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Nicolas Ryhiner: Die Lücke

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Nach «Im Surinam» und «Graffenrieds Gründung», die von Urahnen des Autors in den Kolonien handeln, führt «Die Lücke» die Familiengeschichte in die Epoche des Übergangs zur postkolonialen Zeit von heute fort.

«Jeder Romancier ist ein Geisterbeschwörer. Nicolas Ryhiner hat das Talent und die Erfindungsgabe, den Geistern seiner abenteuerlichen, über Jahrhunderte zurückreichenden Familiengeschichte ein zweites Leben zu schenken – und uns ein großes Lesevergnügen.» Andres Müry, Autor und Theaterkritiker

Nicolas Ryhiner

Drei Brüder mit grundverschiedenen Lebensplänen: Den Ältesten, Pief, lockt zu Beginn des 20. Jahrhunderts das aufregende Leben als Tierfänger in die weite Welt hinaus. Der Jüngste, Mathys, wird überraschend zum Direktor des weltberühmten Hotels Taj Mahal in Bombay befördert. Der Mittlere, Gilgian, der Vater des Autors, bleibt als Hausarzt fest verwurzelt in seiner Heimatstadt. Doch dann kommt Mathys gewaltsam ums Leben. War es Mord? Nicolas Ryhiner erzählt von der Lücke, die der Tod seines Onkels in der Familie hinterlassen hat. Und vom Schleier des Schweigens, der in seiner Erinnerung über der Geschichte ausgebreitet lag. Erst Jahrzehnte später kommt unerwartet Licht ins Dunkel.

Die Lücke

Generationenroman in 23 Geschichten über die magische Kraft des Erinnerns

Die

Nicolas Ryhiner

Lücke Roman in 23 Geschichten


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© 2026 Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel Alle Rechte vorbehalten Lektorat : Thomas Gierl Korrektorat : Korrekturservice Ute Wendt Umschlaggestaltung : Studio Eberlein, Leipzig Layout/Satz : rdz IMA GmbH, Bonn Druck : CPI books GmbH, Leck Herstellerinformation : Zytglogge Verlag, Schwabe Verlagsgruppe AG, St. Alban-Vorstadt 76, CH-4052 Basel, info@zytglogge.ch Verantwortliche Person gem. Art. 16 GPSR : Schwabe Verlag GmbH, Marienstraße 28, D-10117 Berlin, info@schwabeverlag.de ISBN : 978-3-7296-5231-6 www.zytglogge.ch


Nicolas Ryhiner

Die Lücke Roman in 23 Geschichten


Für Zack


Inhalt

Die Geschichte beginnt mit einem Bild . . . . . . . . . . . . . . . Eins In der Zwischenwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Carters Kansas war ein hartes Pflaster . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwei Ruben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Schnitt. Ein Filmset am Jurasüdfuß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Drei Xylidin auf Verbrecherjagd . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Eine Geschichte aus meiner Kindheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vier Liebe auf den ersten Blick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Gramis Singapur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fünf Das schöne Haus am Waringa Hill . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Mathys war ihr Jüngster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sechs Mein Kopfschuss sitzt nicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Pief war der Erstgeborene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sieben Double Dimple . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Mein Vater war der Mittlere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Acht Jetlag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Die Last auf seinen Schultern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Neun Ich will nicht, dass du stirbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Als Tierpfleger seines Bruders . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zehn Irgendwann reicht’s . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Die Zeit nach Singapur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Elf Dieser Herr ist nicht mein Papa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101 Eine Piefgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Zwölf On the road again . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Wie mein Großonkel Roudi zu Jean-Jacques Rousseau wurde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 Dreizehn In der Fremde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 Grami und Roudi besuchen ihren Vater . . . . . . . . . . . . . . . 131 Vierzehn Der Himmel über Paris . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Wie klein doch die Welt in Basel ist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 Fünfzehn Begegnungen der dritten Art . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138


Mathys auf der Suche nach dem Unbewussten . . . . . . 148 Sechzehn Der Hellseher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Zwei Nachtschwärmer treffen sich auf der Kirchenfeldbrücke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Siebzehn Kein Mord, den einer begeht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Die Reise nach Amerika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 Achtzehn Flug Nummer 718 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 Plötzlich kommt der Tod und entreißt einem das Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Neunzehn Ein ungelöster Fall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Wenn die Hölle losbricht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Zwanzig Der anstrengendste Tag seines Lebens. Eine Pief-Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Auf dem Weg nach Bombay . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Einundzwanzig Der Traum vom Fliegen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Kein Weg führt mehr zurück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 Zweiundzwanzig Chambers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202


Und dann tauchen unerwartet diese Schriftstücke auf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 Dreiundzwanzig Die Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 Anmerkungen zur Figur Vincent O. Carter in «Die Lücke» . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223


Die Geschichte beginnt mit einem Bild Gut so, angekommen und keiner da, mein Tisch ist nicht besetzt, mein vertrauter Tisch am Fenster zur Münsterfassade mit dem rötlichen Licht, kein Mensch außer mir im Lesesaal hier oben, niemand an den Arbeitstischen, die Bibliothek im Erdgeschoss öffnet erst am Nachmittag, ich bin allein, es ist da nur diese morgendliche Stille, in die ich ruhig eintauche, hier am alten Ort, hoch über der Stadt und dem Fluss. Ich setze mich an mein Pult, zünde die Tischlampe an, und der warme Schein unter dem Messingschirm erhellt Papier und Hand, den Stift, das grüne Notizheft und das schwarze und das eine Foto, das ich jetzt genauer anschaue. Eins In der Zwischenwelt In der Runde scheint einer zu fehlen. Da wird jemand gesessen haben, denn alle sitzen zusammengedrängt auf der Holzbank, ihre Arme berühren sich beinahe. War der Platz frei gehalten worden? War jemand nur kurz ausgetreten? Eine Lücke auf der Sitzbank in der rechten hinteren Ecke deutet darauf hin. Der leere Raum wird von keinem der Anwesenden beachtet, er befindet sich zwischen Vikki, meiner neuen, blonden Tante auf der rechten Seite, die neben Onkel Pief sitzt, und Carter, dem schwarzhäutigen Herrn im eleganten dunklen Anzug am Kopfende des Tisches. Die Szenerie auf dem quadratischen Schwarz-Weiß-Foto ist das Innere eines leeren Weinfasses. Es ist als Trinkhöhle ausgebaut und steht im Bottichraum des alten Winzerkellers. Etwa mannshoch an der Stirnseite, bietet es wohl zehn Gästen Platz, wenn sie auf der U-förmigen Holzbank Knie an Knie beieinandersitzen. In der Mitte steht ein schmaler

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Tisch, darauf Weinflaschen, Aschenbecher und vor jedem Gast ein Glas. Kerzenlicht erhellt die Gesichter und die mit weißem Kreidestift vollgeschriebenen Wände dahinter. Darauf können sich die Gäste mit ihren Sprüchen verewigen. Doch was heißt schon verewigen, wenn die Dauben laufend von immer neuen Gästen überschrieben werden. Unleserliches Gekritzel und Gekrakel wie auf einem mittelalterlichen Palimpsest. Auf der Rückseite des Bildes steht in der Handschrift meines Vaters «Ilge Twann 1.1.61» geschrieben. Der Ort war wie geschaffen für die Silvesternacht. Diente die unterirdische Grotte doch als eine Art Zeitkapsel. Die Gäste waren von der Dorfstraße über die Kellertreppe unter den Nebel abgetaucht, der in der Eiseskälte des Winters einundsechzig nachts die Juraseen entlangschlich. Hier unten feierten sie den Jahreswechsel, zelebrierten im Keller des Wirtshauses zur Ilge das Ritual des Neuanfangs, die Passage von der Vergangenheit in eine unbekannte Zukunft. Das alte Jahr war Geschichte, das neue kaum angebrochen, es war noch gar nicht recht geboren. Man glaubte, sein Schicksal im Zwischenraum der Zeitabschnitte wieder ein Stück weit selbst in der Hand zu haben; es war, als könne man die Zukunft formen, als sei der Moment gekommen, sein Leben neu auszurichten, ihm womöglich einen neuen Drall zu geben. Man gestand sich die eigenen Untugenden ein und fasste die alten Vorsätze wieder neu, bereute die begangenen Sünden und läutete gemeinsam eine neue Zeit ein. Darauf wurde angestoßen. Man wünschte sich Glück und Gesundheit. Und viel Erfolg. Ereignisse aus dem alten Jahr wurden in dramatische Erzählungen verpackt, weinselig zu Legenden verklärt, das Erlebte verdichtet und zu Mythen erhoben.

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Pief war darin ein wahrer Meister. Dabei machte es keinen Unterschied, ob seine Geschichten frei erfunden waren oder ob sie den Tatsachen entsprachen. Die Menschen hingen an seinen Lippen. Er war ein begnadeter Erzähler. An der Schmalseite des Tisches saß der amerikanische Schriftsteller Vincent O. Carter, Piefs Gast an diesem Abend. Der Runde hatte er sich zur allgemeinen Erheiterung als «Vinzenz vom Ämmital» vorgestellt. Das Wirtepaar Lienhard war erst kurz nach Mitternacht dazugestoßen, nachdem im Erdgeschoss die Gaststube geschlossen und die Haustür zugesperrt worden war. Piefs Kochrezept, Fische aus dem See auf orientalische Art, war ein voller Erfolg gewesen. Die Gäste waren begeistert. Direkt neben der Aussparung, die in der vorderen Fasswand als Eingang diente, saß auf der rechten Seite meine Mutter (sie litt unter Klaustrophobie), ihr gegenüber mein Vater, der Doktor, auf der linken Bank. Neben ihm saß Ashish Bose in der Mitte, Piefs kettenrauchender indischer Assistent. Eine zwielichtige Erscheinung, vor der sich der achtjährige Junge, der ich damals war, fürchtete. Es ging etwas Unheimliches von Ashish aus; er folgte Pief auf Schritt und Tritt, mit seinem stechenden Blick war er so etwas wie sein hagerer Schatten. Er sollte, wie es hieß, als dessen ständiger Begleiter etwas Ordnung in das wilde Leben bringen, das Pief damals führte, hatte die Reisen zu organisieren, die Tiertransporte, und er koordinierte die Presseauftritte für Piefs neues Buch «Auf Tierfang durch die Welt». «Auf dein Buch, du Glückspilz!» Carter hob sein Glas. «Fliegst in der Welt herum und lässt dich feiern. Ich schreib mir derweil die Finger wund, reiß mir in meiner Berner Dachkammer den Arsch auf für nix und wieder nix. Achthundert Seiten, besser als James Joyce, und kein Verlag.»

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«Scheißlabumms! Marketing, mein Lieber, Public Relations, darum dreht sich heute alles, die Leute wollen Glamour und Tratsch!», erwiderte Pief und füllte allen erneut die Gläser. «Deine Story aus dem Ghetto ist gut, bleib dran, Mord und Totschlag kommen immer an!» Ashish hob die Hände. «Lasst uns einen Moment innehalten, wir sollten unserer Toten gedenken. Nie sind ihre Geister uns näher als jetzt, im Zwischenreich vom Alten zum Neuen!», sagte er und zündete sich an der Kerze eine neue Zigarette an. «Das bringt Unglück», protestierte meine Mutter erschrocken. «Es heißt, wenn man sich mit der Flamme einer Kerze die Zigarette anzündet, ertrinkt irgendwo auf den Meeren ein Seemann.» Pief zog mit den spitzen Fingern des Zauberkünstlers, der einen Trick vorführt, aus der mattgrünen Packung eine Boyard und beugte sich vor, um sie ebenfalls an der Kerze zu entzünden. «Pief! Tu’s nicht, du Ungeheuer!», rief meine Mutter mit gespielter Empörung und gab ihm mit dem Ellbogen einen Knuff in die Seite. «Das Meer ist weit weg!» Pief liebte es, sich über sie lustig zu machen. «Wir sind doch nicht etwa abergläubisch?», höhnte er. «Du hast ihn auf dem Gewissen, wenn du’s trotzdem tust!», gab sie zurück. Er steckte die Zigarette mit einer theatralischen Geste an. «Wie deine weiße Schlange, im Übrigen», fuhr sie fort, «die bringt dir doch auch nur Unglück. Hast du selbst gesagt. Stimmt’s? Seit dem Tag, an dem du sie gefangen hast, wirst du verfolgt von Pech und Katastrophen. Nicht wahr?» «Serata ist mein Goldesel, meine Liebe, ganz im Gegenteil. Das achte Weltwunder. Gerade ist sie im Rockefeller Center

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ausgestellt, nur dass du’s weißt. Posiert auf einem roten Samtkissen im Schaufenster und lockt die Leute in Scharen an. Swissair wirbt mit ihr für die neue Fluglinie nach Fernost.» «Ist mir ernst mit dem Innehalten, Pief! Please! Die Geister der Toten sind ganz nah.» Ashish hob den Finger. «Das Kerzenlicht zeigt ihnen den Weg ins Land der Seligkeit.» Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dass der dritte Bruder fehlte, darüber waren sich Pief und mein Vater einig, dass Mathys sterben musste, daran wollte man jetzt nicht erinnert werden. Nicht jetzt. Sie tauschten Blicke. Bestimmt nicht jetzt. Es war so schon schwer genug, darüber hinwegzukommen. «Lass gut sein, Ashish, verschon uns bitte mit dem makabren Heidenzauber», sagte Pief, «es gibt hier Leute, die finden so was nicht lustig!» Er kippte sein Glas in einem Zug hinunter. «Zur Auflockerung, Freunde, hier eine wahre Geschichte. Sie handelt von Hairy Josephine, meiner sensiblen kleinen Elefantendame. Ich war in Manhattan mit ihr auf Werbetour, erst kürzlich im letzten Herbst, wir marschierten zusammen durch die Avenues, wir zwei, in den Bars gabs einen Eimer Wasser für sie, ich trank meinen Whisky. Die Leute waren hingerissen. Dann zogen wir hinauf zu besagtem Rockefeller Center an der Neunundvierzigsten. Wir waren nämlich verabredet, meine Damen und Herren, mit Jane Mansfield, dem Leinwandstar! Versammelte Presse, selbstverständlich, Television und Radiostationen. Alle wollten Jane Mansfield sehen, zusammen mit dem süßen, zahmen Elefantenkind mit dem langen Rückenhaar. Kein Problem für Josephine, sie war an Bühnenlicht und Kameras gewöhnt, ließ sich artig eine rosa Seidenschleife um den Hals legen und winkte mit dem Rüsselchen ins Publikum. Aber dann: Auftritt Jane Mansfield, aufgedonnert wie im Film, mit Kussmund, und trippelt auf ihren Stöckelschuhen daher, umgeben

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von einer beißenden Parfümwolke. Jetzt nähert sie sich meiner kleinen Josephine. Jane ist ganz gerührt von ihrem Anblick, und sie kreischt vor Wonne, will sie streicheln. Ein Desaster! Josephine reißt sich los, stellt den Rüssel hoch, stellt die Ohren weit und rennt trompetend auf die Diva los. Sie mäht sie um, rammt in wilder Panik eine Fernsehkamera und stolpert durch die Lichtkabel, Scheinwerfer kippen um und zerschellen klirrend auf dem Marmorboden. Ein Riesenchaos. Josephine brennt durch, flieht zum Ausgang, zur Tür hinaus und sucht das Weite. Und warum das Ganze? Ganz einfach, weil sie das Parfüm nicht riechen konnte! Sie war allergisch auf Jane Mansfields Duft!» «Allerliebst, die Geschichte, nicht?», sagte Vikki. Ashish, als Einziger, brach nach der Pointe nicht in Gelächter aus. Er hielt die Hand hoch, horchte. «Moment! Spürt ihr’s nicht? Da ist doch was!» Sie lauschten. Plötzlich war es still geworden. Vikki versuchte, Stimmung zu machen, sie lachte: «Und jetzt, nicht wahr, Pief, willst du die Geschichte doch verkaufen? Ein TVSpot für Chanel oder Guerlin?» Pief war verärgert, die Pointe war ihm versaut worden. «Was gibt’s denn jetzt schon wieder, Herr Inspektor?», keifte er. Doch Ashish war nicht davon abzubringen, er blieb gebannt, schien wie entrückt, äugte nach allen Richtungen herum. Die Kerze in der Mitte des Tisches erlosch mit einem Zischen und ließ zur Decke des Fasses eine kleine Rauchwolke aufsteigen. «Da hast du’s, jetzt ist was!», sagte Mutter. «Da ist der Beweis!» Sie war verängstigt. Vater, der Doktor, legte ihr die Hände auf die Knie, sagte beschwichtigend: «Was wird schon sein, chérie? Da ist doch nichts.»

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«Eine Ratte, vielleicht!», meinte Lienhard, der Wirt. «Die krabbeln hier unten rum.» Er trampelte mit den Absätzen auf die Bodenbretter, dass es schepperte. «So, jetzt ist sie weg!» – «Wartet, ich hol den Hexenbesen», doppelte seine Frau, die Wirtin, nach und stampfte mit den Füßen. « Achetringele heißt das bei uns im Sensetal!», rief sie, ausgelassen. «Ein alter Brauch zu Silvester, die Geister austreiben, mit Schellen, Hörnern und Peitschenknallen.» Ashish machte eine vage Bewegung in die Richtung, wo auf der Bank zwischen Vikki und Carter die Lücke war. «Ich spür es ganz deutlich. Dort!» «Ach, halt doch die Klappe, du machst uns alle madig mit dem Schwachsinn!», schimpfte Pief. Carter fuhr dazwischen: «Nein, lass ihn. Ich kenn so was aus meiner Kindheit in Kansas City. Die Alten im Ghetto konnten mit den Toten reden. Sie trommelten dazu ganz leise mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte.» Ashish (hatte er Drogen geschluckt oder war er einfach nur besoffen?) begann mit wirrem Blick, wie in Trance, in der Stille mit den Händen auf der Tischkante einen Rhythmus zu klopfen, ganz leise, federleicht, ein kleiner, wattiger Wirbel, und schaute Carter an. Der stieg darauf ein, auch er, fast schwerelos, trommelte im selben Takt mit den Fingern auf den Tisch und schlug feine Synkopen dazu. Er sagte: «Schattenpochen!» Ashish schaute dorthin, wo keiner saß, und machte große Augen. «Da, ich kann ihn sehen, nicht sehr deutlich, aber da sitzt er und raucht. Schaut uns zu und zieht ganz ruhig an seiner Zigarette.» Sie drehten alle die Köpfe und blickten in die Ecke, wo die Lücke war. «Erkennst du ihn? Wer ist es?», fragte Carter. Mutter wandte sich ab, wühlte in ihrer Handtasche und schüttelte den Kopf, wie um einen bösen Zauber abzuhalten.

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«Mein Riechsalz. Wo ist das Fläschchen mit meinem Riechsalz?» Vater, der Doktor, setzte seine heitere Miene auf und sagte: «Ich bin ja da, bei dir, chérie! Beruhige dich, da ist rein gar nichts!» «Doch, Doktor, ganz bestimmt! Doktor, da sitzt er doch! Zwischen Vincent und Vikki in der Ecke, und zieht ganz ruhig an seiner Zigarette.» «Ich kann da nichts sehen, tut mir leid», murmelte Vater. Es klang etwas gequält. «Ich hab es kommen sehen, von Anfang an! Ich wusste es!», rief Mutter und schnappte nach Luft. Pief hieb mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser klirrten. «Jetzt reicht’s aber! Schluss mit dem Zirkus!», schrie er wütend in die Runde, dass alle vor Schreck erstarrten. «Alles Habakuk!» Er stand auf, stützte sich mit beiden Fäusten auf den Tisch und schaute Ashish drohend ins Gesicht. «Doktor, Doktor, please, ich lüge nicht!» Ashish wandte sich verzweifelt an meinen Vater. «Schauen Sie doch selbst, da sitzt Ihr verstorbener Bruder in der Ecke und beobachtet uns. Wenn Sie es nicht glauben wollen, so machen Sie doch bitte ein Bild mit Ihrer Kamera! Sie werden sehen, er ist drauf!» Vater zückte seine Kodak Starflash, öffnete die Bereitschaftstasche und blitzte in die dunkle Ecke.

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Carters Kansas war ein hartes Pflaster Zu spät, ich hab’s geahnt, jetzt ist er besetzt, mein geliebter Tisch mit dem rötlichen Licht vom Münster, ich hab’s befürchtet, mein Bauchgefühl ließ mich schon im Treppenhaus erst zwei, dann drei Stufen auf einmal nehmen, doch vergeblich, wie gesagt, da sitzt diese asiatische Studentin auf meinem Stuhl, vor sich ausgebreitet ein ganzer Packen dicker Bände, in denen sie ruhig weiterblättert, sie nimmt keine Notiz von mir, warum sollte sie, auch die andern nicht, an ihren Tischen, keiner schaut auf, als ich den Saal betrete und mit jedem noch so leisen Schritt auf den knarzenden Holzdielen unweigerlich die Stille durchbreche, doch keiner beachtet mich, jeder in seine Arbeit vertieft, nur noch die beiden Tische an den Fenstern zum Kiesplatz mit dem Brunnen nach Westen hin sind nicht belegt, Kunststück, am Nachmittag brennt hier gnadenlos die Wintersonne herein und blendet die Augen, erhitzt die Scheiben, dass einem bald die eine Wange rot erglüht und dazu das Ohr. Ich mache auf dem Absatz kehrt, die Treppen runter, in die schummrigen Säle mit den dicht gereihten Buchregalen bis zur Decke, nachmittags ist die Bibliothek geöffnet. Piefs Freund Carter, wer war dieser Vincent O. Carter? Es wird sich wohl was finden lassen, eine Referenz, Carter, amerikanischer Schriftsteller, hier, kam nach dem Krieg nach Bern und ist dageblieben bis zu seinem Tod 1983, in den Katalogkästen finden sich zwei Titel, Amerigo Jones und Meine weisse Stadt und ich, im englischen Original The Bern Book, da vorne gibt es Tische an den Fenstern über dem steilen Bord, wo weit unten ewig grau der Strom fließt, hier lese ich im Klappentext «geboren wird er am 23. Juni 1924 in Kansas City, Missouri».

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Zwei Ruben* Ein Vollmond ging auf, wie ihn noch keiner gesehen hatte. Rot und fett hing er über der Stadt. «In solchen Nächten kann alles geschehen», sagte Aunt Rose, als er davonschlich. «Mord und Verbrechen, ein Erdbeben kann das Power & Light Building zum Einstürzen bringen. Vulkane brechen aus bei solchen Monden. Das ist erwiesen. Es ist Springflut, mein kleiner Niggah. Pass auf dich auf! Dein Onkel Ruben wurde erschossen, als so ein Mond am Himmel war.» Die Nacht war klar. Vom Clairmount Hill am Nordend aus sah man über die Dächer des Elendsviertels hinunter zu den Industriegebäuden, den Lagerhallen jenseits der Gleise und zu den Fabrikanlagen mit den eingeschlagenen hohen Fenstern am Fluss. Dahinter ergoss sich goldgelb der Mondschein auf den Missouri. Auf dem Schrottplatz in den Brachen, wo sie tagsüber Schlangen fingen, traf sich Vince mit den Jungs. «Kommst also doch noch, kleiner Niggah, bist den Alten entwischt?», fragte Tommy. – «Halt die Klappe, sie sind ausgegangen, zum Tanzen, und sag nicht kleiner Niggah zu mir.» Tommy spannte die Steinschleuder und zielte auf ihn. «Bin ein Niggah wie du, Kleiner, nur kein Weißer darf dich Niggah nennen.» Gedämpft drang das metallene Hämmern vom Fluss hoch, wo die Kamine qualmten, das Gerumpel und Gekreische der Straßenbahn in der Fifth Street, ihr Bimmeln. Von der breiten Autostraße her, die zur Brücke führt, das ratternde Gedröhne der Motoren, das Gehupe. Eine zitternde Lichterket-

*

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Siehe Anmerkung am Ende des Buches


te, weiß und rot, zog schnurgerade durch die Häuserblocks und über den breiten schwarzen Fluss zum anderen Ufer. Im Gestrüpp zirpten die Grillen. Straßenköter jaulten um die Wette. «Und, was geht, Männer?», fragte Willie Joe. – «Weiß nich», sagte Tommy. Carl zuckte mit den Schultern und kickte einen Stein weg. «Egal, mal sehen.» Tommy schoss mit der Schleuder, zing!, ein Loch in das rostige Ölfass. «Los, gehn wir», sagte er. Und wenn Tommy was sagte, musste man folgen. Es war ein Befehl. Vince hatte keine Wahl, obwohl man ihm zu Hause verboten hatte, sich mit den Jungs nachts im Viertel herumzutreiben. Die Stadt war gefährlich. Sie nahmen die Abkürzung. Durchs Unkraut stapften sie hinunter zur Pacific Street und zur Avenue, überquerten beim Garrison Square die Fahrbahn zum alten Schulhaus, das inzwischen abgerissen worden war, durch eine mit Müll übersäte Gasse, vorbei an Cousine Rachels Haus an der Troost Avenue, wo von der Veranda ein tabakbraunes kleines Mädchen mit krausem schwarzem Haar ihnen zuwinkte und sie grüßte: «Hey guys!» – «Hi!», grüßten sie zurück und beschleunigten ihren Gang. Ein kleines Mädchen wollten sie jetzt bestimmt nicht dabeihaben. Vince spuckte aus. «Verdammt, die Göre wird mich verpetzen.» – «Scheiß drauf», sagte Tommy. An der Campbell Street saßen in ihren kurzarmigen weißen Hemden drei alte Italiener auf Drahtsesseln vor der Billardhalle und rauchten Zigarren, dahinter war der Kinopalast, der seit Jahren leer stand, mit seinen verrammelten Flügeltüren und den erloschenen Plakatfenstern. Von da und dort drang jetzt Jazzmusik durch die Gassen, aus den Clubs, abgetönt durch die Kellertüren, und von Straßenmusikanten auf dem Boulevard. Es roch nach faulem Fleisch und erbrochenem Whiskey.

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«Bin scharf wiene Kanalratte», sagte Willie Joe. «Warts ab», meinte Tommy. Sie tauchten ab, hinein ins Viertel.

Dante’s Inferno Nightclub steht in leuchtenden Lettern über dem Eingang. Ein roter Schriftzug wirbt flackernd für die Hölle. Die Jungs lehnen sich an die Hauswand gegenüber und schauen. Vince reibt sich die Augen. Es ist nicht zu fassen: Onkel Ruben erscheint hier eben, im Eilschritt. Es ist kurz vor Mitternacht. Schwarze Nadelstreife, weißes Hemd, rote Krawatte, passendes Stecktuch, polierte Lackschuhe, schwarz und weiß gemustert, einen Borsalino auf dem Kopf wie die Könige von Chicago. An seinem Arm, flatternd, aufgeplustert mit grauer Federboa und im glitzernden Silberkleid, aufgedonnert und aufgetakelt, seine Rachel, ein Dekolleté bis hinunter nach Jericho. Die Tür geht auf, der Laden kocht. Sein Auftritt wie ein Präsident, Ruben mit dem schönen Lächeln. «Was sagt man dazu!», ruft einer im Saal, der aussieht wie sein Papa. Alle drehen sich nach ihm um. «Da ist der Ruben!» Winken links, winken rechts, Händeschütteln, Küsschen hier, Küsschen da, Trari-trara, der Ruben ist jetzt da! Unbemerkt in diesem Trubel stehlen sich die Jungs jetzt rein in den Schuppen und stellen sich im Dämmerlicht hinten an die falschen roten Grottenwände, die Luzifers Reich in Szene setzen. Ruben erreicht endlich seinen Tisch am Bühnenrand und rückt seiner hübschen Frau den Stuhl zurecht. Ein Gentleman. Er bestellt eine Flasche Whiskey und zwei Gläser. Doch ehe er sich setzen kann, rufen sie: «Tanz, Ruben! Tanz! Machn Buck-an’-Wing! Mach sie fertig mit deim Softshoe! Eagle Rock, Baby!» Der Mann am Schlagzeug fängt auf der kleinen Trommel leise an zu wirbeln. Wird lauter. Tusch! Alle drehen durch,

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als er aufs Becken schlägt. Dann, federleicht, nur mit den Fingern, legt er einen Trommelwirbel hin. Alles wartet, ganz still, alles in der Schwebe. Was macht Ruben? Er kann nicht anders, also geht Ruben auf die Bühne, stellt sich vor die Band, ganz cool. Legt einfach los, schwerelos, als würde er in der Luft tanzen. Steppt. Der Drummer, Rubens Füße immer im Blick, kommt am Becken in Fahrt, und der Bass klinkt sich locker ein. Ruben reagiert und setzt noch einen drauf, wechselt den Beat, bevor der andere richtig loslegen kann. Das Schlagzeug klebt an ihm, ganz satt an seinem Rhythmus, legt ihm ein kleines Feuer unter die Füße. Der Laden ist so still, dass man eine Ratte würde pissen hören. Dann macht Ruben die Augen zu, lässt die Arme auf die Seite fallen, ganz entspannt. Und tanzt. Eine volle Stunde lang. Nie kommt derselbe Schritt ein zweites Mal vor. Der Drummer legt seine Trommelstöcke weg und schaut Ruben zu, die Musiker haben ihre Instrumente auf den Knien liegen. Alle wippen mit dem Fuß, und Ruben tanzt. Wie Bill Bojangles Robinson, wie der liebe Gott persönlich. Rachel füllt sich inzwischen ein Glas nach dem anderen und trinkt. Es ist kaum zu glauben, Rubens Schöne lässt sich doch tatsächlich mit diesem Einäugigen von der South Side ein, einem widerlichen Geldprotz. Sie macht sich an ihn ran. Und der betatscht sie von oben bis unten. Und wie sie von ihm wegwill, ist es zu spät. Ruben sieht genau in dem Augenblick auf, wo der Kerl sie abknutscht. Stille. Die Zeit bleibt stehen. Der eine, der aussieht wie Vinces Papa, steht auf. Die Leute weichen ein Stück zurück. Dann stürzt sich Ruben auf den Kerl, mit einem Hechtsprung direkt von der Bühne. Mama schreit: «Pass auf, Ruben, der Niggah hatn Messer!» Ist aber kein Messer. Er zieht eine Zweiundzwanziger Automatik und schießt Ruben in die Brust. Aus einem Meter Entfernung. Dann rennt

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er zur Tür, fuchtelt noch in der Luft rum mit dem Ding und verschwindet in der Nacht. Little John ballert mit seinem Fünfundvierziger hinter ihm her. Aber da ist er schon weg. Die Jungs rennen auf die Straße und können nur noch zusehen, wie sein schwarzer Dodge mit quietschenden Reifen um die Ecke biegt. In der Luft steigt eine Rauch- und Staubwolke die Fassaden hoch. «Los, wir haun ab», befiehlt Tommy. Sie verdrücken sich in die nächste Gasse. «Und das war dein Onkel, Mann?» – «Ja», sagte Vince, «so wars. Nur ein kleines Loch in der Brust, das sich sofort geschlossen hat. Konnte nicht bluten. Als der Doc kam, war er schon tot.» – «Ham sie den Niggah erwischt?», fragte Willie Joe. – «Nö», sagte er, «war ja bloßn Niggah, der einen anderen Niggah umgelegt hat.» «Haste schon mal nen Toten gesehen?», fragte Carl, als sie in Richtung der Maschinenhallen hinunter zum Fluss gingen. «Klar, jede Menge, bin ja kein Milchbub mehr», antwortete Tommy, «aber wer von euch hat schon mal ne Frau gehabt?» Schweigen. Carl kickte eine Blechdose vor sich her. Willie Joe spuckte auf den Boden. «Heute nacht wirds passieren, ich spürs!», sagte Tommy. «Es ist schon nach Mitternacht, ich muss los, bevor Mum und Dad nach Hause kommen», sagte Vince. «Sei kein Frosch, Mann!» Auf einem Schemel saß ein Alter vor der Haustür über seine Gitarre gebeugt und schüttelte gequält den Kopf. Er sang: « Oh, baby, please don’t go! Oh, baby please don’t go!» «Los, ich zeig euch was!», sagte Tommy und marschierte davon.

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Ecke Tracy Avenue und Tenth Street rollte ein schwarzer Dodge, ganz langsam, an ihnen vorbei über die Kreuzung und hielt vor dem roten Backsteinhaus mit der Glastür. Vince pochte das Herz. Als sie sich näherten, fuhr der Wagen davon, bog um die nächste Ecke. «Was geht, Mann, wo willste hin?», fragte Vince. – «Warts ab!», sagte Tommy. «Um den Block rum in den Hof!» Von hinten glitt der Dodge – oder war’s vielleicht nicht doch ein Buick? –, der gleiche schwarze Schlitten jedenfalls glitt wieder heran. Hielt. Die Scheinwerfer erloschen. Motor aus. Ein weißer Mann mit glattem Haar stieg aus und schloss lautlos die Wagentür. Unter der Straßenlaterne blieb er stehen und zündete sich eine Zigarette an, sah sich vorsichtig um und betrat das Gebäude. «Alles klar, Männer, mir nach!», sagte Tommy. «Und jetzt, leise, kein Wort mehr, seid bereit, jederzeit abzuhaun!» Sie stahlen sich in den Hof. Er war mit Schotter bedeckt, es knackte und knirschte unter ihren Füßen. «Psst!», zischte Tommy. Um das Mondlicht zu meiden, das den Durchgang silbrig und blau erhellte, schlichen sie im Schatten dicht an der Wand entlang zu den beiden Fenstern, die über ihnen durch die Spalten der Rollläden rosa Lichtstreifen warfen. Tommy, Carl und Willie Joe hielten sich an der Fensterbank fest und stellten sich auf die Zehenspitzen. Guckten vorsichtig durch den untersten Spalt. Weil er der Kleinste war, musste Vince sich mit drei halben Backsteinen behelfen, die er aufeinanderstapelte, um sich draufzustellen. Nur so konnte auch er durch die schmale Ritze spähen. Ein riesiges Bett mit weißen Laken im Zimmer mit den rosafarbenen Wänden. Auf dem Bett eine üppige junge Frau mit rosiger Haut und langem offenen Haar, nackt. Sie hatte die Beine gespreizt, ein Bein angezogen bis zur Brust, die Ellbogen aufgestützt. Sie sah hoch zum nackten Mann mit dem

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glatten Haar, der zitternd und schwitzend vor ihr stand, seinen stieren Blick auf ihre geöffnete Mitte gerichtet. Sie nickte ihm herausfordernd zu, öffnete lächelnd die Lippen und sagte etwas, das sich von hier aus anhörte wie: «Mach schon, Babe!» Die Tapetentür in der Wand hinter dem Bett glitt auf, und Ruben stand plötzlich da, mit seinem Loch in der Brust. Ruben? Er schaute in Richtung des Fensters zu den Jungs, blickte vorwurfsvoll und schüttelte nur leise den Kopf. Vince erschrak. Wie zum Teufel war das möglich? Ausgerechnet hier! Hatte er ihn erkannt? Die Backsteine unter seinen Füßen kamen in jenem Augenblick ins Rutschen, als die Frau ihre Zunge zwischen die Zähne schob, das Bein noch etwas weiter anhob und etwas sagte wie: «Los, mach schon!» Der Stapel mit den Ziegelsteinen fiel krachend in sich zusammen. «Gottverdammich!», rief Tommy erschrocken aus und jagte mit Willie Joe und Carl davon, hinaus in die Dunkelheit, sie wetzten Richtung Durchgang und waren verschwunden. Seine Knie waren hart auf dem Boden aufgeschlagen, und er war beim Sturz mit dem Kinn gegen das steinerne Gesims geprallt. Vince lag wie benommen unter dem Fenster. Auf dem Rücken wie ein Käfer und hielt sich die Knie. Der Rollladen wurde hochgezogen. Das Fenster, rumms!, nach oben geschoben. Halb vom eigenen Schatten verborgen, erschien erst das wütende Gesicht und eine nackte Brust der üppigen Frau, dann ihre rosafarbene Hand mit einem großen Revolver. Sie beugte sich weiter hinaus und zielte in Richtung Durchgang, wohin die anderen Jungs geflüchtet waren. «Saubande, schwarze!», schrie sie. «Euch werd ichs zeigen!» Sie horchte eine Weile unbeweglich in die Nacht. Der Mond schien auf ihren offenen Mund. Ihre Unterlippe bebte.

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Sie hat mich nicht entdeckt, nur jetzt keine falsche Bewegung, sagte er sich und blieb wie erstarrt auf dem Rücken liegen, im Schutz der Dunkelheit an der Hauswand, keinen Meter von ihrem ausgestreckten Arm mit dem Revolver entfernt, lag er direkt unter ihr, die Hände um die Knie gelegt. Sie lauschte. Schaute links, schaute rechts. Sie ließ langsam den Arm sinken, der Lauf der Waffe war jetzt genau auf seine Brust gerichtet. Sie blieb reglos stehen. Schaute zum Durchgang. Grillen zirpten, und von fern hörte man das Rauschen der Stadt. Nicht mehr atmen. Sein Herz raste. Dann so plötzlich, wie die Frau erschienen war, zog sie sich zurück, schob das Fenster zu, dass es knallte. Ließ ratternd den Rollladen herunter. Stille, Dunkelheit, nur der helle Mond am Himmel und die scharfen schwarzen Schatten im Hof. Auf allen vieren, wie ein Indianer, robbte er die Hauswand entlang zum Durchgang, über Flaschenscherben und herumliegenden Müll, hinaus zur Straße. Rannte zurück zum Boulevard, so schnell er konnte, rannte durch die Gassen zum Italienerviertel vor, über die Gleise und zurück zum Garrison Square, vorbei am alten Schulhaus, das abgerissen worden war, und zum Claremont Hill, Cosy Lane sechs-achtzehn, zweiter Stock, Süd. Garrison drei-drei-acht-fünf, stieg die Treppe hoch. Auf der Veranda saß Aunt Rose in der Dunkelheit vor ihrer Wohnung im Schaukelstuhl, Garrison drei-drei-acht-sechs. «War Zeit, dass du heimkommst!», sagte sie. «Ein Nachtvogel wie seine Eltern. Bei dem Mond!» In der Wohnung brannte kein Licht. «Marsch ins Bett mit dir! Ich warte hier draußen, kann eh nicht schlafen. Mum und Dad sind noch nicht zurück.»

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Schnitt. Ein Filmset am Jurasüdfuß Eine unbeschwerte Kindheit hatte zur gleichen Zeit, ganz im Gegensatz zu Vince und seinen Kumpeln, eine Kinderschar auf der anderen Seite des Atlantiks. Im Schweizer Mittelland verbrachte man die Sommerferien. Vor Staub geschützt, fand ich auf dem Dachboden in einer Kiste aus dem Nachlass meines Vaters Blechdosen verschiedener Größen mit belichteten und projektionsfertigen Filmrollen aus den frühen Dreißigerjahren. Obwohl das Zelluloid nach bald hundert Jahren spröde war, gelang es im Kopierwerk, das gesamte Material zu retten und die Filme zu digitalisieren. Ich ziehe mich in eine dunkle Ecke der Bibliothek zurück, setze mich an den hintersten Arbeitstisch, wo mich kein Mensch stört, und sehe mir die flackernden Szenen auf dem Laptop an. Drei Xylidin auf Verbrecherjagd «Oh, Donna Clara, ich hab dich tanzen gesehen!» So hatte es damals wohl blechern aus dem Trichter geschallt. Auf der Schlossterrasse tanzten die Tanten Tango. Die Herren vergnügten sich bei nautischen Spielen auf dem Feuerwehrteich. Im Stil der Stummfilm-Komödien jener Epoche spielten sie Seeschlacht für die Kamera. In steifem Hemdkragen und mit Krawatte saßen sie in Waschzubern balancierend auf dem Wasser und versuchten sich mittels Holzspeeren gegenseitig zum Kentern zu bringen, jeder eine brennende Zigarre im Mund. Das Wohnhaus erhob sich stolz über dem Mittelland und stand der alten Burgruine vorgebaut auf dem Fels. Das

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Schloss diente den Kindern in den langen Ferien als Filmset. Vettern und Cousinen hatten sich vorgenommen, einen richtigen Film zu drehen. Für die Realisierung ihres Drehbuches «Xylidin auf Verbrecherjagd» war das mittelalterliche Gemäuer mit dem Hofgut, dem Hügel und dem tiefen Wald dahinter als Kulisse wie geschaffen. Das nötige Geld für die Produktion hatten sie beisammen. Nach dem Vorbild der großen Hollywood-Studios hatten sie die Finanzierung bereits im Vorfeld gesichert. In der Verwandtschaft hatten sie zu diesem Zweck entsprechende Aktienpapiere ausgegeben, A-Aktien zu vier Franken fünfzig und B-Aktien zu drei fünfzig, sie hatten Zauberkunststücke einstudiert, mit Hundedressurakten und Akrobatiknummern kostenpflichtige Zirkusvorstellungen gegeben, sie hatten eine Filmzeitschrift herausgegeben und sich mit Lohnarbeit zu Hause und bei befreundeten Familien nützlich gemacht, hatten Holz gespalten und Fenster geputzt. Die Paillard-Bolex-Filmkamera hatten sie von einem der Onkel ausgeliehen, auch seine Einrichtung für die Montage des Filmmaterials stand ihnen zur Verfügung, genauso der Projektionsapparat für die Vorführung des fertigen Werkes. Nur die unbelichteten Filmrollen mussten im Fachhandel teuer erstanden werden. Sie waren jedoch inklusive der Negativentwicklung in den Herstellungskosten vorgesehen gewesen. Dass Piccard, die Bohnenstange, als Ältester der Bande, ihr Regisseur war und selbst auch die Kamera führen würde, war von Anfang an klar gewesen. Auch die Rollen waren rasch verteilt worden. Xylidin, den Helden, sollte dessen Vetter Gilgi, der Mittlere der drei Ryhiner-Brüder spielen, Pief den Verbrecher und Mathys, der Jüngste, sollte den Waldarbeiter geben, der die Tat entdeckt. Bei Marianne zeigte sich unter der Bluse schon deutlich der Ansatz von Fräuleinbrüsten, weshalb auch ihre Rolle von Anfang an gesetzt war: Sie musste das

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Opfer spielen, das von den Räubern gefangen genommen und im Wald mit den Händen auf dem Rücken an einen Baum gefesselt wird. So würden ihre weiblichen Formen, wie vom Regisseur beabsichtigt, so nebenbei auch schön zur Geltung kommen. Heute, pünktlich zum Ende der Sommerferien, hatte nach dem Mittagessen im Salon die Uraufführung stattgefunden. Die Herren waren zum Wochenende aus der Stadt angereist, die Tanten hatten mit dem Personal bereits die Koffer für die Heimreise gepackt. Ein rundum gelungener Anlass, diese Filmpremiere, fand man, als Abschied vom Lande, war dieser letzte Sonntag auf dem Schloss doch für alle ein besonderes Ereignis. Auch Frieda, die Köchin, war heute dabei gewesen, als das fertige Werk vorgeführt worden war, und Rosa, die alte Kinderfrau. Rosa war ganz wehmütig geworden, sie musste ihre Tränen trocknen, als sie den Film sah, denn sie hatte ausgedient, ihre Kleinen waren jetzt groß; es war ihr letzter Sommer. Ohne dass man es sich eingestanden hätte, waren in diesem Moment alle, die Jungen genauso wie die Alten, in melancholischer Stimmung. In dieser letzten Stunde vor der Abreise blieben die Bediensteten mit der Herrschaft für einmal einfach sitzen, die Tanten tanzten, eine gequetschte Männerstimme sang aus dem Schalltrichter in den späten Nachmittag hinein «und herrlich, gefährlich sind deine Füße, du Süße, zu sehen», die Herren tranken noch eins, bevor sie ihre patschnassen Kleider wechselten, und auch die Kinder hatten vom Punsch, den sie auf ihren Filmerfolg getrunken hatten, glühend rote Wangen. Im Dunkel des holzgetäfelten Raumes saß Mathys, der Jüngste, im Salon mit den schweren Damast-Vorhängen, noch immer waren sie für die Vorführung zugezogen. Obschon er

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den Film bestimmt schon zwanzigmal gesehen hatte, hatte er darauf bestanden, ihn für sich ganz allein noch einmal anzuschauen. Er hatte dazu das Fenster geschlossen, um die quäkende Stimme aus dem Grammophon auf der Terrasse nicht mehr zu hören. Für ihn gab es nur noch das ratternde Geräusch des Projektors und den durch den staubigen Lichtkegel auf dem Leintuch flackernden Stummfilm. Xylidin, der Held, weiß geschminkt das Gesicht und mit seinem traurigen Blick, ist der Vagabund, der gedankenverloren auf dem Waldweg daherspaziert. In seinem weiten weißen Hemdkleid, mit dem Tropenhelm und dem Wanderstock, den er lustig schwingt, wirkt er wie ein Clown aus den Kolonien, der sich hierher verirrt hat. Zum Eisentor der Schlossanlage heraus rennt der Räuber (Pief mit Schlapphut), in den Händen seine Beute, die gestohlene Geldkassette. Erwartet wird er vom anderen Schurken, seinem Komplizen, der Schmiere stand. Sie machen sich auf die Flucht. Die Schlossjungfrau (Marianne mit eng anliegender Bluse) stellt sich ihnen mutig in den Weg, worauf sie von den Unholden (Zwischentitel: «Sie wird uns verraten») überwältigt und entführt wird. Sie schleppen die Gefangene fort, hinein in den tiefen Wald. Zingo, der Hofhund, bellt. Da kommt sein Auftritt. Ein Waldarbeiter (Mathys mit rußgeschwärztem Gesicht, einen Spaten geschultert) ist im Schutz der Bäume der einzige Zeuge der brutalen Szene gewesen, beherzt tritt er nun aus seinem Versteck hervor, springt auf den Waldweg hinunter und berichtet dem zufällig am Ort des Geschehens aufgetauchten Vagabunden Xylidin entsetzt vom Menschenraub, der hier eben stattgefunden habe. Der Titelheld, nicht faul, macht sich sofort auf, die Polizei zu rufen.

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Piccards Regieanweisung bei den Dreharbeiten hatte Mathys noch im Ohr. Sie klang scharf: «Du bist der Waldarbeiter, du spielst ihn nicht! Verstanden? Wenn Xylidin zum Dorf rennt, um Hilfe zu holen, wendest du dich sofort ab und blickst auf keinen Fall mehr zur Kamera wie bei den Proben! Du gehst und gehst, immer geradeaus, schnurgerade hinein in den Wald, ganz weit hinein, immer tiefer hinein ins Dunkel, darfst dich keinesfalls umdrehen, ich kann dich endlos gehen sehen in dieser Einstellung, du gehst immer weiter, solange ich nicht ‹Schnitt!› rufe. Das kann lange dauern.» Um Filmmaterial zu sparen, wurde jede Szene, wenn möglich, nur einmal gedreht. Piccard musste die Aufnahme, jetzt, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, unbedingt noch in den Kasten kriegen, damit man morgen nicht noch einmal von vorn beginnen und das ganze Material wieder hierher in den Wald hochschleppen müsste. Das Licht war genau jetzt perfekt. «Und action!», schrie Piccard hinter der Kamera auf seinem Drehsessel, den sein Assistent für den Schwenk an einer bestimmten Stelle ganz vorsichtig Richtung Wald zu wenden hatte. Xylidin kam dahergetrottet, Mathys, der Waldarbeiter, sprang ihm entgegen, wild grimassierend, die Augen aufgerissen, und drang mit vollem Einsatz auf ihn ein, ‹expressive Körpersprache›, wie er dazu sagte, hatte Piccard, der Regisseur, von ihm verlangt, Mathys hob, wie ihm geheißen, zum Schluss die Arme, als Zeichen für den Helden, sich vom Waldarbeiter abzuwenden und den Weg hinab zum Dorf zu rennen. Das Spiel gelang auf Anhieb wie geprobt. Es galt jetzt nur, die Aufnahme nicht zu versauen und zum Schluss noch Mist zu bauen. Mathys stapfte geradeaus, hinein in den Wald. Und weil er ein guter Schauspieler war, würde er immer weiter und weiter vorwärtsgehen, ohne sich umzudrehen, seinen Spaten geschul-

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tert, solange der Regisseur nicht «Schnitt!» rief. So ging er eine ganze Weile über Wurzelwerk, trockenes Laub und geknickte Äste, bis er an einen Haufen Reisig kam, den er, von Weitem durchs Auge der Kamera wohl kaum wahrnehmbar, mit einem kleinen Richtungswechsel umging und weiterstiefelte, weiter, einfach immer weiter. Er war sich sicher, dass man ihn loben würde, wenn er jetzt nicht aufgab und sich nicht umdrehte, während er endlos weiterging, hinein in den tiefen Wald, wie Piccard, der Regisseur, es ihm eingeschärft hatte. Die Szene hatte Mathys gut gespielt, wie er selbst fand. Sein einziger Einsatz, und ein wichtiger, im Film. Kleine Rolle, aber eine Schlüsselfigur. Wenn das alle bemerkten, würde er im nächsten Film vielleicht die Hauptrolle bekommen. Auch wenn er der Kleinste war. Noch. Er würde heranwachsen und bald schon einen jungen Liebhaber spielen, in den sich die Schlossjungfrau verliebt. Oder einen Reporter, der den Mörder jagt. Ohne dass er es bemerkt hatte, war es inzwischen düster geworden, und er fand sich plötzlich mitten im dichten Wald in einem fahlen Zwielicht wieder, umgeben von Baumstämmen, die einer wie der andere aussahen. Die trockenen Blätter raschelten unter seinen Füßen, man konnte nicht erkennen, worauf man darunter trat. Es schauderte ihn. Er blieb jetzt stehen und lauschte. «Okay?!», rief er, so laut er konnte, ohne sich umzudrehen. Keine Antwort. Er musste ein gutes Stück gegangen sein, denn er konnte die anderen nicht mehr sehen, als er sich endlich umdrehte. «Seid ihr da?», rief er, und sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Nur das Rauschen im Wald war zu hören. Sein Atem stockte. In der Richtung, in die er gegangen war, schimmerte der dunkle Himmel rötlich. Er kehrte um und ging, so schnell er konnte, den Weg zurück, den er gekommen war.

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Nach «Im Surinam» und «Graffenrieds Gründung», die von Urahnen des Autors in den Kolonien handeln, führt «Die Lücke» die Familiengeschichte in die Epoche des Übergangs zur postkolonialen Zeit von heute fort.

«Jeder Romancier ist ein Geisterbeschwörer. Nicolas Ryhiner hat das Talent und die Erfindungsgabe, den Geistern seiner abenteuerlichen, über Jahrhunderte zurückreichenden Familiengeschichte ein zweites Leben zu schenken – und uns ein großes Lesevergnügen.» Andres Müry, Autor und Theaterkritiker

Nicolas Ryhiner

Drei Brüder mit grundverschiedenen Lebensplänen: Den Ältesten, Pief, lockt zu Beginn des 20. Jahrhunderts das aufregende Leben als Tierfänger in die weite Welt hinaus. Der Jüngste, Mathys, wird überraschend zum Direktor des weltberühmten Hotels Taj Mahal in Bombay befördert. Der Mittlere, Gilgian, der Vater des Autors, bleibt als Hausarzt fest verwurzelt in seiner Heimatstadt. Doch dann kommt Mathys gewaltsam ums Leben. War es Mord? Nicolas Ryhiner erzählt von der Lücke, die der Tod seines Onkels in der Familie hinterlassen hat. Und vom Schleier des Schweigens, der in seiner Erinnerung über der Geschichte ausgebreitet lag. Erst Jahrzehnte später kommt unerwartet Licht ins Dunkel.

Die Lücke

Generationenroman in 23 Geschichten über die magische Kraft des Erinnerns

Die

Nicolas Ryhiner

Lücke Roman in 23 Geschichten


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