personen, was ihr wichtig scheint. Sie ist bedacht darauf, dass die Menschen, die in irgendeiner Art und Weise von einander profitieren könnten auch zueinander finden. »Jeder ist wie ein kleines Unternehmen mit seinen Ideologien, mit seinem Zugang zur Welt und was er machen möchte, mit seinen Produkten, mit seinem Ich. Das Vermitteln nach außen, was man darstellen möchte passiert in der Werbung – der Eigenwerbung – und wird Teil der Identitätsbildung. Das Verständnis und das Bewusstsein für Selbstvermarktung ist angekommen, zum Beispiel hat fast jeder eine Homepage, ist bei facebook, postet und twittert. Die Kommunikation über sich selbst hat sich stark verändert.« In ihrer Arbeit schafft sie spielerische wie professionelle Kontexte, dabei sind gerade neue Technologien und Programme ihre Werkzeuge. Während dem Prozess eines Auftrags arbeitet sie von analog zu digital, von Experiment zu Strategie und umgekehrt, weil sie die verschiedenen Verfahrensprozesse nicht wertet, weil sie stets die Freiheit zur Veränderung behalten möchte. Sie ist Designerin und Künstlerin, je nachdem was sie erschafft. Marken interessieren sie im Sinne öffentlicher Schaustellung nicht, sie hat ja ihre eigene und kann diese auch stets neu erfinden. Der Umgang mit Geräten ist eher ein zweckgebundener. Das iPhone und das MacBook sind Werkzeuge wie der Siemens Kühlschrank oder die Makita Bohrmaschine. Sie werden gerne farblich etwas verschönert, ansonsten stört es auch nicht, wenn das Handydisplay kaputt ist. Hier wird der Lebensstil nicht einfach adaptiert, welcher dem Produkt anhängt. Es sei denn, es ist ein Spielzeug oder Dinge aus der Vergangenheit oder beides in Kombination. Wie ihr Mercedes Benz oder die Nivea Creme. Die große blaue

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Dose hatte die Mutter schon immer gekauft, auch wenn kein definierter Erinnerungsmoment daran hängt – am Design und am Geruch – ist es ein Stück zu Hause, das in den eigenen Alltag integriert wurde. Bärbels Lieblingsobjekte tragen vielmehr die Attribute von Freunden. Diese Objekte umschmeichelt ein Gefühl und eine Erinnerung, kein Image. Am besten selbstgemacht, bunt und verspielt – ein elektronischer Prototyp vielleicht – in dem sich Einzigartigkeit und Neuheit widerspiegeln. Nur für sie. Wie die elektrische Schneekugel-Lampe oder die alte Foto-Blitzanlage mit der Farbfolie … und dann kann man sich nur all zu gut vorstellen, wie Bärbel im dunklen Flur liegt und mit ihrem lila Blitzgerät Erinnerungen konserviert, »wie das Blitzdingsen« bei Men in Black – nur umgekehrt. Noch ein Ortswechsel, diesmal gedanklich. Ihre Lieblingsorte liegen im Analogen wie Digitalen, sind immer selbstbestimmt. Im Allgemeinen sind es Aussichten, Horizonte, Orte, die nach Entdeckung und Abenteuer rufen. Oder das Internet. Denn es eröffnet nicht nur Wege des Wissens oder der Kommunikation, es ist auch möglich auf eine neue Art, digital zu flanieren und sich treiben zu lassen. Es sind die Surf-Momente, von denen Bärbel schwärmt. Wenn man scheinbar zufällig auf einen Blog stößt und die Person zur inspirativen Quelle wird, weil man sich mit ihr identifiziert, mit all den geschriebenen und veröffentlichten Gedanken und Spleens. »So nah, obwohl man sich nie gesprochen oder gesehen hat.« Oder, »BOB«. Der Mercedes Benz W123 von 1983 in diplomatenblau und mit Kassettendeck. Das Auto wird nicht nur durch das Nummernschild als »BOB« ausgezeichnet, es ist ein »Bob«. Alt, zuverlässig, mit viel Geborgenheit. Wie eine sichere, bewegliche Blase. Die Musik laut aufgedreht, kann man überall hin, muss nirgends aussteigen und ist trotzdem dort. Das Auto steht für ein Stück plastische Freiheit, nur für sie. In einer Zeit, in der sich »Berlin wie ein grauer Käfig angefühlt und ich den immensen Drang hatte, nach draußen fahren zu können.« Der Wunsch danach hat sich dank eines »magischen Moments« auf eBay erfüllt. Das Design des Formklassikers und die Marke Mercedes Benz erinnern an den Vater und die Heimat. So hat sie intuitiv gekauft, weil es das richtige erste Auto war, auch ohne ihn angeschaut zu haben. Es ist die Bedingung von Freiheit und Beweglichkeit, die jene Orte ausmachen und gleichzeitig die Geborgenheit und Sicherheit, die sie Bärbel geben. Bärbels Antwort auf die Lieblingssituation, einfach wie persönlichkeitsbezeichnend. »Etwas Neues erleben, mit dem Gefühl, ich werde ein Teil von dieser Situation, und während ich mich auf sie einlasse, bedingen wir uns gegenseitig.« Sie packt den Kairos – den Gott des Schicksalsmoments – am Schopf. Sie ist offen und neugierig, wachsam und forschend, bis hin zu einer sich nicht entscheiden wollenden Flexibilität. Text und Bilder von Nisha Merit von Carnap

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Olive r M a t el o w s ki

Für unser Interview treffen wir Thomas vor einem Gebäude der Technischen Universität Berlin. Thomas studiert Materialwissenschaften in Jena. Zur Zeit befindet er sich in der Abschlussphase seiner Bachelorprüfung. Den praktischen Teil erledigt er an diesem TU-Institut für Werkstoffwissenschaften und Werkstofftechnologien. Hier arbeitet er mehrere Stunden die Woche als studentische Hilfskraft im Bereich Materialforschung.

Rubricks Cube

Setting Der Treffpunkt wurde von ihm durchaus praktisch ausgewählt, da er sowieso um diese Uhrzeit in der Nähe war. Wir beginnen mit einem Rundgang durch seine Arbeitsstätte. Die Eingangshalle und die Räume des Instituts wirken um diese Zeit mit gedämpftem Licht sehr ruhig. Wir müssen durch einige Flure, bis wir Thomas’ Arbeitsplatz erreichen. Überall verteilt befinden sich Werkbänke, auf denen seltsam anmutende Geräte stehen. Für einen Außenstehenden erinnern sie an vergrößerte und verkomplizierte Versionen von Handwerker-Maschinen. Die dargebotene Situation wirkt etwas chaotisch, überall liegen Metallproben und Werkzeuge. Während unseres Rundgangs zeigt uns Thomas zahlreiche verschiedene Räume. Trotz des scheinbaren Chaos ist alles gut organisiert. Ohne fragen zu müssen, erklärt Thomas, was in den Räumen gemacht wird. Vornehmlich werden hier Proben auf unterschiedlichste Weise nach ihren Inhaltsstoffen untersucht. Zudem schildert er uns die Wirkungsweise einiger

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größerer Maschinen. Thomas erläutert uns alles so, wie er sich die Dinge selbst verständlich erklären würde, immer um Kurzweil und Spaß bemüht. Seine auflockernde Art soll zeigen, dass ihm die Arbeit Spaß macht. Man merkt, dass Thomas stolz ist auf seinen Arbeitsplatz und das, was er dort regelmäßig tut. Neben den ausführlichen Erläuterungen, die seine Tätigkeiten veranschaulichen, ließ er uns im Nachhinein private Arbeitsproben zukommen. Wir bemerken, dass dieser Gruppe von Dingen, den Maschinen und Proben jeweils etwas Kryptisch-Technisches anhaftet. Die verständnisvollen Erläuterungen, die uns Thomas gibt, geben den Gegenständen Tiefe und Funktion. Dennoch zeigen uns diese Gegenstände, dass das Geheimnisvolle und Exklusive dabei für Thomas einen besonderen Stellenwert einnimmt. Diese mechanischen Gegenstände wirken rau und seltsam, wollen rational erschlossen werden. Wir begeben uns in ein kleineres Zimmer. In dem Pausen- und Arbeitsraum befindet sich auch eine ausgesessene Couch, wir nehmen Platz. Nun beginnen wir das Interview. Thomas ist anfangs etwas irritiert. Auf unsere vorangegangenen Anfragen betitelte er das Vorhaben humorvoll als Psychoanalyse. Auf mich wirkt Thomas etwas verkrampft. Diese Angespanntheit löst sich bis zum Ende des Interviews selten vollständig. Man merkt, dass er darauf bedacht ist, nichts Falsches zu sagen. Er wirkt sehr solide und erscheint uns als notorischer Nicht-Anecker.

Definition unser Fragen irritieren. Wir sehen, dass er unter dem Bewertungsdruck des Interviews nicht ganz angemessen antworten kann. In Humor oder Selbstironie gehüllt redet er über einige Gegenstände. Er meint von sich selbst, er sei sehr bequem, sogar recht faul. Deshalb müssen Dinge vor allem praktisch sein. Er schreibt jedem Ding eine explizite praktische Funktion zu. Seine jetzigen Schuhe zum Beispiel trägt er, weil diese gefüttert sind und ihn im Winter besser warm halten. Andere Schuhe erfüllen einen anderen Zweck. Thomas’ Skater-Schuhe zu Beispiel müssen ausgetreten sein, denn so erfüllen sie ihren Zweck besser. Schuhe, die nicht zum Skaten gedacht sind, würde er nicht nehmen. Für das Institut findet er sie allerdings unangemessen. Natürlich möchte er im Institut gepflegter und seriöser auftreten. Ein weiteres Beispiel erläutert das quasi solidarische Verhältnis von Thomas zu seinen Dingen. Er ist im Besitz zahlreicher wissenschaftlicher PDFs oder E-Books, hat aber nur einen Bruchteil davon gelesen. Bei diesem Gedanken fühlt er sich schlecht. Er findet es seltsam, wenn er sich Bücher besorgt, aber diese nicht zu Ende ließt. Die analogen Bücher, die er besitzt, befinden sich dezent in unteren Bereichen von Regalen. Die Bücher – ob analog oder digital – sind zurückhaltend genug positioniert, um die eigene Bildung gegenüber anderen nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Aber sie sind präsent genug, um Thomas Sicherheit zu geben. In den Büchern findet er Wissen, welches ihm gegenüber anderen einen Vorteil verschaffen könnte. Wir merken, er möchte der – von ihm zugeschriebenen – praktischen Funktion von Büchern gerecht werden und sie fertig lesen. Gegenstände nur zu besitzen, führt bei ihm zu einem schlechten Gewissen. Er möchte die Dinge konsumieren und benutzen. Die Gegenstände werden den bestimmten Anlässen zugeordnet, so dass alles zur richtigen Zeit und zur richtigen Situation zum Einsatz kommt.

Solidarität Hedonismus Wir unterhalten uns über Werte, die seine Identität prägen könnten. Thomas ist sich bewusst dass Werte – auch moralische – von außen vermittelt werden. Er gesteht, ein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn er sie bricht. Oberflächlichkeit findet er nicht gut, besonders, wenn sich dahinter keine Substanz befindet. Zudem mag er es nicht, wenn Leute angeben, besonders, wenn nichts dahinter steht. Weiter wichtig für ihn sind Werte wie Solidarität und Loyalität. Einst hatte er von einem Freund ein Set Skateboard-Schoner geschenkt bekommen. Diese nutzt er nicht, da er andere, qualitativ hochwertigere, selbst gekauft hatte. Trotzdem behält er die Geschenkten. Sie wegzuwerfen würde ihm unangenehm sein, selbst wenn sein Freund dies nicht bemerken würde. Diese Schoner erinnern ihn an sein Verhältnis zur Solidarität. Seine Loyalität drückt sich auch darin aus, dass er öfter in der Gruppe seine eigenen Vorlieben zurückstellt, etwa den persönlichen Musikgeschmack und sich mit anderen auch zu eher ungeliebter Musik vergnügt. Wir reden mit Thomas konkret über Dinge und versuchen herauszufinden, was diese für ihn bedeuten können. Materielle Dinge sind ihm weniger wichtig. Es scheint, als würde ihn die Tiefe und

Als wir nach wichtigen Bedürfnissen fragen, erwähnt er, dass er gern Spaß hat, etwa beim Skateboarden, Graffiti-Sprühen oder beim Schlagzeug-Spielen. Auch wenn er nun nicht mehr all zu viel Zeit für diese Beschäftigungen hat, versucht er ihnen gerecht zu werden. Ebenso hat er eine Affinität für Zauber- und Taschenspielertricks. Diese sorgen innerhalb der Gruppe für eine lockere Stimmung, ohne zu dauerhaft im Vordergrund zu stehen. Ein extremeres und hedonistischeres Leitbild verfolgt er mit dem Gangster-Mythos aus der Hiphop-Kultur. Manchmal stellt er sich vor, selbst Protagonist in einschlägigen Musik-Videos zu sein, so, wie es in seiner Jugendzeit üblich war. Thomas meint, dass wahrscheinlich jeder schon einmal die Vorstellung gehabt habe, einmal sehr reich und sehr begehrenswert zu sein. Diese Vorstellung des Überflusses steht im Gegensatz zu seinem sonst bodenständigen Verhalten. Es erscheint uns, dass es für Thomas neben der Spaßbefriedigung auch wichtig ist, dass seine Hobbys und Tätigkeiten bis zu einem gewissen Maß Exklusivität besitzen. Zudem waren Graffiti-Sprayen und Skateboarden zu seiner Zeit Äußerungsformen, die von den üb-

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lichen vernünftigen Konventionen abwichen. Die Hobbys gaben Thomas die Möglichkeit, sich von den meisten in seinem schulischen Umfeld abzugrenzen und sich in dieser Hinsicht nur mit Gleichgesinnten zu umgeben. Diese aufregendere, nicht-spießige Seite – im Gegensatz zum Bodenständigen – ist ihm wichtig. Die Werkzeuge der einzelnen Bereiche – sein Skateboard etwa – weisen Nutzspuren auf, die klar sichtbar sind. Diese kreativen Aktivitäten werden von ihm weder versteckt, noch zu sehr nach außen gestellt. Wie seine Hobbys ist er selbst nicht zu auffällig.

nicht völlig hingeben zu müssen. Sein Kleidungsstil ist auf Lockerheit bedacht. Manchen Gegenständen wohnt eine ähnliche Widersprüchlichkeit inne. Sie sollen sowohl Gebrauchsspuren aufweisen als auch einen kreativen und besonderen Touch haben. Die Nutzungsspuren unterstreichen den praktischen Wert der Gegenstände und zeigen Thomas und den anderen, dass sie wirklich genutzt wurden. Zugleich verleihen die Spuren ihnen eine Unbeschwertheit, die nicht gerechtfertigt werden muss. Eine Kombination der Aspekte Spaß und Rationalität bietet zum Beispiel Thomas’ Rubricks Cube. Dieser Würfel ist in vielen jugendlichen Haushalten aufzufinden, also nicht zu extravagant. Trotz der geometrischen Form kleiden ihn die bunten Farben unbeschwert ein. Während des Gesprächs hat er den Würfel in den Händen und bewegt ihn hin und her. Wir bemerken, dass er wieder dieses Geflecht aus technischer Rationalität und unbeschwertem Spaß darin sieht. Und dieses gewisse Geheimnisvolle. Wenn die Flächen keine einheitlichen Farben aufweisen, animieren sie Thomas dazu, die Konstruktion wieder zu ordnen. Er ist dann stolz, dass er die rechten Kniffe weiß, den Würfel wieder zu organisieren. Nachdem er den Würfel fertig geordnet hat, freut er sich kurz, dann schmunzelt er über die Belanglosigkeit, die er vielen Gegenständen zuschreiben möchte.

Balance Wir leiten das Gespräch auf Werte-prägende Kernerlebnisse seiner Biografie. Vieles von seinem Kleidungsstil hat er geerbt. Da sein Bruder und sein Cousin schon immer Nike bevorzugten, trägt auch er Nike. Auch in die Graffiti-Szene war Nike beliebt. Seine Wurzeln sind Thomas ständig präsent. Ein wichtiger Ritus für ihn ist daher die Rückkehr nach Hause, wo er seine Zeit mit alten Freunden und Verwandten verbringt. Da er in Jena studiert, kommt er nur einige Male im Jahr nach Hause, nach Kienwerder bei Berlin. Hier entstehen allerdings Diskrepanzen zwischen den ehemaligen Werten und den heutigen. Wir fragen ihn, wie er damit umgeht, dass er dann der einzige Student in seiner ehemaligen Gruppe ist. Er sagt, er bemerke schon, dass die anderen dann von sich denken, sie seien stehengeblieben. Für ihn ist die Situation damit zu begründen, dass viele damals cool waren und es heute nicht mehr sind. Sie haben sich verspekuliert. Thomas versucht sein höheres Bildungsniveau und seine Arbeit nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Dennoch ist er sich dem stets bewusst. Er bemerkt an sich, dass er sich nun unbewusst weniger »studentisch kleidet«, immer in der Waage zwischen seinen Vorstellungen und denen der anderen. Ihm geht es dabei vordergründig um Integration und weniger um Selbstprofilierung. Er sieht, dass ein Hervorheben der neuen Werte und Ansichten bei seiner alten Gruppe auf Unverständnis oder sogar Missfallen stoßen könnte. In letzter Zeit hat er gewisse Vorstellungen von einer Nerdigkeit von sich. Dieses Selbstbild ist durch sein Studium und seine Arbeit bestimmt. Er bewertet die Vorstellungen von seiner Sonderbarkeit und seinem Strebertum eher negativ. Aktuell wird jedoch Strebertum – besonders aus dem akademischen Milieu heraus – durchaus positiv bewertet. Seine negativen Assoziationen könnten geprägt sein durch die Solidarität, die er gegenüber einigen ehemaligen Freunden empfindet und durch seine recht »handwerkliche« Erziehung. Sobald es im Interview zu sehr in Richtung dieses Strebertums geht, merkt man, dass Thomas umlenken oder die Situation mit Humor und Selbstironie übergehen möchte. Es könnte sein, dass er damit der Außenseiterrolle entgehen möchte. Thomas versucht im Allgemeinen immer bodenständig und nie zu abgehoben zu wirken. Genau so sollen auch seine Gegenstände beschaffen sein. Auf der anderen Seite dürfen die Dinge nie zu gewissenhaft erscheinen. Seine Kleidung spielt an bestimmten Stellen auf Werte wie Spaß und Unbefangenheit an. Hier zeigt sich der Wunsch, sich dem spießigen Wissenschaftler-Typ

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Interview und Fotos von Peer Hempel und Oliver Matelowski Text von Oliver Matelowski

B enjamin E r x leben

Steffi ist zwanzig Jahre alt, wohnt zusammen mit ihrem Vater in Berlin-Wittenau und studiert Technischen Umweltschutz an der Technischen Universität Berlin. Neben dem Studium arbeitet sie als Bürohilfe, gibt Nachhilfeunterricht und trainiert eine Kindergruppe für einen Schwimmverein, dem sie ebenfalls angehört. Außerdem ist Steffi Mitglied in einem Badmintonverein sowie einem Sportclub und singt in einem Chor.

Verhinderte Individuation

Prägende Vergangenheit – Biographische Kernnarration Schon als Kind war Steffi sehr aktiv und kontaktfreudig. Familie und Freunde sind für sie daher sehr ausschlaggebend. Auch nach der Trennung ihrer Eltern hat sie zu beiden Familienseiten noch intensiven Kontakt. Die elterliche Scheidung hat ihr Familienbild jedoch deutlich gestört und ihr Bedürfnis nach Zuneigung merkbar verstärkt, welches sie sich nun vor allem durch intensive Kontaktpflege mit einer Großzahl an Freunden zu stillen versucht. Dabei ist ihr Handy neben dem direkten Kontakt die wichtigste Verbindungsquelle, was dessen äußere Abnutzung bestätigt. Der Tod ihres Großvaters war für sie ein

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sehr einschneidendes Erlebnis. Allgemein lässt sich Steffis enge Familienbindung vor allem an ihrem Armband und ihrer Halskette erkennen, da es sich bei beiden primär um Stücke der Erinnerung an verschiedene Verwandte handelt. Eine weitere für sie sehr markante Erinnerung ist die Drogensucht ihrer älteren Schwester. Trotz ihres damals geringen Alters hat sie vieles davon mitbekommen. Ihre Schwester habe sich stark schleifen lassen, sei absolut nicht selbstständig und habe Steffi sogar bestohlen, um sich Drogen kaufen zu können. Das war für sie ein abschreckender Vertrauensbruch.

erwecken, um somit Bestätigung zu erfahren. Disziplin ist für sie ebenfalls ein wichtiger Grundsatz. Diese bezieht sie auf Berufliches sowie Sportliches. Nichts sei für sie schlimmer, als etwas aus Faulheit nicht zu Ende zu bringen. Dabei ist sie sich selbst gegenüber deutlich strenger, als anderen. Erkennbar ist dies beispielsweise an ihren nicht allzu alten, jedoch deutlich abgenutzten Sportsachen, die ihre erreichte Leistung symbolisieren. Auch hier ist der Ursprung höchstwahrscheinlich ihr Bedürfnis, sich von der eigenen Schwester abzugrenzen. Eine Norm, die Steffi als stark überbewertet angibt, ist der Schlankheitswahn, welchen sie als unnatürlich und nicht gesund empfindet.

Das Ideal von Familie, Sicherheit und Erfolg – Ideale und Leitbilder Die Abneigung gegen selbstverschuldete Erfolglosigkeit und verantwortungsloses Verhalten spiegelt sich in Steffis Leitbildern und Idealen wider. Ihr oberstes Lebensziel ist ein erfolgreicher Bildungsabschluss samt zukunftsträchtigem Beruf. Neben dem Wunsch nach persönlich erfüllender Betätigung sind finanzielle Absicherung und Anerkennung das wichtigste Argument. Hier nimmt sie sich ihre Eltern zum Vorbild, welche beide über ein durchaus gutes Einkommen verfügen. Nach einem Kinderwunsch und der damit verbundenen Familienplanung gefragt, beschreibt sie ihren Wunsch nach der eigenen Familie mit Haus und Hund. Finanzielle Absicherung steht vor der Familiengründung. Dies lässt auf ein großes Bedürfnis nach Sicherheit schließen. Um das Ideal der monetären Unabhängigkeit auch in ihrem aktuellen Lebensabschnitt trotz Studiums in einem akzeptablen Maße zu vertreten, arbeitet sie neben der Hochschule sowohl als Bürokraft für ein Pharmaunternehmen, als auch als Nachhilfelehrerin und Trainerin für einen Schwimmverein, dem sie ebenfalls angehört. Das verdiente Geld spart sie dabei als Sicherheit für spätere Ausgaben. Stattdessen repräsentieren die vielen Nebenjobs, zusammen mit den nicht minder vielzähligen Hobbys, ihren hohen Unabhängigkeits- und Aktivitätsgrad sich selbst und anderen Personen gegenüber. So erlangt sie Anerkennung von anderen und bestätigt sich selbst eine deutlich positive Divergenz zu den schlechten Erinnerungen der unselbstständigen Schwester. Erkennbar ist dies beispielsweise daran, dass sie ihren sportlichen Erfolg auch im Alltag ganz bewusst durch ihre Lieblingssneaker der Profi- und Sportmarke Hummel zeigen möchte, von denen sie eine Vielzahl besitzt.

Gesunde Selbstkritik – Körpergefühl und Grenzen Steffis Verhältnis zu ihrem Körper scheint trotz leicht überhöhtem Körpergewicht grundliegend gesund und normal zu sein. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sie als FKK- und Sauna-Kind ein gesundes Körperbewusstsein auch ohne Idealmaße vorgelebt bekommen hat. Dass sie vor uns entspannt ihr Arbeitsoutfit gegen gemütlichere Hauskleidung wechselt, bestätigt dies. Wichtiger als ihr Körper seien ihr die Aktivitäten in Beruf und Freizeit. Solange sie diese ausführen könne, wäre sie auch bereit, auf einen Körperteil zu verzichten. Spricht man sie auf eventuell vorhandene Makel an ihrem Körper an, bestätigt sie zwar eine gewisse Unzufriedenheit, relativiert diese aber sofort mit ihrer größeren Leidenschaft für gute Speisen. Ihre Vorliebe für repräsentativ sportliche Kleidung findet in den luftigeren Schnitten am Körper einen weiteren Ursprung.

Erfordernisse zum Glücklichsein – Bedürfnishierarchie

Auch in Steffis Werten und Normen spiegelt sich der große Drang nach Familie und Zuneigung genauso wieder wie der hohe Aktivitätsgrad. Höflichkeit, Freundlichkeit und eine gewisse Sensibilität anderen gegenüber sind für sie essenzielle Maßstäbe, die sie an den Kontakt mit anderen stellt. Dabei wird besonders durch Steffis Art des Umgangs deutlich, dass sie durch ein direktes und freundliches Verhalten versucht, Sympathie beim Gegenüber zu

Genüssliches Essen ist für Steffi das Bedürfnis Nummer eins. Dabei mag sie entgegen des typischen Klischees lieber Deftiges, als Süsses. Zur Nahrungszubereitung und -aufnahme nimmt sie sich Zeit und schafft so einen ruhigen Ausgleich zum sonst so aktiven Alltag. An zweiter Stelle komme für sie die Zuneigung anderer. Steffi braucht nach eigenen Angaben viel Körperkontakt und verbalen Austausch zu ihr zugewandten Personen. Wenn sie Zuwendungen bestimmter Personen nicht bekommt, sucht sie sich einen Ausgleich bei Freunden, die für sie eine ähnliche Rolle einnehmen könnten. Ihr Armband scheint dabei als Repräsentant der Zuneigung enger Freunde und Familie, die ihr alle einen Anhänger geschenkt haben, eine große Rolle zu spielen. Ursprung dieses Bedürfnisses ist sowohl die Trennung ihrer Eltern als auch die problematische Beziehung zu ihrer Schwester. Ebenfalls essenziell für Steffi ist Vertrauen zu anderen. Sie ist zwar nach außen ein sehr direkter und kommunikativer Mensch, wirklich persönliche Gedanken und Emotionen tauscht sie allerdings nur mit Personen aus, die sie als vertrauenswürdig einschätzt. Dabei setzt sie die Schwerpunkte an den gleichen Stellen, die bei dem großen Vertrauensbruch ihrer Schwester verletzt wurden. Auffällig ist auch ihre fröhliche Art, die sich nur gegenüber

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Freundlich, mitfühlend, diszipliniert – Werte und Normen


vertrauteren Personen auch mal in ein ernsteres und emotionaleres Ich verwandelt. Ursache hierfür ist ihr starkes Bedürfnis nach Gesellschaft und Zuneigung. Es veranlasst sie dazu, sich lieber bis zu einem gewissen Grad nach dem von ihr selbsterdachten Wunsch des Gegenübers zu verstellen, statt ihre Bezugspersonen durch einen emotionalen Ausbruch zu verschrecken. Dieses Verhalten lässt neben der gewünschten finanziellen Absicherung ebenfalls auf ein hohes Sicherheitsbedürfnis schließen. Das letzte von Steffi erwähnte Bedürfnis ist das nach Hygiene. Da sie viel Sport treibt, muss sie täglich mindestens zweimal duschen, um sich wohl zu fühlen. Dabei ist statt krampfhaftem Waschzwang oder Keimphobie jedoch der Gedanke ausschlaggebend, nach guten, sportlichen Düften zu riechen, um gesellschaftlich anerkannt und akzeptiert zu werden.

Die für Steffi besonders wichtigen persönlichen Gegenstände passen zu den bisherigen drei Beweggründen. Das wichtigste Objekt für sie ist ihr Armband von Pandora. Sie hat es zum 18. Geburtstag von ihrer Familie geschenkt bekommen und erhält seither zu besonderen Anlässen einen neuen Anhänger. Insgesamt besitzt sie 16 dieser sogenannten Charms,die sie alle einzelnen Personen und Ereignissen zuordnen kann. Der Wertursprung dieses Gegenstandes ist ergo die Erinnerung an enge Verwandte und Freunde sowie die bedeutungsvolle symbolische Nähe zu diesen. In Sterling-Silber gehalten kosten das Armband und jeweils ein Anhänger mindestens sechzig Euro, womit sich ein weiterer Besitzgrund für den repräsentativen Status von finanzieller Sicherheit und Erfolg erschließt. Was zuletzt auffällt, ist die Auswahl der zum großen Teil nahezu kindlichen Charms. Sie passen gut zu Steffis noch recht naivem Charakter, der nach wie vor elterliche Nähe und Geborgenheit sucht. In der Reihenfolge der Bedeutsamkeit

folgt Steffis silberne Halskette gleich dahinter. Auch diese hat sie zum 18. Geburtstag von ihrer Großmutter geschenkt bekommen, der sie sehr nahe steht, was auch hier den primären Besitzgrund auf symbolische Nähe einer geliebten Person festlegt. Sie sagt selbst, dass das Aussehen dieser Kette zweitrangig ist, allerdings passt sie vom Erscheinungsbild genau zu ihrem Armband. Zudem hängen auch an ihr ein Notenschlüssel und ein Herz, die ihr Interesse für Chormusik symbolisieren. Ergo ergibt sich auch hier ein Sekundärgrund des repräsentativen Charakters fremden Personen gegenüber. Ähnlich des Armband, hat auch Steffis Figurensammlung eine große Bedeutung als Erinnerungs- und Sammelstück. Auch diese Objekte hat sie einzeln zu speziellen Anlässen geschenkt bekommen, sodass jedes für sie ein Stück der Familie symbolisiert. Der Stil der Figuren passt bis auf den Aspekt der naiven Kindlichkeit nicht zur restlichen Einrichtung ihres Zimmers, was auch gegen eine Vorliebe für Kitsch spricht. Steffis Plüschteddybär, welchen sie von ihrer Tante zur Geburt bekommen hat, belegt abermals ihre innige Beziehung zu Familie und Verwandtschaft. Der Fakt, dass sie ihn trotz klarer Abnutzung und fehlendem Auge noch behält, zeigt den ideellen Wert des Teddys. Zudem könnte er durch seine Funktion als Kuscheltier auch direkt ihr Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung befriedigen. Ihr Smartphone ist Steffi ebenfalls sehr wichtig. Bereits nach einer Stunde ohne Handy im direkten Blick muss sie kontrollieren, ob ihre Kontakte etwas Neues zu berichten haben. Somit ist der Hauptnutzen der direkte Kontakt zu allen wichtigen Personen, den sie auf intensivste Weise nutzt. Deswegen musste es für Steffi auch ein Smartphone mit ausklappbarer Hardware‐Tastatur sein, da man damit viel schneller schreiben könne. Dass eine Taste bereits nicht mehr wirklich funktioniert, unterstützt die hohe Frequenz der Interaktionen. Allerdings ist ihr Handy, im Gegensatz zum Schmuck, kein Symbol für Wohlstand nach außen, da es trotz kurzer Nutzungsdauer auch äußerlich bereits deutliche Abnutzungsspuren aufweist. Auch ihre persönlichen Daten auf dem Smartphone sind ihr nicht wichtig. Somit wird ihr Handy ausschließlich zum modernen Sprachrohr ihres Bedürfnisses nach Kontakt und Zuneigung. Klare Repräsentations-Funktion haben hingegen Steffis Sportsachen. Sie weisen deutliche Gebrauchsspuren auf und vermitteln somit eine häufige Nutzung. Zudem sind sie farblich aufeinander abgestimmt. Sie sollen unterbewusst ihre zahlreichen Trainingsstunden und Aufwendungen für ihr großes Hobby verkörpern und nach außen tragen. Im inneren Dialog symbolisieren die abgenutzten Kleidungsstücke vor allem Grenzüberschreitung und Leistungsfähigkeit. Zudem ist Sport für sie der perfekte Ausgleich zum arbeitsreichen Universitäts- und Arbeitsalltag, der sie abschalten lässt und trotzdem das Gefühl vermittelt, erfolgreich zu sein. Die wichtigste Rolle, sowohl im internen, als auch im externen Dialog spielen allerdings Steffis Lieblingsturnschuhe der Sportmarke Hummel. Für sie selbst repräsentieren ihre Sneaker, durch das markant sportliche Aussehen gepaart mit der hohen Bequemlichkeit, genau ihr Wunschbild der angenehmen, aber aufmerksamkeitserregenden Leistungsfähigkeit.

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Gestärktes Selbstbewusstsein – Identitätsgefühl und Probleme Steffi behauptet, von sich selbst grundlegend überzeugt zu sein und über ein positives Identitätsgefühl zu verfügen. Sie gesteht sich allerdings auch gewisse Makel zu, die mit ihrer Leidenschaft für Essen zusammenhängen. Ihre körperliche Offenheit, auch Halb-Fremden gegenüber, bestätigt dies. So führen sowohl ihre beruflichen, als auch besonders ihre sportlichen Aktivitäten zu einer deutlichen Anhebung des Selbstbewusstseins. Absolute Zufriedenheit scheint es jedoch nicht zu sein, da sie ihre Kleidung durchaus bedacht wählt und auch bestätigt, gewisse Stellen kaschieren zu wollen. Zudem versucht sie ihre aktive Lebenshaltung, auch durch die Kleidung nach außen zu tragen und kombiniert so den Vertuschungsfaktor von lockerer Kleidung mit dem Symbolcharakter von Sportmode. Dabei muss es sich nach ihrer Aussage nicht zwangsweise um Markenkleidung handeln. Wichtiger sei der sportlich bequeme Charakter.

Verdinglichte Emotionen und Erinnerungen – besondere persönliche Gegenstände


Diese Werte sind zusammen mit dem Image der Insidermarke, als besonders guter Sportschuhhersteller, auch genau das, was sie nach außen vertreten möchte. Sie fühlt sich in diesen Schuhen am wohlsten und erfährt zudem am meisten Beachtung anderer. Somit erfüllen die Turnschuhe auch den Nebennutzen der Zuneigungsbefriedigung, wenn auch nur zu einem geringen Teil. Zudem stimmt sie ihre Sneaker gern mit dem restlichen Outfit ab, um die Chance, Beachtung und Zustimmung zu finden, noch zu erhöhen und ein gutes Stilbewusstsein widerzuspiegeln.

Schuhe als Aushängeschild – Warenfetischismus Da Steffi geschätzte 18 Paar Hummel-Turnschuhe besitzt, die allesamt nahezu identisch aussehen und sich hauptsächlich nur durch die Farbkombinationen unterscheiden, kann man hier auch von einem Fetischismus diesen Objekten gegenüber sprechen. Kein Wunder, sind sie doch die Symbiose aus sportlich erfolgreichem Image und Bequemlichkeit, dass sie so gern darstellen möchte, um ihren hohen Grad an Aktivität und Erfolg sichtbar zu machen. Zudem sind Sneaker heutzutage für viele nahezu schon ein Aushängeschild für einen modernen Lifestyle, der zusätzlich eine recht klare Verbindung zu Steffis favorisierter Musikrichtung, der Black Music, besitzt.

Sicherer Konsum – Besitz oder Konsum Trotz der fetischistischen Vorliebe für Sneaker geht Steffi nicht übertrieben sorgsam mit ihnen um. Für sie sind es Gebrauchsgegenstände. Zudem müsse ein Turnschuh nun mal abgenutzt aussehen. Diese Einstellung könnte ähnlich wie bei der Sportkleidung daher kommen, dass für sie dadurch ihr hoher Aktivitätsgrad klar sichtbar wird. Allerdings legt sie diese Konsumeinstellung auch anderen Wertgegenständen gegenüber an den Tag. Ihr Smartphone beispielsweise trägt sie ohne Schutzhülle mit sich und wirft es nach der Heimkehr lieblos auf ihren Schreibtisch, was den einen oder anderen Kratzer zur Folge hat. Auch sonst sieht sie sich selbst als konsequenten Wegschmeißer, solang keine Erinnerungen an geliebte Personen an den Dingen hängen. Einkaufen macht ihr nicht wegen des Kaufens an sich Spaß, sondern weil sie sich mit Kleidung neu zu definieren versucht. Auch beim Einkauf von sonstigen Wertgegenständen steht die effiziente Nutzbarkeit im Vordergrund. Schmuck lässt sie sich deswegen auch lieber schenken, da sie somit neue Erinnerungsgegenstände bekommt und sie noch beliebter zu sein scheint. Nur wenn es um Geld geht, tendiert Steffi klar zum Besitztyp dieser virtuellen Ressource. Sie spart ihr durch Nebenjobs verdientes Geld auf einem Konto für größere Anschaffungen wie die Renovierung ihres Zimmers vom Jugend- zum Erwachsenen-

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zimmer, was nochmals ihren Umbruch vom Jugendlichen zum Erwachsenen verdeutlicht. Grund für ihr sparsames Verhalten in diesem Bereich ist ihr großes Bedürfnis nach Sicherheit und Divergenz zur unselbstständigen Schwester. Protziges Verhalten legt sie nicht an den Tag, was das Ausstrahlen von Erfolg höchstens auf eine für sie selbst reduzierte Ebene beim Betrachten ihres digitalen Möglichkeitsraumes begrenzt.

Versuch – Position in sozialen Gruppen Ein weiterer Punkt, der klar Steffis Bedürfnis nach intensiver sozialer Interaktion, Kontakt und Nähe bestätigt, ist ihre Position in sozialen Gruppen. Sie berichtet über mindestens sechs verschiedene Freundeskreise, in denen sich verschiedenste Menschengruppen anfinden. Dabei habe sie sowohl gleichaltrige als auch deutlich ältere Freunde. Sie sagt selbst, dass einige Personen durchaus Ersatzfiguren für familiäre Charaktere seien könnten. So scheint sie die familiäre Nähe maximieren und fehlende Zuneigung ersetzen zu wollen. Ihre Rolle sei dabei in den verschiedenen Gruppen etwa gleich, wobei hier aufgrund ihres Bedürfnisses nach Akzeptanz und Vertrauen zu vermuten ist, dass sie gewisse Anpassungs- und Offenbarungsstufen ihrer Persönlichkeit hat, zwischen denen sie je nach Situation wechselt. Anzunehmen ist in dieser Verbindung ebenfalls, dass sie ihren Freunden gegenüber eine gewisse Kategorisierung nach Intensität des Beziehungsverhältnisses betreibt. Eine narzisstische Vorliebe gegenüber Gleichgesinnten lässt sich jedoch nicht konkret festmachen, da sie aufgrund der Vielfalt an Bekanntschaften sowohl mit Meinungsgenossen, als auch mit anders Denkenden verkehrt. Eher realistisch ist es, dass sie gerade diese Vielfalt braucht, um sowohl mit Menschen gleicher Gesinnung über gemeinsame Hobbys zu reden, andererseits aber auch gesinnungsfremde Personen benötigt, um sich ihre Aktivität in dieser Region akkreditieren zu lassen, somit ihren Erfolg zu zeigen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken.

Zusammenfassung Steffi befindet sich in einer Umbruchphase zwischen Jugendlichkeit und voller Erwachsenen-Identität. Dabei versucht sie, sich durch mannigfaltige Beschäftigung klar als erfolgreich und selbstständig von ihrer negativ wahrgenommenen Schwester zu differenzieren. Die nach wie vor benötigte familiäre Nähe erlangt sie dabei ersatzweise von ihrem stark vergrößerten und klar nach Nutzen bzw. Gesinnung kategorisierten Freundeskreis. Das dabei nicht ausbleibende positive Feedback über ihre Tüchtigkeit und ihren nach außen repräsentierten Erfolg ist dabei ein nicht minder wichtiger Faktor für ihre hohe Konnektivität. Letztendlich ist eine wirkliche Individualisierung ihrer Person noch nicht erfolgt, da sie versucht in die erfolgreichen Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Text und Bilder von Benjamin Erxleben

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Suche nach einer ihr entsprechenden Geldbörse, zeigte sich als Herausforderung, denn die Identifizierung mit diesem Gegenstand sollte mit einer positiven Assoziation behaftet sein, um bei der täglichen Benutzung ein angenehmes Gefühl hervorzurufen. J ennife r K uhl

Ausgewählte Stücke – Informierter Konsumkauf Saphira zog mit ihrem Freund vor einem Vierteljahr von Saarbrücken nach Berlin. Wie bei jedem Umzug brachte auch dieser Dinge zum Vorschein, die längere Zeit unbeachtet in einer Kiste auf dem Schrank, unter dem Bett oder im Keller lagen, um sie in einen Umzugskarton sicher zu verstauen. In der neuen Wohnung angekommen, wird nur ein kleiner Teil ihres Hab und Guts in dem geräumigen Zimmer abgestellt. Ihre Möbel und ein großer Teil ihres Haushaltes werden in einem Container gelagert, der sich zirka fünf Kilometer von ihrem neuen Wohnort befindet und jederzeit zugänglich ist. Aber es ist kaum möglich, in dem Container aus der Masse der Dinge etwas spezielles zu finden. Saphira und ihr Freund, Herr König, wählten vorerst eine Wohngemeinschaft, um eine ideale Wohnung zu suchen und einen angenehmen Studienbeginn zu ermöglichen.

Konsumgüter eingelagert – Besitztümer ausgelagert

Zehn Dinge – eine Minute Ich fordere Saphira auf, innerhalb einer Minute zehn Dinge aufzählen, die ihr wichtig sind und zehn Dinge, die sie nicht ausstehen kann. Wichtige Dinge fielen ihr sofort ein: »Familie, Natur, Freunde, Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Wohlsein, Lachen«, bei den negativen Dingen kam sie ins Stocken: »Nazis, Vorurteile, Streit, Hass, Unglück, Krankheit, Tod.«

Punkt Eins – Familie Ihre Verbindung zu der Familie zeigt sich auch in ihren Besitztümern und Konsumgütern – wie zum Beispiel einem Weihnachtsgeschenk von ihrem Papa, Stefan. Es ist ein aus braunem Leder gefertigtes Portemonnaie, nicht größer als ein Ausweis, aber wegen der Kalenderblätter, die sie als Notizbuch nutzte, sehr dick. An der Seite befand sich ein kleiner Stift. Eine Schlaufe zum Zuknöpfen hielt alles zusammen. Es war sechs Jahre lang ihr täglicher Begleiter, welches ihre Identitätsnachweise in sich trug: Ausweis, Führerschein, Kreditkarten, ADAC-Mitgliedschaft, bis es bei einem Einkauf aus ihrer Tasche heraus geklaut wurde. Die Rennereien und unzähligen Telefonate, um alles neu zu beantragen, störte sie weniger, aber der Verlust von ein paar Briefchen ihrer Familie, stimmte sie immer wieder traurig. Die Karten erhielt sie umgehend, jedoch ihrem Papa konnte sie bislang nicht gestehen, dass sein Geschenk den Besitzer gewechselt hatte. Ein kleines Täschchen mit langen, verstellbaren Riemen dient nun als vorläufiger Ersatz. Es unterteilt sich in zwei Fächern mit jeweils einem Reißverschluss von dem Label Quicksilver. Die

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Lebensmittel wählt Saphira sehr bewusst aus regionalen Produkten aus. Ihre Eltern legten ihr stehst nahe, ökologisch und bedacht zu konsumieren. Fleischwaren bezieht sie vom Bauernhof ihres Vaters. Mit leuchtenden Augen berichtet sie über die Päckchen, die ihr Stefan und seine Frau liebevoll mit selbst angefertigten Pralinen, hausgemachter Wurst oder Marmelade, hin und wieder zukommen lassen. Für ihre Garderobe bevorzugt Saphira Fairtrade-Produkte, Organic Fashion und das ein oder andere Kleidungsstück von jungen Modelabels aus Berlin. Mit einem warmen Lächeln im Gesicht verweist sie auf ihre gestrickten Socken und erinnert sich an die Puppenkleidung, die ihre Großmutter einst für sie strickte. Geschenke von Familie und Freunden behandelt sie behutsam, so wie das grazile Armkettchen ihres Freundes, welches in einer mit Samt ausgelegten Schatulle aufbewahrt wird. »Ich glaube der Verlust oder die Zerstörung eines Geschenkes bedeutet den Verlust von dem Menschen, der es verschenkte«, äußerte sie und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Meine Mutter verließ mich und meine zwei Schwestern in jungen Jahren, so dass unser Papa uns aufzog. Ich habe wenige Eigenschaften meiner Mutter. Glücklicherweise! Trotz alle dem, seit einigen Jahren telefonieren wir miteinander und zu Festtagen sehen wir uns auch mal.«

Hör – Spiele Ein kleiner Koffer voll mit Hörspielen und Astrid Lindgren-Büchern stand immer zum Weglaufen bereit. Als kleines Mädchen lief sie damit zu dem nicht allzu weit entferntem, im Wald verstecktem Baumhaus, wenn sie traurig war oder es Streit gab. Das Köfferchen ist eines der wenigen Stücke, das aus der gemeinsamen Zeit mit ihrer Mutter, Regina, erhalten blieb. Der Spielzeugkoffer mit den Kinderbüchern und den Kassetten fand inzwischen einen neuen Platz, im Zimmer ihrer Nichte. Jedoch ein Hörspiel, Das Schlossgespenst von Saarbrücken von Peter Tiefenbrunner, das sie im Container bei all den anderen mit Emotionen aufgeladen Dingen verstaut hat, blieb in ihrem Besitz. Diese Geschichte hörte sie als Kind zum Einschlafen. Ihre Lieblingsfigur war der Roboter. Saphira fing an zu schwärmen: »Ich lauschte so gern seiner Stimme, wie der Roboter sein aufregendes Abenteuer

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im Gespensterschloss bestritt und unglaublicher Weise höre ich dieser Stimme noch heute zu, nur ist es keine Gespenstergeschichte mehr, sondern mein Freund, der mit mir zusammen lebt.« Lange Zeit hatte sie das alte Köfferchen vergessen gehabt, bis sie bei seiner Mutter über diese alte Kassette stolperte. Die Sozialpädagogik-Studentin ist noch immer von Hörspielen mit Meisterdetektiven gebannt, insbesondere von Sherlock Holmes. Die Detektive stellen sich kniffligen Fällen, spüren Augenzeugen auf, widmen sich dem Opfer und befragen Verdächtige. Sie spüren abweichendes Verhalten, decken Geheimnisse auf und erkennen jeden noch so kleinen Hinweis, sammeln alle Beweise und ziehen aus diesen kreativste Schlüsse, bis die Tat stichfest aufklärt wird. In der pädagogischen Arbeit sind überlegte, vorsichtig gestellte oder auch provokante Fragen und Aussagen in Gesprächen mit Betroffenen ebenfalls elementar, um Vertrauen zu wecken oder das Gegenüber wütend zu machen, um den Grund seiner Verhaltensweisen, Ängste oder tief sitzende Probleme zu erkennen. Die Charaktere Holmes und Dr. Watson verkörpern starke Leitbilder für Saphira. Kein Fall wird aufgegeben, ein Fehltritt veranlasst die Spürnasen, ihre Strategie zu überdenken oder vollständig zu verwerfen und einen neuen und waghalsigen Plan zu entwickeln. Jeder Fall wird von Sherlock Holmes bewältigt. In der Sozialarbeit ist allerdings solch eine Erfolgsquote ein Wunschbild.

Kitschige Besitztümer – ausgelagert Saphira und ihr Freund, Herr König, fangen skurrile Dinge, schnelllebige Menschen und sonderbare Momente, vielleicht auch das ein oder andere Wunschbild, mit einer handlichen Canon Digitalkamera ein und lassen am Ende des Tages durch die Fotografien ihren Tag Revue passieren. Kitschige Dinge, wie die Figur einer kreischenden Seemöwe, Espandrillos, ein überdimensionaler Strandhut, gesammelte Muscheln und angeschwemmtes altes Holz, waren in der Wohnung verteilt. Diese Dinge erinnerten an ihre Urlaube und Unternehmungen. All dieser Kitsch verteilt sich nun in einigen Kartons im Container. Diese Erinnerungsträger sind vorerst ausgelagert, bis die Wohnungssuche erfolgreich ist und diese Dinge wieder einen Platz erhalten. Saphiras Vorstellungen und Ideale von einem neuen Heim in Berlin sind sehr klar: Es soll eine modernisierte Altbauwohnung in einer ruhigen Seitenstraße im Stadtzentrum sein, mit Dielenboden und mindestens zwei lichtdurchfluteten Zimmern ausgestattet. Ein kleiner Balkon, vielleicht sogar mit Aussicht auf einen Park oder kleinen Cafés, wäre erfreulich. Dem würden sie mit Gemüse und Kräutern Leben einhauchen. Die eigene Ernte gäbe ihr ein Gefühl der Autonomie. An warmen Tagen säße sie bis in die Nacht hinein mit Freunden bei einem Bier und ließe sich von Food-Design-Magazinen und Blogs zu neuen Gerichten inspirieren. Text und Bilder von Jennifer Kuhl

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V e r o nika Teichmann

Jelena

Wir sitzen auf dem Dielenboden, in unserer Mitte ein Schälchen mit Lebkuchenherzen, aus dem wir uns bedienen können. Jelena hat ihre Beine zu einem lockeren Schneidersitz übergeschlagen, den Rücken ans Bett gelehnt. In der Hand hält sie ihren Becher schwarzen Tee, den auch wir erhalten haben – je nach Wunsch mit oder ohne Zucker. Weil es bereits Abend und für Jelena absehbar ist, dass sie zu Hause bleibt, trägt sie die viel zu große dunkelblaue Schlafanzughose, die mal ihrem Vater gehörte. Jelena befindet sich in einer Übergangssituation. Das Zimmer um uns herum bewohnt sie nur für den kurzen Zeitraum von drei Wochen, bis der Freund von Freunden aus seinem Thailand-Urlaub zurückkommt. Dann zieht sie wieder los – zu anderen Freunden-von-Freunden.

Schmuck Beim Packen für die bevorstehende Zeit in Berlin achtete Jelena auf die praktischen Anforderungen der Dinge und sparte beim Emotionalen. So nahm sie nicht etwa ihre Lieblings-Kleidungsstücke mit, sondern diejenigen, die untereinander kombinierbar sind. Zu den wenigen Dingen, die Jelena am Herzen liegen, gehören zwei Fotos und eine Auswahl an Schmuck. Zu jedem Schmuckstück, das ausgebreitet auf einem niedrigen Tisch neben dem Bett liegt, gibt es eine kleine Geschichte zu erzählen. So trägt Jelena den Ring ihrer Mutter deshalb so gern, weil er sie an ihre Kindheit erinnert. Damals sah sie den goldenen Ring oft an der Hand ihrer Mutter. Oben auf dem Ring sitzen zwei Sterne, aus denen weißglitzernde Steinchen hervor blitzen. Die goldschwarze Uhr, von Jelena selbst ausgewählt, war ein Geschenk ihrer Familie zum 30. Geburtstag. Durch Design und Größe strahlt sie Qualität und damit Wohlstand aus. Eine Uhr zu haben, bedeutet Reife, erwachsen sein, Termine einhalten müssen. Das möchte man ab einem gewissen Alter auch einfach zeigen. Jelenas goldschwarze Uhr ist aber nicht nur einfach ein Zeitmesser, sondern auch ein Schmuckstück. Sie zeigt damit ihr ausgeprägtes Bewusstsein für Ästhetik. Familie, das ist für Jelena heute die Mutter, die ältere Schwester und der langjährige Freund. Ihr Vater verstarb an Krebs als Jelena 21 Jahre alt war. Für Uhren konnte er sich aber immer sehr begeistern und reparierte gerne Jelenas erste Uhr, die ein Pharmareferent ihrer Mutter als Werbegeschenk mitbrachte. Der Besitz einer so hochwertigen Uhr ist für Jelena deshalb auch

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eine Verbindung zu ihrem Vater, ein »Weiterleben-Lassen« seiner Begeisterung für Ziffern, Zeiger und mechanische Rädchen. Auch wenn Jelena sich als visueller Mensch eher an der ästhetischen Form als dem technischen Aufbau der Uhr erfreut.

Fotografie Aus zweierlei Gründen liest Jelena Magazine. Zur Entspannung blättert sie gerne durch die Tratschzeitschrift InTouch. Dabei könne sie die Bilder an sich vorbeiziehen lassen und bräuchte nicht zu denken. Wenn Jelena jedoch ein Magazin mit guter Modefotografie anschaut, ist das für sie ein ähnliches Erlebnis wie eine Kunstausstellung zu besuchen. In dem Moment, wo der Dreiklang aus Model, Mode und Setting stimmt, wird Modefotografie für Jelena zu Kunst. Ansonsten bleibt es fotografierte Kleidung. Aus Leidenschaft für dieses Handwerk kauft sich Jelena ab und zu hochpreisigere Zeitschriften wie Flair oder Vogue. Diese schaut sie sich dann mit dem intensiven, wissbegierigen Blick von Jemandem an, der ein Geheimnis zu entschlüsseln versucht. Für die Fotografen empfindet sie große Verehrung. Auch zum Thema Fotografie gibt es eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte, wie Jelena zur Fotografie kam. Das geschah im Alter von 15  Jahren beim Blättern durch die Vogue, als ein Schwarzweiß-Bild eines hübschen Models mit Locken und einem Puffärmel-Kleid Jelena so in den Bann schlug, dass sie sich vornahm, den Beruf des Fotografen zu erlernen. Noch heute erinnert sie sich an die bildgebenden Elemente, am stärksten jedoch an die Bildstimmung.

Russisch Jelena ist mit elf Jahren nach Deutschland gekommen. Ihre Familie wollte in Deutschland ein neues Leben aufbauen und dazu gehörte auch, dass sie deutsch sprachen, sich deutsch verhielten und deutsch aussahen. Gerade weil Jelena das »Russisch-Sein« so unbedingt ablegen wollte, entwickelte sie ein sehr gutes Gespür für alles russisch Wirkende an ihr. Nicht nur, dass Goldschmuck aus der Sicht von jungen Mädchen unheimlich an alte Frauen erinnert, auch aus einem anderen Grund wäre ihr Goldschmuck untragbar gewesen: Der rötliche Ton, der russischem Gold zu eigen ist, hätte Jelenas Herkunft verraten. Heute geht Jelena mit ihrer Herkunft offener um. Ja, fast provozierend deutlich. Sie besitzt zum Beispiel diese Handytasche aus Stoff mit einer aufgenähten Matruschka. Menschen, die sich ein Bild von ihr machen, will sie auf eine ironische Weise darin bestätigen, wie russisch sie ist. Dies tut sie, indem sie sich eines Kitschsymbols bedient und mit ihm spielt. So nähert Jelena sich ihrem Selbstbild als deutsch-russische Frau auf selbstironische Weise an. Zu Hause hat Jelena Matruschkas stehen, die sie sich im Nachhinein aus Russland hat schicken lassen. Aber auch hierbei geht es eher um den Spaß am Spiel mit dem Symbol, als um eine wirkliche persönliche Bedeutung dieses Gegenstandes. In einer Beziehung ist Jelena jedoch eindeutig russisch: Beim Essen. Pelmeni, Wareniki,

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Borschtsch ... die russischen Gerichte liebt sie über alles. Wie sie zu Hause am Tisch sitzend in stundenlanger Handarbeit leckere Pelmeni zubereiten, davon kann Jelena ausgiebig schwärmen. Teig ausrollen, Füllung zubereiten, und am Ende viele, viele Hände mit gefüllten Teigtaschen auf Vorrat einfrieren zu können, ist für sie eine schöne gesellige Beschäftigung. Das freut nicht zuletzt die Gäste, die – jederzeit willkommen – mit Herzlichkeit empfangen und auf russische Weise verköstigt werden.

Kleidung Besäße Jelena sehr viel mehr Geld, dann lägen in ihrem Schrank ganz andere Kleidungsstücke und mehr davon. Sie hätte gerne die Auswahl, um feinere Nuancen der Stimmung und der Persönlichkeit darin auszudrücken. Wahrscheinlich würde sie sich dann aber auch sehr schnell wieder von Sachen trennen können, denn jedes einzelne Stück hätte nicht mehr so eine große Bedeutung. Mode ist für Jelena etwas Reizvolles, aber Vergängliches. Sie liebt die Möglichkeiten, die Mode verspricht. Sich auszuprobieren und durch die optische Verwandlung das Gefühl zu haben, sich auch im Innern verändert zu haben. Mode ist für Jelena wie ein Spiegel der Seele und der Persönlichkeit. Manches Kleidungsstück, das sie beim Herumstreifen durch Geschäfte anprobiert, ist eher das Bild eines potentiellen Ichs. Sie würden eine Jelena betonen, die sie gern mal werden würde oder auch nur ab und zu gern wäre. Nach Berlin hat sie nämlich dann doch nur Kleidung mitgenommen, die hauptsächlich bequem ist und in der sie sich ganz wie sie selbst fühlt, die nicht eine bestimmte Seite an ihr hervor streichen. Das rot gestreifte Kleid oder die abgeschnittene, fransige Hose sind zwei Kleidungsstücke, für die sie sich aufgrund der guten Kombinierbarkeit entschieden hat.

Raum Vielleicht fühlt Jelena sich in Deutschland wohl. Auf jeden Fall fühlt sie sich sicher vor Gewalt und auch einigermaßen fair behandelt. Das hat sie beim Heimkommen von einer Reise nach St. Petersburg gespürt. Innerhalb Deutschlands kann sie aber keine Region nennen, die für sie Heimat bedeutet. Es gibt Städte, in denen sie sich spontan wohl fühlt und andere, in denen für sie gar kein gutes Gefühl entsteht. Ein Raum, in dem sie sich besonders wohl fühlt, ist jedoch die Küche. Die Küche war in ihrer Familie der Versammlungsort. Dort wurde gemeinsam gegessen und geredet und viel gemeinsame Zeit verbracht. Zentrum dieser Familienzusammenkünfte ist für Jelena der Tisch. Gemeinsam an einem Tisch zu sitzen bedeutet für sie eine gute Unterhaltung zu führen. Sie kann sich dort besser konzentrieren als

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zum Beispiel auf der Couch. Essen und Getränke in der Mitte des Tisches dürfen nicht fehlen, denn sie laden zum längeren Verweilen ein. In ihrer nächsten Wohnung möchte Jelena in die –  meist eher nach praktischen Gesichtspunkten angelegte – Küche ihre persönliche Note einbringen. An einem großen Tisch sollen bis zu sechs Leute auf bunt zusammengewürfelten Stühlen Platz haben. Darüber soll sich eine Magnetwand befinden, an die man kitschige Postkarten oder Erinnerungsfotos heften kann und so immer gleich einen Anlass für Gespräche hat. Stühle, die Jelena sich für ihre Küche vorstellen könnte, wären ein roter Plastikstuhl und ein brauner Vintage-Stuhl aus Holz und Metall, die wir in einem Möbelprospekt gesehen haben. Die Stühle könnten aber genau so gut auch vom Flohmarkt sein. Eine einheitliche Sitzgruppe kann sie sich jedoch gar nicht vorstellen.

Vielfalt Vielfalt passt in mehrerlei Hinsicht besser zu Jelena als Einheitlichkeit. Zum Einen befindet sie sich gerade in einer großen Umbruchphase, dem Übergang vom Studium zum ersten Job. Auch ihre derzeitige Wohnsituation ist einem stetigen Wandel unterworfen. Zum Anderen kennt Jelena diesen Zustand sehr gut, denn seit ihrem elften Lebensjahr bewegt sie sich selbstverständlich zwischen zwei Lebenswelten. Zur russischen und deutschen Weltsicht gesellten sich noch Erfahrungen mit der amerikanischen und australischen Mentalität. Aus all diesen Lebensweisen schöpft Jelena die am besten zu ihr Passende.

Aufräumen Am Ende des Abends entschuldigt sich Jelena bei uns, da sie uns aufgrund ihrer langen Ausführungen so viel Zeit geraubt habe. Auch weil sie nicht aufgeräumt hat, bevor wir kamen. Für sich braucht Jelena das Aufräumen nur machmal, wenn in ihrem Kopf zu viel Chaos herrscht. Dann hofft sie, dass sich die Ordnung der Dinge auf ihre Gedanken überträgt. Doch für Gäste räumt Jelena immer auf und putzt die Wohnung auf Hochglanz. Sie möchte die Erwartungen der anderen Menschen erfüllen und wünscht sich, sie mögen gut von ihr denken. In Jelenas Verhalten steckt eingeübte Konvention. Viel mehr jedoch eine sehr große Gastfreundschaft und der Wunsch, es für andere schön zu machen. Text und Bilder von Veronika Teichmann

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eva j . Sch ö nfeld

»Nenn mich … hm. Sofie. – Von Sofies Welt? – Oh, hm stimmt. – Ah, das Buch muss ich auch noch lesen. – Mit ph? – Ja auf jeden Fall.« Sophie trägt einen blauen Kaftan. Sitzt in der Ecke der Couch, zu Hause bei Ihren Eltern und schlürft den aufgeweichten Schaumkuss von ihrem Tee. Es hat etwas von Weihnachten bei Micky Maus. Der Tannenbaum steht in der Ecke diagonal gegenüber, reicht bis zur Decke und ist mit roten und naturfarbenen Anhängern aus Holz behangen. Kein Lametta, kein Glitzer und dennoch glitzert es im Zimmer. Auf den alten Möbeln ruhen Pyramide, Kerzen und einzelne Holz- und Keramikdekorationen. Über die Wände reiht sich eine Bücherwand an die nächste, nicht erdrückend, eher gemütlich, warm, freundlich, gerade jetzt im Winter. Die Bücherwand erinnert auf den ersten Blick an alte Bibliotheken: historische Wälzer, politische Debattenbücher, alte und neue Lexika stapeln sich in den dunkel gebeizten Holzregalen, dazwischen stecken vereinzelt Märchenbücher, DDR-Kunstbücher, Reiseführer. Über Weihnachten ist sie bei ihren Eltern, wie auch manchmal am Wochenende, also treffen wir uns hier. Für Sophie ist dieser Ort wie Urlaub, man höre hier im Gegensatz zu Friedrichshain Vögel zwitschern. Sophie ist eine Art Höhlenbauer. Ihre Wohnung ist ihr Nest, ihr Zimmer ihre Höhle. Ihr Zimmer in ihrer WG in Berlin Friedrichshain ist klein und voll. Das mag sie auch an britischen und französischen Altbauwohnungen, das verwinkelte, kleine, persönliche. In ihrem Zimmer ist immer gedämpftes Licht. Es gibt Lichterketten, bedruckte Stofflampen, Papierlampen mit Tüchern abgedunkelt die warme, farbige Lichtinseln im Raum schaffen. Die neueste Lampe ist eine Drehlampe, deren Bildmotiv bunte Bilder an die Wände wirft. Durch die aufsteigende Wärme dreht sich das Motiv langsam und gleichmäßig. Sie hat zwei Motive zur Auswahl: Das eine ist in Blau gehalten und zeigt Den kleinen Prinzen von Christian Morgenstern. Das andere hat ihre Schwester gemalt, eine illustrative Weihnachtslandschaft. Den kleinen Prinzen hat sie sich gewünscht, das zweite Motiv war eine Überraschung. Woher kommt diese Sehnsucht nach einem idyllischen Paradies namens Wohnung? »Es ist mein Rückzugsort. Mein geschützter Bereich.« Sie baut sich in jeder Wohnung

»Übermäßiger Konsum ist mir zuwider.«

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ihre neue eigene Höhle, einen Schutzwall gegen die harte Welt »dort draußen«. Sophie ist behütet aufgewachsen, nahezu unter Gewächshausbedingungen. Ihre Eltern sind auch heute noch zusammen und noch immer verliebt, eine wahre Rarität unter ihren Freunden und Bekannten. Jetzt nach der geschützten Zeit in Schule und Studium spürt sie Angst. Man erhielt BAföG, das Studium lief, die Freunde waren da, tolle Beziehungen zogen an einem vorbei. Nun ist das vorbei. Nach ihrem Studium fiel sie. Was tun in einem Leben, in dem einem laut und dank der Gesellschaft alle Türen offen stehen? Hat sie sich für den richtigen Job entschieden? Was, wenn ihr Arbeitsvertrag nicht verlängert wird? Ist Arbeit alles im Leben? Mit Sicherheit nicht, das hat sie schon für sich beantworten können. Sollte man bei einem Arbeitgeber mit finanziellen Vorteilen und Aufstiegschancen bleiben oder all das aufgeben und neu anfangen? Bald muss sie das BAföG-Darlehen zurückzahlen. Die Angst, arbeitslos zu werden, die Angst sich falsch zu entscheiden spürt sie jeden Morgen, wenn sie aufwacht. Auch der Gedanke » Ich will am büffet von an eine eigene Familie, eigene Kinder und allem na schen. dann auch die Vereinbarkeit von Beruf und « Familie drängt sich unaufhörlich in ihren Kopf. Während sich andere Menschen an einen Partner klammern, versucht sie sich ihre Kraft in ihren vier Wänden zu holen. Wenn alles einzustürzen droht, verkriecht sie sich in ihre Oase. Ebenso wie ihre Mutter, die in der Familie immer die Zügel in der Hand hielt, hat sie eine Aversion gegen finanzielle, materielle und seelische Abhängigkeiten von einem Mann. In ihrem Zimmer, in ihrer Kleiderwahl herrschen warme, gebrochene Farben vor. Schmuck und Dekorationen sind meist aus warmen Materialien wie Holz, Kork, Leder. Somit strahlt auch die Temperatur der Materialien Wärme aus. Die Heizung steht dafür im Winter auf »1« oder auf dem Stern. Jede Entscheidung ist eine Entscheidung gegen all die anderen Möglichkeiten auf der Welt. Das spiegelt sich auch in ihrem Zimmer, in ihrem Kleidungsstil, in ihren Interessen wieder. Man kann sie nicht ohne weiteres in eine Schublade stecken. In ihrem Zimmer finden sich orientalische Kerzenständer, indische Lampen, australische Straßenschilder aus Holz, chinesische Räucherstäbchen und spanische Schmuckständer. Sophie mag die Abwechslung. »Lieber verschiedene Aspekte kennenlernen, anstatt sich auf eine Sache einzuschießen« sagt sie sich. Man findet ein Surfboard, Alpin Ski, einen Taucheranzug, eine Yogamatte und einen Reithelm in der einen Ecke. Aber keine dieser Sportarten verfolgt sie ernsthaft, beziehungsweise regelmäßig. Spaß und Reiz liegen für sie im Ausprobieren, neue Eindrücke sammeln und Selbermachen statt im Zugucken. Neben dem Surfboard stehen Keyboard und Gitarre. Richtig gelernt hat sie allerdings Querflöte. Logisch. Sie will in ihrem Leben von so vielem wie möglich probieren. »Ich will am Büffet von allem naschen.« Diese Angst, etwas zu verpassen, könnte von ihren Eltern kommen. In der DDR aufgewachsen, mit begrenzten Reisemöglichkeiten, begrenzten Berufswünschen und begrenzter Gedankenfreiheit fuhr Sophie mit ihren Eltern und

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ihrer Schwester nach dem Mauerfall mit einem kleinen Omnibus soweit das Benzin reichte: Bretagne, Skandinavien, Großbritannien, Österreich, Schweiz, Bulgarien. Mit ihrer Mutter, einer Mitarbeiterin der Passagierabfertigung der Berliner Flughäfen, konnte sie kostengünstig fliegen zum Beispiel nach Amerika, Afrika, Asien. »Gerade meine Mutter predigte mir immer, dass sie sich für mich und meine Schwester wünscht, dass wir die Welt bereisen und alles sehen, erleben, fühlen. Besonders weil sie das in ihren jungen Jahren nie konnte. Und mein Vater war Journalist und Historiker – da konnte man sich dann immer die Geschichten dazu anhören.« Neben der großen Weltkarte findet man noch Landkarten von Queensland (Australien), Sevilla, Frankreich und Asien an der Wand in ihrem Zimmer. Die Karten sind Projektionsflächen für die Erinnerungen an einige besondere Reisen in naher Vergangenheit. Aber auch die werden vielleicht bald wieder Platz machen müssen für neue Bilder an den Wänden. Die Weltkarte dagegen wird hängenbleiben. Sie steht im Gegensatz zu den anderen Landkarten für all die Orte, die sie noch nicht bereist hat und stellvertretend für all ihre Wünsche und Träume in ihrem Leben. Sie ist noch nicht angekommen im Leben. Job, Wohnort, Beziehung – all diese Säulen sind ins Wanken geraten oder wackeln seit jeher. Sie überlegt, den Job zu wechseln, umziehen will sie schon lange – nur wohin? Ihre Beziehung saugt sie aus, statt Kraft zu spenden. Woher die Zeit nehmen zum Gedanken laufen lassen, planen, suchen, wenn man von Montag bis Freitag jeden Tag zehn Stunden hinter einem Schreibtisch sitzt? Auf der Weltkarte sind kleine Zettel aufgeklebt mit allerlei Projekten, Plänen und Zielen. Sie will Arabisch lernen, steht dort zum Beispiel. Sie will den kanadischen Herbst fotografieren. Sie will gebratene Insekten in Indien kosten. Die Karte hängt direkt über ihrem Bett, damit sie sie jeden Morgen beim Aufwachen ansehen kann. So falle das Aufstehen an manchen Tagen leichter. Die Karte ist vor allem Sinnbildträger für die Zukunft, Hoffnungssymbol für das, was noch kommt. Dies bezieht sich nicht nur auf mögliche Reisen in nahe und ferne Länder, sondern auf das schlichte Glück, zufrieden zu sein und anzukommen im Leben. Ruhe zu finden in dieser schnelllebigen Welt, in der einem eingeredet wird, man könnte alles schaffen, wenn man sich nur genug anstrengt. Sophie stellt ihre Tasse ab, der Eiweißschaum ist »aufgemümmelt«. Die Tasse ist eine ihrer Lieblingstassen. Früher gab es mal einen Deckel dazu, den hat ein Freund bereits zerbrochen. Die Tassen sind für sie auch ein weiteres Element um es sich gemütlich zu machen. Jede einzelne Tasse hat sie sich bewusst gewünscht oder selbst gekauft. Daher ist jede auch eine Art Lieblingstasse. »Übermäßiger Konsum ist mir zuwider.« Sie überlege zweimal, ob sie dies oder jenes wirklich braucht, sagt sie. Materialismus widert sie an. Sie fühlt sich bei vielen Menschen missverstanden und fremd. Etwas wegzuwerfen ist für sie Verschwendung. Unter ihrem Bett lugen daher viele Kisten mit Massen an Umschlägen und Versandverpackungen hervor. Alles, was sie selbst nicht braucht, verschenkt sie oder versucht es zu verkaufen oder zu tauschen. Diese Einstellung hat sie vermutlich von

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ihren Eltern und Großeltern übernommen. Sie legt keinen Wert auf materielle Dinge. Außerdem bleibt man mit wenig Besitztümern mobil. So richtig ist sie nie in ihrer jetzigen Wohnung angekommen. Alles ist noch immer in der Schwebe. Das Umziehen ist jederzeit möglich. Alle Möbel können auseinandergenommen oder verkauft werden. An keinem hängt ihr Herz so richtig. Einerseits möchte sie sich mit ihren Möbeln und anderen Elementen einen geschützten Raum bauen, andererseits hängt sie nicht an materiellen Dingen und tut dies vor allem aus Überzeugung. Das könnte wieder ein Ausdruck von dem Wunsch nach Unabhängigkeit sein, aber vor allem zeigt es ihre Sicht auf die Welt. »Bei einem Diebstahl sind die Tassen für mich weg, aber wenn sie jemand aus Trotteligkeit kaputt macht, ist der generelle Wert verloren.« Es geht ihr um den respektvollen Umgang mit all den Ressourcen, Schätzen die uns umgeben – gerade in der westlichen Welt des Überflusses. Ihre Tassen sind Einzelstücke. Sie wären nicht leicht wieder zu beschaffen. Es sind Tassen aus kleinen Läden in Paris, aus Ägypten, von Trödelmärkten, Dachböden, aber auch normale Dekoläden in Berlin. Es geht nicht im Vordergrund um eine Geschichte zu den Tassen, es geht um das Design – gefallen sie oder gefallen sie nicht. Ist das Bild auf der Tasse ihr Geschmack oder nicht. Es soll niedlich sein, wieder Behaglichkeit verbreiten. Die Motive könnte man in zwei Gruppen einteilen: die zuckersüßen, rosafarbenen, kindlichen Illustrationen sowie die eher nostalgischen Emailletassen in sattem Rot und großen Punkten. Alle Tassen haben allerdings etwas kindliches, gutartiges an sich. Auf den Tassen springen infantil dargestellte Katzen auf Lokomotiven, schlicht gemalte Elfen zaubern mit ihren Feenstab Sterne auf den Tassenhenkel und handgezeichnete Mädchen plaudern beim Kaffeetrinken. »Disney hat uns versaut.« Diese kindlichen Motive finden sich auch in ihrem Bücherregal. Man findet einige Kinderbücher und viele Kinderfilme. Es scheint, dass sie sich ihren Schutz, der sie als Kind umgab, künstlich wiederholt. Diese Nostalgie spiegelt sich auch in manchen Accessoires, wie Schmuck oder Taschen wider. Eine ihrer Lieblingstaschen wurde ursprünglich für Theatergläser verwendet. Hier vereint sich ihre nostalgische Sehnsucht sowie ihr funktional-respektvoller Umgang mit Ressourcen. Die Tasche hat sie kaputt und somit zunächst unbrauchbar bei einem Trödler erstanden. Die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten scheint sich wohltuend auf sie auszuwirken. Es beruhigt sie, sich mit solchen Gegenständen zu umgeben. Sie baut sich in der rationalen Gegenwart das geschützte Gefühl aus ihrer Vergangenheit auf, um ihre Betroffenheit, der für sie teilweise rigorosen Welt in der sie lebt, besser zu verdauen. Diese Gefühle, dieses Bestreben sucht sie in den Gegenständen, die sie umgeben. Auch in ihrem Schmucksortiment finden sich viele bronzefarbenen Teile. An ihrer Kette, die

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sie jeden Tag trägt, hängt ein bronzefarbenes Medaillon zum Aufklappen. »Wenn mich jemand fragt was darin ist, denk ich mir immer: Ey, das geht dich ’nen Scheiß an.« Es ist ein sehr kleines Medaillon, das war ihr wichtig, mit feinen geschwungenen Linien und floralen Elementen. Sie trägt es an einem Lederband um ihren Hals. Auch hier war wieder die materielle Temperatur ausschlaggebend für die Wahl der Kette. Dadurch wirkt das Medaillon sogar noch antiker und letztlich nostalgischer. Obwohl das Medaillon zum Aufklappen ist, befindet sich kein Bild darin. Sie sei noch nicht dazu gekommen, es zu bestücken. Der erneute Versuch, sich wieder nicht zu entscheiden, ist das nicht. Es sei klar, dass ein Bild ihrer Schwester darin Platz fände. Aber ihre Schwester ist da, sie wohnen zusammen, sehen sich jeden Tag, schreiben sich pro Tag viele blödsinnige Nachrichten. Sie ist real da, sie muss nicht konserviert werden. »Wenn ich sterbe, kriegt meine Schwester meine Lebensversicherung ausgezahlt. Die kann sie dann für ihre Therapie nehmen, welche sie dann brauchen wird.« Sophies Welt wurde in letzter Zeit und wird noch immer erschüttert. Ihre Identität wurde von allen Seiten angegriffen. Personen und Elemente, auf die sie sich verlassen konnte, die ihr Kraft gegeben haben, sind weggebrochen. Daher erscheint es nicht verwunderlich, dass sie ihre Kraftquelle nicht in einem weiteren Menschen sucht, der sie enttäuschen könnte. Sie sehnt sich in eine Vergangenheit zurück, in der ihre Säulen noch stabil standen. Ihre Objekte sichern sie, geben ihr ein gutes Gefühl, bekräftigen sie in ihrer Person und festigen somit wieder ihre verlorene Identität. Text und Bilder von Eva J. Schönfeld

L i s a K nüve r

Das Interview mit der 21-jährigen Jana fand in ihrem WG-Zimmer in Moabit statt. Das Zimmer ist sehr persönlich eingerichtet – selbstgebastelte Collagen zieren die Wände, viele Erinnerungen und Bilder erschaffen eine warme und familiäre Atmosphäre. Über dem Bett steht in großen Buchstaben das Wort Home. Im besten Sinne ein richtiges Mädchenzimmer: zweckmäßig, aber gemütlich, man soll sich wohlfühlen. Jana ist sehr herzlich, freundlich und beantwortet alle Fragen sehr offen und reflektiert.

Schöne Dinge

Familie Jana ist als kleines Kind aus der schwäbischen Kleinstadt Schorndorf mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder Benjamin nach Australien gezogen. Dort hat sie drei Jahre in einem deutschen Kindergarten

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verbracht, bevor die Familie nach Stuttgart zurückkehrte. Hier hat sie später eine englische Privatschule besucht, um ihre zweite Muttersprache zu verfestigen. Jana benutzt viele Anglizismen und spricht mit ihrer Mutter, die aus Australien stammt, fast ausschließlich Englisch. Das gute Verhältnis zu den Eltern ist Jana wichtig, auch dass die beiden noch glücklich verheiratet sind. Sie betont, dass sie »sehr stolz« darauf ist. Die Bindung zur Mutter ist sehr eng, sie telefonieren regelmäßig miteinander und schreiben sich täglich über WhatsApp. Jana ist sich der Besonderheit dieser engen Beziehung bewusst und weiß auch, dass sie großen Rückhalt und das Vertrauen ihrer Eltern genießt. Der starke emotionale »Background« gibt ihr Sicherheit, mit gewissen finanziellen Privilegien ist sie aufgewachsen. »Ich möchte meinen Kindern das ermöglichen, was ich auch hatte.« Sicherheit, Familie, Vertrauen und Respekt sind ihr sehr wichtig. Die »guten Werte«, die Janas Eltern ihr vermittelt haben, hat sie verinnerlicht. Jana möchte ihnen keinen Grund geben, sich für sie zu schämen. Seit zwei Jahren lebt sie mit ihrer besten Freundin in Berlin und studiert nach einigen Justierungen Anglistik und Linguistik.

Freunde Auch in ihrem Freundeskreis kann Jana auf ein starkes soziales Gefüge zurückgreifen. Dieser »enge Kreis« von Freunden genießt ihr volles Vertrauen. Hier gibt es keine Tabus, über alles kann gesprochen werden. Ihre beste Eigenschaft sei, dass sie nie jemanden verurteilen würde. »Ich kann alles verzeihen«, sagt sie. Eine Entschuldigung ist da zwar nur Formsache, aber dennoch essentiell und hat mit Respekt und Loyalität zu tun. Janas Bedürfnis nach Harmonie wird hier sehr deutlich, sie sagt ebenfalls, dass sie versucht vorher einzuschätzen, ob sie mit ihren Taten jemand anderen verletzen könnte. Immer erst an die Anderen zu denken, »das würde ich gerne ändern«.

Außenwahrnehmung Dass sie von anderen Leuten schon Kommentare wie »Rich Kid« oder »Daddy’s little Darling« über sich ergehen lassen musste, hat Jana deutlich zu schaffen gemacht. Im Gespräch wird klar, dass sie versucht hat zu » Ich bin keine tussi, ich k ann analysieren, weshalb dieser Eindruck entauch im dreck wühlen. standen ist. Sie sagt, dass sie eine falsche « Einschätzung ihres Äußeren zwar nicht verletzt, dass sie sich Gedanken darüber macht, da sie in ihren Augen »völlig normal und eher gammelig« angezogen war. Diese Diskrepanz in der Außen- und Innenwahrnehmung hat sie sehr verunsichert, zumal sie immer versuche, andere nicht über ihr Erscheinungsbild zu kategorisieren. Einen Konflikt würde sie dennoch nie provozieren, dafür ist sie zu vorsichtig und nicht risikofreudig genug. Richtig verletzen würde sie nur ein Angriff auf ihre Persönlichkeit. Doch selbst dann versuche sie noch, sich in die Lage des Anderen zu versetzen. Dass sie nicht von

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jedem gemocht wird, sei »eine natürliche Sache«, in diesem Fall distanziert sie sich. Man merkt Jana den Wunsch an, nicht als »Perlen-Paula« angesehen zu werden, nur weil sie Wert auf ein gepflegtes Äußeres legt und »schöne Sachen« mag. »Ich bin keine Tussi, ich kann auch im Dreck wühlen«. Der Stereotyp des reichen Schwaben in Berlin hat sie anfangs zwar genervt, heute ist ihr das aber egal. Sie konnte dadurch sogar eine wachsende Heimatverbundenheit feststellen und weiß inzwischen gewisse »schwäbische« Attribute zu schätzen.

Konsum/Stil/Kleidung Die von Jana so oft erwähnten »schönen Sachen« sind omnipräsent. Sich über Kleidung auszudrücken ist ihr wichtig und an Berlin schätzt sie sehr, »dass man da nicht gemustert wird«. Verglichen mit dem Stuttgarter Stil, der einen gewissen Kleidungskodex vorschreibt, gefällt ihr das Motto Anyhing Goes der Hauptstadt. Auf die Frage, ob sie sich durch Kleidung von anderen abgrenze, kommt von ihr ein sofortiges »Nein!«. Sie kauft sich Sachen, die sie schön findet, unabhängig von Marken und Typ-Fragen. Zu ihrem Shopping-Verhalten sagt sie, dass sie immer die gleichen Läden frequentiert und sich Dinge kauft, die sie »nicht brauche«. Zu einem Umtausch kommt es dennoch nie, lieber verschenkt sie die Dinge an Freunde. Ihre Markentreue ist nicht abhängig von Werbung, sondern von dem Wissen um Qualität und einem guten Preis-Leistungsverhältnis. Dennoch wird deutlich, dass Janas Einordnung von »schönen Sachen« sich ändert, je nachdem ob sie in Berlin oder bei ihren Eltern in Stuttgart ist. »Wenn ich Zuhause bin ist es schon schön, wenn ich schöne Sachen bekomme«. In diesem Kontext sind »schöne Sachen« Dinge, die sie sich von ihrem eigenen Geld nicht leisten könnte. Dementsprechend haben diese teureren Dinge auch mehr Wert und Jana sieht eine Verbindung zwischen materiellem Wert und Qualität. Ihr Bestreben, trotz ihres gut situierten Elternhauses nicht überprivilegiert zu erscheinen, ist deutlich zu spüren. Sie möchte keinesfalls als »überhebliche Zicke« wahrgenommen werden und verzichtet deshalb bewusst auch auf allzu extravagante Statussymbole wie Pelzmäntel oder Markenhandtaschen.

Einfluss Als deutlicher Einfluss auf Janas Entwicklung ist ihr erster Freund zu nennen. Dieser war nach Janas Angaben sehr konservativ und auf teure Marken bedacht, »Typ Jurastudent, mit Seglerschuhen, Cordhose und Barbourjacke«. Diesem Freund war sehr wichtig, was andere denken. Jana sagt, er habe aktiv Einfluss auf ihren Kleidungsstil genommen und sie spüren lassen, dass er »ein Kleid von H&M nicht besonders gut findet«. Heute würde sie eine solche Einflussnahme nicht mehr mitmachen, »Ich war da total jung, vierzehn«. Als Jana nach viereinhalb Jahren Beziehung diese Erkenntnis gewonnen hatte, war ihr klar,

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»dass ich nicht mehr zu diesem Milieu dazugehören will«. Sie beschreibt ihre erste Liebe als große Lernphase, bei der Sicherheit und Geborgenheit wichtige Faktoren waren.

Barbourjacke Das erste Objekt ist eine grüne Barbourjacke aus Janas erster Beziehung. Ihr damaliger Freund besaß die gleiche Jacke und daraufhin hat sich Jana auch eine gekauft. »Es waren immer wir zwei mit unseren Jacken«. Die stärkste Erinnerung ist der Geruch des Wachses, den Jana immer mit diesem Mann verbindet. Sie sagt, die Jacke stehe stellvertretend für ihre ganze Jugend, deshalb würde sie sie niemals hergeben, selbst wenn sie sie heute nicht mehr oft trägt. Hier wird sehr deutlich, wie stark Jana emotionale Bindungen mit materiellen Gütern eingeht. Die Jacke und »vor allem der Geruch« schaffen eine automatische Verbindung zu einem Wunsch nach Stabilität und Sicherheit. Jana erwähnt während des Gesprächs über die Jacke, dass sie erst rückblickend schätzen konnte, was sie an der Beziehung gehabt hat. Heute verbindet sie noch immer eine gute Freundschaft mit ihrer ersten Liebe, was ein weiteres Indiz für ihr Streben nach Harmonie ist.

Harry Potter Die Begeisterung für Harry Potter teilt Jana mit ihren Eltern. Seit der zweiten Klasse ist Jana ein Fan der Bücher und hat große Bewunderung für die scheinbar grenzenlose Vorstellungskraft der Schriftstellerin J. K. Rowling. Die Bücher sind nicht nur die prägendste Kindheitserinnerung, sondern haben sie auch durch eine lange Krankheitsphase begleitet. In dieser Zeit hat Janas Mutter ihr immer eine große Freunde gemacht, wenn sie den neuesten Teil geschenkt bekam. Auf die Bücher und Filme zu warten war immer sehr aufregend für Jana. »Ich habe alle Teile mehr als ein Mal gelesen«, sagt sie und fügt hinzu, dass es noch heute Tradition ist, die Filme mit ihrer Familie anzuschauen, wenn sie nach Hause kommt. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig Kontinuität und familiärer Rückhalt für Jana sind. Ein schönes Erlebnis mit den Eltern zu teilen, schafft eine Verbindung, die ihr Sicherheit vermittelt.

Armband Das elegante Armband war das erste Geschenk in der Freundschaft zu ihrer heutigen Mitbewohnerin und besten Freundin. Anlass und Ort sind noch sehr präsent in ihrer Erinnerung. »Es war Weihnachten 2007, im Vapiano in Stuttgart, das weiß ich noch ganz genau«. Besonders schön fand Jana, dass ihre Freundin genau ihren Geschmack kannte, sie sagt es war »das perfekte Geschenk für mich«, obwohl sie sich

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damals noch nicht lang kannten. Der Bemerkung, dass das ein ziemlich kostspieliges Geschenk ist, stimmt Jana zu und ergänzt, dass sie ihrer Freundin damals auch ein Armband und eine Kette geschenkt hat. Die besondere Wertschätzung eines Freundes mit einem hochwertigen und teuren Gegenstand zu zeigen, ist nicht außergewöhnlichen für Jana. Dennoch betont sie, dass es ihr nicht wichtig ist, etwas Teures zu bekommen, sondern etwas, das zeigt, dass man sich Gedanken gemacht hat. Ein billiges Parfum geschenkt zu bekommen, würde sie jedoch trotzdem stören. Hier wird Janas ambivalente Einstellung zu materiell teuren Dingen in Verbindung mit der Demonstration von Wertschätzung deutlich.

Kamera Besondere Momente festzuhalten ist Jana wichtig. Das wird klar, sobald man die Wohnung betritt: eine große Wandcollage mit Erinnerungsbildern und Postkarten verziert den WG-Flur. Somit ist ihre Kamera ein wichtiges Utensil und die geschossenen Bilder werden alle gespeichert. »Ich lösche nie Bilder, auch nicht von meinen Ex-Freunden«, sagt sie und fügt hinzu, dass ihre Fotos das Wichtigste auf ihrem Laptop sind, »wichtiger als meine Dokumente«. Außerdem wird sie durch das Fotografieren immer an ihren Bruder erinnert, der es ihr beigebracht hat. Man bekommt den Eindruck, vor allem das Zeigen der Erinnerungen ist ein wichtiger Punkt für Jana, der sie in gewisser Hinsicht in ihrer Rolle bestärkt und festigt. Von Freunden und Familie umgeben zu sein, sei es nur auf Bildern, gibt ihr Sicherheit und Bestätigung.

Louis Vuitton Handtasche Die Handtasche ist eine Antwort auf die Frage, ob sie sich auch schon einmal selbst etwas Teures gegönnt hat. »Vielleicht meine erste Louis Vuitton-Handtasche«, sagt sie nach kurzer Überlegung. Damals war sie fünfzehn Jahre alt, »das war was ganz Besonderes«. Ihr erster Freund war beim Kauf natürlich dabei. Jana gibt zu, dass es sich für sie damals » wenn mir jemand einen klar um ein Statussymbol handelte. Sie billigen duf t schenk t, sieht darin heute eine Jugendsünde, die ihdann sagt da s schon wa s rer damaligen Beziehung zu schulden ist. über die per son aus. Heute, sagt sie, wäre ihr die Außenkom « munikation der Tasche egal. Inzwischen würde sie eine Tasche ohne klaren Markenbezug bevorzugen, deshalb trägt sie ihre Louis Vuitton heute eher selten.

Parfum Jana besitzt viele Parfums. In ihrem Zimmer befinden sich vier schön angeordnete Flakons, im Bad stehen weitere. Auffällig ist auch hier, dass alle von einschlägige teuren Marken sind. Jana sagt, dass sie zwar oft Parfums von ihrer Mutter geschenkt

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bekommt, sich aber auch viele selbst kauft. Da ihre Mutter und sie den gleichen Geschmack haben, kommt es oft vor, dass sich beide den gleichen Duft kaufen. Darauf angesprochen, sagt sie, dass sie sich auch meistens für den großen Flakon entscheidet. Mit Düften verbindet sie viele Erinnerungen, auch an ihren ersten Freund. Jana mag keine billigen Düfte, weil »man sich mit teuren Düften einfach anders fühlt«. Dass sie sich auch eher über ein teures Parfüm freuen würde ist für sie dennoch kein Widerspruch, auch wenn sie von sich selbst sagt, keinen großen Wert auf Materielles zu legen. Sie versucht ihren Standpunkt zu verdeutlichen und sagt »Ein teurer Duft ist mehr als nur ein teurer Duft«, …»wenn mir jemand einen billigen Duft schenkt, dann sagt das schon was über die Person aus«. Es wird hier sehr deutlich, dass Jana unter keinen Umständen für oberflächlich oder markenfetischistisch gehalten werden möchte. Für sie hat ein teures Parfum etwas mit dem Wert zu tun, den man sich selbst beimisst. »Sich etwas Edles gönnen«, sagt somit etwas über den Selbstwert aus.

Fazit Tradition und Sicherheit spielen eine tragende Rolle in Janas Identität. Verinnerlichte Werte der Eltern und des ersten Freundes haben sie und ihr Konsumverhalten geprägt. Sie besitzt viele hochwertige Dinge, an die sie Emotionen und Erinnerungen knüpft. Diese schönen Sachen sind meist teuer, haben in Janas Verständnis dadurch aber auch mehr Mehrwert und Qualität. Jana ist sich bewusst, dass sie aus einem gut situierten Elternhaus kommt und einige Privilegien geniessen kann. Sie ist zielstrebig und hedonistisch, verspürt aber ein gesteigertes Bedürfnis nach Sicherheit. Diese Kombination spricht nach Sinus für das adaptiv-pragmatische Milieu. Dennoch gab sie keine Kommentare ab, die sie als arrogant oder überheblich entlarvt hätten. Sie respektiert andere und versucht, nicht negativ aufzufallen. Den Leitsatz ihrer Mutter »Always be kind to others« kann man als ihr Lebensmotto bezeichnen. Text von Lisa Knüver Bilder von Nicole Meckel und Lisa Knüver

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jan mu s chke

Ich unterhalte mich mit Paul sehr gerne, weil er sehr offen und auch ehrlich ist und keine Scheu kennt, auch die peinlichsten Geschichten zu erzählen. Gespräche mit ihm sind eigentlich nie langweilig. Ich weiß, wenn ich im Interview persönliche Dinge frage, werde ich ihm nichts lange aus der Nase ziehen müssen. Wir sind uns einfach sehr vertraut. Ich kenne ihn schon seit meinem 14. Lebensjahr. Wir haben dieselbe Heimat und denselben Freundeskreis. Seine Kindheit hat er auf dem Dorf verbracht. Bis heute hat er Schwierigkeiten mit seinem Vater. Mit seiner Mutter aber versteht er sich ganz gut. Er sagt, dass er nicht allzu viele gute Erinnerungen an seine Kindheit hat. Sein Leben wurde wesentlich interessanter als er von zuhause ausgezogen ist. Seit zirka zwei Jahren wohnt er jetzt in Berlin und arbeitet als Freelancer hauptsächlich im Bereich 3D Animation. Wenn wir gemeinsam auf einer Party sind, ist er häufig auch einer derjenigen, die für Stimmung sorgen. Ja, er ist schon irgendwie auch eine Rampensau und prägt durch sein Auftreten unseren Freundeskreis. Er ist gerade 27 geworden und mit einer der Ältesten. Obwohl er sich gern in den Mittelpunkt drängt, merkt man das seinem Äußeren eigentlich gar nicht so an. Weder wirkt er, als würde er viel Zeit vorm Spiegel verbringen, noch ist er besonders expressiv gekleidet. Sein Zimmer ist nicht einmal richtig eingerichtet und sieht eher aus, als wäre er gerade umgezogen. Sein äußeres Erscheinungsbild ist wesentlich unauffälliger als sein Auftreten. Lorenz und ich treffen ihn an einem Donnerstagabend in seiner Wohnung. Er wohnt in einer WG mit zwei seiner Kumpels. Ich fühle mich gut vorbereitet. Ihn gut zu kennen, gibt mir zusätzlich Sicherheit. Sein Zimmer ist auch heute unaufgeräumt. Er ist ein bisschen geschafft von der Woche und legt sich auf sein Bett, na gut, eigentlich ist es nur eine Matratze auf dem Fußboden. Wir beginnen mit dem Interview… Wir fangen an, uns über Männlichkeit und Männlichkeitssymbole zu unterhalten. » status bedeutet auch Paul wirkt sehr entspannt und erzählt uns immer, da ss man dafür von seinem Deckenventilator den er sich et wa s machen muss … gekauft hat, weil es einfach so ein Männ « lichkeitsding für ihn ist. Nur hat er ihn bis heute nicht zum Laufen gebracht. Aus demselben Grund hat er sich auch einmal ein Zippo Feuerzeug und ein Zigarettenetui gekauft. Aber jetzt liegt beides nur im Schrank. Paul besitzt zwar ein paar dieser männlichen Gegenstände, aber sie sind ihm anscheinend nicht wichtig genug, sonst würde der Ventilator auch funktionieren. »Status bedeutet auch immer, dass man etwas dafür machen muss und dafür bin ich eigentlich viel zu bequem.«

Paul

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Ich wollte schon glauben, dass Paul komplett frei wäre von solchem Männlichkeitsgehabe. Doch erinnerte ich mich, wenn es ums Kräftemessen geht, ist er eigentlich auch immer vorne mit dabei. Wieso dann nicht auch solche Männlichkeitssymbole? Letztendlich scheint es die Bequemlichkeit zu sein, die über seine Männlichkeitssymbole siegt. Pauls Dresscode ist eher unscheinbar. Nicht total unmodern, aber er strotzt auch nicht von raffiniert kombinierten Kleidungsstücken. In seinem Kleiderschrank findet man keine Statements gegen tradierte Schönheitskriterien, sondern Kapuzenjacken und Jeans. Bei T-Shirts entscheidet er sich für solche ohne Aufdruck. Wenn seine Schuhe durchgelaufen waren, kauft er sich häufig dasselbe Paar noch einmal. »Ich selbst sehe mich schon eher als unmodisch.« Man könnte den Eindruck bekommen, dass ihm Kleidung ganz einfach nicht so wichtig ist, aber hinter diesem Dresscode steht eine bewusste Entscheidung. Zum einen geht es Paul um Abgrenzung. Andere sollen nicht von ihm denken, dass er zu solchen gehört, die sich kleiden um aufzufallen bzw. um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sich zu sehr über Modegeschmack zu identifizieren, ist für ihn eher ein Armutszeugnis. Aus diesem Grund findet er die übermäßig modebewusste Indie- und Hipsterszene eher lächerlich und oberflächlich. Der beste Weg, nicht mit solchen in einen Topf geworfen zu werden, ist, mit seiner Kleidung nicht zu sehr aufzufallen. Zum anderen ist es einfach auch nur mangelndes Selbstvertrauen in den eigenen Kleidungsgeschmack. Mode ist ein Terrain, auf dem er sich nicht sicher fühlt und er sich darum auch nicht traut, irgendetwas Neues auszuprobieren. »Ich versuche schon aus jedem Stil so etwas Cooles rauszuziehen, aber es kommt halt nie irgendein super überzeugender Stil dabei heraus.« Ein ähnlich neutrales Verhältnis, wie zu seiner Garderobe, pflegt Paul auch zu Schmuck und Accessoires. Und das auch aus sehr ähnlichen Gründen. Eigentlich mag er nicht einmal eine Armbanduhr tragen. Trotzdem zieren zwei Fusion-Festivalbändchen sein Handgelenk. Jedoch durften die Bändchen nicht ohne vorheriges Abwägen dort bleiben. Denn es drängte sich dabei die Frage auf: Könnte der Eindruck entstehen, dass er es nur allen zeigen möchte, auf dem Fusion-Festival gewesen zu sein? Er ist sich dessen bewusst, dass er hierbei von sich auf andere schließt. Denn es ist das, was er manchmal bei anderen denkt, wenn der Arm voller Bändchen ist, wie bei einem Wolfgang Petry. Ähnliche Bedeutungen haben für ihn auch das Sammeln von Clubstempeln und Tattoos. Inzwischen gehören die Bändchen aber dazu und er könnte sich auch nicht mehr so leicht wieder davon trennen. Denn irgendwie hat er dafür auch ein gewisses Verständnis, wenn man besondere Erinnerungen zur Schau stellt. Denn auch für ihn sind Festivals wie ein magischer Ort und eine tolle Erinnerung. Ein Ort, wo man aufhört über andere zu urteilen und man aufhört für die anderen mitzudenken. Als wir ihn nach seinem mutigsten Kleidungsstück fragen, erzählt er uns von seinem Hut. Er erinnert sich an zwei Gelegenheiten an denen es ihn nicht gestört hat ihn zu tragen. Auf einer

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Reise mit seinen engsten Freunden und auf dem Fusion Festival. Auf der Fusion sind Menschen offener und man selbst fühlt sich auch freier. Und unter Freunden fühlt man sich sicher. Im Alltag würde er den Hut allerdings nicht tragen. Auch nicht in Clubs. Seit ein paar Jahren trägt Paul einen Bart. Früher mochte er Bärte nicht so sehr, aber es hat sich dann irgendwie so ergeben. Der Job und das Umfeld geben ihm auch die Freiheit, sich einen Bart stehen zu lassen. Ein wichtiger Grund dafür ist Bequemlichkeit, ein anderer, dass er eine gewisse Männlichkeit ausstrahlt. Nicht um männlicher als andere zu wirken, sondern, wie er sagt: »Es nicht wirklich das Betonen von Männlichkeit, sondern eher ein Verstecken von Kindlichkeit. Weil ich weiß, dass wenn ich mich rasiere, ich zehn Jahre jünger aussehe.« In seinem Zimmer ist nichts, was auf mich sehr persönlich wirkt und auch seine Kleidung ist eher unscheinbar. Die Frage nach persönlichen und bedeutsamen Gegenständen scheint weniger wichtig zu sein. Eher stellt sich die Frage, warum hier so wenig bedeutsam erscheint. Die Abwesenheit von auffälligen Gegenständen hat » einer seit s tue ich vieles, mehr Relevanz, als die Anwesenheit von um aufmerk samkeit zu den vorhandenen Gegenständen. Ich ererl angen, anderer seit s kenne zwei Hauptgedanken die sich wie ein habe ich ein problem damit, roter Faden durch Pauls äußere Identität dass ich es tue … zieht. Er möchte nicht, dass andere denken, « dass er versucht durch Äußerlichkeiten Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wichtiger als zu zeigen, was er ist, ist es ihm zu betonen, was er nicht ist. Er benutzt ein neutrales Äußeres, um nicht als oberflächlich zu gelten. Auf der anderen Seite drängt sich Paul sehr wohl häufig in den Mittelpunkt. »Einerseits tue ich vieles, um Aufmerksamkeit zu erlangen, anderseits habe ich ein Problem damit, dass ich es tue und versuche es zu vermeiden.« Zwei Seelen streiten in seiner Brust. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und zugleich eine moralische Distanz zum Auffallen. Er möchte nicht für oberflächlich gehalten werden und man soll ihm das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit nicht anmerken. Sein mangelndes modisches Verständnis scheint für Paul ein willkommener Ausgleich zu seinem extrovertierten Charakter zu sein. »Vielleicht ist meine mangelnde Selbstsicherheit in Sachen Mode auch ganz gut so, man weiß ja nicht, was sonst noch so passieren würde.« Text und Bilder von Jan Muscke

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ma r ku s wu t zlh o fe r

Es ist nicht ganz einfach, das Zuhause von Robert und seiner Freundin Anja zu erreichen. Die beiden leben im Hinterhaus eines Kreuzberger Altbaus von 1860, doch der Zugang zum Hof wird von einem großen Gittertor versperrt und das Klingelbrett der einzigen Einganstür ziert lediglich eine Gravur mit der Inschrift »Vorderhaus«. Demnach besitzen die beiden keine Klingel, was zur Folge hat, dass sie in einem der lebhaftesten Stadtteile Berlins, ein fast eremitisches Dasein führen, zumal der restliche Teil des Hauses komplett leer steht. Doch diese Lebensweise passt zu Robert wie der Topf zum Deckel.

Vom Leben in den Dingen

Eremiten der Großstadt »Als Selbstversorger« würde er gerne leben, »auf einem einsamen Bauernhof in den Alpen und im Einklang mit der Natur«, antwortet er auf die Frage wie er sich ein ideales Leben vorstelle. Diese Verbundenheit zum Natürlichen erkennt man beim Betreten der Wohnung auf den ersten Blick. Alle Elemente finden sich hier in einer ursprünglich belassenen Form wieder und erzählen ihre Geschichten. Die abgenutzten, ochsenblutfarbenen Holzdielen trugen sichtbar seit vielen Generationen die Füße der unterschiedlichsten Hausbewohner und knarzen an den Stellen am stärksten, wo die meisten Schritte auftrafen. Die Wände werden nicht durch Tapeten und Farbe geziert, sondern bewusst davon befreit, und erzählen in mindestens zehn Schichten von Ihrer Vergangenheit. Robert liebt es, diese Geschichten freizulegen, um sie zu sammeln und sich mit ihnen zu umgeben. »Meine Lieblingsbeschäftigung ist es, einfach in meiner Wohnung zu sitzen und über mich und die Welt nachzudenken«. Er lässt seinen Blick für einen Moment durchs Zimmer schweifen und meint dann weiter: »Mich stimuliert mein Zuhause und die natürliche Schönheit der Dinge. Es genügt mir nicht, etwas, das mir bei einem Spaziergang begegnet, einfach nur zu betrachten und dann weiter zu gehen«. Anscheinend hat er deshalb auch Hanfseile über die Ecken der Zimmerwände gespannt, welche die unterschiedlichsten Fundstücke tragen. Purpurfarbene Laubblätter, die bei einem Herbstspaziergang erbeutet, sorgfältig getrocknet, und schließlich an den Stängeln zu einem Ball verbunden wurden, reihen sich dort wie bunte Lampignons. Daneben hängen selbstgenähte Klamotten und Fotodrucke, mit Klammern befestigt, wie an einer Wäscheleine. Zwischendrin baumeln Wurzeln und Hängepflanzen von der Decke und man muss schon ein wenig aufpassen, dass man sich nicht den Kopf daran stößt.

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In der Wunderkammer

Doch dass es gerade einen Naturliebhaber wie ihn in die Großstadt verschlug, scheint auf den ersten Blick recht kontrovers. Schließlich verbrachte Robert den Großteil seiner Jugend in der

niederbayrischen Provinz, welche mit ihren weitläufigen Wiesen und den unberührten Wäldern eigentlich ideale Lebensumstände bieten müsste. »Aber auf dem Land, da kennt jeder jeden« sagt er, »da bist du einmal zu betrunken auf einer Party und am nächsten Tag weiß es der Bäcker, dann weiß es der Nachbar, und noch bevor es Mittag ist, weiß es deine Mama. »Und als Zuagroasda hast du’s eh scho ned leicht« sagt er mit einem schelmischen Grinsen, wobei er sich seines bayrischen Akzentes sehr wohl bewusst ist. »Zuagroasda«, so nennt man in Bayern die Zugereisten beziehungsweise Immigranten. Robert ist nämlich das zweite Kind der dritten Generation kroatischer Gastarbeiter und kam mit seiner Familie im Alter von sechs Jahren über die Grenze nach Bayern. Nach dem Abitur ging es dann sofort nach Berlin. Seine Schwester ist ein paar Jahre älter als er und wohnt schon etwas länger hier, was ein weiterer Grund für seinen Umzug in die Hauptstadt zu sein scheint. Die beiden haben ein inniges Verhältnis und teilen die selben Ansichten. »Berlin ist einfach ein guter Ort für uns, weil du hier total anonym bist und machen kannst, was du willst. Und das ist gerade für Künstler ein großes Stück Freiheit.« Roberts Schwester macht Performance-Art, er selbst ist Fotograf und besucht seit drei Jahren die neue Schule für Fotografie. »Das Studium war sicher auch ein Grund für meinen Umzug in die Hauptstadt, aber auch weil man hier nicht lange nach interessanten Dingen und Orten suchen muss. Selbst wenn ich in die Arbeit gehe, habe ich immer meine Kamera dabei.« Robert verdient sein Geld nämlich jedes Wochenende in einem kleinen Techno-Club als Runner und macht während seinen Schichten Aufnahmen mit seiner digitalen Mittelformatkamera. Dabei fotografiert er aber keine Personen oder besonders schockierende Momente, sondern lässt, genau wie in seinen eigenen vier Wänden, die Objekte für sich sprechen. »Das hier ist irre,« sagt er, während er ein Foto hochhält, auf dem ein geschnitzter Seemannsanker zu sehen ist. »Das Teil war monatelang über dem DJ-Pult befestigt. Irgendwann brach eine der beiden Ankerspitzen ab und wir ersetzten das Stück durch ein Hirschgeweih.« Zwei Monate später tauchte die verlorene Spitze wieder in der Männertoilette auf, mit Kaugummi als Klopapierhalterung an der Wand befestigt. »Es ist als hätten manche Dinge ein Eigenleben, welches es ihnen sogar ermöglicht, sich in einer Art Fluss fortzubewegen.« Und solche Prozesse zu dokumentieren ist für Robert eine wichtige Aufgabe. Dabei hat er nicht unbedingt den Anspruch mit seinen Arbeiten in teuren Galerien auszustelllen oder gar Berühmtheit zu erlangen. Es reicht ihm, diese Geschichten vom »Leben in den Dingen« für sich selbst fest zu halten, um sich immer wieder vor Augen zu führen, dass »uns alle ein unsichtbarer Fluss umgibt, der uns zu neuen Orten bringen kann«.

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Auch die Wände halten die unterschiedlichsten Fundsachen bereit, welche dort mit kleinen Nägeln fixiert werden. Muscheln, Federn, kurios gewachsene Hölzer, getrocknete Blüten, Seeanemonen und viele andere Dinge, bei denen man auf den ersten Blick gar nicht so genau weiß, worum es sich handelt. Robert ist der Meinung, wenn er schon nicht in der Natur lebt, dann möchte er sie zumindest zu sich nach Hause holen, um sich von ihr inspirieren zu lassen. Oftmals werden daher auch Objekte kombiniert, so dass bizarre Gebilde entstehen. Das Apartment wirkt wie ein Kuriositätenkabinett aus dem 19. Jahrhundert, trotzdem hat alles seine Ordnung. Die Wohnung ist weder überfüllt noch ungepflegt und die dekorativen Natur-Objekte wirken bewusst drapiert, statt willkürlich angeordnet. Offenbar haben diese Dinge für Robert etwas magisches, fast schon religiöses und so wundert es nicht, dass auch auf den hölzernen Kommoden und Regalen immer wieder Gegenstände zu Altar ähnlichen Kompositionen zusammengestellt werden. Kerzenhalter in den unterschiedlichsten Formen und Materialien stehen einer getöpferten Duftlampe gegenüber. Über ihnen pendelt eine selbstgebastelte Laterne neben etwas, dass der Kieferknochen eines Tieres zu sein scheint. Daneben wartet eine Messinggießkanne auf ihren täglichen Einsatz, denn die Wohnung beherbergt dutzende Pflanzen, um die sich der 24-jährige jeden Morgen nach dem Aufstehen kümmert. »Der beste Weg um herauszufinden, ob deine Pflanzen Wasser brauchen, ist deinen Finger in die Erde zu stecken« erklärt er stolz und demonstriert den Vorgang an einem dickblättrigen Gewächs mit meterlangen Ausläufern. Offensichtlich weiß er, wovon er spricht, denn die meisten der Pflanzen haben fantastische Ausmaße und wuchern wild vor sich hin. Vor den Fenstern stehen große Töpfe mit hochaufgeschossenen Gewächsen, deren Blätter ein gepunktetes Muster ziert. Darüber pendeln kleinere Pötte mit Ranken, welche an Ihrer Aufhängung nach oben klettern und an ihren Enden dunkelrote Knospen bilden. Da wird nicht zugeschnitten, sondern nachgeholfen und so findet sich am Fensterbrett ein Miniatur-Gewächshaus für abgenommene Triebe. »Pflanzen sind einfach faszinierend« sagt er, »seit ich mich mit ihnen beschäftige und mich um sie kümmere, habe ich viel von Ihnen gelernt, vor allem über mich selbst. Die Natur hat mittlerweile eine richtige Vorbildfunktion für mich«.

Ein Zuagroasda


Nestbau Wenn man Robert so reden hört, möchte man kaum glauben, dass er noch so jung ist. Er interessiert sich nicht für wilde Parties, lebt seit Jahren in einer festen Beziehung und als eines seiner Hobbys nennt er die täglich anfallenden Aufgaben im Haushalt. »Die Wäsche machen und etwas gutes Kochen, das sind doch angenehme, harmonische Aktivitäten. Ich sehe keinen Grund weshalb ich meine Zeit mit Fernsehen vergeuden sollte und auch keinen Grund, Geld für Luxus oder teure Designartikel auszugeben«. Wenn Robert etwas kauft, dann muss das einen funktionalen Wert haben: Töpfe, Werkzeuge, Haushaltsgeräte und Fotoausrüstung sind für ihn sinnvollere Investitionen als eine schicke Uhr oder ein teurer Markenpullover. Und überhaupt kauft Robert lieber gebrauchte Dinge, weil sie Geschichten erzählen und Charakter haben. So findet sich in der Küche der beiden kein einziges Geschirrstück zweimal. Jeden Porzellanteller ziert ein anderes Blumenmuster und die großen, schweren Kochtöpfe sehen aus, als hätte er sie von seiner Großmutter geerbt. In der Tat macht alles den Eindruck als wäre es auf dem Flohmarkt ersteigert worden, aber » et wa s gebr auchtes ist in Robert kommentiert dies mit den Worten: meinen augen nicht weniger »Etwas Gebrauchtes ist in meinen Augen wert al s et wa s neues. nicht weniger wert, als etwas neues.« Das « Gegenteil scheint der Fall zu sein, denn gebrauchte Artikel haben für Ihn den Mehrwert der Zeit. So hält er es auch mit seinen Klamotten, welche er ausschließlich aus Second-Hand-Kaufhäusern bezieht, von Freunden übernimmt oder von seiner Freundin geschneidert bekommt. Heute hat er eine schwarze Jogginghose und eine dunkelblaue Strickweste mit einem auffälligen Muster aus verschiedengroßen Rauten und Punkten angezogen. Darüber trägt er einen riesigen, lilafarbenen Schal, der ihm beinahe bis über die Ohren reicht. Das sieht gemütlich aus, genau wie der Rest der Wohnung, welche Robert als sein »Wohlfühlzentrum« beschreibt. »Ich gehe nicht besonders gerne außer Haus und schon gar nicht unter viele Leute. Ich weiß auch, dass das eigentlich nicht so gut ist, aber fremde Menschen gehen mir einfach viel zu schnell mit ihrem Gelaber auf die Nerven und ich bin sehr schlecht darin, anderen ihre Grenzen aufzuweisen. Aber ich arbeite daran.« Dennoch fühlt sich Robert keinesfalls als Außenseiter. Für ihn ist »das Pflegen von Freundschaften extrem wertvoll und wichtiger als jede Form von materiellem Besitz«, weshalb er regelmäßig Freunde zum Essen und»Abhängen«einlädt. Gespeist wird um den großen Küchentisch, der an ein Bauernhaus erinnert. Dabei sitzt man auf hölzernen Bänkchen, die Robert eigenhändig aus Balken gezimmert hat, welche er auf der Straße vor seinem Haus fand. Alles wirkt echt und biologisch, nichts künstlich, genau wie Robert selbst, mit seinen langen braunen Haaren die, wie die Pflanzen seiner Wohnung wild vor sich hin wuchern. »Abgehängt« wird danach auf dem ebenfalls selbst gebauten Podest im Wohnzimmer, auf diversen Futons und Tagesdecken mit floralen Mustern.

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Meistens gibt es Tee oder eine Flasche Wein dazu. Robert ist ein guter Gastgeber, der seine Besucher nach bestem Gewissen umsorgt. Ständig schenkt er nach, bietet das letzte Stück Kuchen an oder hält Hausschuhe gegen kalte Füße bereit. Manchmal betreibt er dies mit einer fast bemutternden Art, aber letzten Endes will er einfach seiner Vorstellung vom perfekten Gastgeber gerecht werden, so wie es bei Kroaten eben üblich ist. Ansonsten ist Roberts Herkunft zwar nicht unbedingt offensichtlich, aber dennoch präsent. Über dem schwerfälligen Ledersessel im Wohnzimmer ist beispielsweise ein kleines Holzbrett befestigt, welches liebevoll als »Heimatschrein« bezeichnet wird. Darauf finden sich Steine, Disteln, Wurzeln, Seeigel, und andere Mitbringsel aus seinem Herkunftsland, wo er gelegentlich Urlaub macht. Doch die vielen Dinge an den Wänden, auf den Schnüren und Kommoden, welche die Wohnung wie eine Wunderkammer erscheinen lassen, werfen die Frage auf, weshalb jemand solche Objekte sammelt und anschließend sein Zuhause auf so intensive Weise damit schmückt? Darauf antwortet Robert mit einem einzigen Wort: »Nestbau«. Und in der Tat wird schlagartig klar, dass es hier darum geht, den Ort, an dem man sich die meiste Zeit aufhält, so zu gestalten, dass man sich wohl fühlt. Das impliziert, sich mit ästhetischen Dingen zu umgeben, an denen man sich begeistern kann. In Roberts Fall bedeutet das, spontan Dinge von unterwegs mitzunehmen, die ihm gut gefallen, um sie anschließend in sein Leben einzubauen, welches hauptsächlich in seinen vier Wänden stattfindet. Etwas mit Nägeln in die Wand zu schlagen gibt ein gutes Gefühl, man produziert etwas und kann genau wie in der Fotografie Elemente in Verbindung zueinander setzen um etwas Neues entstehen zu lassen. Dinge, von denen man sich vielleicht nicht gleich trennen mag, die eigentlich nutzlos sind, finden auf diese Weise wieder zu einem Zweck und werden als eine Form des Ausdrucks benutzt. Gleichzeitig erinnern die Gegenstände an Expeditionen und machen selbige spannender, weil man als Sammler eine Aufgabe hat. Selbst Spaziergänge durch den Stadtpark werden so zum Abenteuer, weil hinter jeder Ecke ein neues, absonderliches Gebilde darauf warten könnte, von jemandem mitgenommen zu werden, der die unscheinbaren Dinge zu schätzen weiß und ihnen wieder neues Leben einhaucht. Text und Bilder von Markus Wutzlhofer

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Wilma ist 25 Jahre alt und Studentin. Nebenbei arbeitet sie als 400-Euro-Kraft in einem Schuhgeschäft.«Nicht für ewig«, beeilt sie sich zu sagen. Seit ungefähr einem Jahr wohnt sie zusammen mit ihrem Freund in Berlin. Es ist ihre erste gemeinsame Wohnung, davor lebte sie mit drei Personen in einer Wohngemeinschaft. Ihre heutige Wohnung befindet sich im Herzen Berlins: dem Friedrichshain. Gleich in der Nähe der Simon-Dach-Straße, die in Touristenführern als Partymeile beschrieben ist. Die Gegend ist sehr belebt, laut und etwas schmutzig. Aber sie ist eben Berlin. »Ich mag das Pulsierende, das Lebendige und das Verranzte« sagt Wilma. Die Zwei-Zimmerwohnung befindet sich im obersten Stockwerk des Wohnhauses. Die Altbauwohnung ist teilrenoviert, wie üblich für die Gegend. Neben quietschenden Türen zeichnen abgezogene Dielen und hohe Decken das Bild. Beim Betreten der Wohnung riecht es nach frischem Essen. Gewürznuancen hängen in der Luft und ich kann nicht ganz ausmachen, was es ist. Das Interview führen wir im Wohnzimmer. Überall flackern Kerzen, die eine gemütliche Stimmung verbreiten. Im Hintergrund läuft der Fernseher mit irgendeiner Dokumentation in wilden Farben. Er wird während des ganzen Gespräches nicht abgeschaltet. Auf dem Wohnzimmertisch stehen Schalen mit selbstgebackenen Keksen und anderen Knabbereien, die nur darauf warten, von Gästen verspeist zu werden. Wilma fletzt sich in eine Ecke des Zimmers auf einen großen blauen Ohrensessel. Von dort kann sie den gesamten Raum überblicken. »Mein Reich«, sagt sie und man sieht ihr an wie wohl sie sich fühlt. Es ist alles ein Stück von ihr und ich bin gespannt mehr darüber zu erfahren.Die Beine legt sie hoch, auf ihrem Bauch liegt ein altes Kissen aus ihrer Kindheit. Links und rechts von ihr liegen ein paar bunte Decken und weitere Kissen. Sie sieht sehr entspannt aus. Mit ihren Händen hält sie eine Tasse Tee umschlossen. Wilma ist am Rande von Berlin in einem Dorf aufgewachsen. Ihre Eltern trennten sich als sie elf Jahre alt war. Seitdem lebte sie zusammen mit ihrer Mutter in der nächst größeren Kleinstadt. Heute lebt ihre Mutter auf einem anderen Dorf, mitten im Grünen, wo Wilma sie sehr gerne besucht. Dort kann Wilma an der frischen Luft sein, Gartenarbeit verrichten und sich entspannen. Wilma ist sehr naturnah, Pflanzen bringen ihr Luft zum atmen. Ein Stück Grün, darf in Wilmas Wohnung natürlich nicht fehlen. Überall in ihrer Wohnung stehen Topfpflanzen. Im Sommer kauft sie oft frische Schnittblumen und pflanzt auf dem Balkon eigenes Gemüse an. Auch hat sie einige Trockenblumen in der Wohnung stehen, die eine romantische Ader vermuten lassen.

Zu ihrem Vater hatte sie früher ein sehr angespanntes Verhältnis. Oft besuchte sie ihn nur, weil ihre damals beste Freundin in der Nähe wohnte. Wilma zeigt mir ihre Tasse in der Hand, auf der ein roter Dino zu sehen ist. Es handelt sich um ein Souvenir aus dem Naturkundemuseum, dass sie damals zusammen mit ihrem Vater besuchte. Eigentlich eine einfache Kindertasse, für Wilma aber eine Kostbarkeit zu der sie eine starke Bindung hat. Die Erinnerung an einen schönen, aber seltenen Ausflug mit ihrem Vater. Mittlerweile ist das Verhältnis zu ihrem Vater besser, dennoch besucht sie ihn ungern. Sie empfindet die Umgebung dort als sehr kalt, clean und durchdacht. Wilma hält sich lieber an warmen, gemütlichen Orten auf, bei denen sie immer wieder neue Dinge entdecken kann. Räume und Orte, die ihren eigenen individuellen Charme versprühen und nicht aussehen wie aus dem Quelle-Katalog auf Seite dreizehn. Mit Schrankwand, Eichencouchtisch und Glasvitrinen. Wilmas Wohnungseinrichtung spiegelt dieses wieder. Sie ist das komplette Gegenteil einer Katalogseite. Möbel und Objekte scheinen aus unterschiedlichen Epochen, Stilrichtungen und Preisklassen zu kommen. Es ist irritierend und gleichzeitig faszinierend. Ein Sammelsurium von Unpassendem. Einige Möbel sind Erbstücke, Flohmarktfunde oder Reste aus dem alten Jugendzimmer. Da als Studentin das Geld fehlt, gibt es viele Ecken und Objekte in der Wohnung, die Wilma nicht mag. Die Einbauküche der Vermieterin ist ihr zu klinisch, die weiße Ledercouch im Wohnzimmer zu rutschig und ungemütlich. »Außerdem klebt man im Sommer mit nackten Beinen immer daran.«, sie verzieht das Gesicht und macht ein schnalzendes Geräusch glitschiger Sommerhaut. Gegen die Küche kann sie nicht viel ausrichten, aber die Couch wird mit großen flauschigen Decken verhüllt, um eine bequemere Atmosphäre zu schaffen. Wilma besitzt auch Objekte, die keine direkte Funktion mehr haben, aber einen gewissen Nostalgiecharakter. In der Küche hängt eine alte Einkaufsnetztasche, die durch ihre großen Maschen unpraktisch für Wilma zum Einkaufen ist. Woher sie diese hat, weiß Wilma nicht mehr. Dennoch wird sie aufbewahrt und als Dekorationselement mit in die Küche integriert. Im Flur stehen alte Kinositze, die außer als Ablage keine Funktion haben, aber als Anschauungsobjekt präsentiert werden. Sie strahlen eine Geschichte aus. Von dem vielen Popcorn was auf sie krümmelte, nasse Tränen die in die Polster flossen und die heimlichen Liebesgeschichten ihrer Benutzer. Wilma bevorzugt eher warme Farben und Materialien wie Holz und Brauntöne, die Behaglichkeit ausstrahlen. Wieder verweist sie auf die dutzenden Kerzen die im Raum stehen. Wilma schätzt Kerzen sehr, sie bringen Gemütlichkeit und Wärme ins Haus. Es wird außerdem ein sehr angenehmes Licht verbreitet, dass ihr ein Gefühl der Sicherheit gibt und einen Zufluchtsort schafft. »Nebenbei werden natürlich noch Heizkosten gespart«, lacht sie und schmunzelt. Ihr ist es sehr wichtig, dass auch Gäste sich bei ihr wohlfühlen. Immer hat sie etwas zu Knabbern und einen guten Wein zu Haus. Sie versucht, stets eine gute Gastgeberin zu sein und bäckt Muffins, Kuchen oder Kekse, wenn sie

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L au r a Re g g en t in

Wilmas Sammelsurium


Besuch erwartet. Oft veranstaltet sie mit Freunden Koch- oder Spieleabende. Wilma ist ein Genussmensch, der es liebt zu kochen und dieses auch mit Freunden zu zelebrieren. Ihre Küche ist voll von Gewürzen, Tellern, Töpfen und Pfannen. Bei Küchenutensilien leistet sie sich auch mal etwas hochwertigere Sachen, wie ein scharfes Messer oder gute Keramik Pfannen. Zu bedeutenden Anlässen, wie Geburtstagen, deckt sie ihr feines altes Tafelsilber auf, das sie von der Freundin ihres Vaters geschenkt bekommen hat. Als sie mir das Tafelsilber präsentiert, leuchten ihre Augen. Sie fährt mit dem Daumen über die Rundungen eines Löffels. »Weißt du, das hat auch was mit Wertschätzung zu tun. Wenn meine Gäste kommen möchte ich ihnen auch mit dieser Trivialität zeigen, wie wichtig sie mir sind und wie sehr ich mich auf den Besuch freue. Sie ist stolz darauf und liebt es ihren Gästen etwas zu präsentieren und ihnen zu zeigen, dass sie bedeutungsvoll sind und sie wertgeschätzt werden. Sie selbst möchte als gute Gastgeberin und Wirtin wahrgenommen werden.Der Fernseher, der auch während unseres Gespräches lief, ist das teuerste Objekt in Wilmas Haushalt. Wilma sagt selbst, sie mache sich nicht viel aus Fernsehen, dennoch läuft der Apparat permanent. Er dient ihr eher als eine Art Hintergrundmusik, die sie beruhigt. Besonders wenn sie alleine in der Wohnung ist, ist er ihr ständiger Begleiter. Über den Verlust des Fernsehers würde sie nicht allzu traurig sein, da man ihn leicht ersetzen kann. Sie hat keine starke emotionale Bindung zu ihm, sondern er verkörpert eher einen Tick von ihr, um das Alleinsein und die Stille zu übertönen. Als Wilma noch klein war, wollte sie lieber ein Junge sein. Sie spielte viel Fußball, ging zum Boxen und trug kurze Haare. Jungen hatten es in ihren Augen viel leichter, waren taffer und einfach cooler. Heute ist sie froh, eine Frau zu sein. Sie liebt es Hüte zu tragen, weil sie ihrem Gesicht schmeicheln, auffällig sind und mal fettige Haare verdecken. Hauptsächlich trägt sie runde, melonenartige Hüte, die von ihr einen gewissen niedlichen und zugleich kecken Eindruck vermitteln. Früher trug sie täglich neben dem rechten Auge einen Sticker in Form eines Sternes. Sie wollte bewusst damit ins Auge fallen und darauf angesprochen werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen. »Vielleicht musste ich ein Defizit ausgleichen« murmelt sie. Später ersetzte sie den Sticker aus praktischen Gründen durch ein Piercing. Heute ist auch das Piercing nicht mehr vorhanden. Es musste aus gesundheitlichen Gründen entfernt werden, da sie immer wieder hängen blieb. Auffällig an Wilma ist, dass sie ihre Wangenknochen stark mit Rouge betont. Sie findet ihr Gesicht dadurch schmaler und markanter. Da sie dies schon seit der neunten Klasse tut, ist es mittlerweile auch ein Erkennungsmerkmal von ihr. Ihre Arbeit im Schuhgeschäft bringt mit sich, dass Wilma zwischen vierzig und fünfzig Paar Schuhe besitzt. Diese sortiert sie

je nach Jahreszeit. Einige dieser Schuhe trägt sie zur Zeit nicht mehr, dennoch werden sie aufbewahrt in der Hoffnung auf erneute Liebe. Irgendwann, wenn sie sie wiederentdeckt in der hintersten Schrankecke. Es ist wie der erste Flirt. So intensiv er beginnt, so schnell ebbt er ab. Und manchmal kommt es doch wieder – die Sehnsucht. Neben den vielen Schuhen hat sie einen vollen Kleiderschrank, aber nie etwas zum Anziehen. Gern würde sie viel öfter einkaufen gehen, wenn das Geld nicht so knapp wäre. Auf Markenklamotten legt sie nicht so viel Wert. Hauptsächlich kauft sie bei H&M und Zara im Sale ein. Früher trug sie viel bunt gemixte Kleidung. Heute stimmt sie alles aufeinander ab, vom Schlüpfer über die Socken, zum Pullover bis hin zum Haargummi. Seit geraumer Zeit besitzt sie eine Nähmaschine mit der sie einige Kleidungsstücke selber näht. Handwerkliches Arbeiten macht ihr Spass und sie legt großen Wert darauf, etwas selbst zu erschaffen. Oft versucht sie ihre vorhandenen Kleidungsstücke zu verändern und individueller zu gestalten. Pullover verziert sie mit großen kitschigen Katzenaufnähern, um ihn charakteristischer und auffälliger zu inszenieren. Wilma hätte viel mehr kitschige Sachen. Nur ihr Freund bremst ihre Euphorie für Kitsch. Dennoch findet man in ihrer Wohnung vereinzelt Figuren von Vögeln, Rehen und anderen. Alles davon gefällt ihr selbst auch nicht, aber meist handelt es sich um Präsente von Freunden oder der Familie. Wilma hebt diese aus Anstand auf, außerdem dienen sie ihr als lustige Erinnerungsstücke. Ihr Hang zum Kitsch, ihre Liebe zu Tieren und ihre humorvolle Seite, ist auch in ihrer Einrichtung zu finden. So besitzt Wilma zum Beispiel Magnete oder Kleiderhaken in Form von Tierköpfen. Der Spiegel bekommt als spielerisches Element Schwanenfedern als Ohren, die Wand des Flurs ein Schild mit dem Wort »Ende« oder die Tiermagnete in der Küche Sprechblasen. Wilma schafft sich ihre eigene kleine Welt, in der sie ihre Kreativität spielerisch ausleben kann. Überall in der Wohnung sind Bilder verteilt. An der Wand im Eingangsbereich befindet sich eine Bildergalerie. Hier hängen Werke aus der eigenen Hand von Wilma, gemischt mit Arbeiten ihres Freundes und anderen Freunden. Gleich wenn man die Wohnung betritt, hat der Gast etwas zu Sehen und zu Staunen. Wilma zeigt gern ihr künstlerisches Können und man merkt, dass sie ihre Arbeit auch mit Stolz präsentiert. Zu einem der Bilder hat sie eine besonders große emotionale Bindung: Dem selbstgemalten Fisch ihres Freundes. Warum genau dieses Bild so eine starke Wirkung auf sie hat, kann sie nicht erklären. Es vermittelt ihr das Gefühl von Geborgenheit, Schutz und Heimat. In einer fremden Umgebung, würde sie sich gleich durch das Vorhandensein des Bildes sicherer fühlen. »Kostbarer ist der Ring, den mir mein Freund geschenkt hat. Das ist so klischeehaft, ich weiß. Aber er ist von ihm. Und er ist alles für mich.« Auf so konservative Art zeigt er ihr, dass immer jemand an ihrer Seite ist. Der Schwund des Ringes würde in ihr einen starken Verlust auslösen. Nicht einmal beim Backen oder Abwaschen nimmt sie den Ring ab. Er ist Symbol der Verbindung und Zusammengehörigkeit mit ihrem Freund. Wilma sagt über

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sich selbst, dass sie ein sehr häuslicher und familienbewusster Mensch ist. Als ich sie nach ihrem größten Wunsch frage lacht sie kurz auf: »Eine Familie. Und alles was dazugehört mit Baum, Haus, Zaun und Gartenschaukel«. Mit diesem Schlusssatz entlässt sie mich. Voller intimer Einblicke in ihre Wohnung, ihre Schätze und ihren Geschmack. Während des ganzen Interviews hiehlt Wilma Blickkontakt, sie ­wirkte sehr fokussiert und interessiert. Zwischendurch wackelte sie öfter mit den Fussspitzen und spielt sich an der Unterlippe herum, wenn es etwas persönlicher wurde. Das Gespräch zwischen uns, war sehr offen und ihre Antworten wirkten sehr ehrlich.

Max ist barfuß, als er uns die Tür zu der Zweizimmer-Hinterhofwohnung öffnet, die er vor einigen Monaten mit seiner Freundin bezogen hat. Heizungsluft und warmes Licht bilden einen willkommenen Kontrast zu den verschneiten Neuköllner Seitenstraßen, die wir auf dem Weg hierher durchquerten, und der naturbelassene Dielenboden ist um einiges trittsicherer als die ungeräumten Bürgersteige. Wer das Glück hat im Vorderhaus des vierstöckigen Altbaus zu wohnen, kann seinen Blick beim Rauchen auf dem Balkon über einen großen Platz schweifen lassen, dessen Mitte eine backsteinerne Kirche ziert. Die gepflasterten Straßen führen nicht viel Verkehr. Nachdem wir uns unserer Mäntel und Stiefel entledigt haben, folgen wir Max durch den von halb ausgepackten Umzugskartons und zahlreichen Schuhen gesäumten Flur in die Küche, wo wir uns einander nochmals ausführlich vorstellen und nach einer kurzen Erklärung unserer Absichten die erste Hälfte des Interviews führen. Doch zuerst ein wenig zur Person: Vor nunmehr 27 Jahren im Berliner Urbankrankenhaus als Kind zweier Lehrer zur Welt gekommen, wuchs Max in einer großen Wohnung direkt am Landwehrkanal im Westberliner Bezirk Kreuzberg auf. Nach dem Erwerb des Realschulabschlusses verließ er die Schule und begann eine Ausbildung zum Assistenten für Elektrotechnik. Nachdem er seinen Zivildienst in einem Krankenhaus abgeleistet hatte, beschloss er, sein Abitur nachzuholen. Hierauf folgten einige Jahre Studium, darunter zwei sehr duldungsreiche als Student der Physikalischen Ingenieurswissenschaften und der Mathematik und Physik auf Lehramt. In seiner freien Zeit produziert er Instrumentals für links-politische Rapper, mit denen er an so manchen Wochenende durch die Hallen und Hausprojekte der BRD und des deutschsprachigen Auslands tourt.

Lenken wir unser Augenmerk zurück zur Küche, stellen wir fest, dass Max mittlerweile am Küchenfenster Platz genommen hat, einen Ellenbogen auf den kleinen Esstisch gestützt, die Beine locker überschlagen. Seiner Bitte uns »ruhig gründlich umzusehen« kommen wir freudig nach. Augenfälligstes Möbel ist eine Art Kommode aus Massivholz, deren zahlreiche Schubladen, teils naturbelassen, teils in Primärfarben lackiert, aber allesamt ein wenig kleiner sind, als es für einen Küchenschrank praktisch wäre. Darauf steht ein hölzernes Röhren-Radio, auf welchem wiederum eine kleine Godzilla-Figur thront, in den Klauen eine winzige Küchenreibe. Es handelt sich bei dem Schrank um ein Überbleibsel aus Max’ ehemaligem Kinderzimmer. Die Aufkleber, welche die korrekte Rubrizierung von Murmeln, Dinos, Lego etc. erlaubten, wurden mittlerweile entfernt, und auch die farbigen Schubladen sollen bald unter einer Schicht weißen Lacks verschwinden. Neben einem nicht ganz homogenen Messerset, und einer großen Auswahl an Teebeutelpaketen, beherbergt der Holzkoloss, der bei wohlwollendem Betrachter Assoziationen zu einem Apothekerschrank wecken könnte, noch einige Süßigkeiten und ein paar vereinzelte Küchenutensilien. Das Gros des zur Verfügung stehenden Stauraums bleibt jedoch ungenutzt. Bevor Max den Entschluss gefasst hat, sich mit seiner Freundin nicht mehr nur das Bett, sondern auch die Heimstatt zu teilen, wohnte er für eineinhalb Jahre in einer Einzimmer-Wohnung ganz in der Nähe. Aus dieser Zeit stammt eines der vielen großen Küchenmesser – ein IKEA-Brotmesser mit Wellenschliff – auch heute noch das einzige, welches er beim Kochen wirklich benutzt. Er habe gelernt, damit umzugehen, sagt er, und wir kommen auf das Thema Reduktion zu sprechen. Er erzählt von einem Bekannten, der alles, was er binnen Halbjahresfrist nicht benutzt hat, verschenkt. Als Max nach einigen Jahren WG-Leben zum ersten Mal in eine eigene Wohnung zog, nutzte er die Gelegenheit, sein Eigentum gleich kistenweise zu mindern. Darunter der komplette Bestand an CDs und DVDs. »Das ist jetzt alles Schrott für mich, hat keine Daseinsberechtigung mehr, seit es das Internet gibt.« Früher ist der Anspruch Besucher mit einer gut sortierten Filmsammlung zu beeindrucken jedoch durchaus vorhanden gewesen. Umso ärgerlicher also, dass er von seiner Mutter zum Einzug in die eigene Wohnung ein komplettes Geschirrset geschenkt bekam, hatte er doch die Idee gehabt, es bei zwei Tellern und Gläsern zu belassen, damit sich nicht so viel Abwasch in der Spüle stapeln kann. »Ich sag immer, meine Mama is so’n Luxus-Messi, die kauft sich immer tausend Sachen, und verschenkt, was sie zu oft hat«, erklärt Max, eine Salatschleuder in der Hand wiegend – ebenfalls ein Geschenk. Auf dem Trockengitter neben dem Spülbecken steht ein zerkratzter Plastikbecher, der einem Ende in der

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Text und Bilder von Laura Reggentin

L o r enz K o ch

Ein Bild der Liebsten auf dem Schreibtisch


Recycling-Tonne, herbeigeführt von der Hand ignoranter Mitbewohner oder der Lebensgefährtin, schon einige Male nur knapp entgangen ist. »Ist bestimmt schon voll krebserregend«, erinnert aber gemeinsam mit der Eintrittskarte und einem Trikot an das Spiel Deutschland – Argentinien während der WM 2006. Peinlich berührt gesteht Max an dieser Stelle ein, dass er damals das rote Deutschlandtrikot anstelle des weißen erworben hat. Den Platz im weiß lackierten Antikholz-Vitrinenschrank, der sich gegenüber der Kinderkommode an die Wand drückt, teilt sich das IKEA-Geschirr mit einigen Flohmarkt-Fundstücken und der handbemalten Tonschale, aus welcher Max früher sein Frühstücksmüsli zu löffeln pflegte. Er kann sich nicht mehr erinnern, wer die Schale einmal verziert hat, vermutet hinter der gepinselten Schreibschrift, die mit Herzchen anstelle von i-Punkten »Maximilian« buchstabiert, allerdings seine Mutter. Im Vitrinenschrank und dessen Umgebung finden sich außerdem eine Menge Tee-Utensilien. Kannen, Gläser, Stövchen, Tee-Eier. Max trinkt eine Menge Tee, in erster Linie weil er Kaffee nicht so gut verträgt, und ihm Softdrinks zu viel Zucker enthalten. Wenn seine Freundin mit von der Partie ist, wird auch schon mal etwas mehr Aufwand betrieben, aber für gewöhnlich gibt er sich mit einem Teebeutel und einem großen Glas zufrieden. Auf Zeremonie oder Ritual legt er dabei keinen Wert. Ein Guilty Pleasure, und die Ausnahme bei der Abneigung gegenüber Softdrinks, bildet Club Mate. Früher war das Getränk nur einem kleinen Kreis bekannt, und Max genoss es, wenn ihm die anderen Fahrgäste auf dem morgendlichen Weg in die Uni besorgte oder angewiderte Blicke zuwarfen, weil sie die goldgelbe Flüssigkeit in der durchsichtigen Flasche für Bier hielten. Heute ist Mate zum Kultgetränk avanciert, und hat viel von seinem Outfitcharakter eingebüßt. Max trinkt jedoch fleißig weiter, auch wenn es ihm mittlerweile gelungen ist, seinen Konsum auf ein bis zwei Flaschen täglich zu reduzieren. Er gesteht grinsend, dass er einmal versucht hat, komplett aufzuhören, nach zwei Wochen allerdings einlenken musste. »Mate ist eben einfach Sucht für mich«. Wir reden noch ein wenig über Ernährung, bevor wir das Interesse an der Themenwelt Küche verlieren und uns in Max’ Zimmer zurückziehen. Hier ist die Urbarmachung des neugewonnenen Raumes noch nicht sehr weit vorangeschritten, deshalb ist es aber nicht minder wohnlich. Auf dem Boden liegt eine breite Matratze, den Blick aus dem Fenster verwehrt ein Vorhangprovisorium. An der Wand hinter der Tür stapeln sich etwa fünf Umzugskartons, der Schreibtisch in der Ecke des Raumes ist tadellos aufgeräumt. Einer von zwei Flachbildschirmen steht, von großen Boxen flankiert, auf dem Tisch, der andere lehnt ungenutzt an der Wand. Unter dem Tisch ein schwarzer PC-Tower, überall steht komplex aussehendes Musikequipment herum. Wir nehmen Platz auf einem terracottafarbenen IKEA-Sofa, dessen Bezug einmal rot gewesen sein mag. Maximilian versteht sich als Nonkonformist, das Thema Individualität kommt während des gesamten Interviews häufig zur Sprache. Die Möbel und das Geschirr von IKEA sind ihm daher ein Dorn im Auge, stellen für einen Studenten

mit geringem Einkommen aber ein notwendiges Übel dar. Überhaupt stößt ihm die Gleichschaltung von Kunst und Kultur auf – in jedem Land die selben Läden in der Fußgängerzone, die Subkulturen der 90er weichen einer geistlosen One-size-fits-all-Mentalität, deren Mangel an Ecken und Kanten einen größtmöglichen Absatz von Popmusik und Merchandise ermöglicht. Für die heutige Jugend bringt er deshalb Empathie auf: »Die haben ja fast gar keine Möglichkeit mehr sich voneinander abzugrenzen« Ihm selbst ist es sehr wichtig, aus der Masse herauszustechen – Wohnung und Esskultur werden in dieser Hinsicht allerdings aufgrund des begrenzten Budgets hintangestellt. Kleidung, vor allem Schuhwerk, genießen einen ungleich höheren Stellenwert. Darauf angesprochen zeigt uns Max begeistert die zuletzt erworbenen Sneaker – als .jpg auf dem Desktop seines Rechners. Die Schuhe sind zwar schon bestellt, aber die Vorfreude will ja während der langen Lieferdauer irgendwie stimuliert sein. Insgesamt besitzt er etwa 20 Paar Sneaker, die er auch allesamt im Alltag trägt. Die verschiedenen Modelle, meist aus dem Ausland geordert, werden liebevoll gehegt und gepflegt, das Reinigen »macht schon Bock so«, und hat etwas Entspannendes. Max schwärmt von der Reinigungskraft des alten Footlocker Sneaker Cleaners – seit er sich die letzte Flasche gekauft hat, sind allerdings vier neue Sorten hinzugekommen, vollkommen unnötig, und jetzt weiß er nicht mehr, welche er nachkaufen muss. Trotz all der Huldigung und Zuneigung werden die alten Schuhe, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan haben, entsorgt. »Wenn ich so richtig Kohle hätte, würde ich mir jedes Paar zweimal holen, dann kann ich eins tragen, und das andere meinen Kindern schenken, wenn ich mal älter bin.« Hinter der Vorliebe für Turnschuhe vermutet er eine verspätete Trotzreaktion, zu den klobigen Wanderschuhen, die er als Sohn Altkreuzberger Lohas zu tragen gezwungen war. Beim Schuhwerk geht es ihm außerdem, anders als bei den Levi’s Jeans, die er meist darüberträgt, um Einzigartigkeit. Im Freundeskreis gilt das unausgesprochene Gebot keine Schuhe nachzukaufen, und man wird das Gefühl nicht los, dass die Reise nach New York, die er vor kurzem mit seiner Freundin angetreten ist, zumindest teilweise durch die dort erhältlichen Schuhmodelle motiviert war. Zu den Levi’s Jeans, die ihn immer noch daran erinnern, dass er auf der Grundschule verspottet wurde, weil er aus Bequemlichkeitsgründen stets in Jogginghose anzutreffen war, trägt er meist einfarbige Kapuzenpullover, und bedruckte T-Shirts. Früher gern von Yack Fou, heute steckt da nicht mehr so viel Liebe drin, »die machen nur noch Eulen und Pyramiden und so’n Scheiß«. Iriedaily, ebenfalls Mode-Startup aus Berlin, trägt er nach wie vor gern, und hat dabei das Gefühl, dass es der Marke gelungen ist über die Jahre erwachsener zu werden und sich

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dabei treu zu bleiben. Politisch definiert sich Max als »Links, aber Realist«, was sich auch ein wenig in seiner Garderobe widerspiegelt. Die Antifa-Uniform (Northface-Jacke, Adidas Samba, schwarzes Flexfit-Cap mit zwei Buttons) findet er affig, trägt aber gerne Shirts von befreundeten Punkbands, die eigenen Bandshirts bleiben, seit sie einen gewissen Bekanntheitsgrad genießen, häufiger im Schrank. Das einzige Kleidungsstück mit einer politischen Aussage ist Max mittlerweile verloren gegangen: ein schwarzes T-Shirt, dessen weißer Aufdruck die Szenerie einer Straßenschlacht zeigt, in der ein maskierter Mann auf einem brennenden Auto steht, darunter der Schriftzug »We Love To Entertain You«, in Anlehnung an den alten Claim des Fernsehsenders Pro7. Zugegebenermaßen keine besonders tiefgründige Botschaft, jedoch ein eindeutiger Hinweis auf die Zugehörigkeit zur Autonomen Linken. Nun ist Max niemand, der eine gewaltsame Revolution gutheißen würde, oder sich hinter einer der Sonnenbrillen im Black Block verbirgt – er gefällt sich allerdings darin, allzu biedere Mitmenschen mit solcherlei Bübereien zu empören, oder mittels einer geschmacklosen Pointe zu provozieren. Das Interview dauert nun schon einige Stunden an, und obwohl wir uns angeregt unterhalten, beginnt sich der fortgeschrittene Abend bemerkbar zu machen. Die Ellipsen nehmen zu, die Komplexität von Fragen und Antworten ab. Zu unserem Glück haben wir uns das gefälligste Thema für den Endspurt aufgespart – auf sein Musikequipment angesprochen erhebt sich Max schwungvoll von der Couch, Farbe schießt ihm in die Wangen, und die kompliziertesten technischen Begriffe rollen ihm von der Zunge, dass es eine Freude ist. Die »Maschine«, das Herzstück seiner beeindruckenden Sammlung musikalischen Equipments, stellt er uns euphorisch als »Mein Baby« vor. Hinter dem generischen Produktnamen verbirgt sich ein hochkomplexer Drumcomputer der Berliner Firma Native Instruments. Das Äußere erinnert an die MPC, ein Gerät, dass man vor allem aus den Lobgesängen der Rap-Größen der 90er Jahre kennt. Die Kanten sind »schon so richtig schön abgespielt«, denn die Maschine dient Max nicht nur als Controller für die Benutzeroberfläche des entsprechenden Programms am Heimcomputer, sondern auch als Instrument bei Liveshows. Zuhause gewährleistet das Zusammenspiel von Hard– und Software aus einer Hand den optimalen Workflow, und die ausgezeichnete Verarbeitung, die er gleich mehrere Male erwähnt, lassen die Gebrauchsspuren wie eine Zierde wirken. »Ich kann die auch anmachen«, bietet er an, als wir uns anschicken, das Schmuckstück fotografisch festzuhalten, und seine Finger beginnen eine Melodie in die orange aufleuchtenden Tasten zu klopfen. Ich möchte dem geneigten Leser nicht mit den vielen Details über die Yamaha 80 Monitorboxen langweilen, es sei jedoch angemerkt, dass diese Maximilians Ansprüchen, bei einem Preis von immerhin 500 Euro, gerade eben Genüge tun. Dies aber auch nur, weil er in jahrelanger Erfahrung gelernt hat, den verfälschten Klang durch ein gutes Ohr zu kompensieren. Musik ist eine sehr ernste Sache für Max – während er sich gern über schlechte

Filme oder miserable Bücher amüsiert, fehlt ihm dieser Humor bei Musikstücken gänzlich. Ehrlichkeit und Herzblut spielt hier eine große Rolle, überproduzierten Popsongs kann und möchte er nichts abgewinnen. Neu entdeckte Stücke teilt er nur mit einigen wenigen, oder niemandem, wenn er sich nicht sicher ist, ob jemand anderes in der Lage ist, das Lied zu würdigen. Auch auf mehrmalige Nachfrage fällt es Maximilian schwer, Gegenstände zu benennen, die ihn nicht nur als Individuum definieren, sondern Erinnerungen an eine Person oder Begebenheit in sich tragen. »Ich hänge nicht so an Dingen«, sagt er, kommt aber ins Grübeln als wir ihn fragen, ob er keine Angst vor dem Vergessen habe. Irgendwo im Umzugschaos schlummere wohl noch eine Schachtel mit Liebesbriefen, aber er muss uns beipflichten, an seine Ex-Freundin kann er sich kaum noch erinnern. »Vielleicht häng ich auch mehr an denen, und merk es nicht so – also wenn der Koffer jetzt weg wäre … wär schon nicht so gut.« Der Koffer, die Miniaturausgabe eines altmodischen Reisekoffers, dient heute vorwiegend dazu die »Maschine« auf eine Höhe zu bringen, in der sie sich im Stehen angenehm bedienen lässt. Max bekam ihn von seinen Eltern geschenkt, als er noch ein kleiner Junge war, und hatte immer die romantische Vorstellung darauf Aufkleber der von ihm bereisten Länder zu sammeln, »wie bei ’nem Wanderstock, wo man diese Plaketten drannagelt«. So zieren das blaue Leder heute Andenken an das »Grand-Hotel Nürnberg«, »Intercontinental Zürich« und »Batman«. Dabei scheint es ihm weniger um die mit den Stickern verbundenen Geschichten zu gehen, als vielmehr darum eine Sammelleidenschaft zu befriedigen. »Boah, ich hab schon so viel gesammelt«, entfährt es ihm, »Coladosen, diese amerikanischen Basketballkarten … wenn ich genügend Geld hätte, würde ich bestimmt wieder irgendwas sammeln, ist ja auch lustig.« Der starke Kontrast zu der von ihm idealisierten Reduktion stört ihn nicht, ab und an muss man sich ja auch etwas gönnen. Die Uhr schlägt Zwölf, es wird Zeit aufzubrechen. Maximilian ist gut gelaunt, aber erschöpft – das viele Reden über sich selbst strengt ganz schön an. Wir fotografieren noch ein paar der Gegenstände, über die wir im Verlaufe des Abends gesprochen haben, und plaudern dabei über Belanglosigkeiten. Wir umarmen uns zum Abschied, und nachdem die Tür hinter uns ins Schloss fällt, bleibt ein Gefühl der Vertrautheit. »Das müsste man eigentlich öfter machen«, denke ich mir, während wir uns den Heimweg durch den frisch gefallenen Schnee bahnen.

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Text von Lorenz Koch, Bilder von Jan Muschke


A nik o S t übne r

Greta

Ich werde liebevoll und wach von Greta empfangen. Obwohl es in der Wohnung an diesem Dezembermorgen fast so kalt ist wie draußen, strahlt die kleine Zweiraumwohnung wie auch Gretas Gemüt sehr viel Wärme aus. Greta ist Mitte Zwanzig, liebt Tintenfarben und den Geruch von Lavendel. Ich mache es mir bei ihr im Wohnzimmer auf dem großen, grauen Sofa gemütlich. Dieser Raum ist für Greta Mittelpunkt der Wohnung, was unschwer zu erkennen ist. Mein Auge weiß nicht, wo es zu erst hinschauen soll – ein großer Fernseher, Bücherregale, welche mit DVDs und Büchern überladen sind, zwei riesige Schreibtische, welche kaum noch als diese zu erkennen sind und Filmplakate ihres Freundes »schmücken« die weißen Wände. Im Gegensatz zum Wohnzimmer sieht das kleine Schlafzimmer etwas vernachlässigt aus. Man bemerkt, dass Greta sich diesem Zimmer weniger widmet. Wahrscheinlich weil das Zimmer ein intimer Ort ist. Sie teilt sich alles mit ihrem Freund Franz – ihrer ersten großen Liebe. Am liebsten würden die beiden das Wohnzimmer, welches gleichzeitig als Arbeitszimmer dient, komplett neu gestalten. Die gesamte Wohnung müsste an Größe dazu gewinnen, schon ein kleines Zimmer mehr wäre Greta und Franz sehr hilfreich. Doch die Mieten in Charlottenburg steigen. Deshalb müssen sie sich mit der Größe und den kleinen Macken der Wohnung arrangieren.

Magie der Dinge Zwei große Schreibtische drängen sich in die vordere Ecke des Wohnzimmers und erzählen von der Arbeit beider. Sofort kann man an den Sachen auf dem Schreibtisch erkennen, wem welcher Bereich zugeteilt wurde. Auf Gretas Seite bestimmen die Nähmaschine und die volle Pinnwand das Bild. Direkt neben der Pinnwand hängt eine handgroße Maske – ein asiatischer Elefantenkopf mit gelb- und orangefarbenen Ornamenten. Die Maske befindet sich erst seit kurzem in ihrem Besitz. Sie ist ein Erbstück ihres Opas, dem Vater ihrer Mutter, der im August 2012 verstorben ist. Er hatte sie von einer Nepalreise nach seiner Scheidung mitgebracht. Greta fühlt sich der europäischen Kultur zugehörig, würde aber auch gerne andere Länder und Sitten kennenlernen. Wenn sie die Maske anschaut, ist sie meist ein bisschen hin und her gerissen. Auf der einen Seite erinnert sie sich an schöne Momente mit ihren Großeltern, auf der anderen Seite aber auch an deren gescheiterte Beziehung. Dadurch erhält die Maske für sie etwas besonderes, eine Seele. Der Aberglaube spielt bei Greta keine übergeordnete Rolle, aber ab und zu taucht er in ihrem Leben auf. Sie glaubt nicht an höhere Mächte, aber dafür an die Weite des Universums. Sie ist davon überzeugt, dass es Irgendetwas gibt,

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was die gesamte Menschheit beeinflusst. Greta wirkt sehr bodenständig, doch ganz versteckt ist da ein Funkeln, welches an die Magie der Dinge signalisiert. Als ich sie nach weiteren Glücksbringern frage, springt Greta auf und holt aus ihrem Schlafzimmer eine kleine Schatulle und ein rundes goldenes Bild. Auf dem Bild ist ihre Mutter als junges Mädchen zu sehen und Greta erzählt, dass ihre Schwester das Gegenstück dazu besitzt. Das Pendant ist der gleiche goldene Rahmen mit dem Bild der Mutter und ihrer Katze. Greta beschreibt ihre Mutter als ihr größtes Vorbild. Wenn Greta der Duft von Rosenöl in die Nase steigt, verbindet sie diesen immer sofort mit den weiblichen Mitgliedern ihrer Familie. Sie fühlt sich ihrer Familie sehr zugehörig, auch wenn die familiären Umstände nicht die besten sind. Ihre Eltern trennten sich 2010. Ihre Mutter und ihr kleiner Bruder leben seit dem allein in einem Einfamilienhaus in Bayern. Greta liebt die wunderschöne Aussicht von dem Haus aus, in dem sie aufgewachsen ist. Wenn sie das Jugendbild ihrer Mutter in den Händen hält, erinnert sie sich an ihre Erzählungen. Sie meisterte den Großteil aller alltäglichen Hindernisse mit zwei kleinen Kindern in Berlin, der Stadt in der Greta geboren ist, allein. Die Beziehung mit dem Vater war ein einziges Auf und Ab. Wahrscheinlich fühlt sich Greta deswegen den jungen Frauen in Berlin, denen die Welt offen steht, zugehörig. Nicht ohne Grund zog sie nach ihrer Jugend in Bayern wieder nach Berlin zurück. Die liebsten Orte in Berlin sind für sie ihre Wohnung und der Schlosspark in Charlottenburg. Im Gegensatz dazu steht die Fußgängerzone in der Wilmersdorfer Straße, die sie besonders an Samstagen hasst und ignoriert. Sie liebt den Brandenburger Buchenwald Heilige Hallen und vermisst das Haus in Bayern sehr. Trotzdem ist Berlin ihr neues, altes Zuhause. Der Blick fällt auf eine kleine blaue Schatulle mit Blumenmuster. Sie war ein Geschenk ihrer Großmutter väterlicherseits und erinnert an das Familienhaus in der bayrischen Idylle. In der Schatulle ist nichts drin, aber vielleicht ist es wie mit der Liebe, die man auch nicht wirklich sehen, sondern nur spüren kann. Für Greta ist die kleine Schatulle prall gefüllt mit Kindheitsgedanken und schönen Erinnerungen.

Liebe des Lebens Das wohl für Greta bedeutendste in ihrem Leben ist ihr Freund Franz. Die Beiden kennen sich schon seit ihrer Schulzeit in Bayern, wo sie sich auch ineinander verliebten. »Mein Partner Franz gibt mir alles – Liebe und Geborgenheit, Unterstützung und Selbstbewusstsein.« Greta meint, dass er besonders ihr Körperbewusstsein und ihre ruhige Art mag. Es fällt ihr nicht schwer sich selbst zu beschäftigen. Sie zweifelt nicht an ihrem Äußeren und auch nicht an den Entscheidungen, die sie bisher in ihrem Leben getroffen hat. Sie sagt selbst, sich sehr nahe zu stehen und ist auch selten überrascht von sich selbst. Ein gemeinsames Projekt der beiden ist die Umgestaltung der Wohnung. Sie soll einladender und gemütlicher werden. Momentan sind alle Möbelstücke sehr eng gestellt und die meisten Regale sind offen, sodass die Wohnung sehr unruhig erscheint. Überall

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ist zu erkennen, dass zwei Menschen ihr Leben zusammenführen und die mitgebrachten Dinge des Anderen akzeptieren. Jedoch ist das Gesamtbild der Einrichtung unruhig. Dies soll gemeinsam verbessert und umgestaltet werden. Der Gedanke der Veränderung setzt aber keinen der beiden unter Druck. Es ist vielmehr ein gemeinsames großes Projekt, welches das Paar angehen möchte. Die optische Verschmelzung der eigenen Dinge mit denen des Partners kann die Beziehung auf eine neue höhere Ebene bringen. Wahrscheinlich ist das die Intention der beiden, bei der Umgestaltung ihrer Wohnung. Greta und Franz tanzen für ihr Leben gerne, aber nicht in Clubs. Sie betreiben Standardtanz schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Zeugen aus dieser Zeit sind Gretas alte Tanzschuhe. Diese beiden schwarzen Schuhpaare haben sich bereits lange bewährt und passen in ihrer Schlichtheit einfach zu allem. Der mittelhohe Absatz spielgelt dabei nicht zuletzt Gretas Bedürfnis stets auf dem Boden zu bleiben wieder. Greta kauft gern Wolle und Stoffe in der Kurzwarenabteilung oder auf verschiedenen Märkten. Meist steht vor dem Kauf der Plan eines selbst auferlegten Wolle-Projektes. Sie kauft oft nur wenig oder nichts und schaut sich die tollen Stoffmuster nur an. Auf Rücksicht zu ihrem Freund und den Nachbarn benutzt sie die Nähmaschine nur selten, denn sie ist laut und Greta hat beim Nähen das Gefühl, ihre Nachbarn zu stören. Schließlich greift sie dann oft auf die Stricknadeln zurück. Beim Stricken kann sie abschalten und einfach mal an nichts denken. Außerdem gestaltet sie gern per Hand, um das Ergebnis direkt haptisch zu spüren. Das steht ganz im Kontrast zu ihrem beruflichen Werdegang. Als Modelleur verbringt sie die meiste Zeit am Computer. Das Stricken geht auf den Ursprung des Handwerks zurück und gibt Greta ein gutes Gefühl. Da ihre Mutter auch einen handwerklichen Beruf erlernte, fühlt sie sich ihr in diesem Punkt auch wieder etwas näher. Ihre Mutter ist gelernte Goldschmiedin. Sie kreierte für Greta einige Schmuckstücke, die ihr viel bedeuten und die sie oft trägt. Die Bernsteinkette ist eines von Gretas Lieblingsstücken. Sie gibt wieder den Hinweis auf ihre Naturverbundenheit. Der durch die Hand ihrer Mutter bearbeitete Stein aus fossilem Harz wirkt wie ein Verbindungsstück zwischen Mutter und Tochter.

Schutzschild Ihr meist getragenes Kleidungsstück ist die beige-braun-blaue Strickjacke, die sie genauso trägt, wie auf dem Bild gezeigt. Die Haltung der Jacke hat etwas von einem Schutzschild, der vor dem Körper getragen wird. Vielleicht übernimmt die dicke, naturbelassene Wolljacke den Schutz vor der Großstadt. Sie schützt Greta, die aus der wohl behüteten Heimat in Bayern stammt, vor den lauten Gefahren Berlins. Für sie sind Markensachen unbedeutend und sie würde sich auch selbst nie als Trendsetter beschreiben. Allerdings lässt sie sich schon hin und wieder gern von der Modewelt mitreißen, wenn der Klamotten-Trend ihr gefällt. Sie findet nicht, dass sie sich großartig von den Menschen in ihrem Umfeld unterscheidet, trotzdem möchte sie versuchen immer bei sich selbst zu bleiben. Als Kind war Greta sehr zurückhaltend und überließ

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viele Aufgaben ihrer jüngeren Schwester. »Als Kind war ich so schüchtern, dass mir meine drei Jahre jüngere Schwester mein Eis bestellen musste.« Mit ihrem Körper ist sie heute im großen und ganzen recht zufrieden. Sie bekommt sogar sehr häufig Komplimente für ihre großen Augen und den wohlgeformten Mund. Allerdings steht sie nicht gern im Mittelpunkt. Sie hat Angst, durch zu viel Aufmerksamkeit überheblich zu wirken. Eine Umarmung ist für einige zu jeder » A l s K i n d wa r i c h s o Gelegenheit selbstverständlich, aber Greta s c h ü c h t e r n , da s s m i r verspürt manchmal personenabhängig Bem e i n e dr e i Ja h r e rührungsängste. Ihre relativ große Brust jüngere Schwester mein kaschiert sie meist durch ihre Kleidung, Eis bestellen musste. um eine Fixierung ihrer Person auf dieses « eine Körperteil und Neid anderer Frauen zu vermeiden. Sie möchte vor allem auf ihrer, durch Männer dominierten, Arbeitsstelle Seriosität ausstrahlen und kein falsches Bild vermitteln. Ihr Äußeres muss sie höchstens vor ihrer Familie verteidigen, die sich hin und wieder über ihre Frisur auslassen. Gretas körperliche Kondition ist nach ihrem Ermessen nicht sehr hoch, da sie sich mit Sport nicht auseinandersetzt. Was ihre wohlgeformte Figur betrifft, braucht sie sich darüber keine Gedanken zu machen. Auf einer Skala von eins bis zehn würde sie sich selbst eine Acht geben. Wer kann das schon von sich selbst behaupten? Nur eine äußerst zufriedene Person, die mit sich im Reinen ist. Das bestätigt auch die Tatsache, dass sie nie ein Parfum trägt.

Vorlieben Am liebsten isst Greta zum Frühstück süßes Müsli nach Omas Rezeptur. Die Apfelstücke müssen genau so gewürfelt werden, wie es ihre Oma immer schon gemacht hat. Sie führt am Morgen stets den gleichen Ablauf durch und das mit Freude. Erst steht sie auf, dann geht sie zur Toilette, das berühmte Omafrühstück wird genossen und schließlich zieht sie sich an. Greta liebt Süßigkeiten und ergibt sich gern dem Genuss des Nichtstuns. Sie passt sich der Stimmung einer Gruppe oder Situation oft an. Sie erzählt, dass sie sich für andere aufopfert und sich dabei meist selbst aus den Augen verliert. Greta fühlt sich im Allgemeinen nützlich und gebraucht, aber manchmal überkommen sie Zweifel in Bezug auf ihren Beruf. Sie denkt darüber nach wie es wäre einen Beruf auszuüben, bei dem sie anderen Menschen helfen könnte, bemerkt aber immer wieder, dass sie so einen Job nicht alltäglich ausüben könnte. Sie fühlt sich in ihrer gewählten Berufsgruppe akzeptiert und zugehörig.

Glaube an sich selbst Nach gemütlichen Stunden auf dem Sofa und einer komplett leeren Keksschachtel verabschiede ich mich am Nachmittag von meiner Freundin. Obwohl wir schon seit einigen Jahren befreundet sind, gehe ich mit einem etwas anderen Bild von Greta aus der Wohnung. Besonders der Einblick in ihre Familiengeschichte und in ihre Partnerschaft lässt uns respektvoll auf Gretas Leben

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blicken. Sie hat das Gefühl, ihr Leben selbst zu steuern. Die Glücksbringer und Andenken sind unterstützende Gedankenhilfen, die daran erinnern, was wirklich wichtig für sie ist. Ihr größtes Ziel im Leben ist, selbst eine Familie zu gründen und mit sich und dem bisher gelebtem Leben zufrieden und glücklich zu sein. Auf ihre bisher erbrachten Leistungen kann sie stolz zurückblicken, obwohl sie selbst über sich sagt, dass sie noch nicht viel geleistet hat. Sie glaubt nicht direkt an höhere Mächte, glaubt aber an Treue und die Familie. Ganz besonders glaubt sie an die Liebe zu ihrem Franz, der immer hinter ihr steht. Man bemerkt auch bei Greta, dass Zukunftsängste in der Luft liegen, trotzdem spürt man eine unendliche Sicherheit und innere Ruhe. Sie hat keine festen Pläne, die weit in die Zukunft weisen, sondern eher Träume, die sie versucht zu verwirklichen. Text und Bilder von Aniko Stübner

A nneke G o e r t z

Ich blicke auf das Klingelschild und mir wird klar, dass in dieser Wohnung gleich mehrere Leute wohnen. Eine WG!? Die Nachnamen-Ansammlung passt kaum auf das Klingelschild, was dazu führt, das man fast eine Lupe braucht, um alle zu entziffern. Wie das wohl der Briefträger macht, frag’ ich mich!? Das ist mir ein Rätsel. Ein handschriftlich zugefügter Name lässt erahnen, dass vor kurzem jemand Neues hinzugezogen ist. Wie viele Leute wohnen denn nun hier, drei oder vier? Naja, egal. »RIIINNNNNNGGGGG«. »SUUUMMMMM«. Erste Etage, eine Tür ist angelehnt, sie öffnet sich. Eine hübsche, junge Frau strahlt mich an. Hier bin ich richtig. Sie begrüßt mich herzlich. Ich finde eine letzte freie Stelle an der überfüllten Garderobe. Vom kleinen dunklen Flur kommt man gleich in die helle, offene und sehr gemütliche Küche. In diesem Moment tauchen Laura und Simon auf. Laura begrüßt mich freudig und Simon, den ich zum ersten Mal treffe, reicht mir die Hand und stellt sich vor. Er sei der vorübergehende Untermieter von Neele – daher auch der laienhaften Zettel am Klingelschild. Wir sitzen eine Weile in der Küche, trinken Tee und quatschen über vegane Gerichte. Es ist schon spät, nach und nach verschwinden alle in ihren Zimmern. Lotte und ich ziehen uns in ihr Schlafzimmer zurück. Auf ihrem Bett sitzend beginnen wir das Gespräch.

This is the beginning

von ihr gewählter Ort für das Interview, ist der Platz in der Wohnung, wo sie am meisten Zeit verbringt. Es ist ihr Rückzugsort. Das war schon immer so. Hier fühlt sie sich am wohlsten. Hier liest sie, telefoniert, schaut Serien oder arbeitet am Laptop. Gelegentlich isst sie auch hier. Die kuschelige Daunendecke schafft Gemütlichkeit und Geborgenheit. Im Durchschnitt verbringt sie hier, zusätzlich zum Schlaf, zwei Stunden am Tag. Ihr zweitliebster Platz ist die Couch in der Küche. Besonders dann, wenn sie ihr Zimmer mal »über hat« oder Gesellschaft haben will. Hier spielt sich nicht nur das WG-Leben ab, man kann auch schön aus dem Fenster gucken und das Treiben auf der Straße oder den Nachbarbalkonen beobachten. Der Platz ist sehr hell, gemütlich und durch die Heizung sehr warm. Auf ihrer eigenen Couch sitzt sie nicht so gerne, sie sei zu ungemütlich. Der dunkelbraune Kunstlederbezug ist kalt und lädt nicht gerade zum Verweilen ein. Im Gegensatz zu den nach vorne liegenden Zimmern sind ihre recht dunkel, dafür aber auch sehr ruhig gelegen. Im Sommer kann man so auch bei offenem Fenster schlafen. Sie fühlt sich in der Wohnung zuhause, sie würde es gegen kein anderes WG-Zimmer tauschen wollen. Obwohl der Boden knarzt, es durch die Fenster zieht und sie die anderen beim Duschen hört. Es geht sehr familiär zu und es bestehen viele Gemeinsamkeiten.

Besondere Orte/Dinge und ihr Verhältnis zu Kitsch

Das Schlafzimmer ist eins von ihren zwei Zimmern. Beide Zimmer sind mit einem kleinen, tunnelähnlichen Durchgang verbunden. Diesen außergewöhnlichen Schnitt mag sie, es sei kein normales Zimmer, es ist besonders. Das eine Zimmer ist ihr Wohn- und Arbeitsbereich, das andere Zimmer dient als Schlafraum. Beide liegen nach hinten, zum Hof hinaus. Ihr Bett, als

Sie kann sich immer mehr vorstellen, in Berlin zu bleiben. Ihr Herz hängt zwar an ihrer Heimat, dem Ruhrgebiet, eine bestimmte Stadt gibt es jedoch nicht. Es ist ein großes, charmantes Ganzes. In ihre Heimatstadt Holzwickede würde sie zum Beispiel nicht zurückziehen wollen. Mittlerweile, hat sich auch ihr soziales Umfeld sehr verstreut. Es ist nicht mehr nur im Ruhrgebiet, es befindet sich immer mehr in Berlin. Die Heimat wird zwar immer Holzwickede bleiben, aber ihr Zuhause ist nun Berlin. Sie beschreibt ihre Heimat als Ort, wo sie geboren und aufgewachsen ist, wo sie die ersten Erfahrungen gemacht hat. Ihr Zuhause jedoch ist da, wo sie zur Zeit lebt, wo ihre Sachen und ihr Wohnort ist, wo sich das Leben abspielt (Freunde, Beruf, Hobbys etc.). Manchmal kommt es ihr vor wie ein Sprung zwischen den Orten und Zeiten. Zwischen früher und heute. Holzwickede und Berlin. Der goldene Spiegel ist auch so eine Sache, er erinnert sie an früher begleitet sie heute. Er war mal ein Bilderrahmen und gehörte ihren Eltern. Sie hat ihn geschliffen, angestrichen und zu einem Spiegel umfunktioniert, erzählt sie mir stolz. Seit dieser Zeit ist er nun ihr Begleiter und erinnert sie an ihre Heimat. Er hat eine funktionale als auch emotionale Funktion. Auch der gelbe Schreibtischstuhl vor – und der kleine Papierkorb neben –

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Lieblingsplätze


dem Schreibtisch sind Erinnerungsstücke. Es sind von ihrer Mutter ausrangierte Dinge, die sie an ihre Heimat erinnern. Was einem sofort ins Auge springt, sind die vielen Fotos überall. An der Wand, im Regal und auf dem Fenstersims. Hier, im Wohn- und Arbeitszimmer findet man so gut wie nur Fotos von Freunden und Verwandten. Bilder von Partys, Urlauben, Alltagssituationen. Im wesentlich gemütlicheren Schlafzimmer findet man hingegen keine Bilder mit Freunden oder Verwandten, lediglich Landschaftsbilder aus Urlauben, welche sehr schön, aber auch durch andere zu ersetzten wären. Hier erfährt man weniger über den Bewohner als in dem anderen Zimmer, es ist wesentlich unpersönlicher. Trotzdem ist dies der Raum in dem sie sich wohler fühlt. Sie versucht, ihn klar und minimalistisch eingerichtet zulassen. »Möglichst wenig Dinge, die Unordnung schaffen«. Ab und an findet man einen Dekoartikel, der für Stimmung sorgen soll, ansonsten hat alles seinen festen Platz. Nichts liegt rum. Sie mag goldene Dinge, findet diese meist aber auch kitschig . »Ein bisschen Kitsch muss dann halt doch sein«. Architektonisch betrachtet, mag sie am liebsten die Klarheit der Bauhaus-Architektur. Ob es daran liegen kann, dass sie selbst in so einem »Würfel« aufgewachsen ist? Besonders wohl fühlt sie sich in Museen, ganz im Gegensatz zu diesen »… schrecklichen, dunklen, 70er Jahre-Bauten oder altbackenen Hotels mit krass gemusterten Teppichen, wo man das Gefühl hat, erstickt zu werden«. Übervolles mag sie nicht, klar und aufgeräumt muss es sein. Viel Schnick-Schnack kommt ihr nicht in die Wohnung, sie hat auch so schon das Gefühl, dass ihr Zimmer zu voll gestellt ist. Objektiv betrachtet, weiß sie eigentlich, dass es nicht so ist.

Besitztümer und persönliche Eigenheiten Materialistisch ist sie nicht. Sie könnte auf alle Dinge verzichten, erzählt sie mir. Das Meiste kann man schließlich ersetzen, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Es wäre schade um die alten analogen Fotos, bestimmte Briefe oder Dinge, die einfach einen finanziellen Wert haben, wie zum Beispiel die Spiegelreflexkamera. Aber auch das wäre kein Weltuntergang. Sie kann nicht nachvollziehen, wenn man sich so stark von materialistischen Dingen abhängig macht. Auf der anderen Seite erzählt sie mir, dass sie unter anderem ihrer Kamera einen Namen gegeben hat. Sie heißt Can. Sie erzählt von Can, als spräche sie über einen alten Freund, mit dem sie schon viel erlebt hat. Ihr Blick ist verträumt, wenn sie an diese alten Zeiten denkt. All die gemeinsamen Erlebnisse … Trotzdem sagt sie, dass Can auch nur ein Mittel zum Zweck ist, der ganz einfach durch eine neue/andere Kamera ersetzt werden könnte. Es gibt auch andere Dinge, denen sie einen Namen gegeben hat. Da wäre zum Beispiel ihr Fahrrad, es hört auf den Namen Denver. Zur Zeit steht er im Hof, als einziger nicht unter’m Vordach und ist unter Massen von Schnee begraben ... »Ob sie ihm mal einen warmen Tee runter bringen sollte …? Oder ihn zu mindestens mal unter das Vordach schieben sollte …? Er ist

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so schutzlos und hängt da so an seinem Bügelschloss rum.« Die Namen beziehen sich meistens auf die Marken der Gegenstände und sind in der Regel eher technische Gebrauchsgegenstände. So heißt ihr Koffer Cobain und der Fiesta ihrer Mama Funny (genauso wie die letzten drei übrigens auch). Diese Personifizierung verändert das Verhältnis zu ihren Gebrauchsgegenständen. Die Dinge werden zu einem Teil von ihr, das findet sie sehr schön. Es macht ihr sichtlich Spaß, darüber zu reden und andere dadurch auch zum Lachen zu bringen. Sie mag es, wenn sie andere zum Lachen bringen kann. Im Gegenzug zu den materialistischen Dingen gibt sie Dingen, die emotionaler behaftet sind, wie ihrem Schmusekissen oder Spielzeug aus der Kindheit, keine Namen.

Aufmerksamkeitsstrategien und Identitätsgefühle Oft wird ihr nachgesagt, dass sie sehr bodenständig sei. Sie verfolgt ihre Ziele, Wünsche und Standpunkte. Räumt aber ein, dass sie auch spontan sein kann! Wenn sie etwas will, fordert sie es ein. Schon als Kind konnte sie gut »NEIN« sagen. Manchmal hat sie aber auch »Nein« gesagt aus Angst vor möglichen Folgen, was dazu führte, dass sie sich oft Sachen nicht zugetraut hat. Auch heute kennt sie dieses Gefühl der Unsicherheit noch. Zum Beispiel wenn sie in große, fremde Gruppen kommt oder in Situationen, die » W i e ko m m e i c h rü b e r? anders geplant waren, auf die sie sich im Wie nehmen mich die Vorfeld nicht einstellen konnte. In der a n d e r e n wa h r? K a n n i c h Hinsicht ist sie dann nicht so spontan, da s a l l e s? B l a m i e r e i c h wie sie es gerne wäre. Fragen wie: »Wie m i c h? M ö g e n d i e m i c h? komme ich rüber? Wie nehmen mich die « anderen wahr? Kann ich das alles? Blamiere ich mich? Mögen die mich? « sind jedoch seltener geworden und strengen sie nicht mehr so an. Sie hat gelernt, damit umzugehen und ihre Schwächen und Stärken zu akzeptieren. Wichtig ist ihr der erste Eindruck. Grundsätzlich erst einmal nett gefunden zu werden, reicht da schon fast aus. Offen, unterhaltsam und vertrauensvoll möchte sie auch gerne rüberkommen. Ein »Ja-Sager« ist sie definitiv nicht, sie hat ihre eigenen Meinungen und tut sie auch kund. Dominant kann sie auch sein, wenn sie in einer Gruppe ist, in der keiner eine Entscheidung trifft, tut sie es. Sie kann nicht sagen, ob sie sich diese Rolle nimmt oder sie ihr gegeben wird. Sie versucht stets, alles auszuprobieren und sich nicht von ihrer Unsicherheit und Angst einschränken zu lassen. Sie weiß, dass sie im Nachhinein stolz auf sich ist und das gibt ihr ein gutes Gefühl. Oftmals ist es auch viel einfacher als man denkt. Und wenn mal was schief geht, kann sie auch über sich selbst lachen. In ihrem Job (sie ist Psychologin und steckt mitten in der Therapeuten-Ausbildung) überkommt sie jedoch des öfteren noch diese Unsicherheit, hier ist sie nicht so selbstbewusst wie im Alltag. Wenn sie zum Beispiel neue Dinge machen muss oder von erfahreneren, kompetenteren Kollegen in Frage gestellt wird, lässt sie das an sich und ihrer Arbeit zweifeln. In diesem Bereich hätte sie gerne mehr Selbstbewusstsein. Auch im

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Umgang mit interessanten Männern wäre sie gerne gelassener und nicht so angespannt. Wenn sie keine Beziehung hat, fehlt ihr etwas. Man muss nicht unbedingt einen Partner haben, man kann auch alleine glücklich sein. Es bedeutet nicht, das man nicht gemocht wird. Durch ein professionelles Erscheinungsbild versucht sie, besonders im Job, kompetent zu wirken und den Erwartungen zu entsprechen. Sie würde niemals zu leger und sportlich auf der Arbeit erscheinen. Sie nutzt die Kleidung um ernster genommen zu werden und um älter auszusehen, da sie, ihrer Meinung nach, nicht den Stereotypen eines Therapeuten entspricht. Sie ist noch recht jung, klein und man sieht ihr ihre Lebenserfahrung nicht an. Teilweise merkt sie auch selbst in ihrem Verhalten eine Veränderung, dann schlüpft sie in eine Rolle, die Therapeuten-Rolle. Ihr Beruf macht sie glücklich, es könnte aber (fast) jeder andere sein, sagt sie. Sie sieht eigentlich immer das Gute und ist positiv eingestellt. In dem einen Job sind vielleicht die Aufgaben und Inhalte spannender, in dem anderen dann die Kollegen netter. Tendenziell ist sie ein glücklicher Mensch. Es gibt viele Momente, wo sie das stark spürt. Manchmal kann sie gar nicht glauben, wie schön das Leben ist und was sie für ein Glück hat, sagt sie und summt This is the beginning von Boy. Text und Bilder von Anneke Goertz

N icla s v o n S t een

Es dämmerte. Erwin war ein wenig hungrig und suchte im Kühlschrank nach etwas Essbarem. Als er nichts außer sauren Gurken und altem Toastbrot finden konnte, machte er sich auf, um seinen Vater zu suchen. Erwin war gerade zehn Jahre alt, kannte die Situation auf sich allein gestellt zu sein allerdings schon gut. Seine Mutter war nach einem Selbstmordversuch in der Geschlossenen um wieder Mut zu fassen. Seinen Vater würde er wohl in einer der zahlreichen Kneipen der Nachbarschaft finden. Nach dem zweiten vergeblichen Versuch begann Erwin, sich langsam Sorgen zu machen. Sein Vater war immer gut zu ihm, nur kannte er oft sein Maß nicht, wenn es um Schnaps ging. Dann war er immer wie ausgewechselt und interessierte sich für gar nichts mehr. Als es Erwin endlich gelang, seinen Vater in einer Pinte aufzustöbern, sie hieß Zur Molle, musste er feststellen, dass seine Sorge nicht unbegründet war. Die Artikulation fiel dem Mittdreißiger wie das Fassen klarer Gedanken sehr schwer. Erwin liebte seinen Vater und wusste genau, dass er sich nun um ihn kümmern musste. Auf dem Weg nach Hause kaufte Erwin mit dem restlichen Geld aus dem Portemonnaie des schwankenden Mannes ein Brot und etwas Aufschnitt. Gerade Zuhause angekommen, war sein Vater auch schon eingeschlafen. Nach dem Abendbrot

Fragmentarische Reminiszenz

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machte auch Erwin sich fertig für die Nacht, denn morgen war ja wieder Schule. Wir befinden uns in der Koppe, Prenzlauer Berg, gleich bei der Fußgängerbrücke zur Schönfließer Straße, während Erwin diese Anekdote aus seiner Kindheit erzählt. Eine der wenigen Bars der Gegend, die dem Kommerz oder dem spießbürgerlichen Drang nach Ruhe, Zucht und Ordnung noch nicht anheim gefallen ist. Die Einrichtung ist gebrauchter DDR-Schick in Wohnzimmeratmosphäre und lädt zum Wohlfühlen ein. Auch bei einem gebürtigem BRDler wie mir, weckt dieses Ambiente unter den alten Leuchtern auf dem etwas kratzigen, beigefarbenen Sofa neben dem Couchtisch aus den 60ern und der gestreiften Tapete Kindheitserinnerungen an Kaffee und Kuchen bei Oma. Nur der Downbeat aus den stilechten Boxen, die wahrscheinlich weit vor 1980 angefertigt wurden, will und soll nicht so recht in diese Erinnerungen passen. Schließlich ist dieser marode Charme, der Musikern und Kunstschaffenden einen Rahmen bieten soll, keine verklärte Vergangenheitsliebe, sondern viel mehr ein noch immer ganz aktuelles Aufbegehren gegen die, nicht nur von Erwins Generation empfundene, Degeneration des kulturellen Lebens dieses Stadtteils. Die Schließung des KdR (Klub der Republik) mit seiner Gebrauchtwarenästhetik nennt Erwin bei einem späteren Gespräch ein weiteres, sehr alarmierendes Beispiel für diese Entwicklung. Dieser Klub, der bereits als Institution betrachtet wurde, bot zu seinen » Er s t w e n n d i e l e t z t e besten Zeiten jungen aufstrebenden, E i g e n t u m s w o h n u n g g e b au t, wie auch bereits etablierten, elektroder l e t z t e K lub abgeri ss en , lastig auflegenden DJs die Möglichd e r l e t z t e Fr e i r au m z e r s t ö r t keit, ihrer Passion nachzugehen. Die i s t, w e rd e t i h r fe s t s t e l l e n , Stehlampen aus den 70ern mit den da s s d e r P r e n z l au e r B e rg d i e bauchigen Schirmen und die zehnK l e i n s ta dt g e w o rd e n i s t, armigen Wandleuchten strahlten aus der ihr mal geflohen seid. eine schummrige Stimmung aus, « die sowohl zum Platznehmen in einer der zahlreichen Sitzgarnituren aus Theaterbeständen, als auch zum Tanzen zwischen oder auf den Stühlen einlud. Ein Sammelsurium aus DDR-Design, das so verwendet, Status und Karriere vergessen machen wollte. Diese Entwicklung, die nicht zuletzt von zu gut situierten Muttis, die gern auf schicken Sofas entkoffeinierten Latte Macchiato mit Sojamilch trinken, mitzuverantworten, sei, prangert dieses von Erwin geteilte Foto in einem Sozialen Netzwerk an, dass einen Banner am KdR zeigt: »Erst wenn die letzte Eigentumswohnung gebaut, der letzte Klub abgerissen, der letzte Freiraum zerstört ist, werdet ihr feststellen, dass der Prenzlauer Berg die Kleinstadt geworden ist, aus der ihr mal geflohen seid.« Für Erwin waren diese Klubs mit den floralen Mustern auf der Tapete, der Stehlampe vom Sperrmüll und dem Dreisitzer aus den 70ern Laufstall seiner frühen Unternehmungslust und spätere Bühne für seine Aktivität als DJ. Als langjähriger Gast in der Koppe verknüpft er viele Erinnerungen mit diesem Laden, der ihm einst von einer Mitbewohnerin

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gezeigt wurde. Die Einrichtung verbindet er, neben dieser kleinen Auflehnung gegen den Lauf der Zeit, mit seiner Kindheit, die Erwin erst im Prenzlauer Berg, dann in Hellersdorf und Köpenick verbracht hatte, bevor er selbst eine Wohnung in Friedrichshain bezog, um danach wieder zurück in den Prenzlauer Berg zu ziehen. Neben der ganz konkreten Erinnerung an Ereignisse, die in dieser Bar stattfanden, gibt es auch subtilere, die ihm das Ambiente von Anfang an heimisch machten.

Recht abgelegen lag die Hütte, in der Erwin mit seinem Vater die Nacht verbrachte. Erwin hatte sich sehr auf den kleinen Ausflug nach Rügen ganz allein mit seinem Vater gefreut. Mal weg von Mama, die ja sowieso immer nur an ihm rumnörgelte: »Tue dies, aber jenes bitte nicht!« Sie hatten heute schon viel erlebt. Eine Paddeltour durch den Bodden, Eis essen am Strand und dann eine kleine Wanderung durch den Erlensumpf. Dass sein Vater den ganzen Tag über heimlich getrunken hatte, entging Erwin nicht. Mittlerweile war es Nacht geworden und der 13-Jährige wurde durch ein Geräusch geweckt. Sein Vater war nicht in seinem Bett und so allein bekam er es mit der Angst zu tun. Vorsichtig tastete er sich in den kleinen Wohnraum mit Küche vor, aus dem das Poltern kam. Es war stockdunkel und Strom gab es hier nicht. Er ging umher und suchte das Feuerzeug, um eine Kerze anzuzünden. Plötzlich stolperte er über etwas Großes, Weiches. Beinahe hätte er sich den Kopf am Tisch gestoßen. Nachdem er Licht gemacht hatte, stellte sich heraus, dass es sich um seinen Vater handelte. Neben ihm leere Schnapsflaschen. Frühe Autonomie ist die logische Konsequenz für ein Kind, das zu oft in der Gegenwart eines volltrunkenen Mannes auf sich allein gestellt war. Diese Selbstbestimmung äußert sich auf vielen Ebenen seines Lebens. Wenn man in Erwins Wohnung umhergeht, fallen einem zwangsläufig die vollgestopften Bücherregale auf. Ein Merkmal, das auf großen Wissensdurst schließen lässt, der mitunter durch seine erzwungene, frühe Eigenständigkeit ausgelöst wurde. Der Umzug nach Friedrichshain und in den Prenzlauer Berg, die Konfrontation mit einem anderen Umfeld und die daraus resultierende Horizonterweiterung trugen auch dazu bei, umzudenken, sich weiterzubilden und weiter nach seinen eigenen Weg zu suchen. All seine Bücher, von Hamlet über Die Leiden des jungen Werther und Aus dem Tagebuch eines Taugenichts bis hin zum Fänger im Roggen, sind für ihn Statusobjekte, ebenso wie Andenken und Fortschreiben eines Selbstkreierungsprozesses. Dieser Mensch, dem früher nicht viel zugetraut wurde, hat vor kurzem seine Bachelorarbeit eingereicht und plant schon jetzt seine Promotion in Epidemiologie. Nicht schlecht für jemanden, der früher einige Illustrationen in einem Buch über Frühmenschen – das sich, seit er klar denken kann, in seinem Besitz befindet – für Fotografien hielt. Wie zum Beispiel der schwarzweiße Druck eines Neandertalers, der von einem Wollnashorn durch die Luft geschleudert wird. Trotz dieser Assoziation war es das erste Buch, das er mir nannte, als es um

wichtige Bücher ging. Ein Gegenstand, vom dem er nicht weiß, wie oder durch wen er an ihn geraten war, aber dafür noch genau, mit welcher kindlichen Neugier und Phantasie er sich beim Durchschauen in Tagträumen verlor. Hätte er eine einigermaßen unkomplizierte Jugend in Hellersdorf verbracht, wäre er heute wohl Kfz-Mechaniker geworden. Ein weiteres Resultat der einschneidenden Erlebnisse, die Erwin im ersten Abschnitt seines Lebens machte, war die schnelle Entwicklung von Problemlösungskompetenzen, die in seinem Drang zur schöpferischen Arbeit zum Ausdruck kommt. Wenn man sich in Erwins Wohnzimmer befindet, fällt sofort der alles beherrschende Arbeitsplatz auf. Auch seine beständigste Leidenschaft für Musik ist leicht auszumachen. Schon als er damals nach Friedrichshain zog, entwickelte er sich vom politisch Desinteressierten plötzlich zum linksorientierten Sänger einer Punkband. Von dieser wilden Zeit zeugen nur noch seine Kutte, also seine Lederjacke, die er ungewöhnlicherweise nie mit Aufnähern bestückte, und ein paar wenige, mit kratzigem Garagenpunk bespielte Kassetten. Direkt am Fenster steht ein alter Tisch, auf dem allerlei Technik installiert ist. Es handelt sich um zwei Plattenspieler, Mixer, Kopfhörer, Macbook, Verstärker und was im einzelnen noch nötig ist, um die unzähligen Platten zusammen zu mischen, die sich unter und neben der Installation befinden. Sofern man den Eindruck gewinnt, es handele sich bei Erwins Besitztümern ausschließlich um gebrauchtes Gut, wird man beispielsweise bei seinem Equipment zum Musikmachen eines Besseren belehrt. Es handelt sich um solides Handwerkszeug, das seinen Preis wert ist. Obwohl Erwin keinen gesteigerten Wert auf Dinge legt, die durch ihren Preis zum Statusobjekt werden, darf zum Beispiel ein Tonabnehmer, der durch seine Erscheinung nicht vermuten lässt, wie wichtig er ist, gern auch etwas teurer sein. Diese kleinen nach Raumschiffzubehör aussehenden Systeme sind ein Grund dafür, warum Erwin seiner Passion wieder per Hand nachgeht. Die Möglichkeit, lediglich digital, das heißt unter Verzicht auf traditionelle Tonträger aufzulegen, ist für Erwin eine Beschneidung dieser Fertigkeit. Er braucht die Haptik, das Gefühl, die Platte auf den Teller platzieren und den Tonarm auf die Platte zu legen, um so an den Inhalt zu kommen. Viele Menschen aus dieser Zunft empfinden das als zu umständlich und wenig beeinflussbar. Für Erwin hingegen ist es unmittelbarer und authentischer. Nebenbei stellt seine ständig wachsende Plattensammlung einen ideellen Wert für ihn dar. Auch gehört sie für ihn dazu, wie die Angel zum Angler, dem die Freude an seiner Tätigkeit sicher auch abginge, wenn er nur noch digitale Schaltflächen betätigen müsste, um an seinen Fang zu kommen. Für Erwin hört es nicht beim Musikmachen auf. Hier wird wieder seine Neigung zur Selbstbestimmung deutlich. Die Er-

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Nass hinter den Ohren


schaffung einer Marke, die Akquise der dazu nötigen Menschen und die Organisation ganzer Partys unter dem Label machte er sich sich zur Aufgabe. Bei dieser Angelegenheit entstehen viele Fragen und Probleme gestalterischer Natur, die es zu lösen gilt. Es werden Mottos geschaffen, Flyer gestaltet und verteilt, kleine Videos für die Hintergrundbespielung produziert, Räumlichkeiten gesucht und geschmückt, Playlisten geplant und Kooperationspartner gesucht. Überall entscheidet Erwin mit und er legt Wert aufs Detail. Als es zum Beispiel um die Dekoration der Party Let’s freak out ging, reichten nicht ein paar Girlanden. Erwin und seine Helfer fuhren nach Hellersdorf, wo in seiner Kindheit jedes Jahr zu Weihnachten ein unausgesprochener Wettbewerb um die auffallendsten Fensterdekorationen ausgetragen wurde. Diese zufälligen Lichtinstallationen verwandelte die Plattenbauten zu jener Zeit in kunterbunt blinkende, stilisierte Riesenweihnachtsbäume. Nicht faul und daran interessiert, diese Atmosphäre für seine Party zu gewinnen, sammelten sie insgesamt fünfzig dieser Leuchtelemente, außerdem noch Wichtel und Weihnachtsmänner von Freunden und Bekannten zusammen, um sie im Roten Salon neu zu arrangieren. Neben der Detailfreude legt Erwin Wert darauf, qualitativ gute Ergebnisse aus den Boxen zu bekommen. Darum muss es zwar nicht das teuerste Equipment sein, denn ökonomisches Denken wird natürlich auch an den Tag gelegt, aber hochwertig und langlebig soll es sein.

­ erunglückt. Die Knopfleiste lugt hinter ihrer Lasche hervor und v die Fronttaschen sind auf unterschiedlicher Höhe vernäht. Auf seiner Strickjacke, die durch ihr kleinteiliges und konservatives Muster schon fast bieder wirkt, ist eine viel zu große, ovale Tasche quer von der Hüfte bis zur Brust genäht. Das Holzfällerhemd gehört, wie der Name schon vermittelt, eigentlich eher an den Waldarbeiter als an einen Projektleiter, der wiederum ein weißes Hemd bevorzugen würde. Und die seidenmatt glänzenden Schuhe, tauscht Erwin gern gegen bunte Sneaker aus. Es widerstrebt ihm, sich privat so zu zeigen, wie er im Büro gekleidet ist. Dieser Kleidungsstil steht seiner Ansicht nach für starre und veraltete Denkweisen.

Raus aus dem Einheitsbrei

Diese hohe Anforderung wird auch im Leistungsanspruch, den Erwin an sich und andere stellt, deutlich. Er arbeitet neben dem Studium bei einer Krankenkasse und ist dort für verschiedene Projekte eigen- und mitverantwortlich. Die zum Teil viel zu oberflächliche Auseinandersetzung seiner Vorgesetzten und Kollegen mit den Problemen der Kunden und dem Markt, ist für ihn kaum tragbar. Der Versuch, einige Denkanstöße zu geben und Veränderungsvorschläge zu unterbreiten, stieß in einigen Fällen sogar auf Widerstand. Da er auf diesen Job jedoch finanziell angewiesen ist, er ihm an einigen Stellen auch weitläufige Freiheit bietet, und weil es seiner Jobvorstellung nach dem Studium sehr nahe kommt, bleibt ihm neben einem kleinen, privaten Aufbegehren nicht viel. Im Büro herrscht zwar keine strikte Kleiderordnung, aber ein gepflegtes Äusseres wird vorausgesetzt. Nun fügt sich Erwin dieser Konvention und kleidet sich entsprechend massenkonform. Sobald er allerdings zu Hause ist, legt er die Klamotten schnellstmöglich ab. Er ordnet dieses Hose-Hemd-Krawatte-Modell dem ungeliebt engstirnigen Angestellten, der Veränderung oft nur aus Unbequemlichkeit ablehnt, zu und hebt sich darum privat klar von dieser Förmlichkeit ab. Parodiert sie in gewisser Weise sogar. Im Gegensatz zu der gut geschnittenen Hose des langsamen, aber braven Sachbearbeiters, die ohne Faltenschlag auf die fleissig polierten Schuhe fällt, steckt Erwin seine schmalen Hosenbeine, die einem extra tief geschnittenen Schritt entspringen, in die Schuhe. Überhaupt wirkt die Hose seltsam

Gerade ausgezogen. Nie wieder Vorschriften. Keinerlei Rückschläge mehr durch Probleme anderer. Mit dieser Stimmung schloss Erwin das elterliche Haus auf, um seine Mutter und die acht Jahre alte Schwester zu besuchen. Er war mittlerweile 17 Jahre alt und kam nach Köpenick, um mit seinen Fußballjungs auf ein Volksfest zu gehen. Nur noch kurz zu Hause vorbei, dann würde der Spaß beginnen. Ein Licht brannte zumindest noch, also würde er wenigstens seiner Mutter noch Hallo sagen können. Als er die Tür zum Wohnzimmer aufschob, offenbarte sich ein Anblick, der sich tief in Erwins Gedächtnis brannte. Seine Mutter lag halb ausgestreckt auf dem Sofa, den Kopf über die Lehne gelegt und ihren Arm, aus dem unablässig in kurzen Intervallen Blut spritzte, weit von sich gestreckt, als ginge sie der lebensschwindende Vorgang nichts mehr an. Erwin reagierte fast routiniert, machte seiner Mutter einen Druckverband und rief den Notarzt. Seine Schwester bekam von alledem diesmal glücklicherweise nichts mit. Einer von ungewiss vielen Versuchen der Mutter, sich das Leben zu nehmen. Erwin begann in dieser Zeit abzustumpfen, diesen und andere Fehltritte seiner Eltern distanziert und analytisch zu betrachten. Das Messer gleitet mit einem leicht kratzenden Ton durch das gelbe Fleisch. Erwin schneidet Kartoffeln. Wir sitzen in seiner Küche, als er diese Erzählung aus seiner Jugend zum Besten gibt. Eine selbstgebaute Küchenzeile mit Herd, Spüle und einem Toplader unter der klappbaren Arbeitsplatte bilden den einen Teil der gemütlichen Küche. Sie ist mit mindestens zwanzig Jahre alten Plakaten der Volksbühne Ost beklebt. Ein Ort, mit dem Erwin viel verbindet. Sein Vater nahm ihn schon damals mit hierher. Runter in die Kantine, Spaghetti essen. Später fing er selber an, hier zu arbeiten, wie sein Vater. Auf der anderen Seite der Küche befindet sich eine Sitzecke, auf die man sich vorsichtig setzen sollte, denn eine der Sitzflächen, unter der sich ein Stauraum verbirgt, erfüllt seine Aufgabe nicht mehr zur Gänze, und ein großer runder Tisch, an dem noch zwei gepolsterte Stühle stehen, machen die Küche wohnlich. Das dominanteste Möbelstück steht dem Kühlschrank gegenüber. Es ist ein alter Küchenschrank aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts. Ein Geschenk seines Onkels, der ihn in mühseliger

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Kleine Revolution


Kleinarbeit vom Holzwurmbefall und auf wahrscheinlich ebenso anstrengende Weise vom Lack befreit hatte. Nachdem sein Onkel keinen Platz mehr für das gute Stück hatte, bekam ihn Erwin, und der hält ihn Ehren. Die meisten Möbelstücke in seiner Wohnung, die ihm gehören, haben solch eine kleine Geschichte. Man findet hier so gut wie nichts aus einem großen Möbelkaufhaus. Indes spiegelt alles auch ein wenig den bereits erwähnten Widerstand gegen den seelenlosen, teuren Schick, der für ihn den raschen Wandel der Stadt und damit das Verschwinden seiner Heimat symbolisiert, wider. Dabei handelt es sich nicht um in schnöder Absicht zusammengekaufte Möbel, die diesen Wert vorgaukeln sollen. Es sind Möbel, die zu ihm kamen, wie der Küchenschrank. Manche fand er auf dem Dachboden seiner ersten Wohnung, die kurz zuvor noch sein Vater nach der Trennung von seiner Mutter bewohnt hatte. Wie zum Beispiel einen klobigen, gepolsterten Stuhl, von dem keiner weiß, wie er in den Besitz der Familie gekommen war. Einzig, dass er aus einem Pfarrhaus stammt, ist bekannt. Erwin dient er heute als Schreibtischstuhl. Selbst bei einem Umzug würde er ihn niemals einfach auf den Müll werfen und durch einen billigen, aber vielleicht moderneren Plastikstuhl ersetzen. Andere sind ausrangierte Requisiten aus Theaterstücken der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wie der Nachbau eines barocken Divans. Auch so ein Beispiel für ein zweckdienliches Andenken, das niemals entsorgt werden wird. Bevor das geschieht, würde Erwin ihn lieber aufarbeiten – wie den Küchenschrank. Beinah jedes seiner Möbelstücke ist also mit Erinnerungen behaftet und stellt einen Teil von ihm dar. Gründe, warum sich so gut wie nichts aus seiner Kindheit oder der Jugend in seiner Wohnung finden lässt, sind die häufigen Umzüge, bei denen die Familie viele Sachen zurücklassen musste. Ein weiterer ist der Aufstand gegen den letzten familiären Umzug nach Köpenick. Vor eben diesem wohnte die Familie in Hellersdorf und Erwin war voll integriert. Seine Schulfreunde lebten hier und der Fußballverein war auch in der Nähe. Das aufzugeben, war dem Zwölfjährigen eine unsägliche Vorstellung, auch wenn ein größeres Zimmer und ein kleiner eigener Garten in Aussicht stand. Mit dieser neuen Umgebung wollte Erwin sich nicht anfreunden, das Zimmer versinnbildlichte diese Situation für ihn. Zu alledem war sein damaliges Kinderzimmer für Erwin ein Graus. Die Möbel, wie in der späten DDR üblich, waren sparsam aus mit Holzfolie beklebter Pressspanplatte gefertigt. Außerdem war so gut wie jedes Kinderzimmer dieser Zeit so eingerichtet. Kein Platz für Individualität, die schon dem jungen Erwin sehr wichtig war. Es ist für einen kurz vor dem ersten Auszug stehenden jungen Menschen ein ganz natürliches Verlangen nach Abgrenzung von der Generation der Eltern und dem Finden eigener Wege, welches durch Erwins Geschichte denkbar früh aufkam. Darum nahm er lieber fast gar nichts mit, um sein eigenes Reich, wie sein Leben, Stück für Stück selbst zu formen. Der wichtigste Grund sind diese dominanten, schlechten Erinnerungen, die Erwin mit den ersten 17 Jahren seines Lebens und

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daraus resultierend mit den Dingen, die ihn in der Zeit umgaben, verbindet. Es ist also wichtig, welche Erfahrungen Erwin mit seinen Utensilien verknüpft. Sie müssen positiv behaftet sein. Wie bei seiner Armbanduhr, die er zum bestandenen Abi von seiner Oma geschenkt bekam. Ein solides Gerät, das Erwin seitdem durch alle Zeiten begleitet hat. Selbst als sie einmal nicht funktionierte, hat ihn das lange nicht davon abgehalten, sie jeden Morgen wieder überzustreifen. Als er sie zwangsläufig zur Reparatur geben musste, fehlte ihm etwas. Und das begründete sich nicht nur durch den Bruch einer Gewohnheit. Text und Bilder von Niclas von Steen

N adine T o d t mann

Leonie wurde im Berliner Krankenhaus Waldfriede geboren. Ihre Mutter ist Britin und ihr Vater Deutscher. Wenn jemand sie darauf anspricht, dass sie Wessi sei, verdreht sie innerlich die Augen, denn als die Mauer fiel, war sie gerade mal ein Jahr alt. Außerdem hat sie die meiste Zeit in Ost-Berlin gelebt. Als sie dreieinhalb Jahre alt war, zogen ihre Eltern zu Studienzwecken nach Maryland in Amerika. Schnell konnte sie dort unter den vielen Kindern der Nachbarschaft Freunde finden. Sie war fünf Jahre alt, als ihre Familie zurück nach Deutschland zog. Ihr geliebtes Fahrrad musste sie zurücklassen, genauso wie ihre Spielgefährten. Im Berliner Randgebiet Neuenhagen fanden ihre Eltern ein kleines Häuschen. Als sie eingeschult wurde, stellte sie fest, dass sich die Mitschüler bereits aus dem Kindergarten kennen. Das erste Mal, dass sie ein direktes Ausgegrenzt-Sein erlebte. Irgendwie fand sie dann doch Anschluss, die Position des Außenseiters blieb aber. In ihren Erinnerungen spiegeln sich Dinge wieder, die sicherlich auch anderen Schülern das Leben schwerer gemacht haben. So zum Beispiel das Thema Mode. Es war angesagt und hip, einen Rucksack der Marke Eastpak zu tragen. Ihr Rucksack sah zwar ähnlich aus, war aber keiner. Als das jemand bemerkte, haben sich die anderen darüber lustig gemacht. Wieder eine solche Ausgrenzung. Ihre Schulzeit charakterisiert sie: »Die meisten Sachen waren gerade noch auszuhalten oder wirklich furchtbar.« Noch vor dem Abi lernte sie ihren Mann kennen – erfährt nun Annahme und Bestätigung, weiß sich sicher. Inzwischen sind sie verheiratet und wohnen in einem Altbauhaus in Berlin. Außer ihnen wohnen noch drei weitere Parteien dort.

Leonies Welt

Wohnung In der Wohnung ist zwar wegen den verstauten Sachen wenig Platz, dafür ist es gemütlich. Im Wohnzimmer hängen quadratische Regale von IKEA an der Wand. Der Schrank, auf dem der

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Fernseher steht, ist ebenfalls vom schwedischen Möbelhersteller. Auch die große Papierlampe an der Decke stammt von dort. Stücke, die Leonie mag. An der Wand hängt ein dreiteiliges Puzzle einer afrikanischen Steppenlandschaft. Mit insgesamt zweitausend Teilen ist es ein Werk, auf das sie heimlich stolz ist. Oben an den Fenstern kleben zwei Blumenbilder aus Window-Color. Links vom Eingang befindet sich ein Esstisch mit Stühlen, rechts steht eine weinrote Eckcouch. Auf dem kleinen selbstgebauten Tisch davor gibt es heute Wasser, Saft und Lebkuchen.

Kleidung/ Schminke/ Schmuck Leonie lächelt. Ihr Gesicht hat feine, leise Züge. Das Haar ist kastanienbraun gefärbt und lang. Ihre Kleidung eher schlicht, meist einfarbig rot, blau oder türkis: ihre Lieblingsfarben. Sehr bunte Sachen empfindet sie als unpassend, das sei aufdringlich. Allerdings gibt es eine Ausnahme, nämlich Strümpfe. Die sind »neckische Accessoires«. Da hat sie pinkfarbene Strümpfe mit Muster, geringelt, oder in »merkwürdigen« Farben. Es ist ihr kleiner Ausbruch aus dem »Brav-Sein«. Ihr Schmuck ist auch eher zurückhaltend. Meistens trägt sie an den Ohren Stecker, selten hängende Ohrringe und dann auch nur kleine. Die einzigen Ringe, die sie trägt, sind links ihr Verlobungsring und rechts ihr Ehering. Während der Unterhaltung holt sie ein silbernes Kettchen mit kleinem Kreuz daran unter dem Pullover hervor. Es ist ihr besonders wertvoll, weil es ein Geschenk ihrer Schwester ist. Sie trägt es immer bei sich. Ein Zeichen der Verbundenheit in zweifacher Hinsicht. Ausdruck der religiösen Haltung und Verbindung zum geliebten Menschen. Wenn sie sich schminkt, achtet sie darauf, dass es natürlich aussieht. Bei Kosmetikmitteln ist sie eher auf praktische Aspekte bedacht, als den Namen des Herstellers. Es gibt da keinem gegenüber irgendeine Form von Loyalität. Wenn sie sich zurecht macht, achtet sie darauf, dass alles möglichst dezent wirkt. Mit so wirklich »überschminkten Tussis« will sie nichts zu tun haben. Davon distanziert sie sich. »Das sind für gewöhnlich nicht besonders intelligente oder selbstbewusste Mädchen, obwohl sie sich selbstbewusst geben, sind sie im Endeffekt sehr abhängig von männlicher Anerkennung.« »Überschminkt« umschreibt sie damit, dass diese Damen »die gesamten Gesichtskonturen mit Grundierung entfernen und dann bei allen das gleiche Gesicht drauf malen«. Davon möchte sie sich deutlich abgrenzen.

Sport

zweimal genutzt, eigentlich geht sie lieber ins Studio. Abzunehmen ist eines ihrer Ziele. Als ich frage, ob sie mit ihrem Gewicht zufrieden sei, verneint sie. Ihre Traumfigur hat sie nicht. Selbstbewusst ist sie trotzdem. Ich hake nach und will etwas über ihre Ideale wissen. Die typische »Modelfigur« lehnt sie ab. »Strichmännchen«, nennt sie solche Leute. Das ist in ihren Augen übertrieben. Aber Fettpölsterchen, die überall heraus quellen, empfindet sie als genauso unästhetisch. Sie erzählt von zwei Mädchen aus ihrem Studio, die »als Bodybuilderin ganz fleißig sind«. »Die gehen zumindest in die Mädchenumkleide rein. Insofern glaube ich, dass sie Mädchen sind. Eine von denen hat sogar Brüste.« Weiblichkeit beim Aussehen ist ihr also wichtig. Sie nennt einen weiteren Grund, Sport zu treiben: Gesundheit. Damit ihr Unterfangen dem Körper mehr nützt als schadet, hat sie sich vor kurzem neue Sportschuhe gekauft. Um sicher zu sein, dass diese auch etwas taugen, ließ sie sich fachmännisch beraten. Da ist sie kritisch. Welche Marke das war, weiß sie nicht mehr so genau, dafür aber, dass sie ergonomisch sind, den Fuß an der richtigen Stelle schützen, beim Laufen richtig dämpfen. Im Nachhinein räumt sie ein, dass neben der Funktion aber gleichermaßen das Design wichtig ist. Die Farbe Türkis regte letztlich zum sofortigen Kauf an. Der Preisnachlass war dann ein bestärkendes Zusatzargument. Neben den Schuhen landet meist eine kurze Sporthose und ein gewöhnliches Baumwoll-T-Shirt oder Tank Top in der Sporttasche. Früher hat sie gerne Fußball gespielt, aber das sei mit ihrer jetzigen Kondition nicht mehr so leicht. Außerdem braucht man dafür eine größere Gruppe. Im Verlauf des Gesprächs zeigt sich, dass sie den sozialen Aspekt, das »Wir« und die Fairness sehr wichtig findet. Einmal, als sie in einem Spiel gestürzt ist, war sofort ein Spieler da und half ihr hoch, fragte, ob alles OK ist. Nicht das Profilieren als starker Einzelkämpfer, sondern das gemeinsame Erreichen eines Zieles, stehen im Vordergrund. Das hat sie beim Volleyball in der Schulzeit vermisst. Da wurde man eher umgerissen und angerempelt, nur der Punkte wegen. Natürlich geht es auch ihr um den Sieg, aber auf eine andere Weise.

Spiele

Als meine Blicke durch den Raum wandern, entdecke ich im Regal die DVD: Bauch Beine Po. Dass sie regelmäßig Sport macht, ist mir bekannt, man sieht es ihr an. Ehrgeizig fährt sie dreimal in der Woche zu McFit, um sich in Form zu bringen, oftmals begleitet von ihrem Mann Peter. Mit ihrer Chipkarte hat sie 24 Stunden am Tag Zugang. Eine Flexibilität, die sie zu schätzen weiß. In einer Ecke neben dem Fernseher stehen zwei Sportmatten. Darauf angesprochen lacht sie. Naja, die hat sie erst ein oder

Neben dem Sport gehören Gesellschaftsspiele zum Programm. Dabei kann man Spaß haben und Gemeinschaft. Es ist eine aktive Form der Unterhaltung. Sie liebt es, zu gewinnen und weiß, dass sie weder guter Verlierer, noch guter Gewinner ist. Aus Erfahrung, weiß ich, dass sie nicht nur gerne, sondern auch oft gewinnt. Das gibt ihr auf bestimmte Weise Bestätigung, stärkt das Selbstvertrauen und zeigt ihre Leistungsorientierung. Sie hasst es, wenn ein Spiel vorzeitig abgebrochen wird oder die Punkte

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Bewusstes Leben

nicht gezählt werden, denn dann fehlt der Anreiz, die Belohnung. Allerdings gibt es daneben Runden, in denen sie Mitspielern Hinweise gibt, indem sie die Konsequenzen der Spielhandlung darlegt. Dadurch kann man nachhaltig Strategien lernen, um sie in der nächsten Runde anzuwenden. Ähnlich geht sie als Nachhilfelehrerin für Mathematik vor. Um ihre Schüler möglichst gut vorzubereiten wird strategisch und analytisch gearbeitet. So nutzt sie ihre Fähigkeiten, um sich etwas dazu zu verdienen.

Generell versucht Leonie bewusst zu leben. Das bedeutet für sie, die Augen offen zu halten. So würde sie beispielsweise darauf verzichten, Jeans zu kaufen, die aussehen, als wären sie getragen und Löcher haben, weil sie weiß, wie solche hergestellt werden und welche Ausbeutung dahinter steckt. Damit meint sie auch die Gesundheitsgefährdung für die Arbeiter. Im Internet hat sie sich auf ihren »grünen Fußabdruck« untersucht. Sie kommt zwar auf das niedrigste, was man als Mitteleuropäer erreichen kann, aber als ich mir das erklären lasse, verstehe ich, dass das kein sonderlich gutes Ergebnis ist. Nämlich, dass, wenn alle mit solchem Standard leben würden wie sie, würden wir die Ressourcen der Erde anderthalbmal brauchen. Das käme auch von der Grundversorgung, die Straßenbeleuchtung und öffentliche Verkehrsmittel sowie Krankenhäuser einschließt. Herkunft von Nahrungsmitteln ist noch so ein Thema, das sie mit einbezieht. Saisonal zu essen sei vernünftiger. Für sie gehört diese Art zu denken zum Alltag. Rücksichtnahme auf andere. Es sollte Teil des täglichen Lebens sein. Wenn man das alleine macht, bringt es nicht so viel, als wenn andere mitziehen. Wieder der Gedanke von Integration in eine Gemeinschaft, der auftaucht und unverzichtbar zu ihren Werten gehört.

Dominanz Charakterlich schätzt sie sich als dominant, richtungsweisend ein. Das ist auch bei Treffen mit Kommilitonen zur Gruppenarbeit so. Schnell übernimmt sie die Organisation und Strukturierung von Dingen, sorgt dafür, dass alles rund läuft, bindet jeden mit ein, verwaltet das große Ganze.

Haustiere Hinter mir quietscht es in einem riesigen Käfig. Charlie und Tiger machen sich bemerkbar. Zwei kastrierte Meerschweinchen. Eines gehört Leonie, das andere ihrem Mann. Liebevoll kümmern sie sich um die kleinen Mitbewohner. Um sie artgerecht halten zu können, hat Leonie sich in Büchern belesen. Wenn sie etwas anfängt ist sie gründlich. Sie will es von Anfang an richtig machen. Schon beim Füttern sieht man, dass es über die bloße Grundversorgung hinaus geht. Da wird das Grünzeug nicht einfach reingeworfen, sondern zum Locken mit der Hand hingehalten oder fest zwischen zwei obere Gitterstäbe gesteckt, um die zwei etwas herauszufordern.

Essen Wir kommen auf das Thema »Essen« zu sprechen. Sie ist in eine vegetarische Familie hineingeboren worden und dabei geblieben. Ihre Eltern haben schon als Teenager kein Fleisch mehr gegessen und so hatte sie vor der Schulzeit nie Kontakt damit. Ein bisschen beschwert sie sich darüber, wie unsensibel manche Leute sind. Da sagt man ihr, nachdem das Fleisch schon drei Stunden im Eintopf mitgekocht wurde, dass sie es einfach rausnehmen könne. Andere erzählen ihr, dass ihrem Körper etwas fehlt, wenn sie kein Fleisch isst, und wieder andere belügen sie mutwillig um sie zum Fleischessen auszutricksen. Darüber ist sie dann wirklich empört. Sie ist dagegen, Tiere »umzubringen«, um sie zu essen und sie vorher mit der Art der Haltung zu quälen. Vegetarisch zu sein ist für sie ein Stück Weltverbesserung. Gerne erzählt sie den Leuten, wie viel umweltschonender die fleischlose Ernährung ist. Allerdings ist sie dabei eher tolerant. Sie zwängt ihre Haltung niemandem auf, schon gar nicht ihrem Mann Peter. Der ist nämlich kein Vegetarier und wird es wohl auch nie werden. So kommt es oft vor, dass die beiden zusammen kochen. Jeder etwas anderes. Auf die Frage was sich ändern würde, wenn sie mehr Haushaltsgeld hätte, sagt sie, dass sie gerne mehr auf Bioprodukte zurückgreifen würde.

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Text von Nadine Todtmann, Bilder 1–2 von Kathrin Kuhn und Bilder 3–4 von Nadine Todtmann

M a r ia Ri t t wa g

Als sich die Wohnungstür öffnet, steht ein kleines, haariges und weißes Fellknäuel vor mir und maunzt mich lauthals an. »Na hallo!« begrüße ich pflichtbewusst das Tier. Dann trete ich ein in eine eigentlich recht unspektakulär geschnittene Altbauwohnung, saniert, Holzdielen und in einem Stadtteil Berlins, in der man eher Plattenbauten und sozialen Schick erwartet. Es mutet ein wenig nach Prenzlauer Berg an oder Mitte, wo viele alte Möbel gekauft werden um dem momentan sehr hippen Vintage-Trend zu folgen. Doch hier fühlt es sich schon im ersten Moment weniger angestrengt an. »Kommse rinn, könnse rauskieken!«begrüßt mich die Bewohnerin dieser Wohnung vergnügt. Wir sind zum späten Frühstück verabredet und ich habe Brötchen mitgebracht, die sie dankend entgegen nimmt. Der Flur ist hell, vier Türen zu anderen Räumen strukturieren den schmalen Raum. Straßenschuhe stehen auf alten Zeitungen um den winterlichen Straßendreck nicht in der Wohnung zu verteilen. Ein kleiner alter, schwarzer Musikschrank aus den 50er Jahren steht als Schuh-, Garderoben- oder Utensilien-Schrank an einer Seite. Eine hübsche mechanische Tischuhr

»Kommse rinn, könnse rauskieken« Ein Vormittag mit Manuela

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aus der gleichen Zeit steht darauf. Kerzenständer und Schlüssel bilden eine Art Altar für ein selbstgemaltes Bild vom berühmten Schokoladenmädchen, dass das Ensemble krönt. Ihre Schwester hat es gemalt, sagt sie stolz. Wir unternehmen einen kleinen Wohnungsrundgang, verfolgt von den wachsamen Augen der tierischen Mitbewohnerin. Hinter der ersten Tür links befindet sich die Küche. Ins Auge fällt ein ungewöhnlicher aber dennoch harmonischer Mix. Rechts eine moderne, hochglanz-weiße IKEA-Küchenzeile mit schwarzer Arbeitsplatte, auf der einige wenige, aber hochwertige Öle und Gewürze ihren Platz finden, die auf eine gute Köchin schließen lassen. Sie kocht gern »frei Schnauze« mit frischen Zutaten und probiert auch mutig Neues aus. Ihren Lieblingsitaliener in Schöneberg hat sie mir verraten, dort ist sie meist einmal im Monat zu Gast um sich verwöhnen zu lassen. Gegenüber der Küchenzeile steht ein hölzerner Mansardenschrank aus den 50er, 60er Jahren. Den hat ihr die geliebte ältere Schwester vermacht, nachdem sie ihn in deren Keller entdeckte und sich sofort in ihn verliebte.

Sammelleidenschaft Es gibt keine Oberschränke, wie in einer klassischen Küche. An deren Stelle tritt ein langes weißes Regalbrett mit Unmengen von Tellern, Schüsseln und Tassen. Sie stammen aus einer Sammeledition aus DDR-Zeiten. Die ersten Stücke, vier Teller und ein paar Servierteller, vermachte ihr die Oma, sagt sie, und zeigt mir die gefühlt zwanzig passenden Kannen unterschiedlichster Größe auf dem freistehenden Kühlschrank und noch mehr Schüsseln und Terrinen aus dem Schrank, die sie dank eBay und co. zum Service ergänzen konnte. Munter erzählt sie, wie sie von ihrer Omi die gewisse Sammelleidenschaft für vor allem Geschirr geerbt hat, die wohl in der ganzen Familie verbreitet ist. Die Gastgeberin des heutigen Tages schaut nachdenklich auf die gesammelten Objekte. Ihre Oma starb vor etwa sechs Jahren an Krebs. Eine harte Zeit für die ganze Familie, die bisher noch nicht so nah mit dem Thema Tod und Loslassen konfrontiert wurde. Und so bitter diese Erfahrung für jeden Menschen ist, so gut war sie für den Familienzusammenhalt von Vater, Mutter und deren beiden Töchter. Und ihre Oma lebt in dem Geschirr und in der Hingabe, der sich dessen Erbin den Dingen widmet, bei ihr weiter. In der Vitrine des Mansardenschranks befindet sich weiteres Geschirr. Verschiedene Kaffee-Service aus alten Zeiten von ihrer Oma, Tante Resi und anderen, sowie eine kleine Sammlung weißer Kaffeetassen mit Untertasse sind liebevoll in der Vitrine arrangiert. Zu jedem Stück gibt es eine kleine Geschichte zu erzählen. Woher dieses oder jenes Teil stammt, wo es gekauft oder gefunden wurde. Wie auch bei der kleinen Sitzgruppe am Fenster, die die Kücheneinrichtung komplett macht. Zwei unbequem ausschauende kleine Sesselchen aus gebogenem Rattan, mit zierlichen schwarzen Beinen hat sie vom Sperrmüll an der Straße. Sie entpuppen sich als durchaus bequeme Sitzgelegen-

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heit. Einen kleinen Tisch dazu mit Glasplatte hat sie auch bei eBay erstanden. Darüber hängt elegant eine Wagenfeldt-Leuchte an einem langen schwarzen Textilkabel, das mit einer Steckdose in der Wand verbunden ist. Die Leuchte hat meine heutige Frühstücksgesellschaft von einer Freundin aus Malmö geschenkt bekommen, das Kabel selbst daran montiert. Sie wollte die Leuchte unabhängig von der Deckenbeleuchtung schalten können, darum diese ungewöhnliche, aber nicht störende Installation. Einrichtungsgegenstände von der Stange mag sie nicht so gern, weil die alle haben. Das Besondere ist ihr lieber. Weiter geht’s im Badezimmer. Ein funktionaler schlichter Raum mit Terracotta-Fußboden. Er gefällt ihr ganz und gar nicht, weil Terracotta einfach nicht ihr Ding ist. »Aber man sieht sich das irgendwann weg.«, sagt sie. Um ein wenig Kontrast in die Nasszelle zu bringen, setzt sie auf schwarz/weiß. Ein kleines schwarzes Regal für die weißen, schwarzen und grauen Handtücher und einige Cremes, ein Spiegel, eine Ablage aus schwarzem Glas. Auf der Waschmaschine steht ein altes hölzernes Radio von Braun. Davor ein hübsches Schälchen, das überzuquellen scheint mit unglaublich vielen und großen Ringen. Silbern, mit einer Perle, einem knallroten Korallenstück, verschlungen oder verziert. Manche sind einfacher Modeschmuck, für andere hat sie richtig viel Geld bezahlt.

Weiß Das Schlafzimmer ist insgesamt hell gehalten. Ein moderner Kleiderschrank, ein großes IKEA-Bett mit Blick nach draußen, leichte Vorhänge und ein riesiger, aber einfacher Leuchtenschirm in der Mitte des Raumes dominieren. Komplett in weiß. Sogar die Bettwäsche ist weiß bzw. grau. Ein schwarzer Teppich rahmt die Schlafstätte. Überhaupt fällt auf, dass sich wenig Farbe in der Wohnung befindet. Es gibt viel Holz, das mit modernen weißen Möbeln und einfachen schwarz/weißen Textilien ergänzt wird. Alle Wände sind weiß. Nichts schreit einen an, nichts ist grell oder freaky. »Ich könnte mir grundsätzlich schon schöne Wandfarben vorstellen. Aber zum einen kann ich mich nicht auf eine bestimmte festlegen und zum anderen bin ich wohl zu faul, die Wände zu streichen. Was ist, wenn es mir nach einem halben Jahr nicht mehr gefällt?« Mit einem großen Satz saust auch schon die kleine weiße Felldame auf das Bett und fordert vom Besucher die längst überfällige Beachtung mit einem herzlichen Maunzen ein. Ein zartes Geschöpf, komplett weiß, rosa Ohren, rosa Pfoten und bernsteinfarbene Augen. Wie sie eigentlich heißt, möchte ich wissen. »Rosalinde. Oder kurz Rosi, Püppi, Schnuppel oder was einem sonst gerade einfällt.« Entgegnet sie mir und knautscht das fordernde Tierchen voller Liebe an ihre Brust. War die Katzendame zuerst da

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oder die Wohnungseinrichtung, fragt man sich unwillkürlich bei der perfekten, farblichen Integration des Tieres in das Interieur. Als Kleiderablage dienen zwei alte hölzerne Kinosessel und eine lange Hakenleiste. Die Kinosessel hat sie von der allerersten Mitbewohnerin ihrer WG in Neukölln. Als Beistelltisch neben dem Bett wurde auf der einen Seite ein kleiner schwarzer Tritt umfunktioniert, auf der anderen Seite steht ein ungewöhnlicher Tisch mit integrierter Leuchte in dunkelbraun. Hübsche alte Bücher in Leineneinband mit dem Titel Knipse, aber richtig und Schlag auf, sieh nach finden hier ihren Platz. Als eine Oase, die einen Luft holen lässt im überfüllten und lauten Alltag, beschreibt sie den Raum. Peinlich berührt fummelt sie am Wäscheständer herum, der ihr offensichtlich ein Dorn im Auge ist bei all der Harmonie. Die Wäsche ist bereits trocken und sie hätte ihn ja auch schon längst wegräumen können. Doch oft ist sie dazu einfach zu faul, erzählt sie von sich. Warum dieser Perfektionismus?

Weg zu sich selbst Die Bewohnerin ist eine junge Frau, Mitte dreißig. Sie trägt ihr blond gesträhntes Haar meist offen oder in einfachen und schnellen Frisuren. Sie ist dezent geschminkt, ihre großen, freundlichen Augen mehr betonend, doch nicht aufdringlich. Kleine schwarze Knöpfe in den Ohren sind ihr einziger Kopfschmuck. Sie trägt schwarze Strumpfhosen und dicke Socken an den Füßen, die in herrlich bequemen, grauen Filzlatschen stecken. Dazu ein einfacher schwarzer Rock, ein schwarz und blau gestreiftes Oberteil, Tuch. Sie ist vollschlank, ihr Stil sehr weiblich aber unauffällig und zurückgenommen. Ein beeindruckend großer Bernstein ziert jedoch ihren Ringfinger. Der ist aus dem Bernsteinmuseum an der Ostsee und momentan ihr Lieblingsring. Ein kleines silbernes Amulett mit einem schwarzen Band ist um ihr Handgelenk geschnürt. Es ist ein Abbild der Jakobsmuschel. Sie erwarb es während ihrer Zeit auf dem Jakobsweg vor fünf Jahren. Sie musste ihr Leben lang viel kämpfen und strampeln. Und damals wuchs ihr das Leben über den Kopf und sie entschloss sich, 491 Kilometer allein durch Spanien zu laufen. Wieder huscht Nachdenklichkeit über ihre Augen. Es war eine prägende und schöne Zeit, sie hat einen guten Freund dazu gewonnen, und seit dem mutet sie sich viel mehr zu, vertraut mehr auf ihre Stärken und Talente. Sie wirkt nicht wie eine Person, die Selbstzweifel hat, das weiß sie selbst. Aber es fällt ihr oft schwer, auf fremde Menschen zuzugehen, sagt sie. Ungewohnte Umgebungen bereiten ihr Unbehagen. In dieser sicher und kompromisslos inszenierten Umgebung wirken diese Aussagen irgendwie irritierend. Sie schaut auf ihr Handy. Hat jemand geschrieben? Ein alter Freund aus WG-Zeiten. Ihr Handy hat die Katzenbesitzerin immer bei sich. Es ist Kalender, Fotoalbum und Draht nach außen. Viel Zeit verbringt sie damit, mit Freunden aus aller Welt per sms, Whatsapp, Mail oder facebook zu kommunizieren. Letztens schrieb ihr ein alter Arbeitskollege, der mittlerweile in Australien wohnt. Wahnsinn. Ob

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sie auch telefoniere oder eher nur schreibe, möchte ich wissen. »Ich schreibe eigentlich lieber,«, sagt sie, »da kann ich mich irgendwie besser ausdrücken. Und ich kann ausreden. Mich nervt es, wenn man mir ständig ins Wort fällt um nur von sich selbst zu erzählen.« Kennt sie auch solche Leute? »Na klar. Meine beste Freundin zum Beispiel, kenne ich seit der ersten Klasse und die erzählt wirklich viel und schnell. Da kommt man schwer zu Wort.« lacht sie. Wir gehen ins Wohnzimmer. Ein recht großer, klar strukturierter Raum eröffnet sich dem Besucher. Wunderschöner, ovaler Stuck verziert die rechteckige Zimmerdecke, deren Zentrum eine schlichte Glashängeleuchte aus dem Jugendstil ergänzt. In Blickrichtung quer vor dem Fenster und der Balkontür steht ein großer, gedeckter Tisch aus hellem Holz, mit Schubladen, einer Ablage an der Seite und Beinen, die zum Boden hin schmal zusammen laufen, so als würde er auf Zehenspitzen stehen. Typisch für beinah alle Möbel, die meine heutige Frühstücksgesellschaft sorgsam in ihrer Wohnung arrangiert hat. Das ist ein alter Nähtisch, wird mir erzählt. Er ist Arbeits- und Esstisch zugleich. Vier weiße, unterschiedliche Stühle rahmen den Tisch ein. Ich darf mich setzen und wähle den Platz mit Blick in das Zimmer, zu meinen Füßen nimmt intensiv schnuppernd die weißhaarige Mitbewohnerin ihren Platz ein. Meine Gesprächspartnerin holt den Kaffee aus der Küche, auf dem Tisch sind in geraden Linien Teller und Tassen von Omis Sammelgeschirr bereit gestellt. Dazu naturtrüben Apfelsaft, Käse, Butter, Eier, Tomaten und selbst gemachte Marmelade. »Hab heute erst gesehen, dass ich gar nicht so viel zum Anbieten habe.« sagt sie entschuldigend. Doch ich vermisse nichts, was ich für ein gutes Frühstück brauche.

Familie Ein großer Wohnzimmerschrank steht an der gegenüberliegenden Wand und ist natürlich wie die meisten Möbel alt. Er beherbergt alle Bücher, Werkzeuge und Dingelchen, die sich mit der Zeit ansammeln und die einem wichtig erscheinen. Im Kernstück besitzt er eine Vitrine, in der sich Bücher befinden. Nach Themen wie Berlin oder Design sind sie geordnet, bei den Romanen stehen die Lieblingsbücher vorn. Auch Kinderbücher finden sich darunter, wie zum Beispiel die Reihe um Mr. Gum, die von Harry Rowohlt aus dem Englischen übersetzt wurde. Wie das kommt? »Die Welt darin ist so schön skurril, verrückt und herzlich!« schwärmt sie. Sie hat eine Menge Bücher. Zwischen ihnen sieht man auch persönliche Fotos ihrer Familie. Von ihren Großeltern. Und von den Eltern. Ein Hochzeitsbild und die letzten gemeinsam aufgenommenen Passbilder. Sie sollten ein Weihnachtsgeschenk sein. Kurz davor verstarb ihr Vater unerwartet und plötzlich. Auf dem Schrank sind auch Bücher, nach

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Farbe sortiert und gestapelt. Ein roter Band Liebesromane, ein Geschenk zu Weihnachten, hat noch nicht den richtigen Platz gefunden und wartet auf seine Bestimmung. Zwischen dem Wohnzimmerschrank und dem Ess- und Schreibtisch steht ein großes, ausladendes aber schlichtes, helles Sofa, davor ein goldbrauner quadratischer Couchtisch mit der Ablage voller Zeitschriften auf einem schwarz-weiß gestreiften Teppich. Auf dem Sofa sind verschiedene Kissen mit schwarz-weißen Mustern vereint. Gegenüber ist der Fernseher platziert auf modernen, niedrigen weißen Regalen. Es ist kein Flat-Screen, wie man ihn in den meisten Wohnzimmern sieht. »Der geht doch noch!« ist ihr Kommentar dazu. Die junge Frau ist geradlinig und schlagfertig. Sie stellt den Kaffee auf den Tisch und schaut auf ihr Handy. Eine Freundin hat geschrieben. Über dem Fernseher sind drei gleich große Bilderrahmen mit Schwarz-Weiß-Fotografien an der Wand. Ein Bild zeigt sie und ihre Schwester innig umarmt als Kinder vor dem kaputten Reifen des elterlichen Trabants, ein anderes ihre Oma. In der Mitte schaut ein junger Mann mit Finger in der Nase in den Raum. Es ist ihr Vater, der auf diesem Bild zeigt, wie humorvoll diese Familie ist. Sie glaubt, dass sie seinen Tod noch immer nicht verarbeitet hat. Doch wird man das jemals getan haben? Bedeutet für sie Besitz Ersatz für etwas? Alles ist ausgewählt, nichts ist zufällig. Jeder Gegenstand birgt eine Geschichte, eine Tradition in sich. Eine ungewöhnliche aber konsequente Kombination aus Modernität und 50er-Jahre-Vintage fügt sich hier sehr harmonisch zusammen. Ein klassischer, unaufdringlicher und doch unkonventioneller Einrichtungsstil. Die Möbel, Textilien und zur Schau gestellten Gegenstände sind mit leichter Gefälligkeit zueinander arrangiert und bilden so ein harmonisches Ganzes. Nichts hat einen besonderen materiellen Wert. Einen ideellen umso mehr. Sie hält sich fest an Gewohntem, an die Geschichten, die ihr die Objekte erzählen und schafft sich so ihre eigene, behütende Welt, die seit dem ersten Schritt durch die Wohnungstür Sicherheit und Ruhe ausstrahlt. Die Bewohnerin steht mir sehr offen, sympathisch, fröhlich und redselig gegenüber. Sie spricht mit dem ganzen Gesicht. Kleine Lachfältchen an ihren Augen erzählen von einer sehr fröhlichen Frau, die gern und laut lacht. Eine gewisse Nervosität macht sich an ihren Händen bemerkbar. Sie knibbelt an der Haut der Finger herum. Das geschieht wie automatisch, sie schaut dabei nicht hin, sie unterhält sich dabei. Sie ist ernster geworden seit dem Tod ihres Vaters. Als wir uns verabschieden, kann ich sagen, dass sich auch bei mir die Hektik des Alltags in eine innere Gelassenheit verwandelt hat. Ich habe einen tollen Vormittag gehabt, ich habe viel gelacht und auch mal Nachdenklichkeit erlebt. Diese junge Frau ist eine Liebhaberin von Werten wie Harmonie und Tradition. Sie strebt nach Sicherheit und Ruhe und umgibt sich deshalb mit Dingen, die das für sie ausstrahlen. Letztendlich liegt es mir fern, all ihre Erfahrungen und Nachdenklichkeiten in jedes Objekt ihrer Wohnung zu interpretieren. Aber es ist ein stimmiger, ein erwachsener Ort, in dem man sich einfach wohl fühlen kann.

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Und irgendwann werde ich auch hinter das Geheimnis kommen, warum sie als ihre Lieblingsorte neben ihrem Auto (ein schwarzes, wie soll es anders sein) auch Flughäfen genannt hat. Text von Maria Rittwag, Bilder von Maria Rittwag

P ee r H empel

Der Tag verspricht alles andere als ein schöner zu werden. Durchgefroren und gezeichnet von den Strapazen der Fahrt erreiche ich nun endlich die Wohnung, in die ich eingeladen bin. Ich klingle und öffne ohne weitere Ansage die Tür zum Vorderhaus. Das laute Summen der Türklingel erinnert mich an einen aufgebrachten Bienenschwarm. Nachdem ich mich bis in den vorletzten Stock hochgequält habe, steht die Eingangstür schon weit offen. Ohne weiteres Fragen gehe ich in die Wohnung. Als ich gerade »flamingoartig« meine Schuhe ausziehe, werde ich von vorn mit einer freundlichen Umarmung fast umgerissen. »Na, alles klar?« ertönt eine Frauenstimme, die ohne Zweifel Mia gehört. Sie führt mich in ihr Zimmer, dem ein kleiner Balkon vorgebaut ist. Untypischer Weise ist von diesem nichts zu sehen, weil zwei große Bettlaken in die Fensterrahmen eingeklemmt sind, die fremde Blicke vom Nachbarhaus abhalten. Die größte Besonderheit in Mias Zimmer ist aber eine andere. Da ihr Zimmer mit 18 Quadratmeter ziemlich spärlich ausfällt, entschied sie sich, eine dreifach klappbare Matratze als Schlaf- und Sitzplatz zu benutzen. Das darauf drapierte Bettzeug fungiert als Kissengrundlage. Kontrastiert wird dieser Eindruck von den Hip-Hop-Plakaten und kleinen Flyern, die an ihrer Wand und an ihrem Schrank angebracht sind. Neben der Tür befindet sich eine riesige Fotowand. Die Fotos sind an Perlenketten aufgereiht und drehen sich nach Belieben in alle Richtungen. Ihren Schmuck und die enorme Anzahl an Halsketten sind chaotisch an den Seiten eines Spiegels angebracht. Mia versteht es, klare Grenzen zu ziehen. So dient der in der Ecke platzierte Schreibtisch als Arbeitsplatz. Während ich alles genau studiere, richtet Mia einen kleinen Tisch her, der Getränke und Essen für uns bereit hält. Mia ist sehr darauf bedacht, eine gemütliche und angenehme Atmosphäre zu schaffen. Etwas nervös lassen wir uns auf die zusammengeklappte Matratze fallen. Ich empfinde es als äußerst angenehm, dass wir beide auf gleicher Höhe sitzen. Somit entwickelt sich relativ schnell ein ungezwungenes Gespräch. Mia weist abermals auf die außergewöhnliche Sitzsituation hin. Da sie des öfteren mehrere Freunde zu sich nach Hause einlädt, möchte Mia möglichst alle Freunde »an einen Tisch« bringen. Ein Bett würde zu viel Platz einnehmen und somit eine gemeinsame Zusammenkunft unmöglich machen. Ein bedeutender Teil ihres Handelns zielt darauf ab, harmonische Verhältnisse zu schaffen. Dabei steckt sie selber oft zurück und lässt das Wohl der anderen über ihr eigenes gehen.

Feminin? Jain!

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Ring der Erinnerung Mir fällt auf, dass Mia ständig an ihrem einzigen Ring am Finger spielt. Der Ring gehörte der verstorbenen Oma, die diesen wiederum von ihrer Mutter bekommen hat. Ein eleganter goldfarbener Ring mit einem großen Edelstein in Krappenfassung. In diesem manifestieren sich Erinnerung an ihre Oma. Wie bei vielen Menschen sind die Großeltern Ansprechpartner für verschiedene Lebenssituation, besonders Ängste und Probleme scheinen bei ihnen in guten Händen zu sein. Vor allem aber die Erfahrung und ihr guter Rat, ließen Mia oft neue Hoffnung schöpfen. Der Ring ist somit als eine Art Bindeglied mit dem sie die Erinnerung an die Oma ständig bei sich trägt. Normalerweise spielen bei Ringen das Material eine entscheidende Rolle. Dieser würde aber nicht an Wert verlieren, wenn er nur aus Plastik bestände, versichert sie mir. Obwohl er kein Erbstück ist, wird er als solches behandelt. Diese Hingabe spiegelt sich auch darin wieder, dass der Ring nur zum Spülen oder beim Duschen abgelegt wird. Mia eröffnet mir, dass sie mit ihren deformierten Fingern enorm unzufrieden ist. Der Ring schafft es, ihre körperlichen Defizite wett zu machen, gleichwohl er gerade diese betont. Bei einer Begegnung in Frankreich versuchte ein Obdachloser, Geld zu erbetteln. Als sie ablehnte, zeigte er trotzig auf ihren Ring. »Da hab ich erstmal zugemacht und ging auf Abstand, ich wurde sogar richtig aggressiv!«. Entscheidend ist, dass jemand »in ihre Intimsphäre eindringen« wollte. Die zuvor aufgeführten Aussagen zeugen von einer starken Emotionalität und geben mir den Eindruck, als wären wir hier auf etwas für sie »Heiliges« gestoßen. Emotional wurde es auch, als der Ring einmalig verlegt wurde. Hätte sie ihn nicht wiedergefunden, wäre eine Welt zusammengebrochen. Sie fühlt sich nicht nur für den Ring verantwortlich, sondern auch für ihre verstorbenen Verwandten. Es entgeht mir nicht, dass Mia sonst keinen Schmuck trägt, aber die enorme Anzahl an Halsketten an der Wand eine andere Sprache sprechen. Früher zählten Halsketten zu ihrem alltäglichen Erscheinungsbild. Heute kommt sie nur noch selten in Versuchung sich den Hals zu verzieren. Anhaltende Neurodermitis, die durch das dauerhafte Tragen verursacht wurde, zwang Mia von ihrer Leidenschaft abzulassen. Trotzdem werden die Ketten im Raum inszeniert und dienen noch als Dekoration.

in ihren Augen sehr feminines Parfüm doch allemal. Dieses hat sie dann über Jahre selber getragen, bis ihr Bruder Heiligabend ihr ein neues geschenkt hat: Davidoff Cool Water Woman Eau de Toilette. Anfangs war sie alles andere als begeistert, konnte sich aber damit arrangieren. Was anfangs holprig begann, hat sich jetzt zu einer Zehn-Jahres-Beziehung entwickelt und wird auch heute noch getragen. Obwohl es sich um ein so alltägliches Produkt handelt, scheint auch hier wieder ein starkes Besitzdenken mitzuspielen. »Ich würde meinen Freundinnen verbieten das selbe Parfüm zu tragen!« erzählt sie mir mit ernster Mine. Sie hat den Duft für sich reserviert und ist davon überzeugt, dass ein Teil von ihr sich in diesem widerspiegelt. Das wird besonders darin deutlich, dass Mia von anderen Menschen damit identifiziert wird. Sie ist sehr darauf bedacht, nicht austauschbar zu sein. Bemerkenswert bei Mia ist, dass sie sich sehr lange an bestimmte Dinge binden kann und auch nach Jahren nicht den Gefallen daran verliert. Ich bemerke im Laufe des Gesprächs, welche Rolle Authentizität und die daraus resultierende Nachhaltigkeit in ihrem Leben spielen.

Das elegante Ankleiden

Nun erfahre ich, dass ihr Hals jetzt einer anderen wichtigen Funktion dient: als Fläche für Parfüm. Schon bei der Begrüßung vernahm ich ein wohligen Geruch, den ich schon bei früheren Treffen vernommen hatte. Parfüm und Mia gehen dabei eine ganz besondere Langzeitbeziehung ein. Ihr erstes Parfüm war ein Männerparfüm. Sie denkt noch gerne daran zurück, wie sie zu diesem gekommen ist. Vor Jahren kam sie auf einer Party mit einem Mann ins Gespräch, dessen Parfüm ihr in besonderer Erinnerung blieb. Sein Name ist ihr nicht mehr präsent, aber sein

Während ich ein wenig mit den Gedanken abschweife, entdecke ich an der Wand ein Foto, das sich von den anderen klar abgrenzt. Es ist gesondert angebracht. Sie bemerkt recht schnell, dass ich mich dafür interessiere. Meine Aufmerksamkeit erregt aber nicht die Entstehungsgeschichte des Fotos, sondern eher der elegante Mantel, den sie trug. Ein brauner Stoffmantel mit Fellkragen und glänzendem Seidenstoff als Innenfutter. Ich erfahre, dass der Mantel ein Geschenk einer Freundin war. Gelegentlich wird ein bizarres Ritual in ihrem Freundeskreis praktiziert, bei dem alte Klamotten aussortiert und weitergegeben werden. Die romantische Vorstellung, einen kleinen Teil ihrer Freundinnen bei sich zu tragen und fremde Klamotten mit ihren eigenen zu kombinieren, geben ihr ein Gefühl der Loyalität. Auch Mia ist schon Teil dieses Rituals geworden, gibt aber gleichzeitig zu, dass sie sich schwer von Klamotten trennen kann. Bestimmte Sachen werden auch behalten, obwohl diese nicht mehr verwendet werden. Die Kleidungsstücke werden eingeschlossen und verwahrt, sodass nur noch die Erinnerung an diese weiterlebt. Mia will sich die Klamotten als eine Art »Backup« bereithalten, da sie der Überzeugung ist, die Neukombination von neuen und alten Klamotten kreiere neue Erscheinungsbilder. So befinden sich nicht nur Sachen im Schrank, sondern werden auch in Kisten und Tüten auf dem Schrank gestapelt. Dabei scheint es keineswegs so zu sein, dass es im Chaos endet. Alles hat seine klare Abgrenzung und

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Mias persönliches Parfüm


folgt einem bestimmten System. Mittlerweile sind auch schon viele Klamotten auf dem Boden ausgebreitet. Reflexartig präsentiert sie mir einen großen Teil des Innenlebens des Schrankes. Teile, die selber gekauft und welche, die ihr geschenkt wurden, trennt sie fein säuberlich voneinander. Ein graues Kleid mit transparenten schwarzen Spitzen an den Oberarmen hat es ihr besonders angetan. Kleidern steht sie eigentlich eher ablehnend gegenüber. Aber bestimmte Anlässe geben einem dann doch mal die Gelegenheit, ein Kleid zu tragen. Da sie sonst eher besonderen Wert auf einen komfortablen Kleidungsstil legt, kommt es auch nicht von ungefähr, dass Mia größtenteils weite Hosen und Pullover besitzt.

Noch fraulich genug? Mia beschreibt, dass sie sich schnell unwohl fühlt, wenn sie sich zu feminin kleidet. Daher kommt auch die starke Ablehnung gegenüber Frauen, welche sich nur über ihr Äußeres definieren. Es soll aber keineswegs so klingen, als möchte Mia nicht als Frau wahrgenommen werden. Natürlich will sie attraktiv und sexy sein. Und genau dabei wird Mia oft von Selbstzweifeln begleitet. Des öfteren kommt ihr der Gedanke: »Bin ich überhaupt noch fraulich genug?« Um sich selber eine gewisse Absicherung zu geben, fragt sie regelmäßig ihre Freundinnen, wie sie die Situation einschätzen. Natürlich empfinden alle das Gegenteil, doch die Zweifel bleiben. Mich verwundert, dass sich solch ein Gedanke bei ihr verfestigt hat. Woher kommt also dieses Denken? Mias allgemeines Frauenbild ist geprägt durch ihren frühen Umgang mit männlichen Freunden. Zum ersten Mal kommt zur Sprache, dass sie vor vier Jahre in einer reinen Männer-Wohngemeinschaft in Paris gewohnt hat. Eine Zeit, die durch viel »Abhängen« geprägt war, wie sie ihr damaliges Leben beschreibt. Gemütlichkeit und gemeinsame Aktivitäten bestimmten den Tagesablauf. »Die Umstände haben es gar nicht zugelassen, dass ich in Rock und Absatzschuhen herumgelaufen wäre.«, bemerkt sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Der komfortable, maskulinere Kleidungsstil ist also die logische Folge. Dennoch ist ihr stets bewusst, dass sie auf andere Menschen durchaus männlicher wirken könnte. Ich denke, in dieser Zeit entwickelte sich unbewusst eine innere Zerrissenheit. Das persönliche Empfinden, sich feminin zu fühlen und die maskuline Wirkung auf ihre Mitmenschen. Somit konnte sie sich auch nie in Kleidern wohlfühlen. Erstaunlicherweise habe ich keine Sekunde unseres Gesprächs das Gefühl, dass sie auf mich eine maskuline Wirkung ausstrahlt. Vielmehr verliert Mia genau bei diesem Thema ihre Souveränität und Gelassenheit. Sie gesteht sich selbst ein, dass sie auf andere immer sehr »taff« und selbstsicher wirkt, aber in bestimmten Lebenssituation eine starke Sehnsucht nach traditionellen Werten empfindet. »Ich glaube das macht vielen Männern Angst« , sagte sie. Mia verwendet den Ausdruck des »Femininen Instinkts«, sich geborgen, beschützt und sicher zu fühlen. Ich bin davon überzeugt, dass

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Mia nicht bewusst ist, wie stark feminin sie denkt und handelt. Die zur Sprache gekommenen Objekte sind ja vorwiegend Domänen des weiblichen Geschlechts. Ich glaube, das ist der größte Erkenntnisgewinn, den Mia aus unserem Gespräch ziehen konnte. Am Ende war ich selbst erstaunt, wie weit Mia sich geöffnet hat und wie viel ich über sie erfahren durfte. Text und Bilder von Peer Hempel

Sim o n S t aib

Meine Fahrt zu ihm dauert länger als die üblichen Strecken, die ich in Berlin zurücklege. Der Tag ist grau, das Haus auch. Obwohl ich mich am Stadtrand befinde, ist das Haus groß. Mehrere Stockwerke, laut der Briefkastenbatterie zwei dutzend Parteien. Der Hauseingang riecht unangenehm und in der Ecke stapeln sich die weggeworfenen Reklameblätter. Die Lage überrascht mich etwas, ich hätte mir seinen Wohnort zentraler und etwas attraktiver vorgestellt, obwohl er bereits meinte, er empfinge nicht so oft Besuch. Der Aufzug fährt rumpelnd heran und bremst quietschend. Ich fahre hinauf und bleibe vor der grauen Tür stehen. Die Tür wirkt massiv, ist aber nur aus Sperrholz. Ich klingle.

Das Leben fragt nicht: Interview mit einem Zugezogenen

Die Wohnstätte Der erste Eindruck: ein freundliches Lächeln, ein leises »Hallo«, das nach einem Räuspern wiederholt wird. An den Füßen keine Schuhe. Ich trete ein und ziehe meine Stiefel ebenfalls aus. Die Dielen sind alt, aber sauber. Der Flur wirkt hell, obwohl es keine Fenster gibt. Das Wohnzimmer ist relativ klein. Vor der Couch steht ein winziger Tisch mit Aschenbecher und Zeitschriften. Er esse auch an dem Tisch, einen richtigen Esstisch habe er nicht. Mit Besuch gehe er meistens außer Haus. Ob er viel Besuch habe? Ab und zu, alle paar Monate ein Kollege aus seiner Fußballmannschaft. Anscheinend findet nicht allzu viel gesellschaftliches Leben in seiner Wohnung statt. Er besitzt einen Fernseher, der relativ groß und neu wirkt. An einer Wand hängen neben ungerahmten Bildern einige Postkarten und Eintrittskarten von Konzerten und Fußballspielen. Er legt anscheinend Wert auf Erinnerungen, vielleicht ein Zeichen dafür, dass er anderen Zeiten nachhängt. Der Musikgeschmack ist eher durchschnittlich, Robbie Williams und die Sensation White.

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Herkunft Er kommt nicht aus Berlin, ist erst seit ein paar Jahren hier Seine Heimat ist in Süddeutschland. Er betont, dass er keine Schwabe ist. Muss man wohl in Berlin. Er kommt aus eine kleinen Dorf nahe Freiburg, er bemühe sich ohne Dialekt zu sprechen. Dort unten sei es schön, die Landschaft sei nicht so unendlich wie hier, man blicke auf Hügel und Bergketten, allesamt dunkel bewaldet. Als er einmal in Hamburg war, traf er jemanden auf der Schanze, der seine Herkunft und deren Bewohner als Leute mit Horizont beschrieb. Er fand das passend, aber doch ein wenig zu eng gefasst. Die Leute dort unten hätten nicht ausschließlich nur sich im Blick, vielmehr aber den Weg, den sie gehen wollen oder glauben, zu gehen müssen. Die Berliner seien anders, schneller zufrieden mit dem, was sie haben, das fehle ihm manchmal an sich selbst.

Relevanz und Halt Was ihm wichtig sei? Unabhängigkeit! Eigene Gedanken und Wünsche formulieren zu können. Und trotzdem: Einkommen und Sicherheit – da sei er relativ Süddeutsch. Ihm sei wichtig, sich Dinge gönnen zu können, die er begehrt oder erleben möchte. Geiz ist seiner Meinung nach etwas sehr lebensfeindliches. Pünktlichkeit hält er für wichtig und lacht – schon wieder so etwas Spießiges. Danach blickt er wieder halbwegs ernst. Pünktlichkeit sei eine Haltung, sich und anderen gegenüber. Pünktlich zu sein, hieße Dinge geregelt zu bekommen, Aufgaben richtig einschätzen und ordentlich ausführen zu können. Pünktlich zu sein, sei eine Wertschätzung gegenüber anderen. Das habe er von seinem Großvater gelernt. Er wäre nie ein pünktlicher Mensch gewesen, hätte nie seinen Großvater verstanden, nun schon. Bei meiner Frage nach magischen Orten denkt er ebenso etwas nach. Die Orte, an denen sich magische Dinge abgespielt haben, hätten in ihrer Eigenschaft als Ort eher wenig dazu beigetragen. Vielmehr die Menschen darin und deren Tun. Obwohl – er erinnere sich immer gut an den Tannengeruch im Wald, er war als Kind viel wandern. Diesen Geruch vermisst er manchmal, hat er auch schon als Kind vermisst. Er erinnert sich noch genau an ein Kinderferienlager in Südfrankreich. Als er damals Heimweh hatte, lief er in einen Pinienwald, schloss die Augen und zog die Luft ein. Er meint, das half ein wenig, wobei Tannen doch deutlich anders riechen würden.

Freunde und Beziehungen

de es manchmal unangenehm, wenn geschäftliche Freundschaften zu privat werden, wenn man beginnt, sich zu duzen. Ab diesem Moment gehe oft etwas verloren. Was genau kann er nicht sagen, vielleicht genau diese Distanz, die es benötigt, von Menschen Dinge einzufordern, die manchmal auch unangenehm oder anstrengend sein können. Eine Beziehung führt er im Moment nicht. Ihm ist das Thema sichtlich unangenehm, er weicht einer weiteren Frage aus. Ich hake nicht weiter nach. Gerade als ich zur nächsten Frage ansetzen möchte, erzählt er doch: Er habe während des Studiums eine längere, in seinen Augen ernsthafte Beziehung geführt, aber das sei lange vorbei, das Mädchen sei wieder fort. Danach nichts wirklich Richtiges mehr. Im Moment wäre es okay so. Ob er glücklich sei? Eigentlich schon. Es fühle sich nicht so an, als würde ihm etwas fehlen. Er träume ab und zu von einer großen Reise, mehrere Monate. Am liebsten Südamerika, dort kam auch seine Freundin her. Sie hätte ihm oft erzählt, von den weiten Landschaften und dem anderen Essen. Er schweigt kurz. Vielleicht sollte er doch nicht dorthin.

Arbeit, kein Beruf Er arbeitet in einem Ministerium, kümmert sich dort um die Koordination und Vergabe von Projekten an externe Dienstleister. Der Job erfülle ihn nicht, wäre aber halbwegs gut bezahlt und nicht immer langweilig. Studiert hat er Politologie, also »nichts Richtiges«, wie er schmunzelnd sagt. Erst in Freiburg, dann in Berlin. Warum er hier geblieben ist? Er weiß es selbst nicht so recht. In den Süden zieht ihn nicht so viel, er habe sich an Berlin gewöhnt und Berlin an ihn. Er führt mich durch die Wohnung. Ich möchte seine persönlichsten Dinge sehen. Er zeigt mir das Bücherregal: Politik und Zeitgeschehen, Biografien, aber auch Belletristik. Er lese den Spiegel, ab und an auch den Focus, letzteres sei aber meistens Zeitverschwendung. Ein ordentlicher Mensch sei er nicht, alles läge oftmals einige Tage herum, bevor er es bearbeiten oder ablegen würde. Für heute hätte er etwas aufgeräumt. Die Küche ist schmal. Der Kühlschrank ist relativ leer, Aufstrich, Marmelade, verpackte Salattüten und Bier. Unter der Woche esse er in der Kantine. Er öffnet noch den Kleiderschrank – nichts auffälliges, normale Klamotten, Hemden und Jeans, vier Anzüge – mehr kann er mir nicht zeigen. Seine Einrichtung sei wohl doch nicht sehr aufschlussreich.

Rückfahrt

Er ist sich nicht sicher, ob er viele Freunde hat. Er hat zwei sehr gute Freunde, ein gutes Verhältnis zu den meisten seiner Familienmitgliedern. Mit alten Schulfreunden kommt er klar, empfindet sie aber meistens als anstrengend. Er sei nicht so der Typ für Klassentreffen. Er möge das Verhältnis von Geschäftspartnern oder Kollegen untereinander, professionell und fordernd, freundlich und höflich, vielleicht auch etwas distanziert. Er fän-

Sie ist es irgendwie doch. In der Bahn gehe ich in Gedanken nochmals durch die Räume. Ich finde, sie spiegeln den Bewohner recht gut wieder: Nicht zu hundert Prozent ordentlich, aber aufgeräumt und sortiert. Die Dinge schienen am richtigen Platz und so wirkte die Person an sich auch auf mich. Am richtigen Platz, aber etwas zu nachdenklich, fast traurig. Ich denke, er verbringt viel Zeit allein, nach dem Feierabend, am Wochenende. Die Dinge

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in seiner Wohnung müssen oder sollen wohl auch niemanden beeindrucken. Sie sind vielmehr einfach da. Ich vermute ihm ist es relativ egal, was andere Leute von ihm halten, er wirkte nicht eitel oder arrogant. Obwohl er sich relativ distanziert gibt, glaube ich nicht, dass er es ist. Er erzählt gern, wenn man ihn etwas fragt. Er möchte wohl genau das: gefragt werden. Er ist kein einfältiger Mensch, vielleicht nur gelangweilt oder sogar enttäuscht von dem, was das Leben ihm anbietet. Das Leben fragt nicht nach.

Was bleibt Eine Antwort bleibt mir besonders im Gedächtnis: seiner Kindheit. Er meinte, diese sei sehr schön gewesen. Er habe so manche gute Erinnerung an diese Zeit. Der eigentliche Schritt des Erwachsenwerdens sei aber das Erkennen, dass manche Dinge, die man in der Kindheit und Jugend als natürlich oder selbstverständlich, als negativ oder positiv wahrgenommen und erlebt hat, neu bewerten muss oder besser gesagt: neu bewerten sollte. Manche Leute tragen ihr Leben lang falsche Vorstellungen mit sich herum. Reflexion sei der entscheidende Punkt. Bei allem. Text und Bilder von Simon Staib

T o ny Z iebe t zki

Sebastian

Der folgende Text leitet sich aus einem Gespräch mit einem guten Freund ab, den ich vor kurzem besucht habe: Sebastian, 27 Jahre alt. Wir kennen uns gut und lange und haben einen Großteil unserer Jugend gemeinsam verbracht. Geboren in Frankfurt/Oder, Abitur an einem Gymnasium mit spezieller naturwissenschaftlicher Ausrichtung, Studium in München mit Diplom in Medieninformatik. Heute arbeitet Sebastian als Doktorand im Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Sein Fachgebiet sind »Computergrafische Systeme«. Und er ist sehr zufrieden in seiner Position. Aber dazu später mehr.

Ankommen

der Flughafen nach der Eröffnung des BER sowieso ausgedient hat und die Sache mit dem Fluglärm dann vorbei wäre. Damals hat er sich den Wedding als Wohnort mit seiner Frau zusammen ausgesucht. Beide wollten zurück nach Berlin. Zusammen mit der gemeinsamen Tochter, die nun dreieinhalb Jahre alt ist. Eingezogen ist er alleine, die Trennung liegt nun ein gutes Jahr zurück. Diesen unvorhersehbaren Umstand kann man noch heute in der Wohnung spüren, denn das Wohnzimmer, in dem seine Schlafcouch steht, wirkt vor allem eines: leer. Die große Couch nimmt den meisten Platz ein, danach der Schreibtisch, ein Bücherregal, ein kleiner Esstisch für vier Personen und der Fernseher samt Anbauwand. Alles neu gekauft, nach der Trennung blieb ihm nicht viel. Mir fällt das riesige Whiteboard auf, das er sich wohl erst vor kurzem gekauft hat. Die komplette Wand hinter seinem Schreibtisch einnehmend, mit ein paar Notizen darauf um nicht den Überblick zu verlieren: Paper fertigschreiben, Ideen sammeln, Barcelonatickets buchen! Wir setzen uns auf die ausgeklappte Couch und essen zusammen. Sein Bettzeug liegt noch darauf, aber mich stört das nicht. Danach beginne ich ihm Fragen zu stellen. Was stört dich an dir selbst? Wie schätzt du dich selbst ein? Womit versuchst du, deine eigene Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen? Für uns beide ist diese Art von Austausch neu, haben wir bisher doch viel mehr über Frauen, Musik, Karriere und andere Dinge gesprochen, die in einer Männerfreundschaft wichtig sind, fühlt es sich dieses Mal viel tiefgreifender und ehrlicher an. Auf die Frage, was er von seinem Äusseren hält, wie er denkt, dass er sich verbessern könnte, sagt er nur, dass er eigentlich ganz zufrieden ist. Okay, er hat ein bisschen Bauch bekommen und seine Rückenschmerzen machen ihm manchmal ganz schön zu schaffen aber im Großen und Ganzen ist er wirklich zufrieden. Ich weiß, dass das stimmt und bemerke, dass er nicht versucht, mir etwas vorzumachen. Sebastian war immer schon ein selbstsicherer Mensch, der andere Dinge im Kopf hat, als das eigene Aussehen. Er macht seit Neuestem ein wenig Fitnesstraining, zu Hause, um den Bauch wegzubekommen. Das tue ich auch, aber wir wissen beide, dass man dazu nicht ständig Döner und Pizza essen sollte. Er tut es wahrscheinlich nur deshalb, um sich nicht ganz so faul zu fühlen.

Innen drin

Als ich seine Wohnung betrete, ist das Essen schon fertig. Chili con Carne, mein Lieblingsgericht. Ich habe je zwei Bier mitgebracht, um die er mich noch kurz vorher gebeten hatte. Ich trete ein, er begrüßt mich herzlich, »Nimm doch schonmal Platz«. Seit Sebastian von München nach Berlin zurückgekommen ist, sehen wir uns wieder öfter, trotzdem ist mir seine Wohnung immer noch sehr unvertraut. Er wohnt jetzt im Wedding, Afrikanische Straße, in einem Block nahe der Straße, direkt am Flughafen Tegel. Der Lärm stört ihn nicht, die Wohnung war billig zu haben, zwei Zimmer und er braucht nicht lange zur Arbeit. Die wichtigste Entscheidung für die Wohnung war wohl auch, dass

Sebastian beschreibt sich als sehr selbstsicher und als ausgesprochenen Realisten. Für letztere Erkenntnis musste er jedoch auch eine Weile leiden, denn die Trennung von Frau und Kind hat ihn in seinen jungen Jahren schon sehr mitgenommen. Das Gefühl, das eigene Leben nicht in den Griff zu bekommen, Leistungsdruck und der Umstand, seine Tochter nicht ständig sehen zu können, haben ihn sein Leben wie ein zusammenfallendes Kartenhaus sehen lassen. Doch er hat daraus gelernt, hat gelernt dass auf Regen Sonnenschein folgt, hat gelernt dass es weitergeht. Sebastian ist ein Beziehungsmensch. Jetzt. Ich kannte ihn vor seiner Hochzeit eigentlich nur als Aufreißertypen. Er ist

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humorvoll, was er sehr wohl weiß, kann sehr sympathisch sein und zudem gut reden. Das machte es ihm immer leicht, Frauen anzusprechen und zu überzeugen. Er weiß, dass er äußerlich nicht der Tollste ist, trägt meist etwas weitere Hosen, eine Baseball-Kappe und sportliche Sneaker. HipHop eben. Doch ihm ist schon früh klar gewesen, dass es eben doch die inneren Werte sind, die einen Menschen wertvoll machen.

Familie, Freunde & Freiheit

seine gesamte Zeit nur ihr. Sein iPhone ist voll von ihren Bildern, im Flur hängt ein Bild, das sie mit dem Pinsel gemalt hat. Er hat das zweite Zimmer in seiner Wohnung nur für sie eingerichtet. Er hätte nach Australien gehen können, für 18 Monate, Stipendium, Job, Doktor. Er hat nicht überlegt, seine Tochter ist ihm zu wichtig, vor allem jetzt, wo sie noch so jung ist und ihn braucht. Vor allem jetzt, wo er wieder allein ist und sie braucht.

Mal abschalten

Auf die Frage, was ihm Sicherheit vermittelt antwortet er prompt: meine Tochter. Nichts anderes hätte ich erwartet. Für ihn steht sie an erster Stelle, sie und seine Familie. Noch heute sind Sebastians Eltern die einzigen Eltern innerhalb unseres Freundeskreises, die nicht geschieden sind. Er genoss immer ein intaktes Familienleben, fand Rückhalt bei ihnen und seinen Freunden, war nie alleine. Auch Geld bedeutet für ihn Sicherheit, zumindest zur Zeit, denn durch sein Stipendium muss er sich in den nächsten Jahren keine Sorgen machen um Miete, Essen etc. Ihm ist aber der Konsum von Dingen, etwas zu unternehmen, zu erleben, sehr viel wichtiger als etwas zu besitzen. Das kann ich in jeder Ecke seiner Wohnung sehen. Es gibt ein paar kleine Ausnahmen: ein neues Fahrrad, ein iPhone, eine Musikanlage. Aber viel mehr sogenannte Reichtümer besitzt er nicht. Er definiert sich nicht über Besitz, für ihn zählt nicht was jemand hat, vielmehr zählt was jemand ist und schafft. Während wir über seine Arbeit sprechen wird deutlich, dass er sich dort durch sein Wesen einbringt, durch Kompetenz, seine Persönlichkeit, seinen lockeren Umgang. Sebastian mag es nicht, sich zu verstellen. Er erzählt mir, wie er Vorträge vor Studenten hält, mit Baseball-Kappe und großen Shorts. Er liegt dabei locker in seine Decke gekuschelt auf der Couch. Großen Respekt habe ich vor ihm seit er bei BMW in München seine Diplomarbeit geschrieben hat. Danach aber ein Angebot eines großen Konzerns über ein 50.000 Euro Jahresgehalt ausgeschlagen hat, weil er lieber in die Forschung wollte. Nun verdient er vielleicht ein Drittel davon, ist aber glücklich in seiner Stelle und hat das Gefühl, dort viel mehr bewegen zu können und wirklich etwas zu leisten. Sebastian steht für Werte wie Loyalität, Verantwortung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Eigenständigkeit. Sehr deutsch eben. Ich hätte auch nie mit anderen Idealen gerechnet, deshalb überrascht mich seine Wertevorstellung nicht. Er ist der erste in meinem Freundeskreis, der geheiratet hat, der Vater geworden ist und ein Kind groß zog. Wenn seine Tochter am Wochenende bei ihm ist, raucht er nicht, kocht und widmet

Auch die Duschen im Hasso-Plattner-Institut gefallen ihm sehr, erzählt er mit einem Grinsen. Sie sind für ihn ein wichtiger Ort der Entspannung. Nicht, dass er sich selbst als faul bezeichnen würde, aber er liebt es, einfach mal nichts tun zu müssen. Auch sein Elternhaus ist für ihn ein Rückzugsort geworden. Irgendwo auf dem Dorf in Ostbrandenburg, fern von jedem Stress der Großstadt und der Universität. Gerade nach der Trennung boten Freunde und Familie den Rückhalt. Freunde sind ihm in dieser Zeit besonders wichtig. Natürlich ist er bei facebook angemeldet. Meistens ist er es, der dort die Truppe zusammentrommelt, Events erstellt und Abende in Bars und Clubs anleiert. Mit seinem iPhone hat er jeder Zeit alles im Griff. Innerhalb seines Freundeskreises sieht er sich auch deshalb eher in der Mitte, als jemand der den Zusammenhalt fördert, also Dinge antreibt, nicht einfach nur mitmacht. Er ist interessiert daran, das Leben zu genießen, zusammen mit anderen etwas zu erleben. Deshalb geht er viel ins Kino, abends etwas mit Freunden trinken oder zum Bowling und so weiter. Anfangs sicherlich, weil er nach der Trennung nicht allein zu Hause sein konnte, Ablenkung suchte, Freunde brauchte. Mittlerweile wahrscheinlich eher, weil das Leben wieder Spaß macht, er es überstanden hat und sich nun wieder entspannter fühlt.

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Lebensqualität Ohne sein iPhone wäre er wohl völlig aufgeschmissen, sagt er. Durch den Job muss er täglich hunderte Mails und Termine lesen und wahrnehmen, ständig erreichbar sein, falls sein Wissen gefragt ist. Es ist für ihn ein entscheidender Vorteil im Alltag. Alles in einem. »Praktikisch« sagt er. Sebastian bezeichnet sich als sogenannten »Heavy User«, jemand der alles damit macht. 3G, GPS, Web 2.0, Musik, Videos, Apps und so weiter, er hat immer alles im Griff und diese Kontrolle mag er. Es ist ein Luxus für ihn, den er nicht mehr missen möchte. Ansonsten leistet er sich nicht viel Luxus, zumindest nichts, was er als Luxus bezeichnen möchte. Da wären vielleicht noch seine DVDs und CDs, die er sauber geordnet auf dem Schrank aufbewahrt. Filme helfen ihm beim Entspannen, sein Arbeitstag geht häufig von 8 bis 21 Uhr, da bleibt abends wenig Zeit um viel mehr zu machen, als einen Film anzusehen. Er ist auch einer der Wenigen ist, die sich CDs als Original kaufen oder im iTunes-Store. Ihm ist der Wert dieser Arbeit mehr als bewusst, hat er doch selbst jahrelang Musik gemacht, hat als Rapper Alben aufgenommen, ist sogar auf


größeren Festivals aufgetreten. Er kennt noch heute viele Freunde aus dieser Zeit und ich glaube, es ist für ihn mehr als nur eine Gewissensfrage, Künstlern den Respekt zu erweisen, den er damals als Musiker auch verlangt hat. Neben seinem Apple iPhone schwört er allerdings nicht auf sehr viele Marken. Eigentlich sind ihm Marken nicht wichtig, für ihn zählt, dass er sich auf eine gewisse Qualität verlassen kann, sei es bei Technik, Klamotten oder Lebensmitteln. Man kann sagen, dass ihm nicht bestimmte Marken wichtig sind, sondern ihm Marken generell Sicherheit vermitteln, denn sie bieten erfahrungshalber mehr Qualität und sind somit öfter eine bessere Investition. Sebastian gibt gern etwas mehr Geld aus, wenn er dafür sicher sein kann, etwas »Ordentliches« gekauft zu haben. Daraus ergeben sich zwangsweise gewisse Markenkäufe, sagt er, aber er hat auch sein iPhone nicht gekauft, weil es von Apple stammt, sondern weil er es im Rahmen einer Studie testen sollte und dadurch überzeugt wurde. Generell ist Sebastian ein Mensch, der sich lieber durch Testberichte, Empfehlungen von Freunden oder seiner eigenen Erfahrung überzeugen lässt, bestimmte Produkte zu kaufen. Die einzigen Marken, die ihm nach eigener Aussage wichtig sind, sind Nike und Adidas. Und das auch nur bei Schuhen. Er hatte einmal »so ein Paar Billig-Sneaker« von Deichmann, die waren nach einem Monat dahin. Seitdem fühlt er sich nur noch in Nike oder Adidas-Sneakers wohl. Er sagt selbst: »Der Geizige kauft immer zweimal.« Wahrscheinlich hat er den Spruch von seiner Großmutter oder Mutter, jedenfalls scheint er viele seiner Kaufentscheidungen dieser Maxime unterzuordnen. Qualität und die Aussicht auf eine lange Freude an Produkten sind ihm wesentlich mehr wert als die Aussicht auf ein schnelles Schnäppchen. Unterstützt wird diese Haltung zusätzlich durch den HipHop-Lifestyle, in dem sich diese beiden Marken extremer Beliebtheit erfreuen. Und auch dadurch, dass Sebastian viele Leute kennt, die ähnliche Vorlieben haben. Durch die Musik, durchs Skateboarden früher und Freunde wie mich. Ich glaube, dass er sich dadurch natürlich auch dieser Gruppe zugehörig fühlt, das zeigen möchte und diese Integration auch pflegt, auch wenn er es vielleicht ungern zugeben möchte.

Alles in den eigenen Händen

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nach Hause. Diese stapeln sich dann zu Hauf in jeder Ecke, auf Schränken im Wohnzimmer, auf Schreibtischen oder der Küchenzeile. »Was meine Eltern nicht richtig machen, versuche ich eben richtig zu machen« sagt er ein wenig amüsiert. Sebastian sieht das alles eher nüchtern, er besitzt nicht einen Gegenstand, dem er eine höhere Bedeutung beimessen möchte, das verbietet ihm schon die Logik, mit der er jeden Tag seiner Arbeit nachgeht. Auch sonst ist er ein Mensch, der die Dinge gern von der praktischen Seite sieht, Ergebnisse sehen will. Das kennt er von seiner Tätigkeit in der Forschung, aus der Uni genauso wie damals beim Skateboarden und Musik produzieren. Wenn etwas nicht funktioniert, dann hilft es nicht, darauf zu hoffen, dass es sich irgendwann von allein erledigt, man muss Arbeit, Wissen und Erfahrung hinein stecken. Manchmal jedoch zweifelt er auch. Zum Beispiel an seiner Doktorarbeit, aber das ist normal, macht ja jeder, und deshalb macht ihm das auch keine Sorgen. Viel mehr Zweifel hatte er nach der Trennung seiner Frau von ihm. Er spricht von Selbstzweifeln, davon, nicht zu wissen wie es weitergehen soll. In dieser Zeit hat er viel getrunken, vor allem Rum, der schmeckt ihm am besten. Und der war meist nicht billig, denn auch bei Alkohol, Zigaretten und Essen achtet er auf Qualität und ist bereit, dafür auch mehr auszugeben. Pizza zum Beispiel bestellt er ausschließlich bei Joey’s. Hot-Dog-Pizza, weil die »einfach die Geilste« ist. Womit wir wieder beim Bauch wären, sage ich. Er weiß, dass Äußerlichkeit nicht seine Stärke ist, geht aber durchaus selbstbewusst mit seinem Auftreten um. Das war auch eigentlich schon immer Wir gehören zu einer so. Sebastian war in meiner Jugend immer G e n e r at i o n , d i e n i c h t derjenige, der, wenn er wollte, jedes Woe i n s e h e n w i l l , wa ru m m a n chenende ein anderes Mädchen hatte. Wir sich z wischen Bunt- und wunderten uns immer, wie er das macht, Ko ch wä s ch e , Pfl egel ei ch t, denn er ist nie der attraktivste Mann in unBaby C are , Wolle , E xpress serem Freundeskreis gewesen. Er hatte keio d e r Eco e n t s c h e i d e n ne besonders imposanten Kleidungsstüm u s s , w e n n e s au c h e i n e n cke, keinen teuren Schmuck oder andere M i x- Wa s c h g a n g g i b t. Dinge, die ihn hätten aufwerten können. Er « erklärte seine Taktik Frauen gegenüber so, dass man einfach dranbleiben und humorvoll und verständnisvoll sein muss, dann würde alles wie von selbst laufen. Er ist sich bewusst, dass er in der Lage ist, Menschen im Gespräch zu überzeugen, seine innere Stärke mit Worten ausspielen zu können.

Schon wieder Single

Als ich ihn frage, ob er irgendeine Art Glaube an Talismane oder Gegenstände besonderer, höherer Wirkung hat, fängt er an zu lachen. Ich sollte ihn doch besser kennen. Aber er sagt auch, dass seine Eltern da ganz anders sind. Besonders seine Mutter bringt ständig verschiedenste Andenken und Glücksbringer mit

Seit mein Freund wieder Single ist, muss er den Haushalt allein führen. Er erzählt mir von einer Macke, die er entwickelt hat bezüglich seiner Waschmaschine. Er hat erkannt, dass es völlig egal ist, was in die Waschmaschine kommt, denn er stellt die Maschine einfach immer auf 60 Grad-Buntwäsche und alles kommt trotzdem sauber aus der Trommel. Wir müssen lachen, denn ich sehe es genau so. Wir gehören zu einer Generation, die nicht

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einsehen will, warum man sich zwischen Bunt- und Kochwäsche, Pflegeleicht, Baby Care, Wolle, Express oder Eco entscheiden muss, wenn es auch einen Mix-Waschgang gibt. Und wir werfen die Waschmaschine schon gar nicht für einen einzelnen Wollpulli an. Auch beim Putzen überrascht er mich. Zum einen, weil seine Wohnung wirklich hervorragend aufgeräumt ist, was man nicht von jedem männlichen Single erwarten würde. Zum zweiten, als er mir erklärt, dass es ihm persönlich auch wichtig ist und es ihm nicht darum geht, Frauen zu beeindrucken. Der wichtigste Grund aber ist wohl seine Tochter, der er einfach ein guter Vater sein will. Der seiner Kleinen ein sauberes Umfeld bieten möchte. Allerdings kauft er deshalb nicht extra irgendwelche speziellen Putzmittel, also keine besonderen Herdreiniger, Klospüler oder Luxus-Wischmobs. Diesbezüglich ist er sehr simpel gestrickt, eine Flasche Spülmittel (Marke Fit, denn das ist billig aber gut), einen Essigreiniger für Bad und Küche und eine Packung Waschmittel. In dieser Hinsicht kann man Sebastian als hybriden Käufer bezeichnen, der in Kategorien denkt und für manche Dinge nicht bereit ist, viel Geld zu investieren, bei anderen wiederum mehr bezahlt als eigentlich nötig wäre. So kauft er zum Beispiel bei Putzmitteln nur das Preiswerteste, bei Genussmitteln ist er aber bereit, sehr viel mehr auszugeben, als er vielleicht müsste. Als ich von ihm wissen will, ob er irgendwelche narzisstischen Vorlieben hat, also ob er etwas für seine Eitelkeit tut, um sich aufzuwerten, antwortet er wie erwartet wieder mit einem gelächelten und langen »Nöööö«, also zumindest würde er sich nicht als eitel bezeichnen. Klar hat er Deos, eine Zahnbürste und einen Kamm und so weiter, also was jeder für sein Äußeres braucht, aber viele Ansprüche hat er darüber hinaus nicht an sich. Am wichtigsten ist ihm, dass seine Klamotten zusammenpassen und dass er nicht unbedingt in schrill-bunten Sachen zur Arbeit geht, so dass sich seine Kollegen fragen, was mit ihm los wäre. Er weiß, dass er etwas anders aussieht, als man von einem Doktoranden erwarten würde, aber er empfindet das nicht als Extrem und fühlt sich in seinen Klamotten überaus wohl und entspannt.

locken. Er sagt, andere Menschen sehen, dass er mit zu großen Shirts und Hosen zur Arbeit kommt, sich anders verhält und dadurch eine gewisse Wirkung auf seine Kollegen hat. Er ist sich dabei bewusst, dass er jederzeit in der Lage ist, diese Menschen positiv zu überraschen und ihre Haltung umzukehren. Einfach dadurch, dass er ihnen zeigt, was er wirklich kann und wer er wirklich ist. Meiner Meinung nach ist das eine clevere Methode, Menschen vorher zu sortieren: in die Gruppe, die bereit ist, hinter die Fassade zu schauen und ihn wirklich kennen zu lernen und in die andere Gruppe, die zu oberflächlich ist, um wirklich wissen zu wollen, wer sich hinter der Maske verbirgt, die Sebastian tragen möchte. Somit zieht er zwei Vorteile aus seinem Verhalten: Er kann sich selbst treu bleiben, so sein, wie er ist. Und er kann sich bei den meisten seiner Freunde, Bekannten und Kollegen sicher sein, dass sie ihn so akzeptieren, wie er ist. Er muss sich nicht verstellen und gewinnt so ein Stück mehr persönliche Freiheit dazu. Das gibt ihm Stärke, Vertrauen in sich selbst und in das, was er tut. Text und Bilder von Tony Ziebetzki

M a r ie Schuhmann

»Der Zauber steckt immer im Detail« Theodor Fontane

Lena ist in Sydney geboren, wuchs in Österreich, Moskau, Berlin und Helsinki auf und wohnt jetzt in Leipzig. Am hiesigen Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften schreibt sie ihre Doktorarbeit in Psychologie.

Leipzig

Er erzählt mir, von wem er sich deutlich abgrenzen möchte: Von Leuten, die für Trends leben, sogenannten »Hipstern«, ebenso Menschen, die sich ständig anpassen, sich anbiedern. Er will keine Dinge kaufen müssen, um in einer Gruppe akzeptiert zu werden, keine Marken tragen müssen um von anderen bemerkt zu werden, sondern es für sich selbst tun. Er spricht davon, dass er die ersten Wochen in der neuen Stelle jeden Tag ein anderes seiner zehn Sneakers-Paare und ein dazu passendes Baseball-Cap getragen hat, um den anderen von Anfang an zu zeigen, dass er anders ist: mit Stipendium und Baggyhose. Ich bin stolz auf ihn. Und ich glaube, das ist er selbst noch mehr, zu Recht. Für ihn sind Marken und Produkte eher Manipulationsmittel, um andere wissentlich auf eine falsche Fährte zu

Auf die Frage hin, warum sie sich ihr Zimmer in ihrer im fünften Stock gelegenen Dreier-WG ausgesucht hat, sagte sie, dass sie sich so in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten lasse, wo sie sich wohl fühle, der für sie Gemütlichkeit und Sicherheit bedeute. Für das tägliche Treppensteigen in den fünften Stock entschädigt die Lage der Wohnung sowie die Aussicht auf das Leipziger Rathaus und die Innenstadt. Auch die Möglichkeit, durch eine Luke direkt aufs Dach zu gelangen, wo Tisch und Stühle bereitstehen, könnte ein Grund dafür sein, diese Strapazen auf sich zu nehmen. Wenn man ihr Zimmer betritt, fällt als erstes die Präsenz des Bettes auf, das viel Platz im Raum einnimmt und neben den sonstigen Möbeln ins Auge sticht. Bei dem Bett an sich handelt es sich um ein Standardbett von IKEA. Dass es für sie der Dreh- und Angelpunkt ihres Alltags ist, liegt nicht nur an seiner Funktion als Bett, es ist auch Symbol für Geborgenheit, Gemütlichkeit und Sicherheit. Für jemanden, der Schlafen zu seinen Hobbys zählt, ist das von großer Bedeutung. Im Zimmer stehen sonst nur die nötigsten größeren Einrichtungsgegenstände: Schreibtisch,

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Manipulations-Maske


Stuhl, Schrank, Regal, Sessel, Ablagetische. Alles von IKEA und eher im niedrigen Preisniveau anzusiedeln. Für jemanden, der so oft umgezogen ist und nicht plant, in diesem Zimmer sesshaft zu werden sowie eher pragmatisch veranlagt ist, ist das vollkommen ausreichend. Das Sich-nicht-festlegen-Wollen und Sich-alle-Möglichkeiten-Offenhalten fällt auch auf, wenn man mit Lena Essen geht. Niemals würde sie ein Gericht, das sie bereits gegessen hat, ein zweites Mal bestellen. Immer muss es etwas Neues sein, das eventuell die bereits bekannten Gerichte übertreffen könnte. Am liebsten isst sie Indisch. Im Zimmer ist es wichtig, auf die Details zu achten: Trotz der Heimatlosigkeit, die das Mitreisen mit den Eltern – beide Diplomaten – mit sich brachte, gibt es Einrichtungsgegenstände, die sie auf allen Stationen ihres bisherigen Lebens begleitet haben, teilweise seit frühester Kindheit. So etwa der ziemlich kostbar aussehende Orientteppich, der fast den ganzen Raum einnimmt. Dieser stammt aus der Moskauer Wohnung und wurde von ihrer aus dem Iran stammenden Mutter angeschafft. Trotz einer nicht vorhandenen Kulturverbundenheit mit diesem Land findet hier noch eine Identifikation über die Herkunft statt und zeigt dem weniger personenkundigen Besucher, dass nun die Frage nach ihrer Herkunft und dem orientalischen Aussehen, die wohl vielen auf den Lippen brennt, angesprochen werden darf. Somit verhilft der Teppich zum Gesprächsanfang, macht die Frage offensichtlich und sogar nötig. Auch der Kronleuchter vermittelt Lena ein Stück Heimat. Sie kennt ihn schon seit ihrer Kindheit und freut sich darüber, dass er sie bis hierhin begleitet hat. Er gibt ihr das Gefühl, dass es egal ist, ob sie in Moskau, Berlin oder Helsinki das Licht anmacht.

Finnland Aus Finnland stammt eine Tasche der finnischen Marke Marimekko, die mittlerweile wegen ihres typisch skandinavischen Designs auch in Deutschland sehr beliebt ist. Die schlichten, oft aus wenigen, aber knalligen Farben bestehenden Blumen- und Vögel-Illustrationen stammen oft von Sanna Annukka. Besagte Tasche hat jedoch nichts von alledem: Sie ist einfach nur dunkelblau und hat einen Klettverschluss, selbst das eingestickte Logo bekommt man erst nach Aufklappen der Tasche zu Gesicht. Dies zeigt, dass Lena sich zwar mit skandinavischem Design durch den Aufenthalt in Finnland gut auskennt, ihr Wissen aber nicht zur Schau stellt, sondern es nur demjenigen präsentiert und preisgibt, der bereit ist, näher hinzuschauen. Eben diese kleinen Details und die Bescheidenheit ist auch in Bezug auf verschiedene andere Objekte auszumachen. In schwedischem Design gehalten sind ihre vier Lieblingstassen. Sie tragen ein dezentes Blumenmuster am oberen Rand, sind sonst weiß und henkellos. Man muss die Tasse direkt anfassen und kann die Wärme des Inhaltes auf der ganzen Handfläche spüren. Eigentlich ein Bild für Geborgenheit und Heimeligkeit, das einer Teekanne-Werbung entsprungen sein könnte, das hier aber durchaus erst gemeint und nachvollziehbar ist.

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Hamburg Als weiteres Mitbringsel findet man in dem Zimmer noch ein Foto in Postergröße, das von einer sehr guten Freundin und begnadeten Fotografin geschossen wurde. Auf dem Foto zu sehen ist das jährlich am Geburtstag des Hamburger Hafens stattfindende und nicht nur bei Touristen beliebte Schlepperballett. Hierbei führen die Schlepper, die sonst die großen Schiffe in den Hafen ziehen, eine Stunde lang zu klassischer Musik eine Choreografie auf. Das Foto mag sie deswegen so sehr, weil es gegen das Licht fotografiert wurde und so die Schiffe nur als Silhouetten erkennbar sind. Es wirkt so, als würde einen die Sonne blenden. Dass Lena aber nicht ausschließlich eine liebenswerte Person ist, möchte sie durch ein Poster der Serie Dexter zeigen. Es handelt sich hierbei um eines dieser Minimal-Design-Poster, die mit möglichst wenigen geometrischen Grundformen den Inhalt der Serie darzustellen versuchen. Bei Dexter handelt es sich um einen sehr sympathischen Serienkiller. Nach einigem Überlegen und auch nur, wenn einem die Serie bekannt ist, erkennt man, dass es sich bei den horizontalen, parallelen Strichen um Glasträger für ein Mikroskop handelt, denn Dexter sammelt in einem Kasten von jedem seiner Opfer Blutproben. Da er als Forensiker beim Miami-Metro-Police-Department für die Blutspuren-Analyse verantwortlich ist, verwundert diese Sammelleidenschaft nicht.

Bremen Die letzte Station vor ihrem jetzigen Wohnort war Bremen. Hier hat sie, neben Oldenburg, Psychologie studiert. Nicht nur deswegen ist diese Stadt ein wichtiger Meilenstein in Lenas Leben. Mitgenommen hat sie – außer einer merkwürdigen Art zu sprechen und einer Vorliebe für Haakebeck-Bier – einen FC-Werder-Bremen-Schal, den fortan eine auf dem Flohmarkt erstandene Plastik-Schaufensterpuppe, der zur Dreidimensionalität eine Rückseite fehlt, tragen darf. Sie selbst – als Frau überdurchschnittlich fußballinteressiert – ist FC-Werder-Bremen-Fan. Verständlich, da in Finnland Fussball wenig populär ist, der Hamburger SV sich einfach zu häufig in der Zweiten Liga tummelt und Hertha BSC eine von Grund auf unsympathische Fan-Gemeinschaft besitzt. Werder-Spiele, die nicht im anfangs erwähnten Cantona geschaut werden können, werden über die Fussball-App ihres Samsung-Smartphones verfolgt, das jeden Anpfiff, jedes Tor oder sonst ein Ereignis im Spiel durch das Zischen eines Bieres signalisiert.

Alles auf einen Blick Der bereits erwähnte Wunsch, alles immer vor Augen haben zu wollen, wird am deutlichsten, wenn man sich den von Fotos, Postkarten oder Tickets umrahmten Spiegel anschaut. Damit hat Lena die Möglichkeit, sich ihre Liebsten jeden Morgen, wenn sie in den Spiegel blickt, anzuschauen, an sie zu denken, sich ihrer gewiss zu werden und sich darüber zu freuen. Später im Interview kamen wir darauf zu sprechen, dass sie sich sehr stark über

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Leute definiert, die sie kennt und mag, für die sie bereit ist, etwas zu tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Insofern dienen die Fotos nicht nur dazu, sich an den Freunden und Bekannten zu erfreuen, sondern auch dazu, sich seiner selbst bewusst zu werden, jeden Morgen seiner Identität zu vergewissern. Dass die Menschen, die Lena kennt und schätzt, eine wichtige Rolle für ihre eigene Identität spielen, wird – ähnlich wie bei den Fotos neben dem Spiegel – auch durch eine am Kleiderschrank klebende Tafelfolie deutlich. Hier hat nicht jeder Besucher, sondern nur die, die auch neben dem Spiegel einen Platz finden dürfen, die Möglichkeit, sich mit bunter Kreide auszutoben. Die immer mit Liebe und Wohlwollen hinterlassenen Nachrichten unterscheiden sich zwar in ihrem dekorativen Potential, werden aber – neben den bereits erwähnten Gründen – vor allem wegen ihrer Abwechslung geschätzt. Teilweise wird die Tafel auch als Gedächtnisstütze genutzt. Sonst ist das Zimmer (seit kurzem) sehr ordentlich und sortiert. Früher standen hier viele Kleinigkeiten und zahlreiche weitere Erinnerungen rum, die aber nun durch einen schimmelbedingten Umbau ihren Platz in Kisten auf dem Schrank haben. Das zeigt aber nicht, dass Ordnung das wichtigste ist, sondern, dass augenscheinliche Unordnung gerne in Kauf genommen wurde, solange jeder Gegenstand seinen bestimmten Platz hat.

sind eine Pfeffermühle in Form eines Baseballschlägers in Originalgröße, eine gehäkelte Mütze mit Bart oder ein silberner Hirschkopf-Kerzenhalter. Alles Geschenke von guten Freunden. Sie schätzt diese Art Geschenke, die durch nichts mehr als ihre Außergewöhnlichkeit und Seltenheit glänzen, laut eigener Aussage deshalb so, weil sie vermuten lassen, dass der Schenker dem Beschenken ebenfalls diese Eigenschaften zuschreibt. Auch hier wird wieder deutlich, wie sehr ihre Identität an andere Personen geknüpft ist. Einen Bruch in ihrem Kleidungsstil, den sie selbst eigentlich nirgendwo einordnen möchte, stellen die bedruckten Jutebeutel dar. Diese sind eher Markenzeichen von sogenannten »Hipstern«, die von ihr allerdings gering geschätzt werden. Über diese Tatsache meint sie, kann sie hinwegsehen, da diese Beutel einfach praktisch und günstig sind. Tatsächlich unterscheiden sich ihre Beutel insofern, dass nicht einfach irgendein augenscheinlich individueller Satz auf den Beutel gedruckt wurde, sondern alle Beutel Souvenirs von ihr besuchten Konzerten oder Festivals sind und somit wieder emotionalen Erinnerungswert haben.

Yksi Kaksi Kolme

Stilfragen Ihren Kleidungsstil kann man als schick und elegant bezeichnen, obwohl sie sehr gern jenen Stil mit kombinierten Kleidungsstücken herstellt, den man als used bezeichnen würde. Damit sind nicht Klamotten im Used-Look gemeint, sondern einfach sehr alte Kleidungsstücke, die sie zum Beispiel von der Verwandtschaft geschenkt bekommen hat. Mal abgesehen von den Basics, kauft Lena vorzugsweise günstig, aber mit Bedacht bei Modeketten wie H&M, Zara und Mango ein. Hier entscheidet sie sich auch eher für schlichte Kleidung, wo sich der gekaufte Pullover aber durch irgendein verspieltes Detail doch von dem Standard-Pullover unterscheidet. Selten tätigt sie Spontankäufe, jeder Kauf wird durchdacht, Preise werden verglichen, bevor etwas Unnötiges oder zu Teures angeschafft wird. Bei näherer Betrachtung aber am auffälligsten ist auch hier wieder die Detailverliebtheit: Die an sich schlichten Kleidungsstücke kombiniert sie zum Beispiel mit einer auffälligen Kette mit Pferdeanhänger, einem persönlichen Lieblingsaccessoire. Eigentlich hasst sie Pferde. Um dies bestmöglich zum Ausdruck zu bringen, trägt sie diesen auffälligen Anhänger und erklärt es jedem, der fragt. Der Anhänger kann darüber hinaus aufgeklappt werden, in seinem Innern befindet sich ein von mir handgemaltes Bild eines Hamsters. Anhand dieses Gegenstandes lässt sich ihre Vorliebe für Absurditäten gut erkennen. Es sind kleine Details in der Wohnung oder der Kleidung, die diese auf eine sehr dezente Art und Weise einzigartig machen, sich dem Betrachter jedoch nicht aufdrängen. Mehr noch: Es bedarf einer Art Mitwisserschaft, um sie überhaupt zu entdecken. Weitere Raritäten im Hause von Lena

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Als einen der wichtigsten Punkte, um Lenas Identität zu erforschen und nachvollziehbar zu machen, wäre hier das mit einer Freundin aus Bremen komplett selbst aufgebaute Musikprojekt yksi, kaksi, kolme sowie Alternative- und Independence-Musik im Allgemeinen zu nennen. Der von Lena kreierte Name yksi, kaksi, kolme ist Finnisch und bedeutet »Eins, zwei, drei«. Hier ist interessant zu sehen, wie sich die zahlreichen bereits beschriebenen Wohnorte von Lena gegenseitig beeinflussen und miteinander verbinden. Der Name wurde aber nicht wegen seiner Seltenheit ausgewählt, sonW i r l i e b e n e s bu n t u n d dern, weil das Zählen bis Drei einen deuto p u l e n t, l au t u n d lichen Bezug zur Musik hat. Yksi, kaksi, kole x z e s s i v. O h n e M u s i k me ist eine Veranstaltungsreihe im Bremer kö n n e n w i r n i c h t l e b e n , Club Tower, die einmal im Monat stattfinR o c k ’ n ’ R o l l t r ag e n det und bei der Lena und ihre Freundin w i r i m H e r z e n u n d au c h als DJanes fungieren. Aufgelegt werden o p t i s c h g r e i fe n w i r zu vorzugsweise Stücke aus der Indie-Szene, B a s t e l pa pp e u n d gern kaum bekannte Newcomer. Heiss - klebepistole , um Das »Berühmt-Sein« ist Lena eher unanfü r eu c h da s b E s t e genehm, sie wäre lieber gesichtslos, möchte aus eurem Lieblingsclub nur für ihre Arbeit geschätzt werden und h e r au s zu h o l e n . im Hintergrund stehen. Ganz im Gegensatz « zu ihrer Partnerin. Das größte Kompliment wäre für sie, wenn sie einen Song auflegt, der dem Publikum gänzlich unbekannt ist, das sich aber trotzdem oder gerade deshalb freut und fleißig das Tanzbein schwingt. Dies wäre ein Lob für ihren exquisiten und erlesenen Musikgeschmack. Tatsächlich besitzt sie eine beachtliche Musiksammlung samt dazugehörigem Wissen. Mit dieser Expertise gibt sie nicht an, lässt sie aber vermeintliche Musikexperten spüren, sobald diese versuchen, ihre Überlegenheit zu demonstrieren. Sie besitzt einen Platten-

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spieler und ausgewählte Schallplatten ihrer Lieblingsbands, da die Klangqualität eine ganz andere ist und das Hören über den Plattenspieler mehr Tiefe vermittelt. Für Unterwegs nutzt sie auch nur sehr gute (und teure) Kopfhörer. Auch hier geht es wieder um das genaue Hinhören, die Details. Dass sie einen der von ihr gespielten Künstler persönlich kennt und ihm durch Wohnzimmerkonzerte und das Besorgen eines Schlafplatzes dabei behilflich sein kann, seinen Traum zu verwirklichen, freut sie sehr. Besagter Künstler heißt Luke Leighfield und stammt aus London. An diese Bekanntschaft erinnert sie das T-Shirt mit seinem Namen, das die Schaufensterpuppe mit dem Werder-Bremen-Schal trägt.

Setlists Ebenfalls einzigartig sind die sogenannten Setlists. Das sind Listen, die die jeweilige Band geschrieben hat und die die Reihenfolge der zu spielenden Songs festlegen. Davon gibt es pro Konzert meist nur eine, die recht schwierig zu bekommen ist. Wie die zahlreichen Setlists an der Wand über Lenas Bett zeigen, ist das aber eine Herausforderung, der sie gewachsen ist. Auch hier zeigt sich wieder das Interesse an Hintergrundinformationen über die jeweiligen Künstler. Für Lena ist es wichtig, sich ein Gesamtbild zu schaffen. Hierfür ist die gewählte Reihenfolge der Lieder und deren Inhalt aufschlussreich, um mehr über die emotionale Verfassung des Künstlers und seine Intentionen zu erfahren. Dass ein Lied gut gefunden wird, weil es eine schöne Melodie hat und einfach nur gut klingt, wird kaum passieren. Dazu ist sie viel zu sehr verliebt in Details. Text und Bilder von Marie Schuhmann

s a s cha r ö di g e r

Die Begrüßung von Amelie war herzlich. Ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder im Teenageralter kamen mir im Flur bereits entgegen, es entstand sofort eine freundliche, mit scherzhaften Äußerungen gespickte Unterhaltung. Beim Frühstück in großer Runde gab es viel zu erzählen, so dass wir uns höflich aus der Runde verabschieden mussten, um unser Interview beginnen zu können. Zu meiner Verwunderung fand das Interview nicht in ihrem Zimmer statt, sondern im Wohnzimmer. Bereits beim Betreten umgibt uns der Charme einer Altbauwohnung. Die hohen Decken, die schweren, dunklen Türen und die gemaserten Holzdielen, welche bei jedem Schritt ächzend knarren, verströmen eine gewisse Würde und hochherrschaftliche Ausstrahlung. Die Fenster, fast so hoch wie die Decke selbst, lassen trotz des regnerischen Wetters viel Licht in das große, etwas

»Wer das Leben nicht g ­ enießt, wird un­genießbar« Konstantin Wecker

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längliche Zimmer. Dunkle, leicht rötlich schimmernde Massivholzmöbel im Kolonialstil, eine alte antike Wanduhr mit starken Verzierungen, ein immer noch geschmückter Weihnachtsbaum mit funkelndem Schmuck im nostalgischen Look und die vorherrschenden Farben Bordeaux, Braun und Orange versprühen Gemütlichkeit und Wärme. Ein Brettspiel auf dem Wohnzimmertisch, verschiedenstes Foto-Equipment aus Stativen und Taschen bis hin zu einem Lichtzelt und viele Stühle lassen auf ein reges Treiben im Wohnzimmer schließen. Da wir uns bereits aus der Zeit im Gymnasium kennen, hatte die Situation etwas Vertrautes. Auf die Frage nach ihrer Lebenssituation und nach ihren Wünschen stellte sie zunächst fest, dass sich nach dem Abitur nicht so sehr viel verändert habe. Geprägt vom Beruf der Eltern wolle sie schon seit früher Kindheit Fotografin werden. Nach wie vor hat ihre gesamte Familie, besonders ihre Eltern, einen starken Einfluss auf ihre Vor- und Einstellungen sowie ihren täglichen Lebensrhythmus. Seit sie denken kann, sind in ihrer Familie einschneidende Ereignisse, Erlebnisse oder tiefgreifende Eindrücke dokumentiert worden. Erst kürzlich kam ein Bild aus der Zeitung zum Vorschein, das beweist, dass sie bereits als einjähriges Mädchen in Ausstellungen involviert war. »Es ist wichtig, seinen Horizont zu erweitern.« Gefragt nach ihrem persönlichen Lebensstil, schätzt Amelie sich ein wenig konservativ ein. Kurz danach lässt sie aber erkennen, dass sie sich gerade in beruflicher Hinsicht trotzdem neugierig auf Fremd- und Andersartiges einlässt und sich auch für zunächst unsympathisch wirkende Kunstrichtungen interessiert, um sich erst später eine endgültige Meinung bilden zu können. Dies sind wichtige Grundpfeiler in ihrer Berufswahl. Auch im privaten Leben wirkt sie offen und tolerant. In diesem Zusammenhang erscheint ihre » Gru pp e n z wa n g i s t e i n Selbsteinschätzung »des Konservativen« ­F r e m dw o r t fü r m i c h . etwas widersprüchlich. Rückbesinnend auf « die Anfangsfeststellung wechselt sie das Thema. Sie habe sich damals nicht so ausprobiert wie Andere. Alkohol, Markenklamotten, Modetrends, flüchtige Freundschaften waren ihr damals wie heute ein Graus. Diesem Bild eines Jugendlichen wollte sie auf keinen Fall entsprechen. Damals sei ihre Angst sehr groß gewesen, negative Erfahrungen zu machen. Sich also gegen die Gruppendynamik zu entscheiden sei die zwingende Alternative gewesen. In ihrer Familie lernte sie die negativen Einflüsse von Alkohol kennen. Deshalb rühre sie keinen Tropfen an, zudem schmecke er ihr einfach nicht. Nach kurzer Überlegung gibt sie jedoch zu, dass sie trotzdem die Menschen ein bisschen beneide, die vieles ausprobieren, ohne sich über alles und Jeden Gedanken zu machen. Sie schätzt sich selbst als sehr schüchtern ein und sieht darin einen Mangel an Spontanität. »… der Drang nach Veränderung ist mein ständiger Begleiter.« Bei der Gestaltung ihres Zimmers sei sie allerdings inzwischen experimentierfreudiger und mutiger geworden. In Laufe der Zeit hätte sich die dominierende Farbe von Blau (steht für Ruhe, Loyalität, Heiterkeit, Verlässlichkeit, Ferne) in Rot (steht für Lebenskraft, Liebe, Mut, Willensstärke) verändert. Ein Problem sei nur,

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dass sie sich so schwer von Dingen trennen kann, da sie sie mit vielen Emotionen oder einer Geschichte verbindet. Die sichtbaren äußerlichen Veränderungen im Raum finden meist in Eigeninitiative statt. Es sind stets kleine Veränderungen, die nur enge Freunde mitbekommen können. Amelie neigt dabei nicht zu Extremen, um ihre gewohnte Umgebung nicht so stark zu verfremden. Ohne eine weitere Frage von mir projeziert sie den Umgang mit ihrem Zimmers auf ihr Aussehen. Sie sei auch dort wenig, eher dezent experimentierfreudig. Sie glaubt, dass ihre zurückhaltende, etwas schüchterne Art auf geringes Selbstbewusstsein zurückzuführen sei. Amelie betont, dass sie sehr auf einen natürlichen Look stehe und deshalb gern gedeckte eher unauffällige Farben trage. Dunkle Blau- und Grüntöne, Bordeaux und Braun seien ihre Farben, die sie manchmal mit einem satten Türkis kombiniere.

Ein bisschen provokant frage ich sie, ob sie sich heimlich nicht auch manchmal nach teuren Modemarken, hochhackigen Schuhe oder einem aufregend geschminkten Gesicht sehne. Sie denkt einen Augenblick ernsthaft nach und verneint dann recht energisch. Eine Markenzugehörigkeit lehne sie ab, da sie ausschließlich das trage, was ihr steht und was zu ihr passt. Dabei achte sie auf Tragekomfort und Qualität, der Preis sei natürlich auch wichtig. Nach einem kleinen Zögern ergänzt sie, dass es ihr schon bewusst sei, dass sie mit ihrem Outfit manchmal etwas prüde und pragmatisch wirke. Sie traue sich jetzt schon des Öfteren, bei entsprechenden Anlässen, einen Kompromiss aus funktionaler Bequemlichkeit und einem edleren Teil zu finden. Hochhackige Schuhe und Schminke habe sie für sich noch nicht entdeckt, obwohl sie zugeben muss, dass es bei manchen Frauen sehr attraktiv wirkt. Allerdings kombiniere sie seit einiger Zeit gerne verschieden Sachen und Accessoires miteinander und verändere diese. Ergänzend, fast entschuldigend, erklärt sie, dass sie wie bei den Gegenständen in ihrem Zimmer auch Kleidung nie wegwerfen könnte. Deswegen näht sie um oder verändert kleine Details, um Neues daraus zu machen. Dabei kritisiert sie unsere heutige Wegwerfgesellschaft. In ihrer Familie werden Dinge, die nicht mehr gebraucht werden, verschenkt oder gespendet. »Ich denke nach, wem ich noch eine Freude mit meinen Sachen mache kann. Sie funktionieren ja noch oder sehen teilweise wie neu aus. Man muss das nutzen, was man hat und nichts sollte verschwendet werden.« An dieser Stelle hake ich mit einem Augenzwinkern nach, denn es stellt sich die Frage, ob diese Einstellung auch für den technischen Bereich zutrifft. Ein gewisser Markenfetisch ist bei ihr zu erkennen. Produkte wie Apple iMac, iPhone, iPod Touch, Canon EOS 5D Mark II mit sämtlichen Objektiven usw. sprechen eine deutliche Sprache. Viele dieser durchaus wertvollen technischen Gegenstände werden von ihr beruflich und privat verwendet. Amelies Blick wandert nach unten, ihre Stimme wird etwas schwermütig. »Ich muss zugeben, dass ich ein Apple-Fan bin«,

sagt sie und ohne eine Wertung meinerseits versucht sie sich zu rechtfertigen. Die Apple-Produktpalette stimme doch irgendwie mit ihren Werten und Einstellungen überein. In ihrer Familie habe man schon seit jeher einen iMac gehabt und man sei von Bedienung und Qualität überzeugt. Es lag für sie nahe, später auch einen zu haben. In ihrem Beruf benutzen viele technische Mitarbeiter solche Geräte, auch die Canon EOS 5D Mark II habe in ihrer Branche einen guten Ruf. Eine gewisse Markenabhängigkeit sei hier funktional und qualitativ gegeben. Nach weiteren Hobbies und Interessen gefragt, berichtet Amelie von der »Rhythmischen Sportgymnastik« . Hier findet sie einen erfüllenden Ausgleich zum »starren« Fotografieren. In anderer Ausdrucksform sei auch hier Kreativität und der Blick auf den harmonischen Gesamteindruck gefragt. Wieder schwenkt sie auf ihre äußere Erscheinung und betont, dass ihr dort das Geld für teure Sportklamotten ein wenig zu schade wären, obwohl diese durch die bessere Qualität ein angenehmeres Gefühl erzeugen. Beim Essen jedoch ändere sich ihre Einstellung. Hier komme der Einfluss ihres Freundes zum Tragen. Ab und zu könne man sich schon ein schönes Essen zu zweit gönnen. Sie genieße das immer sehr, auch wenn sie später auch eine gewisse Form von Reue verspüre. »Mein Geld für kurzlebige Sachen auszugeben ist mir oft zu schade.« Eher schaut Amelie nach Sachen, wo sich mit wenig Geld und geringem Aufwand viel machen lässt. Kreativmärkte in Berlin dienen ihr als Inspiration für neue Ideen. Hier verliere sie oft die Zeit aus den Augen und genieße die Atmosphäre des bunten Treibens. »… Reiz: Wie kann ich selber etwas fertigen und individuell gestalten« Mehrere Beispiele finden sich bei ihr zu Hause. Hier spürt man deutlich, dass alle gekauften Produkte einen eigenen Charme besitzen müssen und individuell ausgesucht sind. Amelie will sich mit ihren Produkten identifizieren können. Dabei legt sie aber immer Wert auf einfache und praktikable Lösungen. »... mit einfachen Mitteln viel verändern.« Ohne Aufforderung oder Frage meinerseits erwähnt sie, dass auch ihre Apple-Produkte eine persönliche Note bekommen. »Es sind Kleinigkeiten, die bewirken, etwas neu erscheinen zu lassen.« Auch bei diesen Schmuckelementen verfällt Amelie nie ins Extreme. Sie betont, dass sie ja damit nicht auffallen oder angeben wolle. Sie mache es für sich und will damit nicht in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken. In diesem Zusammenhang erwähnt sie, dass sie in großen Gruppen öfter nervös wird und sich schlechter artikulieren kann. Als Vorbild nennt sie ihren jüngeren Bruder, der sich in jeglichen Situationen gut und selbstbewusst präsentiert. Obwohl sie stolz ist, dass ihr Bruder so souverän auftreten kann, merkt man auch Betroffenheit, denn sie wäre gerne ein bisschen so wie er. Er spiele wunderbar Musik und wäre es gewohnt, vor Publikum aufzutreten. Ihre Berufswahl, so betonte sie an dieser Stelle, habe sich als perfekt herausgestellt. »Man erlebt viel, trifft verschiedenste Leute, es ist abwechslungsreich und man steht nicht im Vordergrund wie ein Model.« Sie sei eher die stille Beobachterin, die sich ihren Teil denke und sowohl die Details als auch die Gesamtheit

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»Natürlichkeit ist mir wichtig …«


im Auge behalte. Dabei sei ihr Umfeld, die Personen vor Ort entscheidend dafür, wie wohl sie sich fühle und wie offen sie sich in die jeweilige Situation hinein begeben könne. Während sie das erzählt, streicht sie sich mehrmals nervös übers Haar. Für eine Person, die fast täglich mit Models arbeitet, ein tadelloses Zeugnis hat, für eine Autozeitschrift fotografiert und ihren Lieblingsberuf ausüben kann, klingt das eher schüchtern und bescheiden, man könnte tatsächlich auf mangelndes Selbstbewusstsein schließen. Dabei besitzt sie durchaus eine große Portion Spontanität und Offenheit sowie soziales Engagement gegenüber anderen Mitmenschen. Von diesen Stärken spricht sie zurückhaltend und hat auch Bedenken, gerade das in den Vordergrund zu rücken. »Ein Tag sollte immer ein erfüllter sein. Abwechslung ist mir sehr wichtig« Oft setzte sie sich abends an ihre Nähmaschine. Wenn sie so produktiv ist, habe sie das Gefühl, an diesem Tag etwas Sinnvolles geschaffen zu haben. Neue Materialien auszuprobieren und etwas zu gestalten stelle für sie einen gewissen Ausgleich zum Blick durch das Objektiv und auf den Monitor dar. Sport und das Zusammenspiel mit Gleichgesinnten wäre ebenfalls eine erfüllende Abwechslung vom Alltag. »... egal bei welchen Wetter. Nichts geschafft und den Tag verschenkt zu haben, verursacht ein schlechtes Gefühl bei mir« Amelie legt sich oft Verpflichtungen und viel Verantwortung auf und plant ihren Tag eng, um nichts vom Tag zu vergeuden. Wir kommen im Gespräch darauf, dass genau dort eine Gefahr liege. Denn oft ziehen Stress und Hektik gesundheitliche Probleme nach sich. »... es ist eine große Genugtuung, einen Haken als Symbol des Geschafften über die »To do List« zu setzen.« Ich wollte von Amelie wissen, mit welchem Gegenstand sie sich in ihrer Wohnung am meisten identifizieren kann. Eine schnelle, selbstbewusste und wohlüberlegte Antwort: »Ohrringe.« Etwas überrascht von der Antwort bekam ich die Erklärung. Sie ließen sich zu allem tragen und kombinieren und man könne sie selbst basteln und gestalten. Außerdem verschaffen sie ihr Sicherheit und eine emotionale Verbundenheit zu demjenigen, der sie ihr geschenkt hat. Jegliche Materialien seien kombinierbar und sie besäßen sogar eine gewisse Magie. Amelie betonte in diesem Zusammenhang zwar, dass sie nicht abergläubisch sei und ihr Leben nicht nach Horoskopen richte. Eine gewisse Spiritualität könne sie jedoch nicht leugnen. Amelie schaut dabei auf ihren geschmückten Weihnachtsbaum. Es sei nicht das Objekt an sich, sondern das Symbol, für das er stehe. Das Zusammensitzen mit der Familie und Freunden und das Geborgensein haben für sie einen hohen Stellenwert. Aber auch Selbstverwirklichung ist wichtig. »… jeder sollte in der Familie eingespannt sein, um an der Entwicklung anderer teilzunehmen.« Amelie führt drei verschiedene Tagebücher, jedes steht für ein Thema einer persönlichen sozialen Bindung. In einem dokumentiert sie Gefühle und Eindrücke vom Tag. Im zweiten Buch dokumentiert sie das Erlebte mit Freunden, Bekannten und der Familie. Ereignisse wie Auftritte und Besichtigungen werden durch Belege und Dokumentationen wie Eintrittskarten, Pro-

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spekte und Programmhefte im dritten Buch für eine lebendige Erinnerung festgehalten. »Man vergisst schnell«, meinte sie. Angesprochen auf diese besondere Art, mit Erlebtem umzugehen, verweist Amelie auf den Einfluss ihrer Großeltern. Diese waren hauptberuflich Archivare und vererbten ihr die Vorliebe für das Systematische und Geordnete. Kurz bevor wir unser Interview Revue passieren ließen und uns verabschiedeten, sagte sie noch: »Wer das Leben nicht genießt, wird ungenießbar.« Text und Bilder von Sascha Rödiger

s a r ah klemi s ch

Wir befinden uns im alten West-Berlin, im zentralen Charlottenburg zwischen Schloss und Wilmersdorfer Straße. Der Kiez besticht durch eindrucksvolle Gründerzeit-Bauten. Ab und zu stört jedoch eine Scheußlichkeit aus den 60er bis 80er Jahren das Straßenbild. Man merkt, dass die goldenen Zeiten West-Berlins schon lange vergangen sind, dennoch hat man das Gefühl, den Menschen hier geht es gut. In diesem Kiez wohnt Paul, ein 24-jähriger selbständiger Filmemacher mit seiner Freundin, einer Designstudentin, in einer 55 Quadratmeter großen Altbauwohnung. Von zwei Oberbayern, die auszogen, um in Berlin ihr Glück in der Kreativbranche zu finden und sich gemeinsam etwas aufzubauen hätte man vermutlich etwas anderes erwartet.

Filmkunst zum Frühstück

Quadratisch, praktisch, Charlottenburg Bei der Wohnungssuche wird gleich ein zentrales Thema in Pauls Bedürfnishierarchie deutlich: Um den Kopf für seine kreative Arbeit frei zu haben, ist es ihm überaus wichtig, sich um möglichst wenige Dinge Sorgen machen zu müssen. Gerade die finanziellen Verpflichtungen sind hier von Belang, da das Budget der beiden sehr begrenzt ist. Die Entscheidung für diese Wohnung wurde jedoch auch von weiteren Werten und Idealen beeinflusst. So wollten beide keine trendgetriebenen Neuberliner sein, die in einen der Szene-Bezirke ziehen, um die ultimative Berlinerfahrung zu machen. Den Lärm und Trubel von Mitte oder Prenzlauer Berg empfindet Paul als anstrengend. Da beide vom Dorf kommen, sollte der Kontrast zu Berlin nicht zu extrem sein. In Charlottenburg sind sie gut angebunden aber fernab der bekannten Feiermeilen in ruhiger Nachbarschaft. Beide mögen ihren Kiez wie auch das Haus, in dem sie sehr gern wohnen. Der Innenhof ist begrünt und schön gestaltet. Ein angenehmes Raumgefühl empfängt einen bereits im Hausflur.

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Der Bodenständige Pauls Lebenssituation lässt auf einen bodenständigen Charakter schließen. Seit fünf Jahren ist er mit seiner Freundin Laura zusammen. Vor drei Jahren sind sie gemeinsam nach Berlin gezogen. Während des Abiturs wurden sie ein Paar, nachdem sie schon viele Jahre befreundet waren. Vor Laura hatte er eine längere Beziehung. Paul ist ein sehr offener und zugänglicher Mensch mit dem man schnell ins Plaudern kommt. Dennoch erzählt er nicht jedem auf Anhieb seine privaten Geschichten. Er hat sich bewusst für das Interview entschieden und möchte auf jede Frage offen und ehrlich antworten. Paul möchte ein unabhängiges und selbstbestimmtes Leben führen. In diesem Zusammenhang legt er viel Wert darauf, seine Haltungen und Handlungen stets zu reflektieren und zu hinterfragen. Seine Freundin Laura ist ihm hierbei als seine wichtigste Bezugsperson ein großer Rückhalt. In der Beziehung sind ihm Treue, Ehrlichkeit und Respekt, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sehr wichtig. Er erwähnt es nicht direkt, jedoch wird aus seinen Erzählungen deutlich, dass sie eine sehr enge Beziehung mit tiefem Vertrauen führen. Paul sagt, er ist sehr glücklich in der Beziehung und wünscht sich sehr, dass es auch in Zukunft so bleibe.

Spieglein, Spieglein

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Seine Freundin mag auch ausschlaggebend für seine grundsätzliche Zufriedenheit mit seinem Äußeren sein. Von ihr fühlt er sich als ganze Person geliebt, mit seinem Äußeren sowie seinem Charakter, mit Stärken und Schwächen. Dadurch gelingt es ihm sich selbst zu akzeptieren wie er ist. Des Weiteren betont er immer wieder, wie unbeschreiblich schön seine Freundin ist. Da eine so schöne Frau ihn attraktiv findet, geht er auch bei sich selbst von einer gewissen Ausstrahlung aus. Paul hat sich zwar grundsätzlich mit seinem Charakter und seinem Äußeren arPa u l g e s t e h t, s i c h rangiert, hier und da kommen jedoch ein des öfteren in paar Unzufriedenheiten durch. Diese hält er spiegelnden Oberfl ächen für normal, im Grunde ist er sehr zufrieden. zu b e t r ac h t e n . Sein einziges größeres Problem sind seine « Haare, die mit Anfang Zwanzig schon lichter geworden sind. Dies trifft ihn sehr in seiner Eitelkeit, da er vor einigen Jahren noch dichtes und kräftiges Haar hatte. Paul gesteht, sich des Öfteren in spiegelnden Oberflächen zu betrachten, wenn er an ihnen vorbei geht. Direkt im darauf folgenden Satz distanziert er sich aber wieder davon, indem er hinzufügt, dass es natürlich Schwachsinn sei. Er weiß um den Narzissmus, der in dieser Handlung liegt. Dieser will nicht recht zu Pauls Ideal passen, Oberflächlichkeiten wie dieser keine Bedeutung zu beizumessen. Zu diesem Ideal passt dagegen sein gering ausgeprägtes Interesse für Mode. Paul kleidet sich leger und trägt vorzugsweise gedeckte Farben. Hauptsächlich kauft er seine Kleidung bei H&M,

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und auch nur, wenn er etwas Spezielles braucht. Offensichtlich hat er den Anspruch, sich mit seiner Kleidung in einem gewissen Maße in unterschiedlichen Milieus integrieren zu können. Gerade geschnittene Jeans mit etwas lockerem Sitz auf der Hüfte und eine locker sitzenden Strickjacke sind nicht nur praktisch im Alltag und im Job, dieser Stil ist in der gesamten Kreativbranche und unter Studenten sehr beliebt. Identitätsökonomisch gesehen bietet H&M einige Vorteile. Die Preise sind verhältnismäßig günstig, die Qualität gemessen am Preis in Ordnung und man liegt modisch im guten Mittelfeld aller Bevölkerungsschichten. Er betont jedoch, dass er auch teurere Kleidung von besserer Qualität kaufen würde, wenn er es sich leisten könnte. Da aber andere Investitionen Vorrang haben, verzichtet er darauf. Dies zeigt, dass er klare Prioritäten setzt und sich wenig von Impulsen leiten lässt. Paul ist gewissermaßen ein gebranntes Kind, das sich gern etwas gönnt, sich jedoch bewusst für oder gegen etwas entscheidet. Das unbedarfte Geldausgeben hat er sich abgewöhnt. Mit achtzehn Jahren hatte er einen beträchtlichen Betrag geerbt, dessen Großteil er einfach verlebte, indem er oft Freunde einlud und viel Urlaub machte. Dieses Geld fehlt im heute für seine Filmprojekte, weshalb er jetzt bewusster haushalten möchte. Von Dresscodes und Kleidungskonventionen zu förmlicheren Anlässen hält Paul relativ wenig, einen Smoking besitzt er dennoch. Als Gast passt er sich den Umständen an. Auch wenn er von sich aus keinen Smoking tragen würde, ist es für ihn eine Selbstverständlichkeit mit der Achtung dieser Kleidungskonvention auch den Respekt und die Wertschätzung des Gastgebers und des Ereignisses auszudrücken.

nommen wird. Das Medium Film ist jedoch nie in der Lage, die Wirkung eines Menschen festzuhalten, der einem leibhaftig gegenüber steht.

Wohnst du noch, oder lebst du schon?

Paul legt es nicht darauf an, im Mittelpunkt zu stehen, weder mit seiner Kleidung noch mit seinem Verhalten. Andererseits hält er mit seinen Ansichten selten zurück und agiert in Gruppen gelegentlich als Meinungsführer, dies jedoch situationsbedingt. Er genießt es auch sehr, sich zu Weihnachten keine Gedanken machen zu müssen und sich in die traditionellen Pläne seiner Familie zu integrieren. Paul erzählt, dass er zu Grundschulzeiten wesentlich extrovertierter war und unbedingt Schauspieler werden wollte. Mit der Pubertät kam die zunehmend kritische Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Wirkung durch die Kamera. Die Position hinter der Kamera wurde für ihn attraktiver. Er weiß um die Macht der bewegten Bilder und um die Macht, die die Kamera bei der Darstellung einer Person besitzt. Daher sieht er sich nicht gern auf bewegtem Bild, auch seine Stimme hört er nicht gern. Die Position hinter der Kamera macht es ihm möglich, selbst die Kontrolle zu behalten. Er muss sich nicht entblößen und riskieren, sein Selbstbild oder das Wunschbild, wie er wahrgenommen werden möchte, in der Öffentlichkeit nicht bestätigt zu sehen. Das Verhältnis von Selbst- zu Fremdwahrnehmung wird durch die Linse der Kamera verzerrt. Man sieht sich selbst von außen und auch wie man von anderen Menschen wahrge-

Paul wirkt entspannt und interessiert als er die Tür öffnet. Zu Beginn des Interviews sitzen wir in der Küche an einem reich gedeckten Frühstückstisch. Mit solchen Aufmerksamkeiten macht er Freunden gern eine Freude. Das gemeinsame Essen hat in Pauls Familie einen hohen Stellenwert, abends wurde immer gemeinsam gegessen. Gemeinsame Mahlzeiten sin für Paul stark mit Gesellschaft und Kommunikation verbunden. Das mag ein Grund sein, warum wir während des gesamten Interviews in der Küche bleiben; es ist aber auch der Raum, in dem er sich zur Zeit am wohlsten fühlt. Paul und seine Freundin gestalten Schritt für Schritt die Wohnung um, Flur und Küche sind bereits fertig. Mit dem Wohnzimmer sind beide noch sehr unzufrieden. In der Küche ist er besonders auf die selbstgebaute Küchenlampe stolz. Die Idee kam von seiner Freundin, umgesetzt wurde sie gemeinsam. Die Lampe besteht aus drei umgedrehten Hängeblumentöpfen von IKEA, in die er ein Loch gebohrt und die Fassung integriert hat. Grundsätzlich sei er aber kein Bastler und als erfüllend empfindet er diese Arbeiten nicht. Er macht sie, so gut er kann und freut sich etwas dazu zu lernen. Die Neugestaltung des Wohnzimmers stellt die größte Herausforderung dar. Arbeits- und Wohnbereich schöpfen den Platz des Zimmers voll aus, zu viele Dinge müssen hier untergebracht werden. Es belastet Paul, wenn Räume zu voll gestopft sind und überall Kram herum steht. Daher reduziert er sich auf wenige nützliche Dinge und sortiert nach einem Jahr rigoros aus, was er nicht genutzt oder getragen hat. Diese Klarheit wünscht er sich auch im Wohnzimmer. An dieser Haltung erkennt man, dass Paul stark in der Gegenwart lebt. Er versucht seine Gedanken auf wenige Lebensbereiche zu fokussieren und sich mehr auf seine Ziele zu konzentrieren, als in alten Erinnerungen zu schwelgen. Seine Freizeit verbringt Paul gern in der Wohnung, da er sich nirgends so zwanglos fühlt wie zu Hause. Er geht aber auch oft im Charlottenburger Schlosspark spazieren, der neben dem Teufelsberg und dem Wannsee einer seiner Lieblingsorte in Berlin ist. Von seiner Heimat war er die direkte Nähe zur Natur, zu Bergen und Seen gewöhnt, was ihm in Berlin sehr fehlt. Er verbringt auch gern Zeit mit Laura auf dem großen Sofa, dem Herzstück des Wohnzimmers. Dank der Größe können sich beide ausbreiten und bequem Filme zusammen schauen. Das Sofa steht mit Blick zu den Fenstern, zwischen denen zentral der große Flachbildfernseher thront. Dieser ist eine von Pauls wichtigsten Investitionen in der Wohnung.

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Selbstreflektionen


Die andere große Liebe Um selbst Filme machen zu können, schaut sich Paul die unterschiedlichsten Filme an. Der große Flachbildschirm ist ihm wichtig, um in den Film und diese andere Welt vollkommen eintauchen zu können. Drei seiner Lieblingsfilme (A Single Man, The Dark Knight und Inception) hängen sehr prominent als Plakate an der rechten Wand des Wohnzimmers. Auch im Regal an der linken Wand des Wohnzimmers wird sein starker Bezug zum Film deutlich. Anhand der umfangreichen DVD Sammlung und der vielen Fachbücher über Herstellungs- und Produktionsprozesse, Regie und Biografien ist dieser Bezug unverkennbar hervorgehoben. Diese Dinge haben für Paul auch einen praktischen Wert, da er sie tatsächlich nutzt. Eines der wenigen Dinge ohne praktische Funktion aus Pauls Besitz ist eine alte Acht Millimeter-Handkamera. Er hat sie sich als reines Liebhaberobjekt für einen günstigen Preis bei eBay ersteigert. Hinter dieser Investition mag ein wenig Nostalgie stecken, die Kamera erinnert an vergangene Zeiten, an die Ursprünge, aber auch an die goldenen Zeiten des Films. Sie symbolisiert die Wertigkeit des Kinofilms verglichen mit dem Fernsehfilm. Paul ist allgemein ein großer Entertainment-Liebhaber und hat bisher jede Spielkonsole, die auf den Markt gekommen ist gekauft. Angefangen beim Gameboy bis hin zur Wii. Er legt Wert darauf, dass das Spiel eine Geschichte erzählt, in die man eintauchen kann und die einem eine völlig andere Welt eröffnet. Das Spiel, was ihn aktuell am meisten fasziniert, ist The Walking Dead. Er sagt, dieses Spiel hat ihn so ergriffen wie lang schon kein Spielfilm mehr.

arbeit als Wunsch und Ziel, auf das Paul hin arbeitet. Paul sagt selbst, dass er in der Filmbranche noch ganz unten auf der Karriereleiter steht. Er wünscht sich sehr, an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam angenommen zu werden, da dies seine Karriere wesentlich beschleunigen könnte. Sein Wunsch ist, ausschließlich eigene Projekte umsetzten zu können. Es ist jedoch davon auszugehen, dass er noch eine ganze Zeit in externen Produktionen seinen Lebensunterhalt verdienen wird.

Film ist Business Paul identifiziert sich stark mit seinem Wunsch, Regisseur zu werden und einen kreativen Beruf auszuüben. Dennoch sieht er die Branche sehr zwiespältig. Er liebt den Film und möchte in dieser Branche seinen Lebensunterhalt bestreiten. Geld sieht er zudem als einen Maßstab an, an dem er seine Leistung misst. Er empfindet seine Arbeit als nicht wertgeschätzt, wenn er für gute Leistungen gering entlohnt wird. Die Selbstverständlichkeit, mit der viele Jobs einer Produktion gar nicht oder sehr gering bezahlt werden, kritisiert er heftig Auch dem Glamour und den Partys der Filmbranche kann Paul nicht viel abgewinnen. Er genießt Filme lieber für sich, mit voller Aufmerksamkeit auf den Film, ob bei sich zu Hause oder im Kino. Bei großen Massenveranstaltungen fühlt er sich unwohl. Er versucht die öffentlichen Verkehrsmittel mit den vielen Menschen so oft wie möglich zu vermeiden. Hier werden die Grenzen Pauls Offenheit und Toleranz erkennbar. Ab und zu findet er es zwar interessant, unterschiedliche Charaktere zu beobachten und sich vorzustellen, welche Geschichten sie zu erzählen haben. Grundsätzlich möchte er zu große Menschenmassen jedoch vermeiden. Vor kurzem hat er sich beim Carsharing angemeldet und ist ein sehr überzeugter Kunde.

Disziplin, Zucht und Ordnung Geliebte Dinge Bei der Frage, ob Paul auch Dinge besitzt, die eine emotionale Bedeutung für ihn haben, verneint er zunächst. Er sucht dann aber zwei Herzen aus Stein heraus, die ihm Laura am Anfang ihrer Beziehung geschenkt hat. Diese Herzen waren Glücksbringer für Prüfungen und haben ihm Zuversicht gegeben, da sie von Laura waren. Mittlerweile braucht er sie nicht mehr, da er in solchen Situationen die Gewissheit hat, dass Laura an ihn glaubt. Mehr braucht er nicht. Auf seinem Schreibtisch und in einem Regal im Flur hat Paul seine Arbeitsutensilien. Hierzu zählen zwei Kameras, Mikrofone, ein Schulter-Rig und diverses anderes Filmequipment. Auffallend ist die Position der Synchronklappe, die mit seinem ersten eigenen Filmprojekt betitelt ist. Sie zeigt deutlich, wie sehr sich Paul mit seiner Arbeit identifiziert, aber auch dass er noch nicht dort angekommen ist, wo er hin will. Noch ist die Synchronklappe kein selbstverständlicher Arbeitsgegenstand eines alten Hasen im Filmgeschäft. Sie symbolisiert eher die Regie-

Bevor Paul nach Berlin kam, hat er seinen Wehrdienst beim Bund geleistet. Die Motivation, mit 19 Jahren zum Bund zu gehen, war im konservativen Bayern sicher etwas anders als in Berlin. In erster Linie rieten ihm seine Eltern dazu. Die Erfahrungen, die er in der Grundausbildung machte, beschreibt er als sehr positiv. Er habe es noch nie erlebt, dass fremde Menschen so füreinanander einstehen wie seine Kameraden auf der Stube. Andererseits meint er, dass die Grundsätze der militärischen Erziehung die Verbrüderung gegen den Ausbilder vorsehen und militärische Institutionen stark auf diesem Prinzip aufgebaut sind. Die Ernüchterung kam nach der Grundausbildung, als er erkannte, dass die Möglichkeiten, etwas zu verändern bei der Bundeswehr begrenzt sind. Heute lehnt Paul Gewalt absolut ab und beschreibt seine Motivation zum Bund gegangen zu sein auch als eine jugendliche Vorstellung, sich seine Männlichkeit zu beweisen. Er bereut es nicht, da ihm einige Illusionen genommen wurden und es hat ihn auch ein Stück weit zu dem Menschen gemacht, der er geworden ist.

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Vorbilder Als ich ihn nach seinen Vorbildern frage, gibt er drei Menschen aus seinem nächsten Umfeld an. Magnus, seinen Geschäftspartner und einen seiner besten Freunde bewundert Paul für seine unerschütterliche Gutherzigkeit. Ihm sei noch niemand begegnet, der so konsequent immer vom Guten im Menschen ausgeht. Paul ist sich nicht sicher, ob es für ihn selbst in diesem Maß erstrebenswert ist, aber er möchte sich diese Haltung grundsätzlich mehr zu Eigen machen. Für seine Mutter hegt er höchsten Respekt, da sie nach der Scheidung von Pauls Vater in einer sehr dekonstruktiven Beziehung lebte, die sie sozial isoliert hat. Sie hat es jedoch geschafft, sich aus dieser Beziehung zu lösen und mit einem neuen Mann sehr glücklich zu werden. Auch in seinem Vater sieht Paul Charakterzüge, die er sich auch für sich selbst wünscht. Vor wenigen Jahren ist er mit einer anderen Frau noch einmal Vater geworden und versucht vieles nachzuholen, was ihm bei der Erziehung Pauls und seines Bruders entgangen ist. Diese späte Einsicht und das Vermögen, alles mit einem so festgefahrenen Beamten-Charakter noch einmal ganz anders anzugehen, rechnet Paul seinem Vater hoch an. Da Paul einen starken Bezug zu Menschen und ihren Geschichten hat, sind es vor allem Dinge, die in Zusammenhang mit Kommunikation und Entertainment stehen, denen er in seinem Alltag die höchste Bedeutung zuschreibt. Dass er nicht so augenscheinlich und hemmungslos konsumiert, was die Mode vor- und der Markt hergibt, machte es umso interessanter herauszufinden, inwiefern Dinge Pauls Identifikationsprozess beeinflussen. Text und Bilder von Sarah Klemisch

Die Einrichtungsgegenstände scheinen schon lange an den jeweiligen Orten zu verweilen und hier und da kann man kleine Arrangements von Dingen entdecken. Kleine geblümte Blechdosen, die mit Tee befüllt sind, auf einem Holzregal in der hinteren Ecke neben der Spüle. Auf ihrer Kommode eine variantenreiche, verspielte Ansammlung von Gefäßen, in denen sich die Ketten ineinander schlingen und sich Ohrringe über den Rand baumeln lassen.

Schneller ankommen im großen Berlin Nach der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Freund in einer anderen Stadt, lag es ihr sehr am Herzen, ihre neue Einzimmerwohnung im »großen Berlin« schnellstmöglich so herzurichten, dass sie sich in ihrem neuen Zuhause wohl fühlt und es ihr ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Die Umzugskartons waren schnell ausgepackt, viele ihrer großen und kleinen Pflanzen aufgestellt und schon nach kürzester Zeit sah ihre Wohnung sehr viel wohnlicher und gemütlicher als meine eigene Wohnung aus. In den ersten Tagen kümmerte sie sich um den Hund ihrer Tante, die schon seit Jahren etwas außerhalb von Berlin wohnt und schon früher Anlaufstelle für Berlinbesuche mit der ganzen Familie war. Sie konnte sich für ein paar Tage nicht um den Hund kümmern, so dass Sarah sich sofort selbstlos bereit erklärte, das Tier in ihrer Wohnung unterzubringen. Als Kind hatte sie jahrelang selbst einen eigenen Hund (der gerne alles und jeden abschleckte), dessen Anwesenheit stets fehlte. So schmerzte die Erkenntnis, keinen Hund in der Wohnung halten zu dürfen um so mehr, als sich die Nachbarn über die Lautstärke des Hundes beschwerten. Auch wenn es kein Hund sein darf, ist es jetzt ihr schwarzer Kater Theo, der sie erwartet, wenn sie nach Hause kommt. Neben dem Kater gaben ihr die häufigen Treffen mit alten Schulfreunden, die schon länger in Berlin wohnen, sowie neu an der Universität kennengelernten Freunden eine Regelmäßigkeit, die ihr das Ankommen in Berlin erleichterte.

I na S o t h

Die erlebte Fürsorge weitergeben Die Wohnung meiner alten Schulfreundin Sarah ist am Tag des Interviews liebevoll mit vielen kleinen Dekoartikeln weihnachtlich geschmückt und nach einem kurzzeitigem Gasausfall wieder wohlig warm. Wir sitzen zu dritt gemütlich in der Küche an einem kleinen Tisch in der Ecke – draußen ist es schon längst dunkel und das gegenüberliegende Treppenhaus wirft Licht in den Innenhof. Kerzen, die in geschwungene Kerzenständer gepresst wurden und auf der Fensterbank stehen, schaffen eine wohlige Atmosphäre, die nur ein wenig von der dahinter liegenden Lichterkette mit ihrem eher bläulichen Licht gestört wird. Obwohl sie noch nicht sehr lange in Berlin wohnt, bekommt ein Besucher, der zum ersten Mal ihre Wohnung betritt den Eindruck, sie wohne schon seit einem längeren Zeitraum dort.

Die Küche ist das zentrale Zimmer ihrer Wohnung, als Ort des Zusammenkommens mit Freunden, des gemeinsamen Kochens, des Teetrinkens, als gewachsenes Ritual, des Versorgens und Umsorgens. So wird oft ein Tee serviert oder das aufbewahrte Essen der letzten Mahlzeit, das dem Gast schmecken könnte, angeboten. Generell erleben wir Sarah als sehr fürsorglich, zwischenzeitlich bietet sie mir Creme für meine, mir selbst gar nicht so aufgefallenen, spröden Lippen an. Man versteht, dass Sarah die erlebte Fürsorglichkeit ihrer Eltern, jetzt an ihre Mitmenschen weiterträgt und sich sehr viele Gedanken macht, wenn man zum Beispiel erfährt, dass ihr Vater eigens die lange Strecke nach Berlin fuhr, um ihr bei dem Anbringen der Küchenregale und der extra für sie angefertigten Bettstrebenverstärkungen zu helfen. In der Zeit, in der wir mit ihr sprachen, bereitete sie mit Hilfe ihrer Geschwister den

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Alles lässt sich teilen


runden Geburtstag ihrer Mutter vor, für den sie beispielsweise ein Musikstück mit ihrer Tante einprobte. Es ist ihr außerordentlich wichtig, dass man sich auf sie verlassen kann und betont die Bedeutung der Geschenke – »in ihrer Familie wäre ein Tankstellengeschenk nicht drin«. Obwohl sie von ihren Eltern nicht den Eindruck vermittelt bekommt, sie müsse mit großen, tollen Geschenken glänzen, möchte sie doch ihre Zuneigung damit zeigen und darauf achten, dass auch jeder ein schönes Geschenk erhält. Klar, sei die Anerkennung auch ein Antrieb, jedoch tritt diese hinter ihrem Pflichtbewusstsein zurück.

Abhängig von dem Kontakt mit der Familie

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Ihr verstärktes Pflichtbewusstsein wurde mit der Zeit davon geprägt, dass ihre älteren Geschwister, trotz Mitte, Ende zwanzig weniger Verantwortung übernahmen. Sie ist zwar das mittlere Kind, allerdings auch das älteste, leibliche Kind in der Familie, deren Konstellation k e i n e r ko m m t a n d i e s e s teilweise auch schwierige Situationen in Id e a l h e r a n . sich barg. Sarah erinnert sich zwar an viele « anstrengende Situationen, als sie noch bei ihren Eltern gewohnt hat, bewundert sie aber dafür, als Berufstätige fremde Kinder aufgenommen zu haben. Für sie sind ihre Eltern Idole und »keiner kommt an dieses Ideal heran.« Die starke elterliche Bindung pflegt sie mit regelmäßigen Telefonaten bei denen nachgefragt wird, wie es dem Rest der Familie geht. Sie haben keinen speziellen Rhythmus in dem die Telefonate stattfinden, jedoch hakt sie bei anderen Familienmitgliedern nach, wenn ihr Telefon mal nicht zu dem vorher vereinbarten Termin klingeln sollte. Schnell nachfragen kann sie zum Beispiel bei ihrer jüngeren Schwester, da die beiden eh fast täglich über ihre Handys WhatsApp Nachrichten und Bilder verschicken. Sie würde sich nicht darauf festlegen wollen von ihrem Handy oder von Dingen allgemein abhängig zu sein. Ihre Abhängigkeit beschreibt sich eher als solche, die Stimmen hören zu wollen und den Kontakt halten zu können. Sie macht sich in keinster Weise über das Modell des Handys Gedanken und ist hauptsächlich froh, die häufig benutzten Apps von ihrer Schwester installiert bekommen zu haben. Sie hat nur die wichtigsten Kontakte in ihrem Telefonbuch gespeichert, denn sie weiß nicht wie man alte übertragen kann und möchte es auch gar nicht ausprobieren. Wichtig ist nur, dass das Internet funktioniert und sie somit unter anderem den Kontakt zu ihrer Schwester über WhatsApp wie gewohnt halten kann. Eine größere Investition für ihr Handy käme nicht in Frage.

sehr wichtig. Trotz des Psychologiestudiums ist sie der Musik treu geblieben und empfindet klassische Musik als berauschend. Wenn sie Zeit findet, besucht sie mit ihrer Tante Konzerte in der Berliner Philharmonie. Sie hat schon früh als Kind die Kraft der Musik in Konzerten erlebt. Obwohl sie in ihrer Wohnung nur bedingt die Möglichkeit hat, eine ihrer vielen CDs einzulegen und laut aufzudrehen, genießt sie es vor dem Schlafengehen noch klassische Musik zu hören, versucht aber feste Rituale zu vermeiden. Sie möchte nicht davon abhängig werden und fragt sich: »Wozu brauch ich das?«

Die gesammelten Erinnerungen in Dingen Auch ist sie nicht im Besitz eines Talisman, nennt nur einen Armreif, den sie seit einem Jahr trägt (allerdings schon seit der Taufe besitzt), bei dem es aber nicht weiter schlimm wäre, wenn sie ihn bei Prüfungen oder ähnlichen Situationen nicht trägt. Es könnte auch ein anderer Gegenstand ihrer vielen Besitztümer sein, den sie sehr schätzt und mit dem sie etwas verbindet. Sie genießt es ihre Sachen um sich zu haben und lässt sich wenig von der Menge der Einrichtungsgegenstände beeinflussen, da sie innerlich sehr klar ist und weiß was sie kann und mitbringt. Als tragischen Verlust bezeichnet sie die Erinnerungen, die bei einem Wohnungsbrand mit den Dingen verloren gehen würden. Gewissermaßen hat sie sich eine Sammeleigenschaft angeeignet: Sie sammelt die Erinnerung in Dingen. Als belastend empfindet sie höchstens die Menge ihrer Kleidung, die sich aufgrund des gleichbleibenden Stils über die Jahre angesammelt hat, da sie nur einen zu geringen Teil davon regelmäßig trägt.

Umweltbewusstsein als Selbstverständlichkeit

Im Gegensatz zu ihrem Handy ist ihre Geige ein Gegenstand, dessen Wertschätzung auch mit der sorgfältigen Pflege deutlich wird. Seit Jahren spielt sie das, von ihrer Tante erhaltene, Instrument und wollte nach der Schule sogar Geige studieren. Ein sehr guter Koffer musste es schon sein und die Lagerung sei auch

In den letzten Jahren jedoch entwickelte sich bei ihr die Neigung, durch ihren Kleidungsstil einen gewissen Eindruck der Intellektualität zu vermitteln, um als Psychologiestudentin einer Gruppe zugehörig zu sein. Sie kann und möchte nicht »wie eine Straßenschlampe aussehen«. Noch mehr als auf ihre Alltagskleidung achtet Sarah auf ihre Kleidung, die sie während der Arbeit trägt . Zu schicke Kleidung käme hierbei nicht in Frage, da diese zu sehr ablenken würde und den Patienten nicht genügend Freiraum geben könnte. Sie mag den erwachsen-wirkenden Stil der Psychologinnen und schätzt schöne, hochwertigen Materialien. Diese Einstellung zielt allerdings nicht auf die Absicht, einen wohlhabenden Eindruck zu machen, sondern berücksichtigt ihr Nachhaltigkeitsverständnis und Umweltbewusstsein. Während des Einkaufens achtet sie stets auf die Qualität ihrer Kleidung und schließt billige Materialien, aber auch Kleidungsstücke mit

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Berauschende Musik


deutlich sichtbaren Marken völlig aus. Sie greift höchstens auf Marken zurück, bei denen man nach außen hin keinen Hinweis auf den Hersteller erkennen kann und sie die Qualität der jeweiligen Kleidungsstücke als gut einschätzt. Sie selbst weiß nicht genau, weshalb sie es vermeidet offensichtliche Markenprodukte zu tragen, aber vermutet, dass sie nicht genau auf eine Marke festgelegt werden möchte. Eine Ausnahme, bei der das Material eine weniger große Rolle spielt, ist der selbstgestrickte, lang-getragenen Schal ihrer Oma, bei dem die Erinnerung mehr wiegt. Sie mag einen schlichten Stil, aber versucht, so oft es geht, einen schönen Schal oder schöne Ohrringe als einen Hingucker zu benutzen, um zu zeigen, dass sie sich Gedanken darüber macht, wie sie sich kleidet. Obwohl es ihr wichtig ist, was andere so über sie denken, empfindet sie Kleidung nicht als Statussymbol. Als Beispiel nennt sie einen Professor, der bei einer Veranstaltung eine scheinbar alte Krawatte trug und sich keine Gedanken über seine Kleiderwahl zu machen schien. Aussehen bedeutet für sie keine Qualität. In dem Beispiel sagt die Kleidung nicht alles über die Person aus, denn er hat etwas anderes zu bieten als einen adäquaten Kleidungsstil – Wissen und Können. Sie selbst fühlt sich dann in ihrer Kleidung sicher, wenn diese durch die Zeit »wirklich zu ihr gehört« und durch die Zeit besser geworden sind.Es macht ihr wenig aus, wenn ihre Kleidung mal nicht ganz aufeinander abgestimmt ist, weil ihr die Meinung fremder Personen in dieser Hinsicht nicht sehr wichtig ist und sie sich nicht verstellen will. Bei guten Freunden weiß sie, dass sie nicht nach ihrem Aussehen bewertet wird. Im Gegensatz zu ihrer Kleidung, macht sie sich weniger Gedanken über den Gebrauch ihres Make-Ups und schminkt sich meist so, wie sie sich fühlt ohne dabei ein bestimmtes System zu verfolgen. Bei der Vorliebe ein teures Kosmetikprodukt zu kaufen, begründet mit dessen längeren Haltbarkeit, wird wiederum ihr Umweltbewusstsein deutlich. Auch hier spielt die biologische Herkunft eine wichtige Rolle, während die Marke in den Hintergrund rückt. Würde es die Produkte, die sie regelmäßig benutzt, nicht mehr geben, wäre es nicht weiter dramatisch und ihre Wahl fiele auf ein anderes vergleichbares Produkt, das ihren Erwartungen entspricht. Auch bei Lebensmitteln würde sie gern mehr auf die Herkunft achten und nur saisonale Produkte kaufen, wenn es die finanzielle Situation zuließe. Momentan kann sie diesen Anspruch teilweise beim türkischen Lebensmittelhändler nebenan erfüllen, da sie dort das Gefühl von frischeren Produkten vermittelt bekommt und geht so für sich einen guten Kompromiss ein.

sein und Nachhaltigkeitsinteresse, möchte sie nicht als Vorbild dienen oder sogar als Öko wahrgenommen werden. Davor habe sie Angst, weil es sie zu sehr in ein Klischee zwängt und es nicht das einzige ist, das sie ausmacht. Bei vielen ihrer Eigenschaften hatte ihr Psychologiestudium eine verstärkende Wirkung, beeinflusste es zum Beispiel jenes Pflichtbewusstsein und die Freude daran sich Gedanken zu machen. So zeigt ihre Bereitschaft Dinge zu teilen oder andere daran teilhaben zu lassen ihre Fürsorglichkeit und sieht es als Mittel ihrer Zuneigung. Text und Bilder von Ina Soth

S t effen Gabel

Während sie Aspekte ihres Umweltbewusstseins thematisiert, spricht sie niemals belehrend und wie von einer natürlichen Selbstverständlichkeit, die sie verfolgt. Bei allem Pflichtbewusst-

Ich kannte ihn noch nicht besonders lange, als Robert auf einer Party bei uns in der Küche saß und ohne zu fragen, eine Scheibe unseres guten Serrano-Schinkens nach der anderen aufaß. Unsere Beschwerden darüber schienen ihn eher noch zu belustigen und seinen Appetit anzuregen. Er trug eine zu weite, schwarze Anzughose, die ihm auch als Jogginghose diente. An den Hacken war diese bereits durchgetreten von seinen alten Converse-Turnschuhen, die ihre besten Tage hinter sich hatten. Bei Regen kam das Wasser von unten hineingesickert, doch neue Schuhe kamen für ihn nicht in Frage, schließlich waren sie ihm jahrelang treue Wegbegleiter. Für mein Interview habe ich Robert ausgewählt, da er mir mit seiner verrückten, unkonventionellen Art schon immer ein Rätsel war. Zugegeben: Robert ist ein eigenartiger Kauz, der auf Menschen, die ihn nicht kennen, eher unzugänglich wirkt. Auf den ersten Blick würde man auch nicht denken, dass unter den zottigen, schwarzen, fast schulterlangen Haaren ein kreativer und vor allem gebildeter Kopf steckt. Oft bedeckt ein dreckiges, ausgeblichenes Starter-Basecap von den Washington Redskins seine zotteligen, schwarzen Haare. Das Cap ist nicht irgendein Cap, er hat es mit seinem Bruder getauscht, wohl aufgrund der Zweideutigkeit des Namens der Mannschaft. Die Bewegung der Redskins gründet sich auf die Herkunft der Skinheads aus der Arbeiterklasse und der daraus resultierenden Unzufriedenheit mit der kapitalistischen Klassengesellschaft, ohne jedoch den Spaßcharakter des Way of Life zu verleugnen. Über dem Schriftzug auf der Vorderseite ist ein Farbfleck. Der Verschluss an der Rückseite wurde mit schwarzem Klebeband fixiert, daneben schmücken zwei Buttons, einer mit der

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Aber bloß kein Öko

Kein Gott, Kein Staat, Kein Fleischsalat


Aufschrift »Oi!« und einer mit dem Gesicht von David Hasselhoff, das Cap. Robert liebt Dinge, die ihre eigene Geschichte erzählen. Wenn sie in seinen Besitz gelangen, führt er die Geschichte fort und hinterlässt seine eigenen Spuren. Das zeichnet seinen Drang zur Individualität aus. Er spielt dabei gern mit Vorurteilen, macht es Leuten aber dennoch schwer, ihn in eine Schublade zu stecken. Sein Stil ist kontrovers und gleichzeitig authentisch. Robert ist sehr prinzipientreu – geradezu fundamentalistisch richtet er sich nach seinem eigenen Wertesystem. Alles, was er tut, muss aus eigner Überzeugung geschehen – »Gesellschaftliche Zwänge hindern einem am Leben!« Wenn er an einen kritischen Punkt in seinem Leben kommt, geht er in sich und findet sich neu, immer wieder – findet einen Weg weiterzumachen, ohne sich zu verbiegen. An einen Punkt der Unzufriedenheit scheint er vor etwa einem halben Jahr gelangt zu sein. Im Sommer letzten Jahres rief ich Robert an. Zuerst dachte ich, mich verwählt zu haben, denn dieser positive, vor Zufriedenheit strahlende und freundliche Mensch am anderen Ende der Leitung konnte unmöglich Robert sein. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Früher war er immer »anti«, von vornherein gegen alles, aus Prinzip. Doch im letzten Jahr habe er viel hinter sich gelassen und dadurch viel gewonnen. Er trennte sich von seiner damaligen Freundin, dem Fernsehen, dem Online-Leben, Tierprodukten und dem negativen Denken. Dadurch bekam er eine neue Sichtweise auf die Dinge. Der ewige Pessimist hatte beschlossen, positiv an die Dinge heranzugehen, sich nicht mehr von Hass, sondern von Liebe leiten zu lassen. Damit änderte sich alles, reflektiert er heute. Dennoch lässt sich Robert »nicht gern gegen’s Bein pissen«, wie er so schön sagt, aber auch damit geht er mittlerweile gelassener um. Das ist für ihn keine Altersfaulheit, rechtfertigt er vor seinem rebellischen Ich, sondern Sorgenfaltenprävention. Obwohl Robert längst nicht mehr aussieht wie ein Punker, erinnert noch ein Relikt an diese Epoche: Seine drei Nasenringe. Früher wollte er damit schockieren, provozieren, heute sind sie ein Teil von ihm, welches er wohl nie mehr abnehmen wird. »Die Löcher wachsen eh nicht mehr zu.« Wenn er sie verlieren würde, könne er sich » D i e L ö c h e r wac h s e n einfach neue kaufen. Es geht nicht um die e h n i c h t zu. materiellen Ringe, sondern es sind die Lö « cher. Die Spuren sind es, die bleiben und zu seinem Individuum gehören. Auch seine Klamotten werden von zusätzlichen Löchern geziert, die mit der Zeit dazugekommen sind und ihre eigenen Geschichten aus Roberts Leben erzählen. Eines seiner liebsten Objekte ist der Gasherd in seiner WG. Voller Begeisterung erzählt er uns wie schön es ist, einen in der Wohnung zu haben. Robert hat sich vor etwa einem halben Jahr dazu entschlossen, sich vegan zu ernähren. Da er seitdem öfter kocht, ist der Gasherd für ihn ein willkommenes Mittel zum Zweck. Durch seine optimalen Eigenschaften bietet er ihm die Möglichkeit, sein Essen freier zubereiten zu können. Die Wartezeiten beim Kochen minimieren sich, denn Robert hasst es zu warten. Er probiert gern und viel rum, muss keine Rücksicht auf andere nehmen, und lernt dabei sehr viel, was fast am wichtigs-

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ten ist. Noch wichtiger ist das Essen, das bereitet ihm am meisten Freude. Er hat erst mit viel Liebe gekocht und isst dann die ganze Liebe auf. Dabei spielt das Bewusstsein, für sich selbst etwas getan zu haben, gesund zu leben und seinem Körper Gutes zu tun eine wichtige Rolle. Die süßen kleinen Tiere und der Planet, die dabei gerettet werden, sind für ihn nur ein netter Nebeneffekt. Auch sein Bewusstsein für seinen Körper und seine Gesundheit hat sich in dem halben Jahr geändert. Er merkt wie ihm die Ernährungsumstellung und sein Sinneswandel gut tun. Der Wunsch sich tätowieren zu lassen ist damit erstmal auf Eis gelegt, weil er so mit sich völlig zufrieden ist. Es bereitet ihm Freude an sich zu arbeiten und er bleibt nicht stehen. Sport hilft ihm, sich noch mehr zu fordern. Den Halbmarathon ist er bereits zweimal gelaufen und er arbeitet nun auf das Ziel hin, einen ganzen Marathon zu bewältigen. Nach der Einsicht, dass die alten runtergelatschten Turnschuhe seinen Füßen beim Laufen nicht mehr gut tun und er sich weiter steigern will, hat er sich sogar neue Nike-Laufschuhe im grellen Neonblau gekauft. Er findet sie zwar nicht schön, aber sie bringen ihn voran. Und wenn der erste Glanz weg ist und die ersten Geschichten mit ihnen einhergehen, werden vielleicht auch sie einmal Relikt für einen Lebensabschnitt sein. Sein nächstes Objekt, welches er voller Stolz präsentiert, ist sein selbst aufgebautes, deutsches Vorkriegsdamenrand im Rat Rod-Look – kein Fahrrad, welches man nachts am Bahnhof stehen lässt. Es wirkt martialisch, wie er noch mal betont und hat dunkelbraune Roststellen, die den schwarzen Lack wie Sommersprossen zieren. Begeistert erzählt Robert die Geschichte des Rads, welche Aufkleber hinzugekommen sind und welche Teile er sorgfältig ausgewählt und angebaut hat. Im Detail beschreibt er die spezielle Bereifung, eine Killerniete an der Rücklichthalterung, die Stempelbremse und die Lenkergriffe aus Panzertape mit Weinkorken als Lenkerstopfen. Die Einzelteile bestehen ausschließlich aus deutschen Fabrikaten, worauf er offenbar besonderen Wert gelegt hat, ein brauner Simson-Sattel und ein Schutzblechreiter von Vaterlandfahrräder. Zwei Karten eines altdeutschen Blatts klemmen zwischen den Speichen, dazu eine massive Eisenkette zum Anschließen. Die liebevolle Zusammenstellung der Teile zeigt, dass Robert fasziniert ist von der Schönheit alter Dinge. Er liebt das Leben, das in ihnen steckt, und man sieht, dass sie viel erlebt haben. »Stell dir vor, vielleicht hat das Fahrrad mal einer jungen Frau gehört, vor dem Krieg!« Nun kann er die Geschichte weiterführen. Ein wichtiger Einfluss bei der liebevollen Auswahl der Teile, war seine Liebe zur Heimat. So, wie er sich mit der Stadt identifiziert, in der er aufgewachsen ist, hat er sich mit dem Fahrrad ein eigenes Identifikationsobjekt geschaffen. Seine Familie stammt aus Preußen.

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Weshalb er ein Problem mit seiner deutschen Identität haben sollte, ist für ihn unverständlich. Diese Haltung wird ihm oft falsch ausgelegt. Ob deutsche Fabrikate am Rad oder Preußenaufkleber am Auto, ihn reizt die Provokation dogmatischen, vorurteilsbehafteten Denkens. Auf der einen Seite bedient er gern ein Klischee, an anderer Stelle bricht er es wieder. Roberts großes Interesse für seine Heimat geht einher mit der Faszination an fremden Kulturen, denen er als Archäologiestudent auf den Grund geht. Auf die Frage, wer sein Idol sei, seine Ideale am besten verkörpert, antwortet Robert: »Buddha!«. Als ich ihn ungläubig und etwas verdutzt ansehe, bestätigt er noch einmal »Klar, mehr geht ja wohl nich’, oder?«, worauf ich tatsächlich gar nichts mehr erwidern kann. Er fügt hinzu, die Lehre Buddhas ist »Man soll nicht versuchen, Buddhist zu sein, man soll versuchen, Buddha zu sein!«. Sein Denken zu befreien und sich selbst zu gebären, ist etwas, was Robert nach eigenen Angaben getan hat. Als sein Freund behaupte ich, dass er sich selbst gefunden hat, sich aber auch immer wieder neu findet. Dabei bereut Robert keinen Abschnitt, kein Kapitel seines Lebens. Denn egal, was er auch tut, welchen Weg er als nächstes einschlägt, er bleibt sich immer treu. Jeder Lebensstil, vom Punker bis zum Buddhisten hatte seine Berechtigung und macht ihn zu dem, was er ist. Die Relikte und Spuren von jenen Zeiten trägt er mit Stolz, denn sie erzählen die Geschichte seines Lebens, wie gesprühte Schriftzüge in einer Straße, die das Leben in ihr bezeugen. Robert liebt das Leben.

ein großes Wohnzimmer, in dem wir das Interview führen, ein Schlafzimmer, zu dem die Tür verschlossen ist, in das er mich aber einen kurzen Blick werfen lässt, eine geräumige Wohnküche mit schönem Ausblick auf den verschneiten, kleinen Garten und einem großen Bad und Fluren, die alle mit schönem, alten Parkett ausgelegt sind. Alle Räume sind hell und angenehm beleuchtet. Man merkt gleich, dass Peter hier ursprünglich nicht alleine wohnt. Seine Freundin ist im Sommer ausgezogen. »Heftige Sache«, sagt er und schiebt sich, wie so häufig, ein Vivil-Fruchtbonbon in den Mund. Als ich ihn auf das Bonbon anspreche, sagt er, dass er »die« immer esse und viele Frauen ihn schon mit diesem Geruch in Verbindung bringen. Ich glaube, dass er aus Unsicherheit so viele Bonbons lutscht um eventuellen Raucher-Atem zu übertünchen oder allzeit bereit gut zu »schmecken«.

Der Laptop

Text und Bilder von Steffen Gabel Zitat 1: http://de.wikipedia.org/wiki/Skinhead (12.01.2013)

» J U lica Si s t i g

Vor mir sitzt ein mittelblonder, 26-jähriger, schlanker Mann. Er sitzt an seinem Schreibtisch, dem Mittelpunkt seines Lebens. An einer Pinnwand hängen Fotos seiner Schwester und anderen Familienmitgliedern. Vor ihm steht ein dampfender Becher Fenchel-Kümmel-Anis-Tee. Seine Füße sind auf das daneben stehende Sofa gelegt – eine entspannte Pose, die mir verrät, dass er sich wohl und sicher fühlt. Er trägt einen dunkelblauen Lacoste-Pulli und eine schwarze Jeans. Ich nenne ihn Peter. Peter wohnt in Berlin-Weißensee. Oder ist das vielleicht doch schon Pankow? So genau kann man das bei ihm gar nicht sagen, wie bei so vielen Berlinern. Er wohnt in einem kleinen Haus ziemlich weit draußen. Aber er wohnt dort nicht allein. Er darf die gesamte untere Etage sein Eigen nennen. In den anderen Stockwerken wohnen sein Großvater und gelegentlich sein Vater, seine Eltern sind getrennt. Peter spricht mit einem Berliner Akzent. Sein Reich umfasst

Das Peter Pan Syndrom

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Zunächst frage ich ihn nach seinem persönlichen Lieblingsgegenstand, ohne den er nicht leben könnte. Er greift zu seinem Laptop, der vor ihm auf dem Schreibtisch steht. Sein Laptop bedeutet für ihn »kreatives Schaffen«, Arbeit und virtuelle Kommunikation. Peter ist ein Kommilitone von mir und studiert an der FH Potsdam Interfacedesign. Dass man hierbei ohne Laptop nicht auskommt, steht außer Frage. Allerdings ist es kein Apple MacBook, wie es sonst so viele Designer, mich eingeschlossen, besitzen. Kreatives Schaffen bedeutet für Peter nicht nur seine Arbeit für die Uni oder die Agentur, für die er nebenher jobbt, sondern sein größtes und leidenschaftlichstes Hobby: die Musik. Er bastelt schon lange mit engen Freunden und bekannten Künstlern »Beats«. Dass Musik für ihn eine große Rolle spielt, dürfte einem spätestens die hab ich ganz bewusst an seinem großen, weißen IKEA-Regal aufda s o h i n g e s t e l lt. fallen. Ganz oben stehen alle Alben bei de« nen die Hälfte der Tracks mit und von ihm produziert worden sind. Hauptsächlich HipHop-Beats. »Die hab ich ganz bewusst da so hingestellt«, sagt er mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Man merkt deutlich, wie wichtig ihm seine Musik ist, und wie viel er bereit ist, dafür zu geben. Doch auch viele Kameras finden sich in dem Regal wieder. Alte, neue, viele Bücher über Fotografie und Design – ein Kreativer eben. Über den Laptop steht der ständig in Kontakt mit seinen Freunden, kann seine Arbeiten zeigen und sich Inspiration holen. Nebenbei läuft ständig Musik.

Die Liebe zum HipHop Das mit dem HipHop ist ohnehin ein relativ großes Thema für Peter. Er erzählt mir, dass er mit 16 Jahren ein Auslandsjahr in Amerika gemacht hat und hier seine Leidenschaft für die ganze Szene entdeckt hat. Ein Mitbringsel sind seine weißen

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Sneaker, für die er bei vielen Menschen schon bekannt ist. Er sagt, ihm gefielen nur weiße oder schwarze Schuhe, weil ihm hierbei der Kontrast zu anderen Schuhen und Menschen gefalle. Er besitzt gegenwärtig fünf Paar weiße Nike-Turnschuhe. Nun könnte man denken, dass seine Sneaker für ihn das Größte sind und er sie mit Liebe und Zuwendung pflegt und hegt, damit sie immer strahlend Weiß aussehen. Falsch gedacht! Ich frage ihn, wieso seine denn so abgenutzt und ranzig aussehen. Er zuckt mit den Schultern und sagt, dass er zu faul sei, »die« zu putzen und »die« zu pflegen. Wenn sie dann wirklich den Geist aufgäben, kaufe er sich lieber neue. Er gibt zu, hier inkonsequent dem Ideal gegenüber zu handeln und schmunzelt. Je mehr er in die HipHop-Szene verwickelt war, umso wichtiger wurden die weißen Turnschuhe für ihn. Er spricht von einem »Benefit«, dass ihn die Schuhe einfach »cooler« gemacht haben. Schließlich bekämen die Schuhe ja auch irgendwann einen gewissen »Used-Look«, der ja auch ansprechend wäre. Bei dem Thema Faulheit werde ich aufmerksam. Er scheint in einem großen Zwiespalt zu stehen, zwischen dem, was andere über das Aussehen oder den Zustand seiner Schuhe denken und seinem eigenen Bild davon, aber so wichtig, dass er sich dafür die Hände schmutzig macht und die Schuhe mal putzt, ist es dann anscheinend doch nicht. Ich hake nach, ob es ihm egal ist, was andere über seine Schuhe oder sein Aussehen denken. Er nimmt die Füße vom Sofa. Etwa ein Thema, worüber er selbst etwas genauer nachdenken muss und sich nicht mehr so sicher fühlt wie am Anfang? Man hat das Gefühl, dass er sich bewusster hinsetzt, um eventuelle Unsicherheit zu überspielen. Er sagt, dass ihm die Meinung anderer im Prinzip nicht egal sei, er aber dieses Jahr angefangen habe, mehr auf seine eigenen Bedürfnissen zu achten und sich mehr, nach sich selbst zu richten. Dabei habe ich den Eindruck, dass er ohnehin schon seine Bedürfnisse nach ganz oben stellt.

Bedürfnisse Ich frage ihn, was er als sein größtes Bedürfnis betrachtet, obwohl ich da schon so eine Ahnung habe. Peter isst fast das ganze Interview durchgehend Süßigkeiten und wie erwartet, antwortet er, dass Nahrung sein größtes Bedürfnis sei. Freuds »Es« scheint bei Peter mit seinen triebgesteuerten Grundbedürfnissen, wie Nahrung oder Libido, eine große Rolle zu spielen. Nach der Beschaffung von Nahrung, folgt das Leben an sich. Hier spricht aus ihm ein gewisser Drang nach ständiger Aktivität, was eine Erscheinung unserer Generation ist. Wenn man mal ein Wochenende lang nur zu Hause gesessen hat, fühlt man sich minderwertig, allein und glaubt, keine Freunde zu haben – eine Art Nebenwirkung der Großstadt, in der jeder anonym vor sich hinleben kann. Immer noch spielt durchgehend Musik im Hintergrund. Es scheint, als hätte Peter vielleicht sogar Angst vor Ruhe, in der er über zu Vieles nachdenken könnte oder sich sogar allein und einsam in der für ihn allein viel zu großen Wohnung fühlen könnte.

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Definition über Frauen, Frauen als Objekt Peter gibt sich bei dem Thema Selbstdefinition und Fremdbild so, als habe er schon lange und viele Stunden darüber nachgedacht. Die Worte, die er wählt, denkt oder spricht er nicht zum ersten Mal aus. Das hört man. Es wird deutlich, dass er in der momentanen Situation selbst nicht so richtig weiß, wer er ist, was ihn als Person ausmacht und über was er sich definieren kann. Das sagt er allerdings nicht und ich glaube auch nicht, dass es ihm bewusst ist. Auf die Frage hin, womit er sich früher mal definiert hat, kommen wir auf ein großes und für ihn offensichtlich wichtiges Thema zu sprechen: Frauen. Er habe mit 16 sein »erstes Mal« mit einer älteren Frau gehabt und sich zu der Zeit unglaublich männlich, stark und begehrt gefühlt. Von zu Hause habe er aber ein falsches Bild von Frauen vermittelt bekommen. Sein Vater, die, wie er sagt, »schlimmere Variante« von sich selbst, habe seine Mutter schlecht behandelt. Peter hat sich seit seiner Jugend durch Frauengeschichten definiert. Je mehr »Betthäschen« er hatte, umso mehr Bestätigung habe er bekommen. Er verbindet diese Zeit stark mit der Warschauer Straße, die häufig als »Datingspot« gedient habe, da viele seiner »Betthäschen« in der Umgebung wohnen. Allgemein sei Friedrichshain für ihn der magischste Ort, weil er sich hier völlig frei bewegen kann, viel unterwegs ist und viele Freunde von ihm in dem Berliner-Hipp-Bezirk wohnen. Ich frage ihn, ob ihm die »Betthäschen« immer genügt hätten? So richtig als »eiskalter Macho« habe er sich nie gefühlt, sagt er. Nachdem das Ego gestärkt war und der Glanz der Stunde langsam nachließ, wären immer irgendwann die Selbstzweifel gekommen. »Ist das eigentlich wirklich das, was du möchtest?« Spaß ohne Verantwortung war das Motto. Aber man hört an dem Ton, mit dem er seine Beziehung zu Frauen beschreibt, dass er sich eigentlich nach einer festen, starken und sicheren Beziehung sehnt. Frauen waren Objekte für ihn, mit denen er sich schmücken konnte und für einen kurzen Moment eine Menge Aufmerksamkeit bekam. So ein Bild ist schwer wieder aus dem Kopf zu bekommen. Hinzu kommt, dass er ein großes Problem mit Monogamie hat. Er sagt, dass alles, was einen verbotenen Reiz ausstrahle, gerade zu nach Abenteuer schreie und ihn unglaublich anziehe. Er halte Monogamie für etwas unnatürliches, was ihn in seinen Beziehungen schon immer zu großen Problemen geführt hat. Dass Sex eine wichtige Rolle in seinem Leben spielt, belegen auch die Erotikbücher, die in seinem Regal stehen. Er macht daraus keinen Hehl. Er zeigt mir die Bücher sogar von sich aus, vielleicht um sich interessanter zu machen und mir zu signalisieren, dass er auf dem Gebiet ganz offen, erfahren und gefestigt ist. Leider erweckt das in mir den Eindruck, dass er verzweifelt auf der Suche nach einem festen »Teampartner« ist. Zur Zeit fühlt er sich im Kreise seiner Freunde am wohlsten und unternimmt auch am meisten mit ihnen. Betthäschen gibt es in seinem Leben wohl immer noch und ohne könnte ich ihn mir auch schwer vorstellen.

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Musik vs. Beziehung Seine letzte Beziehung ging in die Brüche, weil er den Spagat zwischen fester Bindung und seiner eigenen, wilden, freiheitsliebenden Welt nicht meistern konnte. Seine Freundin habe ihm immer vorgeworfen, dass er zu wenig für seine Partner gebe. »Für die Mucke reißt du dir den Arsch auf, aber ich bekomm‘ nicht mal ‚ne Blume!«, seien einige ihrer Vorwürfe gewesen. Da wären wir wieder bei dem schönen Thema Faulheit. Peter gibt zu, dass seine Ex-Freundin stark darunter leiden musste, dass er für seine Musik und seine Freunde viel Ehrgeiz zeigt und sich mächtig ins Zeug legt, aber in einer Beziehung nicht das geben kann, was seine Partnerinnen vielleicht verdient hätten – wieder ein Zeichen, dass er mit der Positionierung von Frauen in seinem Leben große Probleme hat. Minimaler Aufwand für ein maximales Ergebnis. »Bei Frauen bin ich nicht motiviert so viel Mühe reinzustecken, wenn’s dann um ein Hobby zur Selbstverwirklichung geht (Musik) ist das aber ganz anders. Da stecke ich gerne viel Mühe rein.«

Peter Pan, der »Chiller« Ähnlich verhält es sich mit Peters Investitionen. Sind die Schuhe dreckig, kauft er sich neue – klingt nach genügend Geld in seiner Haushaltkasse. Aber hierbei treffe ich auf einen interessanten Punkt, der vieles klarer macht: Die Schuhe kauft er sich nicht selbst, sondern geht regelmäßig mit seiner Großmutter einkaufen. Den Lacoste» d i e S c h u h e k au f t e r s i c h Pulli, den er während des Interviews und n i c h t s e l bs t, s o n d e r n g e h t auch häufig im Alltag trägt, hat seine Großr eg e l m ä SS i g m i t s e i n e r mutter ihm ebenfalls gekauft. Geld würde Gro s s m u t t e r e i n k au fe n . er selbst dafür nicht ausgeben, aber wenn « man es geschenkt bekommt, trägt man es auch gerne. Ähnlich verhält es sich mit dem wöchentlichen Lebensmitteleinkauf. Da er so viel Süßes isst, könnte man denken, dass er sich auch darum bemüht, regelmäßig einzukaufen, aber auch hier wird er verwöhnt: Sein Vater kauft einmal wöchentlich für ihn ein. Ich bin im ersten Moment ziemlich verblüfft, immerhin ist Peter 26 Jahre alt und wohnt dem Anschein nach unabhängig und allein. Aber hier wird ganz klar, dass er in einer Scheinwelt lebt und sich selbst Sicherheit und Unabhängigkeit vorgaukelt. Ich frage nach, wofür er denn selbst sein Geld ausgibt, wenn nicht für Kleidung oder Nahrung, die Dinge, die ihm offensichtlich viel bedeuten. Er beantwortet diese Frage mit einem Lächeln und antwortet: »Für Zigaretten.« … Und andere Spaßmacher, füge ich in Gedanken hinzu. Er geht regelmäßig in Clubs, trifft sich mit Freunden, besucht Konzerte. Auch hier spielt Musik wieder die größte Rolle für ihn. Ich glaube, dass ihm nicht bewusst ist, wie viel für ihn von seinen Eltern eigentlich übernommen wird: Er wohnt in einem Haus, für das seine Familie Miete zahlt, seine Lebensmittel lässt er sich dankend liefern und die Klamotten kauft ihm Oma. An diesem Punkt wird mir nur all zu klar, dass ich vor mir einen

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jungen Mann habe, der ewig jung bleiben möchte und das auch in vollen Zügen genießt. Er sagt von sich selbst, dass er ein kleiner Peter Pan sei – ein Träumer und »Chiller«. Er merkt, dass ich verwundert darüber bin, dass er doch so verwöhnt ist und versucht sich zu rechtfertigen, indem er sagt, er sei schon immer so gewesen. Mit dieser Ausrede versucht er sich wahrscheinlich sicherer zu fühlen und seine inneren Zweifel auszublenden. Er fühlt sich bei dem Gedanken daran sichtlich wohl und sagt, dass »immer alles irgendwie« wird und in seinem Leben »immer alles irgendwie« geregelt wurde. Unbewusst bestätigt er damit meinen Verdacht, dass auch gerade alles für ihn geregelt wird, obwohl ich glaube, dass er familiär viel Schlechtes durchgemacht hat und sich eine positive Lebenseinstellung erhalten möchte.

Irgendwie wird immer alles Ich frage ihn, wie er sich seine Zukunft vorstellt, und wie erwartet, antwortet er, dass er eigentlich im Hier und Jetzt lebt und sich möglichst wenige Gedanken um die Zukunft macht. Er wisse nicht einmal genau, was er mit seinem Studium später einmal anfangen möchte. An diesem Punkt glaube ich, dass er bewusst abblockt um nicht selbst darüber nachdenken zu müssen, aber »irgendwie wird immer alles« – Peters Lebensphilosophie. Er leckt sich über die Lippen – eine Geste, die er häufiger ausübt, was ein Zeichen für innere Unruhe sein kann. Im Allgemeinen gestikuliert Peter viel und ist das ganze Gespräch durchgehend gerötet, obwohl er keinen gestressten Eindruck macht. Gestresster wirkt er nur, wenn es um das Thema Kritik geht. Ich frage ihn, wie er mit Kritik gegenüber seiner Musik, seinem Heiligtum, umgeht. Er antwortet ganz bewusst, dass er hier nur bestimmte Leute mit Fachkompetenz um ihre Meinung fragt, die ihn schon häufiger stark kritisiert haben. Ich glaube, er fragt Menschen, die seine Musik ohnehin schon mögen und ihm das sagen, was er hören möchte. Vermutlich eine geschickte Strategie um das gesunde Gleichgewicht von Eigenund Fremdbild nicht ins Wanken zu bringen. Seine teilweise sehr bewusst gewählten Antworten sollen vielleicht zeigen, dass er sich in seinem Handeln sehr sicher ist, aber grade dass er so überlegt antwortet, zeigt, dass er nur bestimmte Dinge bei unangenehmen Themen an sich ran und aus sich heraus lässt. Ich glaube, dass er das nicht bewusst tut, aber so vieles in seiner Wohnung und seinem Handeln deutet darauf hin, dass er in seiner Identität noch »unfertig« ist. Aber ich behaupte, dass man das in seinem Leben niemals wirklich sein kann. Dies zeigen insbesondere die Möbel, die zum Teil seiner Ex-Freundin gehören, von denen er sich aber nicht trennen möchte. Ich frage ihn, wieso er seine Musik dann online stellt, wo sie jeder beliebig kritisieren könnte. Er lächelt und wird noch ein wenig rötlicher auf den Wangen: »Ganz klare Selbstdarstellung.« Ob er dann nicht einmal selbst als großer Künstler im Rampenlicht stehen möchte, weil er bisher ja nur mit anderen Künstlern zusammen produziert hat? Hier sagt er wieder, dass er zu faul dazu

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sei. Die »zweite Reihe« sei okay für ihn, aber so viel Anerkennung möchte er schon, dass die Leute wissen, dass er daran beteiligt war oder ist. Mich wundert hierbei, dass er in vielen Punkten weiß, dass er zu faul für eine Verbesserung ist, aber dem Anschein nach nicht realisiert, dass er vieles durch eine minimale Steigerung von Aufwand deutlich verbessern oder seine eigenen Fähigkeiten steigern könnte.

schwer, sein neues Selbstbild mit dem neuen Fremdbild, das nicht mehr aus Hänseleien besteht, zu vereinen und eine gefestigte Identität zu bilden.

Macken? Gute Frage.

Ein Anzug ist eine Verkleidung Ich versuche noch einmal auf Peters Kleidungsstil zurück zu kommen und bemerke, dass ich ihn noch nie in etwas anderem, als schwarzen oder dunkelblauem Pullover gesehen habe – immer leger und gemütlich. Ich frage, wann er beispielsweise einen Anzug anziehen würde. »Bei einer Beerdigung«, sagt er und fügt hinzu, dass er sich in einem Anzug verkleidet fühlt. Dabei geht es Männern in seinem Alter mit Anzügen häufig genau gegenteilig. Ein schicker, teurer Anzug ist in den meisten Fällen dazu da, sich sicher, selbstbewusst, seriös, elegant und stark zu fühlen. Aus keinem anderen Grund trägt die gesamte Bürowelt Anzug (abgesehen davon, dass es in den meisten Firmen Vorschrift ist). Bei Peter ist es offensichtlich ein Zwang. Die Grenze bis zur Verkleidung sei bei ihm das Hemd – das könne er auch noch so tragen, weil das einen schicken Stil und einen lässigen verbinde. Hier deutet auch wieder alles darauf hin, dass Peter sich in einem Pullover und mit einem jüngeren, modischen Kleidungsstil deutlich wohler fühlt und sich besser damit identifizieren kann. Mich interessiert noch, ob er mit seinem Körper und seinem Äußeren im Allgemeinen zufrieden ist, weil er kein Wort über Sport verliert, raucht und auch sonst nicht den Eindruck macht, dass er regelmäßig ins Fitnessstudio geht. Er sagt, dass er, bis auf ein paar kleine Macken, zufrieden sei, nennt als solche aber nur seine Nase. Er betrachtet sich aber als »femininen« Mann, was mir einen Teil seiner weichen Seite zeigt, mit der er immer im stillen Kampf zu stehen scheint: Einerseits möchte er gerne einfühlsam, weich und verständnisvoll sein, traut sich aber nicht aus eventueller Furcht, männliche, harte Charakterzüge einzubüßen – wenn man sich vor Augen hält, wie er sich über Bettgeschichten definiert. Der starke Macker darf so gesehen eigentlich nicht weich und verständnisvoll sein oder zweifeln. Vielleicht hat er Angst, schwach zu wirken. Ich glaube, dass er die weiche, poetische, künstlerische, Seite an sich, die er schon seit Kindertagen ausübt, gerne häufiger ans Tageslicht kommen lassen würde, wenn er könnte. Was ihn so stark daran hindert, vermag ich nicht zu beurteilen. Er sagt, dass er früher viel gehänselt wurde und sich erst seit dem Universitätsleben richtig aufgehoben fühlt. Vielleicht macht es diese Erinnerung

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Meine Vermutung, dass ich es hier mit einem ausgewachsenen Peter-Pan-Syndrom zu tun habe, wird durch alle weiteren Antworten immer mehr bestätigt. Er fügt im Nachhinein noch hinzu, dass er sich im Moment niemals vorstellen könnte, vierzig Jahre alt zu sein. Ich frage mich nur, wie er das mit dem Wunsch nach einer festen, funktionierenden Beziehung vereinbaren möchte. Die meisten Frauen suchen ab 25 aufwärts eher jemanden, der fest mit beiden Beinen im Leben steht und genau weiß, was er jetzt und in Zukunft will. Fragt man ihn direkt nach seinen perd i e W o h n u n g i s t e b e n au c h sönlichen Macken, muss er lange übernur eine Mischung aus den legen, bevor er antwortet, dass er eigentM ö b e l n s e i n e r E x- F r e u n d i n lich keine Macken habe. Auch hier huscht und ihm. mir ein Lächeln über das Gesicht. Meines « Erachtens nach ist es eine typische Eigenschaft von Menschen, nicht über ihre Macken zu reden, wenn sie sich selbst in einem guten Licht darstellen wollen oder wenn sie gerade nicht wissen, wer sie und auch ihre Macken sind. Er nennt nach weiterem Überlegen seine Schwäche, schwer Entscheidungen treffen zu können, was wahrscheinlich daran liegt, dass er außer für sich und seinen Spaß nicht viel Verantwortung trägt. Wenn er sich häufiger entscheiden müsste, könnte er es vielleicht besser. Vielleicht ist es Peter aber auch einfach egal und er möchte sich und sein Auftreten von solchen Gedanken nicht negativ beeinflussen lassen. Dabei glaube ich, dass er nach unserem Gespräch noch längere Zeit darüber nachgedacht und gerne auch noch länger mit mir über verschiedene Dinge gesprochen hätte. Zusammenfassend möchte ich sagen, dass er eine sehr wechselhafte Persönlichkeit ist, und häufig Hochs und Tiefs durchlebt, was alles darauf hindeutet, dass er grade auf der Suche nach seiner persönlichen Identität ist. Dabei helfen können ihm nur seine Freunde, die ihm wichtiger sind, als seine »kaputte« Familie. Meiner Meinung nach würde ihm ein Schritt weiter weg von der Schein-Sicherheit, in der er sich momentan befindet, viele neue Erkenntnisse bringen. Die Wohnung ist eben auch nur eine Mischung aus den Möbeln seiner Ex-Freundin und ihm. Ich könnte mir vorstellen, dass seine eigene Single-Wohnung noch einmal anders aussehen könnte, obwohl die kleine Unordnung von Klamotten auf dem Sofa und die vielen leergetrunken Flaschen und Süßigkeitenpapiere zeigen, dass er sich in seinem Heim pudelwohl fühlt. Aber das eben auch nur so lange, bis die Stimme in seinem Kopf fragt, was er denn eigentlich im Leben will und ob er denn nie wirklich erwachsen werden möchte. Text und Bilder von Julica Sistig

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R o be r t S t einmülle r

Ein Moment der Wärme und Gemütlichkeit umfängt mich. Aufgeräumt sieht es aus, ordentlich und wohnlich eingerichtet. Soeren, mein temporärer Mitbewohner, empfängt mich für unser Interview spontan in seinem Zimmer in unserer WG. Eigentlich ist es gar nicht seins. Er ist nur vorübergehend hier. Er kommt nicht von hier. Und doch ist es sein Rückzugsort. Sein Wohnort in Potsdam. Sein kleines Reich, das er sich hier für sechs Monate zur gemütlichen Bleibe umdekoriert und eingerichtet hat. Klar, meinte er, wir hätten uns auch in unserer WG-Küche zusammensetzen können, doch ist diese in diesen Tage immer um einiges kühler. Und am Küchentisch ist es eben nicht so gemütlich, wie im Zimmer an der Heizung, am Schreibtisch, im Sitzkissen. Ich setze mich mit meinem Notizblock an den Schreibtisch, er sich mir schräg gegenüber im roten kuschligen Sitzkissen. Gemütlich sieht es aus, nicht nur sein grauer Longsleeve und Jogginghose, sondern auch sein Zimmer als ganzes. Ein großer grauer Teppich liegt als wärmespendender Mittelpunkt auf dem Boden neben einer kleinen Kiste, die mit einer flauschigen Decke zu einem Sitzmöbel umfunktioniert ist. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, an der oberen Kante sind kleine Figuren und Geschenke aufgereiht, an der Wand darüber Fotos von Freundin und Familie. Soeren scheint sich gerne mit Dingen zu umgeben, die im wichtig sind, die ihm hier in Potsdam, seiner Zwischenstation, Halt geben und an Heimat erinnern. Für ein Praktikum in einer Film-Produktionsfirma in Babelsberg ist er gekommen und geblieben, um die restliche Zeit des Semesters zum konzentrierten Schreiben seiner Bachelor-Arbeit zu nutzen. »Wenn, dann richtig.«, meint er, denn »... man könne sich fern ab der Heimat, außerhalb gewohnter Gefilde, viel besser konzentrieren …«, vor allem bei wichtigen Dingen. Hinter ihm an der Wand prangt ein großes Poster mit einem Schimpansen, der große Kopfhörer trägt. Genießt der Affe die Musik oder die Stille – das Leben an sich? Man weiß es nicht. Das Plakat strahlt Ruhe aus, was viel über den Zimmerbewohner aussagt. Eine Pflanze im Fenster wirkt klein und zierlich und doch kräftig grün, sie scheint jung zu sein, als reflektiere sie die kurze Zeit, die sie, seit zirka vier Monaten, auf diesem Fensterbrett steht. Gut umsorgt, am Licht und gepflegt wie so viele Dinge in Sternes Leben.

Zwischenstation Potsdam

temonnaie.«, gibt er mir mit Überzeugung zu verstehen. Er habe vor vielen Jahren seine Not mit der kaputten Geldbörse zur Tugend gemacht und lebt seitdem mit den wenigen losen Sachen in der Tasche. Auf den ersten Blick komisch, doch für das Notwendigste reicht es auch so, erklärt er mir und verteidigt sich, dass er nie gern Münzen dabei habe und eine Geldbörse sich mittlerweile viel zu dick anfühle. Eben praktisch. Acht gebe er trotzdem, mit kontrollierendem Handgriff, doch am besten hat die Hosentasche einen sicheren Reißverschluss. Den Golfball kann man dabei nicht verfehlen, das glaubt man ungesehen, denn man sieht ihn ja beulend in der Hose. »Der Golfball und die Ente sind Glücksbringer, ich habe sie immer dabei.« Der weiße Golfball war dabei der erste von ihm weit geschlagene Ball. Er war damals im Urlaub fasziniert vom Golfen und testete sich später selbst bei einer Runde Golf, die ihm seine Großeltern schenkten – auf dem heimischen Golfplatz in der Nähe seines Heimatdorfes. Als er mir die Geschichte erzählt, ist er munter und begeistert, als wäre es noch nicht lange her, doch schon seit Schulzeiten ist der Ball sein Begleiter. Er wurde auch oft darauf angesprochen, was er denn da für eine Beule in der Hose habe. Soeren verstellt sich dabei nicht. Er ist ehrlich. Er stand und steht dazu, der Ball ist sein Glücksbringer und immer mit dabei. Genauso wie die Holzente, die ebenfalls zu Schulzeiten ein Geschenk seiner jüngeren Halbschwester war, die Tochter vom Partner der Mutter. Sie trennten sich wieder, als er 18 Jahre alt war. Die Halbschwester, die nach seinem Auszug sein Zimmer bekam, sein Bett und seinen Schrank nutzte. War es doch früher sein Rückzugsort, so wirkt es jetzt befremdlich, schiebt er ein. Jemand anders bewohnt das Zimmer nun. Man kann es nicht mehr seins nennen und doch bleibt es Familie und Zuhause.

Jugenderinnerung

Auf der Ecke des Schreibtisches fällt mir ein kleines Sammelsurium an Plastikkarten mit einem Stapel Münzen auf, eine kleine Holz-Ente und ein Golfball daneben. »Ja, das ist quasi mein Por-

Zunächst blieb er beim Stiefvater, seinem »Vater« wie er trocken und sachlich, und doch mit einer bewegten Verbundenheit über seine Familiengeschichte erzählt. Man könnte fasst meinen, er entschuldige sich etwas dafür. Doch es gehört zu ihm. Zu seinem Leben. Das Vertrauen zum Vater bricht, er zieht zur Mutter. Erst dorthin, dann zurück. Wimmelburg. Halle/Saale. Wimmelburg. Sein Heimatdorf in der Nähe der Lutherstadt Eisleben. Doch er ist und bleibt Familienmensch, Familie ist ihm wichtig, genauso wie sein Heimatort. Das hört man deutlich, wenn er mit starker Gestik und seinem anhaltinischen Akzent erzählt. Man kann ihm einfach nur gespannt zuhören, wenn er von seinen Großeltern spricht. Sie wohnen noch dort und sind für ihn eine wahre Konstante und ein Ruhepol in seinem Leben. Sein Großvater ist ihm seit seiner Kindheit ebenso Vertrauter wie »Vaterersatz« gewesen. Ein Freund und Partner, wenn man ihn braucht. »Ein Rückzugsort in Form einer Person« . Seine Großeltern setzen sich für ihn ein, er besucht sie oft. Man mag es kaum glauben, dass er nach 18 Jahren bei ihnen noch gerne auf Fotopirsch durch Wimmelburg spazieren geht und selbst die kleinsten Veränderungen bemerkt und stets neue Seiten seines Dorfes entdeckt.

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Golfball und Holzente


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Erinnerungen an besondere Orte in seinem Leben, einige fest verknüpft mit Wimmelburg, bleiben da nicht aus, hat er hier ja seine Kindheit und Jugend verbracht. Der alte Backsteinbau ist heute verlassen und stillgelegt. Seit über zehn Jahren. Und in den Zimmern und Fluren hängen noch die alten gemalten Bilder seiner Klasse. Soeren erzählt mit glänzenden Augen von seiner alten Grundschule. Er ist schon immer gerne zur Schule gegangen, für ihn war es keine Pflicht. Es hat ihm Spaß gemacht. Daher kam wohl auch sein erster Berufswunsch, auf Lehramt zu studieren. Seine Oma hatte schon dieselbe Schule besucht, seine Mutter ebenfalls und er war in der letzten vierten Klasse gewesen, mit der die Grundschule damals schloss. »Ein komisches Gefühl, der letzte dort zu sein – und bei einem späteren Besuch alles wie damals vorzufinden.« Man merkt ihm an, dass hier viele Erinnerungen hochkommen. Der ehemalige Rektor führte ihn durch das stillgelegte Gebäude, er kannte Soeren noch von damals. Die Dielen knarzten dabei wie zu Schulzeiten. Sie unterhielten sich über die alten Zeiten. Hier auf dem Dorf scheint alles persönlicher zu sein, nicht so anonym wie in Großstädten. Pünktlich klingelte sogar noch die Schulglocke. Gänsehaut. Kindergeschrei hallt in den Erinnerungen durch die leeren Flure. Er nickt zustimmend, als sein Blick versunken inne hält. Er steht zu sich, man hört es deutlich, wenn er »vom Zuhause« spricht. Das »Wir« kommt dabei öfter vor. Wie eine große Familie. Hier kennt man sich. Alles ist entschleunigt und behaglich. »Das Dorf eint die Menschen, Städter können da nicht mitreden.« Beschreibt er als Kontrast Berlin, wie er es in diesen Wochen kennenlernt, fallen ihm schlagartig zwei Worte ein: »Hupen und fluchen!«. da s D o rf e i n t d i e Großstadt eben. Hektik. Er lacht, als er erMenschen, Städter können zählt, wie wir Großstädter fluchend einer da n i c h t m i t r e d e n . Straßenbahn nachrennen. »Die nächste « kommt doch schon in zehn Minuten ...« Doch dann, fast peinlich berührt, gibt er zu, Angst gehabt zu haben, als er mit 18 Jahren das erste Mal eine Straßenbahn bestieg, voller Sorge etwas falsch zu machen oder der Technik erlegen zu sein. Er zuckt mit den Schultern. Auf dem Dorf fuhr ja nur alle halbe Stunde ein Bus. Daher läuft er auch heute noch gern und erlebt dabei die Welt um sich herum, wie bei den Spaziergängen in der Heimat.

Die Canon-Spiegelreflex-Kamera hat er dafür stets dabei, sie ist in seiner Tasche ein ständiger Begleiter, das Gewicht und die Größe nimmt er dabei in Kauf für sein Hobby, die Welt durch die Linse zu entdecken. Nichts ist dafür gut genug, so ist die Ausrüstung stattlich. Und er nutzt sie auch. Soeren ist kein Mensch, der nur zeigen will was er hat, er ist einer, bei dem es auch funktionieren soll. »Qualität kostet eben Geld«, das investiert er vielmal lieber in seine Technikausrüstung der Kamera oder ein qualitatives Canon-Objektiv, als in modische Sachen wie Kleidung. »Ich habe immer das aus dem Schrank genommen, was vorne lag.«

Es scheint, als trage er nur Sachen, damit sie seinen Körper bedecken, nicht um des Ausdrucks willen. Sowas habe er nicht nötig. Denn sind wir nicht alle Menschen? Da kommt es auf Äußerlichkeiten kaum an. Seine letzten Sachen habe er vor zirka zwei Jahren gekauft. Seit dem trägt er sie, bis sie kaputt sind und wohl oder übel etwas Neues her muss. Soeren nestelt dabei an seiner feingliedrigen randlosen Brille. »Auch die war teuer, aber es geht um meine Gesundheit.« Extra dünn geschliffen, versiegelt. Qualitätsgläser. »Ich habe links nur noch fünf Prozent Sehkraft, da ist Einem das wert.« Ich nicke, kann seine Argumente nachvollziehen. Eine Brille prägt einen Menschen; sie sagt viel aus und ist doch auch nur ein Nutzgegenstand. Allerdings einer für mehr Lebensqualität. Denn unsere Augen brauchen wir ja täglich, besonders, wenn der Beruf technische Arbeitsmittel voraussetzt. Wie bei Soeren, dessen Weg ja in die Welt der Filmmedien führen soll. Er pflegt seine Besitztümer, man merkt, von übertriebenem Konsum hält er nichts. Wenn er sich etwas leistet, so hält es lange. Sehr lange. Zum einen wegen guter Pflege, zum anderen sind richtige Anschaffungen auch teuer. Und wehe, es kommt ein Kratzer an die Kamera oder das neue MacBook. Dann leidet er, als hätte er sich selbst eine Wunde zugezogen. Und dabei hatte das MacBook nur beim Schieben auf dem Tisch am Boden einen Kratzer bekommen. Er verzieht bei diesem Satz deutlich das Gesicht. Es war zum Anfang der Unizeit, als sich ein Wertewandel hinsichtlich der Unterhaltungstechnik bei ihm einstellte. Die Schulzeit. Sein erster Tower PC. Er hat ihn geliebt, es war sein Begleiter und Zeitvertreib, man hat mit Kumpels gezockt und Nachmittage davor verbracht. Mit den Händen formt er dabei das heute schon fast ungewöhnliche große eckige Tower-Gehäuse nach und lacht. Es war damals der Standard. Folgte dem zu großen und unbeweglichen PC später die hart ersparte Playstation 2, die fortan den PC ersetzte. Billig war das damals nicht. »Das waren immerhin 800 Mark.«, sagt er noch heute entsetzt. So viel muss man als Teenager erst einmal zusammensparen. Mit dem Studium aber kam das Umdenken, dass man den Computer mehr als Informationsquelle, denn als Spielmittelpunkt brauchte. Mobilität und praktische Anwendung an der Uni standen im Vordergrund. Doch was man einmal besitzt, möchte man ungern wieder hergeben. »Die aktuelle Playstation habe ich heute auch noch ...«, und deutet mit dem Finger unter den Schreibtisch. Man sieht den Staub auf ihr. Für ihn ist es mehr die Option, man könnte ja mal wieder Lust haben, zu spielen. Sich eine Tür offen halten. Doch es bleibt nur bei der Option. Genau wie mit dem ersten Gaming-Laptop, den er lange behielt und dann schweren Herzens seinem Opa vermachte. Da war er in guten Händen und doch nah genug, um bei Bedarf auch dort spielen zu können. Auf Spiele folgten Informationen, auf die Gaming-Laptop-Maschine der Mac; das besagte schlanke MacBook. Ich lächle. Er meint, es sei besser für die Uni, besser im Arbeitsablauf. Ich merke, wie er den Kauf des teuren Trendprodukts rechtfertigt. Es ist nicht so, wie es scheint, für ihn stand lediglich die Optimierung seines Arbeitsablaufs im

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Qualität kostet Geld


Vordergrund. Sein Unibegleiter über Notebookgenerationen hinweg, blieb der Laptop-Rucksack. Er war eine Zugabe zur »Gaming-Maschine« und hat im Gegensatz zu ihrer verbrauchten Technik heute noch praktischen Nutzen. So überträgt sich die Wertigkeit alter Dinge auch in heutige Tage, und sei es nur der praktische Laptop-Rucksack, der ein MacBook genauso gut transportiert wie ein Gaming-Laptop.

Anrufen statt Simsen Will man sich mehr über Soeren informieren, sucht man auf facebook vergeblich. Ich staune nicht schlecht, als er verneint, Mitglied in irgendeinem Onlinenetzwerk zu sein. StudiVZ habe er noch mitgemacht, zum Kontakthalten für die Schulfreunde. Doch den Umstieg auf facebook habe er ausgelassen und die Accounts aufgegeben. »Ich brauche so etwas nicht, wie sich andere Leute dort darstellen. Die sind alle hängengeblieben.« fasst er mit dem Beispiel seine Einstellung zusammen. »Auf deren »Gepose« habe ich keine Lust. Also kein facebook.« Leute, die ihm wirklich wichtig sind, kennt er im wahren Leben und hat deren Telefonnummer. »Telefonieren ist allemal direkter und du hast den Mensch am anderen Ende.« Selbst eine SMS ist oftmals zu umständlich, wenn er doch telefonieren kann. Sein Telefon, ein HTC, ist wohlbemerkt internetfähig, er hat sogar eine Flatrate für alles. Doch eigentlich braucht er es nicht. Sein Handy muss telefonieren können. Das reicht wohl. Dass es einen Touch-Display hat, macht einfach die Zeit. Das alte Tasten-Handy war kaputt, nachdem es lange seinen Dienst getan hatte, und die neuen haben alle ein Touch-Display. Nun ja. Pragmatik statt Luxus. Wo Soeren Geld in Kamera-Objektive investiert, shoppt seine Freundin lieber monatlich neue Sachen. Sie sieht ihr Geld lieber im Schrank hängen. »Sie kann davon nie genug bekommen.«, schmunzelt Soeren. Und er wohl nicht von ihr, verliebt wie er von ihr spricht. Seine Freundin nimmt eine besondere Rolle ein. So steht sie nicht nur im Handy an erster Stelle, sondern wohl auch sehr weit oben in seinem Leben. Allerdings macht sie demnächst für vier Monate ein Praktikum in England. Er sieht mich an und überlegt: »Vielleicht ist facebook für solch ein Kontakthalten über die Entfernungen gar nicht so schlecht?«. Er lehnt sich zurück. Ich lächle. Zumindest will er sich nun erst einmal mit Skype an die Kommunikation per Internet herantasten. Seiner Beziehung zu liebe. Text und Bilder von Robert Steinmüller

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C h r i s t ina B u g g e

Das Vorhaben war noch nicht richtig in Worte gefasst, da sagte mir Hannah schon zu. 48 Stunden später öffnet sie uns strahlend die Tür zu ihrem frischbezogenen Heim, eine kleine, gemütliche und akkurat eingerichtete Wohnung im unauffälligen Weißensee. Nach einer herzlichen Begrüßung und der Frage nach Sprite, Kaffee oder Wasser setzen wir uns auf ihr Bett in die Mitte des Wohnraumes.

Taking Back Sunday (Hannah)

Eine Cola mit fünf Strohhalmen Unsere Unterhaltung startet mit Musik. Solang ich Hannah kenne, spielt diese eine fundamentale Rolle – sowohl wenn es darum geht, den Lebensunterhalt herbeizuschaffen, als auch die Wochenenden gebührend zu verbringen. Tagsüber teilt sie ihren Enthusiasmus für die Klänge mit uns im World Wide Web, in der Nacht verkauft sie unter Beschallung dieser, Getränke mit und ohne Strohalmen in Bars und Clubs. Mit ihrem eigenen Blog und den regelmäßigen Beiträgen für weitere Musik-Mode-Kunst-Lifestyle-Netzwerke hat sie ihr »eigenes Universum im Internet aufgebaut«. Dabei bedeutet Schreiben für sie Abschließen, Aufwertung und Verarbeitung von Erlebtem. Ihr Schreibstil entspricht dabei ihrem Äußeren. Genauso wortmalerisch, wie sie Geschehenes beschreibt, kleidet und schmückt sie sich und alles was zu ihr gehört. Neben der Musik sind es provokante als auch liebliche Texte über Personen der Öffentlichkeit, gesellschaftskritische

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Themen, Politik und ihre Reisen. »Ich schreibe so, wie es mir in den Kopf steigt«. Während unserem Gespräch läuft im Hintergrund die US-amerikanische Alternative-Rock-Band Taking Back Sunday. Mit gewohnter Fürsorge fragte Hannah zu Beginn, ob es okay ist, wenn die Musik an bleibt. Natürlich haben wir nichts gegen diesen Soundtrack zu unserem Interview.

Zueinander ausgerichtet Sie setzt sich mir gegenüber mit dem Rücken zur Wand. Wenn ich sie so ansehe, frage ich mich, ob sie sich an diesem Vormittag zurechtgemacht hat, weil sie weiß, dass wir Fotos machen oder weil sie anschließend arbeiten muss. Sicher eine Mischung aus beidem. Alles an ihr wirkt wohl überlegt und sorgfältig arrangiert. Die langen blonden Strähnen, die unter der dunkelroten Woll-Mütze hervorschauen, die neonpinken Tunnel-Ohringe, das Shirt mit dem grün-blauen Wolfsporträt, eine braune Sweatjacke und die getigerte Haremshose. Ich komme mir gleich etwas farblos vor. Die Stimmung ist zwanglos. Ich fühle mich wohl in Hannahs Wohnung. Zum zweiten mal bin ich hier. Die vorherigen Wohnungen und Zimmer kannte ich auch. Es ist sehr ordentlich. Alles hat seinen bestimmten Platz in den Regalen, an den Wänden oder in einer bestimmten Ecke des Raumes. Die Dinge sind zueinander ausgerichtet. So sind ihre Bücher der Größe nach aufgereiht. Zentriert darüber stehen Figuren, die sie von ihren Reisen mitgebracht hat sowie Geschenke von Freunden. An den Wänden hängen Collagen aus Magazinabbildungen in goldenen Barock-Bilderrahmen, Fotos und selbstgemalte Ölbilder. Vereinzelt finden sich einige Grünpflanzen. Ein warmes Licht durchströmt den Raum. Sie schafft es immer, eine Wohlfühlstimmung zu kreieren, welches eines ihrer höchsten Bedürfnisse ist, wie sie mir später erzählt. Viele Fragen, die ich mir vorher notiert hatte, beantwortet sie von selbst. Hannah scheint ausgeglichen und stört sich in keinem Moment daran, dass jemand, den sie gerade erst kennengelernt hat (mein Kommilitone Tim), von jeder Ecke ihrer Wohnung Fotos macht. Erst als ich sage »Dann würde ich gern wissen ...«, vermute ich, einen kleinen Anflug von Unsicherheit in ihrer Reaktion ablesen zu können. Hannah rutscht noch näher an die Wand heran, verschränkt die Arme vor dem Körper und sagt »Jetzt geht’s los.«

genauso wie Präsentation. Eine Festung, die Zufriedenheit und Furchtlosigkeit verspricht. Ein Ort der Sicherheit, an dem Hannah in der Nacht und am Tage von vergangenem und zukünftigem träumt. Es ist ganz neu, aus schneeweiß lackiertem Holz. Ihr altes hat sie gerade verkauft. Sicherlich hätte es auch noch einen Umzug überstanden, aber für die neue Wohnung sollte ein neues her. Bis auf wenige Unterbrechungen führen wir das Interview auf diesem Bett. Dieser intime Ort gibt ihr ganz offensichtlich Selbstsicherheit und Mut. Hannah lebt gern selbstbestimmt. Ihr Fernstudium und der freie Redaktions-Job lassen eine flexible Zeiteinteilung zu. Einen typischen Tagesablauf gibt es derzeit nicht. Was für sie dabei zu kurz kommt, ist der Austausch mit den Menschen. Sie fragt sich, »Ist es denn jetzt richtig was ich mache? Kommt das bei irgendjemand an? Interessiert das überhaupt jemanden?« Das Gefühl »eine gute Arbeit zu machen« fehlt so ab und zu. Bei der Frage nach der Einordnung in eine soziale Gruppe (Beispiel US-Highschool) würde Hannah gern eine neue Clique aufmachen. Quasi von allem ein bisschen – so wird wieder etwas ganz neues daraus. »Ich habe zu viele Interessen, als das man sagen könnte, ich bin nur das und nichts anderes.« Nach dem Schülerpraktikum in einer Zoohandlung, der Ausbildung zur Krankenschwester und dem nachgeholten Abitur studiert Hannah jetzt Literaturwissenschaften an einer Fernuni. Die Zeit dazwischen füllte sie mit Work & Travel in Australien, einigen Geld-Verdien-Jobs, Überlegungen Japanologie zu studieren oder sich zur Reiseleiterin ausbilden zu lassen und einem Praktikum bei MTV. »Ich wollte irgendwie alles mal werden.« Irgendwann hatte sie dann beschlossen, dass sie viel lieber von den Dingen schreibt, die sie beschäftigten.

Speichern

Das Bett steht in der Mitte des Raumes. Sehr hoch und robust, wie eine Bühne mit dem perfekten Blick rundherum. »Wenn ich im Bett liege möchte ich überallhin Einblick haben« antwortet sie auf die Frage, warum das Bett gerade in der Mitte des Raumes und mit nur einer Seite zur Wand steht. Dazu kommt, dass Schlafen vielmehr »Ausschlafen« einen hohen Stellenwert für sie hat und genauso wie »Zeit nehmen« den Tagesablauf bestimmt. Das Bühnen-Bett bildet das Zentrum des Raumes und ist damit eines der zentralen Gegenstände für Hannah. Es steht für Rückzug

Als ihren Lieblingsort, den Raum in den sie sich gern zurückzieht, nennt sie mir ihre Wohnung. Obwohl sie noch nicht lang hier wohnt, kommt diese Antwort so energisch, dass sie keinen Zweifel zulässt. »Weil alle meine Sachen schon hier sind. Meine Möbel, meine Klamotten, meine Bilder«. Ich frage Hannah, welche Dinge das genau sind, die sie braucht um sich wohlzufühlen, die ihr wichtig sind. »Meine Leo-Vans, die finde ich einfach nur klasse, sie sind ein Bestandteil von mir, insofern, als dass ich mich mit ihnen wohl und stark fühle.« Diesen eher auffälligen Schuhen mit dem Raubtier-Print sieht man an, dass sie geliebt werden. Sie wurden viel getragen und repräsentieren Hannahs immer bunten und eher wilden Kleidungsstil. Keine Frage, dass Kleidung für sie sehr wichtig ist und zu einem relevanten Dreh-und Angelpunkt wird, wenn es darum geht, sich zu präsentieren und der Außenwelt verständlich zu machen. Mit ihrem Äußeren trotzt Hannah dem grauen Alltag und allem negativen. Dieses Paar Sneaker ist eines ihrer Werkzeuge. Des Weiteren nennt sie mir das Foto-Buch, welches sie im letzten Jahr zu Weihnachten von ihrem Freund bekam. Darin finden sich Fotos der beiden von gemeinsamen Erlebnissen. Genauso wichtig sind ihr ihre selbstgemalten Ölbilder und Fotos von und

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Kommt das bei irgendjemanden an?


mit Freunden. Hannah ist kreativ und möchte das auch zeigen. Die Malerei gehört dabei genauso zu ihrer Art, sich auszudrücken wie das Schreiben. Es bedeutet für sie, sich auszuleben und sich in verschiedenen Disziplinen auszutesten. In der Aufzählung folgen ihr MacBook und die Andenken von den Reisen. Da wäre die Winkekatze, das Australien-Puppy und eine japanische Puppe. Eine besondere Bedeutung hat sicher das Puppy. Es handelt sich um ein handgenähtes Stoffpüppchen mit einer angebrachten Folie im Passfoto-Format. Darin befinden sich die Konterfeis von Freunden. Auf Höhe des Bauches ist ein Bändchen mit dem Schriftzug »Berlin ist bei Dir.« befestigt. Sie bekam es, bevor sie sich für ein Jahr nach Australien verabschiedete. Dieses Püppchen trägt im wahrsten Sinne des Wortes Hannahs liebste Menschen mit sich und fungiert ähnlich wie ein Kuscheltier aus Kindertagen als Glücksbringer und Hoffnungsspender, den sie seitdem überallhin mit hinnimmt. Ich schaue mich im Raum um. Ihre Liebe für diese Gegenstände ist nicht zu übersehen. Sie stellt sie geradezu aus in ihrer Wohnung. Der jeweilige Platz scheint genau überlegt, sehr oft mittig. Es findet sich kein Staubkorn auf den Dingen und wenn etwas schief steht oder hängt, kommt es mir vor, als wäre der Winkel für den optimalen Stand berechnet. Vor dem Umzug, erzählt sie mir, hat sie alle Bilder in mehrere Bettlacken gewickelt, damit sie auf keinen Fall Schaden nehmen. Ihre Liebe zu Japan durchzieht fast alle Räume der Wohnung. Das »Land der aufgehenden Sonne« vergegenwärtigt sich nicht nur in der Winkekatze sondern auch in Bildern, Büchern und den Tattoos auf ihren Armen und Beinen. Dieses Volk ist bekannt für seine starke Selbstbeherrschung und die strenge Disziplin. Es gilt als konservativ und traditionsbewusst. Dazu kommen die buddhistische Einflüsse, die den Menschen nicht als Individuum sondern als kleinen Teil des großen Ganzen sehen. Daraus erklärt sich wiederum der hohe Stellenwert von Familie und Gesellschaft. Ich beginne zu verstehen, warum Hannah sich dieser Beeinflussung hingibt. Sie hat ein starkes Harmoniebedürfnis und vermeidet Konflikte. Hannah geht dafür auch gern Kompromisse ein. Auseinandersetzungen in der Familie oder unter Freunden ärgern sie. Sie empfindet sie als unangenehm und anstrengend. Mit viel Liebesmüh und einer ausgesprochenen Fürsorge für die Dinge bewahrt Hannah Erinnerungen und Ereignisse, die sie zu dem formten, was sie heute ist. »Sie sind mein Leben und ich lebe sie als Erinnerung weiter. Sie inspirieren mich und ich schöpfe meine Kreativität aus ihnen.« Dieser starke Wille, das Erlebte zu bewahren, geht so weit, dass sie sich einige Dinge sogar tätowieren ließ. Sie zeigt uns das asiatische Glückssymbol, die Winkekatze auf Ihrem rechten Oberarm. So trägt Hannah die Bedeutungen immer mit sich und selbst wenn die eigentlichen Gegenstände einmal verloren gehen, verbleiben sie auf ihrer Haut. In Zeiten, in denen alles digital gespeichert wird, aber niemand so recht weiß, wie lang CDs lesbar sind oder wann die Festplatte mal wieder vom Tisch fällt, hat Hannah eine alternative Speicherform gefunden, die unabhängig von jedem Betriebssystem und Software-Update funktioniert. Auf ihrer oberen Hautschicht verewigt sie Reisen und andere Erlebnisse, aber auch, was ihr

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gerade gefällt und sie als »ästhetisch« empfindet. »Da muss jetzt auch nicht immer ein tiefer Sinn dahinter stecken.« In alles etwas hineininterpretieren zu wollen, findet sie überflüssig. Hier kann man auch den Einfluss von Design und Kunst aus verschiedenen Kulturen und Epochen ablesen. Er findet sich in den Bildern auf ihrer Haut genauso wie auf den Collagen an ihren Wänden wieder. Die Arbeit in der Medienbranche und das Studium liefern vermutlich weiteren Input. Alles begann mit einem chinesischen Freundschaftszeichen in der Schulzeit und setzt sich bis heute fort. Die einzelnen Tattoos sollen zusammen eine Geschichte erzählen und in Verbindung zueinander treten, erzählt sie mir. Geld spielt dabei keine Rolle. »Nach den Preisen zu fragen ist hier albern.« Hier steht die Qualität im Vordergrund. »Man trägt diese Gemälde ein ganzes Leben auf sich«, vergleicht Hannah. Auf die Frage, wie die Tattoos wohl wirken, wenn sie einmal alt ist antwortet sie frech: »Dann bin ich eben eine bunte alte Omi.« Das zweite »Wohnzimmer«, das mir Hannah nennt, ist für sie der Magnet-Club in der Warschauer Straße. Hier fühlt sie sich aufgrund der langen Zeit, in der sie hier schon arbeitet sehr wohl. »Hinter der Bar kann mich niemand anfassen oder mir zu nahe kommen«. I c h w i l l i m m e r u n t e r‑ Äußerlich eher auffällig möchte Hantau c h e n , a b e r t ro t z d e m nah nicht im Mittelpunkt stehen oder anwa h rg e n o m m e n w e rd e n . gestarrt werden. Das mag auf den ersten « Blick widersprüchlich klingen, ist es aber meiner Meinung nach nicht, wenn man sich die Menschen anschaut, die man auf den Straßen von Berlin trifft. Tattoos und auffällige Kleidung gibt es an fast jeder Ecke zu sehen. Angestarrt wird man damit schon seit Jahren nicht mehr. »Ich will immer untertauchen, aber trotzdem wahrgenommen werden«, stellt Hannah heraus. Die Funktion in der Gruppe steht für sie, genauso wie in der Kultur der Japaner, im Vordergrund. Als letztes frage ich sie nach ihren Zielen und Träumen für die kommenden Jahre. Sie will noch mehr reisen, wünscht sich eine große, schön eingerichtete Wohnung mit ihrem Freund. Eine Überlegung wäre auch auszuwandern, vielleicht nach Australien oder in die Staaten. »Einfach Glücklich sein mit dem was man tut.« »Und was hast hast du morgen vor?« »Sonntag mach ich nie was!« Text von Christina Bugge, Bilder von Tim Jolas

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N iza D illman

Das Zimmer ist warm und das große braune Ledersofa wirkt einladend. Das Licht ist gedämpft. Wir sitzen in einer kleinen, gemütlichen Zweizimmerwohnung im Quergebäude eines Berliner Altbaus, direkt gegenüber einer belebten Moschee. Frank ist gerne bei sich zu Hause und kann sich wenige Orte vorstellen, an denen er sich so wohl fühlt. Er schätzt die Gemütlichkeit und zugleich die Freiheit, die er in seiner Wohnung empfindet. Freiheit heißt dabei nicht Nachlässigkeit – es ist alles aufgeräumt. Frank ist in Berlin aufgewachsen und bald Ende Zwanzig. Er hat schon einige Jahre im Ausland und in einer anderen Gegend Deutschlands gelebt und studiert. Jedoch fühlt er sich in Berlin sehr wohl und sieht hier viele Möglichkeiten für sich. Außerdem lebt seine Familie in Berlin, viele Freunde von ihm sind hier und er hat ein Netz an Kontakten aufgebaut, die ihm beruflich wichtig sind. Zusammen mit seiner Freundin und zwei weiteren Freunden hat Frank noch während des Studiums eine eigene Werkstatt aufgebaut und eingerichtet. Er baut und repariert Gitarren, ein Handwerk, das er leidenschaftlich verfolgt und weiterentwickelt, indem er Studien zur Klangoptimierung betreibt. Neben viel Zeit steckt er seinen Ehrgeiz und sein ganzes Geschick in seine Arbeit; ihm ist persönlicher Erfolg in der Arbeit sehr wichtig. Er hat schon als Student viel Geld in den Werkstattaufbau investiert und auch in die Anschaffung seiner Maschinen und Werkzeuge, die er behutsam pflegt und sehr zu schätzen weiß.

Den Kompass immer dabei

Die Magie des Details Die Anschaffung neuer Objekte ist bei Frank meist gründlich überlegt. Er informiert sich sorgfältig über den Nutzen und die Qualität. Ihm ist es wichtig, dass er sich auf ein Produkt verlassen kann und dass es viele Jahre funktioniert. Er achtet auf die Materialien und ihre Verarbeitung. Er genießt die Erkundung der Oberflächen und Materialien mit den Fingern und Händen. Er schaut sich Dinge, die er neu erworben oder als Geschenk erhalten hat, lange Zeit an und versucht, sie in ihrer Funktionsweise und technischen Konstruktion zu verstehen. Einen sehr gut verarbeiteten Gitarrenkoffer stellte Frank für einige Zeit ins eng gestellte kleine Schlafzimmer, um diesen so noch vor dem Einschlafen sehen zu können. Besonders alte Uhren faszinieren ihn. Frank besitzt eine

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etwas ältere Taschenuhr, die er gerne öffnet. Während unseres Gesprächs geht er ins Schlafzimmer und kommt stolz mit der Uhr in der Hand wieder. Er berührt sie wie ein zerbrechliches Wesen – behutsam und gleichzeitig sicher im Griff. Er lässt uns ins Innere sehen. Begeistert erzählt er davon, wie gerne er sich den Mechanismus anschaut und dass er ihn durchschaut hat. Die Uhr war das Abschiedsgeschenk von Kollegen, mit denen er in England zusammen in einem Café gearbeitet hat. In dem Deckel hat Frank eingeritzte Ziffern entdeckt, aus denen er ablesen kann, dass die Uhr schon in den USA gewesen sein muss und dort – offensichtlich von geschickten Händen – repariert wurde. Er kennt die Geschichte und die Reisen der Uhr nicht und stellt sich nichts Bestimmtes vor. Dass die Uhr eine eigene und vielleicht besondere Vergangenheit hat, genügt ihm. Auch sein Kompass bedeutet ihm sehr viel und er zeigt ihn uns mit einem stolzen und zufriedenen Lächeln. Es ist ein Geschenk von seiner Freundin. So wie die Taschenuhr hat der Kompass einen antiken Charme. Er nimmt ihn gerne und oft in die Hand und freut sich über das kleine Messingding. Er mag die Komposition aus Oberfläche, Präzision, Form und Gewicht. Der Kompass geht mit auf Reisen, wobei er eher weniger zur Orientierung dient. Frank bewundert und genießt vielmehr das handwerkliche Können und die sorgfältige Arbeit, die er in der Präzision von Kompass und Taschenuhr verwirklicht sieht. Er mag die Vorstellung, dass seine »Schätze« vor vielen Jahren geschaffen wurden. Seine Armbanduhr trägt er oft, Frank weiß auch sie zu schätzen. Er hat sie mit seinem Vater getauscht und dabei einen guten Deal gemacht. Er scheint darauf nicht stolz zu sein, dennoch ist ihm eine kleine Freude anzumerken. Ihm war es wichtig, dass die Armbanduhr wasserdicht ist, so dass er mit ihr für verschiedenste Lebenssituationen gut ausgerüstet ist. Er bedauert es etwas, dass er den Mechanismus nicht beobachten kann. Bei mir entsteht der Eindruck, dass diese Armbanduhr trotzdem keinen hohen emotionalen Wert hat und durchaus wieder gegen eine andere Uhr eingetauscht werden könnte.

Musikabspieler und andere nützliche Dinge Musik ist für Frank sehr wichtig und sein Interesse an ihr ist vielseitig. Eine eigene Gitarre hat er nicht mehr, in der momentanen Situation als Selbständiger und zugleich Forschender findet er nicht genügend Zeit zum Üben. Im Regal, unter seiner Musikanlage mit Plattenspieler, sehen wir seine Plattensammlung im Wohnzimmer, vielfältig und umfangreich jedenfalls für eine Person seines Alters, mit viel klassischer Musik. Er mag Schallplatten lieber als CDs. Bei Platten versteht er genau, wie sich die Informationen in Musik übertragen lassen. Wie es bei CDs funktioniert, kann er nicht erkennen und nicht ertasten. Wenn keine Platte aufgelegt – und vorher noch einmal begutachtet

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wird – nutzt er meist den Computer als Musiklieferanten. Seinen Laptop, ein MacBook Pro, mag Frank sehr und geht sorgsam damit um. Er arbeitet mit dem Laptop, dieser dient ihm bei seinen Klangmessungen und in der Freizeit. Er ist ein wichtiges Werkzeug, wäre aber für Frank sicherlich auswechselbar, wahrscheinlich aber nur durch einen neueren Laptop, ebenfalls von Apple. Es hängen keine Gefühle an dem Gerät an sich, wahrscheinlich hat dieser Laptop auch keine schöne oder spannende Vergangenheit gehabt. Kein begabter Handwerker saß daran und hat ihn mit viel Präzision und Hingabe erschaffen – es waren wohl eher unterbezahlte Fabrikarbeiter in China. Auch sein Mobiltelefon ist ein Gerät von Apple. Es liegt direkt neben Frank auf dem Ecksofa, er schaut ab und zu auf den Bildschirm oder auf die Rückseite und streicht darüber. Er gibt zu, begeistert von der Rückseite zu sein, deren Material und Verarbeitung ihm gefällt. Es liegt schmeichelnd in seiner Hand. Noch hat es keine Kratzer, aber wahrscheinlich werden diese auch nicht so schnell an Franks Telefon kommen. Er zählt das iPhone nicht zu seinen Lieblingsobjekten, wobei er es von allen Dingen wahrscheinlich am häufigsten in der Hand hat und dabei über die glatten Oberflächen streicht. Seine Entscheidung für das neueste Gerät hing damit zusammen, dass er dann noch viele Jahre lang die neuesten Apps nutzen kann. Er erklärt uns, dass es ihm um die Dauer ging, die Apple das Betriebssystem unterstützt, da danach viele Apps, die ja an dem Telefon fast das Wichtigste seien, nicht mehr nutzbar wären. Frank erzählt gerne über Technik und die Tricks von Apple.

Immer gut ausgerüstet Seine alten Wanderschuhe fallen ihm noch ein. Sie sind schon ganz durchgelaufen und nicht mehr brauchbar. Die Schuhe haben vier Wochen lang den Jakobsweg in Spanien bewandert und dann noch eine Fahrradtour nach England mitgemacht. Deshalb fällt ihm eine Trennung sehr schwer, obwohl er sich schon längst neue, sehr komfortable Wanderschuhe gekauft hat. Diese haben Frank jedoch noch nicht auf solch intensiven Touren begleitet. Seine neuen Laufschuhe mag er auch ohne schöne Geschichte schon sehr. Er hat sie gekauft, um mit ihnen für den Marathon zu trainieren. Er kam erst bei dem letzten Marathon, als er eine Freundin anfeuerte, auf die Idee den Lauf selber mal mitzumachen. Er trainiert regelmäßig und hat sich dafür mit Pulsuhr, Schuhen und Laufkleidung ausgestattet. Das Training fällt ihm nicht schwer, ihm ist es wichtig Sport zu machen und auf seine Fitness zu achten. Er geht auch ins Fitnessstudio. An sich ist Frank zufrieden mit seinem Körper, besonders mit seinen Armen und Beinen, da diese immer noch so aussehen wie zu der Zeit, in der er noch alles essen konnte, was er wollte. Jetzt muss er sich etwas bemühen, die angefutterten Gramm am Bauch unter Kontrolle zu bekommen. Kleidung ist ihm an sich nicht sehr wichtig. Er trägt gerne Jeans und T-Shirt. Er besitzt nicht viel und trägt fast alles, was er an Schuhen und Kleidung hat. Die wenigen Stücke, die er nicht

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nutzt, gibt er nur aus Faulheit nicht weg. Um seine Frisur kümmert er sich nicht sehr. Er lässt seine Haare so lang wachsen, bis sie ihm zu sehr ins Gesicht hängen und ihn bei der Arbeit stören, dann werden sie auf irgendeine praktische Länge abgeschnitten. Dennoch achtet er auch bei seiner Kleidung auf Qualität. Besonders bei Kleidungsstücken, die mehr Funktionen haben sollen, als nur die Haut zu bedecken. Seine Winterjacke ist von North Face, er erhofft sich – oder ist sich sogar sicher – dass sie sehr gut verarbeitet ist und ihn immer vor Kälte und Nässe schützen wird. Er kann sich auf sie verlassen und dafür hat er etwas mehr Geld ausgegeben. Dieses Vertrauen, das er in die Jacke steckt, äußert sich in seiner Begeisterung für sie. Wenn die Jacke nur wissen könnte, dass ihr Besitzer sie sehr zu schätzen weiß und sie mit großem Stolz trägt. Sicherlich wird sie auch noch Beweise ihrer Strapazierfähigkeit bei einigen Reisen zeigen dürfen. Das Fahrrad von Frank ist noch neu, etwa ein Jahr. Er hat es sich nach dem Verkauf einer Gitarre gegönnt. Er fährt gerne mit seinem Fahrrad und genießt die Bewegung, zudem findet er Fahrradfahren umweltbewusst. Und es ist sportlich. Wichtig ist ihm, sich von Menschen abzugrenzen, die im Straßenverkehr mit Fixies herumfahren. Er versteht das nicht und findet diese Mode unverantwortlich, da dieses Rad ohne Bremsen und einige andere Funktionen für den Bahnradsport entwickelt wurde und nicht für den Straßenverkehr. Das passt nicht zu seiner Vorstellung von Verantwortung, die jeder für sich selbst und anderen gegenüber hat. Seines ist ein schönes Stadtrad, mit allen Funktionen, die ein Fahrrad haben sollte, mit Licht und guten Bremsen. Für Fahrradtouren wie die, die er von Berlin bis nach England unternahm, ist es bestens geeignet. Es hat einen stabilen und nützlichen Gepäckträger, an dem Frank seine Radtaschen gut befestigen kann. Er hat sich vor dem Kauf sorgfältig über einzelne Fahrradteile informiert und ließ sich das Rad nach seinen Wünschen zusammenstellen. Einige Teile hat er dann auch noch selber ausgetauscht, um weitere Verbesserungen in Qualität oder Aussehen zu erreichen.

In die Ferne schweifend? In dem gemütlichen Sofa versunken und mit einer Tasse Tee in der Hand lasse ich meinen Blick immer wieder auf die große Weltkarte an der Wand gegenüber gleiten. An den anderen Wänden hängen noch viele Bilder und Fotografien. Einige Aufnahmen davon hat ein Fotograf aus der Verwandtschaft seiner Freundin gemacht. Die Karte ist neu, soll aber älter erscheinen, sie hat bräunliche Farben und eine ältere Schrift. Es ist ein Geschenk von Frank an seine Freundin. Beide wollten diese Karte im Wohnzimmer haben. Nun hängt sie da über einem flachen Regal und zieht immer wieder meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Stück Papier, das zum Träumen einlädt, da war ich mir sicher. Für Frank dient sie eher als Nachschlagewerk. Wenn er einmal nicht weiß, wo ein Land oder ein bestimmter Ort liegen, von denen er zum Beispiel gerade bei einem Gespräch mit

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Freunden hört, dann schaut er auf diese Karte. So weiß er, wo der Ort liegt, und kann seine geografischen Kenntnisse aufbessern, mit denen er nicht zufrieden ist. Während wir über seinen Erdkundeunterricht sprechen, entdecken wir einen Globus in einer unauffälligen Ecke des Raumes. Frank hat ihn als Kind geschenkt bekommen und kann sich jetzt nicht mehr leicht von ihm trennen. Er benutzt ihn nicht und nimmt ihn nicht mehr bewusst wahr. Er hat aber keinen anderen Abstellplatz für ihn, wie für viele andere Dinge auch nicht. Die Wohnung ist nicht sehr großzügig geschnitten und somit gibt es nicht viel Stauraum, aber eben diese unauffällige, gut genutzte Ecke.

viele unglaubliche Widrigkeiten, aber die Hauptfigur (Darsteller Bruce Willis) schafft es immer wieder – und auf unrealistische Weise – alles zu regeln, die Gegner zu bändigen und sich in Sicherheit zu bringen. Frank muss bei seinen Erzählungen über die Hauptfigur viel lachen. Wenn er jemand anderes sein könnte, dann wäre er lieber wie dieser Held als ein Büromensch im feinen Anzug mit viel Geld. Und aus unserer Stimmung heraus entsteht die Idee bald einen Die Hard-Filmabend zu machen, Freunde einzuladen, um mal wieder ein paar angenehme und ausgelassene Stunden in netter Runde zu verbringen. Text und Bilder von Niza Dillman

Zu Frank und anderen Menschen Es ist Frank wichtig, Menschen um sich zu haben. Er genießt es, wenn die Stimmung locker und ausgelassen ist. Er trifft sich gern mit entspannten und fröhlichen Menschen und mag den Humor der Fernsehserie F.R.I.E.N.D.S. sehr. Am besten gefällt ihm Phoebe, die viele Themen aus Konversationen ihrer Freunde nicht versteht oder nur sehr zeitverzögert. Sie hat sehr selten ernstere Probleme und ist immer wieder schnell glücklich zu stimmen. Frank ist eine hilfsbereite Person. Für ihn ist es nichts Besonderes, »zu geben und zu nehmen«. Wenn man die Möglichkeit habe zu helfen, dann mache es nur Sinn es auch zu tun. Seine Eltern haben ihm das schon in der Erziehung mitgegeben. Er selbst hat das Gefühl, dass er Freunden, die persönliche Probleme haben, nicht richtig helfen kann. Er glaubt, er könne sich nicht gut in die Lage anderer versetzen und dann sogar noch Ratschläge geben. Selbstverständlich ist Frank für Freunde da, die sich ein offenes Ohr wünschen, aber es ist ihm viel angenehmer, bei Umzügen oder anderen praktischen Dingen zu helfen. Wenn es etwas anzupacken gibt, ist er gerne dabei; darin fühlt er sich viel sicherer. Genauso im gegenseitigen Wissensaustausch, den er sehr schätzt. Er gibt geduldig seine Kenntnisse weiter und lässt sich gern in für ihn neuere Wissensgebiete einführen. Er hilft sehr viel, aber ihm wird auch viel geholfen. Helfen hat für ihn nichts mit Bedürftigkeit oder Abhängigkeit zu tun, sondern ist ein gegenseitiger Austausch, ob nun direkt oder über ein paar Ecken. Autonomie ist ihm wichtig, die Möglichkeit, Vieles selbst verstehen, regeln und herstellen zu können. Unbeschwert sucht er neue Herausforderungen, beruflich oder sportlich. Dazu bieten die Unterstützung und Hilfe sowohl durch Menschen als auch durch von Menschen sorgfältig hergestellte, nützliche Dinge eine gute Ergänzung. Dann entsteht eine enge Verbindung zwischen Mensch und Ding. Immer wieder blitzt seine Leidenschaft auf für das, was er tut und entdecken will, und er zeigt gern die Freude an seinen ausgewählten kleinen Schätzen. Einer seiner Lieblingsfilme ist Die Hard (Stirb langsam). Es ereignen sich so

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N ic o le M eckel

15.30 Uhr. Es ist schon viel zu spät, also hetze ich die Straße entlang auf der Suche nach der richtigen Hausnummer. Es ist eine Weile her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben, deswegen laufe ich erst einmal am richtigen Hauseingang vorbei. Doch dann erkenne ich die massive, große Holztür. Ich befinde mich im Seitenflügel eines Berliner Altbaus und steige die alten, abgetretenen Treppen nach oben in den dritten Stock. Die Tür geht auf. Ana kommt mir gutgelaunt entgegen und begrüßt mich herzlich. Wir setzen uns erst einmal in die Küche und trinken gemeinsam eine Tasse Tee, bevor es losgeht. Außerdem möchte sie Eine rauchen. Sie zieht genüsslich an der Zigarette und hält, während wir miteinander reden, immer wieder kurz inne. Es ist eine »liebgewonnene Sucht« , wie sie es nennt. Ein fester Bestandteil in ihrem Alltag. Ein festes Ritual, wofür sie sich auch gern ein, zwei Minuten Zeit nimmt, um zu entspannen. Es sind auch die stressigen Situationen oder die Momente, in denen es ihr nicht so gut geht, in denen ihr das kleine Stück »Sünde« Abhilfe schafft. Mir fällt die blau-weiß karierte Serviette auf, die vor mir auf dem Tisch liegt. Ein bayerisches Relikt, was in unsere Teezeremonie mitten in Berlin irgendwie nicht passend erscheint. Dieses traditionell anmutende Stück Zellstoff möchte auf den ersten Blick nicht mit meiner mir gegenübersitzenden Person einhergehen. Zu ihrer Heimatstadt München hat sie keinen wirklichen Bezug. Die Spießigkeit, wie sie es nennt, hat sie noch nie gemocht und irgendwie hat sie auch nie wirklich reingepasst. Die Entscheidung nach Berlin zu ziehen war eher Zufall, eine glückliche Fügung. »Berlin und ich haben sofort funktioniert.« Die Serviette, die ihr eigentlich gänzlich widerspricht, also als kleiner, ironischer Tupfer in ihrer berlinischen Altbauküche. Die kleine Küche ist zweckmäßig eingerichtet. Albert Regale säumen die Wand hinter uns. Diese sind vollgestellt mit allerlei Kochutensilien, zahlreichen Gewürzen,

Ana. 29. Studentin. Nicht-Sammler. Oder so ähnlich.

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Geschirr. Kein überflüssiger Schnick Schnack, keine überflüssigen Dekorationsversuche lenken vom einfachen, studentischen Interieur ab. Die geblümten Porzellantassen, sowie die Herztasse vor mir auf dem Tisch bilden einen kleinen romantischen Seitenhieb auf die sonst eher nüchtern wirkende Küche. Sie ist sehr umsorgend und bietet mir allerlei Knabbereien an. Es ist ihr fast ein mütterliches Bedürfnis, ihre Gäste zu bewirten und zu wissen, dass sie gut versorgt sind. Ich weiß, dass sie gerne Freunde zu sich einlädt und gerne Gastgeberin ist und diese Rolle des sich »Aufopferns« bereitwillig auf sich nimmt. Das Kochen hat sie von ihrem Vater gelernt. Ob sie regelmäßig und gern kocht, frage ich. Eigentlich schon, meint sie, aber seit sie alleine ist, weniger.

»Ich wohne halt hier« Ana ist kein Mensch, der es vorzieht allein zu sein. Sie braucht Menschen um sich herum, die sie stützen und auffangen. Die ihr den nötigen Halt geben, den sie manchmal braucht. »Was ist für dich Zu Hause?« Eine längere Gedankenpause vergeht. Ihr Gesichtsausdruck wirkt nachdenklich. Sie zieht nochmal an ihrer Zigarette und pustet langsam den Qualm aus, vielleicht um sich Zeit für die Antwort zu nehmen. Es sind nicht die Dinge, die sie umgeben. Ihre Wohnung. Viel mehr der Partner, mit dem sie zusammenleben möchte. Ihre Sehnsüchte beziehen sich eher auf die menschliche Ebene als auf die materielle. Ihre Wohnung ist gerade kein richtiger Rückzugsort, was an ihrer derzeitigen seelischen Verfassung liegen mag. »Ich wohne halt hier.« Das irritiert mich schon. Denn die Wohnung, besonders der Wohnund Schlafraum, wirkt auf mich sehr einladend und obwohl sie es selbst nicht so wahrnimmt, hier und da mehr oder weniger liebevoll mit allerlei Objekten dekoriert. Mittlerweile ist es später Nachmittag und schon leicht dämmrig draußen. Ich befinde mich in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg. Besser gesagt sitze ich auf einer kleinen blauen Couch im Wohnzimmer am Fenster, mir gegenüber Ana, 29 Jahre alt, Studentin. Die Einrichtung ist fast gänzlich das Produkt einer schwedischen Möbelhauskette. Ana ist nicht der Flohmarkttyp, der gern nach ausgewählten Stücken Ausschau hält oder in Second Hand Läden geht. Gebrauchte Sachen kauft sie eigentlich nicht. »Da riecht’s komisch.« Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf eine Kommode im Wohnraum, die fast Altar-ähnlich mit diversen Dingen bestückt ist. In der Mitte ein Schränkchen, um das sich andere Figuren formieren. Als ob sich jemand Zeit genommen hat, diese sorgfältig auf ihren vorbestimmten Platz zu stellen. Das ist ihr gar nicht aufgefallen, meint sie. Es stellt sich nicht die Frage, ob sie aus einem bestimmten Grund an der Stelle stehen. Auf der Kommode, als auch überall in der Wohnung sind Kerzen aufgestellt, die eine wohlige und heimelige Atmosphäre erzeugen und kleine Lichtkegel in den Raum werfen. Ein Hauch vorweihnachtlicher Besinnlichkeit und Ruhe strömt durch das Zimmer. Eine Ruhe, die sie in sich selbst gerade nicht zu finden scheint. Ich frage sie, was der wichtigste Ort in

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ihrer Wohnung für sie ist. »Die Küche. Da kann ich halt rauchen«, sagt sie ohne lange zu überlegen und lacht. Sehr pragmatisch. Das wundert mich doch. Ist die Küche im Vergleich zum Wohnzimmer doch um einiges karger.

»Chaos beschreibt mich ganz gut« Eine kleine Ecke neben der Spüle, die ich missverständlich als Rumpelecke entlarve, aber Ana als ihre Abstellkammer betitelt, passt ganz gut, um ihr Verhältnis zur Ordnung ihrer Dinge und ihres Lebens zu beschreiben. »Ich kann keine Ordnung halten. Chaos beschreibt mich ganz gut.« Das zeigt sich auch vor allem im Flur, wo sich zahlreiche Schuhkisten zu kleinen Türmen stapeln. Es ist offensichtlich, dass sie einen Schuhtick hat. Sie selbst sagt, dass das Teuerste, was sie besitzt und selbst gekauft hat, wahrscheinlich ihre Schuhe sind. Wobei sie mir bei der Gelegenheit gleich ihre neueste Errungenschaft zeigt, goldene Adidas-Sneaker, die sie danach wieder behutsam in die dafür vorgesehene Schachtel packt. »Was bedeutet Luxus für dich?« Sie überlegt einige Zeit, bevor sie antwortet. »Luxus … bedeutet für mich, in Deutschland zu leben, Bafög zu bekommen, so ’ne Fahrkarte zu haben, mit der ich überall rumfahren kann, einen vollen Kühlschrank zu haben. Das ist für mich Luxus.« Die Sachen, die sie sich leistet aber nicht allzu oft gönnt, sind richtiger Luxus. Es ist also entscheidend, dass sie Dinge, die zur Sicherung ihres Lebens wichtig sind, nicht als selbstverständlich erachtet und sich deren Wichtigkeit bewusst ist. Alles, was sie sich selbst gönnt und womit sie sich belohnt, sind eine Art Dekoration und Ausschmückung ihres Lebens, aber vor allem ihrer Person. Das können dann auch mal höherpreisige Sachen sein, wie zum Beispiel Schuhe oder teure Kosmetik. Es kommt des Öfteren vor, dass es keiner genauen Überlegungen bedarf, wenn sie sich etwas zulegt. Es sind dann diese »Aussetzer«, wie sie es nennt. In letzter Zeit habe sie nicht so auf ihren Geldbeutel geachtet und einige Aussetzer gehabt. »Ich habe dann ein schlechtes Gewissen.«

Jambasound Ihr Handy klingelt und eine polyphone Klingeltonmelodie ertönt. Ich frage mich, wann ich das letzte Mal ein Siemens zu Gesicht bekommen habe. Ich weiß es nicht und es scheint mir fast unwirklich, bei der Technikflut, die einen heute umgibt. Aber es fügt sich nahtlos in ihre anderen technischen Gerätschaften ein, wie zum Beispiel das silberne Radio mit integriertem CD-Player, was nur darauf wartet, mit alten Hits gefüttert zu werden. Es ist keinesfalls so, dass sie einen nostalgischen Wert mit dem Handy verbindet. Es ist viel mehr eine praktische Lösung. Solange es funktioniert, wird kein Neues gebraucht.

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Rot Ana hat sich zurecht gemacht: roter Lippenstift, ihre schwarzen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, ein paillettenbesetztes silbernes Oberteil an, schwarze Perlenohrringe, ansonsten Schwarz. Betont schick, wie ich finde und ich wundere mich, wie ich zu der Ehre komme. Sie ist heute Abend noch mit ein paar Bekannten im Restaurant verabredet, meint sie. Sie kennt die Leute kaum und ist deshalb unentschlossen, was sie anziehen soll, aber für alle Fälle setzt sie auf ein schick-betontes Outfit. Man weiß ja nie. Es ist ihr wichtig sich immer dem Anlass entsprechend anzuziehen, besonders wenn sie mit Freunden ausgeht oder wenn sie weiß, dass Männer anwesend sind. Sie ist sich ihrer Wirkung bewusst und nutzt ihre Mittel, um sich selbstsicherer und attraktiver zu fühlen, was allzu oft nicht der Fall ist. Ein wichtiger Indikator ist dabei der rote Lippenstift, wie ich erfahre. Ein Art »Heiliger Gral«. Aber es gibt nicht nur einen davon, gleich eine ganze Kiste voll mit diversen Rottönen bespickter Hülsen eröffnen sich mir plötzlich. Eine umfangreiche Sammlung, wild durcheinandergeworfen, ein paar gekauft, aber meistens geschenkt bekommen von einer Freundin, die in einer Parfümerie arbeitet. Es sind vor allem hochpreisige Marken, die sich hier wiederfinden. Diese würde sie sich aber auch selbst zulegen, hauptsache die Qualität stimmt. »Ist schon sexy, oder?« Aber Dinge müssen nicht unbedingt teuer sein. Da legt sie keinen großen Wert drauf. Solange diese ihren Zweck erfüllen…

»Es gibt nichts Schlimmeres als Speisekarten« Entscheidungsfreudigkeit ist keine ihrer Stärken, wie sie selbst von sich sagt. Die Prozedur erlebe ich an diesem Abend live mit. Der eigene Kleiderschrank als ungeliebtes Objekt. Was ziehe ich an? Soll ich die hohen oder flachen Schuhe anziehen? Was sieht besser aus? Ist das zu übertrieben? Die Auswahl des passenden Schmuckes ist noch einmal ein Thema für sich. Aber wenn sie gar nicht weiß, was dazu passt, hat sie die Universallösung: einen schlichten, schwarzen Plastikring. »Der Ring der Ringe« , wie sie ihn nennt. Dieser ist schon länger in ihrem Besitz. Sie weiß nicht mehr genau, wo sie ihn gekauft hat, aber für sie wäre es ein kleiner Weltuntergang, wenn dieser verloren gehen würde. Es ist eigentlich ein unbedeutendes Stück, der keinen großen materiellen Wert hat, aber er schafft Abhilfe bei kleinen oder großen Entscheidungen. Wenn auch nicht überaus wichtigen.

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»Weg die Scheiße« Das ist interessant. Denn wenn es um das Aussortieren und sich Trennen von Dingen geht, ist Ana eigentlich weniger emotional, wie sie selbst sagt. Sie hängt nicht an unnötigen Sachen, an sentimentalen Überbleibseln, zu denen sie keinen Bezug hat. Was die meisten Dinge in ihrer Wohnung betrifft, ist sie pragmatisch. Sie möchte nicht unnötiges Zeug ansammeln und sortiert deshalb lieber regelmäßig aus, was für sie eine Art Befreiung bedeutet, ein sich Trennen von Alt-Lasten. »Ich bin kein Gewohnheitsmensch.« Im Laufe des Gespräches wird mir klar, wie es sich verhält mit den Dingen und Ana. Denn es ist nicht nur der Wert selbst, der entscheidet, ob sie dem Objekt ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung widmet oder nicht, sondern vielmehr die Beziehung, die sie zu bestimmten Personen pflegt. Oder, wie im Beispiel der Schuhe oder dem schwarzen Ring, es die Wertschätzung der Objekte durch das Sich-eigens-leisten-Könnens ist. Findet sie Etwas hässlich, was ihr geschenkt wurde, schmeißt sie es eher weg oder gibt es Anderen, wenn sie keine besondere emotionale Verbindung zu der schenkenden Person hat. Sie ist da ziemlich kalt. Eine, wie sie sagt, »männliche Seite«, an ihr. Auf die Frage was bis jetzt das Bescheuertste war, was sie geschenkt bekommen hat, lacht sie kurz: »Eine Vase meines Vaters. Scheiß hässlich, wie von behinderten Kindern oder Alkoholikern getöpfert. Habe ich gleich entsorgt, nachdem sie kurz im Keller stand.« Es ist wie selbstverständlich für Ana nicht nötig, Zeit aufzuwenden um über die Aufbewahrung der Vase nachzudenken. Warum Unnötiges unnötig stehen lassen?

Meine Sammlung. Oder so.

ist umso erleichterter, als sie diese dann endlich in den Händen hält. Sie weiß Aufmerksamkeiten zu schätzen und wenn man sich Gedanken um ihre Person macht. Kleine Gesten. Vielleicht ist es wirklich keine Sammlung in dem Sinne, sondern eher eine Aneinanderreihung von musikalischen Ereignissen und Lebensstationen in ihrem Leben, die sie mit Erinnerungen verknüpft. Unlogisch. Einfach da. Ein Jazzgesang-Studium musste sie nach einem Jahr abbrechen, was sie immer noch bedauert. Aber Musik ist nach wie vor ein wichtiger Teil in ihrem Leben, was auch an dem Umstand liegen mag, dass ihr Vater Musiker ist und sie die Affinität womöglich von ihm »geerbt« hat. Mich interessiert in dem Zusammenhang die Frage, ob sie bestimmte Ideale und Vorbilder hat. Eine lange Pause entsteht, auf die eine, wie ich finde, doch sehr reflektierte Antwort kommt. Ein direktes Vorbild zu haben würde ja voraussetzen, dass man bestimmte Leute idealisiert. Das tut sie nicht. Vielmehr sind es gewisse Eigenschaften, die sie an Personen schätzt, wie zum Beispiel Loyalität, Disziplin, Selbstbewusstsein, Humor, Sarkasmus, beziehungsweise Personen, die sie in ihrem Tun bewundert. So wie die beiden brasilianischen Musiker Chico Buarquel und Elis Regina. Ich weiß, dass Ana Religionswissenschaften studiert. Ein Kompromiss? Vielleicht. Aber es scheint ein Thema zu sein, welches sie ungeachtet der Umstände doch sehr beschäftigt und interessiert. Ihre Neugier, andere Kulturen und Menschen kennenzulernen, das Eintauchen in andere Bräuche und Sitten und das Finden der eigenen Identität ist eine Triebfeder. Dies mag auch selbst an ihrem eigenen kulturellen Hintergrund liegen. Sie beschäftigt sich schon seit Längerem mit dem Judentum und hat schon mal mit dem Gedanken gespielt, überzutreten. Einen Schritt, den man nicht einfach mal eben wagt. Es bedarf reichlicher Überlegung und Auseinandersetzung mit dem Thema. Diese Zeit nimmt sie sich aber auch.

»Bist du eine Sammlerin?« Ana verneint. Als Sammlerin würde sie sich nicht bezeichnen. Mein Blick fällt auf ihre umfangreiche CD-Anhäufung auf der gegenüberliegende Seite des Zimmers. Das große Regal ist von oben bis unten mit diversen Musikträgern bestückt. Gibt es ein System? Nein, braucht es aber auch nicht. Ihre Affinität zur Musik ist nicht zu übersehen. Vor allem Musik aus ihrer Zeit als Teenager in den 80ern und 90ern, aber auch Klassiker, wie zum Beispiel Ella Fitzgerald, sind zu finden. Zu der Zeit hat sie sich viele CDs zugelegt. Das macht sie jetzt nicht mehr so oft, nur ab und zu. Ob sie sich davon trennen könnte? »Nein. Die Musik ist schon ein Teil von mir.« Es verhält sich wie mit den Lippenstiften: ein Art »Heiliger Gral«, Seelsorger, Unterhalter oder auch anderes. Mir fällt ein Zitat ein, was mir in dem Zusammenhang in den Sinn kommt: »Die Musik ist ein Ausdruck von Rhythmen in denen sich der Mensch in seinen emotionalen Lagen widerspiegelt.« Ja. Irgendwie der Soundtrack ihres Lebens. Sie sucht nach einer Mix-CD, die ich ihr zum Geburtstag geschenkt habe. Kleiner Abriss der 90er Jahre, zum in-Erinnerungen-Schwelgen und wild-durch-die-Wohnung-Tanzen. Darüber hatte sie sich sehr gefreut. Sie muss einige Zeit danach suchen und ärgert sich, dass diese nicht gleich auffindbar ist. Ana

Es besteht also ein enger Zusammenhang zwischen der Hingabe zu ihren Dingen und der Beziehung zu Personen in ihrem Umfeld, genauer gesagt zu ihrer Familie und ihren Freunden. Ein Verhältnis von Stabilität auf der einen Seite und fehlender Bindung auf der anderen. Das Interview läuft zu Beginn nicht ganz so flüssig. Ana ist ein wenig distanziert, habe ich das Gefühl, was sich jedoch im Laufe des Gespräches ändert. Nur als wir auf das Thema Familie und Freunde zu sprechen kommen, ändert sich die Stimmung ein wenig. Ich merke, dass es ihr ein wenig unangenehm ist, darüber zu sprechen und dass ich ein Stück weit in ihre Intimitätssphäre eintrete. Ich muss des Öfteren bohren und nachfragen. Zu ihrem Vater, einem Brasilianer, hat sie selbst kaum Kontakt. Wenn sie an ihn zurückdenkt, sind es keine guten

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Comfort Zone


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Erinnerungen, sagt sie. Trotzdem ist er öfters Thema in Gesprächen mit ihrer Mutter, aber ansonsten spielt er keine große Rolle in ihrem Leben, da er relativ früh die Familie verlassen hat. Auch zu ihrem Bruder hat sie kaum Kontakt. Sie möchte ungern näher darauf eingehen, das akzeptiere ich. Auf der Rückenlehne des blauen Sofas im Wohnzimmer sitzt eine schwarze Puppe. Ein Geschenk ihres Vaters, mitgebracht aus den USA, da es damals keine schwarzen Puppen in der BRD zu kaufen gab. Ihre Lieblingspuppe, obwohl sie nicht weiß, ob sie überhaupt je mit ihr gespielt hat. Ein Objekt ihrer Kindheit, nicht präsent in ihrem Leben, aber da. Auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers, auf dem Bett, welches hinter einem Kleiderschrank in einer Nische verschwindet, liegt das Gegenstück. Ein kleiner Teddy, der liebevoll »Arschi« genannt wird. Der Name sei auf seinen formschönen Po zurückzuführen, bedeutet sie mir mit Augenzwinkern. Ein Energie-Bär und »esoterischer Aussetzer« ihrer Mutter. Er ist das Zweitstück neben dem Exemplar, was ihre Mutter besitzt und eine Art Verbindungselement. Dieser kommt vor allem zum Einsatz wenn es ihr schlecht geht. »Leider vernachlässige ich ihn öfters.« Zu ihrer Mutter pflegt sie ein freundschaftliches, symbiotisches Verhältnis. »Ich bin meine Mutter in cooler!«, bemerkt sie beiläufig. Sie ist ein Anker und ein stabiler Bezugspunkt in ihrem Leben, auf den sie sich verlassen kann und deren MeiIch bin meine Mut ter nung ihr wichtig ist. Der Teddy scheint stelli n co o l e r! vertretend diese Funktion zu übernehmen « und ein vertrautes Element beziehungsweise Detail in ihrer Wohnung und ihrem Leben zu sein. Generell, so scheint es, ist ihre Mutter der einzige familiäre Bezug und gleichzeitig der wichtigste. So ist es eine fast logische Schlussfolgerung, dass sie vor zirka einem Jahr von München nach Berlin zu ihrer Tochter gezogen ist. Familie ist ihr schon wichtig, auch wenn es in ihren Augen absurd klingt, da sie selbst diesen großen Familienzusammenhalt nicht hat. Es muss ja keine Blutsbande sein. Aber mehr wäre auch nicht verkehrt.

Wenn es um Kritik zu ihrer Person geht, ist Ana eher dünnhäutig. Zurückhaltung ist nicht unbedingt ihre Stärke. So wie ich sie kenne, ist sie eine sehr impulsive, gefühlsbetonte Person, die aber im Bezug auf sich selbst bzw. Freunde und Beziehungen oft unsicher sein kann. Ihre ehrliche und direkte Art und ihr brasilianisches Temperament kann man da leicht missverstehen. Diese Erfahrung hat sie schon einige Male gemacht. Als ich Ana das erste Mal getroffen habe, wusste ich nicht genau, wie ich sie einschätzen soll. Aber ist man erst einmal in ihre »Wohlfühlzone« vorgedrungen, begegnet sie einem als herzlicher, offener Mensch, mit der man bedenkenlos einen über den Durst trinken kann. Sie selbst sagt, dass sie in Freundschaften, vor allem mit Freundinnen, sehr dominant sein kann, was in Beziehungen genau der umgekehrte Fall ist, wo sie eine, wie sie es nennt, fast »unterwürfige Rolle« einnimmt und gern die Kontrolle abgibt. Dabei wünscht sie sich manchmal, zurückhaltender zu sein. An dem Tag, als ich bei ihr

bin, hat sie gerade eine Freundschaft beendet. Wow, konsequent, denke ich. Aber ich verstehe ihren Standpunkt, auch wenn es kompromisslos klingen mag. Oberflächliche Bekanntschaften sind nicht ihr Ding und das damit verbundene Networking auch nicht, welches nur Zeit aufwendet, die sie nutzen könnte, um sich den Leuten zu widmen, die ihr wichtig sind und andersherum. Deshalb ist es wichtig, sich auf den kleinen Freundeskreis verlassen zu können, der sie, ihre Macken und Launen, kennt und damit umgehen kann. Das war auch schon früher in der Schule so. Ein fester Kern, wenn auch nur für kurze Zeit. Sicherheit ist ein wichtiges Stichwort. »Mir muss man öfters sagen, dass man mich gern hat«, sagt sie und lacht. Zwangsläufig ist ihr die Meinung ihrer Liebsten sehr wichtig. Manchmal zu oft. Dadurch entsteht ihre innere Unsicherheit, die nach außen hin gar nicht so zum Ausdruck kommt und eher erst einmal abweisend wirkt, eine Art Schutzmechanismus. Diese Sicherheit sucht und findet sie in ihren Beziehungen, die ich als eine Art Familienersatz verstehe. Wie auch der kleine Kern an Freunden ist es der Rückhalt und die Verlässlichkeit eines Wegbegleiters. »Kannst du schnell loslassen? Also bei Menschen in deinem Leben?« Das könne sie sehr schlecht, meint Ana. Es seien eher die anderen, die als erstes loslassen. Enttäuschungen haben sie unsicher gemacht, weshalb sie sich vielleicht auch deshalb nicht an Erinnerungen und Dinge festklammern möchte. Erinnerungen behält die im Kopf. »Gemachte Erfahrungen kann ich nicht konstruktiv in die Zukunft umsetzen. Ich mache gern immer die selben Fehler.« Weiter möchte sie nicht darauf eingehen. Mir fällt auf, dass wenige Fotos in der Wohnung zu finden sind. Nur zwei, die ich entdecke, stehen auf dem Bücheregal auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers. Diese verschwinden fast in der Masse der Bücher. Sie sind wie Erinnerungsschnipsel, die man immer mal wegräumen wollte, aber sich nicht durchringen kann und sich doch entscheidet, diese lieber stehen zu lassen. Darauf zu sehen, sie und ihr Ex-Freund, mit dem sie fünf Jahre zusammen war, eine für ihre Verhältnisse lange Zeit und auch ihre längste Beziehung. Eine wichtige Person in ihrem Leben. Diese enge Bindung lässt sich auch an der kleinen, blauen Schachtel ablesen, die vor mir auf dem Tisch steht. Auf dem Deckel in Blockbuchstaben die Worte You & Me eingestanzt. Darin sorgsam in dem Schächtelchen verwahrt, ein silberner Ring, auf dessen Innenseite Namen eingraviert sind. Genauer gesagt ein Verlobungsring. Es ist ein fast intimer Akt, als dieser aus seiner Halterung herausgelöst wird. Dieser war mal ihr Glücksbringer, eine Art Talisman, der sie beschützt hat. Sonst besitzt sie keinerlei solcher »magischen Objekte«. Da die Verlobung gelöst ist, hat er aber nicht mehr den gleichen Wert für sie. Der Bruch in der Beziehung hat die Funktion aufgehoben. Trotzdem scheint er, wie die Fotos im Regal oder das selbstgebastelte Geschenk ihres Ex-Freundes, von

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dem sie mir freudestrahlend erzählt, die Aufgabe zu haben, die Verbindung aufrecht zu erhalten. Eine emotionale Abhängigkeit, die sie nicht aufgeben möchte. Auf die Frage, was Ana aus der Wohnung mitnehmen würde, wenn sie sich in kürzester Zeit entscheiden müsste, überlegt sie einen Moment. Es wäre keine rationale Entscheidung. »Wahrscheinlich den Verlobungsring.« Es ist mittlerweile 18 Uhr. Ana muss bald zu ihrer Verabredung. Ich packe langsam meine Sachen ein und lasse meinen Blick noch einmal durch die Wohnung schweifen. Alles steht an seinem Platz. Ana nimmt die kleine blaue Schachtel und stellt sie wieder zurück in die Schublade. Wo sie Weihnachten feiert, frage ich. Dieses Jahr wohl gar nicht, meint sie. Das Jahr war nicht so gut, da wird sie nur sentimental, wenn sie zurückblickt. Wir umarmen uns zum Abschied. Im Hintergrund läuft Ice Ice Baby. Ich muss schmunzeln.

Eltern, als sie sieben Jahre alt war. So war sie es gewöhnt, an mehreren Orten und bei mehreren Bezugspersonen ein Zuhause zu haben. Sie sagt: »Es ist auch heute noch merkwürdig, nur ein Zuhause zu kennen«.

Dynamische Identität

Jana ist eine gute Freundin von mir, wir kennen uns seit vielen Jahren. Auf die Frage nach Objekten, die eine besondere Bedeutung für sie haben, zeigt Jana ein altes, stark abgenutztes Brotbrett. Das Brett hat sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen, die es schon benutzt hatte, als Jana noch ein Kind war. Es ist also ein Gegenstand, der ihr sehr vertraut ist und der für eine Verbindung zur Familie steht. Jana sagt selbst über das Brotbrett, dass Sie dieses gar nicht neutral beurteilen könnte, zum Beispiel ob es eine schöne Form hätte oder funktional wäre, da es so von Erinnerungen aufgeladen ist. Sie hat auch eine bestimmte Art und Weise es zu benutzen, die sie nicht ändern könnte. Auf die Nachfrage zu Gegenständen, die erst jünger in ihrem Besitz sind, zeigt uns Jana nach einigem Überlegen eine vertrocknete Banane. Diese liegt seit etwa einem halben Jahr auf ihrer Fensterbank, während Jana ihr dabei zuschaut, wie sich ihr Äußeres verändert. Jana erzählt uns, dass sie sich gerne mit solchen Alterungsprozessen beschäftigt, mit der Frage danach, wie sich Zeit abbildet. Was beide Gegenstände gemeinsam haben, ist, dass sie Zeit abbilden, dass ihnen eine Geschichte eingeschrieben ist. Auch bei einigen anderen Dingen, mit denen Jana sich umgibt, taucht ein ähnlicher Charakter auf. In ihrer Arbeit als Bühnenbildnerin ist sie daran beteiligt, Geschichten darzustellen bzw. Orte von Geschichten durch eine Kombinationen von Dingen vorstellbar und emotional erfahrbar zu machen. Man könnte vermuten, dass diese Dinge Ausdruck einer gewissen Sehnsucht sind. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach der eigenen Geschichte, nach Kontinuität, nach dem Einbetten des Selbst in ein größeres Ganzes, nach mehr Familie. Jana ist in Ihrem Leben oft umgezogen, das lag unter anderem an der frühen Trennung ihrer

Es würde mir schwer fallen, für Jana bestimmte dominante Charaktermerkmale zu definieren. Auch sie selbst konnte auf die Frage nach vorrangigen Charakterzügen zumindest unmittelbar keine Antwort geben. Ich würde ihre Identität als dynamisch beschreiben. Eine Identität, die in Bewegung ist, sich ungern festlegen lässt, aber dennoch wesentliche Kernüberzeugungen enthält, zum Beispiel die der ständigen Weiterentwicklung der eigenen Person. Ein Objekt, das Jana im Laufe des Interviews erwähnt, passt ganz gut dazu. In ihrem Zimmer hängen vier verschiedenfarbige Zettel, auf denen sie verschiedene Ideen, Aufgaben oder Ziele vermerkt, man könnte vielleicht sagen, erweiterte To-Do-Listen. Grafisch sind die Listen eine interessante Mischung: einerseits relativ chaotisch beschrieben, andererseits ganz akkurat nebeneinander aufgehängt. Quasi eine dynamische Ordnung, die sichtbar macht, dass alles in Bewegung ist, dass es keine klare Hierarchie von Prioritäten im Leben gibt, sondern viele verschiedene Bereiche, die sich parallel entwickeln. Als wir allgemein über Janas Zimmer sprechen, sagt sie, dass es immer etwa ein Jahr dauert, bis sie ihr Zimmer so eingerichtet hat, dass es ihr passend vorkommt. Ihr jetziger »Computerarbeitsplatz« ist zum Beispiel eher spontan entstanden und mitten im Raum platziert. Man kann allgemein sagen, dass ihre Vorgehensweise beim Einrichten keine planerische ist. Eher ein Ausprobieren und dann darauf reagieren und weiter gucken. Vielleicht etwas beim Trödler entdecken, mit etwas ganz anderem von IKEA kombinieren und so weiter. Zur Auswahl ihrer Kleidung, berichtet Jana von einem ähnlichen Prinzip. Meist gibt es ein Kleidungsstück, auf das sie gerade Lust hat und um das herum sie die anderen Kleidungsstücke kombiniert. Sie mag bei ihren Kleidungsstücken Kontraste, weil diese Spannung erzeugen. Die Spannung entsteht dabei eher durch ungewöhnliche Kombinationen als durch besonders schrille Kleidungstücke. Jana erzählt, dass sie als Jugendliche bei der Entwicklung ihres Kleidungsstils zwischen Anpassung und Abgrenzung zu ihrer größeren Schwester hin- und hergeschwankte. Einerseits war die Schwester Vorbild und sie wollte ihr ähneln, andererseits merkte sie früh ein Bedürfnis nach Abgrenzung, um als Individuum erkennbar zu sein. Die Abgrenzungstendenz hat sich dann eher durchgesetzt. Heute sucht sie

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Text und Bilder von Nicole Meckel

H eik o Rin t elen

Ich mach mir mich selbst


eher das Ungewöhnliche als das Angepasste. Diese Vielfalt und Offenheit in Janas Identität bedeutet allerdings nicht, dass sie beliebige Rollen annehmen würde oder Dinge austauschbar währen. Im Gegenteil, mein Eindruck ist, dass alles eine klare Bedeutung hat, die Vielfalt ist System und das Gegenteil von Beliebigkeit. Auf die Frage nach Werten und Normen nennt Jana (nicht ganz im Sinne der Frage) Neugierde und Humor – die idealen Werte in einem Leben, das sich ständig verändert. Jana sagt, dass sie ihre Identität ungern anpasst, so zieht sie zum Beispiel ungerne bestimmte Kleidung für bestimmten Situationen an. Eine Ausnahme gibt es hier aber – ab und zu arbeitet sie auf einer Messe. Hier trägt sie immer einen Ring. Sie hat ein ganzes Set von diesen Ringen, die sie selbst als Messeringe bezeichnet. Außer zu dieser Gelegenheit trägt sie selten Schmuck, der »passt irgendwie nicht«zu ihr. Wenn Sie aber diesen bestimmten Job macht, hat es sich eingebürgert, dass sie jeden Tag einen anderen der Ringe trägt. Im Gespräch klingt durch, dass ihr dieses Ritual Spaß macht. Es wirkt so, als würde sie sich dadurch selbst versichern, dass dies eine Ausnahmesituation ist, in der sie sich etwas verkleiden kann. Zumindest ist auffällig, dass die Ringe recht groß und exponiert sind, man könnte also sagen, eine klare Abgrenzung von ihrer sonstigen Identität, eine bewusste Entscheidung, hier eine andere Rolle anzunehmen.

Natürlichkeit/konservativer Kern Ein weiterer Aspekt, der öfters im Interview auftauchte, ist eine Tendenz zu konservativen Werten. Auch wenn konservativ allgemein sicher kein Begriff ist, den ich mit Jana verbinden würde, gibt es bei ihr eine Zuneigung zu klassischen Objekten und auch einen ausgeprägten Hang zu Natur und Natürlichkeit. Als alternativen Ort für das Interview, wenn es Sommer gewesen wäre, schlug Jana ihren kleinen Garten auf dem Tempelhofer Feld vor. Dies ist ein Ort, obwohl mitten in der Stadt, der allein durch seine Größe ein Gefühl von Weite und Natur vermittelt. Janas Garten ist zwar eher unorthodox im Vergleich zu einem klassischen Schrebergarten, aber liebevoll gestaltet und gepflegt. Auch hier findet sich wieder die Kombination von klassischem Motiv und alternativer Form. Jana verbindet mit diesem Ort ein Freiheitsgefühl, eine Orientierung am Horizont, und einen Kontakt zum Wetter, den Jahreszeiten. Es geht hier zum einen um eine traditionelle Tätigkeit, eine elementare Erfahrung: mit einfachen Mitteln einen Garten anzulegen, Gemüse groß zu ziehen und sich dem Wetter auszusetzen. Gleichzeitig ist der Garten, als Gemeinschaftsgarten, auch ein familiärer Treffpunkt. Man könnte sogar das hier empfundene Freiheitsgefühl als ein Verbundenheitsgefühl deuten. Also der Kontakt

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zur Natur als das Empfinden von Eingebundensein in etwas größeres Ganzes. In Janas Wohnung gibt es einige Objekte, die man zu den »guten alten Dingen« zählen könnte. Zum Beispiel ein Set von Stempelbuchstaben aus Holz, oder das Textilkabel der selbstgebauten Küchenbeleuchtung. Jana betont, dass es ihr wichtig war, für die Lampen ein Textilkabel und nicht irgendein Kabel zu benutzen. Unter den Dingen, die sie gerne noch hätte, nennt Jana einen Kamin und einen Ohrensessel. Beides sind Dinge, die eher zur konservativen Einrichtung zählen, aber heutzutage auch in sonst modern eingerichteten Haushalten wieder ihren Platz finden. Auch in Bezug auf ihren Körper erzählt uns Jana, dass es ihr wichtig ist, ein natürliches Gefühl zu diesem zu haben. Idealmaße oder irgendwelche Vorgaben aus der Werbung beeinflussen sie nicht so sehr. Eine künstliche Veränderung des Körpers kommt nicht in Frage, auch Tattoos hat sie keine. Mir scheint, dass dieser Hang zum Konservativen, Natürlichen und Humanistischem einen Kern von Janas Identität ausmacht, der weniger verhandelbar ist als viele andere Bereiche, eine Art innere Sicherheit, ein Grundgerüst des Selbst.

Wer ist das? Janas Identität zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich selbst nicht als gefestigt oder starr empfindet, sondern den eigenen Entwicklungsprozess in ihr Selbstbild integriert hat. So könnte man von einer vielschichtigen Identität sprechen, die aber kein Wechsel von verschiedenen Rollen bedeutet, sondern ein patchwork-artiges Geflecht von verschiedensten Einflüssen ist. Teil ihrer Kernidentität sind klassisch humanistische Werte, ein Hang zum Bewahren und auch eine grundsätzlich selbstreflexive Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. In ihrer Lebensgeschichte kann man den (Teil-)Verlust ihres familiären Bezugssystems und wechselnde Wohnorte als grundlegende Erfahrungen ausmachen, die sicher einige der oben beschriebenen charakterlichen Merkmale befördert haben. Als wir am Ende des Interviews allgemein über Identität sprechen, erzählt Jana von einem Erlebnis in der U-Bahn: Auf einer Bank in der Bahn sitzend schaut sie sich die anderen Fahrgäste in der spiegelnden Scheibe an, dabei merkt sie, wie sie die Personen ziemlich schnell in bestimmte Schubladen steckt. Irgendwann trifft ihr Blick in der Spiegelfläche auf ihr eigenes Abbild, für einen kurzen Moment schaut sie sich selbst so an als wäre sie eine fremde Person und überlegt in welche Schublade sie diese Person stecken kann. – »Wer ist das?« Text und Bilder von Heiko Rintelen

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Berlin-Weißensee im Winter, ein paar niedrige, graue Fünfziger-Jahre-Flachbauten mit kleinen deprimierenden Vorgärten, nur die Weihnachtsdekoration hellt die menschenleere Szene ein wenig auf. Es liegt Schnee und es ist sehr kalt, fünf Uhr, schon dunkel. Ein Stück weiter in der verlassenen Gegend liegt ein großer Backstein-Komplex mit mehreren freistehenden Gebäuden. Früher dienten diese Häuser den verschiedenen Regierungen, zuerst der NSDAP und später der SED, als Verwaltungsgebäude. Heute werden die Häuser als Ateliers genutzt. Man passiert einen hoch aufragenden runden Backsteinturm und überquert einen Hof. Jetzt sieht man auf der gegenüberliegenden Seite schon einen flachen Bungalow in der Mitte des Platzes. Das Häuschen, eher eine größere Garage, wirkt sehr klein zwischen den hohen Hauptgebäuden. Licht scheint durch das Milchglasfenster an der Seite. Vor dem flachen Bungalow, abgesteckt von steinernen Pflanzenkübeln ist eine kleine Piazza, eine Hollywoodschaukel steht da, ein Tisch und Bierbänke. Die Metalltür ist mit einer bunten Cartoon-Figur bemalt, drinnen hört man elektronische Musik. Wir klopfen an und Fabio öffnet. Ein heller Raum, ein Arbeitsraum und ein Studio. La Pizzeria. Im Zentrum ein Arbeitstisch, bedeckt mit Skizzen, halb leeren Weinflaschen, Stiften, Rollen von Papier. Ein Sofa, ein paar weiße Plastikstühle. An den Wänden hängen mit Absperrband befestigte Zeichnungen, an denen gerade gearbeitet wird, Leinwände in allen möglichen Größen

lehnen an der Wand. Stapelweise Bücher und Kataloge, Becher voller Pinsel, Sprühfarbe in dutzenden Dosen, Teller und Tassen, Pappbuchstaben, eine Kollektion von Action-Figuren, eine Gummimaske des grinsenden Silvio Berlusconi, ein weißer Elefant, die Hand einer Schaufensterpuppe mit roten Fingernägeln. Auf einem kleinen Schreibtisch versinkt ein mit Stickern beklebter Macintosh Computer in Bergen von bekritzeltem Papier und Krimskrams. Jede verfügbare Oberfläche ist mit Farbspritzern bedeckt. An der gegenüberliegenden Wand mehr Regale voller Bücher, eine Spüle und eine kleine Kochplatte umzingelt von (Glüh-)Weinflaschen und einem Topf mit Pasta von gestern. Dann ist da noch eine Staffelei mit dem einzigen Ölgemälde, das nicht mit dem Gesicht zur Wand steht; das in düsteren Fleischtönen gehaltene Porträt einer Frau mit einer Clownsnase. Italien ist überall: Eine italienische Flagge lehnt in einer Ecke, die geografische Karte Italiens klebt daneben, die Tür zum zweiten Raum ist mit einem grün-weiß-roten Logo versehen: La Pizzeria. Der zweite Raum ist ein bisschen kleiner und dient zur Zeit nur als Lager. Er ist bis zur Decke vollgestellt mit Leinwänden und in Schaumfolie verpackten Skulpturen, die auf den Transport zur nächsten Ausstellung in Mailand warten. Daniele sitzt, als wir eintreffen, am Computer und hat offenbar ziemlich Stress mit einem defekten Grafiktablett, unterbricht sein italienisches Fluchen aber, um aufzustehen und »Hallo« zu sagen. Küsschen links, Küsschen rechts. Dario begrüßt uns auch, Küsschen links, Küsschen rechts, und verabschiedet sich im gleichen Atemzug auch schon wieder. Fabio wärmt einen Topf mit Glühwein auf der Kochplatte und füllt das Getränk in verschiedene Gläser und Tassen. La Pizzeria ist der Arbeitsplatz von Blue & Joy. Eine Marke, ein Kunstprojekt von Daniele und Fabio, zweien von der Agenturarbeit und der Werbewelt angeödeten Freunden, die 2005 beschlossen, der Werbewelt den Rücken zu kehren und sich fortan nur noch ihrer eigenen Erfindung, zwei Cartoon Charakteren namens Blue & Joy zu widmen. Blue, der zwanghaft glückliche Charakter mit der immer währenden Träne, und Joy, die ewig traurige Figur mit dem lachenden Gesicht leben in einer von Daniele und Fabio erschaffenen Welt voller zutraulicher Hunde, die beißen; süßer Mädchen, die immer mit jemand anderem ausgehen; Regenwolken, die immer da hängen, wo man gerade spazieren geht und dem bösen Nachbarn Mr. Rude, der sich ständig über die zu laute Musik beschwert. Gemälde, Zeichnungen, Mosaike und Comic-Bücher dokumentieren die Erlebnisse dieser Figuren, die ständig irgendwo zwischen hoffnungsvoller Naivität und schwerer Melancholie schweben. Das Glück ist in Reichweite, comic-haft gemalt in bunten Farben und zum Greifen nah, doch im entscheidenden Moment kriegt man es nicht zu fassen und rutscht stattdessen auf einer Bananenschale aus. Die Bilder und Mosaike, die im Atelier herumstehen, verändern sich jede Woche, und immer, wenn ich zu Besuch komme, unterhält man sich über die neuen Arbeiten, die nächste Ausstellung, die laufenden Projekte. Daniele, Dario und Fabio sind seit zwei Jahren hier. Das Studio dient nicht nur

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K a t h r in K uhn

Fabio und »La Pizzeria«


als Arbeitsplatz, sondern auch als Wohnzimmer, in dem Parties gefeiert werden und den oft Freunde besuchen. Die beiden arbeiten hier an Blue & Joy, aber auch an ihrer eigenen Projekten. Fabio malt in Öl, und seine persönliche Arbeit ist sehr viel düsterer und ernster und weniger verspielt als Blue & Joy. Das Porträt der Frau mit der Clownsnase entstand im Verlauf einer unglücklichen Liebesgeschichte. Als zu Beginn der Himmel voller Geigen hing, malte Fabio die Frau mehrmals in großem Format, mit wilden und sehr bunten Pinselstrichen. Doch es endete kurze Zeit später unglücklich und das nächste Mal, als ich Fabio in seinem Studio besuchte, war da nur noch das kleine Bild von ihr, stark abgedunkelt durch eine neue Farbschicht, mit einer Clownsnase, die ihre Schönheit ins Lächerliche zieht. Auf die Frage, welches Kunstwerk er nie verkaufen würde, nennt er dieses. »Es ist zu sehr meins. Naja«, fügt er hinzu »Vielleicht für eine Million. Aber wer würde dieses Bild schon wollen?« Es gibt kaum eine Trennung zwischen Leben und Arbeiten. Die drei haben lange Zeit zusammen gewohnt und auch in der selben Wohnung gearbeitet, bis dann Beziehungen mit Frauen hinzu kamen, die das kollektive Leben komplizierter machten. Daniele ist mit 36 der älteste, er hat sich vor zwei Jahren eine Wohnung allein genommen, Dario und Fabio wohnen zu zweit. Das Studio ist das Zentrum, das Herz der Firma und der Freundschaft der drei. Little Italy. Oft sind italienische Freunde zu Besuch, viele davon arbeiten ebenfalls in der kreativen Industrie. Die Jungs sind vernetzt in Italien, Spanien und in den USA, aber hier wird meistens italienisch gesprochen. Nur wenn ich oder andere deutsche Freunde anwesend sind, steigt man auf englisch um. Die meisten Dinge, die hier in großer Masse herumfliegen, sind Allgemein-Eigentum. Alles dient zum Arbeiten, alles ist Gebrauchsgegenstand, es herrscht ein lebendiges, buntes Chaos und es gibt viele interessante und witzige Sachen zu entdecken, Erinnerungsstücke und Skurrilitäten. Wie die Berlusconi-Maske, die einmal ein Requisit für ein Gemälde war. Oder der selbst gemachte goldene Pokal, der im Sommer traditionell an den Gewinner des Fußballspiels der Atletico Gastarbeiter verliehen wird, ein Fußballclub, der bei einem der sommerlichen Barbecues gegründet wurde. Kaum ein Gegenstand hat materiellen Wert und alles gehört allen. Nichts ist vor Graffiti und Farbspuren sicher, nicht mal der große Desktop-Computer, natürlich ein Apple, mit dem immer Musik gehört wird. Als ich Fabio frage, was neben den Italienern das italienischste an diesem Ort sei, sagt er »Der Sinn für Humor«. Tatsächlich ist nicht nur die Arbeit der drei von einer manchmal sarkastischen, manchmal bittersüßen Komik durchdrungen, sondern auch der Umgang der drei miteinander ist ein dauerndes PingPong-Spiel von Witzen. Die drei lachen viel und ziehen sich gegenseitig auf. Sie haben immer irgendwas zu tun und wenn man ankommt, bekommt man ein Bier in die Hand gedrückt, ein Küsschen rechts und links, neue Arbeiten werden gezeigt und immer wieder fallen die drei ins Italienische zurück und entschuldigen sich im nächsten Moment auf englisch für diese Unhöflichkeit. Auch die Werbevideos, die als Ankündigungen für neue Ausstel-

lungen gedreht werden, sind zum Schreien komisch. Im neusten Video (Blue & Joy – jetzt auch auf Deutsch!) inszenieren sie sich als seriöse Deutsche. Sie sitzen mit bierernsten Minen in Anzug und Krawatten wie Versicherungsvertreter an einem Tisch und lassen sich live von deutschen Sprechern aus dem Off synchronisieren, wobei sie nur die Lippen bewegen: »Wir hoffen euch an beiden Eröffnungen zu sehen. Wir werden nett und sauber aussehen und natürlich klasse Hemden tragen.« Sie machen sich nicht nur über sich selbst lustig, sondern auch über die ernsthaften Sorgen des Lebens. Probleme mit der Liebe oder dem Geld oder der Arbeit, alles wird mit Humor genommen, und so wird es erträglich. Es macht Spaß, mit ihnen zusammen zu sein. Man hat instinktiv das Gefühl, dass diese Leute wissen, worauf es im Leben ankommt. Fabio kann man nicht beschreiben, ohne auf das Verhältnis zu seinen engen Freunden und Geschäftspartnern einzugehen. Man merkt, dass sich die drei sehr gut kennen. Fabio kennt Dario seit ihrer gemeinsamen Schulzeit in Mailand, Daniele seit über zehn Jahren aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Saatchi & Saatchi. Fabio beschreibt das gemeinsame Arbeiten als einen Prozess, der dadurch sehr natürlich funktioniert. Man macht sich Gedanken, diskutiert und skizziert gemeinsam. Es gibt sehr viel Streit über die Arbeit, und zwar nur über die Arbeit, wie Fabio betont, aber: »Wenn zu lange über eine Idee diskutiert werden muss, ist sie nicht gut.« Die beiden sind ein bisschen so, wie man ein altes Ehepaar beschreiben würde: »ein eingespieltes Team«. Dario, der dritte im Bunde, hat in Mailand als Handwerker und Klempner gearbeitet und sich als Helfer bei Blue & Joy unersetzbar gemacht. Die drei haben, wie so häufig bei langjährigen Freunden, eine eigene Sprache entwickelt, die Außenstehende manchmal nicht verstehen. Ein Geflecht aus Insider-Witzen und Anspielungen, gemeinsamen Erinnerungen und Anekdoten, die sie sich ständig gegenseitig zuspielen. Wenn man mit Fabio allein ist, und er etwas Witziges sagt, versteht man es manchmal nicht. Dann ruft er nach Daniele, der im Nebenzimmer ist, um ihm den Witz zu erzählen, denn eine gute Pointe zu verschwenden wäre ein Jammer. Und dass Daniele alles versteht und angemessen würdigt, ist sicher. Freundschaft und Humor sind die beiden Dinge, die allgegenwärtig in diesem Leben sind. Deswegen überrascht es auch nicht, dass Dinge einen relativ niedrigen Stellenwert einnehmen. Die Dinge, mit denen sich die Jungs im Studio, aber auch zuhause umgeben, sind hauptsächlich Gebrauchsgegenstände, Pinsel, Farben, Leinwände, und seit neuesten säckeweise Pillenhülsen für die Mosaike. Das sind die wichtigsten Dinge: Jene, die benutzt und dann weggeworfen werden, Material, das verarbeitet wird. Die Dinge, die wertvoll sind, erlangen ihren Wert dadurch, dass sie ausnahmslos selbst gemacht sind. Wenn jemand Geburtstag hat, wird ein Bild oder eine Zeichnung verschenkt, oder es wird eine Party gegeben, zu der man beispielsweise überall Poster des Geburtstagkindes auf dem Cover des Time Magazins aufhängt und sich Spiele zu seinen Ehren ausdenkt. An Fabios letztem Geburtstag gab es eine von Daniele und Dario erdachte Fabio-Lotterie, bei der man Zettel ziehen konnte, auf denen man erfuhr,

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was Fabio von einem hält oder auf dem man Küsse von ihm gewinnen konnte. Die Idee, in einen Laden zu gehen, und dem Geburtstagskind ein Geschenk zu kaufen, kommt einem angesichts dieser Praktiken sehr trostlos vor. Ein weiterer wichtiger Grund, weshalb Dinge in erster Linie entbehrliche Nutzgegenstände sind, ist das Umziehen. Fabio und Dario kommen ursprünglich aus Mailand, Daniele aus Rom. Als Fabio Mitte zwanzig war und bereits einige Jahre in einer Mailänder Werbeagentur gearbeitet hatte, zog es ihn weg aus Italien. Er wollte zu Saatchi & Saatchi, nicht nur aus seiner Sicht die eine und einzige Agentur, in der man arbeiten sollte, wenn man in der Werbung arbeitete. Also zog er nach Barcelona und lernte bei Saatchi Daniele kennen. Beide arbeiteten und lebten dann auch in London zusammen, wohin sie kurze Zeit später umzogen. Auf London folgte Berlin, hier sind sie nun schon seit fünf Jahren, aber wenn man mit den beiden redet, hat man nicht das Gefühl, dass Deutschland die letzte Station ihres Weges ist. Wenn man so oft das Land wechselt wie Fabio, ist es ratsam, nicht zu viele materielle Besitztümer anzuhäufen. Möbel nehmen die drei grundsätzlich nicht mit. Mit dem allernötigsten möblierte Wohnungen genügen ihren Bedürfnissen völlig. Zur Individualisierung werden eigene Bilder an die Wände gehängt, Geschenke von Freunden werden ausgepackt. Aber die Möbel selbst sind wie in einem Hotel, immer nur geliehen, Besitztümer auf Zeit, mit keinerlei emotionalem Wert aufgeladen. Statussymbole gibt es nicht. Gewiss, man arbeitet mit einem Mac. Aber der ist weder Fetisch, noch muss man sich sonderlich sorgen, ob der Computer dreckig wird oder nicht. Er ist ein Werkzeug wie alles andere, mit dem man arbeitet. Fabios Kleidungsstil folgt dem gleichen Prinzip, alles was er trägt ist funktional und fast alles ist mit Farbflecken übersät. Das einzige, was immer sauber ist und glänzt und mit sehr viel Sorgfalt behandelt wird, ist das Fahrrad. Dieses könnte man vielleicht sogar als eine Art Statussymbol betrachten. Es ist, natürlich italienisch, ein federleichtes Cinelli-Rad mit einem eigenen Namen: »Balarda«, was soviel heißt wie »wilde« oder »ungezähmte Frau«. Fabio und Daniele haben die Räder, die normalerweise sehr teuer sind, von der Firma geschenkt bekommen, nachdem sie persönlich angefragt haben, ob es der Marke nicht gefallen würde, wenn zwei italienische Künstler in Berlin damit herumfahren würden. Das Fahrrad wird gehegt und gepflegt und selbstverständlich auch individualisiert. Es wird lackiert und mit einem Motto versehen: »Ma io c’ho già i problemi miei« (»Ich habe schon meine eigenen Probleme«). Letzten Sommer hat Fabio die Handbremse von der rechten Seite abgeschraubt und sie in der Mitte des Lenkers, nach unten zeigend, wieder angebracht. Er hat mir das stolz gezeigt und gesagt er fände das supercool, weil niemand es hat. Dass es nicht besonders funktional ist, macht ausnahmsweise nichts. Auch im tiefsten Winter ist das Fahrrad einziges Fortbewegungsmittel. Fabio fährt nur U-Bahn, wenn es unbedingt sein muss. Das ist es, was er an Berlin besonders schätzt, sagt er, man kann hier fantastisch Rad fahren. Was er noch an Berlin mag?

Die Parties natürlich, und die Möglichkeit, einen unkonventionellen Lebensstil zu pflegen, ohne groß damit aufzufallen. Und die Berliner Frauen, sagt er, sind unvergleichlich auf der Welt. Die werde man sehr vermissen, wenn man eines Tages wieder mal umziehen werde. Ich frage ihn, was »Zuhause« für ihn bedeutet und er sagt, zuhause ist da, wohin er nach einer Reise zurückkommt, wo Freunde sind. Mailand ist die Heimat. Das Zimmer, dass er bei seiner Mutter bewohnt hat, ist immer noch fast unverändert geblieben und die meisten seiner alten Sachen, Bücher und Fotos, sind noch dort. In Barcelona hat er viele Freunde, also ist auch das ein Zuhause. Nur London nicht, mit London ist er nie wirklich warm geworden, zu teuer, zu stressig und zu materialistisch war diese Stadt für ihn. Ein Haifischbecken sei diese Stadt. Die nächste Station, die er sich wünscht, wäre New York. Nicht für immer, denn er liebe Europa zu sehr, und »ich will kein Americano werden«, aber doch für ein paar Jahre. Aber das ist erstmal nur eine Idee, denn im Moment gibt es große Veränderungen bei Blue & Joy und keiner weiß genau, in welche Richtung die Reise mit dem Projekt gehen wird. Sicher ist, dass man immer befreundet sein wird, was auch immer die Zukunft bringt. Die Freundschaft ist für diese drei genauso stabil und wichtig wie die Familie. Eins von Fabios Tattoos auf dem Oberarm ist die Zahl 54, die Hausnummer der Agentur in Mailand, in der er damals gearbeitet hat, und zwar die Hausnummer des Nachteingangs, wie Fabio grinsend präzisiert. Warum sollte man denn nachts nach einer Party in die Agentur gehen, frage ich ihn. »Die Agentur war unser persönliches Luxusapartment im Zentrum von Mailand.« Das 54-Tattoo ist ein Freundschafts-Tattoo, Ergebnis einer betrunkenen Junggesellenparty vor vielen Jahren in Prag, das die Haut von insgesamt fünf Freunden ziert. Mit allen steht Fabio noch in Kontakt, einer davon ist Daniele, die anderen leben in Italien. Fabio hat noch zwei weitere Tattoos. Ein großer Schriftzug zieht sich in Helvetica bold über den rechten Unterarm: »Bla, Bla, Bla« sagt das Tattoo lakonisch. Es soll eine humoristische Erinnerung daran sein, nicht zuviel leere Worte zu benutzen. Wenn ich manchmal mit Fabio um den heißen Brei herumrede, oder mich selbst beschwindeln will, hält er mir wortlos den Arm hin und bringt mich so wieder dazu, Klartext zu reden. Ein anderes Tattoo, auf der Rückseite des Oberarms ist in seiner eigenen Handschrift geschrieben: »Today I’m pretty lazy«. Was es bedeute? »Dass ich heute ziemlich faul bin«, sagt Fabio. Wenn er eine Sache an sich ändern könnte, wäre er gerne ein bisschen disziplinierter. Sonst ist er aber sehr zufrieden mit sich. Sogar die negativen Aspekte seiner Persönlichkeit würde er nicht ändern wollen. Und unangenehme Erfahrungen wie ein gebrochenes Herz hin und wieder gehören genauso zum guten Leben wie das Schöne. Neue Tattoos sind in Planung, ein definitives Motiv für das nächste gibt es noch nicht, aber es wird wohl wieder ein typografisches. Warum die Tattoos typografisch sind, frage ich, und die Antwort lautet einfach: »Weil es unterhaltsam ist«. Fabio sagt, dass er immer schon genau wusste, dass er einen kreativen Beruf ergreifen würde. Etwas anderes kam nie

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in Frage. »Wenn ich nicht das tun würde, was ich tue, wäre ich drogensüchtig«. Schon als Kind hat er ununterbrochen gezeichnet, auf Papier, auf seine Jeans und seine Sportschuhe. Später, als Jugendlicher in Mailand, schloss er sich der Streetart-Szene an, bemalte nachts mit Freunden legale und illegale Wände und Züge. Und direkt nach der Schule besuchte er eine Designakademie, die er aber nach » W e n n i c h n i c h t da s t u n nur einem Jahr hinschmiss, »weil mir alw ü rd e , wa s i c h t u e , wä r e les zu lange dauerte«. Er wollte lieber ari c h dro g e n s ü c h t i g . beiten. Mit 22 hatte er seinen ersten Job « in Mailand, schnell wurde er dann Art Director bei Saatchi & Saatchi. Die Werbewelt frustrierte ihn aber nach ein paar Jahren. Für Werbekunden arbeiten war ihm langweilig, weil alle immer nur das Produkt noch ein bisschen größer haben wollten und insgesamt gute und witzige Ideen nicht sonderlich schätzten. Die kreative Freiheit war sehr eingeschränkt, und das begann ihn zu stören. Saatchi & Saatchi war seine Traumagentur, und danach konnte sicherlich nichts Besseres mehr kommen, zumindest nicht in der Werbewelt. In einer Winternacht in London, erzählt er, waren er und Daniele allein in der Agentur. Sie sollten sich eine Werbestrategie für eine Versicherung einfallen lassen, »die langweiligste Aufgabe der Welt«. Sie hatten keine guten Ideen und skizzierten irgendwann nur noch ziellos herum. Fabio zeichnete das erste Mal die Figur Blue. Daniele sagte, da ist was Gutes dran, und sie machten zusammen den ersten Comicstrip von Blue & Joy. Am nächsten Tag schickten sie ihre Zeichnungen an ein paar Freunde und Kollegen. Sie mochten es. Und wenig später schmissen sie ihre Jobs bei Saatchi & Saatchi hin und zogen ins kreative Paradies Berlin, um sich selbstständig zu machen. Dario folgte ihnen ein Jahr später als dritter Mitarbeiter. Ich lernte Fabio 2008 kennen. Ich war damals Barkeeperin in der Erdbeer Bar, die Jungs wohnten und arbeiteten um die Ecke und kamen fast jeden Tag zum Feierabendbier in die Bar. In meinen ersten Erinnerungen an Fabio trägt er ein dunkelblaues T-Shirt, vorne mit dem Aufdruck »I am not working for Saatchi & Saatchi«, und auf dem Rücken steht: »You do«. Fabio erzählt mir heute, in der Agentur habe man einen großen Wert auf das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitarbeiter gelegt, sie sollten den guten Ruf der Agentur vor sich hertragen, darum hatten alle dieses T-Shirt mit der Aufschrift »I am working for Saatchi & Saatchi«, und dem dazugehörigen Print auf dem Rücken: »You don’t.« Als er und Daniele sich von der Agentur verabschiedeten, machten sie sich einen Witz daraus, das als Befreiung zu feiern und ließen sich eben jene Anti-Saatchi-Shirts drucken, in denen ich sie kennengelernt habe. Sie gehören nicht mehr zu Saatchi, sondern wurden ihre eigene Firma. Fabio sagt mir, das beste an der Freiberuflichkeit sei, »dass du kein Arschloch über dir hast, das dein Boss ist«. Mit der Unsicherheit, die mit diesem Lebenskonzept einhergeht, kann er immer besser umgehen, weil er in seine eigene Arbeit vollstes Vertrauen habe. »Wir sind zwar nie ausverkauft, aber wir ver-

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kaufen immer«, sagt er. Und das schon seit acht Jahren. Wenn man an seine eigenen Ideen glaube, geht es immer irgendwie weiter. Und wenn man gute Freunde hat. Das Lebenskonzept dieser Jungs ist ziemlich schlau. Sie beschweren sich nicht unnötig mit Besitz. Sie legen mehr Wert darauf, mobil zu sein, zu reisen. Und das macht das Leben sehr frei. Freunde und soziale Vernetzung sind wertvoll, darin investieren sie Zeit, Geld und Energie. Fabio sagt selbst entschieden: Dinge sind ihm nicht wichtig. Nur die Dinge, die er selbst erschaffen hat. Was er retten würde, wenn das Studio brennen würde? Die Gemälde, natürlich. Alles andere ist ersetzbar. Und sein Lieblingsspielzeug als er klein war: »Lego!«, sagt er, »Mit Lego kann man absolut alles machen. Und ich war ziemlich gut.« Text und Bilder von Kathrin Kuhn

M a r ku s B ecken

Es ist sehr kalt an diesem Tag in Berlin und auch schon längst dunkel auf den Straßen. Ich drücke den Klingelknopf an der grauen Haustür und gehe nach einem »Ja, Hallo?« und einem kurzen Surren in den Innenhof. Von dort schaue ich, wie immer, hoch zu dem Fenster im fünften Stock. Das brennende Licht sendet optisch schon etwas Wärme zu mir herunter. Im nächsten Aufgang, zu meiner Rechten, gehe ich die mit rotem, rauem Teppich überzogenen Treppenstufen hoch. Oben ist wie immer die Tür schon einen Spalt breit offen, um mich zu begrüssen und im nächsten Moment nimmt mich auch schon der Herr des Hauses freudig in Empfang. Nachdem ich in der Mitte des großen Zimmers der Einraumwohnung Platz genommen habe, greife ich voll Vorfreude in meinen Rucksack und hole eine Flasche Glühwein heraus. Mein Freund kommt wenig später mit dem nun erwärmten Getränk wieder und sofort durchzieht ein wohliger Duft den Raum. Die Tonbecher, stilgetreue Requisiten von einem vergangenen Weihnachtsmarktbesuch, wirken sofort ein wenig fremd in ihrer modern gehaltenen Umgebung. Mit dem noch sehr heißen Becher ist auf dem weißen IKEA-Sofa jetzt Vorsicht geboten. Natürlich war damals bei der Anschaffung klar, dass es damit Probleme geben könnte und auch würde, aber der ästhetische Anspruch war gegenüber der Wahl einer unkomplizierteren Farbe klar vorrangig. Das Sofa ist in diesem Raum unter Bekannten, denn so gut wie alle Möbel stammen aus dem schwedischen Einrichtungshaus. Dies fällt mir sofort auf, und auch mein Freund, der seinen Blick zuerst einmal prüfend durch den Raum wandern lässt, muss mir dann zustimmen. Es scheint als hätte er wahrlich eine IKEA-Sozialisierung durchlaufen. Er wirft ein, er habe ja schon damals während unserer gemeinsamen Realschulzeit sein Schulpraktikum bei IKEA in Waltersdorf absolviert. Dann überlegt er, dass eigentlich schon seine Eltern diese Möbel favorisierten und

Die Dinge eines Freundes

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die IKEA-Leidenschaft seiner Halbschwester ihm lange Vorbild war. Die Wahl seines Interieurs zeigt also sicher nicht nur die Verbundenheit mit einer Marke sondern auch die mit seiner Familie. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, konnte ich eine Rebellion gegen deren Werte auch sonst nie in der Vergangenheit beobachten. Auch die Tatsache, dass seine Geburtstage sich in den letzten Jahren zu großen, generationsübergreifenden Familienfeiern im Garten entwickelt haben, neben den Beeten mit Gemüse und rein dekorativen Hanfpflanzen, ist guter Dünger für diese Annahme. Direkt hinter dem Sofa steht ein Schreibtisch wie eine Kommandobasis im Raum. Als Kontrolldisplay dient ein 27 Zoll iMac, der auf dieser Bühne seine elegante Aluminiumrückseite voll zur Geltung bringen kann. Aber er ist nur eins seiner Obststücke aus einer großen, elektronischen Apfelkiste. Auch ein iPhone und neuerdings ein MacBook Air zählen dazu. Überhaupt war mein Freund schon früh den Produkten der Marke Apple verfallen und nannte einen iPod, einen iPod Touch und später einen Mac Mini neben seinem PC sein eigen. Einem Kult um die Marke pflegt er meiner Meinung jedoch nicht. Andererseits, als er mir vom Betriebssystem und dem Hand-in-Hand-Arbeiten dessen mit der Hardware vorschwärmt, klingt es, als würden wir über die Frau fürs Leben reden. Dass er für seine neue, wahnsinnig schlanke und schicke »Partnerin« fürs Studium der Wirtschafts-Informatik sogar Schulden gemacht hat, ist ihm egal. Das MacBook Air ist nun mal perfekt auf seine Ansprüche zugeschnitten. Leicht, transportabel, praktisch und dennoch schön. Natürlich liegt sein Augenmerk hier aber besonders auf dem Charakter, also dem Betriebssystem. Sein Streben nach Perfektion von technischen Dingen kommt hier wohl am deutlichsten zum Vorschein. Neben dem Sofa und den zwei kleinen, zusammengestellten Tischen steht noch ein blau gestreifter Sessel ohne Armlehnen, der ein Geheimnis unter seinem Mantel verbirgt. Hinter dieses kommt man allerdings erst, wenn man ihn genauer kennt. Er wurde noch im alten Kinderzimmer, als Sitzgelegenheit vor dem Computer, in erster Linie aber als ausziehbare Schlafgelegenheit für Gäste, angeschafft. Die Tatsache, dass hier mehr an das Wohl der Freunde gedacht wurde, als an das eigene bei der täglichen Arbeit am Computer, ist schon bemerkenswert. Aus seinem ersten Job wurde der Sessel schon bald wegen Untauglichkeit freigestellt, um von da an voll und ganz seiner eigentlichen Bestimmung nachzugehen. Die soziale Komponente und deren Wert für den Besitzer, zeigt sich an diesem Sessel wohl am deutlichsten. Ein magisches Objekt, das den Hausherren schon seit seiner Geburt begleitet, ist Erwin. Erwin wohnt mit Gleichgesinnten in einer Kiste im unteren Stockwerk des Regals. Die Oma meines Freundes hatte diese Stoffpuppe für ihn genäht und die beiden wurden schnell unzertrennlich. Das Einschlafen ohne Erwin war so gut wie inakzeptabel und die Wunden der Zeit wurden mit Nadel und Faden-Operationen möglichst gut versorgt. Jetzt sitzt Erwin kurz bei uns auf dem Sofa und genießt sichtlich die Aussicht und die Aufmerksamkeit. Statt eines Fernsehers wirft ein hinter dem Sofa befindlicher Beamer ein drei Meter breites Bild an die weiße Wand. Wir schauen eine Folge der amerikanischen Erfolgs-

serie Mad Men. Der vorherige Beamer wurde durch dieses bessere Model ersetzt und weiterverkauft. Alle technischen Geräte in der Wohnung scheinen je nach Bedarf und finanzieller Möglichkeit immer wieder durch neuere ersetzt worden zu sein. Eine emotionale Aufladung zu diesen Dingen oder ein persönlicher Bezug, welcher eine Trennung erschwert hätte, scheint nie stattgefunden zu haben. Anders als von technischen Geräten kann mein Freund sich hingegen nicht von seinem Fahrrad trennen. Dieses hat er wie ein dreidimensionales Kunstwerk im 90-Grad-Winkel an die Wand neben dem Bett gehängt. Vorbild für diese Anbringung waren hier ähnliche Beispiele aus amerikanischen Serien, welche er früher sah. Der Rahmen ist schon seit der Schulzeit in seinem Besitz, doch so gut wie alle anderen Teile wurden immer wieder erneuert und verbessert. Mit Hilfe seines älteren Halbbruders, der bei Fahrrad Stadler arbeitet, wurde dieses Fortbewegungsobjekt für ihn zu mehr als einem Gebrauchsgegenstand, der dem Wetter unten im Innenhof ausgesetzt werden darf und der stattdessen lieber in den fünften Stock hoch getragen wird. Hier ist das Objekt wieder emotional aufgeladen und Teil seiner Identifikation mit seiner Familie, durch dessen Anbringung aber auch mit der amerikanischen Lebenskultur, geworden. Bei der Frage nach den Gegenständen, die er nicht so mag oder sogar hässlich findet, antwortet er, dass ihm eigentlich nur die weiße, klobige Einbauküche einfällt. Diese war beim Einzug schon Teil der Wohnung und eigentlich auch sehr praktisch. Lieber wäre ihm allerdings eine große, offene Küche. Eine wie diese, die man auch wieder oft in amerikanischen Serien und Filmen sieht. Auch hier schwingt wieder die Befürwortung für das soziale Beisammensein in den eigenen vier Wänden mit. Die Faszination für das amerikanische Lebensgefühl zeigt sich aber auch in dem Wunsch, später einen amerikanischen Oldtimer der 60er und 70er Jahre, zu besitzen. Anders als bei den Apple-Produkten steht hier die Ästhetik, der besondere Sound der Motoren und die Aura im Fokus, weniger oder kaum die Bedienbarkeit, der Komfort und der Gebrauchswert. Mein Freund führt an, sein Lieblingsplatz in der Wohnung sei sein ein Meter und vierzig breites Bett. Dieses steht direkt am Fenster und wirkt wahrlich wie ein Ort, an dem man sich gerne lange aufhalten könnte. Schwärmend umschreibt er, wie sich im Sommer die Sonnenstrahlen ihren Weg durch das Fenster auf das Kopfteil des Bettes bahnen. Natürlich ist dieses vom Gestell bis zur Bettwäsche von IKEA. An der Wand hängt unter einer leicht überfüllten Pinnwand ein Poster von der Band Royal Republic. Mit originalen Autogrammen, welche er nach einem Konzert ergattern konnte, hängt es dort wie die Trophäe einer erfolgreichen Jagd. An der Pinnwand befindet sich auch noch eine andere originale Unterschrift, und zwar die von

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Angela Merkel auf deren Autogrammkarte. Dieses Kitschobjekt des bekennenden Nicht-CDU-Wählers, strahlt neben dem Lächeln der Kanzlerin auch aus, dass es sich hierbei lediglich um ein spaßiges Trashobjekt handelt. Von seinen Besuchern wird dies auch so wahrgenommen, da es nicht zu seinem übrigen Stil passt. Dass die konservativen Werte, die der Karte der Bundeskanzlerin anhaften, nicht zu ihm passen, wird mit dem riesigen Pulp Fiction-Poster zwei Meter weiter im Flur noch bestätigt. Die Coolnes, mit der Samuel Jackson und John Travolta ihre gezogenen Waffen ins Wohnzimmer richten, soll sicher auch zur heimlichen Wunschidentifikation für den allgemein völlig friedfertig geltenden Ex-Zivildienstleistenden dienen. So kompromisslos zu sein wie die knallharten Gangster in den Filmen, die er mag, würde seine größte Macke, nicht Nein sagen zu können, wohl auch hinfällig machen. Noch ein außergewöhnlicher Gegenstand ist die Bahnhofsuhr von IKEA im Flur. Sie ragt, ebenso wie das Fahrrad, dreidimensional aus der Wand heraus. Diese bleibt selbst der Frau, die einmal im Jahr zum Heizungs-Ablesen kommt, im Gedächtnis. Sie erscheint immer mit den Worten: «Ach wieder die Wohnung mit der Bahnhofsuhr«. In den Dingen, mit denen sich mein Freund umgibt und sich sicherlich auch in Zukunft umgeben wird, zeigt sich seine Vorliebe für ästhetische und manchmal auch außergewöhnliche Dinge. Objekte die ihm wichtig sind, haben meist einen Bezug zu Freunden oder Familie, mit denen er sich gerne zu identifizieren scheint. Die durch amerikanische Serien und Filme glorifizierte Lebens- sowie Einrichtungsart spielen wohl auch in der Zukunft eine wichtige Rolle. Wir schauen noch eine Folge von Mad Men und auch dort könnte man wieder viele Einrichtungsideen finden. Es ist spät geworden und der Glühwein ist leer. Ich verabschiede mich und gehe nach Hause. Text und Bilder von Markus Becken

Aufgrund der hohen technischen Rafinesse der Hose würde er sie am liebsten gar nicht mehr ausziehen. »Sie ist leicht und hält trotz der Dezember-Temperaturen angenehm warm.« Wichtig ist ihm dabei aber nicht nur die Funktionalität der Hose. Für ihn markiert die Hose Understatement in Insider-Kreisen. Dass man ihn auch auf der Straße als Kletterer erkennt, ist ihm wichtig und auch bewusst. Das macht die Hose für ihn zu einem seiner liebsten Besitztümer. Einzig der Grund, dass man ihn als unordentlich oder unhygienisch wahrnehmen würde, lässt ihn ab und zu eine andere Hose anziehen. Dinge, die er liebt, nutzt er gern und oft. Andernfalls haben sie für Ihn keinen großen Wert.

Nähen und Mode Von seinem ersten Gehalt kaufte er sich eine Hugo Boss-Hose. Er liebte sie und zog sie an, bis sie sprichwörtlich nur noch in Fetzen von seinen Beinen hing. »Was mache ich da eigentlich?« fragte er sich zu dem Zeitpunkt. Das scheint mir charakteristisch für ihn. Mit 19 Jahren fand er eine ungenutzte Nähmaschine seiner Mutter, an der er autodidaktisch das Nähen lernte. Er nutzte die Nähmaschine für alles: Leder, Karton und sogar beim Bau von Skulpturen. Wenn der Motor streikte, drehte er sie mit der Hand weiter. Jacob nutzte die Nähmaschine ohne Rücksicht auf Verluste. »Diese Maschine hatte nichts von den technisch feingliedrigen Geräten, an denen ich inzwischen arbeite.« Erst als die Nähmaschine kaputt ging, bemerkte er schmerzlich, wie wertvoll sie ihm war. Aber nicht, weil sie einen Teil einer Erinnerung dargestellt hätte. Weder die Erinnerung an seine Mutter, noch die an seinen Startpunkt der Schneiderei. Ihn schmerzt einzig die Tatsache, dass nur diese Nähmaschine ihm die Möglichkeit gab, zu nähen, ohne Vorsicht walten lassen zu müssen. Die Liebe zu dem Gegenstand steht für ihn also in direkter Beziehung zu ihrem praktischen Nutzen.

Zwanzig XL-Versandpakete

Jakob trägt dort am liebsten seine Kletterhose der Firma MOON. Bevor er diese Hose kaufte, trug er das Vorgängermodell des selben Fabrikats. Er trägt diese Hose jedoch nicht nur zum Klettern.

Die für Jakob ständig scheiternden Ordnungssysteme wechseln zwar alljährlich, bringen aber kaum Verbesserung in seinen Alltag. Interessanterweise investiert er trotz seines Interesses für schöne Dinge kaum Geld in sein Mobilar, also auch kaum Geld in Aufbewahrungsmöglichkeiten. Für ihn lohnt es sich nicht, die täglich gebrauchten Dinge in ein Ordnungssystem einzupflegen, da sie dort vor und nach dem Gebrauch eh kaum lange liegen dürften. Wohl aber die Massen an Material, die sich über die Jahre in seinem Wohnraum angestaut haben. Da er sich den Wunsch eines eigenen Ateliers bis heute noch nicht verwirklichen konnte, ist sein Wohnraum auch der Platz, an dem er das meiste Material aufbewahrt. Zwar arbeitet er zumeist an der Hochschule, doch dort gibt es kaum Möglichkeiten zur Aufbewahrung. So sammelten sich über die Jahre des Studiums allerlei nicht verwendete, zuviel gekaufte oder gefundene Dinge an. Von den obligatorischen Sprühund Lackfarben über Knopfsammlungen bishin zu Carbon- und Acrylresten stauen sich die Dinge des Arbeitsalltags mal in Kisten,

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L o ui s W eidenk o pf

Jakob ist 26 und studiert seit drei Jahren Produktdesign in Berlin. Er wohnt zur Zeit übergangsweise in einer Wohngemeinschaft. Da er mit dieser kurzfristigen Wohnsituation nicht glücklich ist, treffen wir uns für das Interview statt in seiner Wohnung in der Boulder- und Kletterhalle Am Kegel. Das ist nicht nur sein Arbeitsplatz sondern auch der Ort, an dem er den Großteil seiner Freizeit verbringt.

Die Beseelung der Dinge

Kletterequipment


mal in Schränken und mal wild auf dem Boden verteilt. Sein aktueller Ansatz, dieses Durcheinanders habhaft zu werden, stützt sich auf zwanzig XL-Versandpakete, die er nach verschieden Themen wie Farben, Drähte, Stoffe oder Leder unterteilt und beschriftet hat. Im Augenblick rätselt er noch, ob er die Kisten, wie vom Hersteller angedacht, mit der weißen, beschrifteten Seite nach außen zusammenlegt, oder er sie lieber mit der unbehandelten Seite nach außen faltet. Die Kisten an sich bilden nicht die Grundlage für emotionale Verknüpfungen. Eher stehen sie für das zwiespältige Verhältnis, das Jakob zu den weniger emotionsgeladenen Dingen in seinem Umfeld hat. Das Material ist ihm eigentlich nicht wichtig, trotzdem kann er es einfach nicht ent» 3 3 Eu ro fü r z wa n z i g sorgen. Der Grund hierfür ist weniger seine Pac k a r t o n s , i s d o c h s u p e r . finanzielle Situation beziehungsweise der Da ko m m t n o c h ’ n R eg a l Geldwert des Materials, sondern viel mehr a n d i e Wa n d, a l l e K a r t o n s die Überlegung, er könnte das Material noch r e i n – fe r t i g . mal gebrauchen. Es könnte ja eben exakt « dieser Knopf oder genau jene Farbnuance sein, die er irgendwann bräuchte. Trotzdem trägt ihn insgeheim die Hoffnung, diese Ansammlung von Dingen eines Tages zu stoppen. Diese Hoffnung, so scheint es, drückt er aus, indem er der Art der Aufbewahrung seines Materials eine eher untergeordnete Rolle zukommen lässt. Es soll zwar praktisch sein, aber keinen Aufwand machen und nicht viel kosten.

Jakob allerdings, nicht fachkompetent genug, ist über die Jahre des Kümmerns von diesem Gerät frustriert. Zunächst hatte er sparen wollen, doch durch die zusätzliche Arbeit ist für ihn der vermeintliche Mehrwert verflogen. Was bleibt, ist der Frust der Enttäuschung. Interessanterweise war für ihn der Beweggrund dafür, sich ebenfalls das Gehäuse vom Mac Pro für zusätzliche 200 Euro zu kaufen nicht, den Anschein eines echten Mac Pro herzustellen, sondern die Ästhetik des Gehäuses.

Wassily Sessel Ein Gegenstand, der ihm inzwischen ein Dorn im Auge ist, ist der Sessel Wassily von Marcel Breuer, den er von seinem Vater geschenkt bekam. Sein Vater sparte damals hart auf die tausend Mark. Und als Jakob ihn Jahrzehnte später mit etwa zwanzig Jahren geschenkt bekam, freute er sich immens darüber, als junger Produktdesign-Student so einen Designklassiker zu besitzen. Nachdem er den Stuhl die letzten Jahre aber kaum benutzte, stört ihn heute der Besitz nur noch. »Nicht, dass ich mit den etwa 600 Euro Zeitwert besondes viel anfangen würde, aber was soll ich nur mit diesem Stuhl.« Seit einigen Monaten ist der Designklassiker im Keller abgestellt. Zum einen symbolisiert dieser Stuhl wahrscheinlich das schwierige Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater, welches er hier und da andeutet. Zum Anderen konnte er keine persönliche Beziehung zu diesem Stuhl entwickeln. Jakob kauft sich nur neue Dinge. Obwohl er nicht viel Geld hat, verabscheut er Secound-Hand-Ware. »Ich glaube an die Beseelung der Dinge.« Jakob fühlt sich beklommen, wenn er von zu vielen alten Gegenständen umgeben wird. Die Geschichte, die an diesen Gegenständen hängt, bedrängt ihn. »Ich beschäftige mich zu sehr mit den Dingen«.

Hackintosh Wie viele Studenten in gestaltungsorientierten Studienrichtungen trug sich auch Jakob eine Weile mit dem Gedanken, sich einen Mac-Computer zu kaufen. Da ihm jedoch ein portables Macbook für seine Arbeiten nicht lohnenswert schien und ein normaler iMac für 3D-Anwendungen zu leistungsschwach ist, fokussierte er sich auf einen Mac Pro. Wegen des hohen Preises entschloss er sich dann aber einen Hackintosh zu bauen. Ein Hackintosh ist ein Computer, der aus einzelnen Elementen wie Grafikkarte und Festplatte zusammengebaut und so modifiziert wird, dass sich darauf ein Apple-Betriebsystem installieren lässt. Oftmals wird als Gehäuse für den Computer ein Originalgehäuse von Apple verwendet, um ihm den Anschein eines echten Geräts aus dem Hause Apple zu geben. Selbst einen Hackintosh zu bauen, spart zwar oftmals eine Menge Geld, setzt aber auch ein nicht unerhebliches Maß an Fachwissen voraus. Allgemein üblich ist der Wunsch eines Hackintosh-Besitzers, dass das Gerät in Qualität und Aussehen nicht von einem üblichen Apple-Gerät zu unterscheiden ist. Weiterhin löst es beim Erbauer und Besitzer das Gefühl aus, gut gehandelt, weil Geld gespart zu haben. Mit jedem Benutzen des Geräts erlebt man eine Bestätigung der eigenen Fachkompetenz, was als persönliche Aufwertung empfunden wird. Allerdings muss ein Hackintosh gepflegt werden, da es nicht selten Updates nachzubessern oder anzupassen gilt. Ein kompetenter Hackintosh-Besitzer könnte diese zusätzlich zu investierende Zeit als Äquivalent zum eingesparten Geld ansehen. Was bleibt, ist der schöne Schein, ein Originalgerät zu besitzen.

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Text und Bilder von Louis Weidenkopf

S t efanie P ae s chke

Als wir die Wohnung von Cora betreten, lassen wir den trüben und kalten Novembertag sofort hinter uns. Wir befinden uns in einer herzlich warm eingerichteten Altbauwohnung in einem eher dörflich anmutenden Stadtteil Berlins. Die einzelnen Zimmer sind tageslichtdurchflutet, mit Stuck an den Decken und abgezogenen Dielen. Der Blick aus den Fenstern fällt sofort auf die zerfallene mittelalterliche Kirche, welche mit ihrem romantischen Charme bezaubert. Die Wohnung wirkt freundlich und lebendig, vereinzelt liegt etwas herum; Kindersachen, Bücher, Klamotten, aber ohne dass wir uns als Gäste unwohl fühlen. Cora ist erst kurz vor der Geburt ihres Sohnes Till mit ihrem Freund Ben zusammen gezogen. Neue Einrichtungsstücke haben sie sich nicht kaufen

Die frisch gebackene Mutter

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müssen, da beide ausreichend viele Möbel mitbringen konnten. Cora wirkt entspannt, sie trägt ihren neu geborenen Sohn auf dem Arm und strahlt. Das sieht nach Glück aus. Wir sind im Wohnzimmer und die große rote Couch sticht sofort ins Auge. Sie lädt uns förmlich dazu ein, es uns gemütlich zu machen. Ein hölzerner Schreibtisch steht vor dem Fenster neben der Balkontür. Ein sehr elegant wirkender Stuhl ersetzt einen üblich praktischen Schreibtisch-Stuhl. Eine alte Holzkiste dient als Beistelltisch für Kleinigkeiten wie mehrere Döschen, weiteren Büchern und einem goldenen Bilderrahmen, der eigentlich ein Ohrring-Halter ist. Direkt daneben steht eine große alte Stehlampe, mit einem gedrechselten Standbein und einem bedruckten Lampenschirm. Doch nun zum Herzstück des Raumes: die Kuschel-Ecke in Form einer Matratze mit vielen Kissen und Decken auf dem Boden. Der Spiel- und Kuschelplatz für die frisch gebackene Familie. Es wirkt, als wenn alles genauso sein soll und gut so ist, wie es ist. Aber Cora verrät uns, dass sie diese Ecke im Normalzustand nie zulassen würde, da sie sie als zu rumpelig empfindet. Aber für den kleinen Till ist es perfekt, für seine Mutter ein Kompromiss auf Zeit. Der ganze Raum ist mit Einzelstücken möbliert, und jedes hat seine eigene Geschichte. So ist die große Stehlampe das einzige Möbelstück in diesem Raum, das Ben beisteuern konnte. Das Einzige, worüber es zwischen Cord und Ben keinen Diskussionsbedarf gab, ob es mit einziehen durfte oder nicht. Die ungeliebte schwarze Ledercouch dagegen wurde in das zukünftige Kinderzimmer verbannt und wird hoffentlich bald verkauft, verrät sie uns. Das Wohnzimmer ist also von der Einrichtung her ihr Zimmer. Ein Ort, an dem sie sich besonders wohl fühlt. Deswegen führen wir unser Gespräch auch hier. Die große rote Couch trägt einen großen Teil dazu bei. Sie ist so etwas wie ihr magisches Ding. Den Ort, wo sie steht, sieht Cora als ihr Zuhause an. Dieses besondere Stück hat sie sich von ihrem ersten selbst erarbeiteten Geld gekauft, und es begleitet sie seit ihrer ersten eigenen Wohnung. Sie spricht sogar von der Couch als Anker und erzählt uns im selben Zug, dass sie als Kind oft umgezogen ist. Sie hatte zwar nie ein Problem damit, wünscht sich aber für ihre Zukunft, darauf verzichten zu können. Dort wo die Couch im Moment steht, da steht sie erst mal gut. Der einzelne Stuhl vor dem Schreibtisch ist ein weiteres Lieblingsstück. Frisch bezogen könnte er sofort als Requisite für eine Sissi-Verfilmung dienen. Er wirkt herrschaftlich, elegant und wertvoll. Er ist ein Geschenk von einem Antiquitätenhändler, für den sie lange Zeit gearbeitet hat. Doch auch dieses Stück musste erst in einer lebhaften Diskussion bestehen, damit es mit einziehen durfte. Cora ist sich seitdem sicher, dass sie den Stuhl niemals hergeben würde und sie ist jederzeit bereit, dafür zu kämpfen.

Die Wohnung soll vor allem ein Ort der familiären Geborgenheit sein. Als Fixpunkte ihres Lebens sieht sie ihre Familie. Im Besonderen ihre Mutter, zu der sie eine sehr enge Beziehung hat. Vielleicht auch, weil sie Einzelkind ist. Auch die Bindung zu Ben und Till wächst mit jedem Tag und wird für Cora immer bedeutender. Für sie ist der Umgang miteinander besonders wichtig. Ehrlichkeit und Offenheit nehmen die Stellen ganz oben in ihrer Rangfolge ein. Sie möchte mit ihren Liebsten immer über alles reden können und besonders jetzt, nach der großen Veränderung durch Till, macht sich das bemerkbar. Es ist für ihre Beziehung zu ihrem Freund sehr wichtig, sofort über Probleme zu sprechen und dabei m.glichst offen zu sein. Denn besonders jetzt liegt ihr viel daran, dass ihr Familienleben funktioniert und harmonisch ist. Am Anfang unseres Gesprächs wurde sehr schnell klar, dass sich Cora in den letzten Monaten sehr verändert hat und jetzt alles auf ihr Baby ausgerichtet ist. Sie stellt ihre eigene Person weit hinten an, ist ganz und gar für den Kleinen da. Vor ihrer Schwangerschaft hat sie sehr viel Wert auf besondere Kleidung oder Schuhe gelegt. Jetzt sieht sie das als überflüssig und viel zu hoch bewertet an. Sie geht sogar so weit, dass sie sagt, sie könne sich gerade keine Dinge für sich allein kaufen, da sie immer ein schlechtes Gewissen habe, aber sie verspüre auch gar kein Verlangen danach. An erster Stelle steht jetzt Till. Wir gehen trotzdem noch einmal auf die Zeit davor ein und fragen nach. Cora erzählt uns von einem ganz speziellen Schuhladen, in dem die Schuhe zwar nicht ganz billig seien, sie aber nie daran vorbei gehen konnte. Praktisch alle Stiefel und Ballerinas hätten sie magisch angezogen und so kam es schon mal vor, dass sie ein Paar auch gleich in zwei verschiedenen Farben gekauft hat. Rechtfertigen konnte sie es sich selbst gegenüber immer, denn die Schuhe haben eine besonders gute Qualität und sind sehr bequem. Ein ganz individuelles Paar Stiefel zeigt sie uns und hat auch gleich ein Glitzern in den Augen, als wir ihr versichern, die gelbe Farbe wäre nicht zu sonderbar und sie könne das Paar ruhig tragen. Denn das hat sie sich bis jetzt noch nicht getraut, obwohl sie ganz bewusst zu Einzelstücken greift, die sonst kein anderer hat. Es ist ihr wichtig, nicht komplett in Basic-Teilen gekleidet zu sein, die man an jeder zweiten Frau finden kann. Mindestens ein Kleidungsstück sollte in ihrem Outfit besonders oder anders sein. Diese Stelle werden voraussichtlich bald die gelben Stiefel einnehmen. Make-Up oder viel Schmuck trägt Cora nicht. Wir haken nach, ob das der Normalfall ist. Sie erzählt uns, dass sie eigentlich gern Ohrringe trägt und für diese auch ein großes Faible entwickelt hat. Wir glauben ihr das, denn immerhin hat sie ihre liebsten Paare in einem goldenen Rahmen zu hängen und damit

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als Kunstwerk inszeniert. Seit der Schwangerschaft verträgt sie leider keine Ohrringe mehr und läuft schmucklos herum, da sie sich mit Ketten, Armbändern, Ringen oder anderen Piercings noch nie anfreunden konnte. Ihr Schmuck sind ihre Schuhe. Ihr Make-Up beschreibt sie als abhängig von der Tagesform. Wenn es ihr gut geht, dann schminkt sie sich auch mal dezent, was nie über einen Lidstrich und Mascara hinausgeht. Zu besonderen Anlässen wie Familienfeiern oder Parties kommt es schon öfter vor, denn für solche Tage nimmt sie sich auch gern die Zeit, um etwas Besonderes oder Aufwendigeres mit ihren Haaren anzustellen. Ansonsten beschreibt sie sich selbst als sehr unkompliziert. Es gibt sogar Tage, an denen sie mit ihrer Duschfrisur aus dem Haus geht, ohne dass sie es merkt oder es sie stören würde. Auch auf uns wirkt Cora sehr entspannt und eben unkompliziert. Sie kann es sich auch erlauben, denn eine wahre Schönheit entstellt nicht nur nichts, sie braucht auch nicht viel, um wahrgenommen zu werden. Und als eine Naturschönheit ordnen wir sie auf jeden Fall ein, mit ihren honigbraunen Augen, den blonden Naturlocken und einer Figur, von der jede Frau träumen kann. Ihr Körper habe sich seit der Schwangerschaft verändert und sie ist vorher davon ausgegangen, ein Problem damit zu haben. Aber dem ist nicht so. Sie empfindet die zurückgebliebenen Spuren als gutes Zeichen dafür, dass sie jetzt dieses Glück mit ihrem Sohn hat. Wir stellen die Frage, was Cora, abgesehen von ihrem Sohn, in einem Brandfall aus der Wohnung retten würde. Lange überlegen muss sie nicht. Sie würde sofort zu der Kiste greifen, in der sie die Geschenke von ihrem Freund Ben gesammelt hat. Die Box mit losen Fotos aus vergangenen Zeiten wäre auch dabei. Denn an diesen beiden Sammlungen von Erinnerungen hängt sie sehr. Die Kiste mit den Geschenken können wir allerdings nicht entdecken und Cora berichtet, dass ihr die Gewissheit reichen würde, zu wissen wo sie die Dinge findet, ohne sie ständig im Blickfeld haben zu müssen. Ein großer Freund von Pärchen-Bildern in der Wohnung scheint sie auch nicht zu sein, denn so etwas können wir gar nicht finden. Sie sagt, solche Fotos kommen ihr irgendwie doof vor. Denn immerhin haben Ben und sie sich ja nun jeden Tag und müssten sich dann nicht noch selbst ständig auf Bildern an den Wänden sehen. Ein Paarfoto gibt es allerdings am Kühlschrank. Das hat es aber auch nur soweit geschafft, weil beide es mit einem besonders lustigen Moment verbinden können und sie es so witzig finden. Cora hat sich vorher allerdings schon einmal mit dem Thema Liebesbilder beschäftigt und sogar welche entwickeln lassen, bis sie zu dem Schluss

gekommen ist, dass sie so was nicht braucht. Diese Bilder sind dann in die Fotobox gewandert. Als wir das Thema brennende Wohnung gerade abschließen wollten, fällt Cora noch ein, dass sie auf jeden Fall ihr heiß geliebtes Handy mitnehmen würde. Es ist ein ganz spezielles Modell von Nokia aus dem Jahr 2000. Damals bestach es mit einem großen Speicher für Nummern und SMS und einer Freisprechanlage. Heute kann sich Cora nicht davon trennen, weil sie sich so sehr daran gewöhnt hat und es nach über zehn Jahren praktisch ein Teil von ihr geworden ist. Einmal, vor ungefähr fünf Jahren, war es defekt. Cora konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, auf ein neuartiges Telefon zu wechseln und hat sich über eBay genau das gleiche Modell noch einmal besorgt. Sie ist wahrscheinlich der einzige junge Mensch, der das gleiche mobile Telefon länger als zehn Jahre benutzt. Ein besonderen Faible für neuartige Technik können wir in ihrem Fall sicher ausschließen. Cora ist eine der wenigen Personen im jungen Alter, die keinem digitalen sozialen Netzwerk anhängen. Plattformen wie facebook oder StudiVZ hat sie noch nie genutzt und vermisst sie daher auch nicht. Sie ist der Meinung, dass der Kontakt zu den Menschen, die ihr wichtig sind ohnehin bestehen bleibt, zu allen anderen müsse sie keinen haben. Den Gedanken, sein Leben mit vielen Berichten und Fotos im Internet auszustellen, empfindet sie als absurd. Für sie steht fest, wenn es nicht einmal aus beruflichen Gründen zur Pflicht wird, Mitglied auf einer Internet-Plattform zu werden, wird sie sich so lange wie möglich dagegen wehren. Was ihr aber wichtig ist, ist die Kommunikation über ihr Handy. Sie leistet sich auch eine Flatrate in alle Handynetze Deutschlands inklusive SMS und Festnetz. Seitdem sie diese günstigen Bedingungen hat, tritt sie schneller und öfter mit Leuten in Kontakt. Als wir sie nach ihren Lieblingsorten fragen, sagt sie als erstes, dass dieser wieder von Till abhängig ist. Denn seitdem der Kleine da ist, geht sie mit ihm so oft wie möglich zum nahe gelegenen See spazieren. Dort steht diese eine Bank, auf der man am längsten Sonne hat, die vorletzte Bank wenn man rechts herum läuft. Ihr neuer Lieblingsplatz, den sie im Notfall auch mit fremden Leuten teilt. Denn selbst wenn diese Bank besetzt ist, sucht sie sich keine freistehende, sondern setzt sich, soweit es möglich ist, dazu. Ein Phänomen, welches man in unserer Gesellschaft eher seltener beobachten kann. Das gute Verhältnis zu ihrer Mutter ist gesondert zu nennen. Sie telefonieren jeden Tag mehrere Male miteinander und besuchen sich sehr oft, auch wenn es manchmal nur kurz ist. Wir wollen von Cora wissen, ob sie besondere Dinge von ihrer Mutter besitzt, von denen sie sich nicht trennen würde. Aber diese gibt es wohl nicht. Nur ein einzelnes Foto, welches am Kühlschrank hängt, auf dem man ihre Mutter im Alter von elf Jahren mit einem Tiger auf dem Arm sieht. Dazu kann sie uns nur sagen, dass sie es aufgehängt hat, weil sie es so schön findet, es für sie aber keine tiefere Bedeutung hat. Sie versucht es damit zu erklären, dass sie eh so eine intensive Bindung zu

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ihrer Mutter hat, dass sie keine materiellen Dinge benötigt, um diese noch mehr hervorzuheben. Diese enge Verbundenheit findet sich auch sofort in der nächsten Antwort, auf unsere Frage nach Situationen, in denen Cora sich besonders wohl fühlt, wieder. In denen sieht sie sich nämlich mit ihrer Mutter oder ihren guten Freundinnen auf der Couch, mit einem Sekt in der Hand, vertieft in ein nicht enden wollendes Gespräch, was am besten spontan stattfindet. Genau diese Momente sind ihre liebsten, eben total unkompliziert, so wie sie selbst auch wirkt. Unwohl fühlt sie sich hingegen oft in lang geplanten Verabredungen, die dann eventuell etwas verkrampfen. Cora erzählt uns von ihren fünf Monaten, die sie in England verbracht hat. Eine Zeit, die sie nicht missen möchte und in der sie viel gelernt hat. Cora hatte diese Reise mit einer guten Freundin geplant, doch schon bevor es losgehen sollte, verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den beiden. Eigentlich wollten die beiden Mädchen ein Jahr durch England reisen und hier und da arbeiten, wenn es nötig wird. Nach bereits fünf Monaten brachen sie ihr Vorhaben ab. Es ging nicht mehr, weil eines von Coras wichtigsten Idealen von ihrer damaligen Freundin immer wieder gebrochen wurde: Ehrlichkeit. Seitdem sie am Heimatflughafen gelandet sind, haben sich die beiden nie wieder gesehen und sie haben offensichtlich nicht das Verlangen, den Kontakt wieder herzustellen. Aber trotzdem, nur weil die Zeit für sie nicht die beste in ihrem Leben war, konnte sie sich trotzdem nie von einigen wichtigen Gegenständen trennen, wie ihrem Tagebuch von damals oder ihrer Keycard, die sie zum Arbeiten benötigte. Text von Stefanie Paeschke, Bilder von Maria Rittwag und Stefanie Paeschke

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C a r o line P r an g e

Es ist Samstag Nachmittag, wir sind in Pankow, in der Wohnung von Eva-Maria. Die Altbauwohnung liegt an einer stark befahrenen Straße. Durch den dunklen Wohnungsflur werden wir direkt in die Küche geführt, die zum Innenhof orientiert ist. Es ist sehr still, eine Kerze brennt, die Beleuchtung ist gedimmt. Neben einer Einbauküche, die vom Vermieter gestellt wurde, steht die kleine Küche voll mit alten Möbeln. Es gibt zwei 50er-Jahre-Sessel mit einem Nierentisch, die die Lounge bilden, gleich daneben steht eine wuchtige Massivholz-Esszimmergarnitur. Man sieht ihnen ihr Alter an, aber die Abnutzungsspuren strahlen eine wohlige Gemütlichkeit aus. An den Wänden hängen zahlreiche Bilder, Zeitungsausschnitte und Poster, die einen 20er Jahre Flair aufkommen lassen. Auch das Sammelsurium der Geschirrelemente deckt ein paar Jahrzehnte an Designdarstellung ab. Eva-Maria ist 26. Seit drei Jahren lebt sie in Berlin in einer großen Wohngemeinschaft von mehreren beieinander liegenden Wohnungen, deren Mitglieder für sie wie eine Familie sind. Die meisten von ihnen kennt sie noch von früher aus der Schulzeit. Aber es kommen auch immer wieder Freunde von Freunden dazu. Irgendwie sind mit der Zeit alle in Berlin zusammengekommen. Geboren wurde sie eigentlich in einer Stadt in Oberbayern, ist aber im Grundschulalter in ein Dorf im fränkischen Spessart gezogen. Ihre Eltern hatten beschlossen, sich einer alternativen Lebensgemeinschaft anzuschließen. Nach dem

»Ich will kein Neutron in Uniform sein«

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­ ealschulabschluss ist sie für den Besuch einer weiterführenden R Schule in die nächstgrößere Stadt gezogen. Seitdem ist sie mehrere weitere Male umgezogen. Einen einzelnen Ort, den sie als ihre Heimat bezeichnen würde, hat sie nicht. Heute sind alle anderen Mitbewohner ausgeflogen, wir trinken Kaffee und essen Kuchen. Sie sagt sie hätte extra für uns aufgeräumt, sonst sei es nicht so ordentlich. Die Küche ist der WG-Treffpunkt, hier wird gekocht, gegessen und es werden Neuigkeiten ausgetauscht. Außerdem ist die Küche der Empfangsbereich für Gäste. Ihr Zimmer sieht Eva-Maria eher als Rückzugsort, als private »Höhle«, in der sie lieber alleine ist. Ich kenne ihr Zimmer, es herrscht geordnetes Chaos und es gibt viel zu entdecken. Bilder von sich, Freunden und Familie. Alte Möbel, die ihre gelebte Zeit zeigen. Figuren, die sich zwischen zahlreichen Hüten, Sonnenbrillen, Schmuck und Büchern verstecken. An Wänden, Türen und Schränken hängen offen sichtbar, reichlich Taschen, Klamotten und Halstücher. Die Dinge, die sich dort wiederfinden, erzeugen eine warme, vertraute Atmosphäre. Es kommt alles Mögliche von Kitsch bis zu Notwendigem zusammen, irgendwie passt aber alles. Es sind zahlreiche Dinge, die sie von Wohnung zu Wohnung mitnimmt. Was für andere unnötiger Ballast wäre, ist Eva-Maria sehr wichtig. Die Möbel und vor allem der Nippes spiegeln die verschiedenen Orte und Phasen ihrer Entwicklung wider und seien deshalb von Bedeutung. Sie behalte auch alle Bücher, die sie schonmal gelesen hat, irgendwann interessieren sie die Themen wieder. Zum Beispiel hat sie schon mehrmals das Buch 1984 von George Orwell gelesen. Einst als Standardlektüre angefangen, würde ihr Verständnis für die verschiedenen Aspekte der Geschichte mit ihrer persönlichen Entwicklung immer tiefer. Die Geschichte des Romans sei für sie sehr präsent und sie möchte sich die dargestellte Gefahr auch immer wieder ins Gedächtnis rufen. Sie empfindet ihre persönliche Freiheit, alles denken und sagen zu dürfen als essenziell und würde auch viel dafür tun, damit das so bleibt. Besonders auffällig sind die vielen einzelnen Möbelstücke. Frisch aus der Fabrik habe sie nur das Bücherregal und das Bett. Schreibtisch, Kommoden, Couch und der Schrank hat sie entweder geschenkt bekommen oder sie wurden von ihrem Papa oder von Eva-Maria selbst vom Sperrmüll gerettet. Eva-Maria mag es, alte und bereits benutzte Objekte zu reaktivieren. Viele Dinge von früher seien von ihrer Materialität und der Bauweise so robust und handwerklich hochwertig gearbeitet, dass sie es schade fände, wenn so etwas einfach weggeschmissen würde. Außerdem mag sie, dass jedes Teil eine Geschichte hat, die sie teilweise nur erahnen könne. Ihren Kleiderschrank zum Beispiel hat ihr Vater, der als Hausmeister tätig ist, im Keller des Wohnheimes entdeckt. Auf dem

Rückenteil ist vermerkt: »This wardrobe belongs to ...« Eva-Marias Vater gehe davon aus, dass der Schrank einem ehemaligen US-Soldaten aus dem 2. Weltkrieg gehört haben könnte. Die Art, wie die Dinge in ihrem Zimmer greifbar arrangiert und präsentiert werden, erinnern an eine Theater-Garderobe. Für jeden Akt liegt das passende Accessoire bereit. Das passt zu Eva-Marias Art sich zu kleiden. Sie empfindet sich wie ein Chamäleon ihrer Laune. Je nach Stimmung und Tätigkeit verändern sich ihr Stil und Faible. Am liebsten bunt, aber passend zu jeder Gelegenheit. Sie hat ihren persönlichen Stil, braucht aber die Variation als Ausdruck ihrer Vielseitigkeit. Eine Nagellacksammlung in der WG-Küche bietet ein breites Angebot an Farben und die Schuhsammlung aller Mitbewohner im Flur bietet die Möglichkeit die eigenen Requisiten zu erweitern. Etwas wegzuschmeißen falle ihr schwer, irgendwann könne sie alles wieder gebrauchen. Spätestens auf der nächsten Mottoparty kommen viele Accessoires zum Zuge. Obwohl sie an vielen Dingen sehr hängt, könne Sie zur Not aber auch auf das Meiste verzichten. Wenn es mal brennt, würde sie versuchen ihren Laptop zu retten, da seien die wichtigsten Sachen drauf. Eva-Maria macht sich zwar gerne schick, aber während der Arbeit als Beleuchterin beim Fernsehen habe sie sich auch in ihrer Arbeitskluft wohlgefühlt. Kleine Identitäts-Updates sind unerlässlich. Der Wunsch nach Veränderbarkeit würde sie auch daran hindern, ihrem Körper etwas dauerhaftes wie ein Tattoo zu zufügen. Seit der Pubertät gleichgeblieben sind ihre Haare. Glatt, lang und naturbelassen. Das sei am praktischsten. Immerhin trägt sie seit zwei Jahren einen Pony. Sie erzählt uns von der Zeit, als sie nebenbei in einer Kaffeekette arbeitete, in der Uniformen vorgeschrieben waren. Irgendwann hatte sie das Gefühl, von den Kunden nicht mehr als eigenständige Person wahrgenommen zu werden. »Ich will kein Neutron in Uniform sein.« Also versuchte sie, ihre Persönlichkeit wenigstens mit Schmuck und besonderen Frisuren darzustellen. Vielleicht passe sie sich freiwillig auch nur den Situationen an, mit denen sie sich identifizieren könne. Sie gönnt sich gerne schöne Kleidung, muss sich dabei aber manchmal zügeln. Dabei prüft sie, ob sie das eine oder andere denn wirklich benötige. Geld auszugeben, wenn sie nicht so viel über hat, bereite ihr ein schlechtes Gewissen. Nach außen schaut sie dabei nicht gerne. Sie sei selten auf materielle Dinge anderer neidisch, Neid empfinde sie als unreflektiert. Grundsätzlich sei sie zufrieden mit dem was sie hat. Beständig sind zwei antiquiert wirkende Ringe ihrer Großmutter, die sie schon seit der Pubertät besitzt und die zum täglichen Begleiter geworden sind. Sie mag das matte Gold und die großen Steine, die »echt sind«. Ohne sie fühlt sie sich nackt. Als ihre geliebte Oma vor vier Jahren gestorben ist, war Eva-Maria gerade im Prüfungsstress zu ihrer Ausbildung als Mediengestalterin. Viel Zeit zum Trauern konnte sie sich da nicht leisten. Eine Kette mit verschiedenen Anhängern, die ihr ihre Oma am Tag vor ihrem Tod vermacht hatte, wurde so zum Trost für schwierige Zeiten. »Wenn ich mal sterbe, soll die Kette die

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Eva-Maria bekommen«. Seit letztem Semester studiert Eva-Maria etwas mit Film und Regie, hier kommen ihr ihre Vielseitigkeit und Erfahrungen zugute. Durch die vielen Ortswechsel, musste sie sich immer wieder in neue Situationen und Gruppen einfinden. Sie würde sich als offen und temperamentvoll beschreiben, fühlt sich aber manchmal auch ängstlich, wenn sie sich auf neue Erfahrungen einlassen muss. Dabei sei ihr die Meinung anderer zwar nicht besonders wichtig, aber sie bezeichnet sich auch nicht als völlig frei davon. Mit Klischees und Schubladen hat sie ihre Probleme. Die alternative Lebensgemeinschaft, in der sie mit ihrer Familie gelebt hat, die sich mit Werten wie Tierschutz, ökologische Landwirtschaft aber auch mit Glaubensfragen beschäftigte, wurde von Außenstehenden oft verurteilt. Vielleicht hat sie deshalb früh gelernt, sich auf neue Situationen auf authentische Art anzupassen und sich nicht in eine Schublade stecken zu lassen. So will sie auch anderen begegnen. »Was du nicht willst das man dir tut, ...« ist zu ihrem Motto geworden. In ihrem Beruf kommt ihr diese Kenntnis zugute, sie kann mit Klischees spielen und sie bei Bedarf brechen. Sie sieht es als großen Gewinn an, sich selbst treu bleiben zu können. Deshalb ist ihr die Möglichkeit der Selbstverwirklichung auch wichtiger als ein großes Monatseinkommen. Ohne großen Druck von außen könne sie einfach besser arbeiten. Als Konsumentin versucht sie bewusst zu leben. Sie will Konzepte wie Bio und Fairtrade unterstützen um ein Umdenken voran zu treiben. Seit ihrer Kindheit ist sie Vegetarierin, sieht das aber eher undogmatisch. »Das soll jeder so handhaben wie er möchte.« Ehrlichkeit und Bewusstsein im Umgang seien das Wichtigste. Die Umsetzbarkeit hänge natürlich auch von der finanziellen Lage ab. Text von Caroline Prange, Bilder von Heiko Rintelen

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Th o ma s F r i t s ch

Robin Kilmister kenne ich seit zwei Jahren. Wir hatten uns in seiner Wohnung verabredet, hier versteht man am ehesten, was ihm wichtig ist. Denn die Wohnung ist ein spannendes Erkundungsfeld, ein Hort verschiedenster Zusammenhänge und Quellen der Identität, wo Heimat und Zuhause aufeinander treffen – mit all den Vorlieben, Erinnerungen und Wünschen. Aus der Gegensprechanlage kommt ein herzliches »Servus, Seitenflügel links.« Im Treppenhaus fallen unweigerlich einige ANTIFA- und andere politisch links gerichtete Aufkleber auf, sie geben dem Aufgang den typischen Kreuzberg 36-Charme. Dieses Image spiegelt sich in den auffallend vielen Rock ’n’ Roll Bars im Straßenbild wieder, und es beschleicht einen das Gefühl, schon erahnen zu können, was hinter Robin Kilmisters Wohnungstür wartet. Im zweiten Stock angekommen, werde ich von Robin höflich, mit zugewandter Hand und einem Lächeln auf den Lippen an der Tür begrüsst. »Guten Abend. Tret ’n se ein inne gute Stube« sagt er, und kurz darauf findet man sich, in einem etwas unordentlichen Gang wieder. Die Schuhe stehen an der Wand, sind aufeinander gestapelt und trotzdem akkurat nach Paaren sortiert. Darüber befindet sich eine Art Setzkasten im Stil der 70er Jahre, in dem sich im Laufe der Zeit einige Alltagsgegenstände, Erinnerungen und allerhand Nippes wie Postkarten aus den verschiedensten Urlaubszielen und alten Uhren angesammelt haben. Im Eingangsbereich schreit dem Besucher ein Iggy Pop-Poster mit skelett-ähnlicher Abbildung entgegen, während der laienhaft selbst verlegte Buchen-Laminat-Boden quietschend dem Tritt nachgibt. Offensichtlich hat sich hier einst ein Hobbyhandwerker an eine oberflächliche Renovierung gemacht, denn der Stil von Baumarktteilen, prägt nicht nur die selbst gebaute Küche, sondern die ganze Wohnung. Im Wohnzimmer fallen besonders die mit Samt bezogenen Sessel und die Tür auf, welche als Tischplatte umfunktioniert wurde. »Hier fühle ich mich wohl und hier kann ich meinen Lebensstil am besten zeigen.« Was nicht bedeutet, dass sein Lebensstil nur an seine Räumlichkeiten, die er gefüllt und gestaltet hat, gebunden sind. Es ist vielmehr der Ort an sich, der im Fall von Robin Kilmister ein guter Anfangspunkt seiner Erzählung ist, denn er ist gewisser Maßen auch sein Anfang. 1984 wurde er in einem Krankenhaus, ganz in der Nähe seiner heutigen Wohnung geboren. Nach der Trennung seiner Eltern zog die Mutter mit dem erst zwei Jahre alten Kind in die südlichste Bezirkshauptstadt Deutschlands, nach Kempten im Allgäu, bis er im Jahr 2010 nach Berlin zurück kam. Seine Prägung, Erziehung und Wahrnehmung hat er also in einer Umgebung erhalten, die, absolut gegensätzlich zur Hauptstadt, eine auf konservativen

Rock ’n’ Roll ID

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und moralisch engen Grundsätzen beruht. Das Allgäu: »wohnen wo andere Urlaub machen« so stellt sich die Alpenregion im Süden Bayerns dar. Dort liegen zwar seine Wurzeln als Mensch doch »meine Wurzeln als Musiker liegen genau hier, hier in der Rock ’n’ Roll Hauptstadt Deutschlands.« »Da ist nicht viel Freiheit für einen freien Geist.« Unkonventionelle Musik wird eher belächelt als beklatscht. Sein künstlerisches Handwerk als Gitarrist und Bassist hat er zwar im Sü» Kr euz b e rg i s t da s , den gelernt, er wusste aber schon früh, dass wa s i c h b i n . er seine Leidenschaft dort nicht in Gänze « auszuleben vermag. Auch wenn es immer Gleichgesinnte gab, Unterstützer und Fans, bleibt eine fortwährende Veränderung eher aus. Fragt man nach einschneidenden Momenten in seinem Leben, erzählt er vom ersten Bühnenauftritt. »Die Erste Band prägte mich fürs Leben.« »Wie gesagt, das Allgäu ist wunderschön, aber Kreuzberg ist das, was ich bin!« Alternative Wege, unkonventionelle Musik sind seine Leidenschaft. In Kreuzberg wird der Mensch nicht sofort kategorisiert, man lässt sich mehr Spielraum für Interpretationen seiner selbst. Diese Akzeptanz, oder Gleichgültigkeit hat ihm auch die Möglichkeit gegeben, seinen Weg als Musiker zu finden. Ein offenes und interessiertes Kollektiv gibt einem manchmal den Mut, das zu machen was man will. Genau das hat Robin Kilmister mit seiner Band, die sich Koller nennt geschafft.

Die Rock Kultur Die Ursprünge des Rock ’n’ Roll liegen weit zurück, in den 50er Jahren. Ikonen, wie Chuck Berry mit seiner revolutionären Musik, aber auch James Dean mit seinem Bad-Boy-Image des coolen Typen sind Paten dieses Lebensstils. Dieses Image von Sex, Drug’s and Rock ’n’ Roll hat an seiner Anziehungskraft bis heute kaum etwas eingebüsst. Im Ausdruck, Outfit und in der Musik, kommen jene Elemente immer wieder vor, auch wenn die gesellschaftlichen Umstände sich längst verändert haben. Wie sich die Musik über die Jahre hinweg treu geblieben ist, ist auch Robin Kilmister seinen Werten und Vorlieben treu geblieben. Der Annahme zum Trotz, dass er ein unzugänglicher, harter Charakter sei, wirkt er sehr sympathisch und keineswegs engstirnig. Er lächelt viel und lässt keinen Anflug von Arroganz durchscheinen. Viele Musiker, die mit Nicht-Musikern umzugehen versuchen, können mit eben diesen oft nichts anfangen, der Versuch ein unumstößliches Bild von sich zu vermitteln steht dabei teils im Weg. Sie scheinen oft zeigen zu wollen, dass die anerkannten gesellschaftlichen Normen nicht ihre Normen sind – das alte Bild des Outlaw. Robin Kilmister ist diesem Image äußerlich und musikalisch verhangen, doch man erkennt durchaus ein weitaus differenziertes Wesen. Seine Erscheinung, das zeigt sich anhand von Fotos aus seiner Jugendzeit, ist stringent. Kurzes schwarzes T-Shirt, Jeans und Doc Martens Schuhe. Außer, dass der Bart voller geworden ist und dass er sein Körper mit einigen Tattoos verziert hat. Ansonsten ist kaum ein Unterschied zu seinem damaligen Auftritt erkennbar. Am Körper trägt er nichts

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auffälliges, sieht man von gewissen Buttons und Aufnähern ab. Er nutzt ein einfaches Mobiltelefon, der alten Generation und hat außer Zigaretten meist nur ein Plektrum in der Tasche. »Man weiß ja nie, wann man mal nen Artgenossen trifft und ’ne spontane Jamsession in Aussicht steht.« Fast wie ein Sammler hortet er sechs Gitarren, schön aufgereiht an der Wand seines Schlafzimmers. Ein gewisser Fetisch ist nicht von der Hand zu weisen. Über die Form der Gitarren redet er wie über den Körper einer Frau »die Taillierung des Korpus ist einfach sexy«. Ein anscheinend allgegenwärtiger Teil seiner Musik ist das Kreuzberger Nachtleben. »Die zweite und vermutlich authentischere Wahl für unseren Treffpunkt wäre wohl mein Arbeitsplatz gewesen.« Die Franken Bar in Kreuzberg ist eine Berliner Traditions-Rocker-Kneipe und seit zwei Jahren Robin Kilmisters Einnahmequelle sowie abendliches Zuhause. Hier knüpft er Kontakte und trifft Freunde: die Szene-Bar in der Oranienstrasse zieht fast ausschließlich Musiker und gestrandete Alternative an. Rockkultur ist eher Barkultur als Tanzkultur. Massentaugliche Veranstaltungen, wie die in den Clubs haben hier nichts zu bedeuten. Inspirationen werden im Alltag gefunden und musikalisch verwertet. »In der U-Bahn und in Parks entstehen die meisten Ideen für meine Texte.« Wichtig sind die Dinge, die der Ausübung der Kunst dienen. Instrumente, Verstärker und Aufnahmegeräte. Vielleicht noch ein Poster und Klamotten, die auf jene Musik verweisen, welche er liebt und lebt. »Ein ordentlicher Stetson Hut darf nicht fehlen.« Extrovertiert auf eine ganz spezielle Art. Diesem Gitarristen sieht man seine Kompetenz an. Ein selbstbewusster Typ, dem man ein gutes Gitarrensolo zutraut. Um diese Musik zu leben, benötigt man nicht die neuesten Apps. Man braucht kein modernes Auto oder eine schicke teuer eingerichtete Wohnung. Im Gegenteil. Rock ’n’ Roll ist damals, wie heute eher dem Design der 50er Jahre nahe. Streamline und klobige Kurven passen hier besser hin als moderner Technostyle. Den Blick auf ein Wandregal gerichtet, entdeckt man eine Mischung aus Zweckmäßigkeiten, unnützen Ansammlungen und kleinen Schätzen. Vielleicht ist hier ein kleiner Sammler-Spleen für alte und einzigartige Objekte zu erkennen? Eine mexikanische Totem-Maske aus dem letzten Urlaub, ein alter Aschenbecher aus Horn von der Großmutter oder alte Konzerteintrittskarten. Schaut man sich weiter in dem Raum um, in dem Robin lebt, bemerkt man einen einheitlichen Stil. Klassische alte Sessel, viele Gitarren und ein altes Radio aus den sechziger Jahren mit dem typischen Design dieser Zeit. Dabei sieht man gut, dass die funktional ästhetische Haltung des Handgemachten wichtiger ist als neueste Technik. »Das Ding funktioniert heute wie damals einwandfrei.« All diese Objekte sind wie die Übersetzung von Robin Kilmisters Identität zu sehen – ein plastisches Spiegelbild. Dabei ist es sehr interessant, wie sich ein sich noch entwickelnder Mensch, dem Lebensstil des Rock ’n’ Roll über die Jahre so fest verschrieben hat. Text und Bilder von Thomas Fritsch

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M a r iu s L and

Wir betreten Thomas’ Zimmer. Es gibt nicht viel außer einem Schreibtisch, einem Schrank und einem Bett, an dessen Fuß eine kleine Kommode steht. Thomas ist gestern umgezogen: Von einem zwölf Quadratmeter großen Zimmer in ein sechzehn Quadratmeter großes Zimmer. Das Zimmer wirkt zu groß für die wenigen Gegenstände, die sich in ihm befinden. Der größte Teil seines Besitzes liegt noch zusammengewürfelt in Kartons. Sein Hab und Gut bringt es auf drei Umzugskartons und vier Möbelstücke. Wir setzen uns auf sein Bett, da dieses neben dem Schreibtischstuhl die einzige Sitzgelegenheit ist. Es hängen bereits ein paar Bilder an den Wänden, und trotz der wenigen Dinge im Raum fühlt es sich angenehm und gemütlich an. Für Thomas ist sein Zimmer ein Rückzugsort. Hier kann er die Tür zu machen und einfach er selbst sein. Er ist Musiker und spielt meistens in seinem Zimmer. Wenn er neue Stücke übt, möchte er nicht, dass seine Mitbewohner ihn beim Üben hören, deshalb ist es ihm wichtig, dass sein Zimmer dicke Wände hat, durch die wenig Schall dringt. Vorher hat er in einem anderem Zimmer in derselben Wohnung gelebt, dass im Gang zur Toilette lag. Jeder, der zur Toilette ging, musste also an seinem Zimmer vorbei. Ihn störte sehr, dass jeder hörte, wenn er zuhause ist. Thomas ist wenig in seinem Zimmer. Trotzdem braucht er das Gefühl, zu jeder Zeit diesen Ort des Rückzugs zu haben. Aus seinem Kleiderschrank ergießt sich ein kleiner Fluss aus Kleidung, die unordentlich und ohne System in den Schrank geräumt wurde. Er besitzt bunte Shirts und Kapuzenpullover, die selten Aufdrucke oder besondere Schnitte haben, Basics eben. Er hat eine Jacke, die ihn warm hält und eine, die ihn vor Regen schützen soll. Er besitzt zwei Hosen, beide Jeans von Levi’s. Er kauft ungern ein und gesteht, dass er schlecht im Einkaufen von neuer Kleidung, sowie im Kombinieren von dieser ist. Darum kauft er gern so einfach wie möglich ein. Er kennt sein Lieblingsmodell von Levi’s und seine Größe. Für ihn ist Einkaufen eine klare Kalkulation, die darauf basiert, dass eine Levi’s-Jeans zwar teuer ist, aber auch mindestens zwei Jahre hält und ein immer aktueller Klassiker ist, um dessen modische Aktualität er sich keine Sorgen machen muss. Es ist ihm wichtig, dass seine Kleidung neben ihrer Funktion einen gewissen ästhetischen Grundtenor erfüllt, mit dem er sich identifizieren kann. Er ist einfach und anspruchslos, dabei auf Individualität durch die vielen farbigen Oberteile bedacht. Weiterhin besitzt er einige modische Accessoires, wie etwa eine Gürteltasche aus Leder oder indische Pumphosen. Diese Kleidungsstücke demonstrieren für Thomas eine teilweise Identifizierung mit der Hippie-Kultur. Er findet viele Werte wie Freiheit, dass zu tun was man möchte und

Feiern und Philosophieren

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aussehen, wie man möchte, sehr wichtig. Thomas kann sich allerdings nicht gänzlich mit dieser Kultur identifizieren, da sie ihm in ihrer Ganzheit nicht zusagt und ihm viele Eigenheiten zu extrem sind. Er sieht sich lieber als Jemand, der an vielem interessiert ist, aber keinem festen Trend und keiner festen Gruppierung zugehören möchte. Thomas vertraut seiner Kleidung und manifestiert in ihr ein Bedürfnis nach Sicherheit, da er nicht experimentieren möchte, sondern bei Altbewährtem und beim einfachen Funktionalen bleiben will. Thomas besitzt ein paar Wanderschuhe für den Winter und die alten Sportschuhe von seinem Vater. Er kauft gezielt braune Schuhe, da er vor Jahren herausgefunden hat, das ihm diese Farbe gefällt und unkompliziert in der Pflege ist. Wenn ein paar Schuhe kaputt geht, kauft er sich ein ähnliches neues ohne viel darüber nachzudenken. Obwohl die Schuhe seines Vaters sehr ausgetreten und abgenutzt sind, trägt er sie gern, da sie seinen Ansprüchen an Sportschuhe genügen und einen Vintage-Charakter haben. Thomas, der heute 23 Jahre ist, trägt seit er ein Teenager ist dieselbe Frisur. Damals beschloss er, dass längere Haare am besten seine hohe Stirn verdecken und auch sonst sein Gesicht positiv hervorheben. Er ist mit der Frisur zufrieden und würde sie nicht aus eigenem Antrieb ändern, obwohl er weiß, dass seine Haare ihn jünger und bubenhaft wirken lassen. Auch hier entdecken wir Thomas’ Wunsch nach Kontinuität. Weil Thomas neben seiner jugendlichen Frisur auch sonst wenig männliche Körpermerkmale wie Körperbehaarung oder markante Züge mit sich bringt, sieht er sich bei Frauen oft als den netten, lustigen Kerl und nicht als Objekt der Begierde. Um dies zu kompensieren, geht er ins Fitness-Studio, obwohl ihm die Besuche wenig Spaß bereiten und er sich in der Umgebung gänzlich unwohl fühlt. Er besucht es trotzdem, um neben der Arbeit an einem männlicheren Körper etwas für seine Gesundheit zu tun und weil das Studio immer offen hat. Es ist ihm lieber, nicht eingeschränkt von Vereinsmeierei und festen Terminen zu sein, auch wenn es auf Kosten des Wohlfühlens geht. Auffällig sind Thomas’ Festival-Bändchen. Er trägt viele Bänder von Festivals, an die er sich gern erinnern möchte, um sein Handgelenk. Besonders die Fusion, ein Techno-Festival in der Nähe von Berlin, verbindet er besonders mit seinem experimentellen und hedonistischen Bedürfnis nach Spaß. Er sieht sich durch das Tragen des Bändchens als Teil einer Gruppe, die gern den Alltag hinter sich lässt und Spaß zum obersten Gebot macht. Für ihn ist das Band also gleichzeitig Auszeichnung und Erinnerung, aber auch Erkennungszeichen unter Gleichgesinn-

ten. Er berichtet, in Nepal, während einer Weltreise, Mitreisende getroffen zu haben, nur weil man durch das Fusion-Bändchen aufeinander aufmerksam wurde. Diese Bänder, die gelegentlich wechseln, trägt er seit vielen Jahren, ohne sie würde er sich nackt fühlen. Sein ausgeprägtes Verlangen nach Spaß, Humor und Zugehörigkeit findet viele Wege der Entfaltung. So trägt Thomas gern eine schlumpfartige rote Mütze mit der Absicht, nicht immer zu ernst genommen zu werden. Sein Fahrrad ist ein modernes Mittelklasse-Damenfahrrad für 150 Euro, an welches eine Froschhupe, Speichenperlen, eine Fahne und ein Getränkehalter angebaut sind. Thomas betrachtet sein Rad als komfortables Spaßmobil, das seinen Anspruch, von seiner Umwelt nicht zu ernst genommen zu werden, unterstreicht. Besonders den Getränkehalter liebt Thomas, da er für ihn besonders einfallsreich und damit exklusiv ist.

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Von Drachen und Fröschen Thomas hat sich vor einiger Zeit ein Ganzkörper-Drachenkostüm in einem koreanischem Onlineversandhaus bestellt, welches er auf Festivals wie der Fusion tragen kann. Da er kein Händchen für Verkleidungen hat, schien ihm ein fertiges Ganzkörperkostüm das einfachste und praktischste. Er mag die Aufmerksamkeit, die das Kostüm generiert bis zu einem bestimmten Punkt, an dem es ihm unangenehm wird, nicht erst genommen zu werden. Geht Thomas in Berlin aus, nimmt er immer den Stofftier-Kopf eines Frosches mit, der auf einem Stock befestigt ist. Mr. Frosch ähnelt sehr der Marotte eines Harlekins. Thomas sieht sich gern in dieser Rolle. Er schafft sich eine eine Sonderposition in seinem Freundeskreis, wenn es ums Feiern geht. Gleichzeitig grenzt er sich potentiell von allen anderen ab, die diese Art von Humor nicht teilen. Er lernt gern neue Leute kennen und das funktioniert natürlich einfacher durch gemeinsamen Humor. Das einzige T-Shirt mit Aufdruck, das Thomas besitzt, trägt das Motiv der Kindergeschichte Wo die wilden Kerle wohnen. Er zieht es oft zum Ausgehen an, da es für ihn die Nachricht transportiert, nicht zu schnell erwachsen zu werden, sondern kindlich zu bleiben. Dieses Credo ist Thomas wichtig. Thomas legt nicht viel Wert auf Kitsch und Plunder. In seinem Zimmer findet sich eine Sammlung von Geldscheinen aus allen Ländern, in denen er war, indische Tücher und eine handgeschnitzte Sonne. Aus einem der Kartons ragt ein altes Plakat, welches Thomas anlässlich einer Demonstration gegen das Media Spree-Projekt angefertigt hat. Er mag das Plakat, weil es ihn an einen schönen Tag mit Freunden erinnert. An den Wänden hängen ein paar Fotografien, welche ihn und Freunde in verschiedenen Umgebungen zeigen. Einer der wenigen Gegenstände, an denen er hängt, ist das Kinderbuch Wo die wilden Kerle wohnen, das er als Kind von seinem Vater bekam. Auch den Großteil seiner Möbel hat er von seinem Vater, der antike Einrichtungen sammelt. Als er ein wichtiges Praktikum beendet hatte, schenkte ihm sein Vater


einen Schrank und einen besonders aufgearbeiteten Stuhl. Er schätzt die Möbelstücke ihrer Qualität wegen, jedoch nicht so sehr, weil sie eine Verbindung zu seinem Vater herstellen. Wichtiger als das Verhältnis zu seiner Familie ist die Beziehung zu seinen Freunden. Thomas wuchs in Berlin auf und unterhält hier einen festen Freundeskreis, den er seit seiner Kindheit pflegt. Neben Freundschaften und sozialem Austausch ist Thomas die Musik ein wichtiges Anliegen. Er spielt seit seiner frühen Jugend in einer Band, deren Foto er als erstes in seinem neuen Zimmer aufhängte. Um seine Leidenschaft auszuüben, ist ihm nichts zu teuer, da er Qualität und Geld in diesem Zusammenhang als Investition in seine Selbstverwirklichung sieht. Deshalb hat er neben seinem Saxophon ein teures Keyboard angeschafft und einen Apple-Computer, da er von dessen Stabilität und Langlebigkeit überzeugt ist, auch wenn ihm der Preis eigentlich zu hoch war. Trotz seiner leidenschaftlichen Hingabe ist Thomas sich nicht seines Talents als Musiker sicher. Er weiß nicht, ob er gute Musik machen kann und muss sich oft vor Augen führen, dass er schon große Konzerte und ein erfolgreiches Album vorweisen kann. Zu diesem Zweck hängt das Bild seiner Band direkt an seinem Schreibtisch. Andere Dinge, die Thomas helfen selbstsicherer zu sein, sind seine Fotoalben. Nach dem Studium war Thomas für ein Jahr alleine auf Weltreise und bemüht sich nun, die Erinnerungen in Form von Fotoalben zu konservieren. Er zeigt die Alben gern seinen Freunden, da sie für ihn wie eine Trophäensammlung sind. Dabei wirkt Thomas nie hochnäsig oder affektiert, sondern ehrlich und begeistert.

Ein anderes Bedürfnis, was Thomas mit den Fotoalben befriedigt ist seine Sorge um Sicherheit. Er möchte die Erinnerungen an etwas Einmaliges nicht einer Festplatte anvertrauen, die herunterfallen oder kaputt gehen kann, sondern druckt die Bilder lieber aus und klebt sie in ein Buch. Er möchte sich sicher sein, dass dieser wichtige Abschnitt in seinem Leben genügend Beachtung und einen festen Platz findet. So wie das Fotoalbum deuten auch die anderen Dinge in Thomas’ Besitz auf ein Bedürnis nach Sicherheit hin, das er sich in Form eines privaten Raums, eines intimen Freundeskreises, konformer Kleidung erfüllt. Er vertritt feste Werte in seinem Leben, die auf der einen Seite der Spaß und eine hedonistische Zuwendung zum Leben sind. Auf der anderen Seite möchte er als studierter Philosoph in seinem Leben etwas ihn Ausfüllendes und Sinnstiftendes tun. Er ist mit seinem Leben zufrieden, solange er sich selbst einen Fortschritt bescheinigen kann. Thomas absolviert viele Praktika, da diese ihn ausprobieren lassen und weiter bringen. Er sucht die Herausforderung, ob im Beruf oder in der Musik. Zur Festigung seiner Erfolge ist Thomas Anerkennung durch sein Umfeld wichtig. Gern schickt er von ihm geschriebene Zeitungsartikel herum, um die Meinung seiner Freunde ein-

zuholen. Es enttäuscht ihn, wenn sich sein Umfeld nicht hinreichend für sein Schaffen interessiert. Würde Thomas in fünf Jahren ein erfolgreicher Journalist sein und auch materiell abgesichert, würde sich nicht viel in seinem Leben ändern. Er hat keine großen materiellen Träume, außer den eines neuen Saxophons und eines antiken Schreibtischs. Wir sehen also, dass in Thomas’ Leben Besitz und Konsum eine untergeordnete Rolle spielen, da für ihn berufliche Verwirklichung und der Umgang mit anderen Menschen wichtiger ist. Das einzige Objekt, das Thomas regelmäßig konsumiert, ist das Wachmacher-Getränk Club Mate. Es wird in 0,5-Liter-Glasflaschen verkauft und ist in den angesagten Städten Deutschlands überall zu haben. Thomas trinkt zwei bis drei Flaschen Club Mate am Tag. Er liebt den erfrischenden Geschmack und den Effekt. Für ihn spiegelt das Getränk die Philosophie des Carpe Diem wider. Thomas möchte aus jedem Tag so viel herausholen wie möglich. Trinkt er einen Tag keine Mate, fühlt er sich müde. Er steht also klar in einer gefühlten Abhängigkeit zu dem Getränk. Eine weitere Abhängigkeit hat Thomas zu Zahnseide. Jeden Abend bevor er zu Bett geht, reinigt er sich seine Zähne mit einer elektrischen Zahnbürste, um anschließend im Bett Zahnseide zu verwenden, während er die Nachrichten oder eine Serie auf dem Computer sieht. Zahnseide zu benutzen ist für ihn ein festes Ritual, dass den Tag beendet und mit dem er klarmacht, dass jetzt Nachtruhe ist. Ohne seine Zahnseide würde er schlechter einschlafen. Da Thomas keinen sehr ausgeprägten Narzissmus pflegt, bedient er sich also bestimmter Gegenstände, die ihm und seiner Umwelt zeigen, was er kann und woher er kommt. Er sieht sich als Teil einer jungen Bohème-Jugendkultur, die keinen festen Riten oder Bräuchen folgt, sondern auf der Suche nach Selbstverwirklichung und Spaß ist. Thomas möchte aus dem Alltag ausbrechen und »out of ordinary« sein. Hierzu bedient er sich eines Instrumentariums aus Kostüm, Marotten, Glitzerschminke und Frosch. Er genießt es, morgens nach einer durchfeierten Nacht in der U-Bahn zu sitzen, wenn andere zur Arbeit fahren. Er sieht diesen Umstand als Auszeichnung, dass er in der Lage ist, loszulassen und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Thomas’ Bedürfnisse richten sich selten an Besitz aus. Speziell auf seiner Weltreise empfand er das Gefühl, nur einen Rucksack als Besitz zu haben, befreiend. Beruflich als auch privat hat Thomas ein starkes Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Anerkennung, das für ihn klar über finanzieller Sicherheit oder Besitz steht. Das Einzige, was Thomas gern besitzt, sind Bücher. Vor allem hat er Fantasy- und Kinderbücher, wie etwa die Herr der Ringe-Trilogie von J.R.R. Tol-

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Bitte lächeln


kien. Da Thomas Philosophie studiert hat, besitzt er viele geisteswissenschaftliche Bücher. Alle Bücher stehen normalerweise in einem großem Bücherregal, dass Thomas wegen seines Umzugs noch nicht aufgebaut hat. Als ich ein paar Wochen später Thomas’ WG besuche, ist er nicht da. Ich gehe in sein Zimmer und schaue mich ein wenig um, wie dieses wohl nun nach dem Umzug aussieht. Das Zimmer ist mittlerweile gut gefüllt und unordentlich. All die Dinge, die vorher in den Kisten verpackt waren, haben einen Platz im Regal oder auf dem Schreibtisch gefunden. Zu den Bandfotos sind Fotos seiner Freunde und von Partys gekommen. Auf der Fensterbank entdecke ich zwei angebrochene Packungen Zahnseide. Auf dem Boden zähle ich fünf leere Club Mate-Flaschen im Zimmer. Thomas erwartete keinen Besuch, und so gibt sich sein Zimmer als das, was es für ihn sein soll, ein intimes Reich und Rückzugsort. Text und Bilder von Marius Land

E ka t e r ina Gav r il o va

Dorothea

Ich treffe Dorothea, eine Freundin aus vergangenen Ausbildungstagen, in ihrer Wohnung in Tempelhof/Schöneberg – ruhige Lage, familienfreundlich und gute Anbindung in die Stadt, wie sie zu sagen pflegt. Sie, wie immer zurecht gemacht mit gestyltem Haar, Make-Up und einem gestreiften Oberteil, sitzt mit mir in ihrer blau gestrichenen Küche am Tisch gegenüber und wir beide sind gespannt, was auf uns zukommt. Sie wirkt interessiert an der Situation und erfüllt mit Ihrem Äußeren meine Erwartungen und grinst wie immer. Es herrscht eine lockere und entspannte Atmosphäre, so dass sie während des Interviews Tee zubereitet und sonst auch diverse Süßigkeiten anbietet. Ich fühle mich willkommen und sofort wohl und aufgehoben, was Doro einem auch mit ihrem Redefluss ganz einfach macht. Die Küche erlebte sie schon in Kindertagen als geselligen und positiven Ort, wodurch er, auch durch die beengten Verhältnisse ihrer Einzimmerwohnung, als Gesprächsort ausgewählt worden ist. Dass wir beide Raucher sind, spielte auch eine Rolle.

Die Wurzeln Sie ist 25 Jahre alt und lebt seit 2008 in Berlin, nachdem sie aus Rotenburg an der Fulda aufgrund jener Ausbildung herzog. Aufgewachsen in einer katholischen Familie mit polnischen Eltern und starken Verbindungen ins Heimatland durch Großeltern und Verwandte, wurde sie, als Jüngste von drei Schwestern, als das beschützte Küken groß. Im Kindergarten, wie sie erzählte, war sie eher ein schüchternes Kind, da sie ohne jegliche Deutschkenntnisse in diesen kam, obwohl sie in Deutschland

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geboren wurde. Die Hemmschwelle der Sprache war so groß, dass Dorothea schüchtern wurde, was sie aber überwand. Heute spricht sie akzentfrei Deutsch. In der Grundschulzeit mit elf Jahren trennten sich die Eltern. Das empfand sie dennoch nicht als schlimm, da sie sich bei der Mutter sehr aufgehoben fühlte und es als Erleichterung wahrnahm, ohne ständigen elterlichen Streit zu leben. Zum Vater hat sie weiterhin Kontakt und ein gutes Verhältnis. Die Scheidung hinterließ eine Harmoniebedürftigkeit wie in den frühen Kindertagen, nach der sich ihr Streben und Handeln heute noch ausrichtet. Streit erträgt sie nur schlecht und ist immer darum besorgt, Frieden herrschen zu lassen. In der Pubertät fing sie an, den Glauben, insbesondere den ihrer Mutter, zu hinterfragen. Mit den Jahren entwickelte sie eine eigene, weniger katholische Definition vom Glauben an eine »höhere Macht«. Sie grenzt sich hierbei auch ein Stück von der Konservativität ihrer Mutter/Familie ab und versucht die Regeln für sich zu lockern, um es mit ihrem modernen, unabhängigen Leben zu vereinbaren. In ihrer Wohnung findet man das Neue Testament, welches sie auch gelesen hat, sowie ein Metallkreuz über ihrem Wohnzimmereingang, das ihr die zweitälteste Schwester schenkte. Das Kreuz ist einer der wichtigsten Gegenstände. Dieser magische Gegenstand beherbergt viele emotionale Verbindungen, welche sie stärken und sie in ihrem Glauben vor dem Negativen schützen. Das Neue Testament zeigt ihre Offenheit gegenüber anderen Religionen und Glaubensauslegungen, wogegen das Kreuz für den Verbund zur Familie steht, und somit das Konservative widerspiegelt, nicht letztendlich aber vor allem für die engste Bezugsperson in ihrem Leben – die Schwester. Ein anderer wichtiger Mensch war die Großmutter mütterlicherseits in Polen, die letztes Jahr in einem Alter von 89 Jahren verstarb. Es war ein großer Verlust, da sie ihre Oma idealisiert und deren Harmoniebedürftigkeit, Ruhe und die Leistung, sechs Kinder aufzuziehen, bewundert. Dorothea schwelgt in Erinnerungen, wie belesen und wortgewandt ihre Großmutter war und alljährlich jedem Familienmitglied zu Weihnachten eine Grußkarte mit einem selbst verfassten Gedicht schickte. Sie schrieb Tagebücher bis an ihr Lebensende und man hörte ihr immer gern bei Erzählungen und Geschichten zu. Insgesamt schätzt Doro den Wert der Bodenständigkeit und alter Moralvorstellungen.

Angekommen Die aktuell wichtigste Person ist seit über einem Jahr Dorotheas kurdische Freundin. Die unterschiedlich anerzogenen Religionen spielen keine Rolle in ihrer Beziehung. Sie will gern mit ihrer Partnerin zusammen ziehen. Eine andere wichtige Rolle in ihrem Leben spielen ihre beiden Katzen, die bei ihr leben, seit sie in Berlin ist. Sie wären für nichts in der Welt eintauschbar. Hinter dem Wunsch, zusammen zu ziehen, steckt ein Bedürfnis nach Familie, Häuslichkeit und Zusammenhalt. Auch die Katzen sind eine Art Familienersatz.

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Auf der Suche Als Abiturientin entschied sich Dorothea für eine Ausbildung als Produktdesignassistentin, um ihr gestalterisches Talent auszuprobieren. Der Beruf entpuppte sich aber als brotlose Kunst mit keinerlei Einstiegschance in den Arbeitsmarkt, worauf sie dennoch ihren Abschluss machte, um »etwas in der Tasche zu haben«. Es folgten zwei Praktika bei Modedesignerinnen sowie zwei erfolglose Bewerbungsversuche für dein Modedesignstudium in Berlin. Danach entschied sie sich, als Leitung einer Kundenserviceabteilung zu arbeiten, welches sich jedoch auf ein Jahr beschränkte, da die Firma insolvent ging. Nun sucht sie wieder Arbeit. Sie kehrt dem gestalterischen Bereich den Rücken, da sie an ihrem Talent zweifelt und eine chancenreichere Richtung für ihre berufliche Zukunft möchte. Dorotheas berufliche Laufbahn ist von Ziellosigkeit geprägt. Ein Sicherheitsverlangen lässt sich aber durch den kompletten Werdegang verfolgen. Das Streben nach beruflicher Zufriedenheit spornt sie an, zu studieren und neues kennen zu lernen.

nacheifern, jedoch weiß sie, dass dies nicht in ihren Lebensstil passt und die Darstellung der Charaktere unrealistisch ist. Eine Scheinwelt, in die man ab und an flüchten kann. Es fällt natürlich auf, dass es nur fiktive Personen sind, mit denen sie sich zu identifizieren meint.

Geliebter Kitsch

Als wir anfingen über ihr Aussehen zu sprechen, setzte sie sich besonders gerade und körperbewusst hin, um möglichst vorteilhaft auszusehen. Dorothea empfindet sich als feminin, was auch an ihrer Herkunft liegt, wo die Männer- und Frauenrollen klar verteilt sind, wie sie selbst sagt. Es besteht eine Erwartungshaltung familiärerseits, die sie über die Jahre verinnerlicht hat. Im Prinzip ist sie mit sich zufrieden, verneint dieses aber schon im nächsten Satz. »Ich fühle mich ganz wohl, aber manchmal auch eher weniger.« Ihr gefallen an ihrem Aussehen besonders die Haare, Augen und Brüste, was sie nach einer kurzen Denkpause preisgab. Allerdings hadert sie schon immer mit ihrem Gewicht. »Ich war nie schlank.« Sie weiß, was sie machen müsste, um dem entgegen zu wirken, aus gesundheitlichen Gründen, aber zu sehr empfindet sie Kochen und Essen als Genuss und als gesellschaftliches Ereignis, wie einst in der familiären Küche. Ihr Erscheinungsbild wertet sie mit Hilfe von starkem und auffälligem Make-Up und sonstigen Pflegeprodukten auf und überprüft es automatisch, sobald sie an einer reflektierenden Oberfläche vorbeigeht. Auch mag sie reichlich, auffälligen Modeschmuck – vor allem Halsketten. Es ist ihr unangenehm, einem Fremden ungestylt und ungeschminkt gegenüber zu treten. Doro ist ein Mädchen durch und durch, mit allem was dazu gehört – Styling, Make-Up und Schmuck. Wie jede Frau versucht sie, Problemzonen zu kaschieren und sich vorteilhaft zu präsentieren. Als hübsch angesehen zu werden, hat für sie einen hohen Stellenwert. Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben, mit denen sie sich am meisten identifizieren kann, sind die Frauencharaktere aus Sex And The City. Auf genaueres Fragen erwidert sie, dass Carrie und Samantha die Figuren mit dem größten Übereinstimmungspotential zu ihrer Person sind. Sie liebt die Stilbrüche in der Serie und würde dem auch gerne

Wie in dieser Serie und anderen Filmen ist auch Dorotheas Kaufverhalten nicht funktionsorientiert. Sie kauft, was ihr gefällt, obwohl sie es nicht braucht. Die Konsumsehnsüchte müssen befriedigt werden, können es aber nicht. Sie konsumiert, was sie sich leisten kann, ohne sich zu verschulden, würde aber gern viel mehr besitzen. Ein Kredit käme nur für eine Eigentumswohnung in Frage, wobei sie sich das Geld eher von den Eltern als von der Bank leihen würde. Aber auch in ihrem Budgetrahmen gibt es gekaufte Sachen, die sie noch nie benutzte, und die seit Jahren im Schrank verweilen. Sie bezeichnet manche Fehlkäufe »wie im Rausch«, wovon bei einigen auch vom Rückgaberecht Gebrauch gemacht wurde. Im Gegensatz zu den Charakteren ihrer Lieblingsserie shoppt sie nicht nach Trend, sondern ausschließlich nach Gefallen und ohne konkretes Ziel. Sie liebt Kitsch und bezeichnet sogar einige Einrichtungsgegenstände aus ihrer Wohnung als solchen – zum Beispiel ihren Spiegel und die Leuchte. Als besonderen Kitsch benennt sie das Fernglas, welches in der Küche am Fenstergriff hängt. Sie wird stets danach gefragt, ob sie die Nachbarn heimlich beobachtet. Sie lässt eigentlich das Fernglas nur noch an diesem Platz, weil es so sofort zu einer kommunikativen Situation kommt. Kitsch definiert sie für sich als Dinge, die man nicht benötigt und fügt hinzu, dass sie gern noch mehr davon hätte, aber ihre Wohnung und der Geldbeutel den Platz nicht hergeben, sie sich aber auch definitiv nicht von Altem trennen kann. Kitsch sind einfach die schönen Dinge des Lebens, die ohne Nutzen fungieren. Sie sich leisten zu können, stellt eine Art von persönlicher Freiheit dar. Bei technischen Sachen ist der Geiz größer als der Drang, das neueste Modell zu erwerben. Vor allem durch Mode und modische Accessoires strebt sie es daher an, anders zu sein und Aufmerksamkeit in ihrem Freundeskreis zu erlangen. Marken spielen hierbei keine große Rolle. Hätte sie allerdings mehr Geld zur Verfügung, würde sie mehr Markenartikel kaufen und diese aber auch mit Non-Markenartikeln mischen. Ihr Outfit heute ist spontan zusammen gestellt, da der Wäscheständer wegen des Interviews weggeräumt werden musste und der gestreifte Pullover ihr buchstäblich in die Hände fiel. Ihr Lieblingskleidungsstück ist der schwarz-weiße

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»Diamonds Are a Girl’s Best Friend«


Schal in gedeckten Farben, den sie bereits seit vier Jahren besitzt, was man ihm auch ansieht. Allerdings kann sie sich nicht von ihm trennen, da ihr der Schal in allen Anforderungen wie Länge, Stoff und Haptik entspricht. Warum dies ihr Lieblingsstück ist, konnte sie nicht begründen. Es ist eine Summe aus eben genannten Gründen und dem Fakt, dass sie ihn sich damals selbst für wenig Geld gekauft hat. »Er passt halt immer« – wahrscheinlich in jeglicher Hinsicht. Er hat seinen eigentlichen Wert vervielfacht, da er vieles miterlebte.

Unterwegs Immer noch in der gemütlichen Küche sitzend mit warmem Tee und Süßigkeiten versorgt, kamen wir auf genau das Gegenteil – unangenehme Plätze – zu sprechen. Während sie sich eine Zigarette anzündet, beschreibt sie die U-Bahn als mittlerweile beängstigenden Platz, seit sie in der Nacht von einem Mann bis vor die Haustür verfolgt wurde. Besonders am Wochenende und abends hat sie ein Gefühl der Unsicherheit, aber sie fährt trotzdem täglich, da sie auf die Beförderung angewiesen ist.

Online Ab und zu lenkt sie sich mit ihrem Smartphone ab und surft im Internet. Generell tut sie dieses mehrmals täglich. Allerdings habe es schon abgenommen im Vergleich zu früher. Sie ist in sozialen Netzwerken passiv aktiv, wobei sie sich gerne die neuesten Meldungen der anderen durchliest. Sie achtet besonders auf ihre Privatsphäre. So zum Beispiel ist sie nur mit Freunden, die sie persönlich kennt, in Kontakt. Jetzt postet sie nur noch besondere Sachen wie Glückwünsche oder, wenn sie etwas cooles im Netz gefunden hat. Ansonsten stöbert sie auch als Zeitvertreib in diversen Onlineshops, wobei es nicht immer zu einem Kauf kommen muss. Text von Ekaterina Gavrilova, Bilder von Tobias Jänecke

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Gi o r g i Z a t ua s hvili

David ist 29 Jahre alt, kommt aus Berlin, spricht Deutsch, Englisch und Französisch, hat sieben Jahre Klavierunterricht besucht, jedoch keine Ausbildung gemacht. Er spielt jeden Sonntag Fußball, ist ein richtiger Fan von Borussia Mönchengladbach. Früher hat er auch Basketball gespielt. David liebt es, zu reisen und hat bereits Amerika, Kroatien, Spanien, Italien, Österreich und Holland kennengelernt. Er ist intelligent und besitzt umfangreiches Wissen in verschiedenen Bereichen wie Geschichte, Naturwissenschaften und Musik. In letzter Zeit spielt er intensiv Poker. David wohnt seit mehr als sieben Jahren in seiner Wohnung. Zunächst war er dort mit seinen Eltern eingezogen, nun lebt er mit seiner Freundin und der Katze hier. »Ich fühle mich hier zu Hause« – sagt er. Die Wohnung befindet sich im vierten Stock eines Berlin-untypischen schmalen Hauses in der Nähe des Savignyplatzes. Sie besteht aus drei Zimmern, einem großen Wohnzimmer mit einer schönen Aussicht auf der Straßenseite, einem persönlichen Zimmer und einem Schlafzimmer. Überall sind Kleidung und Schuhe verstaut, weitaus mehr von ihr als von ihm. Die komplett ausgestattete Küche wirkt durch die Menge an Haushaltsgegenständen überladen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass hier jeden Tag gekocht wird. Auffällig sind die vielen verschiedenen Kochbücher. »Kochen fand ich nie attraktiv, obwohl ich immer gern verschiedene Gerichte oder verschiedene Kuchen ausprobiere. Vielleicht bin ich einfach zu faul dafür« sagt der David. Durch das helle Wohnzimmer mit zwei Fenstern kommen wir in Davids Zimmer. »Chilling Room« nennt er es. Der Raum wird von einer riesigen Fahne des Fußballvereins Borussia Mönchengladbach an der Wand dominiert. Sie weist ihn als Fan und Kenner von Fußball und besonders vom Club Borussia Mönchengladbach aus. »Schon seit früher Kindheit spiele ich Fußball, aber immer nur als Hobby. Jeden Sonntag gehe ich mit Freunden ins Fußballstadion, und wir spielen drei bis fünf Stunden Fußball. Jeder Fan hat ein Lieblings-Team, meins ist Borussia Mönchengladbach.« Stolz zeigt er mir ein Team-T-Shirt mit Autogrammen. Am Schrank hängen neben dem T-Shirt in einem Netz Fussbälle und Basketbälle. »Wenn ich Fussball spiele, habe ich meist das Borussia Mönchengladbach-T-Shirt an. Das ist wie Motivation für mich, das hilft auch, besser zu spielen. Mich überkommt immer

Versprengte Leidenschaften

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wieder durch diese Raumdekoration die Lust, Fußball zu spielen, obwohl ich eher faul bin.« David hat eine starke emotionale Beziehung zu diesen Dingen aufgebaut, er fühlt sich durch sie quasi magisch mit seinem Lieblingsteam verbunden. Das erzeugt bei ihm so etwas wie psychologisches Doping, welches seine sportliche Leistung erhöht. Ganz mit Absicht hat David seine Fetische auffallend im Zimmer geordnet, damit der Raum wie ein FanClub wirkt und für ihn wie auch für alle, die ihn hier besuchen, seine Leidenschaft für Fußball, als wichtiger Teil seiner persönlichen Identität, erlebbar wird. In Davids Zimmer findet man auch viele Souvenirs aus verschiedenen Ländern, zum Beispiel eine US-Flagge in der Ecke und das Wappen von Amsterdam. Sie sind chaotisch im Zimmer verteilt. David sagt, das seien seine Trophäen. Jede einzelne ist mit konkreten positiven Erinnerungen verbunden. Nach Davids Meinung kann Reisen nur positiv sein, denn man lernt viel Neues kennen. Souvenirs sind gut, sie erinnern immer wieder daran. Zum Beispiel ist die Blues-Brothers-Figur am Fenster eine Trophäe seiner ersten großen Reise zu einem anderen Kontinent. Als David in New York war, hat er verschiedene Bars und Pubs mit Live-Musik besichtigt, in einem solchen Pub fand er diese Figur. Er wollte sie kaufen doch der Barkeeper schenkte sie ihm als Anerkennung seiner guten Kenntnisse der Blues- und Soul-Musik. David ist der Überzeugung, dass sich beim Reisen ein wichtiger Teil seiner Identität formiert: »Je mehr du siehst und lernst in dieser Welt, um so größere Auswahl hast du für das, was dir gefällt oder nicht gefällt.« Auf dem Schrank steht noch ein wichtiges Attribut des Reisegenießers: ein Globus. Nach Davids Meinung hilft diese Kugel mit Karten, die richtigen Maßstäbe unserer Welt zu verstehen. David besitzt auch eine Schallplattensammlung. Die Hälfte davon hat ihm sein Vater geschenkt. Inzwischen hat er aufgehört, zu sammeln. Manchmal allerdings genießt er es, alte Vinyls aufzulegen, denn genau damit hat seine Leidenschaft für Musik begonnen. Man findet Jazz, Soul, Chanson und viele andere. Alte Hits werden meistens vergessen oder mit neuer Interpretation gesungen. Mehr als Hälfte der heutigen kommerziellen Top-Hits sind erneuerte alte Lieder. Mit diesen Schallplatten entsteht eine wunderbare musikalische Verbindung durch die Zeit. Der besondere Klang von Schallplatten ergänzt die moderne Musik, meint David. David hat viele interessante Dinge in seinem Zimmer gesammelt, die meistens mit konkreten Erlebnissen und Erfahrungen verbunden sind. Allerdings fällt an dieser Vielfalt auf, dass ein zentrales Sinn-Motiv fehlt. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass er keine Ausbildung absolviert, keinen Beruf hat. Text und Bilder von Giorgi Zatuashvili

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K a t ha r ina F i s che r

Bevor ich mich entscheide, an der Tür zu klingeln, schaue ich mich in der Umgebung der Wohnung um, die ich gleich betreten werde. Ich befinde mich im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, nicht weit entfernt vom Friedrichshainer Volkspark. Hier kann man die Vielfalt einer Großstadt auf relativ kleinem Areal erleben. Es ist eine sehr lebendige Gegend, die viele Möglichkeiten bietet, sich abzulenken und zu beschäftigen. Allerdings ist genau dieser Bereich der Stadt dafür bekannt, immer elitärer zu werden. Nachdem sich die Wohnungstür öffnet, empfängt mich mein guter Freund Sebastian Landsberg in seinem Flur. Das Betreten des Flures empfinde ich als surreal. Man befindet sich in einer Blase aus Erinnerungen und Reisedokumentationen. An allen vier Wänden des langen Raumes wurden mit Bedacht fotografisch dokumentierte Andenken platziert. Sie zeigen Fotografien aus der Kindheit, Gruppenaufnahmen mit Freunden, Campingausflüge, Menschen, die Sebastian scheinbar wichtig sind, aber auch Momentaufnahmen von seinen Reisen. Außerdem befindet sich im Flur eine Pinnwand mit persönlichen Schätzen wie Postkarten, Eintrittskarten und Mitbringseln. In diesem Raum versammelt sich eine kleine Welt aus persönlichen Eindrücken, eine eigene Wall of Fame. Man hat keine andere Wahl als sich die Fotos genauer anzusehen. So passiert es auch, dass man sich erst einmal eine Weile im Flur aufhält, um einige Momente aus dem Leben von Basti genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie dienten bestimmt schon vielen Gästen als Gesprächsstoff, da die erzeugte Atmosphäre aus Erinnerungen eine hohe Anziehungskraft besitzt. Durch die geschmückten Wände entsteht eine behagliche Wärme, die auch dem unbekannten Betrachter das Gefühl verleiht, Basti besser einschätzen zu können. Bevor ich kam war er noch damit beschäftigt, weitere Bilder aufzuhängen. Er nimmt einen Bilderrahmen und schiebt ihn an der Wand entlang, findet scheinbar keinen befriedigenden Fleck. Ich meine zu ihm, dass doch ganz oben noch eine Fläche frei wäre, worauf er nur antwortet: »Nein! Da ist es zu hoch, von dort aus kann ich das Foto nicht mehr richtig sehen!«. Auf diesen Gedanken wäre ich gar nicht gekommen! Die Platzierung der Bilder hängt wahrscheinlich nicht von dem Faktor ab, dass er sie nicht sieht. Er will vielmehr dem Besucher die Möglichkeit geben, die Bilder genau betrachten zu können. In der Küche nehmen wir dann Platz. Er fängt an das Essen zuzubereiten und ich trinke ein Glas Wein. Beim Lebensmitteleinkauf achtet er nicht so sehr auf die Preise, sondern nimmt das mit, was ihn gerade anspricht und worauf er Lust und Appetit hat. Der Wert guten Essens wurde ihm im Elternhaus mitgegeben. Bereits sein Vater achtete auf genussvolles Essen. Nachdem

Objekten ihren Platz lassen

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dieser von der Arbeit kam, wurden keine Mühen gescheut, zum Abendessen selbstgekochte und leckere Mahlzeiten aufzutischen. Genuss bedeutet in Sebastians Familie Entspannung, dem Gegenüber etwas gutes zu tun, aber auch herauszuheben, dass man einen Sinn für guten Geschmack hat und den Wert von guten Produkten würdigen kann. Diese Tradition wird in seiner Familie von einer zur nächsten Generation weitergegeben. Es wird alles durchdacht und Besorgungen werden erledigt unter dem Motto: »Lieber zu viel als zu wenig!« Während er kocht, finde ich Zeit mich ein wenig in der Küche umzuschauen. Wie der Flur und alle anderen Zimmer ist auch die Küche liebevoll und detailliert eingerichtet. Mir wird bewusst, dass seine Objekte und Produkte einer Hierarchie unterliegen. Alle Gegenstände, zu denen er einen emotionalen Wert aufgebaut hat, oder die er aufgrund ihrer Funktionalität schätzt, bekommen viel Platz in der Wohnung, während die anderen lieblos in die Wohnung integriert sind. Diese wirken mühevoll, unbequem und unerwünscht. So wie der Kühlschrank, der am liebsten in der Ecke verschwinden sollte. Die Kühlschranktür lässt sich erst öffnen, wenn man den Hocker beiseite schiebt. Außerdem befindet sich links vom »Hassobjekt« gleich die Küchentür, die man dadurch nicht ganz öffnen kann. Es kleben unzählige Magnetbuchstaben an der Kühlschranktür, die noch vom Vormieter stammen. Im Gegensatz dazu bekommen das Weinregal, welches sich an der selben Wand befindet, und die geliebte Kaffeemaschine ihren verdienten Platz. Sie und die dazugehörigen Utensilien nehmen den gesamten Bereich neben der Spüle in Anspruch, alle Bestandteile sind geordnet und übersichtlich aufgestellt. Beim Betreten der Küche fällt einem sofort das offene Weinregal auf. Es steht auf dem Boden und zieht sich in die Länge, während es den Mülleimer unter den Tisch verdrängt. Der Umgang mit den besonders geschätzten Objekten spiegelt sich im Umgang mit den ihm nahestehenden Mitmenschen wieder. Wie schon im Flur zu sehen ist, bekommen Familie und Freunde ihren eigenen Platz in der Wohnung, allen anderen wird einfach keine große Beachtung gegeben. Er will sich nicht unnötig aufregen oder aus der Ruhe bringen lassen. Basti ist fertig mit dem Kochen. Jetzt werden große weiße Porzellanteller aus dem Schrank geholt, die dann mit dem gutaussehendem Essen verziert werden. Das macht er sicherlich auch so, wenn kein Gast zu Besuch ist. Als nächstes werden die gefüllten Teller ins Wohnzimmer gebracht. Anstatt uns an den großen Esstisch zu setzen, steuert Basti auf das Sofa zu. Er stellt die Teller direkt darauf ab. Die Eigenart, Dingen nicht nur einen eigenen Platz zuzuordnen, sondern auch Platz für sie zu schaffen, taucht überall in seiner Wohnung auf. So nimmt auch das riesige Sofa, auf dem wir sitzen, ein beachtliches Volumen ein. Es steht für Luxus, Entspannung und Bequemlichkeit, Attribute die Basti sehr wichtig sind. Aus diesem Grund werden diese Objekte liebevoll behandelt, umsorgt und dekoriert. Kleine Kissen und eine passende Decke werden gesucht und gekauft, um das Ambiente perfekt zu machen. Um auch die Atmosphäre wohnlicher und gemütlicher zu gestalten, werden Pflanzen und Kerzen in den Räumen arrangiert. Diese Gegenstände spielen in der Wohnung

eine enorme Rolle. Sich das Heim wohnlich und dekorativ einzurichten ist Basti wichtig, das Geld dafür ist ihm nicht zu schade, er will in einer komfortablen Umgebung seine Ruhe und Entspannung finden. Bei ihm entstehen sogenannte Entspannungsoasen. Er erzählt mir, dass das auch die Orte sind, wo er sich am liebsten aufhält: im Bett, auf seinem geschätzten Sofa, das er gerade neu gekauft hat, und im Sommer natürlich auch auf seiner Hängematte. Die Hängematte besitzt ein riesiges Gestell, welches gerade so auf der Terrasse einen Platz findet. Das Bild von ihm auf der Hängematte kann ich mir unheimlich gut vorstellen. In meiner Vorstellung liegt er dort entspannt und genießt die Sonnenstrahlen. Neben ihm würden ein Glas Wein und eine Käseplatte mit ausgewählten Käsesorten angerichtet stehen, vielleicht aber auch nur ein gekühltes Bier. Er lässt sich in diesem Moment durch nichts aus der Ruhe bringen. Dass Basti ein Genussmensch ist, stelle ich gar nicht in Frage. So will er natürlich auch von seinen Mitmenschen gesehen werden. Damit diese Vorstellung bei sich und bei den anderen in den Köpfen verankert werden kann, erschafft er sich unbewusst eine Welt des Genusses. Mithilfe von dem offenen Weinregal, der Hängematte, dem Sofa und selbst der Wohnung mit Dachterrasse, die sich in einem elitären Wohnviertel befindet, wird diese Welt aufgebaut. Während wir essen schauen wir einen Film, eine amerikanische Komödie, denn nach dem anstrengenden Arbeitstag will er sich ein wenig ablenken. Basti arbeitet viel und hart als Wirtschaftsingenieur, in seinem Bereich muss er viel Verantwortung übernehmen. Er strebt hohes Expertenwissen an und so lässt er auch keine Gelegenheit aus, seine Fähigkeiten und Kenntnisse zu erweitern. Er wirkt sehr zielstrebig und engagiert auf mich. Die Intention hinter den Bemühungen am Arbeitsplatz besteht zu einem Teil aus dem Wunsch nach Anerkennung im Beruf und zum anderen Teil aus dem Streben nach Genuss und Luxus, denn diesen muss man sich natürlich auch erst leisten können. Die Arbeit fordert einen bestimmten Kleidungsstil. Ich frage ihn, ob er sich in der Kleidung, die er beruflich tragen muss, wohl fühlt. Ja, sein weißes Hemd und seine schwarzen Schuhe trägt er gerne. Die Sachen können schließlich auch mit einer Jeans und einer Lederjacke kombiniert werden und es müsse nicht gleich ein Anzug mit Krawatte sein. Er erzählt mir, dass der Kleidungsstil es erleichtert, im beruflichen Umfeld Anerkennung zu finden. Man wird nicht ernst genommen, wenn bedruckte T-Shirts zum Meeting getragen werden. Gepflegt aufzutreten und nicht komplett aus dem Raster zu fallen ist einfach wichtig, um geschätzt zu werden.

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Als Ausgleich zur Arbeit beschäftigt er sich gerne mit Reiseplanungen. Für ihn ist Luxus, nicht nur zu Hause Entspannung zu finden, sondern auch die Befriedigung seiner Abenteuerlust, die große, weite Welt. Zum Ziel setzt er sich, neben der Erholung durch Stadtspaziergänge und Strandausflüge, mehr über Land und Leute zu erfahren und vor allem auch die Kulturen näher kennenzulernen. Er informiert sich, wo man so viel wie möglich vom Land erkunden kann, nicht nur die touristischen Attraktionen. Spanien durchreiste er zusammen mit einem Freund im Auto, um das größtmögliche Spektrum an Eindrücken vom Land zu erhalten. Im Verlauf seiner Erzählungen über Reisen und weitere Freizeitbeschäftigungen bekomme ich das Gefühl, dass es ihm manchmal nicht leicht fällt, spontan zu sein. Das betrifft nicht nur die Reiseplanung, sondern auch das alltägliche Leben. Er braucht Ordnung und Organisation, denn er möchte nicht enttäuscht werden und sucht Absicherung. Die gesammelten Eindrücke von den Reisen findet man auch in der Wohnung wieder. Riesige Panoramaaufnahmen aus Amerika, Peru, Mexico, Australien, Schweden, Spanien, ... fast in jedem Raum. Nach einer neuen Reise werden neue Leinwände fertig gestellt und lösen an den Wänden die alten Bilder ab oder ergänzen sie, so dass man als Gast oft eine neue Entdeckung vorfindet. Basti legt nicht nur Wert darauf, als Geschäftsmann akzeptiert zu werden, sondern auch seine kreative Seite zu demonstrieren und dadurch Anerkennung zu finden. Er steht auf, um uns noch ein Dessert zu holen. Es gibt Eiscreme mit Schokoladensoße. Ein kalorienreicher Nachtisch! Ich weiß, dass er gerne ein wenig abnehmen will, nicht weil er übergewichtig wäre, sondern nur aus Eitelkeit, wie er sagt. Ich frage ihn, ob das nicht einen Widerspruch darstellen würde, so gut zu essen, wenn man doch abnehmen will. Basti lächelt mich an und meint nur: »Ja, es stellt einen Widerspruch dar! Das schlechte Gewissen hält sich aber in Grenzen, obwohl der Gedanke daran existiert.« Anzukommen ist auch ein bedeutender Faktor, den Basti anstrebt. In der Wohnung wird mir das besonders klar. Heutzutage scheint es, als richteten sich nicht mehr viele junge Menschen heimisch ein, lebten die meisten in temporären Wohngemeinschaften ohne viel Geld für die Einrichtung ihrer WG-Zimmer auszugeben. Auch was die Familie angeht, sucht Basti nach Sicherheit und dem Gefühl angekommen zu sein. Das wichtigste dabei ist es, mit den getroffenen Entscheidungen auch langfristig glücklich zu werden und diese nicht bereuen zu müssen. Während er mir von seinen Zukunftsplänen erzählt, erwähnt er seinen Wunsch auch mit weniger zufrieden sein zu können. Vielleicht wäre dann einiges leichter. Ich bedanke mich bei ihm für das sehr leckere Essen und das nette Gespräch, das ich sehr genossen habe und mache mich auf den Weg nach Hause. Text und Bilder von Katharina Fischer

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Tim J o la s

Es ist Freitag. Ein rauer, kalter Wintertag. Für das Interview haben wir uns in Elisas Wohngemeinschaft verabredet. Wir sind froh, dass wir endlich in ihrer gemütlich warmen Wohnung nahe dem S-Bahnhof Schöneberg angekommen sind und mit offenen Armen empfangen werden. Es ist *Stell einen Gartenzwerg in deinen kurz nach vier Uhr. Nach der Begrüßung Garten und alles wird schön. werden wir gleich gefragt, ob wir uns nicht erst einmal in die Küche setzten wollen, um uns bei einem Tee oder Kaffee aufzuwärmen – dankend stimmen wir zu. Schnell stehen drei Tassen grüner Tee auf dem Tisch. Elisa trinkt aus ihrer Lieblingstasse, einem Geschenk von ihrer alten Mitbewohnerin aus der Ukraine.

Met un nain dans ton jardin et tout ira bien!*

Elisa Elisa ist 25 Jahre alt und wohnt seit vier Jahren gemeinsam mit ihren drei Mitbewohnern in Berlin-Schöneberg. Es war ein großer Wunsch der gebürtigen Französin, ihre Heimatstadt Bordeaux zu verlassen und ihr Studium in Berlin zu beenden. Auf die Frage, wie wir das Interview beginnen möchten, reagiert sie entspannt und möchte uns gern ihre persönliche Geschichte erzählen. Ihr Elternhaus hat sie mit achtzehn Jahren verlassen, um ihren eigenen Haushalt zu führen. Schon im letzten Jahr auf dem Gymnasium hatte sie am Wochenende in einer eigenen Wohnung gewohnt. Mit dem Umzug ins Ausland unter-

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streicht sie ihren Entschluss zur Selbstständigkeit und beginnt, in hohem Maß Verantwortung zu übernehmen. Die Entscheidung, ihr Studium in Deutschland zu beenden, traf sie nach einem Urlaub in Berlin. Obwohl der Weg ins Ausland immer ein großer Traum von ihr war, ist sie vorsichtig und lässt sich für diesen Entschluss viel Zeit. Aus Schutz vor dem Revidieren des eigenen Entschlusses, setzt sie sich 2008 bewusst unter Druck: Sie erzählt allen Freunden von dem Unterfangen nach Berlin zu gehen. Der Respekt vor der Blamage des Rückzuges bekräftigte Elisa in ihrer Entscheidung. Mittlerweile spricht sie sicher Deutsch, wobei sie viel Wert auf die Aussprache legt. Deutsch zu lernen war eines ihrer wichtigsten Ziele in Deutschland. Sie mag die deutsche Sprache sehr und arbeitet daran, diese immer weiter zu verbessern. Neben den Grundlagen auf dem Gymnasium hat sie es hauptsächlich in ihrem Studium und autodidaktisch gelernt. Ihr Erasmus-Studium in Soziologie und Ethnologie hat sie 2010 abgeschlossen. Neben Berlin standen noch Spanien und Rumänien zur Wahl. Für sie war die Entscheidung sofort klar. Ihre Vorliebe für Geselligkeit und Affinität für soziale Kontakte zeigt sich auch in der Wahl ihres Studienfaches. Das Studium der Ethnologie unterstreicht ihr außerordentliches Interesse für andere Kulturen und bekräftigte die Entscheidung, nach Deutschland zu ziehen.

men kann und die Möglichkeit hat ihre Zeit frei einzuteilen. Auf der Suche nach einem passenden Arbeitsplatz bewahrt sie Ruhe und Flexibilität. An diesen Zielen arbeitet sie konsequent.

Motivation Ihre Affinität für Geschichte hat sie früh entwickelt. Schon in ihrer Kindheit wollte sie Ägyptologin werden. Damit verbunden war ihr Wunsch die Welt zu entdecken und andere Kulturen und Länder kennenzulernen. Prägende Einflüsse gab es indirekt durch ihre Familiengeschichte. Elisa erzählt uns, dass ihre Oma Deutsche war und ihr Opa für die französische Armee nach dem zweiten Weltkrieg in der französische Besatzungszone stationiert war. Eine Heirat war direkt nach dem Kriegsende nicht möglich, erst während der zweiten Schwangerschaft konnte das Liebespaar in Trier heiraten. Seit einiger Zeit betreibt Elisa Ahnenforschung, um die Geschichte ihrer Familie im Detail zu verstehen. »Es gibt keine Geschichte ohne Menschen die sie machen«, sagt sie. Von ihren Freunden wird sie dafür als Freak bezeichnet, »so etwas täten doch nur alte Leute«. Elisa kann sich mit der Kritik anfreunden, denn im Schulalter hat sie sich selbst als »Nerd« bezeichnet. Im Falle eines Brandes würde Elisa die gerahmten Bilder ihrer Großeltern und ihre Ordner mit den Urkunden und Dokumenten zur Ahnenforschung retten. »Alles andere kann man ersetzen« fügt sie hinzu.

Beruf Familie

»

Dass sie sich mit ihrem Beruf gut identifizieren kann, wird in ihrer Auseinandersetzung mit der jüdischen Kultur und dem Holocaust deutlich. Unmittelbar nach dem Studium absolvierte sie drei Monate Praktikum in der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Hier fand ihr Verantwortungsbewusstsein und selbstständiges Arbeiten große Anerkennung, indem sie eigene Projekte betreuen konnte. Momentan nimmt sie an einer Ausbildung zum Guide im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen teil. Sie möchte dort gern im pädagogischen Dienst arbeiten und Wie viele Menschen ihrer Touristen sowie Schulklassen die schreckG e n e r at i o n k ä m pf t s i e liche Bedeutung des Massenmords an m i t Zu k u n f t s ä n g s t e n u n d jüdischen Menschen im 20. Jahrhundert U n s i c h e r h e i t. vergegenwärtigen. Hier zeigt sich die für « sie große Bedeutung von Geschichte und historischen Ereignissen, auf privater und beruflicher Ebene. Die Bedeutung der Vergangenheit ist prägend für Elisas Wesen. Sie möchte in Zukunft in einem Beruf arbeiten, der ihre Interessen vereint. Sie ist zielorientiert und hat in der Vergangenheit schon viele Praktika besucht, um Eindrücke aus dem Arbeitsalltag zu sammeln und ihr Berufsbild zu festigen. Dieser Weg ist nicht einfach, da die Praktika meist unbezahlt und Minijobs in der Branche rar sind. Wie viele Menschen ihrer Generation kämpft sie mit Zukunftsängsten und Unsicherheit. Dabei lässt sie sich aber keineswegs entmutigen und hat ihre Ziele klar geordnet. Sie möchte in einem Beruf arbeiten der an ihr Studium angelehnt ist. In dem sie ein hohes Maß an Eigenverantwortung überneh-

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Familie spielt für Elisa eine sehr große Rolle. Es fiel ihr nicht leicht, sie zu verlassen, um nach Deutschland zu gehen. Immer, wenn sie zu Besuch in Bordeaux ist, versucht sie so viel wie möglich vom Alltag der Eltern mitzubekommen. Sie war entsetzt, als sie merkte, verpasst zu haben, dass ihr Bruder mittlerweile eine Brille braucht. Mit ihren Geschwistern fühlt sie sich stark verbunden. Nicht erleben zu können, wie sie sich entwickeln und größer werden, macht sie traurig. Überall in ihrem Zimmer und auch in der Küche sind Bilder von ihnen. Elisa ist es wichtig, ihre Geschwister sehen zu können. Wenn es möglich wäre, würde sie gern jeden Tag mit der Familie verbringen. Doch sie bereut ihre Entscheidung im Ausland zu leben nicht. Elisa zitiert ihre Mutter: »Wenn du glücklich bist, sind auch die anderen glücklich«. Sie selbst möchte auch gern Kinder in Berlin großziehen, jedoch hat sie Bedenken, dass ihrer Eltern ebenfalls die Entwicklung der Enkelkinder verpassen könnten.

Bordeaux – Berlin Elisa ist gemeinsam mit einer Kommilitonin von Bordeaux nach Berlin gezogen. Sonst kannte sie niemanden in der Stadt. Die ersten Wochen hat sie bei einer Bekannten gewohnt, bis sie eine eigene Wohnung fand. Bei der Suche hatte sie keine besonderen Ansprüche. Gemütlich, bezahlbar und mit netten Mitbewohnern sollte ihr neues Zuhause sein. Eines war ihr jedoch besonders wichtig: Es sollte ein Altbau sein. In tot renovierten Wohnungen

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oder Neubauten fühlt sie sich wie in einem kalten, weißen, sterilen Krankenhaus. In renovierten Häusern geht der charmante Charakter verloren. Die Geschichte seiner Bewohner ist nicht mehr spürbar. Zum Glück hat sie eine Wohnung mit Leben gefunden. Elisa liebt ihren Parkettboden, der beim Betreten etwas knarrt. Die farbenfrohe, alte Ziertapete an den leicht rauen Wänden und die an der Oberfläche der Decke verlegten Rohre schätzt sie sehr. Genauso mag Elisa alte Holzfenster und Türen mit abgeplatzen Farbschichten, eingelassen in dicke Wände. Es ist ein Stück französisches Lebensgefühl. Man spürt Gelassenheit. Der Geruch von frischen Baguette und Wein säuselt in der Luft. Wie so oft auch in Frankreich hat man hier alles beim Alten gelassen und nur die notwendigsten Reparaturen gemacht. Elisa mag es, wenn eine Wohnung ihre Geschichte transportiert. Räume mit Schrägen findet sie interessant, sie bieten etwas Besonderes. Quadratischer Räume hingegen findet sie langweilig.

»In meinem Zimmer hat sich sehr viel verändert«, sagt Elisa, während wir ihr Zimmer betreten. Als sie vor vier Jahren eingezogen ist, war das Zimmer bereits möbliert. »Die Möbel waren

hässlich und ich hatte auch noch keine Gardinen«, sagt sie nachdenklich. Jetzt ist in ihrem Zimmer von dieser Zeit nichts mehr zu erkennen. Wir befinden uns in einem kleinen gemütlich, liebevoll eingereichten Refugium. Nur mit einem Koffer als Gepäck ist sie von Bordeaux nach Berlin gekommen und besaß nur das Nötigste. In der ersten Zeit hat sie sich vor der Anschaffung neuer Möbel gefürchtet. Sie hatte Angst, nach Frankreich zurück zu gehen und das Mobiliar wieder aufgeben zu müssen. Nach einem Jahr jedoch holte die Vormieterin ihre Möbel und Elisa musste sich nach eigenen umsehen. Sie erzählt uns davon, wie sie ihre Möbel von Freunden, die zurück nach Frankreich gegangen sind, bekommen hat. Eigentlich sollten diese zunächst nur ihren Zweck erfüllen, jedoch hat sich durch die emotionale Nähe zu ihren Freuden, eine starke Bindung gegenüber den Stücken aufgebaut. Die Möbel haben eine große persönliche Bedeutung bekommen. Seit ihrem Umzug nach Berlin bringt sie Stück für Stück ihre Sachen mit nach Berlin. Einige sind noch in Bordeaux, die wichtigsten jedoch hier. Elisa ist froh, uns ihre liebsten Stücke zu zeigen und beginnt mit dem Bett. Sie hat es gemeinsam mit einer Freundin, die mittlerweile zurück nach Frankreich gegangen ist, selbst gebaut. Elisa ist stolz darauf, dass es immer noch so steht wie am ersten Tag. Die Tatsache, dass sie es selber gebaut hat, zeigt dass sie handwerkliches Interesse besitzt. Möbel sollen einfach und funktional sein, doch wichtig ist, dass sie es mit einer Freundin gebaut hat. Hier zeigen sich sowohl ihr bewusstes Konsumverhalten, als auch Ängste oder Vorbehalte, die sie gegenüber dem Anschaffen neuer Möbel hat. Ihr Kleiderschrank war einmal ein Küchenschrank. Er fällt beim Betreten des Zimmers gleich ins Auge. In einem Anund Verkaufsladen in Neukölln hat sie ihn entdeckt. Er ist das erste Möbel, das sie in Berlin kaufte. Dass sie eine derartige Anschaffung machte, zeigt, dass sie sich zum Zeitpunkt des Kaufes zunehmend sicherer in Berlin fühlte und sich nicht scheute, in ihre Zukunft in Berlin zu investieren. Dass der Schrank in erster Linie nicht funktional ist, stört sie dabei gar nicht. Eher schätzt sie ihn für sein Alter und das historische Aussehen. Auch dass der Schrank sehr viel Stauraum bietet erwähnt sie nicht. »Eigentlich benutzte ich den Schrank für alles«. Sie stopft hinein, verstaut und sortiert die Dinge, die sie braucht. Geordnetes Chaos. Sie öffnet den Schrank begeistert und sagt, dass wir auch gerne Fotos machen können. Die Tatsache, dass sie den Schrank umfunktioniert hat, zeigt einmal mehr ihren lockeren Umgang mit dem Transformieren ihrer Möbel. Neben dem Bett und dem Küchenschrank spricht sie noch von einer historischen Stehlampe im Retro-Look, welche sie sehr mag. An der Stirnseite des Raumes schließt sich ein kleiner ungepflegter Balkon an. Elisa hat versucht, ihn einzurichten und zu bepflanzen und einen kleinen Klapptisch besorgt, doch nach kurzer Zeit waren die Blumen verwelkt und der Balkon wurde pragmatisch zur Abstellkammer umfunktioniert. Als wir ihr Zimmer verlassen und zurück in die Küche gehen, schließt sie die Tür und sagt: » Alle meine Möbel haben eine große Bedeutung für mich bekommen. Ich möchte sie nie loswerden müssen.« Das können

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Wohnung Wir beginnen den Rundgang durch Elisas Wohnung in Ihrer Küche, eines der schönsten Zimmer in der Wohngemeinschaft. Hier treffen alle aufeinander, hier wird geredet, gegessen, getrunken und gelacht, sagt sie. Viel Zeit mit ihren Mitbewohnern zu verbringen, ist ihr äußerst wichtig. Gern wird auch das Zimmer eines Mitbewohners als Wohnzimmer umfunktioniert. Dort gibt es einen Fernseher, auf dem sich die WG gemeinsam Filme ansieht. Mit ihrem Mitbewohner Micha hat Elisa vor einiger Zeit ihr Sofa gegen zwei Kinostühle getauscht. »Ich mach das gern und so kann ich mein Zimmer gelegentlich umdekorieren, außerdem passt es so gut bei ihm unter das Fenster«, fügt sie hinzu. Elisa ist kein Mensch, der es vorzieht allein zu sein. Sie liebt die Gesellschaft und mag gemeinsame Unternehmungen. Allein wohnen ist für sie absolut keine Option, da sie die Ruhe und Langeweile nicht ertragen könnte. Das Bad ist zweckmäßig eingerichtet, unordentlich aber nicht chaotisch oder dreckig. Gleich fällt mir auf, dass die Gemeinschaft zwei Waschmaschinen besitzt. Auf meine Frage, warum das so sei, antwortet Elisa, dass die kleinere nicht mehr funktioniert, sich aber als Beistelltisch neben dem Waschbecken, zweckentfremdet gut nutzen lässt. Sie denkt pragmatisch, funktional und mag es, auf einfache Art Gegenständen eine neue Bedeutung zu geben. Sie fügt hinzu, dass sie das geräumige, grün geflieste Bad gern auch mal als Sauna umfunktioniert und die Badewanne als Tauchbecken nach einer heißen Dusche nutzt. Sie hat das Bad gern und keine Scheu gegenüber einer unkonventionellen Nutzung. Eine Wand des Bades ist aus Naturstein gemauert, ein weiterer Akzent den sie an Altbauten schätzt.

Elisas Zimmer


wir gut verstehen, da sie mittlerweile viele historische Holzmöbel besitzt, die sich gut ergänzen. Elisa ist gern in ihrem Zimmer. Oft liegt sie einfach nur rum, liest oder sieht sich eine ihrer DVDs an. Für sie ist ihr Zimmer ein Ort der Ruhe und Entspannung. Gern besucht sie einen kleinen alten Friedhof in der Nähe der Yorckstraße. Dort gibt es ein gemütliches Café, in dem sie gern sitzt und einen Kaffee oder ein Bier genießt. Sie schätzt diesen Ort für die Stille und die nachdenklichen Besucher. Hier fühlt sie sich in Gesellschaft und findet Zeit, den Verstorbenen und dem Vergangenen zu gedenken. »Auf dem Friedhof sind übrigens die Gebrüder Grimm beerdigt« fügt sie hinzu. In Frankreich ist sie am liebsten im Haus ihrer Eltern in der Nähe von Bordeaux. Obwohl sie in diesem Haus nie wohnte, genießt sie dort die gemeinsame Zeit mit ihren Eltern und Geschwistern. Sie mag die hier herrschende Gelassenheit. Es wäre für sie überhaupt nicht vorstellbar, im teuren und lauten Paris zu wohnen, wo die Menschen von morgens bis abends hektisch und hysterisch sind. In Paris herrscht außerdem eine große Diskrepanz zwischen Arm und Reich, sehr kapitalistisch. Elisa lehnt diese Zustände ab. In Berlin gefällt ihr die gute Lebensqualität, die guten Perspektiven in Beruf und Ausbildung, ein breites Kulturangebot und nicht zuletzt die bunten, aufgeschlossenen Menschen.

Konsum Elisa ist konsumkritisch eingestellt. »Ich würde nie jemanden zum Kaufen verleiten«. »Werbung und Marken sind für mich nicht wichtig«. Elisa hat kürzlich das erste Mal in ihrem Leben teure Schuhe gekauft. Normalerweise trägt sie die Schuhe ihrer Oma. Sie liebt auch ihre farbenfrohen Kleider aus Second-Hand-Läden. In Markenkleidung zu investieren, ist ihr zu teuer. Sie sieht in ihnen keine besondere Bedeutung oder einen Mehrwert. Wenn sie heute tanzen geht, nimmt sie nicht mehr mit als Geldbörse, Schlüssel und Lippenstift. Mir fällt eine kleine Deutschlandfahne auf ihren Balkon auf und ich frage sie, was es damit auf sich hat. Elisa lacht und sagt, dass es ein Spaßgeschenk ihrer Eltern ist, welche meinten, Elisa sei jetzt Deutsche. Nationalitäten haben für sie keine Bedeutung. Ihre Heimat ist dort, wo sie sich zuhause fühlt – in Berlin. Text von Tim Jolas, Bilder von Isabel Latza

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M A x W o s czyna

Ich komme ein bisschen zu spät zu Marthas Wohnung in Friedrichshain. Ich laufe die vier Stockwerke im Treppenhaus des schick renovierten Altbaus nach oben. Die Stufen sind mit einem dicken, roten Teppich belegt, das Geländer ist sauber lackiert. Schuhe von Kindern und lustige Fußmatten liegen vor den hohen, verzierten Türen. Manche sind sogar noch mit antiquierten Türklopfern aus Messing beschlagen. Jedes Mal, wenn ich hier hochgehe, denke ich, dass ich im Traum nicht meine Schuhe vor meiner Wohnungstür lassen würde. Sie wohnt jetzt seit etwa zwei Jahren in dieser Wohnung mit zwei anderen Mädels, die ich selten zu Gesicht bekomme. Davor haben Martha und ich zusammen in einer kleinen Wohnung in Schöneberg gewohnt, wo ich geblieben bin. Die Wohnungstür steht offen, Martha ist nicht zu sehen. Sie ist wahrscheinlich in der Küche und kocht Tee. Ich gehe rein, schließe die Tür und sage beim Schuhe ausziehen »Hallo«. Ich habe Recht, Martha steht in Jogginghose und Schlappen vor dem Wasserkocher. Zu unserer traditionellen Begrüßungszeremonie gehört mittlerweile auch, dass sie sich für ihr Gammel-Outfit entschuldigt. »Kein Ding!«, sage ich und wir umarmen uns kurz. Martha geht mir ungefähr bis zur Schulter, hat dunkle, lange, glatte Haare und ein junges, feminines Gesicht. Ihre G ­ ammelGarnitur besteht aus einer schlichten, grauen Jogginghose, einem grauen Baumwollpullover und den Glückspilz-Filzpantoffeln von Adelheid. Die Sachen hat sie schon ziemlich lang. Auf dem Metallbügel ihrer schwarz gerahmten Brille steht Karl ­Lagerfeld. Die Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, mir fällt die kleine Tätowierung hinter ihrem rechten Ohr ins Auge, weil ich weiß, dass sie da ist. Das Nasenpiercing hat sie heute nicht drin. Ich setze mich auf einen der zwei Stühle in der schmalen Küche. Martha gießt Tee ein, stellt die Tassen auf den kleinen Tisch und setzt sich, mir gegenüber, auf die andere Seite. Als die WG 2010 gegründet wurde, war schon eine Einbauküche vorhanden, was schon mal sehr viel Komfort mit sich brachte. Nun hat sich die kleine Küche in eine gemütliche Nische gewandelt. Voll mit den Einflüssen drei verschiedener, junger Frauen. Wie in jeder WG befinden sich in der Küche geerbte Stücke, günstige Einrichtungsgegenstände und das ein oder andere, was man sich mal gegönnt hat. Martha mag vor allem dezentes Geschirr in Grau oder Weiß. Sie nutzt die Gegenstände gern wegen ihrer Funktion. Sie liebt Tee, also gibt es einen einfachen Wasserkocher.

Wasabi und Tee

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Sie backt gern, also gibt es diverse praktische Gerätschaften. Einige geschenkte oder früher gekaufte Objekte sind etwas verspielter. Eine mit Punkte-Muster verzierte Teekanne, geblümte Topflappen etc. Irgendwo fällt mir wieder das typische Adelheid-Muster auf. Abgewaschenes Geschirr steht im Abtropfbecken, ein Topf auf dem Herd. An die große Kühl- Gefrier-Kombination in Aluminiumoptik sind Bildchen fixiert. Eins ist von mir, eine Harry Potter-Illustration mit rotem Farbmalstift. Ein gewisser Drall zum Spießbürgertum lässt sich nicht leugnen. Ordentlichkeit spielt eine Rolle, kein Luxus, praktisch soll es sein, aber nicht zu technisch und uniform. Den Drang zum inständigen, in vielen Berliner WGs vorherrschenden Individualismus gibt es nicht. Martha schlägt vor, ins Wohnzimmer, wie sie es nennt, zu gehen. Mehr ein Mehrzweckraum, als wirkliches Wohnzimmer, ist es ein Platz für Gäste, Aufbewahrungsort und Stellplatz für die Wäsche. Auf dem weißen Sofa machen wir es uns gemütlich, trinken Tee und naschen Wasabinüsse. Die Couch ist sogar zum Ausziehen, es sieht nach einem ordentlichen Second-Hand-Stück aus. Wir sitzen relativ nah beieinander, natürlich nicht so nah, dass man irgendwelche Spannungen vermuten könnte. Martha teilt gern. Zumindest werde ich, und wurde es auch während der gemeinsamen Zeit in unserer Wohnung kulinarisch verwöhnt. Das hat nichts mit Prestige zu tun, denke ich, sondern mit der Erziehung: Für ihre Mutter ist das Wohl der anderen ebenso wichtig. Ich spüre, dass sie nicht nach Dankbarkeit sucht, sondern dass Zuvorkommenheit in der eigenen Wohnung eine Selbstverständlichkeit ist. Im Raum stehen IKEA-Regale mit Büchern und DVDs der Mädels, quasi eine gemeinsame Bibliothek. Wie oft wirklich eine der dreien sich hier zum Lesen, Arbeiten oder Chillen niederlässt weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist es eher für Besuch. Passt auch irgendwie. Praktisch, komfortabel, es fehlt an nichts, protzt aber nicht. Wir reden über die Wohnung, dass sie sich hier wohl fühlt und dass sie mit Besuch lieber hier sitzt als in Ihrem Zimmer. In der Küche wird es irgendwann auch zu eng. Warum nicht in Ihrem Zimmer, frage ich. Immerhin war ich da auch schon drin. Da wäre es nicht aufgeräumt und zu zweit auch unpraktisch. Auf dem Bett sitzen ist blöd, man kann sich nicht anlehnen. Außerdem denke ich mir, dass das ihr wichtigster Rückzugsort ist. Sie gibt mir recht. Dabei überlege ich, dass ich doch früher auch mal auf ihrem Bett gesessen hab, wir gequatscht haben und mal einen Film zusammen geschaut haben, das war zu unseren WG-Zeiten. Das ist natürlich jetzt anders und sie gönnt sich mehr Privatsphäre. Sowieso hat nur ihr Freund etwas im Bett verloren. Der ist selten da. Das eigene Zimmer und insbesondere das Bett sind wirklich nur für sie (und ihren Freund) und haben absolut nichts Repräsentatives. Ich merke gleich, dass Martha viel »für sich« besitzt oder tut oder solches in direkten Zusammenhang mit bestimmten Menschen setzt. Das sagt sie auch selbst.

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Besitz Auf die Frage: »Was ist dein absolut wichtigstes Objekt?«, antwortet Martha: »Komm, das weißt du doch eh!« »Dein Handy«, sag ich und sie bejaht. Dass ich darauf komme find’ ich cool, ich kriege das Gefühl, dass ich sie gut kenne. Denn ein Handy ist ja eigentlich ein totaler Nutzgegenstand auf der einen, ein Statussymbol auf der anderen Seite. Dass Martha aber keine dauerquasselnde Tussi mit Glitzerhülle für ihr Blackberry ist, weiß ich. Zwar hat sie ein iPhone, aber auch hierzu gibt es eine Geschichte. Ihr Vater hat früher bei der Telekom gearbeitet und damals gab es in Deutschland das iPhone ja auch nur mit T-Mobile Vertrag. Da ihr Vater sich auch so ein Teil besorgt hat und das als sehr praktisch empfand, hat seine Tochter auch eins mit Friends and Family-Rabatt bekommen. Einmal, da haben wir noch zusammengewohnt, wurde ihr iPhone geklaut. Ziemlich dreist, es wurde ihr aus der Handtasche genommen, die sie schlafend in der SBahn auf ihrem Schoß festhielt. Sie kam nachts total aufgewühlt in mein Zimmer, um das Telefon zu suchen. Ich bin natürlich aufgewacht und habe Furchtbares erwartet. Zugegeben, ich hab das damals für recht kindisch empfunden, sich wegen so etwas so emotional aufzuführen. Ich würde einfach genervt sein, die Diebe zu unendlichen Qualen verfluchen und mich damit abfinden. Mittlerweile versteh ich es besser, weil ihr Handy für Martha einfach wirklich wichtig ist. Erstens, weil das iPhone wirklich praktisch ist. Super Bedienung, Musik speichern, Internet, praktische Apps und ganz wichtig: man sieht immer gleich einen Teil vom Text, wenn man eine SMS bekommt. Zweitens, es ist so schön dezent und stabil, nicht so billiges Plastik, die Bedienung auf der Glasoberfläche macht Spaß » Gespeicherte Mit teilungen, und es sind keine überflüssigen Teile anFo t o s , M u s i k , Adr e s s e n , gebaut. Drittens, und hier wird es interT e l e fo n n u m m e r n s i n d essant, das Handy ist eines der wichtigsalles wichtige Symbole ten Kommunikationsmedien für Martha. fü r Er i n n e ru n g e n u n d Gespeicherte Mitteilungen, Fotos, Musik, Beziehungen mit anderen Adressen, Telefonnummern sind alles Menschen. wichtige Symbole für Erinnerungen und « Beziehungen mit anderen Menschen. Dann verstehe ich auch, dass sie das mit den SMS so liebt: Wenn ihr Freund Tom schreibt, kann sie sofort sehen, dass er an sie denkt. Sie führen eine Fernbeziehung. Ob es mit jedem anderen Handy genau so wäre? Kann sein, sagt sie, weiß man nicht. Wahrscheinlich schon. Ich erkläre mir die krasse Reaktion über den Verlust des ersten iPhones mit dem Vergleich, wie wenn jemand seinen Glücksbringer verliert. Sie meint sogar, dass sie das iPhone gegen kein besseres eintauschen würde, noch nicht mal, wenn alle Daten eins zu eins übertragen würden. Da ist auf jeden Fall ein bisschen Magie im Spiel. Wichtig ist, dass das iPhone ein Geschenk von ihrem Vater ist. Dazu sagt sie, dass sie sich das alleine nie gekauft hätte und sich das auch nicht leisten könne. Zu der Tatsache, dass ihr Vater ihr ab und zu mal was schenkt, sagt sie: »Ich will nicht

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verwöhnt werden, aber ich bin dankbar für das Privileg, dass mich meine Eltern unterstützen und das nutze ich auch.« Ich finde die Aussage ziemlich erwachsen. Andere, die viel von den Eltern bekommen, leugnen es und schmeißen dann mit der Kohle auf der nächsten Party um sich. Martha spart, leistet sich kaum Luxus, Klamotten kauft sie selten. Mir fällt auf, dass Martha, obwohl ihre Eltern echt gut verdienen, eigentlich nichts wirklich teures hat im Gegensatz zu mir. Ich habe eigentlich nicht so viel Geld zur Verfügung, habe aber eine schicke Uhr, kaufe ab und zu eine teure Jeans, gebe für Sachen, die ich mag auch mal etwas mehr aus. Ihr zweitwichtigstes Objekt ist auch ein Geschenk von ihrem Vater. Er hat er ihr bei eBay einen tollen alten Schreibtisch ersteigert. Der war übrigens ziemlich günstig. Martha liebt diesen Tisch, weil sie sich, wenn sie an dem Tisch sitzt, wirklich Zeit für die Dinge nimmt. Sei es zum Arbeiten oder Briefe schreiben. Er steht direkt unter einem großen Fenster an der Heizung. Dort ist es warm und gemütlich, man kann den Blick mal nach draußen schweifen lassen, hat das eventuelle Chaos im Zimmer mal im Rücken und muss nicht daran denken. Sowieso kann sie den Alltag dabei ausblenden. Alltag, Verpflichtungen und Freizeit zu trennen ist für sie enorm wichtig. Auf der Arbeit beim Praktikum hat sie ständig was zu tun, muss sich mit Kollegen beschäftigen, Small-Talk in den Pausen halten. Am Schreibtisch sitzend, denkt sie über sich nach. Ihr ist es ganz wichtig zu sagen, dass sie oft über sich nachdenkt und dass sie das Gefühl hat, dass manche das zu selten tun. Besonders wichtig ist das seit der Beziehung mit Tom. Die meiste Zeit kommunizieren sie nur über das Telefon, es fehlen einfach wichtige Informationen (Gestik, Mimik) um bestimmte Aussagen abzugleichen. Man ist gefordert, sich selbst zu überprüfen: »Wie kam das jetzt rüber? War das gemein? Fand er das jetzt wirklich interessant?« Besonders auffallen will Martha nicht. Ihre Kleidung ist meistens einfarbig, grau, meistens ohne Aufdrucke. Sie trägt keine besonderen Marken, nur ab und zu mal ein Shirt mit Streetwear-Print. Sie kombiniert gern mal was und benutzt dafür gern mal Sachen, die sie schon lange hat. Wenn sie etwas Neues kauft, meistens günstig, im Schlussverkauf oder bei H&M, dann tut sie das eher spontan. Sie trägt Brille, keine Kontaktlinsen. Die Wahl auf das Gestell von Karl Lagerfeld ist ziemlich spontan beim Optiker gefallen. Außerdem war es ihr wichtig, dass es kein Modell ist, das viele tragen, eine Ray Ban oder so. Ihr Stil hat sich gewandelt, seit sie in Berlin wohnt. Das bringt die Hauptstadt so mit sich. Die Dichte an Trendsettern und fashion victims ist einfach zu hoch, als dass man sich dem komplett entziehen könnte. Anders ist das in unserer Heimat. Wir kommen beide aus einer Kleinstadt im Rheinland. Ganz bewusst zieht Martha dort was ganz anderes an, als hier. Weil sie keine Lust auf die Kommentare alter Bekannter hat, die sie dann für die arrogante Berlinerin halten. Das mit dem Nicht-Auffallen scheint ihr echt wichtig zu sein. Sowieso besitzt Martha nur wenige, einfache Dinge. Kommt man in ihr Zimmer, ist es recht leer. Die einzigen richtigen Möbel

sind der Schreibtisch mit Stuhl, eine Kommode, auf der ein kleiner Fernseher steht und das Bett. Ihre Kleider hängen auf einer Garderobenstange, die sie günstig im Internet bestellt hat. Neben der Tür stehen ein kleiner Schminktisch und eine IKEA-Papier-Stehleuchte. Auf dem Boden neben dem Bett und neben dem Tisch stehen Schachteln und Körbe zur Aufbewahrung. Hier und da ist was an die Wand gepinnt: Fotos von Freunden, Postkarten, Kleinode vom Flohmarkt. Kurz: Kaum etwas von hohem, materiellen Wert. Sie scheint nicht das Bedürfnis zu haben etwas zur Schau zu stellen.

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Werte Marthas Wertesystem ist teilweise von Ihren Eltern übernommen, gleichzeitig aber auch durch das Hinterfragen derer entstanden. Ihr Vater hat immer viel gearbeitet, was sie als Kind blöd fand. Später hat sie verstanden, dass er das alles für die Familie gemacht hat. Das Streben nach Einfachheit, Understatement, Sachlichkeit, Komfort hat sie von ihm. Die Mutter hat sich genauso für die Familie eingesetzt und sich ganz viel um die Kinder gekümmert, hat dafür aber ihre Karriere geopfert. Von ihr hat Martha die, zwar etwas konservative, aber zuvorkommende Art. Beide sind ausgezeichnete Gastgeber. Martha ist aber die Mischung von beiden. Sie will sich für niemanden aufopfern, will aber auch nicht immer arbeiten. Vor allem will sie nichts tun, was ihr nicht gefällt und nur zweckdienlich ist. Sie sagt von sich selbst, dass sie weiß, was sie will. Das finde ich für eine 22-Jährige ziemlich gewagt, aber in gewissen Punkten stimmt das vielleicht. Ich glaube eher, dass sie weiß, was sie nicht will. Ich denke sie versucht, irgendwie auch ihre Eltern stolz zu machen. Nicht so zwanghaft, wie ein Milliardenerbe aus einem Hollywood-Film, sondern eher wie eine Anerkennung der Unterstützungen und eine Anerkennung der vermittelten Werte. So richtig eng stehen sich Martha und ihre Eltern allerdings nicht. Es gibt aber auch keine Streitereien. Die Zeit mit der Familie genießt Martha trotzdem während der Feiertage oder im gemeinsamen Urlaub, wenn das mal klappt. Traditionell fahren sie im Sommer in ein Haus nach Südfrankreich. Viele positive Erinnerung sind mit diesem Ort verbunden: Familie, Entspannung, Harmonie, Sorgenfreiheit. Ein kleines Tattoo in Form einer Note hinter dem Ohr und ein Nasenpiercing sind Ausnahmen der sonst brav wirkenden Oberfläche. Außerdem hat sie eine Neigung zu diversen Kitsch-Elementen. Das Tattoo hat sie seit ungefähr zwei Jahren, das Piercing seit etwa einem. Sie sagt gleich, dass sie das für sich selbst hat machen lassen. Die Note hinterm Ohr kann man fast nicht sehen. Für sie stellt das die Liebe zur Musik dar. Ihre Eltern fanden das damals gar nicht lustig. Bei ihnen galt sogar noch das Vorurteil: »Tätowierungen haben nur Verbrecher!« Komisch eigentlich, dass Martha sich hat stechen lassen. Das hätte ich ihr, ehrlich gesagt, damals nicht zugetraut. Das spricht dafür, dass man bei Martha so seine Zeit braucht um sie zu durchschauen. Ich


scheine nicht der einzige zu sein, den ihr Handeln manchmal überrascht. Sie erzählt mir von Situationen, in denen ihr Leute Sachen wie, »Das hätte ich ja nie von dir gedacht!« sagen und dass sie glaubt bei ihrem Praktikum für ein schüchternes Mauerblümchen gehalten zu werden. Und immer wieder überrascht sie die anderen. Ich durfte über die Jahre auch beobachten, dass Marthas bevorzugter Männertyp ihr ziemlich gegensätzlich ist. Tom ist impulsiv, spontan, hat oft Blödsinn im Kopf. Sie mag es, wenn Männer nicht versuchen, sie zu bevormunden. Allerdings müssen sie auch etwas Bewundernswertes an sich haben. Ich glaube, sie sucht bewusst nach einem Störfaktor, der sie auf angenehme Weise immer wieder vom Kurs abbringt. Ganz einfach, damit es ihr nicht langweilig wird. Wir reden viel über andere. Über alte Bekannte aus unserer Heimatstadt. Von denen sind aus unserer Sicht die meisten totale Langweiler und Spießer. Von Martha kommt auch oft der Kommentar, dass sie glaubt, dass viele von diesen Leuten selten darüber nachdenken, wer sie sind und was sie wollen. Sie meint das nicht als Wertung, sondern beneidet diese Leute ein bisschen. Ohne das viele Grübeln, was man beruflich oder emotional erreichen und erfahren will, wäre das Leben doch deutlich unbeschwerter. Da gebe ich ihr Recht. Zumindest kommt daher das mit der Tätowierung. Sie wollte das einfach mal machen und hat sich getraut. Sie hat sich gleichzeitig zurückgehalten und eine Stelle gewählt, wo es nicht direkt auffällt. Genauso mit dem Piercing. Sie kann es rausnehmen wann sie möchte und in der Nase sieht man die Löcher nicht, wie zum Beispiel an der Lippe. Auf der einen Seite inkonsequent, denke ich, auf der anderen Seite auch ziemlich clever. Ich wollte auch immer ein Tattoo, aber getraut habe ich mich nie. Auf jeden Fall hat sie es geschafft, dass es zu ihr passt. Die Gefahr ist ja ziemlich groß, dass bei einem Tattoo etwas schiefgeht und danach einfach nur peinlich ist.

Identität Sie sucht ihre Bestätigung hauptsächlich bei sich selbst. Sie klärt viel mit sich selbst ab und braucht selten das Urteil anderer. Ich denke, das ist es, wenn sie behauptet, dass sie weiß was sie will. Noch hat sie keine klare Vorstellung, weiß aber, dass wenn der Zeitpunkt kommt, sie eine wichtige Entscheidung treffen kann und was sie dafür tun muss. Diese innere Abgeklärtheit spiegelt sich in ihrem geordneten Leben wieder. Sie mag es, Dinge aufeinander abzustimmen, wie das Macbook zum iPhone, oder Kleidung und Schuhe. Sie hat eine Affinität zu effizienten Systemen. Sie mag keine Verschwendung und Obsoleszenz. Sie strebt nach Erfolg und Ordnung, setzt dabei auf Ehrlichkeit und Bescheidenheit. Sie benutzt keine teure Kleidung oder Einrichtung um ihrem Erfolg vorzugreifen. Ihr Leben ins stark von ihren moralischen Werten und Idealen bestimmt, als von Instinkten und Trieben. Viel mehr hat sie verstanden, diese bewusst einzusetzen, wenn es darum geht, zu zeigen, dass sie kein langweiliger Spießer ist. Um die Balance zwischen Disziplin und Ernst zu

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halten, sucht sie nach vielen Herausforderungen. Ich habe das Gefühl, dass sie sich, selbst wenn sie sich mal gehen lässt, unter Kontrolle hat. Eine neue Lebensweisheit von ihr: »Man bereut Dinge vor allem, wenn man sie nicht macht!« Ich glaube, dabei klärt sie vorher ganz bewusst ab, welche Dinge sich zu probieren lohnen und welche nicht. Martha ist selbstsicher. Das trägt sie auch, vielleicht gar nicht so bewusst, nach außen. Während andere ihre Kompetenz im Businessoutfit zur Schau stellen oder Szenetypen mit Mateflasche im Jutebeutel ihre Individualität feiern, hält Martha sich im Hintergrund. Sie ist kein Blender. Bei der Arbeit tut sie, was nötig ist um dafür Anerkennung zu finden, denkt dabei aber immer an ihre eigenen Ziele und Wünsche. Privat ist sie sich selbst oft genug, vor allem am Feierabend. Ihr Zuhause gibt ihr Ruhe und Geborgenheit. Das sieht man auch. Wenn sie in Jogginghose nach Feierabend im Bett mit einer Tasse Tee fernsieht, kann sie abschalten. In der Gruppe mit Freunden steht sie auch nicht gern im Mittelpunkt. Dass sie nicht nur Mitläuferin ist, sondern ihren eigenen Stil hat, zeigen ihr Piercing und das Tattoo. Sie hat auch nicht das Bedürfnis, es jeden Recht zu machen. Zu provozieren widerstrebt ihr jedoch, deshalb kleidet sie sich in ihrer Heimat gern etwas zurückhaltender. Sie hat lieber mit wenigen Leuten eine aufrechte, intime Freundschaft, als viele Oberflächliche. Diese trägt sie in ihrem Handy symbolisch mit sich, als Kontakt, als Erinnerung in Form von Bildern oder Musik, oder zur direkten Verbindung. Am Ende habe ich das Gefühl, dass Martha eine echt gesunde Einstellung zu materiellen Dingen hat. Sie nutzt sie hauptsächlich ihres Zweckes wegen und geht respektvoll damit um. Das finde ich als Designer gut, kaum etwas bereitet mir mehr Kopfzerbrechen als die mit sinnlosen Dingen überfüllte Welt. Wir sind da einer Meinung. Nach knapp drei Stunden mache ich mich auf den Weg. Ich merke, dass unser Gespräch gar nicht so anders ablief, als bei unseren sonstigen Verabredungen. Wir scheinen beide das Gefühl zu haben, dass wir uns gut über die wirklich wichtigen Dinge austauschen können. Text und Bilder von Max Wosczyna

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J ana M a r lene L ippe r t

Wir sitzen in der Küche. Sie ist nicht sehr groß und etwas verwinkelt. In der Mitte steht ein heller Holztisch, auf diesem ein alter Toaster und etwas Weihnachtsdekoration. Hinzu kommen noch mindestens zwei Aschenbecher. Die bunt zusammengewürfelte Mischung von Möbeln, Geschirr und Küchengeräten lässt ebenso wie der mit Stickern und Postkarten übersäte Kühlschrank sofort auf eine WG-Küche schließen. Ich kenne diese Küche sehr gut. Ein Teil der Möbel und des Geschirrs sind von mir. An der Wand lehnend sitzt Friedrich, mein Mitbewohner. Ein Fuß ruht auf einem Stuhl. Als wir ein Foto von dem Fuß machen, lacht er und beschwert sich, das seien schließlich seine Hausschuhe. Es handelt sich hierbei um knöchelhohe Turnschuhe von Nike, er mag das Gefühl einfach lieber und außerdem hat er kein Geld, sich Hausschuhe zu kaufen. Friedrich ist 28 Jahre alt und studiert Jura an der Freien Universität in Berlin. Geboren in Thüringen und nach wenigen Jahren in Dresden und Berlin wagte die Familie 1987 die Flucht nach Ungarn in ein Flüchtlingslager des Roten Kreuzes. Nach ein paar Monaten wohnte die Familie bei der Großtante in Bad Filbil bei Frankfurt, bis der Vater Arbeit in Stuttgart fand und Friedrich nun im beschaulichen Leinfelden-Echterdingen die folgenden 13 Jahre aufwuchs.

Interview mit Friedrich

Das Gute, Wahre, Schöne Mit 14 Jahren nahm er an einem Schulaustausch teil. Drei Wochen USA, zwei Tage davon in New York. Diese Erfahrungen prägen ihn stark und ziehen sich durch viele Bereiche seines Lebens und Charakters. Er selbst sagt, Amerika habe sein Ästhetikempfinden geprägt. So findet er dort ein leicht verklärtes Idealbild der eigenen Zukunft: Das amerikanische Vorstadthaus mit dem weißen Holzzaun. Es wird mir im Verlauf des Gesprächs immer wieder bewusst, dass dieses Bild ihn fortan begleitet, als das erhoffte Ziel, als Sinnbild des Wunsches nach Geborgenheit, Ordnung, Sicherheit. Nach seinem Fetisch gefragt, gibt er als Antwort: »Das Gute, Wahre, Schöne«. Dabei bezieht er sich vorerst auf Literatur und Musik. Er bezeichnet das Buch Infinite Jest als »das schönste Buch überhaupt« und gesteht, Stunden darüber reden zu können. Er mag Harmonie, rhythmisch lineare Melodien, in sich schlüssige Erzählstrukturen. Fragt man ihn allerdings nach physischer Ordnung, gibt er zu, sie zwar zu mögen, aber nicht zu halten. In Friedrichs Fall bezieht sich Ordnung auf die Strukturen, in denen er sich bewegt, und die Dinge, mit denen er sich beschäftigt. Friedrich mag Musik. Er macht sie auch selbst, mit Gitarre und Computer und eigenem Gesang. Auf den ersten

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Blick mag die Kombination Jura und Musik widersprüchlich wirken, doch er beschreibt es als einen gesetzten Rahmen, in dem er sich relativ frei gemäß bestimmter Muster bewegen kann. Friedrich zufolge sind Noten und Gesetze ziemlich absolut. Er braucht diese jeweiligen Rahmen als Bewegungsmuster, unvorhergesehene Dinge verunsichern ihn. Zum Beispiel wenn er neue Leute kennenlernt. Dann verunsichert ihn, dass er diese Menschen nicht einzuschätzen vermag, nicht weiß wie weit er gehen kann. Ich spreche ihn noch einmal auf seine Leidenschaft für Musik an. Er gibt sich gelassen, doch ich weiß ja, dass er monatelang in seinem Zimmer sitzen kann, um einen Song bis auf das letzte Detail zu perfektionieren. So bin ich auch nicht verwundert, dass mir das Thema im Lauf des Gesprächs wieder begegnen wird. Die alte E-Gitarre seines Vaters, die dieser ihm geschenkt hat, nennt er sofort auf die Frage nach magischen, für ihn sehr wichtigen Objekten. Da steckt Geschichte drin, eine emotionale Bindung durch den vorigen Besitz und dann das Geschenk des Vaters. Er wagt auch sich einzubilden, dass die Stücke, die er schreibt, mit dieser Gitarre schöner werden. Vor allem das Weitergeben von Dingen und die damit verbundenen Geschichten des jeweiligen Besitzers scheinen auf Friedrich eine Anziehung auszuüben. Das wird unter anderem deutlich, als er den zweiten Gegenstand nennt, obwohl er sich noch nicht ganz sicher ist, ob es auf der Liste bleiben wird. Es handelt sich um das alte Rennrad des Vaters seines besten Freundes, welches dieser für einige Zeit besaß und dann an Friedrich weiter gab. Monatelang hatte Friedrich liebevoll und penibel neue Teile gesucht und gekauft, immer mit dem messerscharfen Blick auf Details und Farbe. Die Arbeit, die er in das Aufbauen des Rennrads gesteckt hat, ist relevant für die Wichtigkeit des Objekts. Es war das erste Projekt, mit dem er sich handwerklich leidenschaftlich auseinandergesetzt hat. Das Selbermachen hat ihm so viel Freude bereitet, dass er sich nun auch an die Aufarbeitung der geliebten Gitarre gewagt hat. Friedrich nennt als dritten magischen Gegenstand sein Tagebuch. Es vergeht kein Monat, in dem er nicht notiert, was gerade so in seinem Leben passiert. Er möchte seinen Kopf frei kriegen, aber vor allem hat er Angst, Dinge zu vergessen. Tagebuch schreiben ist natürlich auch ein weiteres Indiz für die Auseinandersetzung mit dem Ich, für mich scheint es bei Friedrich aber auch ein Hinweis auf das Bedürfnis nach Sicherheit und dem Bild des Vorstadthauses zu sein, denn als Begründung gibt er an, all das mal seinen Kindern erzählen zu wollen. Seine Stimme wird dabei leise und etwas niedlich. Er zieht die Schultern hoch.

und fühlt sich nicht wohl. Sein eigener Raum ist ihm wichtig. Er braucht Ruhe und Zeit für sich. Er beschäftigt sich viel mit sich selbst, wie er sagt und sein Zimmer ist auch zwangsläufig zur Zeit sein Rückzugsort. Diese Beschäftigung mit sich selbst ist auch erkennbar durch seine Motivation, jedes Buch das er besitzt zweimal zu lesen. Diese Bücher stehen in einem auffälligen Bücherregal. Es ist wie ein großer Ast geformt und aus dunklen Brettern gebaut. Er hat es genauso wie sein Bett, selbst gebaut. Bei dem Bett ging es Friedrich vor allem um Funktionalität. Es ist höher als normale Betten und bietet viel Stauraum darunter. Ein weißer Leinenvorhang verdeckt, was auch immer sich darunter verstecken mag. Quadratisches stellt er gern in die Ecken, alles andere kommt unter das Bett. Obwohl er angibt, sich von einem Großteil der Dinge trennen zu wollen, und der Aussage, sein Zimmer wäre nicht besonders wichtig für ihn, erweckt es auf den Besucher einen anderen Eindruck. Die Möbelstücke, wie auch die wenigen Bilder über dem Schreibtisch, scheinen bewusst ausgewählt und arrangiert. Auf die Frage nach den wenigen Bildern gibt er zu, nur Eines davon sei »echt«, die anderen zwei eher so für die Atmosphäre. Die Bilder erinnern ihn an Schöner Wohnen, was er eigentlich immer mag und als »anheimelnd schön« beschreibt. Wieder komme ich nicht umhin das träumerisch-harmonische Ideal dahinter zu bemerken. Wir kommen noch einmal zurück auf sein Bücherregal. Ich möchte noch einmal mehr über seine Motivation für den Bau des Regals wissen. Er beschreibt es mit dem innerlichen Drang, immer anders sein zu wollen als andere und dem Spaß am Bauen. Natürlich findet er sein Regal auch schön. Solche Extravaganzen erlaubt sich Friedrich allerdings nur in seinem Zimmer, seinem sicheren Raum. Wenn es um Kleidung geht lautet seine Devise: Bloß nicht auffallen. Er passt sich an, geht mit der Mode, aber sticht nicht heraus. Er möchte nicht, dass sich Menschen die ihn nicht kennen, eine Meinung über ihn bilden von der er selber nicht weiß, ob sie stimmt. Die Außenwirkung und die Meinung der anderen ist Friedrich offensichtlich sehr wichtig. Er sucht nach Bestätigung und häufig scheinen Frauen dabei eine wichtige Rolle zu spielen, wie ich im Folgenden feststellen werde.

Frauen, Familie, Freunde

Sein Zimmer ist groß, etwas verwinkelt mit Stuck an der Decke und abgezogenen Dielen. Es ist nicht sehr vollgestellt und so bleibt der schweifende Blick als erstes an dem aufwendig verzierten Kachelofen in der Ecke hängen. Sein Schreibtisch steht in Fensternähe und ist nach eigenen Angaben der einzige Platz, den er regelmäßig aufräumt. Dort steht sein Computer, dort lernt er und dort bastelt er eben auch an seinem jeweiligen Projekt. An diesem Ort braucht er physische Ordnung, sonst wird er nervös

Die Beziehungen zu Frauen beschreibt Friedrich als schwierig. Er lacht kurz und behauptet, nun das erste Mal seit 2003 eine Freundin zu haben. Er ergänzt, dass das sein Gefühl sei, da er die anderen Frauen nie seine »Freundin« genannt hat. Bis auf wenige Ausnahmen, wie seine erste Freundin Clarissa mit der er vier Jahre zusammen war und deren Beziehung er eher als eine Art Lehrstück einer Beziehung bezeichnet, waren Beziehungen zu Frauen mehr Mittel zum Zweck als emotionale Bindung. Diesen Zweck beschreibt er erstaunlich ehrlich als Aufwertung des eigenen Selbstwertgefühls. Dabei waren weder Schönheit oder Beliebtheit noch Intellekt ein Auswahlkriterium. »Ich habe genommen, wer mich cool fand, ich wollte einfach eine Freundin haben« sagt er und grinst. Das habe sich mittlerweile aber ein

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Das Zimmer


bisschen geändert, fügt er hinzu. Auf seine jetzige Beziehung angesprochen, druckst er herum. Es ist ihm entgegen seiner vorigen Offenheit unangenehm darüber zu sprechen und ich merke, dass ich intimes Terrain betreten habe. Die Tatsache, dass ich sie natürlich kenne, macht die Sache vermutlich nicht angenehmer für ihn. Ich frage ihn nach seiner Position oder Rolle in der Beziehung. Friedrich würde sich selbst wohl eher als den »Bremser« beschreiben, sagt er und erklärt, dass er nicht soviel unternehmen möchte wie seine Freundin und eher die Ruhe seines Zimmers sucht. Irgendwie weiß er auch noch nicht so genau. Ich vermute, dass er unsicher mit diesem Thema ist. Er sucht nach Worten, beendet Sätze nicht, setzt noch einmal neu an. Er möchte das aber nicht einfach so dahin stellen, sondern versucht zu erklären, was er meint. Friedrich gesteht, das Gefühl zu haben erst jetzt langsam zu lernen, was eine Beziehung ist und er fragt sich wo er sich positionieren soll, ob solche Beziehungen etwas für ihn sind. Ein gutes Verhältnis zu Freundin, Familie, Freunden und Mitbewohnern sind ihm wichtig und er macht den Anschein, Konflikten eher aus dem Weg zu gehen. Dass es große Unterschiede zwischen Realität und Vorstellung gibt ist ihm trotzdem bewusst. Wir haben uns in ein sehr privates Feld gewagt und so fühle ich mich jetzt sicher, die Frage nach der Familie anzuschließen. Tiefes Einatmen, lange Pause. Er schaut auf, dann: »Das ist jetzt die Büchse der Pandora, das weißt du, ne?« Er lächelt ein wenig und ich bitte ihn sie aufzumachen. Friedrich sagt, es ist kompliziert, revidiert es, um es dann zu wiederholen und fügt »partiell distanziert« hinzu, denn »kompliziert« sei genau, was er nicht meint. Eigentlich würde er das Verhältnis zu seinen Eltern als innig und warm beschreiben, aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. »Es gibt so ein paar Themen, die gibt’s halt einfach nicht« versucht er zu beschreiben. Emotionalität ist so ein Thema. Seine Großtante beschrieb es als die Kinder, die immer hinter dem verliebten Ehepaar herliefen. Die Anerkennung seiner Eltern bedeutet Friedrich offensichtlich viel. Lange hatte er das Gefühl »... was reißen zu müssen«, was ihm aus seiner Sicht nicht gelang. Dabei betont er, dass nicht sie diesen Druck auf ihn ausübten, sondern dieses Bedürfnis sehr stark von ihm selbst ausging. Seit er aber mit dem Jurastudium begonnen hat, versteht er sich besser als je zuvor mit seinen Eltern. Er hat eine jüngere Schwester mit der er sich gut versteht und einen Halbbruder. Diese Information ist mir neu und ich hake nach. Seinen Halbbruder kennt Friedrich gar nicht. Er weiß von ihm nur durch seine Großtante, mit seinen Eltern oder nur mit seinem Vater dessen Sohn sein Halbbruder ist, hat er nie darüber gesprochen. Groll scheint er deswegen nicht zu hegen und einen inneren Drang seinen Halbbruder kennenzulernen, verspürt er auch nicht. Da er erst seit 2005 davon weiß, meint er, es wäre zu spät gewesen als dass es ihn nun tief berühren würde. Irgendwann macht er es vielleicht, wenn er Zeit dafür hat, sagt er und lacht. Vermutlich würde dieses Thema eben genau jenen Bereich betreten, den es mit seinen Eltern nicht gibt: Emotionalität. Auch drängt sich mir hier wieder der Verdacht auf, dass dieser mögliche Konflikt nicht in

seine Vorstellung passt. Wir widmen uns einer weiteren wichtigen Person in Friedrichs Leben, seinem besten Freund Marius. Auf diesen angesprochen wird Friedrich etwas lockerer und gerät schon fast ins Schwärmen. Mit Marius ist es nämlich nicht schwierig. Sie kennen sich aus der Zeit als Friedrich noch in Frankfurt am Main studierte. Sie hätten sich wohl schon viel früher kennenlernen können, aber erst 2007 liefen sie sich dann über den Weg und Friedrich sagt mit ironisch verträumter Stimme: »... und dann wurden wir beste Freunde«. Sie können gut miteinander kommunizieren ohne sich rechtfertigen oder erklären zu müssen, da sie voneinander wissen, wo sich der jeweils Andere positioniert. Auch bezogen auf den Intellekt bewegen sie sich auf einer Ebene und das ist auch etwas, was ihre Freundschaft ausmacht. Von Marius borgt er sich dann auch eines der Magazine die er regelmäßig liest. Dieser hat die N+1, ein amerikanisches Politmagazin, abonniert. Friedrich mag es, die verschiedenen Sichtweisen, auf die er selber nicht kommen würde, oder mit denen er sich nie auseinandergesetzt hat, zu lesen. Er beschreibt es selber als einen Kampf, zu dem er sich manchmal zwingen muss, da es ihm wichtig ist, sich ausführlich auch mit anderen Meinungen zu befassen. Wissbegierde nennt er generell als einen Wert, den er schätzt. Er wird diesen Begriff später noch durch Reflexion ergänzen. Er schätzt diese Qualität nicht nur bei sich, sondern erwartet sie auch bei den Menschen die ihn umgeben.

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»Das ist wie mit dem Aufräumen …« Ehrlichkeit und Loyalität sind zwei weitere Begriffe, die er nennt. Friedrich möchte sich auf den Rückhalt seiner Freunde verlassen können. Diesen definiert er jedoch nicht als blinde Gefolgschaft oder Unterstützung. Vielmehr erwartet er, darauf hingewiesen zu werden, wenn er sich daneben benimmt oder zum Beispiel in einer Diskussion unkluge Argumente hervorbringt. Diese Kritik sollte jedoch immer auf der Ebene der Freundschaft stattfinden. Als ich frage, ob Treue auch so ein wesentlicher Wert ist, bejaht er sofort. Allerdings geht für ihn Treue weiter als Loyalität und er bezieht sie vor allem auf seine Liebesbeziehungen. Erneut gibt er dann überraschend ehrlich zu, sie noch nie gehalten zu haben. Er braucht die Untreue ab und zu für sein Ego. »Das ist wie mit dem Aufräumen«, sagt er. Sie ist wichtig für ihn, aber er hält sie nicht. Er zieht einen Vergleich zwischen Seitensprüngen und Tätowierungen, von denen er viele hat. Nach einem Seitensprung fühle er sich nur drei Tage lang sehr gut und dann ist es vorbei. Eine Tätowierung jedoch gibt ihm dasselbe Gefühl und es bleibt. Sie haben ihn selbstsicherer gemacht, sagt er und er kann sich nun besser mit sich selbst


identifizieren. Er weiß auch, dass ihm das auch ohne sie gelingen sollte, aber er braucht sie eben dafür. Dabei ist ihm egal, welches Motiv auf seinem Körper verewigt ist. So teilen sich eine Strichmännchen-Postkarte, ein Schriftzug, der »N’avoir de cesse« lautet, ein großer roter Vogel, sowie ein großer Goldfisch seinen Oberkörper. Die ersten zwei, die Postkarte und den Schriftzug, hat er sich allerdings schon selbst ausgesucht. Der Schriftzug bedeutet »Keine Ruhe geben«, eine Botschaft an die Menschen, die irgendwann einfach intellektuell stehengeblieben sind, wahrscheinliche aber auch an sich selbst. Die Außenwirkung seiner Körperkunst ist also ein sehr relevanter Bestandteil für ihre Existenz. Er nennt sie den »Leberfleck, der sein Selbstbewusstsein aufwertet«. Friedrichs Eltern wissen allerdings nichts von diesen so bedeutsamen Verzierungen, die ihr Sohn über den gesamten Oberkörper trägt. Da es seit dem Jurastudium so gut mit Ihnen läuft und er auch finanziell wieder von ihnen abhängig ist, möchte er deren Unterstützung nicht riskieren. Die Befürchtung, sie könnten nicht gutheißen, dass ihr Sohn den Unterhalt in Tinte investiert ist hier größer als die vor der möglichen Abneigung gegen die Tätowierungen selbst. Er findet nicht, dass seine Eltern die Tattoos schön finden müssen, genauso wenig wie seine Musik. Sie dürfen mögen oder nicht mögen was sie wollen. Und doch sehe ich hier noch einmal den von mir vermuteten Wunsch nach Anerkennung, als er hinzu fügt, sie ihnen zeigen zu wollen, wenn er mal ein erfolgreicher Anwalt ist. Das Friedrich viel Wert auf seinen Körper legt, ist naheliegend. Eine seiner größten Ängste ist es, ein Teil desselbigen zu verlieren. Er macht täglich Sit-Ups und begründet dies auch mit seinem Bedürfnis, Mädchen zu beeindrucken. Interessant ist es, dass die Gestaltung seines Körpers und Intaktheit essentiell für ihn sind, er aber starker Raucher ist. Wir kommen noch einmal zurück auf seinen Stil, zu dem ein prächtiger Vollbart gehört. Er gibt zu, dass der Bart, die Unauffälligkeit betreffend, etwas inkonsequent ist. Friedrich beschreibt den Bart als eines der wenigen Dinge, die er als zu sich zugehörig empfindet. So ist es nicht verwunderlich, dass er ihn besonders pflegt. Noch sind ihm aber professionelle Bartpflegeprodukte zu teuer, doch wie erwartet hat er sich trotzdem schon mal informiert.

Hilfe, ein Talisman

Dingen zu lösen. Er ergänzt noch, Angst davor zu haben, dass es stimmt – mit den Glücksbringern. Nun frage ich natürlich sofort nach, ob er nicht doch daran glaubt. Ein bestimmtes Nein schlägt mir entgegen. Also nicht mehr, also hoffentlich nicht. Wir lachen.

Schöne, heile Welt Stärkstes Bild, was Ursprung für viele Motivationen und ästhetisches Empfinden in Friedrichs Charakter zu sein scheint, ist das von dem Haus in einer amerikanischen Vorstadt mit dem weißen Holzzaun. Es verkörpert den Wunsch nach heiler Welt, Geborgenheit, klassischer Familie und Sicherheit. Wenn Friedrich sagt, er möchte seinen Kindern später mal von seinem Leben erzählen und brauche dafür zum Teil das Tagebuch, sehe ich ihn sofort vor mir auf der Veranda seines Hauses mit seinen Kindern sitzen. Seine Stimme wird weich, wenn er über diese Dinge spricht. Manchmal ist er etwas verlegen, so scheint es, erzählt er von diesen vermeintlich romantisch-kitschigen Dingen wie Schöner Wohnen. Das ist ein ernsthaft ausgedrücktes Bedürfnis nach seinem Idealbild. Wenn ich mir zusammenfassend die Objekte, die Friedrich besitzt, und sein Verhältnis zu seinem Körper anschaue, fällt auf, dass die Außenwirkung und hierbei vor allem Bestätigung von großer Bedeutung sind. Er sucht sie natürlich auch nach Punkten des eigenen Geschmacks aus, legt aber viel Wert auf die Anerkennung, die er durch andere erfährt. Zwar behauptet er, nicht auffallen und lieber in der Masse mit schwimmen zu wollen, doch hat er erstmal einen Menschen in sein näheres Umfeld gelassen, präsentiert er sehr wohl äußerst bedacht ausgewählte Gegenstände wie das Regal und seine Tätowierungen, die dann auch ein sehr starkes Bild von ihm vermitteln sollen. Das Bonbonpapierchen, mit dem er die ganze Zeit gespielt hat, legt er nur aus der Hand, um sich eine Zigarette zu drehen. Für diese besitzt er ein eigenes Döschen und die eher ungewöhnlichen sehr dünnen Filter und Papierchen. Es sind diese kleinen Details, die seinen Wunsch nach Abgrenzung zu erzählen vermögen. Zum einen scheint Friedrich große Unsicherheiten mit sich selbst zu haben, jedoch geniert er sich keineswegs, darüber ehrlich und offen zu sprechen, was mich immer wieder erstaunt, da ich der Meinung bin, es brauche für so eine Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber schon ein großes Maß an Selbstbewusstsein. Text von Jana Marlene Lippert,

Nachdem wir nun viel über die Dinge, mit denen Friedrich sich umgibt, und die Gestaltung seines Körpers gesprochen habe, möchte ich noch wissen, ob er Gegenstände besitzt, die nur noch einen sentimentalen Wert für ihn haben, denn nach allem was ich so gehört habe, vermute ich das. Er überlegt kurz und nennt dann sein Fotoalbum, das in seiner Teenagerzeit beginnt und einige Jahre abdeckt. Er schaue es aber nur ganz selten an, trotzdem behält er es. Ob er Glücksbringer hat, frage ich ihn. Er sagt, er findet es albern, und außerdem versuche er, sich von allen überflüssigen

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Bilder von Jana Marlene Lippert und Eva Lechner

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A fif E l H adi

Nila ist 32 Jahre alt und kommt aus Indonesien. Sie lebt seit 2008 in Deutschland. Hier studiert sie Industrial Design an der Universität der Künste in Berlin. Seit anderthalb Jahren wohnt sie mit ihrem Freund, einem Deutschen, zusammen. Er hat Fotografie studiert und auch als Fotograf gearbeitet, ist aber jetzt mit Web-Design beschäftig. Die Wohnung ist nicht gross, aber ganz gemütlich, obwohl kaum Fotos oder Bilder die weissen Wände schmücken. Überall sind zahlreiche Sachen verstaut: Schuhe, Kleidung, Papier aus Verpackungsexperimenten, Erinnerungsfotos und vieles mehr. Unser Interview findet im Wohnzimmer statt. Im Vergleich zu Nilas früherem Zimmer, welches sehr chaotisch war, wirkt es hier ganz ordentlich. Nila ist soweit ganz zufrieden mit der Wohnung, nicht zu groß aber auch nicht zu klein. Allein wohnen mag sie nicht, sie genießt die Gemeinschaft mit ihrem Freund. »Allein zu Hause sein macht mich verrückt«, sagte sie. Da ihr Freund zu Hause arbeitet, fühlt sie sich geborgen, wie in Indonesien, wo man ständig mit anderen Leuten zusammen ist. Im Wohnzimmer stehen ein großer Fernseher, eine Spielkonsole und zwei Arbeitstische. Hier hat ihrer Freund Gestaltungshoheit, das ist vor allem sein Arbeitsraum. »Hier ist es gemütlich, aber ein bisschen leer finde ich«. Sie wollte eigentlich viele Dingen an die Wand anhängen oder ankleben, aber das ist nicht erlaubt. Interessant finde ich die Konfiguration der h a s t d u e i n fl u s s i n zwei Arbeitstische. Man merkt deutliche d i e s e m W o h n z i m m e r? Unterschiede zwischen beiden. Seine Sei« te ist ausgesprochen ordentlich, dagegen ist Nilas Seite etwas chaotisch. Auf seiner Seite ist der Vorhang glatt und wohl angeordnet, auf ihrer hingegen einfach zwischen die Rohre gehängt. Auf ihre Seite liegen viele Dinge unordentlich auf dem Tisch. »Hast du Einfluss in diesem Wohnzimmer?« »Nur der Fernseher und die Playstation sind von mir«, antwortet sie. Sie erklärt, dass ihr Freund den Fernseher und die Spielkonsole früher nicht mochte. Doch jetzt spielen sie jedes Wochenende gemeinsam. Fernsehen tut er immer noch selten. Auffällig ist auch die Lampe im Wohnzimmer. Ihr Freund hat sie entworfen und aus einer Kunststoff-Flasche gebaut. Nila mag sie nicht besonders. Sie denkt, dass sie etwas Besseres entwerfen könnte, aber sie hatte keine Zeit dafür. Trotzdem ist das kein größeres Problem. Beim Interview trägt Nila ganz normale Hauskleidung: einen schwarzen Pullover und eine lange Sporthose. Weil wir uns schon lange kennen, musste sie sich nichts Besonderes anziehen. Es wäre anders, wenn wir uns draußen getroffen hätten,

Yin und Yang

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dann würde sie bessere Kleidung tragen. Wie sie sich kleidet, ist für sie wichtig, weil sie es nicht mag, aufzufallen. Sie versucht normale Kleidung zu tragen und fühlt sich unwohl, wenn man ihre Kleidung kommentiert, auch wenn es ein Kompliment ist. »Gibt es etwas, was für dich besonders wichtig ist?«, Nila zeigt mir mir ein Nintendo DS. Diese Spielkonsole hat sie vor fünf Jahren von ihrem Ex-Freund bekommen. Sie spielt immer damit, bevor sie ins Bett geht. Ein Level von einem simple Spiel wird jede Nacht abgeschlossen, das beschert ihr Zufriedenheit. Als sie Kind war, hatte sie so etwas nicht und vermisste es sehr. Nila benutzt immer noch ihr altes Handy, ein Nokia N70, kein Smartphone. »Es funktioniert noch gut, ich brauche kein Smartphone«. Angst vor der Abhängigkeit von Technologie? Sie lehnt es ab, mit einem Handy ihren Status zu dokumentieren. Soziale Netzwerke nutzt sie trotzdem, aber nicht übertrieben und ohne ständig alles zu aktualisieren, um unnötigen Stress zu vermeiden. Reisen gehört nicht zu Nilas Hobbys. Aber wenn sie doch auf Reisen ist, sammelt sie Magnet-Bilder als Souvenirs. Das tut sie schon seit ihrer Kindheit. Alle gesammelten Magnete kleben nun an der Kühlschranktür. Die Küche ist ihre Lieblingsraum. Im Gegensatz zum Wohnzimmer hat sie hier die Hoheit. Fast alles an Geschirr, die Gläser, Gewürze und das ganze Besteck hat Nila aus ihrer alten Wohnung mitgebracht. Viel zu viel für zwei Personen. Sie versucht, die Sachen ohne dekorative Absichten so ordentlich und funktional wie möglich aufzubewahren. Kochen ist ihre Hobby, meint sie. Trotzdem isst sie nach dem Kochen normalerweise im Wohnzimmer. Die Küche ist ein reiner Arbeitsraum. Egal wie müde sie nach dem Arbeit ist, immer wenn sie zu Hause angekommen ist, kocht sie. »It feels like home« sagte sie. So ein Gefühlt bekommt sie, wenn sie indonesisches Essen zubereitet und isst. Als Nila noch in Indonesien wohnte, konnte sie noch nicht kochen, obwohl das in der dortigen Gesellschaft ein Muss für alle Frauen ist. Erst in Deutschland hat sie damit begonnen. Inzwischen kann sie ohne Rezeptvorlagen ganz schnell leckeres Essen vorbereiten, nicht nur indonesische Speisen. Sie erfindet immer neue Gerichte, Kochen ist für Nila Gestaltung. »Sie genießt ihre Zeit während des Kochens«, sagt Ihr Freund. »Ich habe zugenommen, seit wir zusammenleben«. Die Beziehung zu ihrem Freund ist durch Komplementarität und Toleranz gekennzeichnet. Die Wohnung spiegelt das wieder. Beide sind sehr unterschiedlich, tolerieren aber den anderen. »Ohne Unterschiede ist eine Beziehung langweilig«, nicht nur beim Diskutieren verschiedener Standpunkte, sondern auch im Lebensstil. Nilas Freund toleriert ihre chaotische Arbeitsweise, Nila akzeptiert ihre begrenzten Rechte im Wohnzimmer. »Ich bin eine wählerische Person« sagte Nila nach einem langen Nachdenken. Schwierig, das zu beschreiben. Ein Beispiel ist das Shoppen. Sie liebt Einkaufsbummel. Allerdings mag sie

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keine teueren Sachen. »Eine Louis Vuitton-Tasche zum Beispiel macht keinen Sinn.« Die Geschenke für ihre Eltern allerdings sollen immer das Beste sein. »Für mich selbst kaufe ich lieber etwas günstiger ein«. Nilas Kleidungsstil ist nicht sehr konservativ. So trägt sie kaum traditionelle Sachen aus ihre Heimat, doch auf ihre wenigen Einzelstücke ist sie richtig stolz. Sie liebt es, die Geschichten ausschmückend zu erzählen, wie diese Sachen in ihre Hände gekommen sind, von Anfang bis zum Ende. Zum Beispiel war die Tasche von einem balinesischen Strassenkünstler zwar ein bisschen teuer, sagt sie, aber sie wollte diese gern haben, weil sie handgemacht und aus Bali ist. Ausserdem fand sie das Motiv sehr modisch, obwohl es traditionell ist. Nila hat sich sehr gefreut, dass sie endlich ein Souvenir aus Bali mitbringen konnte, denn es war schwierig für sie, ein Souvenir auf Bali zu finden. Es gab da so viele schöne Sachen, aber die meisten waren entweder zu teuer, untragbar oder einfach nicht original aus Bali. Zahlreiche ausländische Produkte werden einfach auf Bali billiger angeboten, auch Markenprodukte wie Billabong oder Rusty. So etwas findet sie inakzeptabel. Die Tasche des balinesischen Straßenkünstlers hat ihren Wert als Erinnerungsstück. Es war ihre erste Bali-Reise mit Freunden. Damals war sie ungefähr zwanzig Jahre alt, kurz nachdem sie mit der Uni angefangen hatte. Davor war sie nie allein verreist, sondern immer nur mit der ganzen Familie. Ihrer Mutter war es sehr schwer gefallen ihre Tochter für längere Zeit, immerhin drei Wochen, allein in die weite Welt ziehen zu lassen. Doch alle Freunde kannten sich schon lange und waren auch der Mutter bekannt. Sie vertraute ihnen. Nila schüttelt ihren Kopf: »Das ist halt meine Mutti«. Text und Bilder von Afi El Hadi

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T o bia s J änecke

Björn ist ein guter Freund von mir. Wir kennen uns seit Beginn des Studiums. Er ist 29 Jahre alt, in Leipzig geboren, und wohnt momentan noch allein in einer eigenen Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Seit 2010 studiert er Interfacedesign an der Fachhochschule Potsdam, wozu er sich auf Grund seiner Ausbildung zum Fachinformatiker entschieden hat. Nebenbei arbeitet er seit dem Abschluss seiner Ausbildung als selbstständiger Webdesigner. Zum Studium zog er von Leipzig vorerst in ein Studentenwohnheim in Potsdam. Nicht nur wegen seiner freiberuflichen Arbeit, sondern auch wegen des »Berliner Großstadt-Charmes« zog es ihn 2012 nach Berlin. In Kürze zieht er mit einer Studien-Freundin in eine Wohngemeinschaft nach Berlin-Schöneberg. Sein beruflicher Werdegang begann 2002 mit dem Abitur. Darauf folgte seine neunmonatige Zeit bei der Bundeswehr. Da ihm damals nicht der Sinn danach stand, zu studieren, entschied er sich für eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Seine Computeraffinität zeigte sich schon während er noch zur Schule ging. In seiner Freizeit verbrachte er viel Zeit vorm Computer und beschäftigte sich mit dem Programmieren vom Webseiten. Während seiner Ausbildung machte er ein Praktikum bei einer Webdesign-Agentur, Soll ich mein ganzes für die er nach dem Abschluss und seiner Leben so weitermachen? Übernahme fünf Jahre tätig war. Auf die Ar b e i t k a n n n i c h t Frage nach seiner beruflichen Motivation da s E n d e s e i n! antwortete er: »Nach dem Abi hatte ich « keinen Bock und auch keine Ahnung, was ich studieren sollte.« Nach Beendigung seiner Ausbildung und der fünfjährigen beruflichen Tätigkeit als Webdesigner kam er schließlich zu einer einschneidenden Frage – »Soll ich das mein ganzes Leben so weiter machen?«, die er sich prompt beantwortete: »Arbeit kann nicht das Ende sein!«. Damit spielt er auf den »monotonen Programmiereralltag« an, der ihn damals nicht mehr befriedigte. So beschloss er, nach alternativen Studiengängen zu suchen und wurde bei der Studienbeschreibung zum Interfacedesigner schließlich fündig.Eine Beziehung führt er momentan nicht, hatte aber das starke Bedürfnis, nicht länger alleine zu wohnen. Mehrere Versuche, eine Wohngemeinschaft zu gründen, sind bisher gescheitert, doch hat er nun eine Kommilitonin gefunden, mit der er künftig zusammen in einer Wohngemeinschaft leben wird.

About Björn

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Nicht nur Designstudenten Das Verhältnis von Arbeit und Studium beschreibt er als relativ ausgeglichen. Er arbeitet fast ausschließlich von zu Hause aus, was sich in seiner Freiberuflichkeit als Webdesigner gut anbietet. In Zukunft will er aber wieder mehr im Büro arbeiten. Er möchte gerne ein stärkeres soziales Umfeld bei der Arbeit haben. Das Studium hilft ihm bei der Arbeit und eröffnet ihm einen größeren Blick auf seine Arbeit. Auffällig war, dass er sich trotz seines Studiums nicht als Designer sieht. »Ich bin ein Zwischending zwischen Designer und Programmierer.« Als gelernter Fachinformatiker schätzt er seine Fähigkeiten und Möglichkeiten im Bereich des Webdesigns größer ein, als nur die eines Designstudenten.

Mit Glatze zum Selbstbewusstsein Auf die Frage, ob er sich in seinem Körper wohl fühlen würde, antwortet er sehr offen und ehrlich. Er gibt zu, früher Probleme mit seinem Körper gehabt zu haben. Besonders sich und seinen Körper in der Öffentlichkeit, wie am Strand, zu zeigen, bereitete ihm Probleme. Er fühlte sich als zu schmächtig und hatte Sorge, so von anderen Leuten wahrgenommen zu werden. Seit einiger Zeit scheint dies für ihn jedoch kein Problem mehr darzustellen. Er geht ins Fitnessstudio, um an diesem Problem zu arbeiten, erklärt jedoch, dass es schwierig sei, in einem nicht strikten Alltag immer Zeit dafür zu finden. Besondere Merkmale an seinem Körper scheint er nicht zu kennen – weder positive, noch negative. Ein großes Problem schien für ihn der langsame Verlust seiner Haare zu sein, was er später jedoch nur beiläufig erwähnte. Kennen gelernt hatte ich ihn noch mit Haaren. Doch trägt er seit einiger Zeit eine Glatze. Es hatte lange gedauert, bis er sich dazu entschied, seine »restlichen« Haare abzurasieren. Besonders die Wirkung auf Andere hatte ihn lange daran gehemmt. »Ich wollte nicht als Glatze abgestempelt werden.« Seine Aussagen, wirkten auf mich, als wäre es ihm sehr wichtig, wie er von anderen wahrgenommen wird. Dies bestätigte er auch »Damals, als ich nur noch wenige Haare hatte, fühlte ich mich immer von allen angeschaut.« Er habe sich einfach viel zu viele Gedanken darüber gemacht, was andere von ihm halten würden. Die Tatsache, dass er über Jahre hinweg mit seinen Haaren so gelebt hat und lange für den Schritt zur rasierten Glatze brauchte, versucht er mittlerweile mit Humor zu nehmen »Ich habe glücklicherweise eine gute Kopfform.« Selbst sieht er sich als schüchtern und merkt an, dass es ihm schwer falle, vor anderen, insbesondere vor Fremden, offen zu reden.

Lohnbuchhalterin und sein Vater Diplom-Ingenieur. Auf die Frage hin, was sein Vater denn genau sei antwortet er: »Das weiß ich gar nicht genau. Irgendwas mit Computern.« Hier scheint sich der Ursprung seines früheren Interesses für Computer zu finden. Verblüffend ist jedoch, dass er nicht genau weiß, was sein Vater für einen Studienabschluss hat. In die Tiefe führende Fragen zu dieser Tatsache lehnt er vorerst ab. Er selbst empfand sich als sehr ruhiges Kind, mit vielen Freiräumen. Sein Vater ist für ihn die »rationale Anlaufstelle« bei Problemen, die Mutter die für die emotionalen. Er scheint dies strikt zu trennen, sagt aber, dass er einen besseren Draht zu seinem Vater habe. Seit seinem Umzug 2010 sieht er eine Intensivierung seines Verhältnisses zu seinem Elternhaus. Er habe Routine in diesem Bereich entwickelt und telefonierte einmal in der Woche mit »Zuhause«. Trotz einer wahrnehmbaren Distanz zu seinem Elternhaus schätzt Björn sich trotzdem als Familienmensch ein – »An sich schon.« Prägende Momente und Erlebnisse in seiner Kindheit fallen ihm nicht ein. Er überlegt sehr lange, wirkt dabei sehr reflektiert. Er schaut weg von mir an die Wand und das einzige was er sagt, ist dass er eigentlich von seinem Vater als Kind erzogen wurde. Für mich war dies ein Anzeichen für Björns Art. Rational, wie er seinen Vater auch beschrieb. Während wir über das Thema Kindheit sprechen, ist es mir wichtig, ihn nach Erinnerungen aus der »DDR-Zeit« zu befragen. Er ging bereits in die Grundschule, als die Mauer fiel, habe aber nie etwas vom Fall des DDR-Regimes, dem Mauerfall oder Ähnlichem mitbekommen. Ich finde es schade, dass er mir nicht mehr dazu erzählen kann, da mich das, als Teil einer jüngeren Generation, immer brennend interessiert. Zurückgehend auf sein Elternhaus sagt er, er könne sich weder mit seiner Mutter noch mit seinem Vater identifizieren. Auf weiterführende Fragen geht er nicht ein. Dennoch bemerkt er erstaunlicherweise: »Ich hatte keine schlechte Kindheit.« Diese Bemerkung lässt mich skeptisch werden. Ich interpretiere seine Äußerung sofort so, dass es also auch keine völlig gute Kindheit gewesen sein konnte. Auf meine Bemerkung hin lacht Björn und sagte, dass sich das eigentlich bei genauerer Überlegung so anhöre, als hätte er eine schlechte Kindheit gehabt. Genau gleich reagierte er, als mir keine besonderen oder prägenden Ereignisse aus seiner Vergangenheit nennen konnte. »Eigentlich klingt das echt traurig.«

Kindheit und Eltern Wohlfühlorte Björn erzählt uns aus seiner Kindheit. Er sei in einem harmonischen Elternhaus groß geworden und betont, dass seine Eltern immer noch eine harmonische Ehe führen würden. Er sei nicht getauft worden – »Das ist bei uns nicht üblich gewesen« – und hatte keinen näheren Bezug zur Kirche. Wie ich erfuhr, ist seine Mutter

»Am Meer kann ich abschalten.« Nach einigem Überlegen sagt Björn, dass es zwei Orte gäbe, an denen er sich sehr gerne aufhalten würden – sogenannte Lieblingsorte. Zum einen das Meer, jedoch kein bestimmtes, sondern Charme und Flair machen jedes

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Meer zu einem »Wohlfühlort« für ihn. Zum anderen ein Berliner Club. »Dort kann ich einfach abschalten, egal wie hart die Woche war.« Der Club scheint ein wesentlicher Teil seiner Wochenplanung zu sein. Einmal die Woche muss er weggehen, um den Ausgleich zu seiner stressigen Arbeit zu finden. Er merkt an, dass es ihm bei Clubbesuchen auch um soziale Aspekte geht, er lerne gerne neue Leute kennen.

sich einfach nie eine neue gekauft, sagte er. Für mich scheint die rote Schreibtischlampe der einzige Gegenstand zu sein, den Björn aus seiner Kindheit noch hat bzw. der Einzige, den er bereitwillig im Interview zeigen will. Auf meine Nachfrage merkt er bloß an, dass diese aus seiner Kindheit sei. Kein Verweis von ihm darauf, wie sein Kinderzimmer damals aussah, wer sie ihm gekauft, geschenkt hat oder sonstige Informationen.

»Ich bin kein Apple Fanboy!« Der Gesprächsverlauf gestaltet sich zunehmend schwieriger. Es wird schwieriger einen Fluss in die Unterhaltung zu bekommen. Wir kommen in unserer Unterhaltung sehr ins Stocken. Will ich eine konkrete Antwort, muss ich eine konkrete Frage stellen. Emotionale Verbindungen zu persönlichen Dingen hat Björn keine. Alles scheint für ihn eine Art von Gebrauchsgegenstand zu sein, was sein recht schlichter Einrichtungsstil wiederspiegelt. Fast alle Wände sind kahl, bis auf eine, an der ein großes Bild angelehnt steht. «Ich habe am Wochenende schon mal alles abgehangen.« Auf Grund seines Umzuges, sind »alle« Bilder bereits von ihm abgehangen worden. Dass er dies anmerkt, obwohl er nur ein einziges, zwar ziemlich großes, Bild an der Wand hängen hat, empfand ich als seltsame Entschuldigung. Auf mich wirkte sein Verhalten so, als wollte er mir den Eindruck vermitteln, es sähe nicht immer so »geklärt« bei ihm aus. Sein Arbeitsplatz ist Dreh- und Angelpunkt in seiner Wohnung. Ein riesiger Apple Thunderbolt Display dominiert den Schreibtisch. Sein MacBook Pro steht feinsäuberlich auf einem Ständer neben dem Bildschirm. Ich werde den Eindruck nicht los, dass ich es mit einem großes Apple-Liebhaber zu tun hatte, werde jedoch gleich unterbrochen: »Ich bin kein Apple Fanboy.« Generell legt er viel Wert auf Qualität, Zuverlässigkeit und Design. »Da bezahle ich auch gerne mehr Geld für.« Sein Kaufverhalten spiegelt ein klares Bedürfnis nach Sicherheit wieder. Er wiegt Entscheidungen immer stark ab. Vor dem Kauf überlege er sich genau und wäge alle Fakten bewusst ab. Da er mir keine persönlichen Gegenstände zeigen kann, frage ich, wie er mit dem Verlust seines MacBooks klar kommen würde. Erstaunlicher Weise bekomme ich eine Antwort, mit der ich nicht gerechnet habe. »Ich wäre traurig über den Verlust an Daten.« Ich kenne Björn als einen MacBook-Liebhaber, der auf die Arbeit mit einem MacBook große Stücke setzt. Ich probiere das Thema »persönliche Gegenstände« auf den Bereich Arbeit zu lenken, da ich dort am meisten Potential sehe – falsch gedacht. Auch sein heiß geliebtes iPhone sei ein simpler Gebrauchsgegenstand, für den es sich seiner Meinung nach auch nicht lohnen würde, ein Handycase zu benutzen. Er trage es einfach in der Hosentasche und müsse sich nicht ein ganzes Leben mit diesem einem Handy vorstellen. Seine dezente, weiß gehaltene Einrichtung zieht sich durch die komplette Wohnung. Freudigkeit durch Farbe – Fehlanzeige. Jedoch gibt es eine Ausnahme. Eine rote Schreibtischlampe aus Kindertagen steht noch immer auf dem Schreibtisch. Er habe

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Sicherheitsbedürfnis

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Freundeskreise hat er sowohl in Berlin als auch in Leipzig. Er probiere diese jedoch voneinander zu trennen. Selbst sieht er sich als toleranten Menschen, merkst jedoch an, dass dies nicht bei allen seinen Freunden der Fall wäre. Als seine positiven Charaktereigenschaften sieht er ganz klar seine Toleranz an und dass er ein guter Zuhörer sei. Auf die Frage nach dem Wert seines Äußeren sagt er, es sei im wichtig. »Eine männliche Pflege.« Früher habe er besonders seine Frisur oft überprüft, heute ist das aber nicht mehr der Fall. Bei der Arbeit ist er durchweg Perfektionist und stets auch mit seiner eigenen Arbeit kritisch. Er reflektiere viel, um aus Fehlern zu lernen, um Dinge besser machen zu können. Seine zurückhaltende Art habe sich durchs Studium geändert. Das Präsentieren und Auftreten vor großen Gruppen habe viel dazu beigetragen. »Mit Freunden bin ich der, der ich bin. Obwohl ich lieber jemand anders wäre.« So sieht er sein Verhalten in Gruppen. Risiken geht er nicht gerne ein. Als besonnener, sicherheitsorientierter Mensch, liegt Mit Freunden bin ich im viel daran, stets eine Grundsicherheit der, der ich bin. zu haben. In einem sicheren Umfeld wie Obwohl ich ­l ieber jemand einem Berliner Club gibt er sich jedoch ofa n d e r s wä r e . fener. Er probiere dort, durch lautes Spre« chen und körperliche Präsenz beim Tanzen selbstbewusst aufzutreten. Sogar eine gefundene Jägermeister-Krawatte habe er einmal eine ganze Nacht beim Feiern getragen, was ihm viel Aufmerksamkeit beschert hätte. Generell mag er gerne Trash-Partys, wo er durch komische Kleidung Aufmerksamkeit erreicht. Text und Bilder von Tobias Jänecke

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Die ganze Welt in vier Wänden

Schon der erst Blick in das Zimmer scheint viel über sie zu erzählen. Oft richtet sich die ganze Aufmerksamkeit in Räumen auf gewisse Einzelheiten, bestimmte Details wie Fotos an der Wand oder elektronische Geräte – von denen es, abgesehen von einem Radiowecker und einem Notebook, in den knapp zwanzig Quadratmetern keine Spur gibt – nicht aber bei Elisa. In ihrem privaten Reich der WG, in dem sie seit vier Jahren lebt, gibt es unzählige Einzelheiten zu entdecken. Unser suchender Blick wird in jeder Ecke fündig und jedes der zahlreichen Gegenstände erzählt eine eigene Geschichte, über die sie noch Stunden hätte berichten können. Das Erstaunliche ist nicht die Tatsache, dass sie viel in ihrem Besitz hat oder sammelt, viel mehr sind es die kleinen Details von denen sie spricht. Es scheint, als hätte sie in den Jahren nicht das Geringste vergessen. Jedes Objekt bekommt von ihr die gleiche Wertschätzung, sei es teurer Schmuck oder eine einfache Postkarte. Das Wichtige an den Objekten ist nicht etwa ihre Verwendung, Nutzen oder ihr ästhetischer Wert – im Vordergrund stehen zwischenmenschliche Beziehungen. So befinden sich in Elisas Zimmer auch eine handvoll Gegenstände, die sie nicht schön findet oder die einen besonderen Zweck erfüllen. Anstatt diese scheinbar hässlichen Objekte in den Keller zu verbannen, befinden sie sich wie selbstverständlich in ihrem Zimmer.

Es ist einer jener kalten Adventssonntage, an denen man lieber im Bett bleiben würde anstatt sich vor die Tür zu trauen, als wir sie besuchen. Das Thermometer zeigt Minusgrade, aber als Elisa uns in ihr Zimmer bittet, ist die eisige Kälte schnell vergessen. Das kräftige Rot, in dem die hohen Wände gestrichen sind, erinnert sofort an orientalische Länder fernab von Deutschland. Kaum übersehbar, dass sie viel herumgekommen ist – eine Holzeidechse aus Bali, Korbflaschen aus Madagaskar und Austern aus Südfrankreich, wo sie einige Monate in einer Patisserie arbeitete. Wir finden ein bunt durchmischtes Sammelsurium vor, in dem kein Einrichtungsgegenstand zum anderen passt, was dem Raum aber so sein ganz eigenes charakteristisches Flair gibt. Elisa hat sich ihr eigenes Paradies geschaffen – einen Zufluchtsort, in dem die Uhren nicht zu rennen scheinen. »Nimm dir Zeit« stand eine zeit lang auf einem Poster, dass bis vor einem Jahr noch an der Wand hing. Genau dieses Poster hängt nun in einem Zimmer auf einer kleinen Insel im indischen Ozean. Das letzte Jahr hat sie aufgrund eines Erasmusaufenthaltes fernab von Stress und Hektik verbracht. Hier konnte sie verweilen und zur Ruhe kommen und sich endlich wieder Zeit nehmen – Zeit zum Zuhören, zum genauen Hingucken, zum eigenständigen Erforschen und Neugierde entfalten. Vor allem aber Zeit um festzustellen, dass das Leben im Berlin der Gegenwart ihren Anforderungen nicht mehr gerecht werden kann. Hier fühlt sie sich schon lange nicht mehr wohl. Vor allem nicht in der Gegend, in der sie seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr wohnt. Jeden Tag, so scheint es in ihren Augen wird ein neuer Szeneladen eröffnet. Teure Mieten und Menschen, die mit ihrem Geld protzen, tragen ihren Teil dazu bei, dass sie sich oft weit weg wünscht. Zusätzlich zu dieser Erkenntnis, hat sie auch einige Gegenstände mitgenommen – überwiegend jede Menge Schmuck, als Mitbringsel für Freunde und Familie, aber auch als Andenken für sich selbst. Sie zeigt uns eine silberne Schatulle, die optisch an eine kleine Schatztruhe erinnert. Dass sich in ihr wirklich Schätze befinden steht außer Frage. Die Schatulle ist Aufbewahrungsort von dutzenden Ringen, Armbändern und Ketten aus zahlreichen Ländern. Die meisten davon haben ihr Freunde oder ihre Eltern mitgebracht und jedem dieser Schmuckstücke kann sie eine ganz bestimmte Person und ein Land zu ordnen – selbst an das genaue Jahr, seit dem es in ihrem Besitz ist, kann sie sich erinnern. Viel wichtiger sind aber die kleinen Geschichten, die jedes dieser Objekte erzählt. Dabei ist es egal, ob es sich um teure Anhänger aus Afrika oder billige indische Armbänder handelt. In Anbetracht dessen, dass sie nicht nur in der Schatulle sondern auch in anderen Teilen des Zimmers schätzungsweise die dreifache Menge an Schmuck aufbewahrt und vieles davon schon seit der Pubertät in ihrem Besitz sind, könnte man meinen, Elisa notiere sich alle dieses kleinen Details. Aber wie selbstverständlich erzählt sie davon und nur kurz muss sie überlegen, ob der Silberring mit dem roten Stein aus Rumänien oder doch aus Frankreich stammt. Tatsächlich besaß Elisa einst wesentlich

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C h r i s t ina N a t h

Zwanzig Grad im Dezember


mehr Schmuck. Bei einem Einbruch wurde ein Großteil ihrer Schmucksammlung gestohlen. Ein Wert, der nicht durch die Zahlung der Versicherung in irgendeiner Weise ausgeglichen werden konnte. Dennoch liegt keine Spur von Verbitterung in ihrer Stimme. Durch die Zahlung wurde ihr schließlich ihre langersehnte Indonesienreise möglich und natürlich hat sie auch von dort wieder weitere kleine Schätze mitgenommen.

Überall Elefanten Auffällig oft befinden sich auch Elefanten in ihrer Schmucksammlung. Auf dem zweiten Blick fällt auf, dass Dutzend in ganz unterschiedlichen Varianten im Zimmer zu finden sind: Elefantenfiguren aus Holz und Metall, Bettwäsche mit Elefantenmuster. Selbst während des Interviews trinkt sie aus einer Tasse in Form des Dickhäuters. Dabei würde Elisa nicht behaupten, dass es ihre Lieblingstiere seien. Schon in Kindertagen wurde ihr dieses Tier regelrecht zugeschrieben. Die Wohnung ihrer Mutter, in der sie bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr lebte, war voll mit Schildkröten, Giraffen, aber eben auch Elefanten aus Holz, Stein, Stoff und Papier. Irgendwann begann ihre Mutter damit, ihr hauptsächlich Elefanten aus Urlaubsreisen mitzubringen. Warum weiß sie bis heute nicht genau, aber nach und nach hatte sie eine kleine Ansammlung zusammen. Bald fingen auch andere Menschen an, ihr Elefanten zu schenken. Vermutlich weil sie Elisa aufgrund der mütterlichen Sammelleidenschaft schon immer mit ihnen in Verbindung gebracht wurde. Auch heute noch bekommt sie regelmäßig Neue hinzu, ohne, dass sie sich diese jemals gewünscht hätte. Da sie Elisa scheinbar schon ihr ganzes Leben begleiten, fing sie an, sich bewusst mit ihnen auseinanderzusetzen. Als wir fragten, ob sie Irgendetwas an ihnen schätzt antwortet sie nach kurzer Überlegung, dass sie selten Etwas aus der Fassung bringen kann und sie sich ab und an auch etwas mehr von dieser Eigenschaft wünsche.

Von Bohrmaschinen und blonden Locken »Ich mag das Gefühl, wenn ich weiß, dass ich etwas mit meinen eigenen Händen und Fähigkeiten geschaffen habe«, sagt sie, als sie uns eine Elefantenuhr aus Plexiglas und Metall zeigt, die sie im Rahmen eines Uni-Projekts eigenständig anfertigte. Eine Bohrmaschine oder Säge zu bedienen ist für sie kein Problem und so überrascht es nicht, dass sie uns von ihrem Werkzeugkoffer erzählt, ein Geschenk ihres Vaters zu ihrem zwanzigsten Geburtstag. Sie wollte schon immer möglichst viele handwerkliche Sachen lernen. Zum einen, um sich selbst helfen zu können, zum anderen auch um nicht auf die Hilfe von anderen angewiesen sein. Auch die Nähmaschine, die mitten in ihrem Zimmer platziert ist und zur Zeit des Interviews als Schreibtisch umfunktioniert wurde, unterstützt diese Beschreibung. Neben der Uhr befinden sich eine ganze Reihe weiterer selbstgebauter Gegenstände in ihrem Zimmer: ein selbstgeschreinertes Schachbrett, ein riesiger genähter Adventskalender. Zur Zeit baut sie sogar an

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einem Xylophon. Vielleicht würde man auf den ersten Blick nicht vermuten, dass sie lieber Dinge repariert als ihr Freund oder ihre Mitbewohnerin, mit der sie sich die Wohnung teilt. Aufgrund ihrer schlanken Figur, den lange blonden Locken und großen blauen Augen in einem markanten Gesicht könnte man glauben, sie sei ein typisches Model. Mit ihren 1,83 Meter ist Elisa überdurchschnittlich groß, was oft für neugierige Blicke sorgte und nicht selten dazu führt, dass sie auf der Straße angesprochen wird. Auch wenn sie sich ihrer optischen Erscheinung ganz genau bewusst ist, stand sie noch nie auf dem Laufsteg. Obwohl wir für das Interview angemeldet waren, war sie nicht im Geringsten zurechtgemacht. Vor uns saß eine junge redselige Studentin in Jogginghose und weiten ausgewaschenem Pullover – von Make- up oder Selbstinszenierung keine Spur. Dennoch ist sie nicht uneitel, wenn sie will, schlüpft sie von der Rolle des Hippie Mädchens in Wanderschuhen und Filzjacke in der nächsten Sekunde zur attraktiven jungen Frau mit roten Lippen und kurzem Kleid.

Ständige Begleiter Wir gucken uns weiter im Zimmer um und scheint es, als ob ihr Zimmer eine Art offenes Tagebuch darstellt, dass sie mit Personen verbindet, die in ihr Leben getreten sind oder sie an bestimmte Ereignisse und gute Zeiten erinnert. Bis auf wenige Ausnahmen gibt es kaum etwas, was sie sich selbst angeschafft hat. Kein einziges Regal ist gekauft und selbst der Kleiderschrank ist ein Überbleibsel aus ihrer Jugendeinrichtung. In diesem Schrank befinden sich Kleidungsstücke, die Elisa begleiten, seit dem sie acht Jahre alt ist. Dass sie sich an dieses Alter noch genau erinnern kann, verwundert uns im Laufe des Interviews nicht so sehr wie die Tatsache, dass sie die Kleidung heute noch ab und an trägt. Eines ihrer liebsten Stücke ist eine braune Fellweste, die noch immer passt. Ihre Mutter hatte ihr die Weste in einem Ungarnurlaub gekauft. Damals noch viel zu groß, wirkte sie darin etwas verloren. Mit der Zeit schien sie jedoch perfekt in die Weste zu wachsen und sie trägt sie auch heute noch mit dem Bewusstsein dafür, was Qualität und Material ausmachen, auch wenn sie sich selbst kein Fell kaufen würde. In einer Kiste bewahrt sie ein weiteres Fell auf. Ein Geschenk aus dem Laden, in dem sie einst die Weste bekommen hat. Bis heute hat es keinen Nutzen gefunden. Wegschmeißen kommt dennoch nicht in Frage, auch wenn Elisa sich nicht sicher ist, ob es irgendwann als Teppich genutzt wird oder die nächsten Jahre in einer Ecke verstauben wird. Nicht zuletzt, weil sie das Fell in dutzend Lagen Mottenpapier gehüllt hat, sondern auch, wie sie darüber spricht, zeugt von einem gewissen Respekt den Dingen gegenüber – eine ganz eigene Wertschätzung, die sich auch gegenüber anderen Gegenständen äußert.

Respekt dem Kitsch Diese Wertschätzung spiegelt sich selbst in Objekten wieder, die scheinbar zufällig zu ihr gefunden haben. Es sind Objekte, die vermutlich niemand so achten würde, wie sie es tut. Vor drei

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Jahren fand sie ein selbstgestaltetes Holzbrett mit Wandhacken, eingepackt als Geschenk in durchsichtiger Folie. Es lag auf einer Mülltonne und wie selbstverständlich nahm sie es an sich. Natürlich kann sich Elisa noch genau an die Umstände erinnern und selbst die Straßennamen kamen ihr wieder ins Gedächtnis. Es ist keine Seltenheit, dass sie etwas an sich nimmt, was sie findet. Allerdings würde wohl niemand außer Elisa auf die Idee kommen, diesen Gegenstand mitzunehmen. Auf dem Brett steht in bunten Buddelformen »Uroma«. Mit Schmetterlinge und Marienkäfer verziert, würden Außenstehende dieses spezielle Objekt wohl eher in den Kindergarten, als in die Wohnung einer Vierundzwanzigjährigen zuordnen. Sogar sie selbst findet es nach eigenem Wortlaut »überhaupt nicht schön«, trotzdem hat es einen festen Platz in ihrem Zimmer gefunden und bietet nun Aufbewahrung für ihre zahlreichen Ketten. Am liebsten würde sie es übermalen, aber da es nicht für sie bestimmt war und es eigentlich auch nicht ihr Recht ist, es zu besitzen, hängt es so an der Wand, wie sie es aufgefunden hat. Mit Ästhetik hat dieses Objekt nicht viel zu tun. Es geht vielmehr darum, dass jemand bewusste Entscheidungen getroffen hat und dass es einen konkreten Grund gibt, warum der gestalterische Prozess genau so gewählt wurde und nicht anders. Warum es weggeschmissen wurde, fragt sie sich bis heute. Vielleicht gibt es auch eine einfach Erklärung und es hat nie zu seinem rechtmäßigem Besitzer gefunden. Allerdings ist es kaum vorstellbar, dass eine andere Person diesen Gegenstand so zu schätzen weiß, wie sie es tut. Und selbst bei einem Umzug, so erzählt sie uns, würde sie eher auf Kleidungsstücke als auf diesen Kitsch verzichten.

Fremdbilder Abgesehen von den Haken befindet sich ein weiteres Objekt an der Wand, dem sie zweifelnd gegenüber steht. Es ist ihr eigenes Abbild, gemalt auf einer großen Leinwand. Unübersehbar hängt es wie ein sakrales Objekt über der Tür. Mit träumerischem Blick wirkt sie fast etwas naiv – ganz anders als wir sie während des Interviews wahrnehmen. Und obwohl es in ihren Augen ein falsches Bild widerspiegelt, hängt es dennoch seit Jahren an der gleichen Stelle. Das Gemälde war ein Geburtstagsgeschenk eines Ex Freundes. Nicht, weil sie um eine vergangenen Beziehung trauert ist es nie aus ihren vier Wänden verschwunden, sondern weil er sich die Zeit genommen hat, es anzufertigen. Ihre sonst lange blonde Lockenmähne ist in jenem Rot gehalten, dass wir auch an den Wänden finden und von dem eine gewisse Wärme ausgeht. Eine Wärme, die wir nicht in ihrem Zimmer sondern auch in ihrer Art wie sie über ihren kompletten Besitz berichtet, wiederfinden. Und auch über dieses Objekt spricht sie mit viel Respekt. Irgendwann wird sie ihr eigenes Café aufmachen – wenn ihre Kinder aus dem Gröbsten raus sind und nachdem sie als Lehrerin für Kunst und Arbeitslehre unterrichtet hat. Mit welcher Überzeugung sie von ihren Zukunftsplänen erzählt, lassen

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uns nicht im Geringsten an ihrer Umsetzung zweifeln. Natürlich wird sie dieses Café mit eigenen Händen aufbauen und es wird an einem Ort stehen weit ab von Minusgraden und Hektik – irgendwo bei zwanzig Grad im Dezember. Text und Bilder von Christina Nath

C H r i s t ian B e r nha r d t

Es ist 22.30 Uhr. Wir sitzen auf dem Boden von Sarahs Zimmer und trinken im Wechsel Tee und Bier. Ich kenne Sarah seit einem Jahr. Wir haben uns an einem Silvesterabend kennengelernt. Letztes Jahr im September zog ich in die WG, in der auch Sarah wohnte. Es fühlt sich leicht an, ein Interview mit Sarah zu führen. Wir unterhalten uns oft. Sarah ist 28 Jahre alt und wohnt seit zweieinhalb Jahren in Berlin. Sie arbeitet als Psychologin in der Charité. Durch ihre Tätigkeit als Psychologin nimmt sie das Interview sehr ernst. Obwohl die Situation entspannt ist, merke ich, dass sie beim Antworten sehr konzentriert ist. Sie möchte die genau für sie passenden Antworten geben. Sie stammt aus Freiburg. Nach dem Abi hat sie zwei Jahre in Mannheim studiert. Im Sommer 2010 ist sie mit der Überzeugung nach Berlin gekommen, nie wieder nach Mannheim zurückzukehren. Ich hake nach: »Ist Berlin zu deiner Heimat geworden?« Ich merke, dass Sarah um eine schnelle Antwort verlegen ist. Sie kratzt sich nachdenklich den Hals und überlegt. Sie fängt an einen Satz zu formulieren, bricht ihn aber wieder ab. Sie setzt erneut an. »Das mit der Heimat«, sagt sie, „ist so eine Sache. Eigentlich habe ich keine richtige Heimat. Ich komme zwar aus Freiburg, mag es auch sehr, aber wirklich tief verwurzelt bin ich weder in Freiburg noch in Süddeutschland.« In Berlin fühle sie sich sehr wohl. Sie sagt, es sei ihr Zuhause, trotzdem sehe sie aber auch Berlin nicht als ihre Heimat. Es habe nicht lange gedauert bis sie in der WG angekommen sei, erzählt sie. Zuerst habe sie zur Untermiete gewohnt, doch nur kurze Zeit später bezog sie ihr eigenes Zimmer und freundete sich mit den vier Mitbewohnern an. Der große Küchentisch, an dem wir auch heute noch oft sitzen, hat ihr von Anfang an besonders gefallen. Wie in vielen anderen WGs ist der Küchentisch auch bei uns der Ort, an dem wir abends zusammen sitzen, essen, trinken, rauchen und spielen. Der Tisch ist ein Objekt der Verbundenheit. Sarah sagt, sie sei froh darüber, dass sie in eine WG gezogen sei. Das habe vieles leichter für sie gemacht. Ihre Mitbewohner nahmen sie abends mit, wenn sie in Bars gingen, oder andere Freund trafen. Es gab auch immer jemanden zum Reden. Sie erzählt von einer

»Der rollende Stein setzt kein Moos an.« Sarah

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Freundin, die alleine wohnt. Die unternehme nicht so viel und habe auch nicht so viele Freunde und Bekannte wie sie. Sarahs Zimmer ist ein Rückzugsort. Ist ihre Zimmertür geschlossen, dann weiß man nicht, ob Sarah gerade zu Hause ist oder nicht. Sie hört selten Musik. Wenn sie von der Arbeit kommt, hat sie oftmals den ganzen Tag geredet und zugehört. Dann steht ihr oftmals nicht der Sinn nach weiterer Kommunikation. Sie ist dann in ihrem Zimmer für sich, denkt nach oder liest. Es gibt aber auch andere Tage, an denen sie nach der Arbeit loswerden möchte, was sie erlebt hat. An solchen Tagen trifft man sie abends auch mal in der Küche. Sarah ist zufrieden mit dem Jetzt und Hier. Sie genießt ihr Leben in Berlin. »Das Reisen!« ist das Erste was sie sagt, als ich sie nach besonderen und prägenden Erlebnissen in ihrem Leben frage. Mit neun Jahren sei sie schon regelmäßig von Freiburg zu ihrem Vater nach Zürich und wieder zurück gefahren. Das war nur eine kleine Reise. Als sie 16 war, unternahm sie ihre erste »richtige Reise« und flog nach Südamerika. »Südamerika hat mich nicht großartig umgekrempelt, aber es war ein einschneidendes Erlebnis«. Vier große Reisen außerhalb Europas habe sie bisher gemacht. »Und wie viele innerhalb Europas?« Sie überlegt. Sekunden vergehen. Sie will nichts falsches sagen. Sie versucht die Reisen im Kopf durchzugehen. Es will nicht so ganz klappen »Sagen wir einfach mehr.« »Viel mehr?«»Ja, viel viel mehr.« Durch das Reisen habe sie keine Angst vor neuen Orten, sagt sie. Sie würde nur mit einem Rucksack ausgerüstet überall klar kommen, meint Sarah. »Koffer? Nee, sowas hab’ ich nicht«. Auf all ihren Reisen habe sie immer nur das Nötigste dabei gehabt. Sie sinniert ein bisschen über das viele Reisen und erleichtert mir damit die Arbeit als Fragesteller. Sie sei »regelmäßig umtriebig«, erzählt sie. Das könne daran liegen, dass ihre Familie über drei unterschiedlichen Länder verstreut leben. Dann fällt ihr ein, dass Sie eigentlich nie Heimweh gehabt habe. »Wenn ich etwas vermisse, dann fehlen mir einzelne Personen.« sagt sie. Ich komme auf ihr Zimmer zu sprechen. »Sarah, wieso hast du eigentlich kein richtiges Bett?« Sie lacht, das würde ja gerade der Richtige fragen [Anm. d. Verf.: Ich selbst besitze ebenfalls lediglich eine Matratze auf einem Lattenrost]. Das mit dem Bett habe sich einfach so ergeben. In Mannheim habe Sie noch das alte Bett ihrer Mutter gehabt. „Das hat mein Onkel gebaut, als meine Mutter mit mir schwanger war.« Aber ich hatte das Bett vor allem wegen des Stauraums, der sich unter dem Möbelstück ergab. Rucksack, Schlafsack, einfach alles, was man nicht täglich brauchen konnte, wurde unter dem Bett verstaut.» Hier in Berlin habe sie nun genug Platz, um diese Dinge anderweitig zu verstauen. Ich würde Sarahs Zimmer als sehr spartanisch bezeichnen. Es hängen nur wenige Bilder an der Wand. Ihre Matratze liegt frei im Raum. Sie besitzt keinen Kleiderschrank. Ihre Klamotten

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lagert sie in einem kleinen Sideboard, das sie einst von ihrer Uroma bekam. Außerdem sind da noch ein Schreibtisch, ein Holzregal und ein weiteres kleines Schränkchen im Zimmer. Die meisten Gegenstände haben einen praktischen Nutzen. Es gibt auch Stücke mit sentimentalem Wert. Dennoch haben auch diese Dinge meist zusätzlich einen praktischen Nutzen. Mit jedem der wenigen Bilder an der Wand verbindet sie etwas. Sarah hält es mit ihrer Einrichtung wie mit ihrem Gepäck auf Reisen: nur das Nötigste. Allerdings ist ihr jeder der wenigen Gegenstände, die sie umgeben, wichtig. Alles, was sie besitzt, hat sie aus einem bestimmten Grund. Sie möchte darum nicht, dass man sich ohne ihre Zustimmung einfach so etwas von ihren Sachen leiht. Sowohl Sarahs Schreibtisch als auch ihr Regal kann man leicht auseinander bauen. Es drängt sich der Gedanke auf, dass Sarah schnell ihre Zelte abbrechen könnte, wenn sie es wollte. Wäre das Sideboard nicht, könnte sie innerhalb weniger Stunden allein einen Umzug bewerkstelligen. Sarah ist in ihrem Leben zehn Mal umgezogen. Nur wenige Andenken an Vergangenes befinden sich in Sarahs Zimmer gegenüber der Küche. Zwei Gletschersteine hat sie aufbewahrt. Sie liegen dort als Erinnerung an schon Geleistetes, stehen symbolisch für ihre Reisen und die Gedanken, die sie sich auf dem Weg gemacht hat. Auch Tassen aus unterschiedlichen Städten nimmt sie mit, wenn sie unterwegs ist, eben Andenken mit praktischem Nutzen. Was hat sie sonst noch? »Fotos – die nehmen ja auch kein Platz weg.« Nach diesem Satz errötet sie etwas und lacht. »Oh mein Gott, ist das zwanghaft.« rutscht ihr heraus. Sarah betrachtet es als großen Luxus, nicht viel besitzen zu müssen. »Je mehr Chaos in mir herrscht, desto aufgeräumter muss es um mich herum sein.« Was sind die Utensilien, die Sarah immer bei sich hat, wenn sie unterwegs ist? Ein Stift, ein Kalender, die Geldbörse natür» J e m eh r Chaos i n m i r lich, das Handy und der iPod. Sie hört sehr h e rr s c h t, d e s t o gerne Musik, wenn sie unterwegs ist. Als aufger äumter muss es ich sie frage, ob sie sich manchmal hilflos u m m i c h h e ru m s e i n . fühlt, denkt sie lange nach. Dann antwortet « sie aber kurz und knackig mit »Klar«, Danach schweigt sie wieder. Ich warte und frage mich, ob ich nachbohren sollte. Ganz kurz bevor die Stille unangenehm zu werden beginnt, sagt Sarah »Ziemlich oft« – Meist seien es Situationen, die sie nicht selbst steuern kann, in denen sie sich hilflos vorkäme. Aber eigentlich sei dass ja eher Machtlosigkeit. Sie fragt mich, ob ich Hilflosigkeit oder Machtlosigkeit meinen würde. Hilflos könnte eigentlich auch heißen, wenn sie das Gefühl habe, dass ihr nicht geholfen würde. Ich antworte, dass sie die Frage für mich schon richtig beantwortet habe. Ihre Rolle in einer Gruppe kann Sarah nicht leicht definieren. Sie kichert ein wenig vor sich hin. Es komme natürlich immer auf die Gruppe an, welche Rolle man gerade einnehme. Deshalb gerät Sarah ins Stocken. Sie sei nicht diejenige, die sofort anpackt und alles regelt. Sie übernehme diesen Part erst, wenn sie merke, dass kein anderer es tue. Sie übernehme in einer Gruppe nicht die Verantwortung, weil sie es mag, sondern nur, wenn es

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notwendig sei. Nach ein paar weiteren Sekunden des Nachdenkens fällt ihr auf, dass ihre Rolle in vielen Gruppen ähnlich ist. Sie ist diejenige, die anpackt. Beim Fußballspielen sei es jedoch wieder ganz anders. Da könne sie sich gut unterordnen und habe nicht das Gefühl, etwas regeln zu müssen. Abschließend frage ich Sarah nach ihrer Zukunft. Kann sie sich vorstellen, zukünftig so zu leben wie momentan? Sie erklärt, dass sie gerade ziemlich zufrieden sei. Es sei kein Problem, wenn sie in fünf Jahren noch so leben würde, wie sie es heute tut. Für langwierige Pläne sei sie aber nicht geschaffen. Die klassische Vorstellung vom Eigenheim, Mann und Kindern ist für sie nicht erstrebenswert. Sie bleibe lieber unabhängig. Stillstand wäre ihr Tod, sagte sie mit einem Augenzwinkern. Als ich mein kleines schwarzes Buch zuklappe, ist das Interview beendet. Sarah schließt daraus, dass sie keine weiteren Fragen erwarten und ändert sofort ihre Tonlage. Sie wirkt sofort entspannter. Ein Interview ist eben, auch wenn es unter Freunden stattfindet, keine alltägliche Gesprächssituation. Text und Bilder von Christian Bernhardt

J o hanna H ö flich

Die Kaffeemaschine reinigt sich grade, daher gibt einen Kusmi-Tee für uns. Justus’ Freundin Sarah – die heute krank und nicht bei der Arbeit ist – gießt ihn für uns auf. Sie ist Psychologin und zieht sich diskret zurück, nachdem wir ein Weilchen in der Küche gesessen und gequatscht haben. Ich kenne Justus aus dem Bachelor-Studium in Kiel und so auch seine vorige Wohnung. Er schlägt vor, sich ins Wohnzimmer zu setzen – es ist das Zimmer, das am meisten durch ihn geprägt ist.

Der tätowierte Mann – auf dem Land ist nicht viel Licht

Weiß Wir nehmen auf einem großen weißen Ledersofa Platz, das ich schon aus Kiel kenne. Es hat ein britisches Knopfmuster: die meisten Sofas dieser Art, sind braun oder schwarz. Dieses ist weiß, was es ausgefallen erscheinen lässt. Justus hat es von seinen Eltern übernommen, es passte wider Erwarten nicht in deren Schlafzimmer. Seine Mutter mag es, das Haus ab und an zu verändern. Ginge es nach seinem Vater, würde alles noch so aussehen wie früher. Das Haus, eigentlich der Hof, ist seit 200 Jahren in Familienbesitz. Von hier stammt auch die Deckenlampe: ein historisch anmutendes Propellermodell. Allerdings geht nur das Licht, der Propeller nicht – Justus erzählt uns etwas über Stromkreise. Mit so etwas kennt er sich aus. Justus hat seine große Leidenschaft für Lampen entdeckt. Grad hat er eine

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neue Lampe zum Geburtstag bekommen, eine Industrie-Stehlampe auf einem Stativ. Dass er Licht mag und viel davon braucht, war schon immer so. Hinter Hamburg wird es dunkel, auf dem Land in Schleswig-Holstein ist einfach nicht so viel Licht. Früher in der Küche drehte er immer den Dimmer vom Licht hoch, weil es ihm noch zu dunkel erschien, wenn es für die anderen genau richtig war. Die Nachbarn in der schummrigen Wohnung am Waldrand machten irgendwann automatisch mehr Licht, wenn er rüber kam. Er hatte als Kind einen Traum, dass er den Lichtschalter betätigt, aber alles schwarz bleibt. Draußen auf dem Land ist vor dem Fenster einfach eine schwarze Wand. Die meisten Möbel, die Justus besitzt, sind weiß. Im Wohnzimmer stehen zwei Schreibtische, ein alter aus Holz mit gedrechselten Beinen und ein weißer, beide gehören Justus. Arbeiten tut Justus lieber an dem weißen Schreibtisch, den anderen benutzt Sarah. Er verbringt die meiste Zeit an diesem Schreibtisch und die große weiß-lackierte Platte strahlt mehr Klarheit aus, als der dunkle Holztisch. Sein Laptop ist auf ein kleines Gestell montiert, damit er sich auf ähnlicher Höhe befindet wie sein zweiter großer Monitor. Wenn man an seine Arbeit als Motiondesigner denkt, passt die glatte Oberfläche des Tisches tatsächlich besser. In der virtuellen Welt gibt es keine Patina und keine Kerbe im Holz. Hier hat alles dieselbe glatte Oberfläche des Computermonitors. Am liebsten hätte Justus einen noch riesigeren Tisch mit einem kleinem Laptop und einer Lampe. Ein Tisch ist für ihn ein zentrales Möbelstück – früher haben sich auch immer alle Familienmitglieder in der Küche am Tisch getroffen.

Land Justus ist ein Landkind, das gerne in der Stadt lebt. Eigentlich hätte er als erstgeborener Sohn den Hof übernehmen sollen. Als er eines Tages seinen Eltern eröffnet, nicht Bauer werden zu wollen, wundern die sich nicht. Er war das Kind, das draußen fror, wenn es kalt war. Sein jüngerer Bruder fährt gerne Trecker und macht schmutzige Witze. Ohne, dass man ihn gefragt hätte, war es selbstverständlich, dass er diese Aufgabe übernehmen würde. Eine verantwortungsvolle Angelegenheit bei 400 Hektar Land. Manchmal denkt Justus, es wäre einfacher gewesen, den Weg als Landwirt eingeschlagen zu haben. Dann hätte er jetzt einen festen Platz. Stattdessen ist alles offen. Als Designstudent in Berlin hat er zwar grobe Vorstellungen, wohin es ihn zieht, aber seine berufliche Zukunft ist noch sehr undefiniert. Dafür ist dies der Weg, den er selbst gewählt hat. Er kehrt gern für ein Wochenende zurück aufs Land und auch mal länger, wenn er frei hat. Er ist eines der wenigen Kinder, die auf dem Land groß geworden sind, aber nie auf dem Hof helfen mussten. Es gibt genügend Angestellte, die auf dem Hof leben. So verbrachte er viel Zeit am nahgelegenen See oder fuhr mit dem Motorrad in die Stadt – als Jugendlicher dachte er vor allem drüber nach, wie man am besten von diesem Ort weg kam. Die Idylle lernt er mehr zu schätzen seit er nicht mehr dort wohnt.

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Kreativität Sein Studium begann Justus in der Nähe von Dortmund, wo er viel analog arbeitete. Aus dieser Zeit stammen die bemalten Mausefallen, die an der Wand über seinem Schreibtisch hängen, wie auch schon in der alten Wohnung in Kiel. Heute sind Justus’ Projekte hauptsächlich digitaler Natur – die Mausefallen sind mitunter eine Erinnerung daran, dass er das Handwerkliche auch beherrscht. Zeugnis von Kreativität und handwerklichem Geschick ist auch die riesige Tafel, die zirka zwei Meter lang und einen Meter breit ist. Sie diente ursprünglich als Skizzen-Board für Justus’ Master-Arbeit, von Zeit zu Zeit wird jetzt sie zu einem Wandbild: heute zum Beispiel zieren roboterartige Monster mit Kartonköpfen die große Fläche. Letztes Mal war dort ein bunter Schriftzug aufgemalt. Jedes Tafelbild, wird dokumentiert, bevor es einem anderen weicht. Justus betreibt gerne Aufwand für seine Wohnung, auch diese Tafel fertigte er aus einer Spanholzplatte und Tafelfarbe für sich an. Der Sinn für das Künstlerische wurde ihm durch seine Mutter vermittelt, die ihn mit auf Ausstellungen nahm. Sie studierte in Hamburg Freie Kunst an der HfbK und ist heute Kunstlehrerin. Ihre Rolle als Lehrerin behält sie auch zu Hause im Kreis der Familie, denn sie organisiert gerne und erzählt viel. In vielen von Justus’ Besitztümern ist sie präsent, wie beispielsweise in dem Sofa – das ist ihr Geschmack. Aber vor allem prägte sie Justus’ Art, sich bewusst einzurichten.

Tüfteln Der Vater redet wenig, wenn die Mutter dabei ist, weil sie eben sehr viel redet. Wäre er nicht Bauer geworden, hätte er Elektriker werden wollen. Justus erzählt gerne die Geschichte, wie sein Vater die Fernbedienung erfunden hat, bestehend aus einem Stock, der genau die richtige Länge hat, dass er vom Sofa aus den Fernseher bedienen kann. Solche smarten Lösungen – unabhängig vom technischen Entwicklungsgrad – liebt Justus. Jedes Kabel in der Wohnung hat er möglichst unauffällig verlegt. Die Internetrouter sind an der Wand angeschraubt, die Leinwand für den Beamer ist so angebracht, dass sie im eingerollten Zustand kaum auffällt unter der Gardinenstange. Das Beamer-Stereo-Anlagen-System zu perfektionieren war ein fast zweiwöchiges Projekt. Durch solche Lösungen und Konstruktionen herrscht eine übergeordnete Struktur und Klarheit in der Wohnung. Im Detail ist es dann manchmal eher wüst, wie jetzt grade auf seinem Schreibtisch. Die Unordnung ist ihm vor Besuch egal. Zu Beginn eines neuen Projektes räumt er grundlegend auf. Im Verlauf der kreativen Arbeit dürfen die Arbeitsutensilien aber chaotisch um ihn herum liegen. In gewisser Weise wächst die Ansammlung von Dingen organisch mit dem Prozess des Projektes mit. Es gefällt ihm, wenn seine diversen Hilfsmittel, von Design-Literatur bis Schneidemaschine, um ihn versammelt sind. Nur er kann dann noch etwas wieder finden.

Stil Justus hat einfach viele Dinge, auch Kleidung. Es fällt ihm schwer Lieblingsachen zu nennen. Er kramt eine Uhr hervor, die er nie trägt aber sehr mag. Er hat sie sich von seinem Zivi-Geld gekauft. Sie hat ein breites Lederarmband, das etwas zu sperrig für sein Handgelenk ist. Das Leder ist ein Recyclingprodukt alter Lederjacken aus Südkalifornien. Jede Uhr ist ein Unikat. In Portugal hat Justus sich eine grüne Hose gekauft über die er sich sehr freute, weil er sie so ungewöhnlich fand. In Berlin bemerkte er dann jedoch, dass fast jeder jetzt bunte Hosen trägt. Er nimmt Trends wahr und geht damit sehr spielerisch um. Als visueller Mensch ist er sich deren Wirkung bewusst und setzt dies mal mehr mal weniger bewusst ein. Mal zieht er sich eher nach Zufallsprinzip an, mal mag er es, sich ein bisschen zu verkleiden. Jetzt im Winter fühlt er sich in seinen schweren gefütterten Stiefeln, einer Fellmütze mit Klappohren und einem uniformartigen Mantel mit zwei Knopfreihen wie ein sibirischer Soldat. Früher dachten einige wegen seines Adelstitels, er sei ein arrogantes Arschloch. Die Vorurteile anderer aufzugreifen, bereitet ihm ab und zu Vergnügen. Dann trägt er bewusst Segelschuhe oder ein Hemd mit hochstehendem Kragen ein Stil, zu dem manch einer sagen würde, er sei »snobbig«. Er bricht diesen jedoch mit zerschlissenen Jeans oder seinen Tattoos. Er hat sich zuerst zwei Schwalben auf die Brust und später einen Anker stechen lassen. Er mag die Seemannsgechichte dahinter und es ist eine klare Abgrenzung zu seinem Elternhaus. Auf dem Land hatte niemand, den er kannte, ein Tattoo. Justus spielt mit den Erwartungen der anderen: Optisch in die Rolle des arroganten Arschlochs zu schlüpfen ist möglich, weil er und die Leute, die ihn kennen, wissen, dass er keines ist. In Kiel hatte er zwei Gemälde von seinen Vorfahren an der Wand hängen, das war Ironie. Genau wie die Geweihe: die Hirsche hatte er selber erlegt, aber er stellte sie nicht wie Trophäen aus, sondern benutzte sie lange als Handtuchhalter. Jetzt passt er mit seinem Fixie-Rennrad, das an der Wand hängt, in die Rolle des Berliner Designers. Doch genau wie mit der grünen Hose war ihm diese Rollenkonformität bei der Anschaffung nicht bewusst. Er kaufte sich das Fahrrad schon lange zuvor in seiner Studienzeit in Kiel, als dort niemand so ein Rad fuhr. Justus weiß um seine Klischees und versucht durch deren Kombination eine ihm eigene Mischung zu kreieren. Die Ambivalenzen seines Elternhauses und seines jetzigen Lebensstatus sind ein Gefüge, das er mit Humor und Gelassenheit in Szene setzt. Text und Bilder von Johanna Höflich

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Lina ist 26 Jahre alt, hat kurze dunkle Haare, blau-graue Augen und trägt eine Brille. Sie ist ein Einzelkind und hat zur Zeit keine Beziehung. Wir fingen 2007 gemeinsam an, Architektur- und Städtebau zu studieren. Sie selbst beschreibt sich als einen optimistischen Menschen, der gern mal spontan ist. Sie unternimmt viel mit ihren Freunden, wobei der Freundeskreis eher klein ist. Man geht dann zusammen ins Kino, kocht gemeinsam oder macht sich einen gemütlichen Abend zu Hause mit DVDs. Zurzeit lebt sie in einer Drei-Raum-Wohnung, es ist eine WG, die sie sich mit zwei weiteren Studenten teilt. Die Küche ist der zentrale Raum, ein Treffpunkt wo man gemeinsam isst, redet und gemütlich beisammen sitzt. Als wir uns zum vereinbarten Termin in ihrer Wohnung trafen, wurde ich freundlich begrüßt und herein gebeten. Zum Einstieg fragte ich Lina nach persönlichen Dingen und was ihr besonders wichtig ist: iPhone, MacBook, Mr. Wilson (Hund), Reisepass und Handtasche (mit Schlüssel und Portemonnaie) bekam ich als Antwort. Alles Gegenstände, die sie (fast) täglich braucht. Besonders wichtig sind ihr Familie und Freunde, für die sie sich immer Zeit nimmt, denn sie ist nicht gern allein. Wenn das doch mal vorkommt, muss sie immer den Fernseher oder das Radio anschalten oder mit jemandem telefonieren. Was ihr noch außerordentlich wichtig ist, ist ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Lina kann nicht ständig an nur einem Ort sein, sie braucht Abwechslung. Für das Studium brauchte Lina früher oder später einen Laptop, welche Marke war ihr eigentlich egal. Er sollte nur einige wichtige Merkmale haben, damit sie während des Studiums die Vielzahl von Programmen (Zeichen-, 3D- und Bildbearbeitung) verwenden kann, die man braucht, um die verschiedenen Projekte entsprechend bearbeiten zu können. Ein entsprechendes Laptop war schnell gefunden und günstig war er auch noch. Mit der Zeit wurde der alte Laptop durch ein MacBook von Apple ersetzt, da dieser doch eher den benötigten Arbeitskriterien entsprach. Mittlerweile ist das MacBook ein sehr wichtiges Arbeitsgerät, da es für ihr Studium unentbehrlich ist. Mit ihm werden wichtige Projekte erstellt, sowie Hausarbeiten geschrieben und auch Fotos für andere Kurse bearbeitet. Sozusagen ein Allzweckgerät fürs Studium. Man könnte sagen, dass durch das MacBook die Liebe zur Marke Apple begann. Ihr Handy, ein Smartphone, ebenfalls von Apple, ist ebenso ein wichtiger Gegenstand, der einfach zu ihrem Leben dazugehört. Das Handy dient nicht mehr nur dem Telefonieren. Ihr iPhone ist zugleich Kalender für die Organisation ihrer Termine und der Geburtstage von Freunden und Wecker, um morgens nicht zu verschlafen oder zu spät zur Vorlesung zu kommen. Ebenso ist es Adressbuch mit allen wichtigen Kontaktdaten

von Personen, die eine Rolle in ihrem Leben spielen. Außerdem kann sie damit ihre E-Mails verwalten und viele wichtige Daten speichern oder auch Fotos von wichtigen Ereignissen machen. Das Smartphone lag während des gesamten Gespräches auf dem Tisch, aber nur, damit sie die Zeit immer im Blick hatte, denn eine Armbanduhr hat und braucht sie nicht. Musik spielt in Lina’s Leben auch eine wichtige Rolle. In ihrem Heimatort gab es regelmäßig Kinderdiscos. Als sie dann Jugendweihe hatte, lernte sie andere Jugendliche kennen, die Mitglieder des Dorfklubs waren. Mit 15 Jahren durfte man offiziell in den Klub eintreten und so wurde auch sie Klubmitglied. In ihrer Freizeit war dies der Ort wo sie sich mit Freunde traf und gern Zeit verbrachte. Die dort veranstalteten musikalischen Auftritte prägten ihren persönlichen Musikgeschmack bis heute. Viele Klubmitglieder spielten selbst in einer Band und die bevorzugten Stilrichtungen der Musik waren Punk-Rock und Ska. Während der Zeit im Klub machte Lina Bekanntschaft mit vielen Leuten, lernte den Ablauf im Klub kennen, den Barbetrieb und das Band-Booking, welches sie später selbst übernahm und schließlich dann auch die Klubleitung. So ist es nicht verwunderlich, dass sie einen MP3-Player von Apple besitzt, damit sie ihre Lieblingsmusik immer mit dabei hat. Der iPod ist ihr ein treuer Begleiter auf all den Reisen durch ferne Länder. Auf ihren Reisepass könnte sie keineswegs verzichten, denn Reisen ist für Lina Freiheit und Unabhängigkeit. Auf Reisen kann sie ohne Probleme auf den Lebensstandard verzichten, den sie zuhause lebt; kein Handy, kein Fernsehen, kein Laptop, nicht ständig erreichbar sein, sondern einfach mal abschalten und sich aus dem normalen Alltag ausklinken. Im Interview sagte sie zu mir: »Wir Westeuropäer haben doch im Lotto gewonnen! Wir können ohne größere Einschränkung in nahezu alle Länder reisen. Luxusgüter sind für uns doch schon zur Selbstverständlichkeit geworden.« Lina bevorzugt Low-Budget-Reisen, also Rucksack-Reisen. Für sie ist das Reisen viel mehr als nur Urlaub, am Strand in der Sonne liegen oder Ski fahren in den Bergen. Sie will aktiv die Welt bereisen, das Land, die Leute, die Kultur und die Sprache kennen lernen. Die Kamera muss immer mit dabei sein, um die schönsten Eindrücke und Erlebnisse der Reisen auch mit nach Hause nehmen zu können. Auch im Alltag merkt sie, wie sie die Reisen schon verändern; jeden Tag eine gute Tat, denn das ist gut für’s Karma. Respekt vor älteren Menschen hat sie sowieso und eben diesen in der Straßenbahn einen Platz anzubieten, ist für sie selbstverständlich. Aber auch ihr fällt es nicht immer leicht, tolerant zu sein, Vorurteile hat nun mal jeder Mensch. Ihr Zimmer in der WG ist wohnlich und zugleich praktisch eingerichtet. Der Raum muss optimal genutzt werden, da mehrere Funktionen untergebracht werden müssen: Schlafen, Wohnen und Arbeiten. Darum hat Lina ein Hochbett, unter dem die Couch steht. So bleibt noch genügend Platz für einen Arbeitsplatz

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M a r ie A dle r

Unter Menschen sein!


mit Schreibtisch, den Kleiderschrank, ein Regal und einen TVSchrank. Sie legt viel Wert auf Gemütlichkeit. Das Sofa ist bequem, mit Kissen und Decken ein gemütlicher Platz. Um eine behagliche Atmosphäre zu schaffen gibt es viele verschiedene, indirekte Lichtquellen und diverse Grünpflanzen. Die Pflanzen bringen auch etwas Natur ins Zimmer. An den Wänden hängen überall Postkarten und Fotos von Freuden, Bilder von bereisten Ländern und auch andere Reiseerinnerungen, nämlich Souvenirs wie zum Beispiel tibetanische Gebetsfahnen. Sie sind mit Symbolen und/oder Gebeten und Mantras bedruckt. Mantra-Aufdrucke beinhalten oft das traditionelle tibetische Mantra »om mani padme hum«. Dieses soll für das Glück aller fühlenden Wesen mit dem Wind in die Welt hinausgetragen werden. Die Fotowände erinnern sie immer wieder an die bisher gemachten Reisen in ferne Länder und an die schönsten Reisemomente. An der Wand hängen aber auch viele Momentaufnahmen von Freunden und der Familie sowie anderen persönlichen Erlebnissen. In der Küche gibt es ebenso eine Fotowand, an der sind aber die Momente festgehalten, welche die WG betreffen: lustige Abende und andere schöne Erlebnisse mit den Mitbewohnern. Lina sagt, dass sie gern spontan handelt und nicht immer alles bis ins kleinste Detail plant. Selbst für das Studium nimmt sie manche Abgaben erst kurz vor dem Termin in Angriff, denn spontan und unter Zeitdruck kommen ihr oft die besten Ideen. Sie kann dann manchmal sogar effektiver arbeiten. Ihr morgendlicher Ablauf ist so eingespielt, dass sie nicht früher als nötig aufsteht, um sich fertig zu machen und es immer pünktlich aus dem Haus schafft. Wenn sie Zeit hat, trifft sie sich mit Freunden oder besucht ihre Familie. Doch wie passt all das, was Lina mir erzählt hat, mit dem Eindruck zusammen, den ich von ihr und ihrer Umgebung habe? In wieweit gibt es Parallelen zwischen ihrem Handeln und dem Bild das sie nach außen präsentiert? Lebt sie tatsächlich das Leben, das sie leben will? – Ja! Ich habe den Eindruck, dass sie weiß, wer sie ist und was sie will, wie sie ihre Ziele erreichen kann. Lina nimmt ihr Glück selbst in die Hand. Wenn sie unzufrieden ist, dann wird etwas geändert. Sie weiß, dass Strukturen und ein geregeltes Leben schon wichtig sind, aber sie lässt den Alltag nicht ihr Leben bestimmen. Sie ist unabhängig, geht arbeiten und verdient ihr eigenes Geld, um ihr Leben so gestalten zu können, wie sie es möchte. Sie bricht auch mal aus der Normalität aus, unternimmt spontan etwas oder bucht die nächste Reise nach Südostasien. Die Reisen sind eine Art Flucht aus dem Alltag, dem eigenen Leben, einfach mal etwas Abstand zur Normalität bekommen und die Zeit für sich nehmen. Der Abstand zur Heimat hilft Lina, ihre eignen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und sich auf ihr geregeltes Leben zu Hause konzentrieren zu können. An ihrer Wohnung erkennt man, dass sie ein geselliger und aufgeschlossener Mensch ist. Zum einen wohnt sie in einer WG und zum anderen zeugen die vielen Fotos an der Küchenwand von schönen Erlebnissen mit den Mitbewohnern. Und auch in ihrem Zimmer spiegelt sich ihre Lebenseinstellung wieder: Es ist eingerichtet wie ihr Leben, praktisch, weil sie einen Arbeitsplatz (Schreibtisch) braucht und strukturiert, weil

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jede Nutzung (Schlafen, Arbeiten, Entspannung) einen eigenen Bereich hat und etwas chaotisch, aber nicht unordentlich. Ihr Leben ist auch praktisch organisiert. Gegenstände, die sie besitzt, nutzt sie auch täglich, da sie Bestandteil des Studiums sind. Es gibt nichts, was sie nur besitzt, alles wird auch konsumiert und erfüllt einen bestimmten Zweck. Aber Lina kann nicht immer so spontan sein, wie sie es gern wäre. Denn in ihrem Alltag gibt es Verpflichtungen, denen sie nachkommen muss. Der Hund braucht regelmäßig ihre Aufmerksamkeit, dann das Studium und die Vorlesungen und zweimal die Woche arbeiten. Auch das gemeinsame Leben in der WG muss gut organisiert sein. Jeder muss seinen Beitrag zum Zusammenleben leisten, dazu gehört zum Beispiel ein Putzplan. Auf Reisen ist es für Lina kein Problem Abstriche zu machen. Doch man merkt, wenn sie hier zu Hause in Deutschland ist, möchte sie ihren gewohnten Lebensstandard nicht missen. Dafür geht sie schließlich arbeiten, um sich auch etwas leisten zu können. Für ihre Zukunft wünscht Lina sich nichts Ungewöhnliches: Heiraten, wenn der richtige Mann kommt, ein Haus, und später sind dann auch Kinder nicht ausgeschlossen. Doch im Moment passt all dies noch nicht in ihr Leben, sie stellt sich momentan an erster Stelle und auf alles andere kann sie noch warten. Sie steht im Leben und genießt es, so wie es kommt! Text und Bilder von Marie Adler

D avid E l s che

Und alles was wir hassen, seit dem ersten Tag, wird uns niemals verlassen, weil man es eigentlich ja mag. – Tocotronic

Hello Jonny

Den Ort hat Michi selbst gewählt: das eigene Zimmer. Es ist Samstag Nachmittag nahe dem Kottbusser Tor. Der Himmel ist wie immer grau. Die Begrüßung ist herzlich. Mit nackten Oberkörper werde ich von einer schlanken, 1,85 Meter großen Person an der WG-Tür empfangen. Er begleitet mich in sein Zimmer, wirkt ruhig, meint mit einer gewissen Ironie, dass er sich noch duschen müsse, aber ich könne ja währenddessen schon einmal sein Zimmer durchsuchen. Es ist klein, gerade einmal elf Quadratmeter. Fast jede Fläche wird genutzt, wenig Platz zum bewegen und doch wirkt der Raum gemütlich eingerichtet. Pflanzen, sehr viele Pflanzen. Überall, wo noch ein freier Platz war, ein Topf. Das Regal scheint fast zu wuchern, als hätte man das Zimmer längere Zeit nicht mehr benutzt und der Natur freien Lauf gelassen. Natur versus Mensch. Die Fauna lässt den Raum sofort angenehmer erscheinen. Hier bringt sie aber auch Unruhe in die sonst sehr geordnete Regallandschaft an der Wand. Viele Kartons mit passenden Aufschriften für den Inhalt – Audio #01, Video #02, vj perform #01 etc. Auf meinen Hinweis, seine Regale seien sehr geordnet,

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entgegnet er, dass er dies erst vor kurzem so aufgeteilt hätte, da es nervt, in einer großen Kiste aus Kabelsalat das richtige finden zu müssen. Um das Bett gegenüber der Couch hängen an der Decke angebrachte Jalousien, mit denen es sich nochmals vom Rest des Zimmers abtrennen lässt. Auffällig erscheint mir zunächst der große Schreibtisch mit Mac Pro, ein neben dem Bett geöffnetes MacBook Pro, Spiegelreflexkamera, zwei große Bildschirme, ein in einem IKEA-Tisch eingebetteter Verstärker, eine Nähmaschine mit einem Hello-Kitty-Aufkleber. Nähmaschine? Hello Kittty? Passt hier überhaupt nicht rein. Kennengelernt hab ich ihn das erste mal vor Jahren durch einen gemeinsamen Freund bei einer Abrisspartys in Regensburg, wo ich ihn unter dem Namen »Goa Michi« katalogisierte. »Goa Michi« deshalb, da er die für mich oberflächlich kennzeichnende Erscheinungsbild eines Goa-Menschen trägt. Dreads, weite Hosen, brauner Kaputzenpulli, Bart. Über seinem Bett hängt ein Poster einer Goa Trance Party. Auch das obligatorische Yogitee-Kochen in der Küche kurz nach Beginn des Gesprächs bestätigt mich zunächst in meiner Annahme, einer wasch‑ echten Goa-Psytrance-Persönlichkeit gegenüberzustehen. Gleichzeitig fällt mir ein Plakat ins Auge, auf welchem ein dicker Herr in einem Kochtopf sitzt mit dem Satz »Eat Capitalists«. Goa Psytrance? Was zum Teufel ist das überhaupt, oder was meine ich mir darunter vorzustellen? Menschen, die in der freien Natur mitten im Wald feiern, halluzinogene Drogen, Trips, Naturverbundenheit, laute Musik, leuchtende Farben, exzessives Feiern, Reisen, Indien, Wolken, fliegende Quallen. Wir begeben uns zurück in seine Räumlichkeiten, trinken einen Schluck Tee und beginnen das Interview mit den Formalitäten. In Neumarkt geboren, in Parsberg, einer Sechstausend-Einwohner-Stadt in der Oberpfalz, aufgewachsen, dort die Grundschule und das Gymnasium besucht. Nach erfolgreichem Abschluss des Abiturs nach Regensburg gezogen, um den Zivildienst zu leisten, danach dort Physikstudium. Das Studium schnell wieder abgebrochen und nach Nürnberg gegangen, um visuelle Kommunikation zu studieren. Jetzt lebt er in Berlin und arbeitet als Freelancer in einem digitalen Kunstkollektiv, welches 2008 in Nürnberg gegründet wurde. Vater und Mutter sind Akademiker, trennten sich jedoch nach dem Auszug seines jüngeren Bruders. Er merkt an, sie seien eh nur seinetwegen noch zusammen geblieben. Seine Kindheit fasst er kurz und bündig als normal zusammen. Normal? Was bedeutet für ihn normal? Spielen in der freien Natur nicht fern von seinem Haus, Lager und Baumhäuser bauen. Kleine Baumhäuser. Nicht so »wie die Älteren, die darin Mädchen verräumen wollen«. Seine Schulzeit betreibt er eher minimalistisch. Er hatte zwar keine Probleme, bemühte sich aber wenig um gute Noten. Er hat andere Interessen. Computer und Cartoons. Egoshooter und Strategiespiele wie Dangerous

Dave und California 90. Den Computer übertakten und umbauen! Nicht nur Spiele spielen, sondern diese auch zu gestalten. Stolz berichtet er mir über eine eigens gebaute Counterstrike-Karte, mit welcher er von einem Magazin mit einem Kubikmeter Computerspielen ausgezeichnet wurde. Die ganze Technik in seinem Zimmer ergibt langsam einen Sinn. Mit seiner Clique spielt er meist Video- oder Live-Rollenspiele wie Das Schwarze Auge. Er beschreibt seine Jugend als »nerdig«. Bayrisch hat er nie gesprochen und grenzt sich, bewusst oder unbewusst, von der Landjugend in Parsberg ab. Ein Held seiner Jugend ist die Cartoon Figur Jonny Bravo, eine Weiberheld wie er im Buche steht, groß muskulös, blonde gegelte Haare, Sonnenbrille, schwarzes Shirt, enge Jeans. Wir schauen uns einen kurzen Ausschnitt im Internet an. Es geht dabei um Aufrisstechniken bei Frauen. Er erklärt mir, dass er in der Figur einen absoluten Macho-Vollidioten sieht, ihn jedoch andererseits die Naivität und Dummheit des Charakters fasziniert und er trotz des Gigolo-Gehabes in der Person eine sympathische Seite erkennt. Er hat das Gefühl, es stecke mehr hinter der Person, als es vielleicht den Anschein hat und sie sich gegenüber der Außenwelt gibt, nur dass Jonny Bravo vielleicht einfach in »dem falschen Film hängengeblieben ist«. Die Figur erinnert mich sehr an Charaktere wie den von Götz George gespielten Kommissar Horst Schimanski, Barney Stinson in der Serie How I met Your Mother oder an die des Charlie Sheen in Two and a half Men. Männer, deren eigentliche Beschäftigung den ganzen Tag darin besteht, einen über den Durst zu trinken und Frauen abzuschleppen. Und trotzdem entwickelt man eine Sympathie für diese Charaktere. Vielleicht, weil sie dies mit einer gewissen Überzeugung vollziehen, die man selber gerne hätte. Sie machen Dinge ohne Rücksicht auf Verluste. Vielleicht würde Michi selber hin und wieder gerne mit dieser Naivität agieren, jedoch hält ihn sein moralisches Wertesystem davon ab. Als sein Interesse am weiblichen Geschlecht geweckt wurde und es plötzlich eine »andere Welt außerhalb des Computerbildschirmes gab«, wurde ihm klar, dass er sich dafür auch äußerlich verändern musste. Er versuchte sich also nach und nach eine »gewisse Coolness« aufzubauen, durchlebte eine Punk-Phase: Die Ärzte, Wizo, Terrogruppe. Danach schloß sich ein kurzes Metall-Intermezzo mit Bands wie Nine Inch Nails an, gefolgt von Industrial. Mit 19 Jahren ließ er sich Dreadlocks filzen, um zunächst »interessanter zu wirken«. Diese wurde jedoch ein wichtiger Bestandteil seiner Identität. Die Vorstellung, diese abzuschneiden oder in irgendeiner Weise zu verlieren könnte er bis heute nicht ertragen. Auf die Frage, ob er andere Gegenstände in seinem Leben ebenfalls nicht verlieren könnte, erzählt er mir von vielen Kleinigkeiten, die er gern sammelt, da sie ihn an bestimmte Momente erinnern. Da liegt eine Notiz auf seinem Schreibtisch, auf welche er sich seine Bahnroute vermerkt hat und die ihn später an seine Reise von Parsberg nach Berlin erinnern wird oder das kleine Knicklicht, welches sich über seinem Bett in einer Tasche an einem Jalousiebändchen befindet, das er jemanden mitgegeben hat, als dieser bei ihm

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übernachten wollte. Der Nutzen ist dabei in den Hintergrund getreten. Er meint, die Dinge bringen Leben in sein Zimmer und erzählen Geschichten. Seinen Hang, Gegenstände zu sammeln, will er jedoch mehr einschränken, da dies zu eskalieren droht. So berichtet er von alten Computerspielschachteln, die er bis heute aufbewahrt und nicht weiß, welchen Nutzen sie bringen. »Irgendwann wollte ich vielleicht damit etwas machen«. Kurz dachte er auch darüber nach, ob dies schon ein Messi-Verhalten wäre, verwarf aber diesen Gedanken sehr schnell wieder. Er hat sich vorgenommen, mehr Sachen zu Ende führen zu wollen. Es geht dabei um Baustellen, die man sich im Laufe seines Lebens aufgebaut hat und auf deren Vollendung man immer noch wartet oder diese immer weiter in die Zukunft verschiebt, obwohl deren Sinn in weite Ferne rückt. In Nürnberg ist er anderthalb Jahre BMX gefahren, gab dies wieder auf und trotzdem begleitet ihn das Gefühl, dies irgendwann einmal wieder aufnehmen zu müssen. Dies erinnert mich sehr an meine persönliche Skateboardkarriere, die ich noch immer als Teil meines Lebens sehe, jedoch ehrlich gesagt schon vor Jahren aufgegeben habe, aber immer noch als eine Art Profilierung benutze. 2005 kam er zum ersten Mal auf einem Festival mit der Goa-Szene in Kontakt. Hier nahm er das erste mal LSD. Das Festival hinterließ zunächst jedoch einen sehr schlechten Eindruck und er entschloss sich zunächst Abstand von dieser Szene zu nehmen. Elektronische Musik interessierte in jedoch weiterhin. Erst in Nürnberg trat er wieder mit der dortigen Psytrance-Community in Kontakt und konnte sich dieser wieder öffnen. Was mich überrascht ist jedoch, dass er sich nie als Teil der Goa-Szene fühlt. Auf Veranstaltungen kommt es ihm eher vor, als Besucher aufzutreten und nicht ein »Teil der Familie« zu sein. Er kann sich nicht wirklich mit dem Lebensgefühl der Goa-Szene identifizieren. Meine Erwartung bestand zunächst darin, mich stundenlang über LSD-Trips und spirituelle neue Erfahrungen zu unterhalten. Nun muss ich jedoch feststellen, wie falsch ich mit meiner ersten Einschätzung lag und wie sehr mich das ganze doch auch beruhigt. Vor mir sitzt ein Mensch. Ein Mensch wie Du und Ich, mit all seinen kleinen Fehlern und Schwächen. Absolut nicht abgehoben und verdreht, was mich unheimlich erleichtert. Im Laufe des Gesprächs beschleicht mich das Gefühl alle meine bisher eher flüchtigen Bekanntschaften noch einmal neu kennenzulernen und oder anders bewerten zu müssen. Ihm scheint es ähnlich zu gehen, da ich für ihn immer der lustige »Partyjunge« war, der mit einer gewissen Naivität durch sein Leben marschiert aber durchweg glücklich ist. Falsch gedacht! Die Liebe zu technischen Dingen macht einen großen Teil seines Lebens aus. Er will Dinge verstehen, selber erlernen, nachvollziehen können. Ein guter Freund stellte ihm einmal die Frage, welche Eigenschaft er lieber hätte. Fliegen zu können oder unsichtbar zu sein. Er wäre lieber unsichtbar, da das Fliegen ihm eine zu große Verantwortung wäre. »Jeder würde einen beobachten.« Wäre er unsichtbar, könnte er leichter die Welt beobachten und verstehen. »Ich hätte die maximale Beobachtungsperspektive.«

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Nach einiger Zeit bemerkt er jedoch, dass er »genug beobachtet« hat und es nun »Zeit ist, zu fliegen« , das heißt, Dinge in Angriff zu nehmen auch wenn sie zunächst unmöglich erscheinen. So beschäftigt er sich in Nürnberg mit dem Veranstalten von elektronischen Parties und rutscht dabei auch in das digitale Künstlerkollektiv. Die in das Regal eingebetete Nähmaschine, mit der er kürzlich eigens eine Jacke mit Kapuzenloch für seine Haare genäht hat, bestätigen seine Behauptung. Dies bringt ihn jedoch zu einem ganz anderen Problem. Da er das Gefühl hat, sich » Hilfe von aussen alle Dinge selber schnell alleine aneignen anzunehmen, w ürde zu können empfindet er Hilfe von Außen m ei n Ego k r än k en . zunächst als unnütz. »Es würde mein Ego « kränken.« Hierbei gibt er zum Teil der heutigen Leistungsgesellschaft für sein Verhalten Schuld. Keine Fehler zeigen! Keine Fehler eingestehen! Den Weg zum Design erreichte er über Umwege. In der Schule zeichnete er oft Comics und layoutete die Abizeitung fast im Alleingang. Er begann, sich für Fotografie zu interessieren. Ein Nine Inch Nails-Cover von David Carson inspirierte ihn dabei besonders. Ihn interessiert die Art und Weise seiner Fotografie. Keine Landschaftsaufnahmen. Keine Porträts. Makroaufnahmen! Muster und Strukturen. »Die Bewertung von außen soll fehlen!« Michi deutet auf ein von ihm gestaltetes Poster an der Wand hinter mir, was im Rahmen eines Hochschulkurses entstand, mit der Aufgabe, die eigene Vorstellung von Psyche zu beschreiben. Man erkennt zunächst eine Blüte. Sieht man genauer hin, werden weitere Ebenen sichtbar, welche über das Bild gelegt wurden: Zellstrukturen. Neuronale Netze. Die Psyche empfindet er als ähnlich: verschiedene Darstellungen von Modellen, aufeinandergelegt. Eine Seele existiert für ihn nicht. Gott auch nicht! Er findet die Idee von Karma interessant, scheint dabei jedoch nicht an Wiederauferstehung zu glauben, denkt aber, dass Gutes zu tun nicht falsch sein kann und die Menschen zunächst von Schlimmerem abhält. Dabei geht es vielleicht auch eher um eine allgemeine Methode, wie man sein Leben bewältigen kann. Jeder ist auf der Suche nach einer Strategie, mit der er das Leben möglichst unproblematisch leben kann. Eine allgemeine Regel oder Tugend, die auf alle Bereiche des Lebens anwendbar ist. Aber wieso Hello Kitty? Hello Kitty empfindet er als ästhetisch schön. Das Verhältnis der Strichstärken von Augen, Schnurrhaaren, Outlines dieser aus Japan kommenden Katzenfiguren sind bewusst gewählt und für das Auge angenehm. Jedes der kleinen Tiere trägt meist ein kleines Accessoire mit sich. Andererseits benutzt er es auch, um Leute zu schockieren, die zunächst einen ganz anderen Eindruck von ihm haben. Kontraste setzen, seine aufgebaute Coolness wieder ein wenig reduzieren. Unberechenbar sein! Interessant wirken? Früher besaß er viel mehr dieser katzenähnlichen Dinger, Blöcke, Rucksäcke.

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Im Badezimmer entdecke ich noch eine übriggeblieben Creme mit dem Katzengesicht, bis er eine Frau kennenlernte, die so gar nicht auf Hello Kitty steht. So beschloss er, einiges davon wieder loszuwerden. Im Gespräch meine ich eine gewisse Unsicherheit zu erkennen, wenn es um Frauen geht. Er wirkt bei dem Thema etwas unsicher. Er hatte bisher zwei lange Beziehungen. Seit einem Jahr ist er nun Single. Er versucht gegenüber dem weiblichen Geschlecht ein gewisses Profil aufzubauen, wundert sich jedoch, warum er so wenig von Frauen angesprochen wird. »Bei meinem letzten Aufenthalt in England hatte ich nur was mit Männern«. Moment mal? Männer? Den Unterschied zwischen Mann und Frau empfindet er als irrelevant. Er steht grundsätzlich zwar mehr auf Frauen, ist dem männlichen Geschlecht aber in keiner Weise abgeneigt, das allgemeine Männer- und Frauenbild widerstrebe ihm. Während des Gesprächs bemerke ich, wie sehr ich meine eigene Identität immer wieder hinterfrage und reflektiere. Mir fallen vielen Parallelen zu meiner Vergangenheit auf. Interviewe ich mich vielleicht auch selbst?

Ich bin mitten in Brandenburg, im Wald, und es regnet in Strömen. Über dem Wald liegt eine Dunstglocke. Alles wirkt wie verwaschen. Bäume und Erde geben einen süßlichen Geruch ab. Ein großes Eisentor versperrt die Zufahrt. Dahinter befindet sich ein zirka 15 000 Quadratmeter großes Grundstück mit mehreren Lagerhallen. Es sieht wie Industriegelände aus. Dass hier jemand wohnt, erwartet man nicht. Ich öffne das Tor und sofort stürmen vier große, laut bellende Hunde auf mich zu. Wolfshundmischungen, um genauer zu sein. Würde ich sie nicht kennen, hätte mich diese Begrüßung sofort zum Umkehren bewegt. Auch jetzt, nach all den Jahren, habe ich großen Respekt vor diesem Rudel. Sie bewachen den Hof und das machen sie gut. Die Begrüßung mit Volker ist herzlich. Wir kennen uns schon einige Jahre, hatten aber nur wenige Gespräche miteinander. Volker ist cool, ein cooler Typ, so auf den ersten Blick. Ich stelle fest, dass er alt geworden ist. 56 Jahre alt ist er mittlerweile, eigentlich nicht so alt. Als wir uns vor zehn Jahren kennenlernten wirkte er auf mich wie ein Draufgänger -Typ aus den 50ern. So ein James Dean-Verschnitt, immer cool, immer rauchend. Frei und wild irgendwie und charmant  – auf seine eigene Weise. Diese Ausstrahlung hat er zwar immer noch, aber er wirkt müde und abgekämpft. Die zehn Jahre haben Spuren hinterlassen. Wir steuern auf eine der großen Hallen zu. Büro steht an der schweren Eisentür durch die wir ins Innere gelangen. Es stinkt nach Hund. Ich steige über Matten und Decken, auf denen die

Hunde schlafen, wenn es draußen zu kalt ist. Durch eine Glastür gelangen wir direkt in sein kleines Wohnzimmer. Im Ofen brennt ein Feuer. Es ist warm und verraucht. Wir setzen uns an den Tisch neben dem Ofen. Volker hustet stark und seine Lunge rasselt. Er steckt sich eine Selbstgedrehte an und noch viele weitere in den nächsten drei Stunden. Er erklärt mir, dass die vordere Hälfte dieser Halle mal ein Bürotrakt war und in diesem Raum hier war sein Büro. » Wir haben in Immobilien und Bauträger gemacht .« Wie es dazu kam, frage ich ihn. Seine Antwort kommt schnell. Schon oft scheint er seine Lebensgeschichte erzählt zu haben. – Er ist in Wolfsburg geboren. Wolfsburg, die reiche Autostadt. Er ist der dritte von vier Jungs. Nach seiner Ausbildung zum Maler geht er mit 18 Jahren nach West-Berlin. Da suchte man händeringend nach jungen Arbeitern und er bekam sofort einen Job. Kurze Zeit später holt er seinen nächstälteren Bruder Axel nach und beide beginnen im Baugeschäft zu arbeiten. Zuerst vier Jahre lang im Fußbodenbau. »Wir haben in halb West-Berlin die Fußböden neu gemacht. Die alte Dielung rausgerissen und neue Böden verlegt.« Mit 24 Jahren dann der erste Millionenauftrag. Das erste Gebäude, das sie komplett saniert haben, stand in der Sonnenallee. Wie er nach all den Jahren in Berlin nach Brandenburg kam, will ich wissen. Warum gerade hier, ins Nirgendwo? »  Wir haben für unsere Baumaterialien und Werkzeuge dringend neue Lagerhallen gesucht. So kamen wir hierher. « Das Grundstück war zu DDR-Zeiten eine KIM-Anlage, Kombinat Industrielle Mast. Die KIM-Kombinate waren damals wichtigster Geflügel -  und Eierproduzent der DDR, hier wurden Millionen von Legehennen und Hähnchen gehalten. 1991 kauften sie das Grundstück inklusive Bebauung. Es war zwar reserviert, aber weil sie die mehreren hunderttausend D-Mark bar auf den Tisch legten, haben sie es bekommen. »Das Grundstück wurde sauber gekauft, ohne einen Pfennig Schulden. Auf m’ Bau verdienst du gutes Geld. Musst aber halt gut sein. Jeder der gut ist, kann gutes Geld verdienen. Ganz einfach. So ist es. Arbeitest du korrekt, sauber und gut – das lieben die Kunden. Dann kriegst du auch dein Geld. Dann hast du keine Schwierigkeiten. « Volker ist selbständig, seit er 22 Jahre alt ist. »Ich hab mein Leben lang viel gearbeitet, war für mich selbst verantwortlich. Wir haben viel saniert und viel Geld verdient. Es war aber auch viel Stress. Mit 35 hab ich 120 Kilo gewogen, jetzt wiege ich achtzig bei 1,78 Meter.« Warum? »Viel malocht, viel Stress, viel Ärger. Nur Ärger, der Kohle hinterhergelaufen. Da hab ich mir ne Schutzschicht geschaffen. Ich wollte mir ja wenigstens noch was Schönes gönnen. Also immer schön nach Feierabend Bier trin-

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Text und Bilder von David Elsche

J uliane S t u t z

Mitnehmen kannste nichts


ken gegangen, schön Essen gegangen, viel Party feiern gegangen. Und dann hab ich auf einmal hundertzwanzig Kilo gewogen und bin dann nicht mehr auf die Waage gegangen. Ich hab nicht mal mehr meinen Pimmel gesehen, ich sag’s dir ehrlich. So ne fette Wanne hatte ich gehabt. Geschweige denn mir Schnürsenkel zuzumachen, da bin ich bald erstickt dran. « Ich wollte Ruhe haben, keinen Stress mehr. Ruhe, nur Ruhe haben. Vier Jahre nachdem sie das Grundstück gekauft hatten, ist er dann komplett hingezogen. Da war er 38 Jahre alt. » Mir hat’s hier besser gefallen. Ich hab hier freier gelebt, viel freier als in der Stadt. Da hast du gar nicht deine Ruhe. Ich wollte Ruhe haben, keinen Stress mehr. Ruhe, nur Ruhe haben! Ich fühle mich hier zuhause – vom Gefühl her. Ich bin ja nicht in Brandenburg geboren, aber trotzdem. Meine ganze Sippe kommt ursprünglich hierher. Mein Papa ist fünfzig Kilometer von hier geboren. « Ich frage ihn nach dem Verhältnis zu seinen Eltern. Er lächelt schief. »Ich war ein Papa-Kind«, sagt er, »wurde von ihm immer bevorzugt. Meine Brüder, besonders Axel der zweitälteste, wurde immer böse verprügelt von ihm. Mein Vater hatte viel Frust, war Alkoholiker. Wenn er nach der Arbeit nach Hause kam, war oft das Erste was er tat, meinen Bruder zu treten. Einfach so. Das war sein Ventil. Klar bekam ich auch viele Schläge ab. Das war normal. Aber lange nicht so viel, wie mein Bruder. Dafür konnte meine Mutter nichts mit mir anfangen. Vielleicht weil mein Vater mich so bevorzugte. Sie hat mich noch nie umarmt oder geküsst, oder mir gesagt, dass sie mich lieb hat. Das habe ich bis heute nicht erlebt. Bei meinen Brüdern hat sie das aber getan. Bei mir nie. Aber ich habe ihr das verziehen. Sonst hätte ich nicht gut weiterleben können. Wenn man eine bestimmte Linie überschritten hat, dann kann man eben nicht mehr zurück. Ich habe ihr das verziehen. Man muss verzeihen können.« Seine Eltern ließen sich scheiden, als er sieben Jahre alt war. Von da an ging er nicht mehr zur Schule, in die er mit fünf Jahren eingeschult worden war. Besonders gut lesen und schreiben konnte er lange nicht. Das musste er sich erst viele Jahre später selbst beibringen. »Ging ja nicht ohne.« Mutter und Vater waren Flüchtlingskinder. Beide sind aus Ostpreußen geflüchtet. Seine Mutter war elf Jahre alt und wochenlang allein mit ihren beiden kleinen Geschwistern unterwegs. Sein Vater ebenso. Sie konnten deshalb keinen Schulabschluss machen, keine Ausbildung und waren ihr Leben lang nur Hilfsarbeiter. »Das war sehr hart für meine Eltern.«, sagt Volker und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Welche Werte haben dir deine Eltern vermittelt, will ich wissen. – Eine Lehre sei für seinen Vater das Wichtigste gewesen, meint Volker. Alle vier Brüder sollten eine Ausbildung machen. »Ein Beruf ist sehr wichtig. Egal was du machst, Hauptsache du bist kein Ungelernter.« Dafür ist er seinem Vater noch heute dankbar. Wichtig war auch der Zusammenhalt in der Familie. »Der Clan war sehr stark unter uns. Das Familienleben hat auch ganz gut funktioniert, bis auf ein paar Quälereien, die uns wehgetan haben. «

Wohlstand war für mich, besser zu leben als meine Eltern

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Und welche Bedeutung hat Geld für dich, frage ich ihn. » Geld hat mir mal sehr viel bedeutet «, sagt er mit hochgezogener Augenbraue. » Weil wir sehr arm waren, sehr arm groß geworden sind. Meine Eltern haben alles nur auf Kredit und Raten gekauft. Vom Teppich bis zur Gardine, da gab’s nichts was sie bar bezahlen konnten. Weil sie einfach nicht die Kohle dafür hatten. Weil ihre Söhne alles was da war weggefressen haben, ganz einfach. Muss ich schon sagen. Deshalb war Wohlstand für mich, besser zu leben als meine Eltern. Das habe ich versucht hinzukriegen und das hat auch einigermaßen gut geklappt. Und ich bin dann auch ein bisschen abgehoben muss ich sagen und das hat dann auch ein bisschen den Charakter verdorben. Ich hab mich auch anders benommen als heutzutage. Man denkt man ist was Besseres, ist man aber nicht. Für mich war auch wichtig, unter anderthalb oder zwei Millionen höre ich nicht auf. Die muss ich geschafft haben und dann höre ich auf zu arbeiten. Das war mein Ziel. Ist leider alles ein bisschen anders gekommen. Meine Brüder haben halt viele Sachen nicht mitgemacht. Die haben ihre Kohle verpulvert.« Als sie junge Männer waren, haben drei der vier Brüder einen Pakt geschlossen. Ihr Ziel war es, mit vierzig, spätestens fünfzig Jahren aufhören können zu arbeiten. » Der Einzige, der sich daran gehalten hat, bin ich gewesen. Ich habe zwei Häuser in Berlin gehabt. Meine Brüder nicht. Das waren meine Häuser. Die hab ich mir von meinem eigenen Geld gekauft, als Absicherung. « Der Zukunftsplan hat nicht funktioniert. 1998 muss ihre Baufirma Konkurs anmelden. » Um meinem Bruder finanziell aus der Patsche zu helfen und um aus dem Schlammassel mit dem Konkurs einigermaßen wieder raus zu kommen, musste ich tief in die Tasche greifen und eines meiner Häuser verkaufen. « Er klingt ein wenig verbittert, während er das sagt. Ich bin überrascht. Er lebt so frei und scheinbar ungezwungen, und doch ist dieser Wunsch nach Sicherheit so tief bei ihm verankert. Es ist als wäre die Angst seiner Eltern auf ihn übergegangen. Als würde er versuchen das, was ihnen gefehlt hat, aufzufüllen. Der Besitz von Dingen scheint ihm Sicherheit zu geben. Das Alles bar bezahlt ist, ist wichtig für ihn. Keine Schulden, keine Raten, keine Kredite. »Ich habe alles, was ich besitze, bar bezahlt. Alles!  Ich habe keinen Cent Schulden. Ich habe immer nur für andere Leute den Kopf hingehalten.  Heute bedeutet  Geld für mich: Du musst so viel haben, dass du überleben kannst. Da ich ja sehr viel besitze, sehr viel habe, muss ich mir nichts mehr kaufen. Weil meine Eltern immer alles auf Pump gekauft haben, war ich geschädigt. Das mochte ich nicht.  Wenn ich was will, dann spare ich drauf. Wenn ich’s mir nicht kaufen kann, kann ich’s mir nicht kaufen, so sehe ich das. Ich hätte auch ’nen Porsche oder ’nen Ferrari hier stehen haben können, muss ich aber nicht. Ich geh’ doch nicht für so ne Scheißkiste nur arbeiten.  Jetzt geht‘s mir gut. Ich bin nicht reich aber ich kann leben. Habe ein paar Mieteinnahmen und fahre zwei -  bis dreimal im Jahr nach Wolfsburg, um zu arbeiten. Das war’s. Ich bin glücklich


so. Heute weiß ich, Geld ist nur dafür da, dass es beruhigt. Es zählen andere Werte im Leben.« Ich bitte ihn, mir die Räume und Orte auf dem Grundstück zu zeigen, die ihm am wichtigsten sind. Wir gehen durch die Eisentür zurück ins Freie. Ich bin froh, wieder an der frischen Luft zu sein. Die Hunde begleiten uns. Vor der Tür steht ein offener Wintergarten, ein Holzgestell erinnert zumindest noch daran. Volkers Bruder Axel hatte ihn vor einigen Jahren gebaut. » Ich versuche den Wintergarten zu pflegen, sodass er nicht so schnell kaputt geht. Ist halt Holz und Holz geht kaputt nach ein paar Jahren, und das Ding steht ja da schon ein paar Jahre.« Er sitzt hier gerne am Morgen, weil die Sonne genau darauf scheint. Er raucht seine Zigarette und trinkt seinen Kaffee. Das ist sein Ritual, jeden Morgen. »Und am Nachmittag sitze ich immer da drüben, an der Feuerstelle.« Zwanzig Meter weiter steht ein Tisch, der auf ein Fass genagelt ist. Daneben ein Barhocker. Auf der großen Feuerstelle davor liegt Holz, Papier und sogar Kabel, die aufs Verbrennen warten. Umrahmt von selbst gebauten und bunt bemalten Hockern aus Baumstücken. Ich kenne diese Feuerstelle, habe hier schon so manches Mal, auf der ein oder anderen Party von Volker, am Feuer gesessen. Das ist aber schon ein paar Jahre her. Der Feuerplatz strahlt auch so kalt und am helllichten Tage Gemütlichkeit aus. » Wir haben hier so viele Partys gefeiert.«, sagt Volker lächelnd, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Und hier habe ich die glücklichsten viereinhalb Jahre meines Lebens verbracht .«, sagt er und zeigt auf die Tür hinter uns. Die Partyhöhle, ein großer abgedunkelter Raum, der einen im ersten Moment überfordert. Überall, wirklich überall steht Zeug herum. Volker beginnt einige Lampen anzumachen. Vier Funzeln lassen aber nur schwer das tatsächliche Ausmaß erkennen. Rote Sofas aus irgendeinem Berliner Hotel, das sie saniert haben, ein großer alter Ofen steht mitten im Raum, viele Bilder hängen an den Wänden. Ein alter Spielautomat, der nur mit D-Mark funktioniert steht neben diversen Bongos und Trommeln und weiteren selbstgebauten und farbenfrohen Hockern für die Feuerstelle. Ein großer rustikaler Tisch ist das Herzstück des Raumes. Hier hat schon so manche große Runde von Volkers Freunden Platz genommen. Einen großen Freundeskreis hat er immer gehabt und Partys gehören zu seinem Leben dazu. »Ich hatte schon mit 16 Jahren einen Partykeller.«, beginnt Volker zu erzählen. »Dieser Raum bedeutet mir viel, weil ich gute Erinnerungen daran habe. Er bedeutet für mich Spaß und Kreativität. Weil ich hier drin auch viel gemalt habe.«, sagt er und deutet auf die Bilder an den Wänden, sie sind abstrakt, impulsiv und bunt gemalt. Wir sitzen am Tisch und Volker raucht. Ich frage ihn, ob die Musikanlage die hinter ihm steht noch funktioniert. Nach einigen Startschwierigkeiten legt er stolz AC/DC ein, dann Madrugada und Tim Bendzko. »Musik ist sehr wichtig für mich. Hab ich auch gesammelt. Von allem trenne ich mich, aber Schallplatten und CDs geb ich nicht her.« Mehr als tausend Schallplatten und hunderte CDs nennt er sein eigen. »Ich höre Musik querbeet, stimmungsmäßig.« So hält er es wohl auch mit der Einrichtung. Du hast

ganz schön viel Zeug, bemerke ich vorsichtig. »Findest du?«, antwortet er mit einem Lächeln. Er hat das wohl schon des Öfteren gehört. »Ich hab hier mit den Jahren immer mehr Zeug rein gebaut. Ich hatte ja immer genug. Warum soll das irgendwo stehen, kann man ja auch nutzen. Der Platz war ja da.« Aber woher hast du das alles?, frage ich ihn. »Wir haben viele Altbausanierungen gemacht. Gigantisch, was wir da in Kellern und auf Dachböden gefunden haben. Viele alte Sachen. Das meiste davon mussten wir in Container schmeißen. Aber wenn ich konnte, habe ich was mitgenommen. Manches habe ich auch gekauft und einige Sachen geschenkt bekommen. So wie die Lampe hier.« Er zeigt auf eine goldene Lampe, die mitten im Raum hängt. »Eine italienische Design-Lampe.«, sagt er stolz. »Die hing in einem Laden in Wolfsburg und ich habe sie immer bewundert, immer schön gefunden. Als der Laden dicht gemacht hat, hat mir der Besitzer die Lampe geschenkt. Einfach so.«

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Weil ich es schön finde »Ich habe viel altes Zeug. Als wir jung waren, da war das in, so alte Schränke. Ich habe immer Alt und Neu kombiniert. Zu jedem Raum gehört ein altes Stück, finde ich.« Mich interessiert, ob er die alten Dinge sammelt wegen der Geschichte, die daran hängt. »Nein, eigentlich nur weil sie schön sind. Weil ich sie schön finde. Ich liebe auch tolle Gebäude, das ist ja mein Beruf. Alles was so alt ist, mit Stuck und so. Jugendstil zum Beispiel. Weil ich das liebe, so was Schönes. Für mich sieht‘s schön aus. Ich mag gerade Linien und ich mag geschwungene Linien.« Er verbindet mit diesem Raum die schönste Zeit in seinem Leben. Viereinhalb Jahre, so genau legt er sich fest. Warum genau diese Zeit? »So vom Gefühl her. Eine funktionierende Partnerschaft zu haben, glücklich und schön zu leben und so kreativ zu sein.« Wir betreten das kleine Atelier, das sich neben dem Spielautomaten befindet. »An dem Tag, an dem ich mich von Susanne getrennt habe, hab ich aufgehört zu malen. Von heute auf morgen, und bin seitdem nicht mehr hier drin gewesen.« Warum hast du dich eigentlich damals getrennt?, frage ich nach. »Viele Gründe. Sie braucht viel Bestätigung und die hat sie sich von anderen Männern geholt.« Wir schweigen kurz. » Das hab ich alles für sie gebaut.«, sagt er und macht eine große Geste. »Aber sie hat nie gesagt, das hast du schön gemacht oder mich mal gedrückt.« Erinnert mich an deine Mutter, poltert es aus mir heraus. Er nickt nur still. Ich schaue mich um. Viele Dosen mit Farbe stehen herum, Papierbögen vergammeln. Es ist feucht und riecht nach Schimmel. Ich blicke auf eine Wand mit vielen Bildern. Wie ein Schrein von Volkers Leben, denke ich mir. Fotos von Berliner Altbauen, seiner Tochter und seinen Brüdern, das berühmte Foto der Stahlarbeiter über New York von Charles C. Ebbets, Bilder von Frauen in Lack und Leder. »Ich stehe auf Strapse und so.«, sagt er und grinst. Warum das Bild von den Kindersoldaten, frage ich ihn. »Das erinnert mich an die Kindheit meiner Eltern.« »Ich würde gerne wieder malen wollen. Ich hab soviel Lust, so viele Ideen. Aber mir fehlt der Anstoß. Die


Blockade habe ich, seit ich mich getrennt hab’. Da war es dann vorbei. Wahrscheinlich brauche ich wieder einen Partner der passt, weil dann funktioniert es auch wieder.« »Und was ist da hinten?« frage ich und deute auf die Tür hinter einem Vorhang. Wir gehen hindurch und stehen in einem ebenfalls komplett eingerichteten, sehr mediterran wirkenden Raum. Hier hat er angefangen sich eine Wohnung auszubauen – bis sein Bruder Axel krank wurde. »Hier fühle im mich am wohlsten.«, und es klingt irgendwie wehmütig. »Schade, dass ich das nicht fertig gekriegt habe. Das ist eigentlich die schönste Ecke für mich. Ich lebe hier fast im Wald drinnen, bin fast integriert in den Wald. Ich finde die Nähe zum Wald schön. Bin ja auch in den Wäldern groß geworden, als Kind. Das zieht dich dann wieder zurück. So wie du groß geworden bist, was du kennst, das willst du wieder haben. Beim Essen genauso. Was du als Kind gegessen hast, isst du auch als alter Mensch wieder.« Der Wintergarten, die Partyhöhle und diese Räume hier, lassen bei mir ein Gefühl von Titanic aufkommen. Die Räume sehen aus, als wären sie gestern erst verlassen worden und doch liegt eine dicke Staubschicht auf Allem. Alles ist feucht, klamm und scheint zu zerfallen. Mit der Krankheit seines Bruders, hörte Volker auf an den Wohnräumen zu arbeiten und zog in den ehemaligen Bürotrakt. »Ich hab‘ mir gesagt, Volker dir geht‘s nicht gut. Geh erstmal hier rein. Hier hast du deinen Ofen, hier hast du deine Toilette dicht dran. Da drüben hast du gar nichts. Wenn ich kacken muss, muss ich ja immer erstmal fünfzig Meter laufen.« »Vielleicht klappt es ja noch mal, vielleicht kann ich das alles ja noch mal aktivieren.« sagt er leise, als wir die Räume verlassen. Durch einen weiteren Vorhang betreten wir den Rest der Halle. Sie ist voll mit vielen Dingen. Motorräder stehen hier, Stuckelemente liegen herum, Werkzeuge, Farbtöpfe, Holzplatten und Möbel. Alles durcheinander und alles in einem relativ schlechten Zustand. Es riecht nach totem Tier. »Die Hunde müssen hier irgend einen Kadaver rein geschleppt haben.«, bemerkt Volker das Offensichtliche. »Sie haben schon so manchen Hirsch im Wald erlegt.« Wir halten uns aufgrund des Gestanks nur kurz hier auf. Draußen beim Spaziergang über das restliche Grundstück erzählt er mir von seiner Leidenschaft für‘s Auto -  und Motorradfahren. »Ich habe mir vor ungefähr einem Jahr einen alten Audi 80 gebraucht gekauft. Das ist das Auto, das ich schon immer haben wollte. Den fand‘ ich schon immer schick. Ein Auto das schneller fährt. Der Größte, den sie damals hergestellt haben. 255 hab‘ ich den schon gefahren. Super top gepflegt, wenig Kilometer runter. Ich fahre gerne schneller, liebe die Geschwindigkeit. Deshalb bin ich auch lange Motorrad gefahren.« Er hat zwei oder drei Motorräder in seiner Halle stehen, liebäugelt aber damit, sich eine Harley Davidson zu kaufen. Eine Sportversion, die würde er sich gerne holen. Warum gerade eine Harley? »Das Design gefällt mir einfach, das finde ich sehr schön. Es ist auch eine sehr kräftige und starke Maschine. Nicht die Schnellste, aber trotzdem nicht schlecht. Den Namen hab ich aber vergessen.« »Vielleicht mache ich das noch mal «, sinniert er vor sich hin, »ein Motorrad.«

Wir gehen vorbei an den restlichen Hallen. Sind die auch so voll, will ich wissen. Nein, nur eine noch. »Es ist ja auch vieles Baumaterial.«, sagt er beinahe entschuldigend. Ich werfe einen kurzen Blick hinein. Dieses Sammeln von Gegenständen, so scheint mir, ist die Bewältigung der Vergangenheit und vielleicht auch der Versuch, für seine Eltern alles wieder gut zu machen. Es ist auch die Bestätigung und die Erinnerung an seine jahrelange harte Arbeit auf dem Bau. – Dass aus ihm doch etwas geworden ist, obwohl er keinen Schulabschluss hatte, nicht lesen und nicht schreiben konnte. Er war und ist nicht nur ein Bauarbeiter. Es wirkt wie ein Versuch der Veredelung des eigenen Lebens, die Höherstellung aus dem angeborenen Stand heraus. Was sich seine Eltern nie hätten leisten können – er hat es geschafft! Alles hier gehört ihm. Ohne Kredit, ohne Raten, ohne Schulden. Alles bar bezahlt. Dass die Gegenstände dabei eigentlich lange schon verrotten in diesen Hallen, scheint nicht relevant für Volker zu sein. Mit verklärtem Blick und leuchtenden Augen sah er seine gesammelten Objekte immer als Bestätigung für seinen Reichtum. Doch etwas scheint diese Einstellung geändert zu haben. Die Sachen sind ihm nicht mehr wichtig, stellt Volker beim Blick in die Halle fast beiläufig fest. » Mitnehmen kannste nichts, wenn du tot bist. Ich hab es ja bei Axel gesehen, zwei Monate und dann war er tot. Man kann ja nichts mitnehmen, nur sich.«

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Text und Bilder von Juliane Stutz


Es ist ein kalter Winterabend, an dem ich mich auf den Weg in meinen Nachbarbezirk begebe. Friedrichshain, ein Stadtteil Berlins, voll von Lebenslust und jungen Menschen. Ich steige am Volkspark aus und laufe entlang der 70er-Jahre-Plattenbauten, die an der menschenleeren großen Allee eine etwas heimatlose Atmosphäre schaffen. Nach nur wenigen Metern biege ich in eine Seitenstraße ein und von einer Sekunde auf die andere befinde ich mich in einer typischen Berliner Kiezgegend: Altbauhäuser wohin das Auge reicht, teils saniert, teils heruntergekommen und mit Graffiti besprüht. Die fünfte mit Kokosteppich belegte Treppe des mit Efeu berankten Altbaus erklommen, erwartet mich eine zierliche Person mit einem breiten Lächeln an der Wohnungstür. Sie heißt mich willkommen und bittet mich herein. Der erste Eindruck wirkt gemütlich und das chaotische Durcheinander der vielen kleinen Sachen lädt zum Stöbern ein. Sofort wird mir klar, dass in dieser Zwei-Zimmer-Wohnung keine Show von Perfektion zur Selbstdarstellung geboten wird. Das Besondere ist viel mehr die dargestellte Natürlichkeit, die Ehrlichkeit, das echte Leben ohne eine Vertuschung von Makeln. In diesen vier Wänden wird gelebt und nicht nur gewohnt. Doris ist 25 Jahre alt und lebt hier zusammen mit ihrem Freund seit einigen Jahren. Es ist die erste gemeinsame Wohnung, in der jeder sein eigenes Reich zum Verwirklichen hat. Auf den ersten Blick wirkt Doris viel jünger, doch kommt man mit ihr ins Gespräch, merkt man schnell, dass hinter der jungen, verspielten Fassade mehr steckt als ein niedliches Mädchen. Dass Doris offen und selbstbewusst ist, wird in ihrem Zimmer offensichtlich. Sie öffnet die Tür am Ende des Flurs und ich betrete einen Raum voller Bilder, persönlichen Dingen, Kitsch und Kram. Auf der linken Seite wurde ein massives, selbstgefertigtes Hochbett aus Holz eingebaut, unter dem eine kleine Sitzecke steht. Es ist ein bunt gemischtes Ensemble von Möbeln aus unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen. Ein zeitloses Sofa mit blau-geblümten Stoff und einem Metallgestell, ein Holztisch und der mit orangefarbenen Kord bezogene 50er-Jahre-Sessel, der auf dem Flohmarkt für wenige Euro erstanden wurde. Auf dem Couchtisch steht ein selbstgebastelter Adventskranz. Heute ist der dritte Advent und das Kerzenlicht scheint durch die farbig beklebten Teelichter. Daneben ein Teller mit einer Vielzahl verschiedenster Süßigkeiten. Doris ist eine sehr gastfreundliche Person. Sie möchte, dass sich ihre Gäste wohlfühlen, immer etwas zum Anbieten da ist. Aus diesem Grund

wollte sie unbedingt eine Sitzecke einrichten, auch wenn diese nicht all zu oft genutzt wird. Unter dem Hochbett baumeln Discokugeln, an der Stehlampe wurde ein Windspiel provisorisch befestigt und mehrere Traumfänger in verschiedenen Größen verzieren die weißen Wände. Auch wenn es scheint, als würden die Sachen ohne Überlegung im Zimmer untergebracht, kann Doris zu allem etwas erzählen. Nachdenklich schaut sie in die Ferne, rekonstruiert die damalige Situation in ihren Gedanken und erzählt, wie ihr erster eigener Weihnachtsbaum aussah. Ihr Freund und sie wollten unbedingt einmal einen riesigen Baum schlagen, der bis zur drei Meter hohen Decke reicht. Geschmückt wurde das Prachtstück mit diesen Partykugeln, die nun in ihrem Zimmer unter dem Hochbett die Endstation erreichten. Das Zimmer ist voll von solchen Gegenständen. Eingestaubt verweilen sie auf den Kinderzimmermöbeln, die sie bis heute nicht aussondern möchte. Wozu Geld ausgeben für neue Möbel, wenn die alten noch funktionstüchtig sind, wenn auch nicht schick. Es scheint, als würden keine Gegenstände weggeschmissen, sondern unzählige Urlaubsmitbringsel und angesammelter Kram der letzten zwei Jahrzehnte die einst kargen Wände dekorieren. Ohne diese persönlichen Sachen fühlt sie sich hier nicht zu Hause. Es dauerte eine Weile bis sie sich eingelebt hat. Doris liegt sehr viel daran, dass die Wohnung Persönlichkeit ausstrahlt. Penibel aufgeräumte, schicke Wohnungen gefallen ihr nicht. »Ich finde es spannend, wenn man merkt, wessen Zimmer es ist; das Zimmer auch ohne die Person Geschichten erzählen kann«, erklärt sie mir. Doris ist eine junge Frau, der es wichtig ist, sich selbst, ihre Liebe zu ihrem Partner, die Verbundenheit zu ihren Freunden und die Wertschätzung von Anderen in direkter Umgebung zu platzieren, um sich täglich daran zu erfreuen und erinnern. Sie schämt sich für nichts in ihrem Zimmer. Doris ist so offen und herzlich, dass sie jedem alles zeigen würde, der ihr mit Respekt und Wertschätzung entgegenkommt. Sogar ihre Tagebücher, die sie damals geschrieben hat, holt sie aus einem kleinen Schränkchen, als ich frage, was ihr am wichtigsten in ihrem Zimmer sei. Einen Stapel farbenfrohe Bücher blättert sie mit mir durch. Auf einer Seite der Hefte bleibt sie stehen. »Das bin ich!«, zeigt sie mir und freut sich selbst über den Anblick. Eine Doppelseite beklebt mit Zeitungsausschnitten von Schmetterlingen, Früchten, Muffins, Blumen und Herzen wird mir zugeschoben. Es gibt einfach nichts, was sie nicht zeigen würde, keine Tabus in ihren vier Wänden oder absichtlich Aufgestelltes, um Eindruck zu schinden. Dieses Selbstbewusstsein hat sie sich in ihrer Kindheit angeeignet. Damals ist ihre Familie mit ihr in die USA gezogen. Sie besuchte in dieser Zeit die fünfte Klasse der Grundschule. Herausgerissen aus ihrem bekannten Umfeld musste sie in jungen Jahren neue Freundschaften knüpfen und in eine völlig neue Welt eintauchen. Nach zwei Jahren ging es wieder zurück nach Berlin. Ihre damaligen, nun pubertierenden, Freunde hatten inzwischen das Rauchen und Trinken erkundet. Diese Zeit ist Doris zunächst umgangen. Sie beteuert es nicht, sondern empfindet Stolz für

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N o r a Gajew s ki

»Wer Schmetterling lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken …«


ihre Unschuld. Obwohl sie es dann in späteren Jahren ausprobierte, trinkt sie heute nur sehr selten ein Glas Wein. »Ich bin anders als die Anderen«, möchte sie mir zu verstehen geben. Sie ist eine interessante Person, die voller Energie und Lebenslust strotzt. Ihr ist es wichtig, zu zeigen, dass sie aufgeschlossen, spontan, witzig und für jeden Spaß zu haben ist. Zum Ausdruck wird das an der Wand über ihrem Sofa gebracht. Eine Metallkette ist horizontal an der Wand befestigt, an der unzählige Fotos mit Sicherheitsnadeln hängen und mit glitzernden Cocktailspießen verziert wurden. Mit der kleinen Plastikgitarre des Hardrock-Cafés scheint es, als befinde man sich in einem begehbaren Tagebuch: eingefrorene Momente mit Freunden und Bekannten, die bei Betrachtung zum Leben erweckt werden. Auch im Rest des Zimmers sind viele Bilderrahmen aufgestellt und angehängt, die sie und ihre Freunde zeigen. Als ich Doris darauf anspreche, zeigt sie mir einen ausgeschnittenen Spruch, der an der vollen Pinnwand über ihrem Schreibtisch posiert: »Ein Zimmer voller Bilder ist ein Zimmer voller Gedanken«. Es scheint, als wäre dieser Spruch ihr gewidmet. Der zweite Aufenthalt in den USA in der elften Klasse stärkte ihre Persönlichkeit ebenfalls. Die Gastfamilie unterschied sich enorm von ihr. Es waren Mormonen, die für die Navy arbeiteten. Sie musste ihren eigenen Standpunkt bilden und vertreten, konfrontieren und diskutieren, ohne dabei die Fassung zu verlieren. Diese Eigenschaften machen heute ihren Charakter aus. Sie ist redegewandt und setzt sehr viel auf Ehrlichkeit. Hinzu kommt eine große Portion Fürsorge. Freundschaften pflegt sie gewissenhaft, ihre Familie besucht sie regelmäßig. Auch ihren Beruf wählte sie aufgrund einer guten Selbsteinschätzung. Nach einer Ausbildung und einem Studium ist sie nun Ergo-Therapeutin und unterstützt Suchtkranke im Alltag. So, wie sie heute gekleidet ist, kann man sich nur schwer vorstellen, dass sie in ihrer Arbeit als leitende Person angesehen wird. Doris erzählt mir, dass sie Arbeit und Freizeit klar von einander differenziert. Um in ihrem Beruf ernst genommen zu werden, trägt sie dort seriöse Kleidung. Sobald sie ihre Wohnung am Nachmittag erreicht, schlüpft sie wieder in ihre bequeme, praktische und farbenfrohe Alltagskleidung. Als sie während des Gesprächs auf ihren Kleiderschrank zeigt, wird mir bewusst, » Haup tsache bunt dass dieses Möbelstück schon einige Jahre und Fröhlich. auf dem Buckel trägt. Es ist ein 90er-Jah « re-Holzfurnier-Schrank mit roten Plastikgriffen. Auf den Türen befinden sich ein selbstgemaltes Pferd sowie ein Kürbisgesicht aus Fensterfarbe. Mir wird sofort klar, dass es ein Schrank aus ihrem Kinderzimmer ist. Erstaunlich, wie wenig Wert Doris auf die Einrichtung ihres Zimmers legt. »Ich verbringe lieber Zeit mit meinen Freunden, unternehme und reise viel. Dafür lohnt es sich, Geld auszugeben.« Es scheint als wäre sie noch halb Kind, halb Frau. Sie liebt verspielte und

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kleine, niedliche Sachen. »Hauptsache bunt und fröhlich«, scheint ihr Motto zu sein. Auch wenn man den Blick an die Decke des Zimmers richtet, wird diese Einstellung verdeutlicht. Es ragt ein bunter Kronleuchter mit von Perlen umringten Glühbirnen, Ketten und Verschnörkelungen aus der Mitte der Zimmerdecke. Als ich mich weiter in ihrem Zimmer umschaue, sticht mir eine alte Bernina-Nähmaschine auf einem kleinen Tisch ins Auge. Es ist das wohl heiligste Stück in ihrem Zimmer. Tagelang kann Doris sich mit ihr beschäftigen, sitzt auf ihrem großen roten Teppich auf dem Boden, misst und schneidet geblümte Stoffe, setzt sich zurück an die Nähmaschine und fertigt Federmäppchen, Tabaktaschen, Waschlappen, ja sogar Shirts. Meistens werden die fertigen Werke an Freunde verschenkt oder auf dem Flohmarkt verkauft. Es bereitet ihr Spaß, anderen eine Freude zu machen. Die Liebe zur Perfektion ihrer Ideen lässt sie nicht müde werden. Dieses Erbstück steht für die Tradition, auf die Doris großen Wert legt. Schon ihr Großvater war von Beruf Schneider. Sie möchte gewisse Traditionen weiterleben, doch sie findet es ebenso wichtig, in ihrer eigenen Familie später neue Traditionen entstehen zu lassen. In anderen Familien schaut sie sich mit Interesse deren Gebräuche und Konventionen an, ist immer offen für Neues und überlegt, was sie für sich daraus mitnehmen kann. Neben dem weißen Tisch steht eine Holzkommode, auf der sich eine kleine Welt aus Schachteln und Gefäßen angesammelt hat. Doris öffnet einige von ihnen und zeigt mir deren Inhalte: Ohrringe, Kettenanhänger, Anstecker, Figuren; winzige Dinge, die sie einst gefunden, gekauft oder geschenkt bekommen hat. Die meisten von ihnen sind Erinnerungsstücke. Wieder verfällt sie in Gedanken und erzählt die Geschichten der kleinen Teile. Sie hängt an ihnen, kann sie nicht wegwerfen, da es Symbole verschiedenster Momente ihres Lebens sind, an die sie gern zurück denkt. Manche von ihnen trägt sie auf Reisen bei sich. Sie geht nicht wirklich von einer magischen Kraft dieser Gegenstände aus, doch fühlt sie sich wohler, wenn sie bei wichtigen Ereignissen einen Glücksbringer bei sich trägt. Die Wahl ist dabei willkürlich. Es muss nicht unbedingt ein Geschenk eines Freundes sein, auch ein Fundstück, welches sie vor Jahren auf dem Gehweg fand, könnte ihr eine gewisse Kraft geben. Das bunte Durcheinander in ihren vier Wänden, die Kinderzimmermöbel, es scheint als wäre Doris noch nicht bereit, sich von all diesen Sachen zu trennen. Doris, eine liebevolle, ehrliche und offene 25-Jährige, die stolz auf ihre bisher erlernte Selbstständigkeit ist, doch ihre Kindheit noch nicht verabschieden kann, die wie eine Alice in ihrem bunten Wunderland lebt und noch lange keine Erwachsene sein will. »Ich muss noch viel lernen!«, gibt sie zu und lächelt bei dem gemeinsamen Anblick ihres Bücherregals. Es ist ein schlichtes rotes Regal voll von Heften, Büchern und CDs, die mit einer dicken Staubschicht überzogen sind, und zwei leeren Bierflaschen, die einst auf ihrer Party geleert wurden und bis heute dort ruhen. Text und Bilder von Nora Gajewski

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Es ist der 30. November 2012, ein verregneter Tag in Potsdam. Ich bin früh auf den Beinen, denn ich habe mich mit meiner Interviewpartnerin Jessy zum Frühstück verabredet. Sie sollte entscheiden, wann und wo wir uns treffen. Mir wäre es lieber gewesen, schön gemütlich am Nachmittag in ein Café zu gehen, aber nun führt mich mein Weg um neun Uhr zu einem Treffpunkt in Richtung Holländer-Viertel in Potsdam. Als ich in die Mittelstrasse einbiege, nimmt mich das ihr eigene Flair gefangen. Ein besonderer Duft liegt in der Luft und mit verbunden Augen hätte ich schwören können, in der Mittelstrasse zu sein. Nur hier, wo sich Lädchen an Lädchen, teilweise mit exotischen Angeboten, Café und kleine Gaststätte aneinander schmiegen, kann man sich diesem gewissen Zauber nicht entziehen. Jessy, meine Interviewpartnerin ist super pünktlich, freudig begrüßen wir uns. Pünktlichkeit ist eine angenehme Eigenschaft von Jessy. Ihr Vater hat von klein auf viel Sport mit Jessy betrieben, das hat sie geprägt. Durch Disziplin und innerer Struktur ist sie zum Leistungssport gekommen und absolvierte auch ein Sportstudium. Auf meine neugierige Frage, wo sie denn ihr Auto geparkt habe, sagt sie: »Na, gleich hier vorn in der Mittelstraße«. Ich weise darauf hin, dass das ganze Viertel eine Anwohnerparkzone ist und gerade an einem Freitag mit Besuch vom Ordnungsamt zu rechnen ist. Völlig unbeeindruckt von meinen Bedenken meint sie, dass schon nichts passieren werde. Sie parke öfter im Holländer-Viertel und habe noch keinen Strafzettel bekommen. Sie fand es besser, bei diesem Wetter in der Nähe zu parken. Wir sprechen hier von einem Bußgeld von 15 Euro. Diese Risikobereitschaft habe ich nicht. Jessy geht mit mir zielstrebig auf eines der Eckgebäude zu. Ich erkenne das Haus wieder. Hier gab es früher noch einen alteingesessenen Bäcker, der weit über die Wende hinaus traditionelle Backwaren verkauft hat. Nun fiel mir es wieder ein. Bei meinem letzten Besuch war es noch Thema, dass der Ladeninhaber mit den Hausbesitzern im Streit lag und siehe jetzt, wie es ausgegangen ist. Ein Stück Urgestein ist wieder verschwunden. Das ganze Haus wurde saniert und in ein Hotel mit Restaurant und Café umfunktioniert. In diesem Café, das den Namen »Gaumenschmaus« erhalten hat, wollen wir uns niederlassen. Wir betreten das Café und werden von klaren Formen empfangen. Der Innenarchitekt ist bemüht gewesen, der alten historischen Bauarchitektur einen Schliff der Moderne zu verpassen. Holz und warme Brauntöne halten die Räume im Gleichgewicht. Die Kombination von modernen Lampen und hochwertigem Accessoire geben dem Ganzen einen gehobenen Stil. Kleine Glasregale an der Glaswand geben dem Raum mit Nachdruck eine statische Symmetrie, die auch nicht von den daraufstehenden Ölfläschchen irritiert werden kann. Die Lampen sind farblich den

Räumen angepasst, vermitteln aber durch ihre Anordnung das Gefühl, man sollte lieber noch einmal den Schlips richtig hinrücken, bevor man sich zu Tisch begibt. Weiße Tischdecken, dazu Stoffservietten mit perfekter Bügelfalte, unterstützen diesen Eindruck und man bekommt fast ein schlechtes Gewissen, auf diesen blütenweißen Servietten seinen Mundabdruck zu hinterlassen. Nur die frischen Blumen in den Designervasen versuchen dem Besucher zu vermitteln, dass es noch ungezwungenes Leben auf diesem Planeten gibt. Aber das Café ist gut besucht. Wir müssen nach einem Platz für uns genauer Ausschau halten. Alle Fensterplätze sind belegt. Unsere Entscheidung fällt auf bestmögliche Plätze im Innenbereich einer der beiden Räume. Ich blicke mich um. Die Besucher, die wir antreffen, kann man eindeutig dem Performermilieu zuordnen. Sie scheinen nicht unbedingt Geldsorgen zu haben. Eine große Gruppe am Fenster hat wohl ein Geschäftsessen. Da sind auch drei Pärchen, die man nicht unbedingt in einem Studentencafé finden würde. Schräg gegenüber hat eine Mutter mit ihren zwei Kindern Platz genommen: modernes Bürgertum. Der Blick in die Speisekarte lässt mich unweigerlich an mein Portemonnaie denken. Jessy bemerkt es und beruhigt mich. Sie hat ein Frühstückscoupon, zweimal Frühstück für den Preis von einem. Sie kommt viel herum und hat oft Sparcoupons, die sie auch gerne ausprobiert. Persönlich empfindet sie das Café auch nicht so gemütlich, trotzdem doch angenehm, sie war auch schon mit Freunden da. Auf meine Frage, ob sie sich hier wohlfühlt, meint sie, nicht ganz passend gekleidet zu sein: blaue Jeans, modische Turnschuhe und ein schwarzes Fleece-Oberteil. Aber das ist Jessy, burschikos und unkonventionell. Feminines Outfit ist kein Thema für sie. Ohne uns abgesprochen zu haben, sehen wir fast identisch aus, nur trage ich Lederschuhe. Ich habe nicht damit gerechnet, in so einem Laden einzukehren, der das gehobene Milieu so deutlich präsentiert. Doch selbst wenn ich es gewusst hätte, hätte ich mich genauso angezogen. Jessy hat gar kein Problem mit der Etikette, diese Frage stellt sich für sie gar nicht. Eine junge Kellnerin lächelt uns an und möchte die Bestellung aufnehmen. Selbstbewusst und fast schon routiniert gibt Jessy ihr den Coupon und bestellt sich gleich einen Capuccino dazu. Den nehme ich auch, ohne die Speisekarte weiter zu studieren. Da wir gerade beim Thema »Outfit« sind, frage ich sie, ob sie eine bestimmte Vorliebe hat, oder bestimmte Marken bevorzugt. »Ja, mit den Vorlieben ist es so eine Sache. Ich bin sehr klein und zierlich und habe so meine Mühe, in meiner Größe geeignete Sachen zu bekommen. Außerdem ist mir sehr wichtig, meine unisex Orientierung zum Ausdruck zu bringen.« »Ach«, sage ich erstaunt, »heutzutage ist es doch kein Problem die richtige Größe oder Marke zu bekommen«. Jessy meint nur, dass sie häufig Hosen und Schuhe in der Kinderabteilung kaufen muss. »Ja es ist nicht einfach für mich, entsprechende Kleidung zu finden, fast jedes mal gebe ich meine Hosen der Schneiderin«, so Jessy. Bei ihrer Berufskleidung greift sie auf Marken wie Adidas, Nike und Puma zurück. Alle ein bis zwei Jahre gibt sie zirka 500 Euro dafür aus. Warum gerade diese Marken? »Seitdem ich Sport mache, kaufe ich diese Marken und habe in den Jahren gute Erfahrungen

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D i r k H andkamme r

Interview mit Jessy


gemacht«. Sie kann sich auch nicht auf Experimente einlassen, wenn sie Kurse gibt, muss sie sich auf ihre Sportsachen verlassen können. Ich finde auch, dass es in den einschlägigen Sportläden schwer ist, auf andere Marken zu zugreifen. Hersteller wie Uvex, Atomic, Fischer, Head, Etirel und weitere haben es auf dem umkämpften Markt schon schwer. Ich frage Jessy nach der Uhrzeit. Sie macht sich die Mühe, auf ihr Handy zu schauen. Verwundert möchte ich wissen, ob sie ihre Uhr vergessen hat. Sie als Selbständige, mit vielen Terminen am Tag, muss doch eine Uhr tragen. Jessy verneint. Sie hat in der Vergangenheit öfter probiert, eine Uhr zu tragen, sie aber immer als Fremdkörper empfunden. So geht es ihr auch mit Schmuck. Sie besitzt nur einen einzigen Ring von einer guten Freundin, die ihr sehr viel bedeutet. Auch anderer Körperschmuck, wie zum Beispiel Piercing und Tattoos, kommt für sie gar nicht in Frage. Sie ist mit ihrem Körper so zufrieden, wie er ist. Sie hat eine ganz klare Haltung zu ihrem Körper. Beeindruckend, dass Jessy den Körperschmuck-Trend emotionslos gegenüber steht. Viele meiner Bekannten sind tätowiert, dem Trend entsprechend, ohne einer Gang oder Gruppierung anzugehören. Wir werden von der Kellnerin unterbrochen, die uns das Frühstück serviert. Einen Korb mit duftenden frischen Brötchen, die noch Ofenwärme abgeben, und einen üppigen Teller mit Wurst, Käse, frischem Obst, Marmelade und ein Frühstücks-Ei. Es hat den Anschein, dass alles handverlesene Qualität hat. Als Jessy genüsslich ins Brötchen beißt, wird sie von ihrem Telefon mit einem leisen »Ting« unterbrochen. Das passiert in regelmäßigen Abständen. Ich empfinde es nicht als störend, da sie nur einen kurzen Blick darauf wirft. In diese mobile Cafékultur bin ich irgendwie reingewachsen. In einer schönen Caférunde akzeptiert man die Störung eines Anrufs oder SMS, als wäre es ein wichtiges Geschäftsgespräch. Der Nachteil dieser Mobilkultur ist die Respektlosigkeit gegenüber dem Gesprächspartner und anderer Anwesender. Ich kann mich auch nicht mal richtig über die Hipster, urbanen Macbook benutzer aufregen, da ich selber oft mit dem Ding im Café sitze. Für mich ein guter Aufhänger, sie nach ihrem Mobilfunkgerät zu fragen. Dein Handy ist ein iPhone 3 und schon ein bisschen betagt, stelle ich fest. Jessy klärt mich auf. Gerade dieses iPhone gefalle ihr so gut, weil sie sehr kleine Hände hat und durch die Radien an den Seiten das Telefon gut halten kann. Das Neue hätte sie schon ausprobiert und als nicht benutzerfreundlich empfunden. Auf meinen Einwand, dass es doch technische Weiterentwicklungen gibt, sagt sie, es sei für sie nicht relevant, da ihr altes iPhone alles macht, was sie braucht. Nun, ich kenne sie schon einige Zeit und zwar als fleißige Nutzerin der Neuen Medien: facebook, Whatsapp, E-Mail, Apps wie Trainingsanwendungen, Freizeit und vieles mehr. Keine Caférunde mit ihr, wo ihr Telefon einfach so auf dem Tisch liegenbliebe. Ich sehe sie an und frage mit einem leichten Schmunzeln, wie wichtig ihr die Marke Apple ist. Vor knapp zwei Jahren hatte ich für ihre Firma ein iMac empfohlen, und sie ist bis heute sehr zufrieden mit ihm. Ich sehe mich ganz klar als Träger der Marke Apple und habe meine Begeisterung für das Produkt weitergeben und

zwar, mit der Präzision, wie Apple seine Produkte vermarktet. Die Erfahrungen, die ich in letzter Zeit gesammelt habe, lassen mich objektiver urteilen. Zu dieser Zeit besaß sie ihr iPhone schon, das war wohl auch der Grund meiner Empfehlung, die Apple-Geräte sind natürlich wunderbar kompatibel. Zusätzlich hat sie sich das iPad nur aufgrund eines super Angebots angeschafft, versichert mir Jessy. Ein guter Freund hatte nach kurzer Benutzung festgestellt, dass er das Ding nicht braucht und es für einen wirklichen Freundschaftspreis an Jessy verkauft. Also das mit Apple hat sich mehr oder weniger zufällig entwickelt. Aus psychologischer Sicht gibt es keine Zufälle. Apple ist allgegenwärtig und vermarktet sich mit all seinen individuellen Lebensgefühlen als Produkt. Ich beiße in mein Brötchen und benutze ohne schlechtes Gewissen eine der weißen Stoffservietten. Dann frage ich nach ihrer Brille, die sie gerade trägt. Die sieht mir nach einer Markenbrille und sehr teuer aus. »Ja«, ist die Antwort, das hätten schon viele vermutet. Die Brille hat sie während ihrer Indienreise günstig gekauft. Nicht einfach so, sondern auf Empfehlung von Freunden, die schon öfter Reisen nach Indien unternommen haben. Ich sehe da Parallelen zu den Coupons, ... Schnäppchenjagd. Neugierig geworden, will ich wissen, warum unbedingt Indien und ob hier esoterische Hintergründe eine Rolle spielen. »Nein«, erzählt Jessy, die Reise war schon lange mit ihrer Freundin geplant und hat sich halt so ergeben. Sie will aber trotzdem nicht ganz ausschließen, dass sie für gewisse metaphysische Dinge offen ist. Gerade weil auch in diesem Jahr privat und geschäftlich viel passiert ist. Ich bemerke, auch empfänglich für das Esoterische zu sein und räume ein, zwei Tiki-Masken zentral in meiner Wohnung hängen zu haben. Eine der Beiden sieht mir auch verdammt ähnlich. Ob sie auch etwas hat, das ihr wichtig ist, möchte ich wissen. »Solange ich denken kann ...«, sagt Jessy, »... habe ich so etwas noch nicht besessen.«»Und Urlaubsandenken?«, frage ich. »Ich bringe mir so ein Nippes auch nicht aus meinen Urlaub mit, noch nicht mal Muscheln oder schlimmer noch, Sand. Die einzigen Andenken an meine Reisen sind Fotografien.«»Wie gehst du denn mit den Fotografien um?« »Viele Bilder bewahre ich in Boxen auf. Die schönsten und wichtigsten Momente kommen in einem großen Rahmen in meinen Flur.« Ich denke laut und sage, dass es schön ist, von guten Erinnerungen und Freunden empfangen zu werden, wenn man nach Hause kommt. Jessy erzählt mir, dass sie gerne nach Hause kommt. Ihre Drei-Zimmerwohnung liegt in Potsdam West und wurde in den 1970er Jahren erbaut. Sie lächelt, Plattenbau in bester Lage, mit der sie wirklich super zufrieden ist. Es ist sehr ruhig, die Nachbarn sind ganz okay und auch die Lage der Wohnung ist toll. Alle Anbindungen sind vorhanden und sie habe es nicht weit in die Innenstadt, das ist ihr ganz wichtig, weil sie sehr viel mit dem Fahrrad unterwegs ist. Auch läuft sie gerne in ihrer Freizeit und nutzt dazu den naheliegenden Park Sanssouci. Auch ist die Wohnung für Potsdamer Verhältnisse sehr günstig. Sie hatte Glück und konnte als zweiter Nachmieter einziehen, was eine niedrige Miete zur Folge hat. Vor kurzem ist ihr eine schönere Wohnung in der City angeboten worden. Sie hat abgelehnt, weil sie

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für weniger Quadratmeter mehr Miete zahlen sollte. Ein besserer Lebenskomfort wiegt die billige Wohnung (Schnäppchen) nicht auf. »Du bist heute mit dem Auto da«, stelle ich fest und frage, wie es denn mit Parkplätzen in ihrem Viertel aussieht. »Kein Problem, auch in den Stoßzeiten finde ich immer einen Platz.« »Deinem Auto ist auch noch nichts passiert? Immerhin fährst du einen Golf 4, der doch bei Teilesammlern sehr begehrt ist.« »Nein ...«, so Jessy, »... das kann ich nicht nachvollziehen, so ein altes Auto will keiner mehr haben.« Jessy wusste schon als Fahranfänger, dass sie mal einen Golf 4 fahren wird, sie fand den schon immer vom Aussehen toll. Ihren Golf hat sie, wie nicht anders zu erwarten, günstig von einem Werkstattbekannten bekommen, der sich auch bis heute um seine Wehwehchen kümmert. »Du magst also dein Auto.« »Ja, es ist für meine Arbeit sehr wichtig und ich mag es trotz seines Alters.« Was für ein Auto würdest du als nächstes kaufen? »Ich würde mir gern einen Lexus, VW oder Alfa Romeo kaufen, aber nicht mehr als 12.000 Euro dafür ausgeben«. »Der Wertverlust bei Neuwagen ist sehr hoch und ich sehe nicht ein, warum ich so viel Geld verschenken soll«. Ich frage sie, ob sie eine persönliche Beziehung zu ihrem Wagen und er einen Namen hat. »Wo denkst du hin ...«, meint Jessy, »... mein Auto sehe ich als reinen Gebrauchsgegenstand. Ich muss die Kiste mal wieder richtig ausmisten. Es sammeln sich doch hin und wieder Langzeitprojekte an, wie gerade jetzt mein Malerzeug, das ich schon eine ganze Zeit mit mir rumfahre.«»Warum denn das?«»Na ja, ich habe mein kleines Arbeitszimmer neu gemalert. Ich mag meine Wohnung und investiere auch gern«, sagt sie. »Vor einiger Zeit habe ich mit Freunden alles neu gemacht, wobei mir die farbliche Gestaltung sehr wichtig war, der Atmosphäre willen« Bei einem Besuch konnte ich mich überzeugen. Jessys Wohnung wirkt sehr strukturiert und klar. Es gibt keine überdimensionierten Möbel. Die wenigen Einrichtungsgegenstände sind modern, die Wände wurden mit unterschiedlichen Farbflächen gestaltet. Jedes Zimmer ist bewusst gestaltet worden. Der Flur besticht durch ein kräftiges Farbband, das durch Türen und die Garderobe durchbrochen wird. Den Fußboden hat sie in der ganzen Wohnung mit Laminat ausgelegt. Er beinhaltet mehrere Holztexturen, die eher dunkel gehalten sind. »Warum kein Teppich?« »Teppiche finde ich einfach unhygienisch, sie sind nach ein paar Jahren schon verwohnt. Außerdem bekommt man die nie so richtig sauber, vor allem dann nicht, wenn man was verschüttet hat« Im Wohnzimmer dominieren warme Töne. Die sparsam gewählten Möbel ergänzen sich gut und ergeben eine harmonische Atmosphäre. Ihre Musikanlage ist sehr hochwertig und man kann davon ausgehen das hier nicht gespart worden ist. Im Schlafzimmer stehen ein Doppelbett und zwei große Kleiderschränke, auch hier unterstreicht die Farbgebung den Charakter des Zimmers. Das Arbeitszimmer ist noch in der Bauphase. Die kleine Küche ist mit hellen Küchenmöbel versehen, ein Kühlschrank und ein kleines Würzregal, das an der Wand hängt. Im Bad stehen geschmackvolle kleine dunkle Holzmöbel, die ein paar Pflegeutensilien und Handtücher enthalten. Die Wohnung ist im Großen und Gan-

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zen spartanisch, aber geschmackvoll eingerichtet. Der Gedanke an Feng Shui tut sich auf. Man hat hier Raum zum Atmen. »Am wohlsten fühle ich mich in meinem Wohnzimmer ...« sagt Jessy, »... doch auch das Schlafzimmer mag ich sehr.« »Wenn deine Bude abbrennen würde, was würdest du am meisten vermissen?«, frage ich sie. »Wie gesagt, es gibt keine überflüssigen Dinge. Familienfotos habe ich als Kopien und andere Schätze sind nicht vorhanden. Das einzig Wichtige ist meine Festplatte. Es wäre eine Katastrophe, wenn meine Daten verloren gehen würden.« Das kann ich verstehen, Jessy hat keinen übermäßigen Bezug zu materiellen Dingen. Sie hat eine konkrete Vorstellung davon, was für sie am unproblematischsten ist und zur vollen Zufriedenheit funktioniert. Diese Unbefangenheit strahlt Jessy auch aus. Das Frühstück ist wirklich deliziös, da sind wir uns beide einig. Mit der Zeit lichtet sich das Café und wir sitzen fast alleine im Raum. Zu alleine, wir bemühen uns minutenlang, noch einen Kaffee zu bekommen. Gestikulierend lenken wir die Aufmerksamkeit auf uns. Ich habe wohl die Wirkung eines Schlipses unterschätzt. Das Wetter draußen ist ein bisschen freundlicher geworden. Hin und wieder schaffen es einige Sonnenstrahlen, ganz kurz den Raum zu erleuchten. Es ist nur ein kleines Bemühen der Sonne, aber die weißen Tischdecken verstärken den Effekt und lassen Spaziergangslaune aufkommen. Wir zahlen und wollen noch ein bisschen in Potsdam spazieren gehen. Wir machen uns im Nieselregen auf den Weg. Text und Bilder von Dirk Handkammer

A nja B a r t el t

Aufgewachsen im bürgerlichen Süden Berlins, zog es Lena mit Beginn ihres Studiums in den zentralen Bezirk Mitte. In der obersten Etage eines Plattenbaus lebt sie mit ihrem Mann in einer vier Zimmer Wohnung. Mit ihrer lebensbejahenden, unkonventionellen Art und ihrem weiten Interessenspektrum schien sie mir die ideale Gesprächspartnerin. Sie begrüßt sie mich herzlich und bemerkt, dass sie heute in Redestimmung ist. Sie bittet mich herein, und wir gehen den Flur entlang, dann verschwindet sie kurz hinter ihrem Kleiderschrank und zeigt stolz was sie heute auf dem Flohmarkt ergattern konnte: fünf Oberteile für neun Euro! Wie ich im Laufe dieses Abends noch öfters feststellen werden, haben materielle Dinge keinen große Bedeutung in ihrem Leben und sie legt großen Wert auf ein nachhaltiges Konsumverhalten. Auf wochenendlichen Flohmarktbesuchen steht für sie nicht das gemütliche Schlendern im Vordergrund, sondern tragbare Kleidung und sonstige Schätze zu günstigen Preisen zu finden. Ich habe Hallorenkugeln mitgebracht, »diese Pralinen sind aus der ehemaligen DDR.« kommentiere ich. Gegenüber blickt

Jedem Tierchen sein Pläsierchen

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uns ein noch ungeschmückter, lediglich mit Lichterkette behangener Weihnachtsbaum an, dessen Spitze sich unter der Dachschräge beugt. Sie nähert sich dem Baum, drückt einen Knopf und der Baum beginnt sich zu drehen. Aber nur kurz, die Lichterkette verhakt sich, »entweder Licht oder Drehbaum.« Durch die ungezwungene Atmosphäre kommt ein sehr offenes und lockeres Gespräch zustande. Ihre Antworten auf meine Fragen sind so kurios oder lustig, dass wir oft durch unser Lachen unterbrechen. Interessiert sehe ich mich in ihrem Zimmer um und frage, wie sie zu der Ausstattung gekommen ist. Aufgrund des fehlenden Geldes, bekam sie den größten Teil der Ausstattung geschenkt oder vererbt. Als Studentin wurde das zur Passion: sich auf Flohmärkten und Antikmärkten umzuschauen und dortige Sachen zu erwerben. Was für andere wertlos ist, scheint für sie noch gebrauchsfähig und besitzt ideellen Wert. Sie weiß aber auch, dass nostalgische Möbel, so wie ihre Großeltern sie noch haben, heute in unserer modernen Konsumgesellschaft immer mehr an Wert gewinnen. Eingerichtet mit Mobiliar vom Flohmarkt und von Freunden sind sie Ausdruck der Individualität und Zeichen der Verneinung des Konsumdenkens, wie es von vielen anderen gelebt wird. Mit ihrem Kauf von getragener Kleidung will Lena die Konsumkette von der Herstellung in der Dritten Welt, oft mit Kinderarbeit verbunden, zum Verkauf in den westlichen Länder durchbrechen. Während sie zu ihrer Jugendzeit »shoppen« noch als erfüllende, ausgleichende Freizeitbeschäftigung erlebte, entgeht sie heute mit ihren Flohmarktbesuchen der Überforderung des Massenangebots in den Kaufhäusern. Funktionalität und Qualität der Kleidung sind ihr nicht besonders wichtig, es soll einfach nur schön und tragbar sein. Sie folgt keinem Trend, sondern hat ihren eigenen Stil, der sich keinen Gruppenzwängen unterwirft. Sie erzählt anderen gerne davon, was sie sich auf dem Flohmarkt gekauft hat, einige lassen sich von ihrer Euphorie anstecken, andere wiederum denken sich wohl eher: »Sieht man, dass es vom Flohmarkt ist.« Das sei ihr aber egal, sagt sie unbeirrt. Eines ihrer Lieblingsstücke ist das Kissen in Herzform, wofür die Oma den Bezug gestickt hat, und welches ihr von ihrem Vater zum Andenken geschenkt wurde. Der ideelle Wert des Kissens ist so groß, das es immer dabei sein muss, zu Hause und auf Reisen. In der Nacht ist es Ruhepunkt für ihren Mann und sie. Ausführlich erklärt sie, wie sie sich zum Einschlafen beide darauf positionieren. Das Kissen hat zwei Bezüge, die beide von gleich hoher Bedeutung sind. Ihr wertvollstes Besitztum, ist das majestätisch anmutende Klavier. Eines der wenigen Objekte, an dem sie wirklich festhält und das sie unter keinen Umständen verkaufen würde. Ihr Wohnzimmer ist nur mit Mobiliar bestückt, das an sie weitergegeben wurde. Auch das Klavier, bekommen hat sie es zur Kommunion.

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Gegenwärtig findet sie nur noch selten Zeit zum Klavier spielen, nimmt sich jedoch auch nicht aktiv Zeit dafür und nutzt es sehr stimmungsabhängig. Die seltene Nutzung des Instruments mag aber auch an seinem Platz in dem Wohnzimmer liegen: Beim Spielen sitzt sie mit dem Rücken halb der Tür zugewandt. Durch die bedrückende Schwere der Tür und einem gewissen Gefühl der Unsicherheit, fällt es ihr schwer, dass Klavierspiel zu genießen.Sie hält sich nicht lange an der Beschreibung des bloßen Objektes auf und erinnert an die Zeit als Klavierspielerin bei Bechstein, wie eine kurze Affäre mit einem Mitarbeiter letztendlich zur Trennung ihrer langjährigen jungen Beziehung führt. Das ist ihr schon oft passiert: eine langjährige Beziehung findet durch eine kurze Affäre ein drastisches Ende. Mit ihrem Mann hat sie ihre alten Beziehungen aufgearbeitet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es immer zur Trennung kam, wenn sie nicht über ihre Gefühlen reden konnte, als es ihr schlecht ging. Heute weiß sie, dass sich viele Dinge klären, wenn darüber gesprochen wird. Seit sechs Jahren ist sie mit Malte zusammen, und vor ein paar » Über allem liegt noch Monaten haben die beiden geheiratet. Sie der Hauch der Hochzeits ­ »macht kaum Sachen, die gut und lange feier, ein offener Schr ank, überlegt sind« sagt sie vergnügt. Trotzdem der als R aumteiler war sie sich schon relativ früh im Klaren ­fungiert, ist vollgestellt darüber, dass sie mit diesem Mann ein mit GeschenKen und Leben lang zusammen sein will. Und so Über­bleibseln. spontan es auch scheint, wirkt diese Lie « be so entschlossen, jeden Tag bereichernd und keineswegs kopflos entschieden. Über allem liegt noch der Hauch der Hochzeitsfeier; ein offener Schrank, der als Raumteiler fungiert, ist vollgestellt mit Geschenken und Überbleibseln, über dem Klavier hängt eine Foto-Collage, die an diesen besonderen Tag erinnert. Die Hochzeit ist der Beginn für ein Leben, in dem man sich immer besser kennenlernt und gleichzeitig ein neues, großes Abenteuer. In die Rolle einer verheirateten Frau muss sie sich erst noch hineinfinden, und es sollen sich mit der Hochzeit auch einige Dinge ändern. So gut wie jedes Wochenende ist sie mit ihrem Mann in Clubs und Bars unterwegs und auch Drogen gehören zu den nächtlichen Ausflügen. Als festes Ziel haben sie sich vorgenommen, den gemeinsamen Drogenkonsum zu reduzieren. Bis jetzt ist es ihnen noch nicht gelungen. Es kommt oft vor, dass sie sich Sachen vornimmt, die sie dann aufgrund ihrer impulsiven Art nicht einhalten kann. Da sie gern unter Menschen ist, ist die Geselligkeit mit der Heirat nicht vorbei, Abende mit Freunden und Kollegen bleiben weiterhin Bestandteil ihres Lebens. Oft lädt sie zu themenorientierten Anlässen mit sinnvollem Hintergedanken ein, wie Schrottwichteln oder einem Kleidertausch. Durch ihren großen Freundeskreis treffen viele verschiedene Gemüter aufeinander und gemeinsam manifestiert sich ihre Haltung gegen gegen eine Wegwerfgesellschaft. Um das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, vermietet sie momentan eines ihrer Zimmer an kurzzeitig übernachtende Gäste. Ihr Fokus ist gerade auf ihr Master Studium gerichtet, und da die Zeit

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es nicht erlaubt, nebenbei zu arbeiten, versucht sie auf diesem Wege ihre Finanzen aufzubessern und gleichzeitig in Kontakt mit internationalen Gästen zu kommen. Ganz nach ihrem Lieblingsspruch »Jedem Tierchen sein Pläsierchen« versucht sie, anderen Menschen so unvoreingenommen wie möglich zu begegnen und wünscht sich diese Offenheit ebenso von ihrem Gegenüber. Seit einiger Zeit schon zieht es sie am Wochenende immer wieder in den selben Club in einem der äußeren Bezirke Berlins. Die phantasievolle Ausstattung und die dort verkehrenden Menschen lassen sie Abstand vom Alltäglichen gewinnen. Ein altes Feuerwehrauto, ein Teich, aller möglicher Kram und Zeugs vom Trödelmarkt zieren das Gelände. Überall stehen alte, zum langen Verweilen einladende Sofas herum. Die Einrichtung, Lichteffekte und Pflanzen vermitteln den Eindruck in einer anderen Welt zu sein. Die meisten Leute kennt sie schon, und wenn nicht, dann schafft sie es mit ihrem euphorischen Wesen schnellstmöglich Leute für sich einzunehmen. Nicht selten entstehen tiefgründige Gespräche von philosophischen bis politischen Themen. Durch die Vielzahl unterschiedlicher Menschen gibt es genauso viel an Gesprächen und ideologischen Einstellungen. Lena ist nicht sonderlich sportbegeistert, aber aufgeschlossen gegenüber neuen Herausforderungen. Schon oft musste sie feststellen, dass sie nicht ehrgeizig genug ist, um an ihre Grenzen zu gehen, immer ist sie die erste beim Sport, die Pausen macht, wenn es zu anstrengend wird. Die einzige sportliche Tätigkeit, die sie konsequent durchhält, ist Radfahren. Dabei lassen sich auch mehrere sinnvolle Dinge vereinbaren: man gelangt nicht nur schnell ans Ziel, sondern es hält gesund und fit. Sie steckt sich häufig neue Ziele auf verschiedenen Gebieten. Nachdem sie es dann geschafft hat, diese konsequent durchzustehen, beendet sie sie nach selbstgesetzter Frist und beweist sich damit, dass sie einen starken Willen hat. Sie pflegte beispielsweise ein einjähriges Leben als Vegetarier-Dasein, und hielt sich strikt an diese Ernährungsweise. Es war jedoch nicht ihre Intention, dauerhaft so zu leben. Sie ist ständig auf der Suche nach neuen, unbekannten Reizen und die Angst vor Langeweile und Stillstand ist groß. Einen Hot Yoga Kurs beginnt sie, nachdem ihr in Äthiopien ein sehr schönes Mädchen mit sportlicher Figur und langer Rasta-Mähne davon erzählt. Nach der Wiederkehr von ihrem Auslandssemester in Argentinien, beginnt sie einen Tango-Kurs mit der Hoffnung, die dort mit ihrem Freund verbrachte Zeit auch in ihrer Heimatstadt aufleben zu lassen. Eine weitere Eigenart hat sie nach ihrer Zeit in Argentinien beibehalten. Dort gehören das Aufgussgetränk Mate mit Bombilla (spezieller Strohhalm) zum alltäglichen Ritual. Hier in Berlin lebt sie die Tradition in abgewandelter Form weiter. Kaffee aus dem Automaten, Deckel drauf und Strohhalm rein. Ihr ökologisches Bewusstsein kommt hier wieder deutlich zum Ausdruck. Strohhalme werden bei ihr nicht weggeschmissen, sondern gereinigt und mehrfach benutzt. Mittlerweile ist es zu einem Tick geworden, alle Getränke, ob heiß oder kalt durch einem Strohhalm zu trinken. Ein an-

derer Tick macht sich bemerkbar: immer wieder fummelt und zupft sie während des Gesprächs an ihren Haarspitzen,»das entspannt mich; ich denke dann an nix.« Ihr Bedürfnis zu teilen, etwas weiterzugeben lässt sich nicht nur in ihrem Konsumverhalten finden, sondern auch in andere Bereiche. Sie teilt leidenschaftlich gern. Wissen zu teilen ist für sie selbstverständlich, sie muss nicht erst danach gefragt werden, um ihr Gegenüber großzügig über ihre Kenntnisse zu informieren. Letztendlich profitieren alle eher von einem gegenseitigen Wissensaustausch, als sich beispielsweise im alleinigen Konkurrenzdenken durch die Universität zu kämpfen. Für die Zukunft hat sie sich vorgenommen, aktiv etwas im Leben zu bewirken um damit anderen etwas zurückgeben. So wie ihre Großeltern, die sich aktiv gegen Massentierhaltung einsetzen und Projekte in Äthiopien leiten, möchte sie auch einen Beitrag leisten. Momentan fühlt sie sich dazu jedoch noch nicht in der Lage und ist noch sehr damit beschäftigt, ihr Leben auszukosten. Sie könnte es sich allerdings nicht verzeihen, wenn sie diesen Zukunftsgedanken nicht verwirklicht. Auf dem Weg nach draußen durch den Flur, an weiteren Hochzeitsfotos vorbei, fällt mein Blick auf ihr wunderschönes, besticktes Kleid, dass aus einer anderen Epoche zu sein scheint. Obwohl ich schon eine gewisse Idee habe, frage ich woher das Kleid sei. »Ach, das hat mir eine Freundin von ihrer Freundin geliehen, die es auf einem New Yorker Flohmarkt für 15 Dollar erstanden hat.«

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Text und Bilder von Anja Bartelt


I n s a B o r t feld t

Wir treffen uns an einem ihrer Lieblingsorte, einem Café in der Stadt, nahe des Zentrums. Da ich etwas eher da bin, sehe ich es mir näher an. Es hat einen kleinen Hinterraum in gemütlicher Wohnzimmeroptik, mit Couch, zwei Tischen, einem großen Bücherregal und 70er-JahreSchreibtischlampen. Im größeren Raum sind mehrere Tische verteilt und mit unterschiedlichsten Stühlen in gemütlicher Un-Ordnung zusammengewürfelt. Angenehme Musik spielt, an den Wänden hängen Bilder, die wohl zu einer Art Ausstellung gehören. Draußen ist es schneeregnerisch düster, drinnen ganz warm im Dämmerlicht. Auf jedem Tisch eine Kerze. Irgendwie deutsch und irgendwie nicht. Irgendwie gemütlich. Mira trift ein, begrüßt die Bedienung herzlich, denn sie kennen sich. Sie ist eine kleine zierliche, dennoch rundliche Frau. Dunkle Haut, schwarze Perlenaugen. Ihre Kleidung ist schlicht gehalten, in dunklen Farben, bis auf die Hose, die ist knallrot. Ich frage, wohin wir uns setzen möchten. Hinten aufs Sofa, mit Cappuccino und Cola, etwas weg von der Musik, ungestört im kleinen Raum.

» Manchmal glaube ich, ich habe zwei Parallelleben«

Heimatgefühle im neuen Zuhause Ich habe Mira gebeten, etwas Persönliches aus Ihrer Wohnung mitzubringen, damit beginnt sie gleich. Sie holt es hervor, ist sich nicht ganz sicher, ob sie mich damit richtig verstanden hat. Es ist ein Holzkästchen. Warmes, braunes Holz. Aus Marokko, daher kommt sie, und es erinnert sie daran, jedes Mal wenn sie es öffnet. Es fühlt sich sogar warm an und riecht angenehm. »Es ist aus Tujaholz, der Lebensbaum. Ich mag dieses Holz, es riecht gut« Es kommt überwiegend aus ihrer Heimat, in der sie aufgewachsen ist, und sie merkt, dass sie viele Dinge aus diesem Holz besitzt. Sie öffnet das Kästchen, darin enthalten sind drei Ketten, die sie schon länger – bis zu zehn Jahren – besitzt. Solange ist sie in Deutschland, fällt ihr auf, also sind sie nicht nur Teil ihrer Heimat, sondern von ihr. Die Hand von Fatima, zum Beispiel, war ursprünglich ein Schlüsselanhänger, aber sie hat sie umfunktioniert, als Kette sei sie schöner. Wenn sie jetzt so darüber nachdenkt fällt ihr auf, dass sie all diese und ähnliche Dinge früher nicht mit Heimatgefühl aufbewahrt hat. Ganz andere Dinge waren interessant. Zum Beispiel

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die ganzen Nachahmungen bekannter Designer, Taschen zum Beispiel. Das sei in Marokko so, da möchte man sich nach dem Westen orientieren. Seit sie in Deutschland lebt, bedeuten sie ihr ein Stück Heimat. Sie hat sie dort gekauft und umgibt sich gerne mit ihnen. Nun legt sie sogar wert auf Dinge, die nach echtem Leder oder Holz riechen, denen man die Handarbeit noch ansieht und von denen sie weiß, dass sie aus ihrer Heimat stammen. Sie erzählt, zu Hause im Wohnheim hat sie eine Lampe vom Markt in Marrakesch, auch Sitzkissen und Schmuck in der Art. Ein ganzes Regal mit Dingen. Es ist die Atmosphäre, wegen der sie sie gekauft hat. Nicht um etwas auszudrücken, sondern weil man, wenn man dort ist, einfach etwas von dort mitnehmen muss. Im Gegensatz zu den ganzen Neubauten und Neuheiten in Marrakesch wirkt der Alte Markt noch immer wie im Mittelalter. Er ist Marrakeschs Weltkulturerbe und Teil ihrer Kultur. »Du kommst dorthin und wirst ganz von Farben, Gerüchen, Menschenmassen eingenommen. Tauchst in eine andere Welt. Von diesem Besuch brauchst du eine Erinnerung.« Sie hat erst spät angefangen, darauf zu achten, erzählt sie, aber sie umgibt sich gern mit schönen Dingen. Dabei hört sie auf ihr Bauchgefühl, dass ihr sagt, dieses Ding gehört zu ihr. Dann kauft sie es.

Zwischen Kultur und eigener Identität Das war früher anders. Bis sie zwanzig Jahre alt wurde, bestimmte ihre Mutter, was sie sich anzieht, welche Frisur sie trägt, was sie isst und wer sie ist. Dann zog Mira aus Marrakesch nach Deutschland, doch aus der Ferne versucht die Mutter, ihr weiterhin eine Richtung zu geben. Ihre Mutter bleibt aus der Ferne sehr dominant, doch Mira emanzipiert sich. Geht eigene Wege und beschließt in eine neue Stadt zu ziehen und zu studieren. Sie lacht. » Fühlt sich irgendwie an, wie bei einem Therapeuten.« Über solche Dinge habe sie vorher nie so direkt nachgedacht. Ich muss auch lachen, denn sie erzählt viel von selbst und reflektiert es auch gleich. Wir bestellen uns neuen Kaffee und machen eine kleine Pause. Ich frage sie, um wieder ins Gespräch zu kommen, welche drei Dinge sie ständig im Alltag bei sich hat und was » M aro k ko i s t m ei n e H ei m at sie für sie bedeuten. Das Handy, ihr Porteu n d h i e r i s t m e i n zu H au s e . monnaie und eine Wasserflasche. Wasser, « weil sie viel trinkt, ohne geht sie einfach nicht aus dem Haus. Ihr Portemonnaie ist funktional. Es beinhaltet ihre Identität, also ihren Ausweis und andere formal wichtige Papiere. Sie will nichts wichtiges verpassen, daher das Handy. Kommunikation ist ihr wichtig und unverzichtbar. Aber nur hier. In Marokko habe sie es zwar mit, es bliebe aber meistens zuhause liegen. »Und eigentlich möchte ich dann auch gar nicht von meinen deutschen Bekannten angerufen werden, wenn ich in Marokko bin.« Sie habe zwei Leben sagt sie. »In Marokko bin ich Jungfrau, hier nicht. Dort rauche ich nicht, trinke nicht, halte mich an die Traditionen. Manchmal glaube ich, ich habe zwei Parallelleben« In Deutschland ist sie anders, aber das ist gut. Sie fühlt sich in beiden Kulturen

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wohl. Das merke man auch an äußeren Dingen. Die Kleidung sei in beiden Ländern ähnlich, aber der Schmuck ganz anders. Auch die Haare. Mira hat tolle schwarze Locken, in Marokko werden sie geglättet, dort gelten krause Haare als ungepflegt. Glatte Haare sind ein Statussymbol. In Deutschland bekommt sie oft Komplimente für ihr lockiges Haar. Ja, sie richte sich bewusst nach dem Schönheitsempfinden des Landes, in dem sie gerade ist. Auch glätte sie ihr Haar der Eltern zu Liebe. Ich frage sie, ob sie diese Veränderung aufzeichnen möchte, ob da noch mehr ist. Ihr Selbstbewusstsein ändere sich dabei nicht, meint sie, nur ihre Wirkung auf andere, die ist ihr auch ein bisschen wichtig. Sie möchte auf ihre Umgebung positiv wirken. Das Studium der Architektur hat Mira auch beeinflusst. Darin, selbständige Entscheidungen zu treffen und ein Empfinden für Ästhetik zu entwickeln. Sie ist fasziniert von Städten, zum Beispiel war sie letztens im Süden Deutschlands im Urlaub und hat sich Nürnberg angesehen, die Stadt erkundet und Führungen gemacht. Städte interessieren sie aus architektonischer Sicht, wegen der Stadtentwicklung und auch wegen der Menschen. Dabei muss eine Stadt für sie nicht groß sein, aber touristisch erschließbar und kulturgeschichtlich erlebbar. Natur zu erkunden findet sie eher uninteressant, es sei nicht kommunikativ genug. Darum ist Mira nach ihrem ersten Jahr in Deutschland von Bochum nach Potsdam, in Berlinnähe gezogen. »In Potsdam habe ich zum ersten Mal das Gefühl gehabt, in Deutschland zu sein.« Es entsteht eine kurze Denkpause, in der sie lacht und sagt, sie sei wirklich ein Stadtkind, auch wenn es oberflächlich so klänge, als wäre sie naturfeindlich. Nein, sie liebe einfach das Zusammenspiel der verschiedenen Möglichkeiten in einer Stadt.

Während wir uns unterhalten, gesellt sich ein Bekannter aus Italien zu uns. Er hat uns bereits etwas länger zugehört und möchte sich an dem Gespräch beteiligen. »Ich möchte auch deine Fragen beantworten« wirft er ein. Ich zögere, dann denke ich mir, warum nicht, frage Mira, ob ihr das recht wäre. Das Gespräch wird sofort lockerer. Durch Tonio gibt es irgendwie eine neue Ebene. Tonio kommt wie Mira aus einer anderen Kultur, aus Italien. Er kam mit seiner Frau und Tochter vor etwas mehr als neun Jahren nach Deutschland. Ich muss kaum noch Fragen stellen, außer um herauszufinden, ob und wie sie bestimmte Dinge wahrnehmen. Interessant wird es, als wir darauf zu sprechen kommen, ob sie Traditionen haben. Ja, die hätten sie. Mira stellt sich jeden Morgen auf die Waage. Sie möchte wissen, ob sie abgenommen hat. Danach macht sie ihren Computer an und sieht nach, ob in ihrem Freundeskreis etwas passiert ist, liest ihre Emails. Das sei ihr Morgenritual. Ohne dass sie sich informiert habe, was seit dem Abend zuvor passiert sei, könne sie nicht aus dem Haus gehen. Tonio sieht das ähnlich. Nur ist sein Ritual ein kleiner Café und eine Zigarette auf dem Balkon, danach den Computer anmachen und sich informieren.

Abends haben beide auch Rituale fällt ihnen, während wir uns unterhalten, auf. Haben sie noch nie drüber nachgedacht. Tonio muss, bevor er schlafen kann, immer noch etwas tun. »Entweder ich lese noch oder unterhalte mich mit meiner Frau oder höre Radio, dann kann ich erst einschlafen. Fernsehen nicht, das ist zu spannend. »Nein, ich kann nur mit laufendem Fernsehen einschlafen,« sagt Mira und »mal schlafe ich in dem einen, mal in dem anderen meiner zwei Wohnräume ein. Der Fernseher ist klein und wechselt mit mir den Raum.« Sie brauche die Abwechslung und das Gefühl, nicht alleine zu sein. Bevor sie den Fernseher hatte, benützte sie eine blaue Nachtlampe, denn sie hat Angst im Dunkeln. Das blaue Licht habe sie auch an ein Aquarium und ans Meer erinnert. Das war beruhigend. Rituale habe sie auch bei der Wahl von Orten, an denen sie sich aufhielte, sagt Mira. So habe sie eindeutig Lieblingsorte. Wie das Café, in dem wir sitzen. Dort fühlt sie sich wohl. Meistens hat sie dort gute Erfahrungen gemacht, sich mit Freunden getroffen. Auch wenn sie weiß, dass sie an einem bestimmten Ort gutes Essen bekommt, geht sie lieber dorthin. Sie brauche diese Vertrauensbasis, um sich wohl zu fühlen und zu dem Ort zurückzukehren. Darum ginge sie auch immer wieder gerne in Geschäfte, in denen sie schonmal etwas gutes gekauft habe. Die Orte, an denen sie sich wohlfühlt, sagen allerdings nicht viel über ihre Identität aus. Genauso sei es mit ihrem Freundeskreis. »Ich habe sehr viele gute Bekannte, alle sind ziemlich unterschiedlich und kommen aus verschiedenen Kulturen.« So geht es Tonio auch. Die beiden kennen Menschen aus ihren Deutsch-Kursen, mit denen sie sich zu Beginn ihres Lebens in Deutschland angefreundet haben. Manche kommen aus Potsdam, wiederum andere aus verschiedenen Teilen Deutschlands. »Viele meiner Freunde sind so unterschiedlich, dass sie sich wahrscheinlich gar nicht miteinander verstehen würden. So gehe ich mit manchen auf Parties, mit manchen treffe ich mich in einem Café. Ich habe ein paar Freundinnen, mit denen ich gerne shoppen gehe. Aber eigentlich habe ich nur eine Freundin, mit der ich über alles rede.« Diese eine Freundschaft ist sehr intensiv. Die anderen, sagt Mira, seien eher oberflächlich. Tonio wirft ein, vor allem Freundschaften zu Deutschen könnten sehr oberflächlich sein. Er hat Freunde, die träfe er nur, um gemeinsam was zu trinken, einen schönen Abend zu verbringen. Wäre er wieder länger in Italien, würde sich niemand von denen melden. Auch Mira überlegt. »Ja, wenn ich nach Marokko zurückgehe, wäre es bei mir ähnlich. Ich glaube nicht, das meine deutschen Freundschaften halten würden.« Dennoch ist sie der Meinung, dass sie durch die Freunde, die sie in den letzten Jahren bewonnen hat, ein anderes Verständnis für Freundschaft entwickelt hat. »Mit dem Alter verändert sich der Charakter.« Auch die Art, wie man miteinander umgeht, und was einem dabei wichtig ist. Es sei auch o.k., wenn manche Freundschaften nicht halten würden, wenn sie wieder nach Marokko zurückkehren würde. Darüber habe sie sich letztens schon einmal Gedanken gemacht. Auch darüber, was mit den Dingen wäre, die sie besitzt. Zum Beispiel die Dinge, wie die Kiste aus Marokko. »Die nehme ich nicht mit. Die sind ja von dort, und ich kann sie mir dort wieder

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Bedürfnisse und ihre Wahrnehmung


kaufen.« Das kann ich gar nicht glauben und hake nach. Doch, natürlich würde sie Kleidung mitnehmen und ihre Ausweise, die brauche sie ja. Alles andere Materielle wäre nicht so wichtig. Sie sei ja auch nur mit einem Koffer hergekommen.

leben in Deutschland. Mich interessiert, wie ihr Gefühl der Identität, der Kultur ist, wenn jemand aus der gleichen Kultur sie anspricht und Kontakt aufnehmen will. Im ersten Moment seien sie erfreut, sagen beide. »Ehrlich?« Frage ich. Mir geht es anders, ich reagiere relativ schnell genervt. Ich bin in Deutschland geboren, habe einen deutschen Pass, spreche nur Deutsch und habe außer meines Äußeren keinen Bezug zu meiner Ursprungskultur. So ginge es einer Freundin, die halb Perserin und halb Deutsche wäre auch. Ständig würde sie von Menschen arabischer Herkunft eingeordnet, erzählt Mira. Ich habe etwas gegen eine solche Schublade. »Niemand würde doch jemanden Normalblondes fragen, ob er Deutscher wäre in Deutschland. Warum müssen sich andere Kulturen immer gleich solidarisieren.« wirft Mira ein. Und das, ohne zu wissen, ob ich mich mit der Kultur identifiziere, meine ich. Das ist ein Übergriff, nicht in sexueller Weise. Aber er greift in meine Identität ein, und ich kann nichts dagegen machen. Wir sind uns einig, dass es erstmal ganz nett sein kann, in der Kultur erkannt zu werden, Kontakt zu knüpfen. Danach entscheidet sich allerdings schnell, ob die Person uns sympathisch ist.

Persönliche Grenzen und Werte Mittlerweile besitzt sie Dinge, die in mindestens 20 Koffer passen, die kann sie nicht alle mitnehmen. »Aber gut, dass ich noch einmal darüber nachdenke, denn bei uns im Studentenwohnheim gibt es ständig Feueralarm. Ich sollte mir eine Kiste zulegen mit den wichtigsten Dingen, die kann ich schnell greifen. Und wenn ich wegziehe oder schnell raus muss, fällt es mir nicht schwer, Dinge zurück zu lassen.« Was ihr allerdings schwer fiele sei, im Moment, also hier in Deutschland, Dinge wegzuschmeißen. Sie sei so erzogen, Dinge, die man von anderen bekäme, zu respektieren. Dadurch respektiere ich auch die Person selber. »Ich habe einmal zum Geburtstag zwei hässliche, selbst gemachte Schalen geschenkt bekommen und weiß echt nicht, was ich damit machen soll. Sie sind unnütz.« Aber Mira kann und möchte die Schalen nicht weggeben, nicht mal verschenken, die Freundin könne ja irgendwann wieder zu Besuch kommen und danach fragen. Also verschwinden sie, wie viele andere Dinge im Regal. Dort steht auch der Koran, den ihr Vater ihr zum Abschied geschenkt hat. Er solle sie beschützen. »Ich glaube an Gott, aber ich bin nicht wirklich religiös. Der Koran ist von meinem Vater, also möchte ich ihn nicht wegschmeissen. Das macht man einfach nicht. Und ich respektiere dadurch auch den Glauben eines anderen Menschen, der mir wichtig ist.« Mira praktiziert ihren Glauben nicht, sie sammelt keine Gegenstände, um sie ihren Glauben zu unterstützen. »Ich bin auch nicht abergläubisch oder so.« Wenn die Dinge zu ihr sprechen, ihr ein gutes Gefühl geben, dann kauft sie sie. Sie gefallen ihr. Und sie weiß, wenn sie einmal umzieht, dann kommen viele dieser Gegenstände nicht mit. Etwas später im Gespräch kommen wir dann doch auf einen Gegenstand zu sprechen, der ihr wichtig ist. Es ist ein Rock, schwarz mit Blümchen, uralt, total hässlich, und zu klein ist er ihr mittlerweile auch. Mit diesem Rock verbindet sie Stolz: auf sich und auf ihre Selbstständigkeit. Diesen Rock hat sie sich von ihrem ersten selbst verdienten Geld in Deutschland gekauft, den nimmt sie mit, wohin sie auch geht. Er ist ihr wichtig, wegen des Gefühls, wenn sie ihn ansieht, wegen der Erinnerung an das, was sie erlebt hat, als sie ihn trug und wegen ihres Stolzes.

Text von Insa Bortfeldt, Bilder von Insa Bortfeldt

V e r a V o lk o va

Gegen Ende des Gesprächs bestellen Tonio, Mira und ich neue Getränke. Ich schreibe nicht mehr mit und das Gespräch dauert noch länger als eine Stunde. Mittlerweile geht es nicht mehr um die Identität und Wahrnehmung durch Dinge von uns. Es geht um unser kulturelles Empfinden. Wir drei, ich selbst eingeschlossen kommen aus drei verschiedenen Kulturen und

Extra schick gemacht hat sie sich. Juliette trägt einen blauen Schal, der sehr gut ihre Augenfarbe betont. Für sie ist es heute zu kalt, um spazieren zu gehen, was sie aber gerne machen würde. Ihre Wohnung ist eine Ein-Zimmer-Wohnung mit einem alten Schrank – den sie auf dem Flohmarkt sehr günstig gekauft hat, einem Bücherregal – das sie selbst gebaut hat, einem Bett – das, kurz bevor sie Besuch hat, abgedeckt wird, einem schönen alten Sofa mit Holzfüßchen, einem alten Esstisch und einem größeren Arbeitstisch auf dem zugeklappt ihr Laptop steht, und einer Mini-Küche mit einem Moskauer U-Bahn-Plan auf dem Kühlschrank. Sie liebt ihr Zuhause und wohnt schon seit vier Jahren hier – eine Wohnung, in die sie nach einer sehr langen Beziehung alleine einziehen musste. Wir sitzen an einem von drei Fenstern ihrer Kreuzberger Wohnung hat, trinken frischen Ingwertee und essen russisches Konfekt dazu. Juliette liebt den Blick aus ihrem Fenster – ein alter Friedhof. Sie hat keine Angst neben einem Friedhof zu leben. Als sie sechs Jahre alt war, starb ihr Vater. Der Friedhof, auf dem er beerdigt wurde, befand sich an ihrem Schulweg. So ist sie jeden Tag nach der Schule zum Grab ihres Vaters gegangen. Sie fühlt sich wohl auf Friedhöfen. Aber vor Skeletten gruselt sie sich, sagt sie schnell mit einem freundlichen Lächeln. Auf dem Friedhof

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Ein Gefühl zur eigenen Identität und Kultur

Von Postkarten und selbstgepflückten Äpfeln und Birnen


vor ihrem Fenster beobachtet sie oft eine Frau, die jeden Tag sehr schick angezogen herkommt und ein Grab sehr sorgfältig pflegt. Die Frau kommt zu ihrem Sohn, der vor 46 Jahren mit sechs Jahren gestorben ist. Am Fenster hängt eine Schnur mit sehr schönen unterschiedlichen alten Glocken. Das sieht nach einer Sammlung aus. Sie lässt ihre Glöckchen klingeln und erzählt, dass sie diese von einer Freundin bekommen hat – »schon vor zwei oder drei oder vier Jahren«. Sie fügt hinzu, dass eine Frau ihrer Mutter einst auch solch eine Kette geschenkt hat. Ihre Mutter hat diese immer über die Wiege gehängt. Manche dieser Glöckchen sehen genauso aus wie die von damals. Vielleicht waren sogar genau dieselben. Juliette kann sich an diese markanten Formen sehr gut erinnern. Aber ist es überhaupt möglich, sich an die Zeit zu erinnern, als sie noch in der Wiege lag? Juliette kann sich an ganz frühe Sachen erinnern, weil sie sich als vierjähriges Kind an die Zeit davor erinnern konnte. Und jetzt kann sie sich an die Erinnerungen als vierjähriges Mädchen erinnern. Juliette hat sehr viele Postkarten an den Wänden hängen. Nach welchem Prinzip wählt sie diese aus? Am Eingang zur Küche hängen drei japanische Gesichter. Sie wirken ein bisschen gruselig, aber man möchte sie auch entdecken. Juliette hat einen Freund aus Japan, den sie in Moskau kennenlernte, und mit dem sie immer noch auf russisch Briefe schreibt. So hat sie vor einem halben Jahr drei Postkarten mit japanischen Masken bekommen, sehr theatralisch, etwas grimmig. Genau das brauchte Juliette gerade in ihrer Wohnung. Sie zeigt auch ihre Kiste, in die diese Postkarten mal landen und aus der neue heraus kommen werden. Manchmal, wenn sie jemandem etwas schreiben möchte, sucht sie nach einer passenden Karte dort. So geht das in ihrem Leben immer weiter – neue Postkarten gehen nicht verloren, die werden schon irgendwann abgeschickt oder landen an ihrer Wand. Wir entdecken noch sehr viele schöne Karten an den Wänden. Zu jede dieser Karten gibt es eine spannende Geschichte. Nichts ist ohne Sinn in ihrer Weltordnung. Auch hängt an der Wand ein weißes Papierblatt mit einem auf schlechtem Englisch in Comic Sans gedrucktem Gedicht. Das hat sie bei ihrer Nachbarin gesehen und es hat sie sehr berührt: »Der menschliche Körper ist ein Gasthaus. Alles, was kommt, soll man begrüßen – alle Gefühle, alles Gute, alles Böse.« Der Text ist ein bisschen holprig. Natürlich betont sie das, schließlich ist sie Englischlehrerin. Juliette mag keine Schulgebäude mit rein funktionalen Räumen, zwanghaft geschmückten Fluren und grauen Wänden. Sie fühlt sich überfordert von niedergeschriebenen Regeln, die hier jeden jederzeit begleiten. Sowohl in ihrer Arbeit als Lehrerin als auch in ihrem Leben, als eine freie Person: Sie lässt sich nicht gern verbiegen. Juliette findet schwer eine Antwort darauf, ob sie sich als eine gute Lehrerin sieht. Grundsätzlich hält sie nicht viel von der Autorität der Lehrer in Schulen, empfindet unsere Gesellschaft als zu sehr hierarchisch geprägt, hasst die Attitüden von Allwissenheit und Überkorrektheit. Sie wünscht sich, dass künstlerisches Forschen und strenge Wissenschaft nicht ge-

trennt wären. So versucht sie, den Schülern in der Grundschule mehr Freiheiten zu geben. Zunächst wussten die Kinder nicht, wie sie damit umgehen sollten. Das sorgte für Probleme. Sie hatte Angst, nicht den Anforderungen an eine Lehrerin entsprechen zu können. Mit dem Laufe der Zeit hat Juliette aber ihre Angst verloren und genießt nun einen sehr guten Ruf im Kollegenkreis. Juliette macht einen Wandel durch. Sie versucht, mehr Balance zwischen Nehmen und Geben zu finden. Jahrelang sah sie sich nur als Gebende, die selten etwas zurück bekommt. Sie hat irgendwann gemerkt, dass dies ihr nicht gut tut und hat angefangen an sich zu arbeiten. »Es ist das Schwierigste, etwas an sich zu ändern. Leichter ist es, zu versuchen, andere zu verändern.« Zufällig begegnete sie einer Frau, die Körperarbeit anbietet. Hier hat sie neue Energiequelle gefunden. Juliette löst sich gerade von Freundschaften, die nur ihre Energie rauben und fängt ein neues Leben an. Jetzt möchte sie mehr für Menschen, die ihr wirklich wichtig sind, da sein. Seit dem Sommer achtet sie mehr auf sich und ihre Zeit. Nun hat sie ein gutes Gefühl, und hat auch eine bezaubernde Beziehung, die ihr sehr viel positive Energie schenkt. Auf dem Bücherregal steht eine schöne Ofenkachel. Juliette berichtet, dass sie Backsteine sammelt und sie aus den unterschiedlichste Orten der Welt nach Hause bringt. Viele Backsteine sind aber bei ihr nicht zu sehen. »Die verschenke ich gleich,« sagt sie mit ihrer freundlichen Art. Eines Tages konnte sie nicht an einem Schutthaufen vorbei gehen und fing an, nach einem guten Exemplar zu suchen. Dabei fand sie jene Ofenkachel, die nun ihre Wohnung schmückt – wie ein altes Bild. Sie liebt Burgenlandschaften. Das Alte, das Archaische fasziniert sie. Schon als Kind fand sie Sagen sehr spannend. Sie begeistert sich für alte Geschichten, sucht nach dem Gefühl, welches da schwingt und lässt die Atmosphäre auf sich wirken. Sie ist erstaunt, dass vor so langer Zeit schon Steine gebrannt wurden – was Menschen schon alles geschaffen haben. Ein tiefes Gefühl für eine andere Zeit. Sie erzählt mit einer großen Begeisterung über alte Burgen und wie sie immer versucht, einen oder zwei Steine mitzubringen. Die richtigen Steine wählt sie nach Ästhetik und Zweck. Aus Albanien hat sie ihrem Freund ein kleines Backstein-Stück als Kerzenhalter mitgebracht, aus einer Burg mit grausamer Geschichte. Sie mag dieses Außergewöhnliche. Sozial ist Juliette sehr aktiv. Sie hat mehrere Freundeskreise: Uni-Leute, alte WG-Freunde, die alte russischen Theatergruppe. In ihrer Tanzgruppe fühlt sie sich auch sehr wohl. Das ist eine sehr bunt gemischte Gruppe mit Leuten aus unterschiedlichsten Altersgruppen. Wichtig für sie ist, die Wahrnehmung zu schärfen, der Gruppenprozess interessiert sie am meisten. Juliette hat Sinn für Eleganz und fühlt sich in schönen Sachen wohl. Sie geht eher selten Klamotten kaufen, dafür trägt sie die

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auch sehr lange. Juliette will sich nicht in eine Rolle pressen. Sie schminkt und zieht sich nur dann schick an, wenn sie Lust hat. Sie macht meistens das, was ihr Spaß macht. Früher hat sie sich oft gefragt, was die anderen von ihr denken. Ernst bemerkt sie, dass es nicht so einfach sei, zu verdrängen, was andere über sie denken könnten. Juliette benutzt bewusst keine digitale Netzwerke, da sie Angst von Datenmissbrauch und Zeitraub hat. Nackt fühlt sich Juliette am wohlsten. Nicht um irgendwas zu beweisen und jemanden zu zeigen. Früher fand sie sich hässlich, das war ein sehr großes Thema für sie. Doch irgendwann sagte sie sich »Wenn ich sowieso hässlich bin, warum soll ich mich verstecken?« Damit hat sie ihre Angst verloren. Erstaunlich, wie viel sie an sich selbst arbeitet und wie viel ihr das auch bringt. Text und Bilder von Vera Volkova

I s abel L a t za

Was bleibt

Claudi hatte viel. Von allem genug. Dann kam das Feuer. Es ist eine Geschichte über Identität: dem Erleben von Besitz und Kontrolle und dem Verlust von beidem. Es ist spät in der Nacht, als Claudi von penetrantem Klingeln und Schlägen gegen die Haustür geweckt wird. Sie wohnt am Schlesischen Tor, im Herzen Kreuzbergs, am Puls der Zeit. Doch mit dem ersten Augenaufschlag weiß sie, dieses Mal ist es kein EasyJet-Tourist auf MDMA, kein Penner mit Schnapsfahne oder der Junkie, der doch immer recht freundlich grüßt. Es sind die Weckschreie eines Fremden, der sie und ihre besten Freunde aus dem Feuer retten will.

rikanische 90er-Jahre-Sitcom F.R.I.E.N.D.S., in der eine Gruppe New Yorker Mittzwanziger, drei Männer, drei Frauen, Tür an Tür leben, lieben, streiten, lachen. Claudi lernte ihre Freundin bei der Aufnahmeprüfung an der Berliner Universität kennen. Gemeinsam fanden sie ihre Traumwohnung. Beim ersten Anblick der tapezierten Altbauwände wussten beide: hier müssen wir einziehen! Die Tapeten waren bunt und überall, von rosa über gelb, in jedem Raum ein anderes Muster, sogar an den Zimmerdecken. Etwas Besonderes mit Geschichte. Kitsch und Nostalgie. Woher der Hang dazu kommt, weiß Claudi nicht. Aufgewachsen ist sie in Bernburg, Sachsen-Anhalt. Die erste Begegnung mit den Jungs von oben fand durch einen heimlichen Blick in den Kreuzberger Hausflur statt. »Wir haben geguckt, was die Umzugshelfer für Sachen hochtragen.« Claudi spricht leiser und grinst breiter, als schämte sie sich für das, was jetzt kommt. »Wir wollten wissen: Was sind das für Möbel? Wer wohnt da? Und dann kam eine weiße Ledercouch. Wir dachten nur: Scheiße!« Scheiße, weil durch das Objekt im Hausflur Claudis Imagination seines Besitzers in ihrem Kopf mit ihrem Weltbild abgeglichen wurde und durchfiel. Ein Mensch, der so etwas besitzt, kann keinen Geschmack haben. Der Besitzer des Ledermöbels hatte wider Erwarten keinen zusätzlichen Glastisch und auch keine schwarze Schrankwand, sondern sollte bald einer Claudis engsten Freunde werden. »Ich habe ihn nie gefragt, was diese Couch soll. Ich wollte unsere Freundschaft nicht auf die Probe stellen.« Zu kritisieren, was jemand besitzt, kann heißen, seine Kultur, sein Ästhetikempfinden, seine Identität abzuwerten.

Was tun, wenn’s brennt?

Claudi ist 26, hübsch, von schmaler Statur, aufgeweckt. Sie lacht viel, gern und ansteckend. Wer die Berliner Modedesign-Studentin in ihrer Neuköllner Ein-Zimmerwohnung besucht, der soll sich – das war Plan und Priorität beim Einrichten – wohl und wie zu Hause fühlen. Ihr Zuhause ist woanders. Claudi hasst es, hier zu wohnen. Wohnen zu müssen. »Ich wollte nie in dieses Haus. Niemals wäre ich aus unserer alten WG vom Schlesi weggezogen. Dass ich mich hier nicht wohl fühle, dafür kann diese Wohnung nichts.« Was dafür etwas kann, ist der Brand. Ein Kurzschluss der viel zu alten Stromleitungen in einem Kreuzberger Altbau zwang Claudi vor acht Monaten ihr Zuhause zu verlassen. Den Ort, an dem sie zwei Jahre lang mit ihrer besten Freundin in einer Dreier-Mädchen-WG, eine Etage unter ihren Freunden aus der Dreier-Jungs-WG lebte. Jetzt wohnt sie allein mit Fernseher. Ohne den würde sie sich vollkommen einsam fühlen. »Ekelig oder? Ich gucke die Wiederholung von der Wiederholung von der Wiederholung.« Claudi liebte schon immer die US-ame-

Um zu erfahren, welche Dinge einem Menschen wichtig sind, fragen wir: Was würdest du retten, wenn es bei dir brennen würde? Dieses Gedankenspiel mit dem Feuer war für Claudi in einer warmen Aprilnacht Realität geworden. Im Schlafanzug mit Handy stand sie unter Schock auf der Straße. Zeit, aus Flammen und Rauch mehr außer sich selbst und ihre Mitbewohner zu retten, gab es in jener Nacht nicht. Stattdessen kam Tage später die Umkehrung des Gedankenspiels: »Was bedeutet es, wenn der Verlust der Dinge nichts bedeutet?« Zeichnungen, Stoffe, Musterteile: Ihre angefangene Bachelor-Kollektion war plötzlich in sinnloses Schwarz getaucht. »Das war das Unwichtigste von allem. Was mit meiner Kleidung passierte, war mir egal. Wie kann ich da noch Modedesign studieren?« Der Drang, sich mit roten Lippen, Haardutt und passender Kette zur Oversize-Jacke zu schmücken, war mit dem Feuer ausgelöscht worden. Sie brauchte und wollte in dieser Zeit nicht mehr als Turnschuhe, T-Shirt und Hose. New Balance, American Apparel, Levi’s. Doch vollkommen egal, war es ihr nicht, so, wie sie aussah. Sie wusch sich täglich die Haare, parfümierte sich, trug dezentes Tages-Make-Up. Irgendwann wurden die Lippen wieder rot und die Jeans wichen einem Taillenrock, doch war es

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Wenn du bist, was du hast – wer bist du dann, wenn du nichts mehr hast?


früher allgegenwärtige Intention, widerstrebt es ihr seither, von Leuten auf den ersten Blick als Berliner Modestudentin identifiziert zu werden. Claudi hat weder ihren Studiengang noch ihr soziales Milieu gewechselt. Auch das Bewusstsein, von anderen eingeordnet und bewertet zu werden, hat sie nicht hinter sich gelassen. Noch immer macht sie sich Gedanken, selbst dann, wenn die Wahl auf ein mausgraues Baumwollshirt fällt. Nur will sie nicht mehr, dass es aussieht, als hätte sie sich überhaupt Gedanken gemacht. Sie hinterfragt verstärkt ihr Selbstbild und damit Sinn und Ziel ihres Studiums. Bereits drei Tage nach der Feuernacht hat Claudi in Polizeibegleitung zum ersten Mal ihre Wohnung wieder betreten. Die Hausfassade sollte noch länger schwarz bleiben, die Glasscherben der zersprungenen Fenster noch etliche Wochen als Zeugen auf der Straße liegen. Was sie hinter ihrer alten Wohnungstür erwartet, wusste sie nicht. Nur was da sein sollte. Aus rechtlichen Gründen musste sie die Tür selbst aufschließen. Viel zu früh, sagt sie heute. Woran sie sich erinnert, ist schlimm und schwarz. Denken konnte sie bei dem ersten Hindurchgehen nicht viel. Als ihre Sinne mehr aufnehmen konnte als Feuer- und Rauchgeruch, war ihr Gedanke: Was ist mit meinen Büchern und Zeitschriften? Seit zwei Jahren arbeitet Claudi bei dem international bekannten und renommierten Berliner Shop Do-you-read-me?!, verkauft dort Magazine und Lektüre der Gegenwart. Sie selbst besitzt mindestens zweihundert Druckerzeugnisse aus den Bereichen Mode, Fotografie, Kunst, Kultur. Noch immer, denn Bücher schmeißt man nicht weg. Das hat sie schon früh von ihrer Mutter, einer Bibliothekarin, gelernt. Zielorientiert sammelte sie jedes ihrer schwarzen Buchexemplare, jede verdreckte Magazinausgabe aus dem Chaos und legte sie behutsam in der ganzen Küche aus. Die Fenster, die heil geblieben waren, sperrte sie weit auf, so dass jede Seite lüften und auch vom letzten schwarzen Rußpartikel befreit werden konnte. Alles andere als Bücher und Zeitschriften wollte sie wegschmeißen. Nichts mehr sehen, auch keine Gegenstände voll positiver Erinnerungen an die schöne Zeit des Zusammenlebens. In ihnen sah sie nur noch das Schlimme. Wieder war es ihre Mutter, die sie davon überzeugte, sich nicht von allem zu trennen. Sich trennen, das konnte Claudi vor dem Brand nie gut. Wochenlang weinte sie, feierte eine Riesenabschiedsparty, bevor sie einst für ein Praktikum von Berlin nach Stockholm ging. Das Praktikum dauerte vier Monate. Heute ist sie froh, dass ihre Mutter damals vieles mit nach Braunschweig nahm, wohin Claudi mit 16 Jahren zusammen mit ihr und der jüngeren Schwester zog. Losgelöst vom Unglücksort hatte sie da einen neutraleren Blick auf die übergebliebenen Dinge. Ein Bauernschrank, drei Stühle, zwei Lampen, eine Kommode, eine Schreibmaschine. »Was sie (ihre Mutter) mitnahm, waren einmal Geschenke gewesen. Darin sieht sie den Menschen. Das ist nicht zu ersetzen. Als klar wurde, der geringe Schadensausgleich der Versicherung wird einen Neukauf aller Dinge finanziell nicht möglich machen, wusch Claudi auch ihre Schneiderpuppe und sortierte in Braunschweig die von ihrer Mutter reingewaschene Kleidung.

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Alle Möbel lackierte sie weiß. Mit Monaten des räumlichen Abstandes, auch innerhalb Berlins, weiß Claudi: der Brand selbst war dennoch eine Befreiung. Die Wohnung vorher war schön gewesen, aber erdrückend. Sogar die Decken waren tapeziert! Sie erzählt mit raumfüllender Gestik, wie sie früher unter der Woche in Second-Hand-Läden Unmengen an Kleidung für wenig Geld kaufte, jeden » Da s waren Sach en Sonntag haufenweise Kram auf Flohmärkfür s H er z . ten erbeutete. »Das waren Sachen fürs « Herz.« Sie besaß etwa zehn Nähkästen. Aufgereiht standen sie auf Regalen, zwischen unzähligen Schatullen voll Nippes, bis unter die hohen bunten Altbaudecken. Das Alte war das Schöne. Auch ihr Handy, das sie in der Brandnacht bei sich trug, war alt. Claudis Blick wandert auf den weiß überstrichenen Küchentisch ihrer neuen Wohnung. Auf ihm liegt ein iPhone, ja ihr iPhone. »Ich bin erwachsen geworden.« Nie war ihr Technik wichtig, das Ansehen anderer schon. Scherzhaft gesteht sie, es leid gewesen zu sein, dass sich alle wegen des alten Handys über sie lustig machten. »Aber ich vertraue dem Ding nicht. Mein altes Handy ist noch immer mein Wecker. Schließlich kenne ich es schon länger.«

Das Neue danach Die Angst, bei Gefahr nicht geweckt zu werden, begleitet sie jede Nacht. »Wenn hier etwas passiert, wer sagt mir dann Bescheid? Auf dich achtet hier kein Mensch.« Wo ihr vor Monaten noch Freunde Sicherheit gaben, findet sich in ihrer ersten eigenen Wohnung kontrollierte Harmonie durch Objekte. Claudi sagt, sie habe immer Bilder im Kopf, wie alles aussehen muss. Sie liebt es, Dinge zu drapieren, bis zum perfekten Idealbild. In jeder Ecke ihrer großräumig geschnittenen 40-Quadratmeter-Wohnung materialisiert sich dieses strukturierte Ästhetikkonzept. »Neben der alten Schreibmaschine muss genau diese Lampe stehen.« Claudis Wohnung ist spärlich möbliert, aber mit Bedacht arrangiert. »Alles hat seinen Platz.« Dass Claudi einmal Museumskunde studieren wollte, wundert nicht. Eine Sammlung von analogen Kameras steht hinter der Glasscheibe eines 50er-Jahre Holzschränkchens. Fotografische Bilder stellt sie mit diesen Kameras kaum noch her. Dank digitalen Effekten und Filtern kann heute jeder hässliche Handy-Bilder schön machen, das findet Claudi zwar unecht, benutzt es dennoch manchmal selbst. Eine Fotokiste mit bildgewordenen Erinnerungen an Freunde und Momente hat sie aus dem Brandhaus mitgenommen. Früher sei sie eine Verpackerin gewesen, heute muss alles offen sein. An ihrer weiß gestrichenen Flurwand umfasst ein goldener Vintage-Rahmen genau zwanzig schwarz-weiße Bildstreifen aus

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Photoautomaten. Claudi hat sich und ihre Freunde in eine geometrische Komposition gebracht, die von einem kleinen Quadrat in der unteren rechten Ecke perfektioniert wird. Auf der schwarzen Fläche steht in weißen Lettern All yours. Alles in dieser Wohnung gehört Claudi. Das ist nach jahrelangem WG-Leben neu und ein erfüllendes Gefühl. Keine zwei Wochen dauerte es, bis sie in ihrer Küche wieder Gastgeberin sein konnte. Dann ist der Tisch gedeckt, aber zum ersten Mal ausschließlich mit Tellern, Tassen und Schüsseln, die sie schön findet und deswegen gerne benutzt. »Auch Küchengeräte, die ich nicht benutze, würde ich kaufen. Wenn sie im Sonderangebot sind.« Dabei sind ihr Qualität und Marken egal. Was zählt, ist es, die günstige Chance zu nutzen und sich die Optionen zu sichern, die die Geräte bieten: Ein Waffeleisen, sollten Gäste spontan vorbeikommen, einen Mixer, wenn sie einen Geburtstagskuchen backen wollen würde.

Küche mit Konjunktiv Claudi verbringt die meiste Zeit hier, kocht jedoch weitaus weniger, als sie mit ihren Gerätschaften könnte. Unfehlbar greift sie in das offene Regal hinter sich: »Diesen Zwiebelhacker benutze ich nie. Wie soll man den reinigen? Das ist doch ekelig. Aber ihn zu haben, das ist toll.« Toll ist daran auch, dass so sein Platz im Regal nie leer steht. Tee aus ihrer rosa Kanne, Position linkes Regal, oberster Boden, rechts, trinkt sie lieber im Schlaf-/ Wohnzimmer. »Gerne hätte ich zwei dieser Teekannen. Das würde mich am glücklichsten machen.« Sie benutzt ihre Dinge, weil sie schön sind, und sie hasst das Unschöne am dadurch zerstörten Gesamtbild. Wünscht sich Claudi eine von ihr perfekt eingerichteten Wohnung und eine identisch aussehenden Gebrauchswohnung? Das würde sie nicht wollen. Gruselig findet sie diese Vorstellung. »Das perfekte Bild ist tot, wenn man es nicht antastet.« Claudi fängt an, nervös zu grinsen. In diesem Moment wird nebenan ihr Schlafzimmer im Bild festgehalten. »Ich weiß, dass der Vorhang über der Heizung hängt. Es sollte vorhin schnell warm werden. Dass das jetzt so fotografiert wird, macht mich wahnsinnig.« Zusammen gehen wir rüber. Während Claudi herzhaft lacht, rückt sie den beige-farbenen Vorhang so hin, wie er sein soll. Ob sie einen Ordnungszwang hat? »Nein. Einen Ästhetikzwang vielleicht.« Wer ihr Schlafzimmer betritt, sieht als erstes ihr Bett. Drei weiße IKEA Expedit-Regale mit großen quadratischen Fächern sind der Unterbau für ihre schwarzbezogene Matratze. Hier, etwa einen Meter über den Holzdielen, schläft sie umringt von ihren geliebten Magazinen und Büchern. Das Bett hat sie selbst konstruiert. Und auch, welche Magazine man in den Fächern zuerst sieht, hat sie dabei mitbedacht. Bühne und Dramaturgie:

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vielleicht geht Claudi nach dem Studium zum Theater. Sie liebt es, mit Kleidung und Kostümen einen Charakter zu erschaffen. Sein Bild zu prägen. Da ist die Hose wichtig, weil es genau diese Hose ist. Nie will sie als selbstständige Modedesignerin in einem kleinen Atelier mit Verkaufsräumchen enden. Mode zu verkaufen, hieße sie loszulassen. Was der Käufer damit macht, unterliegt nicht mehr der Kontrolle des Designers. Kontrollieren kann Claudi von ihrem Bett aus. Von hier überblickt sie den Raum. Was unter dem Bett verstaut wird, sieht man nicht. Da ist ihre Ramsch-Ecke. Stoffe, Kram, eine Menge Zeug. Hier schmeißt sie alles rein. Claudi erzählt, wie sie in ihrer Jugend so unordentlich war, dass manche ihrer zehn Tanten und Onkels ihr Zimmer jahrelang nicht betreten haben. Oder betreten durften. Jetzt hat sie die Kontrolle. In ihrer Wohnung minimiert sich die Unordnung auf eine Fläche von zwei Meter mal ein Meter und vierzig. »Ich schlafe auch noch auf meinem Unruheherd.« Nachts bleibt sie manchmal wach und räumt auf, selten, aber irgendwann dann auch ihre Ramschecke. Die Parallelen zu dem Charakter Monica Geller von Claudis Fernseh-F.R.I.E.N.D.S. entdeckt sie selbst. Sie will so nicht sein, ist sie auch nicht. Aber auch wie Monica findet Claudi Unordnung, die von Gästen verursacht wurde, nicht schlimm. Das richtet sie hinterher schon wieder. Monica ist Sterneköchin. Claudi träumt, selbst mal eine Herberge zu haben. Oder ein Café, mit ein, zwei Tagesgerichten und einer kleinen Treppe. So eins kennt sie in Hamburg.

Kommt Zeit, kommt Stil Wenn man aus Braunschweig kommt, bleibt man da oder geht entweder nach Hamburg oder Berlin. Sie ist froh sich damals gegen die Stadt im Norden entschieden zu haben, in der viele ihrer Freunde schon damals wohnten. Sie ist kein Hamburger Perlhuhn mir Ohrringen, Fell und Seidentuch an der Longchamp Tasche. Ihre Freunde dort sind das auch nicht, aber sie passt trotzdem besser nach Berlin. Claudi erinnert sich daran, dass sie schon früh Dinge als Zeichen nutzte, Zugehörigkeit und Abgrenzung zu kommunizieren. Vegetarierin wurde sie mit dreizehn, weil ihre Cousinen und Daniel Johns kein Fleisch aßen. Claudi fühlte sich ihrem Schwarm, dem Sänger der Grungeband Silverchair, so verbunden. Einen Sommer lang war sie Blumenkind, das sich die Haare mit Henna färbte, und selten Schuhe trug. Später kaufte sie Ballerinas vom selben Modell in drei verschiedenen Farben und trug diese farblich perfekt abgestimmt zu Ohrringen und BH-Träger. Letztere zeigte sie nicht, nur für den Fall, dass sie hervor blitzen, alle sollten sehen: Sogar das passt bei Claudi zusammen. Pubertierend in den Nuller-Jahren, scheint das typisch für eine Generation, die sich selbst sucht, als es modisch schon fast alles gab. Gecastete Popsternchen werden zu Stilikonen, dank dem Internet kann eh jeder sein, was er möchte. »Heute bin ich Hippie. Morgen HipHop.« Entschieden unentschlossen bedienen wir uns aus dem vielfältigen Stil-Pool der Vergangenheit und konstruieren so unsere Identität.

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Als der Hausbrand alles schwärzte, was Claudi hatte, bot ihr das die Möglichkeit zur Selektion. »Was verkörpert es? Was will ich noch sein?« Bevor sie vor der Wahl stand, stand sie vor dem Abgrund. Wochen nach dem Feuer war das Sicherheitsschloss der Polizei nicht mehr an der Wohnungstür. Claudis Hausschlüssel wurde ihr nie abgenommen. So ging sie alleine in die Wohnung. Wo vorher ihr Zimmerboden war, klaffte ein Loch. Unter Tränen des Schocks lief Claudi in den nächsten Blumenladen und kaufte nur weiße Blumen. Weiß ist rein und unschuldig. Etwas Magisches ist für sie auch, dass der Brandmelder in ihrer neuen Wohnung kurz nach dem Anbringen wieder von der Wand fiel. »Vielleicht ist es das Zeichen, Claudi, den brauchst du nicht.« Sie sagt, sie sei weder gläubig, noch abergläubisch – sie hat einen Plan. Sollte es hier einmal brennen, wüsste sie, sich zu retten. Über den Dachboden, da hat sie sich versichert, der ist offen. Claudi hatte viel. Jetzt hat sie weniger, nur noch ausgewählte Dinge. Wer Claudi heute ist, kann sie nicht sagen. Anders als vor dem Brand, das merkt sie. Schneller zieht sie sich zurück, ist unsicher. Weniger rigoros als früher. Hatte sie früher irrationale Angst vor Verlust, so hat das reale Verlieren von Dingen und Umgebung die Angst schlimmer gemacht. Sie zweifelt häufiger, kann folgenreiche Entscheidungen schlechter fällen. An ihren einst geliebten Kitsch und die floralen Tapeten an Wänden und Decken erinnern jetzt nur noch die wenigen gerahmten Flohmarkt-Blumenbilder an der weißen Küchenwand. Die Sanierungsarbeiten in ihrer alten Wohnung dauern bis heute an. Noch steht die Wohnung leer. Wer auch immer da einzieht, Claudi würde diese Menschen hassen. Und bemitleiden. Der Brandherd wurde bis heute nicht behoben, die gefährlichen Stromleitungen sind noch immer da. Für Claudi wird etwas neues beginnen. In den nächsten Wochen wird sie ihr Modedesign-Studium abschließen. Ihre Abschlussarbeit trägt den Titel If it leaves – Was bleibt. Text von Isabel Latza, Bilder von Christina Bugge

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» G eg e n s tä n d e s i n d r a ffi n i e r t; sie l assen uns nicht merken, w i e s e h r s i e u n s e r E m pfi n d e n bestimmen. Man muss sie schon g e n au i n d e n B l i c k n e h m e n , u m i h n e n au f d i e S c h l i c h e zu ko m m e n . S o ko n k r e t s i e au c h s e i n m ö g e n – s i e ag i e r e n g e w ö h n l i c h i m H i n t e rg ru n d … «

Daniel Miller

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[K]

[A]

2 8 0 Afif el Hadi                  4 5 Aline Henkys                 41 Amadeus Fronk                 5 6 Andrés Agudelo                 1 1 6 Aniko Stübner                 3 2 5 Anja Bartelt                  1 2 0 Anneke Goertz             [ B]

7 3 Benjamin Erxleben           [C ]

2 3 5 Caroline Prange                2 9 3 Christian Bernhardt               4 9 Christian Petrelli                1 9 3 Christina Bugge                 2 8 8 Christina Nath

register

[ D]

3 0 3 David Elsche                  3 2 0 Dirk Handkammer            [E]

2 4 8 Ekaterina Gavrilova                8 7 Eva J. Schönfeld                1 8 Eva Lechner

2 5 5 Katharina Fischer                2 1 6 Kathrin Kuhn                 2 5 Kiran Nelgen              [ L]

1 0 6 Laura Reggentin                 9 1 Lisa Knüver                  1 1 0 Lorenz Koch                  2 2 6 Louis Weidenkopf            [M]

2 2 3 Markus Becken                 1 0 0 Markus Wutzlhofer               1 3 5 Maria Rittwag                 3 0 0 Marie Adler                  1 5 5 Marie Schumann                2 4 3 Marius Land                 2 6 5 Max Wosczyna             [N]

1 3 1 Nadine Todtmann                1 2 4 Niclas von Steen                 2 0 3 Nicole Meckel                  6 5 Nisha Merit von Carnap              1 9 8 Niza Dillman                  3 1 6 Nora Gajewski             [O]

[F]

3 6 Fabian Frischmann

6 9 Oliver Matelowski           [P]

[G ]

2 5 3 Giorgi Zatuashvili            [H]

1 4 1 Peer Hempel              [ R]

2 1 2 Heiko Rintelen             [I]

1 8 8 Robert Steinmüller            [S ]

1 7 2 Ina Soth                    3 3 0 Insa Bortfeldt                  3 3 8 Isabel Latza              [J ]

2 7 3 Jana Marlene Lippert               9 7 Jan Muschke                  5 9 Jasmin Fayad                  8 0 Jennifer Kuhl                  2 9 6 Johanna Höflich                 3 0 Jonas Villmow                 3 0 8 Juliane Stutz                  1 8 0 Julica Sistig

1 6 0 Sascha Rödiger                1 6 5 Sarah Klemisch                 1 4 5 Simon Staib                   2 2 9 Stefanie Paeschke                1 7 7 Steffen Gabel              [T]

2 3 9 Thomas Fritsch                2 5 9 Tim Jolas                   2 8 3 Tobias Jänecke                 1 4 8 Tony Ziebetzki             [V]

3 3 5 Vera Volkova                  8 3 Veronika Teichmann

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Ti t el

Dinge, Räume und persönliche Identität – 66 Porträts       H e r au s g ebe r  Rainer Funke      Redak t i o n

i m pr e s s u m

Rainer Funke, Johanna Goldmann, Susann Greuel,     Susann Massute, Heiko Rintelen   Ge s t al t un g und Sa t z

Johanna Goldmann, Susann Greuel, Susann Massute

Sch r if t en

Floris & CorpidOffice – gestaltet von Luc(as) de Groot      D r uck      Oktoberdruck Berlin     P apie r  innen – Circle matt white 10 0g/qm, außen – Circle matt white 30 0g/qm Diese Publikation ist auf 100 % Altpapier mit mineralölfreien

gedruckt, Zertifikat Blauer Engel. Farben

InterFlex Diese Veröffentlichung ist Resultat einer interdisziplinären Lehrveranstaltung an der Fachhochschule Potsdam, finanziert aus Mitteln des Projekts InterFlex – Förderung von Interdisziplinarität und Flexibilität zur Integration von Forschung, Wissens- und Technologietransfer in die grundständige Lehre. InterFlex wurde im Rahmen des vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und der Kultusministerkonferenz ausgelobten Wettbewerbs Exzellente Lehre ausgezeichnet und wird mit Mitteln des Stifterverbandes und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg realisiert.

I S B N

3 – 934329 – 55 – 1        B e s t ellun g en

Dinge, Räume und persönliche Identität; 66 Porträts / hrsg. von Rainer Funke. –

über die Fachhochschule Potsdam Pressestelle, Postfach 60 06 08     14 4 06 Potsdam presse@fh-potsdam.de

1. Aufl. – Potsdam: Fachhochsch., 2013. – 356 S. : 253 Ill. ISBN: 3 – 934329 – 55 – 1 NE: Funke, Rainer [Hrsg.]

W eb

http://design.fh-potsdam.de/forschung/publikationen.html

Rech t e

Texte und Bilder in Verantwortung der Autoren des jeweiligen Beitrags. Die Namen der in den Texten beschriebenen Personen wurden geändert. Bilder auf Seite 347–349 von Tobias Faisst

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Dinge, Räume und persönliche Identität 66 Porträts Was haben Dinge und Räume mit persönlicher Identität zu tun? Wahrscheinlich herrschen darüber eher diffuse Vorstellungen. Diese Zusammenhänge im Detail aufzuspüren und zu betrachten war Ziel der vorliegenden Studie. Im Wintersemester 2012/13 haben Studierende aus den Bereichen Design, Architektur und Kulturarbeit der Fachhochschule Potsdam im Fach „Designtheorie“ Interviews mit Freunden bzw. Bekannten geführt, also mit Menschen, von deren Persönlichkeit die Interviewer schon ein gewisses Bild hatten, ohne jedoch stark emotional verwickelt zu sein. Biografische und gesellschaftlich medial vermittelte Faktoren der persönlichen Identifikationsprozesse wurden exemplarisch beschrieben, erklärt und mit Fotos ergänzt. Im Mittelpunkt standen die jeweils individuellen Wechselwirkungen von persönlichen Idealen, Wertvorstellungen, Zielen, Träumen, internalisierten Normen und Rollenbildern mit den Dingen und Räumen des Alltags in ihrer konkreten, gestalteten Form. Entstanden sind 66 Porträts von Menschen, die in unterschiedlicher Weise ihr Leben mit Dingen ausstatten und diese nutzen, um sich auf sich selbst und auf andere Menschen zu beziehen.

ISBN: 3-934329-55-1 Fachhochschule Potsdam


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