Skip to main content

Peter Gisler: Diegos Verschwinden

Page 1


GISLER

DIEGOS VERSCHWINDEN

Der Z y t gloggeVerlagwirdvomBundesamtfürKulturmiteinemStrukturbeitragfürdieJahre2026 – 2028unterstützt.

DieseGeschichteisteineMischungausFiktionundRealitätunderhebtkeinen AnspruchaufdokumentarischeGenauigkeit.DieFigurenundEreignissesindliterarischgestaltetundverfremdet.

®

www.fsc.org

MIX

Papier aus verantwortungsvollen Quellen FSC® C083411

© 2026ZytgloggeVerlag,SchwabeVerlagsgruppeAG,Basel AlleRechtevorbehalten

Lektorat:KarinReber

Korrektorat:PhilippHartmann Umschlaggestaltung:MiraGisler,www.miragisler.ch

Layout/Satz:3w + p,Rimpar

Druck:CPIbooksGmbH,Leck

Herstellerinformation:ZytgloggeVerlag,SchwabeVerlagsgruppeAG, St.Alban-Vorstadt76,CH-4052Basel,info@zytglogge.ch VerantwortlichePersongem.Art.16GPSR:SchwabeVerlagGmbH, Marienstraße28,D-10117Berlin,info@schwabeverlag.de

ISBN:978-3-7296-5235-4

www.zytglogge.ch

Diegos Verschwinden

IchglaubeaneinLebenvordemTod. Dasreichtmirvollkommen.

TomGlaser

RasantfälltdieMaschinedemFlickenteppichderFelder,der Gewässer,derSiedlungenundderStadtentgegen,ausdem FensterseheichdieBremsspurenaufderBetonpiste – gleich wirdsieunsverschlucken.DerVorgangistsofaszinierendwie derStart,heutebleibeichunberührt,bindurcheinander,kreiseimStrudelderErinnerungen,inDrehungversetztdurch dieMeldungeinerOnline-Zeitung,gelesenvordemAbflug. WieimMärchendesFlaschengeisteshatsiedenZapfengezogen,lässtalteFragenentweichen,bedrohlichnochimmer nachüberfünfzigJahren.FürdieSanierungderFischerstege unddesUferabbruchsamOrtundSeemeinerJugendtagesei einProjektierungskreditbewilligtworden,wobeimanmit demArbeitsbeginninnertJahresfristrechne.Würdemanihn finden,ausdemSchlickziehen,sichanseinVerschwindenerinnern?WerwürdeDiegoidentifizieren?Dieeinstigen KumpelderClique,seinArbeitskollegeToni,ihmdamalsam nächsten,dieanderen – Lutz,Rölleoderich,Tom?Viktor istvorüberzwanzigJahrengestorben.

MitleisemRumpelnsetztderAirbusauf,rolltzumHexagonunddocktamFingerfünfdesheruntergekommenen Flughafensan,währendwieaufKommandodasGeschnatter derGurtschnalleneinsetzt.DiePassagiereamGangundetlichevondenMittelsitzenerhebensich,angelnihrHandgepäckundwarteninsteiferHaltungaufdieÖffnungderTür zurGangway.AlsdieEingekeiltenbeginnen,sichnachvorne zuschieben,schließeichmichan.

EinehalbeStundespätersetzeichinderzweitenEtagedes BerlinerAltbausdenRucksackab.März,imFreienistes kühl,hieraberangenehmwarm.NachbarHorst,einhilfsbereiterMannmitGemütundHumor,kräftiggebaut,fünfJah-

rejüngeralsich,hateinenSchlüssel,lüftetinmeinerAbwesenheitdieRäumeundreguliertdieHeizung.IchdreheRundenumdenaltenSchiefertisch,durchdieFlügel-undSchiebetüren,grüßediehohenRäumemitdenStuckdecken,setze michimArbeitszimmerindenErkerundschauedemGroßvaterindieAugen.DasPorträtiststarkretuschiert,ausder NähesindPinselstrichezuerkennen,unddiePupillenscheinenzustechen.MaxGlaser,junggestorben,Krebs,dreißig JahrevormeinerGeburt.Erzählthatmanwenigvonihm, vonseinerstillenNatur,denAusbrüchenindenJähzornund dasserzuBeginndesErstenWeltkriegsindieserStadtArbeit gesuchthabe,umnachzweiMonatenohneErfolgindie Schweizzurückzukehren.

InstumpfemGraumeinWohnhausinderKaiser-Friedrich-Straße,dieFeinstaubablagerungenToninTon,eingefügt ineineBlockrandbebauungausderGründerzeit,naheder KreuzungmitderBismarckstraße,wodieAutosampelgesteuertauf-undabschwellenddröhnenbisindiespäteNacht. UnweitschläftbisMittageinSpätkauf,einkleinerGetränkeundTabakladen,miteinemschmalenAngebotanLebensmittelnundZeitschriften,umdannbisweitnachMitternachtaufdemGehsteigaucheinpaarTischeundStühleals TreffpunktfürEinsameundBerauschteanzubieten.Seltsam wirktdasNagelstudio,luxuriösherausgeputzt,vonmirunter Geldwäschereiverdachtgestellt,weilichnurhöchstselten KundinnenimLadensehe.

TheoisteinalterFreundausderSchweiz,großundhager, ursprünglichJurist,nunselbstständigtätigalsSupervisorund Organisationsentwickler.AlsermichzumerstenMalinBerlinbesuchthat,binichmitihmdurchdenKiezgeschlendert, dasnahvertrauteQuartier,undmitderBemerkungvormeinemWohnhausstehengeblieben,hierseiichzuHause.

«Ichhabegedacht,duwohnstinCharlottenburg.»Er schautesichumundanderFassadehoch.ErkannteBilder vomKurfürstendammundvomSavignyplatz.DerStadtkreis hatmehrereGesichter – einpaarStraßenzügehintereinem schickrenoviertenViertelsindFassadenverrußt,Schaufenster blind,GehsteigevonHundekotgarniert.Überallversuchen Bettler,eineHandvollMünzenfürihrenTagesbedarfzuergattern,oftObdachlose,knorrige,kaputte,sprachloseSchatten,Menschen,derenGesichterschwerentzifferbareGeschichtenerzählen.

«SolcheRäumehätteichandieserLagenichterwartet», sagteTheo,obenangekommen.

Icherzählteihm,dasssichdieDurchmischungdesQuartiersimHausselbstabzeichne,dassesderHafenspannender Leutesei.«UntermirseitdreißigundvierzigJahrenzwei sympathischePaare,einerderMänneristHorst,mitihm trinkeichregelmäßigKaffeeundpalavere.Übermirdie HausmeisterleutemitihrerlustigenfünfjährigenTochter,in derviertenEtageeinMännerpaar,BeamterundKellner,denenichTrauzeugewar.ImHinterhauswohntKumpelBeda, einpolyglotterTenor,demdieStimmeabhandengekommen sei,wieermirangedeutethat.Überihmdervielleichtletzte VertreterdesLettrismus,einerspätenAbartdesDadaismus, mitseinemPartner,undausgerechnetzuoberst,ohneAufzug, lebenzweiliebenswürdigealteDamen,dieeine,achtzig,ist imHausgeboren.ImSommersteigtjeweilsimHinterhofein Gartenfest,imHerbstsitzendiemirvertrautenNachbarn undweitereGästeummeinenSchiefertischundichserviere Kürbissuppe.DreißigWohnungenbeherbergenviele,denen mankaumjebegegnet,undnatürlichständigein-undausziehendeStudentenundImmigranten.»

DasHausistnichtbloßinternationalbewohnt,esistdank desdichtenöffentlichenVerkehrsmitderganzenStadt,ja

Weltverbunden,wennmanbedenkt,dassinBerlinhundertfünfzigNationenvertretenseinsollen.

IndieserGroßstadt,geborgeninderweitenundhellenWohnung,schreibeichdieBiografiemeinesVatersPaulGlaser, desjüngstenSohnesdesretuschiertenGroßvaters,entwirre dieGeschichtemeinerFamilie,eineGeschichtevonArmut undScham,vonWiderständigkeitunderkämpfterUnabhängigkeit.VorzweiunddreißigJahrenhabenabendfüllendeGesprächemitdemVater,damalssiebenundsiebzig,dieAufzeichnungeinerFamilienchronikausgelöst.Zwischenzufällig erinnertenKindheitserlebnissenerzählteerzumerstenMal vondenBeschimpfungenjenesBauern,beidemerzurKost undArbeitverdingtwar.

«DubistdasFressennichtwert»,habedertrinkfeste GrobiandemBubentäglichumdieOhrengehauen.Von GroßvaterMaxhattePauldenJähzorngeerbt,derimletzten DrittelseinesLebenseinerüberraschendenAltersmildegewichenwar.EineMilde,fürdieGroßvaterskurzeLebensspanne,ausgefülltmitdemKampfgegendieArmut,nichtgereichthatte.Gernhätteichihnkennenlernt.

SeitichdieVergangenheitmeinerElternStückfürStück ansLichtgezogenhabe,hin-undhergerissenzwischenTrauer undWut,istmirmeineeigeneimmerfremderundbedrohlichergeworden.LangebinichihrausdemWeggegangen, nunwillichendlichhinschauen.WennichmeineMorgengängedurchdieStadtmache,dieSpreeentlang,amLietzenseeoderimSchlosspark,läuftderFilmmeinerKindheitund Jugend.Manchmalauch,wennmirdieAugenzufallen.

SchritteundGetrampelüberdemKopf.FrühesLichtzwängt sichunterdieLider,währendderSchlafnochindenAugenwinkelnhängt.DasKind!LauteralsdieSchrittederErwach-

senen – Fersengänger,hatHorstgesagt.DeckenundBöden ausHolzbalkenundDielenbildenimAltstadthausHohlräume,riesigeResonanzkörper.Ichhabegeträumt,solebendig, dassichderWirklichkeitnichttraue.SchiebedieDeckeweg, dieBeineüberdenMatratzenrand,massieredieUnterschenkel,diesichanfühlenwieBienenstöcke,bleibeeineWeilesitzen,überprüfe,obichsicherstehenundgehenkann,schalte imWohnzimmerdieKaffeemaschineeinundnebenanden Computer,gehepinkelnundtippedenTraum.Einstarker KaffeeistdieVorschussbelohnungfürdieunverzichtbareRückengymnastik,mitderichalsleidlichunterhaltenerOldtimerfunktioniere.JedesMal,wennichausdemBettsteige, fälltmirein,dassdiesewackeligeMorgenphaseineinigen JahrenderCourantnormalseinwird.WennichmitverklebtenAugenindenSpiegelschaue,begegnetmireinFremder. IchbetrachtedessenKörperbeiderMorgentoilette,dünne HautandenunterenExtremitäten,schlaffeamOberkörper, NarbenundmäanderndeBlutgefäße,sichhäufendeAltersflecken,beobachtealleswieeinPathologeseinenKundenauf demSchragen.FüreinenMomentTrauer,dannSarkasmus undBelustigung.AlldieseVerheerungenwerdennachund nachdenAbschiederleichtern.

DerTraum – SzenenimDorfmeinerKindheitundJugend.MitanderenKindernklettereichüberdieMauerndes Römerkastells,spielemitihnenVerstecken,biseinesdieMutprobevorschlägt:denSprungübereinebreiteMauerlücke. Weilichmichnichttraue,lachendiegroßenBuben – Angsthase!

Dannim«Kreuz»,eineKneipeimDorfzentrum.VersiffteSchankstube,Qualm,lautstarkesGequatsche.DieClique beimSaufen,Diego,dermichmittückischerMienemustert.

Thomas,Tömel,Tom

VonderMutterbehütetwieeinseltenerVogel,hingichbis sechsanihremSchürzenzipfel – zumÄrgerdesVaters,der sicheinenrichtigenBubengewünschthatte.ZuHauseriefen siemichThomas,dieMutterauchTömeli,dieNachbarskinderaberTömeloderGläse.OnkelMäke,stetsmiteinemLächelnaufdenLippen,nanntemichTom.AntoniaGlaser,geboreneValsecchi,rundlich,auchimGesicht,warm,ängstlich, strengaufSauberkeitbedacht,umsorgtemichundstrahlte, wennichihrflattierteoderBesucheranlachte.Deruntersetzte,kraftvolleVater,PaulGlaser,laut,oblachendoderschimpfend,mitdenriesigenHänden,diewehtunkonnten,schaffte trotzeinembehindertenBeindenganzenTagunddiehalbe NachtinderFabrik,inderWerkstatt,aufderBaustelleim eigenenHausundimGarten.WeilerallesmitLeidenschaft tat,vergaßerzuweilen,dasserhinkte.Erstrahlte,wennich ihmzurHandgingundnichtweinte,wennichmichstieß. Ichjedochwollte,dassbeidestrahlten.ZurFamiliegehörte meineSchwesterLisaausdererstenEhedesVaters,siewar mirsechsJahrevoraus.LisawareinWirbelwindundhieltsowohldieNachbarnwiedieKatzenunddieStiefmutterauf Trab,vonderLiebeundAnerkennungwohlnurschwerzu erhaltenwareninKonkurrenzmitmir,demeigenenFleisch undBlut.Ichwarzehn,alssieindieStadtzog,uminder FamiliedesLehrmeisterszuwohnen.Siebliebmirlange fremd.

ImGlaserflarzwuchertenständigBaustellenwieGeschwüre,sondertenStaubundSchuttab,aufgeschüttetzumeinem Spielhügel,aufdemichStraßen,ParkplätzeundeinenFlughafenanlegte.InmeinerFantasieverwandeltensichSteine undHolzstückeinHäuser,AutosundFlugzeuge.Icher-

träumtemireineeigeneWelt,inderichmutigwarundfrech, kaufenkonnte,wasichmirwünschte,undwusste,dassich einesTagesausfliegenwürde.InderwirklichenWeltwaralles knapp,dasGeld,dasGartengemüse,dasbisimFrühjahrzu reichenhatte,unddasFutterfürdieKaninchen,dankdenen abundzuFleischaufdenTellernlag.Diesewurdenleergegessen,dieResteausderPfanneverwertet.BeimEinkaufenim KonsumklaubtedieMutterdieletztenZehnerausdemBeutel,undwennesnichtreichte,wurdeangeschrieben.Ich schämtemich,armzusein.UnddochwohntenwirimeigenenFlarz,einemuraltenBauernhaus,nieder,dunkel,voller Spinnweben.

VorhundertJahrenturntenimStallGeißen,inTennund ScheunelagenHeustockundDreschplatzfürdiekargeWeizenernte.DorthattePapaGlasermitzweiitalienischenBauarbeiterneinenKellerausgegraben,Fundamentegegossen, BacksteineindieHöhegeschichtet,BödenundDeckenbetoniertundaufdemDachdiebrüchigenBiberschwanz-durch Falzziegelersetzt.Küche,Werkstatt,Materiallager,SchlafräumeundzweiKloshattensichaufdreiEtagenausdemBaustaubgeschält.

MeineWelterweitertesichimaltenWohnhausteilumein eigenesZimmermiteinerOrdnung,diesichderMutternicht erschlossunddemVatergleichgültigwar.DieWändewaren getäfelt,warmesFichtenholzmitPatina.Nachtshörteman darinHausböckenagen,undgelegentlichverirrtesicheine MausindenHohlraumzwischenTäfelungundBohlenwänden.EinalterTischmitgedrechseltenBeinenwarmeinPult, aufdemichstrengrechtwinkligSchreib-undZeichenpapier, Blei-undFarbstifte,Radiergummis,eineSchereundeine Leimtubeangeordnethatte.AnderWandhinginLebensgrößederausHeftbeilagenzusammengefügteCowboyJessHarperausderFernsehserie«AmFußderblauenBerge».

Sechswarich,alsichfürdasAlleinseineinengeheimenRückzugsortimKuriositätenkabinettdesVatersbaute.IndererstenEtagehatteereineSammlungangelegt,hatteArbeitsmaterialgestapelt,Stoffe,Bettfedern,gebrauchteSchraubenund Beschläge,einSchusterdreibeinunddenantikenAthletenaus Bronze,der,mitteninderBewegungerstarrt,nieansZielgelangenwürde.StetswennderVatereinSammelstückverwendenunddieAnschaffungvonetwasNeuemvermeidenkonnte,sahersichinseinerMethodebestätigt.

WiebeiihmwarenesauchbeiderMutterdieArmutsundKriegserfahrungen,diesiezurLeidenschaftderVorratshaltungtrieben.IneinemaltenBauernschrankstandendie gefülltenEinmachgläserunddieZucker-,Mehl-,Kaffee-und ZichorienpackungeninReihundGlied,hingenselbstgenähte, leineneSäcke,gefülltmitgetrocknetenBohnen,Birnen-,Apfel-undQuittenschnitzenausdemeigenenGarten.

DasRegalinderAbstellkammerwarbaldsogutgefüllt, dassderVaterselbstdenÜberblickverlor.IneinerunbehelligtenEckeaufdemoberstenTablarhatteicheineHöhlegebaut,inderichmichbequemhockendaufhaltenkonnte,und ausderKriegsvorsorgederMuttereigeneVorräteangelegt. DortträumteichmeineWelt,zerfleddertedieTim-undStruppi-Bücher,kurierteKränkungenausunddrücktemich vorunangenehmenPflichten.Sagtespäterunbestimmt,ich seidraußengewesen.EsdauertekeinJahr,dawidersetzten sichmeineGliederderEngeundderschönenEinsamkeit.

AufdemSchutthügelvordemHausgrubichmichindie Tiefe,bautemiteinemMatchbox-BaggerGoldundDiamantenab,transportiertemiteinemTruppimaginärerArbeiter unnützesMaterialzurabgewandtenBergflanke.Gernhätte ichmitanderenKindernalsPioniere,MineureundChauffeuregearbeitet,dochsiewolltenniesowieich,sielärmten, strittenundschlugen.SosuchteichmehrundmehrZuflucht

inmeinereigenen,kleinenWelt.ÄhnlicheErfahrungen machteichaufdembenachbartenSchulhof,woinderMeute derErst-undZweitklässlerimmerwiederdieHackordnung hergestelltwurde.DieMutterhatteeinFotogeknipst,zeigte esstolzherum:dasSöhnchenzwischenGartenbeeten,Hände anderHosennaht,KinnaufderBrust,ErgebenheitimGesicht,amRückendenTornister – eintraurigerSoldat,abkommandiertandieFront.DerersteSchultag.

WäredieMutterZaungastaufdemPausenplatzgewesen, anderFront,siehättesichdieAugengerieben.DawimmeltenundwuseltenwährendzwanzigMinutenHäns,Küde undTöbe,Sofie,MonikaundDoraundwiesiesonstallehießen,überdenfeinenKiesdesPlatzesundimbegrenzten SchattenderriesigenLinde.DerLehrer,groß,gebeugt,ernst, straftemeistdieNaiven.Weilauchichdazugehörenwollte undmichanStreichenbeteiligteoderdabeigarhervortat,um beachtetzuwerden,wurdeichprompterwischtundsteckte Ohrfeigenein.

InmeinerErinnerunglachtederLehrernie.SeineWelt bestandausdereinenaltertümlichenSchulstubeimErd-und derWohnungimObergeschoss.TäglichstandervordererstenundzweitenKlasse,dieernebeneinanderzubändigen hatte.GefangenhocktenwirKinderzwischenhölzernen SchraubstockbackenausBänkenundTischenmitTintenfässchen,vordenNasenSchiefertafelnundGriffelschachteln.Da quietschtenwirersteBuchstabengetreuderVorlageaufdie Tafeln – frühübtsich,wereinAngepassterwerdensoll,und wasTömelinichtlernt,daslerntThomasnimmermehr. WährendzweierJahrewurdeauchgelesenunddasEinmaleinseingeübt.

Einige,auchich,hattennichtnursechsSchultageindiesen Schraubstöckenauszuharren,sonderndenSonntagamselben OrtdemliebenGottzuwidmenunddurchdenEinwurfei-

nesZehnersindieBrusteinesunterwürfignickendenschwarzenJungensWohltätigkeitzuüben.AmSonntagvormittag herrschteimSchulzimmerdieFraudesLehrers.Sieahndete SchwatzenmitderSchärfeihrerStimme,währendihrMann wochentagszuhärterenMittelngriff.ZahllosdieDelikte,die mitTatzenaufdieoffeneHandbestraftseinwollten.Die HiebemiteinemLinealvariantenreichverteilt,schmerzten dererzieherischenAbsichtentsprechend.DerPädagoge schlug,obwohlihmderGlaubeandievorbeugendeWirkung längstabhandengekommenseinmusste.Esgalt,dasGesetz desdänischenElfenkönigsdurchzusetzen:«Undbistdu nichtwillig,sobrauch’ ichGewalt.»

«Duwirstesverdienthaben»,hießesamFamilientisch. NachStrafen,Enttäuschungen,wennichnichtsmehrverstand,drängteesmichzurFlucht.FortausderWeltderEltern,derKinder,fortausderSchulstube,ausdemDorf.

DannsehnteichmichaufgemähteFelder,apereWinterwiesen,indennahenWald,Fluchtorte,diederFantasiefreie Räumeließen.

SelbstversorgungzurUnabhängigkeithattemeinVaterseinen Traumgenannt:dieFamilie,daseigeneDachüberdem Kopf,dieArbeitalsselbstständigerHandwerker,dergroße Garten,derdieFamilieernährte.IchhattevorallemanschulfreienNachmittagenzurUnabhängigkeitbeizutragen.Dann kauerteichinGartenbeeten,jäteteaufsässigeKräuterund pflückteSteine,diewiePilzeausderHumusschichtstießen. UmmichvonderFronarbeitnichterdrückenzulassen,hatte icheineTechnikerdacht.IchstelltemirdasaktuelleBeetals vierbisfünfüberschaubareTeilevor,dieicheinennachdem anderenhintermirließ,wasdieZeitzumFliegenbrachte. NachdemletztenBeetmachteichmichraschvomAcker undunsichtbar.

Eswaranstrengendundverwirrend,VaterundMutterzu genügen,ebensodemLehrer,freundlichzudenNachbarnzu seinunddenanderenKinderneinebenbürtigerMitspieler. IchempfandUnsicherheitundÄngste,riskierteStrafen,böse Blicke,LacherundVerachtung.Gernwäreichlaut,frechund mutiggewesenwiedieanderen.DochgabeseinenmütterlichenMaßstab:«WasdenkenbloßdieLeute!»

Bazooka,TikiundFünfermockenwarenfürwenigeBatzen zuhaben,abermeineTaschenleer,darumhatteicheinesTagesdieVerkäuferinimQuartierladengebeten,diefünfundzwanzigRappenfürmeinenEinkaufanzuschreiben,sowie dieMutterdaszuweilentat.UnterdenSpielsachengabeseinenabgegriffenenEinkaufsladenmitThekeundRegal.MeineSchwesterLisagabdieVerkäuferin.

«WaswünschenSie?»

«EineDoseMaggi-Würfel,eineErbswurstmitSpeck,ein PackZichorienkaffee,einKiloZucker,einPfundHörnliund denKnorrli-Hampelmann.»

«DaskostetfünfFrankenfünfundfünfzig!»

«SchreibenSieesbitteauf.»

GenausoliefesimQuartierladen.Darumvielleichthatte ichderFrauvertraut.Siestutzte,kamdemWunschnach, ebensobeimzweitenVersuchnacheinigenTagen.Wiederzu HauseversprachdieeisigeMienederMutternichtsGutes. DiehinterhältigeLadenfrauhattegepetzt.

EsgabwenigzufeiernbeiGlasers,dochmitdemDuftvon MailänderliundZimtsternenschwebteaucheinHauchunbestimmterVersprechendurchdieRäume.DenEintrittin dieStubemitTannenbaumundKerzendämmerverdienten PapaundKindermiteinemMarschdurchNachtund Schnee.«StilleNacht»,«Odufröhliche»und«OTan-

nenbaum»,gebrummtundgesungen,warenPflicht.Dann durftendieGeschenkegeöffnetwerden.

StetsindiesenTagenklopfteeinwunderlicherWeihnachtsmannandieTür.Jakob,wohnhaftimBürgerheim Nesslau,sokrummwiealt,mitdemGeschick,krankeUhren wiederinGangzubringen.ÜberdieFesttagebisinsneue JahrmachteereineTourdurchdieOstschweizundsammeltegestrickteundgebackeneGabenein,übernachteteüberall ein,zweiNächte,reparierteBuffet-undWanduhren,füllte mitZurückhaltungseinenMagen,dernichtanÜberflussgewöhntwar.DerAlte,seitjungenJahrenschwerhörig,saßbei unsstundenlangversunkenaufderChaiselongueundhatte dieBegabungzubescheidenerZufriedenheit.Ichmochteihn, weilichmichinunsereneinsilbigenWortwechselnniewie einKindfühlte.

MutterGlaserdientederBüchergildeGutenbergimNetzwerkderVertrauensleute,undichhatteinjedemQuartalKatalogezuverteilen,Bestellungeneinzusammeln,BücherauszuliefernunddieGuthabenzukassieren.Fastimmerfielen einpaarMünzenfürmichab,wovonichdiemeistenverschwindenließ,deroffizielleRestlandeteimSparschwein, dasdieMutterüberwachte.IchhatteeineRouteentworfen, umalleKundenaufdemRadmitkleinstemAufwandaufdie Reihezubringen.DieSelbstständigkeitunddasTrinkgeld überwogendiepeinlicheFragereiunddasgönnerhafteLächelnübermeinenBerufswunsch.

«Nein,ichbinschoninderSechsten,nein,nichtLokomotivführer,ichwerdePilot.»

WirwohntenamöstlichenEndedesDorfsineinerbäuerlichenAußenwacht,seitBeginnderdrittenKlassehatteich einmächtigesSchulhausamwestlichenEndeaufzusuchen. AnderthalbKilometerSchulweg,erstzuFuß,späteraufdem

Rad.DerletzteKlassenwechselhatteunseinenJunglehrerbeschert,groß,drahtig,miteinemgewinnendenLächeln.Bald wurdeklar,dassderNeueeinehrgeizigerSoldatwar,mit FleißzumOffizierstrebteunddarumimmerwiedervertreten werdenmusste,dassermithartenKopfnüssenstrafteund keinVerständnisaufbrachtefürmeineUnbeholfenheitim UmgangmitderRedisfeder.Icherfuhr,wasOhnmachtbedeutet,undlerntediewidersprüchlichenGefühleeinerHassliebekennen.AuchimmerwiederdieScham,weilderLehrer michbloßstellte,wennichungeschicktwar,beimSingendie TönenichttrafundindenHeftenmitTintekleckerte.

IchfreundetemichmiteinemzurückhaltendenJungenaus derselbenKlassean,dermichgelegentlichzusichnachHause einlud.Erwirkteschonfasterwachsen,wargrößeralsich,mit einemrundenGesichtunddunkeln,ernstenAugen – das einzigeKindeinesFabrikantenehepaars,dasichniezuGesichtbekam.IneinerPausestandichmitmeinemstillen FreundineinerEckedesSchulhofs,alsderLehrerzuunstrat.

ErsagtenacheinpaarbelanglosenWorten,«undnun gehstduansGymnasium»,undzumir,«dukönntestihn begleiten,wenndumehrgearbeitethättest»,dannließeruns stehen.

«Seltsam»,sagtederJunge,«erhatdichnieaufgefordert, mehrzulernen – istereinmalzueuchnachHausegekommen?»

WederichnochmeineElternwussten,wasdasGymnasiumwarundwozuesdiente.AlsderJungeversuchte,eszu erklären,fühlteichplötzlicheineFremdheitzwischenuns, dieestrotzallerUnterschiedebisherniegegebenhatte.Nach derPrimarschulesollteichihmniemehrbegegnen.

InderOberstufewurdepubertiert.NeudasSchulhaus,die LehrerunddieHälftederMitschüler.MeineLustaufSchule

wargering.AbdemzweitenJahrbegannich,michrabiatvon derMutterundausdenfamiliärenPflichtenundBindungen zulösen.IndergleichenZeitverlorichdenRespektvordem Klassenlehrer,einemwohlsiebzigjährigen,behäbigenHerrn, derverblüffendbestimmtenAbbildungenvonGottfriedKellerglich,denichmochte,waserneutfürHassliebesorgte.RegelmäßighatteichdieAufsätze,trotzgutenNotenfürden Inhalt,ein-odergarzweimalabzuschreiben,weilichmitFederoderFüllerauchdieSchönheitsidealediesesPädagogen verfehlte.MeiststandunterdenTexteninRotmitAusrufezeichen:«Sauschrift!»

IchrächtemichdurchDesinteresseindenGrammatikstundenundrichtetemeineganzeAufmerksamkeitaufdas GeschehenvordemFenster,währenddieKlasseSätzezerlegteundFällebestimmte.HöhepunktewarendieSchießübungenderLuftwaffe.AnderoberenFensterkantetauchten VampiresundVenomsauf,stürztenmitstoffbespanntenFlügelnlautlosdurchdasHimmelblauundverschwandenhinter BaumkronenRichtungSee,wosieaufschwimmendeZiele ballerten.Ichrechneteaus,mitwelcherZeitverzögerungdie heulendenStrahlturbinenunddasStakkatoderMaschinengewehrezuhörenseinwürden,zähltedieSekundenundfreutemichüberkorrekteErgebnisse.

Rölle,ebenmitderFamilieausderStadtinsDorfgezogen, tratinmeineKlasseein.EinschlankerJungemitunbändigen schwarzenHaaren,herausforderndenAugen,kühlundunverfroren.ErbesaßeinkaumstraßentauglichesMotorfahrrad, brachteBluejeansundentsprechendeJackeninsOberland, dieUniformenverdorbenerStadtjugend,inunsererSchule undzuHauseverboten.Wirfreundetenunsraschan,ich erbtevonihmeinpaarJeansundeineJacke.DieRockerkluftendeponiertenwirinderGarageseinesVaters,zogenuns

dortum,bevorwirzuKneipentourenaufbrachenundauf demausrangiertenTöfflidurchdieDörferlärmten.Das «Kreuz»wardenbravenBürgerneinDornimAuge.Flipperkästen,Tischfußball,BierabFassundrauchgeschwängerte Luft.AusderMusikboxdröhnteElvis,wirgröltenmit.Der Kreuzwirtschenktegernauchunsein,zweiBiereaus.

DerKlassenlehrerwarnteinBriefenandieElternvordem Schulausschluss.PapaGlaserunterschlugderMutterden Brief,beschwichtigteauchsonst,einBurschemüssedieHörnerabstoßen.Erhatteaufgehörtzustrafen,ichwarmittlerweilegrößeralser.PapaGlaser,einstselbstaktiverKämpfer, hatteeinenBoxkellereingerichtet,indemerzweiJungmännerundmichtrainierte.

DieletztenSchultagebrachenan,ernsthaftgelerntwurde nichtmehr,allelebteninderFantasieamgeplantenAbschlussfestodernochweiterinderZukunft.Währendder letztenzweiJahrewarmeinGrollaufdieSchuletäglichgewachsen,sohatteichnieerwogen,diesenWegfortzusetzen, sondernmichfüreineLehrstelleentschieden.

Eine verhängnisvolle Nacht verändert Toms Leben für immer: Betrunken prügelt er sich mit seinem Rivalen Diego. Als er am nächsten Morgen wieder zu sich kommt, kann er nicht mehr zwischen Erinnerung und Traum unterscheiden. Diego ist spurlos verschwunden. Hat er ihn erschlagen und im tiefen Wasser des Sees versenkt?

Getrieben von quälender Ungewissheit krempelt Tom sein Leben um. Er macht sich früh selbständig, holt Bildung nach, hat Erfolg, arbeitet erst mit Freude, dann bis zur Selbstausbeutung. Nach einem Burnout zieht er nach Berlin, um sich selbst zu finden; doch auch in der Fremde lässt ihn Diego nicht los. Als Wiedergänger kreuzt er immer wieder seine Wege. Bis er Jahre später an den See zurückkehrt. Dorthin, wo alles begann – und wo die Dämonen der Vergangenheit auf ihn warten.

ISBN 978-3-7296-5235-4

9 783729 652354

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Peter Gisler: Diegos Verschwinden by Zytglogge - Issuu