Skip to main content

Walker: Die Alpen im Lied der Schweiz

Page 1


DIE ALPEN IM LIED DER SCHWEIZ

Gesungene Alpenbilder zwischen Konstruktion und Authentizität

Autor und Verlag danken für die Unterstützung:

Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung Fondation Suisse pour Recherches Alpines Fondazione Svizzera per Ricerche Alpine Swiss Foundation for Alpine Research

Der Zytglogge Verlag in der Schwabe Verlagsgruppe AG wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2026 – 2028 unterstützt.

© 2026 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Karin Reber

Korrektorat: Philipp Hartmann

Umschlaggestaltung: Roman Walker (Bild: Simon Quick)

Layout/Satz: Studio Eberlein, Leipzig Druck: Finidr, Tschechische Republik

Printed in the EU

Herstellerinformation: Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@zytglogge.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR: Schwabe Verlag GmbH, Marienstrasse 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN: 978-3-7296-5207-1 www.zytglogge.ch

DIE ALPEN IM LIED DER SCHWEIZ

Gesungene Alpenbilder zwischen

Konstruktion und Authentizität

Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern

vorgelegt von Roman Walker 20-456-463

Eingereicht am: Freitag, 21. März 2025

Erstgutachter: Prof. Dr. Boris Previśič Zweitgutachterin: Prof. Dr. Sylvia Bendel Larcher

Inhaltsverzeichnis

2.1 Etablierung eines alpinen Bilderhaushalts 24 durch Albrecht von Haller

2.2 Alpenbild und nationale Identität

2.2.1 Alpenbild-Konstruktion mit Pinsel und Stift

2.2.2 Nationale Identitätsbildung:

Vorboten und Faktoren seit dem 17. Jahrhundert

2.3

2.3.1 Alpenabsenz im neuen Schweizerlied

des 18. Jahrhunderts

2.3.2 Alpeneuphorie der Unspunnen-Liedsammlungen 75 des 19. Jahrhunderts

2.3.3 Migration gesungener Alpenbilder 83 im 20. Jahrhundert

3.1

des Begriffs durch Herder

3.1.2 Mit Kinderaugen sehen – 111 Overbecks Kreation des Kinderlieds

3.1.3 Abschied vom Volkslied? 115

3.2 Das Volkslied in der Schweiz 121

3.2.1 Pionierjahre der Schweizer Liedforschung 122 mit Hanns in der Gand

3.2.2 Das Schweizer Volkslied inmitten 142 der Liederbücherflut

3.2.3 Wirkmächtigkeit des Volkslieds 170 am Beispiel «Euse General Wille»

4 DIE ALPEN IM LIED DER SCHWEIZ

4.1 Volkslieder mit Alpenbezug

4.2 Detailanalysen ausgewählter Volkslieder

4.2.1 Lueget vo Bergen und Tal

4.2.2 Rigilied

4.2.3 Le vieux chalet

4.2.4 Che bel sulai sur munt e val

4.3 Liedübergreifende Erkenntnisse

5

5.1

5.2 Die Alpen im Musizieren der Gegenwart

Literaturverzeichnis

5.5 Abbildungsverzeichnis

1 AUFTAKT

Wer sich im Kanton Uri näher mit den Alpen befasst, kann beobachten, wie die Menschen der Region eine individuelle, sehr konkrete Vorstellung der Alpen pflegen. Ihre inneren Bilder sind aus naheliegenden Gründen primär durch eigene Erfahrungen und eigene Beobachtungen entstanden. Wer im Herzen der Alpen wohnt, kann sich der direkten Prägung durch die Alpen nicht entziehen.

Doch auch wer nicht inmitten der Alpen lebt und nicht tagtäglich mit ihnen in Berührung kommt, entwickelt – zumindest in der Schweiz – ein Alpenbild. Es speist sich aus der beeindruckenden Fernsicht bei günstigen Wetterbedingungen und aus eigenen Ausflügen. Ergänzend zu diesen individuellen Beobachtungen prägen eine Vielzahl weiterer Medien, von den ersten Reiseberichten aus dem 18. Jahrhundert bis heute, indirekt das Alpenbild. Nach den Reiseberichten wurden grossformatige Ölgemälde, Bergpanoramen, Stiche oder gar Tapeten mit Alpensujets für die Verbreitung der Alpenbilder wirksam. Massenhaft produzierte Postkarten, Kalenderbilder, Ferienprospekte oder Bildbände erreichten im vergangenen Jahrhundert die ganze Gesellschaft, und auch die moderneren Medien wie Radio, Film und Fernsehen tragen wesentlich zur Verbreitung eines weitgehend ausseralpin konstruierten Alpenbilds bei.

Das vorliegende Buch erforscht das Alpenbild anhand eines weiteren, bisher noch nicht mit diesem Fokus beachteten Mediums: dem Volkslied. Verschiedene Begriffe und Zusammenhänge in seinem Umfeld sollten jedoch im Vorfeld erläutert werden.

Grundlagen

Um den vielschichtigen Begriff «Volkslied» in einem allgemeinen Verständnis fassbar zu machen, geht der Blick eingangs zurück zur Entstehung dieser besonderen musikalischen Form (vgl. Kapitel 3.1 Das Volkslied als musikalische Gattung?). Hier steht Johann Gottfried Herder im Mittelpunkt, gefolgt von einem kleinen Exkurs zum Kinderlied bei Christian Adolph Overbeck. Der zweite Teil des Kapitels wendet sich spezifisch dem Volkslied in der Schweiz zu. Wir gehen mit dem Urner Liedforscher und

Lautensänger Hanns in der Gand auf Liedsammelfahrt im Alpenraum und erhalten ein konkretes Bild der Pionierjahre der Schweizer Volksliedforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier zeigt sich konkret, wie das Volkslied über Jahrhunderte nahezu alle Gesellschaftsschichten erreichte und lange vor Reiseberichten, Ölgemälden, Bergpanoramen oder Postkarten zur Alpenbildkonstruktion in den Köpfen und Herzen der Singenden und Zuhörenden beitrug. Ähnlich einem Eisbohrkern, der über die klimatische Entwicklung der letzten Jahrhunderte Auskunft gibt, kann das Volkslied zum Fenster in eine andere Epoche werden. Es gibt vielseitige Hinweise zur Gesellschaft in einer konkreten Zeitspanne und einer begrenzten Region. Das Volkslied wirkt zum einen dank seiner emotionalen Dimension. Diese kann so mächtig sein, dass der Schweizer Priester und Historiker Johannes Duft festhielt: «Gesang als Ausdruck der Seelenstimmung ist dem Menschen arteigen und somit so alt wie die Menschheit selbst.»1 Zum anderen erfüllt das Volkslied weitere Funktionen, die sich teils auch für konkrete Zwecke instrumentalisieren lassen. So kommt dem Singen in Gemeinschaft eine besondere Bedeutung zu. Heute ist belegt, welch grossen Einfluss ritualisierte Gruppenerlebnisse auf das Memorisieren haben. Ein oft wiederholter Text gräbt sich in die Erinnerung ein. Wird dieser Text gar in Gemeinschaft gesungen, steigert dies das Erinnerungsvermögen.2 Obwohl das Volkslied im Kreis der Singenden eine gewisse Beheimatung vermitteln kann und bestenfalls auch unterhaltend wirkt, hatte es im Interesse von kirchlicher oder weltlicher Obrigkeit stets auch zu bilden, zu erziehen, zu prägen oder einfach das Denken der Singenden, Zuhörenden oder Lesenden zu justieren. Dass auch in der Schweiz bisweilen von einer Indienstnahme des wirkmächtigen Volkslieds durch konkrete Interessengruppen gesprochen werden kann, wird sich beispielhaft an einem Soldatenlied aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zeigen (vgl. Kapitel 3.2.3 Wirkmächtigkeit des Volkslieds am Beispiel «Euse General Wille»).

Der meist weit gefasste Begriff des Volkslieds bedarf für die vorgesehene vergleichende Untersuchung einer gewissen Eingrenzung.

Insbesondere dem Volkslied nahestehende alpine Gesangsformen wie die litaneiartigen Kühreihen können ihrer Alpennähe wegen nicht unerwähnt bleiben. Sie wurden ab dem 18. Jahrhundert in ganz Europa als besonders naturnahe Trouvaillen alpiner Kultur populär und haben viele später entstandene Volkslieder geprägt. In den Volksliedsammlungen finden sie sich meist kommentarlos zwischen den Volksliedern, unterscheiden sich jedoch in ihrer musikalischen Form stark von ihnen. Mit der klassischen, durch Strophen und Kehrverse geprägten Volksliedform haben sie wenig gemeinsam. Auch inhaltlich sind sie nicht mit dem thematisch völlig offenen Volkslied vergleichbar, denn Worte und Gesangssilben des Kühreihens dienen auf der Alp nur einem Ziel: dem Zurückrufen der Kühe von der Weide fürs bevorstehende Melken. Aus diesen Gründen wird der Kühreihen später lediglich vorgestellt, jedoch nicht im Vergleich mit anderen Volksliedern im Rahmen von Detailanalysen erforscht.

Auch das Jodellied, das in der Schweiz erst mit der Gründung des Eidgenössischen Jodlerverbands 1910 populär wurde, kann nicht Teil des Korpus sein. Einerseits stellt es in der Schweiz ein junges, aus dem Tirol importiertes Phänomen dar, andererseits sind die inhaltsfreien Jodelsilben für eine textliche Erforschung der Alpenbilder gänzlich ungeeignet. Dazu bedarf es jedoch einer weiteren Präzisierung, denn es sind zahlreiche traditionelle Volkslieder bekannt, die erst im Zuge einer späteren Erweiterung durch Jodelrefrains oder Jodeleinschübe zum Jodellied wurden. Diese Lieder sind ihrer jodelfreien Ursprungsform wegen von Interesse, denn auch der Liedwandel, hier unter dem Einfluss des Jodelbooms, kann bedeutend sein (vgl. dazu Kapitel 4.2.2 Rigilied).

Zu Beginn der Forschungsarbeit war meine Absicht, das Schweizer Volkslied vor dem Ersten Weltkrieg und eine Generation später zur Zeit des Zweiten Weltkriegs auf seine Alpenbilder hin zu untersuchen. Im Zug der näheren Auseinandersetzung mit dem Gegenstand hat sich jedoch gezeigt, dass dieser Gedanke nicht zielführend ist. Das Volkslied wirkt in der Gesellschaft durch seine meist mehrhundertjährige Lebensdauer in äusserst langen Zyklen. Daher hat sich die auf Alpentopoi ausgerichtete Arbeit an

den prägenden Alphirtenfesten in Unspunnen/BE (ab 1805) orientiert und den Zeitrahmen von Beginn des volksliedseligen 19. Jahrhunderts bis hin zur technisch-infrastrukturellen Modernisierung der Schweiz Mitte des 20. Jahrhunderts gesteckt.

In der Auseinandersetzung mit dem identitätsprägenden Volkslied ist immer wieder von der Schweiz die Rede, doch welche Schweiz ist damit gemeint? Gerade im oben genannten Zeitraum darf sie nicht als fixe Grösse betrachtet werden. Just in diesen rund 150 Jahren entwickelt sie sich sukzessive zur stabilen Staatsform, was nach den Wirren des Sonderbundskriegs im Jahr 1848 in die Annahme einer tragfähigen Verfassung durch alle damaligen Kantone mündete. Erst auf dieser Grundlage konnte sich die moderne Schweiz zur heute etablierten Staatsform entwickeln. Ob dabei das von den Alpen singende Volkslied als Vorspiel oder Begleitmusik eine Rolle spielte, wird im nächsten Kapitel diskutiert (vgl. dazu Kapitel 2.3 Das gesungene Alpenbild). Doch auch das im Lied singend transportierte Alpenbild hat eine Herkunft. Weil sich der Universalgelehrte Albrecht von Haller als Alpenbildkonstrukteur besonderer Ausstrahlung erwiesen hat, muss seinem Lehrgedicht «Die Alpen»3 aus dem Jahr 1729 besondere Beachtung geschenkt werden. Er legte den vielseitigen Reichtum der Alpenbilder erstmals (im wahrsten Sinne des Wortes) verdichtet dar. Die insgesamt 49 zehnzeiligen Strophen sind nach mehreren Wanderreisen in den Walliser und Berner Alpen entstanden und atmen ganz offensichtlich den Geist Jean-Jacques Rousseaus. Ihnen wird eine besondere, ja zündende Wirkung auf die Alpeneuphorie in der Schweiz und ganz Europa zugeschrieben (vgl. Kapitel 2.1 Etablierung eines alpinen Bilderhaushalts durch Albrecht von Haller). Falls sich von Hallers dichterisch festgehaltene Alpenbilder im Schweizer Volkslied tatsächlich wiederfinden sollten, erhält der Buchtitel dieser Forschungsarbeit im doppelten Sinne Gültigkeit. Dann könnten auch «Die Alpen», also Albrecht von Hallers Gedicht, im Lied der Schweiz gemeint sein.

Von Hallers Alpenbegeisterung trug in der noch werdenden Schweiz vor allem in seinem Heimatkanton Bern Früchte, was sich an den ersten Unspunnenfesten zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigt. Den eigens für die Volks- und Hirtenfeste

zusammengestellten Liedsammlungen können vielseitige Fragen zum gepflegten Liedgut in den jeweiligen Festjahren gestellt werden: Wie wird der Bilderhaushalt unserer alpinen Symbole in den unspunnschen Liedsammlungen gestaltet? Etablieren sich diese Alpenbilder im Wandel der Zeit? Wann haben sie Konjunktur? Welche Landessprachen sind durch eigene Lieder präsent?

Anlässlich welcher Unspunnenfeste wird das Schweiz-Sein besonders im mehrsprachigen Singen zelebriert? Wie lassen sich diese Entwicklungen erklären? Welche Bedeutung haben die Alpen für die Schaffung eines regions- und kantonsübergreifenden Schweizer Volksliedguts? Diesen Fragen geht das Unterkapitel entlang der Unspunnen-Liedsammlungen nach (vgl. Kapitel 2.3.2: Alpeneuphorie der Unspunnen-Liedsammlungen des 19. Jahrhunderts).

Nebst Albrecht von Haller haben noch weitere Gelehrte das Bild der Schweizer Alpen geprägt, denn das durch ihn einmal geweckte Interesse am Alpenraum löste einen Boom an Schweizreisen wohlhabender Gelehrter aus. Die von Johann Gottfried Ebel, Karl Spazier oder auch Johann Wolfgang Goethe verfassten Reiseberichte erzielten durch ihre hohen Auflagen grosse Breitenwirkung weit über die Schweiz hinaus. Weitere Beiträge zur Alpenbildkonstruktion werden im nächsten Kapitel diskutiert.

Im Rahmen der Liedanalysen wird sich in Kapitel vier zeigen, ob das Schweizer Volkslied tatsächlich stark aus von Hallers Alpenbilder-Fundus schöpft. Wenn dem so sein sollte, kann auch die Auswahl, Entwicklung und Neubewertung der Bilder genauer betrachtet werden. Anhand eines aus dem Lehrgedicht «Die Alpen» extrahierten Themenkatalogs (vgl. Abb. 1) kann die sprachliche Analyse der Lieder mit dem Gedicht abgeglichen werden.

Korpus

Das Schweizer Volkslied aller vier Schweizer Landessprachen pauschal zum Korpus der vorliegenden Forschungsarbeit zu erheben, wäre in Anbetracht der anspruchsvollen Fassbarkeit und Übernutzung des Begriffs zu wenig konkret. Dem Volkslied nahestehende oder verwandte Gesänge aus dem Alpenraum müssen

untersucht und ggf. ausgesondert werden. Durch die Sichtung zahlreicher Liedsammlungen hat sich gezeigt, dass eine Selektion nach formellen Kriterien unverzichtbar ist. Daher zählen die oben erwähnten Kühreihen und Jodellieder nicht zum engeren Korpus.

Um für die Lied-Detailanalysen eine nachvollziehbare Liedauswahl zu treffen, orientiert sich die Arbeit an Liedsammlungen, die das Schweizer Volksliedgut aller Landessprachen im definierten Untersuchungszeitraum abbilden. Es handelt sich dabei um die Sammlung «Die Schweiz die singt»4 [sic] aus dem Jahr 1932 und das «Hausbuch der Schweizer Volkslieder»5 aus dem Jahr 1980. In beiden Sammlungen wird der alpine Bilderhaushalt in den Liedern aller Landessprachen untersucht, was die Grundlage für die Liedauswahl darstellt. Die Liedselektion für die umfassenden Detailanalysen wird zu Beginn der jeweiligen Unterkapitel näher erläutert (vgl. die Kapitel 4.2.1 ff).

Forschungsfrage – Methodik

Vor dem Hintergrund dieser vielseitigen Grundlagen wird das breite Spektrum möglicher Forschungsfelder auf eine zentrale Fragestellung fokussiert.

Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursprünge der Alpenmotive im Schweizer Volkslied und analysiert, inwiefern deren Darstellung im Lied vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zur Herausbildung einer Schweizer Identität beigetragen hat. Besonders relevant ist dabei, ob sich in diesen Liedern ein kollektives Alpenbild ausdrückt und wie die unterschiedlichen Sprachräume variieren.

Dabei stützt sich die Forschungsarbeit auf Liedersammlungen unterschiedlicher Milieus, wobei den Liederbüchlein der Unspunnenfeste ein besonderes Augenmerk geschenkt wird. Die Auswahl der im vierten Kapitel analysierten Volkslieder orientiert sich an zwei Sammlungen, die das Schweizer Volkslied aller Landessprachen abbilden und daher dem Rahmen dieser Arbeit in besonderer Weise gerecht werden. Das weite Feld der Volkslied-Rezeption in der Schweizer Gesellschaft klingt an

verschiedenen Stellen der Arbeit an, ist jedoch nicht Gegenstand dieser Untersuchung.

Nach der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Alpenbild, seinem Beitrag zur Schweizer Identität und dem ausführlichen Kapitel zum Wesen des Volkslieds an sich nehmen die Volkslied-Analysen besonderen Raum ein. Hier werden ausgewählte Lieder hermeneutisch-interpretativ untersucht. Der Liedtext gibt Auskunft über Alpenbilder, Klischees, Akteure, Handlungen, Gegenstände, Ereignisse und den geografischen Standort der betrachtenden Person. Gerade weil sich ein Volkslied über die Jahrzehnte zuweilen textlich verändert (z. B. durch ergänzte Jodelpassagen), sind für die Analyse auch Erweiterungen, Kürzungen oder Anpassungen bedeutend, denn Streichungen von Zeilen oder ganzen Strophe geschehen nie grundlos. Im Weiteren werden nebst Fragen der Liedentstehung (Textautor und Komponist) historische, sprachliche und musikalische Aspekte erforscht.

Im Anschluss an die einzelnen Liedanalysen wird es möglich sein, resümierend Fragen nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen den diskutierten Volksliedern zu klären. Widmen sich einzelne Sprachregionen in besonderer Weise der Alpenbildkonstruktion oder sind andere Themen als gemeinsamer Nenner innerhalb der Sprachgemeinschaft bedeutender? Die Vermutung, dass die verschiedenen Sprachregionen das Alpine im Lied ganz unterschiedlich pflegen, ist naheliegend. Es ist daher auch von Interesse, ob dies in einer bestimmten Reihenfolge geschieht. Dabei stellt sich nicht zuletzt die Frage, wer in der gesungenen Alpenbegeisterung eine Vorreiterrolle einnimmt und wie die die anderen Sprachregionen ggf. folgen.

Und nun?

Nach den liedübergreifenden Erkenntnissen und den Überlegungen zu weiterführenden Forschungsfragen blickt die Arbeit in die Gegenwart. Sie regt zur Spurensuche nach dem Alpinen im heutigen Gesang der Schweiz an (vgl. Kapitel 5: Nachklang).

Diese Lektüre sei aber jetzt noch nicht empfohlen, denn auf den unmittelbar nächsten Seiten eröffnet sich thematisch ein besonderes Panorama. Auf breiter Leinwand werden die vielseitigen Bezüge und Verstrickungen zwischen einer sich findenden Schweiz und ihren Alpen aufgerollt.

1 Johannes Duft (1915–2003), Stiftsbibliothekar Kloster St. Gallen, Gespräch mit Roman Walker (1997).

2 Gautschi, Peter: Erinnerung – zur Einführung in das Schwerpunktthema, in: Zeitschrift für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften 12 (2), 2021, S. 9–22

3 Haller, Albrecht von: Die Alpen, Versuch Schweizerischer Gedichte / Nach der Ausgabe letzter Hand, hg. v. Karl-Maria Guth, Berlin 2017 (Hofenberg Sonderausgabe).

4 Budry, Paul; Bovet, Joseph; Hilber, Johann Baptist u. a.: Die Schweiz die singt, Erlenbach bei Zürich 1932

5 Baumann, Max Peter: Hausbuch der Schweizer Volkslieder, Wabern 1980.

2 DIE SCHWEIZ UND DIE ALPEN

Keine andere Region Europas wirkt so markant als Mittelpunkt wie die Alpen. Sie sind seit jeher sowohl Durchgangsregion als auch Barriere, sowohl Ausgangs- als auch Zielort. Aus den Schweizer Alpen entspringen mit Rhein, Inn, Rohne und Ticino vier bedeutende Ströme Europas. Hier treffen Kontinentalplatten aufeinander, begegnen sich verschiedene Ethnien, sind auf kleinstem Raum vier Sprachen vertreten und wurden innovative Verkehrsprojekte realisiert. Die Alpen sind sogar aus konfessioneller Sicht bedeutend: Die Reformation konnte sich südlich des Alpenkamms nur begrenzt in den Städten ausbreiten, fand hingegen in manchen Bergtälern schützende Abgeschiedenheit. Begegnung und gegenseitige Befruchtung vielseitiger Themen auf überschaubarem Raum schlagen sich in den Alpen in einer reichen kulturellen Vielfalt nieder. Diese wird nicht zuletzt durch eine über Jahrhunderte gewachsene, überkonfessionelle Sakrallandschaft konkret sichtbar und in einer besonderen, durch die ethnische, religiöse und sprachliche Vielfalt bereicherten Volksmusik- und Volksliedkultur hörbar.

Die Wahrnehmung der Alpen ist bis heute stark mit den Mythen der alten Eidgenossenschaft verknüpft. Dabei kommt den Urkantonen – sie liegen allesamt am nördlichen Fuss des Gotthards – als Handlungsort der Gründungsmythen eine besondere Stellung zu. Das Urnerland ist gar als «Wiege der Schweiz» bekannt. Für die Verbreitung und Verinnerlichung solch kohäsionswirksamer Inhalte kommt dem Schweizer Volkslied eine zentrale Rolle zu. Das gemeinsame Singen pflegt emotionale Zugehörigkeit. Es erreicht Singende und Zuhörende nicht nur auf kognitiver, sondern auch auf emotionaler Ebene. Daher beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit den Alpenthemen im Volkslied der mehrsprachigen Schweiz.

Das nahezu symbiotische Verhältnis zwischen der Schweiz und ihren Alpen kennt viele Ursachen und Funktionen. In seiner Besonderheit gilt es heute jedoch als unbestritten. Durch die Erweiterung um die göttliche Dimension entsteht die oft feierlich beschworene Trias «Schweiz – Alpen – Gott». Dieser religiös untermalte Schweizer «Staats-Mythos»6 wirkt nicht nur anlässlich von 1.-August-Reden, sondern ist auch auf zahlreichen Wandbildern

wie jenem von Robert Durrer (1867–1934) in der unteren Ranft-Kapelle in Flüeli-Ranft/OW sichtbar (vgl. Abb. 4). 7 Dieser Mythos und weitere Faktoren für die Entwicklung «Nationaler Identität» werden im Kapitel 2.2 «Alpenbild und nationale Identität» diskutiert. Wie im Auftaktkapitel erwähnt, sind unsere eigenen Alpenbilder stark durch verschiedene Medien geprägt. Sie konstruieren und vermitteln Alpenbilder, die über Jahrhunderte auch einem Wandel unterworfen sind. Dabei hat der Fernblick auf die Alpen eine lange Tradition.

Landwirtschaftliche Lebenswelten und in der Schweiz in besonderer Weise der Alpenraum entwickelten sich schon ab dem 17. Jahrhundert zusehends als Gegenwelt zu den Städten.8 Das Interesse am Fremden führte zu einer naturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser alpinen Gegenwelt. Durch die pionierhafte Gebirgsforschung des Zürchers Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) – sie bewegte sich zwischen Naturwissenschaft und Theologie – wurde der Gotthard zum Zentrum der Alpen stilisiert. Aus seinen barometrischen Messungen zog Scheuchzer vielseitige Schlüsse. So liege das Schweizerland zwischen Äquator und Pol auf dem «mässigsten Breitengrad», und in den gebirgigen Höhen geniesse der Schweizer die subtilste Luft unter allen europäischen Völkern. Dies führe zu ausgeglichener Bewegung des Blutes, zu Stärke und Grösse und zu «klugen und heiteren, zu allerhand geschickten Gedanken». Man könne zudem davon ausgehen, dass die Schweizer zur Gattung des «homo alpinus» gehörten, wie dies schon Hippokrates beschrieben habe.9

Daher gilt Scheuchzer nicht nur als Begründer der naturwissenschaftlichen Gebirgsforschung, sondern wird auch zum «Wegbereiter einer patriotischen Besetzung der Alpen».10 Als Theologe sah er in seinen Naturerkenntnissen zudem die Bestätigung für die biblischen Offenbarungsweisheiten und deutete die fossilen Versteinerungen im Alpenraum als Zeugnisse der im Alten Testament geschilderten Sintflut (1. Moses – Kapitel 7).11

In seiner Forschung stützte Scheuchzer sich pionierhaft auf Ergebnisse seiner Fragebogen, die er im Jahr 1699 an die damalige Bildungselite (Pfarrer, Lehrer, Patrizier) verschickte und mit denen er entsprechende Korrespondenz auslöste. Die Historikerin

Simona Boscani Leoni attestiert diesem Austausch mit rund vierzig Korrespondenten aus dem heutigen Graubünden gar eine Vorwegnahme der Alpenbetrachtung grosser Klassiker wie Albrecht von Haller (1708–1777) (vgl. nächstes Kapitel) oder Jean-Jaques Rousseau (1712–1778).12 Rousseaus romantisch geprägte Sichtweise auf die Alpenwelt gewann nebst den naturwissenschaftlichen Betrachtungen zunehmend an Bedeutung. Sie liest sich beispielsweise folgendermassen:

Au reste on sait déjà ce que s’entends par un beau pays. Jamais pays de plaine, quelque beau qu’il fut, ne parut tel à mes yeux.

Il me faut des torrens, des rochers, des sapins, des bois noirs, des montagnes, des chemins raboteux à monter et à descendre, des précipices à mes côtés qui me fassent bien peur.13

Rousseau beschreibt das in seinen Augen schönste Land nicht nur enthusiastisch, sondern auch mit etlichen Details. Sein idealisiertes Bild der Alpen prägte folgende Generationen stark. Das Schweizer Taschen-Liederbuch «Alpenröschen» von Carl Seeliger aus dem Jahr 1884 illustriert dies deutlich. Nahezu alle Lieder des ersten Kapitels «Vaterlands- und Freiheitslieder, Kuhreihen, Alpenlieder»14 sind vom romantischen Alpenblick Rousseaus geprägt.

Doch schon Scheuchzers frühere Wanderberichte zeitigten in ihrer Epoche grosse internationale Wirkung. Drei der Berichte sind in London bereits im Jahr 1708 auf Wunsch der «Royal Society» unter dem Titel «Itinera alpina» erschienen. In der Folge reisten erstmals wohlhabende Engländer in die Schweiz, um Gletscher, Wasserfälle, Gipfel, Schluchten und nicht zuletzt das arme, aber glückliche Hirtenvolk zu bewundern.15 Der wirksame Begriff der «Sehenswürdigkeit», der in letzter Konsequenz der Selektion und Konventionalisierung ausgewählter Sujets entspricht, hat hier seinen Ursprung und übt bis heute grossen Einfluss auf die Wahrnehmung der Alpen aus.16 Wer die Deutungshoheit über Sehenswürdigkeiten hat und diese wie Scheuchzer definiert, steuert die Blicke der späteren Reisenden darauf und

Roman Walker zeigt auf, wie stark die Alpen die Entwicklung eines eigentlichen «Schweizer Volksliedguts» geprägt und ermöglicht haben. Ausgehend von Albrecht von Hallers Lehrgedicht «Die Alpen» aus dem Jahr 1729 verfolgt er alpine Motive im Volkslied der Schweiz von den Ursprüngen bis zu den repräsentativen Liedsammlungen des 20. Jahrhunderts. Zudem stellt er das Volkslied als spezifische Gattung vor und schärft das Bild des Schweizer Volkslieds mit einem Exkurs in die Schweizer Liedforschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In seinen Liedanalysen beleuchtet er historische, textliche und musikalische Aspekte und fördert erstaunliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Sprachkulturen zutage.

Das Buch eröffnet vielseitige Einblicke in die komplexe Verflechtung von Volkslied und Alpenbild, die seit Jahrhunderten die kulturelle Identität der Schweiz prägt.

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Walker: Die Alpen im Lied der Schweiz by Zytglogge - Issuu